Kitabı oxu: «Zwischen Revolution und Aufbruch»

Şrift:

Klaus Beurle

KLAUS BEURLE
Zwischen
Revolution
und
Aufbruch
Pakistan, Tunesien,
Ägypten und Myanmar 2012
Begegnungen, Impressionen, Fragen


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.

© 2012 Echter Verlag GmbH, Würzburg

www.echter-verlag.de

Gestaltung: Hain-Team, Bad Zwischenahn (www.hain-team.de)

Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN

978-3-429-03574-7 (Print)

978-3-429-04686-6 (PDF)

978-3-429-06085-5 (ePub)

Inhalt

Tagebuchnotizen wozu?

Charles de Foucauld

Die Kleinen Schwestern Jesu

Pakistan – Im Dunkeln keimt Hoffnung

Pakistan

Flughafen: Schikanen, frohes Wiedersehen

Autoritärer Bischof

Begeisterter Priesteramtskandidat

Überwältigter Sufi-Meister

Eucharistiefeier auf dem Weg zu den Sufis

Asiatisches Jesus Caritas Treffen im Renewal Centre

Priestergemeinschaft Jesus Caritas

Brief der Priestergemeinschaft Jesus Caritas in Asien an die weltweiten Gemeinschaften von Charles de Foucauld

„Was können wir von Europa aus tun?“

Vortrag im Priesterseminar, Mittagessen bei Bischof Sebastian Shah, Entdeckung in einer islamischen Buchhandlung

Abschied von Renewal Centre und den Sufis

Reflexionen nach 14 Tagen Pakistan

Einseitige westliche Mediendarstellung

Sorge um die Christen in Pakistan

Terrorismus: eine geopolitischen Tragödie

Glaube als Lebenseinstellung

Treffpunkt Mystik

Tunesien – nach der Revolution

Tunesien

Besuch bei Kleinen Schwestern – „Danke Tunesien!“

Einer von vielen Liberalen

Mohammed Bouazizi Es war einfach zu viel der Ungerechtigkeit

„Ein freundliches, liebenswürdiges Volk“

Christliche Bibliothek in der islamischen Medina

2012: Ägypten am Scheideweg

Ägypten

Henri Boulad – ein Phänomen!

Kairo – schockierende Ersteindrücke

Die Borromäerinnen und die Deutsche Schule

Wie wird es mit Ägypten weitergehen?

Al-Azhar Universität – Garant eines säkularen Ägyptens

Nuntius Michael Fitzgerald: „Panikmache unangebracht“

Kopten am Scheideweg

Schmelztiegel Kairo

Ägypten nach der Revolution: „Ich bin hoffnungsvoll!“ Gespräch mit Henri Boulad S. J.

Frank van der Velden: Ägypten und die Kopten nach der Präsidentschaftswahl

Myanmar – ein Volk atmet auf

Myanmar

Regelmäßige Besuche in Myanmar seit drei Jahrzehnten

Spürbare Erleichterung

Eine Frau widersetzt sich rüden Generälen

Aung San Suu Kyi – ein Porträt

Leidgeprüfte, wissensdurstige Jugend

Im Rebellengebiet der Karen

Friedensvermittler zwischen Militär und Rebellen

Die unerwartete Liberalisierung

Sein Herz ausschütten

Befreiung aus der Isolierung

Mitgefühl und Menschenrechte

Resümee

Tagebuchnotizen wozu?

Das kleine Buch „Zwischen Revolution und Aufbruch“ enthält Tagebuchaufzeichnungen von Begegnungen mit Menschen in Pakistan, Tunesien, Ägypten und Myanmar in der ersten Hälfte des Jahres 2012. Es geht um Wahrnehmungen und Impressionen, um Gesprächsausschnitte, die vermutlich ebenso subjektiv wie, inhaltlich gesehen, kurzlebig sind. Der Inhalt des Buches wird sich durch den Lauf der Dinge, durch neue, unerwartete Entwicklungen in den vier sehr unterschiedlichen Ländern schnell überleben. Über die geschilderten Konflikte und Entwicklungen hinaus werden neue Konflikte, neue Machtkämpfe, neue Fragestellungen und Entwicklungen sich zeigen. Doch enthält die Publikation auch Deutungen von Ereignissen und Erkenntnisse aus den gegenwärtigen Entwicklungen, die meine Gesprächspartner aufgezeigt haben und die noch lange zur Diskussion stehen werden. Dadurch erhalten die Tagebuchaufzeichnungen über die Tagesthemen hinaus Einsichten und Standpunkte, die vermutlich noch lange bedenkenswert sein werden.

Das Buch enthält keine wissenschaftlichen Analysen, obwohl zahlreiche Deutungen der gegenwärtigen Situation durch meine Gesprächspartner auf gründlichen Analysen beruhen. Der Schwerpunkt aber liegt auf Erfahrungen und Lebensweisheiten, die mir häufig unbekannte Menschen mitgeteilt haben. Nur wenige meiner Gesprächspartner kannte ich schon zuvor. Bedeutungsvoll waren für mich Gespräche mit Frauen und Männern auf der Straße, mit Studenten, die mir über den Weg liefen, mit Taxifahrern und Gelehrten, mit Theologen, Journalisten und Analphabeten. Nicht immer, aber häufig tun sich in derart zufälligen und spontanen Gesprächen Sinnhorizonte auf, die ich als erstaunlich empfand. Plötzlich sind Menschen sich nahe, die sich eine halbe Stunde zuvor noch fremd waren.

Zwei der vier Länder habe ich schon mehrfach besucht: Pakistan erstmals 1976, Myanmar 1979. Menschliche, freundschaftliche Beziehungen sind in diesen beiden Ländern vornehmlich mit einigen pakistanischen und myanmarischen Amtskollegen und Ordensleuten entstanden. Tunesien und Ägypten habe ich zum ersten Mal besucht. In allen vier Ländern waren es Mitglieder der Charles de Foucauld-Gemeinschaften, die meine ersten Gesprächspartner und primären Gewährsleute waren. Ob sie zu den Kleinen Schwestern Jesu oder zu den Kleinen Brüdern Jesu oder zur Priestergemeinschaft Jesus Caritas gehören – es sind Frauen und Männer, die das Alltagsleben der Menschen ihres Landes kennen, und zwar deshalb, weil sie nachbarschaftliche und freundschaftliche Beziehungen mit Menschen aus armen, benachteiligten Bevölkerungsschichten pflegen. Ihr Christsein orientiert sich nicht an kirchlichen Hierarchien oder an dogmatischen Lehrsätzen, sondern an den Alltagssorgen und Lebensfreuden der Menschen, die in ihrer Nachbarschaft leben. Menschen des Herzens begegnen sich auf derselben Höhe. Das Herz und das Kreuz sind Erkennungszeichen von Charles de Foucauld und der Mitglieder der nach ihm benannten Gemeinschaften.

