Kitabı oxu: «Die Utopie des Sozialismus»
Klaus Dörre
Die Utopie des Sozialismus
Kompass für eine Nachhaltigkeitsrevolution

Anlässlich des 200. Geburtstags von Friedrich Engels
und für die Aktiven in der Klimabewegung
unserer Zeit
Gliederung
Zur Einführung, Selbstverortung eingeschlossen
I Visionen: »Pandemie stoppt Klimawandel!«
II Begriffe: Radikaler Humanismus, Postwachstum, Neosozialismus?
III Heuristik: Sozialismus – von der Wissenschaft zur Utopie
IV Diagnose: Landnahme, Zangenkrise, Anthropozän
V Gründe: Warum nachhaltiger Sozialismus?
VI Nachhaltigkeit: Eine neue Rechtfertigungsordnung
VII Fundamente: Konturen nachhaltig sozialistischer Gesellschaften
VIII Produktivkräfte: Digitaler Sozialismus?
IX Effizienz: Demokratische Planung, humane Arbeit, befreites Leben
X Katastrophen: Sozialismus oder Pandemie
XI Übergänge: Nachhaltiger Sozialismus jetzt!
Zum Schluss: Sozialismus im Handgemenge
Anmerkungen
Literaturverzeichnis
Zur Einführung, Selbstverortung eingeschlossen
Das Auditorium Maximum der Leipziger Universität im Mai 2019. Vor dem zum Bersten gefüllten Saal drängen sich hunderte Studierende, um an der Gründung von Students for Future teilzunehmen. Mein Part ist es, in die Debatte um die Erderhitzung und deren gesellschaftliche Folgen einzuführen. Auf die an das Publikum gerichtete Frage, ob die klimapolitisch gebotene Nachhaltigkeitsrevolution innerhalb kapitalistischer Verhältnisse möglich sei, antwortet ein vielstimmiges »Nein!« Der Vorschlag, große Konzerne wegen ihrer Blockadehaltung gegenüber Klimazielen zu sozialisieren, erhält tosenden Applaus. Einigen Veranstalter:innen steht deshalb der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Angesichts der gerade erst im Entstehen begriffenen Bewegung wären ihnen weniger radikale Statements lieber gewesen. Doch solche Befürchtungen erweisen sich als unbegründet. Die Vollversammlung wird zu einem grandiosen politischen Erfolg, denn sie wirkt nach. Den Leipziger Ereignissen folgt ein bundesweiter Klimaratschlag in Jena. Er wird zu einem der Ausgangspunkte für neue politische Allianzen, die einen labour turn der Klimabewegung und zugleich einen climate turn von Gewerkschaften und anderen arbeitsorientierten Akteuren anstreben.1
Ich hebe dieses Ereignis hervor, weil es mich für einen lebensverlängernden Augenblick spüren ließ, dass ein ökologisch inspirierter Sozialismus zu einer höchst lebendigen Praxis werden kann. In Bewegungen mit großer Mobilisierungsfähigkeit verfügt er über eine riesige soziale und politische Basis. Dass die etablierte Linke diesen Kraftquell kaum zu nutzen weiß und er allenfalls Parteien zugutekommt, die ihre ökosozialistische Vergangenheit lange hinter sich gelassen haben, steht auf einem anderen Blatt. Dieses Problem ist in erster Linie hausgemacht. Gleich ob Migrationsregime, Haltung zur Europäischen Union, Umgang mit Rassismus und der radikalen Rechten oder das Management der Coronapandemie – es findet sich kaum ein Thema, das ungeeignet wäre, der gesellschaftlichen Linken Rohstoff für ihre Lieblingsbeschäftigung zu liefern. Gemeint ist der Hang zu vermeintlich absoluten Wahrheiten, zu Sektierertum und Selbstzerfleischung. Von einem linken Mosaik, wie es der Gewerkschaftsintellektuelle Hans-Jürgen Urban als idealtypischen Entwurf konzipiert hat2, sind wir, inmitten einer epochalen Krise des globalen Kapitalismus, meilenweit entfernt.
Schlimmer noch, innerhalb der Linken regiert die Hermeneutik des Verdachts. Wer auch nur andeutet, die imaginäre Revolte der radikalen Rechten habe etwas mit sozialen Verwerfungen zu tun, sieht sich sogleich mit dem Vorwurf der Rassismusverharmlosung konfrontiert. Umgekehrt heißt es, Plädoyers für ein offenes Migrationsregime ignorierten Alltagssorgen, mit denen sich »einfache Leute«3 auch in reichen Gesellschaften herumzuplagen hätten. Bei den Auseinandersetzungen um den ökologischen Gesellschaftskonflikt verhält es sich ähnlich. Üben sich die einen in der Kritik einer imperialen Lebensweise, die Herrschende und Beherrschte reicher Gesellschaten Beutegemeinschaten zur Ausplünderung ärmerer Länder zurechnet, verschanzen sich die anderen hinter den Grenzen nationaler Wohlfahrtsstaaten, weil sie annehmen, dass Politik zugunsten der Benachteiligten nur innerhalb dieser Arena möglich sei. Zwischentöne sind da nur Krampf im gegenseitigen Abwertungskampf.
Doch so unterschiedlich die jeweiligen Lager in ihren politischen Positionierungen auch sein mögen, in einem Punkt finden sie zumindest an ihrer Spitze und trotz wechselseitiger Ablehnung, ja Abschottung gerne zusammen. Das S-Wort schreckt sie ab. Mit Visionen einer sozialistischen Gesellschaft möchten sich Wortführer:innen der streitenden Lager eher nicht belasten.4 Dafür gibt es gute Gründe. Die Erinnerung an die Implosion des staatsbürokratischen Sozialismus ist zumindest bei den Älteren noch frisch. Aber auch die Begrenztheiten sowohl klassischer sozialdemokratischer Wohlfahrtsstaatspolitik als auch deren Revision in Gestalt eines Dritten Weges, wie ihn Tony Blair, Gerhard Schröder oder Bill Clinton verkörperten, haben das politische Bewusstsein geprägt. Ergibt es in einer derartigen Konstellation wirklich Sinn, den Sozialismus, nunmehr als ökologischen oder besser: als demokratisch-nachhaltigen, wieder zu beleben?
