Kitabı oxu: «Tödliche Mutterliebe»
Krimi 1 mit Laura Braun
Tödliche Mutterliebe
von Kirsten Sawatzki
„Wenn ich doch nur die Erinnerungen ablegen könnte. Erinnerungen, die mich täglich quälen. Erinnerungen, die nachts meine Träume in Albträume verwandeln. Ich begebe mich in mein Zimmer.
Wie immer zähle ich die Schritte. Ich nehme mir ständig vor, meine Schritte nicht zu zählen. Aber doch tue ich es immer wieder. Ich kann nicht anders. Es ist ein Zwang, der mich beherrscht. Es sind dreizehn.“
Endlich! Die 33 jährige Kommissarin Laura Braun wird zur Mordkommission versetzt. Gleich darauf wird sie mit einem bizarren Leichenfund konfrontiert: In einer leer stehenden Mühle in Weinheim hängt eine gefesselte und zu Tode gequälte Frau.
Auch nach Wochen hat die Polizei keinen Hinweis auf ihre Identität und niemand vermisst sie. Dann wird ein Doppelmord gemeldet und Laura wird klar, dass sie einen Serienmörder jagen muss. Denn auch diesen Frauen wurde die Zahl Dreizehn tief in die Haut geschnitten….
Kirsten Sawatzki
wurde in Bad Dürkheim geboren. Sie lebt mit ihrer Familie in der Pfalz. Ihre Begeisterung fürs Schreiben steckt an und macht neugierig auf ihre Krimis.
Die Deutsche Nationalbibliothek
verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Die Handlung ist frei erfunden und etwaige auftretende Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Copyright © Jochen Werz Verlag 2015
Alle Rechte liegen beim Verlag
ISBN Format epub: 978-3939434-26-9
Mehr Informationen unter www.4werz.de
Für Mama und Gigge
Danksagung
Als Erstes möchte ich mich bei Gott dafür bedanken, dass er mir die Fähigkeit gegeben hat Geschichten zu erfinden und zu Papier zu bringen.
Dann möchte ich mich bei meiner Mama und bei meiner Schwester bedanken, die unermüdlich jede Version dieses Buches gelesen haben und immer versucht haben objektiv zu sein. Sie haben mich ständig bestärkt weiterzuschreiben und dieses Buch zu Ende zu bringen, auch wenn ich so oft bei der Recherche zu diesem Buch die Flinte ins Korn werfen wollte.
Horst, Otto Sawatzki - mein Schwiegervater - Dir ein dickes Bussi, weil Du mich mit Deinem Wissen als Polizist a. D. unterstützt hast und im Notfall immer wusstest, wen wir fragen können. Danke, dass Du Dir öfters ein Schmunzeln verkniffen hast ich habs gesehen!
Danke an meine Freunde und Freundinnen, die mir ihre Namen für meine Protagonisten geliehen haben. Erkennt Ihr Euch wieder?
Ein ganz liebes Dankeschön an Julia Gast und Jürgen Arz, die fleißig meine Texte korrigiert haben.
Herzlichen Dank an Christian und Georg für das tolle Cover.
Noch ein großes Dankeschön an Hannelore Heidelberger, meine Betreuerin, Fels in der Brandung und Zuhörerin. Danke, dass Sie mich ermutigt haben Herrn Werz das Manuskript zu schicken.
Und natürlich Danke an Jochen Werz, der trotz seiner Zweifel, den Mut gefunden hat dieses heikle Thema als Buch zu verlegen.
Mein größter Dank geht an meinen Mann. Du hast mich ständig ermutigt weiterzumachen. Hast mich nach jedem Rückschlag aufgebaut, Dir mein Gejammere angehört und tapfer meine schlechte Laune ertragen. Danke, dass Du das mit mir trägst. Ich liebe Dich.
Danke, dass Sie dieses Buch gekauft haben.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen.
Prolog
Der Junge stand da und wusste nicht wohin mit seinen Händen.
Seine Pflegemutter hatte ihn extra gebadet und ihm neue Kleider angezogen. „Deine Mama soll sehen, was du für ein hübscher Junge bist“, sagte sie, während sie ihm liebevoll die widerspenstigen Haare mit der Hand glatt strich und sich verstohlen eine Träne wegwischte. Doch der Junge hatte die Tränen in den Augen von Regina Braun längst gesehen. Er schlang seine dünnen Ärmchen um ihren Hals und schluchzte: „Ich will aber nicht! Du bist doch meine Mami!“
Regina Braun musste ihre ganze Willenskraft aufbringen, um den kleinen Jungen von sich zu schieben. Als er nach dem Tod seines Vaters vor über einem Jahr zu ihnen gekommen war, war er total schüchtern und verstört gewesen. Ihre Freundin Claudia, die beim Jugendamt arbeitete, hatte am späten Abend angerufen. „Ich habe hier einen kleinen Jungen, dessen Vater vor einigen Stunden bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Unsere anderen Kurzzeitpflegeplätze sind alle belegt und ich will dem Jungen nicht auch noch das Kinderheim zumuten. Kannst du ihn für ein paar Tage bei dir aufnehmen, bis wir seine Mutter gefunden haben?“
Eine Stunde später stand Claudia vor der Tür. Auf dem Arm trug sie einen etwa sechs Jahre alten schlafenden Jungen. Regina Braun hatte auf der Couch schon ein Bett für das Kind gerichtet. Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, legte sie den Kleinen in die Kissen. Sie betrachtete nachdenklich den kleinen, mageren Körper. Dann gab sie ihm einen sanften Kuss auf die Stirn.
„Der Kinderhort hat uns angerufen, nachdem der alleinerziehende Vater ihn nicht abgeholt hatte. Wir haben dann herausgefunden, dass sein Vater auf dem Weg nach Hause in einen LKW gerast ist“, hatte die Freundin berichtet.
Heute küsste sie diese Stirn wieder. Aus dem schmalen, verschüchterten Jungen war ein kleiner Mann geworden. Vor einigen Wochen hatten sie seinen achten Geburtstag gefeiert. Am Tag darauf war die Nachricht gekommen, dass man seine Mutter ausfindig gemacht hatte. Regina Braun brach es fast das Herz, denn ihre ganze Familie hatte sich an das neue Familienmitglied gewöhnt und sie ganz besonders. Sie hatte den Eindruck, dass ihre beiden Töchter ihn wie einen Bruder behandelten, und ihr Mann hatte in ihm den lang ersehnten Sohn gefunden. Aber das Jugendamt hatte anders entschieden. Gleich würden sie seine Mutter treffen. Eine Mutter, die ihren Sohn nach der Geburt bei seinem Vater gelassen hatte und mit einem anderen Typen durchgebrannt war. Das Jugendamt hatte über ein Jahr gebraucht, um sie zu finden, da sie ständig den Wohnort gewechselt hatte.
Seine Mutter kam in die Räume des Jugendamtes hereinspaziert, als gehörte der Laden ihr. Regina Braun sah sie durch die Glastür kommen und merkte, wie der kleine Junge auf ihrem Schoß zu zittern anfing.
„Alles wird gut“, flüsterte sie ihm ins Ohr. „Das ist deine Mami.“ Im Stillen dachte sie: „Oh Gott, was ist denn das für eine schreckliche Person!“ Es war selten, dass ihr jemand schon im ersten Moment so unsympathisch war.
Die Frau, die sich als seine Mutter vorstellte, trug ein pinkfarbenes Shirt mit Schulterpolstern, die sie um einiges breiter wirken ließen, einen Minirock mit Leopardenprint und dazu hohe Stiefel. An ihren Ohren baumelten lange rosa Plastikohrringe. Um ihr schlecht blondiertes Haar, das zu einer wirren Mähne toupiert war, hatte sie ein pinkfarbenes Band geschlungen. Es sollte wohl den herausgewachsenen Haaransatz verdecken. Für die bodenständige und eher biedere Regina Braun war diese Person alles andere als eine liebevolle Mama.
Hilfesuchend sah sie ihre Freundin Claudia an, diese aber ignorierte ihre Blicke und begrüßte die Frau. „Frau Woodford, schön, dass Sie es geschafft haben.“
„Ja, ja“, sagte die Frau mit einer unangenehm hohen Stimme. „Wo muss ich unterschreiben und wo sind die Schlüssel zu meinem Haus?“ Sie sah ihren Sohn nicht einmal an und Regina Braun kam der verstörende Gedanke, dass das Interesse der Frau gar nicht dem Jungen galt, sondern vielmehr dem Haus und dem Vermögen, das er geerbt hatte.
Kapitel 1
Sie ruft schon wieder, ständig höre ich ihre schwache, jammervolle Stimme.
„David, David!“
Ich liege auf meinem Bett und starre zur Zimmerdecke. Versuche, ihre Stimme zu überhören. Durch das geöffnete Fenster höre ich den Lärm der belebten Straße. Irgendwo bellt ein Hund. Autos fahren vorbei. Menschen unterhalten sich. Menschen, die an meinem Fenster vorbeigehen. Menschen, die nicht ahnen, wer ich bin. Menschen, die nicht wissen, wer in diesem Haus lebt. Welches Grauen sich hinter diesen Mauern verbirgt. Sicher, der eine oder andere Nachbar wird sich schon gefragt haben, wer hier wohnt. Welche Leute hier eigentlich leben. Vielleicht haben sie auch schon mal die Köpfe zusammengesteckt und hinter vorgehaltener Hand über uns getuschelt. Über die Leute in dem alten Haus mit dem verwilderten Vorgarten, der bröckelnden Fassade und den verwitterten Holzfenstern, die schon lange einen neuen Anstrich benötigt hätten. Leute, die nur selten das Haus verlassen und die man eigentlich nie sieht. Und doch sind wir da.
„David, David, wo bist du?“
„Ich bin doch hier, du alte Schabracke“, murmle ich.
Ich drehe mich mit dem Gesicht zur Wand und betrachte die vergilbten Farben der alten Tapete. Ich möchte nicht aufstehen! Ich will nicht zu ihr! Ich will nicht in dieses Zimmer gehen!
Ich schließe die Augen und versuche, ihre quengelnde Stimme zu ignorieren. Aber ich höre sie. Ihre Stimme wird immer fester und lauter. Wie ein Mantra.
„David! David!“
Immer lauter. Bis sie nur noch ein Dröhnen in meinem Kopf ist. Ich stehe auf, gehorche. So wie ich es immer getan habe. Ich gehe den Flur entlang. Gehe über denselben alten Teppich wie schon vor vierundzwanzig Jahren. Das geometrische Blumenmotiv des abgetretenen Persers ist kaum noch zu erkennen, aber ich weiß, dass es da ist. Es ist in meine Netzhaut eingebrannt. Die rote Grundfarbe ist einem schmutzig-gelben Braunton gewichen. Das blaue Muster gleicht eher schwarzen Farbklecksen. Ich gehe weiter. Ich zähle die Schritte.
Dreizehn.
Immer sind es dreizehn Schritte. Schon vor vierundzwanzig Jahren waren es dreizehn Schritte. Ich kann noch so langsam gehen, es sind immer dreizehn Schritte von meinem Zimmer bis zu ihrem. Ich komme näher, nähere mich der Tür zu ihrem Zimmer. Sie ist nur angelehnt und ich kann ihre Atemgeräusche hören. Ich höre, wie sie gierig die Luft einsaugt, als gehöre sie nur ihr allein. Ich gehe auf die Tür zu. Meine zittrige Hand greift nach der Türklinke. Sie ist schweißnass und doch drücke ich die Klinke nach unten. Die Tür öffnet sich mit leichtem Quietschen.
Ich weiß, dass sie weiß, dass ich es bin, und doch fragt sie: „David, bist du es?“
„Fahr doch, Mann, ich komme zu spät!“, zischte Laura durch zusammengebissene Zähne. Sie umklammerte das Lenkrad ihres alten Golfs, sodass sich ihre Fingerknöchel weiß abzeichneten. Sie wusste, dass der Fahrer des Mercedes vor ihr sich an die zugelassene Höchstgeschwindigkeit hielt, aber heute konnte sie das kaum aushalten. Zudem beschlich sie das Gefühl, dass der Wagen immer langsamer wurde. „Typisch Mercedes-Fahrer“, fluchte sie und nestelte mit der rechten Hand am Sendersuchlauf des Radios herum. Vielleicht würde bessere Musik ihre Stimmung heben. Erfreut hörte sie die Stimme von Phil Collins aus den Lautsprechern. Genesis, Land of Confusion, das war genau das, was sie brauchte. Als hätte der Fahrer vor ihr gemerkt, dass es hinter ihm jemand eilig hatte, machte er nun endlich Anstalten, die Fahrbahn zu wechseln und sie vorbeizulassen.
„Geht doch“, murmelte Laura, „wurde aber auch Zeit.“ Während sie an dem neuen silbernen Mercedes vorbeifuhr, sah sie zu dem Fahrer hinüber. Der ältere Herr blickte sie grimmig an, während sich ihr klappriger Golf an ihm vorbeischob. Er machte eine Geste, als wenn er sagen wollte: „Nun mal langsam mit den jungen Pferden!“ Sie würdigte ihn keines weiteren Blickes. Ihre Gedanken waren immer noch bei der vergangenen Nacht. Sie hatte kaum geschlafen. Aber als der Wecker wie jeden Morgen um halb sieben geklingelt hatte, war sie glockenwach gewesen. Schon während sie ins Bad gegangen war, um zu duschen, hatten ihre Gedanken wieder um die Ereignisse der letzten Nacht gekreist. Um den neuen Fall. Lange hatte sie sich von dem heißen Wasser berieseln lassen, und als sie endlich aus der Dusche gestiegen war, hatte sie gedankenverloren vor dem großen Badezimmerspiegel gestanden und sich selbst angestarrt. Sie war jetzt dreiunddreißig Jahre alt und hatte braunes, schulterlanges lockiges Haar. Wie fast jede Frau hatte sie Probleme mit ihrer Figur, sie fand sich zu dick und hätte viel dafür gegeben, etwas größer zu sein. Ihre männlichen Kollegen sahen auch so schon auf sie herab. Laura bildete sich ein, dass dies anders wäre, wenn sie nur zehn Zentimeter größer wäre. Aber sie hatte gelernt, so viel Autorität wie möglich in ihr Auftreten zu legen, um ihre Körpergröße zu überspielen. Für gewöhnlich war ihre Stimme fest und sie verfügte über einen messerscharfen Verstand. Sie war noch nicht lange bei der Truppe. Vor drei Monaten war sie vom Sitten- und Rauschgiftdezernat zur Mordkommission versetzt worden. Ihr Partner Falk Ackermann behandelte sie respektvoll. Er war Anfang dreißig, wirkte aber mit seinem widerspenstigen, kurzen blonden Haar, den Sommersprossen, der schlaksigen Figur und seinem breiten Grinsen, das sehr ebenmäßige Zähne zeigte, wie ein großer Lausbube. Die meisten Kolleginnen himmelten ihn an. Laura nicht. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie ihn mochte. Seine ständige gute Laune ging ihr einfach nur auf die Nerven. Sie war ein Morgenmuffel und brauchte morgens erst einmal einen anständigen Kaffee, um auf Touren zu kommen. Wahrscheinlich war das auch der Grund, warum sie immer noch Single war. Sie wollte morgens ihre Ruhe, und Typen, die sie vor dem Frühstück schon totquatschten, konnte sie überhaupt nicht gebrauchen. Ihre Beziehung zu Ackermann war rein dienstlich und das war ihr mehr als recht. Sie war ihm zugeteilt worden und sie hatten damals beide keine Wahl gehabt. Einige Kollegen hatten schon die Bemerkung gemacht, dass sie nur zur Mordkommission hatte wechseln können, weil der Leiter des Dezernates der Meinung war, dass es zu wenige Frauen in der Abteilung gab. Sie hatte das Gefühl, dass jeder ihrer Schritte gnadenlos beleuchtet und jede Niederlage sofort registriert wurde. Wenn es nach ihrer Mutter ginge, dann gäbe es sowieso keine weiblichen Polizeibeamten. Als sie ihr damals mitgeteilt hatte, für welchen Beruf sie sich entschieden hatte, hatte sie angestrengt versucht, Laura von dieser Idee abzubringen. Sie war der Meinung, dass eine Frau einen so gefährlichen Beruf nicht ausüben sollte. Außerdem würden die meisten Frauen ohnehin heiraten und Kinder bekommen und dann zu Hause bleiben, da wäre eine langjährige Ausbildung nur Zeitverschwendung. Sie sollte doch lieber gleich arbeiten gehen und Geld verdienen. Aber Laura hatte sich durchgesetzt. Allen Widerständen zum Trotz hatte sie die Ausbildung bei der Polizei absolviert.