Charles de Foucauld

Charles de Foucauld wurde 1858 in Straßburg geboren. Als Jugendlicher entfernte er sich von seinem Glauben. Er trat in den Militärdienst ein, der ihn u.a. nach Nordafrika führte. Doch wollte er sich später nicht mehr dem Militär zur Verfügung stellen. Er unternahm eine Erkundungsreise durch Marokko (1883–1884). Dort war er von der Frömmigkeit und Gastfreundschaft der Muslime beeindruckt. Er fand langsam, von seiner gläubigen Cousine angeregt und von einem Priester in Paris begleitet, zurück zu seinem christlichen Glauben. Nach seiner Bekehrung beschloss er, unter den muslimischen Tuareg seine Berufung, Bruder aller zu sein, zu verwirklichen und „wie Jesus von Nazaret“ zu leben. Von 1901 an ließ er sich im algerischen Béni Abbès nieder – als Einsiedler, zu dem jedoch täglich Besucher kamen, die er empfing. Er wurde als „christlicher Marabut“ Freund vieler Tuareg. Am 1. Dezember 1916 wurde er von einem Wächter erschossen. 2005 sprach ihn Papst Benedikt XVI. selig.

Aus Foucaulds Lebenszeugnis und Vision einer „anderen Kirche“ sind seither über zehn Gemeinschaften entstanden. Die bekanntesten sind: Kleine Brüder Jesu, Kleine Schwestern Jesu, Gemeinschaft Charles de Foucauld, Priestergemeinschaft Jesus Caritas, Kleine Brüder vom Evangelium, Kleine Schwestern vom Evangelium, Sodalität Charles de Foucauld, Frauengemeinschaft Charles de Foucauld, Evangelisch-Lutherische Gemeinschaft Charles de Foucauld.

Die Kleinen Schwestern Jesu

leben als Ordensgemeinschaft auf ihre Weise das, was sie durch Charles de Foucauld als ihre Berufung erkannt haben. Sie wurden 1939 von Kl. Sr. Madeleine gegründet und leben – ähnlich wie Jesus 30 Jahre lang in Nazaret gelebt hat – unbeachtet mitten unter den Menschen. Sie gehen beruflicher Arbeit nach und ziehen sich immer wieder zur schweigenden Anbetung zurück. Ihr sehnlicher Wunsch ist es, Grenzmauern zwischen Menschen und Völkern abzubauen und als „Sauerteig“ der Einheit unter den Menschen zu leben. Es gibt etwa 1300 Schwestern weltweit in über 60 Ländern. In Deutschland befinden sich sieben Gemeinschaften, vornehmlich an sozialen Brennpunkten in größeren Städten.

Doch weshalb vier Länder und vier Völker hintereinander besuchen? Weil es sich um vier Völker handelt, die ich für interessant halte und die repräsentativ sind für andere Völker, die sich in ähnlicher Weise zwischen „Revolution und Aufbruch“, zwischen unaufhaltsamen Transformationsprozessen und grundlegender Orientierungssuche befinden. Diese wiederum gehen in allen genannten Ländern Hand in Hand mit unvermeidlichen neuen Konflikten und Unsicherheiten. Sie gehen an die Wurzeln der eigenen Identitäten. In den genannten Ländern hat mich am meisten interessiert, welche Rollen die Religionen, das Militär und die Wirtschaftselite spielen in ihren Verhältnissen zum „einfachen Volk“, zu Männern und Frauen, zu Kindern und Jugendlichen der Straße, zu Studenten und arbeitenden Jugendlichen im Besonderen. Ganz besonders interessierte mich, nicht nur aus beruflichen Gründen, die Suche der Völker nach neuer religiöser Selbstbestimmung und die Wirkkraft und Gestaltungsfähigkeit, die die Religionen in ihren Ländern in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Umgestaltungsprozessen haben. Über Letzteres wird in westlichen Medien häufig nur aus politischer oder soziologischer Sicht oder auf einseitige Weise, oft aus christlicher Überlegenheits- oder auch Unterlegenheitsperspektive berichtet. Mir geht es darum, die Christen und ihre partikularen Kirchen primär als Teil ihres jeweiligen Volkes zu verstehen und erst dann das Unterscheidende und Besondere hervorzuheben.

Die Frage, ob es einen „roten Faden“ gibt, der sich durch die besuchten Länder „zwischen Revolution und Aufbruch“ durchzieht, ist schwer zu beantworten. Eher wird dem nicht so sein. Aber Entsprechungen oder Verwandtschaften hinsichtlich der Aufstände und Entwicklungen in den vergangenen 15 Monaten in diesen Ländern sind nicht von der Hand zu weisen. Einerseits sind in Pakistan, Tunesien, Ägypten und Myanmar immer noch die Spuren der Kolonialzeit deutlich erkennbar und spürbar. Andererseits sind diese Völker nach Erlangung der nationalen Unabhängigkeit, also nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs, aufs neue Opfer des Konkurrenzkampfs der Weltmächte geworden. Die weltweite wirtschaftliche Globalisierung hat die Mehrheit dieser Bevölkerungen nach und nach in neue (stärkere?) Abhängigkeiten versetzt und vor nahezu unlösbare wirtschaftliche und kulturelle Aufgaben gestellt. Dies ist wahrhaftig genug an „rotem Faden“, der sich durch diese Länder zieht, bei all ihren geografischen, geschichtlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Unterschieden.

