Kitabı oxu: «Das edle Herz»

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Inhalt
Vorwort des Dalai Lama
Vorwort der Herausgeberinnen
Einführung der Herausgeberinnen
1 Unser gemeinsames Fundament
2 Sinnvoll leben Alles ist möglich
3 Gesunde Beziehungen Sich anderen zuwenden
4 Geschlechteridentitäten Es findet alles im Geist statt
5 Konsumgesellschaft und Gier Zufriedenheit ist der größte Reichtum
6 Soziales Handeln Allen beistehen
7 Umweltschutz Neue Gefühle für die Erde entwickeln
8 Ernährungsgerechtigkeit Den Teufelskreis von Hunger und Elend durchbrechen
9 Konfliktbewältigung Wut ist das Problem
10 Spirituelle Wege Leben und Spiritualität miteinander verbinden
11 Nachhaltiges Mitgefühl Uns selbst in Mut und Freude verankern
12 Die Lehren mit Leben erfüllen
Danksagung der Herausgeberinnen
Biografie Seiner Heiligkeit des Karmapa, Ogyen Trinley Dorje
Biografien der Herausgeberinnen und des Übersetzers

Vorwort des Dalai Lama
Ich habe die große Freude, das neue Buch des Siebzehnten Karmapa, Ogyen Trinley Dorje, vorzustellen; es ist das Buch eines jungen Mannes, der intensiv studiert und hart gearbeitet hat, um der Verantwortung als Oberhaupt der Kamtsang-Kagyü-Tradition des tibetischen Buddhismus gerecht zu werden.
Ich persönlich unterscheide heutzutage zwischen Menschen, die wie ich sechzig oder siebzig Jahre alt sind und in das 20. Jahrhundert gehören, das nun vorbei ist, und Menschen, die zehn, zwanzig oder dreißig Jahre alt sind; sie werden das 21. Jahrhundert prägen. Die Menschheit hat im 20. Jahrhundert bemerkenswerte Fortschritte erlebt, so zum Beispiel im Bereich der Medizin, der Mobilität und der Kommunikation. Doch dieses Jahrhundert war auch eine Periode von Konflikten und Blutvergießen, wie wir es nie wieder erleben wollen. Wenn die kommenden Jahrzehnte anders aussehen sollen, müssen die jungen Menschen von heute den Frieden in der Welt bewahren, indem sie in sich selbst Frieden schaffen und Probleme im Dialog mit anderen lösen.
Es ermutigt mich, dass das vorliegende Buch aus der Zusammenarbeit des Karmapa Rinpoche mit einer Gruppe junger, intelligenter amerikanischer Studierender entstand. Es ist nicht so sehr eine Darlegung buddhistischer Ansichten, sondern ein gutes Beispiel für den konstruktiven Beitrag, den buddhistische Ideen zu aktuellen Diskussionen liefern können. Rinpoche zeigt wiederholt auf, wie wir unsere wertvollen menschlichen Qualitäten, unser edles Herz, als Quelle positiver Motivation und Aktion nutzen können. Ob es um unsere Gefühle, um die Transformation unseres Geistes oder um den Schutz unserer natürlichen Umwelt geht, immer ist es wichtig, über bloßes Wünschen hinauszugelangen und wirklich etwas zu tun.
Ich bin sicher, dass diejenigen, die dem vorliegenden Buch Beachtung schenken und versuchen, die darin gegebenen Anregungen im eigenen Leben auszuprobieren, nicht nur glücklichere Menschen werden, sondern zu einer glücklicheren und friedlicheren Welt im 21. Jahrhundert beitragen werden.

Tenzin Gyatso, der Vierzehnte Dalai Lama
3. Oktober 2012
Vorwort der Herausgeberinnen
Der spirituelle Lehrer, dessen Worte der Weisheit dieses Buch enthält, ist seinen Schülerinnen und Schülern als »Seine Heiligkeit der Karmapa« bekannt. Im Mai 2011 nahm sich Seine Heiligkeit trotz seines anspruchsvollen Terminkalenders Zeit für eine Reihe von Treffen mit einer Gruppe von sechzehn amerikanischen College-Studierenden, die ihn in seiner Residenz in Indien besuchten. Die Vorträge, die er im Rahmen dieser Treffen hielt, bilden das Fundament des vorliegenden Buches.
Während einer der zweimal wöchentlich stattfindenden öffentlichen Audienzen Seiner Heiligkeit des Karmapa, die in der Versammlungshalle des Gyuto-Klosters in Nordindien stattfanden, konnten die angereisten Studierenden einen ersten, kurzen Eindruck von ihm gewinnen. Der Karmapa ist einer der höchsten Lamas im tibetischen Buddhismus, und viele Menschen waren zu dieser Audienz zusammengekommen. Als sich alle in einer Reihe aufgestellt hatten und dann am Karmapa vorbeischritten, um seinen Segen zu erhalten, fühlten sich die Studierenden von dem gelassenen und zugleich hoheitsvollen Auftreten Seiner Heiligkeit etwas eingeschüchtert. Diese erste Begegnung machte ihnen sehr deutlich, welch außergewöhnliche Gelegenheit sich ihnen bot, Seine Heiligkeit drei Wochen lang in persönlichen Gesprächen und bei Vorträgen zu treffen.
Später am Tag trafen die Studierenden in der Bibliothek Seiner Heiligkeit mit ihm für ein erstes privates Treffen zusammen. Alle blickten sich verstohlen in der weiträumigen, modernen Bibliothek voller tibetischer Texte und Bücher aus der ganzen Welt um. Einer nach dem anderen wurde dem Karmapa vorgestellt, trat an ihn heran und übergab ihm ein Geschenk. Viele davon, wie zum Beispiel Bilder, eine Skulptur, Schokoladentrüffel oder ein Banjo, waren extra für ihn angefertigt worden. Offensichtlich hatten die Studierenden das Bedürfnis verspürt, mit ihren Geschenken auch einen Teil von sich selbst darzubieten, und Seine Heiligkeit nahm ihre Gaben mit aufrichtiger Neugier und einem offenen Herzen entgegen. Als die Gruppe am nächsten Tag die Bibliothek für ihr zweites Treffen mit Seiner Heiligkeit aufsuchte, waren viele der Geschenke bereits in den Bücherregalen rund um den Sitzbereich ausgestellt. Bis dahin vielleicht noch unsicher, was wohl ihr Platz in dieser ungewohnten Umgebung sein würde, wussten die Studierenden jetzt, dass sie hier am Ort Seiner Heiligkeit willkommen waren.
Das Projekt hatte seinen Anfang bereits ein Jahr zuvor genommen, als der Karmapa eine seiner Schülerinnen, die amerikanische Nonne Damchö, autorisiert hatte, Kontakt zu ihrer langjährigen Freundin Karen Derris (Professorin für Religious Studies an der University of Redlands, USA) aufzunehmen, mit dem Ziel, eine Gruppe von Studierenden einzuladen, den Karmapa zu treffen. Mit der begeisterten Unterstützung der University of Redlands, einer geisteswissenschaftlich ausgerichteteten Hochschule in Südkalifornien, begleitete Karen Derris die Gruppe nach Indien. (Damchö und Karen Derris organisierten die Reise und sind die Herausgeberinnen dieses Buches.)
Der Wunsch des Karmapa war es, zum Ausgangspunkt des Projektes nicht etwa die Frage zu machen, was der Buddhismus den amerikanischen Studierenden zu sagen hat, sondern zunächst sie zu fragen, was sie über den Buddhismus erfahren wollten. Damchö und Karen sandten einer großen Anzahl von Karens Studierenden einen informellen Fragebogen zu, um herauszufinden, was diese zuallererst von einem spirituellen Lehrer lernen mochten. Deren Antworten offenbarten ein tiefes Bedürfnis, ihre Anliegen mit einem Lehrer zu erforschen, der neue Perspektiven im Umgang mit der Welt und sich selbst aufzeigen konnte. Die Themen, die daraufhin für die Treffen ausgewählt wurden, entsprachen den Wünschen der Studierenden und bilden die Kapitel des vorliegenden Buches.
Vor der für den Mai geplanten Reise nach Indien verbrachte die Gruppe den Winter damit, ihre Begegnung mit dem Karmapa vorzubereiten. Vom ersten Treffen an versuchte Karen, die Gruppe davor zu warnen, mit zu viel eigenen Erwartungen in dieses Experiment zu gehen. Die Teilnehmenden formulierten gemeinsam das Ziel, anzunehmen, was immer ihnen entgegenkommen würde, denn niemand von ihnen, auch die Professorin nicht, konnte sich wirklich vorstellen, wie die Begegnung mit dem Karmapa in Indien verlaufen würde. Sie verpflichteten sich, offen zu sein für alles, was ihnen angeboten oder was von ihnen gefordert werden würde.
Das Projekt sah auch vor, dass die Studierenden während der Begegnung mit dem Karmapa die passive Rolle des Zuhörens verlassen und aktiv ihre Hoffnungen und Sorgen mit ihm teilen sollten. Zur Gruppe gehörten Aktivistinnen und Aktivisten, die sich mit den Rechten der arbeitenden Bevölkerung, mit dem interreligiösen Dialog bzw. mit dem Thema der Ernährungsgerechtigkeit beschäftigten. In den Begegnungen mit dem Karmapa berichteten sie von ihren Träumen, was sie zum Wohlergehen der Welt beitragen möchten, sowie von ihren persönlichen Erfahrungen. Der Karmapa erkannte ihre Aufrichtigkeit und ihren Wunsch, sich umeinander und um die Welt zu kümmern, an und versicherte ihnen, dass sie nichts anderes als das für eine Begegnung mit ihm bräuchten. Jeder Mensch mit einem offenen Herzen und guten Absichten, so der Karmapa, ist qualifiziert und in der Lage, seine Unterweisungen aufzunehmen und umzusetzen.
Zunächst fühlten sich die Studierenden etwas verunsichert über diese Gelegenheit, doch sie waren auch mutig und abenteuerlustig sowie willens, unterschiedliche Wege des In-der-Welt-Seins auszuprobieren. Sie nahmen Einschränkungen auf sich, um der tibetischen Kultur und den Richtlinien buddhistischer Ethik Respekt zu zollen. Karen hatte bereits während des ersten Treffens verdeutlicht, dass die Teilnahme an der Reise an die Einhaltung der fünf buddhistischen ethischen Richtlinien geknüpft war: nicht zu töten, nicht zu stehlen, nicht zu lügen, kein sexuelles Fehlverhalten auszuüben und keine Drogen zu sich zu nehmen, und das galt für die gesamte Zeit ihres Aufenthalts in Indien. Die Studierenden würden die Bedeutung der ethischen Richtlinien in der konkreten Anwendung auf ihre Erfahrungen verstehen lernen können. Kein Leben zu nehmen würde eine vegetarische Lebensweise beinhalten, wie sie der Karmapa als zentrale ethische Aufgabe propagiert. Nicht zu nehmen, was nicht gegeben ist, würde heißen zu reflektieren, welche und wie viele Ressourcen die Gruppe während ihres Aufenthaltes in dem kleinen Dorf Sidhpur verbrauchen würde. Unwahre Worte zu vermeiden würde zur Richtschnur, achtsam die eigene Kommunikation zu überprüfen; und keinerlei Drogen zu sich zu nehmen würde ihnen helfen, den Geist klar und aufnahmefähig zu halten.
Die Gruppe hielt sich während ihres Aufenthaltes freiwillig an diese Regeln. Später erzählten einige davon, wie ihnen genau dies zu einer vertieften Selbsterfahrung verholfen hatte. Während eines Ausflugs zu einem nahe gelegenen tibetischen Kulturinstitut traf Seine Heiligkeit die Gruppe zum Tee und versicherte den jungen Leuten, ihr Verhalten sei so angemessen, dass man glauben könne, sie seien Mönche und Nonnen.
Inspiriert von den Vorträgen des Karmapa, seiner Großzügigkeit und dem Beistand all jener in seiner Residenz zeigten die Studierenden eine hohe Motivation, an sich zu arbeiten. Oft verbrachten sie zwölf Stunden am Tag in Sitzungen. Sie bereiteten sich auf die Vorträge vor, hörten sie sich an und besprachen danach die geäußerten Ideen und Perspektiven. Obwohl die Tage bereits lang waren, fühlten sie sich oft inspiriert, noch einmal die Argumentationsschritte Seiner Heiligkeit nachzuvollziehen, um die Feinheiten seiner Unterweisungen tiefer zu erforschen. Dies war besonders dann der Fall, wenn der Karmapa radikal andere Paradigmen vorstellte, um die Welt und sich selbst darin zu verstehen. So sprach er davon, dass Gier keine dem Menschen innewohnende Eigenschaft sei oder dass Gewohnheiten eine wichtige Basis für Beziehungen seien.
