Kitabı oxu: «Mit Elfriede durch die Hölle»

Şrift:

KATHARINA TIWALD

Mit Elfriede
durch die Hölle


Roman


Um das Lesevergnügen des vorliegenden Romans zu steigern, hilft es, Dantes Inferno im Ungefähren zu kennen. „Ein kapitelmäßiger Überblick“

Dein Dienst ist öffentlich.

Elfriede Jelinek

Krankheit oder Moderne Frauen

What if I write circuses?

No one says a novel has to be one thing.

It can be anything it wants to be, a vaudeville show,

the six o’clock news,

the mumblings of wild men saddled by demons.

Ishmael Reed

Yellow Back Radio Broke-Down

In Verehrung Elfriede Jelinek zum 75. Geburtstag

Disclaimer:

Niemand war mit mir am Flughafen Schwechat. Und »weder das eine noch das andre habe ich erlebt, hab ich ein Glück!«.

Elfriede Jelinek, Wut

Inhalt

ALLES IST EINMAL – VORGESCHICHTE

CANTO 1: VERIRRT. DREI BESTIEN. AUFTRITT POETESSA

CANTO 2: AUF DEM WEG

CANTO 3: LASST ALLE HOFFNUNG FAHREN, DIE IHR HIER EINTRETET

CANTO 4: VORHÖLLE

CANTO 5: IM WIRBELSTURM. DIE LIEBENDEN

CANTO 6: DER SPAßMACHER. DER EWIGE REGEN

CANTO 7: FORTUNA. DIE SPARER, DIE VERSCHWENDER

CANTO 8: PHLEGYAS, DER FÄHRMANN. STYX.

CANTO 9: EIN RETTER KOMMT ÜBER DEN STYX

CANTO 10: DER FRIEDHOF DER KETZER. FARINATA

CANTO 11: ÜBERBLICK ÜBER DIE HÖLLE

CANTO 12: UNTER KENTAUREN

CANTO 13: IM WALD DER SELBSTMÖRDER

CANTO 14: DER ALTE AUF KRETA

CANTO 15: DIE NERVEN VON DER SÜNDE AUSGELEIERT

CANTO 16: DREI GESTALTEN

CANTO 17: DAS FLIEGENDE UNGEHEUER

CANTO 18: LANDEN. ZUHÄLTER

CANBTO 19: DIE GOLDENEN FELLE SCHWIMMEN DAVON. CANTO VON DEN ÄMTERKÄUFERN

CANTO 20: SEHERINNEN UND SEHER. ALLES IST VERKNOTET

CANTO 21: AN DER PECHGRUBE

CANTO 22: UNTERWEGS MIT DEN TEUFERLN

CANTO 23: BEI DEN HEUCHLERN

CANTO 24: AUFERSTANDEN. IN DER SCHLANGENGRUBE

CANTO 25: BEIM KÖRPERWECHSELN

CANTO 26: ODYSSEUS

CANTO 27: DIE FALSCHEN RATGEBER

CANTO 28: BEI DEN KIRCHENSPALTERN

CANTO 29: BEI DEN FÄLSCHERN UND FALSCHEN VERSPRECHERN

CANTO 30: NOCH IMMER BEI FÄLSCHERN. DER GRIECHE SINON, DER DAS TROJANISCHE PFERD ERSANN

CANTO 31: NIMROD BRABBELT. TURM VON BABEL

CANTO 32: DIE MÖRDER VON VERWANDTEN. HAARE VOM KOPF

CANTO 33: GRAF UGOLINO UND DER HUNGERTURM

CANTO 34: FINE

ANHANG – INFERNO, BREVISSIMO

FUßNOTEN

ALLES IST EINMAL – VORGESCHICHTE

AM 14. SEPTEMBER 1321 SCHLOSS, wie man so schön sagt, Dante Alighieri »die Augen für immer«, er schaut sich also seit 700 Jahren die patate von unten an, er hat den cucchiaio abgegeben, sie haben ihm den Mantel aus Holz angezogen.

Riposa in eterno.

Dante kennt man, wenn man die Hölle kennt. Oder das Fegefeuer. Vom Paradies ganz zu schweigen. Ich bin mir aber nicht sicher, wer denn eine Ahnung von Hölle, Fegefeuer, Paradies hat; ich habe den Eindruck, man starrt heutzutage auf die eigenen Schuhspitzen, während die Uhr tickt.

Als er Mitte dreißig war, schickte Dante sich selbst auf eine Reise durchs Jenseits, wobei er sich von seinem Idol, dem römischen Dichter Vergil, begleiten ließ, einer Person, der man schon damals nur im Jenseits begegnen konnte (die Begegnung in der Dichtung ausgenommen), und nannte das Ganze »Göttliche Komödie«. In Vergils Begleitung besichtigt Dante darin steinerne Abgründe, niedergebrochene Mauern, Sünder, die durch Scheißemeere schwimmen; er begegnet Schemen und Monstern, lässt sich unterwegs von einem Drachen fliegen und macht sich unwissentlich zur Fundgrube und zum Steinbruch der Filmindustrie des 20. Jahrhunderts. Er wandert einen sich windenden Turm hoch bis ins gleißende Licht, am Schluss begegnet er seiner toten Geliebten, Beatrice, die ihn bis zu den allerhöchsten Gestaden mitnimmt. Dorthin, wo Gott wohnt.

Mindestens zwei Erkenntnisse können praktische Gemüter aus der »Göttlichen Komödie« ziehen: erstens, dass es Mumpitz ist, wenn behauptet wird, »die Menschen« hätten im Mittelalter »geglaubt«, dass die Erde »eine Scheibe« sei, und zweitens, dass es schon im ausgehenden 13. Jahrhundert emanzipierte Beatrices gab. Zumindest, wenn sie tot waren.

Extra für diese Reise hat Dante eine bestimmte Reimform entwickelt, nämlich den »terza rima«, die Terzine. In der Praxis sehen Endreime nach dem Prinzip des terza rima (immer drei – auch unreine – Reimwörter überkreuz, los geht’s ab Zeile 2) zum Beispiel so aus:

Katze

Haus

Tatze

Maus

Finanzwesen

Saus und Braus

Bilanz lesen

Gevatter

Bar-Tresen

Bestatter

Kurz

Geratter

Lurz

und so weiter.

Wikipedia meint, einige hätten Dante diese modische Reimweise nachgemacht, Giovanni Boccaccio zum Beispiel, dessen »Decamerone« zu Zeiten des Corona-Lockdowns von 2020 nach mehr als 600 Jahren wieder hochaktuell war (Adelige sperren sich vor der Pest weg und auf einem Landsitz ein, wo sie sich die Zeit mit Geschichtenerzählen vertreiben), auch Petrarca, der König des Sonetts. Schlussendlich wird da auch Hugo von Hofmannsthal zitiert als Terzinenschreiber; so weit reichen Dantes knochige Finger. Es heißt aber auch, dass Dante von altokzitanischen sirventes beeinflusst war, also von französischer Troubadourdichtung, und wovon waren die Troubadoure beeinflusst? Von arabischer Dichtung, die wiederum über die Mauren nach Spanien und dann … alles fließt ineinander.


A Einundvierzig war ich in dem crazy Jahr,
B in dem ein Virus klein und kleiner
A faltete, was uns, wie sagt man?, »lieb und teuer« war;
B ich gondelte hinaus nach Schwechat; ein feiner
C Flug, dacht ich, wär jetzt das Richtige; du lieber
B Körper, Beuteltasche voll Materie, fremd, doch meiner,
C du brauchst schwer Urlaub, Rast, Verschiebung
D von schüttkistweise Pflichten, Zetteln, E-Mails,
C versteck, entzieh dich, Tiwald, zeitumfriedet
D zieh dich zurück, flieg fort – und alle ihr, quält’s
E jemand anderen. Die Zeit war satt von Frust,
D alle erschöpft wie nach Montur von zehn Zahn-Inlays,
E Corona! – Kein Kuscheln, keine Party und kein Kuss,
F auch keine Wirtschaftsleistung, brummt nix,
E auf manchen Schaufenstern wuchs krus-
F tendick der Staub, und nirgends summen Fix-
G sterne, die automatisch glücklich machen.
F Einsam, leer, kein Austausch, rundum keine Kicks.
G Es war die Zeit zum Weinen, nicht zum Lachen.

Und so weiter. Wir leben nicht in der Zeit der Terzinen.

Was aber wahr ist, ist die Grundstimmung, ist der brennende Wunsch, diese Stadt zu verlassen, aus diesem Gefühl fortzufliegen; was wahr ist, ist der Antritt meiner Reise. Ich packte einen kleinen Koffer, den ich online bestellt und mir hatte liefern lassen, ein ausgemergelter Pakistani hatte ihn mir bis zur Tür gebracht. Klein, funkelnd und mit einem Maximum an Praktikabilität: Noch praktischer ging nicht.

Aber ich. Ich ging.

CANTO 1: VERIRRT. DREI BESTIEN. AUFTRITT POETESSA

DIE STADT WAR VERLASSEN wie in üblen Filmen. Die Figuren, die vorüberhasteten, hatten die Gesichter gesenkt, wichen mir und einander aus; mir kam vor, alle trugen Schwarz. Wahrscheinlich war der Dritte Mann aus der Kanalisation entkommen und lauerte hinter der nächsten, schmierigen, nebelverhangenen Ecke. Genauso fühlte sich der Gang durch die Gassen und Straßen an, nur ab und zu schob sich eine marode Straßenbahn an Geleisen vorbei, quietschend, in ihren Gelenken knarzend, durch die frostgeränderten Scheiben zeigten sich Schemen von Köpfen und Mantelkrägen. Über den Gesichtern Masken, über den Köpfen Kapuzen und Hauben: Puppen hätten in den Wägen sitzen können, platziert von Stephen King. Ich ging.

Mein Koffer hüpfte über die schlampig reparierten Risse in den Gehsteigen, an den Randsteinen kippte er regelmäßig um, wie um mich zu frotzeln. »Schwechat«, zischten die Rädchen höhnisch, »Schwechat, wär gelacht, wenn sie ankommt dort, wenn sie ankommt dort«, sie rollten weiter, ich zog weiter, ich ging. Wenn ich will, bin ich wie aus Stahlwolle gemacht: Ich seh bloß weich aus. Zack, zack, mochten die Rollen rollen, was sie wollten.

Die Bäume am Ring nackt, was sonst. Blätter, Hoffnung, so was gab es, gibt es nicht mehr. Ich stieß die Luft beim Ausatmen durch die Zähne, ließ es zischen, spürte den Luftstrahl von der Maske zu mir zurückkommen. Ich badete im eigenen Saft, mir war warm um den Mund, das war gut.

