Kitabı oxu: «Sieh nichts Bšses»

Şrift:

Sieh nichts Böses

Copyright © 2019 by Kayla Gabriel

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln ohne ausdrückliche, schriftliche Erlaubnis der Autorin elektronisch, digital oder analog reproduziert oder übertragen werden, einschließlich, aber nicht beschränkt auf, Fotokopieren, Aufzeichnen, Scannen oder Verwendung diverser Datenspeicher- und Abrufsysteme.

Veröffentlicht von Kayla Gabriel als KSA Publishing Consultants, Inc.

Gabriel, Kayla: Sieh nichts Böses

Coverdesign: Kayla Gabriel

Foto/Bildnachweis: Depositphotos: VolodymyrBur; GraphicStock; Fotolia.com: satyrenko

Anmerkung des Verlegers: Dieses Buch ist ausschließlich für erwachsene Leser bestimmt. Sexuelle Aktivitäten, wie das Hintern versohlen, die in diesem Buch vorkommen, sind reine Fantasien, die für Erwachsene gedacht sind und die weder von der Autorin noch vom Herausgeber befürwortet oder ermutigt werden.

Inhalt

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Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

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Kapitel Eins

Pere Mal

Dominic „Pere Mal“ Malveaux stützte seine Ellbogen auf die wacklige Brüstung der Dachterrasse des Hotel Monteleone. Er kniff die Augen vor der hellen Frühlingssonne an diesem frühen Morgen zusammen, während er die Skyline New Orleans betrachtete. Jedes Mal, wenn er nachdenken musste, verließ er seine luxuriösen Zimmer im obersten Stockwerk des Monteleone und ging hinauf auf die Dachterrasse mit dem hoteleigenen Pool. Diese bot ihm Ruhe und Frieden, weit weg von seinen vielen Untergebenen und ihrer ständigen Unfähigkeit. Sie bot ihm ebenfalls eine fantastische Aussicht auf den Rest der Stadt und den Mississippi.

Auch heute war die Aussicht so spektakulär wie eh und je, doch seine Freude wurde von einer unbekannten Empfindung getrübt. Unsicherheit, vielleicht. Er stand kurz davor, das uralte Geheimnis aufzudecken, das der Voodoopriester Baron Samedi hinterlassen hatte. Ein Rätsel, wenn man so wollte, das die Geheimnisse der Sieben Tore enthüllen sollte. Der schnellste Weg, um den Schleier zu entfernen, diese dünne Barriere zwischen dieser Welt und der nächsten. Die kürzeste Route zum Reich der Geister und dem Ort, zu dem Pere Mal unbedingt Zugang brauchte.

Seine glorreichen Kräfte mit denen der Geister seiner gefürchteten Vorfahren zu vereinen, wäre ein genialer Coup. Pere Mal war jetzt schon mächtig, aber wenn er erst einmal den Schleier zerstört und die zwei Welten zusammengeführt hatte, würde er unaufhaltsam sein. Le Medcin, dieser neugierige, gefährliche Drecksack, würde zu Pere Mals Füßen kriechen. Die Leute waren so naiv und hielten Le Medcins Lügen, dass er eine größere Macht repräsentierte, für die Wahrheit. Pere Mal hatte das auch einmal geglaubt.

Jetzt allerdings… wusste Pere Mal, dass Le Medcin eine verlogene Schlange war. Pere Mal würde ihn zu Fall bringen und zwar hart. Direkt nachdem er diese vermeintliche Priesterin in die Knie gezwungen hatte.

Pere Mals Fäuste ballten sich allein bei dem Gedanken an Mere Marie, wie sie sich heutzutage nannte. Dieses hochnäsige Miststück. Sie war ein Nichts gewesen, als Pere Mal sie gefunden hatte. Sie hatte blind die Regeln des Voodoo befolgt, ohne ein echtes Verständnis und ohne Wertschätzung der Kunst, die es bedarf, um helle und dunkle Magie im Gleichgewicht zu halten. Wenn „Onkel Dominic“ sie nicht unter seine Fittiche genommen hätte, wo wäre die kleine Marie dann jetzt?

„Boss.“

Pere Mal drehte sich um und entdeckte seine rechte Hand Landry, der über die verlassene Terrasse schritt. Verärgert blickte er zu ihm. Landrys Gestalt war das absolute Gegenteil von Pere Mal, was sie zu einem interessanten Paar machte. Landry war klein, kleiner als eins fünfundsechzig. Seine Haut hatte eine einzigartige Blässe, sodass er trotz seines offenkundigen afroamerikanischen Erbes fast so bleich wie ein Laken war, und er trug schlechtsitzende, ausgebeulte Anzüge. Wenn Pere Mal nicht darauf bestehen würde, dass er eine anständige Arbeitskleidung trug, würde Landry zweifellos nur zu Basketballshorts und Sneakers sowie zerschlissenen Saints Pullovern greifen. Neben der altehrwürdigen Anmut des großen, karamellfarbenen Pere Mal, der in einem Smoking steckte, stellte Landry genau das dar, was er war: einen fiesen Handlanger, der sich um die Drecksarbeit kümmerte und jeden von Pere Mals Befehlen sofort ausführte.

„Landry“, sagte Pere Mal und bedachte seinen Angestellten mit einem finsteren Blick, der Landrys Schritte von hastig zu zögerlich drosselte. „Ich dachte, wir wären uns einig darüber, wie ihr euch zu verhalten habt, wenn ich hier oben auf dem Dach bin.“

Landrys Mundwinkel verzogen sich nach unten, aber er näherte sich trotzdem.

„Ja, Monsieur“, erwiderte Landry, wobei sein Französisch von seinem amerikanischen Unterklasse-Akzent ruiniert wurde. Natürlich erwartete Pere Mal nicht, dass jeder mit dem haitisch-kreolischen Akzent sprechen konnte, wie es Pere Mal und sein ehemaliger Schützling Mere Marie taten.

„Und dennoch“, sagte Pere Mal und blickte über seine Nase auf ihn herab, „bist du hier.“

„Wir haben die Hexe gefunden. Vielleicht. Glaube ich“, erklärte Landry und stoppte einige Schritte entfernt von der Stelle, an der Pere Mal an der Brüstung lehnte. Landry trat ein paarmal von einem Fuß auf den anderen und wand sich unter Pere Mals Blick. „Ich nahm an, Sie würden das sofort wissen wollen.“

„Lass uns nach drinnen gehen“, schlug Pere Mal vor, stieß sich von der Brüstung ab und schritt in das Gebäude. „Ich möchte keinen Präzedenzfall schaffen, der dich auf die Idee bringt, dass du meine Gedanken stören darfst, wann immer dir danach ist.“

„Sir“, erwiderte Landry mit einem erleichterten Nicken.

Sie folgten Landrys Weg zurück in das Hotel und Pere Mal führte sie zu einem Arrangement bequemer Sofas, die in einem winzigen Barbereich standen. An den Wochenenden steppte in der holzverkleideten Edelbar der Bär und es ging sehr laut zu. Doch jetzt war sie ruhig und leer. Perfekt für die Konversation, die nun folgen würde.

„In Ordnung. Erzähl mir, was ihr herausgefunden habt“, verlangte Pere Mal, während er sich auf dem größten Sofa niederließ. Landry nahm den Sessel daneben und fummelte nervös an der scheußlich grünen Krawatte herum, die er trug.

„Warten Sie eine Sekunde“, bat Landry. Er legte seine Hände um den Mund und brüllte: „Amos! Amos, bring das Mädchen!“

Landrys Lippen umspielte ein leichtes Grinsen, als einer seiner Untergebenen-Doppelgänger ein dürres Teenager-Mädchen in den Raum schleifte. Die Haut des Mädchens hatte die Farbe eines hellen Karamellbonbons, eine perfekte kreolische Mischung, und sie trug ein hautenges, modern geschnittenes blaues Kleid, das ihre honigfarbenen Augen betonte. Momentan schwammen diese Augen in Tränen, ihre langen Haare waren zerzaust und auf ihrem Gesicht zeigten sich zu gleichen Teilen Angst und Wut.