Nun fuhr sie mit ihrem alten Golf über die A 656 nach Heidelberg zum rechtsmedizinischen Institut. Die Obduktion der Leiche war für acht Uhr angesetzt. Sie musste sich sputen, um nicht die Letzte zu sein, denn sie wollte auf keinen Fall in der hintersten Reihe stehen müssen. Entschlossen drückte sie das Gaspedal durch. Dabei dachte sie an die junge Frau, die nun auf dem Obduktionstisch lag und in ein paar Minuten alle Blicke auf sich ziehen würde. Auch die Bilder vom Fundort der Leiche schoben sich immer wieder vor ihr inneres Auge.
Auf dem Parkplatz des Instituts für Rechts- und Verkehrsmedizin der Universität Heidelberg ergatterte sie die letzte freie Parklücke. Sie stieg schnell aus dem Auto und zog den Reißverschluss ihrer Jacke zu. Für Mitte März war es definitiv zu kalt. Die Wettervorhersage hatte Schnee angekündigt und Laura hoffte, dass die Meteorologen sich irrten. Schnee im März hatte sie schon seit Jahren nicht mehr erlebt. Ihr Atem bildete weiße Dampfwolken, während sie zum Gebäude eilte. Froh, im Warmen zu sein, winkte sie im Vorbeigehen dem Portier zu. Ein bekanntes Gesicht. Er hob die Hand und grüßte zurück.
Im Vorraum zum Sektionssaal wühlte sie in den Regalen nach passender Schutzkleidung. Sie erschauderte bei dem Gedanken an das, was jetzt kommen würde. Als sie einen Anflug von Übelkeit verspürte, wünschte sie sich, sie hätte doch schnell an der Tankstelle gehalten, um sich ein Croissant zu kaufen, das sie während der Autofahrt hätte essen können. Sie hatte keine Zeit zum Frühstücken gehabt und außerdem war sie viel zu aufgeregt gewesen. Zum ersten Mal hatte man ihr die Leitung eines Mordfalles übergeben, sie musste das einfach gut machen.
Ihr erster großer Fall.
Vor der Tür des Autopsiesaales atmete sie ein paarmal durch. Während ihrer Zeit beim Drogen- und Sittendezernat hatte sie durchaus hin und wieder Leichen gesehen. Die irgendeines Junkies, der sich zu Tode gespritzt hatte, oder die eines Obdachlosen, der im Winter keine andere Zuflucht gefunden, deshalb Schutz unter einer Brücke gesucht und die eisigen Temperaturen unterschätzt hatte.
Aber das hier war etwas anderes, hier ging es um Mord.
Als sie gestern Abend zum Tatort in der alten Hildebrandschen Mühle in Weinheim gekommen war, war ihr erster Blick auf zwei junge Kollegen gefallen. Sie standen fröstelnd vor dem ehemaligen Fabrikgebäude. Ihre aschfahlen Gesichter wirkten durch das Flackern der Blaulichter der Streifenwagen noch bleicher. Gespenstisch. Der Kleinere von beiden hatte den Kragen seiner Jacke hochgeschlagen und trat von einem Bein auf das andere, um sich warm zu halten. Der Größere rauchte. Sie sah, wie er zittrig die Hand hob, um den nächsten Zug zu nehmen. Sie wollte gerade an ihnen vorbeigehen, als ein Fahrzeug hinter ihr hielt. Sie drehte sich um. Ackermann stieg aus seinem Wagen.
„Ich hoffe, es ist wichtig, ich hatte ein verdammt heißes Date“, grunzte er, während er die Tür seines schwarzen BMWs zuschlug. In dem langen schwarzen Wollmantel, mit dem roten Wollschal und den schwarzen Lederhandschuhen wirkte er noch adretter als in der Kleidung, die er im Dienst normalerweise trug, befand Laura, als er auf sie zukam. „Schauen wir mal, was die Kollegen gefunden haben!“ Sie hatte sich den Abend auch anders vorgestellt und sich auf einen gemütlichen Fernsehabend mit ihrer Katze gefreut. Emma war eh schon sauer, weil ihr Frauchen so selten zu Hause war. Meistens rächte sie sich damit, ihr Geschäft auf Lauras Lieblingsteppich zu machen. Heute wäre Emma glücklich gewesen. Kuscheln mit Frauchen auf der Couch. Sicherlich wäre für sie etwas von Lauras Thunfischsandwich abgefallen. Nun, der Kuschelabend fiel aus, ebenso das Thunfischsandwich. Laura würde vorsichtshalber erst einmal den Teppich untersuchen, wenn sie nach Hause käme.
Ihr Blick wanderte an der historischen Fassade des Haupthauses der Mühle hoch. Aus dem angrenzenden Siloturm mit seinen Zinnen und den vier Ecktürmchen wuchsen junge Birken. Einige Gebäude waren verfallen und sahen aus, als drohten sie jeden Moment einzustürzen. Der Zahn der Zeit, Wind und Wetter hatten die einst so beeindruckende Fassade der schon seit Jahrzehnten leer stehenden Mühle stark beschädigt. Hier und da hatten sich Graffitikünstler verewigt. Viele Türen oder Fenster waren mit groben Steinen zugemauert worden und in den wenigen noch verbliebenen Glasscheiben spiegelte sich das pulsierende Blaulicht der Einsatzfahrzeuge.
Laura erinnerte sich, in der Zeitung gelesen zu haben, dass einige Teile der Mühle in den nächsten Monaten abgerissen werden sollten und dass das ganze Areal zu modernem Wohnraum umgebaut werden würde.
Ackermann blieb kurz vor dem Gebäude stehen.
„Wer hat eigentlich die Leiche gefunden?“
„Ein paar Jugendliche fanden, dass die Mühle ein toller Ort für eine Party wäre. Sie haben die Leiche gegen zweiundzwanzig Uhr entdeckt, sind dann zu einem der umliegenden Häuser gelaufen und haben von dort aus die Kollegen verständigt.“
Sie zeigte auf die Häuser an der Hauptstraße. In vielen Fenstern brannte noch Licht, manche waren bereits mit Osterdekoration geschmückt. In dem einen oder anderen Fenster sah Laura die Silhouetten von Anwohnern, die neugierig aus dem warmen Haus heraus hinüber zur Mühle starrten. Passanten und Nachbarn standen in Grüppchen auf der Straße, angelockt durch das Blaulicht der Einsatzfahrzeuge. Hier war etwas Schreckliches passiert, das wusste nun auch die Nachbarschaft.
Gemeinsam liefen sie über den Parkplatz, der mit Müll und Glas übersät war, überall wucherten Pflanzen aus den Rissen im Asphaltboden.
„Die Natur holt sich ihr Terrain zurück“, dachte Laura.
Vor dem Eingang der ehemaligen Mühlenvilla stand ein weiterer Beamter, der wie seine Kollegen die Gesichtsfarbe gewechselt hatte.
„Hallo, Kollegen“, sagte er.
Mit vielsagendem Blick sah er sie an: „Wollt ihr euch mal so richtig gruseln? Dann geht die Treppe rauf und dann rechts, die Spusis sind schon da. Aber vorher zieht die Überschuhe an!“ Laura hatte die Fahrzeuge der Spurensicherung und das mit der Aufschrift „Rechtsmedizin“ schon vor dem Fabrikgebäude stehen sehen.
Als sie hinter Ackermann die marode Treppe hochstieg, fragte sie sich, was sie wohl erwarten würde. Was die jungen, sonst so flapsigen Kollegen derart hatte verstummen lassen. Sie spürte den kalten Luftzug, vermischt mit dem Geruch von Blut. Sie hörte das Stimmengewirr der Beamten, die schon dabei waren, den Tatort zu inspizieren. Als ihr Vordermann das Stockwerk erreichte, stoppte er so abrupt, dass sie beinahe auf ihn aufgelaufen wäre. Ackermann schnaufte geräuschvoll aus und streckte die Schultern, bevor er weiterging. Oben angekommen spürte Laura, wie sich die Härchen in ihrem Nacken stellten und Gänsehaut ihre Arme überzog. Sie hörte, wie die Kollegen von der Spurensicherung Fotos schossen. Ein Kollege filmte den Tatort und kommentierte ihn entsprechend. Ihr selbst verschlug das Bild, das sich ihr bot, die Sprache. Während ihrer Zeit beim Drogen- und Sittendezernat hatte sie nicht allzu viele Leichen zu Gesicht bekommen. Auch während ihrer Ausbildung, wo sie, wie jeder andere Polizeianwärter, für ein paar Monate bei der Mordkommission eingesetzt worden war, hatte man zwar Bilder von grotesken Leichenfunden gezeigt, aber das vor ihren Augen ging weit über die Fotos im Lehrsaal hinaus. Laura blieb stehen. Geschockt rang sie nach Atem.
Im Scheinwerferlicht der Spurensicherung hing eine Frau an Seilen mitten in dem ansonsten leeren, kahlen Raum. Es wirkte, als würde sie schweben. Wäre da nicht der Flaschenzug gewesen, der an einem rostigen Stahlträger hing. Ihre Arme und Füße waren zusammengebunden und so an einem Haken aufgehängt, dass sie zur Decke zeigten. Ihr Körper war nackt und mit groben Seilen geschnürt wie ein Paket. Der Kopf baumelte schlaff und überdehnt Richtung Boden. Ihre langen braunen Haare hingen blutverklebt herunter. Unter der Frau hatte sich ein gefrorener See aus Blut gebildet. Man hatte ihr vermutlich die Kehle durchgeschnitten. Sie ging näher heran, hörte wie Ackermann tief einatmete. „Scheiße, wer macht denn so was?“
„Bondage-Liebhaber“, erwiderte Laura, ohne den Blick von der Frau zu nehmen. Der Körper war übersät mit blutigen Striemen, die aussahen wie Kratzer von riesigen Krallen. An ihrem linken Oberarm war ein großer, blutverkrusteter Fleck zu sehen.
„Hä?“, Ackermann schaute sie verwundert an.
„Woher weißt du denn so etwas?“ Laura ging weiter, versuchte jedes Detail zu registrieren. „Na ja, bei der Sitte habe ich schon den einen oder anderen Fall gehabt, wo Leute ihren Fetischismus ausleben wollten und es zu Unfällen kam, die sie nicht überlebt haben.“
„Fetisch? Aber das hier war doch eindeutig kein Unfall.“
„Stimmt“, sagte eine Frau im weißen Overall der Gerichtsmedizin. Sie drehte sich zu ihnen um. Ihre schwarzen langen Locken hingen über ihre Schultern und verdeckten das Namensschild. Laura war der Frau mit dem mediterranen Teint und der offensichtlich griechischen Nase noch nie begegnet. Ihre Wangen waren von der Kälte gerötet. Mit Blick auf das Opfer erklärte sie: „Diese unglückliche Frau wurde zuerst stranguliert, dann schnitt ihr der Täter oder die Täterin die Kehle durch.“
„Hatte sie Sex?“, fragte Laura. „Ja, sieht ganz danach aus. Ob einvernehmlich oder nicht, kann ich derzeit noch nicht sagen. Alles Weitere erfahren Sie dann bei der Obduktion. Ich sehe Sie morgen früh um acht in meinem Obduktionssaal.“
Mit diesen Worten wandte sich die Pathologin ab, nahm ihre Tasche und verließ den Tatort. Der Beamte, der die ganze Szene fotografierte, fragte: „Wieso liegt da ein Lolli?“
Bevor Laura den Türöffner an der Wand betätigte, warf sie einen schnellen Blick durch das eckige Glasfenster in der Tür. Zu ihrer Erleichterung war die Leiche noch mit einem Tuch abgedeckt. Eine kurze Gnadenfrist, bevor die grausigen Einzelheiten der Tat zum Vorschein kämen. Sie grüßte kurz in die Runde. Die Pathologin von gestern Abend hob den Kopf, um zu sehen, wer durch die Tür getreten war. Sie überprüfte gerade die Instrumente, die ihr ein Mitarbeiter auf einem Tablettwagen bereitgelegt hatte. Heute konnte Laura das Namensschild erkennen. „Dr. Elena Salonis“ las sie. Nun wusste sie, wer diese Ärztin war, denn von der zierlichen Pathologin mit griechischen Eltern hatte sie schon gehört.
Dr. Salonis war bekannt für ihre Präzision und Rationalität. Sie duldete keine Fehler, weder bei sich noch bei anderen. Ebenso duldete sie keine Witze in ihrem Sektionssaal. Sie behandelte die Toten mit Respekt und sollte jemand auf die Idee kommen, in ihrer Gegenwart einen dummen Kommentar über ihre Patienten zu machen, würde diese Person ihr griechisches Temperament zu spüren bekommen. Auf der anderen Seite des Tisches stand ihr Partner Falk Ackermann. Daneben Christian Sommer, der ebenso zu ihrem Ermittlungsteam gehörte. Laura schätzte ihn auf Ende dreißig. Er war ein richtiger Sherifftyp, groß, durchtrainiert, muskelbepackt mit Stiernacken, der meistens mürrisch dreinschaute, was sich heute verschärfte, da er wie alle Anwesenden die vorgeschriebene Schutzkleidung trug. Seine Augen wirkten zwischen dem Saum der OP-Haube und dem Rand des Mundschutzes noch verkniffener als sonst. Laura wusste, dass er sie nicht leiden konnte. Er wollte keine weitere Frau im Dezernat. Dass sie nun die Leitung in diesem Fall hatte, gefiel ihm gar nicht. Sie grüßte ihre Kollegen mit einem kurzen Nicken. Ein weiterer Mitarbeiter betrat mit einem Stapel Röntgenbilder den Raum. Die Aufnahmen machten ein schwirrendes Geräusch, als er sie an den Betrachter hängte. Sofort ging Dr. Salonis zu den Röntgenbildern und studierte eingehend die Gebissaufnahmen der unbekannten Toten.
„Wissen wir mittlerweile, wer sie ist?“
Ohne den Blick von dem Pantomogramm zu nehmen, griff sie nach einer Lupe vom Tablettwagen. Es hatte den Anschein, als fixierte sie eine bestimmte Stelle auf der Röntgenaufnahme. „Nein“, sagte Laura. Dabei versuchte sie auszumachen, was die Ärztin an dieser Aufnahme so interessierte. Für Laura schienen es ganz normale Gebissaufnahmen zu sein.
Die Pathologin wandte sich einer weiteren Aufnahme zu: „Es könnte sein, dass unsere Unbekannte aus der ehemaligen Sowjetunion stammt.“
„Wie kommen Sie darauf?“, fragte Laura überrascht. Dr. Salonis drehte sich zu Laura um. „Schauen Sie mal hier.“ Sie zeigte auf eine Stelle an einem Backenzahn im Unterkiefer. Laura ging näher heran, um besser sehen zu können. Dr. Salonis reichte ihr die Lupe. Es dauerte einen Moment, bis Laura sah, was die Frau neben ihr meinte. Ein Backenzahn sah aus, als hätte er eine Art hauchfeine Ummantelung.
„So, wie es aussieht, handelt es sich um eine Scharpey-Krone. Das ist eine Zahnkrone, wie sie vor einigen Jahren noch in Teilen von Russland gefertigt wurde. Im Gegensatz zu in Deutschland hergestellten Vollgusskronen ist dies eine sogenannte gestanzte Krone. Sie ist günstig und ohne viel Aufwand herzustellen. Schauen wir uns das doch einfach mal an!“
Sie trat an den Sektionstisch und hob das weiße Laken an. Sie deckte die Leiche nur bis zum Hals auf, sodass Laura lediglich den Kopf der Toten sah. Auf ihrem Gesicht waren noch Reste von Make-up zu erkennen. Die mit schwarzem Kajal betonten Augen starrten leblos zur Decke und hatten ihren Glanz verloren. Ihr Gesicht hatte die Farbe von grauem Marmor angenommen. Die blauen Blutgefäße schimmerten durch ihre blasse Haut. Die Lippen waren blau und leicht geöffnet. Laura konnte sehr weiße Zähne und ein Lippenbandpiercing erkennen.
Der Assistent, der schon am Tisch bereitstand, öffnete den Mund der Toten. Dr. Salonis nahm eine Sonde und eine kleine Taschenlampe, mit der sie in die Mundhöhle leuchtete. Innerhalb weniger Sekunden fand sie den überkronten Zahn. „Sehen Sie die glatten Flächen der Krone?“
Laura erkannte eine metallische Zahnverblendung, die aussah, als hätte jemand eine glatt-glänzende Hülse über den Zahn gestülpt.
„Sie hat nur ein sehr geringes Kauflächenprofil. Dies entspricht nicht dem heutigen deutschen Standard“, fuhr die Pathologin fort. „Auch die angrenzenden EU-Staaten verwenden seit Jahrzehnten keine Stanzkronen mehr. Aber die noch in Massen von russischen Spätaussiedlern getragenen Goldkronen deuten auf diese Herstellungsart hin. Diese Kronen haben eine nur schwach angedeutete Modulation der Kauflächen und oft einen großen Randspalt. Da diese Goldkronen meistens aus einem sehr dünnen Goldblech gefertigt werden, sind sie auf Röntgenbildern teilweise nur schwer zu erkennen.“ Dr. Salonis nickte ihrem Assistenten zu. Dieser entfernte das Leichentuch und warf es in einen bereitstehenden Metallcontainer.
