Kitabı oxu: «Der letzte Papierkranich - Eine Geschichte aus Hiroshima»

Şrift:

Kerry Drewery

Der letzte Papierkranich

Eine Geschichte aus Hiroshima

aus dem Englischen von Meritxell Janina Piel


Vorwort der Autorin

1983 war ich elf Jahre alt und schaute mir mit einer Freundin Die Rückkehr der Jedi-Ritter im Kino an. Damals wurden vor dem Hauptfilm noch Kurzfilme gezeigt, und uns Menschen beschäftigte laufend der Kalte Krieg und die ständige Gefahr eines nuklearen Weltuntergangs. An jenem Abend lief eine Dokumentation darüber, was bei einem Atomschlag geschehen würde; es wurde erklärt, dass für die meisten die Zeitspanne zwischen Warnung und Detonation nicht ausreichen würde, um rechtzeitig nach Hause zu ihren Familien zu gelangen.

Als ich das hörte, wollte ich nicht länger im Kino bleiben, sondern nach Hause zu meiner Mutter, meinem Vater und meinem Bruder, für den Fall, dass die Bombe einschlagen würde. Doch ich blieb und die Bombe kam in jener Nacht nicht, aber die Angst nagte noch lange weiter an mir.

In den Jahren danach las ich Wargames – Kriegsspiele von David Bischoff, Strahlende Zeiten von Raymond Briggs, ich schaute Tag Null, hörte Two Tribes von Frankie Goes to Hollywood und 99 Luftballons von Nena.

Meine Angst trieb mich an, ich versuchte es zu verstehen.

Ich las alles über Hiroshima, was ich finden konnte, doch da es noch kein Internet gab, waren Informationen nicht ohne Weiteres verfügbar.

Irgendwann ging der Kalte Krieg vorüber, als ich ein Teenager war, die Welt veränderte sich, aber die Erinnerung an meine Angst blieb.

Spulen wir ein paar Jahre vor: Als immer mehr Länder in den Besitz von Nuklearwaffen kamen, die politische Landschaft sich zu wandeln begann und die atomare Bedrohung wieder realer wurde, stieß ich auf einen Artikel über einen Überlebenden von Hiroshima. Darin wurde ein Buch empfohlen, Hiroshima. 6. August 1945 – 8 Uhr 15 von John Hersey. Ich bestellte es, verschlang es und weinte darüber.

Ich hatte geglaubt verstanden zu haben, was in Hiroshima geschehen war, doch ich war weit davon entfernt. Ich gab anderen das Buch, recherchierte im Internet, las weitere Bücher, schaute Dokumentationen, Filme … Ich wollte alles wissen, wollte es begreifen.

Ich verglich die Vergangenheit mit der aktuellen Bedrohung – was hatten wir aus der Geschichte gelernt? Könnte so etwas wieder passieren? Hatte die Zeit den Schmerz über das Geschehene zum Schweigen gebracht? Liefen wir Gefahr zu vergessen?

Jenes schreckliche Ereignis sollte in der Gegenwart nachhallen, doch löschte die Zeit es womöglich aus unser aller Gedächtnis?

Als Autorin wollte ich diesen Fragen nachgehen. Dabei ging es mir nicht darum, zu analysieren, wer was warum getan hatte, mich interessierte nicht, was hätte sein sollen oder werden können; mich bewegten die Menschen und ihre Geschichten, die Überlebenden, aber auch die Verlorenen, deren Leben, Liebe und Zukunft an jenem Tag endeten. Die Reue, Trauer und Schuld, die so viele Menschen empfanden. Ihre Angst.

Mich mit alldem zu beschäftigen hat mir das Herz gebrochen.

Ich bin keine Japanerin, ich habe nichts davon selbst erlebt und kenne auch niemanden, der es erleben musste.

Doch ich konnte die Geschichte nicht loslassen. Und ich dachte immer wieder: Falls Geschichten nur von denjenigen erzählt werden, die sie durchlebt haben, dann wird mit der Zeit alles aus unserer Erinnerung verschwinden. Manche Dinge sind zu wichtig, um sie loszulassen; sie sollten niemals vergessen werden. Wir alle – jeder von uns – hat zu viel zu verlieren.

Angst ist nicht an eine Epoche, ein Geschlecht, ein Land oder eine Kultur gebunden.

Ebenso wenig Schuld.

Oder Liebe.

In Der letzte Papierkranich geht es um all diese Dinge.