Pere Mal fand ihre Schönheit anziehend, aber ihre Tränen stießen ihn ab. Wenn er Menschlichkeit gewollt hätte, wäre er nie ein Voodoopriester eines so hohen Ranges geworden, hätte nie all die altehrwürdigen Geheimnisse studiert und nie die Worte rezitiert, durch die er sein menschliches Selbst abgelegt und seine Seele unsterblich gemacht hatte. Je weiter er sich von seinen sterblichen Anfängen entfernte, desto mehr widerten ihn die Menschen und ihre erbärmlichen Emotionen an. Die Tränen des Mädchens, das selbstzufriedene Funkeln in Landrys Augen… Pere Mal unterdrückte ein gelangweiltes Seufzen.

„Hab sie beim Tanzen in einem Club in der Bourbon Street entdeckt. Sie hat eine große Klappe und hat mir erzählt, dass sie Energien lesen kann und ihre Mutter einen Laden am Le Marché hat“, grunzte Amos. Er richtete seinen Blick auf das Mädchen und schüttelte sie heftig. „Erzähl ihm von der Lady, die deine Mom am Le Marché sieht.“

„Ich werd dir nicht helfen“, schnaubte das Mädchen höhnisch. „Du hast mich durch die ganze Stadt geschleift. Ich denk nicht, dass du für all die Privattänze zahlen wirst.“

Landry räusperte sich.

„Genau in dieser Sekunde verfrachten meine Jungs deine Ma in den Kofferraum eines Vans“, informierte er die junge Frau. „Du und deine Ma werden uns dabei helfen, diese Hexe zu finden oder ich werde euch beide töten.“

Der Mund der jungen Frau öffnete und schloss sich mehrere Male wie der eines Fisches an Land.

„Andrea“, forderte Amos sie auf und rüttelte wieder an ihrem Arm, „mach endlich das Maul auf.“

„S-sie… Meine Momma sagte, dieses weiße Mädchen kommt ständig in ihren Laden und sucht nach Dingen, um zum Beispiel… ihre Magie weniger stark zu machen oder so was. Die Lady sieht Geister, schätze ich. Meine Momma sagte, die Lady hat einmal eine Botschaft von meinem Onkel ausgerichtet.“

„Kann sie noch etwas anderes?“, fragte Pere Mal neugierig.

„Ich weiß nicht“, antwortete Andrea, deren Lippen sich kräuselten. „Ich war nicht einmal dort. Momma sagte nur, dass die Lady eine Idiotin ist, so ohne Schutz herumzuspazieren. Sie ist wirklich mächtig und so.“

„Wie lautet der Name der Frau?“, fragte Pere Mal, der das Gebaren des Mädchens geflissentlich ignorierte.

„Echo irgendwas. Echo…“ Andrea kniff nachdenklich das Gesicht zusammen. „Cabba-irgendwas. Ich kann mich nicht genau erinnern. Caballero?“

„Und wie dämpft sie ihre Magie?“, bohrte Pere Mal nach.

„Hexenblatt“, mischte sich Amos ein, der sich diesbezüglich sehr sicher zu sein schien. „Man braut einen Tee daraus, der wirklich widerlich schmeckt. Aber er funktioniert. Tötet die eigenen Kräfte, macht einen unsichtbar für andere Kith.“

Pere Mal kniff die Augen leicht zu, weil er sich fragte, woher dieser Lakai so viel über Kräuterkunde wusste. Er ließ das Thema ziehen, da sein Interesse daran nicht so groß war, als dass er nachfragen hätte wollen.

„In Ordnung. Sprich weiter“, sagte er und schwenkte mit einer Hand in die Richtung des Mädchens.

„Was ist mit meiner Momma?“, wollte sie mit lauter werdender Stimme wissen.

„Du wirst sie in wenigen Stunden unbeschädigt zurückerhalten. Sie wird uns dabei helfen, die Hexe zu finden“, seufzte Pere Mal.

„Medium“, korrigierte Amos ihn. Pere Mal warf ihm einen überraschten Blick zu, der schnell zu einem wütenden Funkeln wurde, woraufhin Amos sich schleunigst aus dem Staub machte und das Mädchen mit sich zerrte.

Pere Mal lief zu einem großen Fenster und musterte die Skyline, während er einen Plan ersann.

„Lass die Mutter in einer Kristallkugel nach der Hexe suchen“, befahl Pere Mal. „Bring auch ihren Namen in Erfahrung. Spüre sie auf und folge ihr, bis sie an einem ruhigen Ort ist. Ich will sie spätestens bis morgen bei Sonnenuntergang.“

„Wohin soll ich sie bringen?“, fragte Landry.

Keines von Pere Mals Geschäften wurde hier im Hotel Monteleone vollzogen. Er betrachtete das Hotel als sein Zuhause fern von seinem Zuhause und würde die Annehmlichkeiten seiner persönlichen Suite nicht aufs Spiel setzen. Nicht einmal für etwas so Wichtiges wie die Suche nach dem Mädchen. Allein der Gedanke daran, dem ersten der Drei Lichter gegenüberzustehen, formte Pere Mals Lippen zu etwas Ähnlichem wie einem Lächeln.

Nach einem Moment des Nachdenkens erwiderte Pere Mal: „Das Prytania House. Stell sicher, dass eine der Hexen einen Schutz über den Raum legt, um die Anwesenheit des Mädchens zu verschleiern und sie von einer Flucht abzuhalten.“

„Ja, Monsieur“, sagte Landry. Er begann sich abzuwenden.

„Landry“, sprach Pere Mal ihn an, weshalb Landry innehielt.

„Ja, Sir?“

Pere Mal bedachte Landry mit einem ernsten Blick.

„Das ist wichtig. Mach es selbst. Es dürfen keinerlei Fehler passieren“, befahl ihm Pere Mal.

Landry schluckte sichtbar und nickte dann ruckartig mit dem Kopf.

„Ja, Sir.“

Pere Mal wandte sich ab und entließ Landry aus seiner Gegenwart. Sein Herz füllte sich mit etwas, das merkwürdig nah an Freude heranreichte. In nur wenigen Stunden würde die Hexe in seinen Fängen sein. Sie war der erste Schlüssel, um die Geheimnisse Baron Samedis aufzudecken und den Schleier zu entfernen.

Pere Mal konnte einfach nicht anders, als seine Hände in freudiger Erwartung aneinander zu reiben.

Bald.

Kapitel Zwei

Echo

Mittwoch, 10:00Uhr

„Es ist nicht so, dass ich es nicht verstehe“, sagte Echo seufzend und verdrehte die Augen nach rechts, um den verschwommenen Geist eines kreolischen Teenager-Jungen zu betrachten, der mit besorgter Miene neben ihr schwebte.

„Aber Mistress“, wand der Geist ein und wrang die Hände, „denken Sie nicht, dass die Leute es erfahren sollten? Die ganze Stadt ist in Gefahr!“

Echo zögerte, weil sie nicht wusste, wie sie antworten sollte. Das Problem bei einem Gespräch mit dem jungen Aldous lag darin, dass er wie die meisten Geister über kein Kontextwissen verfügte. Wenn ein Geist erst einmal den Schleier passierte und in die nächste Welt überging, spürte er den Verlauf der Zeit nicht länger. Genauso wenig war er sich bewusst, dass die Welt sich ohne ihn weiterdrehte. Geister erschienen im Reich der Menschen, wenn etwas sie dort verankerte und davon abhielten weiter ins nächste Reich zu gehen, das vor ihnen lag.

Obwohl sie verankert waren, existierten Geister nur als Bruchteil einer Erinnerung, ein winziges Stück einer menschlichen Seele, die in der Zeit feststeckte und nur aufgrund der einzigen Informationen und Verständnis handelte, über die sie verfügten: die genauen Umstände ihres Todes.

Das machte sie, Echos Meinung nach, nicht gerade zu einer guten Gesellschaft. Vor allem dann, wenn der Geist zufällig einst ein Bautechniker war, wie Aldous, dessen gesamte Aufmerksamkeit auf das Hochwasser gerichtet war, das die Bevölkerung stark dezimieren würde und hatte… 1908.

