Kitabı oxu: «Kein Himmel ohne dich»
Kerstin Teschnigg
Kein Himmel ohne dich
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2 – Der Tag davor
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Impressum neobooks
Kapitel 1
Langsam erwache ich aus einem Zustand den ich weder kenne, noch zuordnen kann. Doch eines weiß ich ziemlich genau, auch wenn meine Gedanken alles andere als klar sind, der Zustand in dem ich mich befinde ich keinesfalls normal. Mir tut alles weh und mein Herz pumpt ungewohnt unregelmäßig in meiner Brust, fast als wäre es mit der Situation überfordert, was nicht überraschend ist. Es versucht das Durcheinander in meinem Körper in irgendeinen geregelten Ablauf zu bringen, auch wenn es nicht zu gelingen scheint. Ich lasse meine Augen noch zu und versuche ruhig zu atmen. Mein Kopf und mein Gehirn fühlen sich dumpf an, so als wäre alles in dicke Watte gepackt, es ist unmöglich zu denken. Der Boden unter mir ist kalt - mir ist kalt. Ich öffne vorsichtig meine Augen, irgendwann muss ich es ja tun, und blicke auf meine Hände. Meine Fingerknöchel sind aufgeschlagen und voller Blut, gleich wie meine Knie und Schienbeine. Mein rechter Ellenbogen tut auch weh. Vorsichtig greife ich unter meine Nase die auch blutig ist. Der Herzschlag in meiner Brust beginnt stechend zu brennen, ich schnappe hysterisch nach Luft. Scheiße, Scheiße, Scheiße. Was zur Hölle… Ich habe keine Ahnung wo ich bin, ich weiß auch nicht wie ich auf die Treppe dieser scheißdunklen abgefuckten Gasse gekommen bin. Einen Moment lang versuche ich mich zu beruhigen, da ich befürchte sonst eine Panik Attacke zu bekommen. Ich erinnere mich wage, dass ich dieses wahnsinnige Herzklopfen heute Nacht schon hatte, aber mehr will mein Gehirn mir nicht verraten. Wie spät ist es überhaupt? Auf jeden Fall ist es schon hell, aber die Straßen scheinen noch ruhig. Wieder sehe ich an meinem Körper hinab. Ich kann mich einfach nicht erinnern was passiert ist. Keine Ahnung, auch wenn ich es noch so sehr versuche. Tränen lösen sich aus meinen Augen die ich immer noch schwer offenhalten kann. Meine Tasche? Wo ist meine Tasche? Ich greife um mich und finde sie schlussendlich. Hektisch ziehe ich mein Handy heraus. Darauf sind unzählige Anrufe und Nachrichten. Von Tyler. Ich muss kurz meine Augen zu machen, denn die Tränen laufen immer unkontrollierter meine Wangen hinunter und tropfen auf meine blutigen Hände, wo sie sich zu einer rotwässrigen Flüssigkeit gemischt ihren Weg über meinen Körper suchen. Meine Lippen aufeinanderpressend versuche ich mich zu beruhigen. Daran erinnere ich mich. Er ist ein Arschloch. Ich hasse ihn. Nein ich liebe ihn. Nein. Man kann so einen Menschen nicht lieben. Er hat mich fallen gelassen. Mich verraten. Uns verraten. So etwas macht man nicht. Mit zittrigen Fingern tippe ich Amys Kontakt. Sie ist die Einzige die mir helfen kann. Es klingelt lange.
„Holly?“, fragt sie verschlafen auf der anderen Seite.
Ich atme schwerfällig durch.
„Hilf mir bitte…“, murmle ich verzweifelt. „Ich kann nicht… Ich weiß nicht…“ stammle ich weiter bis sie mich unterbricht.
„Scheiße Holly, was ist los? Wo bist du denn?“
„Ich weiß es nicht.“
Wieder beginne ich zu weinen und kann darum kaum sprechen.
„Holly! Was heißt du weißt es nicht? Ich kann dir nicht helfen, wenn du dich nicht kurz beruhigst“, sagt sie mit ernstem Ton.
Ich atme ein und aus und versuche aufzustehen, was gar nicht so einfach ist, denn jeder Knochen tut mir weh. Doch am schlimmsten sind die Kopfschmerzen.
„Ich bin in einer Gasse…“ Ich gehe ein paar Schritte.
„Ist da vielleicht eine Straßenbezeichnung oder so? Schau mal auf die Hauswände“, weist sie mich an.
Plötzlich rauschen Erinnerungsfetzen durch mein Gehirn. Es sticht fürchterlich und pfeift schrill in meinem Kopf. Mir wird schlecht, ich unterdrücke den Würgereflex.
„Holly!“, schreit Amy ins Telefon, was das Stechen noch verstärkt.
„Ich…Ich bin in Dover glaub ich. Ja. In Dover.“
„Scheiße, was machst du denn dort? Was ist überhaupt passiert? Wo ist denn Tyler? Hast du ihn schon angerufen?“
„Nein!“, schreie ich lauter als nötig. „Und ich rufe ihn auch nicht an, er ist doch der Grund für das alles hier…“ Meine Stimme wird wieder leiser.
„Was? Ich verstehe kein Wort. Bleib wo du bist Holly. Ich bin gleich bei dir. Dreißig Minuten. Schaffst du das?“
„Ja“, antworte ich kleinlaut.
„Warte auf meinen Anruf, ich melde mich wenn ich dort bin“, sagt sie noch.
Ich bin einfach nur unglaublich erleichtert, dass sie gleich hier sein wird. Kraftlos lehne ich mich an die Hauswand und öffne meine Tasche. Mein Blick fällt auf die bunten Tabletten in den Blisterpackungen. Ich greife danach. Sie würden mir helfen. Gegen die Kopfschmerzen. Vielleicht auch gegen die anderen Verletzungen und sie würden mich runterholen, mich beruhigen.
„Nein!“, sage ich für mich selbst und kralle meine Finger um die Tabletten was ein knisterndes Geräusch zur Folge hat. „Nein…Nein…Nein…“
Wieder kann ich die Tränen nicht kontrollieren. Ich habe das Gefühl es dauert ewig bis sie kommt. Zum Glück habe ich irgendwie den Weg aus dieser Gasse hinaus in eine befahrene Straße geschafft, wo sie mich aufliest und sichtlich geschockt über meinen Zustand ist.
Etwas später sitze ich im Untersuchungszimmer der örtlichen Klinik und nippe an meiner Wasserflasche. Ich wollte nicht her, aber Amy hat darauf bestanden, darum habe ich nicht widersprochen. Sie tut so viel für mich. Mehr als man erwarten kann. Wie blöd bin ich eigentlich? Meine Gedanken sind inzwischen klar, auch wenn ich mich kaum daran erinnere was passiert ist. Ich schäme mich dafür. Es fällt mir schwer der Ärztin in die Augen zu sehen. Amy streicht über meine Hand. Das beruhigt mich ein wenig. Was wenn ich sie nicht hätte? Sie ist so eine wunderbare Freundin. Und ich? Es ekelt mich vor mir selbst.
„Sie haben Glück gehabt Mrs. Barnes“, lächelt mich die junge Ärztin an. Auf ihrem Namensschild steht „Dr. Jones.“
Sie ist jung und hübsch. Was wird sie von mir denken? Ich senke meinen Blick, meine Hände zittern ein bisschen.
„Es ist nichts gebrochen, die Schürfwunden werden in ein paar Tagen abheilen, gleich wie die Blutergüsse.“
Ich nicke wortlos. Was soll ich auch sagen. Ich schäme mich fürchterlich.
„Wir haben Reste von Schlaf-, Schmerz- und vermutlich Aufputschmitteln in ihrem Blut gefunden. Ich denke Tabletten und eine Lifestyle Droge, natürlich auch reichlich Alkohol. Keine gute Kombination. Ich vermute das ist der Grund für Ihr Blackout.“
Ich spüre wie mein Gesicht heiß wird. Kurz erinnere ich mich an einen jungen Typen. Er hat mich geküsst und mir dann eine kleine Tablette mit seiner Zunge in meinen Mund geschoben.
„Was hast du denn?“, fragt mich Amy leise, weil ich nervös, fast hysterisch über den Erinnerungsfetzen herum zapple.
„Ich bin nicht vergewaltig worden, oder hatte ich Geschlechtsverkehr?“, frage ich beschämt nach. Ich bringe die Worte fast nicht über meine Lippen. Vorhin wurde vorsichtshalber auch eine gynäkologische Untersuchung vorgenommen. Ich war mir zwar gerade noch sicher, dass nichts in dieser Art passiert wäre, aber jetzt habe ich doch Angst. Keine Ahnung was mit dem Typen noch war.
„Nein. Keine Anzeichen dafür, auch nicht für Geschlechtsverkehr“, entgegnet sie beruhigend.
Ein wenig erleichtert atme ich aus.
„Sie bekommen jetzt noch eine Infusion gegen die Schmerzen, dann können Sie nach Hause gehen.“
Ich nicke, Amy drückt meine Hand.
„Ist mein Herz ok? Ich habe das Gefühl es platzt gleich aus meiner Brust.“
„Ja, es ist soweit in Ordnung. Wie gesagt, Aufputsch- und Schlafmittel vertragen sich nicht sonderlich gut in Kombination, dass ihr Herz da überfordert ist wundert mich nicht.“
Wieder nicke ich mit beschämtem Blick.
Nachdem Dr. Jones die Infusion angelegt hat, streicht sie noch einmal über meinen Arm.
„Ich verschreibe Ihnen keine Tabletten gegen die Schmerzen“, sagt sie und sieht mich eindringlich ein.
Wieder wird mein Gesicht heiß. Keine Ahnung was ich sagen soll, doch sie fährt auch schon fort.
„Was nehmen Sie so alles?“
Ich sehe zu Amy die kopfschüttelnd ihre Augen schließt. Auch wenn ich davon ausgehe, dass sie es schon vorher wusste, tut es mir leid sie zu enttäuschen. Ich öffne meine Tasche und lege ihr die Tabletten wortlos hin.
Dr. Jones sieht kurz auf die Packungen und seufzt leise.
„Ein schöner Cocktail. Sie müssen damit aufhören. Können Sie denn damit aufhören?“, fragt sie ernst.
Ich zucke mit den Schultern.
„Du hast es versprochen“, flüstert Amy und verlässt enttäuscht das Behandlungszimmer, was mir einen schrecklichen Stich verpasst, vor allem, weil ich ihr nicht nachlaufen kann um mich zu entschuldigen.
„Wie lange nehmen Sie denn das Zeug schon?“
„Ein paar Monate, aber ich nehme keine Drogen. Keine Ahnung was heute Nacht war und warum ich das getan habe.“
Sie nickt. Bevor sie noch etwas sagen kann, nutze ich die Gelegenheit und rede selbst.
„Ich weiß, dass ich damit aufhören muss, ich wollte es ja aber…Es ist schwer…“ Ich schließe meine Augen. „Es ist einfacher damit. Das Leben ist leichter zu ertragen. Keine Schmerzen. Keine Selbstzweifel.“
Wieder nickt sie.
„Das was da heute Nacht passiert ist, ich schäme mich so unglaublich dafür.“ Ich schüttle den Kopf. „Das passiert mir nicht noch einmal. Ganz sicher nicht. Ich werde sie nicht mehr nehmen. So die Kontrolle zu verlieren, das schockiert mich wirklich. Ich bin so nicht.“
„Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass sie das aus eigener Kraft schaffen. Ihre Einsicht ist ein guter Anfang.“ Sie zieht eine Visitenkarte aus ihrer Manteltasche. „Doch ich weiß wie schwer das ist und dass es immer einen Grund gibt um es doch nicht zu schaffen. Wenn Sie Hilfe brauchen, rufen Sie mich einfach an. Sie müssen sich dafür nicht schämen. Zögern Sie nicht um Hilfe zu bitten.“
„Danke“, sage ich und versuche dabei ein wenig zu lächeln.
Nach einer halben Stunde ist die Infusion durch. Amy ist nicht wieder hereingekommen. Ich bin froh sie im Wartebereich zu sehen, mein schlechtes Gewissen nagt an meinem sowieso schon komplett lädierten Körper. Wortlos gehe ich auf sie zu und bleibe vor ihr stehen.
„Holly…“, sagt sie kopfschüttelnd.
Doch dann nimmt sie mich in den Arm und drückt mich fest, was ich mit energischem Druck erwidere.
„Was ist denn eigentlich passiert?“, fragt sie mich und streicht meine Haare zurück. „Und was zum Teufel ist mit Tyler?“
„Ich würde jetzt einfach gerne duschen und ehrlich gesagt habe ich Hunger. Kann ich dir nachher alles erzählen?“, seufze ich. „Also das woran ich mich noch erinnere.“
Sie lächelt und greift nach meiner Hand als wir losgehen.
„Du kommst erstmal mit zu mir. Das wird schon wieder. Du kannst dich frisch machen und ich bereite uns ein Frühstück.“
„Danke Amy.“ Ich bleibe noch einmal stehen. „Es tut mir leid. So unendlich leid. Ich weiß ich habe dir versprochen…“
Sie unterbricht mich.
„Ich habe doch gesagt das wird schon wieder. Wir schaffen das.“ Sie streicht über meine Wange.
Wir schaffen das. Das wird schon wieder. Schaffe ich das? Ich muss.
Nach einer langen Dusche fühle ich mich etwas klarer und vor allem wohler, weh tut mir aber immer noch alles. Ich versuche krampfhaft zu überlegen was genau passiert ist. Amy hat mir etwas zum Anziehen hingelegt. Ich sehe mich im Spiegel an. Kein schöner Anblick. Meine Nase ist aufgeschlagen, gleich wie meine Oberlippe. Tiefe Augenringe und eine rote Schürfwunde an der Wange runden das katastropale Bild ab und das ist nur mein Gesicht. Mein Körper ist zusätzlich voll mit unzähligen Blessuren. Ich bürste meine langen dunklen Haare durch. Lufttrocknen muss heute reichen, zu mehr bin ich nicht fähig, auch wenn ich weiß, dass ich dann die Locken, die ich an mir gar nicht mag, ertragen muss. Egal. Kurz muss ich an Tyler denken. Er sagt immer mit den Locken sehe ich aus wie ein falscher Pudel. Es gefällt ihm nicht, er findet es nicht zeitgemäß und unmodern. Darum föhne ich sie eigentlich immer aus, oder glätte meine Haare, was mir nach fünf Jahren Ehe und gesamt acht Jahren Beziehung inzwischen auch besser gefällt. Mit schlurfendem Gang und gesenktem Blick gehe ich in die Küche. Acht Jahre und er schmeißt einfach alles weg, einfach so. Ich bin unendlich traurig und wütend auf ihn.
„Ich hab uns Tee gemacht und Pancakes. Mit Sirup und Früchten.“
Amy stellt mir den Teller vor die Nase und gießt den heißen Tee ein. Inzwischen ist mir wieder schlecht. Ich lächle und versuche mir das nicht anmerken zu lassen. Sie gibt sich so viel Mühe. Der Tee tut auf jeden Fall gut. Sie setzt sich neben mich.
„Ich weiß du bist müde, aber erzähl mir bitte was passiert ist Holly.“ Sanft streicht sie über meine aufgeschlagenen Fingerknöchel. „Und du solltest Tyler sagen wo du bist.“
Ich schüttle den Kopf. „Nein. Ganz sicher nicht.“
Sie seufzt und nimmt einen Schluck von ihrem Tee. Ich atme tief durch, dann beginne ich zu erzählen.
Kapitel 2 – Der Tag davor
Auch wenn ich mich heute absolut nicht wohl fühle, versuche ich mich zusammen zu reißen. Ich weiß, dass der heutige Abend für Tyler wichtig ist. Ich ziehe gerade die letzten Haarsträhnen durch das Glätteisen, als ich die Wohnungstüre zufallen höre.
„Hey Schatz! ruft Tyler quer durch den Flur. Ich höre das Scheppern des Schlüssels den er wie immer in die Schale am Garderobenkästchen wirft.
„Hey! Ich bin im Bad“, rufe ich zurück, doch da steht er schon vor mir.
Ich lächle und gebe ihm einen Kuss. Musternd sieht er mich an.
„Du bist blass.“
Ich schüttle den Kopf. „Nein, es geht mir gut.“
Ablenkend krame in einer Lade nach meinem Haaröl. Er greift nach meiner Hand.
„Sicher? Wenn du dich nicht wohl fühlst, ich gehe auch allein. Ich verstehe das.“
Ich drehe mich zu ihm. „Es geht mir gut Tyler. Ich freue mich auf den heutigen Abend. Wir waren ewig nicht mehr gemeinsam weg.“
Er nickt seufzend und löst seine Krawatte, ich habe das Gefühl er glaubt mir kein Wort. Schnell schließe ich meine Arme um ihn und drücke mich fest an ihn.
„Du hast so hart gearbeitet die letzten Monate, ich muss einfach sehen wie der Spot geworden ist. Es wird Zeit, dass ich wieder anfange zu leben.“
Er streicht durch meine Haare, dann küsst er mich und reibt seine Nasenspitze an meiner.
„Ich muss jetzt unter die Dusche, sonst kommen wir noch zu spät“, lächelt er mich an.
„Ja du hast recht“, nicke ich.
Ich gehe ins Schlafzimmer und schlüpfe in meine schönste Unterwäsche. Es soll ein toller Abend werden. Ich wünsche mir nichts mehr als endlich wieder die Nähe meines Ehemannes zu spüren. Wir haben ewig nicht mehr… Ich seufze für mich selbst. Das letzte halbe Jahr war zermürbend. Tyler hat ständig bis spät in die Nacht gearbeitet und ich eigentlich immerzu auf ihn gewartet. Dass ich die ganze Zeit zu Hause bin, macht die Angelegenheit nicht gerade einfacher. Wir hatten so oft Streit, ich will nicht mehr streiten. Er arbeitet hart für seinen Job in einer großen Werbefirma und ich kann im Moment einfach nicht wieder arbeiten. Ich schaffe es nicht. Viele Dinge belasten meine Gedanken. Doch nichts zu tun lässt meine Welt nur noch sinnloser erscheinen. Tyler kommt mit einem Handtuch um die Hüften gewickelt ins Schlafzimmer. Seine blonden Haare sind ganz nass. Am liebsten würde ich ihm jetzt einfach das Handtuch wegnehmen und über ihn herfallen, denn genau das wäre längst überfällig. Auch wenn er das früher ganz gern mochte, glaube ich, dass es heute nicht passend wäre.