Kerry Drewery

In Erinnerung an meinen Großvater, Walter Gage –

Lincoln Green, die Tower Gardens, das County Hotel,

Madame Cholet mit einem Penny in der Tasche,

Jack, den musikalischen Clown,

der auf deinem Schoß sitzt,

ein Lächeln auf einem Foto.


Wir alle

sind

Geschichten.

Ich,

meine Mutter,

Großmutter.

Meine Freunde.

Auch du,

Großvater Ichiro.

Ganz besonders

du.

Ich hielt unsere Geschichten

und Leben

für geradlinig.

Aber ich lag falsch.

Sie sind Kreise

inmitten von Kreisen,

überlappend, miteinander

verbunden.

Sie kräuseln sich

durch das Leben.

Doch zu oft

verhallen sie.

Deine Geschichte, Großvater,

wäre verblasst.

Verloren.

Doch wir haben sie bewahrt,

du und ich,

sie kräuselt weiter

durch die Zeit

für immer.

Erster Teil Japan, 2018

Meine Finger wandern über verbogene Buchrücken.

Verschwommene Wörter.

Vergilbte Seiten.

»Welches?«, frage ich.

»Such dir eins aus, Mizuki«, murmelt Großvater.

Ich höre seinen Missmut.

Ich schaue hoch.

Reihen von Büchern in

Reihen von Regalen,

die sich unter ihrem Gewicht

zu einem Lächeln formen.

»In Büchern liegt Magie«, hauche ich.

»Das hast du mir gesagt«, flüstere ich.

Von seinem Bett aus spottet er:

»Kinderkram.«

Ich seufze.

Ich vermisse, wie er war,

bevor Großmutter

starb.

Seine Heiterkeit.

Sein Lächeln.

Seine Begeisterung.

»Aber … Geschichten –«, beginne ich.

»Sind bloß Worte«, sagt er. »Mehr nicht.«

Ich drehe mich um, schockiert.

»Lass mich allein.« Seine Stimme bricht.

»Aber –«

»Verschwinde!«, ruft er.

Ich nehme ein Buch aus dem Regal

und schlage

die Tür

hinter mir zu.

Blätter an einem

sterbenden Baum sind unsre

Erinnerungen

Großvaters Buch liegt auf dem Tisch.

Meine Hand folgt den gestanzten Buchstaben.

Innen trommeln die Figuren mit den Fingern.

Wippen mit den Füßen.

Seufzen ungeduldig.

»Bald könnt ihr mir eure Geschichte erzählen«, sage ich zu ihnen.

»Er liest nicht mehr,

aber ich werde euch befreien.«

Als ich jünger war,

hat Großvater mir vorgelesen.

Er saß auf meinem Bett, seine Stimme erfüllte den Raum.

Seine Hände trugen die Wörter durch die Luft.

In seiner Stimme schwangen Gefühle.

Als ich zu alt zum Vorlesen war,

haben wir immer noch Bücher geteilt,

haben wir immer noch geredet,

diskutiert,

uns begeistert

für Geschichten.

Immer für Geschichten.

Doch jetzt nicht mehr.

Als Großmutter starb,

starb auch etwas in ihm.

Ich vermisse es, spüre ich.

Ich vermisse, wer er war.

Meine Mutter gießt Tee ein.

»Was machst du heute?«

Ich esse meinen Joghurt.

»Bibliothek«, antworte ich. »Lernen.«

Ihre Finger umschließen die Tasse.

»Kannst du nicht hier lernen?«

Fünf Wörter verbergen eine Million andere.

Die Tür knarrt.

Er schlurft herein.

»Herrlicher Sonnenaufgang«, sagt er.

Lächelnd.

Ist heute ein guter Tag für ihn?

Oder nur ein Morgen?

Die Zeit wird es zeigen.

Mutter runzelt die Stirn.

Sorge zeichnet ihr Gesicht.

»Kannst du bleiben, Mizuki? Ich muss zur Arbeit.«

»Bleib nicht wegen mir«, sagt Großvater.

»Ich komme bestens allein zurecht.«

Wir sagen nichts.

Keine von uns.

Wir wissen, dass Minuten und Stunden alleine

seine Worte verschlingen werden.

Ich schaue Mutter an.

Wo ist sie,

meine Mutter ohne Kummerfalten?

Ich nicke.

Erleichterung kommt von ihr mit einem Seufzer.

Ihr Lächeln wärmt mein Herz.

Unsere Schuld nagt,

triezt und terrorisiert uns,

bis alles leer ist.

