Kitabı oxu: «Das Gassi-Buch für besondere Hunde»

Şrift:


(Foto: Archiv Lismont/Daphne Mpaltsidis)

Katrien Lismont

DAS
Gassibuch
FÜR BESONDERE
HUNDE


Haftungsausschluss:

Autorin und Verlag haben den Inhalt dieses Buches mit großer Sorgfalt und nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Für eventuelle Schäden an Mensch und Tier, die als Folge von Handlungen und/oder gefassten Beschlüssen aufgrund der gegebenen Informationen entstehen, kann dennoch keine Haftung übernommen werden.

IMPRESSUM


Copyright © 2020 Cadmos Verlag GmbH, München

Covergestaltung: Gerlinde Gröll

Grafisches Konzept: www.ravenstein2.de

Satz: DAS AGENTURHAUS Werbe und Marketing GmbH

Coverfoto: Archiv Lismont/Daphne Mpaltsidis

Fotos im Innenteil: Katrien Lismont, Archiv Lismont/Daphne Mpaltsidis, Jürg Marti

Lektorat: Maren Müller

Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.

Abdruck oder Speicherung in elektronischen Medien nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung durch den Verlag.

ISBN: 978-3-8404-2057-3

eISBN: 978-3-8404-6484-3

INHALT

Zum Geleit

Einleitung

Was sind „besondere“ Hunde?

Was hat Gassigehen mit Verhaltenstraining zu tun?

Was genau können Gassirunden bewirken?

Was bedeutet Stress im Alltag?

Ein ganzheitlicher Ansatz

Verhalten als Symptom

Gassi-Basics: Womit, wann, wie lange, mit wem …?

Die Ausstattung für Mensch und Hund

Safety first – Rituale für mehr Sicherheit und Struktur

Wie soll die Gassirunde aussehen?

Wer geht (mit) Gassi?

Weitere vorbereitende Gedanken zur gelungenen Gassirunde

Umgang mit dem Hundeverhalten nach dem ABC-Prinzip

Die Zeit zwischen den Spaziergängen

Begegnungen mit frei laufenden Hunden


(Foto: Archiv Lismont/Daphne Mpaltsidis)

Wichtige Fähigkeiten für unterwegs

Autonome Aufmerksamkeit und Andocken

Umorientierung

Hand-Touch

Lockere Leine

Warten

Rückruf

Ableinen und Anleinen

Weiter (kombiniert mit einer Verlorensuche)

Not-Sitz

An die Seite

Stille im Kopf und Körper – Erregung abbauen

Balanceleine

Stoppen und stehen bleiben

Sitz auf Distanz

Begegnungen unterwegs meistern

Was ist BAT?

BAT beim Spaziergang

Freilauf mit anderen Hunden

Pimp up your Gassi

Körpererfahrungen

Unterschiedliche Suchaufgaben für jederhund

Übungen für eine bessere Verständigung

Entspannung und Pausen

Schlusswort

Danksagung

Tipps zum Weiterlesen

Stichwortregister


(Foto: Jürg Marti)

ZUM GELEIT

„Ein fundiertes Buch, das nicht die Schwächen des Hundes ins Zentrum der Mensch-Hund-Partnerschaft stellt, sondern die Qualitätszeit mit Hund!“ – sind meine ersten Gedanken zum vorliegenden Werk. Endlich ein Buch, das alltägliche Spaziergänge beleuchtet. Ein Buch, das erklärt, wie Sie selbst die Partnerschaft zu Ihrem Hund stärken und als klug agierende Hundeausbildende aktiv werden können.

Obwohl Besitzer mit „besonderen“ Hunden angesprochen werden, gehört dieses Buch meines Erachtens unbedingt in jeden Haushalt mit Hund: „Einfachere“ Hunde profitieren, weil Schwierigkeiten und damit verbundenen unerwünschten Verhaltensweisen vorgebeugt wird, „besondere“ Hunde werden entlastet und lernen, für sie schwierige Situationen auf ihren Spaziergängen anders, gelassen und mit Vertrauen zu bewältigen.

Wie wunderbar die Partnerschaft zwischen Mensch und Hund auf der alltäglichen Gassirunde mit kluger Voraussicht positiv beeinflusst werden kann, zeigt Katrien Lismont, indem sie alle wesentlichen Themen anspricht und die zu entwickelnden Kompetenzen von Mensch und Hund erklärt. Dieses Buch wird Ihnen helfen, Spaziergänge mit den Augen Ihres Hundes wahrzunehmen. Sie lernen Übungen, Möglichkeiten für geeignetes Handling und auch artgerechte Beschäftigungsmöglichkeiten kennen, die mit viel Freude leicht umsetzbar sind.

Auf meinen Spaziergängen mit meinem eigenen Hund erlebe ich täglich Situationen, die aus meiner Sicht als Hundetrainerin und Hundeverhaltensexpertin vermeidbar wären, würde dem Zweibeiner am Ende der Leine das entsprechende Wissen vermittelt und dabei das eigene Einfühlungsvermögen, das eigene Bauchgefühl im Umgang mit dem Hund, nicht verschüttet, sondern weiter gestärkt.

Nicht selten vermisse ich während Begegnungen die förmlich spürbare Verbundenheit des Menschen mit seinem Hund. Dieses Buch kann helfen, diese Verbundenheit (wieder) wahrnehmen zu lernen, zu leben.

Sie halten ein Werk in Ihren Händen, das nicht von Methoden spricht, sondern von Ihrem Hund. Es vermittelt eine Lebenseinstellung, geprägt von Aufmerksamkeit und Freundlichkeit.

Im Mittelpunkt der Spaziergänge steht die Hundepersönlichkeit, die Sie in Ihrem Alltag begleitet. Katrien Lismont erklärt, dass Hundeverhalten nicht urplötzlich vom Himmel fällt, sondern dass es Gründe dafür gibt, die mit Weitsicht verstanden werden sollten, um Situationen sinnvoll gestalten, positiv leiten und freundlich begleiten zu können.

