Kitabı oxu: «Der schottische Lord»

Şrift:

Kerstin Teschnigg

Der schottische Lord

Kein Himmel ohne dich - Erzählt von Lord Tavis Stewart

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3 – 20 Jahre später

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Epilog – 5 Jahre später

Danke…

Impressum neobooks

Prolog

Ich stehe nur da und sehe sie an. Mir fehlt die Fähigkeit zu sprechen oder auch nur irgendetwas zu tun. Sie wird gehen und nicht mehr zurückkommen. Peter hängt weinend an ihrem Bein. Ich fühle nichts. Da ist nur Leere in meinem Kopf. Vater steht abseits. Sein Blick ist gesenkt, auch er sagt nichts. Nichts mehr. Es wurde alles gesagt. Oft und laut. Lords gehören hierher. Nicht nach Amerika. Sie wachsen dort auf wo sie geboren wurden und werden nach Jahrhunderte alt bewehrtem schottischem Vorbild erzogen. Das sagt mein Vater. Er ist der Lord. Sein Wort steht über allen und allem. Mum streicht über meine Wange. Ich weiche zurück. Weil ich wütend bin. Weil ich es nicht akzeptieren will. Weil ich sie nicht verstehe.

„Ihr kommt mich ganz bald besuchen und ich rufe jeden Tag an“, lächelt sie mild, was mit ihren tränengefüllten Augen lächerlich und unglaubwürdig ist und trotzdem wirkt ihre Stimme warm und weich wie immer.

Ich bin alt genug um zu verstehen, dass ihre Versprechen nichts als hohle Worte sind. Warum geht sie überhaupt? Was fehlt ihr denn hier? Hier bei uns? Ich verstehe es nicht. Wir sind hier – Ihre Familie. Was hat dieser andere Mann was wir nicht haben? Darum wende ich mehr wütend als enttäuscht meinen Blick von ihr ab und sehe zu Vater. Er kommt auf mich zu und legt schützend seine Hände auf meine Schultern. Ich richte meine für einen Moment zusammengefallene Haltung auf. Lords. Wir sind Lords. Ich darf nicht einknicken. Peter weint immer noch. Sie umarmt ihn noch einmal und küsst mehrfach seine Wange. Dann verlässt sie das Haus mit unserem Verwalter James der sie zum Flughafen bringt. Vater verstärkt den Druck seiner Hände. Peter läuft davon, Eliza unsere Haushälterin stoppt ihn im letzten Moment bevor er aus dem Haus kann ab und hält ihn fest. Er lässt sich schmerzerfüllt in ihre Arme sinken, sie streicht liebevoll über seinen Rücken und flüstert etwas in sein Ohr. Das Weinen wirs leiser.

„Wir sind Stewarts.“ Vater nickt eindringlich mit ernster Stimme. „Du bist ein Stewart. Wenn sie gehen will, dann muss sie gehen“, sagt er ruhig.

Ich erwidere sein Nicken und senke meinen Blick. Wenn sie gehen will, dann muss sie gehen.

Kapitel 1

„Hat Kendra angerufen?“, frage ich Eliza und schnappe mir gleichzeitig meine Tasche mit der Sportausrüstung.

Sie reicht mir meine Jacke und schüttelt den Kopf. „Nein, heute nicht. Soll ich etwas ausrichten falls sie sich noch meldet?“

„Nein…Also ja…Ich rufe sie zurück, das kannst du ihr sagen.“

Sie nickt und lächelt mild. „Los jetzt, sonst kommst du noch zu spät. Bist du auch sicher, dass du fit bist? Deine Nase ist immer noch ganz rot von der Erkältung.“ Sie streicht über meine Wange. Wenn das keiner sieht, so wie jetzt gerade, finde ich es gut. Sie kümmert sich immer, aber ich bin erwachsen, sie muss mich nicht bemuttern, nur weil ich keine Mutter habe. Ich schließe kurz meine Augen. Keine Mutter. Ja…Natürlich habe ich eine Mutter, aber sie ist für mich nur noch eine Erinnerung. Sie ging mit einem anderen Mann weg und ließ alles hinter sich. Es macht mich wütend an sie zu denken, darum verdränge ich es schnell wieder und laufe durch den strömenden Regen nach draußen. Scheißwetter. Es regnet seit Tagen, dazu die Erkältung die mich nicht loslässt und Kendra die auch nichts von sich hören lässt. Scheißwetter – Scheißtag. James fährt mich zum Fechttraining. Ich fühle mich wirklich noch immer nicht richtig gut, aber ich muss heute hin um mich für den Kampf in zwei Wochen vorzubereiten. Im Moment bin ich wettkampfmäßig echt gut drauf und will unbedingt vorne dabei sein, das Training heute auszulassen ist also keine Option.

„Dein Vater holt dich ab, er hat etwas Geschäftliches in der Nähe zu tun“, meint James noch bevor ich aussteige was ich nickend zur Kenntnis nehme. Auch wenn es nur ein paar Meter bis zur Fechthalle sind, bin ich ziemlich durchnässt als ich durch die schwere Drehtür trete. Ich komme gerade noch rechtzeitig zur Auslosung meines Partners, heute bin ich echt spät dran.

„Tavis Stewart und Elliot Dunn“, höre ich unseren Trainer ausrufen. Toll. Ich mag ihn nicht. So ganz und gar nicht. Er ist ein kleiner wichtiger Schleimer. Oberflächlich, versessen auf Markenklamotten, schnelle Autos und Barbiepuppen Tussen. Ihn zu schlagen dürfte kein Problem werden, das nehme ich mir fest vor, Erkältung hin oder her. Er ist ein Gegner zum fertig machen. Vor dem Kampf haben wir wie immer Technik Training. Nach einer guten Stunde wird mir klar, dass dieser Kampf nicht so einfach wird wie ich es mir vorhin noch gedacht habe. Ich in jetzt schon erschöpft und meine Nase rinnt ständig, was unter der Maske die Hölle ist. Der Schweiß rinnt unbarmherzig meinen Rücken hinunter, ich kann mich nicht erinnern mich schon einmal so mies vor einem Kampf gefühlt zu haben. Meine Konzentration lässt auch zu wünschen übrig. Außerdem denke ich die ganze Zeit nach, warum sich Kendra seit dem Wochenende nicht gemeldet hat. Vielleicht habe ich etwas Falsches gesagt oder getan? Es ist nicht ihre Art sich nicht zu melden. Normalerweise ruft sie mindestens einmal täglich an. Freitag war noch alles wie immer. Sie hat bei mir übernachtet, die Erinnerung daran bringt mich zum Lächeln, alles war wie immer. Zumindest fällt mir kein Grund ein warum ich seither nichts mehr von ihr gehört habe.

„Stewart, worauf wartest du?“ Mein Trainer schüttelt genervt den Kopf. Ja…Ich bin unkonzentriert. Fuck. Vater hat mich gewarnt. „Bist du sicher, dass eine fixe Freundin dich nicht zu sehr von deinen Plänen ablenkt? Versteh mich nicht falsch, sie ist ein sehr hübsches und höfliches Mädchen, aber du hast doch noch Zeit und viel vor die nächsten Jahre.“ Irgendwie hat er ja auch recht, aber ich mag Kendra wirklich. Ja…Sogar mehr als ich anfangs erwartet hätte. Trotzdem: Ich muss mich konzentrieren. Genau jetzt. Darum reiße ich mich zusammen und stelle mich auf meinen Platz. Ich werde Dunn schlagen, ich werde einfach alles geben, dann ist es schnell vorbei und ich kann mich wieder hinlegen. Ich atme durch. Genau, aber zuvor muss ich Kendra erreichen, irgendwie baut sich ein ungutes Gefühl in mir auf. Wir sind jetzt seit ziemlich genau zwei Monaten zusammen. Sie ist toll. Hübsch und gebildet, tadellos erzogen und aus gutem Haus. Perfekt also. Wir lernten uns über einen gemeinsamen Freund kennen. Der gab am Samstag eine Party. Ich wollte so gerne mit ihr gemeinsam hingehen, aber dann lag ich mit Fieber flach. Womöglich ist sie deswegen beleidigt? Aber sie meinte es mache ihr nichts aus allein hinzugehen.

„Bist du soweit Stewart, oder willst du Tee trinken und plaudern?“, macht mich Dunn von der Seite an.

„Ich war schon bereit, da hast du noch in die Windeln geschissen“, fahre ich zurück. Er grinst und zieht sich seine Maske übers Gesicht. Normalerweise bin ich ihm weit überlegen, heute kostet mich jeder Schlag so viel Kraft, dass ich am liebsten alles hinschmeißen würde. Er erweist sich als ungewöhnlich zäh, ich konzentriere mich, der Schweiß rinnt in meinen Nacken und sucht sich seinen Weg den Rücken hinunter. Meine verstopfte Nase lässt mich kaum Luft bekommen, ich kämpfe im wahrsten Sinne des Wortes um mein Leben was meinem Gegner nicht zu entgehen scheint und ihn förmlich zu Höchstform auflaufen lässt. Ich atme durch und gebe noch einmal alles und gewinne um Haaresbreite. Diese Maske muss runter, sonst ersticke ich. Ich nehme sie ab und ziehe die Fechtjacke aus, weil mir so heiß ist. Erschöpft schnappe ich nach Luft. Dunn gibt mir nur widerwillig die Hand, aber es ist mir egal, Hauptsache es ist vorbei. Selbst wenn ich gewonnen habe, es war eine schwache Darstellung meiner selbst, darum bin ich nicht besonders stolz auf mich. Ich will einfach nur unter die Dusche und nach Hause. Ich gehe in den Mannschaftsraum, als er plötzlich hinter mir steht.

„Was willst du denn? Hast du noch nicht genug?“, frage ich patzig, auch wenn ich selbst schon mehr als genug habe.

„Bildest du dir jetzt etwas auf diesen Kampf ein? Du warst mies Stewart“, schüttelt er den Kopf.

„Trotzdem besser als du“, sage ich mit gemeinem Unterton. Mieser Schisser.

Er grinst und fährt sich durch seine blonde Haarpracht, auf die er wie es aussieht sehr viel Wert legt.

„Ja…Den Kampf habe ich vielleicht verloren, aber andere Trophäen sind mir sowieso lieber, vor allem wenn es ganz leicht ist sie zu erobern.“

„Was willst du Dunn? Ich habe keine Lust mit dir zu reden“, entgegne ich genervt.

„Kendra. Meine Trophäe ist Kendra.“ Seine Worte sind trocken, aber er grinst immer noch.

Ich sehe ihn vermutlich entsetzt an. Das ungute Gefühl ist wieder da. Es brennt seltsam in meinem Hals. „Was ist mit Kendra?“

Er lehnt sich an den Spinnt und nickt triumphierend. „Letzten Samstag. Auf der Party. Sie ist wirklich besonders. Ja…Und sie ist wesentlich einfacher zu haben als ich dachte. War gut…Aber keine Sorge…Ich will sie nicht nochmal. Einmal reicht mir.“ Er zuckt mit seiner rechten Augenbraue. „Du kannst sie gerne behalten.“

Mir reißt es den Boden unter den Füßen weg. Er lügt. Dieses Arschloch lügt! In meiner Stirn pocht es plötzlich. „Verschwinde und hör auf so über sie zu reden! So ist sie nicht! Was ist nur los mit dir? Kannst du nicht verlieren oder was und musst darum so einen Mist erzählen?“

„Verlieren? Doch das kann ich schon…Aber du nicht wie es scheint…“ Er beugt sich ein Stück zu mir. „Ich sage nur: Muttermal – rechts unter dem Nabel. Sehr weit unter dem Nabel.“ Dann dreht er sich um und will gehen, doch dazu kommt es nicht. Ich schnappe wutentbrannt nach Luft. Warum? Was?! Ohne nachzudenken und völlig außer mir schnappe ich mir meinen Degen. Ich kann nicht denken, alles dreht sich. Dieses Muttermal kann er nur kennen, wenn er sie nackt gesehen hat. Es ist an einer Stelle, die man nicht einfach mal so sieht. Ich bin außer mir und fühle mich plötzlich stark wie seit Tagen nicht mehr.

„Los! Zeig mir wie gut du kämpfst du Arschloch!“, brülle ich ihn an.

Er grinst wieder, fast als wolle er mich noch lächerlicher machen, doch dann schnappt er sich ebenfalls seinen Degen.

„Ach du willst ein Duell um die edle Lady Kendra?! Sehr gerne…Wirklich sehr gerne“, lacht er auf. Ein Kampf der schnell völlig außer Rand und Band gerät beginnt. Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden was ohne Schutzbekleidung passieren kann setze ich wutentbrannt und voller Eifersucht einen Schlag nach dem anderen. Ein paar Kollegen wollen uns abhalten, aber ich bin so in Rage, dass ich nichts und niemanden mehr richtig wahrnehme. Ich werde nur noch aggressiver. Jeder Blick in seine Scheißfresse stachelt mich weiter an. Alles geht so schnell, ich fühle mich als wäre ich nicht mehr in meinem Körper. Ich spüre nur Wut und Hass, was mit jedem Schlag weiter aus mir brodelt. Ein brennender Schmerz auf meiner Brust lässt mich kurz innehalten. Er hat mich erwischt. Ich greife hin und sehe auf meine blutige Hand. Mein Blick verengt sich, ich hebe meinen Degen an. Er grinst immer noch. Dieses dreckige Schwein, ich werde ihm zeigen was er davon hat. Jeder weitere Schlag sitzt, auch wenn ich nicht nachdenke. Ich sehe nur noch Kendra. Wie sie lächelt. Wie sie mich küsst. Wie schön sie ist. Warum? Scheiße Warum? Sie gehört doch mir…Ich liebe sie…Alles dreht sich. Ich gehe zu Boden. Dunn sinkt ebenfalls nieder. Alles ist voller Blut. Mir ist schlecht. Jemand reißt mir den Degen aus der Hand. Es ist laut. Mein Trainer schreit. Alles klingt dumpf. Ich höre nur noch Notarzt…Rettungswagen…Hilfe…Dann verliere ich die Besinnung.

Bericht in einer schottischen Lokalzeitung:

Gestern Nachmittag ereignete sich ein schwerer Fechtunfall in der städtischen Sporthalle. Zwei junge Männer lieferten sich aus noch ungeklärter Ursache ein folgenschweres Duell ohne ausreichende Schutzausrüstung. Einer der beiden Männer erlag noch am Unfallort seinen schweren Verletzungen, der andere wurde mit lebensbedrohlichen Läsionen ins örtliche Krankenhaus gebracht. Nähere Details zum tragischen Unglück sind bislang nicht bekannt.

Kapitel 2

Der Prozess ist vorbei. Ich sollte erleichtert sein, doch ich weiß, dass die richtigen Probleme jetzt erst anfangen. Ich folge Vater ins Haus. Er hat seit Tagen nicht mit mir gesprochen, doch ich fürchte, heute wird er es tun. Der Kragen von meinem Hemd reibt fürchterlich an der noch immer nicht ordentlichen verheilten Narbe am Hals. Sie nässt und tut weh, auch wenn ich mich nur selten im Spiegel betrachte weiß ich, dass ich nun auch von außen für jedermann sichtbar das Monster bin das in mir schlummert. Ich löse die Krawatte, im Salon bleibt Vater vor mir stehen und sieht mich enttäuscht an. So ist das jetzt seit Wochen. Diese vorwurfsvollen Blicke seit dem Mittwochnachmittag der alles veränderte. Der Nachmittag der eine Seite in mir entfachte, die ich bislang nicht kannte. Der Nachmittag der einen Mörder aus mir machte. Unwiderruflich.

„Setz dich“, sagt er streng.

Ich befolge wortlos seine Anweisung, er stellt sich einschüchternd vor mich.

„Danke, dass du…“, fange ich an zu stottern, doch er schüttelt mahnend den Kopf und hebt die Hand.

„Wofür willst du dich bedanken? Wofür?“, seine Stimme ist laut, ich senke meinen Blick. „Schau mich an!“, fährt er mich dicht an meinem Gesicht an.

Ich halte die Luft an und sehe wieder auf. Auch wenn ich bisher niemals Angst vor meinem Vater hatte, es war in all den Jahren nicht nötig, jetzt spüre ich seine respekteinflößende Art in jeder Faser meines Körpers.

„Es hat mich ein Vermögen gekostet dich da rauszubekommen und damit meine ich nicht nur den Prozess. Aber darum geht es nicht, das Geld ist mir egal. Weißt du eigentlich was du der Familie von dem Burschen angetan hast? Sie haben einen Sohn verloren! Verdammt du hast den unschuldigen Sohn einer noch unschuldigeren Familie abgestochen! Du hast einen Menschen umgebracht! Aus Eifersucht, einfach so! Wegen einem Mädchen, dass du nicht einmal richtig kennst. Weißt du was du für ein Glück hast freigesprochen worden zu sein? Sonst würdest du jetzt im Gefängnis sitzen! Willst du das? Eingebuchtet, Tür an Tür mit Verbrechern?“

Ich zucke mit den Schultern. „Vielleicht wäre das besser…Ich…“

Wieder lässt er mich nicht weitersprechen. „Besser? BESSER!? Tavis! Willst du wegen einer Frau dein Leben wegschmeißen? Habe ich dir denn gar nichts beigebracht?“ Er schlägt unerwartet fest auf den Tisch, ich zucke zusammen. „Du hast doch alles! Oder nicht? Was fehlt dir?! Auf dieser Insel gibt es reihenweise Mädchen die den Boden auf dem du gehst küssen würden. Ach was rede ich, du kannst jede haben, egal woher, aber du hast nichts Besseres zu tun als ein Duell herausfordern! Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter!“

„Nichts. Mir fehlt nichts“, stammle ich kleinlaut. „Aber ich liebe sie…“

„Liebe?! Bist du übergeschnappt? Ein Mensch ist tot! Muss ich mir jetzt Sorgen machen, dass du gleich den nächsten niederstichst der dir in die Quere kommt? Du weißt doch gar nicht was Liebe ist.“ Er schüttelt ungläubig den Kopf.

„Ich wollte das nicht…Alles was ich bei Gericht gesagt habe stimmt. Es ist einfach passiert und ich weiß nicht einmal wie.“

Vater lässt sich nach Luft schnappend auf einen Stuhl sinken. „Du musst hier weg. Weit weg. Du brauchst Abstand. Ich will, dass du dich um deine Ausbildung kümmerst. London kannst du vergessen, dein Studienplatz dort ist kein Thema mehr, das ist dir hoffentlich klar. Du wirst in ganz Schottland und England keinen vernünftigen Ausbildungsplatz mehr bekommen.“

„Dann suche ich mir eben eine Arbeit…“, murmle ich.

Er beugt sich zu mir und schüttelt den Kopf. Seine Stimme ist wieder ruhig, auch wenn seine Körperhaltung signalisiert wie aufgebracht er immer noch ist. „Mein Gott Tavis…Du wirst hier der nächste Lord, ist dir das denn immer noch nicht bewusst? Was willst du machen? Als Stallbursche anheuern, oder in irgendeinem Büro Steuererklärungen machen?“

Seine Stimme ist leise und bedrohlich. Der nächste Lord. Ich bin kein Lord. Ich bin ein Mörder.

„Peter ist der nächste Lord. Nicht ich“, flüstere ich.

Er lehnt sich zurück und sieht mich lange wortlos an. Dann reibt er sich die Stirn. „Du bist der Erstgeborene. DU. Dafür wurdest du erzogen und ich werde alles tun damit es so ist. Mit ein bisschen Abstand und Zeit werden sich die Wogen wieder glätten.“

„Ich enttäusche dich doch nur“, entgegne ich und habe Angst vor seiner Reaktion, doch er bleibt weiterhin ruhig.

„Du wirst nach Amerika gehen, zu deiner Mutter. Dort interessiert deine Vorgeschichte niemanden. Ich habe schon mit ihr gesprochen. Du wirst studieren und alles tun um mich zufrieden zu stellen. Jeden einzelnen Tag wirst du kämpfen und mir zeigen, dass du es wert bist Lord zu sein. Keine Enttäuschungen mehr. Du hast es in der Hand.“

Ich sehe ihn entsetzt an. Amerika? Ich will da nicht hin und schon gar nicht zu meiner Mutter, aber sein Blick sagt mir, dass ich erst gar nicht versuchen brauche dagegen zu reden. Eigentlich ist es mir auch egal. Mein Leben ist nichts mehr wert. Dieses Gefühl jemanden auf dem Gewissen zu haben frisst mich täglich ein Stück weiter auf. Zeit und Abstand werden mir nicht helfen, so viel ist sicher.

„Geh jetzt auf dein Zimmer“, sagt er bestimmt und steht auf. „Und bis zu deiner Abreise hältst du dich auf dem Gut auf. Allein.“

Ich richte mich auf, als er mich am Arm packt. „Bis auf dieses eine Mal hast du mich nie enttäuscht. Nie. Du bist ein starker junger Mann, das warst du immer. Ich weiß, dass nicht immer alles einfach war. Für keinen von uns. Darum bin ich mir sicher, du wirst mich nicht noch einmal enttäuschen. Du hast von Emotionen getrieben gehandelt. Lerne diese Gefühle zu unterdrücken. Emotionen sind nichts für Männer und schon gar nichts für einen Lord.“ Er sieht mir tief in die Augen. „Du bist der Lord.“

Ich nicke wortlos. Keine Emotionen. Das Wort dreht sich seltsam in meinen Gehirnwindungen. Es brennt sich förmlich ein.

„Du bist der Lord Tavis!“, sagt er noch einmal lauter.

„Ja Vater. Ich weiß. Ich enttäusche dich nicht“, nicke ich mit gesenktem Blick.