Als die Haustür ins Schloss fällt

und das Tor zuschnappt,

dauert es nicht lange

und in Großvaters Gesicht ist

Traurigkeit.

Schatten der Vergangenheit

zehren an seiner Seele.

Was geschieht in seinem Kopf,

was ihm so zusetzt?

Was bedrückt

den Mann,

der mir einst

das Radfahren

beibrachte?

Der Großmutter drängte,

tanzen zu lernen,

um es dann selbst

zu lernen.

Der mich weckte,

um mir in einer klaren Nacht

die Sterne

zu zeigen.

Der mit Freunden

Schach spielte.

Und jedes Jahr

Marmelade kochte.

Der lächelte

und lachte

und lebte.

Jeden Tag.

Ich vermisse

diesen Mann.

Seine Finger wandern

über das Buch auf dem Tisch.

Seine Hand streift den gebrochenen Buchrücken.

»Hier gibt es keine Magie mehr«, sagt er.

»Ich bin ein schlechter Mensch«, sagt er.

Und geht davon.

Raus aus der Küche,

durch den Flur,

in sein Zimmer.

Ich folge ihm.

Die Bücher auf seinem Regal halten den Atem an.

Was wissen sie?

Was haben sie ihn im Schlaf

murmeln hören?

Das Lächeln des Regals

wird unter der Last

zu einer Grimasse.

Er dreht mir den Rücken zu.

»Ich habe etwas Schlimmes getan, Mizuki.

Ich kann es nicht länger verbergen.

Deine Großmutter hat es verstanden.«

Er hebt einen Arm

und schlägt sich mit seiner Faust

gegen die Brust.

»Sie hat

diesen

Schmerz

verstanden.

Diese

Schuld.

Sie hat mir geholfen,

sie zu tragen.

Sie zu ertragen.

Jetzt bin es nur noch ich,

der sich erinnert.

Doch ich bin alt und bald …

werde ich sterben.

Und dann …«

Er streckt seinen Arm in die Luft.

Er ballt die Finger

Zu einer Faust.

Dann öffnet er sie

weit.

Die Pantomime einer

Explosion.

»Selbst die Erinnerung

an sie

wird verschwinden.«

Seine Melancholie,

seine Traurigkeit,

seine Verzweiflung

sind greifbar.

»Ich verstehe nicht«, sage ich.

»Meinst du Großmutter?

Ich werde mich an sie erinnern.

Immer.«

Er schüttelt den Kopf und

beugt sich zu Boden.

Mit knackenden Knien

holt er eine Kiste

unter dem Bett hervor.

»Du weißt nicht, was ich getan habe«, sagt er.

»Aber ich muss es dir erzählen.

Jemand Jüngeres muss es

erfahren.«

Er nimmt ein Buch aus der Kiste.

Ich habe nie ein älteres gesehen.

Der Einband ist verblichen,

die Bindung gerissen.

Es hat keine Seiten mehr.

Er schlägt es auf.

Ich habe mich geirrt.

Eine Seite ist übrig.

Er reißt sie heraus.

Faltet sie.

Zuerst in die eine Richtung, dann in die andere.

Und weiter.

Kunstvoll.

Präzise.

Bewegungen, die er schon tausendmal

gemacht hat.

»Hör mir zu«, sagt er.

»Dann verurteile mich.

Hasse oder

liebe mich,

vergib mir oder

verachte mich.

Doch zuerst …

musst du zuhören.«

Er stellt

auf das Regal

einen perfekt gefalteten

Papierkranich.

»Und erinnere dich

immer.«


Zweiter Teil 06. August 1945
Großvaters Geschichte

Ich weiß noch, dass es nur wenige Tage vor meinem achtzehnten Geburtstag geschah. Ich liege bei meinem Freund Hiro zu Hause auf dem Boden und lese, ich bin müde. Die letzte Nacht war lang – der Fliegeralarm hat meine Mutter und mich immer wieder geweckt. Den Weg zum Gemeinschaftsbunker sind wir schon so oft gegangen, dass wir ihn im Schlaf kennen, doch obwohl regelmäßig feindliche Flugzeuge über uns hinwegfliegen, wurde noch nicht eine einzige Bombe auf unsere Stadt, Hiroshima, geworfen.

Heute Morgen ertönte die Entwarnung, meine Mutter ging zur Arbeit und ich genieße einen der seltenen freien Tage, an dem ich nicht in der Fabrik sein muss. Anstatt Flugzeugteile für die Mobilmachung herzustellen, habe ich ein Buch in der Hand und verbringe die Zeit mit meinem besten Freund.

