Kitabı oxu: «Am Ende der Wahrheit»

Şrift:

Kerstin Teschnigg

Am Ende der Wahrheit

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

TEIL 1

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

TEIL 2

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

TEIL 3

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Epilog

Impressum neobooks

TEIL 1

Prolog

Ich falle. Es tut nicht weh. Nichts tut weh. Alles fällt von mir ab. Kurz ist es dunkel, aber dann unglaublich hell und warm. Ich fühle mich frei, sorgenlos, erlöst. Eine Stimme ruft mich, ganz leise kann ich es hören. Freundlich und vertraut hört es sich an. Langsam gehe ich weiter. Es ist ganz leise. Kurz schließe ich meine Augen, das Licht blendet mich. Da ist niemand und trotzdem bin ich nicht allein. Ich muss mich nicht fürchten. Nein, muss ich nicht. Sterben tut nicht weh und ich habe keine Angst, doch trotzdem hält mich irgendetwas fest, lässt mich nicht los, gibt mich nicht frei. Vor mir das helle Licht und das wohlige Gefühl, hinter mir das Leben und die Macht es nicht so einfach loslassen zu wollen. Ich stehe in der Mitte. Es ist meine Entscheidung. Gehe ich weiter, oder blicke ich zurück. Das Ende – oder das Leben.

Kapitel 1

Ich liege im Bett und starre im Dunklen an die Decke. Ganz dunkel ist es nicht, weil das kleine Nachtlicht noch brennt. Es ist schon die vierte Nacht in Folge in der ich kein Auge zubekomme, auch wenn ich unglaublich müde bin. Müde und erschöpft. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, ich fühle mich ausgebrannt. Die letzten Monate waren wirklich Kräfte zehrend. Ich drehe mich zur Seite. Es scheint, ein leichter Wind kommt auf. Der Vorhang am großen Flügelfenster bewegt sich ein wenig. Ich lausche – ja könnte sein, dass es gleich zu regnen beginnt. Ein zartes Durchatmen neben mir ringt mir ein glückliches Lächeln ab. Das lässt mich die ganzen Strapazen schnell vergessen. Ich streiche sanft durch seine dunklen Haare, aber so, dass ich nicht wecke. Seine Haare sind so weich und wuschelig. Ich liebe das. Darum habe ich sie die letzten Monate auch kaum geschnitten. Ich finde er sieht mit den längeren Haaren unglaublich süß aus. Auch für ihn war die letzte Zeit ziemlich anstrengend. Doch jetzt sind wir hier. Zurück in der Südsteiermark, zurück in meiner Heimat die er gar nicht kennt. Es war richtig so. Ich war lange genug weg. Ich muss vor nichts mehr weglaufen. Es ist mein Leben, und so wie ich es lebe ist es schon ganz richtig. Ein kräftiger Windstoß bläst durch das Fenster, große fette Regentropfen prasseln mit einem Mal herab. Schnell springe ich aus dem Bett um das Fenster zu schließen, gerade noch rechtzeitig, bevor es ins Zimmer regnet, das würde dem neuen Holzboden sicher nicht gut tun. Das Zimmer ist wirklich richtig schön geworden. Ich liebe den Duft vom großen Zirbenbett und die schönen hellen Pastellfarben im Raum. Es ist sogar so, dass ich das ganze Haus liebe. Wie die Holzdielen krachen, auch wenn man versucht ganz leise zu sein, wie früher, wenn ich zu spät nach Hause kam. Mama wusste morgens immer, dass ich zu spät war. Ich schmunzle für mich selbst. Ja, das Haus ist alt, aber in jedem Raum und hinter jeder Tür stecken Erinnerungen. Schöne Erinnerungen. Wir werden uns schon bald eingewöhnt haben, da bin ich mir sicher.

„Mama?...“

Maxi setzt sich auf und schaut suchend in den halbdunklen Raum.

„Ich bin da mein Bärchen.“

Schnell lege ich mich wieder zu ihm ins Bett.

„Komm, schlaf weiter. Das war nur der Wind.“

Er muss sich erst eingewöhnen, alles ist noch fremd für ihn. Die großen Räume und die Weitläufigkeit des Haues ist er nicht gewöhnt. Noch einmal streiche ich durch seine Haare und über seine Wange, dann kuschle ich mich an ihn. Ganz fest. Ich bin da. Immer.

Kapitel 2

„Guten Morgen Mama.“

Ich betrete die große Küche in der meine Mama so ganz allein ziemlich verloren aussieht, auch wenn sie um diese frühe Uhrzeit, es ist erst kurz nach sieben, schon geschäftig herumwerkt.

„Guten Morgen Resi. Frühstück ist gleich fertig. Schläft Maxi noch?“

Sie lächelt mich mild an, ich stelle das Babyfon auf den großen Eichentisch der bereits mit dem Frühstücksgeschirr gedeckt ist. Gmundner Streublumen. Ein Blick auf den Tisch und das wohlige Gefühl daheim zu sein macht sich in meinem Bauch breit.

„Ja er schläft noch ganz tief. Er ist wegen dem Regen ein paarmal munter geworden heute Nacht. Ich nehme mir nur einen Kaffee. Danke.“

Ich gieße mir eine Tasse ein und setze mich auf die kleine Bank neben dem Kachelofen. Der ist zwar um diese Jahreszeit nicht eingeheizt, wäre für Anfang Juni wirklich nicht passend, zumal es draußen auch ziemlich warm ist, aber ich liebe den Platz. Immer schon.

„Glaubst du das Babyfon ist wirklich notwendig? Maxi weiß doch wo er uns findet. Ihr seid doch jetzt schon fast zwei Wochen da. Über die Stiege herunter und er ist bei uns. Er ist fünf und kein Baby mehr.“

Ich seufze und nehme einen Schluck vom Kaffee. Doch. Er ist mein Baby, das wird er immer bleiben. Ich will einfach nicht, dass er aufwacht und sich erschreckt, weil ich nicht da bin. Es ist alles neu und fremd für ihn. Das Haus ist riesig und hier auf dem Hof gibt es tausende neue Eindrücke die auf ihn einstürzen. Alle sind ihm fremd. Meine Eltern und meinen Bruder kennt er nur von WhatsApp Anrufen. Nein stimmt nicht, einmal besuchten sie mich in München, aber da war Maxi noch ein Baby. München ist auch nicht der nächste Weg. Sogar für mich ist momentan alles ungewohnt, obwohl ich unser Weingut wie meine Westentasche kenn. Nach sechs Jahren Stadtleben in einer kleinen Wohnung habe ich das Gefühl mich hier zu verlieren, auch wenn ich die Weitläufigkeit früher immer so geschätzt habe. Daran muss ich mich erst wieder gewöhnen. Mein kleiner Bruder Leopold hat in den letzten Jahren alles liebevoll renoviert und erneuert, sowohl im Haus als auch am Hof und schlussendlich auch mein Zimmer, als wir vor ein paar Wochen beschlossen zurück zu kommen. Zum Glück hat er den alten Holzboden den ich so liebe nur geschliffen und eingelassen. Kleiner Bruder…Er ist nicht mehr der Nerd von früher. Er ist erwachsen geworden. Das Weingut Lorenz ist jetzt am neuesten Stand, was sich zu rentieren scheint. Lorenz Wein hat einen ausgezeichneten Ruf und in den letzten Jahren einen ordentlichen Aufschwung erlebt. Ich bin mir zwar nicht sicher ob mein Vater sich das am Anfang wirklich gedacht hat, aber Leopold hat ihn wieder einmal überrascht. Der stille Leopold. Der Streber. Der Student. Der Stubenhocker. So hat ihn mein Vater immer aufgezogen. Doch das Strebern scheint sich gelohnt zu haben. Er ist ein würdiger Nachfolger und ich freue mich darüber. Meine Eltern haben jahrzehntelang mühsam und hart für das Alles hier gearbeitet. Aus mir ist nicht mehr als eine einfache Frisörin geworden, über die vielen Blödheiten die ich immer im Kopf hatte will ich gar nicht nachdenken. Meine Eltern hatten es nicht immer leicht mit mir. Die Schule war mir nicht besonders wichtig, auch wenn ich heute weiß, dass ich mehr schaffen hätte können. Aber ich hab mich damit abgefunden und ich mag meinen Beruf auch richtig gern. Es ist gut, dass Leopold das Lebenswerk Lorenzhof weiterführt. Ja, ich freue mich wirklich.

„Mama…ich fühle mich sicherer wenn dieses Babyfon hier steht und ich ihn höre, sonst kann ich keine Sekunde ruhig sitzen“, wehre ich mich gegen ihren Vorwurf.

Sie nickt und lächelt wieder. Natürlich hat sie schon bemerkt, dass ich mir was mein Kind betrifft nicht viel sagen lasse. Eigentlich hab ich mir nie viel sagen lassen. Egal worum es ging. Darum bin ich auch ziemlich oft an die Wand gefahren in den letzten Jahren, aber bei Maxi will ich einfach alles richtig machen. Er ist mein Lebensmittelpunkt und ich würde einfach alles für ihn tun. Ich atme durch und lehne mich zurück. Unsere Wohnung in München war im Vergleich zum Lorenzhof eine Schuhschachtel. Küche, Badezimmer, Wohnzimmer und ein kleines Schlafzimmer. Für Maxi und mich hat es gereicht. Sie war klein, aber dennoch unglaublich teuer. Die Mietpreise in München sind Wucher. Doch darum bin ich nicht wieder hier. Ich habe schon lange überlegt wieder nach Hause zu kommen. Meine Stelle bei einem Fernsehsender als Stylistin war der Wahnsinn, herausfordernd und auch gut bezahlt, aber ich hatte einfach zu wenig Zeit für Maxi. Zwar hat sich meine Tante Elfi aufopfernd um ihn gekümmert wenn ich gearbeitet habe, trotzdem hatte ich immer ein schlechtes Gewissen. Außerdem wollte ich, dass mein Kind nicht in der Stadt aufwächst, auch wenn München ein Dorf ist. So wie in der Steiermark ist es nicht. Hier kann er einfach hinauslaufen und sich frei bewegen. Rundherum nur grüne Wiesen, viele Tiere und gute Luft. Wir haben zwar selbst am Hof keine Tiere, außer ein paar Hühnern und die Katzen Minka und Petzi, aber auf der angrenzenden Weide stehen die Schafe vom Nachbarn und etwas weiter, etwa fünf Minuten zu Fuß, gibt es eine Pferdekoppel. Wir müssen jetzt jeden Tag einen großen Spaziergang machen und alle Tiere besuchen. Das macht mich zufrieden. Glücklich und zufrieden. Zu sehen wie gut ihm das alles hier tut. Endlich habe ich mehr Zeit für ihn. Kein schlechtes Gewissen. Jetzt ist es nur noch wichtig Freunde in seinem Alter zu finden, doch ich bin mir sicher wenn er im Herbst in den Pfarrkindergarten kommt, wird sich das von selbst erledigen. Keine Ahnung ob ich zurückgekommen wäre wenn meine Tante Elfi nicht so plötzlich einem Schlaganfall erlegen wäre. Es war ein Schock für mich. Doch für Maxi war es noch schlimmer. Elfi war wie eine Oma für ihn. Er hat sie geliebt. Als ich vor sechs Jahren nach München kam hat sie mich ganz selbstverständlich aufgenommen, ohne Wenn und Aber. Keine blöden Fragen. Keine Vorwürfe. Kein Besserwissen. Sie war immer da. Egal ob ich länger arbeiten musste, überraschend für eine Kollegin eingesprungen bin, oder einfach ein Date hatte. Dates kamen jedoch selten vor. In meinem Leben gibt es nur einen Mann. Maxi. Das fanden die meisten Typen nicht so prickelnd, die wollten immer an erster Stelle stehen, doch die ist in meinem Herz fix besetzt. Ich nehme noch einen großen Schluck Kaffee, als sich die Küchentüre öffnet. Leopold steht in der Tür mit Maxi im Arm, der mich verschmitzt angrinst.

„Schau mal wen ich im Treppenhaus getroffen habe“, grinst mein Bruder und lässt Maxi herunter.

„Hey…bist du schon wach? Ich hab gar nichts gehört…“ Ich sehe verwundert auf das Babyfon.

Er tapst in seinem Dinopyjama auf mich zu und krabbelt auf meinen Schoß. Schnell schmiegt er sich an mich und ich vergrabe meine Nase wie gewohnt in seinen Haaren. Das könnte ich den ganzen Tag lang tun, ich muss aufpassen ihn nicht aufzufressen, so sehr liebe ich ihn.

„Guten Morgen mein Bärchen. Ausgeschlafen?“

Als auch noch mein Vater die Küche betritt, nickt er schüchtern. Zu viele Leute. Definitiv.

„Geh Resi, der Maxi ist doch kein Bärchen, sondern wenn schon, dann ein mutiger Bärenfänger, nicht wahr?“

Leopold wuschelt durch Maxis Haare, der sofort laut auflacht. Er mag meinen Bruder, das finde ich gut. Bislang gab es nur mich und Tante Elfi in seinem Leben. Ich schätze so ein bisschen männlicher Erziehungsanteil könnte nicht schaden. Das dürfte in diesem Haus kein Problem sein, mein Vater war immer ziemlich autoritär, gut dass ich in Maxis Fall das Sagen und auch das letzte Wort habe.

„Also dafür, dass du Frisörin bist, schaut dein Junior ziemlich zerzaust aus.“ Mein Vater zieht die Augenbrauen hoch, aber er lächelt.

Ich begutachte den Wuschelkopf. Ja, vielleicht hat er Recht. Ein bisschen Kontur könnte der Frisur nicht schaden.

„Was meinst du Maxi, machen wir dem Opa eine Freude und schneiden deine Haare nachher ein bisschen?“

„Ja Mama…“, murmelt er. „Ich hab Hunger.“

„Na das können wir schnell ändern“, lacht meine Mutter auf.

Nach dem Frühstück will Maxi unbedingt mit Leopold am Traktor mitfahren. Keine Ahnung warum, ich bin mindestens tausend Mal am Traktor mitgefahren, irgendwie fühle ich mich unbehaglich dabei. Vielleicht klammere ich wirklich zu viel. Ich versuche mir meine Sorge nicht anmerken zu lassen. Ihm scheint es jedenfalls riesigen Spaß zu machen.

„Ich muss mir die Reben am Südhang anschauen, keine Sorge, ich passe schon gut auf dein Bärchen auf“, beruhigt mich mein Bruder und fährt von dannen.

Mit einem komischen Gefühl des Verlassen seins, auch wenn es nur für eine Stunde ist, sehe ich den beiden nach.

Ich helfe Mama im Haus, ich hab vergessen wie viel es hier immer zu tun gibt. Vielleicht werde ich heute Abend einmal müde genug sein, um ordentlich schlafen zu können.

„Mei Resi, kannst du bitte zur Apotheke fahren, die Blutdrucktabletten von deinem Vater sind leer, die braucht er aber ganz dringend“, fällt Mama während dem Betten machen ein.

„Ja sicher, ich fahre gleich, brauchst du sonst noch etwas?“

„Nein, sonst haben wir alles.“

Ich stehe vor dem Spiegel und drehe meine Haare zu einem Knoten hoch. Auch meinen Haaren würde ein wenig Pflege guttun. Wenn ich schon in den Ort fahre, werde ich gleich bei Sabine vorbei schauen und einen Termin ausmachen. Ich habe in ihrem Salon gelernt. Sie war eine tolle Chefin, alles was ich kann hat sie mir beigebracht und in München war man mit meinen Künsten sehr zufrieden. Ich fahre den Weg ins Dorf entlang. Ich bin schon unzählige Male diese Strecke gefahren und doch ist es seltsam wieder hier zu sein. Im Salon von Sabine ist heute nicht besonders viel los. Sie hat schon gehört, dass ich wieder zurück bin und freut sich sichtlich darüber. Übermorgen hat sie noch einen Termin für mich frei. Fullservice sozusagen. Ich lasse das Auto gleich am Parkplatz vor dem Frisörsalon stehen und gehe die paar Meter zur Apotheke zu Fuß. Ich liebe unseren Ort. Alles ist so beschaulich, romantisch, fast kitschig. Vor vielen Geschäften stehen Blumen, es ist so einladend und liebevoll. In der Apotheke besorge ich die Tabletten für meinen Vater und gleich ein pflanzliches Mittel, dass mir etwas mehr Ruhe verschaffen sollte. Das ich nicht schlafen kann macht mich ziemlich fertig. Dann denke ich über Dinge nach, die mich noch weniger zur Ruhe kommen lassen.