Wir wissen, dass Lernen jederzeit stattfindet. Und so sind Spaziergänge besonders geeignet, unterschiedlichen planbaren, aber auch nicht planbaren Situationen zu begegnen. Dem Hund werden fortwährend Lernräume geöffnet, die es ihm ermöglichen, bei Bedarf mit verständnisvoller Begleitung körperlich wie mental stärker zu werden. In diesem Buch wird nicht einfach von Beziehung und Bindung gesprochen, sondern gezeigt, wie diese gelebt werden.

Tauchen Sie ein in die folgenden Zeilen, machen Sie sich auf den Weg zu Ihrem starken Mensch-Hund-Team. Lernen Sie eine Art von Spaziergängen kennen, die Ihre und die Augen Ihres Hundes glänzen lassen werden!

Das besondere Gassibuch von Katrien Lismont ist ein unentbehrliches Werk in der Hundebuchbibliothek. Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre und wunderbare Spaziergänge mit Ihrem treuen Freund!


Eva Zaugg ist eine Hundetrainerin aus der Schweiz, die sich seit Jahrzehnten für einen freundlichen Umgang mit Hunden und positive Trainingsmethoden einsetzt.


(Foto: Archiv Lismont/Daphne Mpaltsidis)

EINLEITUNG

Dieses Buch „lebt“ schon lange in mir und wollte nun endlich geschrieben werden. Denn täglich – während ich mit meinen eigenen Hunden draußen unterwegs bin, aber auch in den zahlreichen Erstgesprächen mit Kundinnen und Kunden – überlege ich mir, wie sich die regelmäßigen gemeinsamen Spaziergänge sinnvoller nutzen und gestalten lassen.

Hier soll es nun vor allem um verhaltensauffällige Hunde gehen: Hunde, die sich, an der Leine oder im Freilauf, reaktiv oder gar aggressiv verhalten, die mit sämtlichen oder bestimmten Umweltreizen überfordert sind oder die oftmals ihre Aufmerksamkeit überall, nur nicht bei ihrem Menschen haben und immer wieder ihren Radius stark vergrößern. Häufig treten diese Themen in Kombination auf, denn sie sind Symptome für kleinere und größere tiefer liegende Probleme.

Die täglichen Gassirunden sind für die meisten Hundehalter ein festes Ritual, das sehr zuverlässig eingehalten wird. Fragt man aber nach der Gestaltung dieser Runden, hört man leider allzu oft: „Wir laufen halt“, oder: „Wir spielen Bällchen, das liebt er.“ Das finde ich schade, denn man könnte diese gemeinsamen Momente so viel sinnvoller nutzen. Spaziergänge sollten, vor allem für den Hund, aber auch für seinen Menschen, die Highlights im Alltag sein. Schließlich verbringen unsere Hunde in der Regel den Rest des Tages damit, zu schlafen, zu ruhen, auf uns zu warten und geduldig, still und möglichst unauffällig zu sein. Qualitätszeit mit dem Menschen, interessante Aufgaben für Kopf und Körper sowie das Sammeln von Input aus der Umwelt, kurz gesagt, das Aktivieren aller Sinne – das alles kann, neben Bewegung an der frischen Luft, in einer Gassirunde stecken.


Mit einem „besonderen“ Hund ist es oft besser, möglichst ruhige Strecken zu wählen. Hier kann man prima trainieren und mit wenig Aufwand für interessante Abwechslung sorgen. (Foto: Katrien Lismont)

Ich möchte Ihnen zeigen, wie Sie Ihre Spaziergänge in Zukunft gezielt und nachhaltig dazu nutzen können, unerwünschtes Verhalten Ihres Hundes positiv zu verändern. Dabei ist es nicht meine Absicht, Ihnen genaue Vorgaben für gelungene, wirkungsvolle Gassirunden zu machen. Mein Ziel ist vielmehr, für Sie ein Fenster aufzustoßen, durch das Sie einen neuen Blick auf das Verhalten und das Wohlbefinden Ihres Hundes bekommen. Ich möchte Sie mit den hier aufgeführten Ideen dazu motivieren, Ihre Spaziergänge für Ihren Hund (und nicht zuletzt auch für sich selbst) abwechslungsreich, kreativ und effektiv zu gestalten. Was genau Sie durch dieses weit geöffnete Fenster wahrnehmen und aus dem Buch für sich und Ihren Vierbeiner mitnehmen, liegt ganz allein in Ihrer Hand.

Mein Motto beim Training lautet: Keep it simple! Ich möchte Ihnen einige einfache Übungen mit auf den Weg geben, die Kooperation und Zuverlässigkeit fördern, sowie Ideen vorstellen, wie sich unterwegs ohnehin Vorhandenes für mehr Abwechslung und auch zum Trainieren eines besseren Körpergefühls nutzen lässt. Letztlich geht es bei all dem darum, dass sich das Zusammensein mit Ihnen für Ihren Hund lohnt. Und da ein bisschen Planung gerade bei besonderen Hunden von Vorteil ist, finden Sie auch Anregungen zur Streckenwahl, der Dauer eines Spaziergangs, der geeigneten Begleitung und vielen weiteren Aspekten. Bedenken Sie bei der Umsetzung all dieser Vorschläge jedoch, dass jeder Hund anders ist und andere Bedürfnisse hat. Haben Sie also den Mut, das hier Beschriebene ganz individuell für sich und Ihren Vierbeiner zu nutzen.

Was sind „besondere“ Hunde?

