Kitabı oxu: «Alles wird gut?»
Katrin Bederna
Alles wird gut?
Franziskanische Akzente
herausgegeben von Mirjam Schambeck sf und Helmut Schlegel ofm
Band 30
KATRIN BEDERNA
Alles wird gut?
FRANZISKANISCHE INSPIRATIONEN ZUR KLIMAKRISE

Herzlicher Dank geht an Anna-Maria Kufner, Eva Kasper und Marie-Therese Girerd für die sorgfältige Zuarbeit bei den Korrekturen und an die Sponsorinnen dieses Bandes.

Der Umwelt zuliebe verzichten wir bei unseren Büchern auf Folienverpackung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abruf bar.
1. Auflage 2021
© 2021 Echter Verlag GmbH, Würzburg
www.echter.de
Umschlag: wunderlichundweigand.de
Umschlagfoto: Romolo Tavani/Shutterstock
Satz: Crossmediabureau, Gerolzhofen
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
ISBN
978-3-429-05649-0
978-3-429-05167-9 (PDF)
978-3-429-06536-2 (ePub)
Inhalt
1.Alles wird gut?
2.Franziskus, Klara und das gute Leben
Wer will schon suffizient leben?
Gerechtfertigtes Handeln?
Modelle anderen guten Lebens
Der Tausch
Was hat das mit der Klimakrise zu tun?
3.Armut und die herrin Wachstum
Franziskus sucht
Nachfolge
Fünfmal Armut
Können wir in der ökologischen Krise irgendetwas von dieser Armut lernen?
4.Gut für wen?
Auslagerung
Moral und Politik
Externalisieren in die Zukunft
5.Was fehlt, wenn die Tiere fehlen?
Zwillingskrisen
Geht es hier um uns?
Freundschaft mit den Tieren?
Von Tauben, Krähen und Dohlen, Hasen und Fischen, Lämmern, Würmern und Bienen, Falke, Fasan und Grille
Tiere wie wir?
Beste Freundinnen
6.Feuer, Wind und Wetter
Zusätzlich ein gläubiger Blick auf die Welt
Nichts Neues?
Erde und Feuer
7.Ernähren
Erdkrankheiten und Ernährung
Was kümmert mich der ethische Konsens?
Sich ernähren: gewaltsam und a-sozial
Nähren und Heilwerden
Identität
8.Unser Handeln und das Wirken Gottes
Vertrauen
Gib, dass ich tue
9.Schuld, Sünde und Buße
10.Feiern wir!
Anmerkungen
Abkürzungsverzeichnis
Zum Weiterdenken und -handeln
1.Alles wird gut?
„Wer jünger als sechzig ist, hat gute Chancen, Zeuge der radikalen Destabilisierung des Lebens auf der Erde zu werden – massiver Ernteausfälle, apokalyptischer Brände, implodierender Volkswirtschaften, gewaltiger Überschwemmungen, Hunderter Millionen Flüchtlinge aus Gegenden, die wegen extremer Hitze oder andauernder Dürre unbewohnbar geworden sind. Wer unter dreißig ist, wird fast garantiert Zeuge all dessen sein. Wenn unser Planet uns am Herzen liegt, und mit ihm Menschen und Tiere, die darauf leben, können wir zwei Haltungen dazu einnehmen. Entweder wir hoffen weiter, dass sich die Katastrophe verhindern lässt, und werden angesichts der Trägheit der Welt nur immer frustrierter oder wütender. Oder wir akzeptieren, dass das Unheil eintreten wird, und denken neu darüber nach, was es heißt, Hoffnung zu haben.“
Jonathan Franzen, What if We Stopped Pretending? 8. 9. 20191
Andrà tutto bene, alles wird gut! Diese Hoffnung leuchtete im Frühjahr 2020 auf dem Höhepunkt der ersten Coronawelle von italienischen Balkonen. Während die Trauer um die vielen Verstorbenen wuchs, gab und gibt es doch begründete Hoffnung für die Lebenden, gemeinsam das Virus zu besiegen.