Ich blättere um zu Kapitel vier und Hiro reicht mir eine Tasse Oolong-Tee.

»Du wirst dein ganzes Leben brauchen, um das zu lesen, Ichiro«, scherzt er, während er im Zimmer umhergeht und Spielsachen aufsammelt, die seine Schwester hat liegen lassen, bevor er sie zum Kindergarten brachte, was wir an normalen Tagen gemeinsam machen.

Das Buch heißt Die Geschichte vom Prinzen Genji.

Ich blicke auf die Seiten und erinnere mich daran, wie mein Vater es mir gegeben hatte, kurz bevor er in den Krieg zog …


… »Es war der erste Roman der Welt«, erklärte er und legte mir die vier Bände in meine ausgestreckten Arme.

»Es ist so dick«, sagte ich.

»So wird dein Geist beschäftigt sein, während ich weg bin«, entgegnete er. »Du musst mir versprechen, es ganz zu lesen. Die Geschichte ist wunderschön, voller Liebe und Schuld. Du kannst viel daraus lernen.«

»Ich verspreche es«, sagte ich.

Noch immer sehe ich sein besonderes Lächeln, als ich durch die Seiten blätterte. Dann beugte er sich zu mir und sein Geruch nach Seife, Shampoo und Tabak erinnerte mich daran, wie lange es her war, dass wir uns das letzte Mal so nah waren.

»In Büchern steckt Magie«, flüsterte er mir ins Ohr.

Doch als ich ihn anschauen wollte, ging er davon.

»Du kannst die Bände zusammenkleben, wenn du magst«, sagte er über seine Schulter. »Es wäre schade, wenn das Ende verloren ginge.«

Ich folgte seinem Rat und bald schon trug ich, sicher unter meinen Arm geklemmt, das Buch überall mit hin, las, wann immer ich konnte, und horchte auf das magische Flüstern, das mein Vater beschworen hatte …


Hiro wandert durchs Zimmer und stellt einen Korb mit Wäsche auf den Boden. Es bleibt viel Arbeit für einen Sohn, dessen Vater im Krieg ist. »Wie viele Seiten hat dein Wälzer eigentlich?«, fragt er.

Ich schlage es von hinten auf und schaue auf die Seitenzahl. »Eintausendneunhundertneunundneunzig«, antworte ich.

Verständnislos schüttelt er den Kopf, er ist kein eifriger Leser.

Ich schlage eine Seite um. »Es geht nicht darum, das Ende zu erreichen«, sage ich. »Es geht um die Reise.«

Ich nehme einen Schluck von meinem Tee. Die Prosa ist so schön wie der blaue Himmel und die gelbe Sonne draußen, doch meine Gedanken schweifen immer wieder zu meiner Mutter bei der Arbeit und meinem Vater im Krieg. Ich frage mich, wann auch ich die Gelegenheit bekommen werde, dem Kaiser zu dienen und für mein Land zu kämpfen.

Aus dem Augenwinkel sehe ich Hiro, der zum Fenster geht.

»Ein B-29-Bomber«, stellt er fest. »Aber nur einer.«

Mein Finger liegt auf Seite dreihundertachtundvierzig und markiert das letzte Wort, das ich im »Davor« lesen werde, während ich das deutliche und vertraute Brummen des amerikanischen Flugzeugs höre.

Hiro dreht sich zu mir um. »Da ist irgendwas …«

Der Rest seines Satzes verbrennt im alles verschlingenden Weiß.



Ich wache auf und weiß nicht, ob ich lebendig oder tot bin.

Das Licht ist weg.

Die Sonne ist weg.

Alle Geräusche sind weg.

Bin ich taub?

Warum ist das Atmen so schwer? Warum verbrennt die Luft meine Lunge?

Panische Gedanken summen wie Hornissen in einem Glas.

Ich blinzle; Grau verschwimmt vor meinen Augen.

Trümmer?, denke ich. Ziegelsteine?

Ich huste.

Auf dem Rücken liegend schaue ich nach oben, doch selbst das Blau des Himmels ist verschwunden, genau wie das Gelb der Sonne. Es ist, als wäre die ganze Welt weggesprengt worden und nichts übrig außer graue Leere.

Überall ist Grau. Tief, fest, undurchdringlich.

Du musst dich bewegen, sage ich mir selbst. Du musst hier raus und dich in Sicherheit bringen. Hiro finden.