Am bemerkenswertesten jedoch war nicht das Ausmaß an Zeit, das die Gruppe investierte, sondern der Geist, mit dem sie an ihre Arbeit ging. Als Studierende des Johnston Center for Integrative Studies der University of Redlands übertrugen sie den Geist der Zusammenarbeit und des Lernens durch gemeinsame Erfahrung auf diese interkulturelle Begegnung. Sie waren nicht nur intellektuell wagemutig, sondern auch geübt in konsens-basiertem Lernen. Wenn ein Gruppenmitglied während eines Treffens mit dem Karmapa sprach, drückte er nicht nur seine eigenen Ideen aus, sondern das, was vorher bereits in der Gruppe diskutiert worden war. Auf diese Weise vollzog sich das Lernen nicht als individueller Akt der Aneignung vorhandenen Wissens, sondern als Akt des Beitragens und des Austauschs mit anderen.
Während des gemeinsam verbrachten Monats begegnete Seine Heiligkeit der Karmapa den Studierenden im Geist der Liebe und Freundschaft. Bei einem Treffen bemerkte ein Student, dass der Karmapa und sie zwar Altersgenossen seien, ansonsten wären sie ihm aber in keinster Weise ebenbürtig. Die Weisheit, die Seine Heiligkeit ausstrahlte, hat einen tiefen Eindruck bei der Gruppe hinterlassen, deren Teilnehmerinnen und Teilnehmer nur wenige Jahre jünger als er waren.
Seine Heiligkeit ist, obwohl noch sehr jung, ein außergewöhnlicher Lehrer. Von tibetischen Buddhisten wird er als jemand gesehen, der sich seit neunhundert Jahren erfolgreich als Karmapa reinkarniert hat. So war er zum Zeitpunkt der Begegnung einerseits erst fünfundzwanzig Jahre, andererseits bereits neunhundert Jahre alt. Mitunter scherzte er darüber gemeinsam mit der Gruppe. In seinen Begegnungen mit den Studierenden verband er diese beiden Identitäten nahtlos. Seine Jugend ermöglichte ihm einen zwanglosen Zugang zu ihnen, seine alterslose Weisheit erlaubte es ihm, sie aus einer unauslotbaren Tiefe zu unterrichten. Seine Erfahrung im Umgang mit der Popkultur, mit dem iPhone und mit Comics überbrückte ihre unterschiedlichen Lebenswelten, die sich in äußerst disparaten Erfahrungen und spirituellen Errungenschaften ausdrückten.
Obwohl Begegnungen mit Seiner Heiligkeit immer ein Maß an respektvollen Umgangsformen erfordern, war ihm stets daran gelegen, dies nicht zu einer Barriere für einen herzlichen und persönlichen Kontakt werden zu lassen. Ngodup Tsering Burkhar erwies sich nicht nur als erfahrener Übersetzer der Worte Seiner Heiligkeit, sondern vermittelte der Gruppe auch den Geist seiner Ideen. Das herzliche und gelöste Zusammenspiel Seiner Heiligkeit mit seinem Übersetzer erleichterte so manche Diskussion um ernste Probleme. Selbst tiefe Erörterungen wurden so immer wieder von Lachen und freundlichen Blicken begleitet. Gleich zu Beginn lud der Karmapa, abweichend vom Protokoll, zu einem Mittagessen ein, bei dem er sich mit der studentischen Gruppe an einen Tisch setzte, während die Lehrer und Übersetzer an einem anderen Tisch Platz nahmen. Auf informelle und herzliche Weise unterhielt er sich privat mit ihnen, erfuhr etwas über ihre Familien und auch darüber, warum ein Student Rastalocken trug.
Am letzten Abend nahmen alle ein weiteres gemeinsames Mahl ein. Die Studierenden drückten ihre tiefe Dankbarkeit aus und überreichten Seiner Heiligkeit Gedichte und Lieder, darunter ein Lied mit dem Titel »Let the Moon be the Holder of My Love«, das von zwei Mitgliedern der Gruppe komponiert und von einem Vortrag des Karmapa über »Gesunde Beziehungen« (siehe Kapitel 3) inspiriert worden war. Der Chant-Meister Seiner Heiligkeit hatte mit fünf Studierenden zuvor ein heiliges Lied des großen tibetischen Yogi Milarepa einstudiert. Vor dem Karmapa sitzend, sangen sie dieses Lied auf Tibetisch, eine Melodie intonierend, die der Karmapa selbst komponiert hatte. Nach wenigen Takten stimmte Seine Heiligkeit mit ein.
Bemerkung: Der Titel »Seine Heiligkeit« ist vielleicht im Zusammenhang mit dem am meisten verehrten buddhistischen Lehrer, Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama, bekannter. Als Ausdruck der Hochachtung von vielen Millionen Anhängerinnen und Anhängern weltweit ist dieser Titel jedoch auch für den Karmapa gebräuchlich.
Einführung der Herausgeberinnen
Auf der ganzen Welt sorgen sich Menschen um den Zustand der Erde und wünschen sich Veränderung, doch sie wissen nicht, wie sie Einfluss nehmen könnten und wo sie beginnen sollten. In diesem Buch bringt uns Seine Heiligkeit der Karmapa eine mitfühlendere Welt nahe, die wir durch eigene Bemühungen erreichen können. Sehr wohl anerkennend, dass diese Aufgabe gewaltig ist, hält Seine Heiligkeit daran fest, dass wir mit der grundlegenden Nobilität des menschlichen Herzens bereits über alles Notwendige verfügen, um diese Welt zu schaffen.
Seine Heiligkeit widmet sich im vorliegenden Buch den vorrangigen zwischenmenschlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen unserer Zeit und verweist auf die uns allen zur Verfügung stehenden emotionalen Ressourcen, diese Herausforderungen anzugehen. Er ermahnt uns, entschlossen die menschliche Güte zum Fundament unseres Wirkens für eine Veränderung der Welt zu machen. Sehr bewusst, dass Hindernisse unseren Zugang zur inneren Güte blockieren können, beschreibt der Karmapa, wie wir sie beiseite räumen können. Seine Sicht fordert von uns, unser Selbstverständnis zu überdenken, wer wir sind und wozu wir wahrhaft imstande sind. Seine Vision davon, wie wir diese Welt verändern können, ist einfach und tiefgründig zugleich. Sie macht uns Mut, einen Weg zu beschreiten, der überaus herausfordernd und doch realisierbar ist.
Der aus dieser Haltung sprechende Optimismus basiert auf der Realität der wechselseitigen Abhängigkeit aller Individuen, Gemeinschaften, sozialen System und der natürlichen Umwelt. In den vergangenen Jahrzehnten ist ein stärkeres Bewusstsein von den zahllosen, subtilen Verbindungen entstanden, die es auch zwischen entfernt voneinander stattfindenden Phänomenen in der Welt gibt: Globale Erwärmung, internationale Arbeitsmigration und globalisierte Märkte zeigen uns täglich, wie eng verbunden die physischen und sozialen Welten inzwischen sind, in denen wir uns bewegen. Obwohl die Realität der wechselseitigen Abhängigkeit inzwischen in vielen öffentlichen Diskursen gesehen wird, steht die Betrachtung ihrer ethischen und praktischen Aspekte erst am Anfang. Seine Heiligkeit der Karmapa hat hierzu Wichtiges beizutragen und bezieht sich dabei auf eine seit mehr als zweitausend Jahren gepflegte buddhistische Denktradition, die das Prinzip der wechselseitigen Abhängigkeit auf soziale und ethische Fragestellungen anwendet. Im vorliegenden Buch nutzt er dieses Prinzip als ein produktives Paradigma, um die Frage zu erörtern, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, und wie wir alle zu der Welt, in der wir leben, beitragen können.
Wechselseitige Abhängigkeit bedeutet, dass die Unterstützung anderer unabdingbar für unser aller Überleben ist. Diese Wahrheit kann überall beobachtet werden: Sie wird erfahren bei jeder Mahlzeit, die wir zu uns nehmen, denn jede Mahlzeit wurde von vielen möglich gemacht – von anderen Menschen, Tieren und von der natürlichen Umwelt. Seine Heiligkeit der Karmapa demonstriert die Realität wechselseitiger Abhängigkeit in verschiedenen Kontexten. Er beschreibt ihr Wirken in den Bereichen Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit, bei der Suche nach Konfliktlösungen, aber auch im Ringen um gesunde Beziehungen und bei der Frage nach Geschlechteridentitäten. So deckt er die emotionalen, ethischen und praktischen Folgen dieses Prinzips in unserem Leben und Handeln in der Welt auf. Ein Bewusstsein unserer wechselseitigen Abhängigkeit kann Gefühle wie Dankbarkeit, empathische Liebe und Mitgefühl vertiefen. Der Karmapa erläutert, dass aus ethischer Sicht die Tatsache, dass wir so viel von anderen erhalten, die Verantwortung mit sich bringt, der Erde und den Lebewesen, die sie mit uns teilen, etwas zurückzugeben. Unsere wechselseitige Abhängigkeit hat weitreichende praktische Konsequenzen. Weil wir von anderen abhängig sind, sollten wir, um unser eigenes Glück sicher zu stellen, uns um das Wohlergehen anderer kümmern.
Diese Perspektive eröffnet einen neuen Blick auf die Welt und schafft eine Ausgangsbasis für ein verändertes Wirken in ihr. Der Karmapa ruft zum Handeln auf, doch ist dies kein Aufruf zu dramatischen Gesten oder vordergründigem Aktivismus. Er zeigt, wie wir unsere wechselseitige Abhängigkeit mit Weisheit nutzen können. Indem wir unser Handeln von einem edlen Herzen leiten lassen, können auch scheinbar kleine Dinge eine große Wirkung entfalten. Unser ganz normales Leben kann außerordentlich wirksam sein, wenn wir uns bei all unserem Tun von mitfühlenden Absichten leiten lassen.
In diesem Sinne verweist Seine Heiligkeit der Karmapa darauf, dass auch im täglichen Leben Platz für Heldenhaftigkeit ist. Wenn wir lernen, gute Absichten in uns zu kultivieren, können wir jegliche Bedingungen, die wir vorfinden, zum Ausgangspunkt unserer heroischen und edlen Bemühungen machen. Dieser Perspektivgewinn erlaubt uns, Erfolg am Glück zu messen, das wir uns und anderen bereiten. Für ein sinnvolles Leben braucht es nicht mehr, als jetzt bereits vorhanden ist.
Auch wenn der Karmapa uns dazu aufruft, die Welt, in der wir leben wollen, selbst zu gestalten, erinnert er uns immer wieder daran, dass wir mit den »Aufräumarbeiten« zuerst bei uns beginnen müssen. Er führt die realen Probleme der Welt – die ausufernde Konsumwelt, religiöse Intoleranz, Hunger und die Ausbeutung der Umwelt – auf destruktive Emotionen und gewohnheitsmäßiges Verhalten wie Gier, Hass und Egoismus zurück. Auf diese Weise zeigt er auf, dass jegliche soziale Veränderung eine individuelle Veränderung einschließt.
Vielleicht greifen einige von uns zu diesem Buch, weil sie erfahren wollen, wie die Welt verändert werden kann, doch im Verlauf der Lektüre wird deutlich, dass die Veränderung in uns selbst beginnen muss – bei unseren Einstellungen, Erwartungen und emotionalen Reaktionsmustern. Auch wenn der Karmapa unseren Wunsch bekräftigt, für ein Wohlergehen aller zu arbeiten, verweist er doch immer wieder darauf, die Lösung nicht nur in einer Orientierung im Außen zu suchen. Wollen wir positiv in der Welt wirken, müssen wir zunächst willens sein, uns selbst zu betrachten.
Es mag verblüffend für uns sein, uns so zu sehen, wie der Karmapa uns sieht – als nicht von Natur aus gierig und aggressiv, sondern ausgestattet mit einer uns innewohnenden Güte, die unseren Blicken durch das verborgen sein mag, was sie vielleicht verdeckt. Wenn wir zu ahnen beginnen, was uns der Karmapa zeigen möchte, erscheint das Projekt, das er uns nahe legt, zwar immer noch äußerst herausfordernd, doch machbar und jeder Mühe wert. Vielleicht verspüren wir Angst vor den verborgenen Regungen unseres Herzens, doch wenn wir tief genug schauen, werden wir die nötige Zuversicht gewinnen, den Weg zurück zu unserem edlen Herzen zu finden. Und dies wird der Ausgangspunkt unseres Handelns werden.
Diese Betrachtungen der menschlichen Natur, der Realität wechselseitiger Abhängigkeit und der Kraft auf Mitgefühl gründender Intentionen bei der Veränderung der Welt, sind alle durch gemeinsame Erfahrungen entwickelt worden. Seine Heiligkeit der Karmapa hat ausdrücklich erklärt, dass er sich dafür entschieden hat, seine Ausführungen auf Erfahrung gründen zu lassen und nicht auf Philosophie, damit wir uns auf dem Fundament treffen können, das wir alle teilen – das Fundament unserer geteilten menschlichen Erfahrungen und unserer gemeinsamen Sorge um die Welt. Er vermeidet weitestgehend buddhistische Begriffe, denn sein Ziel ist es nicht, buddhistische Lehren zu vermitteln, sondern mit anderen zu teilen, was ihm selbst half, die Welt und sein Leben darin zu verstehen.
Das vorliegende Buch entstand aus einer Reihe von Treffen mit amerikanischen College-Studierenden. Der Karmapa nahm zu ihnen über kulturelle, sprachliche und soziale Grenzen hinweg Kontakt auf, ebenso, wie er es zu den Leserinnen und Lesern dieses Buches tut.