„Aldous, wenn ich verspreche, noch heute zum Rathaus zu gehen und mit dem Bürgermeister persönlich zu reden, wirst du mich dann meinen Geschäften nachgehen lassen?“, fragte Echo.

Aldous stimmte mit einem schwermütigen und geisterhaften Nicken zu, ehe er vor ihren Augen verblasste und verschwand. Echo atmete schwer aus, während sie das Faubourg Marigny betrat und nach der richtigen Stelle Ausschau hielt, um den Graumarkt zu betreten. Manchmal auch als Le Bon Marche oder Voodoo-Markt bezeichnet, stellte der Graumarkt ein großes Netzwerk an Geschäften dar, die diejenigen bedienten, die alle möglichen Magiearten praktizierten, sowie an alle anderen Kith, die… nun, irgendetwas benötigten.

Der Trick, den Graumarkt zu betreten, bestand darin, dass es zu jedem Zeitpunkt zwischen einem Dutzend und einhundert Eingänge und Ausgänge gab, von denen jeder zu einem einzigartigen und oft willkürlichen Ort am Graumarkt führte. Der Markt war vergleichbar mit einer Pie-Backform, die mit Perlen gefüllt war, von denen jede mit ihrem Nachbarn durch ein Labyrinth an miteinander verknüpften Fäden verbunden war. Die Perlen bestanden aus Zauberspruchbücherläden, Kräuterapotheken, exotischen Bordellen und jeder anderen Art von dunklem, staubigem, nervenaufreibendem Laden.

Die Eingänge und Ausgänge des Graumarktes waren vor den Blicken der Menschen raffiniert verborgen. Manche waren schlichte Türen, durch die man hindurchlief und die scheinbar in ein Haus oder Bar führten. Ein Mensch würde durch diese Tür in einen Lebensmittelladen oder die Lobby eines Apartmentkomplexes treten. Ein Mitglied der Kith würde hingegen den einzigartigen Zugangssatz des Portals herausfinden und laut aussprechen, wodurch es Zugang zum Markt erhielt.

Echo schlenderte die Chartres Street hinab und suchte nach nichts und etwas zugleich. Das hieß, sie suchte nicht nach etwas Besonderem, sondern stattdessen nach etwas, das leicht merkwürdig oder fehl am Platz wirkte und von einem Hauch Magie umgeben war…

Echo entdeckte eine funkelnagelneue BellSouth Telefonzelle, die leicht versteckt neben einem verwitterten „Shotgun-Haus“ stand. Dessen Zimmer waren in einer geraden Linie angeordnet, sodass man von der Eingangstür direkt bis in den hinteren Garten schauen beziehungsweise schießen konnte, woher auch der Name stammte. Da 2015 war, ging Echo davon aus, dass man neue Telefonzellen heutzutage nicht mehr unbedingt an jeder Straßenecke fand. Sie joggte zu der Telefonzelle, öffnete die Tür und schluckte den Kloß in ihrer Kehle hinunter, als sie hineintrat.

Sie reiste mühelos zum Graumarkt, indem sie aus der Telefonzelle auf eine zwielichtige Gasse trat. Sie sah sich um und lief durch die Gasse, um sich anschließend auf einer der Hauptstraßen des Marktes wiederzufinden, der Carré Rouge. Dieser Bereich des Marktes wurde stets auf magische Weise von Mondlicht erhellt, da er hauptsächlich Vampire bediente, die auf der Suche nach Blutbanken, lebenden Spendern oder Bordellen waren… oder irgendeiner Kombination aus diesen Dingen. Der Rest des Marktes schien von einer unbestimmten Quelle in eine Art schwaches Dämmerlicht getaucht zu werden. In der Carré Rouge war es sogar noch dunkler.

Und gruseliger, wenn man Echo fragte.

Echo erschauderte und eilte rasch aus der Carré Rouge, wobei sie den Atem anhielt, bis sie auf den Marktplatz trat. Ein Wirrwarr aus Anblicken, Lauten und Gerüchen verwirrte ihr die Sinne, als sie anhielt, um den großen Markt zu betrachten. Auf dem Marktplatz gab es an die dreihundert Stände, die sich in unregelmäßigen Reihen auf dem Platz drängten. Die Verkäufer boten kleinere Gegenstände feil, alles von kandierten Äpfeln, die mit Liebeszaubern versehen waren, bis hin zu preiswerten fertiggebrauten Tränken, billigen Zauberstäben und Kristallkugeln für Wahrsager. Auf dem Marktplatz wurde mit Plunder gehandelt. Erfahrenere Praktiker der Künste kauften ihre Güter hinter den Ständen bei den Dutzend Querstraßen, in denen sich die Einzelhändler befanden.

Echo ließ die Stände links liegen und ging direkt zur anderen Seite des Marktes. Auf ihrem Weg zu Robichaux’s Kräuter und Tränke musterte sie ihre Umgebung. Es war ruhig auf dem Markt. Früher Morgen in der Welt der Menschen bedeutete, dass viele Kith noch schliefen, weil sie das Sonnenlicht mieden oder sich erholten, da sie lange aufgeblieben waren. Nach Mitternacht ging es auf dem Markt am geschäftigsten zu, weshalb viele Läden und Stände vor Mittag erst gar nicht öffneten, manche sogar noch später.

Sie drückte die Eingangstür auf und lächelte über das vertraute Bimmeln der Glocke, die Miss Natalie auf die Anwesenheit eines Besuchers aufmerksam machte. Echo war überrascht, den Laden leer vorzufinden. Sie hatte den Laden noch nie betreten, ohne sofort die ältere Kräuterverkäuferin zu erblicken, die mit einem Lächeln und dem neuesten Kith Tratsch auf sie wartete.

Echo schloss die Tür und schaute eine Minute zu dem unbesetzten Tisch, dann zuckte sie mit den Achseln. Der Kassentisch stand mittig vor der hinteren Ladenwand und wurde zu beiden Seiten von drei Reihen weißer, hoch aufragender Holzbücherregale flankiert. Jeder Gang beinhaltete Regale voller Pflanzen, die nach Gattung und Zweck gruppiert waren. Die lebenden Exemplare wuchsen unter gewölbten Glasglocken, wohingegen die getrockneten und zu Puder verarbeiteten Produkte in Gefäßen jeder Art und Form aufbewahrt wurden. Obwohl die Sammlung etwas überwältigend war, waren die Behälter fein säuberlich beschriftet und organisiert.

Echo fand sofort, wonach sie suchte, schraubte den Deckel des Einweckglases ab und nutze die Zange darin, um einige Blätter herauszufischen. Anschließend ließ sie die Blätter in eine kleine Plastiktüte fallen, die sie in ihrer Handtasche mitgebracht hatte. Die Blätter, die sie hier kaufte, verdarben nach weniger als einer Woche, weshalb sie diese Besorgung recht häufig machte.

„Kann ich Ihnen helfen, Miss?“

Echo Caballero wirbelte herum, wobei sie beinahe mehrere der Gefäße auf dem gegenüberliegenden Regal umwarf, die alle verschiedene Arten von getrockneten Fröschen und Molchen zu enthalten schienen. Sie legte den Kopf schief und schaute zu dem Mann, der am anderen Ende des Ganges stand und ihren Ausgang blockierte. Er wirkte hier völlig fehl am Platz. Zum einen trug er einen ausgebeulten, dunklen Anzug. Das war nicht gerade die übliche Kleidung der Hexer, Priesterinnen und Kith-Käufer, die den Graumarkt frequentierten. Zum anderen war der Mann nicht Natalie Robichaux, die Ladenbesitzerin.

„Ähhh, ich brauche nur etwas Hexenblatt“, erzählte Echo stirnrunzelnd. Sie hielt das Tütchen hoch, um ihm zu zeigen, dass sie es bereits gefunden hatte.

„Richtig, richtig“, sagte der Mann. Er machte mit nachdenklicher Miene einen Schritt auf sie zu, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.

„Wo ist Miss Natalie?“, wollte Echo wissen, deren Mund trocken wurde. Irgendetwas stimmte hier nicht.