„Ich habe dein Hemd gebügelt und dir den grauen Anzug rausgehängt“, sage ich und wende meinen Rücken zu ihm. „Machst du bitte den Reißverschluss zu.“
Ich ziehe meinen Bauch ein während er ihn hochzieht. Das Kleid ist das einzige, das mir noch halbwegs passt, aber auch nur deshalb, weil es mir früher zu groß war und einen relativ fließenden Schnitt hat. Außerdem trägt das dunkle blau nicht zusätzlich auf. Tyler schnappt sich sein Hemd, ich sehe mich im großen Wandspiegel an. Im vergangenen halben Jahr habe ich fast zwei Kleidergrößen zugelegt. Von 36 auf 40, ganz selten passe ich noch in Teile mit Größe 38. Als wir uns kennen lernten vor acht Jahren hatte ich sogar noch Kleidergröße 34. Es fällt mir schwer mein Spiegelbild zu akzeptieren. Im Streit hat mich Tyler auch oft genug spüren lassen, dass er es absolut nicht gut findet, wie sich meine Figur verändert hat. Er ist sportlich und trainiert, außerdem auch total diszipliniert, da passt mein fetter Arsch wohl nicht dazu. Ich drehe mich zur Seite. Genau. Fetter Arsch. Ich hasse diesen Arsch und die Schwabbelstellen an meinen Hüften. Die Oberschenkel sind auch viel zu fett. Das einzig Positive an der Sache ist, dass meine Oberweite etwas üppiger geworden ist, was ich ziemlich gut finde. Endlich habe ich einen ordentlichen Busen. Ich schüttle den Kopf. Dafür ist alles andere komplett formlos. Seufzend ziehe ich meinen Bauch ein.
„Holly…Was machst du denn?“ Tyler zeigt genervt auf seine Uhr und schnappt sich seine Krawatte.
„Ich bin gleich soweit“, entgegne ich und hüpfe noch einmal ins Bad um mich gesellschaftstauglich herzurichten. Ich bin wirklich blass und brauche etwas Farbe. Eigentlich bräuchte ich viel Farbe, aber ich mag das nicht, ich fühle mich dann so angeschmiert. Am Gang greife ich nach meiner kleinen Tasche und packe noch mein Lipgloss ein. Mein Blick fällt auf die Tabletten, die ich immer für Notfälle in jeder Tasche habe. Notfälle. Es gibt keine Notfälle mehr, denn in Wahrheit ist mittlerweile alles ein Notfall. Kurz überlege ich, doch dann schließe ich die Tasche und schlüpfe schnell in meine Pumps. Heute keine Tabletten. Ich brauche sie nicht. Das habe ich mir morgens vorgenommen und bis jetzt durchgezogen. Mir tut nichts weh, ich fühle mich gut und ich will einfach nur, dass es ein schöner Abend mit meinem Mann wird.
„Gut siehst du aus“, lächle ich ihn an und rücke seinen Krawattenknoten zurecht.
„Du auch Süße“, erwidert er mein Lächeln. „Können wir?“
Ich nicke zufrieden.
Ich nippe an meinem Wasser und sehe mich unauffällig um. Das erste Mal seit Monaten bin ich unter so vielen Menschen. Ich bin nervös und versuche nicht zu zittern. Ohne Tabletten ist also doch nicht so einfach, aber ich ziehe das durch. Die vielen Menschen die sich durch den Raum drängen, machen es mir nicht gerade leichter ruhig zu bleiben. Eine Kollegin von Tyler geht an mir vorbei und lächelt mich gekünstelt an. Ich lächle ebenso gekünstelt zurück. Tyler spricht mit einem Kollegen und sieht hin und wieder zu mir. Ich bin echt stolz auf ihn und total neugierig wie der Spot für eine große Outdoorfirma geworden ist. Wenn alles gut läuft, kann er mit einer Beförderung rechnen. Auch wenn ich das toll finde, weiß ich, dass er dann noch weniger Zeit für mich haben wird.
„Alles gut?“, fragt er mich als er auf mich zukommt.
Ich nicke bestätigend. „Ja sicher.“
„Es geht gleich los, nimm da drüben Platz, da siehst du alles gut.“
Ich nicke zustimmend.
„Und drück mir die Daumen“, fügt er noch hinzu.
Schnell greife ich noch nach seiner Hand. „Ich weiß, dass alles gut geht.“
Er nickt und zwinkert mir zu, dann geht er los Richtung Bühne. Ich gehe zum Platz den er für mich vorgesehen hat. Mittlerweile bin ich auch ordentlich nervös. Es dauert noch ein bisschen, dann geht es los. Als er zu sprechen beginnt, bekomme ich vor Aufregung kaum Luft. Er macht das so gut. Ich könnte das nie. Dann läuft der Spot an. Ich bin begeistert. Er ist noch besser geworden, als ich dachte. So viel Abenteuer, Spannung in perfekter Harmonie mit Landschaft und Emotionen. Nicht nur ich, sondern auch sein Chef und was noch wichtiger ist, seine Auftraggeber, scheinen außerordentlich zufrieden zu sein. Ich kann förmlich spüren wie all die Last und Anspannung der vergangenen Wochen von ihm abfällt. Das lässt auch mich ruhiger werden, wenn die Werbestrategie nicht aufgegangen wäre, hätte das bestimmt keine Gute Laune gegeben. Nach der Präsentation gibt es noch ein Buffet bei dem ich mich bewusst zurückhalte. Womöglich springt mir sonst noch der Reißverschluss vom Kleid und ich möchte keine Peinlichkeit herausfordern. Wie befürchtet stehe ich die meiste Zeit allein herum. Ich habe mich nie mit den Kollegen meines Mannes auseinandergesetzt, darum kenne ich auch kaum jemanden. Tyler ist von Gratulanten umringt und muss scheinbar unzählige Fragen beantworten. Ich gönne ihm den Erfolg. Nach einiger Zeit stellt sich doch eine von Tylers Assistentinnen neben mich. Keine Ahnung was ich mit ihr reden soll, zum Glück beginnt sie ein Gespräch.
„Echt toll geworden der Spot, nicht wahr?“, lächelt sie mich etwas verkrampft an, so als müsste sie Smalltalk mit mir führen.
„Ja. Wirklich sensationell“, antworte ich und überlege was ich mit ihr reden könnte. Ich glaube sie heißt Samantha. „Tyler hat total hart dafür gearbeitet, ich bin echt stolz auf ihn“, füge ich noch hinzu.
Sie nickt und nippt an ihrem Glas. „Ja das stimmt.“
„Hast du auch an dem Projekt mitgearbeitet?“
„Nein, Carolin war in seinem Team.“
Ich sehe zu Tyler. Carolin. Genau. Er hat mir erzählt, dass sie die einzige Frau im Entwicklungsteam war. Sie steht neben ihm und genießt sichtlich den Erfolg. Sie hat den Arsch den ich gerne hätte. Blond. Langbeinig und ziemlich hübsch würde ich sagen.
„Geht es dir gesundheitlich wieder besser?“, reißt mich Samantha aus meinen Gedanken.
„Ähm…Ja…Besser“, stammle ich überrascht über ihre Frage. Ich dachte nicht, dass Tyler das hier jemandem erzählt hat.
„Burnout, nicht wahr?“, fragt sie vorsichtig nach, was ihr etwas unangenehm zu sein scheint.
Mir ist es allerdings noch unangenehmer. Noch nie hat mich jemand so direkt darauf angesprochen. Ich nicke zögerlich, obwohl ich mir gar nicht sicher bin ob es wirklich ein Burnout war oder ist. Nervenzusammenbruch würde es wohl eher beschreiben. Ja, ein Nervenzusammenbruch der mich dann in ein Burnout getrieben hat.
„Arbeitest du nicht mehr als Krankenschwester?“
„Nein. Ich habe auch schon vorher nicht mehr im Krankenhaus gearbeitet, sondern war in einem privaten Haushalt tätig.“
Mehr kann und will ich dazu nicht sagen. Weil ich nicht darüber sprechen will. Weil es mich zermürbt daran zu denken. Weil ich von einer Sekunde auf die andere spüre wie sich eine schmerzliche Traurigkeit in mir aufbaut. Nervös zupfe ich an meinem Kleid.
„Ach ja. Tyler hat einmal erwähnt, dass du dich um ein krankes Kind gekümmert hast.“
Scheiße, ich will nicht darüber reden. Ich atme ein und halte kurz die Luft an. Dann sehe ich mich um und suche in der Menge Tyler. Wo ist er denn? Ich halte diese Fragerei nicht aus, außerdem will ich ihn endlich in den Arm nehmen und ihm gratulieren.
„Ja genau“, sage ich schnell und lächle sie vermutlich ziemlich gekünstelt an. „Ich muss mal sehen wo Tyler ist, ich habe ihm noch gar nicht gratuliert.“
„Natürlich“, meint sie als ich ihr schon den Rücken zugewandt habe.
Ich schiebe mich durch die Menschenmassen und fühle mich von Minute zu Minute unbehaglicher. Tyler ist wie vom Erdboden verschluckt. Einer seiner Kollegen aus dem Team kommt an mir vorbei.
„Entschuldige…Weißt du wo Tyler ist?“, frage ich ihn schnell.
Er sieht sich kurz um, als ihm etwas einzufallen scheint. „Er wollte das Technikequipment wegräumen.“
„Ach so. Und das ist wo?“
„Raus auf den Gang, die vorletzte Türe rechts“, meint er und geht auch schon weiter.
„Danke“, sage ich ihm noch hinterher.
Ich gehe den Gang hinaus und bleibe kurz im menschenleeren Raum stehen. Einen Moment lang atme ich die Ruhe und kühle Luft ein. Da drinnen war es fürchterlich stickig und warm und die ganzen Leute, dann noch die Fragerei, keine Ahnung wann es aufhört mich so fertig zu machen. Dann gehe ich den Gang hinunter und bleibe vor der vorletzten Türe rechts stehen. Die Tür ist angelehnt und ich höre Geräusche und ein leises Kichern aus dem Raum.
„Tyler?“ Ich öffne die Türe vorsichtig ein Stückchen.
Ich stehe da und sehe wie versteinert auf das Bild welches sich mir offenbart, unfähig einen Ton von mir zu geben. Völlig neben mir versuche ich etwas zu sagen, aber die Luft in meinem Hals stockt und baut sich beklemmend immer weiter auf. Hysterisch schnappe ich nach Luft. Fast hätte ich etwas sagen können, doch da höre ich die Worte „Ach du Scheiße…“ aus dem Mund der Blondine mit dem wünschenswerten Arsch. „Tyler…Hör auf…“, fügt sie noch hinzu.
Sein Rücken ist mir zugewandt, er hat noch nicht einmal bemerkt, dass ich in der Tür stehe. Er dreht sich langsam aus einer eindeutigen Situation zu mir. Fast wie in Zeitlupe fühlt es sich an. Seine Lippen formen sich zu einem tonlosen „Fuck“.
Ich schnappe immer noch nach Luft und einem Wort das ich sagen könnte, was in dieser schrecklich peinlichen Situation aber nicht möglich ist. Leicht überfordert lässt er von der Frau ab, zieht sich seine Hose hinauf und dreht sich zu mir. Völlig außer mir kann ich nur meinen Kopf schütteln, Tränen steigen haltlos in mir auf.
„Holly, warte…Versteh das bitte nicht falsch…Das ist anders als es aussieht…“, beginnt er zu stammeln.
Carolin springt vom Schreibtisch auf dem mein Ehemann sie gerade noch gefickt hat auf, und zieht sich scheinbar geschockt darüber erwischt worden zu sein ihren Tanga hoch. Verlegen streicht sie ihr Kleid zurecht, diese Geste fühlt sich in gegenständlicher Situation wie ein Witz an.
„Was kann man denn bitte daran falsch verstehen?“, sage ich überraschend leise und verwundert über mich selbst plötzlich wieder Worte gefunden zu haben. Dann drehe ich mich um und gehe den Gang zurück hinauf. Meine Hände beginnen zu zittern und ich spüre wie mir Übelkeit den Hals hochkriecht.
„Holly…Bitte…“ Tylor kommt mir schnellen Schrittes hinterher und hält mich am Arm zurück. Sofort versuche ich mich loszureißen.
„Mach hier bitte keine Szene“, sagt er relativ ruhig.
„Keine Szene?“, keife ich mit leicht erhöhter Stimme.
Carolin marschiert starren Blickes an uns vorbei und verschwindet hinter irgendeiner Tür.
„Es bedeutet nichts“, flüstert er und sieht mich dabei eindringlich an. „Es ist einfach alles von mir abgefallen und dann…“
„Was? Es bedeutet nichts? So sah es aber nicht aus. Darum sollte ich wohl besser zu Hause bleiben, damit du hier in Ruhe ficken kannst, oder wie?“
Er öffnet eine Bürotür und zerrt mich hinein. Dann packt er mich mit beiden Armen an meinen Schultern, fast als wolle er mich zur Besinnung bringen. Seine Augen weiten sich.
„Holly! Hör auf hier so herumzuschreien! Willst du mich ruinieren?“ Er atmet ein paarmal durch, so ruhig wie er versucht zu sein ist er nicht, ich kenne ihn. „Ich weiß ich habe einen Fehler gemacht, bitte lass und das zu Hause besprechen.“
Ich schüttle den Kopf. „Einen Fehler gemacht?“, murmle ich tränenerstickt. „Wie lange schon?“
Bei dieser Frage kann er mir nicht mehr in die Augen sehen und ich weiß darum sofort, dass das hier nicht das erste Mal mit dieser Schlampe war.
„Wie lange schon?“, frage ich deshalb noch einmal etwas lauter nach.
„Es bedeutet nichts…“, stammelt er.
„Wie lange will ich wissen“, jetzt schreie ich fast, was ihn schnell antworten lässt.
„Seit ein paar Wochen.“
Geschockt weiche ich einen Schritt zurück. Ich kann nichts mehr sagen. In mir baut sich ein fürchterliches Gefühl auf das ich mit keinem Wort beschreiben kann. Ich liebe diesen Mann, ich habe ihn immer geliebt, ganz selbstverständlich und bedingungslos, auch wenn wir in letzter Zeit viel gestritten haben. Immer habe ich versucht über meinen Schatten zu springen und war ihm nie lange böse, selbst wenn er mich oft richtig beleidigt hat. Es ist schwer ihm zu entsprechen, ich bin nicht wie er. Mal sind meine Haare nicht so wie er sich das vorstellt, dann ist es meine Figur mit der er im Moment nicht zurechtkommt. Ich bin immer zu langsam oder nicht genau genug, oder ich denke zu intensiv nach. Dann rede ich zu viel und im nächsten Moment wieder zu wenig, oder sage nicht das was er hören will. Auch wenn es mir in den letzten Monaten schlecht ging, versuchte ich ihm alles recht zu machen. Und jetzt? Wozu das alles?
„Es war die Anspannung, ich musste irgendwo Druck ablassen, du bist im Moment nicht du selbst…“, beginnt er fast verzweifelt zu erklären. Ich will das alles gar nicht hören. Seine Worte machen alles nur noch schlimmer. Oft habe ich versucht mich ihm zu nähern. Ich habe es mir sogar ziemlich gewünscht, es hätte mir bestimmt geholfen aus meinem seelischen Tief zu kommen. Doch er hat mich immerzu zurückgewiesen. Jetzt verstehe ich warum.
„Druck ablassen?“, sage ich jetzt schon fast ohne Ton. Dann drehe ich mich um, gehe aus dem Raum und ohne mich noch einmal umzusehen durch den Gang. Wieder kommt er mir hinterher.
„Holly…“, ruft er mir nach als sich die Türe vom Präsentationsraum öffnet und sein Chef herauskommt.
„Da sind sie ja Barnes. Drinnen wartet unser Kunde auf Sie“, meint er und sieht mich etwas verwundert an. Ich drehe mich weg, schließlich bin ich tränenüberströmt.
„Alles in Ordnung?“, fragt er dann auch noch nach.
„Ich brauche ein bisschen frische Luft“, lächle ich ihn gekünstelt an.
Er nickt mir mit hochgezogenen Augenbrauen zu.
„Ich bin sofort bei Ihnen“, stammelt Tyler.
„Gut“, erwidert sein Chef und geht wieder in den menschenvollen Raum.
„Ich muss hier raus.“ Ich sehe ihn traurig an.
„Scheiße…Ich wollte das nicht…Bitte lass uns später reden, ich muss da rein…“
Ich nicke wortlos und kehre ihm den Rücken. Mit zittrigen Händen verlasse ich das Gebäude. Draußen muss ich mich erst einmal ein paar Minuten lang sammeln. Ich öffne meine Tasche um ein Taschentuch heraus zu holen, als mir meine Tabletten fast bettelnd entgegen leuchten. Zögernd schließe ich meine Augen und hole tief Luft. Was ist er für ein Arschloch? Es einfach mit dieser Schlampe in meiner Anwesenheit zu treiben. Es ist doch ganz egal was ich mache, ich werde nie so sein wie diese Scheiß Carolin. Niemals. Völlig neben mir drücke ich ohne nachzudenken aus jeder Packung ein paar Tabletten, keine Ahnung wie viele, und schlucke sie ohne Wasser ganz leicht hinunter. Jetzt zittern meine Hände noch mehr, doch sofort baut sich ein seltsam erleichtertes Gefühl in mir auf. Dann gehe ich los. Planlos. Einfach irgendwo hin. Ich spüre die Wirkung der Pillen, ich werde lockerer und beruhige mich langsam wieder. Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht und bleibe vor einem Pub stehen. Einige Leute stehen davor und scheinen mächtig Spaß zu haben. Spaß haben. Ich kann mich nicht erinnern wann ich zuletzt Spaß hatte. Kurz zögere ich, gehe dann aber hinein. Nachhause will ich nicht, ich möchte einfach nur für ein paar Minuten vergessen was gerade passiert ist. Vergessen. Das wird nicht funktionieren. Wie auch? Im Pub drängen sich viele junge Leute um die Theke herum. Aufgrund der Tabletten macht mir das auch gar nichts aus. Ich quetsche mich durch und bestelle mir einen doppelten Whisky. Dann noch einen. Ein junger Typ drängelt sich neben mich und bestellt zwei Bier. Zuerst schaut er mich nicht an, dann sieht er plötzlich zu mir und grinst.