Ich rufe seinen Namen in die Dunkelheit, doch meine Stimme ist schwach.

Ich rufe noch einmal, atme Staub ein, huste und keuche, bis mir die Augen tränen.

Los, denke ich. Du musst los. Mach schon!

Mein Körper ist bleischwer. Ich wackle mit den Zehen und beuge meine Beine. Ich kann sie spüren, sie bewegen, wenn auch nur ein bisschen.

Meine Arme sind beweglicher, ich hebe eine Hand und berühre meinen Haaransatz, doch dann zucke ich zusammen. Mein Kopf fühlt sich an, als wäre er von Nadeln durchstochen.

Ich berühre mein Gesicht mit der anderen Hand, doch mir wird übel vor Schmerz. Als ich meinen Mund öffne und wieder schließe, spannt die Haut fest über meinen Wangen.

»Hiro!«, rufe ich erneut, doch ich bekomme noch immer keine Antwort.

Es ist rein gar nichts zu hören.

Ich schiebe Trümmerteile, lange Holzsplitter und lauter undefinierbare Dinge von meiner Brust und meinen Beinen, dann schaue ich an mir hinunter und stelle entsetzt fest, dass ich bis auf die Unterhose nackt bin!

Wer hat mir die Kleider genommen?, denke ich. Wo sind sie geblieben?

Mühsam versuche ich aufzustehen und nehme allmählich erste Schemen wahr, und während ich zu verstehen versuche, was meine Augen sehen, verschwinden meine Gedanken an meine Kleidung und Nacktheit.

Die Wände sind eingestürzt, das Dach ist … Ich schaue mich um. Ich kann nicht sehen, wo das Dach ist … das Fensterglas ist weg …

Die Tür?, frage ich mich. Wo ist die Tür? Der Tisch, die Stühle? Wo sind sie? Wo ist das alles? Wo ist Hiro?!

Meine Füße berühren etwas Flaches, während ich Mühe habe, aufrecht zu bleiben, dann erkenne ich flüchtig etwas Farbiges.

Mein Buch.

Ich ziehe es hervor und presse es gegen meine Brust, als wäre es das Leben selbst und könnte mich durch den Albtraum bringen, in dem ich gefangen bin.

Dann, schwankend und mit ausgestreckten Armen, taumle ich einen Schutthaufen empor und sehe, was aus meiner Stadt geworden ist.

Alles ist mit einer dicken Staubschicht bedeckt und von grauen Wolken umhüllt, und als ich in den Himmel blicke, erwarte ich, den Mond zu sehen, obgleich ich nicht weiß, ob Nacht oder Tag ist. Wie Geister, die aus ihren Gräbern steigen, erheben sich Schemen aus der Finsternis, doch es sind nicht die Schemen von Häusern oder herbeilaufenden Menschen. Es sind die Umrisse von Trümmerhaufen, verkohlten Baumstämmen oder Telegrafenmasten, von verbogenem Metall, das hervorsteht wie die gebrochenen Rippen eines sterbenden Tieres, von Holzteilen, die auf eine Flamme warten, um sie in Leuchtfeuer zu verwandeln.

Vernichtung. Verwüstung. Untergang.

Vor Entsetzen kann ich mich nicht bewegen.

Die Straßen, über die ich am Morgen gegangen bin, sind weg.

Die Kutschen, die von Pferden gezogen werden sollten, sind nicht mehr da.

Die Männer mit ihren Fahrrädern sind verschwunden.

Die Reihen hölzerner Häuser auf Hiros Straße …

Die Häuser auf meiner Straße …

Meine gesamte Straße …

Und wo sind die Menschen?

Wo ist Hiros Nachbar, Herr Hiyashi? Seine Frau, seine Kinder – wo sind sie?

Herr Sato, der uns in seinem Geschäft Süßigkeiten verkauft, wo ist er? Wo?

Ich versuche, mehr von der Stadt zu erkennen, doch Staub und Wolken nehmen mir die Sicht.

Was ist mit den Läden in Shintenchi, wo meine Mutter arbeitet? Stehen sie noch?

Ich blicke nach rechts, zum Shima-Krankenhaus, in dem Hiros Mutter Krankenschwester ist –

Hiro …

Wo ist Hiro?

Meine Hände zittern. Mir ist kalt und gleichzeitig heiß. Meine Beine geben nach.

Atme, sage ich mir selbst. Atme.