Es ist sein Anliegen, den Geist der Freundschaft in uns zu fördern, damit wir uns dem Ideal einer globalen Gemeinschaft annähern. Freundschaft ist ein Ausdruck realer wechselseitiger Abhängigkeit; sie zeigt, dass unser Beitrag jeweils ein anderer sein mag, doch ein jeder wertvoll ist. Und wie es unter guten Freundinnen und Freunden üblich ist, ermutigt uns der Karmapa zur Veränderung unseres Denkens und Handelns, doch er fordert nicht, dass wir anders sein sollten, als wir sind.
Dieses Buch ist eine Einladung des Karmapa an alle, an einer gemeinsamen Zukunft zu arbeiten. Es bietet Denk- und Handlungsansätze, wie wir zu unserem edlen Herzen zurückfinden und zugleich unsere unterschiedlichen Lebensstile leben können. Jede und jeder ist aufgerufen, diese Ansätze in das eigene Leben zu integrieren. In diesem gemeinsamen Projekt, die Welt von innen heraus zu verändern, ist Platz für jeden. Wir alle sind eingeladen, daran mitzuwirken, so wie wir sind, mit unseren eigenen Hoffnungen für eine bessere Welt.
1 Unser gemeinsames Fundament
In jedem von uns schlägt ein edles Herz. Dieses Herz ist die Ursache unserer besten Bestrebungen, mögen diese uns selbst oder anderen gelten. Es verleiht uns die Kraft und den Mut, unseren Hoffnungen nachzugehen. Mag unser Edelmut auch manchmal verdeckt von kleinlichen Gedanken oder blockiert durch verwirrte und verwirrende Gefühle sein, unser edles Herz schlägt trotzdem weiter in uns, bereit sich zu öffnen und der Welt dargeboten zu werden. Unser Ziel – das Ziel dieses Buches – ist es, dieses edle Herz in uns zu entdecken und uns mit ihm zu verbinden, sodass es zum Ausgangspunkt all unseres Tuns und Fühlens wird. Wenn wir alle Blockierungen überwinden, kann dieses Herz die Welt verändern.
Obwohl ich ein buddhistischer Mönch bin, ist dies kein Buch über buddhistische Theorie und Praxis, sondern über unsere Erfahrungen als menschliche Wesen. Was uns eint, ist unsere Sorge um unser Leben und unsere Erde. Auf diesem gemeinsamen Fundament können wir uns als Freundinnen und Freunde treffen. Ich habe buddhistische Philosophie und Religion studiert; daher werde ich mich mitunter buddhistischer Begriffe bedienen. Ich tue dies nur, weil diese Begriffe hilfreich für mich waren und weil ich hoffe, Sie können auch Ihnen sinnvolle Perspektiven eröffnen. Bitte erachten Sie meine Ausführungen nicht als autoritative Darlegung der buddhistischen Schriften. Ich spreche hier aus meiner eigenen Erfahrung.
Ich bin nun fünfundzwanzig Jahre alt. In sehr jungen Jahren wurde ich als der siebzehnte Karmapa entdeckt, und mir ist sehr bewusst, dass ich die neunhundertjährige Reinkarnationsgeschichte der vorhergehenden sechzehn Karmapas weitertrage. Doch ich betrachte mich selbst nicht als »der Karmapa«, sondern als menschliches Wesen. Ich bin einfach ein Mensch mit besonderer Verantwortung und mit speziellen Möglichkeiten. Ich mag eine besondere Rolle einnehmen, weil ich den Namen »Karmapa« trage und seine Position einnehme, doch wir alle tragen Verantwortung, je nachdem, welche Rolle uns von der Welt zugewiesen wurde.
Obwohl ich ausführliche Unterweisungen erhielt, um meinen Pflichten als Karmapa nachzukommen, erfuhr ich meine erste spirituelle Bildung durch meine Eltern. Dies gilt wohl für uns alle. Meine Mutter kann zwar nicht lesen, doch sie ist eine aufrichtige, herzliche und liebevolle Frau. Mutter und Vater waren meine ersten spirituellen Lehrer. Unsere Eltern bringen uns auf die Welt und erziehen uns. Egal, woher wir kommen, Eltern oder andere Bezugspersonen haben sich um uns gekümmert, als wir klein waren. Diese Erfahrung ist uns allen gemeinsam.
Und wir teilen gemeinsam einen Planeten. Wir leben auf ihm miteinander von Geburt an. Sie und ich, wir wurden bislang einander nicht vorgestellt. Durch dieses Buch können wir einander kennenlernen. Ich verfolge damit ausschließlich das Ziel, Ihnen meine Anliegen darzulegen. Sollten Sie feststellen, dass wir viele Erfahrungen und Bestrebungen miteinander teilen, ist das Ziel des Buches bereits erreicht.
Auf unserem Lebensweg erfahren wir viele Veränderungen. Direkt vor unseren Augen spielt sich ein Prozess unermesslichen materiellen Fortschritts ab. Wir haben, beginnend in der Kindheit, alle die Erfahrung körperlichen Wachstums gemacht, und auch wenn dieser Prozess abgeschlossen ist, entwickeln wir uns kontinuierlich weiter. Diese körperliche Entwicklung sollte mit geistiger Entwicklung einhergehen. Mit äußerem Wachstum sollten auch unsere Weisheit und unsere Fähigkeit wachsen, zu unterscheiden, was gut und was schädlich für uns ist. So, wie wir die Blüte unserer körperlichen Jugend wahrnehmen, können wir auch das innere Erblühen unseres Herzens und unseres Geistes erfahren. Diese jugendliche Kraft können wir der Welt darbieten, so wie wir später unsere zur Reife gelangte Weisheit verkörpern.
Wir können ein Leben lang viel voneinander lernen. Immer wieder bin ich vom aufrechten Streben anderer Menschen tief berührt worden und habe viel von ihnen gelernt.
Ich erhoffe viel für die Welt, aber ich versuche, keine Erwartungen zu hegen. Unabhängig davon, ob ich meine Bestrebungen erfüllen kann oder nicht, wünsche ich mir, dass sie mich und mein Handeln in der Welt formen. Das bloße Fokussieren auf das Erreichen bestimmter Ziele kann uns zu sehr an diesen Zielen anhaften lassen. Unsere Träume müssen sich nicht unbedingt erfüllen, damit wir glücklich sein können. Das Nähren von Hoffnungen als solches ist sinnvoll. Auf eine Erfüllung der Hoffnungen hinzuarbeiten bedeutet einen Wert an sich, unabhängig vom Ergebnis. Wenn wir uns nicht mehr so sehr an Ergebnissen orientieren, wächst der Mut, unserem Streben für die Welt zu folgen. So finden wir unser edles Herz.
Bis heute teilen wir diese Erde miteinander, ohne ein Bewusstsein davon entwickelt zu haben. Doch jetzt können wir unsere Hoffnungen für unser gemeinsames Zuhause teilen. Wir können gemeinsame Bestrebungen für uns und für einander entwickeln. Das ist alles – mehr braucht es nicht. Uns über unsere Hoffnungen und Bestrebungen, über unsere Erfahrungen auszutauschen kann uns auf einer grundsätzlichen menschlichen Ebene zueinander führen. Das vermag uns Glück zu schenken.
2 Sinnvoll leben
Alles ist möglich
Wenn Sie davon träumen, was das Leben alles für Sie bereithalten könnte, sollten Sie wissen, dass alles möglich ist. Vielleicht sehen und empfinden Sie es nicht immer so, aber die Möglichkeit, den Kurs zu ändern, steht Ihnen in jedem Moment offen. Ihr Leben verändert sich ständig. Veränderung ist die einzige Konstante Ihrer Existenz. Die Person, die Sie heute sind, ist nicht die gleiche wie die, die Sie in zehn, fünf oder auch nur einem Jahr sein werden. Ihre Lebensbedingungen ändern sich ständig, Sie reagieren darauf, und dies formt wiederum Sie. In diesem Prozess verfügen Sie nicht nur über unbeschränkte Freiheit, sich selbst zu formen, Sie verändern auch die Welt.
Die Frage ist, wie Sie mit diesen unbeschränkten Möglichkeiten, die die Grundlage Ihres Lebens bilden, umgehen. Wie können Sie ein sinnvolles Leben inmitten einer sich ständig verändernden Welt führen?
Buddhistisches Denken widmet sich in besonderer Weise genau diesen Fragen. Die Vorstellung, dass das Leben ein Raum unbegrenzter Möglichkeiten ist, wird in den Konzepten von »wechselseitiger Abhängigkeit« und »Leerheit« entfaltet. Der Begriff der Leerheit suggeriert möglicherweise die Vorstellung von Nichts oder Leere, doch tatsächlich soll er uns daran erinnern, dass nichts in einem Vakuum existiert. Alles ist eingebettet in einen Kontext – in ein komplexes Geflecht von Bedingungen. Und diese Bedingungen sowie dieser Kontext ändern sich ständig. Wenn wir davon sprechen, dass die Dinge »leer« sind, meinen wir damit, dass sie keine außerhalb dieser sich verändernden Kontexte unabhängige Existenz haben. Da in diesem Sinne alles leer ist, ist auch alles in der Lage, sich ständig neu anzupassen. Auch wir besitzen diese grundlegende Flexibilität, uns an alles anzupassen bzw. uns zu verändern und alles zu werden.
Leerheit sollte also nicht mit »Nichts« verwechselt werden; im Gegenteil: Leerheit ist voller Potential, voller Wirkkraft. Richtig verstanden, kann das Konzept der Leerheit eher unseren Optimismus als unseren Pessimismus nähren, denn es erinnert uns an unsere grenzenlosen Möglichkeiten und an unsere Gestaltungsspielräume in der Welt.
Wechselseitige Abhängigkeit und Leerheit zeigen uns, dass es keine festgelegten Vorbedingungen für Veränderung gibt. Wir können mit nichts beginnen. Was immer wir haben, wo immer wie sind – das ist genau der richtige Ort, um zu beginnen. Viele Menschen meinen, es fehle ihnen etwas, Macht oder Geld, um ihre Träume zu leben. Doch jeder Zeitpunkt ist der richtige, um an den eigenen Träumen zu arbeiten. Diese Perspektive eröffnet uns die Leerheit. Wir können bei Null anfangen.
Leerheit kann tatsächlich mit dem Konzept und der Funktion von Null verglichen werden. Null mag wie Nichts erscheinen, doch wir wissen, alles fängt bei null an. Ohne die Null würden unsere Computer zusammenbrechen. Ohne die Null könnten wir nicht beginnen zu zählen, es gäbe keine Eins und auch keine Unendlichkeit. In diesem Sinne kann sich alles und jedes aus der Leerheit manifestieren.
Alles kann entstehen, weil nirgendwo festgelegt ist, wie Dinge sein müssen. Jede Manifestation hängt von den Bedingungen ab, die in diesem Moment zusammenkommen. Doch »alles ist möglich« bedeutet nicht, dass das Leben zufällig oder willkürlich wäre. Wir können alles möglich machen, doch nur, indem wir die notwendigen Bedingungen dafür schaffen. An dieser Stelle verbinden sich die Konzepte von Leerheit und wechselseitiger Abhängigkeit.
Jeder Mensch, jeder Ort und jedes Ding ist in seiner Existenz vollständig abhängig von anderen – sowohl von anderen Menschen als auch von anderen Dingen. Zum Beispiel sind wir gerade jetzt lebendig, weil wir uns der notwendigen Bedingungen für unser Überleben erfreuen. Dazu gehören die zahllosen Mahlzeiten, die wir in unserem Leben bereits eingenommen haben, aber auch die Sonne, die auf die Erde scheint, und die Wolken, die den Regen bringen, sodass das Getreide gedeiht. Bestimmte Menschen kümmern sich um das Getreide, ernten es und bringen es zum Markt. Andere bereiten daraus ein Mahl für uns. Dieser Prozess verbindet uns, weil er ständige Wiederholungen erfährt, mit immer mehr Menschen auf der Welt, mit immer mehr Sonnenstrahlen und Regentropfen.
Letztlich sind wir mit nichts und niemandem auf dieser Welt nicht verbunden. Dies beschreibend, prägte der Buddha den Begriff der wechselseitigen Abhängigkeit oder des abhängigen Entstehens. Sie ist die Natur menschlichen Lebens, aller Dinge und Situationen. Wir sind alle miteinander verbunden und zugleich die Bedingung für die Existenz anderer.
Unter all den Bedingungen, die uns beeinflussen, sind die Entscheidungen, die wir treffen, und die Schritte, die wir unternehmen, besonders wichtig: Sie tragen maßgeblich zu den Folgen unseres Handelns bei. Handeln wir konstruktiv, so entsteht etwas Konstruktives. Handeln wir jedoch destruktiv, werden die Ergebnisse destruktiv und leidbringend sein. Alles ist möglich, doch wir müssen bedenken, dass alles, was wir tun, zählt und weit über uns persönlich hinausreicht. In einer Welt der wechselseitigen Abhängigkeit zu leben hat daher ganz bestimmte Konsequenzen für uns. Es bedeutet, unser Handeln hat Auswirkungen auf andere und dies macht uns füreinander verantwortlich.