In meinem Zimmer reiße ich mir das Hemd vom Oberkörper. Ich stelle mich vor den Spiegel und sehe mich an. Mit meinen dunklen Haaren und den blauen Augen sah ich bis vor kurzem noch ganz passabel aus. Jetzt bin ich ein Freak. Entstellt und wie es scheint zu allem fähig. Langsam fahre ich die Narbe von meiner Wange den Hals hinunter nach, dann die andere auf meiner Brust. Die rot entzündeten Striemen sehen aus wie aufgeplatzte Würste. Diese Narben werden mich immer daran erinnern was passiert ist. Jeden Tag für den Rest meines Lebens. Die Ärzte meinten es war pures Glück zu überleben, wäre der Hieb nur ein paar Zentimeter tiefer gesessen, wäre ich jetzt gleich wie Dunn tot. Ich schließe meine Augen und versuche ruhig zu atmen. Wäre vermutlich besser so. Vater hätte sich eine Menge Ärger erspart und Peter könnte das Gut übernehmen. Mit geschlossenen Augen atme ich tief durch. Ich weine nicht. Ich bin der Lord. Ein Lord ist stark. Ich bin stark. Ein leises Klopfen an meiner Tür lässt mich zusammenzucken.

„Tavis…Kendra ist am Telefon…Sie würde wirklich gerne mit dir sprechen glaube ich…“, sagt Eliza durch die geschlossene Tür. „Sie klingt schon ganz verzweifelt.“

Ich schüttle den Kopf. „Nein…Ich kann nicht mit ihr reden. Sag ihr irgendetwas…mir egal…“

„Ach Tavis…“, seufzt sie.

„Lass mich jetzt in Ruhe“, fahre ich etwas zu laut zurück, was mir gleich leidtut. Eliza ist die einzige in diesem Haus die mich nicht wie einen Mörder ansieht. Sie sieht mich aber auch nicht wie einen Lord an. Peter schaut sie ganz anders an. Wenn er in ihre Küche kommt, wird ihr Blick ganz warm und weich. Mich sieht hier keiner so an. Vermutlich hält sie mich für einen lächerlichen kleinen Wichser. Sie geht. Ich lasse mich auf mein Bett fallen. Auch wenn ich immer noch wütend auf Kendra bin, ich würde gerne mit ihr reden. Ich möchte verstehen warum alles so gekommen ist. Sie versucht mich seit Wochen zu sprechen. Doch ich bin der Meinung, sie ist ohne mich besser dran. Ich bin nicht zurechnungsfähig. Ich würde sie nicht glücklich machen. Und ich sehe aus wie ein Monster. Wer kann schon einen Typen der so entstellt ist lieben? Ich drehe mich zur Seite und atme durch. Amerika. Weg von hier. Selbst wenn es das Schlimmste ist, was ich mir vorstelle, so wird es doch das Beste sein. Lieber wäre ich ins Gefängnis gegangen als zu meiner Mutter und doch muss ich Vater beweisen, dass ich ihn nicht weiter enttäusche. Ich muss es einfach tun.

Kapitel 3 – 20 Jahre später

Ich richte mich auf, fahre mit den Händen durch meine Haare und greife nach meinem Hemd.

„Musst du schon gehen?“ Sie streicht über meinen Rücken.

„Ja. Muss ich“, sage ich ohne sie anzusehen. Es ist der Punkt erreicht an dem ich sie einfach nicht mehr ansehen kann. Ich schließe kurz meine Augen, dann drehe ich mich zu ihr. „Ich kann das nicht mehr…“

„Was?“ Sie richtet sich auf und verschränkt dabei ihr Arme vor der nackten Brust. „Was kannst du nicht?“

„Das hier“, entgegne ich schulterzuckend, mein Ton ist fast etwas zu lässig für diese Worte.

Sie zieht ihre Augenbrauen hoch und schüttelt den Kopf. „Du kannst mich nicht mehr vögeln? Aha. Das fällt dir also danach ein. Das ist dir in den letzten Wochen aber nicht schwergefallen, oder bilde ich mir das ein? Ein Fick im Auto, einer auf der Toilette vom Restaurant, einer zwischen den Mülltonnen der Brauerei und nicht zu vergessen fast jeden Freitag hier im Hotel. Und jetzt kannst du nicht mehr? Toll. Ganz toll. Lord Tavis.“

Das Lord Tavis betont sie außerordentlich. Ihre Ausdrucksweise ist in manchen Situationen zwar reizvoll, besonders wenn ich auf ihr liege, doch gerade widert es mich an. Ich atme durch. „Jess. Bitte. Mach kein Drama. Du wusstest, dass es nicht ewig so gehen wird. Wir vögeln nur, weiter nichts.“

Sie springt aus dem Bett und schnappt sich den Bademantel vom Sofa gegenüber. „Drama? Vor einer Stunde konnte es dir nicht schnell genug gehen mich flach zu legen und jetzt servierst du mich ab? Und nenn mich nicht Jess! Schon gar nicht, wenn du gerade Schluss machst“, keift sie.

„Bitte, dann eben Jessica. Reg dich nicht auf. Du bist doch sonst nicht so zimperlich. Zumindest war es ein ordentlicher Abschluss, war es doch, oder?“

Sie stemmt ihre Hände in die Hüften und stellt sich vor mich. „Du bist so ein mieses kleines Arschloch Stewart. Du machst gerade einen großen Fehler.“

„Fehler? Ich bin nicht sicher wo der Fehler liegt? Dass wir uns seit ein paar Monaten zum Vögeln treffen, oder daran, dass wir beide verheiratet sind und zwar nicht miteinander. Also ist es meiner Meinung nach gerade richtig unsere Aktivitäten zu beenden.“

Ihr Gesicht wird hochrot. „Ja…Weil Carter dir zu einem riesigen geschäftlichen Coup verholfen hat. Dank meiner Interventionen. Und jetzt wo du alles hast lässt du mich fallen.“

„Tja. So läuft das Geschäftsleben Baby. Dafür hatten wir doch ein paar tolle Stunden zusammen und ich müsste mich schon sehr täuschen, wenn es dir nicht auch gefallen hat.“ Ich schlüpfe in meine Hose, als sie wutentbrannt mit meinen Sachen nach mir zu werfen beginnt.

„Raus! RAUS! Das wirst du noch bereuen! Verschwinde!“, schreit sie so laut, dass sich ihre Stimme fast überschlägt. Keine Ahnung warum sie so durchdreht, es war vorhersehbar.

„Jess…Komm schon…Du wusstest, dass es nicht ewig so geht, ich habe dir keine Hoffnungen gemacht“, versuche ich sie etwas zu beruhigen. „Vögeln. Es ging nur ums vögeln.“

Sie hält inne, aber ihr Blick ist verengt und ihre Atmung geht stoßweise. „Glaubst du ich wollte mehr von dir?“ Sie schüttelt langsam den Kopf. „Du träumst wohl. Geh doch zu deiner Kendra so lange du sie noch hast. Du wirst sehen, eines Tages ist sie weg. Sieh dich doch an. Ja…Im Bett bist du vielleicht gut, aber sonst…Welche Frau außer sie will schon bei dir bleiben? Und sie bleibt auch nur aus einem Grund.“

Ich sehe sie angewidert an. „Halt die Klappe Jessica. Halt einfach deine Klappe.“

Ihr Mund verzieht sich zu einem gemeinen Grinser. „Mitleid. Sie hat Mitleid.“ Sie stößt einen höhnischen Lacher aus, dann verschwindet sie im Badezimmer und schlägt die Tür hinter sich zu. Ich ziehe mich an und verlasse das Hotelzimmer. Meine Stirn reibend warte ich auf den Aufzug. Ich bin froh, dass es vorbei ist. Die Affäre mit Jessica Slater hat sich eine Richtung entwickelt, die mir nicht mehr gefiel. Ja. Sex. Gelegentlich. Wenn es passte. Als Gegenleistung für ein gutes Geschäft. Ok. Mehr interessiert mich nicht. Ich bin verheiratet. Meine Frau ist mir wichtig. Alles andere ist nebensächlich. Ich steige in den Lift und sehe mich im Spiegel an. „Sieh dich doch an“, murmle ich und streiche meine Narbe halsabwärts. „Sieh dich doch an du blödes Arschloch...“

Es ist schon fast Mitternacht als ich zurück zum Castle komme. Ich will einfach nur unter die Dusche und dieses Miststück Slater hinter mir lassen. Im Salon ist wie nicht anders zu erwarten bereits alles dunkel. Ich gehe nach oben als plötzlich mein Bruder vor mir steht.

„Wo kommst du denn her?“, fragt er und sieht mich dabei musternd an.

„Lass mich zufrieden Peter“, murmle ich genervt.

Er schüttelt schmunzelnd den Kopf. „Zieh das Hemd aus, da ist Lippenstift am Kragen, sieht nicht nach Kendras Farbton aus. Sieht mehr nach schlampenrot aus.“

„Halts Maul“, fahre ich ihn an und gehe an ihm vorbei.

„Ich will dir nur Ärger ersparen“, sagt er noch, geht aber auch zu seinem Zimmer. Ich mache die Tür hinter mir zu. Ich drehe schon einmal die Dusche auf, während ich mich aus meinen Klamotten schäle. Auf den Lippenstiftfleck blickend zucke ich zusammen.

„Hi…Ich habe dich beim Abendessen vermisst…Ich dachte du kommst heute früher?“ Kendra steht in der halb geöffneten Tür und lächelt mich an. Dabei legt sie ihren Kopf fragend zu Seite, so als erwarte sie eine Erklärung von mir. Ich werfe das Hemd schnell zur Seite.

„Hi…Ja…Es ist etwas dazwischengekommen. Ein Termin.“ Etwas dazwischengekommen. Es ist eher so, dass ich zwischen die Beine einer anderen gekommen bin. Genau genommen eine Blondine mit fake Brüsten, die eigentlich so gar nicht mein Typ ist.

„Ach so…Sicher…Also dann…Gute Nacht.“ Sie lächelt immer noch. Es ist echt schäbig wie plausibel ich sie belügen kann und das mache ich heute nicht zum ersten Mal. Nein, ich mache es seit Jahren. Immer wieder. Jedes einzelne Mal, wenn ich eine andere gevögelt habe. Ich werde dabei weder rot, noch stockt meine Stimme. Meine Lügen sind Standard geworden. Sie gehen mir ganz einfach von den Lippen und doch fühle ich mich tief in meinem Innersten mies. Ich lächle sie an und diese Geste meine ich ganz und gar ehrlich, auch wenn sie sich schon umdreht um mein Zimmer zu verlassen.

„Gute Nacht. Aber wir frühstücken morgen gemeinsam, ich muss erst gegen zehn weg“, rufe ich ihr noch nach, was sie nickend zur Kenntnis nimmt. Ich steige unter die Dusche und lasse das heiße Wasser über meinen Kopf hinunterlaufen. Bis vor ein paar Stunden war Jess noch reizvoll. Ziemlich reizvoll sogar. Sie ist offensiv im Bett und dabei auch noch ganz schön einfallsreich. Keine Ahnung, aber heute war plötzlich alles anders. Kurz vor dem Höhepunkt fühlte es sich nicht mehr richtig an. Meine Hände auf ihrem unechten Busen und der Blick in ihre von der üppigen Schminke verschmierten Augen. Nein. Es fühlte sich scheiße an. Falsch. Ich stemme meine Hände an die kalte Fliesenwand und atme mit geschlossenen Augen durch. Nachdem ich mir endlos lange die Zähne geputzt habe, lasse ich mich ins Bett fallen. Wieder einmal bin ich froh, dass Kendra ihr eigenes Zimmer hat. Auch wenn es mir anfänglich falsch vorkam, jetzt macht es Sinn. Als sie vor ein paar Jahren aus dem Schlafzimmer auszog war ich gekränkt, aber sie meinte es hat nichts mit mir zu tun. Sie braucht einfach Ruhe, besondere Laken und es darf nicht zu kalt oder gar zu hell im Raum sein. Mir ist es fast immer zu warm, die Laken sind mir egal, Hauptsache nicht zu dick und ich lasse Vorhänge und Fenster lieber offen. Inzwischen bin ich froh darüber. Ich kann einfach nicht neben ihr liegen und ihr etwas vorheucheln. Es ist gut so wie es ist. Ich bin für sie da, wenn sie mich braucht. Ich werde immer für sie da sein. Erschöpft schließe ich meine Augen.

Kapitel 4

„Du siehst müde aus Tavis. Ich glaube du solltest dir einmal ein paar freie Tage gönnen. Wir könnten nach Edinburgh fahren und meine Tante besuchen, was meinst du?“ Kendra hält mir das Körbchen mit den Toasts vor die Nase. Selbst stochert sie in ihrem veganen Breizeugs, keine Ahnung was das genau ist. Jedenfalls sieht es ungenießbar aus und riecht auch so. Ich sehe nicht nur müde aus, sondern fühle mich auch total Scheiße. Urlaub…Ein paar freie Tage…Sie hat absolut keine Ahnung was ich den ganzen Tag mache. Naja…Zum Glück nicht. Alles will und soll sie gar nicht wissen und ich bin froh, dass es so ist. Auch wenn ich außerehelichen Sex habe, es ändert nichts zwischen uns. Sie ist meine Ehefrau und das wird immer so bleiben. Alles andere ist unwichtig und bedeutet nichts. Ich nehme meine Verpflichtungen sehr ernst. Es ist nicht nötig, dass sie sich um irgendetwas Gedanken macht, oder sogar Sorgen. Ich greife nach ihrer Hand und lächle sie an. „Im Moment kann ich nicht verreisen. Du weißt doch, es ist Hochsaison. Ich habe die nächsten Wochen so viele Termine. Und ich muss auch noch für ein paar Tage nach New York, das habe ich dir doch schon erzählt.“

Sie nickt und lächelt wieder. „Natürlich. Das Frühjahr ist immer so anstrengend.“ Ihre Worte klingen verständnisvoll, ich bin aber nicht sicher, ob sie es wirklich so meint.

„Kendra…Habe ich nicht gleich einen wichtigen Termin?“, unterbricht Vater unser Gespräch. Ich atme genervt durch. Keine Ahnung wie sie das aushält. Immer und immer wieder die gleichen wirren Fragen. Ständig zu versuchen, seine kranke Welt zu verstehen, ich kann das nicht. Und trotzdem knie ich vor dem was sie leistet nieder. Mein Vater erträgt niemanden und hat in den letzten Jahren jegliches Pflegepersonal erfolgreich in die Flucht geschlagen. Kendra ist die einzige die er an sich heranlässt und auch akzeptiert. Seine Alzheimer Erkrankung hat sich im vergangenen Jahr rapid verschlechtert, doch sie kümmert sich mit einer liebevollen Leichtigkeit um ihn, dass ich oft ein schlechtes Gewissen habe. Ich bin eben ein Arsch. Er hat vergessen, dass sie damals der Auslöser für meinen Ausraster in der Fechthalle war. Er hat auch vergessen, dass ich ein Mörder bin. Niemand hier spricht mehr darüber, seit Jahren nicht, aber es ändert nichts. Ich werde es nie vergessen können und jeder Blick in den Spiegel erinnert mich daran. Da hilft auch der Bart den ich mir vor zwanzig Jahren wachsen lassen habe nichts, auch wenn er mittlerweile zum mir gehört. Kendra lächelt mild.

„Ja natürlich. Der Termin.“ Sie greift nach seiner Hand und streicht fürsorglich darüber. „Wie gut, dass du mich erinnerst. Zuerst machen wir aber unseren Spaziergang.“

Ich lege seufzend meine Serviette zur Seite und stehe auf. „Ich muss dann auch los. Es wird heute spät, also bitte warte nicht auf mich.“ Heute habe ich wirklich Termine, also richtig wichtige Termine, darum fällt es mir auch nicht schwer ihr einen zarten Kuss auf die Wange zu geben.

„Ja gut. Dann pass auf dich auch“, nickt sie und sieht mich dabei mit dem Kendra Blick an.

„Natürlich, ich ruf dich später an.“ Ich erwische mich wieder einmal dabei froh zu sein, aus diesem Haus rauszukommen. Allem Pflichtprogramm zu entkommen. Ich bin für sie da, aber ich bin kein richtiger Ehemann. Das liegt mir einfach nicht. Familie. Heile Welt. Kendra bedeutet mir alles und doch kann ich ihr nicht geben was sie braucht. Vor ein paar Monaten habe ich sie gefragt, ob sie glücklich ist. „Natürlich bin ich glücklich. Du bist doch alles für mich. Der wichtigste Mensch in meinem Leben“, hat sie gesagt. Danach hatten wir Sex. Das ist Monate her… Scheiße…

„Tavis!“ Peter reißt mich knapp vor meinem Wagen aus den Gedanken. „Alter…Wo warst du denn gestern? Bei Jessi Jess der Superblondine?“ Er gibt mir einen Schubs und verdreht amüsiert die Augen.

„Sag mal spinnst du jetzt total? Kümmere dich doch um deine knapp volljährigen Flittchen und lass mich zufrieden“, keife ich ihn an.

„Komm schon, sei nicht so launisch, oder hat sie dich abblitzen lassen?“, schmunzelt er.

Ich schüttle genervt den Kopf. „Ich habe sie abblitzen lassen. Es reicht langsam mit den Gegenleistungen“ Ich sehe über den großen Platz. „Kann es sein, dass der Tierarzt auf dich wartet?“

„Klar. Der Lord wird nicht abserviert“, lacht er und gibt mir noch einen Schubs. Ich bin heute so gar nicht zum Scherzen aufgelegt. Natürlich weiß er, was läuft, er ist mein Bruder und mein bester Freund, aber immer ist mir nicht danach ihm alles zu erzählen. Er übertreibt gerne und macht aus allem ein riesen Ding, das liegt mir nicht. Die Sache ist vorbei und damit auch kein Gespräch mehr wert.

„Kümmere dich um deine Angelegenheiten“, murmle ich und steige ins Auto. Ich werde jetzt einfach nur noch an meine Geschäfte denken. Von allem anderen habe ich wirklich genug im Moment.

Kapitel 5

„Hallo James“, sage ich zu unserem Verwalter und bin froh bald zu Hause zu sein. Es war eine unglaublich lange Woche in New York. Ich bin hundemüde und die Zeitverschiebung setzt mir wie immer zu. Die Amerikaner sind zwar gute Kunden, aber es kostet mich jedes Mal unglaubliche Anstrengung. Elendslange Meetings mit anschließenden Abendessen und nächtelangen Barbesuchen. Ich hasse es. Doch wenn es für einen guten Geschäftsabschluss nötig ist, beiße ich die Zähne zusammen. „Danke fürs Abholen“, füge ich noch hinzu.

„Kein Problem. Mach ich doch gerne. Alles gut verlaufen?“, meint er meine Tasche in den Kofferraum stellend. Er ist die Seele des Castles, ohne ihn würde nichts funktionieren. Er weiß einfach alles und kennt jeden Winkel und unlösbare Probleme gibt es für ihn nicht. Ich schätze ihn und seine Arbeit, er ist einfach immer da. Genau wie seine Frau Eliza. Auch wenn ich das nicht immer so zeigen kann, sie sind wie eine Art Familie für mich.

„Ja…Ich bin nur scheißmüde“, schnaufe ich und ziehe mein Handy aus der Sakkotasche. Ich lese die eingegangenen Mails und Nachrichten durch und checke die Anrufe. James erzählt mir währenddessen im Schnelldurchlauf was die vergangene Woche so los war. Von einer Stute die eine Kolik hatte, von den Feldern die heuer viel zu feucht sind, von einer Nichte die zu Besuch ist und dem irren Pferdemörder, der wieder eine Stute erwischt hat, diesmal zwar nicht bei uns, aber ich könnte beim Gedanken an dieses Schwein explodieren.

„Wenn ich dieses Arschloch erwische, dann bring ich ihn eigenhändig um, das kannst du mir glauben. Weißt du was, der kann nur hoffen mir nicht über den Weg zu laufen“, schüttle ich wütend den Kopf. Die Worte verlassen ganz selbstverständlich meinen Mund und nachdem ich sie ausgesprochen habe, fühlt es sich seltsam an. Keiner zweifelt daran wozu ich im Stande bin, ich habe es schließlich schon einmal getan.

„Eliza kommt noch rüber ins Castle und macht dir etwas zu essen warm.“ James geht nicht auf meine Worte ein, aber er nickt und ich weiß, dass er dasselbe wie ich tun würde, auch wenn er kein Mörder wie ich es bin ist.

„Nein, das ist nicht nötig, es ist schon nach neun. Ich hatte vorhin ein Sandwich.“

Er hält den Wagen an und lächelt. „Du weißt doch, sie macht das gerne für dich.“

Ich nicke dankbar. „Ja, aber ich bin einfach nur müde. Sag ihr, ich freue mich aufs Frühstück.“

„Ok. Dann gute Nacht.“ Er schlägt mir fast freundschaftlich auf die Schulter.