Die ökologische Krise, um die es in diesem Buch geht, ist die größere. Während diese Zeilen geschrieben werden, wird prognostiziert, gegen Ende 2021 könnte das Virus unter Kontrolle sein. Selbst wenn jedoch weltweit ab heute nur noch so viel Treibhausgas ausgestoßen würde, wie von Pflanzen wieder gebunden oder industriell der Atmosphäre entzogen werden kann, würde die Klimakrise bis Ende des Jahrhunderts immer gravierender, denn sie verstärkt sich selbst, beispielsweise weil wärmere Ozeane weniger CO2 speichern als normaltemperierte. Zudem werden die Treibhausgasemissionen der letzten Jahrzehnte noch lange ihre Wirkung entfalten. An die Corona-Pandemie werden unsere Enkelinnen und Urenkel vermutlich so denken wie wir Heutigen an die spanische Grippe. Die ökologische Krise wird hingegen das Leben vieler Generationen nach uns beeinträchtigen. Klimakrise, Artensterben und Süßwassermangel betreffen zudem alle Menschen, alle Tiere und Pflanzen und alle Landschaften. Die ökologische Krise ist folglich ungleich gewichtiger hinsichtlich der Zahl der Opfer, der Intensität der Schäden und nicht zuletzt hinsichtlich der Vielfalt der Gründe zu verzweifeln.
Alles wird gut?
Es ist spät. Vor 50 Jahren, als der Club of Rome 1972 den Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ veröffentlichte, wäre noch Zeit gewesen, mit einer großen Kraftanstrengung die Überschreitungen der planetaren Grenzen zu verhindern. Vor 30 Jahren, als in Rio 1992 die United Nations Conference on Environment and Development, der sogenannte Erdgipfel, tagte und die Klimarahmenkonvention verabschiedet wurde, war der Handlungsspielraum schon deutlich kleiner. Nun ist seit dem Weltklimagipfel in Paris 2015 (der 21. Conference of Parties zur Klimarahmenkonvention, genannt COP 21) und der zeitgleichen Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus wieder mehr als eine halbe Dekade verstrichen und die Treibhausgasemissionen, der Landverlust, das Artensterben nehmen zu.
Jonathan Franzen zieht aus dieser Tatsache in seinem einleitend zitierten Essay eine irritierende Konsequenz: Wir sollten der Tatsache ins Auge sehen, dass Menschen nicht zu gemeinschaftlichem vernünftigem Handeln fähig seien und der Kampf gegen die Klimakrise verloren sei. Es sei zu spät. Statt die politische und individuelle Energie in die Minderung der Erderwärmung zu investieren, sollten alle Menschen versuchen, die Lebensbedingungen von Tieren und Menschen an vielen Orten ein wenig zu verbessern und sich gegen die nahende Katastrophe zu wappnen – so lange es noch geht. Die Welt zu retten sei vermessen und illusionär.
Diese These rief breiten Widerstand hervor. 50 Jahre lang erschien die ökologische Situation den meisten Menschen nicht schlimm genug, um für eine ökologische Transformation zu kämpfen. Und nun soll sie zu schlimm sein? Richtig an Jonathan Franzens Überlegungen ist dreierlei: Erstens ist die Klimakrise so weit fortgeschritten – in der Antarktis weiter als je prognostiziert – und sind die Maßnahmen zur Eindämmung so mickrig, dass es düster aussieht. Zweitens ist Klima nicht alles. Wenn der Klimawandel gebremst sein sollte, sind das Artensterben und der Landverlust, sind Hunger und Süßwassermangel dadurch noch nicht beseitigt. Und drittens ist die Idee der Weltrettung, die mit dem Versprechen, alles werde gut, einhergeht, zu groß. Sie ist im eigentlichen Sinn eine religiöse.
