Kitabı oxu: «Burn-In statt Burn-Out»
Inhaltsverzeichnis
Copyright
Burn-In statt Burn-Out
Vorwort
Einleitung
Teil 1
Burn-out ist DAS Thema
Was geschieht hier eigentlich?
Alles bloß Chemie?
Burn-out-Phasen
Ratespiel Diagnose
Vom Guten im Schlechten
Behandlungsformen
Gedankenkonstrukte
Morphische Felder
Glauben Sie, was Sie wollen!
Teil 2
Lösungen fokussieren
Meditation führt ins Unbekannte
Burn-In-Übungen
ZEN
Die Kraft der Mantras
Yoga-Übung: Nabho Mudra
Die Dynamische Meditation
Die Kundalini-Meditation
Tai-Chi-Chuan
Autogenes Training
Transzendentale Meditation
Neue Visionen gestalten
Die Kinotechnik
Rückschau halten
Reisen nach innen
Fantasiereisen
Fantasiereise: Kraft der Erde
Der Gedankengarten
Heilung
Ein Ritual
Geschichten & Weisheiten
Der Wettkampf der Frösche
Die sieben Zwerge
Der richtige Ton
Der Indianer am See
Die neun Kühe
Indianische Weisheit
Der Coach des Königs
Die zwei Frösche
Der Steinmetz
Die zwei Spatzen
Die Weisheit der Götter
Brief eines Vaters
Schlusswort und Dank
ANHANG
Der Antreiber-Test
Die Burn-In-Seminare auf Korfu
Über den Autor
Copyright
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Bei möglichen unterschiedlichen Schreibweisen wurde die von der Duden-Redaktion empfohlene Schreibvariante verwendet.
Erstauflage: © 2015 by Dr. phil. Klaus Biedermann
ascoach-coaching-akademie.köln
Neuauflage: © 2016 EchnAton Verlag Diana Schulz e.K.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf –
auch teilweise – nur mit Genehmigung des
Verlages wiedergegeben werden.
eBook
(1. Auflage Printversion August 2016)
Gesamtherstellung: Diana Schulz
Coverfoto: ©Fotolia, Nadine Dilly
Lektorat: Angelika Funk
ISBN: 978-3-937883-85-4
www.echnaton-verlag.de
Klaus D. Biedermann
Burn-In statt Burn-Out
Wie Sie in Balance bleiben
Dieses Buch ist den Teilnehmern der Burn-In-Seminare auf Korfu gewidmet.
—
Meinen Lehrern, auch denen, die noch kommen.

Elleni, Xristos, Kostas und Yiannis Mouzakitis, den großartigen Gastgebern im Gravia, die uns vor Augen führen, was Dankbarkeit bedeutet, und denen keiner unserer Wünsche zu viel ist.
Jürg Willi konstruierte den Satz: »Wenn mann/frau mit seiner/ihrer Partner/in zusammenleben will, so wird er/sie zu ihr/ihm in ihre/seine Wohnung ziehen.« Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung weiblicher und männlicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht. Dafür bitte ich Leserinnen um ihr Verständnis.
Ein Indianerhäuptling erzählt seinem Sohn
folgende Geschichte:
»Mein Sohn, in jedem von uns tobt ein Kampf
zwischen zwei Wölfen.
Der eine Wolf ist böse.
Er kämpft mit Ärger, Neid, Eifersucht, Sorgen, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus
und Missgunst.
Der andere Wolf ist gut.
Er kämpft mit Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Wahrheit
und Vertrauen.«
Der Sohn fragt: »Und welcher der beiden Wölfe gewinnt?«
Der Häuptling antwortet ihm: »Der, den du fütterst.«
Vorwort
Sehr wahrscheinlich halten Sie dieses Buch im richtigen Moment in Ihren Händen. Ich werde Ihnen unterschiedliche Wege zeigen, die alle auf ein und dasselbe Ziel ausgerichtet sind: Ein Leben in Balance. Da Menschen sehr verschieden sind, kann es ja nicht nur einen Weg geben. Sie dürfen selbst herausfinden, ob die Methoden, die ich hier beschreibe, auch Sie zum gewünschten Erfolg führen. Aus diesem Grund möchte ich eine Bitte an Sie richten: Glauben Sie mir nichts und machen Sie Ihre eigenen Erfahrungen!
Es nützt Ihnen nicht viel, irgendetwas auf Treu und Glauben anzuerkennen. Geglaubt haben Sie in Ihrem Leben genug. Als Sie noch ein Kind waren, mussten Sie mit ganzem Herzen darauf vertrauen, dass das stimmt, was man Ihnen sagte. Ihr Leben hing vielleicht manchmal davon ab. Das gilt heute nicht mehr. In dem Wort Erwachsen steckt auch der Begriff Erwachen – und dazu möchte ich Sie ermutigen. Aufwachen und Erwachen sind nicht dasselbe. Aufwachen tun wir ja in der Regel an jedem neuen Morgen – und dafür genügt ein Wecker. Erwachen hingegen hat etwas mit erweitertem Bewusstsein und dem Sichöffnen für neue Ideen zu tun.
Es ist mitunter schwierig, sich von alten, inzwischen vielleicht sogar lieb gewonnenen Glaubenssätzen und den daraus entstandenen Verhaltensmustern zu verabschieden, weil wir es uns mit ihnen so bequem gemacht haben. Soll die Taube auf dem Dach doch rufen, wie sie will, der Spatz in der Hand hat schließlich auch Federn. Dass unsere Glaubenssätze von den meisten Menschen in unserer Umgebung bestätigt werden, weil diese ganz ähnliche haben, macht das Loslassen nicht gerade leichter. Ins Wanken kommen wir nur dann, wenn wir auf völlig andere Glaubenssysteme treffen. Wir sind so stolz auf unseren freien Willen – aber reisen Sie einmal nach Indien und sprechen mit Hindus darüber. Die werden vielleicht zu Ihnen sagen: »Das mit dem freien Willen ist eure heilige Kuh.«
Einfach nur älter zu werden, reicht nicht aus, um zu erwachen. Dann wäre ja jeder alte Mensch weise. Es nutzt Ihnen auch nichts, Erfahrungen wie Briefmarken zu sammeln. Kurt Tucholsky meinte: »Erfahrung heißt gar nichts, man kann eine Sache auch 35 Jahre lang schlecht machen.« Solange Sie Ihr Erlebtes nicht auch reflektieren, wird das mit der Weisheit nichts. Möge es Ihnen nicht so ergehen wie dem Richter in Tolstois Roman Der Tod des Iwan Iljitsch, der sich auf seinem Sterbebett die Frage stellte: »Wie, sollte denn mein ganzes Leben verkehrt gewesen sein?«
Wir sind stolz darauf, so vieles verstanden zu haben, dabei haben wir nur einen Bruchteil von dieser Welt wirklich begriffen. Wie oft gab es zu den Dingen, die wir meinten durchschaut zu haben, im Laufe unserer Geschichte neue Erkenntnisse! Für sehr lange Zeit hielten die Menschen die Erde für eine Scheibe. Meine Eltern und wahrscheinlich deren ganze Generation waren noch der festen Überzeugung, Milch sei gesund; besonders viel Werbung hatte die Babynahrung für Kälber damals nicht nötig. In der Zukunft wird sicherlich so einiges neu bewertet werden müssen. Wenn wir Menschen wirklich erwachsen wären, würden wir uns den aktuellen Herausforderungen stellen und überprüfen, ob es noch eine Möglichkeit zur Wende gibt. Wir würden nicht so weitermachen wie bisher. Das gilt weltweit, aber auch für jeden Einzelnen von uns, denn nur dort können wir beginnen, etwas zu verändern. Wenn wir erwachen, wird sich das auf die ganze Welt auswirken. Bevor du anfängst, die Welt zu verändern, gehe dreimal durch dein eigenes Haus, sagt ein chinesisches Sprichwort. Daher ist es wichtig, dass Sie sich alle Wege, die zu Ihrer inneren Weisheit führen können, genau betrachten und sich durch eigene Erfahrung vergewissern, ob und wie etwas wirkt.
Sämtliche Verfahren, die ich beschreibe, habe ich selbst ausgeübt, einige praktiziere ich immer noch und viele davon sind Bestandteil der Burn-In-Seminare auf Korfu. Ist es nicht wunderbar, dass es eine solche Vielfalt an Wegen gibt? Diese Vielheit ist ein Menschheitserbe und deshalb so wichtig, weil sie unserem tiefen Bedürfnis nach Entwicklung entspricht. Einfach macht es das nicht gerade. Einige Male drohte auch ich mich im Dschungel der Methoden zu verlaufen; dabei hielt ich manchen Sonnenstrahl, der durch das Blätterdach schien, schon für die ersehnte Erleuchtung. Ich behaupte nicht, alles auf meinem Weg gefunden zu haben, aber ich bin ja auch erst 65 Jahre alt und Zuversicht und Neugierde gehören zu meinen Stärken. Ich bin gespannt, was das Leben mir noch alles zeigen möchte. Heißt es nicht, der Weg sei das Ziel?
Vielleicht finden Sie einiges von dem, was Sie hier lesen werden, überzeichnet, zu undifferenziert, zu pauschal oder zu unwissenschaftlich betrachtet. Doch mit Haarspalterei kommen Sie – wenn es um Ihr Leben geht – nicht sehr weit. Sicherlich lässt sich in jeder Suppe ein Haar finden, spätestens dann, wenn man lange genug seinen Kopf darüber geschüttelt hat. Aber dann hat man die Suppe verpasst. Sollten Sie sich manchmal provoziert fühlen, so ist genau das meine Absicht gewesen, denn durch Provokationen kommt man meist auf völlig neue Ideen. Sollte das nicht geschehen sein, dann hoffe ich, dass Sie ein Nachsehen mit mir haben; der Versuch war es mir wert.
Wenn Sie dieses Buch lesen, indem Sie nur die Buchstaben zusammensetzen, die Sie sehen, kann der Inhalt nicht vollständig zu dem Teil von Ihnen durchdringen, der verstehen kann, worum es in Ihrem Leben wirklich geht. Dieser Teil ist, mit Verlaub gesagt, nicht Ihr Verstand. Denken kann sich nämlich nur mit Bekanntem beschäftigen. Es dreht sich im Kreis und kann nie ursprünglich sein. Über das Unbekannte kann man nicht nachdenken, genau das aber gilt es zu erforschen, wenn es um die eigene Wahrheit geht. Wenn Sie verstehen wollen, werden Sie sich selbst verwirren. Wenn Sie aufhören, verstehen zu wollen, zeigt sich Ihnen Ihre eigene Wahrheit im gleichen Augenblick. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Ihr Verstand in diesem Augenblick bereits protestiert.
Wahrheit ist kein Glaube, sondern eine tiefe Erfahrung. Die eigene Wahrheit kann man nicht studieren, man muss ihr begegnen und ins Gesicht schauen. Wenn Sie über sie nachdenken, wäre das ungefähr so, als wollten Sie die Alpen erkunden, indem Sie sich bloß die Landkarten anschauen, die andere Menschen darüber angefertigt haben. Wenn Sie nur diesen Karten glauben, werden Sie die Berge verpassen, selbst wenn Sie unmittelbar davorstehen. Sie wären dermaßen voreingenommen, dass Sie der Schönheit der Bergwelt gegenüber blind wären.