„Gute Nacht.“ Ich nehme meine Tasche und schüttle den Kopf. „Wenn es nicht bald aufhört zu regnen, weiß ich nicht wie sich die Felder erholen sollen.“

James nickt nachdenklich. „Es wird bald besser. Dein Vater hat heute gemeint es wird nicht mehr lange regnen.“

Das kostet mich nur einen Lacher. Ich laufe zum Hintereingang der Küche, wo mich die Hunde freudig begrüßen. In der Küche ist schon alles dunkel, ich mache Licht an und lege mein Sakko und die Krawatte ab. Ich atme durch und schenke mir einen großen Schluck Whisky ein. Mein Nacken tut weh. Eigentlich tut mir alles weh. Keine Ahnung ob Kendra schon schläft. Vermutlich noch nicht. Sie wartet bestimmt auf mich, ich war ja die ganze Woche nicht da, darum leere ich mein Glas und lösche das Licht. Gerade als ich nach oben gehen will, fällt mein Blick Richtung Stallungen. Das automatische Licht ist angegangen. Ich gehe zum Fenster und sehe hinaus. Jetzt geht es wieder aus. Ich bin mir nicht sicher weil es so dunkel ist, aber ich glaube die Stalltür ist offen. Scheiße…Ich trete aus der Küche und mahne die Hunde leise zu sein und auf ihren Plätzen zu bleiben. Ich nehme mir mein Jagdgewehr aus dem Schrank in der angrenzenden Waffenkammer. Langsam gehe ich über Weg der zum Stall führt. Alles ist leise. Es regnet leicht. Die Stalltür ist tatsächlich offen. Leise trete ich hinein. Ganz hinten bei den Fohlen steht er. Dieses Arschloch. Ich werde ihm eine Kugel in seinen Scheißschädel jagen. Der Puls in meiner Halsschlagader pumpt, doch meine Hände sind ganz ruhig. Ich gehe so leise wie möglich nach hinten und hoffe die Stuten bleiben ruhig. Jetzt ist er dran. Ein für alle Mal. Ich bleibe ein paar Schritte hinter ihm stehen und richte den Lauf meiner Waffe auf seinen Rücken. Ich schubse ihn sogar ein wenig damit an, damit er weiß worum es geht. „Du nimmst jetzt mal schön langsam deine dreckigen Hände hoch!“, sage ich leise aber so das klar ist, dass ich ihm gleich die Rippen durchpusten werde, wenn er nicht tut was ich sage. Seine Hände gehen schön brav und langsam hoch. Ich drücke den Lauf fester in seinen Rücken. „So und jetzt drehst du dich genauso langsam um, bevor ich dir eine Kugel durch die Rippen jage du Mistkerl!“

Das Arschloch dreht sich zögerlich um, ich hebe meine Waffe an und halte sie vor sein Gesicht.

„Bitte…Ich…Bitte nicht schießen“, stammelt sie. SIE? Scheiße eine Frau?! Ich senke den Lauf der Waffe und ziehe ihr die Kapuze hinunter.

„Sie sind eine Frau?“, schreie ich sie an und packe sie fest am Arm.

Sie nickt und hat eine Scheißangst, das kann ich sehen. Gut so.

„Haben Sie eine Waffe? Wollten Sie diesmal die Fohlen aufschlitzen? Was ist denn los mit Ihnen?“ Das darf doch nicht wahr sein! Ich zerre sie den Gang hinunter als sie jämmerlich zu stammeln beginnt.

„Nein…Ich habe keine Waffe…Moment…Ich glaube das ist ein Missverständnis!“

Ich gehe darauf nicht ein und meine nur, dass sie das gleich der Polizei erzählen kann. Sie versucht sich von mir loszureißen und schüttelt hysterisch den Kopf.

„Nein…Stopp…Ich wollte doch nur sehen ob im Stall alles ok ist, das Tor war offen und mein Onkel hat mir doch erzählt…“

Onkel? Ich halte inne und sehe sie nachdenklich an. „Was? Wer ist ihr Onkel?“

„James. James Skelton.“ Ihre Stimme ist zittrig. „Ich bin seine Nichte und hier auf Besuch. Ich wollte den Pferden nichts antun. Wirklich nicht.“ Sie sieht mich flehend an und ist den Tränen nahe. Ich lasse sie langsam los. Fuck. Ja…er hat sowas erwähnt heute…Seine Nichte…Genau…

„Holly?“, frage ich leise.

Sie nickt aufgelöst, ich glaube sie zittert. Hoffentlich habe ich sie nicht zu fest angepackt.

„Sind Sie Tavis?“ Ihr Blick ist angsterfüllt. Ich reibe mir nickend die Stirn, das ist mir jetzt unangenehm. Der Puls in meiner Halsschlagader beruhigt sich zwar langsam, aber ich muss trotzdem einen Knopf vom Hemd öffnen. Sie sieht so verängstig aus, ich bin total überfordert.

„Ich habe das offene Gatter gesehen, ich dachte Sie sind der Pferdemörder. Tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe“, versuche ich mich irgendwie zu entschuldigen. „Was machen Sie denn mitten in der Nacht hier?“

„Ich war spazieren. Wie gesagt die Tür war offen. Ich habe mir Sorgen gemacht. Sonst nichts.“

Ich atme durch. Das hat mir heute noch gefehlt. „Kommen Sie, ich bringe Sie zum Haus zurück“, sage ich und suche ihren Blick, der mir ausweicht.

„Danke. Es geht schon. Gute Nacht.“ Sie läuft hastig aus dem Stall. Toll. Ganz toll. James wird sich was von mir denken.

„Gute Nacht. Und nochmal, es tut mir leid“, rufe ich ihr hinterher. Kopfschüttelnd drehe ich noch eine Runde im Stall und schließe dann alles ab. Holly. Ich kann mich gar nicht mehr richtig an sie erinnern. Früher, als Mädchen war sie öfter hier.

„Weiber…“, seufze ich und gehe zurück ins Haus. „Mitten in der Nacht spazieren gehen…Typisch.“

Kapitel 6

„Ich gehe mit Vater in den Park, heute scheint das Wetter einmal zu halten“, meint Kendra und lächelt wie immer. Sie sieht heute fürchterlich blass aus.

„Ja. Ich muss dann auch los. Du bist so durchsichtig heute, fühlst du dich nicht wohl?“, frage ich sie während ich meine Unterlagen zusammensuche.

„Nein…Es geht mir gut, alles bestens. Ich war nur die letzten Tage wenig an der frischen Luft, das wird es sein.“

Ich nicke nicht ganz zustimmend. Sie sollte einmal etwas ordentliches Essen. Immer dieser vegane Kram. Salat, Sprossen und irgendwelche Ersatzprodukte, das kann doch nicht gesund sein und vom Geschmack will ich gar nicht reden. Doch ich behalte das besser für mich, meine Meinung zu dem Thema hat schon mehrfach für Streit gesorgt, darum lasse ich es. Ich halte nichts von diesem neumodernen Ernährungskram, zumal es nichts zu bringen scheint. Sie ist viel zu mager und meistens blass. Sie geht mit Vater nach draußen, ich suche noch meine Autoschlüssel und folge den beiden ein paar Augenblicke später. Gedankenversunken sehe ich auf, als ich Holly über den Platz schlendern sehe. Heute sieht sie nicht aus wie ein Pferdemörder. Den dunklen Regenmantel hat sie gegen eine lange Strickjacke getauscht. Die dunklen langen Haare trägt sie offen. Irgendwie erinnere ich mich so gar nicht an sie. Es kann doch nicht sein, dass ich kein Bild mehr zu ihr habe, wo sie doch früher meist einmal im Jahr hier war. Ich sollte mich noch einmal ordentlich entschuldigen. Im Castle gehen mir bis auf Eliza sowieso schon alle Damen aus dem Weg, ich möchte James nicht verärgern. Ich bin auf ihn angewiesen, darum soll nicht gerade der Anschlag auf seine Nichte zwischen uns stehen.

„Holly!“, rufe ich ihr nach, weil sie ohne einen Blick auf ihre Umgebung schnurstracks Richtung Koppeln läuft. Sie hält an und dreht sich zu mir um. Ich gehe ihr entgegen, auch sie ist blass, obwohl, das kann ich noch verstehen nach meiner Attacke von gestern.

„Guten Morgen“, sagt sie leise und lächelt dabei verhalten.

„Guten Morgen. Entschuldigung, ich möchte nicht unhöflich sein und Sie beim Vornamen ansprechen, Mrs.?

Sie sieht mich verlegen an. „Ach das passt schon. Einfach Holly.“

Ich nicke und überlege, ob sie jetzt einen blauen Fleck am Oberarm hat, weil ich sie so angepackt habe. Hoffentlich nicht.

„Bitte verzeihen Sie mir, ich wollte sie nicht erschrecken.“

„Nein, nein, kein Problem“, stammelt sie und sieht durch mich hindurch, als Vater und Kendra plötzlich hinter mir stehen.

„Tavis, wer ist die junge Dame?“, fragt er mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Vater. Das ist Holly. Holly Skelton. Du weißt doch noch, die Nichte von James Skelton.“

„Barnes“, sagt sie und blickt dabei schüchtern zu meinem Vater.

Natürlich. Sie wird verheiratet sein. Sie ist in Peters Alter, oder etwas jünger, Anfang dreißig schätze ich. Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Das nächste Fettnäpfchen. Ich entschuldige mich höflich, doch sie ignoriert mich und begrüßt stattdessen Vater. Keine Ahnung, aber ich habe das Gefühl sie hat immer noch Angst vor mir, sie weicht schüchtern zurück und sieht mich nicht richtig an. Kein Wunder. Ich habe ihr ein Gewehr vor die Nase gehalten und so wie ich aussehe, wird sie denken ich bin ein komplett Irrer. Ich bin ein Irrer. Sie blickt zu Kendra, darum stelle ich sie vor.

„Sie sind so blass Mrs. Barnes, geht es Ihnen nicht gut?“, meint Kendra musternd.

Ja, sie ist entsetzlich blass. Vermutlich auch eine Veganerin, obwohl sie auf den ersten Blick nicht so aussieht.

„Nein…Alles in Ordnung“, stammelt sie.

Mir wird das jetzt zu viel Smalltalk, darum verabschiede ich mich. Ich bin auch schon spät dran. Weil ich die letzten Tage nicht in der Brennerei war, ist dort einiges liegen geblieben, ich befürchte es wird ein langer Tag.

Kapitel 7

Ich sehe Holly aus dem Augenwinkel an, mit meinem rechten Zeigefinger tippe ich monoton auf das Lenkrad. Gerade habe ich sie am Straßenrand aufgelesen. Sie war auf dem Heimweg, ganz schön weit weg vom Castle. Es ist zwar ein schöner Tag, aber es hängen bereits dicke dunkle Wolken am Himmel die bald auslassen dürften. Wie gewohnt weicht sie mir aus, ich glaube sie ist nur sehr widerwillig in mein Auto gestiegen, auch wenn ich ihr damit einen Gefallen tun will, weil es noch ein ziemlicher Fußmarsch gewesen wäre. Warum gehen mir eigentlich alle Frauen aus dem Weg? Zumindest die, die keine Flittchen sind und das ist sie mit Sicherheit nicht, denn damit kenne ich mich zur Abwechslung einmal wirklich aus. Sie ist eher zurückhaltend, heute fast schon wieder zu verschämt. Das kann ich nur sehr schwer verstehen und schon gar nicht einschätzen. Dabei habe ich sie sehr freundlich angelächelt und versucht besonders höflich zu sein. Sie sieht mich noch nicht einmal an, wenn sie mit mir spricht. Bin ich echt so ein Monster? Wahrscheinlich hat sie immer noch Angst vor mir. Da sie nun schon länger hier Urlaub macht, sollte sie mir unseren Zusammenstoß im Stall aber nicht mehr nachtragen. Ich versuche nicht mehr darüber nachzudenken, zumal sie gerade auch ziemlich stur aus dem Fenster blickt. Sie hat erzählt, dass sie nicht mehr so lange hierbleiben will. Ich habe vor ein paar Tagen aufgeschnappt, dass sie wohl Probleme mit ihrem Ehemann hat. Scheint überall ähnliche Schwierigkeiten zu geben, was das Zwischenmenschliche betrifft. Wie nicht anders zu erwarten springt sie gleich aus dem Auto nachdem ich im Hof angehalten habe.

„Danke…“, sagt sie noch mit gesenktem Blick und läuft Richtung Hintereingang.

„Sicher…Kein Problem. Gerne“, entgegne ich, aber sie dreht sich nicht mehr um. Sie ist wirklich seltsam. Vielleicht auch schüchtern. Keine Ahnung. Auf dem Weg zur Tür blicke ich in den Himmel. Bald wird es wieder regnen, die Wolken bauen sich immer bedrohlicher auf. Heuer ist dieser Regen besonders hartnäckig. Ich komme gerade rechtzeitig zum Tee, ich bin heute bewusst früher nach Hause gegangen. Kendra spricht kaum, sie ist in ein Schachspiel mit meinem Vater vertieft. Seit Tagen sieht sie ganz fürchterlich blass aus. Ihre sonst meist kunstvoll in Szene gesetzten roten Haare hängen auch unmotiviert über die Schultern. Sonst legt sie so viel Wert darauf das alles stimmig ist, aber im Moment scheint sie sich ganz und gar nicht wohl zu fühlen. Sie meint es ist nur eine kleine Magenverstimmung, was ich ihr nicht abnehme.

„Soll ich nicht doch besser Dr. Scott rufen? Du siehst jetzt noch schlechter aus als heute Morgen“, frage ich sie vorsichtig und gieße ihr Tee nach.

Sie nippt an ihrer Tasse und schüttelt den Kopf, bevor sie einen Zug am Schachbrett macht. „Nein. Er war doch gestern hier. Es ist alles in Ordnung Tavis. Frauenbeschwerden.“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Frauenbeschwerden. Verstehe. Ich bin aufgrund unseres nicht vorhandenen Sexlebens nicht so im Bilde wann genau diese Frauenbeschwerden auf der Matte stehen. Darum nicke ich nur und streiche über ihre Schulter, als Peter zur Tür herein poltert.

„Wir müssen reden“, sagt er und blickt mich eindringlich an.

„Reden? Worüber denn?“, entgegne ich mit hochgezogenen Augenbrauen. Er sieht wütend aus, keine Ahnung welche Laus ihm über die Leber gelaufen ist, aber er neigt auch bei einer Kleinigkeit dazu über zu reagieren. Die meiste Zeit ist er viel zu impulsiv, mit einer der Gründe, warum ich das Hauptgeschäft am Gut führe.

„Unter vier Augen.“ Er geht voraus ins ehemalige Raucherzimmer, das inzwischen meist als Büro fungiert. Ich schließe die Tür hinter uns und sehe ihn abwartend an.

„Ja? Was denn?“

„Ganz toll Tavis. Ganz toll“, schüttelt er den Kopf.

„Komm schon Peter, raus damit, nicht so theatralisch bitte“, fordere ich ihn auf und lasse mich in den alten, wuchtigen Ledersessel fallen.

„Slater. Jessica Slater“, sagt er leise. „Klingelt es da bei dir?“

Ich verdrehe die Augen. „Wird das ein Ratespiel?“

„Ihr lieber Gatte verkauft die an unsere Felder angrenzenden Flächen nicht wie ursprünglich vereinbart. Kann es sein, dass es etwas mit dir zu tun hat?“

Ich stehe auf und atme genervt durch. „Was?“ Kopfschüttelnd beuge ich mich zu ihm. „Ich habe wirklich mehr als nötig gewesen wäre getan. Monatelang. Ich hatte diese Tussi einfach satt mit ihrem Plastikbusen. Leg du dich doch auf sie. Scheiße…“ Ich spreche bedacht leise, auch wenn ich lieber schreien würde, doch Kendra soll natürlich keinesfalls hören worum es geht.

„Mich will sie aber nicht…Zur Hölle! Und jetzt?! Fuck!“ Peter schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. „Hättest du nicht warten können bis die Verträge unter Dach und Fach sind? Oder etwas mehr Feingefühl ihr gegenüber, das wäre angebracht gewesen!“

Ich springe vom Sessel auf. „Feingefühl?! Sag mal spinnst du jetzt total? Ich bin doch hier nicht die männliche Hure! Ich scheiße auf die Felder! Soll er sie sich sonst wohin stecken! Glaub mir, er wird schon noch angekrochen kommen, oder glaubst du eine dumme Blondine lenkt die Millionengeschäfte von Slater?“, stoße ich schon nicht mehr ganz so leise aus.

„Du checkst echt gar nichts Tavis! Gar nichts! Wir hatten doch schon den Plan für die Produktion im nächsten Jahr, wie stellst du dir das denn vor?“ Er schreit jetzt definitiv und das lasse ich mir nicht gefallen.

„Ich war sowieso dagegen! Wir produzieren ausreichend und ich finde wir sollten das auch so belassen! Ich bin nicht für Quantität, sondern für Qualität!“

Er kommt näher zu mir und bleibt nur ein paar Zentimeter vor mir stehen. Bedrohlich baut er sich vor mir auf, was mich allerdings total kalt lässt. „Du hast keinen Plan, du bist grundsätzlich immer gegen alles. Mach doch mit dem alten Krempel und deinen Scheißtraditionen was du willst!“ Er atmet aggressionsgeladen aus und stürmt aus dem Zimmer. Das macht er immer. Abhauen, wenn er nichts mehr zu sagen weiß.

„Wir sind noch nicht fertig Peter!“, laufe ich ihm hinterher. Wir stürmen vorbei an Kendra und meinem Vater, hinunter in die Küche. „Warum läufst du eigentlich immer davon, wenn dir die Argumente ausgehen?“, rufe ich ihm nach. „Das ist sowas von lächerlich!“ Jetzt schreie ich.

Peter dreht sich kopfschüttelnd um. „Es ist doch egal was ich sage, du hast sowieso immer Recht! Das wird sich nie ändern! DU wirst dich nie ändern Tavis! Mach doch was du willst es ist mir scheißegal! Alles hier ist mir mittlerweile scheißegal!“ Er stürzt durch den Hinterausgang hinaus. Mein Herz klopft. Immer wieder die gleiche Laier. Ständig diese unnötigen Streitereien. Erst jetzt fällt mir auf, dass Eliza und ihre Nichte am Tisch sitzen. Gott…was ist denn jetzt schon wieder los? Holly wischt sich die Tränen aus ihrem verweinten Gesicht. Immer dieser Frauenkram.

„Geht es Ihnen nicht gut?“, frage ich vermutlich mit dem falschen Ton, weil ich immer noch geladen von dem Streit bin.

„Was…Nein…Es geht schon…“, stammelt sie schluchzend als der Gärtner mit einem Haufen Blumen Zeugs hereinkommt. Genervt drehe ich mich um und gehe wieder nach oben. Kendra steht am Treppenabsatz und schüttelt den Kopf. Sie sieht mich verständnislos an.

„Warum könnt ihr euch nie ruhig unterhalten und eine gemeinsame Lösung finden?“ Ihre Stimme ist leise und klingt gekränkt. Manchmal glaube ich, sie hält mehr von den Worten meines Bruders als von mir. Dabei hat sie sie gar keine Ahnung.

„Lass mich bitte Kendra, du verstehst das nicht“, antworte ich und gehe an ihr vorbei.

„Ja…Ich verstehe nie etwas“, murmelt sie noch, doch ich verlasse das Haus und werfe die Tür schwungvoll hinter mir zu. Es reicht mir einfach. Ich habe sowas von genug. Was glaubt er wer er ist? Den Rest vom Nachmittag verschanze ich mich in der Brennerei. Natürlich ist es blöd das Slater die Felder jetzt nicht verkauft. Sie liegen wunderbar und hätten unsere Anbaugebiete hervorragend ergänzt. Ich starre auf die Pläne und denke nach. Peter hat schon irgendwie recht, aber es ist schwer, das zuzugeben. Auch Kendra hat recht, wenn wir einmal normal reden könnten, wäre es einfacher. Dieser ewige Streit macht mich krank. Ich lehne mich in meinem ledernen Schreibtischsessel zurück und denke nach. Niemals wieder werde ich mich für ein Geschäft selbst verkaufen. Ich will es einfach nicht mehr. Diese ewigen Frauengeschichten die sich im Nachhinein nie als besonders Vorteilhaft für mich erwiesen haben machen keinen Sinn. Ich bin wirklich nicht mehr als eine männliche Nutte. Die Geschäftsnutte. Ich schließe meine Augen. Genaugenommen haben mich diese Frauen ausgenutzt, nicht ich sie. Das ist ab heute ein für alle Mal vorbei. Mit dieser Erkenntnis fahre ich zurück zum Castle. Es schüttet wie aus Kübeln, ich habe Mühe die Straße zu sehen, die Scheibenwischer schaffen die Wassermengen kaum. Scheißwetter. Vielleicht sollte ich mich entschuldigen. Nein…Ich entschuldige mich grundsätzlich nie. Es würde meine Autorität untergraben. Mir fallen die Worte meines Vaters als er noch nicht krank war ein. „Du bist ein Lord. Es gilt, was du sagst. Unwiderruflich.“

Ich bin der Lord. Es ist einfach so. Emotionale Ausbrüche sind nicht mein Ding. Es ist nun einmal so wie es ist. Ich gehe ihn den Salon, Vater sitzt mit Holly am Schachbrett. Sie hat in den letzten Wochen öfter mit ihm gespielt, er scheint sie verwunderlicher Weise zu mögen. Eigentlich akzeptiert er niemanden außer Kendra. Wenn sie hier ist, geht es Kendra vielleicht schlechter.

„Ist Kendra nicht hier?“, frage ich ziemlich direkt.

„Nein, sie wollte an die frische Luft“, antwortet sie ohne aufzusehen.

„An die frische Luft? Es schüttet doch wie aus Kübeln“, entgegne ich kopfschüttelnd. Will sie sich auch noch eine Lungenentzündung holen? Ich merke wie sich die bereits abgeflaute Wut wieder in mir aufbaut. Machen denn hier alle was sie wollen? Holly ignoriert mich. Das bringt mich noch mehr in Rage. Was hat sie eigentlich hier verloren? Ich gehe auf sie zu und amte genervt durch.

„Sie können gehen. Ich bin jetzt da.“

Jetzt sieht sie auf. Ihr Blick ist undefinierbar. Nein. Sie verabscheut mich. Genauso schaut sie mich an.

„Natürlich“, sagt sie leise und steht auf. Meinen Vater jedoch lächelt sie an. „Ich bin jederzeit für eine Revanche bereit.“

Er erwidert ihr Lächeln. Ich habe das Gefühl mir fliegt gleich das Hirn weg. „Ich bin bereit, wenn Sie es sind“, meint er und greift nach ihrer Hand. Ich verfolge dieses unnötige Geplänkel und verstehe nicht wann mein Vater so gefühlsduselig geworden ist.

„Schönen Abend noch“, verabschiedet Holly sich von Vater und geht ohne ein Wort Richtung Küchenabgang. Ich hasse es ignoriert zu werden. Was bildet sie sich eigentlich ein? Ich gehe ihr hinterher.