Zugleich aber ist Franzens Argumentation hochproblematisch: Erstens ist Klima zwar nicht alles, aber ohne klimatische Stabilität ist alles andere nichts. Der Klimawandel ist der größte Feind der Artenvielfalt, der Fruchtbarkeit des Landes, der Ernährungssicherheit und des Friedens. Es gibt viele gesellschaftliche und ökologische Probleme – doch fast alle werden sie verstärkt vom Klimawandel. Zweitens ist das Ziel der „Rettung der Welt“ zwar in der Tat wortwörtlich verstanden überheblich. Es ist aber eine angemessene Metapher, die Größe der Aufgabe zu umschreiben. Es geht nicht um alles, aber doch um enorm vieles innerhalb unseres Horizonts, um Tiere und Pflanzen, um die menschliche Zivilisation. Deshalb beschreiten die meisten Klimaforscherinnen und Aktivisten den hier von Franzen gescholtenen Weg: Maja Göpel nennt ihr Buch Unsere Welt neu denken (2020). Trotz aller Dramatik ist ihr Tenor der einer Einladung: „Bleiben Sie freundlich und geduldig, aber bleiben Sie dran.“2 Luisa Neubauer und Alexander Repening erzählen in Vom Ende der Klimakrise eine Geschichte unserer Zukunft (2020): Es gebe sehr viel Grund für Frust und Wut. Doch sei das nur mehr Ansporn, „possibilistisch“ die verbleibenden Möglichkeiten zu ergreifen.3 Jedes Zehntelgrad Erwärmung, das nicht stattfindet, ist gewonnenes Leben. Drittens ist es nämlich schlichtweg unmoralisch, frühzeitig das Ende auszurufen. Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist.
Alles wird gut?
„Alles Gute für dich!“ Dieses Geburtstagslied zeigt das genannte Dilemma zwischen notwendiger Hoffnung und abgeklärtem Realismus nach der Art Franzens verschärft: Wer das singt, verheißt das Gute – und verspricht singend mehr, als sie oder er halten kann. Im Lied verbirgt sich die Zusage: Es ist gut, dass du bist. Ich verspreche, mitzuhelfen, dass alles gut werde für dich. Ich werde nicht einwilligen in das Übel, das dir geschieht. Diesen Zusammenhang fasst Gabriel Marcel in den berühmten Satz: „Einen Menschen lieben heißt ihm sagen: Du wirst nicht sterben!“ In der unbeirrbaren Solidarität für die anderen setzen wir praktisch, wenn auch gegen viele Fakten der Welt, dass Rettung möglich ist. Umgekehrt heißt, zu „akzeptieren, dass das Unheil eintreten wird“ (Franzen), die anderen, die Zukünftigen, fallen zu lassen und es sich in seiner kleinen, noch heilen Welt bequem zu machen.
Aber singen wir „Alles Gute für dich!“ nicht nur einfach so? Sind unsere Lieder nicht bloß nette Wünsche? Zeigen die Transparente an den italienischen Balkonen nicht einfach nur Durchhalteparolen? Vielleicht. Sind sie ernst gemeint, wird aus dem Wunsch ein Wille: der Wille, sich einzusetzen für alles hier mögliche Gute für dich.
Alles Gute!
Omne bene, Alles Gute, nennt die Franziskanerterziarin Angela da Foligno aus der Nachbarschaft Assisis um 1300 das Gegenüber ihrer mystischen Erfahrungen:
„Und ich sah das Alles Gute. … Die Seele sieht nichts, was sie mit Worten oder mit dem Herzen fassen könnte. Sie sieht nichts und sie sieht alles ganz und gar. Ich setze meine Hoffnung in kein äußerlich beschreibbares oder vorstellbares Gut; meine Hoffnung ist in einem ganz und gar verborgenen, verschlossenen Gut, das ich mit so großem Dunkel erkenne.“4
Dahinter steckt auch der gerade skizzierte Gedanke: Gott ist für Angela Alles Gute in Person und kann allein alles Gute realisieren. Der Alles Gute sei unvorstellbar und im Dunkel, weil er nicht begrenzt sei, weil er alles erfülle und durchdringe. Wer sich einsetzt für die anderen, wer hofft und verspricht, alles werde gut, der setzt implizit auf Gott, den oder die Alles Gute.