„Allein?“, fragt er und grinst noch ein bisschen breiter.
Ich nicke und lächle ein bisschen. Er nimmt die Bier und geht wieder zu einem anderen jungen Typen, scheinbar ein Freund. Sie sprechen miteinander, aber er schaut immer wieder zu mir. Auch wenn mir das nichts bedeutet und ich auch absolut nicht darauf aus bin, finde ich es spannend. Dann kommt er wieder auf mich zu.
„Machst du bitte ein bisschen Platz?“, weist er den Burschen der neben mir an der Theke lehnt an. Der weicht augenblicklich zur Seite.
„Trinkst du noch einen?“, fragt er mich und sieht auf mein fast leeres Glas. Er hat braune Haare und stechende Augen. Etwas verlegen nicke ich. Er bestellt bei der Kellnerin noch einen Whisky für mich.
„Danke“, sage ich immer noch verlegen.
„Gerne.“
Er stößt mit seinem Bier an mein Glas. Ich weiß nicht was ich sagen soll.
„Wie heißt du denn?“, fragt er mich und grinst wieder.
„Holly.“
„Holly. Cool. Ich heiße Jack.“
„Hey Jack“, lächle ich verkrampft.
„Du schaust irgendwie traurig aus. Warum denn? Du hast so ein schönes Lächeln.“
Traurig. Nicht das richtige Wort. Es gibt kein Wort das meinen Zustand beschreibt. Ich zucke mit den Schultern. Er schubst mich ein wenig an.
„Komm schon. Ich bin mir sicher du kannst super lächeln.“
Das bringt mich wirklich zum Lächeln und nach weiteren zwei Getränken schafft er es auch mich zum Lachen zu bringen. Sein Interesse an mir schmeichelt schon ein bisschen meiner ramponierten Seele.
„Ich muss mal schnell wohin“, sage ich nachdem sich auch noch sein Freund zu uns gesellt hat.
Ich habe leichte Kopfschmerzen, darum schlucke ich am WC noch schnell eine Tablette und noch eine gegen die Beklemmungsgefühle.
„Heute werde ich einfach einmal tun was ich für gut empfinde und ich werde nicht mehr an dieses Arschloch denken. Heute nicht…“, sage ich meinem Spiegelbild und lege noch etwas Lipgloss auf.
Zurück bei den Jungs die locker einige Jährchen jünger als ich sind fühle ich mich um Welten besser. Es ist so erleichternd einfach mal niemandem entsprechen zu müssen. Einfach nur ich sein.
„Wir wollen noch in einen Club in Dover, da geht es jetzt richtig ab, du kommst doch mit oder?“, fragt mich Jack und zwinkert mir zu.
„Ich weiß nicht, Dover?“, meine ich unsicher.
„Komm schon, das wird bestimmt geil.“
Nachdem er nicht locker lässt, stimme ich irgendwann einfach zu, wahrscheinlich weil ich aufgrund des steigenden Alkoholspiegels sowieso schon viel zu gut drauf bin. Doch es ist mir egal. Vielleicht zahle ich es Tyler auch einfach heim. Nein, ich könnte das nicht tun, obwohl verdient hätte er es. Irgendwann im Wagen bekomme ich dann ein komisches Gefühl. Es ist nicht richtig mit zwei Jungs im Wagen mitten in der Nacht irgendwohin zu fahren. Nervös zapple ich am Rücksitz herum und überlege auszusteigen. Doch dann werde ich wieder ruhiger und schiebe meine Bedenken beiseite. Als wir bei dem Club ankommen, fühle ich mich in meinem Vorhaben bestätigt, was soll denn schon passieren. Die Musik im Lokal ist laut aber cool, ich fühle mich plötzlich so frei und gut gelaunt. Ich kippe noch ein paar Drinks hinunter bevor mich Jack auf die Tanzfläche zieht. Er ist hübsch und ich mag seine Augen, sein Blick durchdringt mich förmlich. Ziemlich unerwartet nähert er sich dann meinem Gesicht und küsst mich. Zuerst versuche ich ein wenig zurück zu weichen, lasse es dann aber doch zu. Seine Zunge ist heiß, es fühlt sich geil an, darum erwidere ich es. Dann greift er in seine Hosentasche und schiebt sich etwas in den Mund. Ich sehe ihn fragend an.
„Willst du auch?“, flüstert er etwas atemlos nahe an meinem Hals.
„Was will ich?“, frage ich nach und suche wieder nach seinen Lippen.
Wieder greift er in die Tasche seiner Jeans und schiebt sich etwas in den Mund, dann beginnt er wieder mich zu küssen. Er schiebt mir seine Zunge tief in den Mund, dann spüre ich ein kleines rundes Ding in meinem Mund. Kurz löse ich mich von ihm.
„Was ist denn das?“
Verwegen lächelt er mich an. „Du wirst dich gleich richtig mega fühlen.“
„Ich weiß nicht…“, murmle ich, die Tablette zwischen meinen Zähnen haltend.
Doch dann schießt mir das Bild von Tyler in den Kopf. Wie er über die Blondine gebeugt an ihrem Ohr knabbert und sich fordernd in ihr bewegt. Wie sie ihre roten Fingernägel in seinen Rücken krallt. Er hat mich nicht einmal bemerkt. Ich atme ein und mit dem Ausatmen schlucke ich das Ding hinunter. Ich frage nicht was es ist und überlege auch nicht was es mit mir anstellen wird. Doch ganz bald setzt das mega Gefühl ein. Alles ist in bunte fröhliche Farben getaucht. Alles ist locker und leicht. Alles ist schwerelos und einfach unglaublich gut. Wieder küsse ich Jack und schiebe meine Hände unter sein Shirt. Mein Herz klopft wie wild, aber das ignoriere ich und mir ist heiß.
„Komm wir gehen raus“, haucht er in mein Ohr.
Ich folge ihm ohne zu zögern in den Hinterhof des Lokals. Wieder küssen wir uns, er fährt mit seinen Händen unter mein Kleid und umklammert meinen Hintern während er mich an eine Hauswand presst. Ich bin atemlos und mein Herz pumpt. Immer wieder muss ich mich von ihm lösen, weil ich keine Luft bekomme. Das Herzklopfen wird schier unerträglich.
„Warte bitte…Ich kann nicht…Lass mich bitte los“, stammle ich einer Sekunde Klarheit.
„Komm schon…Stell dich nicht so an…“, stöhnt er in mein Ohr.
„Nein…Ich fühle mich nicht gut. Außerdem will ich das nicht.“ Ich stemme meine Hände unerwartet kraftvoll gegen seine Brust.
Er sieht mich ungläubig an. „Spinnst du jetzt komplett? Was glaubst du warum wir hier draußen sind?“
Ich schüttle den Kopf. „Bitte. Ich kann das nicht…Ich bin verheiratet…Und ich fühle mich nicht gut…“
„Verheiratet? Das ist mir doch egal, ich wollte dich sowieso nicht heiraten ein schneller Fick reicht mir schon. Komm schon, mach kein Theater jetzt, lass locker Süße…“ Wieder schiebt er seine Hände unter mein Kleid.
Süße? So nennt mich Tyler immer. Ich spüre wie mir schlecht wird. Ich kann und will das nicht. Ich stoße ihn weg und übergebe mich.
„Scheiße…Du bist echt eine blöde Schlampe…“, höre ich ihn noch mit abwertendem Ton sagen, dann verliere ich die Kontrolle.
Kapitel 3
„Und dann, was war dann?“, fragt mich Amy sichtlich schockiert.
„Keine Ahnung…“, murmle ich und wische die Tränen mit meinem Handrücken weg. „Ich erinnre mich mehr.“
Eigentlich bin ich überrascht mich so weit zu erinnern und froh, dass er mich nicht vergewaltigt hat. Ich bin schockiert über mich und darüber was die Tabletten, Drogen und der Alkohol mit mir gemacht haben.
„Ich schätze mal er hat mich verprügelt, weil ich nicht tat was er wollte.“
Erschöpft sehe ich auf meine zittrigen Hände. Ich kann einfach nicht mehr. Die vergangene Nacht zu rekonstruieren macht mich unglaublich erschöpft und wütend auf mich selbst. Wie konnte ich das nur tun? Ich bin dreiunddreißig Jahre alt und mache solche Dummheiten. So leichtsinnig zu sein, es hätte mich mein Leben kosten können.
„Gott Holly…Du hattest echt Schwein, dir hätte sonst was passieren können.“ Amy nimmt mich tröstend in den Arm. „Ruh dich jetzt ein bisschen aus.“
Ich nicke wortlos, weil ich wirklich komplett erledigt bin.
„Du musst Tyler sagen wo du bist, er macht sich bestimmt Sorgen, auch wenn er ein Arschloch ist.“ Sie sieht mich kopfschüttelnd an. „Wie konnte er dir das nur antun.“
Vermutlich hat sie recht, auch wenn ich ihm die Sorge gönne, ich muss ihm sagen, dass es mir gut geht. Dass es mir gut geht, das klingt wie ein schlechter Witz. Mir geht es beschissen. So dreckig ging es mir noch nie. Obwohl. Doch. Ich denke an Theos Lächeln das sein süßes, blasses, schmales Gesicht zum Strahlen brachte. Kurz schließe ich meine Augen und atme tief durch. Theo. Dann stehe ich auf und lege mich aufs Sofa. Amy deckt mich zu und streicht durch meine vermutlich schrecklich lockigen Haare. Dann tippe ich noch schnell eine Nachricht an Tyler.
Ich bin bei Amy. Lass mich bitte einfach in Ruhe. Ich muss nachdenken. Holly.
Kurz überfliege ich noch seine Nachrichten die ich heute Nacht von ihm bekommen habe. Viele Sorrys, tut mir leid und ich liebe dich, wo bist du und ich brauche dich, kommen darin vor. Ich lösche alle, ich will sie nicht lesen, dann lege ich das Handy weg und drehe mich zur Seite. Es dauert nicht lange bis ich einschlafe.
Kapitel 4
Stimmen lassen mich wach werden. Mir ist unglaublich heiß und ich bekomme schwer Luft. Ich reiße meine Augen auf und schnappe nach Sauerstoff. Ich stoße panisch Luft aus. Vermutlich sind das immer noch die Nebenwirkungen dieser Scheißdroge. Vielleicht ist es auch mein Körper der nach Tablettennachschub verlangt.
„Sie schläft jetzt aber“, höre ich Amy leise sagen. „Lass sie bitte und komm später wieder.“
Mühsam richte ich mich ein wenig auf. Tyler. Er ist hier. Ich schließe meine Augen. Warum konnte nicht einfach alles ein schlimmer Traum sein.
„Ich nehme sie jetzt mit, sie kann auch zu Hause schlafen“, entgegnet Tyler in seiner zielstrebigen und bestimmenden Art.
Ich stehe auf und tapse zum Flur, ich habe einen schrecklichen Kater und immer noch tut mir alles weh.
„Ist schon gut Amy, ich bin wach“, lächle ich sie an.
Sie nickt seufzend und geht in die Küche. Tyler sieht mich geschockt an.
„Was willst du denn?“, frage ich ihn und verschränke meine Arme vor der Brust.
Er kommt ein paar Schritte auf mich zu.
„Mein Gott…Was ist denn passiert?“
Er will mein Gesicht berühren, aber ich weiche sofort zurück. Ach ja... Die Verletzungen, das hätte ich fast vergessen.
„Das ist nichts…“, stammle ich.
„Was heißt nichts? Du hast doch überall blaue Flecken und dein Gesicht?“
„Das geht dich nichts mehr an.“
„Natürlich geht mich das etwas an! Erzählst du mir bitte was dir passiert ist?“
Ich drehe mich um und gehe zurück ins Wohnzimmer. Ganz sicher werde ich ihm nicht erzählen was passiert ist. Keinesfalls. Nervös suche ich meine Sachen zusammen.
„Holly!“ Er kommt mir hinterher und hält mich am Arm fest.
„Gar nichts ist passiert, ich war besoffen und bin gestolpert!“, schreie ich ihn an. „Ich habe mich so richtig volllaufen lassen, weil du nichts Besseres zu tun hast als…“
Ich kann es nicht aussprechen und sofort habe ich wieder das Bild von ihm und dieser blöden Blondine vor Augen. Tränen vor Wut und unendlicher Traurigkeit darüber bauen sich in mir auf. Er sieht mich zögerlich an, doch dann zieht er mich an meinem Arm in seine Arme und drückt mich so fest, dass es mir nicht möglich ist mich zu lösen, auch wenn ich das versuche. Ein paarmal schlage ich mit meinen Fäusten an seine Brust, doch er hält mich weiterhin fest. Ich will es nicht und trotzdem fühlt es sich gut an. Zwar schmerzlich gut, es ist als würde ich ihn lieben und hassen zugleich.
„Nein…Nein…Nein…Das geht einfach nicht...“, weine ich in seine Brust.
„Shhhh….Holly…Shhhh….Beruhige dich bitte“, murmelt er seine Lippen an meine Stirn gepresst.
„Warum? Warum hast du das getan?“, weine ich unaufhörlich.
„Ich verspreche dir, es ist aus, es war alles ein Scheißfehler, das musst du mir glauben. Du bist es doch, du bist die Frau die ich liebe...“, wiederholt er unzählige Male.
Nach einiger Zeit kann ich mit dem Weinen aufhören. Er streicht immer noch beruhigend durch meine Haare.
„Fahren wir jetzt nach Hause?“, fragt er kleinlaut.
Ich nicke wortlos und löse mich von ihm. Dann gehe ich zu Amy in die Küche.
„Und?“, fragt sie mich leise.
Ich zucke mit den Schultern. „Keine Ahnung. Darf ich dir deine Sachen die nächsten Tage mal zurückbringen?“
„Klar, das hat keine Eile. Ruf mich an.“
Sie drückt mich zum Abschied fest und streicht liebevoll über meinen Rücken.
„Danke für alles und dass du mich abgeholt hast…“
Sie unterbricht mich und lächelt mich dabei an.
„Schon gut. Lass die Tabletten Holly. Bitte“, flüstert sie, sodass es Tyler nicht hören kann.
„Ich verspreche es dir“, flüstere ich ebenso leise und drücke ihr noch einen Kuss auf die Wange.
Während der Autofahrt sprechen wir nicht. Ich will und kann nichts sagen. Mir ist fürchterlich kalt und ich bin immer noch müde. Meine Kopfschmerzen sind fast unerträglich und nur zu gerne würde ich eine Schmerztablette nehmen. Doch das darf ich nicht. Ich muss stark bleiben.
„Soll ich uns etwas zu Essen machen?“, fragt mich Tyler und die schließt die Wohnungstür hinter uns.
„Ich habe keinen Appetit.“
Er nickt wortlos und bleibt vor mir stehen. Schnell wende ich mich von ihm ab, weil ich es nicht ertrage ihn anzusehen. Immer wieder muss ich an die Bilder von gestern Abend denken.
„Ich geh Duschen“, sage ich schnell und verschwinde im Bad, wo ich eine gefühlte Ewigkeit am Rand der Badewanne sitze. Dann stehe ich mindestens ebenso lange unter Dusche. Schließlich trockne und glätte ich meine Haare noch. Mein Spiegelbild macht mich immer noch nicht zufrieden. Vielleicht sollte ich Tyler erzählen was vergangene Nacht war, aber wozu? Es ist alles schon schlimm genug und ich war nicht ich selbst. Ich war unter Drogen. Ich war wütend und enttäuscht. Ich bin es immer noch. Ein leises Klopfen an der Tür reißt mich aus meinen Gedanken.
„Alles in Ordnung da drinnen?“ Tylers Stimme klingt müde und besorgt.
„Ja, ich komme schon“, entgegne ich und ziehe meinen Bademantel etwas fester zu.
Langsam öffne ich die Badezimmertür, er lehnt an der Wand gegenüber und sieht mich wortlos an. Es riecht gut. Er hat also doch etwas gekocht.
„Kommst du dann in die Küche?“, fragt er kleinlaut.
„Ich zieh mir nur schnell etwas an“, nicke ich und gehe an ihm vorbei ins Schlafzimmer.
Während ich mich anziehe sehe ich auf unser Ehebett. Keine Ahnung ob ich hier neben ihm schlafen will und kann. Ich würde es gerne, aber innerlich lehnt sich irgendetwas beim Gedanken daran in mir auf. Seine Umarmung vorhin hat mir gut getan, oder auch nicht. Es ist für mich unvorstellbar jemals wieder intim mit ihm zu sein, vor allem nicht, wenn ich daran denke wie er es mit Carolin getan hat. Ich gehe in die Küche und bleibe vor dem hübsch gedeckten Tisch stehen, dass er sich so viele Mühe gibt macht die Sache noch schlimmer. Ich hasse es, wenn er mit solchen Gesten sein schlechtes Gewissen beruhigen will. Das macht er immer, nach jedem Streit und jetzt nach einem beschissenen Seitensprung. Ich setze mich hin ohne ihn anzusehen und nehme einen großen Schluck vom Wasser das schon dort steht.