„Mrs. Skelton“, rufe ich ihr nach.

Sie bleibt stehen, ich glaube sie hat gerade die Augen verdreht. „Barnes“, sagt sie und sieht mich dabei einschüchternd an. Aha. Jetzt also so.

„Was?“, frage ich irritiert von ihrem Blick nach. Niemand sieht mich einschüchternd an. Schon gar nicht eine Frau.

„Holly Barnes“, sagt sie mit einem genervten Durchamten.

„Ach so, ja. Genau. Entschuldigen Sie bitte meine unangemessene Art aber…“

Sie unterbricht mich, was mich schon wieder irritiert.

„Schon gut. Es ist bestimmt unangemessen das sich ein Mann aus ihrem Stand rechtfertigen muss.“ Sie wendet mir ihren Rücken zu und geht erhobenen Hauptes hinunter. Wäre ich nicht immer noch irritiert, würde ich das ziemlich frech finden. Ja, sogar außerordentlich inadäquat. Ein Mann meines Standes? Sie weiß gar nicht wovon sie redet, denn sonst würde sie in einem angemessenen Ton mit mir sprechen. Ich gehe zurück in den Salon und kann nur den Kopf schütteln.

Kendras ist wie vom Erdboden verschluckt, keine Ahnung wo sie steckt, das ist so gar nicht ihre Art. Vermutlich ist es wegen dem Streit am Nachmittag. Sie erscheint auch nicht zum Abendessen, langsam mache ich mir doch Sorgen. Ich sitze mit Vater allein am Tisch, Peter ist auch nicht hier. Er erzählt mir irgendwelche alten Geschichten, mein Kopf tut weh, ich kann und will seinen Anekdoten nicht folgen. Nach dem Dinner besteht er darauf, dass ich ihm noch etwas am Klavier vorspiele. Dabei komme ich mir immer vor wie ein kleiner Junge. Zumindest verbessert er mich inzwischen nicht mehr, so wie er es tat als ich noch ein Kind war. Mein Spiel war ihm selten gut genug. Danach bringe ich ihn zu Bett, ich mache das so gut wie nie, doch heute bleibt mir nichts anders übrig. Danach falle ich völlig fertig in den alten Ohrensessel. Ich trinke ein Glas Whisky und denke nach. Lange. Ein wirrer Traum reißt mich aus dem Sessel, ich bin eingenickt. Ich sehe zum Fenster, ein Einsatzfahrzeug mit Blaulicht fährt heran. Scheiße! Kendra! Hoffentlich ist ihr nicht passiert. Völlig durcheinander laufe ich hinaus. Ein junger Polizist kommt mir entgegnen.

„Lord Stewart?“

„Ja…Um Gottes Willen, was ist denn passiert?!“

„Guten Abend. Es gab einen Unfall. Unten an der Küstenstraße“, atmet er durch.

„Was?! Zur Hölle! Sprechen Sie schon weiter!“, fahre ich ihn an.

Ich hänge geschockt an seinen Lippen. Kendra und Peter sind mit dem Auto von der Straße abgekommen und haben sich mehrfach überschlagen. Sie wurden ins Krankenhaus gebracht. Über ihren Zustand kann er nichts sagen. Eliza und James steuern auf mich zu. Sie legt fast schützend ihren Arm um mich, doch ich will das gerade gar nicht.

„Ich muss sofort ins Krankenhaus“, murmle ich verwirrt.

„Ich fahre dich“, meint James und folgt mir.

„Nein…Ist nicht nötig…“ Ich gehe ins Haus und nehme meine Jacke und die Autoschlüssel, als auf einmal Holly hinter mir steht.

„Ich kann inzwischen hierbleiben, damit ihr Vater nicht allein ist“, sagt sie leise. Schon wieder sieht sie mich nicht an. Diese Ignoranz mir gegenüber bringt mich auf die Palme, ich habe allerdings keine Zeit mich darüber weiter aufzuregen.

„Ja…Wie sie glauben“, blaffe ich sie an und verlasse das Haus. Ich habe keine Kraft über ihr Verhalten mir gegenüber nachzudenken. Was ist passiert? Was zur Hölle ist passiert? Es hat wieder angefangen zu regnen. Die Fahrt zum Krankenhaus erscheint mir endlos und ich bin nicht auf die Straße konzentriert. Tausend Dinge schwirren mir durch den Kopf. Hoffentlich ist alles nicht so schlimm. Bestimmt ist es nicht so schlimm.

Doch dieser Wunsch scheint sich nicht zu erfüllen. Im Krankenhaus muss ich zuerst einmal ewig warten bis sich ein Arzt zu mir bemüht. Alles erscheint mir so dilettantisch. Ich bin mir nicht sicher, ob meiner Frau und meinem Bruder hier kompetent geholfen werden kann. Weil mich das so aufregt, habe ich mich mit einer Krankenschwester angelegt. Es kann doch nicht sein, dass mir hier keiner etwas sagen kann? Leider sah die das ganze nicht so entspannt, darum muss ich jetzt schon eine gefühlte Ewigkeit am Gang warten. Es wird langsam hell. Ich stehe am Fenster und verstehe die Welt nicht mehr, als endlich ein Arzt auf mich zukommt.

„Mr. Stewart?“, meint er und lächelt freundlich.

Scheiße, ich kann nicht lächeln.

„Wie geht es ihnen?“, frage ich ungeduldig. „Kann ich rein?“

Er erklärt mir die schwerwiegenden Verletzungen, die sowohl Kendra als auch Peter haben. Ich glaube nicht alles zu verstehen, mir wird kurz flau. Sie liegen im Koma und die nächsten Stunden werden zeigen wie es weiter geht. In meinem Kopf dreht sich alles.

„Kann ich rein?“, wiederhole ich.

„Kurz. Wirklich nur kurz. Sie brauchen jetzt Ruhe damit sich die Funktionen im Körper wieder stabilisieren können.

„Ja. Sicher“, stammle ich und folge ihm.

Kendra liegt ganz ruhig da. Blass. Durchsichtig. Sie hat viele Schnitte im Gesicht und an den Armen. Es zerreißt mich sie so zu sehen. Verletzt. Hilflos. An einem Haufen Schläuchen hängend. Sie darf nicht leiden. Ich sehe sie an und fühle mich fürchterlich. Dann streiche ich noch über ihre Hand und gehe zu Peter. Sein Hals ist stabilisiert, einige Wirbel sind gebrochen. Man kann noch nicht sagen, wie sich das auf seine Motorik auswirkt. Man müsse abwarten, was die nächsten Tage bringen. Ich verlasse das Krankenhaus nur ungern, aber ich verstehe auch, dass ich nichts ändern kann und die beiden Ruhe brauchen. Voller wirrer Gedanken in meinem Kopf fahre ich zurück zum Castle. Warum war sie mit Peter unten an der Küste unterwegs? Ich verstehe das einfach nicht. Mein ganzer Körper fühlt sich taub und gefühllos an. Ich halte vor dem Castle und sehe auf die grauen Gemäuer die im dämmrigen Licht mystisch aussehen. Mein Kopf ist voll und gleichzeitig leer. Ich gehe in Haus und habe ganz vergessen, dass Holly wegen Vater hiergeblieben ist. Ich bleibe mit Abstand vor ihr stehen, sie ist in Vaters Sessel eingeschlafen. Sie sieht ganz friedlich aus, irgendwie beruhigt mich das gerade, keine Ahnung warum. Ich gehe näher und streiche sanft über ihre Schulter, als sie die Augen aufreißt. Sie sieht mich an, als stünde der Allmächtige vor ihr und springt fast panisch auf.

„Tavis…Entschuldigung…Ich bin wohl kurz eingenickt…“ Nach Luft schnappend weicht sie zurück, sinkt dann aber wieder in den Sessel. Dieses Spiel das sie treibt kann ich nicht aushalten. Es ist ein kindisches Benehmen, ich verstehe es nicht, schon gar nicht nach dieser Nacht. Zurückweichen, wegschauen, davonlaufen. Keine Ahnung was mit dieser Frau nicht stimmt.

„Danke, dass Sie hier waren“, sage ich darum bestimmt. Mir ist lieber, wenn Sie jetzt geht, sonst rege ich mich noch mehr auf. Jetzt sieht sie mich auf einmal an. Aber schon wieder mit einem vorwurfsvollen Beigeschmack. „Das ist doch selbstverständlich. Wie geht es Peter und ihrer Frau?“, fragt sie, was wie eine Pflichtfrage klingt.

„Nicht gut. Sie liegen beide im Koma“, entgegne ich trocken.

Ihr Blick verändert sich. „Oh mein Gott…Das ist ja fürchterlich…“, murmelt sie und steht auf.

„Kendra hat schwere innere Verletzungen. Peter ebenfalls, aber er hat zusätzlich noch ein paar gebrochene Wirbel.“

Wieder sieht sie mich an. Mitleidig vielleicht. „Wenn ich etwas tun kann“, sagt sie leise.

„Was sollten Sie denn schon tun können?“ Ich gehe zum Barwagen. Wenn sie nicht gleich geht, drehe ich durch. Ich kippe einen großen Schluck Whisky hinunter. Sie steht immer noch gleich da. Los geh schon…Ich verdrehe die Augen, aber so, dass sie es nicht sieht.

„Auch einen?“ Ich schenke mir noch ein Glas ein, sie schüttelt den Kopf.

„Und Sie sollten das besser auch lassen, Sie brauchen jetzt einen klaren Kopf.“

Oh Gott. Eine Bestimmerin. Ich hasse Frauen die immer alles kontrollieren wollen, vor allem das, was sie nichts angeht. Kein Wunder, dass sie Probleme mit ihrem Ehemann hat. Das kostet mich nur einen Lacher. Ich leere mein Glas. Sie dreht sich um und geht. Eingeschnappt wie mir scheint.

„Warum fährt meine Frau mitten in der Nacht mit meinem Bruder im Auto herum?“, rufe ich ihr nach. Sie bleibt stehen und dreht sich noch einmal um. Sie sieht mich zwar nachdenklich an, zuckt aber nur mit den Schultern.

„Ihr Frauen wisst doch immer auf alles eine Antwort. Was machen die beiden zusammen unten an der Küstenstraße?“, wiederhole ich vielleicht etwas zu laut.

Sie hebt ihr Kinn ungewohnt selbstbewusst an und verlässt ohne eine Antwort auf meine Frage das Haus.

„WARUM?“, sage ich laut zu mir selbst. „Warum…“ Dann kann ich nicht mehr. Ich sinke zusammen und habe das Gefühl alles bricht unter mir zusammen.

Kapitel 8

Seit zwei Tagen habe ich das Gefühl rund um die Uhr wach zu sein. Inzwischen bin ich nicht mehr müde, aber dafür drehe ich langsam durch. Ich versuche gleichzeitig zu telefonieren, am Gut alles zu regeln und auf Vater aufzupassen, wobei mir letzteres fast den Verstand raubt. Dazu denke ich ständig über Kendra nach und ich mache mir schreckliche Vorwürfe im Streit mit Peter auseinander gegangen zu sein. Mittlerweile will ich einfach nur, dass er so schnell wie möglich die Augen aufmacht. Denn ich will endlich wissen, warum er mit meiner Ehefrau zusammen war. Gut, es ist nicht so ungewöhnlich, wir leben hier alle unter einem Dach, vielleicht hat er sie nur wo aufgelesen, aber trotzdem ergibt im Moment nichts einen Sinn für mich. Eliza tauscht die Blumen am kleinen Tisch vor dem Kamin und lächelt mich an. Das tut sie zwar immer, aber in den vergangenen Tagen ist so viel Mitleid dabei.

„Kommt denn deine Mutter?“, fragt sie vorsichtig.

Meine Mutter. Ich atme durch. „Wozu?“

„Bitte verstehe mich nicht falsch Tavis, ich bin gerne da wenn du mich für deinen Vater brauchst, aber ich kann das manchmal nur schwer mit meinen anderen Arbeiten vereinbaren. Und Peter ist ihr Sohn. Sie sollte wissen, was hier los ist.“

Ich klappe meinen Laptop zu. „Ja. Ich rufe sie an. Damit sie weiß was los ist, aber ich werde einen Teufel tun, sie zu bitten hierherzukommen.“

Eliza senkt ihren Blick und seufzt.

„Und ich werde eine Pflegerin einstellen, Dr. Scott hat bestimmt Kontakte“, füge ich harsch hinzu. Sie zuckt mit den Schultern und lächelt immer noch mit gesenktem Blick. Gott wie ich das hasse. „Sag schon Eliza, raus damit. Ich weiß, dass dir etwas auf der Zunge brennt.“

„Dein Vater ist krank, die ganze Situation hier ist schon belastend genug und du weißt wie sehr er Pflegepersonal hasst. Glaubst du das ist richtig?“

Ich springe auf und schüttle den Kopf. „Keine Ahnung! Aber ich kann das nicht allein machen, das schaffe ich einfach nicht und meine Mutter…Nein. Sie ist gegangen. Schluss damit!“ Meine Stimme ist viel zu laut, was mir schon wieder leidtut, denn sie ist die einzige die immer für mich da ist und war. Ich atme durch und gehe näher zu ihr. „Entschuldige…“, stammle ich.

„Holly ist Krankenschwester. Dein Vater mag sie sehr gerne und sie ihn auch“, meint sie und streicht über meinen Arm.

„Sie ist Krankenschwester?“, frage ich nach.

Sie nickt und lächelt schon wieder. „Ja, sie war lange Intensivkrankenschwester und auch in der häuslichen Pflege tätig. Sie hat sich zuletzt aufopfernd um ein todkrankes Kind gekümmert. Sie ist perfekt würde ich sagen.“

Ich verschränke nachdenklich meine Arme vor der Brust. Perfekt. Naja. Sie ist komisch drauf, aber Vater ist auch schräg drauf, vermutlich also doch perfekt. Sie scheinen irgendwie auf der gleichen Wellenlänge zu sein. „Aber sie wollte doch abreisen?“, meine ich nachdenklich.

„Vielleicht sucht sie nach einer Aufgabe, ich habe nicht das Gefühl, dass sie so unbedingt nach England zurückwill. Frag sie einfach.“

„Ja. Gut. Sehr gute Idee. Aber sie hasst mich“, seufze ich.

„Dich muss sie ja nicht mögen, es reicht, wenn ihr miteinander auskommt, obwohl, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie dich hasst“, schmunzelt sie.

„Alle Frauen in diesem Haus hassen mich, außer du“, zucke ich mit den Schultern.

„Ach Tavis, hör auf mit dem Unsinn. Niemand hasst dich. Sie ist drüben im Haus, frag sie gleich. Ich bleibe so lange hier, falls der Lord von seinem Mittagsschlaf aufwacht.“

Weil es wirklich ein Segen wäre, wenn Holly sich um Vater kümmern könnte solange hier so ein Chaos herrscht, nehme ich Elizas Vorschlag an und gehe hinüber zum Haus. Holly hat sich seit sie an dem Tag nach dem Unfall aus dem Haus verschwand ziemlich rar gemacht, ich befürchte sie ist beleidigt, warum auch immer. Ich klopfe an der Tür und räuspere mich schon einmal um nicht mitleidig zu klingen. Auch wenn ich am Ende bin, ich bin der Lord. Sie öffnet und sieht überrascht auf.

„Hallo“, sage ich leiser als ich es wollte. „Eliza hat gemeint ich finde Sie hier.“

Wie schon öfter in meiner Gegenwart bemerkt hebt sie plötzlich ihr Kinn an. Ihre ganze Haltung verändert sich als wolle sie sich vor mir groß machen. „Ja warum, braucht sie mich?“, fragt sie und neigt dabei abwartend ihren Kopf zur Seite.

Ich schüttle den Kopf. „Ich brauche Sie.“ Ach du Scheiße wie das klingt. Du bist der Lord du Trottel!!! Sie zieht ihre Augenbrauen hoch, auch ihre Schultern gehen nach oben, fast als würde es ihr gefallen, dass ich etwas brauche. Ich würde jetzt gerne mit den Augen rollen und laut durchamten, weil ihre Reaktion unpassend ist, aber ich brauche sie nun einmal wirklich, darum lasse ich es.

„Mein Vater, ich schaffe das nicht allein. Die Arbeit am Hof und in der Brennerei…“ Ich suche nach den richtigen Worten ohne zu klingen als würde ich betteln. „Eliza hat mir erzählt Sie sind Krankenschwester…Also ich würde Sie gerne einstellen, für die Pflege meines Vaters.“

Ihr Blick verändert sich. Ich kann förmlich sehen wie die Rädchen in ihrem Gehirn sich zu drehen beginnen. „Sie scheinen sehr qualifiziert zu sein und er mag Sie“, fahre ich fort. Für meinen Geschmack überlegt sie sehr lange. Ich schätze mein Blick gibt meine Ungeduld preis. „Mit den Medikamenten kenne ich mich auch nicht aus, das hat immer alles Kendra gemacht“, sage ich darum noch fast flehend, was mir total zuwider ist. Sie verschränkt die Arme vor der Brust. Abwehrhaltung. Und genauso klingt ihre Antwort: „Tut mir leid, ich fahre diese Woche zurück nach England.“

Nein. Sie sagt nein. Das ist nicht ihr Ernst. Wenn sie will, dass ich bettle, hat sie sich getäuscht. Ich bettle nicht. Niemals. Ein Lord bettelt verdammt noch einmal nicht! „Verstehe“, sage ich darum kühl und drehe mich um. So eine blöde Schnepfe. Das tut sie doch extra um mir das Leben schwer zu machen, warum auch immer. Vermutlich hat sie mich längst durschaut und das Arschloch das ich bin enttarnt. Ich gehe zurück ins Castle, Vater ist munter geworden und sitzt am Schachbrett. Schach. Schon wieder. Dafür habe ich jetzt wirklich keine Zeit. Mein Handy summt und ich wollte doch noch in die Klinik.

„Danke Eliza“, sage ich knapp. „Sie will nicht, aber trotzdem danke für den Tipp.“

„Sie will nicht?“, meint diese überrascht.

„Nein. Also ich muss jetzt noch etwas tun, deine Arbeit unten wartet doch bestimmt auf dich.“ Ich habe jetzt absolut keine Lust ihr von den Worten ihrer eingebildeten Nichte zu erzählen. Eingebildet. Genau. Noch besser: Abgehoben. So eine seltsame Frau habe ich wirklich noch nie getroffen. Ich schüttle für mich selbst den Kopf. „Vater, ich muss schnell telefonieren, dann spielen wir. Bitte hab kurz Geduld.“

Er richtet seinen Oberkörper auf und schüttelt den Kopf. „Ich will spazieren gehen. Wo ist Kendra? Sie ist unpünktlich. Was ist hier los?“ Seine Stimme erhebt sich, was in Anbetracht seiner Krankheit komisch wirkt, selbst wenn es mich an seine strenge Art von früher erinnert.

Ich atme leise durch. Genau. Was ist hier los?! „Gleich Vater, gleich…“, murmle ich.

Das Telefonat nervt mich und dauert länger als es mir lieb ist. Dann werde ich jetzt wohl eine Runde Schach spielen müssen. Mit den Worten „Bist du bereit?“, gehe ich zurück in den Salon, doch ich bekomme keine Antwort. Vater ist nicht da. Genervt blicke ich mich um. „Vater?“

Ich sehe in seinem Zimmer nach und rufe hinunter in die Küche, nichts. Er ist wie vom Erdboden verschluckt. Hoffentlich ist er nicht hinaus gegangen, in ein paar Minuten ist es möglich ziemlich leicht zu verschwinden und auf dem verwinkelten Gelände finde ich ihn nie wieder. Ich laufe hinaus in den Rosengarten, auch da ist er nicht. Während ich mich immer weiter umsehe, denke ich nach, welchen Weg Kendra immer mit ihm geht. Langsam werde ich nervös, ich laufe über den großen Vorplatz als ich ihn sehe. Mit Holly. Sie scheint ihn aufgelesen zu haben. Ich laufe ihr entgegen und bekomme fast keine Luft als ich vor ihr stehe. „Ich habe nur fünf Minuten telefoniert…Ich habe ihn schon überall gesucht“, erkläre ich völlig außer mir, bin aber auch erleichtert, dass er Holly wohlbehalten anlächelt. Mich jedoch sieht er einschüchternd an. Er stemmt seine Hände in die Hüften. „Wo ist Kendra? Sie hat den Spaziergang vergessen und unsere Schachpartie auch!“ Er stapft steten Schrittes Richtung Haus. Holly geht ihm nach, ich ebenfalls.

„Was soll ich ihm sagen wegen Kendra?“, flüstere ich.

Sie dreht sich um und schüttelt den Kopf. „Nichts. Es würde ihn zu sehr aufregen und das täglich, weil er es immer wieder vergisst und darum ständig nachfragt. Also nichts.“ Sie bleibt stehen und sieht mich an. Anders als vorhin. „Zeigen Sie mir bitte die Medikamente. Was hat er denn die letzten Tage genommen?“

Mir fällt die Kinnlade hinunter. Hat sie gerade zugestimmt sich um Vater zu kümmern?! Aber sie nimmt mir eine Nachfrage ab.

„Ja…Ich werde die Pflege für Lord Angus übernehmen, also wenn Sie das noch wollen.“

Ich nicke. Immer noch perplex. „Ja...Ja. Natürlich. Kommen Sie ins Haus.“ Ich lasse ihr höflich den Vortritt und schäme mich gerade für meine aufgebrachten Gedanken von vorhin. Sie ist keine eingebildete Schnepfe. Nein…Das ist sie ganz und gar nicht. Ich zeige ihr alles und wie nicht anders erwartet kennt sie sich sehr gut mit den Medikamenten und auch allem anderen aus. Ich bin unglaublich erleichtert, mit einem Schlag fällt eine riesige Last von mir ab.