Einleitung
Leben ist das langsame Ausatmen der Vergangenheit
und das tiefe Einatmen der Gegenwart,
um genügend Luft für die Zukunft zu haben.
Quelle unbekannt
Wenn man sich die steigenden Zahlen der stressbedingten Burn-out-Diagnosen anschaut, kann man sich die Frage stellen, ob es dieses Phänomen nicht bereits in früheren Zeiten gegeben hat. Vielleicht trat Burn-out nicht in dem gleichen Ausmaß auf wie in unserem heutigen Wirtschafts- und Kulturkreis. Ich scheue mich fast, in diesem Zusammenhang das Wort Kultur zu benutzen, obwohl es schon wieder sehr treffend ist, wenn man darunter ganz wertneutral ›etwas, das von Menschen geschaffen wurde‹ versteht. Der deutsche Arzt Hans Selye, der als ›Vater der Stressforschung‹ gilt, untersuchte das Phänomen bereits in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Beeinflusst war er von dem New Yorker Nervenarzt Dr. Miller-Burt, der schon 1870 die Symptome unter dem Begriff Neurasthenie zusammengefasst hatte.
Dr. Selye führte den Begriff AAS (Allgemeines Anpassungssyndrom) ein und verwandte erst Mitte der 40er Jahre dafür den Begriff Stress. Populär wurde der Begriff bei uns in den 70er Jahren durch eine Sendung des ZDF. Der Begriff Burn-out wurde erstmals von dem New Yorker Psychoanalytiker Herbert Freudenberger eingeführt, der damit die völlige Erschöpfung von Menschen in helfenden Berufen meinte.
Stress kommt sehr individuell daher. Was den einen unter Stress setzt, entlockt dem anderen vielleicht nur ein müdes Lächeln. Erst kürzlich wurde mir dies wieder vor Augen geführt: In einem Café unterhielten sich am Nebentisch zwei ältere Damen. Auf einmal sagte die eine: »Dass mein Bruder mich nicht anruft, stresst mich total«, und beklagte sich eine Viertelstunde über den bewussten Bruder. Da soll einmal jemand behaupten, Stress käme nur von außen. In diesem Fall sicher nicht; hier löste das Fehlen einer Aktion wohl eher einen Bore-out aus, der ähnliche Symptome aufweist wie ein Burn-out. Der Stress der Dame war im wahrsten Sinne des Wortes hausgemacht.
Wenn man sich nur mit den Auswirkungen von Stress beschäftigt, kann es wirklich kompliziert werden. Aber es geht mir zunächst einmal nicht um die Auswirkung, sondern um die Erzeugung. Wenn Sie wissen, wie Sie Stress herstellen, dann liegt die Lösung auf der Hand. So individuell die Stresserzeugung auch ist – meist finden sich mehr oder weniger die gleichen Rahmenbedingungen. Zunächst hat man eine Idee, dann fragt man sich: Schaffe ich das? Es folgt die Überlegung, welche Schwierigkeiten auftauchen könnten und welche schlimmen Konsequenzen diese wiederum hätten. Somit ist klar: Es wird nicht einfach. Schon das kann Stress machen.
Die Schuld am Burn-out wird meist unseren beschleunigten Arbeitsprozessen und der ständigen Verfügbarkeit gegeben. Als Reaktion darauf führten einige Unternehmen stressreduzierende Gegenmaßnahmen ein, beispielsweise das temporäre Abschalten der Server für geschäftliche E-Mails. Bei Daimler werden E-Mails, die während des Urlaubs ankommen, sogar gelöscht. Doch wird hier nur am Symptom geschraubt – für Einzelne durchaus hilfreich, um gar nicht erst in einen gefährlichen Strudel zu geraten –, die Lösung für das Phänomen Burn-out ist dies aber nicht. Vielmehr stellt sich die Frage, wie Menschen besser mit diesen Anforderungen umgehen können. Die Grenzen sind bei jedem anders; doch werden diese überschritten, kollabiert der Mensch. Ist es in diesem Zusammenhang nicht bemerkenswert, dass hier oft nur Alkohol oder andere Drogen wie Nikotin und Psychopharmaka zu helfen scheinen? Das sind wahrlich tückische Weggefährten, die sich früher oder später als Mörder entpuppen können. Wo sind wir eigentlich angekommen?
Stress hat nie in erster Linie mit den Umständen zu tun, sondern damit, wie man diese betrachtet und mit ihnen umgeht. Schwierig ist es nicht, Stress zu erschaffen, das können wir alle. Folglich kann es ebenso einfach sein, ihn zu beenden. Wie aber lässt sich einem Stresszustand ein Ende setzen?
Zunächst muss man sich eines wichtigen Umstandes bewusst werden: Niemand anderes als man selbst erzeugt jenen Stress. Dafür verantwortliche Faktoren sind die persönliche Sichtweise der Dinge, die eigenen Ängste wie auch die Art und Weise, mit bestimmten Situationen umzugehen. Ein erster wichtiger Schritt ist, sich selbst als Schöpfer zu erkennen! Ein Opfer kann und wird nichts ändern, es erduldet nur. Seien Sie sich bewusst, dass Sie immer der Schöpfer Ihres Erlebens sind, und tun Sie die Dinge einfach nicht mehr so wie bisher. Dabei ist es zunächst einmal nicht so wichtig, wie Sie es machen, Hauptsache anders!
Ein Experiment, das vor einigen Jahren an einer amerikanischen Universität durchgeführt wurde, belegt das sehr anschaulich. Man baute zwei Labyrinthe, eines für Menschen und ein in der Relation identisches für Ratten. Im ersten Labyrinth versteckte man eine Hundert-Dollar-Note, im zweiten an der gleichen Stelle ein Stück Käse. Als es ums ›Finden‹ ging, hatten die Menschen die Nase vorn. Dann jedoch entfernten die Forscher sowohl Geld als auch Käse. Die Ratten nun kapierten recht schnell, dass der Käse weg war, und wandten sich wieder anderen Dingen zu. Es soll allerdings heute noch Menschen geben, die den Hundert-Dollar-Schein suchen.
Falls Sie jetzt denken, dass Ihnen das alles noch nicht hilft, dass Sie genauere Anweisungen brauchen oder dass es eben nicht so einfach sein kann – dann lesen Sie weiter. Es gibt eine gute Nachricht: Wenn es Burn-out gibt, ist er auch heilbar.
Gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen.
Paracelsus
Teil 1
Burn-out ist DAS Thema
Die Wahrheit in sich selbst zu entdecken,
gilt mehr als alles auf der Welt.
Quelle unbekannt
Sind wir ein Volk der Erschöpften? Brennt gerade eine ganze Gesellschaft aus? Kaum etwas beherrscht seit Jahren die Management-Presse und Vorträge für Führungskräfte stärker als das Thema Burn-out. Es gibt spezielle Therapieangebote und längst haben sich Kurkliniken und Rehaeinrichtungen darauf eingestellt. Ich werde die Symptomatik auch im weiteren Verlauf Burn-out nennen, weil sich diese Formulierung bei uns eingebürgert hat. Treffend ist der Begriff in jedem Fall: Er meint ja nichts anderes, als dass die Batterie leer ist. Besser als ›Nervenzusammenbruch‹ klingt er allemal.
Als ich mich mit einem ehemaligen Klassenkameraden und Chirurgen über das Buchprojekt unterhielt, meinte dieser scherzhaft, er habe schon viele Menschen operiert, zusammengebrochene Nerven jedoch habe er noch nie gesehen.
Mehr als die Hälfte der Beschäftigten klagt über Termin- und Leistungsdruck, jeder Fünfte der befragten Arbeitnehmer fühlt sich überfordert. »Es war ein schleichender Prozess, der in einem Selbstmordversuch endete, wo ich völlig aufgegeben hatte und das Gefühl hatte, nichts mehr leisten zu können«, so ein Betroffener in einer Sendung bei Phoenix zum Thema Burn-out. Burn-out ist eben keine Infektionskrankheit, die mit plötzlichem hohen Fieber und einem schlimmen Ausschlag beginnt. Es handelt sich vielmehr um eine Störung des ganzen Menschen. Man kann Burn-out eher als eine Art fortschreitenden ›Krebs des Motivations- und Sinnsystems‹ bezeichnen, der sich schleichend entwickelt und oft lange unbemerkt oder fehlinterpretiert und von den Betroffenen oftmals hartnäckig ignoriert wird.
Zur Problematik Burn-out findet man zahlreiche Seminarangebote, die man unter der Rubrik Work-Life-Balance zusammenfassen kann. Wen man auf solchen Veranstaltungen allerdings selten antrifft (und wenn, dann als eher unaufmerksame ›Teilnehmer‹), sind die Gefährdeten selbst. Raten Sie mal, was diese während des Seminars und in jeder Pause machen – sie checken ihre E-Mails und verschicken SMS. Haben sie ihr Smartphone nicht ausgeschaltet, sondern auf ›leise‹ gestellt, dauert es nach dem ersten Vibrieren im Durchschnitt sieben Sekunden, bis nachgeschaut wird.
Burn-out ist in. Umso mehr, nachdem sich auch Prominente wie Tim Mälzer, Maria Carey, Ralf Rangnick, Sven Hannawald und Matthias Platzeck dahingehend ›geoutet‹ hatten. Ein illustrer Kreis, dem man gerne angehören möchte. Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber ich habe erlebt, wie sich Betroffene nach ihrer Kur damit brüsteten, ausgebrannt gewesen zu sein. Ottmar Hitzfeld, der seinen Burn-out im Jahre 2004 verschwiegen hatte, mag hier eine Ausnahme sein. In einem Beruf, in dem es kaum erlaubt ist, Schwäche zu zeigen, ist das vielleicht verständlich.
Eine gigantische Burn-out-Industrie ist entstanden. Viele Unternehmen wie der Otto-Versandhandel in Hamburg bieten ihren Mitarbeitern Kurse in Gesundheitsmanagement an – aus gutem Grund. Die deutsche Volkswirtschaft verliert nämlich jährlich ca. 300 Milliarden Euro durch krankheitsbedingte Ausfälle am Arbeitsplatz! Inzwischen ist längst klar, dass die Kosten aufgrund der Überalterung der Gesellschaft und des medizinischen Fortschritts in Zukunft noch weiter ansteigen werden. Berechnungen haben ergeben, dass sich jeder Euro, der in die betriebliche Gesundheitsprävention investiert wird, auf der volkswirtschaftlichen Ebene mit fünf bis 16 Euro auszahlt. Die Zahl der Krankschreibungen mit der Diagnose Burn-out stieg allein in den Jahren 2004 bis 2011 um das 1400-Fache. Gleichzeitig explodierten die Arzneimittelverkäufe innerhalb von drei Jahren auf fünf Milliarden Tagesdosen mehr als zuvor. Sie haben richtig gelesen! Die Kosten wachsen ins Unermessliche, gleichzeitig werden wir immer kränker. Im Jahre 2013 überholten Männer erstmals Frauen in Bezug auf den Arzneimittelkonsum. Herz-Kreislauf-Medikamente, darunter vor allem Blutdrucksenker, machen bei Männern fast die Hälfte aller Verschreibungen aus. Fast 50 Prozent mehr Rezepte als noch vor zehn Jahren wurden ausgestellt – möglicherweise ein Zeichen dafür, unter welch massivem Druck besonders Männer stehen, den sie dann wiederum medikamentös senken müssen.