„Ich habe Nudeln gekocht, mit dem Pesto vom kleinen italienischen Laden den du so gerne magst.“
Das sagt er so, als wäre es das Normalste auf der Welt. Ein Ehepaar das gemeinsam Nudeln mit Pesto isst. Es bringt mich augenblicklich innerlich zum Kochen, aber ich versuche ruhig zu bleiben.
„Ich wollte doch nichts essen“, sage ich darum bockig.
Er stellt mir den Teller vor die Nase und setzt sich neben mich.
„Verlässt du mich jetzt?“, fragt er so leise, dass ich es kaum höre.
„Wäre vermutlich das einzig Richtige“, meine ich ohne ihn anzusehen.
Er schüttelt den Kopf und sagt nichts. Ich nehme die Gabel und steche eine Nudel auf, natürlich schmeckt es gut und ich habe auch Hunger, aber es fühlt sich wie eine Niederlage an.
„Ich war so beschäftigt mit dem Spot und du so kraftlos und müde, ich weiß auch nicht wie es passiert ist…“, stammelt er nach den richtigen Worten suchend.
Ich unterbreche ihn. „Ich kann dir sagen wie es passiert ist.“ Ich lege meine Gabel auf den Teller und lehne mich mit verschränkten Armen zurück. „Sie ist hübsch, blond und schlank. Sie hat dich angemacht, oder du sie. Auf jeden Fall hast du es mit ihr getrieben, und das nicht nur einmal, während ich nächtelang auf dich gewartet habe und mir überlegte wie ich es endlich schaffe wieder einmal Sex mit dir zu haben. Dann hast du dich neben mich gelegt, manchmal deine Arme um mich gelegt, aber auf jeden Fall dabei versucht mich nicht zu wecken, obwohl ich sowieso wach war. Jetzt verstehe ich auch warum.“
Er schließt bei meinen Vorwürfen seine Augen und reibt sich die Stirn, dann sieht er mich an und ich habe das Gefühl er weiß nicht viel darauf zu sagen.
„Vielleicht solltest du mich verlassen, dann kannst du machen was du willst“, füge ich noch hinzu.
„Bitte Holly, das ist doch lächerlich. Ich will dich nicht verlassen. Das passiert unzählige Male in Beziehungen…“
Ich unterbreche ihn. „Ja genau und wenn man Glück hat checkt es die Ehefrau auch gar nicht! Nur blöd, dass du genau gestern deinen Schwanz nicht in der Hose lassen konntest, sonst wäre dein Amüsement auch nicht aufgeflogen!“
Jetzt schreie ich. Genau das wollte ich nicht. Ich spüre wie meine Hände zu zittern beginnen und die Bilder vor meinen Augen fangen an zu flimmern.
„Hör auf Holly! Wie oft soll ich dir noch sagen, dass es mir leidtut? Ich bin ein Arschloch, ja, aber du hast auch deinen Teil dazu beigetragen, tu jetzt bitte nicht so als würde bei uns alles in Ordnung sein.“
Jetzt werde ich erst richtig wütend, natürlich weiß ich sehr wohl, dass bei uns nicht alles in Ordnung ist, doch für seinen Seitensprung kann ich nun wirklich nichts.
„Vergiss es Tyler. Vergiss es einfach.“
Ich springe auf, er auch, im letzten Moment bevor ich flüchten kann hält er mich aber zurück.
„Was soll ich denn machen damit du mir verzeihst? Ich bin hier bei dir und nicht bei ihr. Kapierst du eigentlich, dass du mir wichtig bist?“, sagt er leise und mit zittriger Stimme, so als würde ihm gerade bewusst werden, dass ich mich weiter von ihm entfernt habe als ihm lieb ist, was ihn scheinbar ziemlich überrascht.
„Verzeihen…“, murmle ich und merke wie wieder Tränen in mir austeigen. Ich habe keine Kraft mehr für dieses Gespräch. Mein Kopf tut so weh und ich fühle mich als würde ich jeden Moment innerlich zerspringen. „Ach ja…wo wir gerade vom Verzeihen sprechen: Kannst du mir verzeihen, dass ich heute Nacht einen Wildfremden geküsst habe? Und weißt du was, es hat sich gut angefühlt! Sogar sehr gut. Er war heiß und ich hätte mit ihm Sex haben können, aber ich habe es nicht getan, auch wenn ich voller Drogen und Alkohol war, weil ich dabei an dich dachte und daran, dass ich dich liebe, auch nach allem was du getan hast.“
Er sieht mich geschockt an und lässt meinen Arm los.
„Du hast was?“
Das sagt er leise, seine Augen verengen sich und ich habe Angst was jetzt passiert, doch irgendwie bin ich froh, dass es draußen ist.
„Tu nicht so geschockt, selbst jetzt sind wir noch nicht einmal quitt.“
Nachdem ich diese Worte gesagt habe, weiß ich, dass es blöd und unnötig war, ich bin nicht der Typ der irgendetwas tut um es ihm heimzuzahlen. Er drängt sich an mir vorbei, geht in sein Arbeitszimmer und wirft die Tür gefolgt von einem lauten Knall der mich zusammenzucken lässt zu. Den restlichen Nachmittag sehe ich ihn nur noch einmal kurz im Flur mit einem Glas Wasser. Dann verschwindet er wieder wortlos in seinem Büro. Ich bin fertig. Traurig über einen weiteren sinnlosen Streit, seinen Seitensprung und der Gewissheit, dass nichts mehr so sein wird wie zuvor. Außerdem bin ich auch wütend auf mich selbst und kämpfe mit der Angst ob ich es schaffe auf die Scheißtabletten zu verzichten, denn ich überlege schon seit Stunden hin und her, ob ich nicht wenigstens eine Tablette gegen die Kopfschmerzen nehmen sollte. Doch ich lasse es, auch wenn ich mich mies fühle. Um zumindest darüber nicht mehr nachdenken zu müssen lege ich mich früh zu Bett. Ich wache noch einmal kurz auf, weil mich ein Geräusch am Gang weckt. Tyler ist nicht ins Schlafzimmer gekommen, aber das habe ich auch gar nicht erwartet.
Kapitel 5
Die vergangen drei Tagen hat sich an der Stimmung unserer Beziehung, oder was auch immer es ist, nichts geändert. Wir sprechen nicht miteinander und gehen uns aus dem Weg. Es ist sogar so, dass wir uns nicht einmal ansehen. Das kränkt mich ziemlich und ich glaube es ist aus. Kann nach acht Jahren wirklich alles vorbei sein? Ich dachte immer wir bekommen das hin. Doch die vorangegangenen Ereignisse machen es fast unmöglich. Tyler schläft am Sofa. Ich versuche mich irgendwie abzulenken und habe darum die Wohnung von oben bis unten geputzt, die Wäsche gemacht und war heute schon lange spazieren. Außerdem habe ich alle Tabletten, und wenn ich sage alle, dann meine ich ALLE, in eine Tüte gepackt. Ich werde sie morgen zur Apotheke bringen und entsorgen. Ich habe nur eine Packung Aspirin im Medizinschrank gelassen, falls Tyler mal Kopfschmerzen hat. Mir geht es ohne die Dinger seltsam gut, ich fühle mich klar und frisch. Meine Gedanken sind strukturiert und sie fehlen mir im Moment nicht, aber ich bin Krankenschwester und meine medizinischen Kenntnisse sagen mir, dass das vermutlich nicht so bleiben wird. Und ich weiß auch, dass ich Ablenkung und eine Verantwortung brauche, da ich sonst ganz schnell wieder rückfällig werde. Diese Ablenkung könnte ich bei meiner Arbeit suchen. Auch wenn ich vor zwei Jahren meinen Job als Intensivkrankenschwester in der Klinik aufgab, denke ich jetzt wieder darüber nach, genau das wieder zu tun. Damals wollte ich einfach nicht mehr jeden Tag von totkranken Menschen umgeben sein, ich wollte meiner Arbeit mehr Sinn geben. Doch dieser Plan ist nicht aufgegangen. Speziell diese Entscheidung, auch wenn sie für über ein Jahr lang die beste meines Lebens war, hat mich in ein tiefes Loch gerissen. Aus diesem Tief konnte ich mich bis heute nicht befreien. Es wäre Zeit für einen Neubeginn, vielleicht nicht auf der Intensivstation, aber zumindest in der Krankenpflege. Ich mochte meine Arbeit immer sehr und bin gerne Krankenschwester. Keine Ahnung. Ich werde mich in den nächsten Tagen schlau machen. Das Zufallen der Wohnungstür gefolgt vom Scheppern des Schlüssels in der Schale wie immer reißt mich aus meinen Gedanken. Er ist heute schon früh zu Hause. Kurz schießt mir der Grund warum er die letzte Zeit immer so spät war in meine Gedanken, doch ich schiebe ihn zur Seite, weil ich versuchen will nicht mehr daran zu denken. Es macht es nicht besser und schon gar nicht einfacher. Ich bleibe im Wohnzimmer wo ich gerade ein Buch lese sitzen, ich kann mich nicht immer einsperren. Davonlaufen ist auch keine Lösung. Es hilft nichts. Ich höre wie er in sein Arbeitszimmer geht und die Tür hinter sich schließt. Wieder kein Hallo, oder sonst etwas. Ich seufze für mich selbst. Es ist nicht besonders toll das ertragen zu müssen, doch ich werde mit Sicherheit nicht den ersten Schritt tun. Von mir aus kann er das restliche Jahr schweigen, und das ist noch lange hin. Wir haben erst Mai. Kopfschüttelnd lese ich weiter. Auch beim Abendessen bin ich allein, darum esse ich nur ein bisschen Salat, meine Figur wird es mir danken. Ich habe zwar für Tyler gekocht, bin aber zu stolz ihn zu rufen. Darum tippe ich eine SMS an ihn bevor ich ins Bad gehe.
Falls du Hunger hast, ich habe Gemüse gemacht und Salat. Steht am Ofen und ist noch warm. Gute Nacht.
Nach dem Duschen lese ich mein Buch weiter. Es ist spannend und lenkt mich ein wenig ab. Kurz nach zehn lege ich es weg und lösche das Licht. Auch wenn ich es nicht will, jetzt fühle ich mich traurig und alleingelassen. Ich denke darüber nach zu ihm zu gehen, lasse es dann aber doch und schlafe irgendwann ein.
„Was ist denn…Tyler?“, murmle ich schlaftrunken als ich mitten in der Nacht wach werde. Er sagt nichts, rutscht dicht neben mich und schmiegt sich mit seinem Köper an meinen Rücken.
„Tyler?“, wiederhole ich, wehre mich aber nicht dagegen.
Er sagt immer noch nichts, dann dreht er mich zu sich und umarmt mich fest. Er presst seinen Körper an meinen und drückt seine Wange an mein Gesicht. Mein Herz zieht sich komisch zusammen. Ich habe seine Nähe so vermisst, auch wenn ich immer noch böse auf ihn bin. Plötzlich beginnt er mich zu küssen, zuerst sanft dann innig. Als ich anfange es zu erwidern hört er auf. Ich spüre seinen Atem.
„Hat er dich so geküsst? So?“
Ohne dass ich darauf antworten kann schiebt er mir seine Zunge tief und besitzergreifend in den Mund, ich bekomme schon fast keine Luft mehr, aber es ist gut.
„So? Hat er so gemacht? Holly…Nur ich küsse dich…Nur ich…“, haucht er in mein Ohr.
Ich antworte wieder nicht darauf, aber jetzt weil ich es nicht will, stattdessen ziehe ich seine Lippen wieder an meine. Wir küssen uns lange, so als müssten wir viel nachholen, was ja auch stimmt. Irgendwann schiebt er seine Hände unter mein Oberteil, ich überlege kurz ob das gut ist, doch ich höre schnell auf darüber nachzudenken. Ich will nicht mehr streiten und auch nicht mehr bockig sein, ich will meinen Ehemann zurück und werde genau jetzt alles dafür tun. Mir gefällt, dass er scheinbar eifersüchtig auf den Typen ist der mich dann zwar verprügelt hat, aber allein dieser Effekt lindert die voran gegangenen Schmerzen. Ich gebe ihm alles und mache alles was ihm gefällt, und ich weiß ziemlich gut was ihm gefällt. Es ist der Sex auf den ich lange gewartet habe, auch wenn ich es mir anders gewünscht hätte. Wir lieben uns intensiv, mit jeder Faser unserer Körpers und es scheint als wolle er mir alles geben was er die letzte Zeit verabsäumt hat. Ich bin schon fast so weit, als er aufhört und mit seinen Händen meine fest in die Matratze drückt. Seine Haut glüht und fühlt sich feucht an. Ich lächle ihn an und beiße mir auf die Unterlippe. Auffordernd beginne ich mich zu bewegen.
„Ich liebe dich Holly…Scheiße ich liebe dich…“
Er schließt seine Augen und wir machen in meinem Rhythmus weiter, ich weiß, er ist gleich soweit und ich bin es auch, darum schließe auch ich meine Augen und lasse mich fallen.
Kapitel 6
Ich blättere den Kalender um. Juni. Das Wetter ist im Moment absolut nicht junimäßig. Es ist regnerisch und ständig weht ein unangenehm kalter Wind. Drei Wochen keine Tablette mehr. Drei Wochen. Es waren gute und schlechte Tage ohne die Dinger. Ich hatte so oft Kopfschmerzen, dass ich ein paarmal nahe dran war mir doch ein Aspirin aus dem Medizinschrank zu nehmen. Doch ich habe es gelassen. Die Nächte waren katastrophal, weil ich kaum schlafen konnte obwohl ich schrecklich müde bin. Wenn ich mich jetzt im Spiegel ansehe bin ich stolz auf mich. Meine Haut ist rosig und rein wie lange nicht und meine Haare glänzen wieder und das trotz Schlafmangel. Es wäre wünschenswert zu sagen ich hätte auch ein bisschen abgenommen, aber weil ich eine Ersatzdroge in Form von Naschzeugs brauchte, muss ich dieses Ziel hinten anreihen. Mit Tyler läuft es auch wieder ganz gut. Wir haben viel geredet und versucht uns näher zu kommen. Das klappt mal besser mal schlechter. Unsere Ehe ist wie aus Glas. Zerbrechlich aber wertvoll. Ich will ihn nicht verlieren, darum versuche ich einfach alles um ihn glücklich zu machen. Ich sehe auf mein Telefon, dass lautlos neben mir vibriert. Tyler.
„Hallo“, nehme ich ab.
„Hi. Alles ok bei dir?“, fragt er.
„Ja, ich bin ok. Bei dir auch?
„Ja schon, aber ich habe heute ein Geschäftsessen. Du weißt doch der neue Auftrag. Der Termin ist spontan reingekommen. Es wird also später werden und ich wollte nur, dass du das weißt. Ich möchte nicht das du denkst…“
Ich unterbreche ihn, denn ich will nicht, dass er sich rechtfertigen und erklären muss. Das musste er nie und ich werde ihm auch nach allem was war weiterhin vertrauen müssen.
„Schon gut Tyler. Du musst mir nichts erklären. Viel Erfolg und bis nachher.“
„Ok…Dann bis später. Ich liebe dich Süße.“
Das bringt mich zum Lächeln. „Ich dich auch Ty. Bis später.“
Kapitel 7
„Wir können immer qualifiziertes Personal brauchen Holly, das weißt du ja. Überleg es dir und ruf mich an.“
Ruth, die Stationsschwester vom Krankenhaus in dem ich früher gearbeitet habe lächelt mich freundlich an was ich erwidere. Ich möchte wirklich gerne wieder arbeiten und habe sie darum heute in der Klinik besucht. Es fühlt sich komisch an wieder hier zu sein, aber nicht schlecht. Der hektische Krankenhausalltag macht mir noch immer Angst.
„Ja, ich denke darüber nach. Ich bin mir noch nicht ganz sicher ob es wirklich das Richtige für mich ist. Keine Ahnung wann ich über alles was passiert ist hinwegkommen werden.“
Sie legt ihren Kopf zur Seite und nippt dann an ihrem Tee. „Du hättest nichts machen können, Theo war todkrank. Das weißt du.“
Ich senke meinen Blick. „Ich habe dieses Kind geliebt. Es war unendlich schön ihn ein Stück auf seinem Weg begleiten zu dürfen.“ Auch wenn ich versuche es zu unterdrücken, spüre ich wie sich Tränen voller Schmerz in mir aufbauen. „Es ging ihm so gut und seine Zeit war noch nicht zu Ende.“ Ich schließe schluchzend meine Augen. „Hätte ich nicht…“
Ruth unterbricht mich und streicht über meinen Arm. „Holly…Du hast alles getan, mehr als man erwarten kann und mehr als du dir unter normalen Umständen zutrauen würdest. Das weißt du.“
Ich nicke, dann lächle ich ein bisschen. „Er hatte da vorne so eine süße Zahnlücke. Es war jeden Tag mein Ziel ihn so zum Lachen zu bringen, dass ich diese Zahnlücke sehe. Am Anfang war das schwierig, aber dann...“
„Du musst ihn loslassen. Es gibt so viele Menschen die dich brauchen“, meint Ruth und sieht mich dabei eindringlich an.
Wieder nicke ich, ich weiß, dass sie recht hat, aber ich weiß auch, dass ich das nicht so einfach kann. Trotzdem tat es gut mit ihr darüber zu sprechen. Ich checke im Aufzug mein Handy auf Anrufe oder Nachrichten, doch alles ist ruhig. Da es kurz vor Mittag ist, überlege ich Tyler zu überraschen. Wir waren ewig nicht gemeinsam zum Lunch. Ich wähle seine Nummer, komme aber gleich zur Bürovermittlung
„Hi…“, stammle ich überrascht. „Ist Tyler nicht im Büro?“
„Hallo Holly, nein er ist auswärts essen. Kann ich etwas ausrichten?“
„Nein…Nicht nötig. Danke.“
Dann lege ich auf. Schade. Ich hätte ihn jetzt echt gern getroffen. Dann rufe ich eben Amy an, sie hat Zeit, also treffen wir uns auf einen Kaffee.
„Sicher wieder alles ok mit dir und Tyler?“, fragt sie vorsichtig nach.