„Sie ist nach draußen gegangen“, erklärte der Mann, ohne zu zögern. „Ich bin Amos, ihr… Neffe.“

Echo bewahrte eine neutrale Miene, aber am liebsten hätte sie gelacht. Miss Natalie war Kongolesin und ihre Haut so dunkel wie der Mitternachtshimmel. Dieser Mann sprach in einem hiesigen Dialekt und seine Haut war zwar olivfarben, aber ganz bestimmt kaukasischer Herkunft. Die Wahrscheinlichkeit, dass er durch Blut mit Miss Natalie verwandt war, war äußerst gering.

Dennoch zögerte sie, weil sie keine voreiligen Schlüsse ziehen und in ein Fettnäpfchen treten wollte.

„Ich verstehe. Können Sie meinen Einkauf abwickeln? Ich müsste dann wieder los“, sagte Echo.

„Selbstverständlich“, erwiderte er, trat einige Schritte nach hinten und bedeutete Echo mit einer Hand, sie solle an ihm vorbeigehen.

Echos Herz sprang ihr in die Brust, als eine bleiche Gestalt neben dem fremden Mann erschien. Ein sehr junges ehemaliges Sklavenmädchen, dem Echo schon mal im Laden begegnet war. Ada lautete der Name des Mädchens, wenn sich Echo richtig erinnerte. Es war eine Weile her, seit Ada ihr zuletzt erschienen war. Ada schüttelte verdrossen den Kopf, wobei ihre dunklen Zöpfe hüpften. Sie stemmte ihre Fäuste in die Hüften und warf Echo einen strengen Blick zu.

„Böser, böser Mann“, verkündete Ada und ließ ihre Augen nach links zu dem Fremden schweifen. „Er nimmt Geld. Er ist kein Neffe oder irgendjemand, Ma’am.“

Echo biss auf ihre Lippe. Der Fremde warf ihr einen ungeduldigen Blick zu, denn er konnte den Geist direkt neben sich nicht sehen. Das war ein perfektes Beispiel für Echos gesamtes Leben: sie hörte Dinge, die die meisten Menschen nicht hören konnten, und wirkte dabei wie eine Verrückte. Normalerweise versuchten die Geister allerdings nicht, Echos Leben zu retten. Normalerweise versuchten sie nur, mit ihr über ihre längst verstorbenen Verwandten zu reden, während sie mit der Straßenbahn fuhr, oder sie baten sie, sich um ihre ebenfalls toten Haustiere zu kümmern, während sie im French Quarter ihrem Job als Verkäuferin nachging und bereits eine ungeduldige Schlange an Kunden fast bis zur Tür stand.

„Wenn ich nochmal darüber nachdenke…“, sagte Echo. „Denken Sie, Sie könnten mich rüber zur, äh… Wolfswurz bringen? Auf der anderen Seite? Ich brauche sie für einen Zauberspruch, aber bin mir nicht sicher, wonach genau ich suche.“

Echo deutete mit der Hand und betete, der Kerl möge ihre Lüge nicht durchschauen. Er hielt inne, dann zuckte er mit den Achseln. Er drehte sich um und lief zur anderen Ladenseite. Daraufhin stürzte Echo davon und ließ im Rennen die Tüte mit den Kräutern fallen.

Sie war aus der Tür, bevor der Mann auch nur bemerkte, dass sie geflohen war. Doch im Nu folgte er ihr dicht auf den Fersen.

„Hilfe“, schrie Echo. Ihr Schrei hallte von der fast verlassenen Straße wider.

Eine grauhaarige, alte Frau drehte sich, um zu ihr zu schauen. Ihr dunkler Mantel blähte sich, als sie sich auf ihrem Gehstock nach vorne beugte und dabei fast vornüberfiel. Das alte Weib zog einen silbernen Zauberstab aus ihrem Mantel, aber es war zu spät. Der Fremde im Anzug packte Echos Ellbogen und riss sie von der Straße in eine Gasse und direkt zu einer geschlossenen Tür.

Allerdings war es natürlich keine Tür. Es war einfach nur einer der vielen Überraschungsausgänge des Marktes und Echos Angreifer schubste sie durch das Portal in die helle New Orleans Sonne. Sie ließ ihren Kopf herumschnellen und fand sich selbst auf der Türschwelle eines melonenfarbenen Shotgun-Hauses wider. Ihr Angreifer folgte und Echo rannte die Stufen hinab, wobei sie verzweifelt nach irgendeiner Art von Hilfe Ausschau hielt.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite rannten drei gigantische Männer direkt auf sie zu. Ihr Gehirn erfasste die kleinen Bruchstücke der Szene und setzte sie langsam zusammen: ein mürrisch dreinschauender blonder Mann, ein dunkelhaariger Kerl mit einer besorgten Miene, die Tatsache, dass alle drei Männer Waffen bei sich führten. Nicht einfach nur Waffen, sondern Pistolen und Schwerter. Tatsächlich waren sie auch in einen Kampfanzug gekleidet wie eine Art SWAT-Team.

Echos Gedanken stolperten über dieses letzte Detail und sie bemerkte, dass der letzte Mann gerade nach seinem Schwert griff. Erst da sah sie ihn an und konzentrierte sich ausschließlich auf ihn. Rotbraunes Haar, ein umwerfender roter Bart, breite Schultern und…

Gott, das mussten die grünsten Augen der Welt sein. So lebhaft wie ein Dschungel, so hell wie smaragdfarbene Feuer bohrten sich diese Augen in ihre. Ihr Gehirn erlitt einen Kurzschluss, wurde von dem Gefühl einer Verbindung überrumpelt und überwältigt von dem Verlangen, ihm näher zu sein…

Als ihr Gehirn aussetzte, taten das auch Echos Füße. Ihr Verfolger, der Mann im dunklen Anzug, den sie vorübergehend vergessen hatte, fing sie in der nächsten Sekunde auf. Er schlang von hinten seine Arme um sie, drückte sie fest an sich und dann verschwand die ganze Welt.

„Was zum Donnerwetter…“, schimpfte Echo vor sich hin. Ihr Angreifer stieß sie von sich und sie hatte einen Moment, um ihre Umgebung zu betrachten.

Sie stand an einem äußerst abgelegenen schwarzen Sandstrand und starrte über viele Meter ununterbrochene Küste. Es sah aus wie der Strand in Hawaii, den sie einmal auf National Geographic gesehen hatte, doch die Luft hier war kalt. Feucht und salzig, aber es mangelte definitiv an Wärme. Echo sah hoch und stellte fest, dass am Himmel keine Sonne stand, sondern nur ein vages Licht von oben herabschien. Das war typisch für Kith-Konstrukte, genauso wie das diesige Dämmerlicht des Marktes.

Das war also eine Art Schlupfwinkel, ein Versteck, das aus einer Tasche zwischen den Welten geschaffen worden war, irgendwo und nirgendwo gleichzeitig. Sie hatte von ihnen gehört, aber nie einen besucht.

Das Geräusch einer Pistole, die entsichert wurde, ließ sie zusammenzucken. Echo schluckte und drehte den Kopf, um zu ihrem Angreifer zu schauen, der schwer atmete und ziemlich verärgert wirkte.

„Warum bin ich hier?“, fragte sie.

„Halt’s Maul. Gib mir deine Handtasche“, befahl er und krümmte auffordernd die Finger. „Du hast nicht noch mehr von diesem Kräuter Mist bei dir, oder?“

Echo runzelte die Stirn und reichte ihm ihre Handtasche. Ihr wurde ganz schlecht, als sie ihn dabei beobachtete, wie er sie durchwühlte. Er beschlagnahmte ihr Schweizer Taschenmesser und untersuchte den alten Handspiegel, den Echo mit sich herumtrug, vielleicht weil er einen Hauch von Magie an dem Spiegel wahrnahm. Er musterte sie ein weiteres Mal und ließ dann den Spiegel wieder in ihre Handtasche fallen. Anschließend schleuderte er sie einige Meter entfernt auf den Boden.

„Du kannst es dir genauso gut bequem machen“, schlug er vor. „Es könnte eine Weile dauern.“

„Was könnte eine Weile dauern?“, wollte Echo wissen, deren Frust zunahm, obwohl ihr Puls wie verrückt hämmerte.