Ganz verschieden waren die Anlässe, die mich in diese vier Länder in der ersten Hälfte des Jahres 2012 führten: Einladungen von Mitgliedern der Charles de Foucauld Priestergemeinschaft Jesus Caritas waren Anlass der Besuche in Pakistan und Myanmar. Nach Ägypten war ich von den Borromäerinnen (Mutterhaus in Schmallenberg) zur Ostervorbereitung und zur liturgischen Feier der Kar- und Ostertage eingeladen worden. Nach Tunesien war ich auf eigene Faust losgereist, nur mit der Adresse der Kleinen Schwestern Jesu in der Hand. Ich wollte das Ursprungsland des inzwischen bisweilen belächelten Arabischen Frühlings und seine Menschen persönlich kennen lernen und mit eigenen Ohren hören, was Tunesierinnen und Tunesier uns zu sagen haben und wie sie selbst ihre bahnbrechende Revolution wenige Monate danach einschätzen – ein gutes Jahr nach der Revolution.

Pakistan – Im Dunkeln keimt Hoffnung

Lahore, 13.–25. Januar 2012

Pakistan

Staatsbezeichnung: Islamische Republik Pakistan

Staatsgründung: 14. August 1947

Hauptstadt: Islamabad

Bevölkerung: ca. 190,5 Mio. Einwohner (2012)

Sprachen: Urdu (Amtssprache; von nur 7,6% der Bevölkerung als Muttersprache gesprochen), Punjabi (44%), Sindhi (12%), Paschtu (13%), Englisch

Teilung: 1971 Ostpakistan von Westpakistan (danach Bangladesch) getrennt

Religionen: Muslime 97% (77% Sunniten; 20% Schiiten), Hindus 2%, Christen 2%, ca. 3 Millionen sind Ahmadis, Parsen, Sikh und Bahai’i

Kultur: von persisch-arabischen Kulturen überlagerte indische Kultur

Nationalfeiertag: 14. August (1947: Unabhängigkeit Indiens)

Flughafen: Schikanen, frohes Wiedersehen

Freitag, 13. Januar

2:20 Uhr Ankunft mit Etihad in Lahore. Ich versuche, mich auf die chaotischen Verhältnisse im Flughafen einzustellen. Ein Vorgeschmack der Landesverhältnisse? Niemand im Flughafen weiß, wer, wo, was … Unerwartete Kofferkontrolle: Alle Passagiere sollen vor der Einreise nochmals, wie schon im Herkunftsflughafen, gescannt werden. Wozu denn das? Niemand beschwert sich, ich versuche es wenigstens – doch vergeblich. Nach dem Scannen lassen die Flughafensicherheitsbeamten viele Koffer öffnen, auch meinen. Wegen meiner frommen, christlichen Literatur, die ich mitgebracht habe? Ein Immigration-Officer stöbert nun meine Wäsche durch. Was sucht er denn? Tatsächlich, er findet etwas: einen fest in Wäsche eingewickelten Bocksbeutel und eine Schnaps-Flasche. Ich erkläre ihm mit beschwörenden Gesten „It’s only medicine“. Er wird energisch, verwarnt mich und verlangt meinen Reisepass. Er zeigt mit erboster Miene auf meine beiden Flaschen: „Not allowed in Pakistan“. Er wiederholt den Satz. Dienstbeflissen nimmt er die beiden Flaschen an sich und stellt sie – ich staune! – neben eine Reihe von anderen gescannten Flaschen. Da stehen jetzt auch mein Bocksbeutel und meine Williams Birne neben diversen anderen Flaschen, sauber aneinandergereiht. Gut 15 Flaschen hat er schon kassiert, er ist sichtlich stolz darauf. Ich versuche meine Emotionen zu zügeln. Doch niemand scheint sich lebhafter über den Güterentzug zu erregen als ich.

Draußen wartet Father Roy Yahamaya, mein treuer Freund von der Foucauld-Priestergemeinschaft. George, sein Fahrer, steht wie bei der letzten Ankunft neben ihm. Wir drei freuen uns riesig, dass wir uns wiedersehen. Herzliche Begrüßung. Kalt ist es vor dem Flughafen. Ich bekomme als Erstes eine dicke pakistanische Mütze aufgesetzt. Als ich daraufhin von der Flaschenepisode bei der Gepäckkontrolle erzähle, schmunzelt Roy. Kein Kommentar – alltägliche Erfahrungen in einer als korrupt bekannten Gesellschaft? Roy interessiert anderes. Er lächelt so gelassen und heiter, dass ich mich schnell innerlich umstelle. Er will wissen, wie es mir geht, fragt auf der Fahrt zu seinem Zentrum vielerlei über meinen Alltag in Würzburg. Langsam kommt er zur Sache. Es ist 4 Uhr morgens. Er erklärt mir, was mich heute noch erwartet. Roy hat wie immer sorgfältig ein Programm für mich vorbereitet. Wir kennen uns seit 14 Jahren. Er kennt meine Prioritäten, die andere sind als seine. Ich könne mich jetzt schlafen legen, der erste Termin sei um 9 Uhr: offizielle Begrüßung. Ich bin einverstanden. Bevor ich mich in mein Zimmer bewege, kommt er schmunzelnd auf die Bocksbeutel-Scan-Episode am Flughafen zurück. „Du hättest mir vorher schreiben sollen, was du mitbringst. Dann wäre ich mit einem Sonderpass ins Flughafen-Innere gekommen. Niemand hätte dich dann zum Scannen beordert …“

Ein paar Stunden Schlaf genügen, danach wartet vor meinem Zimmer schon wieder Father Roy auf mich. Er will mich offiziell mit seinen Mitarbeitern im Renewal Centre begrüßen und hängt mir dazu eine schöne Girlande um den Hals. Das Zentrum, das Fr. Roy seit über zehn Jahren leitet, heißt offiziell National Renewal Centre (Nationales Zentrum für Erneuerung). Es wurde 1978 von Erzbischof Armando gegründet, um Priestern, Ordensleuten und Laien Kurse zur theologischen Fortbildung und zur menschlichen und spirituellen Erneuerung anzubieten. Vorbild dafür war ein gleich nach dem Vatikanischen Konzil errichtetes ähnliches Zentrum im indischen Bangalore.

Das stark frequentierte Zentrum in Yuhanabad, außerhalb von Lahore gelegen, hat eine wichtige Funktion: Im aufreibenden Alltagskampf können sich hier kirchlich Bedienstete treffen, auftanken, austauschen und neue Impulse empfangen. Es ist mein vierter Besuch im Renewal Centre. Der aus Sri Lanka stammende Fr. Roy heißt nicht nur Katholiken willkommen; auch Protestanten können hier ihre eigenen Kurse abhalten, ebenso NGOs. Muslime kommen häufig zu Besuch oder zu Gesprächen. Roy hat für alle ein Ohr und ein Feingefühl für Menschen, die in Bedrängnis sind. Der Geist des National Renewal Centre tut vielen gut.