Bei der Oper angekommen, zeigte sich das übliche Bild, hier war ausgespielt, ausmusikt, die Türen standen sperrangelweit offen, trotz der Kälte, die ihrerseits eine schlampige, unausgegorene Kälte war, Kälte aber nichtsdestotrotz, und auf den flachen Stiegen hatten sich ein paar Obdachlose drapiert, die noch nicht lange obdachlos waren: Eine Dame trug noch ihren Pelz, ihre Perlen, aber sie stierte so leer vor sich hin wie der Herr im Frack, der auf einer benachbarten Stufe apathisch eine leere Champagnerflasche hin- und herschwenkte.

Ob sie Polonaisen hörten in ihrem Kopf, war mir egal. Ich wollte bloß weg von hier.

Aber wie?

Vor der Oper stand ein Fiaker mit einem fast schon zu Dörrfleisch gewordenen Klepper im Geschirr. Da wäre ich wohl schneller zu Fuß in Schwechat! Mit einem von beiden begann ich im Stand auf den Asphalt zu treten, was ich immer tue, wenn ich eine Lösung herbeizaubern will – meinetwegen herbeischreiben, das Tappen ist ja wie Tippen. Und wie schon mehr als einmal passiert, nahte auch jetzt die Lösung: Gleich drei Taxis schwangen sich um die Kurve, von der Albertina kommend, und stürzten, Schnauze an Kofferraum, in die Bremsen, quietschten, blieben stehen, fast rauchten die Reifen, und ehe ich mich’s versah, sprangen die Türen auf und wie Regenwetter kamen drei Gestalten auf mich zu.

»Signora!«, rief der Erste, ein wenig vertrauenserweckender Geselle mit einer riesigen Zahnlücke im Gebiss und einem, sah ich richtig?, Leopardenfellkragen an der abgewetzten Lederjacke, »Sie wollene su Schwechate? Ich fahre!« – »A so a Schas«, rief der Zweite, ein Afrowiener, gebaut wie Wotans Krieger, der sich zwei Luchsohren an einen Lederhelm montiert hatte, »die gnä’ Fraou foaht mit mia und sunst neamd!« Und schließlich fuhren zwei bekrallte Hände zwischen die beiden, stießen die zwei auseinander, und eine höchst magere, ausgezehrte Frau, deren wahrscheinlich sechzig Jahren die Entbehrungen des Lockdowns noch zehn Jahre draufgegeben hatten, bohrte sich kerzengerade und stichgrauen Haarschopfs zu mir durch; ihren Haut-und-Knochen-Körperbau umschlackerte ein, ich schwöre, Wolfsfell. Ich wünschte, ich hätte sie mit dem Handy aufgenommen, ihre Stimme, hätte die Diktierfunktion aktivieren können, wie sie sagte: »De zwaa Drottln findn med zehn Diobtrien ned noch Schwechat! Owa i! Und bei mia im Taxi gibt’s a Salamibrod, dass Se goa neama fuatfliagn wean wuen, gnä’ Frau, und scho goa ned noch Idahlien!«

Ich linste zu den Autos hin, sah, dass das eine kotflügelfrei, das zweite auf rasierten Reifen und das dritte als Rostlaube unterwegs war, und lehnte vorerst dankend ab. Irgendwie, Herrgottsakra, musste das anders gehen.

»Danke, i hob’s ma andas übalegt«, sagte ich höflich und schickte mich an, mit dem Trolley die Reise in den dritten Bezirk anzutreten.

»Woooos?«, belferte da die Dame. »Die gnä’ Frau is si z’guad füa mei Salamibrod? Na, des gehd owa ned! Wo bleibtn do de Solidaridehd? San Se ned so a Guadmensch? Schauman S’ eahna ned, wie Se do de Weana Taxla im Regn stehn lossn? Na woat!« Und sie machte Schritte auf mich zu, als habe sie heute noch nichts gegessen.

»Lossn S’ de Dame in Ruah, de kheat mia!«, brüllte der Afrowiener mit den Luchsohren und stieß der Wolfsdame einen Ellbogen in die Seite, dass es nur so krachte. »Du Oa…!«, drang es aus deren Kehle, während der Herr im Leopardenkragen die Gunst der Sekunde nutzte, mich am Arm packte und zu seinem Škoda des Schreckens zerren wollte. Mein Trolley knickte ein, weil da ein loser Pflasterstein aus dem Boden stak, die Missgunst der Materie trat klar zutage, wie auch die Impertinenz der drei Personen, die so taten, als seien sie Taxler. Wer weiß? Autodiebe, schoss es mir durch den Kopf, das sind Autodiebe, die nur so tun, die führen hier eine Komödie auf, die wollen mich ausrauben und abmurksen, bevor ich überhaupt nur die Spitze des Towers von Schwechat sehe, und ich begann ernsthaft, um mein Leben zu fürchten – ganz so, als gäbe es keinen Virus, ganz so, als sei alles Prä-Lockdown, im Leben, als wir noch gar nicht wussten, was »Gefährlichsein« wirklich bedeutet.

Ich sah meine letzte Sekunde heranrücken.

Da geschah etwas, das mich noch heute mir die Augen reiben lässt, eingeleitet von einem fokussierten Sonnenstrahl, der dem Fiat Punto voranfuhr; es war ein warmer Sonnenstrahl, der wie Moses das Rote Meer die Misere hier teilte, das Dunkel, das am Ring vor der Oper waberte, es war ein kleiner Fiat Punto, schwarz, aber in tadellosem Zustand, und sein Fenster senkte sich und eine Hand winkte mich heran und eine Stimme rief: »Steig ein, du da mit dem Trolley, wenn du kein Schatten bist!«

Ich sah nur den Schatten einer Haartolle, ich hörte nur, dass die Stimme einer Frau gehörte, aber ich ließ mir solche Anweisungen nicht zweimal geben, ich dankte schon einmal schnell Gott, an den zu glauben ich mir nicht abgewöhnen möchte, weil es nämlich schön ist; ich schnellte auf die andere Seite des Autos, Gott sei Dank prügelten sich die drei Pseudotaxler wie Tick, Trick und Track auf Speed, ich schwang mich in den Punto, ich hatte noch den Trolley auf dem Schoß, als die Frau am Steuer Gas gab, sich die Räder durchdrehten und wir weiterschossen, weg von dieser Szene wie am Rand der Hölle.

Ich linste hinter meinem Trolley hervor, den ich vor dem Bauch liegen hatte, »so fühlen sich also Schwangere«, dachte ich noch, während ich die Frau am Steuer erkannte und scharf einatmete, sodass die Stoffmaske an den Lippen kleben blieb.

»Frau Jelinek? Sind … sind das Sie?«

»Ja, Jelinek. Und Sie?«

»Äh, Tiwald mein Name, aber das ist nicht … nicht wichtig.«

Verdammt. Ich war nicht imstande, der Nobelpreisträgerin meinen vollen Namen zu sagen, typisch ich, typisch meine Kindheit, depperte Bescheidenheit; ich rutschte auf dem Sitz herum, peinlich berührt, und schaffte es irgendwie, den blöden Trolley auf die Rückbank zu verfrachten – indem ich nämlich den Zipp öffnete, die unnötigen Schuhe, schicke Schuhe mit hohen Absätzen, rauszerrte und nach hinten pfefferte, ebenso die Hausbibel (offenbar plante ich, nie mehr wiederzukehren) und meine Toilettetasche, der Rest ließ sich zu einer Kofferpalatschinke zusammendrücken und nach hinten werfen.

Erst dann konnte ich durchatmen.

»Sie können die Maske abnehmen, wenn Sie das Fenster öffnen«, sagte Elfriede Jelinek und deutete auf den Fensterheber, eine charmante Kurbel wie im Jahrtausend meiner Geburt. Ich kurbelte, und Frischluft drang in die Kabine, als stürme der Frühling heran.

»Ich … ich danke Ihnen sehr, Frau Jelinek. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll. Sie haben mir vielleicht das Leben gerettet!«

»Ich weiß«, sagte sie und schaute auf die Straße. »Es ist hier schon zu Massakern gekommen«, fuhr sie nach einer Weile fort: »Natürlich ist die Oper ein Ort des Massakers, die Oper ist ein Opferort, hier wird das Schweigen eingeübt gegenüber der Totalität der Musik, aber eigentlich gegenüber der Totalität des Genies, das ohnehin schon tot ist; es sind ihrerseits quasi Todtouristen, die vor der Oper nach Taxis suchen. Und hier so zu Tode kommen, wie es im Inneren der Oper dem Verstand zustößt. Nur dass der Körper nach der Tötung des Verstandes weiterlebt. Leben muss. Das ist der Unterschied.«

Sie fuhr an der Lände entlang Richtung Osten. Das Riesenrad, natürlich stille stehend, glitt am Himmel vorbei. Ich starrte es an und wollte etwas Gescheites dazu sagen, aber mir fiel nichts ein. Meine Zunge war ein Rollmops, wie aufgerollt, aufgespießt, eingelegt und zugeschraubt.

»Frau Jelinek«, wagte ich nach einer Weile zu piepsen, »ich hab gedacht, Sie gehen nicht unter Leute?«

»Ich bin nicht unter Leuten. Ich bin in einem Auto.«

»Äh, ja … Aber ich bin doch ein Leut?«

»Sie sind da gewesen. Und ich hab Sie gerettet.«

»Ja.«

Ich war verwirrt. Seit wann rettete Elfriede Jelinek Menschen das Leben?

Sie trug jetzt eine schwarze Sonnenbrille und sah verdammt cool aus, so cool, wie ich sie empfunden hatte, als ich mit fünfzehn, sechzehn »Die Klavierspielerin« und »Lust« gelesen hatte. Noch cooler. Damals war ich nämlich einigermaßen eingeschüchtert; jetzt war ich noch eingeschüchterter.

»Frau Jelinek«, sprudelte es schließlich aus mir heraus, es war nicht auszuhalten, es machte Plopp, »bitte seien Sie mir nicht böse. Ich hab Sie einmal aus der Ferne gesehen, im Russischen Kulturinstitut. Da hat Aleksandr Semibratov …«

»Belobratov.«

»Ah, Belobratov, genau. Jedenfalls Belobratov hat seine Übersetzung von … ich glaube es war ›Gier‹ vorgestellt. Seitdem nie wieder. Ich bin … ich bin verwirrt. Warum haben Sie mich gerettet?«

Sie grinste schief. Eine Zigarette noch, und sie hätte ausgesehen wie das inkarnierte Paris.