Mein Körper ist übersät mit Millionen von Schnitten, Schürfwunden und Kratzern. Mein Rücken, mein Gesicht, meine Arme außen … alles … tut weh …

Ein paar Meter entfernt, in der Nähe der Stelle, wo ich mein Buch gefunden habe, entdecke ich am Boden die ungenauen Umrisse von etwas. Ich räume den Schutt beiseite, grabe es aus – Hiros Wäschekorb. Ich ziehe mir ein Hemd und eine Hose über die schmerzende Haut und nehme Kleidungsstücke für Hiro mit, denn wo immer er jetzt ist, vielleicht ist auch er nackt.


Hiro, denke ich. Ich muss Hiro finden.

Ich rufe seinen Namen, doch meine eigene Stimme inmitten der Stille erschreckt mich, sie klingt schwach und fremd.

»Hiro.« Ich versuche lauter zu sein, doch das Wort schmerzt in meiner Kehle.

Dann laufe ich über zerbrochenes Glas, gesplittertes Holz – Überreste von Hiros Zuhause –, falle auf die Knie und grabe mit meinen bloßen Händen im Schutt.

»Hiro!«, versuche ich noch einmal zu schreien. »Hiro! Hiro!«

Ich krieche ein wenig zur Seite, fange wieder an zu graben und rufe erneut.

Nichts.

Auf einmal erscheinen Menschen aus den Trümmern wie Untote, die ihren Gräbern entsteigen.

»Tasukete!«, schreie ich. Hilfe!

Köpfe drehen sich zu mir, doch niemand bewegt sich in meine Richtung. Sie sind verloren in ihrem eigenen Leid und ihre Gedanken kreisen um die von ihnen Vermissten.

»Hiro!«, rufe ich erneut.

Über das Poltern in meiner Brust hinweg lausche ich. Ich glaube hinter mir ein Flüstern zu hören, deshalb krieche ich weiter, beuge mich über Spalten und Risse und schaue in dunkle Löcher.

»Wo …? Wo bist du?«, rufe ich.

Niemand antwortet mir, doch als ich sehe, wie sich der Schutt bewegt, schiebe ich sofort mit beiden Händen umherliegende Steine weg.

Ich vergrößere das Loch und strecke die Hände hinein, tastend, suchend.

»Kannst du mich hören?«, krächze ich.

Ich spüre menschliche Haut und Finger, die so fest nach meinen greifen, dass mein Herz vor Freude zu singen beginnt.

Jedes Trümmerteil, das ich beiseiteschiebe, gibt mehr von ihm frei, doch es ist nicht mehr der Freund, der sich eben noch vom Fenster zu mir gedreht hatte. Er trägt keine Kleider mehr und abgesehen von einer Seite und seinen Unterschenkeln ist sein gesamter Körper verbrannt.

Ohne Vorwarnung wird mir schwindlig; ich stolpere, falle zu Boden und übergebe mich, bis mein ganzer Körper zittert und mich Schweiß überströmt.

Finger berühren meinen Rücken. »Danke.« Die Stimme meines Freundes ist dünn und brüchig. »Bombe?«, fragt er.

»Was für eine Bombe könnte so etwas anrichten?«, murmle ich.

»Ein Molotoffano banakago?«, flüstert er. Eine Splitterbombe.

Unbeholfen dreht er sich zuerst in die eine, dann in die andere Richtung und lässt seinen Blick, wie ich kurz zuvor, über die Zerstörung schweifen.

»Nicht einmal eine Fünfhundert-Tonnen-Bombe könnte das schaffen«, antworte ich.

Er macht ein paar vorsichtige Schritte. »Hier war der Garten«, murmelt er. »Und hier der Luftschutzbunker.«

Er schaut mich an. »Ist immer noch Tag, Ichiro?« Seine Stimme ist leise. »Derselbe Tag? Ich erinnere mich nicht mehr … Ich habe ein Flugzeug gesehen … Ich stand am Fenster, oder? Ein Fallschirm kam auf uns zu. Ich habe mich umgedreht, um es dir zu sagen, nicht wahr?«

Ich nicke.

»Dann … war nichts mehr. Alles war weiß und dann –«, er schüttelt den Kopf, »dann war nichts mehr.«

Plötzlich beugt auch er sich ohne Ankündigung nach vorne und übergibt sich, bis er zittert, schwitzt und seine Zähne klappern.