Diese Hoffnung kann man als Vertröstung missverstehen. Doch ist sie bei Angela, Franziskus, Klara und auch logisch das Gegenteil: Wer sich nicht einsetzt dafür, dass Gottes Liebe in der Welt wirklich wird, sondern nur auf Gott hofft, der wünscht nur alles Gute, will es aber nicht wirklich. Es gilt, sehr viel Schaden zu vermeiden, während wir auf Omne bene warten.
Das alles klingt vielleicht so, als seien wir zwar moralisch und religiös verpflichtet zu hoffnungsvollem Einsatz, doch sei die Sache eigentlich aussichtslos. Aber das ist nicht der Fall. Das Zauberwort Klimaneutralität ist mittlerweile in aller Munde – auch wenn noch niemand wirklich begriffen hat, wie das gehen wird. Es gibt viele, die sehen, dass ein neues Verhältnis zu Natur und Zukunft, eine andere Art zu wirtschaften, zu essen, zu wohnen, zu reisen, zu teilen notwendig sind. Sie sind nicht allein. Es gibt viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Fast jedes Städtchen hat mittlerweile eine Klimagruppe, eine Radverkehrsinitiative, eine Gruppe von BUND oder Greenpeace. Man muss sie nur suchen oder gründen.
Das Buch, das Sie zur Hand genommen haben, ist kein Klimabuch im engeren Sinn. Es erklärt nicht, wie viel Tonnen Treibhausgas pro Kopf noch ausgestoßen werden könnten, bis die magische 1,5-C-Grenze der COP 21 von Paris überschritten wird. Es erläutert nicht, welche biologischen und sozialen Folgen die Erwärmung der globalen Erdtemperatur haben wird. Es fragt auch nicht, welche psychologischen und soziologischen Gründe dazu führen, dass so absurd wenig geschieht. Es stellt vielmehr spirituelle Fragen, denn die ökologische Krise ist auch eine spirituelle Krise. Eine Krise des eigenen Verhältnisses zu Tieren, Pflanzen, Menschen und Gott. Eine Krise von allgegenwärtigem Wachstumsstreben und fehlendem Schuldbewusstsein. Dabei gehe ich vom naheliegenden Gedanken aus, dass die franziskanische Tradition in dieser spirituellen Krise hilfreich sein könnte.
Das Buch beginnt mit einem Kapitel über die tätige Hoffnung darauf, dass doch noch alles gut werde. Christlicher Glaube lehrt diesbezüglich Bescheidenheit. Dass alles gut werde, würde auch die Rettung der Opfer der Vergangenheit umfassen und ist etwas, das Menschen nur klagend erbitten können. Vorher ist noch sehr viel anderes zu tun. Jede und jeder Einzelne kann politisch und alltagspraktisch an der notwendigen ökologischen Transformation mitwirken, auf dass es nicht noch schlimmer komme, vertrauend darauf, nicht allein zu sein. Dieses Vertrauen ist in der Perspektive christlichen Glaubens weder mit einer Glücks- noch mit einer Erfolgsgarantie verbunden. Jesus stirbt am Kreuz. Franziskus wählt das Sterben in Kreuzform auf dem Erdboden. Doch beide haben die Welt verändert.
2.Franziskus, Klara und das gute Leben
„Unsere Vision ist ein Amazonien, das alle seine Bewohner integriert und fördert, damit sie das ‚buen vivir‘ – das ‚Gute Leben‘ – dauerhaft verwirklichen können. Es ist jedoch ein prophetischer Schrei und mühsamer Einsatz für die Ärmsten notwendig. Denn obschon Amazonien vor einer ökologischen Katastrophe steht, muss darauf hingewiesen werden, dass ‚ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer in einen sozialen Ansatz verwandelt, der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde‘.“
Papst Franziskus, Querida Amazonia, 2. 2. 2020
Was gehört zu einem guten Leben? Freundinnen und Freunde, Familie, ein Häuschen im Grünen, ein Auto oder auch zwei, Computer und Handy, Fleisch auf dem Grill, moderne Kleidung, Skifahren im Winter, zu Ostern ans Meer und im Sommer weit in die Ferne? Ist ein gutes Leben ein immer besseres Leben?