Hier läuft also ganz offensichtlich einiges schief. Ein paar Wochen Kur, aus der man als derselbe Mensch herauskommt, als der man hineingegangen ist, oder auch erhöhte Medikation führen zu nichts; das sind die falschen Stellschrauben für Veränderungen.
Von diesen Wundpflastern gibt es noch weitere. Es werden innerbetriebliche Sportgruppen gegründet, andere Firmen engagieren einen Koch, der demonstriert, wie man sich gesund ernährt – all dies wohl wissend und ohne ein Rechengenie sein zu müssen, dass die Kosten hierfür weitaus geringer sind als die Ausgaben für Langzeiterkrankte oder gar ganz ausgefallene Mitarbeiter, die in aufwendigen und kostspieligen Verfahren ersetzt werden müssen. Als prophylaktische Maßnahme sind diese Angebote sicher sinnvoll, ungeachtet meiner Vermutung, dass Sie bei solchen Kursen nur Mitarbeiter als Teilnehmer finden, die nicht zu der Burn-out gefährdeten Gruppe gehören. Diese leben nämlich ohnehin bewusster. Die tatsächlich Burn-out-Gefährdeten werden wahrscheinlich keine Zeit haben, da gerade ein wichtiges Projekt ansteht, bei dem sie unersetzlich sind. Wer gelernt hat, dass sich sein Wert als Person aus seinen Leistungen speist, und dies verinnerlicht hat, bietet mit diesem Stück seines Weltbildes ein weites Feld für weitere Burn-out begünstigende Faktoren.
Da aufgrund der demografischen Entwicklung gute Arbeitskräfte nicht ohne Weiteres zu bekommen sind, ist es natürlich wichtig geworden, für die vorhandenen Mitarbeiter zu sorgen. Ob bei all diesen Maßnahmen (die zwar gut gemeint sind, aber genau wie Pillen ebenfalls nur die Symptome behandeln oder sie wie ein Wundpflaster zudecken) auch die Frage gestellt wird, ob man in seinem Unternehmen am richtigen Platz ist oder ob man noch einen Sinn in seiner Arbeit sieht, wage ich zu bezweifeln.
Das Ganze erinnert mich an die Geschichte von einem Mann, der nachts unter einer Straßenlaterne etwas suchte. Ein hilfsbereiter Passant erkundigte sich, was er da suche. »Meinen Schlüssel«, bekam er zur Antwort. Wo er den denn verloren habe. »Hinter dem Haus«, erklärte der Mann und auf die Frage, warum er denn dann hier nachschaue, meinte er: »Weil es hier heller ist.«
Wenn ein Mensch seine Kreativität für Themen einsetzen muss, die ihn persönlich nicht wirklich berühren, wird seine innere Persönlichkeit nicht daran beteiligt. Das frustriert auf Dauer. Bekannt ist, dass Menschen, die ihren Beruf als Berufung erleben – denn davon leitet sich das Wort Beruf ab – hohen Anforderungen viel besser standhalten. Der sogenannte Sinn im Leben hat eine immens hohe Bedeutung. Wer einen Sinn in seiner Arbeit gefunden hat, braucht keinen Motivationscoach. Motivieren kann man sich ohnehin nur selbst. Motivation, die von außen kommt, ist von kurzer Dauer – da muss man sich viele Male auf einen Stuhl stellen und »tschakka« rufen …
Dass man ohne diesen Sinn im Leben nicht gesund bleiben kann, hat die medizinische Forschung längst herausgefunden. Ein japanischer Forscher untersuchte mehr als hundert Fälle von Spontanremission, also Krankheiten, die medizinisch austherapiert waren und dennoch verschwanden. Drei Faktoren vermochte der Forscher als Gründe zu isolieren – einer davon war der Sinn im Leben; dazu kamen noch der innere Glaube an die Gesundung und ein unterstützendes Umfeld. Diese Spontanremissionen waren schulmedizinisch nicht zu erklären – und doch löste sich die Krankheit auf.
Ich habe jetzt das Alter erreicht, in dem die meisten meiner ehemaligen Klassenkameraden in Pension gehen oder bereits gegangen sind. Wer mich fragt, wie lange ich noch arbeiten werde, erhält zur Antwort: Ich arbeite gar nicht. Solange ich reden kann, tue ich, was mir Spaß macht, denn ich empfinde meine Tätigkeiten nicht als Arbeit. Ich beziehe außerdem noch Sinn aus anderen Aktivitäten – Golfspielen, eine Pokerrunde mit Freunden oder regelmäßige Auszeiten auf Gran Canaria oder Korfu. Ich mag es auch, in einem Straßencafé zu sitzen, einfach in die Gegend zu schauen und Menschen zu beobachten. Selbst wenn ich nicht mehr zu reden imstande sein sollte, kann ich hoffentlich immer noch schreiben. Wahrscheinlich werde ich irgendwann weniger Seminare geben. Aber warum in den Ruhestand gehen? Ist das nicht ein schlimmes Wort: RUHESTAND? Ruhe sanft, kann man da nur sagen.
Hand aufs Herz: Arbeiten Sie? Gehen Sie einer Tätigkeit nach, die Sie Arbeit nennen? Empfinden Sie das, was Sie tun, als Arbeit, als ein Muss? Beantworten Sie sich diese Frage ehrlich! Einer meiner Lehrer meinte einmal etwas provokant, Urlaub sei nur etwas für Leute, die ihre Arbeit nicht mögen. Wann immer Sie sich beim Arbeiten ertappen, halten Sie inne und fragen Sie sich, ob es wirklich das ist, was Sie wollen. Entfernen Sie das Müssen aus Ihrem Leben und erlauben Sie sich, für das bezahlt zu werden, was Ihnen Freude macht.
Von diesem Moment an haben Sie nämlich bezahlten Urlaub. Das wird Sie erfüllen und erfolgreich machen, weil Sie das, was Sie gerne tun, selbstverständlich auch gut machen. Und für das, was man gut macht, wird man auch gut bezahlt. Etwas zu tun, was nicht seine Berufung ist, ist schädlich. Wenn Sie gefunden haben, was Sie lieben, brauchen Sie nie mehr zu arbeiten.
Ein ehemaliger Kollege aus der Zeit, in der ich in einer Klinik für Suchtkranke arbeitete, war Therapeut geworden, weil seine Eltern Arzt bzw. Psychotherapeut waren. Seine Liebe galt aber seit seiner Jugend der Arbeit mit Holz. In seiner Freizeit schreinerte er und stellte da schon wunderbare Dinge her. Eines Tages, er war bereits über 30, kündigte er und begann eine Schreinerlehre, die er erfolgreich als Meister abschloss. Heute stellt er edle handgefertigte Möbelstücke her, hat inzwischen sieben Angestellte und verdient das Vielfache seines früheren Gehalts. Ich habe ihn vor ein paar Jahren zufällig wieder getroffen und er machte einen sehr zufriedenen Eindruck.
Sagen Sie sich morgens, wenn Sie sich auf den Weg zur Arbeit machen, dass Sie jetzt Geld verdienen gehen? Dann machen Sie sich für einen Moment bewusst, dass in dem Wort verdienen, das Wort dienen steckt. Diener kommen in der Regel abends müde nach Hause und wollen nur noch ihre Ruhe haben; die man ihnen auch dann leider nur selten lässt.
Der Amerikaner sagt: I make money und der Engländer: I earn money. Welch ein enormer Unterschied zu sagen, dass man Geld macht, erntet oder gewinnt, wie es in Frankreich heißt: Gagner de l´argent.
Vor allem Männer, die ihren ganzen Sinn ausschließlich in der Arbeit gefunden haben, sterben kurze Zeit nach ihrer Pensionierung oder fallen in einen Zustand, der auch als Rentenschock bekannt ist. Bei Frauen, die ihren Lebensinhalt im Aufziehen der Kinder sahen, werden nach deren Auszug ähnliche Symptome beobachtet, die bis zur Depression führen können und als Empty-Nest-Syndrom bezeichnet werden. Wenn Sie nach der Berentung oder nach dem Flüggewerden der Kinder Glück haben, finden Sie eine Tätigkeit, aus der Sie Sinn und Freude schöpfen.
Vor Kurzem noch hörte ich einen Mann zu seinen Freunden sagen, er habe seit seiner Pensionierung mehr zu tun als vorher – und er machte bei dieser Bemerkung nicht nur einen durchaus fröhlichen Eindruck, sondern schien sogar stolz darauf zu sein. Ich kam leider nicht mehr dazu, ihn nach den Tätigkeiten seines Arbeitslebens zu fragen.
Jetzt höre ich so manchen Einspruch: Mir macht meine Arbeit aber Freude, ich finde durchaus den Sinn darin. Fragen Sie sich doch einmal, ob es wirklich die Arbeit ist, die Ihnen Sinn stiftet, oder eher das, was Sie dafür erhalten, zum Beispiel Geld, die Anerkennung anderer Menschen oder ein gewisser Lebensstandard. Wenn nicht – worin finden Sie Sinn? Robert Frost hat einmal gesagt: »Im Wald zwei Wege boten sich mir dar und ich wählte den, der weniger betreten war. Das veränderte mein Leben.«
Robin Williams forderte als Lehrer in dem Film Club der toten Dichter von seinen Schülern: »Gentlemen, ich möchte, dass Sie Ihren eigenen Rhythmus finden, Ihren eigenen Weg … gehen Sie, wohin Sie wollen und wie Sie wollen. Ob es stolz aussieht oder albern, ist egal.«
Um den Sinn in seinem Leben zu finden, muss man ein gewisses Maß an Reflexionsfähigkeit besitzen. Eine Fähigkeit, die in unseren Bildungseinrichtungen viel zu wenig gefördert wird, wohl weil die Menschen damit viel leichter freie Entscheidungen treffen könnten. Außerdem führt mangelnde Reflexionsfähigkeit dazu, dass die Menschen den Sinn in ihrer Tätigkeit nicht hinterfragen. Sie können weiter produzieren und bleiben an den Symptomen hängen, an denen noch jede Menge Geld verdient wird. Denn mit seinen Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder Verdauungsproblemen geht man zum Arzt und verlangt von diesem, dass er einen wieder gesund mache. In seinem tiefsten Inneren weiß man, dass jede Veränderung einen Preis hat, manchmal einen hohen Preis – den man häufig nicht zu zahlen bereit ist.
Den Job einfach kündigen, wo das Haus noch nicht abbezahlt ist? Ein Sabbatjahr nehmen, wenn die Geier auf die Position scharf sind, die man sich mühsam erarbeitet hat? Noch nicht. Lieber noch etwas weitermachen wie bisher. Man schiebt die Verantwortung für seinen Zustand nach außen, statt die Lösung bei sich selbst zu suchen, dem einzig wahren Experten. Der Arzt verschreibt dann das Schmerzmittel, die Betablocker oder entfernt die Galle, die jetzt doch zu oft übergelaufen ist. Um das Warum kümmern muss man sich erst einmal nicht; schließlich hat man ja auch viel in die Krankenkasse eingezahlt. Es kann aber niemand jemand anderen gesund machen. Was der Arzt allerdings idealerweise machen kann: seinen Patienten dahingehend zu beeinflussen, dass dieser mit dem Verdrängen aufhört, um dann – eventuell auch gemeinsam mit ihm – die Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen gesund zu sein einfach interessanter ist, als sich ständig mit Symptomen herumzuschlagen. Auch wenn dies den Interessen einer einflussreichen Pharmaindustrie ganz und gar entgegenliefe.