„Wenn sich das nicht legt, müssen Sie aber bitte zum Arzt gehen“, klärt mich die Apothekerin auf.

„Ja, sicher. War alles ein bisschen viel in der letzten Zeit, ich bin zuversichtlich, dass es mir bald wieder besser geht“, entgegne ich.

Sie nickt, packt alles in eine Papiertüte und kassiert. Bevor ich die Apotheke verlasse, spricht mich noch Frau Binder an, ich hab ihr früher immer die Haare gemacht. Sie redet wahnsinnig viel, aber sie ist nett. Irgendwie schaffe ich es dennoch mich loszureißen. Wir halten den ganzen Betrieb auf, hinter uns warten noch andere Leute.

„Teresa?“

Ich sehe auf. Kurz bleibt mir die Luft weg. Ein ganz eigenartiges Gefühl steigt in mir hoch. Es gibt nur einen Menschen der mich Teresa nennt.

„Hallo“, stammle ich und sehe direkt in seine Augen.

Ich habe das Gefühl mein Herz schlägt auf einmal rückwärts, alles um mich herum scheint zu verstummen.

„Hallo…Wow…wir haben uns lange nicht mehr gesehen“, sagt er leise, fast nachdenklich.

Ich nicke. Was ich sagen soll weiß ich nicht, dafür spricht er weiter.

„Du hast dich gar nicht verändert.“

Na ja… außer dass ich um sechs Jahre älter geworden bin, hab ich mich wahrscheinlich wirklich nicht viel verändert. Meine Haare sind immer noch dunkelblond mit hellen Strähnen, so wie früher. Sie sind zwar mal kürzer, mal länger, im Moment länger, aber die großen optischen Veränderungen wie das sonst bei Frisörinnen üblich ist, habe ich nie durchgemacht. Ich verändere lieber meine Modelle und bleibe selbst im Hintergrund. Immer noch perplex sehe ich ihn an. Ich schaue weiterhin direkt in seine dunklen Augen. Er hat sich allerdings ein wenig verändert. Ich würde sagen, er ist erwachsen geworden, männlicher könnte man sagen.

„Geht es dir gut?“, frage ich ihn, weil mir sonst einfach nichts einfällt und die Stille zwischen uns unerträglich ist, dabei versuche ich zu lächeln.

„Ja, Danke.“

„Bist du gar nicht auf irgendeiner Meisterschaft oder so?“

Er schüttelt den Kopf. „Ich bin verletzt.“

„Echt?“, frage ich ungläubig. Ich kann nichts erkennen. „Als Schwimmer kann man sich verletzten?“

„Schwimmerknie.“

„Aha“, sage ich, auch wenn ich nicht weiß, was das für eine Verletzung ist.

„Du bist dran“, füge ich noch hinzu, er ist der nächste in der Warteschlange, worüber ich ziemlich froh bin. Ich weiß nämlich nicht mehr was ich sagen soll.

Er schaut zur Apothekerin, dann zu mir.

„Ich muss jetzt auch los. War schön dich zu treffen“, sage ich schnell um die Situation nicht unnötig in die Länge zu ziehen.

„Ja finde ich auch“, entgegnet er und lächelt ein bisschen.

Ich habe zwar das Gefühl er will noch etwas sagen, aber ohne ein weiteres Wort verlasse ich fast fluchtartig die Apotheke. Völlig neben der Spur haste ich zum Auto. So schnell bin ich noch nie aus dem Ort hinaus gefahren. Keine Ahnung warum. Es ist lange her. Es ist vorbei. Mein Herz klopft, nein es rast und meine Hände schwitzen. An der langen Geraden die zu unserem Hof führt bleibe ich an einer Lichtung stehen. Ich löse den Sicherheitsgurt schnell, denn ich habe das Gefühl darunter gleich zu ersticken, ich öffne das Fenster, schließe meine Augen und atme tief durch. Markus Strasser. Ich war mir sicher ihn hier nicht so schnell wieder zu sehen, aber ich hätte damit rechnen müssen. Langsam normalisiert sich mein Puls wieder. Darauf war ich nicht vorbereitet. Markus…Ein kurzes Lächeln huscht über meine Lippen. Selbst wenn ich es wollte, ich schaffe es nicht die Gedanken an unsere erste Begegnung beiseite zu schieben.

Es war an einem Freitag im Juli vor sechs Jahren. Ich half meinen Eltern am Stand beim großen Weinfest im Ort. Es war unglaublich viel los, das Wetter schien perfekt und der Wein schmecke in diesem Jahr ausgezeichnet. Dementsprechend viele Gäste tummelten sich um die Stände herum. Es nervte mich total, dass ich mich nach der Arbeit im Salon noch in den Trachtenrock zwängen musste, um am Stand mitzuhelfen. Meine Laune war im Keller. Am liebsten hätte ich mich gedrückt, aber ohne meine Hilfe war es nicht zu schaffen. Zu allem Übel versammelte sich kurz vor Mitternacht, gerade als wir mit dem Abbauen begannen, eine Runde Jungs um den Stand. Es stellte sich heraus, dass es eine Geburtstagsfeier war, die Burschen schienen schon ziemlich angeheitert zu sein. Einige waren sogar so betrunken, dass sie kaum stehen konnten. Trotzdem mussten sie natürlich auch noch den Lorenz Wein ausgiebig kosten. Ich war unglaublich genervt, vor allem weil ich am nächsten Tag arbeiten musste. Einer wollte mich zu allem Übel auch noch begrabschen, da war es mit meiner Geduld am Ende. Ich bin fast ausgerastet. Auf solche blöden Anmachen hatte ich absolut keinen Bock. Ich war erst ein paar Monate getrennt von einem Typen der ein komplettes Arschloch war, für ihn hatte ich meinen langjährigen Freund Anton verlassen. Anton und ich waren fünf Jahre zusammen. Er war mein erster Freund. Wir waren das perfekte Paar, ich glaube meine Eltern hofften, dass wir heiraten. Seine Familie hat einen großen Rinderzuchtbetrieb im Nachbarort, den er inzwischen weiterführt. Eine gute Partie sozusagen. Ja, nach außen waren wir das perfekte Paar, aber irgendwie war unsere Beziehung nicht wirklich so toll. Ich fühlte mich immer ein bisschen bevormundet von ihm. Er ist um vier Jahre älter als ich und ein richtig bodenständiger Bauer. Sein wichtiges und gescheites Getue nervte mich oft. Auch seine Ansichten teilte ich nicht immer, was er mich mit seinen Ansangen spüren ließ, oft auch vor anderen Leuten, was ziemlich demütigend war. Zwischen uns fehlte einfach etwas. Dann kam das Arschloch. Marco Berger. Wenn ich heute daran denke wird mir schlecht. Ich habe mich bei einem Discobesuch in Graz heillos in ihn verliebt, Anton betrogen und mich dann schlussendlich getrennt. Für einen Typen der mir das Leben für ein paar Monate zur Hölle machte. Seine charmante Art legte Marco schnell ab. Mama warnte mich, aber ich wollte es nicht hören und als ich einsah, wie Recht sie doch hatte, konnte ich es schlecht zugeben. Zum Glück habe ich dann doch die Reißleine gezogen. Da war mein Leben aber schon ein ziemlicher Trümmerhaufen und ich steckte in einer Sackgasse fest. Keine Ahnung wie ich das damals überhaupt ausgehalten habe. So war ich also kurz vor meinem vierundzwanzigsten Geburtstag allein und hatte einen Haufen Schulden. Das Arschloch schaffte es nämlich irgendwie mich dazu zu überreden für sein Lokal eine Bürgschaft zu unterschreiben. Als Dank dafür trieb er es regelmäßig mit seinen ständig wechselnden Kellnerinnen auf dem Tresen den ich mühsam abbezahlte. Alles was mir von ihm blieb waren fast dreißigtausend Euro Schulden bei einem monatlichen Frisörgehalt von knapp elfhundert Euro. Es war einer der Tiefpunkte in meinem Leben. Ich habe niemanden von den Schulden erzählt, nicht einmal meinen Eltern, so geschämt habe ich mich. Ich hab sie einfach bezahlt, mir blieb kaum etwas von meinem Gehalt übrig. Auch wenn Anton mir wieder Avancen machte, ich wollte nicht zu ihm zurück, ich fand unsere Zeit war vorbei. Er hätte den Kredit bestimmt bezahlt, aber ich musste das allein schaffen. Ich liebte ihn nicht so wie man einen Mann lieben sollte, und wenn er mir Geld gegeben hätte, wäre alles noch schlimmer geworden. Keine Ahnung wie er über das was ich ihm antat überhaupt hinweg sehen konnte. Aber zurück zum Abend beim Weinfest. Ich erinnere mich, wie ich mich über den Grabscher aufregte und wie die Jungs schmunzelten. Es war fast eine Erleichterung als es unerwartet zu Donnern begann und ein Sturm aufkam. Wir mussten recht schnell alles abbauen. Gerade rechtzeitig bevor es zu schütten begann, waren wir mit dem Einladen fertig. Meine Eltern und Leopold fuhren schon voraus. Ich packte noch die restlichen Gläser in den Pickup, als ich mich unglaublich erschrak, weil mich jemand von der Seite ansprach.

„Ich möchte mich für meinen Freund entschuldigen“, hörte ich eine leise Stimme neben mir.

Ich weiß noch, dass ich richtig zusammengezuckt bin vor Schreck. Ein junger, dunkelhaariger und vor allem ziemlich sportlicher Typ, einer von den Jungs von vorhin, sah mich beschämt an. Er war mir gar nicht richtig aufgefallen, weil er sich als einziger nicht so unmöglich benahm.

„Schon gut. Du musst dich nicht für deinen Idioten Freund entschuldigen“, sagte ich ohne ihn richtig anzusehen und klappte den Kofferraum zu. Ich hatte einfach genug und wollte nur noch nach Hause.

„Doch. So behandelt man keine Frau. Tut mir leid.“

„Noch einmal. Du kannst nichts dafür.“

Jetzt sah ich ihn an. Er schaute nicht besonders glücklich drein. Plötzlich fielen riesige fette Tropfen und der Wind nahm zu. Ich ließ den Burschen stehen, sprang ins Auto und fuhr los. Nach ein paar Metern schaute ich in den Rückspiegel und sah wie er im Regen mit gesenktem Kopf los trottete. Seufzend legte ich den Retourgang ein. Keine Ahnung warum, ich glaube ich machte mir Sorgen, es könnte ihn der Blitz erschlagen. Neben ihm stehen bleibend, drehte ich die Scheibe hinunter.

„Steig ein, du wirst ganz nass, ich nehme dich mit.“

Ich erinnere mich noch genau an seinen Blick. Überrascht, verwundert, vielleicht aber auch erschrocken, auf jeden Fall rechnete er nicht damit, so viel war klar.

„Komm schon, steig ein“, wiederholte ich, was er dann auch tat.

„Du bist ja schon ganz nass. Wo musst du denn hin?“, fragte ich ihn, er schaute mich nicht an und wirkte ziemlich schüchtern.

Er wischte sich über die nassen Arme, dann strich er mit einer Hand durch die feuchten Haare.

„Ich mache alles ganz nass“, sagte er fast entschuldigend.

„Macht nichts“, beruhigte ich ihn. „Ist nur Wasser.“

Er lächelte dankbar und immer noch schüchtern.

„Kennst du das Ferienhaus beim Badesee?“, meinte er.

Ich nickte. Das Ferienhaus am Badesee. Ich wusste, dass dort eine Grazer Familie die Wochenenden im Sommer verbrachte. Gesehen hatte ich sie aber noch nie. Ich fuhr los und fragte mich, warum ich ihn überhaupt mitnahm um kam zum Schluss, dass es meine grenzenlose Nächstenliebe sein musste.

„Wo sind deine Freunde?“, fiel mir plötzlich ein.

„Keine Ahnung, noch in irgendein Lokal im Dorf.“

Wieder sah er mich nicht an, sondern schaute aus dem Fenster. Besonders gesprächig war er nicht, es war mir aber egal, ich wollte einfach nur nach Hause. Raus aus den Klamotten unter die Dusche und ins Bett. Kurz bevor die Straße zum Ferienhaus anstieg, schaute ich noch einmal zu ihm. Sein Blick hing an meinen Beinen. Gut, mein Rock war auch wirklich gefährlich kurz, das Ding war mir um eine Nummer zu klein und im Sitzen rutschte er weit über meine Oberschenkel hinauf, aber für einen neuen Rock hatte ich einfach kein Geld. Als er bemerkte, dass ich ihn ertappte, drehte er sich schnell wieder weg. Er wurde ziemlich rot und ich versuchte den Rock mit einer Hand ein bisschen hinunter zu ziehen. Es war eine befremdliche Situation, nicht nur für mich wie es schien, aber auch irgendwie komisch. Ich drehte das Autoradio ein bisschen lauter und hoffte damit auf Ablenkung. Ich glaube ich werde den Song nie vergessen. „The boys of summer“, zwar ein uraltes Lied, aber cool und ironischerweise sogar passend.

„Das Lied ist echt mega…“, meinte ich beiläufig.

Er nickte mich kaum ansehend.

„Wie heißt du eigentlich?“, fragte ich dann um die angespannte Situation aufzulockern, seine Wangen waren immer noch rötlich gefärbt.

„Markus. Markus Strasser.“

„Ah.“ Ich lächelte ihn an, was er schüchtern erwiderte. „Resi Lorenz.“

„Resi? Echt?“ Er machte große Augen.

„Ja? Wieso…stimmt etwas nicht?“, entgegnete ich verwundert über seine Reaktion.

„Du schaust nicht aus wie eine Resi.“ Er schmunzelte. „Eine Resi trägt eine Kittelschürze und ein Kopftuch.“

Ich musste laut lachen, das sagte noch nie jemand zu mir. Alle nannten mich immer Resi. Meine Eltern, meine Freunde und meine Lehrer. Einfach alle.

„Wie du siehst, keine Kittelschürze, kein Kopftuch. Ich heiße eigentlich Teresa.“

Er neigte seinen Kopf zur Seite, fast als denke er kurz darüber nach.

„Ja…Teresa passt viel besser“, stellte er fest.

„Wenn du meinst“, entgegnete ich mit den Schultern zuckend.

Wir kamen zum Haus, ich blieb in der Einfahrt stehen. Der Regen prasselte unbarmherzig auf die Windschutzscheibe, sodass die Wischerblätter kaum der Wassermenge standhielten.

„Danke fürs Herbringen Teresa.“

Noch einmal lächelte er mich an und ich musterte ihn ungewollt.

„Gerne.“

Er stieg aus und drehte sich noch einmal um bevor ich wegfuhr. Ich erinnere mich an sein Lächeln. Es war irgendwie schüchtern, oder verwegen. Keine Ahnung.

Ein Hupen reißt mich aus meinen Gedanken. Leopold bleibt mit dem Traktor neben mir stehen.

„Was machst du denn mitten auf der Straße? Geht es dir nicht gut?“, fragt er mit besorgtem Blick.

„Nein, nein…alles ok.“ Ich sehe zu Maxi. Er strahlt von einer Wange zur anderen. „Hattet ihr Spaß?“

Leopold nickt und meint ich soll voraus fahren, was ich auch tue. Auf dem Nachhauseweg ordne ich meine Gedanken wieder. Markus. Ich war mir sicher ihn nicht wieder zu sehen. Nicht heute.

Kapitel 3

Gestern hab ich den ganzen Tag im Weingarten geholfen, heute tut mir alles weh. Ich bin die harte Arbeit am steilen Berg einfach nicht mehr gewohnt. Die Begegnung mit Markus habe ich inzwischen zwar fast verdaut, aber dieses kurze Wiedersehen war nicht gerade förderlich um meine Schlaflosigkeit zu bekämpfen. Im Gegenteil. Mir gehen so viele Dinge durch den Kopf. Ich bin auf dem Weg zu meinem Frisörtermin und freue mich auf mindestens zwei Stunden Smalltalk mit Sabine. Eine positive Ablenkung. Ich habe sie so lange nicht gesehen und wenn ich ehrlich bin, vermisse ich unsere Gespräche von früher ziemlich oft. Meine Eltern sind heute mit Maxi unterwegs. Sie haben ein volles Programm. Graz und McDonalds, außerdem schauen sie sich irgendeinen Motorik Park an. Ich glaube sie wollen die versäumte Zeit mit ihrem Enkel nachholen. Auch wenn ich mich nur schwer von Maxi löse finde ich es gut, dass sie gemeinsam unterwegs sind. Er wird von Tag zu Tag aufgeschlossener und scheint sich hier wohl zu fühlen. Mama meinte ich muss einmal ein paar Stunden loslassen und für mich selbst sein. Sie hat wie immer Recht, auch wenn ich es wie immer nicht zugeben kann. Sabine umarmt mich freudestrahlend als ich ihren Salon betrete. Viel hat sich nicht verändert in den vergangenen sechs Jahren. Es fühlt sich ein bisschen wehmütig an, ich habe immer gerne hier gearbeitet. Sie war eine tolle Ausbildnerin und außerdem eine gute Freundin bei dir ich immer mein Herz ausschütten durfte. Sie schaut sich meine Haare an und verdreht die Augen.