In der sozial- und kulturwissenschaftlichen Nachhaltigkeitsforschung spielt die Frage nach dem guten Leben eine bedeutende Rolle. Grund dafür ist, dass die zeitgenössischen ökologischen Probleme nicht allein technisch zu lösen sind. Es braucht zugleich einen kulturellen Wandel. Dieser setzt neue Vorstellungen von dem voraus, was ein gutes Leben ausmacht.
Politisch stehen die technischen Nachhaltigkeitsstrategien im Zentrum. Diese werden zusammengefasst unter den Begriffen Effizienz und Konsistenz. Effizienz (von lat. efficio, hervorbringen) umschreibt das Erreichen des Erstrebten (wie Mobilität oder ein warmes Haus) mit geringeren und nachhaltigen Mitteln, bspw. durch leistungsstärkere und verbrauchsärmere Technik oder durch Dämmung. Konsistenz (von lat. consisto, zusammentreten) beschreibt das möglichst konfliktfreie Zusammenspiel von menschlichem Handeln und natürlichen Prozessen und zielt auf ein Kreislaufsystem der Stoffe, ein System ohne Abfall. Dazu gehören bspw. die Versorgung mit erneuerbarer Energie sowie die Dauerhaftigkeit, Reparatur und Wiederverwertung von Gebrauchsgegenständen. Effizienz und Konsistenz sind nötig – stoßen jedoch an soziale Grenzen: Viele der Effizienzgewinne werden durch sogenannte Rebound-Effekte aufgezehrt oder gar überkompensiert, wenn bspw. zwar der Motor oder die Heizung effizienter, aber zugleich das Auto größer, schwerer und mehr gebraucht wird und die Wohnfläche pro Person zunimmt. Konsistenzgewinne stoßen auf neue Inkonsistenzen: Die Umstellung von fossiler auf erneuerbare Energie ist aus Klimagründen unabdingbar. Solar-, Wind- und Wasserkraftanlagen können jedoch u. a. die Artenvielfalt beeinträchtigen – auch wenn sie Menschen und Tiere weit weniger schädigen als der Klimawandel selbst. Zudem können wir in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht so viel Energie erneuerbar erzeugen, wie aktuell fossil beansprucht wird. Es bedarf deshalb zusätzlich zur Effizienz und Konsistenz des Weniger. Dies umschreibt die dritte Nachhaltigkeitsstrategie, die Suffizienz (von lat. sufficio, ausreichen, genügen, imstande sein), also das Maßhalten, das Genüge Finden an weniger und anderen Dingen: weniger Energieverbrauch, weniger Konsum, weniger Mobilität, weniger Tempo, andere Ernährungsweisen, andere Wohnformen, andere Gärten. Zugleich gehört zur Suffizienz ein Mehr: mehr eigene Kreativität, bspw. im Gärtnern, Kochen, Tischlern und Reparieren, im Sinne der Verlängerung der Produktlebensdauer, der Verkürzung der Transportwege und der gemeinschaftlichen Widerstandsfähigkeit gegenüber der drohenden Krise. Mehr Teilen von Gebrauchsgegenständen wie Rasenmähern, Waschmaschinen, Autos, Kleidung (Kleidertauschmärkte) oder Büchern (Leihbibliothek), von Nahrungsmitteln (zu gut für die Tonne!) und Freizeitmöglichkeiten (öffentliches Schwimmbad statt Gartenpool).
Wer will schon suffizient leben?