»Ich bin nackt«, sagt er, als die Übelkeit abnimmt. »Wo sind meine Kleider?«

»Ich weiß nicht«, flüstere ich. »Meine waren auch weg.«

»Schau dir deine Haut an«, sage ich. »Du hast dein gemustertes Hemd getragen, dein Lieblingshemd.«

Er nickt.

»Deine Seite, schau dir deine Seite an.«

Er neigt den Kopf, hebt die Hände und streicht mit den Fingern über seine unterschiedlich gefärbte Haut. »Das ist das Muster meines Hemds«, flüstert er. »Das Muster ist auf meiner Haut – aber wo ist mein Hemd?«

Hilflos zucke ich mit den Achseln.

»Was machen wir jetzt?«, will Hiro wissen. »Wohin gehen wir?«

»Ich weiß es nicht«, gebe ich zurück. »Ich weiß nicht.«

Wir haben auf nichts eine Antwort.


Ich helfe ihm, die Kleider anzuziehen, die ich für ihn mitgenommen habe, und dann steigen wir gemeinsam über die Überreste seines Zuhauses, um nach einem Krankenhaus Ausschau zu halten, doch als wir an der Stelle ankommen, wo eigentlich die Straße verlaufen sollte, bleiben wir stehen.

»Meine Mutter«, flüstere ich.

»Und meine«, erwidert er. »Und meine Schwester. Oh, was ist mit meiner Schwester? Mit Keiko? Ich muss sie finden, ich sollte doch auf sie aufpassen. Sie ist im Kindergarten; sie hat sicher Angst.« Seine Augen flehen mich an.

Ich versuche nachzudenken. Ich möchte meine Mutter finden, Hiro ins Krankenhaus bringen, selbst ins Krankenhaus gehen, doch was ist mit Keiko?

Aus dem Nichts erscheint ihr Bild vor meinem inneren Auge; ihr dunkles Haar, das in der Sonne glänzt, während Hiro und ich sie zum Kindergarten bringen, ihr Winken, als wir uns am Eingang von ihr verabschieden, um weiter zu unserer Schule zu gehen, oder – in letzter Zeit – zur Fabrik. Ihr Lachen, wenn Hiro zu Hause mit ihr spielt, ihr Lächeln.

Fünf!, denke ich. Sie ist erst fünf!

»Wir gehen zuerst zum Kindergarten«, sage ich. »Wir werden Keiko holen. Dann suchen wir meine Mutter, dann deine.«


Tiefer und tiefer dringen wir in die wabernde Wolke ein; Staub, Schmutz, Rauch und Dämpfe werden vom aufkommenden Wind herangetragen und hüllen uns ein.

Ich kann kaum atmen, das Laufen fällt mir schwer. Meine Brust, meine Hände, mein Gesicht, alles tut so unfassbar weh. Jetzt, in diesem Moment, kann ich einen Fuß heben und ihn vor den anderen setzen, doch ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalte, wie weit ich kommen werde.

Aus der grauen Finsternis springen uns rote Feuer entgegen, blockieren zuerst den einen Weg, dann den nächsten. Wir kehren um, überqueren die Überreste von Straßen, versuchen einen anderen Weg, doch werden immer wieder zurückgetrieben, ohne dass wir auch nur ein Wort sprechen.

Worte genügen nicht, um auszudrücken, was wir gerade erleben.


Ich bin schwach, müde und durstig.

Hiro atmet schwer. »Hier sind so viele Verletzte.« Seine Stimme bricht wie die eines alten Mannes, als wir an Menschen vorbeistolpern, die am Straßenrand liegen.

»Wir können nichts tun«, sage ich. »Was auch immer wir tun würden, es wäre nicht genug. Wir müssen an uns, nur an uns und an unsere Familien denken.«

Mein Mund ist so trocken, dass meine Kehle verklebt, doch nirgends ist auch nur eine einzige Pfütze, aus der ich trinken könnte. »Fünf Menschen«, sage ich, »du, ich, unsere Mütter, Keiko – wir müssen an sie denken.«

»Aber meine Mutter«, sagt er. »Das Shima-Krankenhaus … ich glaube, es ist –«

»Zuerst Keiko«, sage ich. »Denk nur an Keiko.«


Ich denke fest an sie, während wir uns weiter vorwärtskämpfen, und ich sehe und höre nicht die Menschen, die uns um Hilfe anflehen. Ich sehe nur Keikos rundes Gesicht, ihre leuchtenden Augen, höre nur ihr Lachen und ihre Stimme, wenn sie ihr Lieblingslied singt, während Hiro und ich versuchen zu lernen.