Nun sahen alle Anwesenden, was der jungen Frau angetan worden war. Laura bemerkte, wie Sommer schluckte, und sie selbst spürte, wie ihr Magen zu rebellieren begann. Sie straffte die Schultern und starrte auf die Leiche.
Die Seile waren entfernt und das Blut war größtenteils abgewaschen worden. Die Frau lag ausgestreckt auf dem Rücken. Ihr Hals zeigte zum einen eine klaffende Wunde und zum anderen bläuliche Flecken, die wie Würgemale aussahen. Ihr Körper war übersät mit roten Striemen und Blutergüssen. Die Hand- und Fußgelenke ließen Spuren von Fesseln erkennen. Laura stellte erschrocken fest, dass es sich bei der blutverkrusteten Wunde am Oberarm nicht, wie vermutet, um eine normale Wunde handelte, sondern unverkennbar um die eingeritzte Zahl Dreizehn. Dr. Salonis dokumentierte in sachlichem Ton die äußere Besichtigung. Ihrer Stimme konnte man keine Gefühlsregung entnehmen. Laura musterte die elegante, schlanke Frau. Einige ihrer schwarzen Locken lugten unter der OP-Haube hervor. Sie beobachtete, wie die Pathologin den Hals intensiv untersuchte und sich die Strangulationsmale ansah, bevor sie die Schnittwunde am Hals ausmaß.
„18,4 cm, Carotis rechts an der Bifurkation durchtrennt, Schildknorpel angeritzt, offensichtlich die Todesursache. Die Wundränder sind glatt. Sieht nach einem einzigen Schnitt mit einem sehr scharfen Messer mit glatter, einschneidiger Klinge aus.“ Dr. Salonis sah Laura direkt in die Augen.
„Der Täter hat nicht gezögert und wusste genau, wie er das Messer führen musste, um effektiv zu sein. Hier können Sie einen rechtwinkligen Einschnitt am Wundrand sehen“, sie zeigte auf ein Ende der Wunde. „Das ist ein Hinweis darauf, dass der Täter von links nach rechts geschnitten hat.“
„Er ist Rechtshänder?“, fragte Sommer. Die Pathologin nickte. „Ja, eindeutig.“
„Aber sie wurde auch stranguliert“, meinte Ackermann mit Blick auf die dunklen Flecken am Hals der Toten.
„Ja“, erwiderte Dr. Salonis, „eine Kompression der Halsweichteile ist deutlich zu erkennen.“ Sie griff erneut nach der kleinen Taschenlampe. „Aber wie Sie hier sehen“, sie öffnete noch einmal den Mund des Opfers und leuchtete in die Mundhöhle, „ist das Zungenbein nicht gebrochen.“
„Wieso hat der Täter sie dann vorher noch gewürgt?“, warf Sommer ein.
„Atemkontrolle“, meinte Laura. Dr. Salonis nickte bestätigend.
„Ja, das könnte passen. Für manche Menschen ist es beim Sex stimulierend, wenn sie die Kontrolle über sich abgeben.“
„Asphyxiesex ist relativ häufig. Der Wunsch, den Orgasmus durch den Sauerstoffmangel zu verstärken, hat in der Vergangenheit immer wieder zu Todesfällen geführt. Da gab es sogar schon den einen oder anderen Prominenten, der daran verstorben ist.“
„Ehrlich?“, staunte Ackermann. „Ja, Michel Hutchinson zum Beispiel, der Sänger der Gruppe INXS. Er wurde nackt mit einem Gürtel um den Hals in einem Hotelzimmer gefunden. Und das ist kein Einzelfall. Da gibt es einige. Die Leute legen sich einen Strick um den Hals, den sie zuvor beispielsweise an einem Heizkörper oder Türknauf befestigt haben, und lehnen sich zurück, um dabei zu masturbieren.“
„Aber, wenn er sie doch umbringen wollte, warum hat er dann die Schlinge nicht einfach weiter zugezogen? Er hat sich die Mühe gemacht, die Schlinge von ihrem Hals zu nehmen, um ihr anschließend die Kehle durchzuschneiden.“
„Ich denke, das ist Teil seines perversen Spiels, sein Opfer so lange wie möglich zu quälen“, meinte Laura.
Sie sah, wie sich die Pathologin nun der Untersuchung des Oberkörpers zuwandte.
Dr. Salonis Blick verweilte an den langen Striemen. „Scheint so, als hätte man sie ausgepeitscht“, sagte sie, während sie auf einige besonders dunkle Male an Oberkörper und Extremitäten zeigte. Dann wandte sie sich dem Oberarm zu, der vom Mörder mit der Zahl Dreizehn versehen worden war. Sie maß die Tiefe der Wunde aus.
„Soweit ich das sehe, hat das Opfer noch gelebt, als der Mörder ihr diese Wunden beigebracht hat. Sehen Sie die unsauberen Wundränder? Das Opfer hat sich gewehrt, als er mit der Klinge ihre Haut ritzte. Außerdem“, sie zeigte auf die ringförmigen roten Streifen um die bläulich verfärbten Brüste der Frau, „wurden ihre Brüste so stark abgebunden, dass sich das Seil tief in die Haut geschnitten hat.“
Laura starrte auf die Brüste und versuchte sich vorzustellen, welche Schmerzen so ein Abbinden des Busens verursachte. Sie fragte sich, worin der Reiz des Schmerzes lag. Für sie kam so etwas nicht in Frage. Sie sah die Männer im Raum an. Ackermann, dessen Augen zornig funkelten. Sommer, der grimmig der Pathologin zusah, die sich soeben dem Schambereich der toten Frau zuwandte.
„Wurde sie vergewaltigt?“, fragte Laura mit Blick auf die Hände des Opfers. Die Fingerkuppen waren noch geschwärzt von der Tinte, mithilfe derer man ihre Fingerabdrücke genommen hatte. Einige Fingernägel waren abgebrochen, was ein eindeutiger Hinweis darauf war, dass sich die Frau gewehrt haben musste. Sicherlich hatten sich die Kollegen von der Spurensicherung die Finger genau angesehen und entsprechende Spuren, wenn vorhanden, gesichert.
Dr. Salonis sagte: „Sie hatte auf jeden Fall sehr heftigen Geschlechtsverkehr. Es ist natürlich schwer zu sagen, ob einvernehmlich oder nicht, da Menschen mit Fetisch oft auf Vergewaltigungsspiele stehen.“ Sie machte einen Abstrich in der Hoffnung, Sperma und somit DNA sichern zu können. Ihr Assistent half ihr, die Frau umzudrehen, damit sie auch eventuelle Spuren im Analbereich nicht übersahen.
Wieder auf dem Parkplatz des gerichtsmedizinischen Instituts angekommen, atmete Laura die frische, saubere Luft ein, bevor sie in ihren Wagen stieg. Trotz der Kälte fuhr sie mit geöffnetem Fenster zum Präsidium. Sie kam sich vor wie jemand, der kurz vor dem Ertrinken gewesen war und nun endlich wieder Luft bekam. Gierig sog sie die klare Luft ein, um den Geruch des Obduktionssaales in ihrer Lunge zu verdünnen. Sie hatte sich nichts anmerken lassen; während der ganzen Prozedur hatte sie aufmerksam zugehört. Nicht ein einziges Mal hatte sie weggesehen, aber als Dr. Salonis mit einem Y-Schnitt den Brustkorb geöffnet hatte, war es ihr doch anders geworden.
Sie lief zum Besprechungszimmer. Schon im Flur hörte sie die Stimme des Polizeipsychologen. Als sie eintrat, blickte sie in die müden Gesichter der Kollegen. Sommer und Ackermann waren schon da, ebenso Armin Elszer von der Spurensicherung, der sich an einem Becher Kaffee festhielt. An einer Wand des Raumes war ein Whiteboard aufgestellt, an dem Fotos vom Tatort und dem Opfer hingen. Sie setzte sich auf den einzigen noch freien Stuhl am Kopfende des Tisches. Einige Köpfe hatten sich kurz zu ihr umgedreht, doch dann hatten sich alle wieder Dr. Gerhard Adam zugewandt, der mit ruhiger, fast hypnotisierender Stimme sprach.
„Natürlich liegt es im Auge des Betrachters. Fetisch kann viele Formen haben. Für manche Menschen ist es ganz natürlich, vom Partner dominiert zu werden. Andere wiederum möchten dominieren. Dann gibt es Leute, die möchten einfach nur zusehen.“
„Wie?“, fragte Sommer. „Die wollen zusehen, wie jemand vergewaltigt wird?“
„Ja“, Adam nickte bestätigend mit dem Kopf. „Und das Geschlecht spielt dabei keine Rolle.“ Laura wandte sich an Elszer: „Was habt ihr gefunden?“
„Na ja, das Seil kann man in jedem Baumarkt kaufen. Die Karabinerhaken auch. An der Leiche selbst haben wir Fasern gefunden.“
Er zog einen Bericht aus der Mappe, die vor ihm auf dem Tisch lag, und reichte ihn Laura. Zuoberst lagen Aufnahmen eines Elektronenmikroskops.
„Die Kollegen vom Labor sagen, dass es sich hier um graue Velourfasern eines Kofferraumteppichs von einem Mercedes Benz Coupé handelt. Das deckt sich mit den Reifenspuren, die wir auf dem Gelände der Mühle gefunden haben.“
Laura überflog den Bericht. „Somit wissen wir, dass der Täter sein Opfer mit solch einem Fahrzeug zu der alten Mühle transportiert hat.“
„Das Einzige, was mich stutzig macht“, warf Elszer ein, „ist der Lolli. Wieso hinterlässt jemand an einem Tatort einen Lolli?“
„Wie, so ein richtiger Lolli?“, fragte Sommer.
“Ja!“, Elszer reichte ihm das Foto, auf dem ein gelb-weißer, kegelförmiger Lutscher mit einem kleinen roten Rennauto als Griff abgebildet war. Sommer reichte es an einen Kollegen weiter und meinte: „Der ist ja richtig oldschool, die habe ich als Kind auch gerne gegessen.“
Laura schaute auf das Bild. Sie erinnerte sich, dass auch sie als Kind solche Lollis von ihrer Mutter geschenkt bekommen und diese immer toll gefunden hatte. In einer Zeit, in der Kinder nicht täglich Süßigkeiten bekommen hatten, war so ein Lolli schon etwas Besonderes gewesen. Sie überlegte, ob es diese Art Lolli überhaupt noch zu kaufen gab. „Gibt es die heute noch?“
Elszer antwortete: „Ich hab mal im Internet recherchiert, die kann man online bestellen und sie sind gar nicht mal günstig.“
„Meint ihr, der Mörder isst diese Lutscher und hat den verloren?“
„Das glaube ich nicht“, warf Dr. Adam ein. In einer Hand hielt er das Foto, das die Runde gemacht hatte und nun bei ihm gelandet war. Alle schauten den Psychologen an, der die letzten Minuten ruhig und unscheinbar am anderen Tischende gesessen hatte.
„Für den Mörder ist dieser Lolli ein Symbol.“ Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass dieses Sinnbild auch ein Zeichen an uns sein soll. Er will uns etwas mitteilen, sonst hätte er den Lutscher nicht so drapiert, dass wir ihn garantiert nicht übersehen.“
„Haben Sie auch eine Theorie, was er uns sagen will?“
Die Frage kam von Sommer, und der leichte Spott in seiner Stimme war nicht zu überhören. Der Psychologe ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Unbeirrt fuhr er fort: „Ich bin der festen Überzeugung, dass der Mörder in seinem Wesen noch kindlich ist. Er möchte sich beim Opfer mit einem Lolli entschuldigen.“
„Von einem Lolli wird die Frau auch nicht wieder lebendig!“, sagte Ackermann sarkastisch. „Was hat es mit der Zahl auf sich?“ fragte Laura.
Der Polizeipsychologe sah Laura fest in die Augen.
„Die Zahl ist sehr wichtig für unseren Täter, sonst hätte er sein Opfer damit nicht markiert.“
„Aber warum die Dreizehn?“, fragte Elszer.
„Die Dreizehn gilt in vielen Kulturen als Unglückszahl. Die irrationale Furcht vor der Zahl Dreizehn wird Triskaidekaphobie genannt. Menschen mit dieser Phobie meiden Räume oder Stockwerke mit dieser Zahl oder die Dreizehn allgemein. Diese weitverbreitete Phobie beziehungsweise dieser Aberglaube geht so weit, dass in Gebäuden oftmals der dreizehnte Stock fehlt oder nicht ausgeschildert wird. In Flugzeugsitzen wird des Öfteren die dreizehnte Reihe in der Nummerierung ausgelassen. Auch in vielen Krankenhäusern oder Hotels wird auf ein Zimmer mit der Nummer dreizehn verzichtet, in vielen Motorsportserien auf die Startnummer dreizehn. Ich denke allerdings, die Dreizehn hat für unseren Täter eine hohe Symbolkraft. Vielleicht ist er Esoteriker. Im Tarot ist die Dreizehn dem ‚La Mort‘, dem Tod, zugeordnet. Vielleicht ist die Unbekannte aber schon sein dreizehntes Opfer oder er zählt rückwärts, dann werden noch zwölf weitere Opfer folgen.“
Kapitel 2
Laura fuhr nach Hause, sie war müde und frustriert. Das Leben bei der Mordkommission war anstrengender, als sie gedacht hatte. Heute Nacht war sie von den Kollegen aus dem Schlaf gerissen worden, weil sich zwei aus Rumänien stammende Männer gestritten hatten. Nun lag der eine im Kühlraum der Rechtsmedizin und der andere saß in Untersuchungshaft. Er hatte sich den ganzen Tag geweigert, mit Laura zu reden. Er hatte einfach nur dagesessen und ihr mit seinen dunklen Augen hasserfüllte Blicke zugeworfen. Auch der herbeigerufene Dolmetscher hatte ihn nicht zum Reden bringen können. Laura war sich der höhnischen Blicke der Kollegen bewusst gewesen, weil sie es nicht geschafft hatte, den Rumänen zu einer Aussage zu bewegen. Aber sie würde nicht klein beigeben. Morgen war ein neuer Tag. Ihre Gedanken schweiften ab zu ihrem anderen ungeklärten Mordfall. Sie dachte an die tote Frau, die vor Wochen in der Mühle gefunden worden war. Es machte sie fast verrückt, dass sie in diesem Fall nicht weiterkamen. Weder hatten sie das Opfer identifizieren können, noch gab es irgendwelche konkreten Hinweise auf den Täter. Seit mehr als zwei Monaten arbeiteten sie nun mit Hochdruck an der Spurenauswertung. Über das Opfer wussten sie lediglich, dass die Frau etwa dreißig Jahre alt war und vielleicht aus Russland stammte. Ihre Fingerabdrücke waren nicht in der Datenbank erfasst. Auch der Vergleich von Röntgenaufnahmen ihrer Zähne mit denen von Vermissten hatte kein Ergebnis gebracht. Wenn sie nie straffällig geworden war und niemand sie als vermisst meldete, würden sie wahrscheinlich nie herausfinden, wer sie war.
Zu allem Übel hatte ihre Mutter heute Geburtstag und sie hatte immer noch kein Geschenk. Wie sie diese Familienfeierlichkeiten hasste. Ihre Mutter hatte sicherlich den ganzen Tag gebacken und gekocht, um die ganze Verwandtschaft zu verköstigen, die sich erfahrungsgemäß gerne an ihren gedeckten Tisch setzte, um sich in jeder Hinsicht bedienen zu lassen. Vermutlich war ihre Mutter wieder gestresst und aufgeregt, da sie immer befürchtete, jemand könnte nicht satt werden. Und ganz bestimmt würde sie wieder von den Geschenken enttäuscht sein. Ihr Vater würde sich mit Sicherheit ein Bier nach dem anderen genehmigen, denn das war seine Art, mit so einem Tag fertig zu werden. Das kannte Laura schon. Die Einzige, die ihre Mutter nicht enttäuschen würde, würde ihre Schwester sein. Die würde wieder einen tollen Kuchen mitbringen und das beste Geschenk. Silke war in den Augen ihrer Mutter das Vorzeigekind. Fürsorgliche Tochter, liebende Mutter von zwei Kindern und Ehefrau eines Ingenieurs. Alles das, was Laura nicht war und zurzeit auch nicht sein wollte. Zu Hause angekommen versorgte sie mit schlechtem Gewissen die hungrig und vorwurfsvoll ihr um die Beine streichende Emma. Schon wieder gab es keine Zeit für ausführliche Streicheleinheiten, ein Napf voll Futter musste genügen.