„Na das wird aber höchste Zeit meine Liebe…“, murmelt sie. „Fünf Zentimeter. Mindestens. Und neue Strähnen.“

„Ja…mach einfach. Ich vertraue dir.“

Während dem Auftragen der Strähnen tratschen wir über alles Mögliche, ich habe sie vermisst, diese unkomplizierte, steirische Art. Die Deutschen sind anders. Auch wenn die Münchner ja keine richtigen Deutschen sind. Inzwischen die Strähnen einwirken, wäscht und föhnt Sabine einer älteren Dame die Haare. Ich blättere kurz in meiner Illustrierten, bevor ich unwillkürlich wieder an Markus denken muss. Er geht mir einfach nicht aus dem Sinn. Ich blicke auf den Firsörstuhl neben mir. Am Samstag nach dem Weinfest sah ich ihn wieder. Sofort bin ich wieder in Gedanken dort.

Es war wenig los für einen Samstag, es schien, als wäre der ganze Ort nach dem Weinfest noch im Tiefschlaf. Darum kehrte ich vor dem Laden die Blätter, welche das nächtliche Gewitter herumgewirbelt hatte, zusammen. Gerade als ich im Abstellraum wieder alles verstaut hatte und zurück nach vorne in den Laden ging, öffnete sich die Tür. Da stand er und lächelte mich an. Mit zwei Papiersackerln vom Bäcker gegenüber in der Hand. Wieder ein bisschen schüchtern. Sabine sprach in gleich in gewohnt forscher Manier an, ob er einen Termin habe.

Mit hilflosem Blick sah er zu mir.

„Ich mach das schon…“, sagte ich zu ihr, Sabine sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.

Er jedoch schaute erleichtert aus, vermutlich weil ich Sabine gleich ablöste.

„Hallo. Kommst du zum Haareschneiden?“, fragte ich ihn.

Sofort wurde er wieder ein bisschen rot.

„Ähhhm… Hallo… Also ja… Haareschneiden… Ok…“

Er stammelte etwas daher, was ich ignorierte, ich wies ihm einfach nur den Platz zu und er setzte sich auch gleich hin. Ich holte den Frisierumhang und tat ganz professionell, auch wenn ich komisch nervös war, was ich zu unterdrücken versuchte.

„Und? Was machen wir denn?“, fragte ich immer noch sehr professionell.

Er sah mich groß an und ich nahm ihm das Antworten ab.

„Konturen, oben kürzer?“

„Nicht zu kurz bitte.“

Ich nickte und zog meinen Frisierwagen an meine Seite. Dann strich ich mit den Händen durch seine dunkelbraunen Haare hinunter über den Nacken bis zu seinen Schultern. Eigentlich machte ich das immer so um mir ein Bild von der Haarqualität zu verschaffen, doch diesmal fühlte es sich anders an. Anders als alles andere. Seine Haare waren dicht, aber weich, sein Nacken und die Schultern muskulös. Unser Blick traf sich kurz im Spiegel. Er hatte für einen Mann eine unglaublich schöne Haut, die dunklen Augen, die fast durchdringend schienen fielen mir schon gestern Abend auf. Ich atmete ein und hielt kurz die Luft an. So eine schöne Haut…für einen jungen Burschen wirklich ungewöhnlich. Verlegen löste ich mich von seinen Schultern, wo meine Hände immer noch wie magnetisch hängen blieben. Irgendwie musste ich mich wieder einkriegen.

„Waschen auch?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Ok, mache ich nach dem Schneiden.“

Dann fing ich an. Es fühlte sich wie eine Prüfung an, so nervös war ich. Darum musste ich schnell ein Gespräch anfangen um die Stille zu brechen.

„Woher weißt du, dass ich hier arbeite?“

„Wusste ich nicht. Ich hab dich vom Bäcker gegenüber gesehen, als du die Straße gefegt hast.“

Das brachte mich zum Lächeln. Er ist echt wegen mir hier herüber gekommen.

„Ah… Frühstück für deine Freunde?“

Er nickte. Er schien mir sehr wortkarg zu sein.

„Macht ihr Urlaub hier? Du und deine Freunde?“

„Nein, die fahren heute wieder zurück nach Graz.“ Er wurde ein bisschen rot. „Nochmal Entschuldigung wegen gestern, sie haben dich schlecht behandelt.“

„Das habe ich schon vergessen. Alles gut. Darüber müssen wir wirklich nicht mehr sprechen. Und du? Hast du Urlaub, oder Ferien?“

„Ich bin gerade mit dem Bundesheer fertig geworden.“

Mit dem Bundesheer fertig geworden. Er ist echt noch jünger, als ich vermutete. Vielleicht zwanzig?

„Und jetzt?“, fuhr ich fort.

„Ich fange im Herbst an Sportwissenschaften zu studieren. Keine Ahnung wie das klappen wird“, seufzte er.

„Warum?“, fragte ich neugierig nach.

„Ich bin Leistungsschwimmer.“

Leistungsschwimmer also. Ich war beeindruckt. Darum die muskulösen Schultern. Er erzählte mir, dass er viel unterwegs ist und scheinbar auch relativ gute Platzierungen erzielte. Beim Waschen der Haare redeten wir dann wieder nicht. Ich war froh darüber und ich hätte ewig weiter schamponieren können. Er schloss seine Augen und einmal als ich sanft den Schaum von seinen Schläfen nahm, bemerkte ich sein tiefes Einatmen. Das fuhr durch meinen Körper wie ein Stromschlag, wieder versuchte ich mich zu sammeln. Ich wasche täglich dutzenden Kunden die Haare und noch nie war das so ungewöhnlich wie an diesem Tag. Irgendwie war ich dann doch froh als ich fertig war, oder auch nicht, ich weiß es nicht mehr. Der Schnitt war mir auf jeden Fall gut gelungen und er zufrieden. Nachdem er bezahlte ging er wieder und ich sah ihm nachdenklich hinterher, bis mich Sabine zurück in die Realität holte.

„Wer ist denn der Bursche?“, schmunzelte sie.

„Keine Ahnung. Wohnt im Ferienhaus beim Badesee“, entgegnete ich abwesend und begann die Haare am Boden zusammen zu fegen, als sich die Türe wieder öffnete. Wieder stand er da. Erneut verlegen.

„Was vergessen?“, fragte ihn Sabine, wieder recht forsch.

„Ja…“, er kam auf mich zu und drückte mir eine Papiertüte vom Bäcker in die Hand. „Frühstück für dich.“

Ich grinste bestimmt wie eine Irre. Gott er war so süß.

„Oh Danke.“

Er zappelte etwas nervös herum. „Gehst du heute Abend etwas mit mir trinken?“

Mir fiel die Kinnlade hinunter. Damit rechnete ich absolut nicht. Er sah mich abwartend an, diese Frage kostete ihn ziemliche Überwindung, das merkte ich. Kurz überlegte ich, aber ich konnte einfach nicht nein sagen.

„Ja gerne“, lächelte ich ihn etwas verlegen an.

Dieses spontane „ja gerne“ überraschte ihn glaube ich. Ein erleichtertes Lächeln entkam ihm.

„Super. Wo treffen wir uns?“, fragte er schnell, fast als hätte er Angst ich überlege es mir anders.

„Vor dem Juwelier da drüben? Vielleicht so um acht?“

Er nickte euphorisch und ich freute mich. Ja ich freute mich. Auch wenn ich versuchte der Sache nicht so viel Bedeutung zu schenken. Er war einfach zu jung für mich, oder ich zu alt für ihn. Wie auch immer. Es machte ihm sichtlich eine Freude, dass ich einverstanden war. Nur ein Getränk, das fand ich auf jeden Fall ok. Als er wieder ging, öffnete ich das Bäckersackerl. Wieder durchfuhr mich dieser komische Schlag. Ich zog ein Mürbteigherz, gefüllt mit Ribiselmarmelade heraus. Ahhh…wie süß. Nebenbei mochte ich dieses Herz total gerne, ich kaufte es mir auch schon öfter selbst, aber es von einem jungen Mann zu bekommen, ich schwärmte ein bisschen für mich selbst. Der restliche Arbeitstag verlief fast beschwingt würde ich heute sagen.

„So zum Abwaschen Resi bitte.“

Sabine holt mich zurück in die Gegenwart. Ich stehe auf und gehe zum Waschbecken. Knapp eine Stunde später bin ich fertig. Tip top neu gestylt. Wie immer perfekt. Meine Haare fallen sanft in Wellen über meine Schultern. Ich fühle mich seit Wochen wieder einmal richtig wohl in meiner Haut. Nachdem ich zu Hause eine Kleinigkeit für Leopold und mich gekocht habe, bügle ich den Wäscheberg weg. Mama freut sich bestimmt darüber. Zwei Leute mehr im Haushalt machen natürlich auch Arbeit. Vor allem wenn ein Kind dabei ist, Maxi wirbelt den ganzen Tag draußen herum und sieht immer dementsprechend paniert aus. Er genießt es im Freien spielen zu dürfen und raus zu können wann er will. Damit Mama nicht so viel Arbeit mit uns hat, helfe ich ihr wo es geht. Solange ich noch nicht weiß wie es arbeitsmäßig bei mir weiter geht, ist es das Mindeste was ich tun kann. Sabine hat mir zwar angeboten ich könne jederzeit wieder bei ihr anfangen, aber ich weiß nicht ob ich das will. Ich denke ich brauche noch Zeit. Wieder schweifen meine Gedanken beim Bügeln der Wäschestücke an jenen Samstagabend als ich mich mit Markus traf zurück. Mein Herz zieht sich etwas zusammen.

Ich machte mich besonders hübsch, wenn ich schon älter als er war, dann sollte ich zumindest möglichst unwiderstehlich aussehen, auch wenn ich kurz vorm Juwelier fast einen Rückzieher machte. Ich wollte schon wieder umdrehen und nach Hause, weil ich mir ziemlich blöd vorkam. In meinem kurzen dunkelblauen Kleid aus filigraner Lochspitze und den passenden Keilsandeln sah ich zumindest richtig gut aus. Es war das einzige richtig schöne Kleid das ich besaß und Geld für ein neues hatte ich ja nicht. Sogar meine Haare waren perfekt. Trotzdem wollte ich schon umdrehen. Wo sollte das denn hinführen? Doch da stand er und wartete auf mich. Ich musterte ihn. Seine Frisur war mir wirklich gut gelungen, aber bei so einem gutaussenden Burschen kann man auch nicht viel verhauen. Kurz bekam ich Zweifel. Was wollte er eigentlich von mir? Was wollte ich von ihm? Schnell schob ich meine Gedanken beiseite, als er auch schon auf mich zukam. Wieder wirkte er sehr zurückhaltend auf mich und vielleicht auch ein wenig zappelig.

„Hallo Teresa.“

„Hallo Markus.“

Ich lächelte ihn sehr bestimmt an um ihm zu signalisieren, dass er in meiner Gegenwart nicht schüchtern sein muss und das, obwohl ich selbst seltsam nervös war. Wir gingen zuerst ins örtliche Kaffeehaus und unterhielten und über dies und das. Es stellte sich heraus, dass er neunzehn war. Gott. Neunzehn. Fast fünf Jahre jünger als ich, aber das interessierte ihn absolut nicht, so kam es mir zumindest vor. Er erzählte von seiner Schwimmkarriere, er hat schon beachtliche Wettkämpfe hinter sich. Mit knapp zehn Jahren begann er wettbewerbsmäßig zu schwimmen. Landes- und Staatsmeisterschaften mit durchaus guten Platzierungen. Sein Vater war auch in der Sportbranche tätig, gleich wie seine Mutter, die damals eine amerikanische Schwimmerin in Denver trainierte. Sie war in jungen Jahren ebenfalls Leistungsschwimmerin und gibt ihr Wissen jetzt jungen Talenten weiter. Sein Vater arbeitete aber hauptberuflich im Finanzwesen und coacht Markus nebenbei. Ich war beeindruckt. So jung und schon so viel erlebt. Meine vorangegangenen Zweifel waren plötzlich wie weggefegt.

„Ist das nicht unglaublich anstrengend? Immer das viele Training und du musst doch ganz bestimmt fürchterlich diszipliniert sein?“, frage ich neugierig.

„Ich bin das so gewohnt. Hin und wieder ist es nervig wenn ich viel unterwegs bin“, antworte er und wurde langsam gelöster.

Es schien ihm zu gefallen, dass ich mich für das Schwimmen interessierte. Ich war aber auch wirklich interessiert. Zwei Kaffee später fuhren wir in ein Tanzlokal in den Nachbarort. Er fuhr. Zum Glück war er zum Autofahren schon alt genug. Dort fühlte ich mich gleich viel wohler, unbeobachteter. Ich wollte auf keinen Fall Anton begegnen, auch wenn ich anfangs nicht das Gefühl hatte, es wäre ein Date gewesen. Anton hätte sicher blöde Fragen gestellt, oder Markus angepöbelt. Ich hätte ihm das lupenrein zugetraut. Das wollte ich vermeiden. Ich glaube ich fühlte mich noch unsicherer als er. Darum musste ich meine Nervosität in seiner Gegenwart in den Griff bekommen. Ein paar Mixgetränke halfen mir dabei. Ich konnte Markus überreden auch etwas zu trinken, wir beschlossen kurzerhand später mit dem Taxi zurück zu fahren. So wurde auch er schnell lockerer. Wir tanzten und hatten Spaß. Eine Menge Spaß. Er gefiel mir und ich mochte die Art wie er mit mir umging. Das kannte ich nicht. Heute würde ich sagen wertschätzend und aufmerksam. Seine Blicke machten mich verlegen, auch das kannte ich nicht. Kurz nach Mitternacht verließen wir das Lokal. Einfach so. Es reichte. Ich hatte das Gefühl es knisterte so zwischen uns, dass ich es kaum noch im Raum aushielt. Wenn er mich beim Tanzen berührte, wenn auch sehr diszipliniert würde ich heute sagen, hatte ich das Gefühl Feuer zu fangen. Ich musste raus an die Luft, aber vielleicht wollte ich auch einfach nur mit ihm allein sein. Ich war richtig froh einen tiefen Atemzug an der frischen Luft draußen vor dem Lokal machen zu können. Es war eine laue, sternenklare Sommernacht. Vielleicht war ich durch den Alkohol ein wenig zu locker, aber es fühlte sich herrlich an. Beschwingt, frei, ich musste einmal nicht an meine Probleme denken. Und das Beste, er war da. Immer noch. Damit hatte ich nicht gerechnet, ich dachte die Einladung zum Kaffee wäre nur eine höfliche Geste dafür, dass ich ihn am Vortag nach Hause brachte, aber es schien sich anders zu entwickeln. Wir gingen ein paar Schritte, alles war ruhig, mein Herz klopfte und das verstärkte sich noch, als seine Hand nach meiner griff. Ich wartete darauf und trotzdem fühlte es sich so unreal an. Seine warme zarte Haut an meiner. Ich konnte einfach nicht anders, sonst wäre ich explodiert. Schnell verstärkte ich den Griff meiner Hand und zog ihn an mich, nie vergesse ich seinen Blick nahe an meinem Gesicht. Ich spürte seinen Atem. Er wolle es genauso wie ich. Ja ich wollte ihn. Es war wie ein ausbrechendes Feuer, das nur mit einer Waffe gelöscht werden konnte. Ich griff mit meinen Händen um seinen Hals und zog seine Lippen fordernd an meine. Sofort erwiderte er mein Vorhaben, zuerst sanft, dann innig. Nicht wie ein Neunzehnjähriger, aber das war mir in dem Moment sowieso egal. Nach und nach taute er auf, genau wie ich. Seine Hände wanderten meine Rücken hinunter und stoppten sanft an meinem Hintern. Endlich waren sie dort wo ich es mir schon seit Stunden heimlich wünschte. Mir lief ein warmer Schauer über die Haut. Ich saugte ihn auf, es war atemberaubend. Erst das Licht eines vorbeifahrenden Wagens holte uns zurück. Jetzt war ich verlegen. Ich löste mich und strich fast entschuldigend mein Kleid zurecht. Er sagte nichts, ich auch nicht. Es gab keine Worte die diesen Kuss beschreiben konnten. Auch im Taxi zurück nach Hause sprach er nicht, aber er legte seine Hand auf meinen Oberschenkel. Zart. Sanft. Wieder sah er mich so an und wieder klopfte mein Herz. Irgendwann erlangte ich trotz all dem Gefühlschaos meine Denkfunktion wieder zurück.

