Kitabı oxu: «Meine blauäugige Pantherin»
Kingsley Stevens
MEINE BLAUÄUGIGE PANTHERIN
Liebesroman
© 2020
édition el!es
www.elles.de info@elles.de
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-95609-321-0
Coverfotos:
iStock.com/Kyslynskyy
iStock.com/Joaquin Corbalan
1
»»Verdammt, lassen Sie mich los! Ich kann allein laufen!«
Sascha beobachtete die große, dunkelhaarige Frau, die von zwei Justizwachtmeistern in den Gerichtssaal geführt wurde und sich gegen jede Berührung heftig wehrte, obwohl sie bereits Handschellen trug.
Sie starrte die Beklagte so lange fasziniert an, bis sie auf die Anklagebank gezwungen wurde. Die Angeklagte blickte um sich wie ein wildes Tier, ihre blauen Augen schossen Blitze in alle Richtungen, wütende Blitze, die auch Sascha kurz streiften. Aber sie verweilten nicht auf ihr. Sie hetzten wieder durch den Raum, wie auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit.
Sascha war Jurastudentin, und sie saß nicht zum ersten Mal als Zuschauerin in einem Gerichtssaal. Sie hielt sich regelmäßig hier auf. Einerseits, weil es zu ihrem Fach gehörte, weil sie Richter, Anwälte und das Rechtssystem in der Praxis studieren wollte, andererseits aber auch, weil sie sich als Gerichtsreporterin etwas zu ihrem kargen Stipendium hinzuverdiente.
Meist waren die Verhandlungen wenig aufregend, Sascha konzentrierte sich darauf, ob sie anstelle des Richters oder der Richterin dieselbe Entscheidung getroffen hätte oder ob das Gesetz noch andere Möglichkeiten bot, die ihr lieber gewesen wären.
Oft fand sie die Urteile zu hart. Ihr erschien es so offensichtlich, dass die Verurteilten selbst nur Opfer waren, Opfer ihrer Herkunft, Opfer ihrer Erziehung – oder von deren Fehlen –, Opfer von Gewalt, die sie seit ihrer Kindheit erfahren hatten und nun gegen andere ausübten. Sie kannten nichts anderes.
Manchmal saßen sie nur wie ein Häufchen Elend auf der Anklagebank, manchmal waren sie frech und unverschämt, manchmal auch aggressiv – aber so wild wie die große Frau mit den blauen Augen, deren dunkle Haare ungebändigt ihren Kopf umgaben und ihr ein noch wilderes, ungezähmtes Aussehen verliehen, waren sie selten. Sie schien keinerlei Beschränkung akzeptieren zu wollen.
Der Richter eröffnete die Verhandlung, und der Staatsanwalt las die Anklage vor. Danach rief der Richter die Angeklagte als Zeugin auf, um sie zur Anklage zu befragen. »Ihr Name ist Tyra Horvath?«
»Sie kennen doch meinen Namen!«, fauchte die Angeklagte zum Richterstuhl. »Sie haben ihn schließlich oft genug aufgeschrieben. Und im Übrigen: Tyr reicht. Den Rest können Sie sich schenken.«
Es entstand ein leichter Tumult. Der Verteidiger musste seine Mandantin mühsam besänftigen.
Der Richter war ein ruhiger Mann, die Gelassenheit selbst. Er attackierte die Angeklagte nicht, sondern versuchte, sich auf zivilisierte Art mit ihr zu verständigen. Viel Erfolg hatte er damit allerdings nicht. Er seufzte. »Sie sind uns keine Unbekannte, das ist wahr. Ihr Auszug aus dem Strafregister füllt Seiten. Schon als Jugendliche sind Sie verurteilt worden. Kürzlich wurden Sie sogar des Mordes angeklagt, aber man konnte Ihnen nichts nachweisen, also wurden Sie freigesprochen. Im Zweifel für den Angeklagten. Sie haben uns diese Milde nicht gedankt. Sie sitzen schon wieder hier.«
»Ich habe euch nicht gezwungen, mich herzubringen!«, fauchte Tyra Horvath wütend.