„Was für eine Rabenmutter du hast, Kätzchen“, murmelte sie und verschwand im Bad. Frisch geduscht und mit einer Schachtel Pralinen, die sie im Vorbeifahren an der Tankstelle gekauft hatte, in der Hand klingelte Laura an der Tür ihrer Eltern. Ihr Vater öffnete. „Na, da bist du ja endlich, meine Große, schön, dass du gekommen bist.“ Er nahm sie in den Arm. Zweifellos hatte er schon den einen oder anderen Schluck getrunken. Stimmengewirr kam aus dem Wohnzimmer, anscheinend waren alle schon da und sie war wie immer die Letzte. Laura atmete tief durch. Im selben Moment kam Silke aus der Küche, mit einer großen dampfenden Schüssel im Arm. Wie immer war sie perfekt gestylt, wie immer sah sie aus, als käme sie direkt vom Friseur, und wie immer war sie sichtlich teuer gekleidet. Im Vorbeigehen drückte sie Laura einen Kuss auf die Wange und flüsterte dabei verschwörerisch:
„Du solltest rennen, so lange du noch kannst, Schwesterherz!“
„Warum?“, fragte Laura, aber ihre Schwester war schon verschwunden. Ihr Vater führte sie ins Wohnzimmer, wo die gesamte Verwandtschaft am Esstisch saß und sich die Vorspeise schmecken ließ. Alle schwatzten und begrüßten sie herzlich. Ihre Mutter hatte gerade eine Schüssel Gemüse auf den Tisch gestellt. Sie warf Laura einen wütenden Blick zu, kam auf sie zu und zog sie mit sich in die Küche. Wo es sonst so penibel aufgeräumt war, sah es heute aus wie in einer Großküche. Die Arbeitsplatte war übersät mit dampfenden Schüsseln voll mit selbst gemachten Knödeln und Spätzle sowie Platten mit gebratenem Hühnchen und Rinderbraten. Auf dem Herd köchelte irgendetwas vor sich hin und verströmte einen leckeren Duft. Der Küchentisch stand voll mit verschiedenen Kuchenbehältern mit selbst gebackenen Torten und Kuchen für den Kaffee nach dem Essen, die nur darauf warteten, serviert zu werden. So wie Laura ihre Verwandtschaft kannte, würde diese erst gehen, wenn alles verputzt war. Regina Braun war es gewohnt, für viele Menschen zu kochen, und sie war nur glücklich, wenn es allen schmeckte.
„Wo warst du so lange? Immer bist du zu spät! Nicht einmal an meinem Geburtstag schaffst du es, pünktlich zu sein. Außerdem hätte ich deine Hilfe gebraucht“, zischte Regina Braun und füllte braune Soße in eine vorgewärmte Sauciere. „Gut, dass wenigstens auf deine Schwester Verlass ist!“
„Ich musste länger arbeiten. Wir haben zurzeit einen schwierigen Fall“, versuchte Laura, sich zu rechtfertigen. Aber ihre Mutter würdigte sie keines Blickes und machte sich daran, Sahne in die Soße zu rühren. Wenn ihre Kollegen sie so sehen würden. Im Dienst war sie die toughe Polizistin. Bei ihrer Mutter war sie das kleine Mädchen, das wieder einmal zu spät zum Essen gekommen war und gleich Stubenarrest bekommen würde.
„Jetzt komm rüber und iss! Und erzähle ja nicht von deiner abscheulichen Arbeit!“
Mit diesen Worten drückte Regina Braun ihrer Tochter die Sauciere in die Hand. Sie selbst nahm die Fleischplatten.
„Ich darf eh nicht über den Fall reden“, setzte Laura an, aber ihre Mutter war schon vor ihr ins Wohnzimmer gegangen und überhörte Lauras Worte.
Ich verlasse ihr Zimmer und ziehe leise die Tür hinter mir zu.
Ich lehne mich mit dem Rücken an die Tür und schließe die Augen. Ich atme tief und stoßweise. Meine Lungen füllen sich mit frischer Luft, die durch das leicht geöffnete Fenster in den halbdunklen Flur dringt. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich die heiße, verpestete Luft, die ich eben in ihrem Zimmer eingeatmet habe, nicht mehr aus meinen Atemwegen bekomme. Meine Lunge brennt förmlich und ich fühle mich wie ein Fisch, der in einem Netz gefangen ist, welches gerade die Wasseroberfläche durchbricht und ihn aus dem kühlen, lebenswichtigen Nass zieht.
Ich streife die Latexhandschuhe ab. Angeekelt werfe ich sie in den Mülleimer, der neben der Tür steht. Wenn ich nur alles so einfach abstreifen könnte wie diese Handschuhe! Ihren Geruch, ihren Anblick, den Klang ihrer Stimme. Wenn ich doch nur die Erinnerungen ablegen könnte. Erinnerungen, die mich täglich quälen. Erinnerungen, die nachts meine Träume in Albträume verwandeln.
Ich begebe mich in mein Zimmer. Wie immer zähle ich die Schritte. Ich nehme mir ständig vor, meine Schritte nicht zu zählen. Aber doch tue ich es immer wieder. Ich kann nicht anders. Es ist ein Zwang, der mich beherrscht. Es sind dreizehn.
Ich laufe wie immer über den alten Perser. Ich kann mich noch daran erinnern, wie stolz sie gewesen ist, als sie diesen Teppich zum ersten Mal auf dem Boden ausgerollt hat. Wie frisch die Farben geleuchtet haben und wie weich er sich angefühlt hat. Dann wurde alles anders.
Ich gehe ins Bad, reiße mir die Kleider herunter und werfe sie achtlos auf den Fußboden. Kleider, die mit ihrem Geruch durchtränkt sind und mit ihrem Blut.
Ich steige in die Dusche und drehe den Hahn voll auf. Ich spüre, wie das eiskalte Wasser über meinen Kopf und meinen Körper läuft. Wie es versucht, die Sünde abzuwaschen. Ich zittere am ganzen Körper. Trotzdem bleibe ich unter dem kalten Wasserstrahl stehen. Spüre, wie die Kälte des Wassers in meine Knochen dringt. Ich halte den Kopf gesenkt und sehe dem Wasser nach, wie es im Abfluss verschwindet. Mein Blick fällt auf meinen Penis. Trotz der Kälte ist er erigiert. Ich spüre die Lust, die mich durchflutet. Mein Atem geht schneller und ich lege Hand an mich. Ein kleines Vorspiel, denn heute Abend werde ich ein Liebhaber sein. Heute Abend habe ich ein ganz besonderes Date.
Kapitel 3
Laura wachte auf, als ihr Handy klingelte. Mit halb geöffneten Augen schielte sie zum Wecker. In ein paar Minuten hätte sie ohnehin aufstehen müssen. Sie langte auf den Nachttisch und tastete nach dem Telefon.
„Braun“, meldete sie sich müde und schlecht gelaunt. Wer um diese Zeit anrief, sollte einen guten Grund haben.
„Es war wieder unser Freund“, erklärte Ackermann eine halbe Stunde später, als Laura am Tatort im Heidelberger Stadtteil Kirchheim eintraf. Er kam ihr im Treppenhaus entgegen, um ihr Überzieher und Handschuhe zu reichen. Überrascht sah er sie an. „Na, wohl ´ne kurze Nacht gehabt“, sagte er grinsend.
„Ja, ganz toll. Meine Mutter hatte gestern Geburtstag!“
„Oh, das hört sich an, als hättest du richtig viel Spaß gehabt!“ Sein Grinsen wurde noch breiter.
„Keine Fragen, bitte!“
Sie hatte nur schnell geduscht und das Erstbeste, was ihr in die Finger kam, angezogen. Nun stellte sie fest, dass ihre Bluse einen Fleck hatte und genauso zerknittert aussah wie sie selbst. Sie hatte schlecht geschlafen und die Geburtstagsfeier ihrer Mutter steckte ihr immer noch in den Knochen. Ihr Schädel dröhnte, denn Onkel Phillip hatte ständig ihr Weinglas aufgefüllt und gemeint, dass eine Polizistin, die nicht im Dienst wäre, durchaus mal einen heben sollte. Dabei mochte Laura gar keinen Wein. Ein anständiges Bier wäre ihr lieber gewesen. Ihre Tante hatte zum hundertsten Mal gefragt, wann sie denn endlich heiraten und Kinder in die Welt setzten würde. Und wie jedes Mal hatte sie sich anhören müssen, dass ihre Tante ja schließlich ihren Teil zur Gesellschaft beigetragen hätte. Immerhin hätte sie vier Kinder großgezogen, aus denen etwas geworden sei.
Laura war geblieben, bis alle gegangen waren, um ihrer Mutter beim Abwaschen und Aufräumen zu helfen. Zu allem Übel hatte ihre Mutter zu weinen angefangen. Wie so oft an Festtagen. Alle Jahre wieder wurde ihre Mutter an ihrem Geburtstag sentimental, weil sie sich daran erinnerte, dass es das letzte Fest war, welches sie zusammen mit ihrem Pflegesohn David gefeiert hatten. Als Laura zehn Jahre alt gewesen war, war sie eines Morgens aus ihrem Zimmer gekommen und hatte auf der Couch einen kleinen Jungen schlafen gesehen. Für Lauras Familie war dies nichts Besonderes, da ihre Mutter ständig jemanden bei sich aufnahm. Das konnte auch schon mal eine herrenlose Katze, ein kleiner Igel oder ein aus dem Nest gefallenes Vogelbaby sein. Regina Braun hatte ein großes Herz für Bedürftige, sie engagierte sich für die Armen und kochte jeden Donnerstag in der Mannheimer Armenküche für Obdachlose. Hin und wieder schliefen auch mal für ein paar Tage irgendwelche Kinder bei ihnen. Meistens nur für zwei oder drei Wochen, bis das Jugendamt eine Pflegefamilie für diese Kinder fand. Laura machte sich zuerst gar nicht die Mühe, sich an den Jungen zu gewöhnen, da er sowieso nicht lange bleiben würde. Nur dass dieses Mal ihr Besuch über ein Jahr blieb, bis er einen Tag nach dem Geburtstag ihrer Mutter zurück zu seiner leiblichen Mutter gebracht wurde. Für Laura war das nicht weiter schlimm. Es würde sicherlich nicht lange dauern, bis das nächste Kind bei ihnen untergebracht werden würde. Schließlich waren ihre Eltern beim Jugendamt als Kurzzeitpflegeeltern registriert. Aber ihre Mutter hatte sich so an den Jungen gewöhnt, dass sie sehr unter der Trennung gelitten und deshalb nie wieder ein Kind aufgenommen hatte. Laura erinnerte sich daran, dass sie öfter mal von der Schule nach Hause gekommen war und ihre Mutter weinend am Küchentisch fand. Laura war zu dieser Zeit in der Pubertät gewesen und hatte ihre Mutter ohnehin merkwürdig gefunden. Dass sie einem Kind nachtrauerte, welches nicht ihr eigenes war, hatte sie einfach nicht verstanden. Ganz im Gegenteil. Die Trauer ihrer Mutter hatte in Laura immer ein Gefühl von Eifersucht und Wut ausgelöst. Als Jugendliche hatte sie sich oft gefragt, ob ihre Mutter auch so getrauert hätte, wenn sie von zu Hause weggelaufen wäre.
Gestern Abend hatte sie dann ihre Mutter so lange in die Arme genommen und getröstet, bis diese sich einigermaßen wieder beruhigt hatte. Laura war erst gegangen, als ihre Mutter ihr versichert hatte, sie könnte bedenkenlos gehen. Um kurz nach zwei war Laura todmüde ins Bett gefallen. Folglich sah sie nun alles andere als frisch aus.
„Wo ist sie?“, fragte sie, während sie die Überzieher über ihre Schuhe streifte. Ackermann nahm einen tiefen Atemzug. „Die Treppe hoch, dann rechts.“
Zögernd und mit pochendem Herzen trat Laura über die Türschwelle. Es war ihr klar, dass sie mit dem Schlimmsten rechnen musste. Ackermann hatte gesagt, dass sie es wieder mit dem Mörder zu tun hatten, der die Frauenleiche in der Hildebrandschen Mühle präsentiert hatte. Wenn sie daran dachte, was er mit dem ersten Opfer alles angestellt hatte, war ihr klar, dass er auch dieses Mal nicht einfach nur getötet hatte.
Auf den ersten Blick wirkte die Wohnung ganz normal. Als Laura sie betrat, sah sie nichts, was auf ein Verbrechen hindeutete. Nichts, dessen Anblick sie erschreckte. Sie stand in einem langen Flur mit Türen zu beiden Seiten. An einer Wand hing ein langer schwarzer Ledermantel an einer Garderobe. Daneben befand sich ein deckenhoher Spiegel. Auf der anderen Seite stand eine Kommode mit einem großen Kerzenständer, an dem alle Kerzen heruntergebrannt waren. Das Wachs hatte eine erkaltete Pfütze auf dem Läufer hinterlassen. Durch die geöffnete Tür auf der linken Seite blickte sie in einen in Rot und Schwarz gehaltenen Raum. Sie blieb kurz stehen. Mitten in dem abgedunkelten Zimmer erkannte sie einen schwarzen Stuhl, der sie an den bei ihrem Gynäkologen erinnerte. Auch hier war alles in Ordnung, kein Blut, keine Leiche. Sie ging weiter den Flur entlang und kam an einer kleinen modernen Küche vorbei, die offensichtlich nicht benutzt worden war. Nichts wies darauf hin, dass hier jemand gekocht hatte. „Wenn meine Küche auch mal so ordentlich aussehen würde!“, dachte sie. Aus einem anderen Zimmer hörte sie Stimmen. Sie ging darauf zu.
Als sie den Raum betrat, stockte ihr der Atem. Ihr Herz machte einen Aussetzer und ihr Puls raste. Als sie den Flur der Wohnung betreten hatte, hatte sie sich vorgenommen, mit allem zu rechnen. Sie wusste, dass das, was sie zu sehen bekäme, schockierend sein würde, und sie wusste, dass etwas Schreckliches mit dem Opfer passiert sein musste. Sie hatte es in den Augen von Ackermann gesehen.
Aber was ihr Blick einfing, übertraf alle ihre Befürchtungen.
Der Raum, in dem sie sich nun befand, hatte ebenfalls eine schwarz lackierte Decke sowie einen schwarzglänzenden Boden. Die Wände waren dunkelrot gestrichen und mit Ketten und Kerzenhaltern dekoriert. Gleich am Eingang stand ein Metallbett mit einer schwarzen Latexmatratze, an dessen Pfosten Ketten mit Handschellen baumelten. Die Einrichtung war es nicht, die Laura so schockierte, es war die Frau an dem Andreaskreuz, auf die sie starrte. Sie war nackt. Ihr Kopf ruhte auf ihrer blutüberströmten Brust. Die langen, blutverklebten blonden Haare hingen über ihrem Gesicht, sodass Laura es nicht erkennen konnte. Sie sah ihre blasse Haut und im schrillen Kontrast dazu das rote Blut, das über ihren Körper geflossen war. Sie sah aus, als hätte jemand einen Eimer roter Wandfarbe über ihr Dekolleté geschüttet. Laura vermutete, dass man auch ihr die Kehle durchgeschnitten hatte. Sie spürte ihren eigenen Pulsschlag, wie ihr eigenes Blut durch ihre Halsschlagader floss.
„Grundgütiger! So viel Blut!“ Sie überlegte, über wie viel Liter Blut so ein schlanker Frauenkörper verfügt, denn zu ihren Füßen hatte sich ein riesiger See aus Blut gebildet, dessen Ränder bereits angetrocknet waren. Daneben entdeckte sie einen Fußabdruck. Sie vermutete einen Männerschuh, vielleicht Größe 43 oder 44. Langsam, fast zögernd ging sie näher heran und achtete darauf, nicht auf den Schuhabdruck oder gar in das Blut zu treten. Ihr Blick wanderte zu den Armen. Sie sah ein wildes Muster aus verschieden dicken, roten Striemen. Einige davon hatten die Haut so tief aufgerissen, dass sie geblutet hatten. Ihr Blick wanderte zu den Handgelenken, wo grobe Stricke tiefe Wunden in ihre Haut geschnitten hatten. Dann sah sie auf die blutigen Hände. Sie rang nach Luft, zwang sich aber, die ebenfalls gefesselten Füße der Frau anzusehen.
Die Frau vor ihr war mit großen Zimmermannsnägeln an das Kreuz genagelt worden. Auf ihrem rechten Oberschenkel, der wie der linke auch mit Striemen übersät war, sah sie, dass der Mörder auch ihr die Zahl Dreizehn eingeritzt hatte. Die Zahlen waren tief in ihr Fleisch eingeschnitten und hatten blutverkrustete Wundränder, die das Schneidewerkzeug hinterlassen hatte. „Mein Gott, welches Monster hat dir das angetan?“, entfuhr es ihr. Hinter ihr räusperte sich Ackermann: „Der Typ, der sie gefunden hat, behauptet, sie sei nicht die Mieterin.“
Als sie sich zu ihm umdrehen wollte, merkte sie, wie sich ihre Kopfschmerzen verstärkten, sie wandte deshalb langsam den Kopf und sah ihn verwundert an.