Im Idealfall ermutigt der Arzt seinen Patienten, sein inneres Kraftpotenzial zu erschließen. Häufig tun das die Mediziner sogar schon – auf der körperlichen Ebene. Stellen Sie sich vor, Sie hätten sich eine Schnittwunde zugezogen. Es kommt ein Verband auf die Wunde, nach ein paar Tagen nehmen Sie den Verband ab und die Wunde ist geheilt. Der Arzt der Zukunft sollte ein Bewusstheitsmediziner und weiser Wegbegleiter sein. Schließlich käme doch auch keiner auf die absurde Idee, an seinem Auto die Öllampe auszubauen, wenn sie leuchtet, oder ein Pflaster darüber zu kleben, damit er sie nicht mehr sieht.
Der erste Schritt zur Heilung ist das Erkennen und Akzeptieren, dass man selbst der Schöpfer ist – und etwas verändern möchte. Das ist das Entscheidende. Hat man dann den richtigen Weg gefunden, so reicht ein kleiner Anschub, um das Ganze ins Rollen zu bringen. Häufig genügen schon kleine Veränderungen, die dann große nach sich ziehen (fragen Sie einmal einen Homöopathen). Um einen Staudamm zum Einsturz zu bringen, bedarf es keiner Sprengladung, die eventuell noch mehr von dem zerstören würde, das erhalten bleiben kann. Es reicht aus, an der richtigen Stelle ein paar kleine Steine zu entfernen. Dazu braucht es allerdings manchmal Mut.
Das englische Wort courage für Mut ist sehr aufschlussreich. Es leitet sich von der lateinischen Wurzel cor ab, was Herz bedeutet. Mutig sein bedeutet also, vom Herzen her zu leben, was wiederum bedeuten kann, ins Unbekannte zu gehen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und für die Zukunft offen zu sein. Aus dem Herzen zu leben heißt, einen Sinn zu entdecken. Etwas gegen die Stimme seines Herzens zu tun ist Selbstverleugnung und verursacht meist Stress.
Betrachtet man die Entwicklung der psychisch bedingten Krankenstandsraten, so entsteht eine Perspektive, die einem Angst machen kann. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Stress eines der größten Gesundheitsrisiken des 21. Jahrhunderts. Psychische Belastungen sind inzwischen Ursache Nummer eins bei den Frühverrentungen in Deutschland. Das Durchschnittsalter liegt hier bei 48 Jahren. 2011 wurde bei 32,6 Prozent aller Diagnosen eine psychische Erkrankung festgestellt. Die Zahl der Menschen, die deswegen stationär im Krankenhaus aufgenommen wurden, hat sich mehr als verdoppelt. Die Zahl der Fehltage ist um 80 Prozent gestiegen. 2011 belief sich die Zahl der Fehltage in Folge von Arbeitsunfähigkeit auf 59 Millionen. In unserem Nachbarland Österreich sieht es nicht besser aus. Seelische Beschwerden verursachten 2009 dort mehr als 2,4 Millionen Krankenstandstage. Bei einem Burn-out rechnet man im Durchschnitt mit einer Ausfallzeit von ca. 90 Tagen. Verglichen mit den Zahlen von 1995 war bei den Frauen ein Anstieg um 155 Prozent und bei den Männern um 88 Prozent zu verzeichnen. Die Krankenhausaufenthalte stiegen um 96 Prozent. Die Pensionen wegen Erwerbsunfähigkeit stiegen laut Angaben des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger seit 1995 um 116 Prozent. Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz geht davon aus, dass europaweit rund 60 Prozent aller Fehlzeiten auf beruflichen Stress zurückgehen.
Stress ist die häufigste Ursache für Burn-out, so die WHO. Sie schätzt die Kosten durch stressbedingten Arbeitsausfall auf jährlich 20 Milliarden Euro, allein für Unternehmen in Deutschland. Experten nehmen an, dass etwa 10 - 15 Prozent aller Beschäftigten betroffen sind. 30 Prozent werden nach deren Meinung zukünftig auf jeden Fall erkranken. Die Dunkelziffer liegt inzwischen bereits bei 30 Prozent! Einer weiteren Studie der WHO zufolge soll im Jahre 2020 Burn-out die zweithäufigste Krankheit sein. Weiter heißt es dort, psychische Erkrankungen seien die neuen Seuchen unserer Zeit. Im Jahr 2014 ist die Zahl der psychisch Erkrankten um 12 Prozent gestiegen, die Fehlzeiten wegen Depression seit dem Jahr 2000 um 70 Prozent.
Die Gefahren für Unternehmen, Betroffene und deren Angehörige sind zweifellos gravierend. Es besteht nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit einer hundertprozentigen Genesung durch eine gesetzlich finanzierte Therapie nach einem Burn-out. Laut einer Studie der Bundes-Psychotherapeuten-Kammer (BPtK) erlangen maximal 80 Prozent der Erkrankten ihre Berufsfähigkeit zurück. Das bedeutet: 20 Prozent kehren nie wieder ins Berufsleben zurück und von den Genesenden erreichen lediglich 70 Prozent ihre volle ursprüngliche Leistungsfähigkeit wieder. Hier liegt die Frage auf der Hand, was denn Genesung bedeutet. Vielleicht ist damit auch nur gemeint, jemanden so weit wiederherzustellen, dass er von Neuem in der Tretmühle mitlaufen kann.
Die betrieblichen Belastungen durch Burn-out sind enorm. So müssen Unternehmen Abwesenheiten betroffener Mitarbeiter von sechs Wochen bis zu zwölf Monaten kompensieren. Etwa 60 Prozent aller Betroffenen fallen für mindestens sechs Wochen aus. Jeder Neunte, so schätzen Betriebskrankenkassen, leidet an Burn-out. Aus Befragungen geht hervor, dass 30 bis 35 Prozent aller Lehrer in Deutschland, 40 bis 60 Prozent der Pflegekräfte und mehr als 30 Prozent der Ärzte betroffen sind. Die Burn-out-Patienten werden immer jünger – bereits Schüler gehören zum Patientenkreis. Man kann inzwischen von einer Volksseuche sprechen.
Das Zeugnis der Felix Burda Stiftung fällt nicht gut aus: »... Allerdings hat erst eine Minderzahl der Arbeitgeber die Vorsorge als Erfolgsfaktor für sich erkannt. Vom Kleinbetrieb bis zum DAX-Konzern fehlt noch häufig das notwendige Know-how zur Umsetzung betrieblicher Gesundheitsvorsorge. Dass die politischen Rahmenbedingungen betriebliche Vorsorge nur unzureichend unterstützen, macht es Gesundheitsmanagern und Krankenkassen schwer, präventive Maßnahmen im angestrebten Umfang umzusetzen …«
Weitgehend verschont vom Burn-out bleibt, wenn man den Zahlen glauben darf, ausgerechnet die Gruppe der Beschäftigten, in der die höchste Belastung vermutet wird: Top-Manager, das zeigen Erfahrungsberichte, brennen seltener aus. Gründe hierfür könnten die angemessene Anerkennung in Form eines hohen Gehalts, die Liebe zum Beruf oder die in Führungsebenen gebotene Stressresistenz sein. Schwäche zu zeigen ist auf diesen Etagen allerdings ebenfalls immer noch ein Tabu.
Genug der Vorrede – jetzt geht es los. Gewinnen Sie Hoheit über Ihr Leben. Sind Sie glücklich?
Es ist keine große Herausforderung, so zu sein,
wie andere Menschen es sich wünschen,
die große Kunst besteht darin, so zu sein, wie man ist.
Quelle unbekannt
Was geschieht hier eigentlich?
Dinge wahrzunehmen ist der Keim der Intelligenz.
Laotse
Finden Sie es nicht auch auffällig, dass in Ländern, wo Menschen allen Grund hätten, unter Stress zu leiden – weil sie nicht wissen, wie sie an Nahrung kommen oder ob sie in der nächsten Nacht ein Dach über dem Kopf haben werden, geschweige denn, ob sie überhaupt am Leben bleiben –, Burn- out wenig oder gar nicht bekannt ist?
Die Menschen im zwanzigsten Jahrhundert haben zwei Weltkriege mit unglaublichen Belastungen erlebt und noch früher waren Arbeitstage von mehr als 12 Stunden ohne Jahresurlaub keine Seltenheit. Könnte das Phänomen Burn-out vielleicht etwas mit fehlender Sinnhaftigkeit im Leben der Betroffenen zu tun haben oder gar mit dem Verlust von Werten?
Mozart komponierte binnen kurzer Zeit drei große Opern und bekam keinen Burn-out. Paul Cézanne schuf unzählige eindrucksvolle Werke und erlitt keinen Burn-out. Jemand, der wirklich tief begeistert ist von dem, was er tut, kann gar nicht ausbrennen, im Gegenteil: Er bekommt Kraft aus seiner Tätigkeit, auch wenn er zwölf Stunden oder mehr darauf verwendet.
Seit Jahren darf ich beobachten, wie griechische Fischer, die morgens in aller Frühe aufs Meer fahren, vormittags zurückkommen und bis in den späten Abend in ihrer Taverne arbeiten. Dabei plaudern sie gut gelaunt mit ihren Gästen. Als ich dort von meinem gerade entstehenden Buch über Burn-out erzählte, fragten sie, was das sei – und schüttelten dann nur den Kopf. Sogar der ansässige Arzt, mit dem ich im Zuge meiner Recherchen sprach, kannte Burn-out und dessen Symptome bis vor Kurzem lediglich vom Hörensagen und aus einer Fachzeitschrift. Inzwischen, so sagte er mir, gebe es das Phänomen leider zunehmend auch in den großen Städten auf dem Festland; er bringe das mit dem enormen Druck in Verbindung, der seit der Krise auf dem Land liegt.
Ungezählte Menschen stecken dort tief im Tal der Depression. Es ist sogar so schlimm, dass viele Griechen keinen anderen Ausweg mehr wissen als den Freitod. Die Angst, als Bettler zu enden, lässt viele zum Strick greifen. Täglich nehmen sich dort zwei bis drei Menschen das Leben, 25–30 versuchen es. Die Psychologen der Athener Pantion Universität untersuchen die psychologischen Auswirkungen der Finanzkrise. Früher waren Suizide in der griechischen Gesellschaft sehr selten, zurzeit liegt die Rate bei 12 Prozent und steigt weiter an. Angesichts der großen Not ist sogar die Kirche von ihrer Regel abgewichen, Selbstmörder nicht zu bestatten.
Es ist still geworden in Griechenland, weil die Menschen erschöpft sind. Die Zeiten der Massenproteste sind vorbei. 2012 kam es noch zu Straßenschlachten vor dem Parlament. Anlass war der Selbstmord eines 77-jährigen Rentners, der sich aus Protest mitten auf dem Platz erschossen hatte. Laut seines Abschiedsbriefes wollte er damit ein Zeichen setzen und die Jugend auffordern, sich zu wehren. Der Kampf ums Überleben nimmt inzwischen den Menschen die Kraft zur Revolte. Das sind typische Merkmale eines Burn-out. Natürlich wird das nicht bekannt gemacht, da es die Erholung der Aktienmärkte stören würde. Die Troika zeigte sich bei ihrem letzten Besuch ›zufrieden‹. Womit? Damit, dass es in Griechenland wieder Malaria-Tote gibt? Oder mit der Verdreifachung der Selbstmordrate, die jahrelang die niedrigste in Europa war?