»Nein, Sie haben sich mit allen Mitteln dagegen gewehrt, das ist wahr. Haben Sie den Einbruch verübt, dessen Sie angeklagt sind und bei dem der Besitzer des Hauses verletzt wurde, oder nicht?«
Die Angeklagte schwieg.
»Bitte weisen Sie Ihre Mandantin an zu antworten, Herr Verteidiger«, sagte der Richter.
Der Verteidiger blickte verzweifelt auf die Frau, die größer war als er, und dann hilfesuchend zum Richter zurück.
»Sie wollen sich also nicht zu dem Vorwurf äußern?«, folgerte der Richter und blickte die Angeklagte noch einmal fragend an, gab ihr eine letzte Gelegenheit.
Sie nutzte sie nicht.
»Ihr verstocktes Schweigen nimmt das Gericht nicht für Sie ein«, sagte der Richter. Es klang väterlich besorgt.
Von der Anklagebank kam ein unterdrücktes Knurren.
Für Sascha klang es wie »Fick dich!«, aber sie konnte es kaum glauben.
Der Richter auch nicht. Er warf einen Blick auf die Angeklagte. »Wie bitte?«
Der Verteidiger erhob sich halb. »Nichts. Sie hat nichts gesagt, Herr Vorsitzender.«
»Dann hat sie wohl nur Magenschmerzen«, vermutete der Richter versöhnlich.
Der Verteidiger wirkte erleichtert. »Ja, das ist richtig. Es geht ihr nicht gut.«
»Aber sie kann der Verhandlung folgen?«
»Natürlich.« Der Verteidiger setzte sich.
Der Richter fuhr mit der Verhandlung fort, verhörte die Zeugen und verkündete dann die Mittagspause.
Sascha verließ den Gerichtssaal, nachdem sie noch einmal einen Blick auf die Angeklagte geworfen hatte. Die hatte die ganze Verhandlung mit unbewegter Miene verfolgt. Sascha fragte sich, was in ihr vorging. Eigentlich hätte Sascha am Nachmittag Vorlesung in der Uni gehabt, aber sie entschied sich dagegen. Sie wollte lieber die Verhandlung verfolgen und das Urteil abwarten.
Es sah nicht gut aus für die Angeklagte. Die Zeugen bestätigten, dass sie im Haus gewesen war. Ihre Fingerabdrücke fanden sich überall. Der Besitzer des Hauses hatte bei dem Überfall eine Platzwunde davongetragen, und sein Blut hatte sich an ihren Händen wiedergefunden. Wegen des Schlages auf den Kopf, der ihn ohnmächtig zu Boden geschickt hatte, konnte er sich an nichts mehr erinnern.
Bei der Polizei hatte die Angeklagte behauptet, sie hätte dem Verletzten nur helfen wollen, aber vor Gericht wiederholte sie diese Aussage nicht. Der Richter wies sie mehrmals darauf hin, dass nur Aussagen, die im Gericht gemacht wurden, verwertet werden konnten, aber es schien ihr egal zu sein.
Sascha fragte sich, warum sie sich nicht verteidigte. War ihre Aussage vor der Polizei eine Lüge gewesen? Etwas, das sie sich schnell hatte einfallen lassen und nun nicht mehr behaupten wollte, weil es falsch war? Aber warum? Sie hatte ihr Leben lang gelogen. Auf einmal sollte es ihr etwas ausmachen?
Sascha setzte sich in die Gerichtskantine und trank einen Kaffee – oder das gefärbte Wasser, das sie hier so nannten. Von der Idee, hier auch zu essen, hielt sie diese Erfahrung ab. Da war ja selbst die Mensa noch besser. Sie würde heute Abend bei sich im Studentenwohnheim etwas kochen.
Der Nachmittag verlief ebenso unbefriedigend wie der Vormittag. Der Richter vertagte die Verhandlung, da er noch mehr Zeugen hören wollte. Als die Angeklagte an Sascha vorbei aus dem Gerichtssaal geführt wurde, zischte sie Sascha an: »Was starrst du mich die ganze Zeit so an, du grünäugiges rothaariges Monster? Hast du nichts Besseres zu tun?«
Sie hatte es also bemerkt. Sascha blieb kopfschüttelnd stehen.