Autoritärer Bischof

Zum Tee um 10 Uhr kommt Bischof Andrew an den Kleriker- und VIP-Tisch im Speisesaal. Er ist Bischof von Multan, vier Autostunden von Lahore entfernt. Multan ist bekannt als wichtigstes Sufi-Zentrum Pakistans. Der Bischof begrüßt mich überschwänglich, obwohl wir uns nicht kennen. Er aber kennt Deutschland, jährlich fährt er dorthin. Er erzählt mir von der letzten Woche und von seinen Plänen: „Ich habe bis heute einen wichtigen Schulungskurs für Jugendliche aus meiner Diözese gehalten. Ich will sie zu Laienmissionaren auszubilden. Sie werden irgendwann einmal, wenn die Zeit dafür reif ist, nach Afghanistan ausgesandt werden. Das ist mein großer Traum.“ Der Bischof spricht ununterbrochen und scheint von sich und seinen Plänen begeistert zu sein. Nachdem der Bischof abgereist ist, wird mir allerdings von verschiedenen Seiten erklärt, dass Bischof Andrew unbeliebt und gefürchtet sei, weil er Menschen von oben herab behandle und unberechenbar-willkürlich mit seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen umgehe. Er schwärme von „seinen“ Großprojekten, wie etwa vom Umbau seines Bischofspalais, doch für seinen verschwenderischen Umgang mit Geldern werde er vielfach kritisiert.

Kaum gelandet, bin ich also schon mittendrin in der pakistanisch-kirchlichen Realität.

Begeisterter Priesteramtskandidat

Ich gehe, um mich von den ersten Eindrücken ein wenig zu erholen, in den oktogonalen Innenhof des Renewal Centre. Der harmonisch wirkende Innenhof ist eine Augenweide. Der Architekt, ein Missionar aus Malta, hatte geniale Ideen, als er den Gesamtentwurf des National Renewal Centre erstellte. Ich bewundere die bunten Blumen und sehe den Höhen- und Tiefflügen der Vögel am azurblauen Himmel zu. Ich treffe dabei zufällig Shakil Luka, 29-jährig, der in einer von Lahore zwei Stunden entfernten Gemeinde – in der St. Joseph’s Parish in Gujranwala – ein Praktikum absolviert, um sich auf seine Diakonweihe vorzubereiten. Auf meine Frage, wie es ihm gehe, erzählt er mir ausführlich, wie gern er mit den Menschen in den 32 Dörfern, die zur Pfarrei St. Joseph gehören, zusammenarbeite, wie sehr er aber auch bedauere, dass sein Bischof (in diesem Fall der Bischof von Lahore) so viel Arbeit habe und sich mit so schweren Problemen herumschlagen müsse, so dass er sich um seine Diakon- und Priesteramtsanwärter nur wenig kümmern könne.

Während wir miteinander sprechen, amüsieren wir uns an einem kleinen Vogel, der sich auf dem Rasen zwischen Kirche und Zentrum in der Sonne tummelt, als wolle er uns seine Freiheit, die er genießt, demonstrieren. „Ich selbst“, so erzählt Shakil stolz, „stamme aus einer neunköpfigen Familie, die an der Peripherie von Lahore wohnt. Ich bin heute ins Renewal Centre gekommen, um Fr. Roy zu treffen. Er ist mein geistlicher Begleiter. Ich warte auf ihn. Doch viele wollen mit Fr. Roy sprechen, denn er ist zu allen gut. Wenn er dann aus seinem Zimmer kommt und mich ruft, ist er ganz für mich da. Ihn zu treffen ist mir sehr wichtig, weil Seminaristen und auch Priester sich fast ganz selbst überlassen sind“.

Nach einer längeren Gesprächspause kommen wir auf die Situation des Landes zu sprechen. Mich interessiert dazu die Ansicht eines katholischen Seminaristen und Diakonanwärters. Shakil meint: „Es steht nicht gut um Pakistan. Überall gibt es Konflikte. Unsere Regierung ist nicht Herr der Lage. Auch zwischen Muslimen und Christen gibt es Spannungen. Wenn ich mit dem Motorrad durch die Dörfer fahre, um unsere Christen zu besuchen, werde ich immer wieder einmal angehalten und gefragt, warum ich dies denn tue. Einmal versuchten einige Muslime, mich zu überfallen. Als sie aber sahen, dass ich eine Soutane trage – wozu wir von unserem Bischof angehalten werden –, ließen sie von mir ab. Muslime im Allgemeinen haben hohe Achtung vor katholischen Priestern, Ordensleuten oder auch vor Seminaristen. Wenn es aber in den Dörfern einen Konflikt gibt, in den Muslime und Christen involviert sind, bleibt uns nichts anderes übrig, als den Mund zu halten. Denn wir Christen sind nur eine kleine Minderheit. Wenn wir in einem Disput Gerechtigkeit einfordern, kommt es vor, dass jemand aufsteht und autoritär erklärt: ‚Christen haben in diesem Land nichts zu sagen.‘ Doch die meisten Muslime sind freundlich zu uns. Ich habe keine Angst, ich bin glücklich, Priester werden zu dürfen. Mein Vater war Katechist, er war unermüdlich für die Menschen unterwegs und hat viele Menschen beraten und ihnen geholfen, so gut er konnte. Er hat viel ausgehalten und viel ertragen müssen. Ich will wie er, aber als Priester, für die Menschen da sein und ihnen dienen.“

Zuerst habe ich heute Bischof Andrew getroffen, der mich wenig überzeugte. Gleich danach traf ich, auch wieder zufällig, Shakil, den Praktikanten, der mich beeindruckt hat. Fr. Roy, mein Freund seit über 14 Jahren, hatte mich gleich am Anfang des Tages begrüßt. Roy, Andrew, Shakil – drei unterschiedliche Gesichter ein und derselben Ortskirche. Drei verschiedene Gesichter und Geschichten an einem Tag! Typisch für die pakistanischen Christen: die einen wirken befremdend, andere überzeugen. Die einen zerstören Vertrauen, die andern bauen Vertrauen auf. Der Daseinskampf und das Alltagsleben der Christen in Pakistan sind hart und schwer wie das Leben aller, die zu den religiösen Minderheiten gehören. Allerdings werden Christen in Pakistan nicht verfolgt – wie bisweilen bei uns behauptet wird.