„Ja, ich glaub schon. Es ist immer noch ein blödes Gefühl, wenn ich an seinen Seitensprung denke.“
„Kann ich verstehen.“ Sie verdreht ein bisschen ihre Augen. „Und sonst?“ Ihr Blick wird eindringlicher.
„Du kannst ruhig direkt fragen. Ich habe keine Tabletten mehr genommen die letzten Wochen und ich will auch, dass es so bleibt.“
Sie lächelt zufrieden und ich glaube auch erleichtert.
Ich bin richtig überrascht, dass Tyler schon zu Hause ist als ich die Wohnungstüre zumache. Er ist in seinem Arbeitszimmer, ich höre ihn telefonieren. Ich lege meine Sachen ab und gehe den Gang entlang um ihm zu signalisieren, dass ich zu Hause bin. Die Tür ist nicht ganz zu.
„Ich weiß nicht ob wir das weiterhin so machen können… Ja sicher...Glaub ich nicht, trotzdem, du weißt ja warum…“
Er spricht leise, was mich wundert und das Gefühl in mir aufkeimen lässt, dass er etwas verheimlicht. Mir wird komisch zumute, lauschen will ich aber auch nicht. Darum öffne ich die Tür und stecke meinen Kopf hinein. Er sieht mich überrascht an.
„Ich kann jetzt nicht…Wir sprechen morgen darüber“, stammelt er und bricht das Telefonat ab.
„Hallo“, sage ich. „Wegen mir musst du nicht auflegen.“
Er kommt auf mich zu und gibt mir einen Kuss. „Weiß ich. Wo warst du denn?“
Das klingt wie ein erzwungener Themenwechsel.
„In der Stadt. Ich hab Amy getroffen. Wer war denn das am Telefon?“
„Ach nur ein Kollege. Nichts Wichtiges.“ Er streicht über meine Wange. „Was kochen wir. Ich bin am Verhungern. Ich war den ganzen Tag im Büro und hab noch nichts gegessen.“
Mir bleibt kurz die Luft weg. Ich weiß nicht was ich darauf sagen soll.
„Warst du nicht Mittagessen?“, frage ich dann aber recht souverän und wundere mich, dass ich den Satz ohne zu stammeln heraus bekomme.
„Nein…Es war so viel zu tun. Ich war im Büro. Warum?“
„Ach nur so“, bringe ich gerade noch heraus.
„Also, was kochen wir?“, meint er und geht an mir vorbei Richtung Küche.
Ich falle in mir zusammen. Kurz spiele ich mit den Gedanken ihn zur Rede zu stellen, lasse es dann aber doch, auch wenn ich weiß, dass er mich gerade anlügt.
„Was du möchtest, der Kühlschrank ist voll“, entgegne ich trocken und drehe mich um.
Kapitel 8
Die letzten Tage fühlten sich nicht gut an. Ich bin misstrauisch. Womöglich tue ich Tyler unrecht, aber ich habe Angst ihn darauf anzusprechen. Ich habe Angst vor dem was er dann sagen wird. Ich bin einfach nicht stark genug eine weiter Niederlage zu verkraften. Trotzdem betreibe ich momentan Spionage auf eigene Faust. Ich beobachte ich ihn heute schon zum Dritten Mal die Woche von meinem Ausschauplatz gegenüber von seinem Büro. Auch wenn ich noch nichts Konkretes weiß, gefällt mir was ich bisher gesehen habe nicht. Er verließ immer zur ziemlich gleichen Zeit das Büro, die Schlampe Carolin ging meistens ein paar Minuten vor oder nach ihm. Nach etwa anderthalb Stunden kam er dann wieder zurück, gleich wie sie, aber nie waren sie gemeinsam unterwegs. Noch kein Beweis, aber ich habe eigentlich keine Zweifel, dass er sie weiterhin trifft. Das macht mich fertig, ich bin gleichzeitig wütend und voller Angst. Heute weite ich meine Nachforschungen aus. Ich muss einfach wissen woran ich bin. Auch wenn ich nicht weiß wie es weitergeht, wenn sich meine Vermutung bestätigt, ich brauche Klarheit, sonst schnappe ich über. Tyler hat gerade das Haus verlassen, Carolin schon vor zehn Minuten. Ich gehe ihm mit großem Sicherheitsabstand hinterher. Mir liegt das zwar gar nicht, aber ich will jetzt endlich wissen was Sache ist. Zu Hause tut er immer so lieb und scheinheilig und kümmert sich aufmerksam um mich. Er geht jedem Streit aus dem Weg und beschwert sich nicht einmal, dass ich im Moment Tonnen von Süßigkeiten vertilge. Ich habe das Gefühl er hält mich für komplett blöd, das macht mich so wütend, dass ich es die letzten Tage kaum schaffte meine Befürchtungen für mich zu behalten. Weil mein Herz vor Wut und Aufregung so klopft bleibe ich kurz stehen. Vielleicht tue ich ihm ja komplett unrecht. Er geht in den kleinen Snackladen an der Ecke. Ich atme erleichtert aus.
„Er holt sich nur etwas zu essen, ich habe mir das alles nur eingebildet“, rede ich mir leise vor, als er mit einer Tüte wieder herauskommt. Doch er geht weiter, nicht zurück zum Büro. Ich folge ihm wieder und lasse ihn nicht aus den Augen. Er biegt in eine kleine Seitenstraße ein. Ich bleibe stehen und sehe ihm nach. Es ist nicht nötig weiter hinterher zu gehen. Ich sehe noch wie er ins kleine Hotel drei Häuser weiter geht. Mein Puls pocht in meiner Halsschlagader und ich merke wie eine unbeschreibliche Wut in mir aufsteigt. Diese Wut ist gepaart mit Angst und Kraftlosigkeit die mir fast den Boden unter den Füßen wegreißt. Meine Hände beginnen zu zittern und mir ist schwindelig. Keine Ahnung wie lange ich so dastehe. Irgendwann gehe ich nach Hause, fast mechanisch. Alles um mich herum ist plötzlich ausgeblendet. Ich hätte warten können bis er wieder herauskommt und ihm eine Szene machen können, doch das würde ich im Moment sowieso nicht überstehen. Kurz vor der Wohnung ist mir so schlecht, dass ich fast kotzen muss, ich schaffe es gerade noch die Treppe hoch. Während ich den Schlüssel ins Schloss stecke würgt es mich schon. Schließlich übergebe ich mich minutenlang im WC. Dann kommen die Tränen, die Tränen die er nicht verdient hat. Das Blut rauscht in meinem Kopf, ich kann nicht denken und bin nicht fähig mich zu beruhigen. Hysterisch laufe ich durch die Wohnung. Meine Hände zittern, nein eigentlich zittert mein ganzer Körper. Dann beschließe ich ihn anzurufen, aber er geht nicht ran. Natürlich nicht. Er hat schließlich besseres zu tun. Mit geballten Fäusten bleibe ich stehen, mein Herz klopft wie wild. Wenn ich mich jetzt nicht augenblicklich beruhige drehe ich durch. Panisch öffne ich den Schrank mit meinen Handtaschen und krame jede einzelne durch. Irgendwo ist bestimmt noch etwas das mir jetzt hilft. Es ist ein Notfall. Ein absoluter Notfall. Also ist es ok. Ich schnappe panisch nach Luft. Warum habe ich die Scheißdinger nur alle entsorgt? Warum? Völlig außer mir durchsuche ich noch den Küchenschrank und alle Laden im Badezimmer. Mir fallen die Aspirin Tabletten ein. Ich hole die Schachtel aus dem Medizinschrank und laufe damit in die Küche. Ich drücke mindestens zehn Tabletten aus der Verpackung, stopfe sie mir in den Mund und greife nach einem Glas Wasser. Während sich die Tabletten schon langsam im Mund auflösen schlucke ich sie noch nicht hinunter. Aspirin. Scheiße wie fertig bin ich eigentlich? Ich spucke die breiig-bittere Masse ins Waschbecken und wasche sie mit Wasser weg. Mit beiden Händen stütze ich mich ab und sehe wie die Mischung im Abfluss verschwindet. Ich drehe das Wasser ab und schließe meine Augen. Nein. Nein. Nein. Ich lasse mich von ihm nicht ruinieren, das schafft er nicht. Dann spüle ich meinen Mund aus und versuche mich zu beruhigen. Weil mir das nicht richtig gelingt, stelle ich mich minutenlang unter die eiskalte Dusche. Als mir schon fast alles einfriert, drehe ich auf warm. Langsam merke ich wie es mir besser geht, zumindest körperlich. Mein Puls normalisiert sich von Minute zu Minute. Das Zittern hört auf, dafür stellt sich eine schreckliche innerliche Angst ein. Der Nachmittag scheint nicht vergehen zu wollen. Ich überlege immer wieder was ich Tyler sagen werde, wenn er zur Tür hereinkommt. Er kommt schließlich ziemlich pünktlich nach Hause. Ich sitze im Wohnzimmer. Der Schlüssel fällt in die Schale.
„Hey Süße, wo bist du?“, ruft er quer durch die Wohnung.
Ich versuche die Wut zu unterdrücken, mich nicht aufzuregen, als er auch schon vor mir steht. Meine Hände ruhen auf meinem Oberschenkel, ich versuche nicht zu zittern. Mein Hals fühlt sich zugeschwollen an, ich atme durch meinen leicht geöffneten Mund. Er bleibt verwundert vor mir stehen. Ich sehe ihn an. Ich will sehen ob er mir ins Gesicht lügen kann, oder die Wahrheit sagen wird.
„Stimmt etwas nicht?“, fragt er vorsichtig.
Plötzlich sind alle Worte die ich mir bereitgelegt habe weg. Ich atme ein und aus.
„Sag du es mir“, sage ich dann schließlich leise.
Er zieht seine Augenbrauen hoch. „Was hast du denn? Geht es dir nicht gut?“
Er kommt einen Schritt näher, diese paar Zentimeter mehr Nähe bringen mich fast zum Überkochen, dennoch versuche ich ruhig zu bleiben.
„Vögelst du sie nur, oder liebst du sie?“
Diese Worte verlassen leise und bedacht meinen Mund, dabei sehe ich direkt in seine Augen. Wie erwartet wendet er seinen Blick sofort von mir ab.
„Wovon redest du? Bist du betrunken?“, meint er und schmunzelt was meine Worte lächerlich erscheinen lässt.
„Hör auf mich lächerlich zu machen. Ich bin so klar wie schon lange nicht mehr. Also. Beantwortest du bitte meine Frage.“
„Du bist überreizt Holly. Keine Ahnung wie darauf kommst und wovon du überhaupt sprichst.“
Ich stehe auf und stelle mich dicht vor ihn, jetzt ist es mir egal, er wird mir jetzt die Wahrheit sagen.
„Fickst du diese Carolin nur, oder liebst du sie auch noch? Versuch nicht mich weiterhin anzulügen. Ich habe dich die letzten Tage beobachtet!“ Jetzt ist meine Stimme um einiges lauter, ich schaffe es fast nicht die Kontrolle über mich zu behalten. „Du bist so armselig“, füge ich noch hinzu.
Er weicht zurück und schüttelt den Kopf. „Du bist paranoid Holly.“ Dann sieht er mich ernst an. „Nimmst du deine Tabletten nicht mehr? Du scheinst ja komplett durchzudrehen.“
Ich stoße einen spitzen Lacher aus. „Seit ich diese Scheißtabletten nicht mehr nehme, habe ich erst gecheckt was hier läuft. Ist sie die erste mit der du mich bescheißt, oder wie viele waren es vor ihr schon?“ Mein Gesicht wird heiß, mein Puls rast, in meinen Ohren spüre ich wie das Blut rauscht. „Es ist aus. Aus und vorbei. Ich will die Scheidung!“, füge ich noch hinzu, keine Ahnung warum, ich habe noch nie über eine Scheidung nachgedacht, aber die Worte kamen ganz von selbst aus meinem Mund.
„Was willst du? Bist du noch bei Sinnen? Komm jetzt wieder runter Holly, du drehst ja komplett durch!“ Jetzt wird auch seine Stimme lauter. „Allein bist du doch komplett im Arsch!“
Diese lauten Worte durchdringen meinen Körper auf eine seltsam klärende Weise.
„Ja vielleicht, aber mit dir auch.“ Das sage ich wieder ganz ruhig und klar. „Kannst du nicht einfach die Wahrheit sagen?“
Er klopft mit seiner flachen Hand nervös auf seinen Oberschenkel.
„Wie kommst du dazu mich zu beobachten? Was soll das?“
Ich schließe meine Augen. „Sag die Wahrheit.“
„Und dann? Was dann? Haust du dann ab?“, fragt er zögerlich.
Ich sehe ihn wieder an und gebe keine Antwort auf seine Frage.
„Scheiße! Ja! Verdammt nochmal!“, schreit er lauter als nötig. „Und wenn schon, es ist nur Sex.“
Auch wenn ich es schon gewusst habe, tut es schrecklich weh, mir reißt es den Boden unter den Füßen weg. Er kommt auf mich zu, aber ich stoppe ihn ab.
„Nein…Nein Tyler. Ich kann das nicht mehr.“
„Wir können das schaffen Holly…“, jammert er, was mich absolut kalt lässt, worüber ich selbst verwundert bin.
Dann drehe ich mich um und verlasse das Wohnzimmer. Als hätte ich es geplant, was nicht der Fall ist, hole ich meine Tasche und fange an ein paar Sachen einzupacken. Tyler rennt mir wie ein kleiner jammernder Hund hinterher, doch ich lasse mich nicht umstimmen.
„Wo willst du denn hin?“, fragt er mich während ich in meine Schuhe schlüpfe.
„Vorerst zu Amy. Ich kann das nicht mehr Tyler. Ich kann das nicht.“ Ich habe Mühe nicht zu weinen, doch ich will nicht mehr vor ihm weinen.
„Er reibt sich die Stirn. „Können wir nicht darüber reden? Ich will nicht, dass du jetzt gehst.“
Ich schüttle den Kopf und senke meinen Blick. „Wir haben geredet. Schon vor Wochen. Es gibt jetzt nichts mehr zu sagen. Ich muss nachdenken und ich will keine Tabletten mehr nehmen. So schaffe ich das nicht.“
„Und dann? Was ist, wenn du nachgedacht hast?“
Ich zucke mit den Schultern, denn das weiß ich selbst nicht.
„Denk du mal nach was du willst, vielleicht wäre das ein Anfang.“
Dann nehme ich ohne ein weiteres Wort meine Tasche und verlasse das Haus. Auf dem Weg zu Amy versuche ich mich zusammen zu reißen und bleibe recht überlegt und ruhig. Doch als sie die Türe öffnet und mich mit meiner Tasche in der Hand ansieht kann ich nicht mehr. Alles in mir und um mich herum scheint rücksichtlos einzustürzen. Es ist zu viel. Einfach zu viel. Fast hätte ich heute einen Rückfall bekommen. Ich will das alles nicht mehr. Ich will einfach nicht mehr so leben. Tyler war immer alles für mich, er ist es vermutlich trotz allem immer noch, aber er scheint das anders zu sehen. Ich wünsche mir einfach nur, dass alles gut wird.
Kapitel 9
Amy sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ja – es geht mir schlecht. Sehr schlecht sogar. Ich weiß nicht wie es weitergehen soll und das Nachdenken der vergangenen Tage hat mich auch nicht weitergebracht. Im Gegenteil, ich habe das Gefühl auf der Stelle zu traben. Es tut weh. Unglaublich weh. Es ist nur Sex hat er gesagt. Nur Sex. Mir wird täglich bewusster, dass ich ihm scheinbar nicht geben kann was er will und braucht. Ich bin zwar die Frau die er geheiratet hat, aber nicht die Frau die auch seine Geliebte sein kann. Immerzu denke ich darüber nach. Dieses zermürbende Nachdenken macht mich wahnsinnig. Momentan halte ich auch keine anderen Menschen in meiner Nähe aus. Ich wollte gestern einkaufen gehen, habe aber noch vor dem Laden wieder umgedreht, weil ich komplett panisch wurde. Erst jetzt wird mir klar wie sehr mir die Medikamente fehlen. Ich weiß, dass es mir mit ein einigen bestimmten Tabletten sofort wieder besser ginge. Zumindest für ein paar Stunden. Doch das ist der Punkt. Ein paar Stunden, das ist mir zu wenig. Ich muss endlich raus aus diesem Sog. Heute hat mich zu allem Übel noch meine Mutter angerufen. Sie meint ich solle schleunigst wieder zu Tyler zurück. Männer sind so und ich soll mich nicht so anstellen, hat sie mir erklärt. Manchmal müsse man eben Dinge über sich ergehen lassen und vergeben können. Ich habe nichts anderes erwartet. Sie ist immer auf Tylers Seite, egal was er tut.
„Du solltest dich erholen, mal woanders hin. Vielleicht ans Meer oder so. Hier schnappst du noch komplett über“, meint Amy und stellt mir eine Tasse Tee vor die Nase.
„Allein? Das schaffe ich nicht. Gehe ich dir schon auf die Nerven?“
Sie schüttelt schnell den Kopf. „Natürlich nicht, aber du brauchst einen Tapetenwechsel. Du kannst dich nicht ewig hier einsperren. Willst du nicht doch deine Mutter besuchen, sie hat so ein schönes Haus am Land.“
„Nein Amy, wirklich nicht.“ Ich verdrehe schnaufend die Augen.
Ja, das Haus ist traumhaft. Mit einem herrlichen Garten, nicht weit vom Meer. Sie hat es ihrem vierten Ehemann Steven zu verdanken in solch einer noblen Umgebung zu wohnen. Es ist fast skurril, dass sie mir Beziehungsratschläge geben will, wo sie doch selbst die Männer nach Belieben wechselt, wobei ich glaube, dass sie bei Steven angekommen ist. Nach dem Tod meines Vaters als ich acht Jahre alt war, habe ich zahlreiche Ersatzväter erlebt. Sie hat sich immer genommen was sie wollte und brauchte und zumeist auch alles bekommen. Steven ist ein einflussreicher Stadtpolitiker mit beachtlichem Stammbaum. Meine Mutter liebt es im Rampenlicht zu stehen und bewundert zu werden. Ich habe das Gefühl ich war ihr dabei immer im Weg. Doch genau darum ist Steven der richtige Ehemann für sie, sie kann sich in seinem Schein aalen und er trägt sie auf Händen.