»Wissen Sie, Frau Tiwald, der Trubel um meinen siebzigsten Geburtstag hat mir zu schaffen gemacht. Immer diese Trubelei. Diese Hudelei und Jubelei. ›Ich übe für das Grab‹, habe ich einem Reporter gesagt, der mir zugesetzt hat. Das hat dann gesessen. In mir auch. Dann kam die Pandemie. Und natürlich muss man über eine Pandemie schreiben. Man muss über eine Pandemie schreiben, über die Maskierung in allen Schattierungen, wobei die Maskenmetapher leicht auslutschbar ist; man muss über die Mechanismen der Angsterzeugung schreiben, über das Phänomen des Bubi-Herrschers, der mit kieksender Stimmbruchstimme uns erst den Schrecken in die Knochen setzt, dann in Tirol warme Händedrücke verteilt, wider jegliche Vernunft und ohne den Abstand, den er ›Babyelefant‹ getauft hat, als wäre der Abstand unter Menschen etwas Süßes, Niedliches, nicht etwa letztendlich Gefahrbringendes, weil er uns das Weggehen lehrt. Außerdem: Wächst sich der Elefant aus, wird er dann gereizt, trampelt er alles nieder. Und jeden. Da ist dann gar nichts mehr süß. Na gut. Also habe ich geschrieben. Ich habe geschrieben, dass es von den Wänden meines Hauses widergehallt hat. Mein Haus hat vibriert unter meinem Schreiben. Aber irgendwann. Irgendwann hab ich mir gesagt: So, Elfi, das Üben für das Grab muss auf eine nächste Stufe gestellt werden. Über das Lesen kommen die Leut’ nicht mehr zamm, dein Daseinszweck hat sich erfüllt. Du musst dich dem Todbringenden aussetzen, das nicht in der Politik zu finden ist, nicht in der Gesellschaft, sondern ganz banal auf der Straße. Ja. Das hab ich mir gedacht. Gedacht und vorgenommen. Also hab ich mir einen Fiat Punto gekauft – ich hatte noch etwas Geld übrig vom Nobelpreis – und meine Rettungsfahrten aufgenommen. Die Oper ist ein Brennpunkt, an dem ich schon etliche Menschen vor dem Fake-Taxler-Mord gerettet habe. Ich fahre hin und her, her und hin. Ich desinfiziere jedes Mal den Beifahrersitz, den Fensterheber und die Türschnalle, ich will ja nicht die böse Fee werden, die den Covid-Tod bringt. Aber wenigstens vor den Meuten rette ich Menschen. Einzelne Menschen. Was nie mein Begehr war, Menschen retten. Na ja. Vielleicht doch. Vielleicht wollte ich Frauen vor stupiden Existenzen retten. Ich weiß es nicht mehr. Das sollen bitte die Damen und Herren Wissenschaftler besprechen, von mir aus, wenn ich nicht mehr bin. Es ist mir wurscht. Ich habe geschrieben, und was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben, basta.«

»Sie sind auf jeden Fall …«, sagte ich ratlos, »äh … so was wie mein … mein Vorbild.«

»Ach ja?«

»Ja, natürlich! Ich bin mit Ihnen … aufgewachsen. Ich kann mich noch an die Plakate erinnern: ›Lieben Sie Jelinek und Peymann, oder Kunst und Kultur?‹«

»Ah, Österreich ist so fesch.«

»Jedenfalls …« – ich wurde immer verwirrter – »danke. Danke, Frau Jelinek. An Ihnen habe ich gelernt, was man mit Sprache machen kann. Das war, äh, super. Ohne Sie hätte mir was gefehlt. Danke.«

»Na dann!«

Sie stieg aufs Gas. Landschaft rutschte vorbei. Desolate Plakate. Werbesujets, die fröhlich lachende, verreisende Menschen zum Inhalt hatten, waren wüst beschmiert worden, egal, wie hoch sie hingen. Auf keiner Wiese stand auch nur eine Kuh, und die Raffinerie, oder was auch immer das stinkende Ding der OMV war, roch, als hätten sich die Tore oder zumindest die Poren der Hölle geöffnet.

»Wir sind gleich da«, sagte Elfriede Jelinek, und ich nickte. Die Hand hatte ich auf dem Griff über der Tür. Früher, als man solche Autos baute, wusste man noch, dass sich der Mensch manchmal anhalten muss, weil er nicht immer seine Hände im Schoß liegen lassen kann. Am Horizont tauchte der Tower von Schwechat auf, eine Eistüte mit Schießscharten.

CANTO 2: AUF DEM WEG

NUN LAG SCHWECHAT VOR uns, beziehungsweise: das Flughafengelände; wie kommt denn die liebliche Stadt Schwechat dazu, dauernd als totum-pro-parte für einen Ort zu stehen, der wie kaum ein zweiter unsere Mittäterschaft an der Zerstörung des Klimas und damit der Erde symbolisiert?

Wobei es mit der Mittäterschaft vorerst vorbei war, außer meiner, wie mir langsam dräute; was würde Elfriede Jelinek denn von mir denken (ich traute mich meinerseits nicht, nur »Elfriede« zu denken, ein blankes »Elfriede«, ein bekanntes »Elfriede«, und hängte immer ein »Jelinek« dran an meine inneren Monologfetzchen), ich hatte gedacht, ich könnte anonym zum Flughafen rauschen.

Aber nein. Ich saß neben Elfriede. Jelinek.

Mir fiel noch ein, dass sie in »Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr« die Umweltschützer durch den Kakao gezogen hatte, dass es nur so pritschelte, und so kam ich vorerst mit dieser meiner sehr privaten Flugscham zurecht. »Ich werde«, nuschelte ich dennoch, »hab ich mir gedacht, diesen Flug kompensieren.«

»Kompensieren.«

»Ja. Da gibt’s diese Webseiten. Wo man. Zahlen kann. Wenn man geflogen ist. Oder. Bevor man fliegt. In. Andere Länder, die weit weg. Also. Man zahlt dann. Und ein nepalesischer Bauer kann sich einen neuen Ofen kaufen. Effizient. Energie und so.«

»Aha. Mhm. Na dann. Kompensieren Sie nur hübsch vor sich hin.«

Ich weiß nicht, ob’s gut ist, wenn Elfriede Jelinek »hübsch« zu irgendwas sagt.

Wir waren auf einem Parkplatz gelandet, von dem aus es noch ein gutes Stück Weg war bis zur Abflughalle, aber ich hatte ja alle Zeit der Welt, ich musste nur einen Flug aussuchen, irgendeinen, bezahlen, mir die Maske überstülpen; ich hatte diese verdammte Eile nicht, die man hat, wenn der Flug schon gebucht ist, dieses Feuer-unterm-Arsch, dieses Gefühl, als sei alle Zeit bis zum Abflug nichtig; ich war ganz ruhig. Ganz ruhig.

»Danke schön, Frau Jelinek«, sagte ich, als ich mich, den Koffer, die schönen Schuhe und die Hausbibel aus der kleinen Fiat-Kugel geschält hatte, »Sie haben mir mein Leben sehr erleichtert.«

Kein Satz ohne ein massives Gefühl der Dämlichkeit.

»Nichts zu danken«, erwiderte sie, »leider trau ich mich mit dem Auto nicht weiter rein aufs Gelände« – macht nichts, Frau Jelinek, dachte ich, Sie hätten mich zwar einfach direkt vor der Abflughalle aussteigen lassen und wenden können, aber ich weiß schon, dachte ich, ich weiß, Sie sind menschenscheu, macht gar nichts, die paar Kilometer schaff ich schon noch.

Ich sagte ihr also noch einmal von Herzen Danke, fügte ein »Auf Wiedersehen« an, war ein bisschen wehmütig, weil ich mich jetzt von Elfriede Jelinek wegdrehen musste, und trottete los.

»Moment«, sagte sie da zu meinem Rücken, »ich komm ja mit, hab ich das vergessen zu sagen? Pardon. Ich komm mit.«

»Äh.«

»Ja.«

»Fliegen Sie auch weg?«

Ich war stehen geblieben und schaute sie an, die Hand auf dem Trolley; rundherum war die Erde wüst und leer.

»Ich komm mit«, sagte sie, »bis zum Flughafen.«

Ich krallte mich am Trolley fest.

Die ersten paar hundert Meter stapften wir schweigend durch die Landschaft, die mit »winterlich« nur unzureichend beschrieben wäre. Eher schon Action-Abenteuer. Eher so: halbe Apokalypse. Aber Wien. Deswegen glauben wir’s nicht.

Sie hatte ihren Kragen hochgeschlagen und Lippenstift und Lidschatten aufgetragen, und ich fand in meinem filmvergifteten, hollywooddurchseuchten Hirn, dass sie auf herb-schöne Weise in diese Gegend passte, wo sich die Welt schlafen gelegt hatte; wo ausgeweidete Autos auf nackten Felgen herumstanden wie festgenageltes Tumbleweed in einem Western, diese durch die Wüste geblasenen Steppenläufer, und man spürte schon die Gefahr; diese Gegend, wo ich sorgenvoll in den Himmel schaute, der leer war.

Provokant leer.

Wind kam auf, natürlich. Ich stellte mir Ennio Morricone vor, Spiel-mir-das-Lied-mit-der-Mundharmonika; mein Hirn schuf Kulisse und Sound, ich wusste beim besten Willen nicht, was ich jetzt sagen sollte. Wobei ich vielleicht vor Marlene Streeruwitz noch größeren Spundus gehabt hätte.

In nicht allzu großer Ferne sah ich – ich blieb kurz stehen, um es zu glauben: Flammen. »Da brennt was«, sagte ich tonlos und tumb.

»Ja«, sagte sie, und während ich noch ansetzte, innerlich zu flehen: Sag was, bitte, sag was, ich hab keine Ahnung, sprach sie weiter: »In Wahrheit ist der Flughafen die Hölle, das haben Sie schon ganz richtig gemeint, als Sie Ihre Kompensationskompetenz unter Beweis stellen wollten. Denn das war’s, was Sie gemeint haben. Hier ist die Hölle zuhause, hier hat sie sich’s bequem gemacht, und wenn noch was abhebt vom Tarmac, dann nur zur Tarnung. In Wahrheit brodelt’s. – Gut, das, was da brennt, das sind angezündete Autos, ganz simpel. Ich hab ja schon ein paar Fahrten gemacht hin und her. Die Brandstifter, das sind ganz einfach Frustis, die es nicht wahrhaben können, dass nicht mehr geflogen werden kann. Oder nicht gleich. Oder nicht mit DO&CO-Menü. Oder nicht billig. Na, und dann greifen sie halt zu anderen Mitteln. Benzin. Feuerzeug. Die Scheiße ist immer einfach. Der Mensch ist des Menschen Brandstifter.«

»Und … Sie gehen da freiwillig hin? Haben Sie … haben Sie schon ein Ticket?«

Wenn es so war, wie es aussah, dann hatte sie nicht nur einfach den Georg-Büchner-Preis und dann den Nobelpreis bekommen, sondern war als ganze Person in den schon auf Erden existierenden Himmel der Glücklicheren, Besseren, von Fortuna Gebusselten aufgestiegen. Oder war schlicht intelligenter als ich und hatte das mit dem Ticket schon vorab geregelt.