„Wer hat sie gefunden?“
„Der Vermieter. Er hat mir erklärt, dass dies eine sogenannte Black Flat ist, die man online mieten kann. Er sagte, eine gewisse Anna Koch hätte die Wohnung für ein Wochenende gebucht. Stell dir vor“, er hob die Augenbrauen, „die haben sogar eine eigene Internetseite mit Onlinekalender und so. Hier können Leute ihren sogenannten Fetisch ausleben und so richtig die Sau rauslassen. Wenn du mich fragst, haben die doch alle einen an der Waffel. Schau dir mal die anderen Zimmer an. Hier gibt es sogar einen Käfig und eine Streckbank. Und die Minibar enthält selbstverständlich nicht nur Erdnüsse und Whisky. Man kann die Bude stunden- oder tageweise mieten. Wenn man das Super-Spezial-Wochenende bucht, bekommt man sogar den Kühlschrank vollgemacht. Wenn diese Leute keine Lust mehr auf ihre abartigen Spiele haben“, er hob die Hände und deutete mit seinen Zeige- und Ringfingern Gänsefüßchen an, „können sie sich im angrenzenden Spießer-Wohnzimmer auf die Couch hauen, fernsehen und sich ´ne Pizza bringen lassen. Oder gar im Whirlpool entspannen. Die Wohnung ist ein echter Renner. Um neun Uhr erwartet der Vermieter die nächsten Gäste. Deshalb kam er auch heute Morgen um kurz vor sechs, um die Bude zu reinigen. Er ist fast aus den Latschen gekippt, als er das Opfer gefunden hat.“
„Wo ist er jetzt?“
„Er bewohnt die Dachwohnung. Ich habe ihm gesagt, dass er sich bereithalten soll. Er wollte versuchen, das Pärchen zu erreichen und ihnen mitteilen, dass das wohl nichts wird mit der Wohnung. Ich habe mir von ihm die Adresse von Anna Koch geben lassen und die Zentrale hat eine Streife zu ihrer Wohnung geschickt. Ich bin gespannt, ob sie die Dame antreffen und was diese zu berichten hat.“ Laura massierte sich die schmerzenden Schläfen. Sie wünschte, sie hätte ein Aspirin genommen. Jetzt erst nahm sie die vielen Kollegen in ihren Tyvek-Anzügen bei der Tatortarbeit richtig wahr. Die ganze Zeit hatte sie sich nur auf das Opfer konzentriert, hatte versucht, jedes Detail zu registrieren.
„Wie weit sind die Jungs von der Spurensicherung?“
„Soweit ich weiß, warten die noch auf die Rechtsmedizin.
Dr. Salonis sollte gleich eintreffen, ich habe sie direkt nach dir angerufen.“
„So ist’s recht.“ Schließlich war sie die leitende Ermittlerin. Sie hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als Dr. Salonis auch schon über die Türschwelle trat. Sie betrat den Raum wie Aphrodite persönlich und Laura betrachtete sie mit einem Anflug von Neid. „Wie kann man am frühen Morgen schon so verdammt gut aussehen?“, schoss es ihr durch den Kopf. Ackermann zog merklich den Bauch ein und streckte die Brust heraus, was ihm das Aussehen von einem aufgeplusterten Hahn gab. Sie sah ihn abschätzig an, aber er tat so, als bemerkte er es nicht. Die Gerichtsmedizinerin begrüßte Laura und Ackermann höflich. Als sie näher kam, konnte Laura ihr dezentes Parfüm wahrnehmen, und den Geräuschen nach, die Ackermann beim Einatmen machte, roch er es auch. Dr. Salonis betrachtete das Opfer stumm. Laura konnte nicht erkennen, ob die Medizinerin geschockt war oder ob der Anblick dieser geschändeten und getöteten Frau sie kalt ließ. Die Pathologin stellte ihre Tasche ab und zog ein paar Latexhandschuhe heraus, die sie sorgfältig über ihre schlanken Hände zog. „Wann wurde sie gefunden?“
Laura öffnete gerade den Mund, um zu antworten, als ein Kollege in die Tür trat und rief: „Es gibt noch eine Leiche!“
Laura wirbelte herum und lief, gefolgt von Ackermann, dem Beamten der Spurensicherung im Tyvek-Anzug entgegen. „Was meinst du?“
„Zwei Zimmer weiter ist so eine Art Falltür im Boden. Darin liegt eine Frau.“
Sie folgten ihm. Das angrenzende Zimmer war wie die anderen Räume auch in Schwarz und Rot gehalten. An einer Wand stand der Metallkäfig, von dem Ackermann erzählt hatte, auf der anderen Seite des Raumes ein Gerät, das, wie Laura vermutete, ein Strafbock war. So ziemlich in der Mitte des Raumes stand eine Falltür offen.
„Mensch“, stöhnte Ackermann, während er sich mit der flachen Hand an die Stirn schlug, „da bin vorhin drüber gelaufen!“ Laura ging in die Hocke. In einer etwa zwei Meter langen Grube lag eine Frau.
Breite Lederriemen waren fest um ihren nackten Körper gezurrt. Ein Riemen war um ihre Schultern gebunden und hatte ihren Busen nach unten gequetscht, ein weiterer fesselte sie kurz über den Ellenbogengelenken, sodass ihre Arme fest an ihren Körper gepresst wurden. Der Nächste fixierte ihre Handgelenke an ihrer Hüfte. Ober- und Unterschenkel waren auch auf diese Weise zusammengebunden. Auf ihrem rechten Oberschenkel sah sie die beiden eingeritzten Zahlen. Ackermann sagte: „Die sieht ja aus wie Liz Taylor.“ Auch Laura war aufgefallen, dass diese Frau aussah, als käme sie aus einem anderen Jahrzehnt. Das Make-up auf ihrer makellosen blassen Haut und der knallrote Lippenstift, der die bläuliche Verfärbung ihrer blutleeren Lippen überdeckte, waren nahezu perfekt aufgetragen. Wären da nicht die kleinen, gräulichen Rinnsale gewesen, die von ihren Augen zu den Schläfen verliefen. Ein Zeichen dafür, dass sie geweint haben musste. Ansonsten wirkte sie wie jemand, der sich kürzlich sorgfältig geschminkt hatte. Ebenso sorgfältig frisiert war ihr schwarzes Haar, das in weichen Wellen ihr Gesicht zu umrahmen schien, vermutlich waren Unmengen von Haarspray der Grund dafür, dass die Frisur im Stil der Vierziger immer noch hielt. Sie sah fast aus, als würde sie schlafen. Auf ihrem Bauch lag der Lolli, den sie auch bei den anderen Frauen gefunden hatten. Ackermann meinte: „Ob das Anna Koch ist?“
„Ja, ich glaube wir sollten mal die Streife fragen, ob sie diese Anna angetroffen haben. Außerdem sollten wir den Vermieter noch einmal befragen“, antwortete Laura leise. Fünf Minuten später standen sie vor der Haustür des Vermieters. Der Mann, der ihnen die Tür geöffnet hatte, war in den Dreißigern. Sein welliges dunkelblondes Haar fiel ihm über die breiten Schultern. Um den Hals trug er eine Lederschnur mit einem Anhänger, der aussah wie ein Keltenknoten. Mit seinem Bart und dem Gewand, das er trug, wirkte er wie jemand aus dem Mittelalter. Ackermann stellt Laura vor. „Herr Grimm, das ist Hauptkommissarin Braun, dürfen wir eintreten?“ Er machte einen Schritt zurück. „Ja klar, am besten hier links in die Küche.“
Er ging den Flur entlang in Richtung Küche. Laura betrachtete im Vorbeigehen die Fotos an der Wand. Sie zeigten Menschen in mittelalterlichen Gewändern. Laura erkannte Grimm, der auf fast jedem Bild zusammen mit einer Frau mit sehr langem blondem Haar abgelichtet war. Über einer Truhe im mittelalterlichen Stil hingen Dolche und Äxte. Laura erinnerte sich an ihre Freundin Yvonne, die einmal in solch einem Gewand bei ihr geklingelt hatte, um sie abzuholen. Laura hatte sie ausgelacht, wie sie so dagestanden hatte in ihrem mittelalterlichen Kleid und mit der Haube auf dem Kopf. „Ich dachte wir gehen auf ein Burgfest und nicht zum Fasching“, hatte sie damals gerufen. Aber Yvonne hatte nur lächelnd geantwortet: „Los, steig ein, du wirst dich noch wundern.“ Auf der Burg Oberstein angekommen, hatte Laura feststellen müssen, dass fast alle Leute gewandet herumgelaufen waren. In Jeans und T-Shirt war sie geradezu aufgefallen. Sie waren in der Küche angekommen.
„Wollen Sie sich setzen?“, Grimm zeigte auf einen Tisch mit zwei Bänken aus massivem Kiefernholz. Laura schaute sich in der Küche um. Sie fühlte sich in eine andere Zeit versetzt. Sie nahmen auf den Holzbänken Platz. Grimm lehnte sich an die Arbeitsplatte der Küchenzeile. Er war blass. Auf der Arbeitsplatte stand neben einer Flasche Absinth ein halb leeres Glas, daneben ein Aschenbecher, in dem einige Stummel lagen. Zigarettenrauch hing in der Luft und Laura wünschte sich, er würde ein Fenster öffnen. Sie räusperte sich und sah ihn direkt an, wobei sie blind in ihrer Handtasche nach etwas zum Schreiben kramte.
„Herr Grimm, erzählen Sie uns bitte noch einmal genau, was sie wissen. Wer hat die Wohnung gemietet? Wie funktioniert das mit Ihren Gästen?“
Es dauerte einen Moment, ehe er antwortete. Dann sagte er leise:
„Meine Frau und ich sind Anhänger von BDSM und hatten uns ein entsprechendes Zimmer eingerichtet. Meine Mutter wohnte in der Wohnung unter uns. Als sie vor drei Jahren starb, hinterließ sie mir das Haus. Zur gleichen Zeit wurde ich arbeitslos, dadurch hatte ich plötzlich mehr Zeit, als mit lieb war. Mir kam die Idee, aus der Wohnung meiner Mutter eine SM-Wohnung zu machen. Der Laden im Erdgeschoss gehört auch uns. Hier habe ich einen Sexshop mit Versandhandel eingerichtet. Außerdem Räumlichkeiten für Workshops. So habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht und war gleichzeitig nicht mehr arbeitslos. Wir nutzen diese Wohnung auch, wenn sie nicht vermietet ist. Da in unserer Region solche Spielwiesen nicht an jeder Ecke zu finden sind, ist unsere Black Flat fast immer ausgebucht.“ Er machte eine kurze Pause. „Wir haben eine Internetseite eingerichtet, über die die meisten Leute die Wohnung buchen. Aber auch Kunden aus dem Laden oder von den Workshops buchen direkt bei mir. Die Wohnung wird ausschließlich privaten Nutzern angeboten. Ausnahmen sind Fotografen. Man kann die Wohnung stundenweise oder auch für mehrere Tage mieten.“ Er holte tief Luft und lief zum Küchenfenster, um es zu öffnen. Laura atmete dankbar die kühle Morgenluft ein. „Wollen sie vielleicht einen Kaffee?“ Ackermann nickte. Auch Laura war froh über das Angebot. Grimm schob nacheinander zwei Tassen unter den Auslass eines Kaffeevollautomaten. Aromatischer Kaffeeduft stieg Laura in die Nase. Dankbar nahmen beide die Tassen entgegen. Grimm fuhr fort: „Frau Koch hat die Wohnung vor drei Tagen online für den Abend gebucht und auch gleich im Voraus bezahlt.“ Er schluckte und seine Stimme begann zu zittern. „Sie kam gestern Abend wie vereinbart gegen halb sieben in den Laden, um den Schlüssel zu holen. Sie sagte, dass sie noch auf eine Freundin warten würde, und bat mich, das Hoftor die Nacht über offenzulassen, damit sie jederzeit gehen könnte. Den Schlüssel sollte sie in die Metallschüssel im Flur legen und die Abschlusstür einfach zuziehen. Als ich heute Morgen kam, um die Wohnung für die nächsten Gäste herzurichten, fand ich diese Frau.“ Er atmete geräuschvoll aus.
„Haben Sie gestern Abend etwas gehört oder bemerkt?“ fragte Laura. „Ein Fahrzeug auf dem Parkplatz oder jemanden, der durchs Treppenhaus ging?“
Grimm schüttelte langsam den Kopf. „Nein, gar nichts. Außerdem waren meine Frau und ich gestern Abend im Kino. Wir sind erst kurz vor Mitternacht nach Hause gekommen. Auf dem Parkplatz stand nur der Honda von Frau Koch, der ja immer noch da steht. Außerdem muss ich erwähnen, dass die Wohnung gut isoliert ist.“ Er seufzte. „Selbst wenn ich Schreie gehört hätte, hätte ich mir nichts dabei gedacht, da Lust und Schmerz ja manchmal doch nah beieinander liegen.“
„Wie sieht Anna Koch aus?“, wollte Ackermann wissen. Grimm nahm einen Schluck von seinem Kaffee, ehe er antwortete: „Wie Dita von Teese. Sehr hübsch. Dunkle Haare. Kleidung im Stil der vierziger Jahre.“
„Ist Ihnen an ihr etwas Ungewöhnliches aufgefallen?“, fragte Ackermann, während er einen weiteren Schluck Kaffee trank. Grimm überlegte: „Wir haben alle unsere Fetische und verurteilen einander nicht. Aber an ihr war alles normal. Sie hatte einen großen Rollkoffer dabei, was auch normal ist, da alle ihre Toys selbst mitbringen müssen. Was fehlt oder benötigt wird, kann im Laden gekauft werden.“
„Sie kam mit einem ganzen Koffer voll Sexspielzeug an?“, fragte Ackermann, und Laura merkte, dass er versuchte, nicht allzu überrascht zu klingen.
„Das ist nichts Ungewöhnliches, viele haben ja auch noch Kostüme dabei und ...“
Das Klingeln der Türglocke unterbrach ihn. Automatisch machte er eine Bewegung in Richtung Tür. Mit Blick auf seine Armbanduhr sagte er: „Das werden wohl die Gäste sein, die sich für neun Uhr angemeldet hatten. Ich habe versucht, sie zu erreichen, aber unter der Handynummer, die sie angegeben haben, waren sie nicht erreichbar. Ich sollte ihnen öffnen und sagen, dass sie heute leider nicht bleiben können.“
„Ja“, sagte Laura und stand auf, „wir werden Sie begleiten.“
Kapitel 4
Laura und Ackermann standen vor einem Mehrfamilienhaus in der Mannheimer Neckarstadt. Beide zögerten, auf die Tür des alten Sandsteingebäudes zuzugehen, sie hassten, was sie nun tun mussten. Sie würden das Leben zweier Menschen auf unwiederbringliche Weise verändern, indem sie die Mitteilung überbrachten, dass ihre Tochter getötet worden war. Sie sah Ackermann an, der die Hand hob, um den Klingelknopf der Familie Koch zu drücken, und seufzte. Eine Frau mittleren Alters öffnete ihnen die Tür. Sie wirkte sehr gepflegt mit ihrem schulterlangen Pagenschnitt und der dezenten Perlenkette. Sie lächelte die beiden Beamten fragend an. Laura merkte, wie sich ihr Hals zuschnürte. Sie räusperte sich: „Frau Koch?“
Die Dame nickte freundlich: „Ja, was kann ich für Sie tun?“
„Wir sind von der Mordkommission.“
Im Bruchteil einer Sekunde veränderten sich die Gesichtszüge der Frau und ihre Augen begannen zu flackern. Eine Haarsträhne fiel ihr ins Gesicht, aber sie wischte sie nicht weg, sondern starrte auf den Dienstausweis, den Laura ihr hinhielt.
„Mein Name ist Laura Braun und das ist mein Kollege Falk Ackermann. Dürfen wir reinkommen?“
„Was ist passiert? Ist etwas mit Anna? Sie ist gestern nicht ...“ Die Stimme der Frau brach und Tränen liefen über ihre Wangen. Ackermann nahm die Frau sanft am Arm und schob sie behutsam in ihre Wohnung.
„Frau Koch, setzen Sie sich doch!“ Er drückte sie vorsichtig, aber bestimmt auf einen Sessel im Wohnzimmer. Laura war überrascht, wie einfühlsam er war. Vorsichtig sagte sie: „Frau Koch, heute Morgen haben wir eine Frau gefunden. Wir nehmen an, dass es sich um ihre Tochter Anna handelt.“
Eine Stunde später stieg Laura die Stufen zu Annas Wohnung hinauf. Annas Mutter lag unten im Wohnzimmer auf der Couch und wurde von einem Arzt behandelt.