Überwältigter Sufi-Meister

Samstag, 14. Januar

An meinem zweiten Pakistantag besuchen mich muslimische Studenten, von denen mir einer im letzten Jahr bei meinen Sufismus-Recherchen per Internet viel geholfen hat. Internet – ein neues, brauchbares Dialogforum. Nouman, Hammad und Ali heißen die drei. Sie wollen mir einen älteren Pakistani vorstellen, der lange Zeit in Saudi-Arabien gearbeitet hat und sich jetzt voll und ganz der Ausbreitung des Sufismus widmet. Nouman Zaeem hatte darauf bestanden: „Weil du dich so sehr für den Sufismus interessierst, musst du zu allererst unseren Sheikh kennen lernen.“ Der Sheikh ist Anhänger der Qadiriyya-Tradition, einer der ältesten islamischen mystischen Sufi-Traditionen (Tariqa genannt), die auf den persischen Mystiker Abd al-Qadir al-Dschilani (1088–1166) zurückgeht. Heute finden sich Qadiriyya-Anhänger in China, Indien, Pakistan, in der Türkei, den Balkan-Staaten sowie in Ost- und Westafrika.

Wir erreichen das komfortable Eigenheim des Sufi-Meisters. Langsam, nachdem wir uns schon im Empfangsraum gesetzt hatten, tritt er näher. Er hat einen langen, wallenden Bart, tief blickende, leuchtende Augen und dürfte etwa 70 Jahre alt sein. Seine jüngste Tochter, die er mir sogleich vorstellt, serviert uns Tee. Er ist stolz auf sie, sie ist acht Jahre jung. Die Studenten nennen den Sheikh ehrerbietig „Doktor“, obwohl der Sheikh – so werden Sufi-Meister genannt – nie studiert hat. Doch ist er in den Augen der Jungen ein Weiser, ein Gelehrter in Sachen Sufismus. Der „Doktor“ ist seinerseits Schüler eines anderen Sheikhs, den er auf dessen Predigtreisen durch Pakistan kennen gelernt hat. Dieser aus Persien stammende Sheikh unternimmt seit einiger Zeit keine Reisen mehr, sondern lebt nun auf Zypern, wo ihn seine Schüler, so auch der „Doktor“, aus der ganzen Welt aufsuchen, um von seinen Erfahrungen zu lernen und ihm ihre Verehrung zu bekunden. „Ich“ – erklärt mir der „Doktor“, nachdem der feierliche Teeempfang vorüber ist – „pilgere jetzt nicht mehr nach Mekka oder an andere islamische Pilgerstätten, wie ich es früher regelmäßig getan habe; jetzt reise ich nur noch nach Zypern zu meinem Sheikh. Dort ist mein wahres Mekka.“ Der „Doktor“, dessen Namen ich nie erfahren sollte, lädt mich ein, mit ihm baldmöglichst nach Zypern zu reisen. Es ist ihm heiliger Ernst, er würde mich am liebsten morgen schon mitnehmen. Seine Töchter, deren Schönheit und Anmut mich beeindrucken, bieten immer wieder Tee an. Ich höre dem Sheikh stundenlang zu, begreife währenddessen vor dem Hintergrund gestriger Begegnung mit katholischen Priestern, wie bedeutsam die Rolle und wie tiefgehend die Wertschätzung geistlicher Führer durch muslimische Gläubige ist. Zu welchen Abhängigkeiten und Verführungen geistlich-religiöse Führerschaft im Islam führen kann, ist eine andere Frage. Ich stelle nur fest: Die Bedeutung geistlich-religiöser Führerschaft im Islam ist sehr groß und bestimmend für das Leben vieler Muslime. Die Wertschätzung der Studenten für „ihren Doktor“, den Sheikh, und andererseits dessen Bindung an „seinen“ persischen Sheikh auf Zypern haben mir dies erneut vor Augen geführt.

Langsam werde ich jedoch des Zuhörens müde und beginne zu fragen: „Bruder, sagen Sie mir, worin sehen Sie das Wesentliche, sozusagen die Essenz des Sufismus?“ Er zögert mit seiner Antwort nicht: „Sage jeden Tag unzählige Male: Ich bin nichts, nichts, nichts … und dann lerne demütig zu sein, unendlich demütig. That’s it. That is Sufism.“ Ich erwidere, dass wir Christen in ähnlicher Weise glauben, dass wir Menschen ganz klein sind vor Gott, dass selbst Jesus vor Gott ganz klein geworden ist um unserer menschlichen Seligkeit willen. Darin sind wir Christen und Muslime uns eins, dass wir vor Gott unendlich klein sind, ja, im Grunde wirklich nichts sind.“ Er ist damit einverstanden, doch macht er gleichzeitig eine energische Einschränkung: „Was Sie sagen ist wahr. Aber Jesus ist nicht Gottessohn. Gott hat keinen Sohn. Dies muss geklärt und eindeutig festgehalten werden …“

Mit Respekt vor seinem Eifer verabschiede ich mich schließlich von der Runde, in der ich Respekt erfahren habe und in der persönliche Glaubensüberzeugungen zum Ausdruck kamen. Der „Doktor“ versucht am Ende nochmals, mich nach Zypern einzuladen. Für ihn gibt es nichts Größeres, als Sufi zu sein und seinen Sheikh zu treffen. Ich schlage ihm vor, miteinander, aber auf unterschiedlichen Wegen weiterzugehen.

Eucharistiefeier auf dem Weg zu den Sufis

Sonntag, 15. Januar

Um 9 Uhr feiern wir in der Ascension Church (Himmelfahrtskirche) im Renewal Center Eucharistie. Es ist alles ganz anders als zu Hause in Deutschland: Kinder und Jugendliche sind in der Überzahl, die Kirche ist erst richtig voll, als die Predigt beginnt. Eingangs- und Seitentüren sind geöffnet. Ob man draußen ist und mit Kindern spielt oder Tee trinkt oder drinnen ist und mit gefalteten Händen um Gottes Segen ringt, das macht keinen Unterschied. Jeder, ob draußen oder drinnen, ist dabei. Die Liturgie ist sorgfältig vorbereitet. Fr. John (72), Spiritual im gegenüberliegenden Priesterseminar, ist Hauptzelebrant, Fr. Roy und ich konzelebrieren. Viele gestalten den Gottesdienst aktiv mit: zwölf Ministranten, die einen wie Lausbuben, die anderen wie Heilige blickend, Männer und Frauen, die die Gaben zum Altar bringen, der jugendliche Chor und die Instrumentalisten, die mitten unterm Volk sitzen. Die Lieder, in punjabisch-arabischen Rhythmen und Melodien gesungen, gehen mir zu Herzen. Erneut finde ich die Grazie der jungen Pakistanerinnen mit ihrem langen, wallenden Haar und den farbigen Sonntags-Saris beeindruckend. Innerlich ergriffen tragen sie Lesungen und Fürbitten vor.