Ist die Troika zufrieden mit der Arbeitslosenquote von 27 Prozent? Oder mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 70,6 Prozent in der griechischen Region Dykiti Macedonia? 1,3 Millionen von 3,6 Millionen erwerbsfähigen Griechen sind arbeitslos. Ein Drittel der Bevölkerung ist unter die Armutsgrenze gefallen. Bei 7 Millionen Griechen bestimmt Armut den Alltag.
Ist die Troika zufrieden damit, dass weit mehr als 300.000 Griechen ihr Auto abgemeldet haben oder dass Eltern ihre Kinder in SOS-Kinderdörfern abgeben, weil sie sie nicht mehr ernähren können? 150.000 Hochschulabsolventen haben in jüngster Zeit das Land verlassen, 120.000 Firmen sind inzwischen bankrottgegangen. Dieser beispiellose Aderlass ist die traurige Situation in Griechenland. Man darf gespannt sein, was die neue Regierung Griechenlands bewirken wird. Die Troika wollen sie jedenfalls schon einmal des Landes verweisen und zeigen damit diesen menschenverachtenden Robotern der Europäischen Zentralbank und des Internationalen Währungsfonds die kalte Schulter. Wahrscheinlich hat man nun hierzulande Angst vor einer Annäherung Griechenlands an Russland. Diese Wahl war sicher der demokratische Hilfeschrei eines Volkes, das damit gesagt hat: »So können wir nicht mehr weiter machen.«
Arbeitsüberlastung, Tempodruck, mangelnde Mitsprache bei der Gestaltung der Arbeitsprozesse, Mobbing, autoritäre Führungsstile und fehlende Wertschätzung sind Faktoren, die auch hierzulande den Menschen ein hohes Maß an Belastbarkeit abverlangen. Vor diesem Hintergrund finden viele nicht mehr genügend Muße und Entspannung, um mit den Anforderungen des Alltags fertig zu werden. Dennoch bekommen auch Menschen einen Burn-out, die den eben genannten Verhältnissen nicht ausgesetzt sind. Andere wiederum, die 60 Stunden in der Woche arbeiten, trifft er nicht.
Was geschieht hier eigentlich? Stellt Burn-out vielleicht nur eine Metapher dar, und wenn ja, wofür? Ist es möglicherweise in bestimmten Kontexten völlig normal, einen Burn-out zu erleben, und somit im Umkehrschluss eher krank, keinen zu bekommen? Könnte Burn-out bei Erwachsenen vielleicht gar eine Revolte gegen unser selbst geschaffenes System sein, ähnlich wie ADHS bei Kindern? Falls ja, werden jedenfalls enorme Anstrengungen unternommen, diese Revolution zu verhindern. Die Pharmaindustrie wird es uns sicher danken.
Einerseits sind wir unglaublich stolz auf unsere Freiheit, die wir für das höchste Gut halten, versklaven uns aber selbst immer mehr, indem wir uns von Dingen wie E-Mails, Handys und Smartphones abhängig machen: je mehr wir davon besitzen, desto erfolgreicher meinen wir zu sein. John D. Rockefeller und Enzo Ferrari, um nur zwei erfolgreiche Menschen zu nennen, hatten kein Handy. Wir bilden uns ein, ständig erreichbar sein zu müssen, aber machen uns damit auch in eigenen Prozessen jederzeit unterbrechbar. Sogar während der Unterbrechungen können wir noch unterbrochen werden, wenn zum Beispiel eine neue Nachricht auf dem Display erscheint. Dabei geht es selten um wesentliche Informationen, sondern viel mehr um Ruhestörung. Wir fesseln uns also selbst. Da jedoch nur Dienstboten ständig erreichbar sein müssen, ist derjenige wirklich erfolgreich, der es sich leisten kann, sein Handy auszuschalten.
Benutzen Sie den öffentlichen Personennahverkehr? Dann beobachten Sie folgendes Phänomen sicher auch (falls Sie nicht selbst zu beschäftigt sind): Die Fahrgäste steigen ein, suchen sich eine freie Sitzgelegenheit, lassen sich nieder – und nehmen sofort ihr Smartphone in die Hand. Dann drücken und wischen sie permanent auf dem Display herum.
Aber es geht noch schlimmer: Ich habe an diesem Buch an einem der schönsten Orte geschrieben, die man sich dafür vorstellen kann, auf der Terrasse des Gravia zwischen den Orten Arillas und St. Stefanos im Nordwesten der Insel Korfu. Von dort hat man einen traumhaften Blick auf das Meer und die vorgelagerte Insel gleichen Namens. Eine deutsche Familie kam und besetzte einen der Nachbartische. Kaum hatten sie dort Platz genommen, forderte die vielleicht vierjährige Tochter lautstark von der Mutter ihr Handy und begann sofort darauf herumzuspielen. Wohlgemerkt, sie hatte ein eigenes Smartphone. Von diesem Moment an hörte man von dem Kind kein Wort mehr. Nur als es an das Bestellen des Essens ging, blickte die Kleine kurz auf und sagte: »Pizza«. Über den weiteren Wortschatz des Kindes konnte ich mir keinen Eindruck verschaffen. Da die Eltern ebenfalls nicht miteinander sprachen, befürchte ich da Schlimmes.
Ich möchte die modernen Errungenschaften keineswegs verteufeln; ohne diese elektronischen Helfer könnte ich nicht das Leben führen, das ich führe. Es muss also – wie bei so vielen Dingen – auch hier um die ausgewogene Balance gehen. Man ist jederzeit mit der ganzen Welt verbunden und daher werden wir mit dem Tausendfachen an Nachrichten und anderen Meldungen dessen überflutet, das unsere Großeltern noch erlebt haben. Dies kann nicht nur ein Segen sein, insbesondere wenn man sich die Frage stellt, ob wir unbedingt wissen müssen, welche Prominente gerade schwanger ist oder wie viele Menschen bei einem Hochhausbrand in China ums Leben gekommen sind.
»Jeder weiß, wie man ein Smartphone bedient, die politische Frage lautet umgekehrt, wie man verhindert, dass man vom Smartphone bedient wird«, so die kluge Anmerkung von Frank Schirrmacher, dem 2014 verstorbenen Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der in diesem Zusammenhang an anderer Stelle auch von Sozialstress sprach, den wir früher nur gekannt hätten, wenn wir vergessen hatten, Onkel oder Tante eine Karte aus dem Urlaub zu schreiben.
Problematisch wird es dann, wenn man diese Techniken wie ein Junkie nutzt. Der dadurch erzeugte negative Stress kann sich aufstauen und zu Störungen führen, die Seele, Geist und Körper gleichermaßen schwächen. Dies hat oft Nervosität, Schlaflosigkeit, emotionale Labilität oder Angstzustände zur Folge. Inwieweit Computer bereits den Menschen bedienen, haben weltweite Studien am Arbeitsplatz gezeigt. In dem Moment, in dem die SMS erscheint oder die E-Mail ankommt, werden wir bedient und verlieren die Kontrolle. Es dauert dann durchschnittlich 25 Minuten bis wir nach einer Unterbrechung wieder zu unseren ursprünglichen Tätigkeiten zurückkehren, weil wir einfach vergessen haben, was wir überhaupt getan haben und das so entstandene Vakuum mit noch zwei Projekten füllen, beschreibt Frank Schirrmacher in seinem Buch Payback.
»In vierzig Prozent der Fälle«, schreibt die New York Times, »wandern die Arbeitenden sogar in eine ganz andere Richtung, sie werden magisch angezogen von der technologischen Version eines schlimmeren Gegenstands. Die wirkliche Gefahr ist gar nicht die Unterbrechung, sondern das Chaos, das sie mit unserem Kurzzeitgedächtnis veranstalten: ›Was zum Teufel habe ich gerade getan?‹
»Der moderne Mensch wird in einem Tätigkeitstaumel gehalten, damit er nicht zum Nachdenken über den Sinn seines Lebens und der Welt kommt«, bemerkte bereits Albert Schweitzer – lange bevor es Smartphones gab. In jedem Fall haben Smartphone und Co. unsere Kommunikation verändert und Computer übernehmen für uns mehr und mehr das Denken. Sie stellen uns auf Basis von Antworten, die wir einmal gegeben haben, neue Fragen. Sie glauben das nicht?
Dann nehmen Sie einmal an, sie hätten irgendwann an einer Internetbefragung teilgenommen und dort erklärt, dass Sie für Ökostrom auch etwas mehr bezahlen würden. Später haben Sie online ein Buch über Gartenbau gekauft und außerdem bei Autoscout nach Elektroautos gesucht. Bei Facebook haben Sie den Segeltörn eines Freundes begeistert kommentiert ... Es wird nicht lange dauern, bis Sie gefragt werden, ob Sie nicht Ihren nächsten Urlaub in einer idyllischen Anlage auf einer autofreien Ostseeinsel verbringen möchten, mit der Möglichkeit, Ihren Segelschein zu machen – oder Ähnliches. Der Computer kommt lange vor uns auf solche Ideen.
Der Potsdamer Kinder- und Jugendpsychiater Ulrich Preuß hat beobachtet, dass sich der Druck im Alltag durch das Smartphone erheblich erhöht hat. Viele Jugendliche befinden sich in einem ständigen Stand-by-Modus, weil sie jederzeit erreichbar sein wollen. Er spricht in diesem Zusammenhang von Abhängigkeitsfollowern, wenn die Jugendlichen durch die Benutzung der Social Media nicht eben mal abschalten können, sondern immer in einer Erklärungsnot seien, was sie gerade unternehmen und wo sie gerade sind. Das macht Stress und führt vor allem zu Konzentrationsstörungen, weil man durch die häufigen Unterbrechungen gar nicht mehr gewohnt ist, länger an einer Sache dranzubleiben. Eine große Herausforderung dieses Jahrhunderts wird es sicherlich sein, die Menschen an den stressfreien Umgang mit all diesen Wunderwerken zu gewöhnen.
Stress alleine und für sich betrachtet ist zunächst einmal wertfrei. Es ist die körperliche und geistige Reaktion des Organismus auf Anforderungen aus der Umgebung. Stress ist nicht gefährlich, im Gegenteil. Sind wir nicht zu Stressreaktionen wie Flucht oder Kampf in der Lage, wird es schlimm. Wenn es eine Disposition für Stresserkrankungen wie Depression, Burn-out oder Schlafstörung gibt, dann wird eine Wiederholung von Stresssituationen oder gar Dauerstress zum Risikofaktor.
Alles bloß Chemie?
Nichts erreicht das Herz,
das nicht von Herzen kommt.
Quelle unbekannt
Forscher am Max-Planck-Institut suchten nach biochemischen Ursachen für psychische Erkrankungen. Sie entwickelten einen Bluttest, der zeigt, wie gut ein Mensch mit Stress umgehen kann und wie hoch das Erkrankungsrisiko des Einzelnen ist; dazu wird der Gehalt von Cortisol im Blut gemessen. Cortisol ist das bekannteste Stresshormon, dessen Produktion aber in unserem Gehirn durch ein anderes kleines Eiweißmolekül ausgelöst wird.
Dieses Corticotropin (CRH) erzeugt Angst, unterdrückt Schlaf und Appetit und fokussiert uns auf die Stresssituation. In einer solchen, so fanden die Wissenschaftler heraus, veranlasst das Gehirn die Nebennierenrinde, Cortisol zu bilden, das dann den gesamten Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Herz, Gehirn und Lunge werden aktiviert, andere Systeme wie Verdauung oder Sexualtrieb werden reduziert. Bei Dauerstress kann es dann zu einer gefährlichen Überproduktion von Cortisol kommen, zudem wird das Gehirn geschädigt, was sich wiederum auf das Verhalten auswirkt.