Sie blieb stehen.

Sie blieb stehen und fing erst mit einem kleinen Grunzen an, bevor ihr ganzer Körper bebte und zu lachen anfing. Sie lachte und lachte, sie schüttelte sich und rüttelte sich und musste sich vorsichtig die Lachtränen aus den Augenwinkeln heben, damit die Wimperntusche das alles schadlos überstand.

»Ein Ticket? Ich? Ein Ticket? Überhaupt: ein Ticket? Nein, meine Liebe. Neinnein.«

»…?« (So schaute ich.)

Sie seufzte und sagte: »Erstens: Sie werden sehen, die Hoffnung auf ein Ticket wird eine hartnäckige sein müssen. Des wird’s ned schbüühn, wie der gelernte Österreicher sagt. Zweitens: Sie werden das jetzt nicht glauben, aber mich schickt eigentlich der Manfred Müller von der Österreichischen Gesellschaft für Literatur. Ich bin ja innen ein netter Mensch, auch wenn mir das keiner glaubt. Der Manfred Müller! Dem konnte ich noch nie eine Bitte abschlagen, was heißt eine, was glauben Sie, wie viele Runden ich schon gedreht habe, was heißt ich, die Marlene, der eine Robert, der andere Robert, der Gustav, wir drehen Runden und Runden. Die Erben vom Heimito haben auch jemanden delegiert. Ich kann die Strecke zwischen der Oper und dem Flughafen schon fast blind. Na ja. Lauter Jungautoren. Wir karren da lauter Jungautoren herum. Und -innen. Wobei: jung. Auch so ein seltsamer Beisatz. Jedenfalls haben Sie jetzt was vor sich. Am besten, Sie warten, bis wir da sind. Dann ist’s vielleicht einfacher zu verstehen. Warum wir Sie in die Hölle schicken.«

CANTO 3: LASST ALLE HOFFNUNG FAHREN, DIE IHR HIER EINTRETET

UND IN DER TAT WAR sie hier. Hier, angreifbar, die Hölle. Wenn man aufgewachsen ist, wie ich aufgewachsen bin, mit dieser im Kleinbürgerlichen wurzelnden Behütetheit, die vielleicht einmal strauchelt im Leben, vielleicht zweimal, die ihre Tragödien durchgemacht hat, aber sich wieder aufgerappelt hat, weil es nämlich die Liebe wirklich gibt, kurz: Wenn man behütet worden ist, dann rutscht einem bei einem Anblick wie diesem das Herz hinab, es durchschlägt die Magengrube, es fährt Achterbahn im Darm, um einen leeren Rumpf zurückzulassen und als nasser, fetter Fleck in der Hose zu landen.

Das heißt doch: »Das Herz rutscht mir in die Hose« – oder?

Vor mir hing ein Taxler von einer Laterne, von einer dieser unmenschlichen Straßenlaternen, aber gut, auch auf gusseisernen, auch auf hölzernen Masten sind schon Menschen gebaumelt. Was kann die Zeit dafür, dass die Dinge mit ihr gehen? Was können die Dinge dafür, dass die Zeit sie mit sich zerrt?

Die Dinge sind unschuldig.

Autos brannten. Scheiben waren zu Mäulern geworden, rissige Münder die riesigen Löcher. Eine Schiebetür ging auf und zu. Auf und zu. Langsam, wie im Tempo von gefährlichen Mafiosi, die sich nähern, und man selbst ist auf die Straße betoniert. Dazwischen Geranien.1 Und meine Behütetheit. Meine Behutung. »Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer«, sagt Doderer, was drin war, rinnt dann, sagt er, die ganze Zeit an uns hinunter, und ich habe nun also eigentlich das Gute seit zweiundvierzig Jahren an mir herunterrinnen. Ich, gebadet in Urvertrauen: Mir war bang. Aber ich hatte Elfriede.

Die lehnte an einem Masten, an dem niemand baumelte, und schaute mich an. Ich schaute zurück. Kurz regten wir uns nicht; ich sah sie an, Strähne für Strähne, Falte für Falte, und die Kippbilder, die ich im Kopf hatte, die sich dazwischendrängen wollten, Elfriede Jelinek mit Haartolle, Elfriede Jelinek mit Lidstrich, keine dreißig, im Mantel, Elfriede Jelinek, glattgesichtig, »Wollen Sie Kunst und Kultur, oder Peymann und Jelinek?«, die Kippbilder waren wie weggeschmissen. In diesem Moment. Wie durch den Schredder des Vergessens gejagt. Da stand sie.

Über ihr quietschte eine Tafel: ZU DEN GATES, stand da, WILLKOMMEN, stand da.

»Schmutzbespritzt«, murmelte ich, mehr zu mir als zu Elfriede Jelinek, »natürlich. Natürlich.«

»Die Stadt der Schmerzen«, sagte die Jelinek mit hochgezogener Augenbraue, während sie sich vom Masten löste, »hier schicken alle ihren Schmerz her, die nicht fliegen können, hier schicken sie sich her auf die Aussichtsplattform und drücken sich die Nasen platt. Schauen den Fliegern nach. Und dann fliegen die, die ohnehin keine Sehnsucht mehr im Leibe haben. Die Sehnsuchtslosen, die heben dann ab in einer Selbstverständlichkeit, dass kein Auge trocken bleibt, außer ihres. Weil die Freudentränen ausgeweint sind. Weil sie sich schon ausgequetscht haben mit ihren harten Händen.«

Na ja, und hier, dachte ich, hier hatten sich die Selbstverständlichen ausgetobt, die Mallorca-Flieger, die Wochenende-in-Barceloner, die Schnell-nach-London-Hopper. Das ging alles nicht mehr. Seuche und so. Deswegen brennende Autos. Deswegen brennende Taxler. Ist der Urlaub nicht in echt, dann ist er nirgendwo, und dann musst du dir die Aufregung anders holen.

Ich sah mich um und hörte mich hart schlucken, ein Donnern in meinen Ohren.

Elfriede Jelinek reckte das Kinn und sagte: »Da sind wir also, wir sind, wo Sie hinwollten, Frau Tiwald. Ich hab Ihnen gesagt, das wird kein Honigmilchtrinken. Aber jetzt kneifen, das geht nicht. Sie sind Schriftstellerin. Uns ist das Kneifen untersagt. Zumindest das gedankliche. Wir müssen hinschauen. Und deswegen, ich sag’s jetzt, wie’s ist, darf ich Ihnen hiermit mitteilen – hiermit mitteilen, pfah, was ist das für ein Deutsch, ich bin schon ganz fertig – na ja, Sie haben das spezielle Stipendium bekommen, das Durch-die-Hölle-gehen-Stipendium, ich gratuliere. Ist quasi eine Fortbildung. Ein Aufenthaltsstipendium. Kriegt nicht jeder. Obwohl jeder es gebrauchen könnte. Wobei, dann haben wir so einen Höllentourismus. Dann schieben sich die Leiber durch die Hölle, und man sieht vor lauter Leibern das Feuer nicht und reckt sich und streckt sich und hat erst nichts davon gehabt. Also. Ist besser so. Willkommen in der Hölle.«

Sie machte eine Handbewegung Richtung Eingang, wie ein Zirkusdirektor knapp vor der Pension auf die altersschwachen Löwen deutet; dann ruckelte sie einmal mit dem Kopf, und wir gingen los.

Als hätte sie gerochen, was ich dachte, sagte sie über die Schulter: »Angst brauchen S’ keine haben«, super, und schon waren wir drinnen.

Ich hatte gedacht, dass sich die seltsame Leere des Vorplatzes, die gespenstische Verlassenheit der Parkplätze und Haltestellen im Inneren des Gebäudes fortsetzen würden. Aber ich hatte falsch gedacht. Dort, wo in anderen Hochsaisonen die Massen angestanden waren, um in die fliegenden Sardinenbüchsen vorgelassen zu werden, schlurften graugesichtige Gestalten an mir vorbei, manche einzeln, manche in kleinen Grüppchen, und fast alle mit einem Nachziehtrolley. Verlegen öffnete und schloss ich die Finger um den Griff des meinigen; das Grauen beginnt schon darin, sich in anderen gespiegelt zu sehen. Still war es keineswegs, nur war’s nicht der Bienenstock, als der sich ein Flughafen sonst präsentiert, sondern mehr das Wirtshaus vor der Sperrstunde, wenn der Wirt schon müde und ungeduldig einen dreckigen Fetzen so deutlich über die Budel schmiert, dass selbst der letzte geisterhafte Trankler kapiert, welche Stunde es geschlagen hat. Aber noch eine unflätige Bemerkung vom Stapel lässt.

An manchen Stellen hallte der Unflat wider, als stünden wir unter der Kuppel eines Doms, wahrscheinlich eines geplünderten, wahrscheinlich eines, den der Pöbel auseinandergenommen hat, um allem zu frönen, was die Pfarrer verboten haben, aber vom Frönen war hier nichts wahrzunehmen. Nur vom Stöhnen. Und Fluchen. Und Jammern. »Wann geht endlich der Scheißflug?« war noch das Harmloseste.

»Ihr Hirn haben diese Gestalten alle schon abgegeben wahrscheinlich«, sagte die Jelinek in einer Aufgeräumtheit, die mich aus meinen deprimierenden Betrachtungen riss, »aber Sie und ich, wir sind nicht zum Hirnabgeben da. Und den Koffer da, übrigens. Wollen S’ den Koffer jetzt wirklich mitzahn?« – »Da is ein Manuskript drin«, fiepte ich und klammerte mich fest. »Aha«, sagte sie, »na gut, es sei Ihnen verziehen. Aber später nicht jammern, wenn’s anstrengend wird, ich sag Ihnen gleich, ich zieh ihn nicht, ich zieh nix. Außer Schlüsse.«

»Des is zum Niedalenga und Schdeahm«, maulte laut eine aufgeschwemmte, aufgedonnerte Kuh, die mit Gatten und Gör an uns vorüberstapfte, aber ich schreibe das nur so hin, weil mir die Finger diktieren, weil ich zwar mit dem Trio dann und dort nichts zu schaffen haben wollte, aber die Menschen – so sage ich es mir immer wieder – eigentlich mag. Wer weiß, was die Kuh schon überstanden hatte. Wofür sie sich belohnen wollte mit einem Flug auf die Seychellen. Vielleicht war sie liebenswert. Schützenswert. Urlaubswürdig.