„Markus… du bist Neunzehn und ich fast Vierundzwanzig. Das geht nicht. Was wird das…Eine Mutprobe? Das geht doch nicht, das ist nicht vernünftig und….“

Er unterbrach mich. „Ich bin nicht besonders mutig, aber ein bisschen betrunken.“ Seine Hand wanderte ein Stück weiter hoch und wieder dieser Blick. Mir schnürte es den Hals ab, es durchführ mich wie ein Blitz. Seine Hand an dieser Stelle auf meinem Bein zu spüren war unreal und gleichzeitig unglaublich heiß. Ich musste mich sehr zusammenreißen um sachlich zu bleiben.

„Ich wohne dort hinten, Sie müssen die nächste Straße rechts einbiegen“, instruierte ich den Taxifahrer ohne auf seine Worte einzugehen.

„Nein…Warte ich möchte dir etwas zeigen…“, wimmelte Markus ab, plötzlich sehr zielstrebig.

„Was denn?“, fragte ich mit hochgezogenen Augenbrauen.

Er sagte nichts. Irgendwie war er gar nicht mehr schüchtern. Im Gegenteil. Vielleicht doch Mutprobe. Ich wollte kein Teil einer Mutprobe sein, auch wenn die Haut auf meinem Oberschenkel unter seiner Hand glühte. Kurz vor dem Anstieg zu seinem Ferienhaus blieben wir stehen. Er griff wieder nach meiner Hand.

„Sagst du mir jetzt bitte was du vorhast?“, fragte ich noch einmal etwas energischer, während er dem Taxifahrer das Geld in die Hand drückte.

„Da unten ist das Bootshaus vom See. Ich glaube ich habe noch was zu trinken dort. Komm.“

Also stieg ich etwas zögerlich aus und er zog mich hinter sich her. Etwas widerwillig folgte ich ihm. Im See spiegelten sich romantisch die Sterne. Es war ein perfekter Abend. Er war perfekt. Im kleinen Bootshaus war es natürlich stockdunkel, aber als er eine Öllampe anmachte, hüllte das Licht den Raum in ein zartes gelbrot. Er kramte hinter ein paar Kisten, scheinbar erfolglos auf der Suche nach etwas zu trinken.

„Ich mag nichts mehr trinken“, hauchte ich.

Ich fühlte mich komisch. Komisch gut. Als ich ihn so ansah fielen plötzlich alle Zweifel von mir ab. Nein, eigentlich waren mir die Zweifel egal. Da war nur noch er.

Er schaute auf. „Ich glaube die Jungs haben gestern alles ausgetrunken. Sorry.“

„Macht nichts.“

Ich ging auf ihn zu. Mir war heiß, aber auch kalt und ich war nicht fähig klar zu denken. Alles ging wie von selbst, so als wäre ich ferngesteuert. Ich wollte ihn. Jetzt. Ich war so scharf darauf, auch wenn es anders war als alles was ich bis dahin erlebte. Er war anders. Vielleicht wollte ich es genau deshalb so unbedingt. Seine schüchterne liebenswerte und trotzdem fast verwegene Art machte mich unfähig klar und überlegt zu handeln. Wieder küssten wir uns, aber ich gab ihm sofort unmissverständlich zu verstehen, dass ich mehr wollte. Sanft schob ich meine Hände unter sein Shirt und strich seinen Rücken hoch. Seine Haut war sanft und glatt, aber auch fest, auf jeden Fall unwiderstehlich und er roch so gut, wenn ich heute daran denke, bekomme ich sofort wieder eine Gänsehaut.

„Ist das eine Masche?“, fragte ich atemlos.

„Was für eine Masche?“ Er war mindestens ebenso atemlos wie ich.

„Schleppst du die Mädels hierher ab?“

„Nein…eigentlich nicht…“, murmelte er und küsste mich weiter.

„Eigentlich nicht?“

Meine Hände wanderten nach vorne, seine Brust fühlte sich noch besser als erwartet an.

„Ich wollte dich nicht abschleppen…“, hauchte er sanft in mein Ohr.

Dieses Hauchen war das Stichwort. Ich konnte nicht mehr. Alles war mir ganz plötzlich egal. Einfach egal. Ich wolle es jetzt und zwar sofort. Ohne Umschweife. Ohne weitere Worte. Normalerweise war das nicht meine Art, doch an diesem Abend baute sich ein unbeschreibliches Gefühl in mir auf, ich wollte ihn einfach nur spüren, fühlen, eins mit ihm sein. Schnell zog ich ihm sein Shirt über den Kopf. Wenige Minuten später hatten wir Sex auf einer kratzigen Decke in einem alten Holzboot das im Bootshaus lagerte. Nein, es war mehr als Sex. Wir liebten uns mit jeder Faser unserer Körper und es war unbeschreiblich. Ich war wie elektrisiert, von jeder Berührung, von jedem Kuss, von jeder Zärtlichkeit die er mir entgegenbrachte. Es war als hätte ich ihn in mir aufgenommen. Keine Ahnung was er machte und wie er das schaffte, ich war weggebeamt, auf irgendeinem anderen Stern. Mit ihm. Es gab nur uns. Er presste sich fest auf mich und ich vergrub meine Hände in seinen Haaren. Jedes Eindringen, jede seiner rhythmischen Bewegungen trug mich weiter fort, einmal schauten wir uns noch in die Augen, sein Mund war leicht geöffnet, dann konnte ich nicht mehr, ich glaubte zu verbrennen, zu verglühen wie ein heller Stern irgendwo weit draußen am Horizont der schlussendlich irgendwo im Meer versinkt. Ich kann mich erinnern, dass er laut ausatmete, dann vergrub er seine Nase in meinen Haaren und fuhr damit die Linie meiner Schläfen bis zu meinem Hals nach. Es dauerte Minuten bis ich mich wieder gefangen hatte. Erst jetzt bemerkte ich die kratzige Decke und die harten Holzschindeln unter mir. Mein Körper zitterte ein wenig, aber mir war nicht kalt. Ich war mit Anton in einer jahrelangen Beziehung, aber dieses Gefühl das in mir nachhallte, das hatte er nie geschafft. Nein, ich bin mir sicher, nie zuvor hatte ich mich so gefühlt. Kurz überlegte ich, ob das vielleicht mein erster richtiger Orgasmus war. Ja…könnte sein. Nein – es war definitiv so.

„Ist dir kalt?“, fragte Markus leise, seine Nase dich an meinem Ohr, seinen Körper immer noch an meinen gepresst.

Mir war nicht kalt, aber das Zittern konnte ich auch nicht abstellen. Immer noch kribbelte mein ganzer Körper und das geniale, nie zuvor dagewesene Gefühl hallte in mir nach. Er sah auf und lächelte mich an. Seine Wangen waren leicht gerötet, das fand ich süß, ich musste einfach darüber streichen. Unaufgefordert stand er auf, ich bewunderte seine Rückansicht. Wow…so ein knackiger Hintern, schöne lange muskulöse Beine, ich schwärmte für mich selbst. Er zog eine Decke aus einem Schrank und breitete sie über mich. Die war nicht ganz so kratzig wie die unter mir. Dann kuschelte er sich an mich und ich kam langsam wieder zu mir, blieb aber in meinem Glücksmodus. Wir redeten nicht, aber er strich immer wieder sanft mit seinen Fingern über meine Arme und meinen Bauch. Es war nicht nötig zu sprechen. Nichts war zu tun oder zu sagen. Irgendwann ging das Licht der Lampe aus, aber es war nicht dunkel, denn draußen wurde es langsam hell.

„Ich werde jetzt wohl besser nach Hause gehen…“, murmelte ich in seine Schulter und küsste sie sanft.

„Jetzt schon?“, meinte er etwas enttäuscht.

Lächelnd strich ich durch seine Haare. „Ja…es ist doch bestimmt schon nach fünf Uhr, oder?“

Er schaute auf seine Uhr. „Zehn vor fünf.“

Langsam stand ich auf und zog mich an. Ja, ich wäre lieber geblieben. Ja, ich hätte gerne sofort noch einmal mit ihm geschlafen. Doch ich wollte vernünftig sein. Das Richtige tun, auch wenn ich nicht wusste was das Richtige ist. Er begleitete mich querfeldein bis wir nahe meinem Zuhause ankamen. Wieder sprachen wir nicht viel. Ich blieb kurz stehen und nahm seine Hand.

„Ich bin dir nicht böse, wenn es ein One Night Stand war, oder eine Mutprobe.“

Auch wenn ich das so sagte, hatte ich Angst vor der Antwort, denn ich konnte mir nicht vorstellen das Erlebte so schnell vergessen zu können.

Er sah mich verwundert an. „Wie kommst du darauf?“

Schnell zog er mich an sich.

„Das war viel zu gut um es nicht wieder zu tun“, murmelte er und drückte mich fest an sich.

Wieder kribbelte es durch meinem ganzen Körper. Ein gutes Gefühl, die Antwort die die ich mir wünschte zu hören. Ich wollte kein One Night Stand sein, das lag mir nicht und auch für mich fühlte es sich so unwahrscheinlich gut an, dass ich mir mehr wünschte. Viel mehr.

„Mein Vater ist jetzt noch hier, aber er fährt bestimmt am späten Nachmittag zurück nach Graz, weil er montags immer viele Termine hat, aber ich werde hier bleiben. Also wenn du willst, koche ich heute Abend etwas und du könntest eine Flasche Wein mitbringen.“

„Du kannst kochen?“, fragte ich leicht amüsiert.

„Spagetti gehen schon.“

„Musst du nicht zum Training?“

„Ich werde Papa sagen, dass ich am See trainiere und noch ein bisschen Ruhe brauche.“

„Weiß?“, entgegnete ich lächelnd.

„Was weiß?“, fragte er.

„Weißwein ok? Ich mag Schilcher nicht so gern.“

„Ach so. Ja. Perfekt“, entgegne er und schien froh über meine Zustimmung zu sein.

Er nahm mich noch einmal in den Arm und wir küssten uns leidenschaftlich zum Abschied. Den restlichen Weg ging ich allein und das war gut so. Ich musste wieder atmen. Wieder Luft bekommen. Kein One Night Stand. Vielleicht auch keine Mutprobe. Es fühlte sich gut an. Richtig gut.

Kapitel 4

Nachdem ich die Bügelwäsche auch noch verstaut habe, muss ich einfach einmal Mama anrufen. Den ganzen Tag ohne Maxi. Das ist wirklich ein komisches Gefühl. Ich vermisse ihn.

„Hallo Resi, du wir fahren jetzt noch ein Eis essen und dann zu dem Motorik Park. Also vor sieben sind wir sicher nicht zu Hause“, erklärt mir Mama.

„Aha. Ok. Ihr habt ja ein volles Programm. Ist Maxi noch gar nicht müde?“, frage ich besorgt nach.

„Nein, nein, der ist ganz quietschvergnügt. Hör auf dir Sorgen zu machen.“

„Ich mach mir keine Sorgen…“

Mama unterbricht mich.

„Ach Resilein…Unternimm etwas, besuch eine Freundin, geh aus, keine Ahnung. Maxi geht es gut. Mach einfach mal etwas für dich.“

Seufzend lege ich auf und sehe aus dem Fenster. Etwas für mich machen. Heute ist ein richtig schöner Tag. Vielleicht sollte ich wirklich ein bisschen raus gehen. Frische Luft und Sonne tanken, das kann mir nicht schaden. Ich ziehe mich um und schlüpfe in meine Turnschuhe. Vor dem Haus überlege ich kurz, dann gehe ich los. Einfach irgendwo hin. Durch den schattigen Waldweg bis zum Wanderweg am Bach, der wiederum in ein Waldstück führt. Es ist ruhig und angenehm kühl im Wald. An den Lichtungen fühlt sich die Sonne wohlig warm auf meiner Haut an. Ich versuche nicht mehr an Markus zu denken, was sich als unmöglich erweist. Warum ist er hier? Ist er überhaupt noch hier? Verletzt? Schwimmerknie? In den letzten sechs Jahren habe ich seine Karriere hin und wieder verfolgt. Er war weltweit unterwegs und ist einer der Besten in Österreich. Er hat sein Ziel erfolgreich zu sein also durchgezogen, ob er das mit dem Studium nebenbei auch noch geschafft hat weiß ich nicht. Erfolgreich. Ich bin immer noch die stinknormale, einfache Frisörin. Besonders viel Außergewöhnliches ist mir nicht gelungen in den vergangenen Jahren. Obwohl, das stimmt nicht. Maxi. Er ist außerordentlich gut gelungen. Er macht mein Leben perfekt. Alles andere ist seit seiner Geburt weit in den Hintergrund getreten. Es gibt nur ihn und mich. Hätte ich mir nie gedacht einmal eine gute Mutter zu sein. Ich bleibe stehen und atme tief durch. Keine Ahnung ob ich wirklich hier her wollte, oder ob mich meine Füße einfach so hierher gebracht haben. Einige Augenblicke stehe ich nur so da. Das kleine Badehaus vom Schwimmsee eingebettet in der grünen Wiese am Ufer des Sees direkt vor mir. Ich weiß nicht ob es sich gut anfühlt oder einfach nur wehmütig. Ich gehe weiter. Ich streiche über die alten dunkelbraunen Holzbalken des Badehauses. Hier hat sich in den letzten Jahren nichts verändert. Vorsichtig öffne ich die schwere Holztür, die überraschender Weise offen ist und werfe einen Blick hinein. Das schwere Gefühl der Erinnerung an eine unglaubliche Nacht durchströmt mich und bleibt irgendwo in meinem Innersten hängen. Ich schließe kurz meine Augen und atme tief durch. Nach einigen Minuten beschließe ich Vergangenes auch Vergangenes sein zu lassen und gehe wieder nach draußen zum See. Das Wasser schwabbt gemächlich ans Ufer. Ich ziehe meine Schuhe und Socken aus und taste vorsichtig mit dem großen Zeh von meinem rechten Fuß die Wassertemperatur. Na ja.. nicht gerade gemütlich, aber erfrischend. Also tauche ich zuerst den rechten, dann den linken Fuß bis zum Knöchel in das glasklare Wasser. Zuerst ist es kalt, aber bald schon fühlt es sich ganz angenehm an. Ich schließe meine Augen, recke mein Gesicht in die Luft und lasse mir die Sonne darauf scheinen. Herrlich. Wirklich herrlich. Ich denke daran wie ich mich an dem Sonntag nach der unglaublichen ersten Nacht mit Markus fühlte. Von wegen Vergangenes, ich kann mich einfach nicht von den Erinnerungen lösen, hier schon gar nicht. Mir fällt wieder ein, dass ich unglaublich zufrieden war. Irgendwie geerdet. Das Wetter schlug im Laufe des Tages um und so lag ich am Nachmittag auf meinem Bett und dachte an ihn, während der Regen an die Scheibe in meinem Zimmer prasselte. Ich konnte es nicht abstellen. Immer und immer wieder kamen mir seinen Berührungen in den Sinn. Kurz nach sechzehn Uhr bekam ich dann eine SMS.

18.00 Uhr? Vergiss den Wein nicht…

Es wäre gelogen zu sagen ich hätte nicht schon auf eine Nachricht von ihm gewartet und da war sie nun. Nur ein paar Worte und doch so viel mehr. Ich borgte mir den Wagen meiner Mutter. Es war kein Kleidwetter, also mussten es Jeans und eine süße Bluse tun und weil ich hohe Schuhe nicht so mag, fand ich meine pinken Ballerinas perfekt dazu passend. In hohen Schuhen fühle ich mich wie ein Storch. Ich bin ohnehin schon eins siebzig groß. So stellte ich kurz vor sechs, bewaffnet mit einer Flasche von unserem besten Muskateller, den Motor direkt vor dem Ferienhaus der Familie Strasser ab. Kaum legte ich den Sicherheitsgurt ab, da stand Markus schon mit einem großen Schirm neben dem Wagen und öffnete mir die Tür.

„Hi, du bist ja ein Gentleman….“, begrüßte ich ihn.