Amy reibt sich überlegend die Stirn. „Du hast doch eine Tante in Schottland, oder?“
Überrascht sehe ich sie an, dass sie sich daran erinnert, ich habe ewig nicht mehr daran gedacht, geschweige denn davon gesprochen.
„Ja, Tante Eliza und Onkel James.“
„Kannst du da nicht hin um ein bisschen Ruhe zu finden? Es ist doch bestimmt schön dort.“
Ich lehne mich nachdenklich zurück. Als Mädchen war ich öfter in den Ferien zu Besuch, James ist der Bruder meines verstorbenen Vaters. Er ist Verwalter auf dem riesigen Gut der Stewarts auf der Isle of Arran. Sie wohnen dort in einem dem Anwesen angeschlossenen Haus. Tante Eliza kocht für die Familie Stewart. Alles Lords. Ich muss für mich selbst schmunzeln, weil ich mich an Lord Peter, den Sohn erinnere. Er ist in etwas älter als ich und ein komplett irrer Draufgänger. Gar nicht so adelig anmutend. Das Gut ist riesig und wenn ich mich recht erinnere produzieren die Stewarts einen der besten Whiskys Schottlands.
„Das ist eigentlich eine wunderbare Idee“, lächle ich Amy an. „Ich rufe Tante Eliza gleich an.“
Das mache ich auch wirklich sofort, sie ist ziemlich überrascht dass ich mich wieder einmal melde. Ich war fast zwanzig Jahre nicht mehr dort und habe auch sonst nicht viel von mir hören lassen. Sie ist aber gleich total aus dem Häuschen, dass ich kommen will. Bevor ich auflege erklärt sie mir noch einmal wie ich genau vom Festland auf die Insel komme. Ich soll mich unbedingt melden wenn ich von der Fähre steige, damit mich Onkel James abholen kommt.
Nachdem ich noch einmal eine Nacht über mein Vorhaben geschlafen habe, bin ich sicher, dass mir ein bisschen frische schottische Luft und Abwechslung gut tun wird. Ich habe Tyler Bescheid gegeben, dass ich in die Wohnung komme. Er weiß noch nicht, dass ich nach Schottland will. Ich bin mir aber sicher, dass er es nicht gut finden wird. Es fühlt sich komisch an die Treppe zu unserer Wohnung hochzugehen. Ich schließe die Tür mit zittrigen Händen auf. Tyler ist noch gar nicht hier. Vielleicht ist er wieder mit Carolin im Bett. Womöglich treibt er es demnächst in unserem Bett mit ihr. Ich schließe kurz meine Augen und atme tief durch. Ich muss aufhören darüber nachzudenken, es macht mich irre. Immer noch habe ich die Bilder von den beiden vor Augen, als ich sie bei der Präsentation in flagranti erwischt habe. Ich bleibe im Flur stehen. Es tut weh. Weh hier zu sein. Es ist auch mein zuhause und jetzt weiß ich nicht, ob ich jemals wieder hier wohnen werde. Ich denke inzwischen intensiv über eine Trennung nach. Alles hier bin auch ich. Ich habe die Möbel ausgesucht und der Wohnung Leben eingehaucht. Es ist unsere Wohnung. Ich erinnere mich wie glücklich wir waren den Zuschlag für das Objekt zu bekommen. Wir wollten immer in Canterbury wohnen. Die Stadt ist traumhaft und die Nähe zu meiner und Tylers Arbeit hat uns die Entscheidung ganz leicht gemacht. Diese Wohnung war noch das Sahnehäubchen auf unserem frisch verheirateten Glück vor drei Jahren. Sie ist traumhaft geschnitten mit großzügigen Räumen und außerdem hell und freundlich. Wehmütig hole ich meinen Reise Trolley und beginne zu packen. Ich erinnere mich an das kalte raue Wetter in Schottland, darum packe ich vorwiegend warme Kleidung ein. Als ich schon fast fertig bin, höre ich Tylers Schlüssel in die Schale fallen, was mir einen schmerzhaften Stich versetzt. Wir haben in den letzten Tagen nicht miteinander gesprochen, nur hin und wieder eine kurze Nachricht, sonst nichts. Ich trete aus dem Badezimmer, wo ich gerade noch ein paar Dinge zusammen packe und stehe ihm mit einigen Metern Abstand gegenüber. Wieder ein schmerzhafter Stich. Er sieht mich an ohne eine Miene zu verziehen und kommt dann näher.
„Hi“, sagt er leise.
„Hi“, erwidere ich.
„Packst du schon? Ziehst du jetzt endgültig aus?“, fragt er immer noch leise.
Ich atme vorsichtig durch. „Ich fahre für ein paar Tage nach Schottland zu meiner Tante.“
Er zieht die Augenbrauen hoch. „Nach Schottland?“
Ich nicke.
„Was willst du denn dort in der Pampa? Soviel ich weiß gibt es dort doch nichts als Gegend und Whisky. Meinst du das ist gut für dich?“
„Das weiß ich nicht, aber ich denke die frische Luft wird mir guttun. Ich brauche Abstand und Zeit mich zu sammeln. Alles was passiert ist die letzten Monate macht mir zu schaffen.“
„Können wir nicht noch einmal über alles reden, ich meine es kann doch jetzt nicht vorbei sein, oder?“
„Ich will nicht mehr reden, es läuft immer auf das Gleiche hinaus. Vermutlich bin ich nicht die Richtige für dich“, entgegne ich.
Er sieht zu Boden und sagt nichts darauf, sieht aus, als hätte er auch schon nachgedacht.
„Triffst du sie weiterhin? Bitte sag mir die Wahrheit. Ich will es einfach wissen.“
Er atmet hörbar ein und aus. „Ich mag Carolin, aber ich möchte dich nicht verlieren.“
„Du magst sie, oder du liebst sie?“, frage ich ernst nach.
„Das weiß ich nicht Holly, ich weiß aber, dass ich dich liebe, auch wenn im Moment alles schwierig ist.“
„Jetzt hast du ja Zeit herauszufinden wie es weiter gehen soll. Ich für meinen Teil brauche Zeit um das alles zu verarbeiten. Ich möchte so nicht weiterleben. Wenn du mit mir allein nicht glücklich bist, wird sie nicht die Letzte sein mit der du mich betrügst. Das ist nicht die Art von Ehe die ich mir vorstelle. Ich will dich nicht teilen.“
Ich sehe in seine Augen die plötzlich traurig aussehen. Eine Stimme in mir befiehlt mir ihn jetzt zu umarmen, aber ich will mich nicht darauf einlassen. Ich muss jetzt an mich denken. Darum drehe ich mich um und packe fertig zusammen. Er verschwindet in seinem Arbeitszimmer. Gerade als ich die letzten Reiseutensilien in meine Handtasche stecke kommt er wieder heraus und lehnt sich an die Wand.
„Ich ruf dich an wenn ich dort bin“, sage ich und versuche dabei zu lächeln.
„Geh nicht Holly“, sagt er fast tonlos, als ich zu ihm sehe, rollt ihm eine Träne über die Wange. Noch nie habe ich ihn so verletzlich gesehen. In mir baut sich ein fürchterliches Gefühl auf.
„Ich muss gehen. Bitte mach es mir nicht so schwer.“
Er kommt auf mich zu und diesmal weiche ich nicht zurück. Kurz lächelt er mich an, dann streicht er mir eine Haarsträhne zurück.
„Ich habe dir wehgetan, dass weiß ich, auch wenn es vermutlich nichts bringt, es tut mir leid.“
Da ich mit keiner Entschuldigung seinerseits gerechnet habe, bin ich jetzt völlig überfordert.
„Hast du mich vor Carolin auch schon betrogen?“
Diese Frage sprudelt unangekündigt aus mir heraus, auch wenn ich jetzt Angst vor der Antwort habe, doch er schüttelt den Kopf. Er nimmt mich ohne Vorwarnung fest in den Arm.
„Nein habe ich nicht. Pass auf dich auf Holly.“ Dann drückt er mir einen Kuss auf die Wange. „Pass auf dich auf…“, murmelt er noch einmal.
Jetzt kann ich die Tränen nicht mehr zurückhalten, denn auch wenn er mich noch umarmt spüre ich, dass es nicht nur ein Abschied für ein paar Tage ist. Ich spüre auch, dass Carolin nicht nur ein Seitensprung ist. Sie ist mehr für ihn, selbst wenn er mir das nicht ins Gesicht sagen kann. Tief im Inneren weiß ich, dass es aus ist. Ich löse mich von ihm und nehme meine Tasche. Kurz sehe ich noch einmal in seine Augen. Acht Jahre und jetzt? Jetzt stehe ich vor den Trümmern dieser Liebe. Es war so eine große Liebe. Ich versuche noch einmal zu lächeln, dann gehe ich.
Kapitel 10
Ich stehe an Deck der Fähre und lasse mir mit geschlossenen Augen den Wind durch die Haare wehen. Wir werden in Kürze die Insel erreichen. Die salzige Luft ist der Wahnsinn, auch wenn mir schon jetzt kalt ist. Ich bin im Moment einfach nur froh bald dort zu sein. Die Anreise war anstrengend und ich bin müde. Wäre schön, wenn ich hier endlich Schlaf finden würde. Die satte Luft sollte mir dabei helfen schlafen zu können. Ich habe mir vorgenommen viel spazieren zu gehen, Möglichkeiten gibt es auf der Insel ja zahlreiche. Und das Schönste dabei, hier begegnet man nicht so leicht anderen Menschen. Meine Panikattacken sollten sich also im Zaum halten. Ich denke an meinen letzten Sommer hier. Ich war knapp vierzehn. Meine Mutter war außerordentlich froh mich für ein paar Wochen los zu sein, so kommt es mir zumindest im Nachhinein vor. Ich war eigentlich auch froh, das Anwesen der Stewarts ist beachtlich. Ich durfte ausreiten, natürlich liebte ich wie alle Mädchen Pferde, und mit Vollblutpferden aus bester Zucht ist das wahrlich unglaublich. Keine Ahnung ob ich überhaupt noch reiten kann, früher beherrschte ich das ganz gut. Mein Vater hat es mir beigebracht. Er war ein Naturbursche und totaler Landmensch. Ich schätze er ist nur aufgrund der Liebe zu meiner Mutter in die Stadt gezogen. Doch die ließ sich von ihm scheiden, als ich noch in den Kindergarten ging. Heute weiß ich, dass Dad daran zerbrach. Vielleicht wurde er deshalb sterbenskrank. Ich atme tief durch. Auch wenn ich noch klein war werde ich nie seine warmen Augen vergessen. Er war ein wunderbarer Mensch. Er hat sich auch nach der Scheidung immer um mich gekümmert und sich Zeit für mich genommen, obwohl er einen sehr anstrengenden Job hatte. Während die Fähre anlegt, bin ich irgendwie nervös. Ich gehe voll bepackt von Deck und sehe Onkel James auch gleich. Seine Haare sind ziemlich grau geworden und seine Haut faltiger, doch sonst ist er noch ganz der Alte. Es ist so ein schöner Moment, dass mir fast die Tränen kommen. Jetzt erinnere ich mich wieder wie ähnlich er und Dad sich doch sind. Er umarmt mich fest zur Begrüßung.
„Meine Güte Mädchen, wo ist denn die Zeit hin? Du bist ja erwachsen geworden.“ Er schüttelt mich musternd den Kopf. „Und noch hübscher als bei deinem letzten Besuch, du liebe Zeit…“
Meine Wangen röten sich. „Du bist immer noch ein Schmeichler Onkel Jamie…“
Ja, auch ich habe mich verändert. Vor allem habe ich ordentlich zugelegt, aber das scheint ihn nicht zu stören, auch wenn ich mich unwohl fühle. Auf der Fahrt zum Anwesen der Stewarts sehe ich die ganze Zeit aus dem Fenster. Ich habe komplett vergessen wie schön es hier ist. Das felsige grau gepaart mit den Weiten der grünen Felder ist unglaublich. Doch am unglaublichsten ist die Farbe des Himmels. Ich erinnere mich daran, dass mich der schon als Mädchen fasziniert hat. Am Meer ist die Farbe des Horizontes türkisblau anmutend und die Schaumkronen des rauschenden Meeres spiegeln sich in den Wolkenschwaden wieder. Alles hier wirkt wie eine verzauberte Welt.
„Und? Wo ist dein Ehemann? Warum hast du ihn nicht mitgebracht?“, reißt mich Onkel Jamie aus meiner gedanklichen Schwärmerei.
Ich wusste dass diese Frage kommen wird, aber so schnell, naja, dann habe ich es zumindest hinter mir. Zögerlich antworte ich ihm.
„Das läuft im Moment nicht so gut…“
Er lächelt mich an und klopft mir fast väterlich auf den Oberschenkel. „Also eine Auszeit.“
Ich nicke. „Vielleicht auch mehr als nur eine Auszeit, ich weiß es nicht.“
„Dein Vater ist auch immer gerne hier her gekommen um nachzudenken. Die Ruhe und Weite der Natur werden dir dabei helfen. Auch wenn wir dich schon gerne früher wieder hier gesehen hätten, schön dass du da bist.“
„Ja ich weiß, ich habe auch ein schlechtes Gewissen, aber du weißt ja wie das ist und ihr wohnt auch nicht gerade um die Ecke. Auf jeden Fall weiß ich jetzt wieder wie schön es hier ist. Sag mal war es früher auch immer so kalt?“
James lacht herzlich auf. „Na ja, eigentlich schon.“ Er dreht die Heizung etwas hoch. „Im Moment ist das Wetter sehr wechselhaft und es regnet noch viel, aber in ein paar Wochen wird das besser. Wie lange hast du vor zu bleiben?“
„Keine Ahnung“, murmle ich. Ich will ihm nicht auch gleich noch erzählen, dass ich mich gesundheitlich Scheiße fühle. Es zieht komisch in meinem Herzen. Tyler zu verlassen, auch wenn ich noch immer nicht weiß ob es endgültig ist, tut weh. Ich vermisse seine Nähe. Kurz schließe ich meine Augen und atme durch. Dann sehe ich wieder aus dem Fenster. Alles hier ist nur Gegend, an manche Stellen erinnere ich mich, besonders weil wir uns dem Stewart Castle nähern. Ein Castle. Ja, dieses Anwesen ist wirklich ein unglaubliches Schmuckstück. Es ist noch schöner, als ich es in Erinnerung hatte. Die Straße der Auffahrt säumen perfekt geschnittene Buchsbäume, die Rosenbeete warten nur darauf endlich aufzublühen und der weiße Kies auf den Wegen schimmert nobel und weist den Weg in zur großzügigen Parkanlage hinter dem Castle. Wir fahren an den Pferdekoppeln vorbei, einige Vollblüter stehen darin und weiden.
„Wir haben im letzten Monat zwei Stuten verloren, so ein irrer Pferdehasser läuft herum und schlitzt Pferde auf, wenn ich das Schwein hier erwische erschieße ich ihn persönlich“, erzählt mir Onkel Jamie und ist verständlicher Weise außer sich dabei.
„Was? Ehrlich? Das ist ja schrecklich? Und man hat keine Vermutung wer so etwas tut?“
Er schüttelt den Kopf. „Nein, es ist ein paar Mal in der näheren Umgebung passiert. Wir haben jetzt alles wie in einem Hochsicherheitstrakt abgeriegelt, die Pferde sind nur tagsüber ein paar Stunden in der Koppel und nie unbeaufsichtigt.“
„Das ist ja fürchterlich“, meine ich betroffen. Es gibt wirklich irre Menschen.
„In der Tat“, seufzt er und stellt den Wagen ab.
Noch bevor ich ausgestiegen bin läuft auch schon Tante Eliza aus dem Haus. Es ist so ein gutes Gefühl zu sehen wie sie sich freut. Bevor sie etwas sagt umarmt sie mich fest, dann lächelt sie mich an und streicht durch meine Haare.
„Seit wann sind die glatt? Geht es dir auch gut Holly, warum bist du so blass?“
Tante Eliza wie ich sie seit jeher kenne, vor ihr kann man nichts verbergen.
„Ach Tante Eliza…Ich habe dich so vermisst“, murmle ich und drücke mich noch einmal fest an sie. Wie früher riecht sie unheimlich gut nach Kuchen oder irgendetwas Süßem. Sie kocht für die Stewarts und heute hat es scheinbar frischen Kuchen gegeben. „Es war eine lange Reise und keine Sorge, die Haare sind immer noch wie früher.“
Sie lächelt und nimmt meine Hand. „Herzlich willkommen mein Mädchen, komm erst mal herein. Ich mach dir etwas zu Essen, du bist doch bestimmt am Verhungern.“ Sie sieht mich noch einmal musternd an. „Herrje…Du bist kein Mädchen mehr.“
Ich habe zwar wirklich ordentlich Hunger, aber besser wäre es zu fasten.
„Besser, wenn ich nicht so viel esse“, meine ich zu Eliza. „Ich habe so viel zugenommen die letzten Monate.“
„Was? Keine Widerrede. Du bist ganz durchsichtig und blass. Mach jetzt bitte nicht auch so ein Theater wie Kendra, mir reicht eine komplizierte Person für die ich kochen muss.“
„Kendra?“, frage ich verwundert, während ich ihr ins Haus folge. Dieser Name sagt mir hier nichts.