»Die meisten Leute glauben, dass sie sich was erzählen müssen, und dann fällt ihnen irgendwann nichts mehr ein, und dann glauben sie, sie müssen verreisen«, sagte die Jelinek und stieß die Hände in ihre Manteltaschen. »Hier trotten sie herum. Wie Drohnen auf Drogen. Ziellos, weil man sie ihr Ziel nicht haben lässt.«

»Aber ist da nicht noch ein Rest von Widerstand?«, ließ ich mich zögernd vernehmen. »Der Saft, die Kraft, sich noch aufzurappeln, die Stadt zu verlassen, von, sagen wir, den Malediven zu träumen? Ist das Reisen dann nicht schon Résistance?«

»Wer von den Malediven träumt, der hat sich schon aus seinem Leben weggebeamt, und das ist schlecht«, befand Frau Jelinek, »der hat kein Talent zum Aussitzen, zur Geduld, der Fluchtinstinkt, der die Mittelschicht befällt in Situationen wie der jetzigen, der ist langweilig, weil er mit wahren Fluchten nichts mehr zu tun hat. Es ist ein armseliger Fluchtinstinkt.«

»Aha«, murmelte ich.

»Hier«, sagte Frau Jelinek, »da müssen wir noch durch«, dann sah ich sie: das Knäuel, von dem die meisten Geräusche kamen, das meiste Jammern, und Fliegen kreisten auch noch drum herum: Koffer waren geplatzt, Wäsche lag herum, die offenbar bei überhasteten Abreisen noch aus dem Schmutzwäschekorb geholt worden war, Wäsche, die man offenbar hier schon anderen Zwecken zugeführt hatte, und dann noch alle möglichen Brote in allen möglichen Zuständen und Alterungsphasen, mit Käse drauf, der tropfte, mit Salamiblättern, die an ihren Rändern schon Wellen schlugen, es stank, es klang, Kinder greinten, natürlich schrien dann Erwachsene, aus deren kauenden Mündern es nur so spritzte, dann schrien andere Erwachsene zurück – warum es keine Massenschlägerei gegeben hat, kann ich mir nur mit dem hohen Grad der allgemeinen Erschöpfung erklären.

Mit ein paar dieser ausziehbaren Gurtkonstruktionen, die einem Weidezaun gleichen, wenn man sie ausfährt, hatte die Flughafenverwaltung eine Schleuse konstruiert, und wie die Österreicher nun einmal sind, hatten sie sich dort angestellt, angeknäuelt, weil SO ordentlich sind die Österreicher nun auch wieder nicht, sie sind ja keine Briten, die sich sogar bei der Bushaltestelle anstellen, nein, so verkniffen sind die Österreicher nicht, die knäueln sich dann schon. Vorm Gattertor. »Die Schleuse da«, sagte Frau Jelinek, »wird aussortiert, die Guten, Fieberfreien ins Töpfchen, die Kranken am Schöpfchen und raus mit ihnen. Oder nicht raus. In die Quarantänestation. Aber von dort werden wir uns schön fernhalten. Gar nicht Mutter Teresa und sich aufopfern und Schicksale teilen.«

Da stand ein völlig ausgemergelter, junger, erschöpfter Bursche mit Maske und Gesichtsschild und hielt einen Fieberthermometer in der Hand. Offenbar war er hier schon seit Tagen, Wochen, vielleicht seit Menschengedenken im Einsatz.

Schneckengleich hob sich die behandschuhte Hand, langsam, langsam fuhr das Fieberthermometer in seiner Hand, Sichtrohr eines U-Bootes, eines über und über in Schutzkleidung gehüllten U-Boots, zur Stirn eines sich aus der Masse gestreckt Habenden; »Neiiiin!«, brüllte dann der Aufgebrandete, bei dem das Fieberthermometer angeschlagen und der schmale Bursche »Siebenunddreißigeins« orakelt hatte, und verhüllte sein Gesicht; bei Siebenunddreißigkommaeins hieß es schon Njet, »nicht Fisch, nicht Fleisch von der Temperatur her, aber der Staat nimmt alles ganz genau, der Staat Österreich nimmt alles supergenau, vor allem, wenn es um das einfache Staatsfleisch geht«, murmelte Frau Jelinek, und da kamen schon zwei im Sicherheitsanzugsornat, krallten sich den Unglücklichen, der sich doch schon auf halbem Weg nach Mallorca gewähnt hatte, und verschwanden mit ihm, der zwischen den sicherheitsbeanzugten Körpern strampelte.

»Ich werde jetzt etwas machen, das mir zutiefst zuwider ist«, sagte Frau Jelinek, »aber es ist mir nicht so sehr zuwider wie das Einknäueln in der Masse, das mich auf den Höchstgrad der Angewidertheit treiben würde«, packte mich am Ärmel, fischte aus ihrer Manteltasche eine eingeschweißte Karte, brüllte: »Hier Jelinek! Jelinek!«, und siehe da, ein weiterer Beanzugter tauchte auf, löste eines der eigentlich flutschenden Bänder aus seiner Halterung, winkte uns durch, trat auf zwei, drei Verwegene ein, die nun auch »Jelinek! Jelinek!« brüllten, und brüllte zurück: »Schleichen S’ Eahna! Se hom kaan Noböllpreis!«

CANTO 4: VORHÖLLE

WIR WAREN DURCH. Ich wäre gern in Ohnmacht gefallen, aber Frau Jelinek sagte »Sorry« und haute mir eine runter, als sie mein Schwanken bemerkte, als würde sie einem Computer, der grad dabei ist sich aufzuhängen, einen Schubs geben. »Runterhauen« ist vielleicht auch zu drastisch ausgedrückt. »Schubsen« wiederum zu lieblich.

»Schauen Sie sich gut um, bevor es weitergeht«, sagte sie und ruckelte wieder mit dem Kinn.

Dort, wo eigentlich das Einchecken hätte stattfinden sollen, standen und saßen Gruppen von Leuten umher, denen offenbar durch irgendein Privileg vergönnt war, sich vom allgemeinen Gedränge abzusetzen. »Unsere Philosophinnen und Philosophen«, sagte Frau Jelinek, »die dürfen, hat man ihnen gesagt, davonfliegen, die dürfen abheben, man weiß nur nicht, wann und wohin.«

Ich schaute mich um und sah ein paar Leute in Jeans und Sneakers, ein paar in Anzügen, manche davon derart gemustert, dass eine Kuh davor gescheut hätte, aber wer bin ich, Leuten ihre modischen Selbstaufmunterungen zu missgönnen; sie hielten einigermaßen Abstand und trugen Masken, die Damen und Herren, wobei: wesentlich mehr Herren als Damen, nur einer nicht. Der hatte die Maske unterm Kinn und, horribile dictu, rauchte.

»Das ist der Robert Pfaller«, sagte Frau Jelinek in einem Tonfall, als wäre sie eine Fremdenführerin und würde gerade einer Gruppe japanischer Touristen im Vorbeigehen schnell den Stephansdom zeigen.

»Ah«, sagte ich wie ein Schaf, »ist das der mit der Pro-Raucher-Initiative?«

Wenn ich Frau Jelinek gewesen wäre, hätte ich mich jetzt mitleidig angeschaut, sie schaute aber ganz normal und gleichgültig. »Er hat ja ein Buch über die Erwachsenensprache geschrieben und über ihr Verschwinden«, hudelte ich also weiter, »das find ich interessant, äh.« Es ging darin wahrscheinlich auch ums Gendern und dass das schlecht sei, dachte ich, aber ich war noch meiner Beinahe-Ohnmacht von vorhin zu nah, um mit Elfriede Jelinek eine Diskussion über gerechte Sprache anzufangen. Sie sagte nur: »Da steht der Herr Pfaller und raucht und erfüllt seine Ankündigungen und vielleicht gleich sich selbst dazu. Vielleicht hätten wir alle zuhause bleiben sollen. Vielleicht hätte ich auch zuhause bleiben sollen. Aber hier bin ich und will den Herrn Pfaller eigentlich anreden, aber dann will ich ihn doch wieder nicht anreden, weil ich eigentlich leutschiach bin. Und außerdem steht schon in der Bibel: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr das Himmelreich nicht erlangen. – Jetzt hat er seine Erwachsenensprache, der Herr Pfaller, und ob er von hier aus, mitten in der Krise, noch in den Himmel kommt, das weiß ich nicht, das weiß ich nicht.«

Ich muss sagen: Sie tänzelte.

Ich glaube, dass sich auch Peter Sloterdijk hierher verirrt hatte, da war ein seebärbebarteter Herr mit grauem Mondscheinhaar und Aktentasche und Schrankkoffer, der offen stand und Aberhunderte Bücher zu enthalten schien; der Herr teilte jedem, der die Hand ausstreckte, eines aus, während ich ihn mantraartig murmeln hörte: »Umwege sind die direktesten Wege zum Zentrum. Umwege sind die direktesten Wege zum Zentrum …«2

Frau Jelinek schüttelte leise den Kopf und deutete mir, weiterzugehen, obwohl ich fast, fast die Hand ausgestreckt hätte vor Sloterdijks Bücherschrankkoffer. »So was lesen«, murmelte sie mir zu, »geht nur, wenn man dann gleich selbst wütend in die Tastatur hämmert, und dazu haben wir jetzt keine Zeit und nix mit, also lassen wir das lieber.« Beinahe hätte sie mich am Ärmel gefasst, ließ es dann aber bleiben und verschränkte die Arme im Gehen; ich folgte ihr, die Rädchen meines Trolleys rollten über den steinernen Boden und zerknackten da und dort einen fortgeworfenen Kuli, aus dem keine Tinte mehr tropfte; offenbar war alles schon leergeschrieben. »Journalisten sind auch da und wollen auch weg«, sagte Frau Jelinek, »oder zumindest weiter durch zu den Gates und einen Blick hineinwerfen, aber das ist alles nicht so leicht, die haben ja kein Aufenthaltsstipendium bekommen. Die sind zum Dableiben verdammt. Zum Schauen auf den immergleichen Fleck. Da werden sich manche wünschen, sie wären Altenbetreuer geworden, oder Pfarrer.«

Ich hatte mir keine Vorstellung davon gemacht, wie viele Leute in Österreich sich ihr Geld mit Denken, Schreiben und Berichten verdienen; es war ein bisschen deprimierend (wir sind so gern unvergleichlich), aber da lehnten und lungerten sie, kritzelten auf Blöcken herum, ich erkannte jemanden aus den ORF-Nachrichten, dort jemanden von einem Foto, das wiederholt unter Gastkommentaren gedruckt worden war; sogar der Überchef von jenem betriebsratlosen Sender, der mit Geld aus dem Handel mit einem taurinhaltigen Getränk unterfüttert wurde, stromerte herum und süffelte Wasser aus einer Wasserflasche, ich sah es genau.