Verzichten ist nicht chic. Kann ein suffizientes Leben ein gutes Leben sein? Wer will nicht das haben, was im eigenen Umfeld als normal gilt? Und ist nicht vieles schlichtweg notwendig: das Auto im Dorf mit schlechter öffentlicher Verkehrsanbindung, die Dienstreise nach Übersee, das neueste Handy? Besitz erleichtert das Leben und verschafft sozialen Status. Bestimmte Dinge nicht zu haben und zu tun, kann sozial ausgrenzen, von der Radfahrerin, die nicht überall gleich schnell und mit ähnlich feiner Kleidung wie die Autofahrenden hingelangt, bis zu demjenigen, der eine Stelle nicht annimmt, weil sie Pendeln verlangt und treibhausgasintensives Verhalten anderer unterstützt.
Viele Nachhaltigkeitsforscherinnen und -forscher halten dagegen: Suffizienz sei die zeitgemäße Form wahrhaft guten Lebens. Teilen und Tauschen, Arbeit in Gemeinschaftsgärten und Reparaturwerkstätten schenken neue Sozialkontakte. Wer selbst produziert, statt per Mausklick zu ordern, erfährt Selbstwirksamkeit, was zufrieden macht. Das Können und das Nicht-alles-Brauchen macht unabhängig von weltweiten Lieferketten, stärkt also die Sicherheit. Für weniger Konsum ist weniger Geld, also auch weniger Arbeitszeit nötig. Suffizienz kann deshalb zu Zeitwohlstand führen. Nicht zuletzt belegt die psychologische Glücksforschung, dass erhöhter Konsum ab einem bestimmten Niveau keinen Glücksgewinn mehr bringt. Konsumvermehrung kann sogar ins Gegenteil umschlagen, denn Besitz will bewahrt, vermehrt und beschützt werden. Die ersten Schritte zum Weniger verlangen Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit von den Einschätzungen anderer. Je mehr Menschen aber mitmachen, desto einfacher wird es. Wie sich aktuell beim Vegetarismus und Veganismus unter Jugendlichen beobachten lässt, kann von unten die Vorstellung einer neuen Normalität entstehen, so dass plötzlich der zuvor normale Konsum rechtfertigungsbedürftig wird. Maßhalten ist eine Lebenshaltung und verspricht, wenn man nicht allein bleibt, ein zufriedeneres, glücklicheres, ein gutes Leben. Du glaubst gar nicht, was du alles nicht brauchst!
Was aber, wenn mich das Weniger-Haben, Weniger-Verbrauchen und Selbermachen nicht glücklich machen? Dann muss die Perspektive gewechselt werden, weg von der tugendethischen Frage nach dem guten Leben hin zur normativen: Welche Handlung, Lebensform und Wirtschaftsweise lässt sich mit guten Gründen rechtfertigen?
Gerechtfertigtes Handeln?
Für die Antwort spielt es klimaethisch kaum eine Rolle, ob man utilitaristisch argumentiert, also die Folgen abschätzt, oder kantisch nach der Verallgemeinerbarkeit der handlungsleitenden Maxime fragt: Vieles von dem, was individuell Glück verspricht, wird zur Bedrohung, wenn es alle tun. Das, was einleitend als gutes Leben skizziert wurde, ist nicht verallgemeinerbar, ohne die ökologischen Grundlagen guten Lebens für alle zu zerstören. Was einleitend als gutes Leben skizziert wurde, ist nicht nachhaltig, denn eine Lebensform oder Wirtschaftsweise ist nur dann nachhaltig, wenn sie so mit der Natur umgeht, dass sie von jeder und jedem anderen überall und immer wiederholt bzw. geteilt werden kann.
Das ist breiter Konsens unter Ethikerinnen und Ethikern. Nur scheinen der Wille und die Tatkraft, das als sittlich richtig Erkannte zu tun, in Nachhaltigkeitsfragen nicht sehr weit verbreitet zu sein. Auch politisch ist kaum mehr strittig, dass die Überschreitung der planetaren Grenzen ein gravierendes zukunftsbestimmendes und zu bearbeitendes Problem darstellt. Strittig ist hingegen, ob nicht doch rein technische Strategien ausreichen und ob es nötig, wünschenswert und demokratisch durchsetzbar ist, Strukturen so zu transformieren, dass es für alle naheliegend wird, suffizienter zu leben.