Tyra Horvaths Aggressivität füllte immer noch den Raum, selbst als die Angeklagte schon längst verschwunden war.
Sie hatte eine außergewöhnliche Präsenz.
2
»Harry, kann ich dich mal sprechen?«
Der Lokalredakteur des Stadtanzeigers hob abwesend den Blick. »Ja?«
Sascha trat auf seinen Schreibtisch zu, der über und über mit Korrekturzetteln bedeckt war. »Harry, könnte ich – meinst du, es wäre mal möglich –«
»Komm zur Sache, Schätzchen.« Harry blickte zum zweiten Mal auf. »Verschwende nicht meine Zeit mit deinem Herumstammeln. Hast du die Berichte aus dem Gericht von heute schon geschrieben?«
Harry war ein bärbeißiger, liebenswürdiger Charakter, der selten zugab, wie sehr er gewisse Menschen mochte.
»Ja – ähm – also . . .« Sascha wand sich. »Eigentlich war ich nur bei einer Verhandlung, und da wollte ich –«
»Nur bei einer Verhandlung? Also hör mal!« Nun fuhr Harry endgültig auf. »Wie sollen wir denn da unser Blatt füllen?« Er schüttelte den Kopf und rollte die Augen zur Decke. »Wenn du schon im Gericht bist, solltest du wenigstens fünf Verhandlungen besuchen und zu jeder zehn Zeilen schreiben, fünfzig insgesamt. Die sind eingeplant.« Mit einem väterlich tadelnden Blick musterte er sie. »Willst du etwa fünfzig Zeilen zu einer einzigen Verhandlung schreiben? So interessant können diese kleinen Unfälle und Straßenverkehrsdelikte ja nun wirklich nicht sein.«
»Es war ein Einbruch. Mit Körperverletzung«, erklärte Sascha. »Der Besitzer des Hauses hat eine Platzwunde davongetragen.« Sie betrachtete Harry gleichzeitig vorsichtig und nachdenklich ein wenig von der Seite, beobachtete seine Reaktion. »Die Sache an sich – vielleicht ist die tatsächlich nicht so interessant, aber die Angeklagte . . . die Angeklagte könnte interessant sein.«
»Die Angeklagte?« Erstaunt runzelte Harry die Stirn. »Eine Frau? Und dann auch noch Körperverletzung? Ist bei solchen Delikten ja eher selten.«
»Ja, sie ist . . . Na ja, sie hat schon ein langes Register«, ging Sascha mehr ins Detail. »Hat als Crash-Kid angefangen und ist dann mit vierzehn das erste Mal im Knast gelandet, weil es vorher nicht ging.«
»Diese Kids.« Harry setzte seine Brille ab. »Wenn sie noch nicht vierzehn sind, werden sie nicht verurteilt, weil sie noch nicht strafmündig sind, und sobald sie das Alter dann erreicht haben, sind sie schon richtige kleine Verbrecher mit viel Übung und Erfahrung.«
»Ja, ich weiß.« Verlegen trat Sascha von einem Fuß auf den anderen. »Dann ist Hopfen und Malz verloren. Man sollte sie früher betreuen.«
»Betreuen?« Harry lachte gutmütig. »Du hast wirklich ein goldenes Herz, Kind! Einsperren sollte man die kleinen Biester und nie wieder rauslassen!«
»Du bist doch gar nicht so böse, wie du tust, Harry.« Beinah zärtlich lächelte Sascha ihn an. »Du denkst doch auch, dass man noch einiges retten könnte, wenn man diesen Kindern früh genug eine Chance gäbe.«
»Die beste Chance, die sie bekommen könnten, wäre, sie ihren unfähigen Eltern wegzunehmen und sie nie wieder in ihre Nähe zu lassen«, brummte Harry.
»Eltern und eine Familie sind sehr wichtig für Kinder«, erwiderte Sascha sanft.