„Lady Kendra, die Ehefrau von Tavis.“
„Ach so, von Tavis.“
Ich denke kurz nach. Mir fehlt die Erinnerung an ihn fast zur Gänze. Ich weiß nicht einmal mehr genau wie er aussieht. Als ich zuletzt hier war, hat er schon in den USA bei seiner Mutter gewohnt und dort studiert. Lady Cassandra Stewart und Lord Angus Stewart ließen sich etwa ein Jahr bevor ich zum Letzten Mal hier war scheiden. Lady Cassandra ging dann zurück in die USA, ist glaube nach Boston. Die Söhne Tavis und Peter blieben zwar hier in Schottland, aber Tavis studierte in den USA. Darum kann ich mich nur wage an ihn erinnern. Er ist einige Jahre älter als ich und hatte bereits andere Interessen als sich mit halbwüchsigen Mädchen zu beschäftigen. Dafür erinnere ich mich am Peter umso besser. Ich muss kurz schmunzeln.
„Tavis muss ich übrigens morgen abholen. Er kommt aus Glasgow von einem Geschäftstermin zurück“, sagt Onkel Jamie zu seiner Frau und reißt mich aus meinen Gedanken.
Tante Eliza nickt und nimmt mir meine Tasche und Jacke ab. Es ist zwar hier drinnen wärmer als draußen, aber ich bin so durchgefroren, dass ich sie lieber anbehalten würde.
„Also Tavis ist mit Kendra verheiratet und Peter?“, frage ich möglichst beiläufig.
Sie verdreht die Augen und schüttelt den Kopf. „Der ist immer noch der draufgängerische Junggeselle. Er ist zwar unersetzlich für den Gutsbetrieb hier, aber mit den Frauen hat er es nicht so. Also mit den Frauen schon, aber nicht mit den fixen Beziehungen.“
Ich ziehe die Augenbrauen hoch, manche Männer ändern sich wohl nie. Hätte ich mir denken können, er war schon früher ein kompletter Draufgänger.
„Er und Tavis sind immer noch wie Feuer und Wasser, zusammen sind sie eine explosive Mischung. Darum ist Tavis auch die meiste Zeit unterwegs. Er regelt die Geschäfte der Brennerei und kümmert sich um den weltweiten Vertrieb“, ergänzt mein Onkel noch.
„Und seine Frau nimmt er mit auf seinen Geschäftsreisen?“
Ich setze mich dicht neben den Ofen, Eliza wärmt scheinbar etwas auf.
„Nein.“ Sie dreht sich zu mir und spricht etwas leiser. „Kendra ist zwar eine höchst komplizierte Frau, aber sie kümmert sich wunderbar um Lord Angus. Du weißt doch, dass er schwer an Alzheimer erkrankt ist.“
„Nein. Wirklich? Er ist doch noch gar nicht so alt.“
„Er leidet unter einer frühen Form. Kendra ist die einzige die er um sich haben will. Er hat schon zahlreiche Pflegerinnen in die Flucht geschlagen. Er akzeptiert kaum jemanden. Dafür bewundere ich sie. Hin und wieder springe ich ein, wenn sie etwas vorhat und du kennst Lord Angus von früher. Er war immer schon sehr autoritär.“
Ja ich erinnere mich. Er ist eben ein richtiger Lord. Streng und unnahbar. Ganz im Gegensatz zu seiner Ex Frau Cassandra. Ich erinnere mich an eine wunderschöne, liebenswerte und einfühlsame Frau. Heute verstehe ich irgendwie, dass sie es hier nicht ausgehalten hat. Auch wenn ich meine Söhne, selbst wenn sie schon fast erwachsen waren, nicht hier zurücklassen hätte können. Aber sie sind eben Lords und gehören hier her. Das muss man nicht verstehen, das ist eben so. Im Adel gelten andere Gesetze.
„Aber du wirst Kendra sicher bald selbst kennen lernen. So und jetzt isst du erst einmal.“
Ich bin inzwischen froh über die warme Suppe, die dampfend vor mir steht. Onkel Jamie ist wieder nach draußen gegangen, wie immer gibt es am Gut jede Menge zu tun. Eliza erzählt mir noch so manche Neuigkeit und erst als ich meinen Teller leer gelöffelt habe, greift sie nach meiner Hand.
„Was ist los Holly? Ich sehe dir an, dass es dir nicht gut geht“, fragt sie ernst.
Ich senke meinen Blick. „Tyler und ich…Er hat mich betrogen, aber ich bin selbst schuld. Die letzten Monate ging es mir nicht gut und er…“
Sie unterbricht mich. „Stopp, Stopp, Stopp Holly. Er hat dich betrogen? Dafür gibt es keine Entschuldigung. Was ist denn los mit ihm? Er muss dich doch unterstützen, wenn es dir schlecht geht. Also erzähl weiter, warum geht es dir nicht gut, abgesehen von deinem Ehemann?“
Ich bin mir nicht sicher ob ich heute schon bereit bin über alles zu sprechen. Im Moment bin ich einfach nur müde und erschöpft.
„Können wir vielleicht morgen darüber reden? Ich will nicht unhöflich sein, aber ich bin komplett erledigt.“
Sie nickt und streicht über meine Wange. „Wenn du soweit bist, dann erzählst du mir alles. Du weißt doch noch wo das Gästezimmer ist?“
Ich nicke und folge ihr den Flur entlang. An den Wänden hängen wie früher zahlreiche Jagdtrophäen. Auch wenn es noch nicht einmal dunkel ist, falle ich vor Müdigkeit fast um. Ich schaffe es gerade noch mir die Zähne zu putzen. Es macht mich unglaublich froh endlich einmal müde zu sein und ich hoffe auch wirklich schlafen zu können. Ich lege mich ins Bett und tippe noch eine Nachricht an Tyler.
Bin angekommen. Es geht mir gut, auch wenn sich mein Herz nicht gut anfühlt. Holly.
Es dauert nicht lange bis er antwortet.
Auch wenn ich lieber hätte, dass du nicht so weit weg bist, erhole dich gut. Telefonieren wir mal die nächsten Tage. Ty.
Ich lese seufzend seine Antwort, während ich mein Handy weglege schlafe ich schon ein.
Kapitel 11
Ich drehe mich zur Seite und öffne schwerfällig meine Augen. So tief habe ich ewig nicht mehr geschlafen. Ich strecke mich durch und greife nach meinem Handy. Meine Güte, es ist schon kurz vor zehn. Keine Ahnung ob es wirklich die Luft hier ist, oder ob mir Tante Eliza was in die Suppe getan hat. Ich schüttle für mich selbst den Kopf, das würde sie nicht tun. Mühsam stehe ich auf und tapse in die Küche, auch heute ist mir kalt. Am Tisch liegt ein Zettel.
Guten Morgen!
Mach dir Frühstück. Eier und Speck sind im Kühlschrank.
Wenn du Lust hast, sieh dich am Gut um.
Gerne kannst du mich auch in der Castle Küche besuchen kommen.
(Du erinnerst dich doch noch an den Dienstboteneingang auf der Rückseite)
Kuss Eliza.
Ich gieße mir ein Glas Orangensaft ein und beschließe auf das Frühstück zu verzichten. Dann packe ich meine Sachen aus und versuche mich unter der heißen Dusche aufzuwärmen. Danach ziehe ich mich möglichst warm an, einen Vorteil hat der Zwiebellook, ich kann meine Pölsterchen recht gut kaschieren. Auch wenn ich lang geschlafen habe, bin ich immer noch müde. Zwar scheint auch heute nicht die Sonne, es ist aber trotzdem so hell, dass ich draußen kurz die Augen zusammenkneifen muss. Ich gehe ein Stück und hoffe Onkel Jamie irgendwo zu sehen. Auch wenn ich ewig nicht hier war, viel hat sich nicht verändert. Immer noch voller Bewunderung für das Anwesen sehe ich mich um. Auch heute stehen wieder ein paar Pferde auf der Weide. Ein junger Mann arbeitet vor den Stallungen und sieht mich kritisch an.
„Guten Morgen“, begrüße ich ihn freundlich. „Wissen Sie wo ich James Skelton finde?“
„Jamie? Warum? Was brauchen Sie von ihm?“, er mustert mich sichtlich.
„Ich bin seine Nichte“, erkläre ich.
Er nickt und lächelt verhalten. „Ach so. Er ist unterwegs. Kann ich was für Sie tun?“
„Nein…Danke.“ Ich werfe einen Blick zu den Stallungen. „Darf ich hineinschauen?“
„Ich weiß nicht“, überlegt er. Bestimmt darf er keine Fremden in die Stallungen lassen, wegen dem Irren der herumläuft.
„Schon gut. Ich komme später wieder wenn Jamie zurück ist.“
Er zuckt mit den Schultern und geht seiner Arbeit weiter nach. Ich beschließe über die hintere Wiese zum Dienstboteneingang des Castles zu spazieren. An der Weidekoppel bleibe ich noch einmal stehen und sehe den Pferden zu. Sie sind atemberaubend schön. Als ich Schritte im Kies hinter mir höre, drehe ich mich um. Ein attraktiver Mann mit dunkelblonden lässig gestylten Haaren und für die hier herrschenden Wetterbedingungen sommerlich gebräunter Haut kommt auf mich zu. Lord Peter Stewart. Meine Güte, er sieht noch besser aus als ich in Erinnerung hatte, auch wenn er um zwanzig Jahre älter geworden ist seit unserer letzten Begegnung. Er trägt eine helle Reithose und dunkelbraune Stiefel, mit der gewachsten dunkelgrünen Jacke sieht er aus wie ein richtiger Lord. Ich komme mir plötzlich vor als wäre ich aus einer anderen Welt. Naja, er ist ein richtiger Lord und ich komme aus einer komplett anderen Welt. Er bleibt stehen und sieht mich an, dann zieht er seine Augenbrauen hoch und beginnt zu grinsen.
„Holly Skelton?“
Er weiß bestimmt von Onkel Jamie dass ich hier bin, ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich sonst noch an mich erinnern würde. Ich überlege kurz ob ich ihn verbessern sollte, schließlich heiße ich inzwischen nicht mehr Skelton sondern Barnes und bin noch verheiratet. Doch ich lasse es der Einfachheit halber und erwidere sein Lächeln.
„Hi Peter…“, stammle ich. „Entschuldigung. Lord Peter natürlich.“ Ich spüre wie ich rot werde.
Wieder grinst er und kommt näher. Er streckt mir seine Hand freundlich entgegen.
„Peter wie früher. Wow…Das ist lange her.“
Ich nicke verhalten und bin ziemlich verlegen, weil er mich länger ansieht als ich es aushalte.
„Siehst du dich um?“, fragt er dann.
„Ja, ich gehe zu Tante Eliza in die Küche, vielleicht kann ich mich nützlich machen.“
„So eine schöne Frau gehört nicht in die Küche. Warst du schon im Stall? Wir haben zwei Fohlen.“
Er hat sich wirklich nicht verändert, das finde ich lustig, er lässt keine Gelegenheit zum Flirten aus.
„Nein, ich war noch nicht im Stall“, antworte ich und bewundere seine makellosen Gesichtszüge und versuche mir das nicht anmerken zu lassen.
„Komm mit, ich zeig sie dir. In die Küche kannst du auch später noch.“
Er signalisiert mir ihm zu folgen, was ich ohne Widerworte tue. Der Stallbursche sieht uns perplex hinterher. Im hinteren Stallbereich stehen die Stuten mit den Fohlen. Sie sind zuckersüß. Peter schiebt die Box auf, ich gehe hinein und streiche über das glänzend glatte Fell der Stute. Ich weiß nicht was ich sagen soll, seine Anwesenheit macht mich etwas nervös.
„Du machst also Urlaub hier?“, meint er dann und drückt mir eine Karotte für die Stute in die Hand.
„Ja, so kann man es nennen“, nicke ich und gebe der Stute die Karotte.
„Jamie hat er erzählt du brauchst eine Auszeit von deinem Ehemann.“
Wieder spüre ich wie ich rot werde. Mein Onkel hat also schon alles erzählt, was mir tatsächlich komisch unangenehm ist. Trotzdem nicke ich verlegen.
„Wie lange ist das her? Zwanzig Jahre?“, fragt er und grinst dabei wieder von einem Mundwinkel zum anderen.
Ich sehe ihn fragend an.
„Glaubst du ich habe vergessen wie ich dich unter der großen Eiche beim Dienstboteneingang geküsst habe?“, sagt er und zwinkert mir dabei zu.
Mir bleibt fast das Herz vor Scham stehen. Natürlich erinnere auch ich mich daran. Es war mein erster richtiger Kuss am Abend bevor ich zurück nach England musste, weil die Ferien zu Ende waren. Wochenlang danach dachte ich nur an diesen Kuss. Ich dachte an diesen Kuss und an Peter. Den ganzen Sommer von meiner Ankunft an war ich ihn verliebt und erst am letzten Tag küsste er mich. Bei meiner Abreise war ich mir sicher bald zurück zu kehren und früher oder später Lady Stewart zu werden. Ich atme vorsichtig durch. Kam wohl anders. Ich weiß nicht was ich sagen soll, darum zucke ich nur mit den Schultern und kann ihn dabei nicht ansehen.
„Sir, der Tierarzt ist da“, höre ich den Burschen von draußen rufen.
„Ja. Ich komme schon“, erwidert Peter. „Schau dich ruhig noch um, wir sehen uns dann bestimmt später noch.“
Ich gehe aus der Box und er schiebt das Gatter zu. Ich bin froh darüber, dass dieses Gespräch ein unerwartetes Ende nimmt, denn es fühlt sich sehr seltsam an mit ihm nach zwanzig Jahren darüber zu sprechen. Wir waren ja fast noch Kinder. Ich nicke immer noch überfordert als er den Stallgang hinunter geht. Mein Gott…Auch von hinten ist er…Schnell drehe ich mich weg, weil er sich noch einmal umdreht. Ich schließe peinlich berührt meine Augen und seufze für mich selbst. Nach ein paar Minuten in denen ich mich versucht habe zu sammeln, verlasse ich den Stall und gehe über den Kiesweg zum Hintereingang. Die große Eiche steht immer noch da. Jetzt muss ich schmunzeln. Es ist lange her und ich über meinen ersten Kuss mit einem Lord lange hinweg, auch wenn es vorhin eine eigenartige Situation war. Je näher ich dem Haus komme, desto besser riecht es. Der Duft aus der Küche zieht sich durch den Garten und ich kann das Knurren meines Magens nur noch schwer unterdrücken. Ich gehe durch den Hintereingang und auf dem Teppich im Vorraum zur Küche liegen zwei Hunde. Ich erschrecke mich kurz als sie aufspringen, das hatte ich komplett vergessen, natürlich gibt es hier auf einem Gut auch Jagdhunde. Etwas unsicher bleibe ich stehen als die Hunde auf mich zukommen und beginnen mich ab zu schnuppern. Einer ist ganz schwarz, der andere schwarz und braun. Sie sehen zwar freundlich aus, aber ich weiß, dass das für Fremde nicht immer gilt. Darum rufe ich vorsichtig nach Eliza und hoffe sie hört mich durch die geschlossene Küchentüre. Die Hunde sehen mich dabei schwanzwedelnd an.
„Wenn ihr mir nichts tut, tue ich euch auch nichts…“, murmle ich sie nicht aus den Augen lassend, als sich die Küchentür öffnet und Eliza herausschaut.
„Ach so die Hunde…Die habe ich ganz vergessen. Argon, Arek! Los auf euren Platz! Los, los, los!“
Eliza scheucht die zwei in ihre Körbchen, was sie auch relativ brav befolgen, mich aber immer noch nicht aus den Augen lassen.
„Die zwei sind freundlich aber passen auch gut auf“, erklärt sie mir. „Bist du ausgeschlafen? Komm mit in die Küche.“
Ich folge ihr, es duftet herrlich. Im Ofen brät ein Stück Fleisch und auch am Herd stehen zahlreiche Töpfe mit bestimmt unglaublich leckerem Inhalt. Ich bin am Verhungern.
„Kann ich dir helfen?“, frage ich während mir schon das Wasser im Mund zusammenläuft und ich hoffe, dass hier alles noch wie früher ist und auch das Personal mitisst.
„Das Essen ist fast fertig, ich muss nur noch die vegane Nachspeise für Lady Kendra fertig machen, aber du kannst gerne den Tisch fürs Personal decken.“
Vegane Nachspeise. Ich bin ehrlich gespannt diese Lady Kendra kennen zu lernen. Ich frage noch nach für wie viele Personen ich decken soll, dann starte ich auch gleich los. Gerade als ich Wasser in die Gläser gieße höre ich Peters Stimme. Es lässt sich nicht verhindern, dass ich etwas nervös werde. Er tritt in die Küche, ich drehe mich schnell wieder zum Tisch und tue sehr beschäftigt. Aus dem Augenwinkel sehe ich wie er seine Jacke ablegt und die Ärmel vom Hemd hochkrempelt.
„Isst du nicht oben mit deinem Vater und Kendra?“, fragt ihn Eliza während er sich die Hände wäscht.
„Meine Stiefel sind schmutzig und ich muss nachher auch gleich wieder raus“, erklärt er und sieht in einen der Töpfe.
„Was? Deine Stiefel sind schmutzig? In meiner Küche?“ Eliza verdreht ernst die Augen. Auch wenn er hier der Lord ist, für sie ist er immer noch der Junge von früher wie es scheint, auch wenn er inzwischen fünf- oder sechsunddreißig Jahre alt ist. „Das wird deiner Schwägerin nicht gefallen. Du hast dich die Woche fast täglich vor dem Essen mit deinem Vater gedrückt.“
Peter seufzt wortlos. Ein Mädchen in adrett dunkelblauem Kleid mit sauberem Dutt nimmt das Tablett mit der Suppe und verschwindet die Stiege hinauf. Sie sieht Peter nicht an, was mich überlegen lässt was wohl der Grund dafür ist. Respekt vor der Herrschaft oder verschmähte Liebe. In dem Moment betritt auch mein Onkel die Küche, es kommen auch noch der Bursche aus dem Stall und der Gärtner wie es scheint. Eliza weist alle an sich zu setzen, meine angebotene Hilfe lehnt sie ab, ich muss auch Platz nehmen. Ich bekomme noch Denisa vorgestellt, sie kommt ursprünglich auch Rumänien und kümmert sich um den Haushalt und hält alles in Schuss. Peter hat am Tischkopf Platz genommen, also selbst im Personalbereich ein bisschen Rangordnung. Ich versuche ihn weiterhin nicht anzusehen. Zum Glück unterhält er sich mit meinem Onkel über scheinbar wichtige Dinge am Gut. Doch plötzlich unterbricht er sein Gespräch und sieht zu mir.