„Es schüttet wie irre, nicht dass du noch nass wirst.“

Er lächelte und wirkte irgendwie gelöst. Ich schmiegte mich unterm Schirm dicht an ihn, sofort war es wieder da. Herzklopfen. Im Haus duftete es schon lecker, auch kochen konnte er, unglaublich. Bevor ich ihm die Flasche Wein geben konnte, zog er mich schon in seine Arme. Das überraschte mich kurz, wo war die Schüchternheit abgeblieben? Sehr zielstrebig schob er mir seine Zunge in den Mund und ich dachte schon die Spagetti wären umsonst, doch nach einem intensiven Begrüßungskuss nahm er meine Hand und ich folgte ihm in die Küche. Während er die Flasche Wein öffnete lugte ich neugierig in den Topf.

„Oh… das sieht sehr lecker aus…“, schwärmte ich und beugte mich dabei über den Herd.

„Ja…sehr lecker.“ Er grinste mich an. „Du hast die schönsten Beine die ich jemals gesehen habe, wollte ich dir eigentlich schon gestern Abend sagen, aber ich kam irgendwie nicht dazu…“

Wieder färbten sich seine Wangen etwas rot. Meine vermutlich auch.

„Geh bitte. Du siehst doch beim Schwimmen täglich tolle Beine.“

„Nicht solche wie deine.“

Das sagte er wieder mit diesem speziellen Blick. Ich zuckte mit den Schultern.

„Ok…wenn du meinst. Danke…“

„Gerne.“

Er goss den Muskateller ein und reichte mir ein Glas.

„Hunger?“, fragte er und titschtelte mit seinem Glas an meines.

„Ja…schon…“, lächelte ich.

Das Haus war wirklich schön und vor allem geschmackvoll eingerichtet. Ich war mir sicher, dass die Familie Strasser gut betucht war. Die Spagetti schmeckten richtig gut. Nicht außergewöhnlich, aber echt lecker. Während dem Essen hätte ich ein paar Mal gerne einfach das Besteck weggelegt und wäre am liebsten über ihn hergefallen. Seine Blicke. Seine Hände. Seine Haut. Ich riss mich richtig zusammen und das war nicht leicht.

„Du hast toll gekocht“, bedankte ich mich.

„Viel hast du aber nicht gegessen…“

Ich lächelte ihn wieder an, ich konnte ja schlecht sagen, dass ich wegen ihm kaum etwas hinunter bekomme. Weil in meinem Bauch ein Tornado in seiner Gegenwart wütet. Doch ich wollte mich beherrschen. Ich war schon am Vortag förmlich über ihn hergefallen. Was würde er denn von mir denken? Ich wollte nicht, dass er einen falschen Eindruck von mir bekam.

„Wie findest du den Wein?“, lenkte ich stattdessen ab.

„Echt gut. Ich bin zwar kein Weinkenner, aber er ist schön fruchtig. Ich werde heute aber nicht so viel trinken wie gestern.“

„Du hast nicht so viel getrunken“, überlegte ich.

Ich stand auf und begann den Tisch abzuräumen. Er half mir dabei und nahm mir die letzten Teller aus der Hand und stellte sie neben der Spüle ab. Er schaute mir tief in die Augen und strich zart über meine Wange den Hals hinunter.

„Es war zu viel um all das zu erforschen was ich mir vorgenommen habe.“

„Oh…Ach so…“, stammelte ich etwas verlegen.

Sanft schob er seine Hände unter meine Bluse und strich meinen Rücken hinauf. Dabei schloss er seine Augen, fast als würde er jeden Millimeter meiner Haut aufsaugen. Mir fehlten die Worte. Was wollte er denn noch besser machen? Während ich versuchte darüber nachzudenken wanderten seine Hände den Saum meiner Jeans entlang. Langsam öffnete er den Knopf und zog den Reißverschluss hinunter. So langsam, dass mir der Atem stockte. Immer noch in der Küche begannen wir uns wieder leidenschaftlich zu küssen, es war so gut, ich wollte einfach nicht damit aufhören. Irgendwann wanderte seine Hand wieder an meine Jeans. Ich spürte seine Finger den Spitzensaum meines Höschens entlang streichen. Die Wahl des Höschens war also richtig. Es wäre gelogen zu sagen, ich hätte nicht genau darüber nachgedacht welchen Slip ich anzog. Dann wanderte genau dieser Finger in den Slip. Sehr zielstrebig arbeitete er sich vor. Mein Herz klopfte und dieses Klopfen hallte in meiner Halsschlagader wieder.

„Suchst du etwas?“, hauchte ich fast tonlos seinen Hals küssend.

„Ich habe es schon gefunden…“

Seine Stimme war heiser und leise und ich hielt die Luft an als er mit seinem Finger dort ankam, wo mich sofort ein Kribbeln und Ziehen im Unterleib durchfuhr. Ganz sanft, aber doch beharrlich machte er weiter. Ich atmete laut aus und merkte wie schnell ich unter seiner Berührung feucht wurde und das schien ihm wiederrum ziemlich zu gefallen. Ich wollte auch etwas tun, ihn berühren, überall. Darum schob ich meine Hand ebenfalls zuerst unter sein Shirt, strich über seine Brust und öffnete dann den Knopf seiner Jeans. Ich war nervös. Ungeachtet dessen tastete ich mich weiter vor. Ihn genau dort zu berühren raubte mir dem Atem, auch wenn ich gar nichts mehr tun hätte müssen, denn er schien schon ziemlich bereit zu sein. Ich tat es trotzdem. Weil ich richtiggehend gierig danach war. Sanft strich ich mit meiner Hand über seine Erektion, was ihn nach Luft schnappen ließ. Das gefiel mir, darum wiederholte ich es, bevor ich meine Finger sanft darum schloss und den Druck verstärkte. Eine Zeitlang durfte ich das tun, dann griff er nach meiner Hand und sah mich atemlos an.

„Komm mit…“

Er zog mich durch ein hell eingerichtetes Wohnzimmer in sein Zimmer, das auch hell und freundlich wirkte. Er löschte hinter uns das Licht in den Räumen und machte nur die kleine Lampe am Nachttisch an. Dann strich er durch meine Haare. Ein weiterer Blick den ich bis heute nicht vergessen konnte traf meinen im Schein des schwach beleuchteten Zimmers. Er zog sich sein Shirt und die Jeans aus, dann machte er sich an meine Bluse, bevor er wieder begann mich leidenschaftlich zu küssen und sich mit mir auf sein Bett fallen ließ. Wieder fühlte ich mich komplett neben der Spur, ich hatte mir noch vorhin einige Dinge die ich mit ihm machen wollte vorgenommen, aber es kam nicht dazu. Es war mir nicht möglich mir etwas in seiner Gegenwart vorzunehmen und es dann auch noch umzusetzen. Er zog mich in einen Sog, der mir nicht erlaubte auch nur einen Gedanken zu fassen, oder eine Tat zu tun die von dem was ich sowieso wie von selbst machte abwich. Es war magisch. Und er hielt Wort. Ich glaube sein Mund und seine Zunge waren so ziemlich überall, ich war gar nicht fähig darüber nachzudenken, ich ließ ihn einfach machen. Und es war gut. Wahnsinnig gut. Dann legte er sich auf und liebte mich. Ihn in mir zu spüren war wie ein Rausch, alles drehte sich, er sich mit mir, ich mich mit ihm. Fast schon wäre ich gekommen, aber vorher drehte er sich auf den Rücken und zog mich auf sich. Das war noch unglaublicher. Ich presste meine Finger in seine muskulöse Brust und begann mich langsam zu bewegen, fast anmutig schob ich ihm immer wieder mein Becken entgegen. Er lächelte mich an, dann schloss er seine Augen, seine Hände klammerte er fest um meine Hüften. Ich wollte ihm alles geben und das tat ich auch. Als sich seine Brust unter mir anspannte war ich glückselig, aber ich hörte nicht auf, ich machte weiter, beugte mich über ihn und küsste ihn voller Hingabe. Meine Haare hingen in sein Gesicht und er atmete schwerfällig in meinen Mund. Jetzt konnte ich nicht mehr, ich drohte zu zerspringen und ich tat es auch. Er kam mit mir, es war so schön, so wahnsinnig schön. Meine Beine fühlten sich taub an, aber durch meinen ganzen Körper schnellten tausende lodernde Funken. Es war nicht nur Sex. Es war etwas anderes. Ich glaubte es wäre Liebe. Ja, in diesem Moment wurde mir klar, dass ich ihn liebe. Es war der einzige Gedanke der mir klar erschien. Anders konnte ich mir meine Gefühle nicht erklären. Vorsichtig rutschte ich von ihm herunter. Er war atemlos, das gefiel mir, auch wenn ich selbst kaum Luft bekam. Ich mochte, dass er nichts sagte. Er schaute mich einfach nur an. Dann lächelte er. Dieses nicht sprechen müssen, keine Analyse über das gerade Gemachte abzugeben, es war so erleichternd. Denn es bedurfte keiner Worte. Alles war wie selbstverständlich und doch so viel mehr. Es dauerte nicht lange bis ich in seinen Armen einschlief, ich war erschöpft und aufgekratzt zugleich. In dieser Nacht liebten wir uns ein weiteres Mal. Er weckte mich mit seinen Küssen und Berührungen irgendwann mitten in der Nacht. Wieder war es himmlisch. Als ich dann morgens vom frischen Kaffeeduft wach wurde, überlegte ich kurz ob das normal sein kann. Er war neunzehn und trotzdem wirkte er in Sachen Liebe unglaublich erfahren. Ich schob den Gedanken beiseite. Heute weiß ich, es war die Leidenschaft und wie er damit umging, dazu ist keine Erfahrung nötig. Er tat einfach, was er für richtig hielt. Und das war mehr als richtig.

Ich öffne meine Augen und sehe auf meine Füße. Langsam wird mir kalt, darum steige ich einen Schritt aus dem Wasser. Die Gedanken an das Erlebte haben mir ein ordentliches Herzklopfen beschert, das sich verstärkt als ich Schritte hinter mir höre und mich umdrehe.

„Servus Teresa.“

Markus bleibt mit einem Handtuch unterm Arm und seiner Schwimmbrille in der Hand neben mir stehen. Ich sehe ihn verdutzt an. Gerade noch war ich in Gedanken mit ihm im Bett und jetzt steht er neben mir. Zuviel für mich. Ich ringe verdutzt nach Worten.

„Hallo…“

Er zieht sich sein Shirt über den Kopf und die Shorts aus, was ich immer noch perplex verfolge. Definitiv zu viel auf einmal für mich.

„Was machst du denn?“

„Ich muss ein paar Einheiten schwimmen, sonst werde ich noch wahnsinnig“, erklärt er mir.

„Aha…Das Wasser ist doch viel zu kalt?“

„Das geht schon, ich bewege mich ja.“

Ich nicke, mein Blick hängt an seinem Körper. Er hat sich nicht viel verändert, vielleicht ist er ein bisschen männlicher geworden, aber seine Haut ist immer noch so makellos wie ich sie in Erinnerung habe. Mein Mustern scheint ihm nicht zu entgehen, er kratzt sich verlegen am Kopf. Immer noch ein wenig schüchtern also…

„Ähhm…ich wollte auch gerade gehen…lass dich von mir nicht aufhalten…“, stammle ich verlegen darüber, dass er meine Blicke bemerkt hat.

„Nein musst du nicht. Es ist schön dich zu sehen. Setz dich doch da drüben in den bequemen Stuhl an der Wand und genieß die Sonne noch ein bisschen. Du kannst mir zusehen wenn du magst.“

Ich zucke mit den Schultern. Besser wäre es abzuhauen, aber etwas in mir wehrt sich gegen meine Gedanken.

„Ok…Wenn du nichts dagegen hast?“, antworte ich darum.

Er schüttelt den Kopf. „Nein, ganz im Gegenteil.“

Also bleibe ich. Ich sehe ihm zu. Von einer Sportverletzung erkenne ich auch jetzt nichts, aber ich verstehe auch nichts davon. Es sieht jedenfalls sehr professionell aus wie er seine Längen zieht. Langsam erwärmen sich auch meine Füße an den Sonnenstrahlen wieder. Er schwimmt einige Male an mir vorbei, ist aber sehr in seinem Training versunken. Ich überlege was ich hier eigentlich mache. Ich sollte gehen. Ja, das wäre besser. Ich gehe. Gerade als ich aufstehe, kommt er aus dem Wasser und schnappt sich sein Handtuch.

„Warte noch…Ich trockne mich nur ab“, ruft er herüber.

Ich seufze und lehne mich an die Holzwand. Jetzt bemerke ich allerdings dass er eine komische Schonhaltung beim Gehen einnimmt. Ich schätze das Knie macht ihm ziemliche Schmerzen. Er verschwindet im Bootshaus und kommt recht schnell wieder heraus, abgetrocknet und umgezogen.

„Boa…das Wasser ist wirklich kalt…“, jammert er und sucht noch ein paar Sonnenstrahlen die langsam rar werden.

„Hab ich ja gesagt…“, murmle ich.

Er sieht mich an. Länger als ich es aushalte, darum senke ich meinen Blick.

„Du schaust müde aus“, stellt er fest.

Ja, sicher sehe ich müde aus. Ich habe tagelang nur mehr stundenweise geschlafen und seit ich weiß, dass er hier ist wurde das nicht besser.

„Ich habe ein paar anstrengende Wochen hinter mir“, seufze ich.

Er nickt. Bevor er weiter fragt, was ich nicht will, frage erst einmal ich etwas.

„Was ist denn mit deinem Knie?“

„Eine Überbelastung der Bänder. Das verfolgt mich schon das ganze Jahr und momentan ist es echt schlimm.“

„Kann man das nicht mit Physiotherapie oder so in den Griff bekommen?“

„Doch schon, aber das ist langwierig und momentan hab ich keine Energie mehr dafür.“

Ich sehe ihn überrascht an. So kenne ich ihn gar nicht. Er wirkt so kraftlos und entmutigt.

„Warum denn? Was hast du denn?“

Wahrscheinlich klang das jetzt besorgter, als ich es heraus bringen wollte.

Er seufzt und schließt kurz die Augen.

„Ich schwimme jetzt seit über fünfzehn Jahren ununterbrochen. Im Winter hatte ich wochenlang eine Mittelohrentzündung und jetzt seit fast vier Monaten das Knie. Bei mir ist momentan einfach die Luft draußen.“

„Klingt nicht gut.“

„Nein.“

„Und du glaubst hier am Land wird das besser?“

Er schüttelt den Kopf. „Aber hier habe ich meine Ruhe. Ich bin sozusagen abgerissen.“

Ich ziehe ungläubig die Augenbrauen hoch. „Echt?“

Jetzt lächelt er. „Ja echt.“

Wieder sieht er mich länger an als ich es aushalte.

„Wo warst du denn die letzten Jahre? Ich hab dich nie mehr gesehen“, sagt er leise und mit leicht gesenktem Blick.

Mir wird ein bisschen heiß. Weg. Ich war weg. Einfach weg.

„Lange Geschichte.“

Mehr will ich dazu nicht sagen, darum beginne ich schnell meine Socken und Schuhe anzuziehen.

„Hab ich was Falsches gesagt?“, meint er fast entschuldigend.

Ich schüttle den Kopf. „Nein, ich muss nach Hause und du solltest zusehen, dass du dich nicht erkältest, es wird frisch.“

Seine Mundwinkel verziehen sich merkwürdig. Ich denke, dass ich gerade sehr nach Mama geklungen habe.

„Teresa…können wir vielleicht reden?“, sagt er dann recht tonlos.

Ich sehe vom Schuhbandzubinden auf. „Worüber denn?“

„Wir sind nicht gerade freundschaftlich auseinander gegangen.“

Ich zucke mit den Schultern. „Du warst sehr jung, ich ein bisschen naiv und alles ist lange her. Wir müssen über nichts reden.“

„Mir tut es aber weh, wenn ich dich anschaue und daran denke. Nur reden Teresa. Bitte.“

Er sieht mich bedrückt an. Ich halte diesen Blick kaum aus. Ja…mir tut es auch weh. Ich kenne den Tonklang seiner Stimme, es erinnert mich an seine entschuldigenden Worte von damals, als er sich für seine Freunde rechtfertigte.

„Außerdem bräuchte ich einen ordentlichen Haarschnitt. Das ließe sich doch verbinden, was meinst du?“

Jetzt lächelt er ein bisschen und strubbelt sich dabei durch die feuchten Haare. Na ja…ein wenig nachschneiden würde wirklich nicht schaden.

„Ich überleg es mir…“, seufze ich.

Ganz zufrieden scheint er über meine Antwort nicht und ehrlich gesagt meine ich auch nicht wirklich was ich sage. Ich will nicht wieder alles aufwirbeln und mich damit beschäftigen. Vorbei. Es ist zu Ende und vorbei.