Harry lachte trocken auf. »Mit einem gewalttätigen Alkoholiker als Vater und einer Gelegenheitsnutte als Mutter?« Er senkte leicht den Kopf und warf von unten einen strafenden Blick auf Sascha. »So sollte kein Kind aufwachsen.«
»Da sind wir uns einig.« Sascha fühlte, dass sie Harrys weiche Stimmung ausnutzen musste. Jetzt oder nie. »Bitte, Harry, ich möchte einen Artikel über diese Frau schreiben, nicht nur zehn Zeilen im Gerichtsreport.«
»Diese Frau? Welche Frau?« Harry setzte seine Brille wieder auf und studierte die Korrekturen auf seinem Schreibtisch.
Sascha konnte kaum glauben, dass er das bereits wieder vergessen hatte. »Die, von der ich dir gerade erzählt habe«, erinnerte sie ihn seufzend. »Die von heute aus dem Gerichtssaal.«
»Diese kleine Einbrecherin?« Harry blickte noch einmal erstaunt hoch. »Wieso sollte die mehr als zehn Zeilen wert sein?«
»Sie ist . . . Irgendetwas an ihr ist anders.« Eigentlich konnte Sascha es sich selbst nicht erklären, und doch spürte sie ganz deutlich, dass diese Tyra ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf ging. »Sie ist furchtbar aggressiv –« Sie lachte leicht und schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Sie hat mich ein ›grünäugiges, rothaariges Monster‹ genannt!«
Nun blickte Harry interessierter auf und grinste. »Sie muss sehr gute Augen haben, wenn sie die Farbe von deinen von der Anklagebank aus erkennen konnte.«
Mit einem ein wenig verträumten Gesichtsausdruck wandte Sascha ihr Gesicht zur Decke. »Ihre Augen sind so blau, dass sie damit wahrscheinlich alles durchdringen könnte.« Sie zog leicht die Augenbrauen zusammen, während sie sich an diese blauen Augen erinnerte. »Eine Brille braucht sie bestimmt nicht.«
Als ihr Blick zu ihm zurückkehrte, bemerkte sie, dass Harry sie nachdenklich betrachtete. »Du weißt, dass ich das nicht entscheiden kann, Kleines. Dafür ist der Leitende Redakteur verantwortlich.« Immer noch musterte er sie, wie es ihr schien, auf eine sehr grüblerische Art. »Und der will wissen, warum. Warum du und warum sie. Schließlich bist du nur freie Mitarbeiterin bei uns.« Seine Mundwinkel zuckten. »Und das auch nur, weil du mich so lange vollgequatscht hast, bis ich nicht mehr anders konnte.« Er seufzte, griff erneut an seine Brille, als wollte er sie absetzen, tat es dann aber doch nicht und wandte sich wieder den Papieren auf seinem Schreibtisch zu. »Andere Leute wären froh, mit gerade mal zwanzig so einen Job wie deinen zu haben.« Sein Blick glitt über die Zeilen. »Sie würden gar nicht mehr wollen.«
»Ich bin aber nicht andere Leute«, entgegnete Sascha trotzig.
»Wie wahr, wie wahr.« Endgültig gab Harry es auf, arbeiten zu wollen, und erhob sich. »Also gut, Kindchen, ich werde mit ihm sprechen«, bemerkte er mit einem entsagungsvollen Ausdruck im Gesicht wie ein Vater, der seiner Tochter das mit den Blumen und den Bienen einfach nicht erklären kann. »Mach schon mal ein Interview mit der Tante, vielleicht findest du dabei ja einen Aufhänger.« Er hob seine buschigen, schon etwas angegrauten Brauen. »Ich sehe bisher noch keinen, muss ich dir ehrlich sagen.«
»Ein Interview?« Weit riss Sascha die Augen auf.
»Ja, was dachtest du denn?« Nun schmunzelte Harry sichtlich. Das erlebte er auch nicht zum ersten Mal bei jungen Leuten, dass sie vorpreschten und dann Angst vor ihrer eigenen Courage bekamen. »Dass du in einem Artikel Spekulationen verbraten kannst, irgendwelche Gefühle oder Vermutungen?« Er schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust, blickte ernst auf sie hinunter. »Nicht in unserer Zeitung, mein Schatz. Wir brauchen Fakten, und das nicht zu knapp.«
Hektisch zischten die Gedanken durch Saschas Kopf, und sie suchte verzweifelt nach einem Ausweg. »Ich könnte ihre Akte studieren«, stieß sie atemlos hervor.