„Dann werde ich jetzt einmal eine Partie Schach spielen“, meint sie schmunzelnd zu meinem Vater blickend, der schon ungeduldig auf sie wartet. „Und Sie sollten sich einmal hinlegen, Sie sehen nicht gut aus.“

Ok. Die Bestimmerin. Da ist sie wieder. Aber ich vermute das Krankenschwestern so sind. Mir fällt noch ein, dass sie auch nachts hierbleiben sollte. Hoffentlich überlegt sie es sich nicht gleich wieder anders, darum frage ich sehr vorsichtig.

„Könnten Sie hier im Haus bleiben? Also auch nachts?“

Sie nickt und lächelt. Das war einfach. Ich atme unbemerkt durch. „Wir haben vor einiger Zeit das Zimmer neben dem Schlafzimmer meines Vaters im Erdgeschoss renoviert. Ich lasse es Denisa für Sie fertig machen, wenn Sie einverstanden sind.“

Wieder nickt sie und lächelt erneut. Gott…Ich bin ihr wirklich dankbar. „Danke Holly. Sie wissen gar nicht wie sehr Sie mir gerade helfen. Ich weiß, Sie sind Krankenschwester, ich werde einen Dienstvertrag aufsetzten lassen, bitte sagen Sie mir wie ihre Gehaltsvorstellungen aussehen. Ich kenne mich damit nicht aus.“

Sie schüttelt den Kopf, so als ob es nicht wichtig wäre. „Dafür werden wir schon eine Lösung finden. Sie haben jetzt andere Sorgen.“

Seufzend drehe ich mich um, blicke aber noch einmal zu ihr. „Ich bin Ihnen wirklich dankbar.“ Diese Worte meine ich sehr ernst. Ich bin wirklich dankbar. Außerordentlich dankbar.

Kapitel 9

Ich gehe durch die Tür zur Intensivstation, als mir Kendras behandelnder Arzt schon entgegenkommt. Sie und Peter liegen jetzt fast zehn Tage im Koma und nichts hat sich verändert. Zumindest nicht positiv. Hoffentlich gibt es nicht schon wieder schlechte Nachrichten.

„Dr. Andrews“, begrüße ich ihn knapp.

„Mr. Stewart. Guten Abend. Können wir kurz sprechen?“, meint er und weist mir den Weg durch die offene Tür zum Besprechungszimmer.

„Stimmt etwas nicht? Geht es Kendra schlechter?“, frage ich besorgt nach.

„Ihr Gesamtzustand hat sich nicht verschlechtert, nein, aber ich habe leider trotzdem keine guten Nachrichten.“

Ich sehe ihn verständnislos an.

„Sie hat das Kind verloren, wir konnten leider nichts tun.“

Mir bleibt die Luft im Hals stecken, alles dreht sich plötzlich. „Das Kind verloren?“, frage ich leise nach.

Er sieht mich verwundert an. „Ja…Wussten Sie nicht, dass sie schwanger ist?“

Schwanger. Scheiße. Sie war schwanger? „Nein.“

„Oh. Das tut mir leid, sie war auch erst in der fünften oder sechsten Woche. Vielleicht wusste Sie es selbst noch nicht.“

Ich nicke wortlos. Keine Ahnung was ich auch sagen sollte. Mir ist schlecht. Schwanger. Schwanger?! Von wem denn bitte? Mein Puls beginnt zu kochen und kriecht unaufhaltsam meinen Hals hoch.

„Sind Sie sicher, dass sie sich nicht irren?“, frage ich sicherheitshalber nach.

Er schüttelt den Kopf und klopft mir auf die Schulter.

„Ich muss kurz raus“, stammle ich und laufe auf den Gang hinaus. Vor der Station bleibe ich stehen. Kurz schließe ich meine Augen und versuche ruhig zu atmen. Was hat sie getan und vor allem mit wem? Ich gehe wieder hinein und sehe durch die Glasscheibe zu Kendra. Sie liegt unverändert da. Heute kann ich nicht so tun als ob nichts wäre, ich belasse es bei meinem Besuch vor der Glasscheibe und gehe zu Peter. Ich stehe vor seinem Bett und sehe ihn an.

„Bist du es? Fickst du meine Frau, du Arschloch?“, sage ich leise. „Los komm schon, beweg dich, mach deine Augen auf und sag es mir! Sei kein Scheißfeigling!“

Nichts passiert. Natürlich nicht. Ich will Antworten. Jetzt. Immer mehr Fragen tun sich in meinem Kopf auf. Fragen ohne Antworten. Auf dem Nachhauseweg halte ich an und setze mich an die Theke vom kleinen Pub im Dorf. Hier gibt es unseren Whisky. Ich starre in mein Glas. Was ist mit meinem Leben passiert? Was zur Hölle geht hier vor? Darum war sie so blass. Ich bin mir sicher sie wusste es. Sie war so still. Still und nachdenklich. Natürlich. Sie hatte Angst. Zu gerne würde ich wissen wie sie mir das erklärt hätte. Um die Erklärung wird sie nicht herumkommen. Ich starre ins Glas und fahre meine Narbe mit dem Finger nach. Keine Ahnung warum ich dachte sie würde mich nicht betrügen. Es dauerte lange bis ich ihr verziehen habe, damals nach der Sache mit Elliot Dunn. Dass ich ihn umgebracht habe, hat mir keine Erleichterung gebracht, ich war einfach nur gekränkt betrogen worden zu sein. Nein, ich war voller Wut und Hass auf das Arschloch und enttäuscht von der Frau die ich damals mehr liebte als alles andere. Inzwischen haben sich die Dinge geändert. Kendra ist die Frau die immer an meiner Seite ist. Sie ist meine Frau. Wir sind für immer verbunden. Selbst wenn ich sie betrüge, es bedeutet mir nichts. Zwischen uns ist viel mehr als Sex, sie ist einfach alles was ich habe. Wenn sie aufwacht will ich verdammt noch einmal wissen was überhaupt los ist! Aus einem Glas werden mehrere, kurz nach Mitternacht fahre ich dann mit viel zu viel Whisky im Blut nach Hause. Aber es ist mir egal. Was habe ich schon noch zu verlieren? Im Haus ist alles ruhig. Ich nehme die angebrochene Flasche Whisky vom Barwagen und lasse mich in den Sessel meines Vaters fallen. Ich bin so müde und doch kann ich nicht schlafen. Langsam stehe ich auf und gehe zum Flügel. Ich bin ziemlich angetrunken, meine Beine machen nicht ganz was ich will, ich wackle sogar. Shit…Unmotiviert drücke ich ein paar Tasten. Dann beginne ich zu spielen. Keine Ahnung, es hilft mir meine Wut in den Griff zu bekommen. Die Musik ist wie eine Art Druckventil für mich. Ich spiele und spiele und spiele. Dann beginne ich zu singen. Zuerst leise, dann lauter. Irgendwann kann ich nicht mehr. Ich stütze meinen Kopf auf meine Hände und könnte schreien, als ich aus dem Augenwinkel etwas sehe. Ich blicke auf. Es ist Holly. Auch das noch.

„Habe ich Sie geweckt?“, frage ich leise. Ich habe mich noch nicht richtig daran gewohnt, dass sie rund um die Uhr im Haus ist.

Sie schüttelt lächelnd den Kopf. „Sie spielen richtig gut.“

Mit den Schultern zuckend greife ich nach der Whiskyflasche und trinke einen großen Schluck daraus.

„Eigentlich können wir doch du sagen?“, schlage ich vor. „Wir kennen uns ja ewig, oder nicht?“ Sie war als Mädchen oft hier, auch wenn meine Erinnerung an damals ziemlich verblasst ist. Früher haben wir mit Sicherheit du zueinander gesagt. Sie verschränkt die Arme vor der Brust. Abwehrhaltung. Fängt das schon wieder an?

„Doch, aber Sie sind der Lord und ich ihre Angestellte. Ich denke darum bleiben wir beim Sie“, erklärt sie sachlich.

Ich verdrehe genervt die Augen. „Ich scheiße aufs Lord sein…“

Sie dreht sich am Absatz um und will wieder gehen, aber das soll sie nicht, ich hasse es, wenn Leute davonlaufen und mich einfach so sitzen lassen.

„Warte…Warte…“, sage ich. „Komm, setz dich her.“ Ich zeige auf den Klavierhocker. Zögerlich hält sie inne, doch dann kommt sie näher und setzt sich mit Abstand zu mir. Das war einfach. Ich atme mit geschlossenen Augen durch. Klar. Ich bin der Lord. „Weißt du was…Sie war schwanger und hat das Kind durch den Unfall verloren.“

Sie sieht mich entsetzt an. Sagt aber nichts.

„Sie war schwanger“, wiederhole ich darum eindringlicher.

„Das tut mir leid“ murmelt sie verlegen und sieht mich dabei nicht an.

Ich schüttle den Kopf. „Nein…Nein…Das muss es nicht. Es war nicht von mir.“

Jetzt sieht sie noch entsetzter aus. „Ich verstehe nicht…“, stammelt sie immer noch ohne mich anzusehen.

Ein Lacher kommt mir aus, sie zuckt ein wenig zusammen. „Von mir kann es nicht sein. Ich hatte keinen Sex mehr mit ihr seid…“ Wieder muss ich lachen. „Keine Ahnung, vielleicht zu Weihnachten.“ Ich reibe mir die Stirn. „Also von wem zur Hölle lässt sich meine ach so unfehlbare und perfekte Ehefrau ficken?“ Jetzt zuckt sie richtig zusammen, darauf kann ich aber leider gerade keine Rücksicht nehmen. „Vielleicht ist es der Stallbursche, oder der Gärtner? Womöglich auch der Tierarzt? Was meinst du, sollte ich die Männer auf diesem Gut zusammentrommeln und fragen wer meine Frau vögelt?“ Ich werde richtiggehend wütend und springe auf. „Wer verdammt noch einmal vögelt meine Frau?“

Sie sieht mich geschockt über meinen Ausbruch an. Schützend zieht sie ihre Strickjacke vor ihrem Körper zusammen. „Tavis…Ich glaube Sie reagieren über“, sagt sie beruhigend, was aber nicht wirkt. Ich beuge mich zu ihr.

„Überreagieren?“ Keine Ahnung warum, aber ich muss grinsen. „Es ist mein Bruder dieses Arschloch. Mein Bruder fickt meine Ehefrau.“ Das sage ich leise, bedacht und mit geschlossenen Augen. Ich bin gespannt, wie sie darauf reagiert. Sie sagt länger nichts, doch dann schüttelt sie fast bedrohlich den Kopf.

„Sie sollten nicht so viel trinken. Ihre Frau liegt schwerverletzt im Krankenaus, genau wie ihr Bruder. Lassen Sie solche Anschuldigungen!“

Dann steht sie auf. Sie scheint wütend über meine Worte zu sein. Ja, sie hat recht, wie kann ich so eine Anschuldigung machen? Ich weiß gar nichts. Null. Scheiße. Ich bin mit ihr verheiratet und weiß absolut nichts über sie. Ich sinke wieder auf den Klavierhocker. Unmotiviert drücke ich ein paar Tasten. Sie steht noch immer da uns sieht mich an.

„Spielst du Klavier?“, frage ich als sie schon wieder gehen will.

Sie schüttelt den Kopf. „Ich habe ewig nicht mehr gespielt, aber Sie haben viel Talent und eine tolle Stimme“, sagt sie schmeichelnd um von sich selbst abzulenken, doch ich lasse nicht locker.

„Komm her. Ich will sehen was du noch kannst.“ Ich liebe die Musik und speziell das Klavier, Menschen die musikalisch sind finde ich interessant. Sie schüttelt erneut den Kopf und wird ein bisschen rot. Das gefällt mir irgendwie, diese mädchenhafte Verlegenheit.

„Ich kann das nicht“, sagt sie leise, aber der Unterton in ihrer Stimme gibt mir zu verstehen, dass sie sich nur nicht traut, darum gebe ich nicht auf. Ich mache eine auffordernde Geste damit sie her kommt, aber sie zögert weiterhin. Sie ist wirklich ein harter Brocken, meine Güte…Ich will einen Schluck aus der Flasche nehmen als sie einen Schritt auf mich zukommt.

„Nur wenn Sie die jetzt wegstellen“, sagt sie im Befehlston.

Ah…Die Bestimmerin ist wieder zurück. „Nur wenn du jetzt endlich DU zu mir sagst“, seufze ich.

„Das ist eine Gegenforderung, das geht nicht“, wirft sie ein und verschränkt dabei bockig ihre Arme vor der Brust.

Herrje, das ist wirklich schwieriger als gedacht. Ich stelle die Flasche weg. „Ich dachte du bist Krankenschwester, du klingst aber eher nach Rechtsanwältin“, schmunzle ich. „Komm jetzt her.“

Immer noch widerwillig wie mir scheint nimmt sie dann doch neben mir Platz. Mit Sicherheitsabstand.

„Ich kann das wirklich nicht mehr…“, schimpft sie schon wieder.

Ich verdrehe die Augen und rutsche ein Stück näher, ich finde es äußerst amüsant wie sie jetzt ihre Oberschenkel anspannt um nicht an mein Bein zu stoßen. Ich kann genau erkennen wie viel Mühe sie sich gibt mich ja nicht zu berühren.

„Komm schon, leg die Finger auf.“

Sie tut was ich sage und beginnt ein paar Töne zu spielen. Ziemlich schiefe Töne. Ich sage nichts, weil ich weiß wie es ist ständig verbessert zu werden. Sie kann es, das spüre ich, aber sie ist nervös und außer Übung. Ich sehe zuerst auf ihre Hände. Sie hat eine sehr schöne helle Haut und gepflegte kurze Fingernägel. Typisch Krankenschwester irgendwie, aber auf jeden Fall viel schöner als die langen Kunstkrallen vieler Tussis die ich kenne. Dann bleibt mein Blick an ihrem Gesicht hängen. Sie ist ein hübsches Ding. Wirklich hübsch. Schöne dunkle Augen mit langen Wimpern. Sie beißt sich angestrengt auf die Lippe. Wow…Sie sieht aus dem Augenwinkel zu mir als sie aufhört zu spielen und aufspringen will, doch ich halte sie zurück. Sie glaubt sie ist schlecht, doch das stimmt gar nicht.

„Warte…Gib nicht gleich auf. Ich weiß etwas.“ Ich lege meine Finger auf die Tasten und forderte sie auf ihre Hände auf meine zu legen. Belustigt schüttelt sie den Kopf. „Nein…Das mache ich nicht.“

„Warum denn nicht?“

„Weil es mitten in der Nacht ist, du betrunken bist und ich dazu keine Lust habe“, erklärt sie sehr plausibel. „Außerdem bist du der Lord.“

Amüsiert ziehe ich meine Augenbrauen hoch. Genau. Ich bin der Lord. Darum wird sie nun auch tun was ich ihr sage. „Leg jetzt deine Finger auf meine.“

Sie schnauft genervt durch, tut es dann aber zu meiner Verwunderung doch. Ich fange langsam an zu spielen, ihre Finger liegen auf meinen. Sie sind kalt, aber auch ein bisschen feucht. Das ist irgendwie heiß. Ich sehe sie wieder an. Ihre Augen sind geschlossen. Ich bin echt betrunken…Shit…Was mache ich hier eigentlich? Ich halte inne. „So jetzt versuch es noch einmal allein.“

Sie nickt und beginnt erneut allein zu spielen, während ich mich anstrenge wieder normal zu denken. Das Spiel wird immer besser, bewundernd verfolge ich wie ihre Finger über die Tasten gleiten, als sie zu mir sieht und wieder aufhört zu spielen.

„Siehst du. Das ist doch schon ganz gut“, sage ich leise und immer noch etwas verwirrt, vor allem bauchabwärts. Was ist denn heute nur los mit mir?

„Ja. Geht so. Ich gehe jetzt wieder in Bett und du solltest das auch tun. Du siehst immer noch fürchterlich aus.“ Ihr besorgter Blick, obwohl sie schon wieder bestimmen will was ich zu tun habe, bringt mich zum Lächeln. Sie möchte, dass es mir gut geht, das fühlt sich schön an. Ungewohnt schön.

„Wirklich?“, meine ich und sehe direkt in ihre Augen. „Glaub mir ich sehe auch nach acht Stunden Schlaf nicht besser aus.“

Sie legt ihren Kopf zur Seite und lächelt jetzt auch. „Glaub ich nicht. Schlaf dich aus und lass den Alkohol weg.“

Ich zucke mit den Schultern als sie aufsteht und mit einem „Gute Nacht“, den Salon verlässt. Ja… Es ist wirklich spät, ich sollte tatsächlich aufhören zu saufen und besser einen klaren Kopf bewahren. Ich stehe auf und räume die Flasche wieder auf den Barwagen, als ich grinsen muss. Jetzt hat sie doch tatsächlich geschafft das ich auch noch mache was sie sagt. Kopfschüttelnd gehe ich nach oben.

Kapitel 10

Heute sind ihre Hände warm. Warum und sanft. Sie streicht meine Arme hoch, bevor sie mit ihren feuchten Lippen beginnt meinen Hals zu küssen. Ihre Küsse gleiten brustabwärts. Ich atme stöhnend durch, als sie aufblickt, lächelt und ihren Mund an meinen führt.

Atemlos reißt es mich auf. Mein Herz klopft. Oh mein Gott…Ich lasse mich wieder zurückfallen und versuche ruhig zu atmen. Keine Ahnung wann ich zuletzt so einen Traum hatte. In meinem Unterleib zieht sich alles zusammen, in meiner Halsschlagader pumpt der Puls. Fuck. Ich hatte einfach zu lange keinen Sex mehr. Viel zu lange. Ein paar Längen schwimmen wird helfen um mich abzukühlen. Es ist zwar noch früh, aber das brauche ich jetzt. Ich gehe im Bademantel nach unten, mein Blick fällt im Vorbeigehen auf den Flügel. Wieder reagiert mein bestes Stück.

„Das darf doch nicht wahr sein, komm wieder runter Stewart…“, murmle ich für mich selbst und gehe nach draußen. Ich springe ins Wasser und tauche für ein paar Sekunden unter. Nach ein paar Längen fühle ich mich besser. Holly hat Recht, ich trinke zu viel, mein Kopf fühlt sich dumpf an und ich habe schon einmal besser ausgesehen. Holly hat Recht. Soweit bin ich also schon. Schmunzelnd schüttle ich den Kopf und gehe wieder nach oben unter die Dusche. Während ich das heiße Wasser über meine Schultern laufen lasse durchquert sie schon wieder meine Gedanken. Und dieser Traum. Warum zur Hölle träume ich von ihr? Ich schließe meine Augen. Sie hat wirklich schöne Hände. Sie hat auch schöne Augen. Gott…Ich greife nach unten, mein Schwanz scheint das genauso zu sehen. Ich öffne meine Augen wieder und schüttle den Kopf, dann drehe ich das Wasser auf kalt. „Ich hole mir jetzt sicher keine runter und denke dabei an die Krankenschwester meines Vaters…Sicher nicht“, murmle ich. Und wie sie lächelt, da ist ein klitzekleiner Spalt zwischen ihren Schneidezähnen… Ich hole Luft und atme leicht stöhnend durch, dann drehe ich das Wasser wieder auf warm. „Gut…Dann eben doch…Ich kann denken woran ich will wenn ich mir einen runterhole…“ Und wie es scheint, sind die Gedanken an sie bei diesem Vorhaben äußerst effektiv. Es dauert nicht lange und der Druck der mich seit dem Aufwachen begleitet, ist abgebaut. Ich stemme meine Hände an die kalte Duschwand und amte stoßweise durch, dann rolle ich meinen Kopf im Nacken und muss grinsen.

Irgendwie fühle ich mich komisch als ich nach unten gehe, fast als hätte ich etwas Verbotenes getan. Naja…Sie wird es nicht bemerken. Auf jeden Fall bin ich jetzt munter und gut gelaunt. Das Frühstück steht schon auf dem Tisch. Amanda bringt gerade Tee und den frischen Toast der herrlich duftet.

„Guten Morgen Sir“, sagt sie mit gesenktem Blick, was ich erwidere als Holly mit Vater in den Salon kommt. Ich stehe auf und lächle.

„Guten Morgen Vater. Guten Morgen Holly“, sage ich sehr freundlich, fast zu überschwänglich.

„Guten Morgen Lord Tavis“, sagt sie leise.

Mein Gott…Aus ihrem Mund klingt das so heiß…Ich muss kurz geflasht ans Duschen denken, bevor ich mich wieder zusammenreiße.

„Wir wollten doch beim DU bleiben?“, meine ich und reiche ihr das Körbchen mit den Toasts. Sie blickt verlegen auf und nickt dabei, was ich immer noch lächelnd erwidere.

„Ach Vater, Holly wird dir jetzt jeden Tag etwas am Klavier vorspielen“, werfe ich ein, während ich in der Zeitung blättere.

„Wie bitte?“, meint sie irritiert.

Ich sehe schmunzelnd auf. Es wäre zu schade, wenn sie ihr musikalisches Talent vergeudet. „Übung Holly. Es wäre schade, wenn du das Klavierspielen vernachlässigst. Musik ist die Melodie der Seele.“

Sie sieht mich immer noch irritiert an, zusätzlich zum verwirrten Blick zieht sie auch noch die Augenbrauen hoch. „Ach ja? Tja…Wenn das der Lord aushält.“

Mein Vater nickt euphorisch. „Ich liebe es, wenn man mir am Klavier vorspielt“, bestätigt er. „Tavis war immer ein sehr ehrgeiziger Klavierspieler, schon als kleiner Junge. Aber Peter, er wollte sich um jeden Preis vor den Stunden drücken.“

Ich atme durch. Peter ist komplett unmusikalisch, das hat sich bis heute nicht geändert, für ihn waren die Stunden eine Qual. Er war lieber draußen im Stall, auch das hat sich nicht geändert. Vater sieht sich nachdenklich um. „Wo ist Peter?“

Ich schaue zu Holly, weil ich schon wieder nicht weiß was ich tun soll und wie erhofft, nimmt sie mir die Antwort ab.