Dass Stress eine wahrhaft haarige Angelegenheit ist, hat eine Dresdner Forschergruppe um den Biopsychologen Prof. Clemens Kirschbaum herausgefunden – die Forscher haben Stress im Haupthaar nachgewiesen. Dass dies bei Drogenmissbrauch funktioniert, wusste man bereits. Ich erinnere da nur an einen bekannten ehemaligen Bundesligatrainer. Seit dem Jahr 2004 waren die Dresdner nun auch dem Cortisol auf der Spur. Da die Kopfhaare im Durchschnitt um einen Zentimeter pro Monat wachsen, konnte man sogar den Zeitraum bestimmen, in dem der Stress bei der betroffenen Personen aufgetreten war – und zwar auf drei Monate genau. Hiermit hatte man eine objektive Beurteilung über das Auftreten von Stress.
Dass Stress besser als sein Ruf ist, konnten Forscher der Universität Bochum belegen. Probanden, die unter Stress gesetzt worden waren, konnten sich an Dinge, die während der Stresssituation auftraten, besser erinnern als entspannte Probanden. Für das Lernen hieße das, dass ein gesundes Maß an Stress sich positiv auf das Langzeitgedächtnis auswirke, also durchaus hilfreich sein könne. Beim Abfragen des Gelernten ist Stress hingegen hinderlich. So empfiehlt es sich, Prüfungssituationen so entspannt wie möglich zu gestalten; hierbei kommt es vor allem auf die Atmosphäre des Raumes und das Auftreten der Prüfer an.
In Anbetracht dessen, dass unser Geist stärker als Materie ist, stellt sich die Frage, wer das Corticotropin produziert. In der Bibel steht bei Johannes: »Am Anfang war das Wort … und das Wort ward Fleisch.« Das heißt ja nichts anderes, als dass der Geist Materie formt – denn dem Wort muss ja ein Gedanke vorausgegangen sein. Kein Auto würde auf unseren Straßen fahren, kein Flugzeug würde fliegen und wir würden auch nicht telefonieren, hätte es keine Menschen gegeben, die genügend Vorstellungskraft hatten, sich das alles auszudenken. Besaßen Sie als Kind eine Kiste voller Legosteine? Dann haben Sie gelernt, dass Gedanken zu Bauplänen und diese zu Materie werden können.
Werner Heisenberg erkannte bereits als Zwanzigjähriger, dass wir die Wirklichkeit vollkommen anders sehen müssen. Nicht mehr materiell, sondern viel offener. Jesus sagte: »Ihr seid alle schlafende Götter.« Könnte dieser Satz nicht als Aufforderung gelten, zu erwachen und sich all seiner Möglichkeiten bewusst zu werden? Ebenso prophezeite er: »Ihr werdet Gleiches tun wie ich und Größeres.« Vielleicht hätte er einen ungefähren Zeitrahmen dafür angeben sollen. Dieses geistige Erbe wartet inzwischen nämlich seit mehr als 2000 Jahren darauf, dass wir uns auf die Reise machen, um zu entdecken, wer wir wirklich sind und welches Potenzial in uns schlummert.
Unser Denken, unsere Art zu fühlen und unser Körper interagieren und beeinflussen sich stets gegenseitig. Wenn Sie an etwas Unangenehmes denken, wird dies unmittelbar im Körper messbar sein. Angenommen, Sie träumen im Schlaf, dass Sie auf dem Dach eines Hochhauses stehen und jeden Moment hinunterfallen werden. Dieses Traumbild wird bei Ihnen augenblicklich körperliche Reaktionen wie Umherwälzen, Schweißausbruch, erhöhten Blutdruck und schnelleres Atmen auslösen. Kurz darauf mag das Traumbild zu einer sehr romantischen Szene wechseln, was wiederum völlig andere körperliche Effekte hervorrufen wird. Ähnliches gilt für den umgekehrten Fall, etwa einer körperlichen Verletzung durch einen Unfall. Sofort wird dies Einfluss auf Ihr Denken, Fühlen und Handeln nehmen.
Eines steht bei allen Betrachtungen über Burn-out fest: Über die Hintergründe wird zu wenig geforscht. Die zugrunde liegende Schwierigkeit ist mir durchaus bewusst – da die Ursachen nämlich so individuell sind, lassen sie sich mit den üblichen wissenschaftlichen Methoden nicht messen. Jeder Betroffene muss sich also die Mühe machen, selbst nachzuforschen. Was bei der Lösung auf keinen Fall weiterhilft, sind Schuldzuweisungen wie: Der Arbeitgeber, der Vorgesetzte oder das Projekt ist schuld.
Im Leben geht es unter anderem darum, zu lernen. Wir häufen dabei eine große Menge von Wissen an. Zu der Meinung zu gelangen, man wisse genug und habe ausgelernt, wäre jedoch ein fataler Fehler. Viele Menschen sind sich da aber bereits nach Beendigung des Studiums oder ihrer Lehre sicher. Gefestigtes Wissen wird dann schnell zu einer Art Landkarte der Realität; auf dieser Basis werden anschließend Entscheidungen getroffen. Alles, was dort nicht hineinpasst, wird ignoriert oder abgewehrt. Die einfachste Form, die Landkarte anderer abzuwehren, ist, sich darüber lustig zu machen, zu behaupten, das Ganze sei Spinnerei oder ›schlaue‹ Gegenargumente zu liefern. Es kann sogar vorkommen, dass eine andere Landkarte unser Zutrauen in unser Weltbild massiv stört. Dann versuchen wir, das Ganze herunterzuspielen, und beruhigen uns wie Kinder, denen man sagt, dass es die böse Hexe in Wirklichkeit gar nicht gibt. Obwohl wir wissen, dass das nicht stimmt, können wir zunächst einmal ruhig schlafen und unser Weltbild ist wieder in Ordnung. In tiefer Meditation kann man allerdings erkennen, dass das bisherige Weltbild und das Leben, das man nach diesem geführt hat, so nicht stimmen und dass es ganz anders sein könnte. Manchmal entdeckt man sogar, dass man einer gigantischen Fälschung aufgesessen ist.
Lässt man neues Wissen zu, kann Nützliches geschehen und gestaltet werden. Wissen und Lernen vertragen sich allerdings nicht immer gut, da man Gelerntem gegenüber in der Regel loyal ist. Die Wiederverwendung alten Wissens verhindert oft Veränderungsprozesse. Ich weiß schon, wie es geht, warum soll ich das ändern, das ist sowieso nicht möglich ist die Haltung, die von Wissen leicht erzeugt wird.
»Gerade wenn man glaubt, etwas zu wissen«, ruft Robin Williams als Lehrer seinen Schülern zu, »muss man es aus einer anderen Perspektive betrachten, selbst wenn es einem albern vorkommt oder unnötig erscheint. Man muss es versuchen. Sie müssen Ihre eigene Perspektive finden und je länger Sie damit warten, desto unwahrscheinlicher ist es, dass Sie sie finden.« (aus dem Film Club der toten Dichter)
Wer lernen will, muss neugierig sein wie ein Kind, um zu erfahren, was er noch nicht weiß. Insofern geht es immer auch hier um eine Balance zwischen Wissen und Nichtwissen. Ein Zeichen dafür, ob Sie ausgelernt haben: Da Sie leben, dürfen Sie noch dazulernen. Sich selbst immer besser kennenzulernen, ist nicht nur die beste Behandlungsmethode bei Burn-out, sondern auch die sinnvollste Prophylaxe.
Der Schritt verrät, ob einer schon auf seiner Bahn schreitet.
Wer aber seinem Ziel nahe kommt, der tanzt.
Friedrich W. Nietzsche
Burn-out-Phasen
Burn-out-Phasen der Erschöpfung nach Dr. med. Mansmann
1. Drang nach Anerkennung und übertriebener EhrgeizDer Betroffene erfüllt seine Aufgaben mit sehr großer Begeisterung. Allerdings überfordert er sich oftmals dabei und setzt sich zu hohe Ziele.
2. Übertriebene LeistungsbereitschaftUm den eigenen Ansprüchen zu genügen, wird noch mehr Energie aufgebracht und alles dafür getan, den Ansprüchen doch noch gerecht zu werden. Das Gefühl, unersetzbar zu sein, steigt. Deshalb werden kaum Aufgaben abgegeben und Arbeitsentlastung findet kaum statt.
3. Ausblenden der eigenen BedürfnisseIn dieser Phase tritt das Verlangen nach Ruhe, Schlaf und Regeneration immer weiter in den Hintergrund. Häufig nimmt der Konsum von Alkohol, Nikotin und Kaffee zu.
4. Ausblenden von Warnsignalen und ÜberforderungUm weiterhin leistungsstark zu funktionieren, blendet der Betroffene alle Warnsignale und Anzeichen des eigenen Körpers aus. Unzuverlässigkeit und Fehler häufen sich im Arbeitsalltag.
5. Verzerrte Wahrnehmung der RealitätAlte Grundsätze verlieren an Wert, Freundschaften und berufliche Kontakte, die vorher eher Entlastung und Unterstützung waren, werden nun mehr als Belastung empfunden. Die Wahrnehmung wird reduziert auf ein Minimum. Probleme in der eigenen Beziehung treten auf.
6. Ausblenden von ersten BeschwerdenProbleme häufen sich im Leben des Betroffenen und auch körperliche Beschwerden wie Müdigkeit, Kopfschmerzen und Angst setzen ein. Jedoch werden diese Probleme ignoriert oder es wird ihnen kaum Beachtung geschenkt.
7. RückzugsphaseHoffnungslosigkeit breitet sich aus und verdrängt alle positiven Gefühle. Alkohol und Medikamente dienen nun häufiger zur Ablenkung. Das soziale Umfeld wird als Bedrohung angesehen und als überfordernd empfunden.
8. Beratungsresistenz baut sich aufDer Betroffene wird unflexibel im Denken und schränkt sich immer mehr ein, was sein eigenes Verhalten anbelangt. Kritik wird komplett zurückgewiesen und als Angriff auf die eigene Persönlichkeit empfunden. Er zieht sich immer weiter zurück.
9. EntfremdungIn dieser Phase fühlt sich der Betroffene sich selbst gegenüber fremd. Es kommt ihm vor, als würde er nur noch automatisch wie ein Roboter funktionieren, ohne freien Willen.
10. Innere LeereMutlos und erschöpft bezwingt der Betroffene seinen Alltag. Angst und Panikattacken verfolgen ihn. Mitunter versucht er, seine Probleme mit Kauftouren und Fressorgien zu bewältigen.
11. Auftretende DepressionenDauerhafte Verzweiflung und Niedergeschlagenheit stellen sich ein. Andere Erkrankungen wie Magersucht können auftreten.
12. Totale ErschöpfungDie andauernde geistige und körperliche Müdigkeit lähmt und beeinflusst das gesamte Leben: Das Immunsystem ist geschwächt, die Gefahr von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Magen-Darm-Leiden steigt erheblich. Die Suizidgefahr ist in diesem Stadium am höchsten.