Obwohl ich keine Berührungsängste mit der Bezeichnung „verhaltensauffällige Hunde“ habe, wähle ich hier lieber das Wort „besonders“, einerseits, um eine negative, einschränkende Wertung zu vermeiden, und andererseits, weil es vom Lebensumfeld eines Hundes abhängt, inwieweit ein Verhalten als auffällig bewertet wird. In diesem Buch geht es vor allem um Hunde, die, wie ich es nenne, „großes Verhalten“ zeigen. Hiermit meine ich Hunde, die sehr leicht reizbar sind, laut, körperlich und kraftvoll auf Reize reagieren und ihre Menschen damit fast täglich an ihre Grenzen bringen. Verhalten, das im Alltag mehr oder weniger stark belastend ist, obwohl all diese Hunde von ihren Haltern gern gemocht oder sogar innig geliebt werden. Selbstverständlich gibt es auch andere Verhaltensweisen, die draußen zu starken Einschränkungen führen, beispielsweise Jagdverhalten. Diese mit einzuschließen, würde jedoch den Rahmen dieses Buches sprengen.

LEINENREAKTIVE HUNDE

Hunde, die sich hauptsächlich an der Leine anderen Hunden und auch Menschen gegenüber reaktiv verhalten, sind mein Steckenpferd. Man könnte meinen, dass dieses Verhalten kein großes Problem darstellt, weil man als Lösung nur die Leine wegnehmen muss. Leider funktioniert das im Alltag nicht. Ja, die Leine ist der Kern dieses Problems, aber nein, die Leine wegnehmen ist nicht die Lösung. Es gibt nun mal viele Situationen, in denen ein Hund angeleint sein muss. Zudem ist nicht jeder leinenreaktive Hund im Freilauf komplett unproblematisch. Schafft Ihr Hund es wirklich, jede Situation im Freilauf zu lösen? Haben Sie ihn und seine Körpersprache immer im Blick? Haben Sie bei Begegnungen mit Artgenossen auch den anderen Hund im Blick? Und was bedeutet es für den anderen Hund, wenn er Ihrem frei laufenden Hund begegnet? Wie kommen beide Hunde aus dieser Situation heraus? Und was macht es mit den beiden im Hinblick auf die nächsten Begegnungen ohne oder mit Leine? Viele Fragen, zu denen Sie im Kapitel „Freilauf“ mehr erfahren.

Selbst wenn leinenreaktive Hunde nicht unbedingt aggressiv und gefährlich für andere Lebewesen sind, können wir als Hundehalter mit einem solchen Hund zu einem Risikofaktor im öffentlichen Verkehr werden. Wir begegnen Spaziergängern mit Kind und Hund, Joggern, Reitern, Radfahrern und Fahrzeugen. Um Schaden anzurichten, kann es genügen, wenn der Hund sich Angst einflößend auf einen Verkehrsteilnehmer zubewegt, auch wenn sein lautes, bedrohliches Verhalten eigentlich nur aussagt, dass er keinen Kontakt haben will, zumindest nicht so schnell und nicht so nahe.


Von derart entspannten Begegnungen mit anderen Verkehrsteilnehmern können Halter von reaktiven Hunden oft nur träumen. (Foto: Archiv Lismont/Daphne Mpaltsidis)

Mit einem leinenreaktiven Hund Gassi zu gehen, gleicht häufig einem Spießrutenlauf. Man überlegt, wer wann wo unterwegs sein wird, malt sich mögliche Begegnungen aus und hofft, dass man weiträumig ausweichen kann. Man ärgert sich über das, was die anderen Hundehalter vermutlich über einen denken, und darüber, wie der eigene Hund betitelt wird. Man fragt sich immer wieder, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Die Versuchung ist groß, mit einem solchen Hund nur noch in den eigenen Garten zu gehen, sofern man einen hat. Leider reicht dies für die meisten Hunde nicht aus, denn Leben ist Bewegung und Bewegung ist Leben. Spaziergänge müssen keine großen Touren sein und es muss auch nicht körperlich anstrengend werden, aber tägliche Abwechslung für den Kopf und Auslauf für den Körper über die Grenze des eigenen Gartens oder Hofs hinaus sollten einem Hund schon geboten werden. Es handelt sich um Grundbedürfnisse, denn Hunde sind neugierig, darauf ausgelegt, ihre Nase zu benutzen, und ihr Körper ist dazu gebaut, sich frei bewegen zu können. Wir müssen also mit Rücksicht auf Rasse, Körperbau, Alter und körperliche Befindlichkeit unseres Hundes Gassirunden organisieren, die befriedigend, aber auch zu bewältigen sind.

LEICHT REIZBARE, MIT IHRER UMWELT ÜBERFORDERTE HUNDE

Die generelle Reizbarkeit, die ich in den letzten Jahren im Training immer öfter erlebe und von der nicht nur Auslandstierschutzhunde betroffen sind, ist unter Umständen belastender als ein spezifisch leinenreaktiver Hund. In der Regel sind es Hunde, die über alle Sinne gereizt werden, auch wenn man das als Mensch nicht so genau wahrnehmen oder nachvollziehen kann. Stellen Sie sich vor, wie überfordernd ein ganz normaler Spaziergang sein kann, wenn Reize und Impulse auf einen Organismus einprasseln, der permanent mit ausgefahrenen hypersensiblen Antennen unterwegs ist. Häufig lässt sich schwer einschätzen, ob diese Hunde nun unter Angst, Schmerzen oder dauerhafter körperlicher, emotionaler oder mentaler Erschöpfung leiden, Panikreaktionen zeigen oder so hoffnungslos überfordert und verzweifelt sind, dass sie körperlich reagieren. Ihr autonomes Nervensystem ist permanent auf Alarmstufe Rot, ihr Sympathikussystem läuft ununterbrochen auf Hochtouren (mehr dazu später im Abschnitt „Was bedeutet Stress im Alltag?“).