»›Kurze Sätze über gutes Leben‹«, sagte da Elfriede Jelinek, »das ist auch so ein Buchtitel vom Robert Pfaller. Ich sag Ihnen jetzt einen kurzen Satz über das gute Leben: Dietrich Mateschitz trinkt Wasser.«

Sprach’s und lotste mich weiter. Michael Fleischhacker, der einmal die Presse gechefredakteurt und dann diverse Talks moderiert hatte, musste husten, als wir an ihm vorbeikamen, ich trug zwar Maske, machte aber trotzdem einen Sprung zur Seite. Fast wäre ich in ein Knäuel von Menschen gestolpert, von denen mich Frau Jelinek nun doch mit einem soliden Griff am Oberarm wegzog. »Das sind die mit den Positiv-denken-Ratgebern«, sagte sie, »das lassen wir lieber bleiben.«

Die Gruppe war, darf ich berichten, gar nicht klein; ich nehme an, dass sie aufhörten, so prall zu grinsen, als sie begriffen, dass Frau Jelinek – die sie wahrscheinlich nicht als Ikone über ihren Betten hängen hatten – und ich in Richtung »weiter« gingen. »Weiter« stand da über dem Nadelöhr, das die große Halle A von der Shoppingarena trennte, wo sich weitere Check-in-Ebenen übereinanderstapeln wie die Brüstungen im New Yorker Guggenheim-Museum. Nur weniger schön.

»Weiter« kam man aber nur, wenn man an dem Pop-up-Würstelstand vorbeikam, der so gezimmert worden war, dass kein unbefugtes Dickerl sich unbemerkt daran vorbeiquetschen konnte. Auch kein Dünnerl. Die Dame, die den Stand und somit den Durchgang hütete, hatte ihr blondiertes Haar zu einem Ivana-Trump-Imitat hochgezurrt, alles an Make-up verwendet, was man so verwenden kann, und strahlte eine Art von Kompetenz aus, die wohl mit dem Mundwerk zu tun hat, das man sich in Jahrzehnten Würstelstand aneignet, es sollen sich ja die wüstesten Szenen abspielen vor Würstelständen, aber das weiß ich nicht, weil das vegetarische Sortiment dort bei Hot Gurkerln halt macht.

»Frau Müller-Thurbach, hier bin ich wieder«, sagte Frau Jelinek und hob im Gruß zwei Finger an die Schläfe. »Ach, Frau Jelinek, Sie sind aber flott«, sagte die kompetente Würstelständlerin in einem Deutsch, das sich eher nach dem Schliff von ORF-Fernsehabenden mit Christine Hörbiger anhörte als nach Jahren harten Wiener Pflasters, »und das ist wohl die Frau Tiwald, gell? Wissen Sie, Frau Tiwald, wir lassen hier nicht jeden durch. Und schon gar nicht die Herrschaften von der Journaille.«

Aus dem Eck des Würstelstands schob sich eine hagere Gestalt, genauso blond und genauso geschminkt wie Madame Müller-Thurbach, und erkundigte sich, ob ich einen Hotdog wolle. »Se wean eahm no brauchn!«, mahnte die hagere Gestalt hinter ihrer Maske und wackelte mahnend mit dem dürren Zeigefinger, während La Müller-Thurgau mit einem Bratspieß nach einem Herren stach, der sich unrechtmäßig genähert hatte: »Vade retro«, brüllte sie, »hier kommen nur die durch, die dazu befugt sind! Wo is Ihre Berechtigung? Na? Na also! – Wart, Lieserl, vielleicht will die Frau Tiwald einen Tofu-Hotdog?«

Frau Jelinek tappte ungeduldig auf den Schwechater Flughafenboden, aber ich muss nun einmal bei jeder Gelegenheit an irgendetwas kauen, vor allem, wenn ich daran erinnert werde, dass damit für einen längeren Zeitraum Schluss sein könnte. »Am besten mitnehmen, das gute Papperl«, sagte sie, »heiße Hunde soll man nicht schlafen lassen. Jetzt dann aber dalli. Sie müssen auch morgen noch kräftig zubeißen.«

CANTO 5: IM WIRBELSTURM. DIE LIEBENDEN

FRAU JELINEK WANDERTE MIT einem Stoizismus, der ihr in einem Hopper-Gemälde auch gut gestanden wäre, hinein in den Terminal drei, der vor einigen Jahren an den alten Flughafen drangeklotzt worden war und allen die große, weite Welt vorspielte, in die man sich aber erst hineinfliegen musste. Es sollte wohl nach Metropole aussehen, obwohl jeder wusste, dass die Schlagzeilen, die wie Running Sushi über den Köpfen der – zu anderen Zeiten ständig – Ankommenden entlangliefen, von der Kronenzeitung bespielt wurden, einem Medium, das so kleinformatig war wie das Land, in dem es erschien.

Aus irgendeinem Grund ging geisterhaft eine Schiebetür auf, ein Windstoß fegte uns durchs Haar. Frau Jelineks Zöpfe regten und reckten sich wie schmale Schlängelchen. »Zu diesem Handel«, sagte sie und nahm das Möchtegern-Shoppingareal in den Blick, das sich bemühte, einen Hauch von wenigstens Frankfurt zu verströmen, »und Verwandel gehört der Fremdenverkehr, bei dem die Leute, statt abgenützt und weggeschmissen zu werden, neuer und besser zurückkommen, als sie hineingegangen sind, aber weniger für sich kriegen, denn ihr Budget ist aufgebraucht.«

Ich dankte dem Himmel leise dafür, dass ich gerade erst »Die Kinder der Toten« zu lesen begonnen hatte. Sie lagen in meinem Köfferchen, die Kinder der Toten; so erkannte ich das Zitat aus dem Prolog und konnte gewandt anschließen mit »Es hat sich aber ausgezahlt.«3 Ich sah sie von der Seite an, diese eigentlich zarte, eigentlich schöne Person, die mindestens eine Generation der Österreicher so leicht erkannte wie, sagen wir, die Mona Lisa. Stolz wallte auf in mir. Und Zuneigung. Ich erinnerte mich daran, wie ich mit einem Freund in einer – ja – Sushibar gesessen war, einer von diesen billigen, in denen man in Plastikboxen abgepack-te Lachssushis kaufen kann, als auf meinem kleinen Nokiahandy eine SMS ankam mit dem Wortlaut »Ja hurra elfriede jelinek bekommt den literaturnobelpreis.« Ich weiß noch, wie ich meinem Freund wortlos das Handy reichte, wir beide uns je eine Hand vor den Mund klappten vor Freude und Überraschung, und die Augen aufrissen. Ich weiß noch, wie die Kronenzeitung tags da-rauf die Nachricht in einem winzigen Kästchen unterbrachte – neben einer fast schon subversiven Baumax-Werbung für eine Pflanze namens Erica Gracilis. »Der Führerschein kann schnell weg sein!« – das war die Schlagzeile.

Sie müssen sich das von mir gerade Geschilderte als das Gedankenkondensat von zwei Sekunden vorstellen, und sogar die sind zu lang, um das leichte Rümpfen einzuschließen, das ich an Frau Jelineks Nase sehen konnte. Kummervoll klammerte ich mich an meinen Trolley, während ich dachte. »Manche stürzen leider auch ab dabei«, murmelte sie dann, um zu seufzen und mit »So, und jetzt genug zitiert, es sollen ja neue Bücher kommen auf die Welt« weiterzustapfen.

Die Windstöße kamen aus den hektisch sich öffnenden und schließenden Schiebetüren, aus denen normalerweise die Ankommenden, die Wien-Neugierigen oder Wien-Konsumentinnen, die Stadt-Abhakerinnen und To-do-List-Reisenden, die Musiknarrischen, die Schnitzelsüchtler, die Heimkehrenden in gebückter, aufrechter, abwesender oder feierlicher Haltung strömten. Jetzt strömte gar nichts.

Über das Kronenzeitung-Band rutschte eine einzige Schlagzeile in Dauerschleife: Pandemienotstand ausgerufen. Rettung naht nicht.

Zwei junge, sehr junge Leute lungerten herum, blass und ganz in Schwarz, ich sah sie erst nach der traurigen Lektüre des Kronenzeitung-Ergusses.

»Jetzt fangen die harten Stationen an«, seufzte neben mir Frau Jelinek, »aber so ist das halt, man schreibt, und schwupps hat man Verantwortung in Zentnersäcken auf den Schultern liegen. Schauen Sie sich die zwei da gut an. Ich weiß ja nicht, ob Sie meine Bücher kennen, Frau Tiwald, es ist mir auf eine Weise wurscht, wie es Buddha wurscht wäre, aber die da, das sind die von mir in die Welt gestoßenen, weil aus dem Limbo der Unbeschriebenheit herausgeholten, Zwillinge Witkowski. Anna und Rainer Maria, die …«

»… die im Wien der 1950er mit einem Vater leben, der im Krieg ein Bein verloren hat«, sprudelte es aus mir hervor, »und der die Mutter dauernd und exzessiv pornografisch fotografieren muss« – ich hatte zwar ein Entspannbuch einschieben müssen nach den »Ausgesperrten«, aber dafür waren die zwei Horrorteenies wie durch Pflugscharen in meinem Hirn eintätowiert.

»Hallo«, sagte Frau Jelinek, »liebe Anna, lieber Rainer, da bin ich wieder, und ich hab diesmal die Frau Tiwald mitgebracht.«

»Servus, Alte«, sagte das Gräuel, das Anna hieß und alles Mitleid verdiente, »ist das eigentlich auch eine so untervögelte Person, die Frau Tiwald, wie Sie? Soll mich das noch irgendwie interessieren?«

»Lass, Annaspätzchen«, sagte das männliche Zwillingsmonster, dem sich die Liebe hätte erfüllen sollen, um alles aushaltbar zu machen und das furchtbare Ende des Romans zu verhindern, »die Gelegenheitsschreiberinnen da, die können uns schon wieder nicht das Wasser reichen, nicht das Trinkwasser, nicht das Brauchwasser, nicht das Brackwasser.«

Sie wandten sich ab und starrten auf die Smartphones, die sie im Roman noch nicht gehabt hatten. Ich knetete mir die Nasenwurzel und rieb mir über die Augenlider. »Wie«, flüsterte ich, »ist das möglich?« Vor uns saßen ein Familienauslöscher und seine Schwester, die eigentlich aus Papier und Tinte waren.