„Du weißt wo du mich findest, entweder hier, oder oben im Haus“, noch einmal lächelt er mich schüchtern an.

Ich nicke und sehe noch einmal zu ihm auf. Es fällt mir schwer ihn so stehen zu lassen und trotzdem gehe ich. Zielstrebig und schnell. Ohne zurück zu sehen.

Kapitel 5

Ich hatte unseren gemeinsamen Sommer recht gut verdrängt in den letzten Jahren. Verdrängt aber nicht vergessen. Ich werde es nie vergessen können, dafür war es einfach zu schön. Es war mehr als eine Affäre, Sex oder was auch immer. Ich fühle mich ganz komisch in seiner Gegenwart, es wäre am Einfachsten zu beschließen ihn zu vergessen, aber das gelingt mir nicht. Es wird mir nie gelingen, auch wenn es besser so wäre. Nachdenklich gehe ich nach Hause. Nein ich gehe nicht, ich schlurfe. Kraftlos und müde fühle ich mich. Ein Wagen der mir entgegen kommt lässt mich aufschauen. Ich seufze tief durch. Auch das noch. Das Auto hält neben mir, die Scheibe geht hinunter. Anton sieht mich breit grinsend an.

„Grüß dich Resi! Wo läufst du denn herum? Ich war bei euch am Hof, aber da herrscht gähnende Leere.“

„Servus. Ja meine Eltern sind mit Maxi unterwegs und Leopold wird auf irgendeinem Weinberg sein denke ich.“

„Ach so. Warum meldest du dich denn nie? Ich hab doch gesagt du sollst mal vorbei kommen?“

Jetzt versuche ich das Seufzen zu unterdrücken. Ich will ihn nicht unbedingt besuchen, ich wüsste nicht wozu, darum zucke ich nur mit den Schultern.

„Soll ich dich nach Hause fahren?“

„Nein, ich laufe, ist ja nicht mehr weit. Wir sehen uns.“

Ich versuche die Konversation abzukürzen. Er nickt etwas verständnislos. Ich will schon losgehen, aber er scheint noch nicht fertig zu sein.

„Warum ich eigentlich bei euch war…Vroni schmeißt morgen eine Geburtstagsparty für Jonas, ich wollte dich und Maxi einladen. Er wird sechs, ich denke die Jungs könnten sich gut verstehen.“

Ich lächle. Vroni ist seine jüngere Schwester, ich mochte sie immer sehr gerne. Auch wenn ich nicht unbedingt scharf auf einen Besuch am Hof der Klingers bin, für Maxi wäre es bestimmt lustig mit anderen Kinder spielen zu können. Darum stimme ich auch seinetwillen zu.

„Danke, das ist nett. Wann denn?“

„Um zwei. Ich freue mich.“

Ich zwinge mich zu einem: „Ja…ich mich auch.“

Er verabschiedet sich mit seinem mir durchaus bekannten Augenzwinkern. Charmant kann er schon sein wenn er will, allerdings verstehe ich nicht, was er bei mir damit erreichen möchte. Er fährt weiter und ich gehe nach Hause. Mir geht sowieso nicht ein, warum er nicht längst verheiratet ist und selbst Kinder hat. Er ist jetzt über dreißig. Aber ich will darüber nicht nachdenken, weil es mich eigentlich auch gar nicht interessiert. Gerade als ich am Hof ankomme, fahren auch meine Eltern ein. Endlich, der Tag war unglaublich lang ohne Maxi. Ich lege schrittmäßig zu und öffne die hintere Autotür.

„Na wie schaust du denn aus Bärchen?“, frage ich lachend.

Er hatte scheinbar einen richtig tollen Tag und so sieht er auch aus, ziemlich eingesaut.

„Mama schau, wir waren bei McDonalds und da hab ich ein Spielzeug bekommen, und wir waren dort wo man so toll turnen kann und der Opa kann nicht balancieren.“

So glücklich hab ich ihn lang nicht mehr erlebt. Er strahlt von einer Backe zur anderen.

„Ehrlich? Das musst du mir ganz genau erzählen. Am besten während du in der Badewanne sitzt, du schaust ja aus wie ein Schweinebärchen.“

Ich knuddle und küsse ihn. Schnell tritt alles worüber ich den ganzen Tag über nachdachte, sowie die Begegnung mit Markus in den Hintergrund.

Maxi ist nach dem Baden schnell eingeschlafen, er war komplett erledigt. Auch wenn es erst kurz vor neun ist, hab ich mich auch gleich hingelegt. Ich würde wirklich gerne einmal richtig gut schlafen. Sanft streiche ich noch einmal über seine Wange und fahre mit meiner Nase durch seine Haare. Dann schließe ich meine Augen und atme dabei tief durch.

„Warum gehst du mir nicht aus dem Sinn…warum nicht…“, murmle ich für mich selbst und versuche einzuschlafen.

Tatsächlich konnte ich die vergangene Nacht ein paar Stunden schlafen, dafür habe ich fürchterlich geträumt und bin heute auch nicht wirklich ausgeschlafener. Ich hatte solche Angst im Traum, weil mir ständig jemand Maxi wegnehmen wollte, als ich aufwachte war ich komplett schweißgebadet. Jetzt sind wir auf dem Weg zur Geburtstagsfeier von Jonas. Am Vormittag haben wir noch ein kleines Geschenk besorgt, Maxi freut sich total. Ich allerdings habe ein sehr komisches Gefühl im Bauch, das sich noch verstärkt, je näher wir zum Klinger Hof kommen. Nur nichts anmerken lassen, nehme ich mir vor. Am Hof hat sich nicht viel verändert, natürlich hat auch hier die Modernisierung nicht halt gemacht, aber es ist trotzdem wie immer. Der Klingerhof war schon immer sehr fortschrittlich. Vroni freut sich mich zu sehen und mir geht es nicht anders. Sie hat den Tisch im Garten festlich aufgedeckt und auch das Wetter ist perfekt für eine Geburtstagsparty im Freien. Alle scheinen sich über unseren Besuch sehr zu freuen und Maxi freundet sich sofort mit den anderen Kindern an. Meine Nervosität lässt nach. Ich sehe ihm beim Spielen zu und nippe an einem Glas Prosecco.

„Ich hole mal die Torte“, verkündet Vroni.

„Kann ich dir helfen?“, frage ich höflich.

Sie schüttelt den Kopf und geht auch schon von dannen, dafür setzt sich Anton neben mich.

„Schön dass du gekommen bist.“

„Du hattest Recht, Jonas und Maxi verstehen sich richtig gut“, entgegne ich.

Er nickt. „Ihr könnt ja gerne öfter zu Besuch kommen, würde mich freuen.“

Ich sehe ihn überrascht an. Schon wieder ein seltsam unterschwelliges Angebot. Er lächelt. Sein Lächeln ist ansteckend. Ja, ich war mal wirklich verliebt in ihn, aber das ist lange her. Er hat mir schon in der Schule gefallen, er ging zwei Klassen über mir und es gefiel mir wenn er mich genauso anlächelte wie gerade eben. Ich mochte seine dunkelbraunen Locken und die blauen Augen. Er ist ein fescher Mann, ohne Zweifel. Doch die schönen Augen und das ansteckende Lächeln waren in Laufe der Jahre einfach zu wenig. Vroni bringt die Torte und ich bin froh auf sein Angebot nicht reagieren zu müssen. Es ist ein schöner gemütlicher Nachmittag, man spürt die Kinder gar nicht, so viel Spaß haben sie beim Toben im Garten. Inzwischen spielt Anton mit den Jungs Fußball, Michi, Jonas Papa, spielt auch mit. Es scheint ein riesiger Spaß zu sein.

„Bleibst du hier?“, fragt mich Vroni plötzlich.

„Am Hof meiner Eltern?“

Sie nickt.

„Ich glaube schon.“

„Und du hast wirklich keinen Kontakt zu Maxis Papa? Will er ihn denn gar nicht sehen? Ich meine wenn ihr jetzt so weit weg von München seit ist das doch nicht so einfach.“

Ich schüttle den Kopf. Ein Thema über das ich nicht gerne spreche. Maxi hat keinen Papa. Sie scheint zu bemerken, dass ich mich dabei unbehaglich fühle und fragt nicht weiter. Es gibt noch die berühmte Klinger Speck Jause, ich hatte schon vergessen wie lecker der Speck der Klingers schmeckt. Danach beschließe ich aufzubrechen, Maxi fallen inzwischen fast die Augen zu. Ich nehme ihn hoch, nachdem ich mich bedankt und verabschiedet habe.

„Warte, ich nehme ihn, Maxi ist doch schon viel zu schwer für dich.“

Anton nimmt mir Maxi ab, der ist so fertig, dass er sich dagegen auch gar nicht wehrt. Er packt ihn in den Kindersitz, umarmt mich überraschender Weise zum Abschied und gibt mir noch einen Kuss auf die Wange.

„Resi…der Maximilian braucht einen Vater. Ich wäre echt gerne für euch da.“

Seine Worte prallen an mir ab, als hätte ich eine Ritterrüstung an. Hab ich gerade richtig gehört? Mein Blick ist mit Sicherheit entgeistert.

„Anton…ich weiß nicht…Schön wie du das sagst…aber…“ Ich ringe nach den richtigen Worten, doch er unterbricht mich.

„Ich verstehe schon wir haben uns lang nicht gesehen, trotzdem glaub ich wir könnten das hinbekommen, ich kann für euch sorgen. Du weißt doch wie wichtig du mir bist?“

Ich bin immer noch geschockt.

„Wir müssen ja nichts überstürzen“, fährt er fort, „aber wir könnten uns häufiger treffen und ich werde dir beweisen, dass ich für Maxi ein guter Vater sein kann.“

Verzweifelt suche ich weiter nach den richtigen Worten.

„Ich kenne dich schon so lange und ich weiß wie sehr du dir einen Stammhalter wünschst, aber Maxi wird nie wie dein eigener Sohn sein Anton.“

Er blickt zu Boden. „Du weißt doch, dass ich vor zwei Jahren krank war.“

Ich nicke, allerdings weiß ich nicht genau was er hatte, nur dass er ein paar Monate ziemlich krank war.

„Ich kann keine Kinder mehr zeugen, ich werde nie einen eigenen Sohn haben können“, sagt er leise.

„Das wusste ich nicht…tut mir leid…“, stammle ich.

„Schon gut…überleg es dir. Wir haben so viel zusammen erlebt.“ Wieder lächelt er. „Ich denk ganz oft an unseren ersten Kuss.“

Jetzt muss ich auch lächeln. Ich erinnere mich auch sehr gut daran. Es war im Schwimmbad im Nachbarort, beim Nachhause gehen. Mir sprang die Kette vom Fahrrad ab und er hat mir geholfen, wenn ich heute daran denke glaube ich, es kam ihm ziemlich gelegen. Er hat mich ein Stück nach Hause belgeitet und dann geküsst. Einfach so. Mit Zunge. Ich spüre wie ich rot werde.

„Mama…“, murmelt Maxi am Rücksitz.

„Wir fahren schon…“, beruhige ich ihn.

Anton streicht über meinen Oberarm. „Bis bald.“

„Ja…bis bald.“

Dann steige ich ein und fahre los. Nach der ersten Kurve ist Maxi schon eingeschlafen. Nach dem Kuss waren Anton und ich ein Paar. Ich war knapp siebzehn. Ein paar Wochen später haben wir dann auch miteinander geschlafen, es war mein erstes Mal. Es war nicht so toll. Anton war recht schnell fertig und ich geschockt weil es ziemlich weht tat. Fast sechs Jahre waren wir dann zusammen. Mit Hochs und Tiefs. Vielen Tiefs. Vor allem die letzten zwei gemeinsamen Jahre waren echt schlimm. Zumindest habe ich das so in Erinnerung. Bis das Arschloch Marco kam. Ich habe Anton betrogen, heute tut mir das Leid, was auch immer zuvor war, er hatte es nicht verdient, niemand hat so etwas verdient, es war sehr dumm von mir. Keine Ahnung wonach ich suchte, eventuell nach der Leidenschaft, die er mir gegenüber nicht aufbringen konnte. Womöglich auch nach der großen Liebe, doch die gibt es nicht. Vielleicht sollte ich wirklich einmal vernünftig sein und über sein Angebot nachdenken. Wenn es schon nicht die große Liebe ist, er wäre mit Sicherheit zuverlässig und würde sich bestimmt gut um uns kümmern. Ich schüttle den Kopf.

„Mein Gott was ist denn mit dir Resi…“, murmle ich für mich selbst, während ich einparke. Leopold kommt gerade aus dem Weinkeller.

„Na da hat aber einer ordentlich gefeiert, was?“ Er schaut schmunzelnd auf den schlafenden Maxi. „Ich nehme ihn“, bietet er mir sofort an.

Heute fällt das Baden und Zähneputzen ausnahmsweise aus. Leopold legt ihn ins Bett und ich ziehe ihm die Decke über die Schulter. Er schläft so fest und bekommt davon gar nichts mit. Ein paar Augenblicke schaue ich ihn noch an, dann lösche ich das Licht und gehe ins Badezimmer. Unter der Dusche denke ich über Antons Worte nach, doch ich kann nicht nachdenken, nicht so lange mir ständig Markus Lächeln in meinen Gedanken einen Strich durch die Rechnung macht. Wieder sind die Szenen des gemeinsamen Sommers allgegenwärtig. Es war ein traumhafter Sommer. Mit ihm. Wir trafen uns sooft es ging, auch wenn er immer wieder irgendwelche Ausreden bei seinem Vater erfinden musste um das Training zu schwänzen. Zumeist am Wochenende, manchmal aber auch unter der Woche. Ganz oft haben wir die Sonntagabende und den Montag gemeinsam verbracht. Montags war der Frisiersalon geschlossen und ich hatte frei. Wir kochten gemeinsam und er versuchte mühsam mir das Kraulen im Badesee beizubringen, leider relativ erfolglos. Ich war ein hoffnungsloser Fall was das Erlernen dieser Technik betraf. Manchmal lagen wir auch einfach nur im hohen Gras und redeten über alles Mögliche, dann kuschelte ich mich ganz fest an seine Brust. Die Nächte waren kurz und intensiv, ich konnte nicht genug von ihm bekommen und ich glaube ihm ging es auch nicht anders. Jede seiner Berührungen und Zärtlichkeiten war perfekt. Niemals hatte ich das Gefühl er könnte etwas tun das mir nicht gefällt. Alles gefiel mir. Einfach alles. Er gefiel mir. Seine Art, sein Wesen, sein Lächeln, sein Humor, seine Schüchternheit, sein Körper, all das und noch viel mehr. Ich war verliebt. Unglaublich verliebt. Oft erwischte ich mich dabei darüber nachzudenken, was nach diesem Sommer sein wird. Dann bremste ich mich selbst ein. Ich nahm mir vor es auf mich zukommen zu lassen, ich wollte ihn einfach nur fühlen, spüren und lieben. Und ich wollte ihn auch nicht fragen, ob er das Gleiche für mich empfindet. Ich hatte Angst vor seiner Antwort und wollte nicht enttäuscht werden. Für den Augenblick war es gut so wie es war, auch wenn ich viel mehr wollte, doch ich wusste nicht was er wollte.

Ich drehe das Wasser in der Dusche ab. „Es war gut….Es war gut…“, seufze ich und trockne mich ab.

Kapitel 6

Ich kehre gerade von einem langen Spaziergang gemeinsam mit Maxi zurück. Heute habe ich ihn einmal nur für mich ganz allein. Wir haben die Pferde auf der nahegelegenen Koppel besucht und jetzt bekommen die Schafe noch ein bisschen altes Brot. Ich überlege schon den ganzen Tag, ob ich nicht doch zu Markus fahren soll, aber ich weiß nicht was es bringt wenn wir reden und in der Vergangenheit wühlen. Es ist vorbei. Lange vorbei. Ich mag mich nicht mehr kränken und darüber nachdenken.

„Mama schau…der Anton…“, Maxi zupft an meinem Shirt.

Anton steuert über die große Wiese auf uns zu. Er meint es also wirklich ernst, anders ist seine permanente Anwesenheit in unserer Nähe nicht zu erklären. Ich weiß allerdings noch nicht ob ich das gut finden soll. Es ist eher so, dass ich mich überrumpelt fühle.

„Hey ihr zwei!“, ruft er uns entgegen.

„Hallo…“, begrüße ich ihn nicht besonders euphorisch.

„Schlechte Laune?“, fragt er mit hochgezogenen Augenbrauchen.

Ich schüttle den Kopf und versuche zu lächeln.