„Lord Peter ist schon aus dem Haus. Wichtige Termine.“ Sie greift nach der Teekanne und lächelt ihn an. „Noch Tee?“

Er nickt freundlich und fragt nicht weiter nach. Sie ist wirklich unglaublich. Mit Leichtigkeit schafft sie es meinen Vater in Schach zu halten und das beste daran, er mag sie. Er mag sie sogar sehr. Es war richtig sie zu fragen hier zu bleiben. Sowas von richtig. Ich lasse die beiden allein, auch wenn ich heute gerne noch länger am Frühstückstisch gesessen wäre. Meine Termine sind bis zum frühen Nachmittag straff geplant, ich habe sie extra so eingeteilt, dass ich danach noch die Felder abreiten kann. Ich will mir selbst ein Bild machen wie die Lage nach dem vielen Regen ist, sonst ist das ja Peters Arbeit. Er fehlt einfach überall und trotzdem bin ich immer noch wütend auf ihn. Was, wenn er wirklich ein Verhältnis mit meiner Frau hat? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie sich auf ihn eingelassen hat. Er ist ein Womanizer. Vor ihm ist kein Rocksaum sicher und das weiß sie. Ich versuche nicht mehr daran zu denken, was kaum möglich ist. Meine Termine haben sich gezogen und ich bin mit meinen Gedanken immer ganz wo anders. Die frische Luft wird mir hoffentlich guttun und etwas Klarheit in meinen Schädel bringen. Holly sitzt mit Vater bei Tee und Keksen am Tisch. Sie ist blass heute und redet nicht viel. Ich schaue noch schnell ein paar Unterlagen durch, mein Blick bleibt immer wieder an ihr hängen. Was ist denn nur los mit mir? Sie arbeitet für mich und dafür bin ich dankbar. Außerdem ist sie gar nicht mein Typ, auch wenn das nichts zur Sache tut, denn sie ist durchaus sehr hübsch. Natürlich hübsch. Unaufgeregt und doch sexy.

„Auch Tee?“, fragt sie mich freundlich und reißt mich aus meinen Gedanken die sie zum Glück nicht kennt. Ich räuspere mich ein wenig.

„Nein Danke. Ich möchte ein paar Felder abreiten bevor das Wetter umschlägt“, lehne ich ab.

Gequält lächelnd nickt sie. Irgendetwas stimmt heute nicht mit ihr.

„Geht es dir nicht gut?“, frage ich nach.

„Was? Nein…Alles in Ordnung“, entgegnet sie. Meinem Vater kann sie vielleicht gut irgendwelche Geschichten auftischen, aber mir kann sie nichts vormachen. Doch ich habe keine Lust nachzubohren, wenn sie nichts sagen will, soll sie es eben lassen. Mir fehlt heute die Kraft für ihre Spielchen.

„Vergiss nicht Vater am Klavier vorzuspielen“, sage ich noch im Gehen. Ihre Begeisterung hält sich in Grenzen wie mir scheint.

Mein Pferd ist schon gesattelt, ich bin ewig nicht mehr geritten. Dabei liebe ich es. Es ist ein Gefühl von Freiheit, das mir Kraft gibt und Kraft brauche ich momentan mehr als alles andere. Die Felder sehen trotz des anhaltenden Regens sehr gut aus. Eine gute Ernte ist das Um und Auf für die Qualität unseres Whiskys. Ich bin auf jeden Fall zufrieden und weite meinen Ausritt etwas aus. Ein warmer Wind kommt auf, das Wetter wird bald umschlagen, dicke Wolken hängen hinter den sanften Hügeln. Zurück am Hof freue ich mich aufs Abendessen, die frische Luft hat mir ordentlich Appetit gemacht. Ich bin schon gespannt, was sich Eliza heute einfallen lassen hat. Es ist schön mit Holly und Vater am Tisch zu sitzen. Sie isst alles, keine Allüren und sie unterhält nicht nur Vater, sondern auch mich. Es ist nett mit ihr zu plaudern, ich freue mich richtig darauf, als ich ihr geblümtes Kleid aus der Ferne erkenne. Sie steht an der Koppel und reibt sich die Stirn. Keine Ahnung was sie hat. Hoffentlich gibt sie nicht weh oh, oder Vater hat sie verjagt, sie wäre nicht die erste bei der das passiert. Ich nähere mich und steige vom Pferd.

„Holly? Wo ist denn mein Vater?“, frage ich vorsichtig.

Sie sieht mich an, ihr Blick ist irgendwie wirr. „Drinnen. Eliza kümmert sich ein paar Minuten. Ich brauche ein bisschen frische Luft“, stammelt sie.

Sie ist kreidebleich und sieht unglaublich fertig aus. „Dir geht es nicht gut, das habe ich vorhin schon bemerkt. Kann ich etwas tun?“

Sie lächelt verkrampft. „Nein…Es geht gleich wieder. Danke. Ich gehe auch schon wieder hinein. Wir sehen uns dann nachher.“

Ich will noch etwas sagen, aber das geht nicht, weil sie mir einfach den Rücken zuwendet. Diese Frau…Ich verdrehe verwundert die Augen und stelle das Pferd ein. Im Flur schlüpfe ich aus meinen Stiefeln, als ich Elizas Stimme höre. Sie klopft an die Tür der Toilette und redet leise. Ich gehe hinein, Vater sitzt vor dem Schachbrett, Eliza steht immer noch vor der Toilette.

„Hallo Eliza.“

„Guten Abend Tavis.“

Ich sehe sie fragend an. „Was ist denn mit Holly?“, frage ich besorgt nach. Es klingt auf jeden Fall nicht gut. Sie übergibt sich wie es scheint. Eliza zuckt mit den Schultern. „Kopfschmerzen. Ich schätze ein Migräneanfall.“

„Ach so. Ja…“, murmle ich als sich die Tür öffnet. Sie sieht entsetzlich aus, doch sie versucht immer noch die Starke zu spielen.

„Danke Tante Eliza…Ich kümmere mich wieder um den Lord“, sagt sie sehr energisch, auch wenn sie sich dabei kurz am Türrahmen abstützen muss.

„Nein Holly, ich kümmere mich um meinen Vater. Ich bringe dir jetzt eine Schmerztablette, dann legst du dich hin“, ordne ich an.

„Keine Tablette!“, fährt sie mich an und greift sich dabei wieder an die Stirn. Dann sacken ihre Knie ein, sie kann sich gerade noch am Stiegengeländer festhalten. Mein Gott…Wie kann man nur so stur sein? Eliza eilt an ihre Seite und stützt sie. Jetzt ist es genug.

„Warte…Ich mache das schon“, schüttle ich den Kopf, hebe sie hoch und trage sie in ihr Zimmer. Sie ist schwerer als gedacht…Na ja…Sie hat schon etwas mehr auf den Rippen, aber ich lasse mir nichts anmerken, ich bin schließlich ein Mann. Und der Lord. Ich setze sie am Bett ab, als sie fast panisch meinen Blick sucht. Ich ziehe ihr die Strickjacke aus und lege ihre Beine ins Bett.

„Keine Tabletten…“, murmelt sie kraftlos.

„Dann hole ich jetzt Dr. Scott“, nicke ich und streiche sanft über ihre Schulter.

„Nein…Ich will mich einfach nur ein paar Minuten ausruhen…Dann geht es schon wieder.“ Während sie das sagt, verdreht sie angsteinflößend die Augen, ich hoffe sie wird nicht ohnmächtig. Doch da öffnet sie ihre Augen wieder, ich suche ihren Blick, sie kneift vor Schmerzen die Augen zusammen. Warum nimmt sie nicht einfach eine Tablette? Herrje…Ich stehe auf und ziehe den Vorhang ein Stück zu und gehe aus dem Zimmer.

„Warum ist deine Nichte eine so unglaublich sture Frau?“, frage ich Eliza kopfschüttelnd.

Sie zuckt nur mit den Schultern und nimmt Vater mit in die Küche. Es ist längst Essenszeit, heute also einmal Abendessen mit dem Personal für den Lord. Dr. Scott ist zufällig in der Nähe und kurze Zeit später auf dem Gut.

„Guten Abend Sir, geht es ihrem Vater nicht gut?“, fragt er besorgt nach während er eintritt.

„Nein…Dem geht es blendet. Ich habe Ihnen doch von Mrs. Barnes, seiner Krankenschwester erzählt. Sie hat ihn wirklich im Griff, aber leider geht es ihr nicht gut. Ich weiß nicht…Sie hat schlimme Kopfschmerzen und will keine Tablette…Was kann das bedeuten?“, frage ich besorgt nach.

„Ich sehe nach ihr“, lächelt er mich an. Ich weise ihm den Weg zu Hollys Zimmer und warte. Nachdenklich gehe ich im Flur auf und ab, als ich stehen bleibe und nach Luft schnappe. Schwanger. Vielleicht ist sie schwanger? Das würde passen. Ich kratze mich am Bart. Scheiße…Wenn sie schwanger ist und ihr Arschlochmann hat sie stehen gelassen…Nein…Ich will nicht, dass sie schwanger ist. Dr. Scott kommt wieder aus dem Zimmer und reißt mich aus meinen Gedanken.

„Ist sie schwanger?“, frage ich sehr direkt und sehe ihn dabei eindringlich an.

Scott sieht mich irritiert an. „Nein Sir…Es ist ein Migräneanfall. Keine Sorge, ich habe ihr eine Spritze gegeben, sie wird jetzt ein paar Stunden tief schlafen, danach sollte es ihr besser gehen.“

Ich nicke erleichtert. „Ok…Verstehe…Aber warum nimmt sie nicht einfach eine Tablette dagegen?“

„Sie ist sehr erschöpft, ich konnte mich nicht wirklich mit ihr unterhalten, vielleicht eine Allergie“, lächelt er verklemmt.

Natürlich. Arztgeheimnis. Aber es ist mir auch egal. Hauptsache es geht ihr bald besser.

„Ich habe morgen ohnehin einen Termin für die Blutabnahme ihres Vaters, dann sehe ich sehr gerne noch einmal nach Mrs. Barnes“, schlägt er vor.

„Ja, Danke. Kann ich noch etwas tun? Braucht sie etwas?“

Er schüttelt den Kopf und geht zur Tür. „Nein, wie gesagt, sie schläft jetzt erst einmal. Gute Nacht Lord Stewart.“

„Danke…Gute Nacht, Dr. Scott.“

Ich schließe die Tür hinter ihm und lehne mich kurz mit dem Rücken daran. Eigentlich wollte ich nach dem Essen noch ins Krankenhaus, doch jetzt habe ich weder Hunger, noch Lust dorthin zu fahren. Ich gehe nach unten, Vater scheint die Gesellschaft in der Küche heute sehr zu gefallen.

„Und?“ Eliza sieht mich besorgt an.

„Dr. Scott hat ihr eine Spritze gegeben, sie schläft jetzt“, nicke ich und lasse mich auf einen Stuhl fallen.

„Tut mir leid, wenn Holly das ganze Abendprogramm durcheinandergebracht hat“, stammelt sie.

„Ach was, ich habe mich wirklich über ihren Zustand erschrocken. In diesem Haus gibt es seit Jahrhunderten dasselbe Programm, dann war es heute eben einmal anders“, schüttle ich den Kopf. „Hauptsache es geht ihr bald besser. Vielleicht ist sie überfordert, oder sie hat zu wenig Freizeit?“

„Nein, das glaube ich nicht. Soll ich dir das Essen hochbringen?“, meint sie lächelnd.

„Ich habe keinen Appetit…War ein anstrengender Tag“, murmle ich.

Sie nickt seufzend. „Ich kümmere mich sehr gerne um den Lord.“

„Das mache ich schon. Wir spielen jetzt die Schachpartie zu Ende, nicht wahr Vater?“

Er sieht sich nachdenklich um. „Ja…Aber wo ist Lady Holly?“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. James schmunzelt ohne mich anzusehen. Lady Holly. Nun ist sie also schon eine Lady. Tja…So schnell kann das gehen.

„Sie braucht ein bisschen Ruhe“, entgegne ich selbst auch ein wenig amüsiert.

Nach dem Schachspiel, bei dem ich schon andauernd gähnen musste, war ich froh, dass Vater schnell eingeschlafen ist. Ich nehme das Babyfon aus der Ladestation und öffne die Tür zu Hollys Zimmer einen Spalt. Das Licht aus dem Flur fällt auf ihr Gesicht. Sie schläft tief und fest. Nach einer heißen Dusche und einem Anruf im Krankenhaus wo sich nichts verändert hat, falle ich ins Bett.

Der Degen erwischt mein Gesicht und gleitet ganz mühelos über meine Haut. Ich spüre nichts außer Wut, Hass und Rache. Ich atme ein und mit dem Ausatmen verliere ich meine Wahrnehmung. Alles tritt zurück. Da ist nur noch er. Ich bin wie von Sinnen, bis er zu Boden geht. Atemlos sehe ich auf ihn hinab. Das Blut tropft von meinem Kinn auf seinen Körper. Mir wird zuerst schwindelig, dann schlecht.

Panisch reißt es mich auf. Ich schnappe nach Luft und sehe mich irritiert um. Nach ein paar Momenten lasse ich mich wieder in mein Kissen sinken. Schon wieder dieser Traum. Seit zwanzig Jahren immer wieder dieser Traum. Mein Herz klopft. Ich sehe auf mein Handy, kurz nach elf. Mein Nacken tut weh. Ich bin so aufgewühlt, dass ich sowieso nicht schlafen kann, darum stehe ich auf um nach Holly zu sehen. Ich mache mir Sorgen um sie, der Himmel weiß warum. Leise öffne ich ihre Tür, ihre Decke ist zurückgeschlagen, aber von ihr keine Spur. Im Salon ist sie auch nicht, ich gehe zum Küchenabgang, unten brennt Licht. Ich gehe nach unten, wo sie im rosa Pyjama und flauschiger Strickjacke steht. Sie will sich wie es aussieht gerade Tee machen, als sie erschrocken zusammenzuckt, vermutlich weil ich plötzlich hinter ihr stehe.

„Entschuldige. Ich wollte dich nicht erschrecken“, lächle ich sie an und nehme ihr den Teekessel ab.

„Macht nichts“, murmelt sie. „Hab ich dich geweckt?“

Ich mache die Gasplatte an und schüttle den Kopf. „Nein, ich konnte nicht schlafen. Geht es dir besser?“

Sie lächelt, etwas verlegen wie mir scheint, aber unglaublich süß. Ihre Haare sind noch feucht und sehen ganz anders aus als sonst. Lockig würde ich sagen.

„Ja, Danke, dass du den Arzt gerufen hast. Mir ist das ziemlich unangenehm…“

„Nein, das muss es nicht. Ich habe mich ziemlich über deinen Zustand erschrocken, gut, wenn es dir jetzt wieder besser geht.“

„Sehr viel besser“, bestätigt sie, als sie wieder zusammenzuckt, weil der Teekessel zu pfeifen beginnt. Sie dreht sich zögerlich um und gießt den Tee auf. Ich bin immer noch geflasht von ihren Haaren, darum gehe ich ablenkend zum Kühlschrank und werfe einen Blick hinein. Das fehlende Abendessen lässt meinen Magen nun doch ein wenig rebellieren. Ich kratze mich am Kinn und drehe mich zu ihr. „Hunger?“

„Nein…“, lächelt sie.

Ich hole die Dose mit unserer selbstgemachten Wurst und noch so einige andere Leckereien aus dem Kühlschrank und stelle alles auf die Anrichte. An ihrem Tee nippend sieht sie mir zu. Ich setze mich auf den Hocker und öffne die Dose. Ein verführerischer Duft steigt auf.

„Das ist unsere selbstgemachte Trockenwurst aus Wildfleisch. Sicher nicht probieren?“, frage ich sie noch einmal.

Ich scheide ein Stück ab und reiche es ihr. Sie zuckt mit den Schultern, irgendwie ist das Schüchterne auch süß, selbst wenn mich ihre Spielchen etwas nerven. Es ist nervig, gleichzeitig aber auch heiß. Wie eine scheue Katze. Sie nimmt die Wurst und ich müsste mich sehr täuschen, wenn es ihr nicht schmeckt.

„Komm, setz dich zu mir“, fordere ich sie auf.

Zögerlich nimmt sie Platz, während ich alles aufschneide. Ich versuche ihre Zurückhaltung zu ignorieren, vielleicht hilft ja das um sie zum Auftauen zu bringen. Und es hilft tatsächlich wie es scheint.

„So hat das mein Dad früher immer gemacht. Man muss einfach zugreifen, wenn es so unglaublich einladend vor einem liegt“, meint sie und beginnt zu essen, was sich wie ein kleiner Sieg anfühlt.

„Danke noch einmal das du geblieben bist, wenn du nicht wärst, ich weiß nicht wie ich das mit Vater schaffen würde“, bedanke ich mich. Ich finde es ist an der Zeit, ihr das einmal zu sagen.

Sie senkt ihren Blick und atmet durch. „Hier werde ich gebraucht und darüber bin ich froh.“

Ich sehe sie nachdenklich an. Es würde mich schon interessieren was mit ihrem Ehemann los ist. „In England wirst du nicht gebraucht?“

„Nein…Nicht mehr…“, sagt sie leise ohne aufzusehen.

„Keiner der auf dich wartet?“

Sie schüttelt nur wortlos den Kopf. Meine Güte…Sie lässt sich auch wirklich alles aus der Nase ziehen, also versuche ich es anders.

„Eliza meint du hast dich in England um ein krankes Kind gekümmert? Wie es scheint kannst du ziemlich gut mit Menschen umgehen, mein Vater ist beste Beispiel dafür.“

Sie schließt kurz ihre Augen, wie es aussieht ist ihr meine Frage unangenehm. „Hat dir Eliza auch erzählt, dass ich das Kind umgebracht habe?“

Ich lege das Messer weg und sehe sie ungläubig an. „Rede keinen Unsinn Holly.“

Ich weiß, was es bedeutet einen Menschen umgebracht zu haben und ich glaube kaum, dass sie weiß wovon sie gerade spricht.

„Habe ich aber.“ Ihr Blick verändert sich, sie krallt ihre Finger in die Pyjamahose an ihren Oberschenkeln. Etwas Wahres muss an ihren Worten dran sein, sonst würde sie nicht so reagieren, auch wenn ich kaum glaube, dass sie jemanden getötet hat.

„Erzähl es mir“, sage ich darum leise.

Auf einmal ist sie wie ausgewechselt. Nach kurzem Zögern spricht sie. Sie erzählt von einem Kind, einem sehr kranken Kind um das sie sich gekümmert hat und mit jedem ihrer Worte spüre ich, wie sehr sie diesen Jungen liebte. Ihre Pflege war augenscheinlich aufopfernd. Sie ist aufgelöst und außer sich. Er war alles für sie, das merke ich schon nach ein paar Sätzen. Das bestätigt mir auch, dass sie ihn keinesfalls umgebracht hat. Selten war mir etwas so klar, ohne es wirklich zu wissen. Diese Frau kann gar niemandem etwas antun. Sie ist unbeschreiblich fürsorglich und liebevoll. Auch wenn ich bis jetzt kaum etwas von ihr weiß, ich kenne niemanden der so ist wie sie.

„Ich dachte er könnte wieder gesund werden, auch wenn das unmöglich war.“ Ihre Stimme wird immer leiser. „Es war am Tag vor seinem Geburtstag.“

„Was ist passiert?“, frage ich vorsichtig nach.

„Wir haben Kuchen gebacken“. Sie schließt ihre Augen, Tränen lösen sich. Ich weiß nicht was ich tun soll, ich möchte nicht das sie weint und doch glaube ich es ist gut, wenn sie spricht. „Er hat mir geholfen. Haselnuss-Karottenkuchen mit Zitronenglasur.“ Sie lächelt kurz, die Tränen tropfen auf ihre Hose.

„Das klingt doch hervorragend“, lächle ich auch.

„Ja…Hätte er nicht eine Nussallergie gehabt.“ Sie legt ihre Hände vors Gesicht und beginnt zu schluchzen. Überfordert ziehe ich sie weg und versuche ruhig zu bleiben.

„Nussallergie?“

„Ja. Die hat sich scheinbar durch seine Krankheit entwickelt haben mir die Ärzte erklärt. Es war nie die Rede von irgendwelchen Allergien, auch seine Eltern wussten nichts davon…Sonst hätte ich das doch nicht gemacht…“ Sie schnappt nach Luft. „Wir waren allein zu Hause. Theos Mutter war einkaufen für die Party am nächsten Tag. Wir hatten so viel Spaß. So viel Spaß…“ Wieder schließt sie kurz ihre Augen, bevor sie weiterspricht. „Dann wurde er auf einmal ganz still. Vielleicht habe ich zu spät reagiert…Ich weiß nicht…“ Sie sieht mich kopfschüttelnd an. „Er lief ganz blau an und bekam keine Luft mehr. Ich war komplett panisch und versuchte alles richtig zu machen. Ich griff in die Küchenlade und holte ein kleines spitzes Messer heraus und führte einen Luftröhrenschnitt durch. Ganz ohne nachzudenken habe ich den Schnitt gesetzt. Einfach so. Dann bekam er zwar wieder so lange Luft, dass ich den Notarzt rufen konnte, aber ich hätte das nicht tun dürfen. Ich bin nur Krankenschwester, keine Ärztin. Ich habe meine Kompetenzen überschritten.“

Ich kann nicht fassen was sie erzählt. Ich kann diese Frau einfach nicht fassen. Es ist unglaublich. Ich kenne niemanden der so ist wie sie. Absolut niemanden. „Einen Luftröhrenschnitt?“, frage ich ungläubig nach.