Sie war zusammengebrochen. Zum Glück war ihr Mann, der sich als Dr. Koch vorgestellt hatte, gerade nach Hause gekommen. Er war ein hochgewachsener, schlanker Mann mit intelligenten Augen und schien erheblich älter als seine Frau zu sein. Wie Laura später erfuhr, war er Physiker mit einer Dozentenstelle an der Uni Heidelberg. Sein hageres, blasses Gesicht war noch eine Spur bleicher geworden, als er den Grund für den Besuch der Polizisten erfahren hatte. Mit zitternder Hand war er sich immer wieder durch das weiße Haar gefahren und hatte versucht, seine Frau zu beruhigen. Mit sanfter, aber gebrochener Stimme hatte er unablässig auf sie eingeredet. Aber seine Frau, die ihr einziges Kind verloren hatte, hatte auf seine Worte nicht reagiert. Ackermann hatte schließlich den Notarzt gerufen.
Ein Stockwerk höher stand Laura auf der Türschwelle zur Annas Wohnung. Es war vielmehr ein ausgebauter Dachboden mit einem großen Zimmer, einer Küchenecke und einem winzigen Badezimmer. Annas Vater hatte erzählt, dass sie für Anna den Speicher hergerichtet hatten, damit sie ihr eigenes kleines Reich hätte. Als Erzieherin hätte sie nicht viel verdient und sich keine eigene Wohnung in Mannheim leisten können. Außerdem wäre von hier aus der Kindergarten, in dem sie arbeitete, gut zu Fuß zu erreichen. Letztlich seien die Eltern auch froh gewesen, ihre Tochter so weiter in ihrer Nähe zu haben. Laura sah sich langsam im Raum um. Sie versuchte sich vorzustellen, wie Anna von der kleinen zweisitzigen Couch aufstand und zu dem Bett ging, das mit Bettwäsche bezogen war, auf dem ein Schaf im Vampirkostüm abgebildet war. „Ich will kuscheln“ stand darüber. Auf dem Kopfkissen saß ein Plüschschaf, das genauso aussah wie das Schaf auf der Bettwäsche. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass die Frau, die sie heute Morgen in dieser bizarren Wohnung gefunden hatten, hier gewohnt haben sollte. Irgendetwas stimmte hier nicht. Die Frau, die jetzt im Leichenschauhaus lag, hatte doch unmöglich in einem Bett schlafen können, das mit Schafsbettwäsche bezogen war. Sie ging zum Regal und überflog die Bücher. Nicht ein Titel, der ihre Aufmerksamkeit erregt hätte. Neben dem Regal hing ein gerahmtes Foto. Es zeigte eine Gruppe Teenager vor einem Reisebus. Unter dem Bild stand „Abi-Abschiedsfahrt nach London 2006“. Sie sah sich die Gesichter der jungen Leute an und erkannte Anna, die lächelnd in die Kamera blickte. Schon damals trug sie Kleider im Stil der vierziger Jahre, wodurch sie sich von den der Mode entsprechend gekleideten Klassenkameraden abhob. Laura wandte sich ab und öffnete zögernd eine Tür des Kleiderschranks. Ein Hauch Parfüm schlug ihr entgegen. „Der Blick in den Kleiderschrank einer Frau ist etwas sehr Persönliches. Kleider sagen viel über die Trägerin aus“, dachte Laura. Sie fand aber nur ganz normale Jeans, Pullis und Jacken. Sie öffnete eine weitere Schranktür. Hier war die Kleidung verstaut, die sie erwartet hatte. Mode der Vierziger im Burlesk-Stil. Sie durchsuchte den Schrank, schob dabei die Kleider von der einen zur anderen Seite und hob Pullis, Wäsche und Blusen hoch. Unten auf dem Boden standen feinsäuberlich aufgereihte Schuhkartons. Sie hob jeden Deckel an. Riemchenpumps, Lackschuhe und – in einem der größeren Kartons – ein Laptop. Endlich etwas, das sie vielleicht weiterbringen würde.
Laura nahm einen Schluck Kaffee, setzte die Tasse wieder ab und streckte sich. Ihr Rücken schmerzte vom Sitzen am Laptop. Seit zwei Stunden saß sie nun schon davor und schaute sich die Fotos vom gestrigen Tatort an. Die Bilder der ans Andreaskreuz genagelten unbekannten Frau erschreckten sie aufs Neue. Wieder fragte sie sich, wie lange die Frau wohl gelitten hatte, bevor dieses Monster ihr die tödliche und erlösende Wunde beigebracht hatte. Sie sah sich noch einmal den geschundenen Körper an. Die unzähligen Striemen, verursacht durch verschiedene Peitschen, die sie am Tatort gefunden hatten. Die Kollegen im Labor hatten Hautpartikel und Blut daran ausgemacht, die sie der Frau hatten zuordnen können. Die Brüste sahen besonders schlimm aus. Wo sich normalerweise die Brustwarzen befanden, waren zwei riesige, blutverkrustete Fleischwunden zu sehen. Instinktiv verschränkte Laura ihre Arme vor der Brust. Sie klickte weiter. Ihr Blick blieb an der Großaufnahme der rechten Hand hängen. Ein grobes Seil, wahrscheinlich aus Hanf, war fest um die Handgelenke des Opfers gebunden. Es hatte sich tief in ihre Haut eingeschnürt. Laura konnte sich vorstellen, wie die schmerzgepeinigte Frau sich gewunden haben musste in dem verzweifelten Kampf, sich zu befreien. Wie sie an den Fesseln gezogen haben musste. Aber ihr Peiniger hatte Knoten verwendet, die sich durch ihre Bewegungen immer mehr zugezogen hatten, bis die Blutversorgung zu den Händen abgebunden war, bis sich ihre Hände bläulich verfärbt hatten und dick angeschwollen waren. Es schien, als hätte sie riesige blau-violette Handschuhe an. Handschuhe, durchstoßen mit je einem großen Nagel.
Einige Klicks später erschien das Bild von Anna Koch. Abermals musste sie an Elisabeth Taylor in jungen Jahren denken. Nun wussten sie auch, warum Annas Leiche unversehrt war. Die Obduktion heute Morgen hatte ergeben, dass sie an Herzversagen gestorben war. Dr. Salonis meinte, dass es durchaus möglich wäre, dass sie sich zu Tode geängstigt hatte. Was Laura sich gut vorstellen konnte. Wenn man bedachte, dass Anna stundenlang gefesselt in einer engen, stickigen Kiste im Boden gelegen hatte, über sich den Deckel einer Falltür, unfähig, sich zu bewegen. So eng geschnürt, dass sie kaum hatte atmen können, während die Schreie der anderen Frau dumpf durch das Holz gedrungen waren. Einer Frau, die sie vermutlich gekannt hatte. Einer Frau, die stundenlang gelitten hatte. Deren Schreie Anna sicherlich durch Mark und Bein gegangen waren. Sie musste Höllenqualen gelitten und entsetzliche Todesangst gehabt haben.
Ihr Handy klingelte und riss sie aus ihren Gedanken. Ein Blick auf das Display zeigte ihr, dass es sich um das kriminaltechnische Labor handelte.
„Braun?“, meldete sie sich.
„Hi, hier ist Ralf Wagner von der IT-Technik, ich habe den Laptop geknackt, den Sie mir gestern gebracht haben. Sie sollten mal rüberkommen und sich ansehen, was ich gefunden habe.“
Kapitel 5
Das kriminaltechnische Labor war in einem der Nebengebäude des Heidelberger Polizeipräsidiums untergebracht und Laura war froh, dass sie über den Innenhof laufen musste. So konnte sie sich ein wenig bewegen. Die Luft war schwül und für Ende Mai war es schon außergewöhnlich warm. Sie lief an beleuchteten Fenstern vorbei, hinter denen sie die Umrisse von Kollegen sehen konnte. Sie zog ihr Handy aus der Tasche und wählte Ackermanns Nummer.
„Wo bist du?“ Ohne die Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: „Wagner von der IT hat angerufen, können wir uns gleich dort treffen?“ Sie sah zum Himmel hoch. Schwere, dunkle Wolken schoben sich vom Odenwald heran. Sie hatten etwas Erdrückendes, Bedrohliches. Laura wünschte sich, es würde zu regnen beginnen. Vielleicht würde ihr das die schrecklichen Bilder, der zu Tode gequälten Frauen aus dem Kopf waschen. Die Obduktion vor ein paar Stunden steckte ihr immer noch in den Knochen. Das wahre Ausmaß der Verletzungen hatte sich erst im Sektionssaal offenbart. Selbst die sonst so kühl scheinende Pathologin hatte beim Aufdecken der Leiche entsetzt gewirkt.
Der IT-Forensiker erwartet sie bereits. Kaum hatte sie den Raum betreten, schwenkte er seinen Drehstuhl zu ihr um. Vielsagend grinste er sie an. Laura begrüßte den schlaksigen jungen Mann mit dem blonden Pferdeschwanz. Er deutete auf den Laptop, den Laura in Annas Wohnung gefunden hatte. Dieser stand unversehrt auf einem Arbeitstisch. Laura hatte erwartet, dass er in seine Einzelteile zerlegt wäre oder dass Wagner zumindest die Festplatte ausgebaut hätte, um an die darauf befindlichen Daten zu kommen. Sie sah ihn an.
„Ist er kaputt oder wollen Sie mich ärgern?“
Sie rieb sich mit der rechten Hand über ihren schmerzenden Nacken. „Ich dachte, Sie hätten was für mich. Aber Sie haben ja nicht einmal die Festplatte ausgebaut.“
Lachend öffnete er den Laptop. Ein Surren ließ erkennen, dass der Computer startete. „Nö, das war eine Kleinigkeit. Die meisten Menschen benutzen kein Passwort, um ihren Computer zu sichern. Die, die es doch tun, wählen oft simple Kombinationen, meist den Namen ihrer Kinder oder eines Haustieres und einige Zahlen, ein Geburtsdatum zum Beispiel. Da muss ich keine Festplatte ausbauen und kopieren. Ich habe einfach das Passwort zurückgesetzt.“
„Man kann Passwörter einfach so zurücksetzen?“
„Ja, das geht ganz leicht, wenn man das richtige Programm dafür hat.“
Na prima! Sie hatte schon so oft ihre Passwörter vergessen, dass sie inzwischen für alles und jeden ein und dasselbe benutzte, obwohl ihr Schwager ihr immer wieder ausführlich erklärte, wie wichtig es wäre, verschiedene und komplizierte Passwörter zu benutzen. Nun musste sie sich anhören, dass jemand, der sich auskennt, Passwörter ohne großen Aufwand knacken kann.
Auf dem Bildschirm des Laptops erschien eine Eingabemaske. Wagner gab einige Zahlen ein und bewegte seinen Zeigefinger über das Touchpad. Der Cursor des Laptops bewegte sich zum Outlook-Symbol. „Ich habe die E-Mails ihres Opfers gecheckt und dabei Erstaunliches festgestellt.“ Laura hörte es am Tonfall seiner Stimme. Er hatte etwas Entscheidendes gefunden und es bereitete ihm offensichtlich Vergnügen, sie auf die Folter zu spannen. Die Tür des Labors ging auf. Laura hob nur kurz den Kopf. Als sie sah, dass Ackermann den Raum betrat, widmete sie ihre volle Aufmerksamkeit wieder dem Laptop. Sie wollte endlich wissen, was Wagner gefunden hatte. Ihre Hände begangen zu kribbeln. Sie musste dem Drang widerstehen, den Laptop an sich zu reißen. Was hatte Wagner gefunden und warum dauerte das so lange? Ackermann stellte sich neben Laura. „Habt ihr schon was?“
Wagner erklärte: „Wie Sie hier sehen, gibt es einen regen E-Mail-Verkehr. Ihr Opfer hat zwar alle E-Mails regelmäßig gelöscht, aber ich konnte sie zum größten Teil wieder herstellen.“ Er machte eine dramatische Pause. Das Kribbeln in Lauras Händen wurde stärker, sie war kurz davor, die Geduld zu verlieren.
„Wie Sie gleich sehen werden“, er machte eine theatralische Geste,
„ arbeitete ihre Dame als Domina. Ich habe sogar ihre Website gefunden!“ Wagner grinste sie an. Das war es, was er den beiden Ermittlern sagen wollte.
„Als Domina?“, rief Ackermann überrascht, und auch Laura sah ihn verdutzt an. Mit dieser Information hatten sie nicht gerechnet. Wagner klickte auf die Autosignatur einer E-Mail und sofort öffnete sich ein neues Fenster. Neugierig starrten die beiden Ermittler auf den Bildschirm.
„Willkommen auf meiner Webseite!“ stand in schwarzen Lettern auf einer in lila gestalteten Internetseite. Und gleich darunter: „Lady Violet – the noble art of domination. Mannheim, Germany.” Daneben gab es ein schwarz-weißes Foto, das Anna Koch mit leicht übereinandergeschlagenen Beinen lässig in einem Sessel sitzend zeigte, nur bekleidet mit einer Korsage, High Heels und einer Militärschirmmütze. In der linken Hand hielt sie eine lange Lederpeitsche, deren Ende den Boden berührte.
Laura las weiter: „Auf dieser Website befindet sich erotisches Material zum Thema BDSM. Der Zutritt ist nur Personen über achtzehn Jahren erlaubt.“ Sie berührte das Touchpad und führte den Cursor zu dem Button mit der Aufschrift: „Ich bin volljährig.“ Beim Anklicken öffnete sich eine neue Seite. Das Foto, das nun zu sehen war, zeigte Anna in einem engen roten Latexanzug mit einer schwarzen Korsage, die ihre Wespentaille und ihren wohlgeformten Busen gut zur Geltung brachte. Sie trug passende schwarze Stiefel mit mindestens zehn Zentimeter hohen Absätzen und dazu schwarze Handschuhe. Die schwarzen Haare waren elegant hochgesteckt und der knallrote Lippenstift war perfekt auf das Outfit abgestimmt.
Ackermann pfiff durch Zähne. „Die ist ja echt heiß.“
„Wohl eher nicht mehr“, murmelte Laura. Nach und nach klickte sie die verschiedenen Buttons an. Immer wieder erschienen Fotos von Anna in diversen Outfits und Informationen über ihre Person, ihre Neigungen und ihre Passionen. Es gab eine Fotogalerie sowie einen Shop, in dem man Videos zum Downloaden kaufen konnte. Lady Violet bot Haus- und Hotelbesuche an und samstags war sie Gast im „Dangerous Dungeon“. Die Adresse gab es auf Anfrage. Laura klickte den Button „Kontakt“ an. Wieder erschien eine Seite, auf der Anna Koch zu sehen war, diesmal nur von hinten in einer violetten Korsage mit schwarzen Nylons und schwarzen Stiefeln. Daneben eine E-Mail-Adresse und eine Handynummer, unter der sie montags bis freitags ab siebzehn Uhr zu erreichen war. Laura blickte zu Ackermann auf. „Ich glaube, wir sollten zusehen, dass wir herausfinden, wo sich dieses Dangerous Dungeon befindet.“
„Da könnte ich vielleicht helfen“, schaltete Wagner sich ein.
„Darf ich mal an den Laptop?“ Er verließ die Website von Lady Violet.
„Wie bereits erwähnt, habe ich die E-Mails gecheckt. Ihr Opfer hatte einige Anfragen, in denen sie ihren Kunden die Adresse genannt hat.“ Er öffnete eine Mail, die mit einem roten Fähnchen markiert war und las laut:
„Manfred, ich erwarte dich am Samstag, den 31.März 2012, um achtzehn Uhr im Dangerous Dungeon, Altkönigstraße 325, 61462 Königstein. Meine Zofe Melanie wird dich empfangen und zu mir geleiten. Ich erwarte, dass du sie respektvoll behandelst und ihren Anweisungen folgst. Sei pünktlich!!! Lady Violet“
Er las weiter: „Gesendet Montag, 26.03.2012, 17:31 Uhr an: Mani1203@gnx.de.“
„Wissen Sie auch, wer ihr letzter Kunde war?“, fragte Ackermann. Wagner öffnete den Outlook-Kalender.„Gut, dass eure Lady ihren Terminkalender so ordentlich geführt hat“, sagte er mit leichtem Grinsen. „Also schauen wir mal, was sie für gestern eingetragen hatte.“
Für Donnerstag, den 24.05.2012, fand sich folgender Text: „Treffen mit Kathrin und Kunden, Black Flat, Heidelberg.“
„Nun denn, jetzt wissen wir wenigstens, dass die andere Frau Kathrin heißt“, resümierte Ackermann auf dem Weg zum Auto. Laura lief neben ihm her, in der Hand einen Ausdruck aus dem Internet mit der Adresse des Dangerous Dungeon. Sie war dankbar, dass Ackermann fahren wollte, so konnte sie sich neben ihn auf den Beifahrersitz fläzen und musste nicht auf den Verkehr achten. Die Autobahn in Richtung Frankfurt war um diese Uhrzeit erfahrungsgemäß sowieso hoffnungslos überfüllt. Im Dangerous Dungeon allerdings, würde um diese Zeit der Arbeitstag beginnen und, wie sie im Internet nachgelesen hatten, erst in den Morgenstunden enden. Die ersten Regentropfen fielen auf die Frontscheibe. Die Scheibenwischer hinterließen einen schmierigen Film auf der Scheibe, der die Sicht erschwerte.