Sind Sie Führungskraft oder Arbeitgeber?Wenn Sie den leisen Verdacht haben, dass einer Ihrer Mitarbeiter auf einen Burn-out zusteuert, dann machen Sie von Ihrer Fürsorgepflicht Gebrauch, indem Sie sich folgende Fragen stellen:
Fehlt der Mitarbeiter häufiger am Arbeitsplatz?
Braucht er längere Pausen als früher?
Sind seine Arbeitsleitungen nicht mehr so effizient?
Kommt er häufiger zu spät?
Spricht er zunehmend schlecht von seinen Kunden?
Verschiebt er immer häufiger Kundentermine?
Reagiert er verärgert oder genervt, wenn Kunden anrufen?
Kann er sich immer weniger auf seine Kunden konzentrieren?
Isoliert er sich zunehmend von Kollegen oder Feierlichkeiten im Betrieb? Geht er Diskussionen aus dem Weg?
Oder/und bemerken Sie bei Ihrem Mitarbeiter einen stetig zunehmenden Widerstand, täglich zur Arbeit zu gehen?
Bemerken Sie Gefühle des Versagens, Ärgers und Widerwillens?
Ist Ihr Mitarbeiter entmutigt oder gleichgültig?
Ist der Mitarbeiter frustriert?
Erleben Sie Stimmungsschwankungen?
Stellen Sie Widerstand gegen Veränderungen fest?
Kann sich der Mitarbeiter immer schlechter konzentrieren?
Wo deine Talente und die Bedürfnisse der Welt sich kreuzen,
dort liegt deine Berufung.
Aristoteles
Ratespiel Diagnose
Was nennen die Menschen am liebsten dumm?
Das Gescheite, das sie nicht verstehen.
Marie von Ebner-Eschenbach
Weltweit wird an Tests gearbeitet, um Burn-out präzise diagnostizieren zu können, doch sind die Forscher sich untereinander nicht einig. Mehr als 130 Symptome wurden bislang gesammelt – eine klare medizinische Definition des Begriffes fehlt aber bis heute.
Burn-out wird im ICD-10, der internationalen Klassifikation der Erkrankungen, nach wie vor nicht als eigenständiges Krankheitsbild geführt. Dr. Manfred Lütz spricht da eher von einer Befindlichkeitsstörung. Wie immer man dieses Phänomen auch nennen mag – inzwischen leiden Millionen Menschen daran. In Deutschland schätzt man die Zahl der Betroffenen auf neun Millionen, mehreren Untersuchungen zufolge gehört fast ein Drittel aller Ärzte dazu. So kann es sein, dass ein Patient mit einem Burn-out in der Praxis eines Leidensgenossen sitzt. Laut der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtsfragen ist die Zahl der Behandlungsfehler stark angestiegen. 2013 hatten mehr als 2.000 Beschwerden Erfolg, jede vierte Behandlung oder Diagnose war fehlerhaft. Und dies sind nur die Fälle, die zur Anzeige kamen.
Eine Mutter hatte einen Sohn, der süchtig nach Datteln war. Sie hatte von einem berühmten Heiler gehört, der weit draußen in der Wüste lebte. Als Mutter und Sohn nach zwei Tagesreisen bei diesem angekommen waren, sagte der Heiler: »Kommt morgen wieder.« Sie übernachteten in der Nähe. Am nächsten Tag heilte er den Sohn. Auf die Frage der Mutter, warum er das nicht schon gestern getan habe, war seine Antwort: »Da hatte ich selbst Datteln gegessen.«
Falsch behandelt oder lange ignoriert kann Burn-out zu permanenter Berufsunfähigkeit und Invalidisierung mit all ihren zerstörenden Konsequenzen für das soziale wie berufliche Leben führen, in manchen Fällen auch zum Suizid.
Bei fast allen traditionellen Behandlungsmethoden versucht der Arzt, das Problem einzukreisen, indem er seinem Patienten Fragen zu den Symptomen stellt. Der Begriff Patient kommt aus dem Lateinischen und bedeutet erdulden, ertragen, ausharren, was viel über das Rollenverständnis der klassischen Schulmedizin aussagt. Der Arzt fragt immer weiter nach Details. Auf diese Weise erfährt er zunehmend mehr über die Geschichte des Problems und beginnt auf der Basis seines während der Ausbildung erworbenen Wissens, seiner Einstellungen und Glaubenssätze innerlich Hypothesen zu bilden. Was folgt, ist seine Diagnose, die ungefähr so ausfallen kann: »Nach allem, was ich gehört habe, handelt es sich hier um eine Depression.« Und schon ist der Patient mit einem Etikett versehen, das er nur sehr schwer wieder los wird. War er bis dahin nicht depressiv, so wird er es aufgrund der Diagnose. Die suggestive Macht von Menschen in weißen Kitteln ist nicht zu unterschätzen – im positiven wie im negativen Sinne.
Glaubt der Arzt herausgefunden zu haben, was das Problem ist, so überlegt er, mit welcher Lösung man diesem Problem begegnen könnte und welche Barrieren aus dem Weg geräumt werden müssen; somit steht er auf der Position des Experten. Was dann folgt, ist eine Verschreibung. Der Arzt teilt dem Patienten mit, worauf er achten sollte, welche Medikamente er nehmen oder dass er mehr Sport treiben müsse, dass er möglicherweise die Ernährung umstellen oder sich am besten einmal eine Auszeit nehmen sollte. Wenn diese Verschreibungen nicht ausreichen, wird meist die Dosis erhöht – also mehr vom Selben gemacht, anstatt neue Wege zu gehen.
Dieser ganze Ansatz erweckt dann den Anschein, als sei er ganz und gar auf das Individuum bezogen. Bei dieser Vorgehensweise gibt es eine klare Trennung: Ich bin hier der Doktor, beobachte dich dort und beschreibe, wie ich dich beobachte. Dann gebe ich dir mein Rezept.
Dieser Ansatz ist ein beliebtes Modell der klassischen Schulmedizin. Sie schaut sich den menschlichen Körper vornehmlich als Maschine an. Dabei betrachtet man zum Beispiel, wie das eine Teil der Maschine zu einem anderen Teil in Beziehung steht. Menschen funktionieren aber anders. Wir sind nicht lineare Systeme und als solche nicht vorhersagbar. Mit dem Ursache-Wirkung-Prinzip kommt man hier nicht weit. Noch nie ist nur ein Körper in eine Arztpraxis gekommen – Geist und Seele waren immer dabei, und mehr noch, die Systeme, in denen dieser Mensch lebt und von denen er ein Teil ist, ebenfalls. Alles ist untrennbar miteinander verbunden. Das bedeutet: Alle Phänomene, die sich im Geist abspielen, finden ebenfalls auf der körperlichen Ebene statt und sind dort sogar unmittelbar beobachtbar, spürbar und messbar. Denken Sie nur an das Erröten, wenn man sich schämt, oder das Zittern vor Angst.
Der Arzt stellt also seine Diagnose aus seinem eigenen Modell der Wirklichkeit heraus. Das Dumme ist nur, dass auch der Patient ein Modell hat, nämlich seines. Er hat sich Gewohnheiten zu eigen gemacht, die er auch dann beibehält, wenn sie zu Problemen führen. Versucht also der Arzt oder Therapeut, sein Modell gegen das des Patienten durchzusetzen, reagiert der Patient oft so, dass er den sein eigenes Modell störenden Einfluss auszugleichen versucht oder es unwirksam werden lässt. Dies wird dann oft als Widerstand gedeutet.
Demzufolge muss bei der Behandlung anders vorgegangen werden. Arzt und Patient sollten die Netzwerke betrachten, die Wechselwirkungen innerhalb der Systeme, von denen der Betroffene ja ein Teil ist. Und das kann nur gemeinsam geschehen. Indem Arzt und Patient also gemeinsam Lösungen suchen, machen sie den ersten Schritt in die richtige Richtung. Falls sie den lösungsfokussierten Ansatz wählen, schauen sie sich zunächst das Ziel an, beginnen praktisch am anderen Ende, indem sie als allererstes herausfinden, wie die Idee des Patienten über das gewünschte Ergebnis aussieht.
Natürlich werden die meisten sagen: »Ich möchte wieder gesund sein.« In der Regel nickt der Arzt dann, als wisse er genau, was sein Gegenüber damit meint. Das weiß er aber nicht, das kann nur der Patient selbst wissen. Also sollte der Arzt die Frage anschließen, woran genau sein Patient denn bemerken würde, dass er wieder gesund ist. Hier gilt es, genau hinzuhören. Daraufhin sollten Arzt und Patient gemeinsam nach Ausnahmen und Erfolgen in der Vergangenheit suchen. Der Arzt forscht also nicht nach Defiziten, die beseitigt werden müssen, sondern richtet sein Augenmerk auf Ressourcen und ungenutzte Potenziale seines Patienten. Bei dieser Vorgehensweise wird der Begriff Patient ad absurdum geführt, da dieser ja aktiv daran beteiligt ist, seine Lösung zu finden, die er längst in sich trägt. Er weiß nur nicht, dass er sie hat, dies ist ihm schlichtweg entfallen – vor lauter Stress.
Bei diesem Ansatz stellt der Arzt beispielsweise folgende Fragen: »Gab es schon Zeiten, in denen Sie sich gesund gefühlt haben?« Oder: »Welche dieser kleinen Erfolge aus Ihrer Vergangenheit wollen Sie wiederholen? Und wie haben Sie es denn damals geschafft?« Oder: »Woran würden Sie als Erstes bemerken, dass es in die gewünschte Richtung geht? Würden andere Menschen in Ihrer Umgebung dies ebenfalls bemerken, und wenn ja, woran?« Wenn man diesen Ansatz wählt, entsteht eine Zusammenarbeit. Da dem Arzt in der Regel aber nicht so viel Zeit für seine Patienten zur Verfügung steht – oft sind es nur wenige Minuten –, wird meist die schnellere Methode gewählt. (60–90 Patienten an einem Tag sind keine Seltenheit.) Bei dem beschriebenen zeitlich aufwendigeren Weg nimmt der Arzt keine Verschreibungen vor, indem er dem Patienten vorgibt, was er tun soll, sondern das Ganze wird vielmehr zu etwas, das beide gemeinsam konstruieren. Falls Sie schon einmal mit Familientherapie zu tun hatten, so wissen Sie, dass der Beobachter und die Person, die beobachtet wird, in Interaktion stehen. Es handelt sich um einen gemeinsamen Prozess – und im Ansatz bereits um systemisches Denken.
Burn-out klingt einfach besser als Depression, da man damit gemeinhin jemanden etikettiert, der sich für seine Arbeit und seine Firma aufgeopfert hat. Kaum einer ›Krankheit‹ wird so viel Respekt entgegengebracht wie dieser. Immerhin wird sich jeder Betroffene die Frage stellen müssen, ob es Sinn ergibt zu leben, um zu arbeiten, oder ob es sinnvoller ist, zu arbeiten, um zu leben. »Es traf mich ohne Vorwarnung. Ich konnte mit dem Gefühl gar nichts anfangen, hatte keine Ahnung, woher das plötzlich kam, ich war total unausgeglichen und nicht mehr fähig, zur Arbeit zu gehen. Ich habe mich an den freien Tagen einfach nicht mehr erholt.« Stellvertretend kann diese Aussage eines Klienten für viele andere stehen. Wenn Sie sich selbst nicht sicher sind, ob Sie zum gefährdeten Personenkreis gehören, stellen Sie sich doch selbst einmal folgende Fragen und beantworten Sie diese ehrlich und selbstkritisch! (Es hört ja niemand zu.)