Auch wenn sie im Gerichtssaal durchaus das Bedürfnis gehabt hatte, diese Tyra näher kennenzulernen, mehr über sie zu erfahren, deren gezischte Verabschiedung hatte dieses Bedürfnis doch sehr gedämpft. Saschas Interesse war mehr theoretischer Natur, wie sie es aus der Schule und der Uni kannte. Die praktische Umsetzung war immer weit entfernt gewesen und schreckte sie auch jetzt. Sie schrieb lieber über Dinge, als dass sie sie erlebte.
»Wenn du die bekommst«, wandte Harry zweifelnd ein. »Ich glaube, das wird schwierig sein.« Er setzte sich wieder. »Außerdem: Was sagt eine Akte schon aus?«, fuhr er aus den Tiefen seiner Korrekturzettel, denen er sich erneut zu widmen versuchte, fort. »Da steht drin, wie lange sie im Gefängnis war und weshalb, mehr nicht. Du willst doch eine Personality-Story machen, oder habe ich dich da falsch verstanden?« Kurz blickte er hoch, aber er erwartete eigentlich gar keine Antwort, wie deutlich zu erkennen war, denn sofort kehrte sein Blick zu den Zetteln zurück.
Für einen Moment stand Sascha wie erstarrt da. Auf einmal merkte sie, wie viel mehr an ihrer Idee dranhing. Worauf ein erfahrener Journalist wie Harry sie leicht aufmerksam machen konnte, während sie selbst gar nicht daran gedacht hatte.
»Ähm, eigentlich wusste ich bisher noch gar nicht, was ich machen –«, setzte sie an, brach aber gleich wieder ab. »Eine Personality-Story. Natürlich, was denn sonst?«, bestätigte sie dann fest.
Wenn Harry ihr schon so ein Stichwort gegeben hatte, dann sollte sie das auch ausnutzen, auch wenn sie jetzt noch nicht wusste, was so eine Story beinhaltete. Jedenfalls sicher viel mehr als nur ein paar Zeilen für den Gerichtsreport. Und das hatte sie ja gewollt. Oder nicht?
Harry nickte. »Mach nur, Kind, mach nur«, murmelte er undeutlich, und Sascha merkte, dass sie für ihn eigentlich schon gar nicht mehr da war.
3
»Was wollen Sie von meiner Mandantin?« Rechtsanwalt Bauer betrachtete Sascha mit gerunzelter Stirn.
Sascha blickte ihm fest in die Augen. »Ein Interview, nur ein Interview, weiter nichts.« Ganz gezielt lächelte sie ihn freundlich an. Die meisten Männer mochten es, wenn ein junges Mädchen sie anlächelte, die Erfahrung hatte sie schon gemacht. Sie wurden dann sofort viel entgegenkommender.
»Ich kann Ihnen gleich sagen, dass sie das ablehnen wird«, erwiderte er kopfschüttelnd. »Sie redet mit niemandem, nicht mal mit mir.« Sein Gesichtsausdruck war nicht besonders mitfühlend, eher abschätzig. Oder überfordert. Er hantierte mit einem ganzen Aktenberg vor sich, während er mit Sascha sprach.
Das erzeugte sofort eine Trotzreaktion in Sascha. Dieser Mensch hatte nicht das geringste Interesse an Tyra, das merkte man ihm deutlich an. »Vielleicht haben Sie es nur falsch angefangen«, vermutete sie etwas spitz. Lockte ihn das aus der Reserve?