Ackermann sagte: „Bin mal gespannt, was uns dort erwartet. Du kennst dich ja aus, du kommst ja von der Sitte.“
Laura prustete: „Na klar, denkst du, ich war regelmäßig Gast in Puffs oder Domina-Studios? Wir haben uns um andere Sachen gekümmert.“
„Ach ja?“ Das Klingeln von Lauras Handy unterbrach das Gespräch. Sie schaute auf das Display und verzog das Gesicht. „Willst du nicht rangehen?“, fragte Ackermann.
„Nein, ist nicht wichtig“, erwiderte Laura.
„Hast du Stress mit deinem Lover?“ Ackermann grinste süffisant. Laura ignorierte die Frage erst, aber nach einer Weile sagte sie:
„Das war meine Mutter.“
Ein mitleidiges Lächeln war alles, was Ackermann zur Antwort gab, dann konzentrierte er sich wieder auf den Verkehr. Mittlerweile goss es in Strömen, sodass Laura teilweise nur noch die Rücklichter der vorausfahrenden Fahrzeuge erkennen konnte. Sie fuhren am Frankfurter Flughafen vorbei. Direkt über ihren Köpfen dröhnte ein Flugzeug im Landeanflug über die Autobahn. Ackermann sah ihm nach.
„Bis Königstein sind es laut Navi nur noch ein paar Kilometer. Da können sich die Jungs zwischen zwei Flügen mal eben noch schnell den Popo verhauen lassen.“
Sie verließen die Autobahn in Richtung Königstein. Schon am Ortseingang war zu erkennen, dass sie in eine bessere Gegend geraten waren. Hier standen nicht einfach nur Häuser, sondern überwiegend alles andere als bescheidene Residenzen. Laura bestaunte supermoderne Bungalows und prächtige Villen aus der Jahrhundertwende. Sie fuhren an parkähnlichen Grundstücken vorbei, auf denen die Wohnhäuser weit zurückgesetzt von der Straße gebaut waren. Die Straßen waren menschenleer.
„Wer will schon bei diesem Wetter vor die Tür, da lässt man ja noch nicht mal seinen Hund raus“, meinte Ackermann.
Durch die Regenwand erkannten sie ein Lebensmittelgeschäft, eine Bank, einen Autohändler für Nobelkarossen und ein Kempinski-Hotel. Das prächtig erleuchtete Gebäude erinnerte Laura an ein kleines Schloss. Es lag auf einem Hügel und konnte nur über eine riesige Freitreppe erreicht werden. Laura fragte sich, wie viel hier eine Übernachtung mit Frühstück kostete. Wahrscheinlich mehr als der zweiwöchige Pauschalurlaub in der Türkei, den sie letztes Jahr gemacht hatte. Die Stimme aus dem Navigationsgerät befahl: „In fünfhundert Metern die Limburger Straße verlassen und rechts in die Altkönigstraße abbiegen!“, und gleich darauf: „Jetzt bitte abbiegen!“ Sie folgten der Straße, bis die elektronische Stimme verkündete:
„Sie haben ihr Ziel erreicht.“
Vor dem Tor eines mit einer Mauer und hohen Zypressen umgebenen und von außen nicht einsehbaren Grundstücks hielt Ackermann an. Da es immer noch wolkenbruchartig regnete, öffnete er in Windeseile die Fahrertür und hechtete zur Klingel. Laura hörte, wie die Gegensprechanlage brummte. Eine Frauenstimme fragte: „Wer begehrt Einlass?“
„Kriminalpolizei Heidelberg“, rief er in die Gegensprechanlage und stürzte zum Auto zurück. Als er neben Laura Platz nahm, lief ihm das Wasser aus den Haaren über das Gesicht. Er war vollkommen durchnässt. Einen Moment später öffnete sich das Tor mit leisem Surren. Ackermann lenkte ihren Wagen auf das parkähnliche Grundstück und parkte den BMW neben einem knallroten Jaguar-Cabriolet vor einer schneeweißen Villa. Er pfiff anerkennend durch die Zähne: „Nicht schlecht!“
Auch Laura war beeindruckt. Die Villa lag da wie ein weißes Sahnebonbon inmitten eines Arrangements aus Rosen und Blumen, deren Namen sie nicht kannte. Sie selbst war in einer der Wohnblocksiedlungen in Mannheim aufgewachsen, die in Zeiten von Wohnungsnot aus dem Boden geschossen waren wie Pilze aus der feuchten Erde. Aus dem Fenster ihres Zimmers, das sie sich mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester hatte teilen müssen, war die an der Siedlung vorbeiführende Autobahn zu sehen und vor allem zu hören gewesen. Abends, wenn sie nicht einschlafen konnten, spielte sie mit ihrer Schwester „Autoraten“. Sie versuchten, anhand der Motor- und Abrollgeräusche zu erkennen, welches Fahrzeug über die Autobahn Richtung Weinheim donnerte. Sie waren froh gewesen, als ihr Vater einen besser bezahlten Job bekam und sie in einen anderen Stadtteil Mannheims ziehen konnten. Weg von den Gerüchen im Treppenhaus eines Hauses, das so viele Kulturen beherbergte wie kein anderes. Das Reihenendhaus, in das sie dann zogen, konnte es mit diesem hier zwar bei Weitem nicht aufnehmen, aber für Laura war es schon fast ein kleines Schloss. Sie bekam ihr eigenes Zimmer und die Autobahn war weit weg, sodass sie abends keine Einschlafprobleme wegen des Lärms mehr hatte. Außerdem fand sie die Leute in einer so kleinen Straße viel netter und alles war irgendwie familiärer. Laura fand schnell Freunde. Im Nachbarhaus lebte Paolo mit seinen Geschwistern. Da war immer etwas los und für Laura stand die Tür immer offen. Und, was das Beste war: Bei Mama Luisella gab es das leckerste italienische Essen, das Laura je gegessen hatte.
Schnell nahmen Ackermann und Laura die Stufen zum Hauseingang, um dem Regen zu entfliehen. Als Laura schlitterte, verlangsamte sie ihr Tempo, um auf den nassen Marmorstufen nicht auszurutschen. Am Eingang wurden sie bereits erwartet. Eine Frau in einem dunkelblauen Businesskostüm, das ihrer schlanken Figur schmeichelte, stand in der Tür. Ihre wohlgeformten langen Beine steckten in den dazu passenden Schuhen, die dunklen Haare waren sorgfältig hochgesteckt. Mit dem dezenten Make-up und ihrer kerzengeraden Haltung wirkte die Dame wie eine betuchte Geschäftsfrau. Laura kam sich in ihren nassen Jeans und ihrem durchweichten Shirt reichlich underdressed vor. Ihr Gegenüber begrüßte die beiden Kommissare mit einem geschäftsmäßigen Händedruck.
„Mein Name ist Lady Olive“, sagte sie in einem ruhigen, kühlen Ton, der signalisierte, dass sie jeder Situation gewachsen wäre. Dann reichte sie ihnen je ein Handtuch, dass sie aus einem bereits geöffneten antiken Weichholzschrank neben der Haustür nahm. Als Polizistin war Laura es gewohnt, dass viele Menschen sich ihr gegenüber eher misstrauisch oder respektvoll verhielten, manche sogar ehrfürchtig. Diese Frau aber strahlte etwas Erhabenes, Überlegenes und Arrogantes aus. Als ob sie sagen wollte: „Ich habe schon so viel in meinem Leben erlebt und gesehen, dass nichts, was immer Sie mir auch sagen wollen, mich aus dem Gleichgewicht bringen wird.“ Sie vermittelte Laura beinahe das Gefühl, als seien sie beide unwürdig, mit ihr zu reden. Laura bedankte sich. Zögernd trocknete sie ihr Gesicht und ihre Haare ab. Das Handtuch roch frisch gewaschen und sie fühlte die teure, dicke Qualität des Frottees auf ihrer Haut. So teure Handtücher konnte sie sich nicht leisten. Ihre stammten aus einem Kaufhaus in der Innenstadt und hatten nach einigen Waschgängen Farbe und Form verloren. Trotz der Unmengen von Weichspüler, die sie in ihre Maschine schüttete, waren sie immer viel zu hart. Sie schaute sich im Flurbereich des Hauses um. Teure moderne Möbel und ein hochwertiger Parkettboden, der spiegelte, als wäre er frisch gebohnert, ließen den Eingangsbereich aussehen wie das Titelbild einer Luxus-Wohnzeitschrift. Sie merkte, wie auch Ackermann neben ihr über den Luxus staunte. Wie er mit offensichtlichem Neid die Einrichtung begutachtete. Laura zog ihren Dienstausweis aus der Tasche und hielt ihn der Frau gegenüber hin. Lady Olive beachtete den Ausweis nicht, sondern schaute Laura fest in die Augen.
„Mein Name ist Laura Braun, und das ist mein Kollege Falk Ackermann, wir sind von der Mordkommission. Wir würden Ihnen und Ihren Kolleginnen gerne ein paar Fragen stellen“, begann Laura das Gespräch. „Wieso Mordkommission?“
Laura sah, wie sich die Augen von Lady Olive überrascht weiteten. Ackermann erklärte ohne Umschweife, dass sie am Vortag die Leiche von Anna Koch gefunden hatten. Die Frau wankte zu einer mit cremeweißem Leder bezogenen Couch.
„Oh nein!“, sie setzte sich und schlug die Hände vor das Gesicht. Laura und Ackermann nahmen unaufgefordert Platz.
Ackermann sagte: „Es tut uns leid, aber wir müssen Ihnen ein paar Fragen stellen. Wie gut kennen Sie Frau Koch?“
Lady Olive hob den Kopf, straffte die Schultern und nahm eine sehr aufrechte Haltung ein. Ihr Gesicht war so weiß geworden wie die Couch. Ihre Mundwinkel zuckten, aber sie strahlte Professionalität aus. Als sie sprach, wurde ihre Stimme mit jedem Wort fester.
„Anna ist, beziehungsweise war, noch nicht lange bei uns. Meine Kollegin, Lady Melody, ist schon seit Jahren mit ihr befreundet. Eines Tages hat sie mich gefragt, ob wir nicht noch jemanden einstellen könnten. Also brachte sie sie mit und wir drei wurden ein wundervolles Team. Zuerst arbeitete sie als Zofe von Lady Melody, aber schon nach ein paar Monaten hatte sie ihren eigenen Kundenstamm und wechselte ihren Namen in Lady Violet.“
„Wann war das?“
„Vor zirka zwei Jahren kam Anna zu uns. Nach ungefähr einem halben Jahr war sie dann soweit, selbstständig zu arbeiten.“ „Was bedeutet das?“, wollte Laura wissen.
Sie konnte sich absolut nicht vorstellen, dass eine Domina eine lange Ausbildung absolvieren musste.
„Wissen Sie, das Internet ist voll mit Angeboten von Dominas und deren Studios. Unser Haus bietet einen außergewöhnlichen Aufenthalt in unseren Räumen. Manche Frauen belegen ein dreitägiges Seminar und werden dann auf die Kunden losgelassen. Da kommt es vor, dass der eine oder andere Kunde so enttäuscht ist, dass er keinen zweiten Besuch bei einer Domina mehr wagt. Zuweilen kommt es auch zu erheblichen Komplikationen oder auch mal zu Unfällen. Meine Damen werden sehr lange und sehr intensiv ausgebildet. Sie benötigen auch psychologisches Einfühlungsvermögen, um sich auf den Kunden einzulassen.“
„Was meinen Sie mit Komplikationen oder Unfällen?“ Dieses Mal stellte Ackermann die Frage. Lady Olive sah ihn lange an, bevor sie antwortete: „Wer zu uns kommt, vertraut uns. Unsere Kunden erwarten das Beste, und das bekommen sie auch. Meine Damen kümmern sich von der ersten bis zur letzten Minute um ihre Kunden. Wenn nicht anders vereinbart, nehmen sie sie in Empfang und geleiten sie zum Abschied wieder bis zur Tür. Vor einer Session wird mit den Kunden ausführlich über ihre Wünsche gesprochen. Und nur das, was der Kunde haben möchte, wird auch gemacht. Außerdem achten wir sehr auf die Körpersprache unserer Kunden und es wird vor Beginn der Session ein Notfallwort ausgemacht. Wenn eine Domina dieses Wort hört, bricht sie die Behandlung sofort ab und kümmert sich um ihren Untergebenen. Um Verletzungen oder irreversible Nervenschädigungen zu vermeiden, darf eine Domina außerdem eine gefesselte Person niemals alleine lassen. Unter keinen Umständen. Des Weiteren ist ein absolut hygienisches Arbeiten im Klinikbereich zwingend notwendig, um Infektionen zu vermeiden.“
„Wie meinen Sie das?“, wollte Ackermann wissen. Neugierig beugte er sich vor.
Lady Olive gab ihm ein Beispiel: „Wenn ich einem Kunden einen Einlauf mache, möchte dieser mit Sicherheit nicht, dass ein schmutziger Klistierball verwendet wird. Oder dass bei einer Hodeninfusion eine nicht sterile Kanüle benutzt wird.
„Was ist denn bitte eine Hodeninfusion?“, fragte Ackermann entsetzt.
„Ziel der Infusion ist es, in den Hodensack, nicht in die Hoden selbst, eine sterile Kochsalzlösung einzufüllen, wobei dieser dadurch bis zur Größe eines Wasserballs anschwillt. Die Größe ist letztendlich abhängig von der Einfüllmenge“, erklärte die Domina. „Und das finden die Typen gut?“, fragte er weiter.
„Durchaus. Und vieles andere auch“, erwiderte sie. „Was anderes?“ Ackermann starrte die Frau mit so unverhohlener Neugier an, dass Laura ihn am liebsten geohrfeigt hätte. Stattdessen fiel sie ihm barsch ins Wort.
„Lady Olive, gab es Kunden, die von Frau Koch enttäuscht waren? Oder jemanden, der verärgert oder wütend war? Ist schon einmal ein Kunde handgreiflich geworden?“
Die Dame verneinte: „Nicht, dass ich wüsste.“
Lauras anschließende Bitte um eine Liste mit allen Kunden des Hauses wurde von Lady Olive mit einem kühlen Lächeln bedacht. „Wir sind ein sehr exklusives Haus und unsere Kunden sind sich unserer Diskretion durchaus bewusst. Nichts, was in diesem Haus passiert, dringt nach außen. Leider kann ich Ihnen da nicht helfen, denn wir führen kein Buch über die Personen, die hier ein- und ausgehen. Wir speichern keine Namen, keine Adressen und keine Telefonnummern. Jeder Kunde hat ein Pseudonym. Und jetzt bitte ich Sie, mich zu entschuldigen. Ich habe in fast einer Stunde einen Kunden und möchte mich entsprechend vorbereiten.“
Laura protestierte: „Dann müssen Sie Ihrem Kunden leider absagen.“
Die Frau gegenüber musterte Laura mit arrogantem Blick: „Bin ich verdächtig? Haben Sie einen Haftbefehl oder eine Vorladung? Wenn nicht, möchte ich sie bitten zu gehen. Mein Kunde hat eine Drei-Stunden-Session gebucht und zahlt dafür neunhundert Euro. Meinen Sie, er möchte wie jemand von den Zeugen Jehovas an der Haustür abgewiesen werden? Ich werde sie zur Tür geleiten.“ Mit diesen Worten stand sie auf, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen. Laura war verärgert, für sie war das Gespräch noch längst nicht beendet. Mit einer hastigen Bewegung baute sie sich vor Lady Olive auf.
„Es ist Ihnen klar, dass dies Behinderung der Justiz bedeutet?“, fuhr sie sie an.
Ackermann zog Laura zur Seite. Die wich nur ungern zurück. Diese Frau mit ihrer Arroganz ging ihr gegen den Strich. Was bildete sie sich ein mit ihren teuren Klamotten und dem offensichtlichen Luxus? In Lauras Augen war sie als Domina nichts anderes als eine Prostituierte. Mit Frauen dieses Berufsstandes hatte sie früher ständig zu tun gehabt und war bisher noch mit jeder fertig geworden. Gut, keine der Prostituierten, denen Laura begegnet war, wohnte in einer solchen Luxusvilla oder erwirtschaftete einen solchen Stundenlohn. Aber Geld hin oder her, Laura hatte schließlich einen ehrbaren Beruf erlernt und studiert. Auch wenn sie nicht so schick und so reich war wie diese Frau, war sie schließlich Polizistin und erwartete ein Mindestmaß an Respekt.