Fühle ich mich leer und ausgebrannt?
Unternehme ich weniger als früher?
Fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren?
Brauche ich Schlaf- oder Beruhigungsmittel?
Bin ich häufiger krank als früher?
Fühle ich mich überfordert?
Bin ich ängstlich oder depressiv geworden?
Macht mir meine Arbeit keinen Spaß mehr?
Bin ich chronisch müde?
Leide ich mehr als früher unter Muskelverspannungen, Magen- oder Kopfschmerzen?
Glaube ich, dass ich an meiner Arbeitssituation nichts ändern kann?
Gehe ich in meiner Freizeit weniger als früher meinen Interessen und Hobbys nach?
Fühle ich mich in der Arbeit alleingelassen?
Bin ich eher gereizt als früher?
Werde ich meinen Kunden gegenüber zunehmend zynischer?
Trinke ich häufiger Alkohol, um mich zu entspannen?
Rauche ich mehr?
Fällt es mir schwer, morgens zur Arbeit zu gehen?
Bronnie Ware arbeitete jahrelang als Krankenschwester und begleitete viele Menschen in deren letzten Tagen vor dem Tod. Aus ihren Gesprächen mit den Patienten fasste sie fünf unerfüllte Wünsche zusammen:
1 Ich wünschte, ich hätte mehr Mut aufgebracht, ein Leben getreu mir selbst zu führen anstatt eines, das andere von mir erwarteten.
2 Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.
3 Ich wünschte, ich hätte den Mut aufgebracht, meine Gefühle zu zeigen.
4 Ich wünschte, ich wäre mit meinen Freunden in Kontakt geblieben.
5 Ich wünschte, ich hätte mich glücklicher sein lassen.
Es gibt auch noch eine andere Möglichkeit, Burn-out zu betrachten: Was wäre, wenn die Betroffenen uns allen mit ihren Symptomen lediglich zeigten, dass wir mit unserem Denken und Handeln gerade dabei sind, unseren Omnibus gegen die Wand zu fahren? Ist es vielleicht ein gesamtgesellschaftliches Problem? Haben wir den Kontakt zu dem, was im Leben wirklich wichtig ist, verloren?
Ist Burn-out also gar kein individuelles Problem, sondern ein systemisches, das uns alle betrifft? Wenn dem so ist, welche Chance liegt wohl darin? Es lohnt sich sicher, darüber zu meditieren.
Einst lebte auf Zypern ein Bildhauer mit dem Namen Pygmalion. Er beschloss, sich ganz und gar seiner Kunst zu widmen, da er keine Frau finden konnte, die seiner Vorstellung von Schönheit entsprach. Bald darauf hatte er in seinem Atelier ein Stück sehr reinen weißen Marmors, aus dem er eine wunderschöne Frau formte – die all das verkörperte, was er für schön hielt. Er war so begeistert von seiner eigenen Schöpfung, dass er Aphrodite bat, ihm bei der Suche nach einer Frau zu helfen, deren Schönheit seiner Skulptur ebenbürtig war. Aphrodite wusste, dass ihm nur die Statue selbst genügen würde, und so hauchte sie der Statue Leben ein. Pygmalion nannte sie Galatea und heiratete seine eigene Schöpfung.
Sehr viele Therapeuten ähneln Pygmalion. Sie haben Methoden lieben gelernt, die Welt ihrer Patienten zu verstehen. Wenn sie ›gut‹ sind, werden sie in der Therapie dasselbe Verständnis vermitteln. So können Transaktionsanalytiker Ihnen beibringen, sich und Ihre Erlebnisse als Manifestationen des Eltern-, des Erwachsenen- und des Kind-Ichs zu verstehen. Ein Verhaltenstherapeut wird Ihnen erklären, dass Sie für jede ihrer Verhaltensweisen irgendwann einmal positiv verstärkt worden sind, ein Gesprächstherapeut wiederum wird Ihnen deutlich machen, dass in Ihnen ein positiver Kern steckt, der wertgeschätzt und akzeptiert werden muss. Als ich noch als Psychotherapeut tätig war, glaubte ich oft, meine Klienten hätten sich verändert, weil ich auf diese oder jene Weise interveniert hatte, heute sage ich manchmal, obwohl ich so interveniert hatte.
Würden die kleinen grünen Männchen vom Mars (oder woher auch immer) hier landen und uns fragen, wie wir Menschen unsere Probleme lösen, und erklärten wir ihnen dann all unsere psychologischen und therapeutischen Modelle, so würden sie uns vielleicht nach einer Weile fragen: Warum erforscht ihr denn nicht, wie das Leben ganz von selbst für Veränderungen sorgt?, bemerkte Paul Watzlawick einmal in einem seiner Vorträge. Doch es gibt Hoffnung. Immer mehr Ärzte nutzen neben der modernen Medizin auch überlieferte Praktiken: das Auflegen der Hände, Trancereisen zu inneren Bildern der Heilung, Meditation. Unikliniken arbeiten mit Heilern zusammen (in England und der Schweiz übrigens schon seit Langem) und Ärzte und Psychologen experimentieren mit neuen Methoden, die auf uraltem Wissen beruhen.
Wenn der Sinn fehlt Burn-out trifft nicht nur gestresste Arbeitnehmer aus der Wirtschaft oder dem Bankenwesen, sondern auch Menschen, die sich für andere aufopfern, wie Mütter, Krankenpfleger, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Ärzte und Seelsorger, und zwar insbesondere dann, wenn sie für ihren Einsatz zu wenig Wertschätzung und Anerkennung erhalten.
Betroffen sind nicht nur Menschen, die sich hauptsächlich über ihre Arbeit definieren und andere Lebensbereiche eher als nebensächlich betrachten, sondern auch in einem rein privaten Kontext werden Symptome eines Burn-out beobachtet, wenn es dort zu Konflikten kommt. Denn auch diese Bereiche berühren das Thema Sinngebung.
Eine Situation, von der man einmal glaubte, sie gebe einen Sinn, hat sich verändert; man erhält sie nun aus unterschiedlichen Gründen aufrecht, aber schöpft keine Kraft mehr aus ihr. Nehmen wir als Beispiel ein Ehepaar, das sich mit ganzer Energie auf das Großziehen der Kinder fokussiert und darin seine Bestimmung gesehen hat. Sind die Kinder aus dem Haus, kommt es danach oft zur Trennung.
Oder ein Paar hat sich voll und ganz auf den Hausbau konzentriert und dort viel Zeit und Kraft hineingesteckt. Kaum ist das Haus fertig, fehlt dieser Sinn und man muss sich entweder neu finden oder sich trennen. In beiden Fällen würde es eine Menge Kraft kosten, einfach so zu tun, als hätte sich nichts verändert; es käme sicherlich zu Erschöpfungszeichen. Geht es uns mit unseren Wünschen nicht ganz ähnlich? Einen Wunsch zu haben und etwas dafür zu tun, damit er sich erfüllt, gibt Energie. Kaum ist dieser Wunsch aber erfüllt, klopft bereits der nächste an. Der Weg ist meist interessanter als das Ziel.
Der Unterschied zu Menschen mit einem Bore-out-Syndrom (Langeweile) besteht darin, dass diese im Vorhinein schon keinen Sinn in ihrem Tun finden. Sei es, dass sie längere Zeit arbeitslos sind oder beispielsweise zu stumpfsinnigen Arbeiten herangezogen werden, ohne irgendeine Abwechslung. Ich gehe davon aus, dass die meisten Menschen zu Beginn ihrer beruflichen Tätigkeit mit Überzeugung ans Werk gingen, vielleicht sogar mit einer großen Portion Enthusiasmus. Sie sahen einen Sinn in dem, was sie sich als Profession ausgesucht hatten, oder hofften, einen Sinn darin zu finden.
Ich möchte stellvertretend den Beruf des Lehrers erwähnen, denn ich erinnere mich, dass in den 80er Jahren überdurchschnittlich viele Lehrer mit Symptomen wie Schlaf- und Verdauungsstörungen, Kopfschmerzen, Beklemmungsgefühle, Dauermüdigkeit oder Tinnitus, Konzentrationsstörungen und Übellaunigkeit, die zu einem klassischen Burn-out gehören, in die Praxis kamen. Nur nannte man es damals noch nicht so. (Burn-out gilt übrigens bis heute als der häufigste Grund für Frühpensionierungen bei Lehrerinnen.) Sie berichteten von einer großen Begeisterung zu Beginn ihrer Laufbahn. Sie hatten hohe Ideale, als sie beschlossen, Pädagoge zu werden. Viele waren entweder durch negative Erfahrungen mit schlechten Lehrern aus ihrer eigenen Schulzeit motiviert oder hatten gute als Vorbild gehabt. Im Schulbetrieb angekommen, wurden sie schnell desillusioniert – durch mangelhafte Ausbildung, was den Umgang mit Menschen betrifft, durch überfrachtete Lehrpläne, zu große Klassen, resignierte Kollegen, die das alles schon hinter sich hatten, und vieles mehr. Ist es nicht traurig, dass die meisten Schüler auf die Frage, warum sie in die Schule gehen, antworten: Weil ich muss? Das hört sich doch nach fehlender Sinngebung auf beiden Seiten an.
Dass Lernen am nachhaltigsten freiwillig und unter positiven emotionalen Bedingungen möglich ist, dürfte sich inzwischen auch bei den Verantwortlichen herumgesprochen haben.
Non scholae, sed vitae discimus (Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir) wurde uns zwar in der Schule immer wieder gesagt, aber wirklich Nützliches für das Leben habe ich erst danach gelernt. Von der großen Menge an Stoff, der uns vermittelt wurde – und das wird auch heute meist noch versucht –, ist nicht viel hängen geblieben. Wissen Sie noch was ein Jambus ist oder die Goldene Bulle? Dabei weiß man aus der Hirnforschung und der Entwicklungspsychologie inzwischen, dass es viel zielführender ist, weniger Stoff durchzunehmen, den Schüler aktiv mitgestalten können. Ansätze waren durchaus auch an meiner Schule vorhanden. So züchteten wir mit Begeisterung Fruchtfliegen, um die mendelschen Gesetze zu lernen. Lernen fällt unglaublich leicht, wenn man für etwas begeistert ist, weil man dann emotional beteiligt ist; und dies macht dann den Unterschied zum Pauken aus. Frau Prof. Ellen Langer von der Harvard University hat gesagt, pauken sei, als wenn man Pakete schlucken müsse, die noch verschlossen sind. Das ist passives Konsumieren. Das Ziel von Pauken ist die Note, nicht das Wissen. Gehirngerechtes Lernen hingegen ist ein aktiver Prozess und eine angeborene Fähigkeit und es gibt keinen Grund, warum dies keinen Spaß machen sollte. Bei gehirngerechtem Lernen wächst das Interesse an dem Lehrstoff. Fast jedes Kind freut sich auf die Schule und kann es kaum erwarten, bis es endlich losgeht. Es dauert in der Regel nicht sehr lange, bis es desillusioniert ist; es sei denn, es liebt die Lehrer und hat in seiner Klasse gute soziale Kontakte, was aber mit dem System Schule wenig zu tun hat. Wenn der Lernende aktiviert wird, wenn ihn der Stoff interessiert, wenn er selber denken und sich bewegen darf (das gilt insbesondere für Jungen), entstehen im Gehirn sogenannte Neurotransmitter, ohne die es kein Lernen gibt.
Pulsuz fraqment bitdi.