»Ja, sicher!« Bauer lachte. »Ich habe außer ihr noch eine Menge anderer Fälle zu bearbeiten«, er tippte mit dem Finger auf die Akte, die gerade aufgeschlagen vor ihm lag, »und die meisten Mandanten sind wesentlich entgegenkommender als dieses Früchtchen.«
Ganz automatisch schossen Saschas Augenbrauen nach oben. »Sie nennen Ihre eigene Mandantin ein Früchtchen?«
»Waren Sie nicht im Gericht gestern? Haben Sie nicht selbst gesehen, wie sie sich benimmt?« Er blickte sie ungläubig an, dass ihr das entgangen sein konnte. »Ich bin ihr Pflichtverteidiger«, seufzte er fast. »Ich kann mich nicht dagegen wehren. Aber man sollte zumindest erwarten, dass einem die Angeklagte ein wenig hilft, die Vorwürfe gegen sie zu entkräften.« Wieder schüttelte er den Kopf. »Sie tut das Gegenteil, das absolute Gegenteil. Sie macht sich jeden zum Feind, den sie nur erwischen kann.«
Das überraschte Sascha nicht wirklich, denn schon Tyras Reaktion ihr gegenüber, als sie den Gerichtssaal verlassen hatte, sprach dafür. Schließlich kannten sie sich gar nicht, und trotzdem hatte diese wilde blauäugige Pantherin – sie erinnerte wirklich an eine, selbst wenn sie gefesselt war, jede ihrer Bewegungen war wie die eines geschmeidigen Raubtiers – sich von ihr provoziert gefühlt, ohne dass es einen Grund dafür gab. Oder doch? Sie konnte Gründe haben, die sich Sascha einfach nur noch nicht erschlossen.
»Vielleicht hat sie Gründe dafür«, setzte sie ihre Gedanken in Worte um.
Bauer sah noch nicht einmal von seinen Akten auf. »Ihre Gründe sind mir völlig schnuppe.« Kurz hob er ein Augenlid, um einen gelangweilten Blick auf Sascha zu werfen. »Eine Angeklagte, die sich so benimmt, hat schon verloren.« Er machte einen Vermerk und ließ sich noch einmal dazu herab, sich zurückzulehnen und Sascha die Sachlage zu erklären. »Die Indizien sind eindeutig. Der Richter hätte natürlich lieber ein Geständnis, aber in diesem Fall wird er sie auch ohne das verurteilen. Das letzte Mal ist sie noch davongekommen, aber diesmal wandert sie in den Bau – für lange. Daran kann niemand etwas ändern.«
»Das letzte Mal?« Verständnislos zogen sich Saschas Augenbrauen zusammen. »Sie meinen den Mord? Den der Richter erwähnt hat? Wo sie freigesprochen wurde?« Aufmerksam spitzte Sascha die Ohren. Jetzt wurde es vielleicht interessant.
»Aus Mangel an Beweisen!« Rechtsanwalt Bauer warf die Hände in die Luft. »Sie wissen, was das heißt: Sie hat es getan, sie war nur zu geschickt dabei. Man konnte sie nicht überführen.«
»Hm.« Sascha überlegte. »Merkwürdig, dass sie dann diesmal bei dem Einbruch so ungeschickt war, wenn sie sogar einen Mord vertuschen konnte.«
Der Anwalt zuckte die Achseln. »Wer weiß, vielleicht ist sie schlampig geworden, hat sich zu sicher gefühlt.« Wieder beugte er sich über seine Akten. »Ich habe wirklich keine Zeit, darüber nachzudenken. Fragen Sie sie selbst.«
»Deshalb bin ich ja hier«, bemerkte Sascha übertrieben freundlich, auch wenn das nur gespielt war. Langsam ging er ihr auf die Nerven, regte sie geradezu auf mit seiner Gleichgültigkeit, aber da sie etwas von ihm wollte, durfte sie das nicht zeigen. »Darum habe ich Sie um die Erlaubnis gebeten, mit ihr sprechen zu dürfen. Geben Sie die mir?«
»Wenn Sie wollen.« Er winkte ab. Dann kritzelte er etwas auf ein Blatt Papier mit seinem Briefkopf. »Hier.« Er hielt es ihr hin. »Versuchen Sie Ihr Glück.«
Während sie schon aufstand und das Papier nahm, blickte Sascha ihn entschlossen an. »Das tue ich. Darauf können Sie sich verlassen.«