„Das wirst du schon noch sehen.“

Sie standen gefühlte Ewigkeiten an dem Strand. Um ihre Langweile und Anspannung zu zerstreuen, betrachtete Echo die eigentümlich simulierte Landschaft. Gerade, als sie dachte, sie würde vielleicht für immer auf einer Insel festsitzen, tauchten ein paar Männer in Anzügen mit einem deutlich vernehmbaren Plopp in ihrem Sichtfeld auf. Einer war fast identisch mit ihrem Angreifer, der gleiche schwarze Anzug und fahle Teint. Der andere jedoch…

Der andere Mann war riesig, über zwei Meter groß. Er verfügte über das stattliche Aussehen eines Hispanos mit einer karamellfarbenen Haut und dunklen Haaren, das mit einem furchterregenden weißen Grinsen einherging. Er trug einen perfekt gearbeiteten Smoking, der sehr gut zu seiner gigantischen Statur passte. Er richtete seinen Blick auf sie und ihr Mund klappte auf, als sie sah, dass seine Augen orange waren.

Nicht haselnussfarben in einem wärmeren Farbton. Ein richtiges Orange wie zwei Feuerbälle, die dort schwebten, wo eigentlich Augäpfel sein sollten. Echo verspürte den plötzlichen Drang, die Flucht zu ergreifen und sich gleichzeitig zu übergeben, aber ihr idiotisches Gehirn unternahm rein gar nichts.

„Boss“, sagte ihr Angreifer, der den Neuankömmlingen seine Aufmerksamkeit gewidmet hatte.

Echo flippte für einen Augenblick aus und ließ sich von ihrer Panik überwältigen. Ihre Hand schnellte nach vorne, um die Pistole aus der Hand ihres Angreifers zu schlagen, womit sie die Gruppe völlig überraschte. Sie stürzte sich auf ihre Handtasche und es gelang ihr sogar sich flach auf ihre Tasche zu werfen, während sie ihren Handspiegel herausfischte.

„Zurück“, flüsterte sie, während sie ihre Finger auf die Spiegeloberfläche presste und ihre Augen schloss.

Mehrere lange Herzschläge brachte sie es nicht über sich, nachzuschauen. Sie nutzte nur selten Zaubersprüche. Tatsächlich nutzte sie nur selten irgendeine Form der Magie. Es war gut möglich, dass ihre gemurmelte Bitte überhaupt nichts bewirkt hatte.

Sie bewegte sich leicht und bemerkte, dass sie nicht mehr im Sand lag. Im Gegenteil, sie stand sogar aufrecht und die schwüle Luft, die an ihrer Haut klebte, wies darauf hin, dass sie wieder in New Orleans war. Sie öffnete ganz langsam ihre Augen und sah sich demselben Mann gegenüber, den sie vorhin schon bemerkt hatte. Ihre Augen verloren sich in diesem tiefen smaragdgrünen Meer…

Ohne zu wissen, was sie da eigentlich tat, warf sich Echo in die Arme des Fremden und brach in Tränen aus.

Kapitel Drei

Rhys

Mittwoch, 10:00Uhr

„Ha! Jetzt hab ich dich, du rotbärtiger Bastard!“

Rhys Macaulay grunzte, während er das Heft seines Langschwertes fester packte. Seine Lippe zog sich zurück, sodass er die Zähne bleckte, als seine Finger den Bruchteil eines Zentimeters verrutschen. Seinem Sparringpartner entging das natürlich nicht. Gabriel kreiste nach links, wobei seine Sneakers bei jeder Bewegung auf dem Gummiboden des Fitnessraums des Herrenhauses quietschten. Rhys veränderte seinen Griff erneut, aber es war vergebens. Er und Gabriel übten bereits seit fast zwei Stunden und Rhys‘ Hände waren schweißnass.

„Du trocknest deine Hände mit Magie, du englischer Scheißkerl“, beschuldigte Rhys ihn, dessen Wut seinen schottischen Akzent dermaßen verstärkte, dass er ihn selbst heraushören konnte.

„Ich dachte, du hättest gesagt, im Kampf gäbe es keine Regeln“, konterte Gabriel, dessen vornehmer Londoner Akzent an Rhys‘ Nerven zerrte. „‘Streu ihnen Sand in die Augen‘, hast du gesagt, ‘Wenn sich die Gelegenheit ergibt, tritt einen Mann, solange er unten ist‘.“

Rhys schnaubte über Gabriels Imitation seines schottischen Dialekts.

„So klinge ich nicht“, widersprach Rhys.

Gabriel wählte diesen Moment für seinen Angriff, indem er einen cleveren Schlag ausführte, um Rhys das Schwert aus der Hand zu schlagen, während er auf Rhys‘ ungeschützte Rippen zielte. Gabriel stoppte seinen Schwertschwung einen Zentimeter entfernt von Rhys‘ Haut, was an sich schon eine beeindruckende Leistung war. Rhys hatte sich in den ersten Monaten ihres Trainings zu genau diesem Zweck viel Mühe damit gegeben, Gabriel streng zu unterrichten. Es war vergebene Liebesmühe, jemanden zu trainieren, der nicht einmal die Kontrolle besaß, seinen Lehrer nicht zu verletzen.

„Ich würde das als Sieg verbuchen, was meinst du?“ Gabriel bedachte Rhys mit einem selbstgefälligen Grinsen. Anschließend trat er einen Schritt zurück, senkte sein Schwert und fuhr sich durch seine dunklen, schweißnassen Locken. Gabriel hatte es weit gebracht, seit sie alle im Herrenhaus angekommen waren. Nach einigen Monaten intensiver täglicher Workouts war seine Figur sehr viel kompakter geworden. Er war jetzt fast so breit und muskulös wie Rhys, aber etwas schlanker, was Gabriel eine zusätzliche Dosis Anmut verlieh.

„Halt verdammt nochmal den Rand, Schönling.“

Rhys rollte mit den Augen und tat so, als würde er den Kampf beenden. In der Sekunde, in der Gabriels Aufmerksamkeit nachließ, stürzte sich Rhys auf ihn und schon befand sich sein Schwert nur eine Haaresbreite von Gabriels Hals entfernt. Er zwang Gabriel auf die Knie und dazu, sein Schwert fallen zu lassen, während seine Augen boshaft funkelten.

„Ich gebe auf“, zischte Gabriel.

Rhys zog sein Schwert zurück und grinste und nach einem Moment ließ Gabriel ein verärgertes Glucksen verlauten.

„Du kannst es wirklich nicht ertragen zu verlieren, oder?“, fragte Gabriel und ergriff Rhys‘ dargebotene Hand.

„Das ist es nicht, Gabriel. Ich will, dass du verstehst, dass außerhalb dieses sicheren kleinen Kokons“, erklärte Rhys und drehte einen Finger im Kreis, um auf das Herrenhaus hinzuweisen, „die Leute nicht fair kämpfen. Sie kämpfen schmutzig, weil sie dadurch gewinnen. Wenn sie dich auf irgendeine Weise bewegungsunfähig machen können, dann haben sie gewonnen. Sie spucken auf Ehre.“

Gabriels Lippen kräuselten sich noch einmal und er zuckte mit den Schultern.

„Bald“, prophezeite er Rhys und deutete mit einem Finger auf ihn. „Wir trainieren mittlerweile ein Jahr zusammen. Letzte Woche habe ich Aeric geschlagen und du bist der Nächste.“

„In deinen Träumen, Junge“, sagte Rhys, lief zur Wand und hängte sein Übungsschwert an die dortige Halterung.

Gabriel folgte seinem Beispiel und warf Rhys einen skeptischen Blick zu.

„Ich bin nur vier Jahre jünger als du“, merkte Gabriel an.

„Ja und unser Leben, bevor wir Wächter wurden, hätte nicht unterschiedlicher sein können“, entgegnete Rhys achselzuckend. „Ich wurde als der erstgeborene Sohn eines Highland-Clanführers großgezogen. Von jungen Jahren an lastete eine große Verantwortung auf mir. Mit sieben Jahren war ich täglich auf dem Trainingsplatz, mit zwölf Jahren trainierte ich andere, mit zweiundzwanzig Jahren kämpfte ich für den König. Ich wusste immer, dass ich…“

Rhys brach mitten im Satz ab. Mein Volk regieren würde, hatte ihm auf der Zungenspitze gelegen, aber er konnte die Worte nicht aussprechen. Sein Kiefer verspannte sich, als er zum vielleicht tausendsten Mal im vergangenen Jahr darüber nachdachte, dass er in Wahrheit nie wieder irgendjemanden regieren würde. Er hatte dieses Recht in der Sekunde geopfert, in der er einen Deal mit Mere Marie eingegangen war.