„Wir benötigen noch ihre Personalien“, sagte Ackermann, während er seinen Notizblock zückte. „Sie heißen?“
„Dr. med. vet. Sandra Holm, geboren am 22.09.1975 in Koblenz.“ Ackermann sah erstaunt von seinem Notizblock hoch. „Sie sind Tierärztin?“ Lady Olive nickte: „Ja, und nun fragen Sie sich sicherlich, warum ich nicht in der Tiermedizin arbeite?“
Als Ackermann nickte, erwiderte sie: „Ganz einfach. Dies ist zum einen immer noch eine Männerdomäne und zum anderen leben die meisten Tierärzte am Rande des Existenzminimums. Hinzu kommt, dass es Frauen in diesem Beruf sehr schwer haben, eine Anstellung in einer Tierklinik oder Tierarztpraxis zu bekommen. Entweder hat man Geld und kann seine eigene Praxis eröffnen, oder man ist dazu verdonnert, für einen Hungerlohn in einer Praxis die Nacht- oder Wochenenddienste zu schieben. Viele Tierärztinnen arbeiten für das Gehalt einer Tierarzthelferin, machen dafür jede Menge unbezahlter Überstunden und zudem noch die Drecksarbeit, nur um Erfahrung zu sammeln. Alles in der Hoffnung, eine gut bezahlte Festanstellung oder Teilhaberschaft in einer Praxis zu erhalten. Das habe ich ein paar Jahre gemacht. Glauben Sie mir, ich war immer pleite und unheimlich müde.“ „Und was ist mit der Pharmazie?“
Lady Olive sah ihn an und ihr Blick sprach Bände. Trotzdem sagte sie mit leicht spöttischem Unterton: „Ja, manche Tierärztinnen gehen in die Pharmazie, um nicht arbeitslos zu sein. Aber denken Sie allen Ernstes, ich studiere elf Semester an einer Tiermedizinischen Hochschule, um dann letztendlich mein Dasein in einem Versuchslabor oder in der Massentierzucht zu fristen? Heute verdiene ich hervorragend und lebe sehr gut.“ Sie machte eine ausladende Bewegung, die sagen sollte: „Schaut her, das gehört alles mir.“
„Aber jetzt arbeiten Sie als Domina“, entgegnete Laura in einem Ton, der zeigte, dass sie immer noch nicht klein beigeben wollte. Lady Olive zuckte mit den Schultern.
„Eine tiermedizinische Ausbildung ist für diesen Beruf sehr vorteilhaft. Sie können mir glauben, wenn ich Ihnen sage, dass es hier sehr viele Parallelen gibt.“
Lady Olive lief in Richtung Ausgang. Ihre Absätze klapperten bei jedem Schritt. Sie öffnete die Haustür und sah die beiden Beamten an:
„Wie schon erwähnt, muss ich mich umziehen.“
Laura gab noch nicht auf, sie startete noch einen Versuch.
„Was ist mit Lady Melody, können wir uns vielleicht so lange mit ihr unterhalten?“
„Sie ist heute nicht im Haus, kommt aber morgen wieder. Ich kann Ihnen gerne ihre Visitenkarte geben, dann können Sie sich mit ihr in Verbindung setzen.“
Sie griff in eine silberne Schüssel, die auf einem kleinen Tischchen neben der Eingangstür stand, und reichte Laura eine Visitenkarte. Die nahm die Karte entgegen und musterte sie gründlich. Ihr Blick blieb an einem Foto hängen.
„Ist das Lady Melody?“
Laura deutete auf eine blonde Frau in Lederdessous. Lady Olive nickte, ohne auf die Karte zu schauen. Sie wusste schließlich, dass neben Anna Koch und ihr selbst nur Lady Melody darauf abgebildet war.
Die Ermittler machten sich auf den Rückweg. Es hatte endlich aufgehört zu regnen. Mittlerweile war es nicht nur dunkel geworden, sondern auch merklich kühler. Laura fröstelte in ihrer immer noch feuchten Kleidung. Sie war gerade im Begriff, in ihr Auto zu steigen, als sich das Hoftor öffnete und ein silberner Porsche auf das Gelände fuhr. Sie hielt inne. Der Wagen parkte neben dem Jaguar und ein älterer, grauhaariger Mann in einem schwarzen Anzug stieg aus. Mit schnellen und kraftvollen Schritten nahm er die gleichen Stufen nach oben wie zuvor Laura und Ackermann. Laura registrierte das rote Kennzeichen des Wagens, ehe sie einstieg. Als Ackermann ihren Wagen zurück auf die Straße lenkte, warf er Laura einen fragenden Blick zu. „Mensch Laura, was war denn mit los dir? Du bist ja der Frau fast an den Hals gesprungen.“
„Ihre herablassende Art und ihr feines Getue gehen mir einfach gegen den Strich, sie ist eine Domina und keine blaublütige Gräfin.“ Sie reichte ihm die Visitenkarte und sagte in sanfterem Ton: „Ich glaube, die dritte Frau auf dem Foto könnte das andere Opfer sein, das zusammen mit Anna gefunden wurde.“ Ackermann blickte nur kurz auf das Foto, da er sich auf den Verkehr konzentrieren musste, und stimmte ihr zu. An der Einfahrt zum Drive-in-Schalter eines Schnellimbisses hielt er an. Laura blickte verwundert auf, sagte aber nichts. Als sie sah, was er alles bestellte, spöttelte sie schließlich: „Ist das alles für dich oder gibst du eine Party?“
„Ich bin verdammt hungrig.“
Dann sah er sie an und fügte hinzu: „Möchtest du auch was? Ich lade dich ein. Wenn du Lust hast, können wir zus..“
„Nein, lass mal, ich fahr bei Paolo vorbei“, unterbrach sie ihn schnell.
„Es wird Zeit, dass ich mir mal wieder eine Pizza gönne. Außerdem wartet Emma auf mich.“
Er ließ sich nicht anmerken, ob ihn ihre Abfuhr kränkte oder nicht. Seine Stimme war weiterhin freundlich und neutral. „Nur deine Katze, sonst niemand?“
Laura erkannte echtes Interesse in seiner Frage. Kein Anflug von Spott oder Ironie. Aber sie gab keine Antwort, ihr Privatleben war ihre Sache und bisher war sie damit auch gut gefahren. Sie interessierte sich nicht für das, was Ackermann in seiner Freizeit tat und würde einen Teufel tun, ihm etwas Persönliches über sich zu erzählen. So oft hatte sie schon erlebt, wie Kollegen sich gegenseitig das Herz ausgeschüttet hatten. Dann, wenn man sich nicht mehr verstand, wurden alle Geheimnisse dem nächsten guten Kollegen anvertraut, und bald zerrissen die Leute sich die Mäuler. Laura wollte ihren Kollegen keine Angriffsfläche bieten. Wenn niemand etwas über sie wusste, konnte auch niemand etwas ausplaudern.
„Ich habe mitbekommen, dass dein Handy ständig klingelt. Warum gehst du nicht dran?“, versuchte er es noch einmal. „Hast du Stress mit deinem Freund?“
Laura war irritiert. „Ich hab dir doch gesagt, dass das meine Mutter war.“
„Deine Mutter, bist du sicher?“, hakte Ackermann nach. Sollte er doch denken, was er wollte, dachte Laura. „Sehr sicher“, erwiderte sie.
„Das macht dann sechzehn Euro fünfzig. Bitte fahren Sie weiter zur Kasse“, meldete sich die Stimme aus dem Lautsprecher und Laura war dankbar für die Unterbrechung.
Eine halbe Stunde später hielt sie auf dem Gehweg vor Paolos Pizzeria im Halteverbot. Schnell schnappte sie sich ihren Geldbeutel und huschte ins Lokal. Sie hatte ihre Lieblingspizza mit Gorgonzola von unterwegs aus bestellt. Stimmengewirr, Hitze sowie eine Mischung aus Kräuter- und Knoblauchduft schlugen ihr entgegen, als sie das überfüllte Lokal betrat. Paolo strahlte, als er sie sah. Auf Italienisch rief er ein paar Worte in die Küche, während er eine Pizza aus dem Ofen zog.
„Laura, ich habe dich schon so lange nicht mehr gesehen, wie geht es dir?“
„Danke, gut. Und euch?“
Paolo lächelte. „Schau selbst!“ Eine hübsche hochschwangere Frau mit einem langen, schwarzen Pferdeschwanz bugsierte lächelnd ihren dicken Bauch aus der Küche. Mit ausgebreiteten Armen lief sie Laura entgegen, wobei sie ein kleines Päckchen aus Alufolie in der Hand trug. „Oh, herzlichen Glückwunsch!“, lachte Laura und ließ sich von Theresa umarmen. „Siehst du, wie lange wir uns schon nicht mehr gesehen haben“, sagte Paolo. Ein Kellner lief vorbei und rief ihm auf Italienisch eine Bestellung zu. Paolo drückte Laura herzlich. „Komm doch mal wieder vorbei, wenn du mehr Zeit hast und es bei uns nicht so voll ist. Wie wäre es mit Sonntag? Bei diesem Wetter gehen die Leute ohnehin lieber in Restaurants mit Terrasse, dann ist bei uns tote Hose.“ Laura fand es immer toll, Paolo zuzuhören. Er sprach eine Mischung aus kurpfälzischem Dialekt und Italienisch. Als er etwa zehn Jahre alt war, war er als eines von vier Kindern einer italienischen Einwandererfamilie nach Deutschland gekommen und in ihr Nachbarhaus eingezogen. Sie waren also so etwas wie Sandkastenfreunde. „Sonntag, ganz sicher“, versprach Laura. Der Kellner wiederholte ungeduldig seine Bestellung und Paolo wandte sich seiner Arbeit zu. Theresa strahlte über das ganze Gesicht. „Es wird ein Mädchen“, flüsterte sie Laura zu. Sie strich sich liebevoll über den prall hervorspringenden Bauch. „Luisa soll sie heißen. In vier Wochen ist es so weit.“ Sie streckte Laura das kleine Paket aus Alufolie entgegen. „Hier, ich hab dir zwei Scheiben Prosciutto cotto für Emma eingepackt. Grüß sie von mir und lasst es euch schmecken. Wir warten am Sonntag auf dich. Ich mache dir auch extra Parmigiana di melanzane“, versprach sie mit vergnügt funkelnden Augen. „Aber Theresa, in deinem Zustand!“, protestierte Laura. „Nix da, du kommst Sonntag, basta!“ Die temperamentvolle Italienerin ließ keinen Widerspruch zu und lachte.
Emma war glücklich. Sie lag zusammengerollt neben Laura auf der Couch und schnurrte zufrieden. Der Schinken musste ja schließlich verdaut werden und so was Leckeres gab’s nicht alle Tage. Während Laura die Pizza genoss und sich den Käse von den Fingern leckte, dachte sie über die beiden toten Frauen nach. Viele Polizisten gingen nach Hause und ließen ihre Arbeit im Büro, aber Laura konnte im Moment einfach nicht abschalten. Sie stand auf und schaltete ihren Computer ein, steckte sich noch schnell das letzte Stück Pizza in den Mund und wischte die Hände an der Jeans ab, ehe sie sich an ihren Schreibtisch setzte, um die Fotogalerie von Lady Violet noch einmal ganz in Ruhe anzusehen. Zweifelsohne, Anna Koch war eine sehr schöne Frau gewesen. Nachdem Laura nun wusste, dass sie als Domina gearbeitet hatte, konnte sie sie sich in ihrem Hauptberuf als Erzieherin kaum vorstellen. Das war einfach zu grotesk. Tagsüber hatte sie mit Kindern gespielt, gesungen oder gebastelt, um sich dann am Abend völlig zu verwandeln. Unbegreiflich. Sie klickte sich durch die Fotos und landete bei Aufnahmen aus dem Klinikbereich. Wie gut, dass sie schon gegessen hatte. Diese Bilder fand sie nun wirklich alles andere als appetitlich. Unter dem Button „Links“ erschienen verschiedene Verweise zu Webseiten anderer Dominas. Nach einer Stunde rieb sie sich die Augen und lehnte sich zurück. Wow, es gab Dominas und Studios wie Sand am Meer. Laura war immer noch fassungslos, was Menschen alles mit sich anstellen ließen, um den ultimativen Kick zu bekommen. Die Fotos, die Laura eben gesehen hatte, gingen weit über das „Popo-Verhauen“, wie es Ackermann heute Abend genannt hatte, hinaus. Sie ging zum Kühlschrank, holte sich ein Bier und trank erst mal einen großen Schluck. Dann klickte sie die verschiedenen Links durch. Sie führte die Flasche zum Mund und hielt in der Bewegung inne, als ihr Blick beim Bild einer blonden Frau hängen blieb. Ihr Puls ging schneller. Sie kniff die Augen zusammen und beugte sich vor; starrte in den Bildschirm. Aber das Gesicht der drallen Blondine in einem ultrakurzen Lack-Krankenschwesterndress und in knallroten High Heels konnte sie nicht erkennen. Es musste doch ein besseres Bild von ihr geben. Sie suchte weiter, fand aber immer nur Seitenaufnahmen oder Fotos, auf denen die Frau im Hintergrund stand. Sie kramte in einer Schublade nach einem Kugelschreiber, fand aber nur einen Bleistiftstummel. Damit schrieb sie die Internetadresse auf die Rückseite eines Briefumschlages, der gerade greifbar war. Sie nahm sich vor, demnächst einen Zehnerpack Kugelschreiber zu kaufen.
So hatte ich mir das Date mit meinen beiden Ladys nicht vorgestellt. Ich liege in meinem Bett und kann nicht schlafen. Immer muss ich an gestern Abend denken.
Was für ein Abend! Als ich eintraf, hatte Lady Violet schon alles so schön arrangiert. Für einen ganz besonderen Kunden. Damit, dass sie dieses Mal der Sub sein würde, hat sie nicht gerechnet. Und schon gar nicht damit, dass ich sie überlisten und sie einige Minuten später gefesselt vor mir liegen würde. Ich erschaudere bei dem Gedanken. Ich spüre, wie mein Blut in Wallung gerät, allein durch den Gedanken an ihren panischen Blick, als ich sie in die Fallgrube gelegt habe. Die Erinnerung an den Duft ihres zarten Fleisches, an ihre verzweifelten Bemühungen, sich zu befreien und ihre Kollegin zu warnen, die einige Minuten später eintreffen sollte – und die dann später ebenso gefesselt vor mir lag. Schwitzend und keuchend vor Schmerz, wartend auf das, was als Nächstes geschehen würde. Ich sah ihren gehetzten Blick, als sie erkannte, dass ihre Freundin ordentlich verpackt in der Fallgrube lag, und als sie sah, wie ich den Deckel schloss. Es ist schon sonderbar, welchen Duft ein gepeinigter Körper ausströmt. Einen Duft, der mich erregt. Einen Duft, der meine Fantasie nährt und meine Kreativität anregt. Einen Duft, der mir wohlbekannt ist. Als Zahnarzt rieche ich täglich den Duft, der von meinen Patienten ausgeht, wenn sie mein Behandlungszimmer betreten und mir zum Gruß ihre schweißnassen Hände reichen. Wenn sie sich auf meinen Stuhl setzen. Ich rieche ihren Angstschweiß, und eine gewisse Vorfreude macht sich in mir breit. Mit beruhigenden Worten erkläre ich ihnen immer, dass ich sehr vorsichtig sein werde und sie keinerlei Schmerzen haben werden. Aber innerlich genieße ich ihre Angst und labe mich daran. Wenn ich bei der Behandlung nah an ihrem Gesicht bin, sehe ich die kleinen, glasklaren Schweißperlen, die sich auf ihrer Haut bilden und mich anfunkeln. Ich würde sie gerne anfassen, aber ich muss mich damit begnügen, sie zu sehen und zu riechen. Heute Morgen erst hatte ich so ein Erlebnis. Mit Frau Engel, die schon seit Jahren kommt. Groß, ein wenig korpulent und Mutter von drei Jungen, die sie mit strenger Hand erzieht. Wie oft habe ich schon erlebt, dass sie eines ihrer Kinder in meinen Behandlungsraum gezerrt und es barsch angefahren hat, weil es ängstlich jammerte. Heute spürte ich ihre Angst. Ich sah sie in ihren Augen und ich roch den süßlichen Duft ihres Schweißes. Bei den meisten Menschen löst der Angstschweiß eines Mitmenschen eine Fluchtreaktion aus. Das menschliche Gehirn verarbeitet sofort Duftstoffe, die ein ängstlicher Mensch aussendet, und warnt vor Gefahr, das ist evolutionsgeschichtlich sehr wichtig. Aber bei mir löst der Geruch von Angst ein wundervolles Gefühl aus, und ich rieche ihn täglich.
Und gestern Abend war das ein ganz besonderes Gefühl. So intensiv. Es war überwältigend.
Eine Zahnbehandlung bei Frau Engel kann es damit nicht aufnehmen.
Pulsuz fraqment bitdi.