In dieser Wirklichkeit leben
Wechselseitige Abhängigkeit und Leerheit mögen abstrakt erscheinen, aber sie sind keine abstrakten Prinzipien, sondern sind sehr konkret und haben eine direkte Bedeutung, wenn wir darüber nachdenken, wie es uns gelingen kann, ein sinnvolles Leben zu leben.
Wechselseitige Abhängigkeit ist überall am Werk, wo unser Leben erhalten wird. Geschieht dies etwa nur durch unsere eigene Anstrengung? Stellt jeder seine eigenen Ressourcen selbst her oder kommen sie von anderen? Wenn Sie darüber nachdenken, erkennen Sie sofort, dass Sie Ihre Existenz anderen verdanken. Die Kleidung, die Sie tragen, und die Nahrungsmittel, die Sie verzehren, sie alle werden von anderen Menschen produziert. Die Bücher, die Sie lesen, die Autos, mit denen Sie fahren, die Filme, die Sie sich ansehen, und die Werkzeuge, die Sie benutzen: Nichts von alldem hat jemand allein und nur für sich hergestellt. Wir alle hängen ab von äußeren Bedingungen, und sei es die Luft, die wir atmen. Unsere Existenz in dieser Welt ist etwas, das vollständig durch andere ermöglicht wurde.
Wechselseitige Abhängigkeit bedeutet, dass wir ständig mit der Welt um uns interagieren. Diese Interaktion findet beiderseitig statt, sie ist ein gegenseitiger Austausch. Wir nehmen und geben. So, wie unsere Präsenz auf diesem Planeten durch viele Faktoren ermöglicht wurde, beeinflussen wir im Gegenzug andere Menschen, Gemeinschaften und den Planeten selbst.
Während der letzten hundert Jahre haben wir Menschen äußerst gefährliche Fertigkeiten entwickelt. Wir haben Maschinen konstruiert, die mit ungeheurer Kraft ausgestattet sind. Mit der heute verfügbaren Technologie könnten wir alle Bäume auf der Erde fällen. Doch täten wir das, würde das Leben nicht wie bisher weitergehen können, es sei denn, ohne Bäume. Aufgrund unserer grundlegenden wechselseitigen Abhängigkeit würden wir alle die Konsequenzen eines solchen Handelns sehr schnell spüren. Ohne Bäume hätte die Atmosphäre nicht mehr genügend Sauerstoff, um das menschliche Leben weiter zu erhalten.
Was hat dies alles mit unserem täglichen Leben und unseren Entscheidungen zu tun, mögen Sie sich vielleicht fragen? Ganz einfach: Wir alle müssen unsere wechselseitige Abhängigkeit bedenken, denn sie beeinflusst unser Leben direkt und grundlegend. Um ein glückliches Leben führen zu können, müssen wir uns um die Quellen dieses Glücks kümmern.
Unsere Umwelt und die Menschen, mit der wir sie teilen, sind die wichtigsten Quellen unserer Nahrung und unseres Wohlergehens. Um unser eigenes Glück zu ermöglichen, müssen wir das Glück anderer respektieren und uns darum kümmern. Diesen Zusammenhang können wir einfach erkennen: Nur wenn wir die Menschen, die unsere Nahrung herstellen, gut behandeln und ihre Bedürfnisse beachten, können wir vernünftigerweise davon ausgehen, dass sie alle Last auf sich nehmen, um uns mit gesunden und schmackhaften Nahrungsmitteln zu versorgen.
Wenn wir andere respektieren und uns für ihr Wachstum, ihr Gedeihen interessieren, werden wir selbst gedeihen. Auch die Wirtschaft weist diesen Zusammenhang auf: Wenn Kunden mehr Geld haben, laufen die Geschäfte besser. Wenn wir sowohl persönliches als auch gesellschaftliches Wachstum anstreben, reicht es nicht aus, das offenkundige Wirken wechselseitiger Abhängigkeit in der Welt zur Kenntnis zu nehmen. Wir müssen uns ihrer Konsequenzen bewusst werden und die Bedingungen unseres Wohlergehens reflektieren. Wo kommen unser Sauerstoff, unsere Nahrung und all die Güter, die wir konsumieren, her und wie werden sie produziert? Sind die Quellen dieser Produktion nachhaltig?
Sich mit der Wirklichkeit verbinden
Wenn Sie Ihre Lebenswirklichkeit aus der Perspektive von Leerheit und wechselseitiger Abhängigkeit betrachten, kann daraus eine veränderte Sicht auf Ihr Leben erwachsen. Meine Hoffnung ist, dass diese Veränderung Ihnen ganz praktisch helfen kann. Indem Sie ein neues Verständnis davon entwickeln, welche Kräfte in Ihrem Leben wirken, können Sie erste Schritte unternehmen, eine positive Beziehung zu ihnen zu entwickeln. Es ist nicht meine Absicht, ein angstbesetztes Bild von der Realität zu zeichnen. Ich habe festgestellt, dass einige Menschen nicht gut damit umgehen können, wenn sie hören, dass Veränderung ein fundamentaler Teil des Lebens ist und dass nichts bleibt, wie es ist. Unbeständigkeit ist nun einmal die Grundlage unserer Existenz, und Unbeständigkeit ist an sich zunächst weder gut noch schlecht. Es hilft ganz sicher nicht, sie zu verneinen. Wenn wir mit dem Fakt der Unbeständigkeit weise umgehen, können wir zu ihr als unserer Lebensrealität eine konstruktivere Beziehung entwickeln. Wir können lernen, entspannter angesichts unerwarteter Veränderungen zu sein und uns auf neue Situationen besser einzustellen.
Das Gleiche gilt für die wechselseitige Abhängigkeit. Das Leben aus dieser Perspektive zu betrachten kann uns helfen, der Wirklichkeit konstruktiver zu begegnen. Doch das bloße Wissen, dass wir alle voneinander abhängen, bedeutet noch nicht, sich damit auch wohlzufühlen. Für manche Menschen birgt die Vorstellung von wechselseitiger Abhängigkeit das ungute Gefühl von Hilflosigkeit und Gefangensein in sich. Doch sollten wir sie uns nicht wie eine Abhängigkeit von einem Arbeitgeber vorstellen, den wir uns nicht ausgesucht haben. Es ist nicht hilfreich, sie sich als eine erzwungene und nur widerwillig zu akzeptierende Realität vorzustellen. Das würde uns nur unzufrieden machen und ein Gefühl des Unwohlseins nähren sowie das Fundament für positive Beziehungen untergraben.
Wechselseitige Abhängigkeit ist unsere Realität, ob wir das nun akzeptieren oder nicht. Um ein produktives Leben im Rahmen einer solchen Wirklichkeit zu führen, ist es besser, sie mit offenem Herzen und ohne Widerstand anzuerkennen. Dabei spielen Liebe und Mitgefühl eine besondere Rolle. Liebe lässt uns unsere Verbundenheit mit anderen spüren und umarmen, sodass wir freiwillig an den Beziehungen mitwirken, die durch unsere wechselseitige Abhängigkeit entstanden sind. Liebe lässt unsere Abwehr bröckeln und unsere schmerzhaften Gefühle von Isolation schwinden. Freundschaft und Liebe wohnen eine Wärme inne, die uns einfach anerkennen lässt, dass unser Glück direkt mit dem Glück anderer Menschen verbunden ist. Je mehr wir in der Lage sind, andere zu lieben, umso glücklicher und zufriedener können wir in wechselseitiger Abhängigkeit leben. Sie ist ein natürlicher Teil unseres Lebens.
Alle Menschen sind wie Eltern für uns
Liebe kann es in all unseren Beziehungen geben, denn alle Menschen wollen glücklich sein. Niemand möchte leiden. Dies gilt für die Menschen, die wir mögen, aber auch für jene, die wir nicht mögen. Diesbezüglich sind wir alle gleich. Diesen universellen Wunsch nach Glück können wir verstandesmäßig nachvollziehen. Wenn wir lernen, ihn auch zu empfinden und in unserem Herzen zu verankern, wächst die Liebe in uns auf natürliche Weise.
Die meisten Menschen empfinden eine besondere Zuneigung zu ihren Eltern. Warum ist das so? Das Gefühl von Nähe und Liebe entsteht gewöhnlich einfacher zu ihnen als zu anderen Personen, weil sie sich um uns gekümmert haben, zu unserem Wohlergehen beitrugen und uns halfen, zu wachsen.
Meines Erachtens sind alle Menschen wie Eltern zu uns. Wenn wir genau hinschauen, stellen wir fest, dass alle Menschen, denen wir begegnen, auf unterschiedlichste Weise, direkt und indirekt, zu unserem Wohlergehen beitragen. Viele, ganz unterschiedliche Menschen kochen unsere Mahlzeiten, sorgen für ein Dach über unserem Kopf und nähen die Kleidung, die uns schützt. Sie bringen uns von A nach B, erfinden Medizin, die uns heilt, lehren und helfen uns, auf eigenen Füßen zu stehen und zu wachsen und zu gedeihen. Zahllose Menschen sind auf diese Weise unser ganzes Leben hindurch wie Eltern zu uns. Doch normalerweise betrachten wir sie nicht so, vielleicht auch deshalb, weil wir unsere Aufmerksamkeit nicht auf ihre elterlichen Qualitäten richten. Keiner von ihnen tritt hervor und sagt: »Hallo, ich bin eigentlich wie eine Mutter zu dir.« Und auch wir schütteln niemandem die Hand und sagen: »Hallo, Sie sind wie ein Vater zu mir.«
Aber wenn wir uns all dessen bewusst sind, was wir von anderen erhalten, erkennen wir die vielen Beziehungen, in denen andere Menschen wie Eltern zu uns sind. Dann können wir ihnen mit mehr Güte begegnen, und wir können ihnen mit der gleichen Liebe begegnen, die zwischen Mutter und Kind herrscht. So werden wir imstande sein, unsere wechselseitige Abhängigkeit zu umarmen und uns das Bedürfnis anderer Menschen nach Glück zu Herzen zu nehmen. Weil jeder Mensch Liebe braucht, steht es in unserer eigenen Macht, das Leben anderer zu verbessern, indem wir ihnen geben, wonach sie sich sehnen: Liebe.
Eine grenzenlose Sicht
Ich glaube, dass diese erweiterte Perspektive essentiell für die Gestaltung eines sinnvollen Lebens ist. Was macht ein sinnvolles Leben aus? Eine große Frage, deren Beantwortung einen weiten Horizont, einen Blick weit über unsere eigene begrenzte Existenz hinaus erfordert. Eine Beschränkung auf unseren persönlichen Bereich und unsere individuellen Sorgen wäre hierfür viel zu kurzsichtig.
In meinem eigenen Leben gab es schon viele unerfüllte Wünsche und ich könnte viele Gründe für meine Unzufriedenheit aufzählen. Im Unterschied zu anderen Menschen meines Alters wurden einige der wichtigsten Entscheidungen, mein Leben betreffend, von anderen getroffen. Dies begann damit, dass ich im Alter von sieben Jahren als Karmapa erkannt wurde. Schon früh lastete eine große Verantwortung auf mir und in der Erfüllung meiner Pflichten begegneten mir manche großen Herausforderungen und Hindernisse. Natürlich ist es frustrierend, nicht alles tun zu können, was man will bzw. was von einem erwartet wird. Doch dies macht mein Leben nicht sinn- oder hoffnungslos. Es ist meine Entscheidung, wie ich mit diesen Herausforderungen und Hindernissen umgehe.
Die Vorstellung, das Leben sei sinnlos, wenn die eigenen Wünsche nicht in Erfüllung gehen, ist recht engstirnig. Ein solches Denken offenbart ein bloßes Kreisen um sich selbst und eine sehr begrenzte Sicht auf sich selbst. Selbst wenn uns unser Leben sinnlos erscheint, weil unsere individuellen Wünsche nicht erfüllt werden, verfügen wir immer noch über unendlich viele Möglichkeiten. Das ist so, weil unser Leben weit über unser individuelles Erleben in einem bestimmten Moment hinausreicht.
Unser Leben ist groß und umfassend. Es hat seine Grenzen nicht in unserer persönlichen Erfahrung. Es ist nichts Greifbares oder Begrenztes. Ich denke nicht, dass es sinnvoll ist, unser Leben als etwas zu betrachten, das nur auf uns begrenzt ist – als würde menschliches Leben nur so weit wie der menschliche Körper reichen. Nein, was wir sehen können, ist, dass das Leben sich in alle Richtungen ausbreitet wie ein Netz, das sich ausdehnt. Auf diese Weise erstreckt sich auch unser Leben und berührt und durchdringt viele andere Leben. Unser Leben kann ein allgegenwärtiger Teil jedes anderen Lebens werden.
Ich glaube, dass uns das Leben nur dann sinnlos erscheint, wenn wir es als auf uns persönlich begrenzt wahrnehmen. Blickte ich so auf mein eigenes Leben, könnte es mir recht bedeutungslos erscheinen. Diesen großen Namen zu tragen, aus Tibet zu flüchten und all die Anstrengungen seither – all dies wäre bedeutungslos, ginge es nur um eine Person: um mich! Doch wenn ich mein Leben als etwas Umfassenderes betrachte und erkenne, dass ich in der Lage bin, Glück und Freude, und sei es nur in das Leben einer einzigen anderen Person zu bringen, weiß ich, dass mein Leben sinnvoll ist.