Auf einmal wüten Feuer vor uns, Flammen schlagen in den Himmel, und wir sind gezwungen, an einer Kreuzung anzuhalten.

Hiro sackt hinter einer Betonmauer zu Boden, die uns vor der Hitze schützt. »Ich weiß nicht, wo wir sind, alles sieht gleich aus.«

Ich lasse mich neben ihm hinuntergleiten.

»Warum sind wir am Leben und die anderen nicht?«, fragt er. Sein Blick wandert über die Körper um uns herum. »Warum bin ich so verbrannt und du nicht? Was war das? Woher kam das Feuer?«

»Benzin?«, sage ich. »Sie könnten Benzin abgeworfen und angezündet haben.«

»Uns mit der pika angezündet?«, fragt er. Dem Blitz. »Aber …«

Übelkeit kriecht durch meinen Körper und mein Kopf schwirrt. Es ergibt keinen Sinn, hier zu sitzen und darüber zu mutmaßen, was dies angerichtet hat. Das Feuer frisst und walzt sich auf uns zu; wenn wir überleben wollen, müssen wir weitergehen.

Mein Buch fest in der linken Hand, stehe ich auf und reiche Hiro die rechte, um ihm zu helfen.

Plötzlich wird die Erde unter uns von einer Explosion erschüttert und ich schaffe es kaum, mich aufrecht zu halten, als die Ruine eines nahe gelegenen Hauses in sich zusammenfällt. Eine Wand aus Rauch und Hitze rauscht gegen uns, und wir ducken uns instinktiv zu Boden, während wir vom Husten geschüttelt werden und Dämpfe in der Luft uns den Atem nehmen.

Staub legt sich in meinen Mund. Ich kann nicht schlucken. Ich habe solchen Durst.

Auf einmal werde ich auf etwas anderes aufmerksam und ich starre über die losen Backsteine und Betonreste hinweg zu der weißen Eingangstür, die aufrecht wie ein Grabstein inmitten des Friedhofs einer Stadt steht. Als ich zu verstehen beginne, worum es sich handelt, wende ich mich Hiro zu und sehe, wie sich auch sein Gesichtsausdruck verändert.

Seine Augen, bislang konfus und kaum aufmerksam, sind auf einmal fokussiert und blinzeln.

Er schüttelt den Kopf. »Wie sind wir hierhergekommen?«

»Es tut mir leid«, sage ich.

»Wir wollten doch zuerst zum Kindergarten gehen.«

»Es tut mir leid, Hiro. Die Flammen haben uns in die falsche Richtung getrieben.«

»Wie kann es sein, dass die Tür das Einzige ist, was vom Krankenhaus übrig ist? Wo sind die Wände? Wie können sie einfach weg sein?«

»Ich weiß es nicht, mein Freund«, antworte ich.

»Sie wird dort drin gewesen sein«, sagt er. »Man hatte Entwarnung gegeben.« Während er spricht, bricht seine Stimme. »Sie hatte keinen Grund, sich in Sicherheit zu bringen.« Er stolpert über die Trümmer. »Wo ist sie?«

Ich klettere zu ihm, während er vorwärtstaumelt, bin einen Schritt hinter ihm, als er auf die Knie fällt, auf Hohlräume im eingefallenen Schutt starrt, weiterkriecht, mit den Händen lose Steine beiseiteschiebt und ihren Namen ruft.

Er schaut zu mir hoch. »Wo ist sie?«, fragt er.

Ich lege meine Hand auf eine unversehrte Stelle an seiner Schulter, dann trete ich zögernd zurück und überlasse ihn seiner Trauer.


Der Einsturz des Hauses hat einige der Flammen in unserer Nähe erstickt, doch innerhalb der Stadt lodert das Feuer weiter. Wir dürfen nicht stehen bleiben, aber Hiro schwankt vor und zurück, hält sich den Magen und kämpft darum, seine immer wieder zufallenden Augen offen zu halten.

Ich starre auf die Überreste unserer Stadt.

Die Burg ist verschwunden, alle fünf Stockwerke und die Türme. Auch der Stadtteil Hondōri mit seinen Reihen von Laternen, die wie Maiglöckchen vor den Läden und über den Straßenbahnschienen hingen.

Auch die Universität.

Pulsuz fraqment bitdi.

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
30 iyul 2024
Həcm:
143 səh. 40 illustrasiyalar
ISBN:
9783038801436
Tərcüməçi:
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Bookwire
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