Wenn nicht alle anderen Faktoren berücksichtigt werden, hilft es bei solchen Hunden wenig, ruhiges Verhalten zu trainieren und unter Signal zu stellen oder in hypoallergenes Futter zu investieren. Die Spaziergänge dahin zu verlegen, wo es besonders belebt ist – mit der Begründung, dass der Hund es ja mal lernen muss –, bedeutet für diese Hunde eine regelrechte Überflutung. Es kann sein, dass sie sich, von außen betrachtet, dann tatsächlich auffällig ruhig verhalten. In Wahrheit liegt das jedoch daran, dass ihr System überlastet ist und dichtmacht. Und wie bei allem im Leben gilt: Wenn ein Aspekt „gedeckelt“ wird, öffnet sich oftmals eine neue Baustelle … die größer ist.


Gassirunden sollten für Hund und Mensch schön und entspannend sein.

(Foto: Archiv Lismont/Daphne Mpaltsidis)

Gassirunden sind nicht dazu da, „gegen“ Ihren Hund zu agieren. Vielmehr geht es darum, seine Möglichkeiten und Fähigkeiten anzusprechen und zu berücksichtigen, egal, wie es um diese gerade bestellt ist. Nötig ist hier zunächst mal ein „Reset“: Spaziergänge sollten nicht mehr mit Erregung, Verunsicherung oder Überwältigung verknüpft werden, sondern mit angenehmen und sogar entspannenden Momenten. Das gelingt einfacher, als man vermutet.

KATRIEN LISMONT

„ES IST DIE ÜBERFORDERUNG WÄHREND DES VORIGEN SPAZIERGANGS, DIE DIE ERREGUNG VOR DEM NÄCHSTEN ENTSTEHEN LÄSST.“

Was will Ihr Hund mit „großem“ Verhalten sagen?

•Ich brauche Hilfe.

•Ich bin mit der Situation überfordert.

•Ich will hier weg.

•Ich möchte, dass die Reize verschwinden.

•Mir geht es nicht gut.

•Mir tut etwas/vieles weh.

•Ich weiß nicht, was du von mir erwartest.

•Ich habe keine Lösung für diese Situation.

•Ich habe versucht, es leiser zu sagen, aber ich fühle mich nicht verstanden.

Was will er Ihnen damit nicht sagen?

•Sorry, aber da muss ich durch.

•Ich habe nur ein wenig Angst.

•Das da ist kein Grund für Angst in dem Ausmaß.

•Ich übertreibe es gern ein wenig, das bringt mir Aufmerksamkeit.

•Ich bin stur und möchte das hier so nicht.

•Ich möchte bestimmen, wie es geht.

•Ich bin ein böser, unerzogener Hund.

•Es hilft mir, wenn du lauter und immer forscher mit mir sprichst.

•Ich brauche eine härtere Hand.


Mit „großem“ Verhalten drücken Hunde häufig aus, dass sie mit einer Situation überfordert sind.

(Foto: Shutterstock.com/alexei_tm)


(Foto: Archiv Lismont/Daphne Mpaltsidis)


(Foto: Archiv Lismont/Daphne Mpaltsidis)

WAS HAT GASSIGEHEN MIT VERHALTENSTRAINING ZU TUN?

Verhalten befindet sich stets im Wandel und Lernen findet immer statt. Unsere Hunde reagieren also ständig auf das, womit sie in ihrer Umwelt konfrontiert werden. Eine Erfahrung, die der Hund heute macht, wird sein Verhalten in der nachfolgenden ähnlichen Situation beeinflussen. Das kann der nächste Jogger auf der gleichen Runde sein, der Nachbarshund bei der Runde am nächsten Tag oder auch der Freilauf mit „Kumpeln“ in der nächsten Woche.

Solche Erlebnisse sind nicht nur Begegnungen mit anderen Artgenossen, sondern bei bestimmten Hunden geht es auch darum, wie sehr der Spaziergang ihren Körper gefordert hat, wie beeindruckend die unterschiedlichen Reize waren und wie gut sie damit umgehen konnten. Die körperliche, emotionale und mentale Fähigkeit jedes einzelnen Hundes beeinflusst ebenfalls, wie er mit schwierigen Situationen zurechtkommt. Das Bestreben aller Hunde ist, unversehrt und mit möglichst wenig Konflikten aus einer Situation herauszukommen. Nicht mehr und auch nicht weniger.

Eins ist sicher: Für jedes Verhalten Ihres Hundes gibt es einen triftigen Grund. Dieser ist nicht zwingend einer genetischen Eigenschaft (seine Mutter war auch so), einem unerklärlichen Charakterzug (die Hunde dieser Rasse sind alle so …) oder seiner Herkunft (Tötungsstation, schlechte Haltung …) zuzuschreiben. Manchmal reicht ein abschüssiger Weg mit grobem Schotter, um Ihren Hund zu einem Sitzstreik zu veranlassen. Vielleicht sind seine Pfoten überempfindlich, weil ihn anderswo im Körper Schmerzen plagen? Oder vielleicht tun ihm die Schultergelenke weh, vor allem bergab. Er will Ihnen mit seinem Verhalten nicht zeigen, wer das Sagen hat oder wer der Stärkere ist. Er möchte weder bestimmend noch bockig oder dumm sein. Er handelt so, wie es für ihn gerade am günstigsten scheint. So passen unsere Hunde Tag für Tag, Gassirunde für Gassirunde ihr Verhalten an. Sie streben ein konfliktfreies, harmonisches Dasein an. Nur verstehen wir häufig ihr Verhalten nicht oder falsch und ergreifen Maßnahmen, um es zu unterbinden oder zu bestrafen. Das ist dann der Punkt, an dem viele Hunde auf Plan B zurückgreifen und zum „besonderen“ Hund werden: weil wir ihre leisen Zeichen übersehen und übergangen haben.

Was genau können Gassirunden bewirken?