Wenn Sie anderen Glück und Freude schenken, wird das auch auf Ihr eigenes Leben zurückstrahlen. Die Sinnhaftigkeit Ihres Lebens ergibt sich nicht aus Ihnen als abgetrenntem Individuum. Sie kommt von Ihnen, aber nur durch Ihre Verbundenheit mit anderen. Von daher verleiht wechselseitige Abhängigkeit Ihrem Leben Sinn.
Die Kunst besteht darin, das richtige Gleichgewicht zwischen den eigenen Bedürfnissen und dem, was Sie anderen wünschen, herzustellen. Dafür ist es notwendig, die eigenen Bedürfnisse zu reflektieren. Wenn Ihre Bedürfnisse und Wünsche stark selbstbezogen sind, kann sich kein Gleichgewicht einstellen, denn Sie selbst sind immer nur ein Teil Ihres eigenen Lebens. Erst wenn es Ihnen gelingt, dem Wohlergehen anderer den gleichen Rang einzuräumen, kann ein Gleichgewicht entstehen. Jedes heilsame Projekt schließt den Wunsch ein, anderen zu nutzen. Ist ein Projekt egozentrisch und nur am eigenen Wohl orientiert, kann ein Gleichgewicht nur schwerlich erreicht bzw. gehalten werden. Natürlich müssen Sie auch für sich sorgen, doch nicht um den Preis der völligen Missachtung anderer. Was immer Sie erreichen, sollte nicht auf Kosten anderer geschehen.
Drei Ziele
Wenn wir uns genauer ansehen, was im Allgemeinen unsere Bestrebungen lenkt, so sind dies entweder Ziele, die vollkommen egoistisch oder vollkommen auf andere gerichtet sind bzw. eine Mischung aus beiden darstellen. Unsere Erfahrungen unterscheiden sich fundamental, je nachdem, ob wir egoistische, altruistische oder solche Ziele anstreben, die beides enthalten.
Wenn wir ausschließlich unsere eigenen Interessen verfolgen, vernachlässigen wir andere Menschen und begegnen ihnen mit Geringschätzung. Diese Einstellung drückt sich in der Haltung aus: »Ob es anderen nun gut geht oder nicht – solange ich zurechtkomme, ist alles in Ordnung.« Doch das ist nicht nur bedauerlich, sondern realitätsfremd. Diese Haltung führt zu nichts, denn unsere wechselseitige Abhängigkeit bedeutet, dass das Verfolgen selbst der egoistischsten Ziele andere Menschen involviert und Konsequenzen für sie hat. Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass totaler Egoismus selbstzerstörerisch ist.
Verfolgen wir Ziele, die sowohl unseren eigenen Interessen als auch denen anderer Menschen entsprechen, erkennen wir unsere wechselseitige Abhängigkeit an. Darin drückt sich die Haltung aus: »Ich möchte meine Ziele erreichen, doch das sollte andere nicht am Erreichen ihrer Ziele hindern. Ich hoffe, ihr Streben ist ebenso erfolgreich wie meins.« Wenn wir uns um uns selbst kümmern, sollten wir respektieren, dass andere das auch tun.
Bei der dritten Art von Ziel haben wir ausschließlich die Interessen anderer im Blick. Wenn wir nur die Wünsche und Ziele anderer wertschätzen, opfern wir willentlich unsere eigenen Ziele, falls wir sehen, dass dies anderen nutzen mag. Es ist schwer, eine altruistische Haltung zu entwickeln, und noch schwerer, sie zu praktizieren. Doch wir sollten Altruismus nicht damit verwechseln, unser eigenes Leben vollständig aufzugeben und unsere eigenen Interessen stets außer Acht zu lassen. Es geht vielmehr um eine geistige Einstellung, bei der wir bewusst auf unsere eigenen Wünsche verzichten. So wird Altruismus zu einer edlen Haltung, indem wir unser Leben vollständig dem Dienst an anderen widmen. Es mag schwierig für uns sein, dies unmittelbar in Handlungen auszudrücken. Es geht eher um eine Einstellung, die wir anstreben können.
Für sich und andere sorgen
Die folgenden zwei Geschichten, die ich erzählen möchte, dienen als Beispiele dafür, was es mit dem Verfolgen eigener Ziele in der Konsequenz auf sich haben kann. Die erste handelt von einem zweiköpfigen Adler, nennen wir ihn einen amerikanischen Seeadler. Wie wir aus der Biologie wissen, besitzt jeder Kopf sein eigenes Gehirn. Dieser Adler nun hatte zwei Köpfe mit zwei Gehirnen, aber nur einen Körper. Seine zwei Köpfe sahen die Welt jeweils auf ihre Weise und kümmerten sich wenig um den jeweils anderen. Eigentlich wollte jeder Kopf den ganzen Körper für sich allein, und jeder hatte bereits Pläne, wie er den anderen loswerden könnte.
Eines Tages landete der Adler in der Nähe eines ausgelegten Giftes. Jeder Kopf versuchte, den anderen zu verführen, den vergifteten Happen zu verspeisen, indem er ihm erzählte, wie wohlschmeckend diese Speise sei und dass er ihm den Vortritt lasse. Schließlich verschlang einer der beiden Köpfe – ich vermute, es war der weniger überzeugende der beiden – den vergifteten Happen. Doch so gelangte das Gift in den Körper, den sie beide miteinander teilten. Sie hatten sich beide so sehr auf ihre eigenen Ziele und ihren Hass aufeinander konzentriert und dabei vergessen, dass sie einen gemeinsamen Körper hatten.
Genau das passiert, wenn wir nur mit uns selbst beschäftigt sind. Am Ende schaden wir uns selbst. Um ein sinnvolles Leben zu führen, müssen wir es als Teil eines größeren Ganzen betrachten. Wenn wir die Realität unserer engen wechselseitigen Abhängigkeit in dieser Welt als gegeben akzeptieren, können wir vernünftigerweise davon sprechen, dass wir alle ein Leben miteinander teilen. Wir haben viele Köpfe, aber nur einen Körper.
Die zweite Geschichte handelt von einem Haus, in dem ein Feuer ausbricht, während sich die ganze Familie in dem Gebäude aufhält. Eines der Familienmitglieder gerät in Panik und sucht nach dem kürzesten Weg hinaus. Sein erster Gedanke ist, sich selbst zu retten, und er schafft es, bis zur Tür zu kommen. Doch als er mit einem Bein bereits die Türschwelle überschritten hat, erinnert er sich an seine Familie. Er zieht seinen Fuß zurück und rennt zurück ins Haus in dem Bewusstsein, die gleiche Sicherheit, die er für sich selbst sucht, für alle Familienmitglieder zu wollen. In diesem Bruchteil einer Sekunde, in dem er mit einem Bein bereits der Gefahr entronnen und mit dem anderen noch in ihr steht, entscheidet er sich dafür, die anderen retten zu wollen.
Auf ähnliche Weise sollten wir handeln. Der Fuß, der den Schritt nach vorn unternimmt, zeigt uns, was wir für uns selbst wollen. Der Fuß, der stehen bleibt, sagt uns, dass andere das Gleiche für sich erstreben. Wir müssen die Bedingungen dafür schaffen, mit beiden Füßen auf dem Boden zu stehen. Unser Eigeninteresse zeigt uns, was wir für uns selbst brauchen, und unsere Aufmerksamkeit für andere sorgt dafür, dass wir anderen die gleichen Interessen zugestehen. Wir sollten uns weder für andere gänzlich aufopfern oder aufgeben, noch sollten wir um unser eigenes Wohlergehen willen andere übersehen. Das ist das richtige Gleichgewicht.
Sinnvoller Lebensunterhalt
Ein klares Verständnis des Gleichgewichts, das das Leben sinnvoll macht, ermöglicht die Wahl eines geeigneten Lebensunterhalts und dessen Einbindung in das restliche Leben.
Dabei ist es nicht entscheidend, welchen Beruf oder welche Tätigkeit man ausübt. So ist es mein Job, der Karmapa zu sein, und das ist ein ziemlich harter Job – schwer auszuüben und noch schwerer zu beschreiben. Wie könnte ich meine Arbeit in der Zeile für »Tätigkeit« in einem Pass beschreiben? Gebete-Rezitierender? Das wäre eine zu enge Beschreibung. Bäumepflanzer? Das hört sich seltsam an. Koch? Ich kann nicht kochen. Das fällt also weg. Ich glaube, ich bin vieles und nichts, aber der Punkt ist nicht, was man tut, sondern wie man es tut.
Welcher Arbeit auch immer Sie nachgehen, Sie sollten regelmäßig dafür sorgen, auch einfach mal nur da zu sein. Selbst wenn es nur für einen Moment am Tag möglich ist, ist es wichtig, in diesem Moment ganz bei sich zu sein. Das kann durch eine kurze Meditation oder eine stille Reflektion, morgens oder abends, geschehen. Wie auch immer es am besten passt, es ist wichtig, sich immer wieder mit sich selbst zu verbinden. Sonst rennen Sie den ganzen Tag nur geschäftig herum und verlieren sich schließlich selbst. Um sich dagegen zu wappnen, sollten Sie immer wieder zu sich selbst zurückkehren und bedenken, was Ihnen wirklich wichtig ist.
Es kann entmenschlichend sein, sich das eigene Leben von der Arbeit diktieren zu lassen. Einige Bekannte von mir arbeiten in Fabriken. Sie müssen sich mit den Maschinen gleichschalten. So werden sie quasi selbst zu Robotern. Auch in anderen Jobs passen Menschen ihren Lebensrhythmus dem Rhythmus ihrer jeweiligen Arbeit an. Dies kann sehr leidvoll sein. Es zeigt, wie gefährlich es ist, wenn wir Teil eines ökonomischen Systems werden, das Menschen wie Maschinen behandelt.
Solche Beispiele lassen es attraktiv erscheinen, aus dem ganzen System auszusteigen und nach Alternativen zu suchen. Doch für diejenigen von uns, die den Wunsch hegen, ein bestimmtes System zum Positiven zu verändern, oder dazu beitragen wollen, unsere Welt zum Besseren zu gestalten, gibt es weitere Faktoren zu bedenken. Es mag Ausnahmen geben, doch oft bedeutet der Ausstieg aus einem System nur, davor wegzurennen – selbst wenn wir das Aussteigen mit der Vorstellung verknüpfen, das System von außen bekämpfen zu wollen. Es ist so, als rangierte man einen Gegenstand, den man nicht mag, aus, anstatt ihn zu reparieren oder ihm eine neue Funktion zu geben. So gibt es Menschen, die ein System nach dem anderen verlassen und nichts als einen Fluchtplan hinterlassen. Das ist kein effektiver Weg, ein System zu reformieren. Auch wenn es schwierig ist: Wir können mehr erreichen, wenn wir innerhalb des Systems Veränderung anstreben.
Wahre Werte
Ich möchte unterstreichen, dass es, unabhängig davon, ob Sie innerhalb oder außerhalb eines Systems einer Aufgabe nachgehen, ein Fehler ist, die eigene Identität an die Arbeit zu binden. Kein Job kann Ihre Identität definieren. Sie sind so viel mehr als die Arbeit, die Sie tun. Egal, wie viele Stunden Sie täglich am Arbeitsplatz verbringen, es ist weder der einzige noch der wichtigste Teil Ihres Lebens. Es kann höchstens eine Komponente des weiten Netzes sein, das Ihr Leben umspannt.
Wir sollten dies besonders unter den derzeitigen ökonomischen Bedingungen im Blick behalten. Wenn Menschen heutzutage ihre Arbeit verlieren und nicht sofort eine neue finden, leiden sie oft unter den emotionalen Begleiterscheinungen der Arbeitslosigkeit mehr als unter dem Einkommensverlust. Wenn die Arbeit ein emotionales Leck in einem stopft, kann Arbeitslosigkeit besonders leidvoll erfahren werden. Dieser leidvollen Erfahrung können Sie entgegenwirken, wenn Sie sich bewusst machen, woher Ihr Glück wirklich kommt. Trotz unserer Intelligenz verfallen wir immer wieder in die alte Gewohnheit, das Glück in äußeren Dingen und Umständen zu suchen. Und doch sind Sie in der Lage, in jedem Moment und unter allen Umständen Ihre Weisheit wachzurufen und Ihre Aufmerksamkeit von äußeren Bedingungen auf die unerschöpflichen Quellen Ihrer inneren Güte zu richten. Sie kann Ihnen niemals verloren gehen.
Wir freuen uns oft über den Zuwachs an materiellem Besitz. Warum sollten wir nicht in der Lage sein, uns noch mehr über den Zuwachs an innerem Reichtum zu freuen? Dies zählt viel mehr. Unsere persönlichen Qualitäten können uns glücklich machen. Wir müssen uns ihnen einfach nur zuwenden.
Ein einziger Moment der liebevollen Sorge für andere kann uns zufriedener machen als jedes Geld der Welt. Unsere persönlichen Qualitäten können eine reiche Quelle der Freude für uns sein. Schon ein einziger altruistischer Gedanke vermag die Quelle tiefen Glücks zu sein. Wir können so viele Quellen des Glücks in der Fülle unseres eigenen Geistes finden.