„Rhys… wir haben nicht mehr 1764“, erinnerte Gabriel ihn und warf ihm einen halb mitleidigen Blick zu, bei dem sich Rhys‘ Magen verknotete. „Wir befinden uns im Jahr 2015 und du musst dich an die Tatsache gewöhnen, dass du jetzt ein Wächter bist. Eine einfache Arbeitsbiene in Mere Maries kleinem Bienenstock, der New Orleans beschützt. Es ist ja auch nicht so, als wärst du der Einzige, den sie einige hundert Jahre in der Zeit nach vorne befördert hat, damit er Soldat spielt.“

Rhys‘ Kiefer mahlte bei Gabriels lässigem Tonfall. Es stimmte wohl, dass Rhys seinen Clan aufgegeben und sein Recht zu Regieren gegen Mere Maries Versprechen eingetauscht hatte, dass sein Volk überleben und trotz zahlreicher Bedrohungen gedeihen würde. Das hieß aber nicht, dass Rhys sein ganzes vorheriges Leben vergessen oder so tun müsste, als würde er seine Entscheidung nicht betrauern. Rhys und Gabriel hatten exakt diese Diskussion im Verlauf des vergangenen Jahres mehrmals geführt, sowie die Macken und Schwächen des anderen kennengelernt, während sie daran gearbeitet hatten, zu einer geeinten Kampfeinheit zu werden.

Der dritte Wächter in ihrem Team… tja, er war ein großartiger Kämpfer, aber er war auch um einiges weniger freundlich. Für Rhys war Aeric, der Wikingerkrieger, der irgendwie in ihrer Gruppe gelandet war, immer noch eine Art Rätsel.

„Ich bin am Verhungern“, verkündete Gabriel, womit er Rhys aus seinen Gedanken riss. Rhys glaubte, dass Gabriel wahrscheinlich das Thema wechselte, um Rhys ungesunden Gedankengang zu unterbrechen. Rhys wusste, dass Gabriel dies wegen ihrer neuentdeckten Freundschaft tat. Die zwei Männer hatten im vergangenen Jahr zu einer Art stillschweigender Übereinkunft gefunden, anders als mit Aeric. Aeric war immer noch distanziert und blieb meist für sich.

„Na schön“, sagte Rhys und wischte sich über die Stirn. „Ich habe gesehen, wie Duverjay einige Sandwiches zubereitet hat, als wir auf dem Weg hierher waren.“

Gabriel und Rhys verließen den Fitnessraum und liefen nach draußen über die große Grünfläche, die den wenig genutzten Garten des Herrenhauses darstellte. Sie betraten das Haupthaus und passierten das Wohnzimmer, um stattdessen direkt in die Küche zu laufen, wo der Butler des Herrenhauses, Duverjay, mehrere Gatorades auf einer Schale mit Eiswürfeln drapierte. Der kleine Kreole war am ersten Tag nach Rhys Ankunft im Herrenhaus erschienen, bereit, sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern. Rhys war sich allerdings ziemlich sicher, dass Duverjay außerdem Mere Marie jede einzelne ihrer Bewegungen meldete.

„Ah, Duverjay, du weißt wirklich immer, was ich möchte“, foppte Gabriel ihn. Duverjay zog eine Braue hoch, aber reagierte ansonsten nicht. Der Mann war ein Butler der klassischen Schule und würde genauso wenig auf Gabriels Geplänkel eingehen, wie er einen Arbeitstag in Flipflops beginnen würde.

Die Wächter triezten Duverjay gnadenlos wegen seines makellosen schwarzen Anzugs und dem weißen Hemd, das er jeden Tag trug. Der Butler wich nie von seiner selbst ausgewählten Uniform ab, was ihn jedoch nicht davon abhielt, jedes Mal missbilligende Blicke auf die Wächter abzuschießen, wenn sie nach einem langen Tag des Trainings in Sportshorts und Sneakers im Haus herumlümmelten.

Die Wächter waren von Mere Marie gegründet worden mit der speziellen Absicht, die Stadt New Orleans vor der zunehmenden Bedrohung durch böse Kräfte zu beschützen, insbesondere einer aalglatten, zwielichtigen Gestalt auch bekannt als Pere Mal. Daher verbrachten sie den Großteil ihrer Zeit damit, die Straßen der Stadt zu patrouillieren. Im Allgemeinen überwachten sie das Treiben der Kith, was die Bezeichnung für die paranormale Gemeinschaft war. Sie konnten jedoch auch gerufen werden, um Menschen zu helfen, falls das Anliegen dringend genug war. Wenn sie nicht auf Patrouille waren, fochten die Wächter Übungskämpfe miteinander aus oder übten sich im Waffengebrauch, was üblicherweise in der Form von Schießtraining mit Handfeuerwaffen oder einer Armbrust vollzogen wurde.

Der Butler hatte es sich zur Aufgabe gemacht, einen frischen Anzug und Krawatte gebügelt und griffbereit in dem Schlafzimmer eines jeden Wächters zu deponieren. Als ob Rhys jeden Moment seine Jeans wegwerfen und seine Stiefel in die Ecke treten würde, um stattdessen in Kleider zu schlüpfen, die einer Abendgarderobe nahekamen. Von all den modernen Annehmlichkeiten mochte Rhys die anschmiegsamen Jeans und schnellen Autos am meisten.

Auch wenn Rhys mit seinem alten Leben eine Menge hinter sich gelassen hatte, hatte er gewisse Teile dieses neuen Lebens schätzen gelernt. 2015 trumpfte beispielsweise mit einem ungeheuren Reichtum erlesener Weine und Whiskys auf. Die Bandbreite an Kleidungsstilen war verblüffend groß, obwohl Duverjay den Großteil der Einkäufe für die Wächter übernahm. Der Mann hatte wirklich ein Auge für die Passform eines Kleidungsstückes.

Das Essen hatte ebenfalls etwas für sich, da es eine augenöffnende Vielzahl an Auswahlmöglichkeiten gab, die jede Art Wild oder Federvieh umfasste, die Rhys jemals gekannt hatte, multipliziert um eintausend. Rhys liebte nichts mehr als ein Stück gebratenen Lachses, Fingerling-Kartoffeln und einen frischen Blattsalat. Üblicherweise wurde diese Mahlzeit mit einem Glas Port oder Scotch beendet, auch wenn er seinen Alkoholkonsum stark einschränkte.

Rhys Magen knurrte und er registrierte, dass er von Lachs träumte, weil er durch das Training mit Gabriel einen großen Appetit entwickelt hatte. Zum Teufel mit dem Mann, aber der andere Wächter war mit dem Schwert mittlerweile fast so gut wie Rhys und Rhys musste sich um einiges mehr anstrengen, um sie beide auf Trab zu halten.

„Essen?“, fragte Rhys den Butler.

„Gentlemen“, sagte Duverjay mit einer leichten Verbeugung. „Im Foyer wartet eine sehr aufgebrachte junge Dame auf Sie. Sie sollten sich vielleicht erst um sie kümmern, bevor Sie speisen.“

Rhys warf Duverjay einen neugierigen Blick zu und ging dann zur Eingangshalle. Eine hellhäutige junge Frau wartete dort und wrang die Hände. Sie trug ein königsblaues Kleid, das sich an ihre Kurven schmiegte. Gepaart mit himmelhohen weißen High Heels stand ihr Outfit in einem heftigen Kontrast zu ihrer elenden Miene.

Duverjay stellte sich zwischen das Mädchen und Rhys und legte ihr eine tröstende Hand auf den Arm. Rhys bemerkte, dass sich Gabriel zurückfallen ließ. Anscheinend war er damit zufrieden, den Austausch vorerst nur zu beobachten.