Meine Antwort ist: Eine Menge! Für viele Hunde sind sie die Highlights in ihrem Alltag, der sich meistens in unseren vier Wänden abspielt. Sie bieten die Möglichkeit, an die frische Luft zu kommen, die Nase und das Hirn mit Millionen von Geruchsinformationen zu stimulieren, den Körper zu bewegen, Impulse für alle Sinne zu sammeln und auch für andere Hunde Informationen zu hinterlassen. Für viele besondere Hunde ist damit allerdings auch eine körperliche, mentale und emotionale Überforderung verbunden.

Ideal ist daher, die Gassirunden so zu gestalten, dass ein sensorischer Input über alle Sinne in für den jeweiligen Hund angemessener Dosis erfolgt. „Den Hund Hund sein lassen“, etwas, was häufig propagiert wird, klingt erst mal toll und empathisch. Wenn wir bei unseren Runden jedoch ausschließlich das tun, werden wir in Bezug auf die Schwierigkeiten im Alltag nicht viel weiter kommen. Wir brauchen Interaktion, Kooperation und Kommunikation mit unserem Hund, vor allem unterwegs. Es geht darum, dass wir als Sozialpartner kommunizieren und Dinge miteinander unternehmen. Die Kommunikation sollte dabei in zwei Richtungen stattfinden: Einerseits müssen wir Menschen die Körpersprache und Handlungen des Hundes in den kleinsten Details wahrnehmen, verstehen, darauf eingehen und ihm gegebenenfalls helfen. Andererseits müssen wir ihm in Form von einigen wichtigen Signalen Verhaltensweisen beibringen, die für die gemeinsame Bewältigung des Alltags nützlich sind und den damit verbundenen Stress reduzieren können. Ritualisierte und routinierte Abläufe wie zum Beispiel, sich beim Vorbeifahren eines Autos an den Wegrand zu setzen, sich nach einem Abruf anleinen zu lassen oder sich auf Distanz hinzusetzen, können lebensrettend sein.


Gassirunden sind eine gute Gelegenheit, die Kommunikation zwischen Mensch und Hund zu verbessern.

(Foto: Katrien Lismont)

Auf der körperlichen Ebene brauchen Hunde Bewegung, denn auch ihr Körper hat einen Kreislauf, einen Stoffwechsel, Gelenke, Muskeln, Sehnen und Bänder, die aktiv und geschmiert bleiben sollen.

Gerade bei besonderen Hunden ist es wichtig, die Zeichen, die sie aussenden, wahrzunehmen und richtig zu deuten, um die Gassirunden angenehm zu gestalten. Dazu bedarf es der Aufmerksamkeit des Hundehalters und auch einer guten Begleitung durch eine Hundetrainerin oder einen Hundetrainer. Nur so ist es möglich, dass diese Hunde in keinem Bereich unter- oder überfordert werden. Ich trainiere mit besonderen Hunden häufig unterwegs, da ich hier sofort praktische Maßnahmen, Übungen und Beschäftigungsmöglichkeiten zeigen kann, die bereits innerhalb eines einzelnen Spaziergangs eine Veränderung in der Interaktion zwischen dem Hund und seinem Menschen bewirken.

Die sorgfältige Auswahl der Strecke, eine achtsame Interaktion, leichte, sinnvolle Übungen und Aufgaben mit effektiven Belohnungen strengen vielleicht etwas an, aber sie erweitern auch den Horizont für die Hunde, deren Universum aufgrund ihres Verhaltens immer kleiner zu werden droht.

Was bedeutet Stress im Alltag?

In diesem Kapitel möchte ich die Auswirkungen von Stress auf den Körper vereinfacht und in Kürze darstellen. Diese Beschreibung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Dennoch denke ich, dass es wichtig ist, wenn wir als Hundehalter wissen, was Stress anrichtet und wie er sich auf das Verhalten auswirkt. Stress und das Bewältigen von Stresssituationen gehören zum Leben. Unser Alltag, unser Umfeld, unsere Umwelt, unser Lebensrhythmus und unsere Abläufe sind allerdings keineswegs das, was der genetischen Veranlagung unserer Hunde entspricht.

Tipp für aufregende Situationen

Ich empfehle, jede Aufregung, die unterwegs entsteht, an Ort und Stelle zu „bearbeiten“ und dafür von vornherein etwas Reservezeit einzuplanen: Indem Sie Ihrem Hund Tag für Tag Zeit und Raum geben, sich mit den unterschiedlichsten Reizen auseinanderzusetzen, trainieren Sie kontinuierlich an seinem Verhalten.

Wenn Sie aufregende Situationen jedes Mal gemeinsam so bewältigen, dass Sie nach einiger Zeit wieder in Ruhe weitergehen können, ist das viel wichtiger, als große Strecken zurückzulegen. Auf diese Weise lösen Sie nach und nach die Verknüpfung „Spaziergang = Stress und Überforderung“, wodurch die Erregung Ihres Hundes vor dem Spaziergang nicht mehr so stark steigt. Schnell aus der Situation flüchten bewirkt hingegen das Gegenteil: Aufregende Situationen werden mit noch mehr Aufregung verknüpft. Die durch die Flucht entstehende Distanzvergrößerung zum Auslöser verstärkt diesen unerwünschten Effekt zusätzlich.