Wenn das Wissen und die Erkenntnis des ethisch Gebotenen nicht zum Handeln führen, kann es vielleicht helfen, sich Lebensmodelle der Tradition vor Augen zu führen. Ihre Sicht auf die Dinge kann das, was man selbst für normal hält, unterbrechen und hinterfragen. Ihre Sicht auf die Dinge kann zeigen, dass gutes Leben vielleicht auch anders geht.
Modelle anderen guten Lebens
Papst Franziskus nennt zu Beginn des einleitend zitierten apostolischen Schreibens Querida Amazonia als Vorbild einer traditionellen nachhaltigen Lebensweise ein Beispiel, das in Nachhaltigkeitskontexten immer wieder erwähnt wird: das Buen vivir, das Gute Leben oder wie es auf Quechua heißt Sumak Kawsay. Es bezeichnet eine Welt- und Lebenssicht indigener Völker des Anden- und Amazonasgebiets. Buen vivir betrachtet die Menschen als einen Teil der gesamten Natur, in die sie verflochten sind und die sie trägt. Es ist wachstums- und entwicklungskritisch, verbunden mit dem Widerstand gegen die Ausbeutung des Amazonasgebiets durch die Ölindustrie und gegen den Anbau von Soja, das wiederum u. a. als Kraftfutter für die europäische Intensivtierhaltung exportiert wird. In Ecuador genießt Buen vivir Verfassungsrang:
„Die Natur oder Pacha Mama (Mutter Erde), in der das Leben stattfindet und sich reproduziert, hat das Recht, in ihrer Existenz durch Erhalt und Regenerierung ihrer Lebenszyklen, Struktur und Funktionen und Entwicklungsprozesse ganzheitlich respektiert zu werden.“5
Buen vivir ist kein Konzept zum Schutz der Umwelt, sondern ein Konzept der gemeinsamen Welt. Es ist, wie auch Papst Franziskus oben schreibt, kein ökozentrisches Konzept. Es behauptet nur, niemand könne gut leben, wenn Tiere und Pflanzen dies nicht auch können.
Zwischen Buen vivir und der Weltsicht des Franziskus von Assisi gibt es erstaunliche Parallelen: in der Sicht der Erde, der Tiere, des Geldes. Diese und andere klimaethisch relevanten Lebensbereiche werden in den folgenden Kapiteln aus franziskanischer Perspektive skizziert. Was also gehört zu einem guten Leben? Kann die Antwort von Franziskus und Klara darauf heute inspirieren?
Der Tausch
Sie wundern sich über die Zusammenstellung von Franziskus, Klara und einem guten Leben? Ihr Leben war schließlich hart, materiell arm, Krankheiten waren häufiger Gast. Ihr Lebensstil war erkämpft und blieb zeitlebens umstritten. Doch Franziskus selbst erzählt den Beginn seines Ausstiegs im ersten Satz des Testaments als Tausch des Bitteren in Süßes. Die Adjektive bitter und süß bezeichnen dabei beide das neue Leben. Das Leben der kompromisslosen Erniedrigung ist gemessen am Üblichen, Normalen bitter. Nun ist es süß. Getauscht wird also nicht nur der Lebensstil. Getauscht werden die Bewertungskategorien. Als Paradigma dieses Tausches erzählen die Quellen die Zuwendung zu den Aussätzigen. Der Kuss der Hand des Leprösen wird zur Metapher des normalerweise abstoßenden und doch guten Lebens:
„So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen: denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Lebens verwandelt.“ (Test 1–3, FQ 59)
Die Dreigefährtenlegende erzählt dann, anlässlich der Begegnung mit dem Aussätzigen sei auch das alte Leben zu einem verachtenswerten geworden, habe sich also das Süße in Bitteres verwandelt:
„Als er eines Tages innig zum Herrn betete, wurde ihm geantwortet: ‚Franziskus, alles, was du fleischlich geliebt und zu haben gewünscht hast, musst du verachten und hassen, wenn du meinen Willen erkennen willst. Wenn du nachher zu tun beginnst, was dir bisher angenehm und süß erschien, wird es dir unerträglich und bitter sein, und was dich vorher erschaudern ließ, wird dir große Süßigkeit und immenses Glück bescheren.‘“ (Gef 11, FQ 617f)
Im Sacrum Commercium sind schließlich alle, die nicht das bequeme Leben gegen die neue Süße tauschen, die Dummen. Franziskus fragt sie, die „Großen und Weisen“, wo er denn die Armut finden könne. Und mit den Büchern Kohelet und Weisheit lässt die Erzählung sie antworten:
„Uns aber bleibt, die Üppigkeit auszukosten und Überfluss zu haben an Reichtum; denn kurz und traurig ist unser Leben; für das Ende des Menschen gibt es keine Arznei. Denn wir kennen nichts Besseres als vergnügt zu sein, zu essen und zu trinken, solange wir leben. Als der selige Franziskus das hörte, wunderte er sich in seinem Herzen …“ (SC 1, FQ 662)
Sacrum Commercium kann man übersetzen als heiliger Tausch, Tausch von Üppigkeit gegen Armut, von vergnügtem Konsum gegen das gute Leben, als Tausch der Bewertungskategorien. Dieser Tausch folgt der paulinischen Umkehrung der Normalität: „Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott“ (1 Kor 3,19). Die Franziskus-Quellen übersetzen Sacrum Commercium als geheiligten Bund mit der Herrin Armut. Diesen Bund schließen Franziskus und Klara wohl kaum, um gut zu leben, auch wenn ihnen das neue Leben süß erscheint. Sie schließen ihn wohl auch nicht, um soziale Gerechtigkeit zu befördern, auch wenn sie auf diesem Weg soziale Schranken und Hierarchien durchbrechen. Sie schließen ihn nicht aus ökologischen Gründen, auch wenn die Geschwisterlichkeit mit Tieren, Pflanzen und der Erde zur neuen Süße gehört. Vielleicht könnte man sagen: Sie schließen den Bund mit der Armut, weil sie die Nächsten, die Tiere, die Pflanzen und Gott plötzlich mit anderen Augen sehen. Sie schließen ihn, weil sie Jesus folgen. Im Bund mit der Herrin Armut spiegelt sich der Bund mit Gott.
Was hat das mit der Klimakrise zu tun?
Noch einmal kurz gesagt: Um die Klimakrise einzudämmen, bedarf es neben Effizienzsteigerung und konsistenten Abläufen auch des Weniger und Anders. Dazu muss die Vorstellung von dem, was normal ist, gewechselt werden. Das tun Menschen in westlichen Gesellschaften ständig. Wir tauschen ständig das gute Leben gegen das immer bessere. Was gestern noch Luxus war, ist heute normal: zum Frühstück die Frucht aus Übersee, Besitz eines Autos und zahlloser Haushaltsgeräte, vielfältige Kleidung, Flugreisen, Computer und Smartphone. Nötig ist, diesem Tausch eine andere Richtung zu geben. Nötig ist nicht, auf das Notwendige zu verzichten, wie Franziskus es tut. Es bedarf jedoch gesellschaftlicher Diskurse darüber, was notwendig ist, was normal sein soll – und was nur für normal gehalten wird, aber pervers ist, weil es allen den ökologischen Boden entzieht. Nötig sind Gruppen, die die Perspektive tauschen und kreativ vorleben, dass vermeintlich Bitteres süß sein kann: kein Auto, geteilte Küchen, Fahrradreisen von zuhause aus, politischer Einsatz gegen Parkplätze und Betonbauten, für Regionalisierung und handwerkliche Bildung, für Anbaumethoden, die CO2 binden …
Man braucht dafür Franziskus und Klara nicht. Es reicht die Einsicht, dass das Süße zu Bitterkeit führt, weil es auf Ausbeutung der Ärmsten und der Natur beruht. Aber beide können dazu inspirieren: Wir dürfen uns Franziskus und Klara als glückliche Menschen vorstellen.
Pulsuz fraqment bitdi.