„Das ist Andrea“, stellte Duverjay das Mädchen vor und schenkte ihr ein mitfühlendes, freundliches Lächeln. „Ihre Mutter steckt in Schwierigkeiten. Ist es nicht so, Andrea?“

Die junge Frau nickte, wobei ihre Unterlippe zitterte. Rhys war völlig erstaunt, dass sich Duverjay aktiv darum bemühte, sie zu trösten. Duverjay zeigte nur selten irgendwelche sichtbaren Emotionen und Rhys hatte noch nie erlebt, dass der Butler irgendeine Art von Mitgefühl ausgedrückt hatte.

„Dieser Mann, Pere Mal, hat meine Momma geholt“, schluchzte Andrea. „Sie hat nichts Falsches gemacht. Der Mann kann sie doch nicht einfach so entführen, nur weil sie am Le Marchè arbeitet. Oder?“

Mere Marie, die launische Arbeitgeberin der Wächter, schritt eine der zwei großen Treppen hinab, die die Eingangshalle flankierten. Rhys hatte gar nicht bemerkt, dass sie zugehört hatte. Sie war eine zierliche Frau von vielleicht sechzig Jahren. Rhys wusste jedoch, dass Mere Marie mindestens vier oder fünf Mal so alt war wie sie aussah. Ihre Hautfarbe war typisch für eine kreolische Frau und erinnerte an Milchkaffee, doch ihre glatten grau melierten Haare und französisch angehauchter New Orleans Dialekt wiesen auf ein weitreichenderes gemischtes Erbe hin: haitisch, kreolisch und kaukasisch, vielleicht sogar etwas spanisch.

Wie immer war Mere Marie in eine fließende Baumwollrobe gekleidet. Heute trug sie ein zartes Gelb und hatte die Ärmel zu ihren Ellbogen hochgerollt. Rhys roch einen Hauch von Anis und bitteren Kräutern, wobei der Kräutergeruch stärker wurde, je näher sie kam. Ihre Finger und Unterarme waren mit grünen und gelben Flecken übersät, was darauf hindeutete, dass sie in ihrem Apothekenraum gearbeitet und kleine Säckchen hergestellt hatte, die sie Gris-Gris nannte.

Für eine Voodoopriesterin zu arbeiten, wurde niemals langweilig, so viel stand fest. Rhys rückte ein Stückchen weg von dem überwältigenden Lakritzgeruch, der Mere Marie umwehte, und wartete darauf zu hören, was sie dazu zu sagen hatte, dass der Butler Fremde in das Herrenhaus gebracht hatte.

„Ah, Duverjay, wie ich sehe bringst du deine Familie jetzt schon mit zur Arbeit“, stellte Mere Marie mit hochgezogener Augenbraue fest.

Rhys blickte zu Duverjay und Andrea und plötzlich war es ganz offensichtlich, dass sie verwandt waren. Sie hatten ähnliche Nasen und die gleichen schokoladebraunen Augen. Duverjay starrte Rhys und Gabriel finster an, als würde er sie stumm herausfordern, irgendetwas über ihn oder Andrea zu sagen.

„Meine Nichte, Ma’am“, erklärte Duverjay Mere Marie. „Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen.“

Rhys warf Mere Marie einen Blick zu und fragte sich zum tausendsten Mal, was genau Mere Marie getan hatte, um sich die Loyalität und den Respekt dieses Mannes zu verdienen. Duverjay fügte sich nicht vielen Menschen, aber bei Mere Marie war er das Sinnbild von Höflichkeit.

„Dann lass hören“, verlangte Mere Marie und bedachte die junge Frau mit einem skeptischen Blick.

„Nun, ich war auf der Arbeit, im Stiletto’s, und redete mit einem meiner Stammkunden. Mit diesem Kerl Amos. Er gibt immer gutes Trinkgeld.“ Andrea hielt inne und holte zitternd Luft. „Ich erzählte ihm eine Geschichte über meine Momma und ihre Arbeit am Voodoo Markt und dass sie all diese Leute trifft. Hexen und Hellseher, Leute, die wegen Kräutern zu ihr kommen und so was.“

„Deine Mutter führt qualitativ hochwertige Produkte“, bestätigte Marie mit einem Nicken.

„Nun, mir war nicht klar, dass Amos für jemanden arbeitet… Ich wusste nicht, wer diese Kerle sind, aber sie haben meine Momma auf offener Straße entführt. Sie konnte nicht einmal ihren Laden schließen oder irgendetwas tun. Die Tür stand weit offen. Ein Glück, dass alle vor meiner Momma Angst haben.“ Andrea blickte düster drein.

„Und hat Amos dir erzählt, wo deine Mutter ist?“, erkundigte sich Duverjay.

„Nee. Ich schätze, dieser Kerl, Perma oder wie auch immer er heißt, hat irgendeine Bude auf der anderen Brückenseite, wo er Leute unterbringt. Amos ließ es so klingen als“, Andrea hielt inne und erschauderte, „als wäre es keine große Sache. Das ist so abgefuckt.“

„Ich denke, du meinst Pere Mal. Warum halten sie deine Mutter fest? Hat sie etwas, das sie haben möchten?“, fragte Mere Marie und legte den Kopf schief.

„Amos hat mir vor ein paar Wochen ein wirklich Hammertrinkgeld gegeben und mich gebeten, nach einer bestimmten Art von Person Ausschau zu halten. Ein Medium, hat er es genannt. Jemand wirklich Mächtiges ohne ein Schild, um die Leute abzuwehren, und niemanden, der nach ihm schaut. Momma liest Auren und so einen Mist, weißt du“, erzählte Andrea und kreiste mit der Hand um ihren Kopf, um eine Aura anzudeuten. „Sie sagte, diese Lady kommt als vorbei und kauft irgendein Kraut. Etwas, das dafür sorgt, dass sie keine Geister und so was sieht. Momma sagt, dass die Aura der Lady ein bisschen blau ist, was heißt, dass zu Hause niemand auf sie wartet. Wie auch immer, Amos fragte, also erzählte ich ihm von der Lady. Ich dachte, er wollte einen Geist kontaktieren oder so was.“

„Und er hat deine Mutter entführt, um die Lady zu finden?“, fragte Rhys, um die Lücken in der Geschichte zu füllen.

„Ja. Ihr Name ist Echo Caballero. Amos hat ihr auch noch einen anderen Namen gegeben… Ein Licht oder so ein Scheiß“, seufzte Andrea.

„Achte auf deine Wortwahl“, warnte Duverjay sie mit einem finsteren Blick.

„Sorry, Onkel George.“ Andrea blickte ihn entschuldigend an und Duverjay umarmte sie sanft.

„Dann wollen wir dir mal etwas zu trinken besorgen, hm?“, schlug Duverjay vor und warf Rhys einen bedeutungsvollen Blick zu, während er seine Nichte in die Küche lotste. „Überlass es ihnen, deine Mutter zurückzuholen.“

In der Sekunde, in der sie außer Hörweite waren, ließ Gabriel ein entnervtes Seufzen vernehmen.

„Ich wusste nicht, dass wir jetzt auch noch Duverjays persönliche Botengänge übernehmen“, lamentierte er.

„Das ist nicht der Grund, aus dem Duverjay sie hierhergebracht hat“, fauchte Mere Marie und warf Gabriel einen wütenden Blick zu. „Er hat sie hergebracht, weil Pere Mal in die Sache verwickelt ist. Und es ist gut, dass er es getan hat, wenn diese Frau das ist, was ich denke, dass sie ist. Die Drei Lichter müssen beschützt und um jeden Preis von Pere Mal ferngehalten werden.“

„Was sind die Drei Lichter?“, erkundigte sich Rhys.

Durch die Arbeit für Mere Marie hatte sich ihm eine völlig neue Welt eröffnet und jedes verdammte magische Ding schien einen besonderen Titel und Geschichte zu haben. Und da war die ganze verrückte Geschichte New Orleans und die Mythologie, in der Mere Marie und Duverjay so bewandert waren, noch nicht einmal mit eingerechnet. Gott bewahre, wenn man die Burgundy Street wie den Wein aussprach, obwohl die Einheimischen sie doch Ber-GUN-diii nannten.

