Kitabı oxu: «Das Gefühl von ihr: Erotische Novelle»
Katja Slonawski
Das Gefühl von ihr: Erotische Novelle
Lust
Das Gefühl von ihr: Erotische Novelle ÜbersetztGesa Füßle Original Känslan av henneCopyright © 2018, 2019 Katja Slonawski und LUSTAll rights reservedISBN: 9788726121995
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Das Gefühl von ihr
Der Wald zieht unbemerkt vorbei. Kleine Ortschaften. Wollige Schafe in einer stummen Landschaft. Wenn mir zu schwindlig davon wird, die nahen Dinge anzusehen, kann ich den Blick auf etwas weiter Entferntem weilen lassen. Ich denke, dass das wie im Leben ist: darauf zu fokussieren, was einem zu dem Zeitpunkt am meisten Kraft gibt. Ab und zu werden wir in einer gleichen Bewegung herumgeschüttelt; wir wenigen Passagiere, wir, die irgendwo hinwollen. Der Waggon quietscht und jemand blickt auf. Ich strecke meinen Hals, versuche, in dem knarrenden Sitz eine bessere Position zu finden. Sie sind wie dafür gemacht, dass man nicht einschlafen kann; wahrscheinlich gehört das so. Wenn ich Zug fahre, sehe ich immer aus dem Fenster, was dazu führt, dass mein Hals steif wird. Aber ich kann es nicht lassen. Der Regen, der über die Weiten fällt, ist heute dünn und leicht, wie ein langsamer Kuss. Ich kann den schweren Regen wartend in den Wolken liegen sehen. Er ist schon fast blauschwarz vor lauter Warten, dass er endlich raus kann, dass er über uns herfallen kann, die wir in dem wattierten Stahlriesen eingesperrt sind. Ich will in dem Regen baden, meine Kleider ausziehen und unter dem Himmel liegen, wenn er sich öffnet. Lass ihn kommen, lass ihn fallen. Der Waggon quietscht wieder in seinem engen Gleis und diesmal bin ich es, die aufblickt.
Mein Blick landet zufällig auf einer Frau, die rückwärts fährt und somit mir zugewandt auf der anderen Seite des Ganges sitzt. Sie liest eine Tageszeitung, so eine, die raschelt, und trinkt etwas aus einem Pappbecher. Ich betrachte eine Weile lang ihre Finger um den Pappbecher, ehe ich den Schnipsel des Teebeutels und die Schnur über dem Rand bemerke. Die Teesorte kann ich nicht erkennen, sie sitzt zu viele Reihen entfernt. Ihre Finger sehen verfroren aus. Sie trinkt in kleinen, vorsichtigen Schlucken, und ich stelle mir vor, dass sie den Tee hauptsächlich gekauft hat, um sich aufzuwärmen. Es zieht im Waggon, aber ich bin wie immer zu dick angezogen und habe damit somit kein Problem. Ich würde ihr gern meinen Schal anbieten, der zusammengeknüllt und unbenutzt auf dem Sitz neben mir liegt. Wäre das komisch? Ich stelle mir vor, wie sie auflacht und zugibt, dass sie etwas fiert. Sie würde mich fragen, ob ich mich setzen will, ob ich nichts dagegen habe, rückwärts zu fahren. Habe ich nicht. In meiner Vorstellung setze ich mich neben die Frau und sehe zu dem Platz, auf dem ich gerade selbst noch gesessen habe, wo mein echter Körper noch immer sitzt. Wie sieht er aus? Wie sehe ich aus? Ich stelle fest, dass ich etwas zu intensiv die Frau anstarre und sehe schnell wieder aus dem Fenster, aber sie scheint nichts bemerkt zu haben. Wir fahren in einen Tunnel und ein scharfer Wind geht durch den Waggon. Ich werfe heimlich einen Blick zu ihr hinüber, sehe aber nicht mehr als unscharfe Umrisse. Dann sind wir plötzlich wieder im Hellen und ihr Blick trifft meinen. Ich sehe sofort weg. Das hätte ich wissen müssen. Sie kann schließlich im Dunkeln keine Zeitung lesen. Es dauert etwas, bis ich wieder wage, zu ihr zu sehen, und dann tue ich es unauffällig. Diesmal sehe ich sie etwas genauer an. Sie scheint etwa in meinem Alter zu sein, könnte aber auch etwas älter sein. Ihre dunklen Haare sind gedreht und in eine sorgfältige Frisur geflochten, die altmodisch erscheint. Sie sind zur Seite gerutscht, wo sie sich an die Kopfstütze lehnt. Ein warmer, weicher Bollen Haar, der sich an ihren Hals und ihr Ohr drückt. Ich versuche, mir meine eigenen, wuscheligen, wie immer etwas widerspenstigen Haare vorzustellen. Wie die wohl von ihr aus aussehen?
Die Schaffnerin kommt in unseren Waggon und ich suche nach meiner Fahrkarte. Ich habe sie schon einmal vorgezeigt, aber ich finde, es ist gut, wenn man mitarbeitet. Ich weiß nicht mehr, wann die Frau zugestiegen ist, vielleicht in der letzten Station. Anscheinend war ich zu sehr damit beschäftigt, aus dem Fenster zu sehen, um sie zu bemerken. Ich zeige der Schaffnerin meine Fahrkarte, woraufhin sie weiter durch den Waggon geht. Sie bleibt bei der Frau stehen und sagt etwas, das sie zum Lachen bringt. Die Frau antwortet bejahend. Ich zucke zusammen. Kennen sie einander? Die Frau lächelt, als die Schaffnerin im nächsten Waggon verschwindet. Es ist ein stark ansteckendes Lächeln, und ich sehe wieder aus dem Fenster, um nicht zu zeigen, dass ich gelauscht habe. Ich lasse vergehen, was ich für mehrere lange Minuten halte. Wir gleiten in eine kleine Talsenke, die Zahl der Schafe steigt. Ich versuche sie zu zählen, und merke, dass ich eindöse. Eine Weile lang vergesse ich die Frau und ihre Zeitung. Als wir unten im Tal plötzlich anhalten, sehe ich zu ihr auf, aber sie sitzt da noch. Nichts in unserem Waggon rührt sich. Ich sehe nicht viel von den wenigen anderen Passagieren, nur einen Hut und einige Köpfe verschiedener Farben und Haarqualitäten. Auf dem kleinen Bahnsteig steht eine alte Frau und was ich für ihren Mann halte. Sie nehmen einen Jugendlichen in Empfang, der nicht älter als fünfzehn sein kann. Ich sehen sonst niemanden, der aus- oder einsteigt. Uns erwartet eine ruhige Fahrt durch die Berge. Ich bin die Strecke schon früher gefahren. Viele Tunnel liegen zwischen uns und der nächsten Haltestelle. Fast eine Stunde Tunnelsysteme und Aussichtsorte, Helligkeit und Dunkelheit. Das Tal war nur das kurze Abtauchen vor der Steigung. Die Frau und ich werden weiter im gleichen Waggon sitzen und die gleiche Luft atmen. Warum hat sie sich nicht woanders hingesetzt, sodass sie nicht rückwärtsfahren muss? Sieht sie, dass ich sie beobachte?
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