Was sich jedoch nach dem Gottesdienst abspielt, ist für uns westliche Christenmenschen einfach unvorstellbar, wenn man Ähnliches nicht schon irgendwo in der Welt erlebt hat: Jeder und jede geht auf jede und jeden zu, um sich zu begrüßen oder zu umarmen. Man begrüßt sich minutenlang und strahlt dabei einander voller Freude ins Gesicht. Zwei verheiratete Priester mit Familien sind unter den Gottesdienstbesuchern. Ich als Ausländer werde noch um einige Male mehr geherzt oder auch westlich zurückhaltend begrüßt (von Pakistanern, die im Ausland waren). Wie hätte Nietzsche gestaunt, wenn er solch frohe Christen gesehen hätte! Sein „Wenn die Christen nur erlöster aussehen würden …“ hätte er vergessen können. Als die Begegnungszeremonie nach dem Gottesdienst vorüber ist und es langsam im Zentrum wieder still geworden ist, gehe ich allein in die Kirche zurück und beginne leise, das Magnifikat zu singen.

Mittags – wir sind gerade beim Essen – kommen wieder meine drei jungen muslimischen Studenten; sie wollen mir zwei Sufi-Zentren im Norden des Landes zeigen. Ich hatte anderes vor – aber gut, ich will sie nicht wegschicken. Spontan und unvorbereitet geschieht in Pakistan vieles. Lange Vorbereitungszeiten sind den Menschen hier fremd. Nachdem die jungen Muslime gestern mein Interesse am Sufismus erlebt haben, wollen sie mir nun heute zwei pakistanische Sufismus-Zentren außerhalb Lahores zeigen. Spontan der Vorschlag – schnell der Entschluss.

Vier Stunden dauert die Autofahrt zu den muslimischen Pilgerzentren. Der Fahrstil Noumans ist nicht nur chaotisch, sondern auch halsbrecherisch. Niemand auf der Straße scheint sich an eine Regel zu halten. Meine muslimischen Weggefährten vertrauen auf Allah, ich auf Jesus. Grün ist rot, rot ist an den Kreuzungen grün. Mir bleibt oft der Atem im Hals stecken. Unser Fahrer lässt sich von seinem Straßengefühl leiten und ist sehr reaktionsschnell. Wir kommen irgendwie immer am andern vorbei, rechts oder links, und erreichen schließlich unser Ziel. (Vom Ende meiner Besuchsreise her gesehen: Ich bin während zwei Wochen viel durchs Land gefahren. Nirgends habe ich einen Unfall gesehen, obwohl ich die pakistanische Fahrweise für unverantwortlich halte ….)

Zwei Gräber von Sufismus-Heiligen, dargahs genannt, sind unser Ziel. Dargahs – das Wort stammt aus dem Persischen – sind Schreine, die über Gräbern von solchen Sufis errichtet wurden, die vom Volk, ohne Abstimmung mit der Obrigkeit, als Heilige (ziyarat) verehrt werden. Häufig schließt sich an den Schrein eine Herberge (khangaha), eine Moschee oder eine Madrassa, eine Koranschule, an. Die Frömmigkeit und Glaubenstreue der einfachen, aber auch vieler gebildeter Pakistaner lebt und zehrt von der Verehrung ihrer Sufi-Heiligen.

Erste Station: Okara, eine Stadt mit etwa 600 000 Einwohnern; vor 1947 lebte hier eine große Zahl von Hindus. Wir betreten schweigend das mächtige Heiligengrab und gehen in die sich dem Grab anschließende Moschee. Die riesige Gebetsfläche vor dem Grab wird zurzeit renoviert und erweitert. Der Raum war für die vielen Pilger und Pilgerinnen zu klein geworden. Nouman, mein guide, hatte von den Umbauarbeiten nichts gewusst. Visitors not allowed, steht geschrieben. Wir werden trotzdem freundlich begrüßt und auf die Baustelle eingelassen. Ausländische Besucher sind hier, wie einer der Bauarbeiter sagt, eine Ausnahme. Tausende von Muslimen kommen freitags oder beim mehrtätigen Jahresgedächtnis des Heiligen (urs) zu Gebet und Besinnung zum Sufi-Heiligtum in Okara.

Zweite Station: Pak Patan, eine Kleinstadt mit der Grabstätte des Lieblings der Armen, Farid’uddin Ganj-i-Shakar (16. Jh.). Die dargah ist nur auf mehr oder weniger unbefahrbaren, furchenreichen Straßen über riesige Lehmlöcher zu erreichen. Ochsen- und Eselsgespanne beherrschen die Straßen. Sie kommen mit den Straßenverhältnissen gut zurecht, nicht so sehr unser Kleinauto.

In der dargah selbst empfängt uns eine ehrfürchtige Stille. Viele Beter und Beterinnen sehe ich auf dem großen Platz vor dem Sufigrab und in den Gebetsnischen, fast alle sind kniend in Gebet und Andacht versunken. Einige lesen leise im Koran, andere rezitieren meditierend einige Koranverse, die meisten sitzen oder knien still, mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen. Die Lippen vieler bewegen sich still. Niemand stört es, wenn ich vorbeigehe. Mehr als einmal werde ich sogar durch stille Gesten oder Blicke der Frommen willkommen geheißen. Als wir allerdings versuchen, ein Foto der dargah zu machen, werden wir freundlich daran gehindert. Erst außerhalb der dargah erwartet uns wieder das weltliche Leben: Bettler stehen vor unserem Auto. Es könnten Tausende sein, sagt man mir, nur eine begrenzte Zahl von Bettlern und Bettlerinnen ist zugelassen. Zuerst kommen uns die Männer entgegen, im Gänsemarsch, schön geordnet. Nachdem meine muslimischen Freunde ihnen ein paar Rupees gegeben haben, kommen die Frauen nach vorne, etwa zwanzig sind es. Sie haben bisher in einigem Abstand von ihren männlichen Bettlerkollegen gewartet, bis sie an der Reihe sind. Wieder geben wir den Bettlerinnen ein paar Rupees. Sie streiten gar nicht miteinander, wie auf den Straßen üblich, weil nicht alle etwas bekommen haben. Welch eine Disziplin vor den Toren des Heiligtums, sage ich mir. Doch selbst beim Betteln hat die männlich geprägte Hierarchieordnung für alle Gültigkeit. Frauen haben zu warten und hinten anzustehen, immer und überall, selbst beim Betteln. Männer haben Vorfahrt, nicht nur beim Betteln, immer und überall.