„Entschuldige bitte Holly. Du bist unser Gast, ich habe dich nicht vorgestellt.“
„Ach das macht doch nichts…“, stammle ich verlegen.
„Also, das ist Holly, die Nichte von James und Eliza. Sie macht ein bisschen Urlaub bei uns. Wenn sie etwas braucht wünsche ich, dass ihr euch ums sie kümmert. Sie ist unser Gast und ich möchte, dass sie auch so behandelt wird.“
Ich versinke fast unterm Tisch und traue mich kaum rundherum zu schauen. Es ist nicht nötig mir eine Sonderbehandlung anzubieten, trotzdem will ich nicht unhöflich sein.
„Danke, aber ich möchte niemandem zur Last fallen.“
Ich sehe auf, aber alle lächeln mich an, selbst der Stallbursche.
„Du bist keine Last“, meint Peter, was mein Onkel nickend erwidert.
Mir ist es jedenfalls peinlich. Ich versuche mich den Rest des Essens leise zu verhalten und bin froh, dass alle bis auf Eliza nach dem Essen die Küche auch wieder verlassen. Nur das Mädchen mit dem Dutt schießt hin und wieder mit Geschirr in die Küche. Ich sehe ihr verwundert nach.
„Das ist Amanda“, meint Eliza während ich ihr helfe die Spülmaschine einzuräumen. „Sie ist noch nicht so lange hier, aber sehr fleißig und gewissenhaft.“
„Aha“, entgegne ich.
„Alle Frauen in diesem Haus sind oder waren einmal in Peter verliebt, wenn du verstehst was ich meine. Er nimmt das allerdings nichts so ernst, was nicht immer gut ankommt.“
Ich nicke und werde vermutlich schon wieder rot.
„Wirklich alle?“, frage ich darum ablenkend nach und schmunzle sie an.
„Ich nicht Holly, Peter und Tavis könnten meine Söhne sein und irgendwie sind sie das auch. Nachdem Lady Cassandra das Castle verlassen hat, brauchten die Jungs auch eine Frau, einen Mutterersatz, der war ich ziemlich oft. Zumeist wenn es um brenzlige Angelegenheiten ging von denen Lord Angus nichts erfahren durfte. Peter, man glaubt es kaum, hat sich oft bei mir ausgeweint. Er ist zwar lässig, aber im Inneren hat er einen weichen Kern.“
Das kann ich mir gut vorstellen. Ich nicke. „Und Tavis?“, frage ich nach.
„Der war schon immer still und verschlossen. An ihn kommt man nicht ran. Er ist meist höflich und bedacht aber auch kühl und unnahbar, ich glaube er hat sehr darunter gelitten, dass seine Mutter das Haus hier verlassen hat.“
Ich bin wirklich gespannt ihn wiederzusehen. Mir fällt einfach nichts von früher zu ihm ein, vermutlich weil er eben genau so still und verschlossen ist, war er also schon früher.
„Aber er hat ja seine Frau“, entgegne ich und reiche ihr den letzten Teller.
Sie nickt und sagt nichts darauf.
„Und Lady Cassandra, hört man von der noch etwas?“
„Sie war vor gut einem Jahr einmal für ein paar Wochen hier. Ich bin mir nicht sicher, ob sie es nicht noch immer bereut das alles hier zurück gelassen zu haben. Glücklich scheint sie mir nicht und sie war sehr besorgt über den Gesundheitszustand ihres Ex Mannes.“ Eliza beugt sich zu mir und beginnt zu flüstern. „Wenn Lord Angus nicht so ein sturer Bock wäre, wäre sie immer noch hier. Ganz bestimmt. Leider haben seine Söhne diesen Sturkopf geerbt, muss wohl ein adeliges Gen sein.“ Sie schüttelt den Kopf.
Diese ganzen spannenden Geschichten hier lassen mich meine eigenen Probleme vergessen. Das ist gut. Ich helfe meiner Tante noch den Kuchen der später zum Tee serviert wird vorzubereiten. Danach bin ich wieder so müde, dass ich falls ich mich nicht sofort hinlege, im Stehen einschlafe. Darum gehe ich zurück zum Haus und lege mich etwas hin. Kurz spiele ich mit dem Gedanken Tyler anzurufen, doch ich lasse es. Seine Stimme zu hören bringt mich bestimmt wieder durcheinander. Darum schließe ich meine Augen und beschließe mich etwas auszuruhen.
Als ich sie wieder öffne, ist es schon kurz vor sechs. Den Tee habe ich also verpasst. Egal, den Kuchen auszulassen ist kein Fehler. Außerdem gibt es um sieben Dinner, wenn ich mich richtig erinnere. Zuvor beschließe ich noch ein bisschen frische Luft zu tanken. Warm eingepackt, denn es hängen dicke Wolken am Himmel und ich befürchte es wird bald regnen, gehe ich ein Stück am angrenzenden Waldrand entlang. Ich inhaliere die moosig salzige Luft, langsam steigt ein dampfender Nebel auf und ich habe das Gefühl, dass meine Haut diese Feuchtigkeit förmlich aufsaugt. Auf dem Weg zurück habe ich schon wieder Hunger. So werde ich hier kein Gramm abnehmen, so viel ist sicher. Ich gehe an der Rückseite der Stallungen gedankenversunken entlang, als ich leise Stimmen hinter einem Holzvorsprung höre. Das ist ein Platz, an dem ich niemanden vermuten würde. Ich bleibe kurz stehen, weil ich aber nichts hören kann gehe ich weiter, schleife aber gleich wieder abrupt ein. Es ist Peter und eine Frau. Shit. Ich lehne mich an die Stallwand und versuche zu hören was gesprochen wird, auch wenn das nicht sehr nobel ist.
„Es geht so nicht weiter Peter“, sagt die Frau.
Viel kann ich von ihr nicht sehen, aber sie hat auf jeden Fall lange rote Haare.
„Ich weiß nicht was du willst, es ist doch gut so wie es ist“, entgegnet Peter.
„Ist es nicht und das weißt du. Ich bin keine von deinen vielen Bettmäuschen, das weißt und ich will es auch nicht sein.“
„Ach ich finde du machst dich ganz gut als Bettmäuschen“, raunt er.
Ich verdrehe die Augen, lausche aber weiter.
„Peter! Ich liebe dich. Ich kann so nicht mehr weitermachen.“ Ihre Stimme klingt erstickt, fast als würde sie gleich beginnen zu weinen.
„Komm schon…Du weißt wie sehr ich dich liebe, du bist die einzige Frau die ich in meinem ganzen Leben geliebt habe, aber was soll ich denn tun deiner Meinung nach? So einfach ist das nicht“, entgegnet Peter sanft. Auch wenn es schwer zu glauben ist, seine Worte klingen ernst. Wer zur Hölle ist diese Frau? Ich lehne mich noch ein Stück nach vorne, was ein gefährliches Unterfangen ist. Er küsst sie. So wie er sie küsst, meine Güte, er liebt sie wirklich. Kurz sehe ich ihr Gesicht, sie sieht aus wie eine Highland Prinzessin, mir bleibt die Spucke weg. Auch wenn ich sie nur einen Bruchteil einer Sekunde lang gesehen habe, bin ich perplex. Ich lehne mich an die Holzwand und halte kurz die Luft an.
„Die nächsten Wochen müssen wir auf jeden Fall vorsichtig sein“, höre ich sie noch sagen.
Jetzt wird Peter lauter. „Ich scheiße darauf vorsichtig zu sein, ich scheiße auf diesen ganzen Mist hier.“
„Bitte. Peter“, sagt sie besänftigend.
Dann ist es leise, aber sie sind noch da.
„Nicht hier…“, haucht sie kaum hörbar aus.
„Das ist unsere letzte Chance für heute.“ Seine Worte klingen fast gestöhnt.
Mein Herz beginnt zu klopfen. Ich muss hier weg, das will ich wirklich nicht hören. Ich habe schon zu lange gelauscht. Warum bin ich auch so neugierig? Immer noch zittrig von dem was ich gehört und gesehen habe schleiche ich zurück und gehe mit einem großen Bogen um das Gebäude zum Castle. Vor dem Hintereingang bleibe ich kurz stehen, die Hunde rennen mir durch die offene Tür entgegen. Mein Puls beginnt wieder zu rasen, aber die beiden Tiere springen freundlich an mir hoch.
„Wie heißt ihr nochmal? Argon und Arek nicht wahr? Aber wer ist wer?“, frage ich die Hunde und kraule dabei dem schwarzbrauen den Kopf.
„Der schwarze ist Argon und dieser Charmeur da ist Arek“, Onkel Jamie reibt zuerst mir über die Schulter und streichelt dann die Hunde. „Das sind Gordon Setter.“
Ich nicke und bewundere die beiden Schönheiten.
Komm es gibt gleich essen. Wo warst du denn den ganzen Nachmittag?“, fragt er nach.
„Ach“, seufze ich und folge ihm. „Ich habe mich ein bisschen ausgeruht und dann war ich am Waldrand spazieren.“
Von meiner Spionage erzähle ich natürlich nichts. Beim Dinner sind nur die Hausangestellten dabei. Ich denke über meine Beobachtung nach. Wer ist diese Frau und wenn er sie liebt und sie ihn, was ist dann das Problem? Nach dem Essen helfe ich noch beim Wegräumen und warte gleich auf Eliza, sie ist für heute auch fertig.
„Hat Peter eine Freundin?“, frage ich beiläufig auf dem Weg zum Haus.
Sie bleibt stehen und sieht mich verwundert an. „Warum, hast du Interesse?“ Dann schmunzelt sie.
Schnell schüttle ich den Kopf. „Nein. Nur so. Es wundert mich einfach, dass er nicht langsam an eine ernsthafte Beziehung denkt.“ Ich versuche irgendwie die Kurve zu kratzen.
„An die letzte Freundin die länger als eine Nacht andauerte erinnere ich mich kaum noch, das ist Jahre her. Also nein. Du könntest dir also noch Chancen ausrechnen.“ Wieder schmunzelt sie.
„Nein, nein. Danke. Ich habe genug von den Typen die mehr als eine Frau zum Glücklich sein brauchen.“ Sofort zieht es komisch in meinem Herzen. Ganz sicher bin ich mir nicht, ob ich ernst meine was ich sage. Tyler fehlt mir.
Der Nachmittagsschlaf rächt sich jetzt. Es ist schon kurz vor zehn, aber ich fühle mich so aufgedreht, dass ich nicht zur Ruhe komme. Darum beschließe ich noch eine Runde ums Haus zu drehen. Jetzt werde ich hoffentlich keine Schäferstündchen mehr beobachten und kann einfach nur die gute Luft einatmen und mich sammeln. Ich schlüpfe in meine Boots, als Eliza bereits im Bademantel aus der Küche schaut.
„Wo willst du denn noch hin?“, fragt sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ich brauche noch eine Lunge voll frische Luft.“
„Bei dem Wetter? Es regnet schon wieder ein bisschen.“
Ich zucke mit den Schultern und meine es macht mir nichts aus.
„Dann nimm wenigsten die Regenjacke da.“
Sie reicht mir einen dunklen Mantel mit Kapuze. Ich schlüpfe hinein, setze meine Mütze auf und ziehe die Kapuze über.
„Bleib in der Nähe vom Haus“, weist sie mich an, was ich nickend bestätige.
Ich gehe den kiesgesäumten Weg entlang und denke nach. So viele Dinge schwirren in meinem Kopf herum. Ich bin seltsam nervös und aufgedreht, das kommt vom Entzug der Tabletten und lässt mich in letzter Zeit einfach nicht los. Ich versuche nicht darüber nachzudenken und gehe weiter rund um die Koppel bis zu den Stallungen. Alles ist in ein sanftes Licht der Wegbeleuchtung getaucht. Hier ist es so nobel und durchdacht. Ich gehe an der großen Stalltür vorbei und wundere mich, dass sie nicht ganz verschlossen ist. Kurz überlege ich, dann fällt mir ein, dass es bestimmt nicht gut ist wenn sie offen ist. Was ist wenn dieser Irre wieder unterwegs ist. Er könnte direkt in den Stall marschieren. Ich sehe mich um. Keiner da.
„Ist da jemand?“, frage ich in die Dunkelheit. Keine Antwort.
Dann schiebe ich vorsichtig das Stall Tor auf.
„Hallo?“, frage ich leise hinein. Das Nachtlicht brennt, eine Stute schaut mich an und schüttelt ihre Mähne durch. Keine Antwort.
„Warum sagst du denn nichts?“, frage ich sie und muss dabei grinsen.
Leise gehe ich den Gang entlang bis nach hinten zu den Fohlen. Sie liegen bereits im weichen Stroh. Mein Gott wie süß. Ich stütze mich an den Stahlstäben ab und beobachte sie.
„Ihr seid so süß“, flüstere ich.
Dann schließe ich meine Augen. Ich habe keine Ahnung wie es weiter geht. Hier ist es ruhig und ich fühle mich wohl, aber ich muss auch in den nächsten Tagen eine Entscheidung treffen. Plötzlich zucke ich vor Schreck zusammen und reiße meine Augen auf. Ein hartes rundes Ding bohrt sich in meine Wirbelsäule.
„Du nimmst jetzt mal schön langsam deine dreckigen Hände hoch“, höre ich eine mir unbekannte Stimme sagen, die aber sehr bedrohlich klingt.
Ich schnappe nach Luft und hebe wie in Zeitlupe meine Arme. Was zur Hölle ist hier los? Wenn das der Irre ist…Ich versuche nicht hysterisch zu werden. Das harte Ding bohrt sich fester in meinen Rücken, ich befürchte es ist ein Gewehr.
„So und jetzt drehst du dich genauso langsam um, bevor ich dir eine Kugel durch die Rippen jage du Mistkerl.“
Ok. Jetzt bin ich definitiv panisch. Ich traue mich kaum mich umzudrehen, tue es dann aber doch.
„Bitte ich…Bitte nicht schießen“, stammle ich voller Angst.
Jetzt blicke ich direkt in den Lauf der Waffe. Diese Waffe hält ein Mann im weißen Hemd und sieht mich mit verengtem Blick an. Ich habe das Gefühl gleich umzufallen vor Angst. Doch dann senkt er die Waffe, kommt einen Schritt näher, zieht mir die Kapuze vom Kopf und packt mich am Arm.
„Sie sind eine Frau?!“, schreit er mich an.
Ich nicke wortlos. Mein Puls rast und meine Knie schlottern. Alles beginnt sich zu drehen.
„Haben Sie eine Waffe? Wollten Sie diesmal die Fohlen aufschlitzen? Was ist denn los mit Ihnen?“
Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Der Griff um meinen Arm verstärkt sich, er zerrt mich den Gang entlang.
„Nein…Ich habe keine Waffe…Moment…Ich glaube das ist ein Missverständnis“, stammle ich.
„Das können Sie gleich der Polizei erklären“, meint er ohne auf meine Worte einzugehen.
„Nein…Stopp…Ich wollte doch nur sehen ob im Stall alles ok ist, das Tor war offen und mein Onkel hat mir doch erzählt…“
Er bleibt stehen und sieht mich fragend an. „Was? Wer ist Ihr Onkel?“
„James. James Skelton. Ich bin seine Nichte und hier auf Besuch.“ Ich schnappe nach Luft. „Ich wollte den Pferden nichts antun. Wirklich nicht.“
Er hält mich noch kurz fest und sieht mich an, mir scheint er überlegt. Dann lässt er mich los.
„Holly?“, sagt er dann und sieht mich immer noch eindringlich an.
Ich nicke völlig fertig. Meine Knie zittern weiterhin. Dann sehe ich auf. Erst jetzt kommt auch er mir bekannt vor. Die dunklen Haare, die helle Haut, die blauen Augen.
„Sind Sie Tavis?“, frage ich vorsichtig. Ich habe immer noch Angst vor ihm.
Er nickt und reibt sie die Stirn. Ich habe ihn tatsächlich nicht wiedererkannt. Er ist ein richtiger Mann geworden und trägt jetzt einen Bart. Außerdem hat er eine lange, tiefe Narbe von der linken Wange halsabwärts die sich bis nach vorne unters Kinn zieht, die auch der Bart nicht verbergen kann. Die hatte er früher bestimmt nicht. Ich versuche mich zu sammeln, was mir nicht wirklich gelingt. Er öffnet einen Knopf an seinem Hemd, fast als brauche er Luft zum Atmen. Sein Blick ist weiterhin verengt, irgendwie habe ich immer noch Angst vor ihm.
„Ich habe das offene Gatter gesehen, ich dachte Sie sind der Pferdemörder. Tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe“, entschuldigt er sich, was aber noch immer nicht besonders freundlich klingt. „Was machen Sie denn mitten in der Nacht hier?“
„Ich war spazieren. Wie gesagt, die Tür war offen. Ich habe mir Sorgen gemacht. Sonst nichts.“
Mehr bringe ich nicht heraus. Ich bin immer noch außer mir, was er zu bemerken scheint.
„Kommen Sie, ich bringe Sie zum Haus zurück“, bietet er an und sieht mich eindringlich an.
„Danke. Es geht schon“, lehne ich ab. „Gute Nacht.“
Dann verlasse ich hastig den Stall.
„Gute Nacht. Und nochmal, es tut mir leid“, ruft er mir hinterher.
Ich drehe mich nicht mehr um und laufe zurück zum Haus. Bevor ich hinein gehe atme ich noch einmal tief durch. Was für ein Tag. Dass ich nach all dem schlafen kann, bezweifle ich.
Pulsuz fraqment bitdi.