3 Gesunde Beziehungen
Sich anderen zuwenden
Unabhängig davon, was um uns herum passiert, wir sind immer in der Lage, ein Leben zu führen, das für uns und andere sinnvoll ist. Wir müssen nur eine andere Perspektive einnehmen. Bedenken wir das Prinzip der wechselseitigen Abhängigkeit, können wir unser Selbstgefühl über die engen Grenzen des eigenen Körpers und über unsere persönlichen Erfahrungen hinaus erweitern und alles, womit wir verbunden sind, darin einschließen. So blicken wir über unsere Ziele hinaus und achten die Ziele anderer Menschen wie unsere eigenen.
Gleichgewicht im Leben erreichen wir dann, wenn es uns gelingt, unsere Sorge für uns selbst mit der Sorge für andere zu harmonisieren. Wenn uns auffällt, dass sich unser Leben in einer Schieflage befindet, wenn uns das Gefühl der Sinnlosigkeit überkommt, bemerken wir für gewöhnlich, dass auch unsere Beziehungen nicht mehr gesund sind. Indem wir gründlich darüber nachdenken, wie wir uns sowohl uns selbst als auch anderen zuwenden können, entwickeln wir gesunde Beziehungen. Wir können lernen, herzliche und wahrhaft sinnvolle Beziehungen zu pflegen.
Mir ist immer wieder aufgefallen, dass emotionale Bindungen zwischen Menschen größtenteils durch die Macht der Gewohnheit geformt werden – man wird vertraut miteinander, gewöhnt sich aneinander. Ich glaube, es lohnt sich, sich diesen Umstand genauer anzusehen, denn durch die Entwicklung neuer Gewohnheiten können wir unsere Beziehungen grundlegend verändern. Treffen zwei Menschen immer wieder aufeinander, werden sie einander mit der Zeit vertraut. Sie entwickeln Gewohnheitsmuster im Umgang miteinander und fühlen sich mit der Zeit wohl miteinander und mit diesen Mustern. Das reicht oft schon, um eine emotionale Bindung zu entwickeln – und es führt zu Mustern, die die zukünftigen Interaktionen bestimmen.
Buddhistische Sicht bezieht in die Betrachtung solcher Muster die vielen Leben mit ein, die wir zuvor schon geführt haben und innerhalb derer diese Muster herausgebildet wurden. Doch wir müssen gar nicht über unser derzeitiges Leben hinausblicken, um zu erkennen, dass Dynamiken unserer ersten Lebensjahre später im Leben wiederkehren. Unser ganzes Leben kreist um Beziehungen, die sich vertraut anfühlen, und diese Beziehungen wiederum folgen Mustern, die wir zeitig im Leben gelernt haben. Auch Gewöhnung trägt dazu bei, was wir kulturell als angenehm empfinden.
Aber Gewohnheiten können verändert werden. Sobald wir uns an eine neue Umgebung gewöhnt haben, können wir uns wohl in ihr fühlen. Gewohnheiten entstehen schlicht durch Wiederholung. Handeln wir wiederholt anders, entstehen neue Gewohnheiten und alte werden überwunden. Wir sollten damit beginnen, unser gewohnheitsmäßiges Denken und Handeln näher zu betrachten. Wenn wir feststellen, dass wir in unseren Beziehungen gesündere Umgangsformen pflegen sollten, können wir Obacht geben, anderen in heilsamerer Weise zu begegnen, so lange, bis unser neues Verhalten sich als neue, positive Gewohnheit etabliert hat.
Das gemachte »Ich«
Die Macht der Gewohnheit spielt eine ebenso subtile wie mächtige Rolle bei der Formung unseres Selbstbildes. Und dieses Selbstbild hat im Gegenzug enormen Einfluss auf unsere Beziehungen zu anderen. Wir können von zwei Formen unseres »Ich« sprechen. Das eine ist unser angeborenes oder instinktives »Ich«; das andere ist das erlernte bzw. zugeschriebene »Ich« und hat mit unserer gewohnten Weise, uns zu sehen, zu tun.
Um zu erklären, was ich mit diesen zwei Formen des »Ich« meine, beginne ich zunächst mit dem letzteren, das weniger subtil wirkt und daher einfacher zu beobachten ist. Dieses gelernte oder zugeschriebene »Ich« entsteht durch wiederholten Gebrauch. Deshalb nenne ich es auch das gemachte »Ich«. Unsere Eltern erzählen uns, dass wir so oder so seien. Die Lehrer erklären uns, wir seien so oder so. Die Geschlechterordnung unserer jeweiligen Gesellschaft legt uns nahe, wie wir sein sollten. Die Kultur, in der wir leben, lässt uns auf vielerlei Weise wissen, wer wir sind.
Mir ist aufgefallen, dass es in der amerikanischen Kultur die Tendenz gibt, das Selbstvertrauen von Kindern massiv zu stärken, indem man ihnen erzählt, wie wichtig und einzigartig sie sind. Dieses Selbstverständnis wird dann Teil des gemachten »Ich«. Dieses »Ich« wird immer realer, es verfestigt und verselbstständigt sich. Es wird schließlich zur Gewohnheit, das von außen, von der Familie, der Schule und vom sozialen Umfeld an mich herangetragene »Ich« für mein eigenes zu halten. Das ist das gemachte »Ich«. Unsere eigenen geistigen Gewohnheiten bringen uns dazu, zu glauben, dass wir das wirklich seien, sodass das gemachte »Ich« zunehmend die eigene Selbstwahrnehmung bestimmt. Dieses Selbstgefühl tragen Sie fortan in sich und hinein in jede Beziehung.
Im Gegensatz dazu ist die andere Form des »Ich« – die angeborene, instinktive Form – äußerst subtil. Obwohl sie immer in uns ist, sind wir uns ihrer normalerweise kaum bewusst. Dieses subtile »Ich« wird dann offenbar, wenn wir in extreme und lebensbedrohliche Situationen geraten. Stellen wir uns vor, wir stünden am Rande einer Klippe. Instinktiv versuchen wir, dieses »Ich«, das in Gefahr ist, in Sicherheit zu bringen. Darin drückt sich unser angeborenes Selbstgefühl aus.
Von diesen zwei Formen bestimmt besonders das gemachte »Ich« unsere Beziehungen. Niemand kommt als »Jack« auf die Welt. Ein Kind wird geboren, erhält den Namen »Jack« und die Person »Jack« wird geschaffen. Der Mensch namens Jack wächst auf und lernt zu denken: »Ich bin Jack.« Sobald jemand schlecht von »Jack« spricht, ist er erschüttert und aufgerüttelt. Er kann sich in einem Raum mit hundert anderen Menschen befinden, doch wenn er den Namen »Jack« hört, fühlt er sich herausgehoben und ins Rampenlicht gerückt. Egal, wie viele andere Menschen da sind, der Ruf des Namens »Jack« scheint nur ihm zu gelten. Es zeigt sich, dass das Label »Jack« von ihm Besitz ergriffen hat. Was immer nun über diesen »Jack« gesagt wird, nimmt er äußerst ernst und persönlich, denn er hat dessen Identität angenommen. Wir alle verhalten uns so.
Wir glauben, dass das gemachte »Ich« unser natürliches »Ich« und Ausdruck unserer vollständigen und wahren Identität sei. Doch wenn wir diesen Prozess genau betrachten, stellen wir fest, dass das gemachte »Ich« Schritt für Schritt und über einen langen Zeitraum herausgebildet wurde. Wir sind so vertraut damit geworden, dass wir glauben, dies seien wir von Natur aus. Doch so ist es nicht. Es ist eine konstruierte Identität.
Nichtsdestotrotz kreiert dieses gemachte »Ich« und die damit einhergehende Vorstellung von »mein« ein Fenster, durch das jeder von uns die Welt betrachtet. Sie schauen durch dieses Fenster von »Ich« und »mein« und nehmen alles, was Sie sehen, persönlich. Wenn jemand da draußen einen ärgerlichen Gesichtsausdruck hat, glauben Sie, dieser Ärger müsse etwas mit Ihnen zu tun haben. In Wirklichkeit gibt es keinen Grund anzunehmen, jemandes Ärger müsste etwas mit Ihnen zu tun haben. Schließlich blicken alle Menschen durch ihr persönliches Fenster und auch ihre Wahrnehmungen sind in ihrem eigenen Selbstgefühl begründet.
Wenn wir in diesem »Ich«- und »mein«-Modus aus dem Fenster gucken, erleben wir alles so, als ob es auf unseren persönlichen Wahrnehmungsschirm projiziert würde, genauso, wie ein Film auf eine Leinwand übertragen wird. Und so wie bei einem Film, beginnt unser Herz sich zu weiten, wenn wir einen glücklichen Moment erleben. Doch bei einer traurigen Szene leiden wir.
Das Festhalten an »Ich« und »mein« begrenzt unsere Selbstwahrnehmung und hat ernsthafte Konsequenzen für unsere Verbindung mit anderen. Es verhindert, dass wir die zahllosen umfassenden Verbindungen sehen, die wir wirklich mit anderen teilen. Schließlich nehmen wir die Welt als etwas von uns Getrenntes wahr, als etwas im Außen Projiziertes, das nur unserem Konsum dient. Ich möchte hier keine Philosophie entfalten. Ich versuche zu beschreiben, wie sich eine solche Weltsicht anfühlt. Wenn wir durch unser persönliches Fenster blicken, empfinden wir Zuneigung und Ablehnung. Wir akzeptieren oder lehnen ab, was wir auf dieser Leinwand sehen. Dieses emotionale Hin und Her bildet eine wichtige Komponente in unseren Beziehungen zu anderen.
Die Falle der Anhaftung
Der Wunsch, das, was wir um uns herum wahrnehmen, an uns zu ziehen oder abzustoßen, wirkt in unseren Beziehungen als starke Kraft. Anstatt der anderen Person gegenüber entspannt und wertschätzend zu sein, sind wir ständig darum bemüht, zu bekommen, was wir von ihr wollen, und abzulehnen, was wir nicht wollen. Möchten wir gesunde Beziehungen aufbauen, müssen wir uns daher näher mit unserer Anhaftung und Ablehnung beschäftigen.
Sehen wir uns zunächst unsere gewohnten Annahmen von Anhaftung und Nicht-Anhaftung an. Die herkömmliche Lebenserfahrung lässt viele Menschen annehmen, dass Beziehungen ohne Anhaftung kaum vorstellbar seien. Ich hörte Menschen sagen, dass sie ohne Anhaftung keine engen Beziehungen eingehen könnten. Menschen versuchen, das Bedürfnis nach Anhaftung in anderen hervorzurufen, um dann eine Beziehung mit ihnen einzugehen. Sie setzen Anhaftung wie einen Angelhaken ein, mit dem sie andere ködern und einfangen wollen.
Die Vorstellung, eine herzliche und gesunde Beziehung sei ohne Anhaftung nicht möglich, gründet in der Verwechslung von trennender Distanz und Nicht-Anhaftung. Doch Distanziertheit ist etwas anderes als Nicht-Anhaftung. Distanziertheit suggeriert eine gefühllose Indifferenz. Doch das Gegenteil ist wahr: Erst die Abwesenheit von Anhaftung macht es möglich, dass gesunde Gefühle den Raum bekommen, sich zu entfalten. Anhaftung verursacht beispielsweise, dass Sie jemandem oder etwas vollkommen erliegen. Sie können nicht aufhören, an jemanden zu denken, von dem Sie glauben, er würde Ihr Leben perfekt machen. Sie sind dann so okkupiert von den Gedanken an diese Person, dass es Ihnen kaum noch gelingt, an etwas anderes zu denken. Sie sind vom Zauber Ihrer Anhaftung so gebannt wie ein Insekt, das in den Honig gefallen ist und sich nicht mehr bewegen kann.
Diese Überwältigung kann sowohl durch schwierige äußere Situationen als auch durch unsere eigene Anhaftung entstehen. Wenn wir uns in einer schwierigen Situation und von allen Seiten eingekreist wähnen, meinen wir oft, in eine bestimmte Richtung gedrängt zu werden, die wir selbst gar nicht einschlagen wollen. Ob wir mit Anhaftung oder schwierigen Situationen zu tun haben, die Herausforderung besteht darin zu erkennen, wie wir das Steuer selbst in die Hand nehmen können. Dafür müssen wir in der Lage sein, Dinge auf neue Art zu betrachten.
Wenn uns ein Problem tatsächlich überwältigt und wir uns von der Situation überfordert sehen, steht uns immer noch offen, uns geistig daraus zu erheben und einen anderen Blick aus der Vogelperspektive darauf zu werfen. Selbst wenn wir uns fühlen wie ein Ertrinkender, der verzweifelt im Wasser um sich schlägt, kann unsere Vorstellungskraft uns auf einen Berggipfel heben, von dem aus wir unsere Situation dort unten im Tal überblicken können. Eine solchermaßen veränderte Perspektive kann uns neue Möglichkeiten aufzeigen.