Zurückschauend werden die meisten von uns wohl feststellen, dass noch vor zehn Jahren unser Leben einen anderen Rhythmus hatte und das Angebot an Ablenkungen, Beschäftigungen, Aktivitäten, Kommunikations- und Unterhaltungsmitteln geringer war. Dass so viele Hunde mit dem Alltag überfordert sind und nur noch überreizt durchs Leben gehen, lässt sich für mich zumindest teilweise damit erklären, dass die Spezies Hund bei dieser ultraschnellen Entwicklung nicht mehr nachkommt. Wir Menschen haben unsere Muster und unsere Motivationen, diese sind jedoch für die Hunde nicht nachvollziehbar und decken sich nicht mit ihren Erwartungen an das Leben. Viele Hunde sind mit unserer Vorstellung von einem erfüllten Alltag schlicht und ergreifend überfordert. Dadurch entsteht negativer, belastender Stress. Wenn dazu noch schlechte Erfahrungen oder zusätzliche Stressoren im Körper kommen, kann es überwältigend werden. Hier können wir nur eines tun: Stressor um Stressor identifizieren und versuchen, diese Faktoren einerseits entweder aus dem Alltag zu entfernen oder zu reduzieren und andererseits auf jeden Fall den Hund mit kleinschrittigem Training dahingehend zu stärken, sodass er selbst in die Lage versetzt wird, Stresssituationen zu bewältigen.

Sehr wirkungsvoll ist es auch, dem Hund Aktivitäten anzubieten, die zur Ausschüttung von Glückshormonen führen, da diese teilweise direkte Gegenspieler der Stresshormone sind. Das ist gar nicht so schwer: Spiel, Nasenarbeit, Laufen sowie Pausen und sanfte Berührungen können diese Ausschüttungen bewirken. Sicher ist jedenfalls: Im Alltagsablauf muss sich etwas verändern.


Nasenarbeit macht Hunden Spaß und bewirkt eine Ausschüttung von Glückshormonen. (Foto: Katrien Lismont)

Neben den körperlichen Schäden, die lang andauernder Stress anrichten kann, beeinflusst Stress das Verhalten und die Lernfähigkeit in negativer Weise. Wenn Sie also feststellen, dass Sie mit Ihrem Hund Tag für Tag am gleichen Thema trainieren und sich nichts oder nur wenig ändert, ist Ihr Hund nicht dumm, sondern es ist wahrscheinlich, dass Sie Ihren Alltag und das aktuelle Befinden Ihres Hundes unter die Lupe nehmen müssen, um die wahren Ursachen zu erkennen.

STRESSHORMONE

Im Wesentlichen werden in akuten Stresssituationen folgende Stoffe im Körper ausgeschüttet:

•Adrenalin: das „Action“-Hormon, das im Nebennierenmark gebildet wird. Es bewirkt, dass der Organismus in den Flucht-oder-Kampf-Modus schaltet und schnell reagieren kann. Eine Adrenalinausschüttung führt dazu, dass Appetit und Hunger reduziert oder abgestellt werden, Puls und Blutdruck ansteigen, Atemwege geweitet werden und der Blutzuckerspiegel erhöht wird. Kurzum: Der Körper ist in höchster Reaktionsbereitschaft.

•Cortisol: ein Stresshormon, dass in der Nebennierenrinde gebildet wird. Cortisol wird ebenfalls als Antwort auf eine Stresssituation produziert und versetzt den Organismus in die Lage, mit dieser umzugehen: Es erhöht den Blutzuckerspiegel, schärft die Aufmerksamkeit, reduziert die Schmerzempfindung und bremst das Glückshormon Serotonin aus.

•Noradrenalin: ist einerseits ein Neurotransmitter des Sympathikus, des aktiven Teils des vegetativen Nervensystems, wird aber auch als Hormon im Nebennierenmark ausgeschüttet. Es bewirkt vor allem eine Verengung der Blutgefäße und eine Erhöhung des Blutdrucks. Noradrenalin führt zu Erregung im Körper und bewirkt eine Verlagerung der Durchblutung weg von Körperteilen, die weniger wirksam für Flucht und Kampf sind, wie zum Beispiel Haut und Verdauungssystem, hin zu den fluchtrelevanten Körpersystemen wie Herz, Muskeln, Lunge.

All diese Stoffe versetzen den Körper in die Lage, optimal auf Stress- und Gefahrenmomente zu reagieren. Sie bauen sich auch wieder ab, nachdem die Gefahr vorüber ist. Wenn nun aber in kurzen Abständen immer wieder solche Momente auftreten, kann sich dieser Stresscocktail im Körper kaum abbauen. Der Stresshormonspiegel bleibt hoch und es wird immer schwieriger, ihn zu reduzieren. In der Folge ist der Organismus in permanenter Reaktionsbereitschaft und kann sich nicht mehr entspannen und regenerieren.

STRESSZEICHEN

Es gibt zahlreiche Stresszeichen, die einzeln oder kombiniert auftreten können. Häufig handelt es sich um Verhaltensweisen, die uns Menschen stören, darunter auch nach Mäusen buddeln oder dauerhaft mit jagdlichem Interesse nach Reizen spähen.

Im Folgenden liste ich für Sie einige Zeichen von Stress und Überforderung auf, wobei ich darauf hinweisen möchte, dass sich Stress individuell ganz unterschiedlich äußern kann, unter anderem auch abhängig von den jeweiligen Umständen.

•Zahlreiche Beschwichtigungssignale oder Zeichen der Anspannung in vielen Situationen, eventuell mehrere kurz nacheinander: blinzeln, gähnen, über die Nase lecken, schmatzen, wegschauen, den Kopf abwenden, die Pfote heben, sich auf den Rücken legen, ausweichen, sich schütteln, sich kratzen, plötzlich schnüffeln

•Vergrößerte Pupillen, rote Augen, offene Maulspalte oder komplett geschlossenes Maul, Stressfalten seitlich am Gesicht

•Haaren, Schuppen

•Zittern

•Speicheln

•Blockieren: stehen bleiben, sich hinsetzen, sich hinlegen

•Ohren angespannt: sehr stark aufgestellt oder im Nacken klebend

•Angespannte Muskeln, fester Körper

•Staksige Bewegungen, holprig und unkoordiniert

•Viel Weiß in den Augen, weil der Nacken angespannt ist

•Hektische Bewegungsmuster mit kleinem Radius (dadurch steifer Nacken, steif „tippelnde“ Pfoten, Rute, die in kleinen Bewegungen wedelt)