Asiatisches Jesus Caritas Treffen im Renewal Centre

Montag, 16. bis Samstag, 21. Januar

Priestergemeinschaft Jesus Caritas

Die Kleinen Brüder und Kleinen Schwestern Jesu haben eine gewisse Anziehungskraft auf Diözesanpriester ausgeübt, zunächst in Frankreich und dann im deutschen Sprachraum und in Luxemburg und der Schweiz. Ihre Suche und missionarische Unruhe, ihre Arbeit in entchristlichten Milieus, das Erleben von Menschen in Elendsvierteln der Großstädte verstärkten ihren Wunsch nach einer Gemeinschaft von Priestern, die sich am Geist und Lebenszeugnis von Charles de Foucauld orientieren, ohne ihn dabei imitieren zu wollen. Die Gemeinschaft entstand um 1956 und gab sich den Namen Jesus Caritas.

Die Mitglieder der Priestergemeinschaft sondern sich von anderen Mitpriestern oder Ordenspriestern nicht ab und entziehen sich auch nicht ihrer Verfügbarkeit ihrem jeweiligen Bischof gegenüber. Weltweit gehören augenblicklich 3500–3600 Priester in 29 Ländern der Priestergemeinschaft an. In Deutschland sind es rund 450 Diözesanpriester, auch Diakone und Laien.

Als die Priester am Montag nach und nach im Renewal Centre zum Asiatischen Jesus Caritas-Treffen eintrudeln, liegt für alle ersichtlich die größte Tageszeitung auf dem Tisch neben der Eingangstür. Die Schlagzeile, mit allergrößten Buchstaben gedruckt, lautet: „16 victims of terrorist!“ Wir begrüßen einander freundlich, brüderlich. Mit einem Seitenblick sehen alle auf die Schlagzeile. Ich warte ab, wie die Reaktion der Mitbrüder ausfällt, und bin überrascht über einige der Kommentare: „Jetzt war seit langer Zeit Ruhe mit den Terrorakten. Jetzt aber sehen wir in der Zeitung: wieder ein Terrorakt. Dennoch, es geht bergauf, wir werden den Terrorismus auf Dauer besiegen …“ Ich bin über den Optimismus meiner pakistanischen Amtskollegen überrascht – mir lief es, als ich die Schlagzeile las, kalt den Rücken hinunter. So verschieden sind die Einschätzungen und Einordnungen von Terrorakten.

Wir sind 19 Teilnehmer am Asiatischen Jesus Caritas-Treffen. Wir hören Referate, sprechen über alles miteinander, was uns in den Sinn kommt, und beschließen, unseren asiatischen bzw. internationalen Austausch künftig zu intensivieren. Am Ende des Treffens wird ein kleines Team gebildet, um in einem Brief an die weltweiten Charles de Foucauld-Gemeinschaften zusammenzufassen, was wir während des Treffens getan haben, was uns beschäftigt und bewegt, gestärkt und betroffen hat. (Anm.: Dieser Brief sei hier eingefügt. Wenngleich er an einen bestimmten Adressatenkreis gerichtet ist, kann er für Außenstehende einen Einblick in den Ablauf und die Themenstellung des Asiatischen Priestertreffens geben.)

Brief der Priestergemeinschaft Jesus Caritas in Asien an die weltweiten Gemeinschaften von Charles de Foucauld

Liebe Geschwister, Grüße der Verbundenheit und des Gebets aus Lahore in Pakistan an Euch alle! Wir sind 19 Brüder, die zum Asiatischen Treffen der Priestergemeinschaft Jesus Caritas vom 16.–21. Januar 2012 in Lahore zusammengekommen sind. Das Thema unseres Treffens lautete:

Brüderlichkeit im Licht von Charles de Foucauld – eine Botschaft für uns heute?

Roy Jayamaha, Leiter des Zentrums für Erneuerung in Lahore, hatte das Treffen vorzüglich vorbereitet, so dass wir uns bei ihm zuhause fühlten und uns in Ruhe über unser Leben als Diözesanpriester im Licht von Charles de Foucauld austauschen konnten. Im Bewusstsein unserer Mängel und Grenzen gibt uns Diözesanpriestern Charles de Foucauld, auch Bruder Karl genannt, durch sein Leben, seine Suche und Vision Hoffnung und Impulse für unseren Dienst, der uns oft nicht leicht fällt.

Wir haben miteinander gebetet, still Anbetung gehalten, die Schrift miteinander geteilt, Eucharistie gefeiert und uns abends zwanglos zusammengesetzt. Dies half uns, tief Atem zu holen und uns für Gott und füreinander zu öffnen. Unsere Berufung wurde dadurch erneuert und vertieft und unser Bruder-Sein untereinander und für andere bekam neues Leben. Obwohl es draußen richtig kalt war, fühlten wir die Wärme der offenen Herzen unter uns.

Über folgende Themen haben verschiedene Brüder Impulse in Form von Kleinreferaten gegeben. Jeder ist von seinen persönlichen Erfahrungen ausgegangen:

– Charles de Foucauld und die Geschichte von Jesus Caritas in Pakistan (Emmanuel Asi)

– Mission und Evangelisation (Arthur Charles)

– Brüderlichkeit in der Welt von heute (Klaus Beurle)

– Gebet der Hingabe (Günther Ecklbauer OMI)

– Treue in der Bruderschaft (Inayat Bernard)

– Einsamkeit und Schweigen (Samuel George)

Am Ende seiner Ausführungen überraschte uns Emmanuel Asi mit seiner Überzeugung, dass es wieder Frühling geworden sei in der Bruderschaft Pakistans und Asiens! Viele von uns hatten etwas Ähnliches gespürt, doch Asi machte uns klar, weshalb uns, nach schläfrigen Jahren, in Lahore der Kairos eines zweiten Neubeginns geschenkt worden ist.