„Ich habe deiner Mutter das bestellte Fleisch vorbei gebracht und da dachte ich Maxi hat vielleicht Lust ein bisschen Fußball zu spielen?“

Jetzt ziehe ich die Augenbrauen hoch, aber Maxi ist sofort begeistert. Ich seufze für mich selbst. Na dann…Ich hasse Fußball spielen, wenigstens muss ich mich dann nicht an den Ball. Anton und Maxi gehen voraus, ich hinterher. Ein paarmal dreht Anton sich um und lächelt mich an. Ich erwidere es, auch wenn es bei mir nicht die vermutlich von ihm gewünschten Gefühle weckt. Inzwischen die beiden spielen hänge ich noch die Wäsche auf und nehme die bereits getrocknete ab. Er kann wirklich gut mit Maxi umgehen, so viel steht fest. Sie haben viel Spaß, sogar Leopold spielt mit. Nachdem bis auf Maxi alle völlig außer Puste sind, bringt Leopold zwei Bier. Maxi fährt mit dem neuen Fahrrad, das er zum Geburtstag bekommen hat, im Hof herum. Ich beobachte alles aus sicherer Entfernung und falte dabei die Wäsche. Braucht Maxi einen Vater? Bis jetzt brauchte er keinen. Ich schaffte das allein. Doch wenn ich ihn so glücklich sehe überlege ich schon ob ein männlicher Part nicht doch wichtig für ihn wäre. Wenn ich mir einen Ruck gebe und mich öffne, könnte es vielleicht klappen. Ich mag Anton, und ich kenne ihn und er mich. Ja ich mag ihn und das ist der Punkt. Keine Ahnung ob ich ihn jemals wieder lieben könnte, ich weiß ja nicht einmal ob ich ihn jemals richtig geliebt habe, das ist alles so lange her. Doch was ist schon Liebe? Liebe bringt auch immer Leid mit sich. Womöglich ist eine Beziehung in tief verbundener Freundschaft viel mehr wert. Plötzlich steht Mama neben mir.

„Wie oft legst du das Handtuch jetzt noch neu zusammen?“, sie sieht mich schmunzelnd an.

Verlegen lege ich es zur Seite und lasse mich auf die Gartenbank fallen.

„Ich hab nachgedacht.“

Sie setzt sich zu mir. „Worüber denn?“

Ich zucke mit den Schultern.

„Ob Maxi einen Vater braucht“, murmle ich.

Sie lehnt sich zurück. „Anton und du?“

„Ich weiß es nicht Mama. Das ist alles lange her.“ Ich reibe mir die Stirn. „Vielleicht war es ein Fehler mich von ihm zu trennen. Damals hab ich eine ziemlich blöde Zeit durchgemacht.“

„Denk nicht über die Vergangenheit nach. Schau in die Zukunft und überleg was für euch gut ist. Nur wegen Maxi musst du das nicht tun. Du selbst solltest einmal glücklich sein.“

Ihre Worte überraschen mich. Ich war mir sicher sie würde eine Vernunftbeziehung mit Anton sofort befürworten.

„Ja du hast Recht Mama…Ich brauch ein bisschen Zeit.“

Inzwischen ist auch mein Vater nach Hause gekommen und hat sich zu den Männern gesellt.

„Machen wir für die Männer eine Jause. Du hast doch nichts dagegen wenn ich Anton zum Abendessen einlade?“

Ich schüttle den Kopf. Der freut sich natürlich über die Einladung meiner Mutter und spielt noch ein bisschen mit Maxi, während ich Mama helfe. Immer wieder beobachte ich die zwei im Garten durch das Küchenfenster. Irgendwie hat er sicher verändert. Er ist ruhiger geworden. Ich habe mich auch verändert.

Die gemeinsame Jause war wirklich nett und hat länger gedauert als erwartet. Wir haben zwei Flaschen Wein geleert und uns sehr gut unterhalten. Ich habe gerade Maxi ins Bett gebracht, weil es inzwischen wirklich spät geworden ist. Auch heute ist er wieder schnell eingeschlafen. Als ich wieder nach unten komme, will auch Anton gerade fahren. Ich begleite ihn noch nach draußen und gehe ein Stück mit ihm über den Hof bis zu seinem Wagen.

„Kannst du auch sicher noch fahren?“, frage ich verantwortungsbewusst.

„Sicher. Es ist ja nicht weit.“

„Darum geht es nicht. Wenn du ein guter Vater sein willst musst du ein Vorbild sein.“

Keine Ahnung warum ich das jetzt gesagt habe, vermutlich habe ich zu viel Wein getrunken. Er lächelt mich überrascht an, ich nehme ihm aber sofort den Wind aus den Segeln.

„Das war rein rhetorisch Anton, dass ich das gesagt habe bedeutet noch gar nichts.“

Er nickt lächelt aber immer noch.

„Du denkst darüber nach. Das gefällt mir.“

Er lehnt sich an die Wangentür und durchbohrt mich förmlich mit seinem Blick. Ich verschränke meine Arme und seufze.

„So einfach ist das nicht…“

Er kommt auf mich zu und bleibt sehr knapp vor mir stehen.

„Doch, es ist so einfach. Mach es nicht komplizierter als nötig.“

Kurz steht er so vor mir, dann streicht er mir eine Haarsträhne zurück und küsst mich sanft. Ohne Zunge oder so, das hätte ich gar nicht zugelassen, aber seine Lippen berühren meine. Ich bin kurz geschockt und weiche einen Schritt zurück. Er schließt seine Augen und atmet durch.

„Genau das fehlt mir Resi…Genau das…“

Ich schnappe nach Luft. „Echt Anton? Nach allem was ich dir angetan habe? Bist du dir wirklich sicher?“

Er verdreht die Augen. „Was hast du mir denn angetan?“

„Ich habe dich betrogen und verlassen und selbst danach wolltest du es noch einmal versuchen, sogar kurz bevor ich nach Deutschland gegangen bin. Immer wieder hab ich dich zurück gewiesen.“

Seufzend zuckt er mit den Schultern. „Das ist doch jetzt egal, es ist eine ganz andere Situation.“

Ich blicke zu Boden.

„Ich bin mir sicher Resi.“

„Du musst mir Zeit geben.“ Ich sehe wieder auf. „Ich brauche Zeit.“

Er nickt und greift nach meiner Hand. Dann küsst er mich noch einmal. Jetzt intensiver, fast als wolle er mir demonstrativ zeigen, was er für mich empfindet. Ich lasse es zu, auch wenn ich dabei nicht fühle was ich fühlen sollte. Es ist zwar schön und vertraut, aber mehr auch nicht. Noch einmal streicht er durch meine Haare.

„Darf ich jetzt fahren, oder muss ich zu Fuß gehen?“, fragt er mit einem scheinbar zufriedenen Lächeln.

„Los fahr schon…“, sage ich kopfschüttelnd.

„Kommst du morgen Nachmittag mit Maxi vorbei? Jonas würde sich sicher über einen Spielpartner freuen.“

Ich nicke. „Wird sich schon ausgehen.“

Dann fährt er. Mein Herz fühlt sich komisch an. So als hätte ich etwas Verbotenes getan, aber vermutlich war es momentan das einzig richtige.

Kapitel 7

Jetzt denke ich schon über zwei schier unlösbare Dinge nach. Anton der sich unglaublich um meine Gunst bemüht und Markus, der zwar nichts mehr von mir will, aber mir nicht aus dem Kopf geht, auch wenn ich ihn gar nicht wieder sehen möchte. Glaub ich zumindest. Ich versuche einmal alles richtig zu machen. Darum bin ich der Einladung von Anton gefolgt. Maxi und Jonas spielen ausgelassen im Hof, während ich mit Vroni plaudere. Ich habe Kuchen mitgebracht, selbstgemachte Biskuit Roulade, gefüllt mit Mamas Marillenmarmelade. Vroni stellt das Tablett mit dem Kaffeegeschirr auf den Tisch im Garten, ich helfe ihr beim Aufdecken.

„Schön, wenn du jetzt öfter vorbei kommst. Jonas und Maxi verstehen sich echt gut.“

Ich nicke. „Jonas kommt ja im Herbst schon in die Schule. Ich bin gespannt wie es Maxi im Kindergarten gefällt.“

„Bestimmt gut. Die Kindergartentanten sind echt nett und die machen auch richtig viel, die bereiten die Kinder toll auf die Schule vor.“

Kindergarten…Schule…Oh mein Gott…Maxi ist schon so groß geworden, das ist unglaublich schnell gegangen. Es fällt mir wirklich oft schwer das zu akzeptieren. Für mich ist er immer noch mein Baby. Vroni ruft Anton auch zum Kaffee, ich glaube sie hat schon gemerkt, dass er sich um mich bemüht. Ich weiß immer noch nicht wie ich das finden soll. Er werkelt etwas im Hof, kommt aber gleich, nachdem sie ihn gerufen hat. Mich wieder anlächelnd nimmt er gegenüber von mir Platz. Der Kuss von gestern Abend schießt wieder in meine Gedanken. Ein Kribbeln oder Herzklopfen vermisse ich aber weiterhin, trotzdem erwidere ich sein Lächeln. Anton lobt meine Roulade, die auch wirklich sehr gut schmeckt.

„Du hast echt alles was man sich als Mann wünschen kann, hübsch, Bombenfigur und kochen kannst du auch noch“, schwärmt er.

Mir ist das fast zu viel. So kenne ich ihn gar nicht und es ist auch nicht nötig. Verlegen schaue ich in meine Kaffeetasse. Vroni grinst. Ein lautes Schreien gefolgt von ebenso lautem Weinen erschreckt mich dermaßen, dass mir die Tasse fast auskommt. Ich springe auf und schaue suchend über den Hof. Maxi liegt am Boden und schreit immer noch. Hysterisch laufe ich hin. Als er mich sieht, streckt er sofort seine Arme nach mir aus, ich hebe ihn hoch, sein Knie blutet.

„Was ist denn passiert?“, frage ich und versuche Ruhe zu bewahren.

„Er ist glaub ich gestolpert…“, erklärt mir Jonas mit weit aufgerissenen Augen.

Maxi weint bitterlich in meine Schulter, ich reibe tröstend über seinen Rücken als auch schon Vroni angelaufen kommt.

„Oh au weh…das müssen wir sauber machen…“, stellt sie fest.

Wir gehen ins Haus verflogt von Antons Blicken, die ich nicht richtig einschätzen kann. Im Badezimmer setzte ich Maxi ab und sehe mir das Unglück an. Eine ordentlich blutende Wunde am Knie leuchtet mir entgegen. Da sind ein paar kleine Steinchen drinnen, die müssen raus. Er weint immer noch bitterlich, aber nicht mehr ganz so laut. Ich streiche beruhigend durch seine Haare.

„Ich mach das nur ein bisschen sauber und dann tun wir gleich ein Pflaster drauf, einverstanden?“

Vroni reicht mir das Wundspray und eine Kompresse zum Sauber machen. Jetzt beginnt Maxi hysterisch zu schreien und treten.

„Nein…Nein…Mama…“

„Maxi…beruhig dich bitte, das tut nicht weh, versprochen.“

Wieder versuche ich ihn zu beruhigen, wieder schreit und tritt er hysterisch und erwischt auch mich dabei.

Auf einmal steht Anton hinter mir und legt seine Hand auf meine Schulter.

„Maxi mach nicht so ein Theater, du tust deiner Mama doch weh, hör jetzt auf!“

Das sagt er recht laut und bestimmt, was sehr befremdlich für mich klingt.

Ich drehe mich um. „Ich mach das schon.“

Dann wende ich mich wieder zu meinem Kind, nehme ihn fest in den Arm und streiche über seinen Rücken.

„Ist schon gut…Du musst keine Angst haben, ich verspreche dir, das tut nicht weh.“

„Geh Resi was soll denn das? So ein Drama wegen einem blutigen Knie. Der Maxi ist ein Junge und kein Baby mehr. Willst du ein komplettes Weichei aus ihm machen?“

Da ist er wieder, der Bestimmer und Bevormunder aus meiner Erinnerung. Das ist zu viel. Niemand sagt mir wie ich mit meinem Kind umzugehen habe. Ich drehe mich zu Anton.

„Raus jetzt! Ich mach das allein“, sage ich scharf.

Ich sehe ihn sehr ernst an, er zieht die Augenbrauen hoch und weicht einen Schritt zurück, sagt aber nichts. Dann geht er. Beleidigt wie mir scheint, aber das ist mir egal. Wie erwartet beruhigt sich Maxi nach ein paar Minuten und ich darf das Knie sauber machen und ein Pflaster drauf tun. Ich bin jetzt zwar überall mit Blut voll und mein Shirt ist von seinen Tränen ganz nass, aber das macht nichts. Schnell wasche ich ihm noch die Hände und das Gesicht, bevor wir wieder in den Hof gehen.

„Geht es wieder?“, fragt mich Vroni freundlich.

Ich nicke. „Geht schon, aber wir werden jetzt auch fahren.“

„Ok…schade, ihr kommt uns doch wieder besuchen?“

„Sicher.“ Ich sehe Maxi an. „Schon oder?“

Der nickt und lächelt auch wieder. Dann gehe ich zum Wagen und mache ihn im Kindersitz fest. Anton sieht über den Hof zu mir, aber ich ignoriere ihn. So wird das nicht funktionieren. Schnell steige ich ein und fahre los. Er winkt mir zwar zu als ich an ihm vorbei fahre und ich erwidere es auch, mein Blick dürfte meine Stimmung jedoch recht gut zur Geltung gebracht haben.

Zu Hause angekommen, ist Maxi auch wieder ganz vergnügt, so als wäre nichts gewesen. Leopold steigt gerade in den Traktor.

„Darf ich mit Onkel Leopold mitfahren?“, fragt er mich beim Aussteigen.

„Ich weiß nicht, tut es gar nicht mehr weh?“, meine ich schmunzelnd und zeige auf sein Knie.

Er schüttelt den Kopf.

„Ich mag nicht wenn du mich trittst Maxi. Das tut mir weh.“ Sanft streiche ich durch seine Haare.

„Ich weiß…“, sagt er leise.

Schnell nehme ich ihn in den Arm. „Sollen wir Leopold fragen ob er dich mitnimmt?“

Er nickt und reibt seine Wange an meiner, ich winke meinem Bruder, er hält neben mir.

„Kannst du Maxi mitnehmen?“

„Ja sicher, er ist doch mein wichtigster Helfer.“

Maxi strahlt, ich gebe ihm noch einen Kuss, bevor ich ihn zu Leopold hochhebe. Ich brauche jetzt erst einmal eine Dusche. Während ich das warme Wasser über meine Schultern laufen lasse denke ich nach. Ich will nicht, dass sich jemand in die Erziehung von meinem Kind einmischt, schon gar nicht so. Er wird kein Weichei werden, nur weil ich liebevoll mit ihm umgehe. Ich steige aus der Dusche und trockne mich ab, dann schaue ich in den Spiegel. Was will ich denn eigentlich? Keine Ahnung, aber ich weiß, dass ich genau jetzt endlich etwas loswerden muss. Ich binde meine Haare zusammen, schlüpfe in meine weiße Jeans und ein passendes Shirt und gehe nach unten.

„Ich muss noch wohin, Maxi ist mit Leopold unterwegs, kannst du auf ihn aufpassen falls ich später noch nicht zurück bin?“, frage ich Mama die gerade Rechnungen studiert.

„Ja sicher. Lass dir Zeit.“

Ich steige ins Auto und fahre los. Ohne weiter darüber nachzudenken. Es muss jetzt sein. Sehr überzeugt das jetzt durchzuziehen, steuere ich den Wagen vorbei am Badesee den Berg hinauf. Kurz bevor ich ankomme packen mich aber dann doch die Zweifel. Ich halte an und schließe meine Augen. Will ich wirklich mit ihm reden? Alles aussprechen worüber ich seit Tagen nachdenke? Ihm endlich ordentlich die Meinung sagen? Allein beim Gedanken an ihn kribbelt es in meinem Bauch. Sooft war ich in diesem Haus da oben. Einen Sommer lang. Bis mit einem Schlag alles vorbei war. Ich erinnere mich an das letzte Mal als ich als ich gemeinsam mit ihm dort oben war.

Es war wieder ein Montag. Ich kam aus der Dusche in ein Handtuch gewickelt in Markus Zimmer. Es war kurz nach acht Uhr morgens glaube ich. Er lag im Bett und schlief immer noch, nicht ganz zugedeckt, bei dem Anblick wäre ich am liebsten wieder zu ihm hinein gekrabbelt. Ich öffnete den Vorhang, er streckte sich durch und blinzelte in den hellen Raum.