Damit meine ich nicht, sich emotional von der Situation abzukoppeln. Natürlich bleiben Sie mit ihr verbunden. Doch die Fähigkeit, das Zentrum des Problems geistig verlassen zu können, birgt die Chance, die eigene Situation aus einer neuen Perspektive zu betrachten. So können Sie eine Art zweites »Ich« kreieren, das aus einem zweiten Betrachtungswinkel neue Denkansätze entwickelt. Die Abwesenheit von Anhaftung bedeutet nicht, sich von jemandem zu trennen oder sich nicht mehr in eine Beziehung einzubringen. Sie bedeutet, einen Perspektivwechsel vorzunehmen, um den eigenen Blick zu weiten.
Wenn wir uns all den Schmerz und die Konfusion ansehen, die unsere Anhaftung verursacht, ist es seltsam, dass es so schwierig für uns ist, diese als das Problem zu erkennen. Ich habe viel darüber nachgedacht, warum es uns so schwer fällt. Der Grund dafür scheint mir die starke Tendenz in uns zu sein, Fehler stets außerhalb von uns zu suchen. Für gewöhnlich wenden wir uns auf der Suche nach den Ursachen unserer Probleme nach außen und schreiben unser Unglück äußeren Faktoren zu. »Wo ist das Problem? Es ist da draußen!« Wenn uns das Objekt unserer Anhaftung nicht glücklich macht, geben wir ihm die Schuld, nicht dem in uns verwurzelten Gefühl der Anhaftung.
Anhaftung ist ein ernstes Problem – und es ist eines, das wir selbst erschaffen. Es entsteht durch uns und wirkt auf uns zurück. Anhaftung dient der eigenen Genugtuung und den eigenen Zwecken. Sie hat ihre Grundlage im Eigennutz. Grundsätzlich suchen wir die Nähe anderer Menschen weniger deshalb, weil wir um deren Wohlergehen besorgt wären, sondern weil uns interessiert, welche Gefühle sie bei uns auslösen und was wir von ihnen bekommen können.
Das zeigt sich besonders dann, wenn eine auf Anhaftung beruhende Beziehung unbefriedigend wird – Schuld scheint dann immer die andere Person zu sein. »Warum soll ich mich ändern? Er (oder sie) soll sich ändern. Er (oder sie) sorgt für den Ärger.« Wenn es uns tatsächlich um das Wohlergehen des oder der anderen ginge, würden wir so nicht denken. Wenn das Glück der anderen Person für uns tatsächlich zählte, würden wir uns aufrichtig wünschen, uns selbst so zu wandeln, dass es ihr nützt. Doch so handeln wir nicht, wenn Anhaftung die treibende Kraft ist. Anhaftung ist tatsächlich durch und durch egoistisch.
Wenn Sie jemanden wirklich lieben, ist dieser Mensch extrem wertvoll für Sie – so wertvoll wie Ihr eigenes Leben. Sie sorgen liebevoller für diesen Menschen als für sich selbst. Doch wenn Sie an jemandem anhaften, benutzen Sie diesen Menschen, um Ihre Bedürfnisse zu befriedigen und sich glücklich zu machen. Es gibt Männer, die sich aufregen, wenn ihre Ehefrauen mit anderen Männern sprechen und vice versa. Seltsam – warum sollte jemand einen Menschen, den er liebt, davon abhalten, mit anderen Menschen zu sprechen? Dieser Wunsch, andere zu kontrollieren, ist egoistisch und deutet daraufhin, dass es der Person nur um ihre eigenen Wünsche und Ziele geht. Das zeigt, dass die Beziehung nicht auf Liebe, sondern auf Anhaftung beruht.
Liebe als Praxis
Wenn wir hinter dem Rahmen von »mich« und »mein« hervortreten, den unser gemachtes »Ich« zwischen uns und andere gestellt hat, erscheinen unsere Beziehungen in einem völlig neuen Licht. Wir führen sie nicht länger nach egoistischen Maßstäben. Wir sind erlöst von der ständigen Sehnsucht, bestimmte Menschen anziehen und andere von uns fern halten zu wollen. Wir entdecken vielfältige Möglichkeiten, uns mit jedem Menschen positiv zu verbinden. Diese geweitete Perspektive einnehmend, können wir unsere Liebe vertiefen.
Unser gewöhnliches Verständnis von Liebe geht oft mit maßlosen Erwartungen einher. Menschen sprechen von ewiger Liebe. Auf Deutsch sagen wir »Bis dass der Tod uns scheidet«, und solch einen Spruch gibt es auch im Tibetischen. Einige Freunde von mir glauben wirklich daran. Doch in unseren Beziehungen erleben wir, wie Liebe unter bestimmten Bedingungen entsteht. Und mit der Zeit verändert sie sich auch.
Wir weigern uns, dies für unsere Beziehungen anzuerkennen. Oft glauben Menschen, ihre aktuelle Liebesbeziehung werde immer wunderbar sein und die beste bleiben, die sie je hatten. Viele Menschen sprechen mit mir über ihre Beziehungserfahrungen. Am Anfang finden sie alles am anderen extrem aufregend. Sie rufen sich jeden Tag an und jedes Gespräch begeistert sie. Daraus entsteht die Erwartung, dass die Beziehung immer diese Intensität bewahren wird. Doch mit der Zeit bzw. im Laufe einer langen Beziehung lässt das Interesse aneinander nach. Die »unsterbliche Liebe« verliert ihren Glanz. Einige sagen sogar, die Ehe sei das Grab der Liebe!
Trotz alledem glaube ich, dass Liebe dauerhaft sein kann. So denke ich zum Beispiel, dass die Liebe, die ich für Sie alle empfinde, nicht abnehmen wird. Liebe kann eine dauerhafte Qualität annehmen, wenn wir sie zu einer bewussten spirituellen Praxis machen – aber nicht in dem Sinne, dass wir täglich ein wenig meditieren oder ein paar Gebete sprechen. Liebe ist eine umfassende und edle Praxis.
Wir nähren unsere Liebe aktiv, indem wir mit ganzem Herzen an uns arbeiten. So kann unsere eigene spirituelle Praxis zur Grundlage einer andauernden Liebe werden. Spirituelle Praxis bedeutet, uns selbst zu transformieren. Sie bedeutet Veränderung. Wir können nicht davon ausgehen, eine Liebe zu finden, sie in ein Regal zu stellen und von Zeit zu Zeit den Staub von ihr abzuwischen. Nein, Liebe ist lebendig. Sie muss kontinuierlich wachsen wie ein Baum und immer wieder neue Blüten, Blätter und Früchte hervorbringen. Geschieht dies nicht mehr, stirbt der Baum vielleicht. Nur wenn wir Liebe als aktive Praxis verstehen, ist sie unsterblich.
Liebe, die bleibt
Ich hörte einmal das Sprichwort: »Wenn es einen Grund gibt, jemanden zu lieben, kann es sich nicht um Liebe handeln.« Wenn Menschen gefragt werden, warum sie jemanden lieben, fallen ihnen meist viele banale Gründe ein. Einige sagen, es sei das Aussehen des anderen. Andere meinen, es sei die Persönlichkeit der anderen oder die Art, wie die Geliebte einen anschaue. Ich habe schon von Menschen gehört, die sich in eine Person auf Grund ihrer Haarfarbe verliebten! Doch wenn der Grund für die Liebe oberflächlich ist, wird sie sicherlich nicht andauern.
Liebe hat in unserem Leben eine tiefgreifende Bedeutung, mehr als alles andere. Ich persönlich glaube nicht, dass es für die Liebe keinen Grund geben darf. Doch der Grund zu lieben ist letztlich so umfassend, dass man ihn nicht auf spezielle Beweggründe begrenzen sollte.
Beziehungen können durchaus dauerhaft sein, aber sie ändern sich, manchmal zum Guten, manchmal zum Schlechten. Selbst eine Eltern-Kind-Beziehung kann sich so entwickeln, dass man nicht mehr miteinander spricht, sich gegenseitig physisch oder verbal verletzt oder vielleicht sogar tötet. Doch es gibt eins, was sich für die Personen nicht ändert: dass sie Eltern und Kind sind. Diese Tatsache, dass sie so aufeinander bezogen sind, ändert sich nicht. Selbst wenn sich die spezielle Form solch einer Beziehung in bestimmter Weise entwickelt, bleibt die Essenz ihrer Beziehung die gleiche. Wenn wir Liebe zur Essenz einer Beziehung machen, wird sie dauerhaft sein können.
Unter den richtigen Bedingungen kann Liebe wahrhaftig und andauernd sein. Das ist meine persönliche Überzeugung. Liebe kann diese allumfassende Qualität haben. Wir können sie wachsen lassen, bis sie unsere Beziehungen vollständig durchdringt. Doch anstatt der Liebe Raum zum Wachsen zu geben, sperren wir sie oft genug in unseren Erwartungen ein. Und diese Erwartungen machen unsere Liebe davon abhängig, was die andere Person tut oder sagt. Ebenso hängt unsere Sorge um die andere Person davon ab, ob die Beziehung unsere Bedürfnisse erfüllt. Wie können wir erwarten, dass die Liebe andauert, wenn wir fordern, dass sie unsere Erwartungen erfüllen muss, oder wenn wir mit dem anderen umgehen, als gehörte er uns? Dauerhafte Liebe verträgt es nicht, wenn wir zu viele Erwartungen haben. Es ist besser, die eigene Liebe einfach darzubieten.
Ich möchte etwas mit Ihnen teilen, das mich bewegt. Ich habe das Gefühl, dass meine Liebe nicht in den Grenzen meines Lebens und meines Körpers verbleiben muss. Ich stelle mir vor, dass selbst wenn ich nicht mehr in der Welt bin, meine Liebe immer noch da sein kann. Ich möchte meine Liebe zum Mond schicken, und der Mond möge meine Liebe halten. Er möge sie bewahren und sie jedem Menschen darbieten, so wie der Mond sein Licht sendet, das die Erde umfängt.
Liebe ist lebenswichtig
Liebe kann uns am Leben erhalten, wenn wir sie richtig betrachten. Es scheint mir, dass viele Menschen ihre Liebesbeziehung als Quelle von Freude und Vergnügen betrachten, währenddessen sie ihre Arbeit als eine absolute Notwendigkeit ansehen. Unsere Grundbedürfnisse sind Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf, und so gibt es ganz praktische Gründe dafür, dass wir unsere Arbeit behalten wollen. Wenn wir die Welt so betrachten, glauben wir vielleicht, der Beruf sei eine wichtige Angelegenheit, währenddessen Beziehungen nur zum Spaß da seien.
Anscheinend fällt es vielen Menschen leichter, ihre Partner zu wechseln als ihre Arbeitsstelle. Mit dieser Lebenshaltung werden Emotionen und Beziehungen zu etwas, das entbehrlich erscheint. Schwierigkeiten auf der Arbeit werden hingenommen, weil man die Arbeit als lebenswichtig betrachtet. Doch wenn ein Freund oder die Partnerin Schwierigkeiten bereitet, wird er oder sie einfach abgelegt und es wird nach Ersatz gesucht. Dieses Verhalten entspringt der Auffassung, Liebe sei ein verzichtbarer Teil unseres Lebens.
Vielleicht wollen wir eine schwierige Beziehung loswerden, ohne die tatsächlichen Gründe unserer Probleme zu betrachten: unseren eigenen Geist, unser eigenes Herz. Ein tibetisches Sprichwort sagt: »Du bist wütend auf den Ochsen, aber schlägst das Pferd.« Es erinnert uns daran, wie lächerlich es ist, Alibi-Gründe für unser Unglück aufzuzählen. Liebe und emotionales Wohlergehen liegen in und nicht außerhalb von uns. Um wahre Liebe und gesunde Beziehungen zu entwickeln, kommen wir nicht umhin, uns selbst, unseren Geist und unser Herz zu ergründen.
Wahre Liebe kann uns tragen, wenn wir sie richtig betrachten. Um eine bleibende und gesunde Liebe zu entwickeln, müssen wir das heilsame Potential, das in unserem Geist und in unserem Herzen verborgen liegt, entdecken. Wir sollten sowohl unsere Fehler als auch unsere guten Seiten kennen. Dazu zählt, um die eigenen Fähigkeiten zu wahrer Liebe zu wissen, aber auch, den eigenen Hang zum Anhaften und zum Hassen zu kennen. Unser Herz beherbergt sowohl das Potential wahrer Liebe als auch alle Hindernisse auf dem Weg zu ihr: unseren Egoismus, unser Anhaften, unsere Ablehnung und unsere Erwartungen.
Veränderungen begrüßen
Wenn wir uns selbst auf der Suche nach gesunden Beziehungen näher beobachten, stellen wir fest, dass uns unsere eigenen Vorstellungen von Liebe dabei im Weg stehen können. Es ist unrealistisch anzunehmen, die Liebe werde ewig dauern können und wir könnten immer mit dem Objekt unserer Liebe zusammen sein. Wir selbst können unsere liebevollen Gefühle verlieren und noch viel wahrscheinlicher ist es, dass die Beziehung durch den Tod eines Partners oder durch eine Trennung beendet wird.
Zwischen dem Ende einer Liebe und dem Ende einer Beziehung gibt es einen wichtigen Unterschied. Unsere Liebe für einen Menschen überdauert oft unsere aktive Beziehung zu ihm. Natürlich gestaltet sich das Ende einer Beziehung zu einem Menschen oft schmerzhaft, einfach weil wir nicht akzeptieren können, dass es vorbei ist. Trotz all unserer Intelligenz nehmen wir oft nicht zur Kenntnis, dass Freundschaft und Partnerschaft durch Tod oder freiwillige Trennung zu einem Ende kommen können.