Sie nickt. „Ich habe das sooft im Krankenhaus gesehen. Ich wusste nicht was ich sonst machen hätte sollen, er bekam doch keine Luft mehr.“

Jetzt ist der Moment in dem ich tausend prozentig weiß, dass sie die einzig richtige Wahl für die Pflege meines Vaters war. Jetzt ist der Moment in dem ich sie einfach gerne in den Arm nehmen würde, doch das würde zu weit gehen, darum greife ich nur nach ihrer Hand. „Du hast ihn nicht umgebracht, du hast ihm das Leben gerettet.“

„Er hat es aber trotzdem nicht geschafft“, flüstert sie tränenerstickt.

„Du hast alles richtig gemacht Holly. Es gibt keinen Grund dir dafür Vorwürfe zu machen. Macht dir deswegen jemand Vorwürfe?“

„Nein…“, stammelt sie. „Aber ich habe dieses Kind geliebt Tavis. Er hätte noch leben können.“

Ich amte durch. Geliebt. Sobald Liebe im Spiel ist, tut es weh. Immer.

„Die Liebe tut weh Holly. Immer. Wenn du liebst, ist das mit Schmerzen verbuchen.“

Sie sieht mich ungläubig durch ihre verweinten Augen an.

„Dein Mann, du bist doch verheiratet? Warum bist du hier? Weil er dir wehgetan hat, oder?“

Sie senkt ihren Blick und nickt zaghaft.

„Siehst du. Meine Frau. Schwanger von einem anderen Mann. Der Junge, gestorben – ohne Vorwarnung. Meine Mutter hat meinen Vater verlassen als er sie am meisten brauchte. Er hat es nie überwunden. Die Liebe ist ein Zustand.“ Ich meine sehr ernst was ich sage.

„Liebst du deine Frau denn nicht?“, fragt sie nach.

Seufzend atme ich durch. Liebe ich meine Frau? Mit so einer direkten Frage habe ich nicht gerechnet und ich bin mir auch nicht sicher ob ich sie beantworten kann wie sie es hören will.

„Kendra war meine erste richtige Freundin. Sie war das schönste Mädchen weit und breit und es war unbeschreiblich sie zu erobern. Dann studierte ich in den USA und vergaß sie für einige Zeit. Ich habe wirklich alles Mögliche ausprobiert und wurde mit nichts und niemandem glücklich. Es war eine schlimme Zeit. Als ich zurück kam wusste ich, sie ist die Frau die ich heiraten muss um Ruhe zu finden. Ich hege eine tiefe Verbundenheit zu Kendra, aber sie ist hier nicht glücklich und ich habe die Ruhe die ich gesucht habe bis heute nicht gefunden.“

Während ich noch spreche wird mir klar, dass ich Dinge sage, die sie nichts angehen und von denen ich nicht will, dass sie sie weiß.

„Ich weiß, dass es die wahre Liebe gibt. Ganz bestimmt“, meint sie und stopft sich unerwartet ein Stück Wurst in den Mund. Ihr hat das Gespräch wie es scheint geholfen. Sie sieht auf. „Aus dieser schlimmen Zeit hat du deine Narbe?“

Gut. Das geht sie jetzt wirklich nichts an. Absolut nichts. Ich will nicht, dass sie mich so musternd ansieht, darum wende ich mich ab.

„Darüber möchte ich nicht sprechen. Du würdest es nicht verstehen“, sage ich kühl.

Sie sieht mich komisch an, darum stelle ich eine Frage, um von mir abzulenken.

„Was war dann?“

„Wann?“, fragt sie nach.

„Nachdem das Kind gestorben ist.“

Sie zuckt mit den Schultern. „Alles ist zusammengebrochen. Meine Arbeit. Meine Ehe. Mein Leben. Nichts war mehr wie zuvor. Ich bin in ein tiefes Loch gefallen und komme da nicht wieder heraus.“

Langsam verstehe ich. Dieses tiefe Loch kenne ich nur zu gut. „Darum kein Alkohol und keine Tabletten?“

Sie nickt. „Vor allem Tabletten. Ich habe es erst an einem Punkt gecheckt an dem es fast zu spät war. So tief will ich niemals wieder fallen.“

Ich sehe sie an und will nicht mehr nachfragen. Sie hat viel durchgemacht, das spüre ich. Es wird eine andere Gelegenheit geben darüber zu reden. Für heute habe ich sie genug ausgefragt. Während ich sie so ansehe, habe ich plötzlich ein Bild vor Augen. Auf einmal fällt mir wieder ein, wie sie früher bei James auf Besuch war. Ich muss lächeln.

„Was?“, meint sie und sieht mich fragend an, vermutlich weil ich so grinse.

„Ich erinnere mich an ein Mädchen mit dunklen Locken und einem rotweiß gepunkteten Kleid. Ach ja, und weiße Turnschuhe.“

Jetzt lächelt sie auch. Sei schüttelt belustigt den Kopf. „Wie kommst du denn darauf?“

„Drüben bei Eliza und James, du hast vor dem Haus auf der Bank gesessen“, fällt mir ein.

„Echt? Das ist dir gerade eingefallen?“

„Ja, es sind die Haare.“ Inzwischen sind sie trocken geworden und sehen hammermäßig aus. Dichte dunkle Locken die glänzend über ihre Schultern fallen. Es steht ihr unglaublich gut, selbst im Pyjama und mit verheulten Augen sieht sie umwerfend aus. „Warum lässt du sie nicht so wie sie sind?“

Sie streicht sich mit der Hand durch die Locken. „Sieht glatt besser aus“, stellt sie fest.

Das kann ich absolut nicht teilen, denn ich finde sie sollte sie nie wieder glatt machen. Ich schüttle den Kopf. „Nein. So ist es besser. Viel besser.“

Ihre Wangen röten sich ein bisschen, aber sie lächelt. Zum Glück. Auch das steht ihr viel besser als die Tränen von vorhin. Ich könnte noch ewig mit ihr reden und es gibt so vieles, dass ich über sie wissen will, doch es ist spät und sie sollte sich ausruhen nach ihrer Kopfschmerzattacke. Darum beginne ich aufzuräumen. Holly blickt seufzend aus dem Fenster. „Wann hört das endlich auf?“ Es regnet schon wieder.

„In ein-, zwei Wochen sollte es besser werden. Komm gehen wir schlafen. Es ist verboten spät.“

Sie nickt und geht nach oben, ich folge ihr, dabei komme ich mir wie ein Trottel vor, weil ich auf ihren Hintern starre. Ich verdrehe für mich selbst die Augen und folge ihr wortlos. Vor der Treppe zum Obergeschoss bleibt sie stehen.

„Gute Nacht Tavis. Danke fürs Zuhören und für alles andere auch.“

Ich nicke und sehe sie dabei an. Für alles andere auch? Wofür denn? Und schon wieder durchqueren mich Gedanken, die nicht hierhergehören. Ich will sie anfassen. Jetzt. Überall. Ich will noch viel mehr als das. Genau das will ich tun. Ich nähere mich ihr langsam und bleibe eine Handbreite entfernt vor ihr stehen. Eigentlich rechne ich damit, dass sie zurückweicht, doch sie sieht mich nur an. Es ist, als würde kurz die Zeit stehen bleiben. Wie von selbst hebe ich meine Hand und streiche durch eine Lockensträhne, die in ihr Gesicht ragt. Ich fahre mit meinem Zeigefinger ihren Wangenknochen entlang, mein Herz klopft schneller, ich halte die Luft an. Sanft ziehe ich ihr Kinn an mein Gesicht und küsse sie. Das passiert ganz von selbst. Ja…Ich küsse sie, dabei zieht sich alles wohlig in mir zusammen und das Beste, sie wehrt sich nicht. Plötzlich beginne ich zu denken. Fuck. Was mache ich hier eigentlich? Auch wenn ich weitermachen will, mein Verstand hält mich davon ab. Ich löse mich von ihr. So geht das nicht Stewart. Langsam öffnet sie ihre geschlossenen Augen.

„Gute Nacht Holly“, hauche ich leise, mehr bringe ich nach diesem ungemessenen Ausbruch nicht heraus. Ich gehe ohne noch einmal zurück zu sehen nach oben und schließe schnell die Tür hinter mir.

„Was machst du? Scheiße was machst du?“, sage ich mir selbst und kneife die Augen zusammen. „Das kannst du nicht machen…“

Ich lasse mich ins Bett fallen und atme durch. Sie ist toll…Und sie schmeckt himmlisch…Süß…Ja…Diese weichen heißen Lippen…Ich schließe meine Augen. Gott…Sie schmeckt…Nach mehr…

Kapitel 11

Ich konnte kaum einschlafen und bin deswegen unglaublich müde und vermutlich auch schlecht gelaunt. Es war total falsch Holly zu küssen. Keine Ahnung was mir dabei eingefallen ist. Das geht einfach nicht. Darum habe ich beschlossen, mich ab sofort wieder wie der Lord zu verhalten. Im Vorjahr mussten zwei Angestellte entlassen werden, weil Peter nicht die Finger von den Damen lassen konnte. Jetzt benehme ich mich schon gleich und ich möchte Holly nicht verlieren und zwar meinem Vater zu liebe. ER braucht sie. Also keine Küsse und keine Gedanken mehr an sie, insbesondere nicht beim Duschen. Ich bin spät dran, Holly und Vater sitzen schon beim Frühstück als ich nach unten komme und mein Handy klingelt. Es ist Kendras Arzt. Diese Tatsache macht es mir gleich noch leichter realistisch zu sein. Holly sieht kaum auf, als ich mich nach dem Telefonat an den Tisch setze. Gut, damit war zu rechnen. Ich sage nichts mehr, heute Nacht wurde mehr als genug gesprochen. Es ist eine unangenehme Situation, aber in ein paar Tagen wird sich das gelegt haben. Um die Schweigestunde zu beenden stehe ich auf, ich bin ohnehin spät dran. „Dr. Scott kommt heute noch einmal vorbei. Er will auch gleich meinem Vater Blut abnehmen. Er wird vor dem Tee hier sein. Bitte richte ein, dass ihr im Haus seid“, ordne ich etwas zu schroff an. Das war jetzt übertrieben, aber ich will ihr keine Hoffnungen machen, also falls sie sich welche macht. Sie sieht auf…Gott diese Augen…Dieser Mund…Mir fällt wieder ein wie sie schmeckt…

„Noch etwas?“, frage ich nach, um ihr nicht schon wieder zu verfallen. Ich bin so ein Volltrottel.

„Nein. Nichts.“ Ihre Stimme ist mindestens ebenso schroff wie meine. Toll gemacht Stewart. Aber ich weiß einfach nicht wie ich die Situation sonst lösen soll. Es ist schwierig unnahbar zu sein und gleichzeitig ihrer Anziehungskraft zu entkommen. Ich verlasse das Haus und fühle mich schrecklich unwohl. Weil ich sie mag. Sie wird denken ich bin ein Arschloch. Bin ich ja auch.

Ich habe so viel zu tun, dass ich nicht mehr viel Zeit habe darüber nachzudenken. In der Brennerei ist eine Maschine ausgefallen, der Vorarbeiter der sich damit auskennt ist krank und eine Lieferung wurde reklamiert. Ich bin so im Stress, dass ich fast zu spät zu einem Geschäftsessen komme. Unterwegs habe ich noch mit meiner Mutter telefoniert, das raubt mir zusätzlich Nerven und Kraft. Ich will nicht mit ihr reden, es ist einfach zu viel passiert. Sie ist für mich Geschichte und ich bin froh, dass sie weit weg ist. Das Essen war zumindest erfolgreich, ich habe einen neuen Kunden an Land gezogen. Dass ich heute erst spät zurück aufs Gut komme, passt mir ganz gut. Ich hoffe, dass ich Holly nicht mehr begegnen werde. Nicht dass ich es nicht wollte, aber es ist besser so. Zumindest für heute. Tatsächlich ist im Castle alles dunkel. Ich schleiche ins Haus und gehe auf direktem Weg nach oben. Im Flur bleibe ich kurz stehen. Meine Zimmertür steht offen, das Licht der kleinen Lampe auf der Kommode brennt schwach. Was zur Hölle… Ich gehe weiter und bin sehr überrascht. Holly greift gerade nach dem Babyfon, wegen mir ist sie also nicht hier hochgekommen, war mir aber irgendwie klar. Gott…Ist sie heiß…Meine Vorsätze lösen sich gerade in Luft auf und verschwinden im Durcheinander meiner Gedanken. Ich bin nur noch auf sie fokussiert, alles andere ist wie ausgelöscht.

„Guten Abend“, sage ich leise und bleibe dicht hinter ihr stehen. Das schwache Licht lässt sie so sexy aussehen, ich kann mich nur schwer beherrschen. Sie trägt lediglich ein langes weißes Shirt, das ziemlich durchsichtig ist, ein dunkler Slip zeichnet sich darunter ab. Und wenn ich mich nicht sehr täusche kein BH. Wow…Sie schreckt zusammen, das gefällt mir komischerweise.

„Hi…Entschuldigung…Das Babyfon…“, stammelt sie verlegen. Ich sehe sie wortlos an. Wirklich kein BH. Mein Gott. Entweder ist ihr kalt, oder sie hat sich so erschrocken…auf jeden Fall scheint es, als würden mich ihre Brustwarzen fast auffordernd anflehen sie zu berühren, oder noch besser…an ihnen zu knabbern. Meine Hose beginnt langsam zu spannen.

„Gestern der Kuss und heute stehst du schon in meinem Zimmer“, schmunzle ich mit ungewollt lasziver Stimme, immer noch geflasht von ihrem Anblick.

Ihre Wangen röten sich. „Du hast mich geküsst.“

Ja das habe ich und wenn ich dich so ansehe…Sie will sich an mir vorbeidrängen, doch ich kann sie nicht durchlassen, es ist einfach nicht möglich. Ich halte sie an der Hand zurück. „Gewehrt hast du dich aber nicht.“

Ich sehe in ihre dunklen Augen und auf ihren leicht geöffneten Mund. Es wirkt fast so, als würde sie nach Luft schnappen. Dieser Blick ist wie ein Startkommando. Ich ziehe sie an mich und küsse sie. Innig. Leidenschaftlich. Heute richtig. Auch wenn ich es mir nicht wünsche, rechne ich eine Zeitlang damit, dass sie mich gleich zurückweisen wird, doch es passiert nichts. Im Gegenteil. Und das ist gut so. Sie erwidert meinen Kuss. Langsam schiebt sie mir mit einem leise gestöhnten Mhhhhmmmmm ihre Zunge in den Mund, was meine Hose endgültig fast zum Platzen bringt. Ich presse mich an ihren Körper und reibe mich sanft an ihr, sodass sie merkt was sie auslöst. Sie ist unglaublich. Heiß. Sinnlich. Kurz halte ich inne. Ich sehe sie an und streiche dabei durch ihre Haare. Sie will mehr. Das spüre ich. Ich will auch mehr. Da ist so viel Spannung zwischen uns, es ist kaum auszuhalten. Sie lächelt mich an und schließt ihre Augen, mehr Aufforderung geht nicht würde ich sagen. Ich küsse sie wieder, gleichzeitig ziehe ich ihr Shirt aus. Ihre Haut ist zart und glatt, es ist unbeschreiblich. Eigentlich will ich nur ihren Busen anfassen und keine Ahnung was noch, aber ich versuche mich zu beherrschen, ich bin schließlich kein Junge mehr der es so nötig hat. Obwohl…Im Moment habe ich es nötig. Ich streiche ihren Rücken hoch, sie bekommt eine Gänsehaut. Ich auch. Gut. Beherrschen kann ich vergessen. Ich ziehe sie zum Bett, es geht viel zu schnell, aber alles andere ist nicht machbar. Berauscht küsse ich ihren Hals und endlich ihre Brust. Und dieser Busen macht mich noch schärfer als ich es sowieso schon bin. Sie riecht verführerisch und schmeckt auch so. Süß. Heiß. Berauschend. In meinem Hals pocht der Puls, in meiner Hose ist kaum noch Platz, mein Schwanz will endlich raus und sie erobern. Ich schiebe ihren Slip nach unten und streiche dabei sanft mit meinen Fingern ihre Oberschenkel hinunter, ihre Haut ist brennend heiß. Sie versucht meine Hose zu öffnen, doch das geht mir nicht schnell genug, ich mache es besser selbst. Sie atmet hörbar, ich will es jetzt einfach nur noch tun. Ich vergrabe meine Nase in ihren Haaren, sie schiebt sich mir förmlich entgegen, darum mache ich, was ich selbst nicht mehr zurückhalten kann und will. Ich will nicht mehr denken, ich will sie nur noch spüren. Sanft dringe ich in sie ein. Sie fühlt sich himmlisch an, feucht, heiß, so als hätte sie schon darauf gewartet. Sie atmet hörbar ein und leise stöhnend aus. Ich will nicht zu wild sein, was schwierig ist, weil es der Wahnsinn ist sie so intensiv zu spüren und ich mein Verlangen kaum zügeln kann. Sie schnappt erneut hörbar nach Luft, presst ihre Lippen an meinen Hals und krallt ihre Finger in meinen Rücken. Das turnt mich so an, dass alles viel schneller geht, als mir lieb ist. Ich würde gerne noch viel mehr mit ihr machen, doch es ist unmöglich und ich bin fast froh, als sie laut nach Luft schnappend kommt und ich ihr ebenso atemlos folge. Es ist wie eine Erlösung und es war selten so einfach eine Frau zum Höhepunkt zu bringen. Und es war sicher nicht vorgetäuscht, ich will mir ja nichts einbilden, aber so wir ihr Herz gerade pumpt und ihr Körper bebt, war dieser Orgasmus sowas von real, gleich wie meiner. Vorsichtig rutsche ich von ihr herunter, sie greift nach der Decke und zieht sie schnell über sich. Ich könnte jetzt etwas sagen, aber ich weiß nicht was. Ich kann ja selbst kaum fassen was gerade passiert ist. Sie sollte etwas Zeit haben um sich zu fangen. Das war…Unglaublich. Ich schließe meine Augen, sie atmet immer noch unregelmäßig. Ich lausche und irgendwie beruhigt mich dieses zarte nach Luft ringen. Nach ein paar Minuten hat sich ihre Atmung normalisiert. Sagen tut sie noch immer nichts. Ich könnte mich an sie schmiegen. Könnte. Aber will sie das? Will ich es? Ich denke noch darüber nach, als sie sich langsam aufrichtet und aus dem Bett steigt. Ok…Was wird das jetzt? Ich warte einmal ab. Sie greift nach ihren Sachen und dem Babyfon und ist genauso schnell aus meinem Zimmer verschwunden, wie diese Nummer gerade ablief. Das irritiert mich kurz, ich will ihr noch etwas nachrufen, doch ich lasse es. Einer Frau hinterherlaufen ist nicht mein Stil. Ich richte mich auf und atme genervt durch. Spinnt sie? Keine Frau läuft so davon, wenn ich sie gerade gefickt habe, vor allem nicht, wenn es ein ziemlich geiler Fick war. Noch dazu, ohne ein Wort zu sagen. Kein: „Wow…Das war gut…“ oder „Danke, dass du es mir besorgt hast…“ Na gut, so denken Frauen vermutlich nicht, aber nichts desto trotz. Was soll das? Ich überlege kurz nach unten zu gehen und sie zu fragen ob sie ein Problem hat, aber ich lasse es und stelle mich stattdessen unter die Dusche, wo ich nach ein paar Minuten auch wieder klar denken kann. Meinen Vorsatz sie in Ruhe zu lassen habe ich nicht einmal vierundzwanzig Stunden durchgezogen. Stattdessen habe ich getan, was völlig daneben war, obwohl es gleichzeitig richtig geil war. Womöglich habe ich sie überfordert. Vielleicht auch bedrängt? Nein…Ich habe ihre Signale schon richtig verstanden. Möglicherweise ist sie nur unsicher wegen ihrem Ehemann. Ach was weiß ich…Morgen ist auch noch ein Tag um das zu klären.

Kapitel 12

Ich habe eine weitere schlaflose Nacht hinter mir. Eigentlich sollte man nach so entspannenden Aktivitäten gut schlafen, aber ich habe nur nachgedacht. Warum ist sie einfach ohne ein Wort davongelaufen? Habe ich etwas falsch gemacht? Ich war mir sicher sie wollte es und es hat ihr gefallen. Das beschäftigt mich wirklich und ich würde es gerne mit ihr klären, aber ich muss heute schon früh außer Haus, weil ein Servicetechniker wegen der defekten Maschine in die Brennerei kommt, danach muss ich ins Krankenhaus. Ich habe nicht einmal mehr Zeit zum Frühstücken. Als ich nach unten gehe, höre ich Hollys Stimme aus Vaters Zimmer. Mein Magen zieht sich komisch zusammen. Ich mache mir mehr Gedanken als üblich wegen der Sache. Ja…Es ist nur eine Sache…Also wozu so überreagieren? Wir haben gevögelt. Mehr nicht. Ich atme durch. Aber es war gut, unglaublich gut, auch wenn es viel zu schnell ging. Vater blafft Holly mit resolutem Ton an, er scheint heute nicht die beste Laune zu haben. Ich sehe ins Zimmer um mir einen Blick über die Lage zu verschaffen.

„Was ist denn hier los?“, frage ich während ich in mein Sakko schlüpfe.

Für einen Bruchteil einer Sekunde sieht sie mir in die Augen was wie ein Blitz in meinen Unterleib schießt, dann aber gleich wieder weg. Aha. Das übliche Spiel. Schüchterne Distanz. Gestern Abend hatte sie die zur Gänze abgelegt.