„Aufstehen Schlafmütze!“, rief ich euphorisch.

Ich beugte mich über ihn und küsste ihn sanft. Schnell zog er mich zu sich und schob seine Hände unter das Handtuch. Kichernd wehrte ich mich.

„Nein…das geht jetzt nicht…Ich muss heute ein paar Sachen erledigen und ich hab schon geduscht…“

Er vergrub seine Nase in meinen Haaren und ließ mich nicht los.

„Ahhh…du riechst so gut…ist doch egal…duschen wir eben noch einmal gemeinsam…“, murmelte er in meinen Hals.

„Geh Markus…das geht nicht… ich muss um neun bei meiner Tante sein, du weißt doch die Dauerwelle…“

Einerseits war ich froh meiner Verwandtschaft die Haare machen zu können, das war eine tolle Zusatzeinnahmequelle und bei meinem gestressten Budget sehr hilfreich, aber ich wäre wirklich lieber wieder mit ihm ins Bett gegangen. Fast klappte es auch. Das Handtuch nahm er mir schon erfolgreich weg, ich schmiegte mich an seinen nackten Körper, aber als er mich schon auf sich ziehen wollte, sprang ich schnell aus dem Bett.

„Du bist echt unersättlich…“, mahnte ich ihn gespielt und schnappte mir sein Shirt neben dem Bett in das ich schnell schlüpfte.

Er zog sich die Decke über den Kopf und seufzte laut.

„Los ab unter die Dusche mit dir, ich mach Frühstück“, befahl ich und kitzelte ihn am Zeh.

„Ich kann so nicht aufstehen, ich muss erst das Zelt unter der Decke wieder abbauen.“

Schnell zog ich ihm die Decke weg.

„Du bist so ein Blödmann…“, lachte ich und hopste in die Küche.

Ich war so gut drauf, so glücklich und ausgelassen. Alle Sorgen und Probleme der vergangenen Monate waren ganz weit weg. Markus konnte sein Zelt scheinbar erfolgreich abbauen, ich hörte das Wasser in der Dusche laufen und ihn ein Liedchen pfeifen. Ich machte das Radio an und kochte Kaffee. Gerade als ich in den Kühlschrank schaute, traf mich fast der Schlag.

„Guten Morgen.“

Ich drehte mich langsam um. Hinter mir stand ein geschätzt fünfundvierzig Jähriger dunkelhaariger Mann im Anzug und sah mich befremdlich an. Er schien genauso überrascht über meine Anwesenheit in diesem Haus zu sein, wie ich über seine. Immer noch erschrocken fiel mir ein, dass ich lediglich Markus Shirt trug, ich war mir nicht sicher wieviel man von meinem nackten Unterleib sehen konnte. Verlegen zupfte ich am T-Shirt und war bestimmt dunkelrot im Gesicht.

„Guten Morgen…“, stammelte ich und konnte ihn vor lauter Scham gar nicht ansehen.

„Und sie sind?“, fuhr er fort.

„Teresa…Teresa Lorenz.“

Plötzlich hörte ich Markus durch den Flur kommen, was mich ziemlich erleichterte.

„Papa?“

Er stand in ein Handtuch gewickelt in der Tür, zum Frottieren seiner Haare hatte er wohl keine Zeit, denn ihm tropfte das Wasser vom Kopf. Schnell nutzte ich die Chance und lief aus der Küche, vorbei an Markus, der auch ziemlich überrascht aussah. Ich verschwand in seinem Zimmer und zog mich an. Draußen hörte ich Markus Vater reden. Erfreut meine Bekanntschaft gemacht zu haben schien er nicht. Sein Ton Markus gegenüber klang eher vorwurfsvoll, aber er sprach leise, also konnte ich nicht wirklich etwas verstehen. Er hatte scheinbar irgendwelche Unterlagen vergessen und war deshalb gekommen. Schnell packte ich meine Sachen zusammen und ging etwas nervös aus dem Zimmer. Wieder sah mich Herr Strasser sehr musternd an. Ich ging zu ihm und reichte ihm höflich die Hand.

„Entschuldigung. Teresa Lorenz.“

Ich lächelte freundlich, seine Miene blieb allerdings eisig. Irgendwie kam er mir bekannt vor. Ich überlegte kurz, aber es fiel mir nicht ein. Er war ein großer Mann mit furchteinflößendem Blick. Das gute Aussehen hatte Markus zwar von ihm geerbt, seine Art aber zum Glück nicht.

„Ich geh jetzt besser“, sagte ich zu Markus, der nichts zu entgegnen wusste und nur nickte.

Wieder fielen mir die abfälligen Blicke seines Vaters auf, als ich das Haus verließ. Das sollte der letzte Besuch in Ferienhaus der Familie Strasser gewesen sein. Danach änderte sich ganz schlagartig alles.

„Ich kann das nicht…“, sage ich für mich selbst und starte den Motor.

Gerade als ich wenden will erscheint auf einmal Markus im Rückspiegel. So wie es aussieht kommt er gerade vom See. Er quält sich sehr mühsam den Berg herauf, sein Knie scheint ordentlich wehzutun. Ich reibe mir die Stirn.

„Scheiße…“, murmle ich für mich selbst.

Da steht er auch schon neben dem Wagen und klopft an die Scheibe. Ich atme durch und öffne sie.

„Du fährst aber nicht schon wieder, oder?“

„Eigentlich schon…“, entgegne ich.

„Wolltest du zu mir?“

Ich verdrehe die Augen. Viele Möglichkeiten gibt es in dieser Richtung ja nicht.

„Steig ein, du kannst ja kaum gehen, glaubst du wirklich was du machst hilft deinem Knie?“

Er sieht mich überrascht an, vermutlich wegen meinem vorwurfsvollen Ton. Ja…so ist das nun einmal, ich bin nicht mehr die lockere Resi von vor sechs Jahren. Ohne Widerworte steigt er ein.

„Hi“, lächelt er mich an.

„Hi“, erwidere ich, auch ein bisschen lächelnd.

Ich fahre die letzten fünfhundert Meter zum Haus hoch, ich sage nichts, er auch nicht. Wir steigen aus, er lässt mich höflich voraus ins Haus gehen. Kurz fühlt es sich an, als würde man mir den Boden unter den Füßen wegziehen. Alle Erinnerungen schießen unkontrolliert durch meinen Kopf und Körper, ich bin knapp davor schreiend davon zu laufen, doch da schließt er auch schon die Tür hinter mir. Wie durch einen Sog zieht es mich in die Vergangenheit. Ich versuche mich zu beruhigen. Meine Hände sind eiskalt und zittern. Wie versteinert stehe ich da. Markus geht an mir vorbei und sieht mich an.

„Alles ok?“, fragt er mich besorgt.

„Hast du bitte ein Glas Wasser für mich“, antworte ich leise.

„Natürlich.“

Ich folge ihm in die Küche, hier hat sich nicht viel verändert. Er gießt das Wasser ein und reicht es mir, ich nippe daran und versuche ruhig zu werden. Ich habe das Gefühl mein Hals schwillt zu und ich werde gleich ersticken. Kurz muss ich mich an der Küchenzeile abstützen. Ich kann das nicht.

„Was hast du denn Teresa?“

Er kommt zu mir und stützt mich, jetzt ist es aus, ich kann das einfach nicht, seine Berührung, das ist zu viel. Schnell löse ich mich von ihm und laufe aus der Küche nach draußen zu meinem Auto. Ich stütze mich mit beiden Händen daran ab und versuche wieder Luft zu bekommen.

„Teresa!“, ruft mir Markus nach.

Ich drehe mich zu ihm und atme panisch ein und aus. Sternchen flimmern vor meinen Augen. Ich rede mir leise vor nicht durchzudrehen. Scheint nur schwach zu helfen.

„Ich habe meine Tasche vergessen…“, stammle ich.

Er bleibt hinter mir stehen. „Welche Tasche denn?“

Ich lächle ihn mühselig an. „Ich soll dir doch die Haare schneiden.“

Langsam beruhige ich mich wieder. Jetzt bin ich hier und werde das durchziehen. Es ist längst überfällig. Zuerst schaut er mich ungläubig an, aber als ich meine Tasche aus dem Auto nehme lächelt er auch. Wir gehen wieder hinein. Ich nehme noch einen Schluck vom Wasser, es geht schon wieder. Zumindest rede ich mir das ein.

„Magst du einen Kaffee, oder vielleicht einen Tee?“, fragt er mich, immer noch besorgt wirkend.

„Kaffee. Bitte.“

Er schaltet die Nespresso Maschine ein und ich suche mir eine Kapsel aus. Er macht die zwei Kaffee inzwischen ich meine Sachen auspacke. Mal sehen ob ich das mit den zittrigen Händen hinbekomme. Ich nehme einen großen Schluck vom Kaffee, die Milch hat er schon hineingetan, er kann sich scheinbar noch sehr genau daran erinnern wie ich meinen Kaffee trinke.

„Sollen wir nicht vorher reden?“, fragt er mich auf meine Schere sehend.

„Wenn ich dir alles gesagt habe was ich mir vorgenommen habe, kann ich keine Schere mehr in die Hand nehmen“, sage ich leise aber bestimmt.

Er sieht mich mit großen Augen an, vermutlich hat er Angst ich steche ihn mit meiner Schere ab. Dennoch nimmt er am Stuhl Platz und ich lege ihm den Frisierumhang um. Jetzt sitzt er mit dem Rücken zu mir da, ich schließe kurz meine Augen und sammle mich. Er dreht sich vorsichtig um und sieht mich an.

„Wie soll ich denn schneiden?“

„Du weißt schon wie“, entgegnet er leicht verunsichert und dreht sich wieder nach vorne.

Ich streiche durch seine Haare über seinen Nacken bis zu seinen Schultern. So wie ich es immer tue. Die Haare sind noch feucht vom Schwimmen. Mein Herz klopft und mir wird heiß. Ich bin froh, dass er sich nicht mehr umdreht und nicht sehen kann wie es mir geht. Darum nehme ich schnell meine Schere und meinen Kamm in die Hand und beginne. Wir reden nicht und das ist gut so. Ich reiße mich zusammen und nach etwa zwanzig Minuten bin ich fertig. Noch einmal streiche ich durch seine Haare.

„Fertig.“

Ich nehme ihm den Frisierumhang ab.

„Danke Teresa.“

„Schon gut. Bringst du mir bitte einen Besen, oder Staubsauger damit ich die Haare wegputzen kann?“

Er schüttelt den Kopf, gerade als mein Handy klingelt. „Ich mach das schon.“

Ich nehme es aus der Tasche. Es ist meine Mama. Hoffentlich hatte Maxi nicht noch einen Unfall. Ich signalisiere Markus, dass ich da kurz rangehen muss und gehe durch die Terrassentür die ich hinter mir zuziehe nach draußen.

„Mama?“, frage ich besorgt.

„Hallo Resi, entschuldige. Ich wollte nur fragen ob der Maxi so eine Serie anschauen darf?“

„Ach so…ja was denn?“

„Warte ich gebe ihn dir.“

„Mama….Darf ich Feuerwehrmann Sam schauen?“

Ich schaue nach drinnen, Markus hat gerade den Staubsauger angemacht.

„Sicher mein Bärchen, aber nicht zu lange.“

„Die Oma macht Palatschinken…tschüss Mama…“

Und schon ist er wieder weg, dafür ist Mama wieder dran.

„Wir haben alles im Griff, keine Sorge, mach dir einen schönen Abend“, sagt sie schnell.

„Ja ich weiß, ich bin nicht lange weg. Palatschinken?“, frage ich lächelnd.

„Hast du doch auch immer so gerne gegessen“, antwortet sie sanft.

„Mhmmm….Danke Mama, bis später.“

Dann lege ich auf. Markus kämpft noch immer mit dem Sauger. Ich gehe wieder hinein, er stellt das Gerät zur Seite.

„Was Wichtiges?“, meint er und putzt sich die Hände am Hosenboden ab.

„Schon.“

Ich lehne mich an den Küchenschrank und lege das Handy neben mich. Die Haare sehen gut aus. Er sieht gut aus. Scheiße. Ich atme vorsichtig durch. Nur nicht zu tief atmen, sonst werde ich wieder panisch.

„Weißt du eigentlich wie ich mich gefühlt habe? Weißt du das?“, sage ich leise, aber sehr eindringlich und vorwurfsvoll.

Er schluckt und wechselt die Farbe. Ja…dafür kannst du dich ruhig schämen denke ich mir. In mir baut sich ein ungutes Gefühl auf.

Als ich dieses Haus nach dem Zusammenstoß mit seinem Vater nämlich so fluchtartig verließ, änderte sich alles. Markus musste natürlich sofort mit nach Graz zum Training, sein Vater war sehr angepisst über die Tatsache, dass er wegen einer Frau schwänzte. Ich bemerkte gleich, dass mich Herr Strasser nicht besonders schätzte. Eine halbnackte Frisörin, noch dazu merklich älter als sein Sohn, das passte ihm augenscheinlich gar nicht. Noch dazu, wenn sie ihn vom Training abhielt. Markus erzählte mir abends am Telefon, dass er im Moment nicht mehr so oft kommen wird, und meinte es werde schon einen anderen Weg geben damit wir uns weiter sehen können. Ich verstand die ganze Aufregung eigentlich gar nicht. Ich wollte nur mit ihm zusammen sein, sonst nichts.

„Wir können uns doch auch in Graz treffen, oder du kommst zu mir nach Hause. Ist doch ganz egal“, beruhigte ich ihn.

„Ja…sicher…Papa ist aber ziemlich angefressen, weil ich die letzten Wochen so oft nicht beim Training war“, stammelte er.

Ich wurde unsicher.

„Ist es weil ich älter als du bin?“, fragte ich vorsichtig.

Es war kurz still, zu gerne hätte ich ihm bei dieser Frage in die Augen geschaut und nicht telefoniert.

„Nein, das ist es nicht. Wir werden schon eine Lösung finden. Die Woche muss ich aber mal fix jeden Tag trainieren. Ich ruf dich an, ok?“

Ich seufzte weil ich schon nach ein paar Stunden vermisste und richtig verabschieden konnte ich mich auch nicht von ihm. Er hielt sein Versprechen und rief mich täglich an. Eine Woche lang. Dann wurde es mir zu viel. Ich wollte ihn einfach sehen, sein Vater war mir egal. Sollte er sich doch aufregen. Also machte ich mich an meinem freien Montag auf und fuhr in die Stadt um ihn zu überraschen. Ich beschloss ihn vom Training abzuholen. Das war echt ein Liebesbeweis, denn ich hasste es in der Stadt zu fahren. Besonders um kurz nach vier, wo sich der Verkehr in jeder Gasse stopfte. Wie durch ein Wunder schaffte ich es etwas vor fünf einen Parkplatz in der Straße vor der Schwimmhalle zu finden. Ich wartete ein bisschen und als ich einige Leute heraus kommen sah, wusste ich auch Markus wird gleich kommen. Ich freute mich so ihn endlich wieder zu sehen. Und er kam auch. Sehr locker und gelöst schlenderte er die Stufen herunter, Hand in Hand mit einem rothaarigen Mädchen. Sie lachten und waren sehr vertraut miteinander. Mir blieb das Herz stehen. Ich saß wie eingefroren da. Sie war vielleicht sechzehn oder siebzehn, auf jeden Fall jünger als er. Und jünger als ich. Viel jünger. Meine Hände begannen zu zittern, ich wollte schon aus dem Auto springen und ihn zur Rede stellen, doch da küssten sie sich auch noch. Das war zu viel. Mein Herz klopfte, nein es raste, ich schloss kurz meine Augen um sie wieder schnell zu öffnen, ich hoffte mich verschaut zu haben. Doch das Bild das sich mir offenbarte änderte sich nicht. Irgendwann verschwanden sie aus meinem Blickfeld und ich spürte wie mir langsam Tränen über die Wangen rollten. Ich war wie versteinert. Keine Ahnung wie lang, aber ich saß im Wagen und konnte mich nicht rühren. Niemals hätte ich ihm so etwas zugetraut. Niemals. Ich habe keine Erinnerung mehr daran, wie ich es schaffte nach Hause zu fahren. Alle möglichen Ausreden legte ich mir parat, die das Auftauchen mit diesem Mädchen erklären hätten können. Ich wollte es nicht glauben, ich konnte es einfach nicht glauben. Anrufen konnte ich ihn auch nicht. Ich hätte kein Wort herausgebracht. Er rief mich auch nicht an. Nicht am Montag und auch nicht am Dienstag. Mittwoch meldete er sich dann. Ich hatte mich zwar ein wenig gefangen, trotzdem konnte ich kaum sprechen.

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