»Ich hab nicht die geringste Ahnung«, flüsterte Frau Jelinek zurück, »wenn ich früher gewusst hätte, dass Monster aus den Buchseiten springen können und die Guten nicht, dann hätt ich auf jeden Fall nur über die Guten geschrieben und mit Lavendelromanen für Frauen vielleicht ein kleines Vermögen verdient. Und Österreich wär sowieso dasselbe geblieben. Dann wären alle glücklich gewesen.«

»Aber man muss schon«, flüsterte ich zurück, »denen, die auch so verzweifelt sind, wie man selbst, einen Anker hinwerfen. Also, ein Buch als Punkt, wo man sich trifft zum Ja-Sagen zur Verzweiflung, mein ich. Damit man nicht glaubt, man ist komplett allein in einer Wüste aus Lavendel. Verstehen Sie?«

»Du, Rainer, die zwei alten Tanten gaffen uns an, glaub ich«, sagte da die Anna zu ihrem Bruder, der nur kurz seinen leeren Blick vom Smartphone hob. Ich dachte, ich würde unter so einem Blick erschauern; ich hatte schon halb und halb daran gedacht, dass ich mich unter Überwindung meiner ehrfürchtigen Distanz an den Oberarm von Frau Jelinek würde klammern müssen, war das nicht auch beim Zauberlehrling so, dass der Meister den wilden Besen wieder in die Ecke schickt? Sollte sie mich beschützen vor diesen zwei fleischgewordenen Albträumen von Pubertieren. Aber ich erschauerte nicht. Ich machte vorsichtig zwei Schritte, nachdem ich Frau Jelineks Zeigefinger in meinem Rücken gespürt hatte.

»Darf ich fragen«, sagte ich, »was ihr da auf dem Handy anschauts? Ist das … ist das noch sehr neu für euch? Weil im Buch seids ihr in den Fünfzigerjahren.«

»Rainer, die Alte fragt uns was.«

Ich setzte ein geduldiges Lächeln auf.

»Wie ich euch kenn aus dem Roman von der Frau Jelinek, seids ihr eigentlich zwei gscheite junge Leut. Da gibt’s sicher einen Haufen zu entdecken, wenn man so ein Smartphone in die Hand kriegt und irgendwann rauskriegt, wie man’s am besten verwendet. Man kann natürlich seine Zeit verscheißen mit allem möglichen Wahnsinn. Vielleicht habts ihr von Fake News schon was gehört.«

»Blabla, blabla«, sagte Rainer und fuhr weiter mit dem Finger auf dem Ding herum, »wir brauchen euer Gelaber nicht. Wir sind die Neuen. Wir sind immer schon die Neuen gewesen, da warts ihr noch gar nicht auf der Welt.«

»Mit Verlaub, in den Fünfzigern war ich schon auf der Welt«, sagte Frau Jelinek, »deswegen hab ich euch ja so geschrieben, wie ich euch geschrieben hab.«

»Schönen Dank, kann ich nur sagen«, sagte Anna und wischte, »das ist ja das reinste Gräuel, in das du uns reingeschrieben hast, das Allerletzte, das Miefigste und Verstunkenste, das Widerlichste und Graueste.«

»Aber damit ist jetzt Schluss«, sagte Rainer, »wir lassen uns das nicht länger gefallen, wir lassen uns nicht in die Liebesunmöglichkeit hineinschreiben, in die du uns hineingeschrieben hast, Jelinek, wir suchen uns jetzt was Besseres.«

»Genau«, zischte Anna, »diese Klovögeleien und dieser abartige Vater, dieser untreue Hans und dieser verzwickte Bruder. Ich mag nimmer. Ich find mir was Besseres.« Sie fasste sich, während sie sprach, ins dünne Haar und entfernte ein Stück ihres Gehirns, das dort herumklebte wie faules Ei.

»Und deshalb, Jelinek«, sagte Rainer und hob kurz den Kopf, »schreiben wir jetzt unsere Zukunft selbst. Genau. Ganz kurz. Und setzen uns in die Welt und schauen, was passiert.«

Er reckte sein Smartphone in die Luft in einer Mischung aus Siegergeste, Pokal, Stockerlplatz und einem Rest von Aufzeigen wie in der Schule. Drehte den Bildschirm uns zu.

Er war auf Tinder.

Er saß da und wischte. Sie saß da und wischte. Sie waren blass und hühnerbrüstig, so wie ich sie mir vorgestellt hatte. Sie lebten. Und sie lebten nicht. Sie waren die papierensten Untoten, die mir jemals begegnet waren (und die einzigen. Bisher). Aus meinem Brustkorb fühlte ich ein Seufzen steigen; eines, dessen Kommen sich wie aus dem Erdinneren anfühlte, wo heiße Steine sich aneinanderpressen; eines, dessen Ausatmen nicht so schnell vorbei sein würde wie eine Wischbewegung.

Obwohl ich Rainer Witkowski mit seinen funkelnden Augen ab und zu innehalten sah über einem der kleinen Bilder auf der Maschine in seiner Hand.

Und dennoch dauerte mein Seufzen länger.

»Ich lebe!«, schrie er plötzlich, sprang auf, fuchtelte mit dem Handy herum. »Ich lebe, und ihr alten, vertrockneten Ex-Lebedamen könnt mir in meiner Gier nie und nimmer das Wasser reichen! Ich werde ficken! Lieben! Und ihr nicht! Amen!«

Er schrie herum, fuchtelte, dann setzte er sich. Wischte.

Frau Jelinek stand neben mir und sagte nichts, schaute nur und blinzelte ab und zu. Ich hörte mich »Der arme Bub« sagen, als stünde ich neben mir, als hörte ich mir selbst beim Auswerfen von Plattitüden zu. Sie schaute. Sie blinzelte. »Das wahre Glück«, sagte sie dann, »ist das Gefühl, das Beste im Leben gewollt zu haben.«4

Dann zupfte sie mich am Ärmel, und wir gingen weiter.

CANTO 6: DER SPAßMACHER. DER EWIGE REGEN

»UND DANN IST ER ausgegangen«, sagte Frau Jelinek, »hat mit einem Schulkollegen für die Matura gelernt, hat eine flüchtige Bekannte angerufen, war mit ihr in der Picasso-Bar – so ein kleiner Möchtegerngelehrter geht natürlich in eine Picasso-Bar und nicht in eine Bogart-Bar und nicht in eine, ich weiß nicht, Hansi’s Bar. Und dann hat er so getan, als würde er beim Aufsperren der Wohnung zufällig die Leichen der Mutter und der Schwester finden. Die er vorher eigenhändig erschossen und mit der Axt zermalmt und mit dem Bajonett zerstochen hat.«

Ich schaute mich verstohlen um: Hatte jemand zugehört, dem die Lektüre von Jelineks »Ausgesperrten« vielleicht noch bevorstand? Oder jemand, der es auch durch die Schleuse geschafft hatte und vorbei am Würstelstand und sich vielleicht hinuntergebeugt hätte zu Anna oder Rainer Witkowski, ihnen über den Scheitel gestrichen, ihnen eine Wurstsemmel spendiert hätte, und jetzt die Finger davon lassen würde, weil er es mit einem Familienmörder zu tun bekommen hatte?

Aber da war niemand. Und sie, die sagte: »Dabei hat sich im Gehirn der Anna durchaus eine Berg-Sonate zusammengebraut, vorbereitend für die Finger und fürs Klavier, und dieses Berg-Bräu hätte ihr gutgetan, aber da war der Bruder vor«, zog mich weiter.

Da war plötzlich ein kleiner, kläffender Hund zwischen uns und dem Ausgang zu den Parkplätzen, wo zumindest ich dringend notwendige Luft zu schnappen vorhatte, ohne mich von einem Hund schnappen zu lassen, der so tat, als sei auch ein Boxer eine Bulldogge, er kläffte auf diese röchelnde Art, die wirkt, als kämen gleich Hassgeifer und Höllenschaum aus dem Maul gespritzt. »Ein Zollhund«, sagte Frau Jelinek fast gelangweilt und warf dem Miniköter mit den Worten: »Passt schon, Zerberus, schon wieder ich, jetzt kennst mich ja schon« ein Guti zu, das sie mit erstaunlich routiniertem Griff aus ihrer Manteltasche geholt hatte.

Es regnete. Es regnete plötzlich. Na gut. Es muss natürlich in einer Stadt, über der die Katastrophe hängt wie eine Käseglocke, auch regnen. Katastrophe und Sonnenschein, das schlägt sich. Alles fügt sich offenbar ineinander und die Natur gehorcht einer Dramaturgie. Manchmal. »Jö, es regnet schon wieder«, sagte Frau Jelinek und öffnete mit den Händen die Mantelhälften, als wolle sie dieses Wetter willkommen heißen. »Sie glauben vielleicht, dass ich spinn«, sagte sie dann mit einem Unterton, den ich als listig klassifiziert hätte, schriebe ich das alles auf, »Sie glauben, die Alte tut so, als würd sie fliegen wollen. Davonfliegen von diesen deixhaften Figuren, die sie da schreibt, und Sie fragen sich, wem Sie noch begegnen werden in dieser Hölle von Flughafen. Aber ich sag Ihnen was. Ich will gar nicht davonfliegen. Ich will mich nur rüsten. Weil da drüben, da begegne ich bei jeder neuen Einführung, und es schüttelt mich wirklich vor Ehrfurcht, nur weiß ich nicht, wie ich das so sagen soll, dass es nicht ironisch klingt, dort begegne ich jedes Mal von Neuem dem Peter Hammerschlag.«

Weil es meine Mutter gibt, weiß ich, wer Peter Hammerschlag war. Ist. War.

Meine Mutter hat mir oft mit Inbrunst, Spaß an der Häme gegenüber magyarischen Absolutheiten und weit aufgerissenen Umlauten Peter Hammerschlags »Schöpfungsgeschichte auf Ungarisch« vorgetragen, und ich habe immer befunden, dass sie das viel besser kann als Friedrich Torberg auf der Aufnahme, wo er ebenfalls anstimmt:

»Im Anfang war, das ist gäwiss

der Wort, auf Griechisch Logosch.