„Wo ist Aeric?“, wollte Mere Marie wissen, während sie sich Luft zufächelte. „Ich brauche alle drei Wächter für diese Aufgabe.“

Gabriel drehte sich um, legte die Hände um den Mund und brüllte Aerics Namen in Richtung des ersten Stockwerks, wo sich die Zimmer des Wikingers befanden. Die vier oberen Stockwerke waren alle so gebaut worden, dass eine Reihe dunkler Holztüren auf eine lange, breite Galerie führten, die mit den Treppen verbunden war, die sich auf jeder Hausseite befanden. Das bedeutete, dass die Lautstärke seines Schreis besonders beeindruckend war, wenn er dabei auch noch nach oben schaute. Rhys grinste über Mere Maries angesäuerten Gesichtsausdruck, weil sie so nah neben dem Geschrei stand.

Sekunden später öffnete sich eine Tür im ersten Stockwerk und ein riesiger dunkelblonder Mann trat ins Blickfeld, der einen sehr wütenden Eindruck machte.

„Ja“, blaffte Aeric, lief zur Brüstung der Galerie und beugte sich darüber, um auf sie hinab zu spähen. Aerics Englisch wurde ebenfalls immer besser, wenn man bedachte, dass er bei seiner Ankunft im Herrenhaus kein Wort Englisch gekannt hatte. Trotzdem war er nach wie vor wortkarg.

„Die Mistress braucht uns alle“, erklärte Gabriel und benutzte den Titel, auf den Mere Marie bestand.

Aeric bedachte sie alle mit einem stählernen Blick und schlurfte dann den Gang entlang und die Treppe hinab.

„Ich bin gerade mit etwas beschäftigt“, informierte der ehemalige Wikinger sie. Sein mittelalterlicher norwegischer Akzent war so dick wie Matsch, wenn er sich denn mal dafür entschied zu sprechen, und Rhys hatte manchmal Probleme die Worte in Aerics Genuschel auszumachen.

„Nicht mehr“, erklärte ihm Mere Marie scharf, drehte sich um und führte sie zurück zu dem großen Wohnbereich. Duverjay und Andrea hatten sich in die offene Küche verzogen, wo sie an der Bar saßen und in gedämpftem Tonfall miteinander redeten.

Mere Marie lief zu Dem Tisch, wie ihn die Wächter nannten. Dabei handelte es sich um einen massiven Eichentisch, der von mehreren klobigen Bänken umringt wurde. Das war ihr üblicher Treffpunkt, wenn sie das Geschäft des Dämonentötens und des allgemeinen Kampfes gegen die bösen Kräfte besprachen, die New Orleans bedrohten.

Sie nahm am Kopfende Platz und überließ es Rhys, Aeric und Gabriel sich Plätze am Tisch auszusuchen.

„Pere Mal hat eine Verwandte von Duverjay entführt“, erzählte Mere Marie Aeric und wedelte mit einer Hand zu dem Butler.

Aeric schürzte die Lippen, vielleicht stellte er die Klugheit Pere Mals infrage, weil er jemanden entführt hatte, der in so enger Verbindung zu den Wächtern stand. Doch er sagte nichts. Ob sich Pere Mal der Wächter bereits bewusst war, war ein häufig diskutiertes Thema im Herrenhaus und jetzt war nicht der Zeitpunkt, um eine weitere hitzige Diskussion über dieses leidige Thema zu beginnen.

„Andrea sagte, dass Pere Mals Lakai die Frau ein Licht genannt hat. Wie eines der Drei Lichter“, sprach Mere Marie weiter und begann einen kurzen Vortrag. „Pere Mal ist besessen davon, den Schleier zu zerstören, die Schutzbarriere zwischen der Welt der Geister und unserer. Er möchte über die Geister seiner Vorfahren regieren können und ihre Kräfte die seinen nennen. Unglücklicherweise ist es ihm egal, was sonst noch durch den Schleier kommen wird.“

„Ich vermute, das wäre nichts, was uns gefällt“, meinte Gabriel.

„Lass uns einfach sagen, dass wir alle Geister in unserer Vergangenheit haben und rachsüchtige Geister ein Segen wären im Vergleich zu einigen der böseren Kräfte, die auftauchen würden“, erwiderte Mere Marie.

„Also was sind diese Lichter?“, hakte Rhys neugierig nach.

„Pere Mal glaubt, dass Baron Samedi, ein alter Voodoopriester, einen Weg gefunden hat, um den Schleier zu öffnen. „‘Sieben Nächte, sieben Monde, sieben Geheimnisse, sieben Gruften.‘ Manche Leute halten dies für den Schlüssel, um die Tore von Guinee zu finden und zu öffnen, durch die man direkt ins Reich der Geister gelangen kann. Von dort, könnten… gewisse… Sprüche benutzt werden, um den Schleier für immer zu zerreißen.“

Aeric meldete sich nun doch zu Wort, während er Mere Marie einen offenen Blick schenkte. „Ich bin neugierig, woher du diese Dinge über Pere Mal weißt.“

Mere Marie versteifte sich für den Bruchteil einer Sekunde und entspannte sich dann wieder. Es passierte so schnell, dass Rhys es sich vielleicht auch nur eingebildet hatte.

„Ich habe viele Informanten“, lautete ihre einzige Antwort.

Ihre Worte entsprachen natürlich der Wahrheit. Sie verfügte über ein breites Netzwerk an Informanten in der ganzen Stadt, die sich alle einander Informationen zuflüsterten und Geheimnisse von einem zum nächsten weitergaben, bis sie Mere Maries Ohren erreichten. Mere Marie besaß eine charmante Seite und eine Art, mit der sie die Leute bezauberte, sodass sie sich entspannten und lachten, bis sie ihr alles erzählen wollten.

„Richtig“, sagte Rhys und schüttelte ganz kurz den Kopf. „Also sind die Lichter Teil eines Rituals oder so etwas?“

„Ich bin mir nicht sicher“, antwortete Mere Marie, womit sie Rhys überraschte. „Sie dienen alle unterschiedlichen Zwecken. Andrea erwähnte, dass dieses Mädchen, Echo, ein Medium sei. Das würde darauf hindeuten, dass Pere Mal sie benötigt, um einen Geist anzurufen und mit ihm zu kommunizieren.“

„Wir können unmöglich wissen, mit wem er reden möchte“, sinnierte Gabriel. „Könnte Baron Samedi selbst sein oder ein Mitglied seiner Familie. Könnte…“

„Jeder sein“, beendet Rhys seinen Satz mit einem Nicken. „Ich bin mir nicht sicher, wie wir gegen etwas kämpfen sollen, das wir nicht finden können, weil es keine Möglichkeit dazu gibt.“

„Das Mädchen. Wir finden das Mädchen“, sagte Mere Marie. „Wir müssen sie benutzten, um das Geheimnis aufzudecken, bevor es Pere Mal tut.“

Mehrere lange Herzschläge herrschte Schweigen.

„Schlägst du etwa vor, dass wir sie auf genau die gleiche Weise benutzen wie der Mann, vor dem wir sie retten wollen?“, fragte Gabriel, dessen Augenbrauen sich vor Missfallen zusammenzogen.

„Ja. Und ich glaube…“ Mere Marie tat einen Augenblick so, als sähe sie sich im Haus um. „Ah, ja. Hier habe immer noch ich das Sagen. Also, wenn ich euch auftrage, das Mädchen zu finden und zwar schleunigst… denke ich, dass ihr das besser tun solltet.“

Sie erhob sich auf ihre Füße und durchbohrte sie alle mit einem bedrohlichen Blick.

„Nutzt den magischen Spiegel. Findet das Mädchen. Ich will sie bei Sonnenaufgang im Herrenhaus haben“, befahl sie. Sie ließ den Kopf kreisen, wobei es mehrmals laut knackte, und verließ das Zimmer, ohne nochmal zurückzuschauen.

„Nun… alles klar“, sagte Gabriel, auf dessen Gesicht sich deutlich Unmut abzeichnete. „Ich schätze, ich werde mal den Spiegel holen.“

Pulsuz fraqment bitdi.

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