Wenn einer dieser beiden Gründe eintritt, leiden wir, denn wir hegen in uns Erwartungen, die von der Wirklichkeit nicht erfüllt werden können – in diesem Fall der Wirklichkeit der Unbeständigkeit. Geburt, Krankheit und Tod sind unausweichlich; wir können sie nicht verhindern. Und trotzdem hängen wir an allem, was wir gerade mögen – unserer Gesundheit, Jugend und unseren Beziehungen –, und wünschen und hoffen, sie mögen ewig dauern. Doch Veränderung ist die verlässlichste Konstante unseres Lebens. Theoretisch wissen wir, dass wir eines Tages sterben müssen, doch wir bemühen uns nach Kräften, diese Unvermeidbarkeit zu ignorieren. Die einzige Möglichkeit, dem Tod zu entgehen, ist, die Geburt zu verhindern, denn alles, was geboren wird, stirbt eines Tages. Doch Geburt zu verhindern, kommt für uns nicht mehr in Frage, denn wir sind bereits geboren worden. Da Leben und Tod in diesem Sinne ein natürliches Paar sind, müssen auch wir einmal sterben.
Es mag schwer sein, sich dieser Tatsache zu stellen. Doch sie zu ignorieren verursacht noch größeres Leid. Es macht uns verletzlich, wenn Dinge zu einem Ende kommen, und das tun sie unweigerlich. Auch wenn es uns schwerfallen mag: Wenn wir die Tatsache der Unbeständigkeit einmal akzeptiert haben, sind wir besser gerüstet, um großen Veränderungen im Leben weise zu begegnen.
Für viele Menschen zählt der Tod eines geliebten Menschen zu den schmerzhaftesten Erfahrungen im Leben. Auch ich kann nur schwer damit umgehen. Wenn ein vertrauter Mensch stirbt, habe ich das Gefühl, ein Teil von mir gehe verloren. Diese Gefühle, diesen Schmerz können wir nicht von uns weisen.
Kulturen gehen unterschiedlich mit der Erfahrung des Todes nahestehender Menschen um. Die Kultur, in der Sie leben, mag Ihnen nahelegen, um den Menschen zu trauern. Sie können sich verpflichtet, aber auch ermutigt fühlen, die Trauer um den verlorenen Menschen zu leben und sich dem Schmerz hinzugeben. Irgendwann ist der Moment gekommen, wo Sie zu einer neuen, konstruktiveren Reaktion finden müssen. Sie können sich dann daran erinnern, dass im Mittelpunkt Ihrer Trauer die geliebte andere Person steht, und Sie stellen fest, dass diese Person und Ihre Liebe für sie auch Ihre Trauer lindern können. Trauer hat ihre Wurzeln im Gefühl der Trennung und des Verlustes von Menschen, die uns etwas bedeuten. Sie empfinden Schmerz, weil Sie sie geliebt haben. Und diese Liebe verbindet Sie mit ihnen, obwohl sie gegangen sind. Die Kontinuität der Liebe kann Ihre Reaktion auf den Verlust auch positiv formen.
In solchen Situationen finde ich es persönlich hilfreich zu reflektieren, dass ich eine ebensolche Zuneigung gegenüber dem geliebten Menschen empfand wie dieser mir gegenüber. Sie können sich auch bewusst machen: »Dieser Mensch sorgte sich um mein Glück und nahm seine Hoffnung, es möge mir gut ergehen, mit in seinen Tod. Er wollte mich nie leiden sehen. Auch nach seinem Tod dauert seine Hoffnung an und ich bin aufgerufen, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Seine Hoffnungen leben in mir weiter.« Wenn Sie diese Perspektive wirklich einnehmen, können Sie sich weiter tief verbunden fühlen mit dem Menschen, den Sie verloren haben, indem Sie sich bemühen, seine Hoffnungen Wirklichkeit werden zu lassen. All Ihr Bemühen, ein weises und glückliches Leben zu leben, wird so zu einem Weg, auf dem der Verstorbene weiter für Ihr Leben sorgen kann. So lebt Ihre gegenseitige Liebe weiter.
Wenn die Traurigkeit Sie wieder einholt, können Sie sich auf diese Weise erinnern, dass die von Ihnen Gegangenen immer wünschten, Sie mögen glücklich und nicht traurig sein. Wenn Sie in Trauer versinken, zerstören Sie auch deren Hoffnungen. Doch wenn es Ihnen gelingt, Ihren Schmerz zu lindern, lindern Sie durch das Band der Liebe und Hoffnung, das Sie noch immer verbindet, auch ihre Schmerzen.
Wenn Menschen sich trennen
Auch wenn eine Beziehung sich auseinanderentwickelt oder gänzlich abgebrochen wird, können Sie sich vergegenwärtigen, dass dies ein natürliches Ergebnis der Unbeständigkeit ist. Es ist schmerzhaft, doch es sollte Sie weder schockieren noch überraschen. Veränderung ist ein integraler und unabwendbarer Teil des Lebens. Sie können diese Tatsache anerkennen und sich bewusst machen, dass Veränderung nicht immer schlecht ist, auch wenn Sie sie nicht gerufen haben.
Es gibt genügend Anlässe, die uns Veränderung freudig begrüßen lassen. Wir beobachten, wie die Jahreszeiten einander abwechseln, und haben keine Mühe, uns daran zu erfreuen. Wenn die Blüte des Sommers sich dem Ende zuneigt, färben sich die Blätter der Bäume orange und gelb. Dann kommt der Herbstwind, bläst die Blätter hinfort, und wir erblicken die Schönheit der kahlen Äste. Diese Veränderungen sind Teil des natürlichen Lebensrhythmus’. Jeder Abschnitt bringt seine eigene Schönheit hervor.
Wenn zwei Menschen sich trennen, kann Raum für neues Wachstum entstehen. Wir sind frei. Wir müssen nicht stehenbleiben. Unbeständigkeit birgt viele Möglichkeiten in sich. (Es kann uns durchaus auch erleichtern, von einer Beziehung befreit zu sein, die mindestens für einen der Partner sehr schwierig und zu belastend geworden ist!)
Selbst wenn wir das Gefühl haben, die Trennung sei nicht gut für uns, kann sie doch gut für den anderen sein. Abgesehen von unserer eigenen Liebe und Anhaftung sollten wir die Zufriedenheit und das Wohlergehen des anderen stets im Blick behalten. Solange es eine ehrliche, von Herzen kommende Sorge um das Glück des anderen gibt, bedeutet eine physische Trennung vom anderen kein Ende der Liebe. Auch wenn wir einander nicht mehr sehen oder nicht mehr miteinander sprechen, können wir doch unsere Liebe aufrechterhalten.
Mir ist aufgefallen, dass viele Menschen eine seltsame Vorstellung von Liebe haben: Sie betrachten Liebe als ein Geschenk, das erwidert werden muss. Jemand sagt: »Ich liebe dich«, und wenn die andere Person nicht erwidert: »Ich liebe dich auch«, macht ihn das wütend. Doch Liebe muss nicht immer erwidert werden. Wir können einfach lieben. Auch wenn unsere Liebe nicht erwidert wird, können wir lieben. Wir müssen nicht immer etwas zurückbekommen für das, was wir gegeben haben, nicht wahr?
Dies ist meine Meinung. Ich habe viele Menschen erlebt, die unerwiderte Liebe und das Ende von Beziehungen emotional schwer verkraftet haben. Doch wenn man sich das ständige Wirken der Unbeständigkeit bewusst macht und den eigenen Fokus auf das Wohlergehen anderer richtet, kann man das eigene Gleichgewicht auch in schwierigen Situationen bewahren.
Beziehungen als Ort von Projektionen
Ich habe bereits die Folgen, die unsere gemachten Identitäten für unsere Beziehungen haben, erwähnt. Wir produzieren Identitäten auch für andere, indem wir auf sie Vorstellungen projizieren, die dann beeinflussen, was wir in ihnen sehen und wie wir uns ihnen gegenüber verhalten. Solche geistigen Kreationen können große Hindernisse zwischen Menschen aufbauen.
Ich möchte Ihnen ein Beispiel aus meinem eigenen Leben erzählen. Als ich vierzehn Jahre alt war, floh ich aus Tibet. Meine Begleiter und ich mussten die Berge illegal überqueren und hatten schreckliche Angst vor der chinesischen Polizei. Ich erinnere mich daran, dass die Polizisten Hüte mit einer speziellen Form trugen, die an einen Sattel erinnerte. Schon der Anblick eines solchen Hutes versetzte uns in Panik.
Auf unserem Weg zur nepalesischen Grenze mussten wir zwei chinesische Armeestützpunkte passieren. Der erste war der gefährlichere, denn selbst wenn sie uns dort nicht fassten, würde es reichen, dass sie uns bemerkten und am nächsten Checkpoint anriefen, damit man uns dort schnappte. Um den ersten Checkpoint zu passieren, mussten wir bis 22 Uhr in der Nähe angekommen sein und dann stundenlang in einem Auto warten, bis die Armeeposten eingeschlafen waren. Es war eine bitterkalte Winternacht. Meine Begleiter im Auto meinten, ich solle versuchen zu schlafen, aber wie konnte ich? Wir hatten alle große Angst vor den chinesischen Soldaten. Plötzlich schien es uns, als hätten wir ein Klopfen an der Autotür gehört. Wir sahen hinaus, doch da war niemand. Wir hatten solche Angst, dass wir begannen, uns noch viel beängstigendere Dinge vorzustellen.
Natürlich war das nicht hilfreich. Ich musste mir etwas einfallen lassen, um diese Situation durchzustehen. Und schließlich sagte ich zu mir: »Diese chinesischen Soldaten sind auch Menschen. Sie sind weder Monster oder Dämonen, noch haben sie all die schrecklichen Qualitäten, die wir ihnen zuschreiben. Wir könnten mit ihnen sprechen; sie sind Menschen wie wir.«
So gelang es mir, mich zu beruhigen. Natürlich waren wir in einer äußerst wehrlosen Situation, doch indem ich den tatsächlichen Gefahren meine eigenen Projektionen hinzufügte, verschlimmerte ich die Situation noch.
Auch wenn dies ein extremes Beispiel ist, illustriert es gut, wie wir Identitäten für uns selbst und andere herstellen. Projektionen färben unsere Beziehungen. Sie können uns sogar so weit bringen, den anderen nicht mehr als Menschen zu sehen.
Wenn wir unsere Projektionen erkennen und uns ihrer zu entledigen lernen, werden sich unsere Beziehungen verbessern und vertiefen. Dies versetzt uns in die Lage, den anderen Menschen klarer zu sehen und ihn zu akzeptieren, wie er wirklich ist. Anders gesagt, gesunde Beziehungen schließen das Element der Akzeptanz ein, man könnte auch sagen: Sie bedürfen der Geduld.
Übung in Geduld
Geduld ist die Weisheit, die uns ermöglicht, anpassungsfähig zu bleiben. Geduld bedeutet nicht, Dinge zu ertragen, die wir nicht mögen, oder unseren Ärger zu verstecken, und es meint ganz sicher nicht, passiv Verletzungen hinzunehmen. Geduld schließt vielmehr den aktiven Einsatz weisen Nachdenkens ein, um zielgerichtet jeden Unmut aufzulösen, den wir anderen gegenüber hegen.
Die buddhistischen Lehren arbeiten mit folgendem klassischen Beispiel: Wenn uns jemand mit einem Stock schlägt, sind wir dann böse auf den Stock? Wenn wir die Situation analysieren, erkennen wir, dass es sinnvoller ist, sich über die Hand zu ärgern, die den Stock schwingt. Doch die Hand wird von einem menschlichen Geist bewegt. Und der Geist wird von der Wut regiert. Schließlich ist es die Wut selbst, die den Stock schwingt, und das zeigt uns, dass der eigentliche Fehler in der Wut selbst liegt. Wenn wir die Situation so betrachten, können wir vernünftigerweise unseren Unmut nicht mehr direkt gegen die Person richten, die den Stock schwingt. Wir können letztlich nur wütend über die Wut selbst sein.
In diesem Beispiel geht es nicht darum zu behaupten, wir sollten uns von anderen schlagen lassen! Es geht darum zu erkennen, dass wir unser Denken dafür einsetzen sollten, die Identitäten, die wir anderen zugeschrieben haben, aufzulösen. Selbst wenn das Handeln anderer nur eine einzige Identitätszuschreibung nahezulegen scheint, können wir unseren Verstand nutzen, um unsere Ansicht von ihnen zu erweitern. Dafür ist es besonders hilfreich, das Handeln einer Person von der Person selbst und vom Aufruhr der sie bedrängenden Gefühle zu trennen. Wenn uns dies gelingt, können wir andere als Opfer ihrer eigenen Gefühle erkennen und ihnen nicht mit Angst oder Wut, sondern mit Mitgefühl und der Weisheit der Geduld begegnen. So verschafft uns Geduld mehr Optionen im Umgang mit anderen.
Pulsuz fraqment bitdi.