•Lautäußerungen: häufiges und anhaltendes Bellen, dauerhaftes Winseln

•Hecheln: ein trockenes, raues Hecheln

•Rastlosigkeit: im Zickzack laufen, schnelle, scheinbar planlose Bewegungen

•Durchfall, Erbrechen und übermäßig Gras fressen, Blähungen

•Lecken, beißen, knabbern an eigenen Körperteilen oder Gegenständen

•Übermäßige Intimpflege

•Objekte und Personen oder andere Haustiere besteigen

•Kein Futter, keine Belohnung nehmen

•Kein Interesse für Spiel

•Berührungen ausweichen oder extrem viel davon einfordern

•Erhöhter Puls, schnellere und flachere Atmung

•Unerwünschte „Hobbys“: Jagen, Buddeln, Spähen, exzessives Schnüffeln

Nehmen Sie diese Zeichen Ihres Hundes ernst. Sie verraten, wo, wann und wodurch bei ihm ein Gefühl von Überforderung entsteht. Trainieren Sie die Stressreaktionen und das nervige Verhalten nicht auf Biegen und Brechen weg, und weisen Sie Ihren Hund für solche Verhaltensweisen auch nicht zurecht, denn dies führt unweigerlich zu neuen „Baustellen“ oder gar zu gesundheitlichen Problemen. Ich persönlich finde es auch nicht sinnvoll, diese Stressverhalten als „Hobby“ zu sehen, unter Signal zu stellen und als Belohnung zu verwenden. Immer wenn der Hund darauf zurückgreift, werden sie verstärkt, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie in Zukunft häufiger gezeigt werden, steigt, denn solche Verhaltensweisen sind selbstbelohnend.


Exzessives Buddeln ist ein ernst zu nehmendes Zeichen für Stress. (Foto: Katrien Lismont)

DAS VEGETATIVE NERVENSYSTEM: SYMPATHIKUS UND PARASYMPATHIKUS

In Stressmomenten wird der Sympathikus, der aktive Teil unseres vegetativen Nervensystems, eingeschaltet. Er macht den Organismus reaktionsbereit und steigert die Leistungsfähigkeit, indem der Körper innerhalb von 2 bis 3 Sekunden Adrenalin und Noradrenalin ausschüttet. Weicht die Gefahr schnell, reguliert sich der ganze Organismus auch schnell wieder herunter und der Gegenspieler, der Parasympathikus, kann übernehmen. Beide Teile des vegetativen Nervensystems (das die unwillkürlichen Funktionen unseres Organismus steuert), sind im Idealfall perfekt aufeinander eingespielt: Sie arbeiten nicht gegeneinander, sondern sie regulieren sich gegenseitig und wechseln sich ab, so wie es für unseren Körper und unsere Organe richtig ist.

Der Sympathikus bereitet auf körperliche und mentale Leistung vor. Er lässt in Momenten von akutem Stress, Bedrohung oder auch nur bei erforderlicher Aktivität das Herz schneller schlagen, die Atmung schneller werden, den Blutdruck steigen und drosselt die Aktivität von den Organen, die für das Bewältigen der Situation nicht relevant sind: Stoffwechsel, Verdauung, Haut.

Ist die Gefahr oder der Stress gewichen, übernimmt der Parasympathikus. Er reguliert Puls, Blutdruck und Atmungsgeschwindigkeit herunter und veranlasst wieder Aktivität in der Verdauung und im Stoffwechsel. Er ist zuständig für Regenerierung, Erholung und für den Aufbau von Kraftreserven.

Sollte Stress chronisch werden, weil in kurzen Abständen immer wieder überfordernde Situationen auftreten, ist der Sympathikus in Dauereinsatz, der Parasympathikus kommt gar nicht zum Zuge und es dauert immer länger, bis die Stresshormone sich im Körper abbauen können. Dies führt zu einer Fehlleitung im Stoffwechsel und in anderen nicht willentlich steuerbaren Prozessen im Körper. Das Zusammenspiel von Sympathikus und Parasympathikus ist gestört.

Wenn die zuvor aufgelisteten Stresszeichen nicht nur gelegentlich auftreten und dann auch schnell wieder nachlassen, sondern der Hund mehrere davon sehr häufig und ausdauernd zeigt, bedeutet dies, dass sich sein gesamter Organismus in einer Schieflage befindet, die er selbst nicht mehr regulieren kann. Dann ist ein Stressabbauprogramm erforderlich, bei dem entspannte Spaziergänge eine wichtige Rolle spielen. Wer mit einem besonderen Hund unterwegs ist, wird mir jedoch recht geben, dass Spaß und Entspannung draußen oftmals zu kurz kommen. Durch gezielte Maßnahmen lässt sich das ändern, sodass die Spaziergänge in Zukunft genutzt werden können, um Zeit und um mehr Glückshormone ins Spiel zu bringen. Auf die wichtigsten möchte ich im folgenden Abschnitt kurz eingehen.

GLÜCKSHORMONE

•Dopamin: ist für Glücksempfinden und für die Weiterleitung von positiven Gefühlen und Empfindungen zuständig. Außerdem leitet es die Impulse an die Muskeln weiter und fördert die Durchblutung der inneren Organe. Dopamin wird ausgeschüttet, wenn wir Freude an Dingen, Aktivitäten und Ereignissen spüren und wenn wir belohnt werden. Dopamin lässt uns lächeln und lachen. Wann hat Ihr Hund etwas zu lachen?

•Serotonin: erzeugt Wohlgefühl. Es sorgt für eine gute Stimmung und einen positiven emotionalen Zustand. Es beflügelt, motiviert, verleiht Elan und ist auch für kluge und kreative Prozesse im Hirn von Vorteil. Wie wohl fühlt sich Ihr Hund in Ihrer Nähe?