„Nichts. Der Lord hat jetzt einen wichtigen Termin.“ Sie sieht noch einmal zu mir und verdreht dabei die Augen. Ich verstehe nur Bahnhof, habe aber keine Zeit für Ratespielchen. „Ich verstehe kein Wort, aber egal. Mein Termin lässt jedenfalls nicht gerne auf sich warten.“

Holly dreht sich schon wieder zu Vater, ich sehe sie noch kurz an. Sie hat ihre Haare hochgesteckt, eine lange Locke hat sich gelöst und schlängelt sich über ihren Hals bis zum Rücken hinunter. Ich muss daran denken wie sie sich anfühlt…wie sie riecht… Mir wird warm. Und ihre Hose…ganz schön eng…Ihr Hintern…

„Junger Mann, lassen Sie sich gefälligst einen Termin von meiner Sekretärin geben“, fährt Vater mich streng an und reißt mich zum Glück aus meinen schon wieder unpassenden Gedanken. Ich schüttle den Kopf, es ist wirklich Zeit zu gehen. „Ja natürlich…“, meine ich und will schon gehen bevor ich mich noch einmal umdrehe. Erneut treffen sich unsere Blicke kurz. „Sicher alles im Griff?“, frage ich nach.

Sie nickt - und zack schon wieder sieht sie weg. Es ist ihr peinlich. Ja…Was gestern Abend passiert ist, ist ihr peinlich. Ich weiß nicht, wie ich das einordnen soll. Es soll ihr nicht peinlich sein. Es war gut. Nein geil. Keinesfalls peinlich. Ich möchte sie wirklich gerne fragen, aber ich habe keine Zeit mehr und Vater ist heute auch total durch den Wind. Ich bin schon vor der Tür, als mir einfällt, dass heute meine Tante vorbeikommt. Holly braucht einmal ein paar Stunden für sich, das ist mir nach ihrem Migräneanfall klar geworden. Ich gehe noch einmal zurück. Sie kommt mir gerade mit Vater entgegen, sie schnappt richtiggehend nach Luft als sie mich sieht. Ich versuche es zu ignorieren. „Das hätte ich fast vergessen. Heute Nachmittag kommt meine Tante Linda vorbei. Sie wird sich ein paar Stunden um diesen beschäftigen Herren kümmern. Damit du einmal raus kannst.“ Ich versuche sie nicht noch weiter herauszufordern und sehe stattdessen auf meine Uhr. Wenn ich nicht zu spät kommen will, muss ich jetzt wirklich los.

„Ach so…Ja…Schön…Danke…“, stammelt sie. Ich sehe sie noch einmal kurz an, dann gehe ich endgültig. Es wird sich heute schon noch eine Gelegenheit ergeben mit ihr zu sprechen. Doch jetzt muss ich mich um meine Geschäfte kümmern, Schluss mit belanglosen Spielchen. Außerdem braucht mich meine Frau, ich muss dringend ins Krankenhaus. Egal was sonst so passiert, Kendra steht immer an erster Stelle bei mir, ganz nebensächlich was sie gemacht hat und auch egal was ich sonst so mache. Es ist nicht relevant. Sie ist meine Ehefrau um die ich mich immer kümmern werde, das habe ich ihr versprochen und so wird es auch immer bleiben. Die Dinge die ich in meiner Kindheit erlebt habe, bestärken diesen Entschluss immer wieder. Man kann nicht aufgrund persönlicher Empfindlichkeiten alles hinschmeißen. Eine Ehe zu führen bedeutet Arbeit, harte Arbeit.

Zumindest in der Brennerei läuft heute alles nach Plan. Die Maschine läuft wieder, es war nicht viel zu tun, lediglich ein Fehler in der Technik. Dafür gibt es Unmengen an Papierkram zu erledigen. Ich weiß nicht, wie ich Slater noch zum Verkauf der Felder bewegen kann. Seit Tagen denke ich darüber nach. Peter hat Recht, wir brauchen das Land und es liegt einfach perfekt. Ich könnte mich bei Jessica entschuldigen. Ein Abendessen. Pralinen. Blumen. Keine Ahnung. Sie verführen. Ich schließe meine Augen und schüttle den Kopf. Mich entschuldigen. Das würde vielleicht helfen. Genau. Mich bei einem Abendessen entschuldigen mit Pralinen und Blumen. Ich bin mir sicher, dass das Ende dieser Entschuldigung wieder in irgendeinem Hotelbett enden würde, und ja, ich könnte das tun, doch ich empfinde schon während ich nur daran denke eine Abneigung, die es mir nicht leicht machen wird diese Angelegenheit wieder ins Lot zu bringen. Heute kann und will ich das nicht zu Ende denken. Es ist schon spät, ich muss ins Krankenhaus und habe meiner Tante versprochen zum Abendessen zu Hause zu sein. Ich bin froh, dass sie sich ein paar Stunden mit Vater beschäftigt. Und ich bin noch erleichterter, dass sich Holly so wunderbar um ihn kümmert. Ich lehne mich in meinem Ledersessel zurück und atme durch. Sie ist wirklich voller versteckter Qualitäten. Hätte ich mir bei unserer ersten Begegnung im Stall nicht gedacht. Ihr Problem mit den Tabletten passt gar nicht zu ihr, auch wenn sie manchmal schwer einzuschätzen ist, wirkt sie doch so klar und weiß immer eine Antwort, wenn es um Vaters Krankheit geht. Einzig ihr schüchternes Ausweichen gefällt mir nicht, für Spielchen fehlt mir die Geduld und Zeit. Auf dem Weg zur Klinik klingelt mein Handy über die Freisprechanlage. Mutter. Sie lässt nicht locker, auch wenn ich ihr vor zwei Tagen ziemlich unmissverständlich mitgeteilt habe, dass sie hier nicht gebraucht wird. Ich möchte nicht, dass sie herkommt. Sie würde alles durcheinanderbringen und Vater verwirren. Ich brauche sie hier nicht. Sie war nie da. Sie hat uns einfach verlassen und jetzt kann sie auch bleiben wo sie ist. Trotzdem nehme ich das Gespräch an, um ihr genau das unmissverständlich zu sagen. Ich merke wie sich eine unaufhaltsame Wut in mir aufbaut.

„Mutter. Wir hatten doch alles geklärt?“ Mit diesen Worten nehme ich das Telefonat an. Es ist kurz leise, aber ich höre sie atmen.

„Tavis…Hallo…Störe ich dich?“, meint sie dann mit gewohnt ruhiger Stimme. Ich hasse diese Besonnenheit. Sie wird nie laut und schon gar nicht ungehalten, auch wenn ich sie noch so sehr herausfordere.

„Natürlich störst du, ich habe zu tun, schon vergessen?“, blaffe ich sie an.

„Ja ich weiß…Ich wollte auch nur wissen, ob es bei Peter und Kendra etwas Neues gibt?“

„Nein. Nichts Neues.“ Wieder höre ich nur ihr Atmen, langsam werde ich richtig sauer. „Was willst du Mutter?“, frage ich darum direkt.

„Ich will nach Schottland kommen. Am Besten mit dem nächsten Flug und ich möchte, dass du damit einverstanden bist.“

Ich atme ein und mit dem Ausatmen antworte ich: „Nein! Das haben wir doch besprochen. Ich will nicht, dass du kommst! Hier läuft alles ganz wunderbar, bring bitte nicht alles durcheinander!“ Meine Stimme ist viel zu laut, sie ist immer noch meine Mutter.

„Warum kannst du nicht einmal über deinen Schatten springen? Ich will nichts durcheinanderbringen, ich möchte einfach nur bei meinem Kind sein, kannst du das nicht verstehen? Ich müsste dich gar nicht um Erlaubnis bitten, aber du bist der Lord und ich kenne die Regeln, doch so wie du dich im Moment verhältst, so hat dich dein Vater nicht erzogen, das weiß ich“, sagt sie mit gekränkter Stimme.

Mein Vater hat mich tadellos erzogen, auch wenn nicht alles so gefruchtet hat wie er es sich vermutlich wünschte. Trotzdem lasse ich mir von der Frau die meinen Bruder und mich als Jungen allein zurückließ nichts sagen. Nicht mehr. Sie hätte ihre Mutterpflichten erfüllen sollen und können, als wir sie brauchten. Jetzt ist es dafür zu spät.

„Du bist hier nicht erwünscht Mutter. Versteh das doch einfach. Peter hätte dich vor über zwanzig Jahren gebraucht, jetzt ist es zu spät. Also lass uns einfach in Frieden.“ Mit diesen Worten breche ich das Telefonat ab. Ich bin wütend und zornig als ich meinen Wagen am Parkplatz der Klinik parke und zum Eingang gehe. Mit dieser Stimmung will ich gar nicht in die Klinik. Ich atme tief durch, Holly schießt durch meine Gedanken, was mich zum Lächeln bringt. Warum ist sie davongelaufen? Ich muss es wissen. Es macht mich wahnsinnig. Ich gehe zu Kendras Zimmer und bleibe kurz vor der Tür stehen. Es macht mich traurig sie so reglos liegen zu sehen, selbst wenn ich immer noch angepisst über ihre Schwangerschaft bin, tut mir ihr Anblick weh. Sie ist ein guter Mensch und hat es nicht verdient leiden zu müssen. Ich gehe in das Zimmer und bleibe vor ihrem Bett stehen.

„Scheiße Kendra…Du hast mich nicht verdient…Ich bin ein Arschloch…War ich immer schon…Was soll ich nur machen damit du glücklich wirst?“, flüstere ich und gehe an ihre Seite. Sanft streiche ich über ihre Hand. Die Schnitte im Gesicht heilen langsam ab, aber es werden Narben bleiben. „Mach deine Augen auf…Mach sie einfach auf…Ich werde dir keine Vorwürfe machen…Niemals…“, verspreche ich und habe dabei ein schreckliches Gefühl im Magen. Heute bleibe ich lange bei ihr sitzen und streiche dabei immer wieder über ihre Hand. Sie hat nur mich. Ihre Eltern sind schon lange tot, es gibt keine Geschwister. Sie braucht mich und ich brauche sie. Ich will lernen sie zu verstehen, denn manchmal verstehe ich sie einfach nicht. Sie ist anders als ich und sie denkt auch anders und trotzdem glaube ich, sie ist der einzige Mensch der mich versteht. Ich würde sie gerne so lieben, wie sie es verdient hat. Daran werde ich arbeiten. Nachdenklich lehne ich mich zurück. Wahrscheinlich wäre sie froh mich los zu sein. Wenn sie einen anderen liebt? Wenn sie nur noch bei mir ist, weil sie mich nicht kränken will? Weil sie Mitleid hat, so wie es Jessica gesagt hat? Ein komischer Klos bildet sich in meinem Hals, darum verlasse ich das Krankenzimmer. Bei Peter schaue ich nur kurz hinein. Wenn er nicht davongelaufen wäre, wenn es diesen beschissenen Streit nicht gegeben hätte – Scheiße – Ich bin doch schuld an diesem Streit. Gedankenversunken verlasse ich die Klinik. Ich muss mich ändern. Ich muss einfach alles ändern. Zu Hause erwartet mich meine Tante, die mich überschwänglich begrüßt. Zum Reden habe ich zwar keine Lust, wie es aussieht bleibt es mir aber nicht erspart. Vater sieht müde aus, seine aufbrausende Stimmung von heute Morgen hat sich gelegt. Ich hatte gehofft, dass sich Holly beim Abendessen zu uns gesellen würde, aber sie taucht nicht auf. Das passt mir nicht, obwohl es mich nichts angeht was sie tut. Sie hat schließlich frei. Trotzdem hätte ich mir gerade heute ihre Gesellschaft gewünscht. Diese ungeklärte Situation zwischen uns passt mir nämlich auch nicht. Außerdem genieße ich ihre Gesellschaft beim Essen. Es ist schön mit ihr zu plaudern, sie ist eine sehr angenehme Gesprächspartnerin. Ja…Ihre Gesellschaft ist durchwegs angenehm. Doch im Moment glaube ich, sie empfindet das nicht so wie ich, sonst wäre sie hier. Verarscht sie mich? Scheiße ich will nicht verarscht werden!

„Tavis?!“ Meine Tante sieht mich abwartend an.

„Was? Ja…Entschuldigung…“, stammle ich verlegen, weil ich absolut nicht weiß was sie mich gerade gefragt hat.

Das Abendessen vergeht schleppend, ich bin ziemlich froh, als meine Tante mich bittet sie nach Hause zu bringen. Eliza kümmert sich so lange um Vater, Holly ist immer noch nicht da und das obwohl es schon dunkel ist.

„Ich bin gleich wieder hier, dann kümmere ich mich um meinen Vater“, sage ich zu Eliza die wie immer warm lächelt. „Ist Holly noch nicht da?“, frage ich in belanglosem Unterton nebenbei.

„Nein, noch nicht. Sie hat aber auch nicht gesagt wann sie kommt, sollte sie schon hier sein?“, meint sie und sieht mich fragend dabei an.

„Nein, nein…Sie hat ja frei. Alles in Ordnung“, winke ich ab und verlasse das Haus. Gerade als ich ins Auto steigen will, sehe ich Holly über den Hof kommen. Sie senkt ihren Blick und tut so als würde sie mich nicht sehen, was total lächerlich ist und mich schon wieder innerlich aufregt. Verarschen lasse ich mich ganz sicher nicht, das kann sie mit einem anderen machen. Ich gehe auf sie zu und bleibe dicht vor ihr stehen. Kurz sieht sie auf. „Hallo…Wer ist denn beim Lord?“, stammelt sie verlegen und weiß augenscheinlich nicht wo sie hinsehen soll.

„Eliza“, antworte ich knapp.

Sie nickt und sieht schon wieder zu Boden. „Ich bin zu spät…Entschuldigung.“

Das sagt sie mit einem Ton, der mich plötzlich wieder auf den Boden zurückholt. Es macht mich wahnsinnig sie nicht einschätzen zu können. Ich will sie auf keinen Fall einschüchtern, sie ist wichtig für Vater und irgendwie auch wichtig für mich.

„Nein. Das ist schon in Ordnung. Ich bringe nur schnell meine Tante nach Hause, dann kümmere ich mich um meinen Vater. Du bist ja keine Sklavin hier, wenn du frei hast, hast du frei.“

Sie sieht zaghaft auf und lächelt. Sie lächelt. Mein Schwanz reagiert vor meinem Gehirn. Fuck. Ich muss mich beherrschen, ich weiß ja noch nicht einmal warum sie gestern Abend so davongelaufen ist. Darum wende ich mich ohne ein weiters Wort von ihr ab und steige in den Wagen.

„Nett diese neue Pflegerin von deinem Vater“, sagt meine Tante mit einem abwertendem Ton der mir nicht passt.

„Krankenschwester. Sie ist Krankenschwester und heillos überqualifiziert für diesen Job“, bessere ich sie darum aus. „Wir können wirklich froh sein, dass sie ihre Arbeit so perfekt macht.“

„Ja natürlich…“, nickt sie und sieht mich dabei komisch an, was ich ignoriere.

Ich bin ziemlich froh, als sie aus dem Wagen steigt und ich wieder auf dem Heimweg bin. Im Haus ist alles still, aus dem Zimmer meines Vaters dringt durch einen Spalt Licht. Holly spricht mit ihm. Sie geht so unglaublich liebevoll mit ihm um. Als würde sie ihn ewig kennen. Wie es aussieht, hat sie schon alles was ich tun hätte sollen erledigt. Ich öffne vorsichtig die Tür als sie auch schon vor mir steht.

„Hallo. Es ist soweit alles erledigt“, lächelt sie ohne mich lange anzusehen. Meine Gegenwart ist ihr also tatsächlich unangenehm, das muss ich unbedingt schnell bereinigen, was gestern Abend passiert ist, darf keinesfalls zwischen uns stehen. Sie geht aus dem Zimmer, ich schließe die Tür hinter uns.

„Danke, aber ich hätte das gemacht“, lächle ich sie nun auch an.

„Schon gut. Ich mache das gerne. Du hast doch genug um die Ohren.“ Das sagt sie ohne mich anzusehen während sie schon losgeht. „Ich würde noch gerne zu Eliza rüber gehen, du bist also hier?“

Mit ihr zu sprechen gestaltet sich schwerer als gedacht, weil sie nämlich schon fast an der Tür ist, sage ich nur noch: „Ja sicher.“

Was hat sie nur? Ich gehe in den Salon und gieße mir einen Drink ein, dabei sehe ich mich kurz im Spiegel über dem Kamin an. „Sicher. Schau dich an. Wenn sie nur einen Funken Hirn in ihrem hübschen Kopf hat, geht sie dir natürlich besser aus dem Weg. Du siehst nicht nur scheiße aus, du bist auch ein Arschloch“, sage ich zu meinem Spiegelbild und kippe den Drink hinunter. Ich sehe aus dem Fenster, es ist klar und hell. Ich nehme die Flasche noch einmal in die Hand, stelle sie dann aber wieder ab. Wenn ich mich ändern will, was ich nur tue um Kendra ein gutes Leben zu ermöglichen, dann muss ich aufhören mich wie ein Arsch zu verhalten. Schwimmen. Ja…Das wird mir helfen. Nach ein paar Längen im Pool fühle ich mich auch nicht besser. Selbst wenn ich alles tun will um Kendra glücklich zu machen geht mir Holly nicht aus dem Kopf. Ich steige aus dem Wasser und wickle mich in meinen Bademantel, es ist ganz schön frisch geworden. Ich rubble meine Haare auf dem Weg zur Terassentür ab und gerade als ich hinein gehe, steht auf einmal Holly vor mir. Sie stoppt mit einer Tasse Tee in der Hand ab und sieht mich verlegen an. Das ist meine Chance, jetzt entkommt sie mir nicht mehr.

„Gehst du mir aus dem Weg?“, frage ich sie sehr direkt.

Ihre Augen öffnen sich erschrocken. „Nein…Warum…“, murmelt sie.

„Du bist heute sehr wortkarg und immer sofort am Sprung, wenn du mich siehst.“ Ich amte durch und gehe die Sache jetzt einfach ganz direkt an. „Warum bist du gestern Abend so schnell verschwunden?“

Sie wird mit einem Schlag rot und beginnt nervös zu zappeln. „Bin ich nicht…Also ich wollte dich nicht wecken“, sagt sie dann leise.

„Ich habe nicht geschlafen“, antworte ich prompt. Sie ist immer noch krebsrot.

„Du hast nichts mehr gesagt und auch heute so getan als wäre nicht gewesen, darum dachte ich…“

Was redet sie denn da? Ich unterbreche sie ungeduldig. „Holly, ich bin weder der Typ der in Löffelchenstellung kuschelnd bespricht wie schön der Sex war, noch bin ich ein Charmebolzen wie mein Bruder der jede Frau hemmungslos umgarnt, sodass es beim Zusehen peinlich ist.“

Jetzt gesellt sich zur roten Gesichtsfarbe auch noch ein offenstehender Mund. Ich befürchte es waren nicht die Worte die sie hören wollte, doch das kann ich jetzt auch nicht mehr ändern, es ist einfach so aus mir herausgesprudelt. Eigentlich wollte ich ganz etwas anderes sagen. Sie verwirrt mich. Shit…Warum verwirrt sie mich…Und dieser offene Mund und der unschuldige Blick…Das macht mich wahnsinnig…

„Gehört das zu meinen Aufgaben hier im Haus?“, fragt sie so leise, dass es kaum hörbar ist. „Bleibt deshalb keine Pflegerin?“

„Was?“, lache ich ungewollt, aber es klingt einfach zu komisch. „Natürlich nicht, wie kommst du darauf?“, schüttle ich amüsiert den Kopf.

Sie zuckt mit den Schultern, langsam normalisiert sich die Farbe ihres Gesichtes wieder. „Ich gehe dir nicht aus dem Weg“, meint sie.

„Gut“, nicke ich. „Also keine Ungereimtheiten zwischen uns?“

„Nein…Gute Nacht“, sagt sie leise und lächelt dabei ein wenig. Ich muss auch lächeln, ich bin froh über ihre Worte und hoffe sie meint es auch wirklich so. Schon wieder ist sie schneller weg, als mir lieb ist. Ich sehe ihr wortlos hinterher. Keine Ungereimtheiten, aber sprechen tut sie auch nicht mit mir. Sollte ich dem jetzt Beachtung schenken oder nicht? Keine Ahnung. Frauen sind kompliziert. Ich gehe nach oben und nehme eine lange heiße Dusche. Während ich mich abtrockne, sehe ich in den Spiegel der etwas beschlagen ist. „Warum kannst du nicht aufhören über sie nachzudenken? Was ist denn mit dir Stewart?“, frage ich mein Spiegelbild. Ich ziehe mir ein Shirt und eine Jogginghose über und gehe ohne weiter zu überlegen nach unten. Zögerlich bleibe ich vor Hollys Tür stehen. Gott…Was mache ich hier eigentlich? Es fühlt sich total irre an und vor allem unprofessionell. Sie arbeitet für mich, das geht einfach nicht zusammen, trotzdem klopfe ich leise an ihre Türe. Nichts. Alles ruhig. Ich klopfe erneut, etwas fester. Ich warte und tatsächlich öffnet sich nach ein paar Augenblicken die Tür einen Spalt. Sie sieht auf und bevor ich etwas sagen kann, fragt sie mich ob etwas mit meinem Vater sei. Ich schüttle den Kopf und sehe sie an. Warum sind da schon wieder Tränen? Sie weint…Was hat sie denn? Sie soll nicht weinen…

„Warum weinst du?“, frage ich leise.

Sie wischt sich über die Wange und weicht meinem Blick aus. „Nein…Ich weine nicht…“, murmelt sie verlegen.

„Natürlich weinst du“, stelle ich fest und schiebe mich ins Zimmer was ihr nicht ganz zu passen scheint. „Was hast du denn?“

Wieder senkt sie ihren Blick. „Ach nichts.“

Es ist, weil sie ständig jemand kränkt. Sie ist sensibel und hat ein gutes Herz und wie es scheint einen Vollidioten zum Ehemann. Darum tue ich etwas, das grundsätzlich so gar nicht zu mir passt. Ich ziehe sie an mich und umarme sie fest, weil ich glaube, dass sie genau das jetzt braucht. Kurz ist sie etwas verkrampft, doch dann entspannt sich ihre Haltung und sie schmiegt sich sogar etwas an mich. Schon wieder kein BH. Schon wieder nur ein Shirt und vermutlich ein Höschen, soweit konnte mein Blick noch nicht vordringen.

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