In Weltmeer ist härumgeschwimmt

die Urgetier, das Fogosch.«

»Da drüben«, sagte Frau Jelinek, »lehnt er.«

Und da lehnte er tatsächlich, eine schmale Gestalt, eine hohe Stirn, Nickelbrille. Ein abgewetzter Mantel, ebensolche Stiefel. Ich dachte plötzlich wie irr daran, wie er bloß riechen mochte, Peter Hammerschlag, den 1942 die Nazis geholt hatten. Der – wo war nur mein Handy? Bei wem war er noch einmal untergetaucht in Wien?

»Steinbrecher«, sagte er da zu mir, bevor ich meinen Mund aufgemacht hatte.

»Äh«, machte ich.

»Alexander Steinbrecher, der Komponist, an den haben Sie grad gedacht. Der mich versteckt hat.«

»Herr Hammerschlag«, sagte Frau Jelinek, »das ist die Frau Tiwald«, und dann sagte sie gar nichts mehr und schaute nur. Machte sogar einen Schritt zurück.

»Hm«, machte Hammerschlag und zuzelte an seiner Zigarette. Sie glomm auf in diesem Grau-in-Grau, ein kleines Sönnchen, zerborsten schon und knapp davor, ein schwarzer Stern zu werden. Aber sie roch. Sie roch nach Zigarette.

»Herr Hammerschlag«, flüsterte ich. »Es ist … ähm.«

»Es ist Ihnen Ehre,

dass ich hier verkehre,

wollen Sie sagen

und mich gleich derschlagen«,

sagte er und zog und zog und die Zigarette glomm auf und ab.

»Ich bin mit Ihnen aufgewachsen«, wisperte ich, »mit der Schöpfungsgeschichte auf Ungarisch. Und mit dem Krüppellied.«

»Niemand ist mit mir aufgewachsen,

die Erd hat mich in ihren Pratzen,

der Himmel in den Pfoten,

dort bei den andern Toten«,

sagte er.

Ich trat von einem Fuß auf den anderen und begann, den Griff meines Trolleys zu kneten. Wie sollte ich so jemandem würdig gegenübertreten; wie sollte ich so jemandem in die Augen schauen; wie konnte ich ein Gespräch mit jemandem führen, der so wie dieser Mann, der so heimelig aussah mit seiner Nickelbrille, die sich wie zwei Scheinwerfer um die Augen kugelte, und dessen – wie heißt das in den Lexika –, dessen Spur sich in Auschwitz verliert –

und da tat ich, was offenbar in meine Knochen eingeschrieben ist, weil ich eine katholische, durchaus schöne Kindheit verlebt habe, in der ich erfahren habe, dass Ehrfurcht möglich ist. Ich ging in die Knie und beugte mein, wie sagt man, man sagt Haupt, ich beugte mein Haupt, sollte doch mein Trolley peinlich berührt dastehen, sollte er dastehen wie eine Miniatur vom World Trade Center, ein Bauwerk. Ich beugte mein Haupt. Stirn Richtung Erde.

»Da ist nicht Richtung Mekka«,

flüsterte er,

»dafür bin halt jetzt ich da.«

»Warum«, sagte ich tonlos zwischen meinen übers Gesicht gefallenen Haaren, »warum sind Sie damals rausgegangen? Aus der Wohnung vom Herrn Steinbrecher? Man traut sich nicht …« – ich hob den Kopf und schaute ihn von unten an – »man traut sich nicht, obwohl ich gehört hab, dass die Hölle hier passiert, hier gerade, Schwechat, aber man traut sich nicht, hierzu Hölle zu sagen, wenn man weiß. Also ich weiß. Dass Sie in Auschwitz … umgekommen sind.«

»Was reimt sich auf Auschwitz?«,

sagte er leise,

»Doch nur Blitz und Witz.«

Er reichte mir eine knochige Hand, ich zog mich daran hoch. »Warum? Sie haben doch gewusst, dass …« Ich brach ab. Manchmal gräbt anmaßende Artikulation einen Abgrund zwischen zwei Menschen; ich wollte nicht mitgraben.

Da lachte er und schwenkte seine Zigarette, und ich sah, dass ein paar Zähne fehlten, als er rief: »Na, weil ich g’raucht hab! Weil ich raus bin, Zigaretten holen! Deswegen. Hams mich g’schnappt. Der arme Steinbrecher. Wahrscheinlich kennt den niemand mehr. Ein ganz anständiger Komponist is er g’wesn, ja, ganz anständig. Die Gigerln von Wien! Hat wahrscheinlich a Todesangst g’habt, wie ich nicht mehr zurückkommen bin. Und zu Recht.«

Wieder lachte er dieses leicht zahnlose Lachen.

»Ja, ich war ein U-Boot beim Steinbrecher … und dann hab ich Zigaretten holen müssn, ich Trottel.«

Es war kalt, es regnete in konstanten Schnüren, es wehte Tropfen auf mich, auf Frau Jelinek, auf Peter Hammerschlag. Da begann er plötzlich zu singen:

»Unter einem Regenschirm am Abend

hängt man sich zum ersten Male ein …«,

und pfiff ein bisschen und sang:

»So ein Regenschirm wird oft verachtet,

verborgt, verpachtet … der Mensch ist roh.

Dutzendweis sieht man die Schirme liegen

in letzten Zügen am Fundbüro … – Das is so ein Lied, das der Steinbrecher geschrieben hat. Zum Beispiel.«

Er schob die silbrige Brille den Nasenrücken hoch, sagte »Na ja« und ruckelte die Schultern gerade. Als fände er sich in seinen Knochen nicht zurecht.

»Die Frau Jelinek hier, die zu kennen ich zu Lebzeiten nicht die Gnade gehabt hab« – »von meinem Geburtsjahr her wär sich’s ausgegangen«, murmelte Frau Jelinek, »wenn nicht der Wahnsinn solche Methode gehabt hätte …« – »die Frau Jelinek«, fuhr Peter Hammerschlag fort, »die wird mit mir noch ein Zigaretterl rauchen, während Sie sich da drüben kurz umsehen.«

»Die Frau Tiwald«, Frau Jelinek hob den Kopf, als wär ihr gerade was aufgefallen, »die Frau Tiwald hätten Sie übrigens noch wiegen können in Ihren Armen. Wenn alles mit rechten, also nicht rechten, Dingen zugegangen wäre.«

»Na, jetz is sie ja da, die Frau Tiwald«, sagte Peter Hammerschlag und lächelte. »Übrigens, fast hätt ich was vergessen. Also, die Frau Jelinek sagt, Sie dürfen mich was fragen. Nachher geh ich wieder. Wenn ich mit ihr meine Zigarette geraucht haben werd. Ich bin sowieso nur halbert da. Weil eigentlich lieg ich ja im Himmel seinen Pfoten.«

Ich sah zögernd zu Frau Jelinek hinüber, aber die schaute nur zurück. Und dann fiel mir Dante ein. »Dante«, murmelte ich tatsächlich zu mir selbst, wahrscheinlich etwas debil, »der Spaßmacher. Der Spaßmacher! Im sechsten Canto. Der kann die Zukunft der Stadt vorhersagen.«

Also drehte ich mich um zu Peter Hammerschlag, der, wenn man es genau nehmen und beschreiben mag, ein bisschen wie James Dean an dieser Säule lehnte, aber ein James Dean, den einmal einer geliebt hat, und fragte:

»Können Sie eigentlich die Zukunft sehen?«

Der Regen rauschte, Autos hupten, und Peter Hammerschlag, der riss plötzlich die Augen auf – und lachte.

»Die Zukunft! Ja! Die Zukunft. Endlich fragt mich wer das. Endlich fragt mich wer …« Er schaute in die Ferne, als sich seine Lippen wieder schlossen über dem zerbrochenen Mundwerk.

Dann sagte er:

»Dumme gibt’s in jeder Menschenzeit.

Dumme, G’scheite, weit und breit,

erst schwarz, dann rot, dann pink und grün,

die sich im Grunde nicht verstehn.

Die bilden zäh Koalitionen,

die den Aufwand fast nicht lohnen,

kürzen, bis auf jenen Rest,

der noch niet- und nagelfest,

das, was die Gesellschaft bräuchte,

auf dass flugs sie sich erleuchte.

Denn das versteht wohl jeder Wicht:

Ohne Geld gibt’s auch kein Licht.

Ohne Licht kommt die Verdammnis.

Wer Grips hat, hat vor dieser Schiss!

Doch wurscht, ob blau, ob gelb, ob karamellisch:

Zusammen schafft sie es, die Welt. Rein theoretisch.

Allein auf Machterhaltung schielen,

das wird’s für keinen Kanzler spielen,

sei er noch so cool und kurz,

dem Klima, sag ich, ist das schnurz-

piepegal. Nur ein Beispiel ist mir dieses.

Aber ehrlich? Ganz ein fieses.

Schwitzt nur, Leute, schwitzet sehr,

da kommt mehr noch, gar das Meer,

das an den Küsten von Europa

steigt und spült an Strände Tote.

Tut mir leid, unrein gereimt.

Für dich gilt auch, du Unione:

Denk ans Mit und nicht ans Ohne.

Nicht in Katastrophen denken.

Sondern Möglichkeiten schenken.«

Er seufzte. Und lächelte.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte er, »das ist nur so ein Wunsch. Mehr Zukunft geht nicht. Mehr sag ich nicht. Sonst bricht mir noch einmal das Herz.«

Ich lächelte zurück. Frau Jelinek gab mir einen Schubs mit dem Ellbogen und sagte: »Ich bleib noch hier auf eine Zigarettenlänge und erzähl dem Herrn Hammerschlag von Ibiza und der Oligarchennichte, während Sie sich da drüben beim Tower einmal umschauen.«

»Was is das, ein oller Gach?«, fragte Peter Hammerschlag, während ich schon in Richtung Tower blinzelte, wo tatsächlich ein riesiger Menschenhaufen unglaublichen Lärm machte. Ich bin an und für sich ein wenig menschenscheu und froh, wenn ich nach einem Tag voller fremder Gesichter wieder in göttlicher Ruhe versinken kann – vielleicht begleitet von was Seichtem auf Netflix. Oder, wenn mir nach Anspruch ist, begleitet von etwas, das ich, zwischen zwei Deckel gepackt, aus dem Bücherregal holen kann.

Da drüben war ein Menschenhauf, ein Menschenklump zugange, es wurde gejohlt und geschrien – und darauf, meinten Frau Jelinek und Herr Hammerschlag, sollte ich nun einen Blick werfen. Er werde, sagte Peter Hammerschlag, noch auf mich warten, um sich dann von mir zu verabschieden. »Ein bissl vorsichtig sein«, gab mir Frau Jelinek noch mit auf den kurzen Weg, bevor sie sich mit funkelnden Augen von Herrn Hammerschlag eine Zigarette anzünden ließ.

Pulsuz fraqment bitdi.

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9783903184916
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