Vor dem ganzheitlichen Verhaltenstraining.

(Foto: Katrien Lismont)


Derselbe Hund nach den ersten Maßnahmen.

(Foto: Katrien Lismont)

•Oxytocin: bekannt als „Kuschelhormon“ oder auch als „Bindungshormon“. Es wird erzeugt bei körperlicher Nähe und bei sanften, wohltuenden Berührungen, reduziert Angst und Stress und führt zu einem Gefühl der Entspannung. Es reguliert den Blutdruck und den Cortisolspiegel, wodurch es in Stressmomenten sehr hilfreich ist. Wann haben Sie Ihren Hund das letzte Mal bewusst sanft berührt oder gehalten oder neben ihm auf der Couch gelegen?

•Endorphin: gilt als das körpereigene Schmerzmittel und versetzt den Körper in eine Art Rauschzustand, um aktiv bleiben zu können, obwohl eventuell körperlich einschränkende Schmerzen vorhanden sind. Dachten Sie bisher, Ihr Hund würde dem Eichhörnchen nicht hinterherhetzen, wenn er Schmerzen hätte?

So läuft das Spiel mit diesen Hormonen: Wenn wir unsere Spaziergänge angenehmer gestalten möchten, sollten wir den Stresszustand unserer Vierbeiner beobachten, erkennen und richtig einschätzen. Gegen Stressoren antrainieren ist zäh, unwirksam und frustrierend.

Wir können also diese Stresssituationen zunächst vermeiden und dem Hund Momente und Gelegenheiten bieten, etwas zu tun, bei dem er Serotonin ausschüttet. So kann eine positive Verknüpfung mit Spaziergängen entstehen. Wir können ihm außerdem in kleinen Schritten durch selbstwirksames Training beibringen, wie er stressige Momente besser bewältigen kann. Dazu erfahren Sie mehr im Abschnitt „BAT während des Spaziergangs“.

SCHLAF, REGENERATION UND WOHLBEFINDEN

Eine weitere Priorität ist, dafür zu sorgen, dass Hunde im häuslichen oder sozialen Umfeld wirklich zur Ruhe kommen können und durch einen netten und freundschaftlichen Umgang ein solides Vertrauensdepot in ihren Menschen aufbauen. Darauf können sie immer wieder zurückgreifen, wenn es brenzlig wird.


Ausreichend Schlaf kann viel zu einer positiven Verhaltensänderung beitragen. (Foto: Katrien Lismont)

Das Schlafpensum, das ein gesunder, erwachsener Hund zur Regeneration seines Nervensystems braucht, liegt bei 16 bis 17 Stunden pro Tag. Welpen brauchen 20 Stunden, und gerade im Welpenalter kann und sollte der Hund lernen, was ihm später guttut: sich zurücknehmen, schlafen und ruhen.

Das richtige Verhältnis von Auslastung und Regeneration ist einer der wichtigsten Faktoren in der Hundehaltung. Es gibt nicht viele Maßnahmen, die so schnell zu einer Verhaltensänderung führen können wie ausreichend Schlaf. Gesundes Futter, gezielte unterstützende Nahrungsergänzung, Tellington TTouch® und leichte Übungen, die zum eigenständigen Lösen von Problemen anregen, können darüber hinaus zu mehr Ruhe und Entspannung beitragen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Gesundheit. Auf meine Frage, wie der körperliche Zustand des Hundes eingeschätzt wird, erhalte ich häufig die Antwort: „Pumperlgsund.“ Leider stellt sich bei genauem Hinsehen fast ebenso häufig heraus, dass die Realität leider ganz anders aussieht: Selbst bei Hunden, die bereits mehrfach tierärztlich untersucht und behandelt wurden, erkenne ich beim ersten Termin in meiner Verhaltenspraxis in der Regel schnell, dass sie gute Miene zu ihrem schmerzenden Körper machen. Hunde zeigen Schmerzen möglichst nicht: Wenn Sie aufschreien oder humpeln, ist der Schmerz schon kaum noch auszuhalten. Für einen Hund mit Schmerzen stellt jeder Spaziergang eine Überforderung dar. Und Verhaltenstraining kann nur dann wirksam sein, wenn der Hund beschwerdefrei ist. Daher empfehle ich, Gesundheitsthemen und insbesondere Schmerzen absolute Priorität einzuräumen.

Geben Sie bei besonderen Hunden nicht gleich auf, wenn bei der ersten Untersuchung nichts festgestellt wird, Sie im Training jedoch nicht weiterkommen. Es lohnt sich, dranzubleiben und genauer hinzuschauen beziehungsweise den Hund genauer untersuchen zu lassen.

Ein ganzheitlicher Ansatz

Zwar steht in diesem Buch das Spaziergehen im Vordergrund, aber es ist mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass nur ein ganzheitlicher Ansatz nachhaltig Abhilfe schaffen kann. Ganzheitlich bedeutet, dass alle Elemente in Betracht gezogen werden: vom Ablauf des Alltags über das körperliche Wohlbefinden, die Menge und Richtigkeit der Aktivitäten, die Regenerationsmöglichkeiten, den Umgang, die Trainingsmethode bis hin zur Ausrüstung.

Je mehr wir korrigieren und justieren können, desto schneller und eleganter lassen sich die Probleme lösen. Es passiert tatsächlich, dass nach einer Erstberatung kein oder kaum Training in Anspruch genommen wird, weil sich alles gefügt und beruhigt hat oder das vorherige Training jetzt endlich fruchten kann.

Mehr über diese Vorgehensweise in Bezug auf leinenreaktive Hunde finden Sie in meinem Buch „Hund trifft Hund“.

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183 səh. 73 illustrasiyalar
ISBN:
9783840464843
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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