Wir haben an die Schwestern und Brüder der weltweiten Familie Charles de Foucauld gedacht, besonders an unsere asiatischen Brüder in Bangladesh, Indien, Sri Lanka, Myanmar, Japan, Korea und den Philippinen, die zum Treffen eingeladen waren und teilnehmen wollten, aber aufgrund von Visaproblemen oder anderen Schwierigkeiten nicht kommen konnten. Deshalb, um ähnlichen Schwierigkeiten zu entgehen, haben wir jetzt schon entschieden, unser nächstes Asiatisches Jesus Caritas-Treffen vom 9.–16. Januar 2013 in Colombo, Sri Lanka abzuhalten.

Umso mehr waren wir froh und dankbar, dass unser Treffen trotz mancher Widrigkeiten überhaupt stattfinden konnte und Brüder und Kleine Schwestern aus fünf Ländern sich begegnen und vieles miteinander austauschen konnten. Wir hoffen, dass wir, Priester und Laien, unsere Glaubenserfahrungen immer mehr mit den weltweiten Gemeinschaften von Charles de Foucuald austauschen und teilen können.

In der gegenwärtigen kritischen Situation, was die Beziehungen der Völker wie auch der Religionen betrifft, sind wir zutiefst miteinander verbunden, besonders auch mit der Jugend Asiens und mit den vielen Armen, denen gegenüber wir kirchlich Bedienstete unleugbar Privilegien haben. Wir wissen, dass heute von Asien, dem Kontinent der reichen menschlichen Ressourcen, viel erwartet wird. Immer mehr kommen Kulturen, Zivilisationen und Religionen heute weltweit miteinander in Berührung. Vieles vermischt sich, vieles wird miteinander verwoben. Wir sind entschlossen und bemühen uns, den auf uns gerichteten Erwartungen gerecht zu werden, indem wir das Evangelium durch unser Leben in religiös indifferenten Gesellschaften bekanntmachen und die Botschaft von Charles de Foucauld vor allem mit denjenigen austauschen, die weit entfernt sind von dem, was Jesus von Nazareth den Menschen geschenkt hat.

„Was können wir von Europa aus tun?“

Sonntag, 22. Januar

So habe ich nur einmal gefragt, als ich spürte, meine Gesprächspartner würden mir diese Frage nicht übelnehmen. Es ist eine der Standardfragen der Menschen des Westens.

Maxwell Edward, Ex-Lassalle-Bruder, Bildungsbeauftragter der Erzdiözese Lahore und Direktor des angesehenen St. Mary’s Colleges, sagt dazu: „Den wichtigsten Teil müssen wir hier selbst leisten. Alles hängt davon ab, ob wir unser Bildungs- und Erziehungssystem verbessern und uns aus der islamischen Umklammerung durch einseitige Koranerziehung befreien können. Dafür werden enorme Anstrengungen unternommen. Viele Muslime haben inzwischen in säkularen Bildungsinstitutionen unseren ‚missionary spirit‘ übernommen. Sie setzen sich engagiert für säkulare Bildung ein, die frei ist von der Bevormundung durch die Religion, in der Vertreter der säkularen Gesellschaft die Inhalte der schulischen Erziehung mitbestimmen. Erst wenn wir unser Bildungssystem grundlegend verbessern und den religiösen Fanatismus als schädlichen Bazillus der Gesellschaft entlarven, wird das Volk fähig werden, Fanatiker zu zügeln und Unwissenheit zu überwinden.“ Ich bin erstaunt über die Weitsicht Maxwells. Er fährt fort: „Eine zunehmende Zahl von muslimischen und christlichen Lehrern und Lehrerinnen ist heute davon überzeugt, dass Benachteiligung aufgrund der Religion oder der sozialen Herkunft in Bildung und Wissenschaft keinen Platz haben darf. Für dieses Ziel setzen sich Muslime und Christen in zunehmender Zahl entschieden ein. Doch der Weg zu diesem Ziel ist noch lang. Wir brauchen dazu eine gesunde Demokratie, in der die politisch Verantwortlichen wissen, was Recht und Unrecht ist und in der das Volk frei über sein Reden und Tun entscheiden kann.“

Fr. Emmanuel Asi, anerkannter Bibelwissenschaftler, Ausbildender von Laien in Theologie und unermüdlicher Vermittler zwischen Orient und Okzident, erwartet vom Westen nicht viel, so wichtig jede Solidaritätsbekundung und Geldspende ist. Aber im Großen kommt es auf eine klare Weltpolitik an: „Unsere Regierung hört auf die Europäer, weil sie ihnen mehr als Amerika vertrauen. Unsere Regierung reagiert empfindlich, wenn europäische Regierungen das Land oder die Regierung kritisieren. Gerechtigkeit ist ein Begriff und ein Wert, den alle, besonders auch Muslime verstehen. Als ein deutscher Präsident Pakistan besuchte, wurde genau berichtet, was er sagte. Gerechtigkeit für alle und gleiche Rechte für die Minderheiten – dies wird hier verstanden. Wenn wir Rechte nur für uns Christen fordern und Religionsfreiheit von Ausländern nur im Blick auf die Situation der Christen gefordert wird, kann der Schuss nach hinten gehen. Wir Christen müssen dann dafür büßen, dass unsere Regierungen sich nicht vom christlichen Ausland belehren oder ermahnen lassen. Das Minderheitenproblem muss im Blick auf alle Minderheiten, vor allem auf die viel größeren Minderheiten der Schiiten (33%) und der Ahmadiyyas gesehen und gelöst werden, wenn Frieden in Pakistan einkehren soll. Die Christen mit etwa 2 Mio. unter 180 Mio. Pakistanern sind nur eine Minderheit und zwar eine kleine Minderheit. Die Gläubigen anderer Religionen leiden sogar noch mehr als wir Christen, wenngleich wir zum Aufbau unserer Gesellschaft, vor allem in den Bereichen von Bildung und Gesundheit, Wesentliches beigetragen haben und immer noch beitragen. Allerdings hat sich das Engagement der Kirche und der Christen allgemein inzwischen stärker auf Menschenrechtsthemen und soziale Gerechtigkeit ausgerichtet.“

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9783429060855
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