Meine Antwort ist ein klares Ja. Dabei bin ich mir bewusst, dass es sich um ein Ja handelt, das in der hier vorgestellten Version gegenwärtig wohl nur eine kleine Minderheit teilt. Den Mitgliedern des Bundes der Kommunisten, für den Karl Marx und Friedrich Engels einst ihr Manifest der Kommunistischen Partei schrieben, dürfte es in persönlich ungleich schwierigerer Situation kaum anders ergangen sein. Im Unterschied zu ihnen formuliere ich meine Gedanken als Beamter auf Lebenszeit, ausgestattet mit einem Professorengehalt, aus einer privilegierten Position heraus und deshalb mit geringem Risiko. Ein wenig passt das zu Jena, der kleinen, idyllischen Stadt im Saaletal, in der ich mit meiner Familie seit vielen Jahren gerne lebe. Hier besitzt der Kathedersozialismus, über den schon Marx und Engels spotteten, durchaus eine Tradition.5 Ein Kathedersozialist bin ich dennoch nicht. Dabei hilft mir, wenn man so will, die Gnade der frühen Geburt. Ich gehöre zur politischen Generation der Postachtundsechziger, für deren engagierten Teil die Organisierung in einem sozialistischen oder kommunistischen Verband geradezu selbstverständlich war. Altersbedingt blicke ich deshalb mit anderen Augen auf den verblichenen Sozial- und den nun ebenfalls vergehenden Finanzkapitalismus als Angehörige von Jahrgangskohorten, deren politische Sozialisation mit dem Aufstieg neuer sozialer Bewegungen und grün-alternativer Parteien in den 1980er Jahren zusammenfiel.
Wie Ähnlichgesinnte meiner Generation lebte ich schon als Schüler, später dann als Student, in dem Bewusstsein, der Kapitalismus werde sich eher früher als später aus den Angeln heben lassen – in Westdeutschland und weltweit. Dafür sprach das politische Tagesgeschehen der 1970er Jahre. In Frankreich drängte ein linkes Volksfrontbündnis an die Macht. Die italienischen Kommunisten, damals eine Massenpartei mit zeitweilig bis zu zwei Millionen Mitgliedern, hatten sich vom sowjetischen Modell emanzipiert und drängten auf einen historischen Kompromiss mit der Christdemokratie. Der Reihe nach fielen Diktaturen in Griechenland, Portugal und Spanien. Für einen historischen Moment eröffnete die portugiesische Aprilrevolution Aussichten auf eine nichtkapitalistische Entwicklung. In Chile, wo die Regierung des Sozialisten Salvador Allende einen solchen Weg eingeschlagen hatte, wurde die Transformation durch einen blutigen Militärputsch gestoppt. Dafür gelangten in zahlreichen anderen Ländern antikoloniale Befreiungsbewegungen an die Macht, oder sie standen zumindest kurz davor. Angola, Mosambik, Guinea-Bissau, später Nicaragua und El Salvador boten Beispiele, um nur einige zu nennen. Der Geist, der uns beseelte, war deshalb geradezu fraglos internationalistisch. Solidarität, etwa mit den Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika, dem ANC oder der SWAPO of Namibia, gehörte zum Standardrepertoire linker Politik.
In welches Land wir auch reisten, wir begegneten Gleichgesinnten. Sozialismus war eine Lebensform. Sie blieb nicht auf politische Orientierungen und Weltsicht begrenzt, sondern erstreckte sich auf die gesamte Art des Zusammenlebens. In einer Wohngemeinschaft konnte man damals auch mit wenig Geld gut leben. Die Wohn- war keineswegs nur Zweckgemeinschaft, sondern im besten Falle Experimentierfeld für soziale Beziehungen. Veränderungen erfassten den sozialen Nahbereich und die Partnerschaften. Für mich begann die Politisierung noch vor der Wohngemeinschaftsphase mit einer Veranstaltung zu Klaus Theweleits Männerphantasien6, durchgeführt von einer Roten Basisgruppe an der Gesamtschule, die ich damals besuchte. Sozialismus hieß zunächst Auflehnung gegen die verlogene Spießermoral der Elterngeneration. Gleich ob lange Haare, Mädchenbesuche, Ferien auf Kreta, Nächte in Diskotheken oder der Beat Club im TV – alles und jedes wurde zum Gegenstand heftiger Alltagskonflikte. Bewegungen für die, je nach politischer Ausrichtung, Reform oder Streichung des Paragrafen 218 zu unterstützen, war eine Selbstverständlichkeit.
Stets gehörte für uns zusammen, was heute in einer unseligen Frontstellung zwischen Identitäts- und Klassenpolitik auseinanderdriftet. Als Sozialist:innen oder Kommunist:innen traten wir für Gleichheit ein, unsere kulturelle Ausrichtung war hingegen anarchisch-libertär. Wer, um nur einige der Besten zu nennen, mit Jimi Hendrix und Aretha Franklin, Janis Joplin, Eric Burdon, Nina Simone, Bob Dylan, John Coltrane, Miles Davis, Volker Kriegel, Chic Corea, Barbara Thompson oder Carla Bley aufwuchs, hatte mit einem kleinbürgerlichen Spießerleben nichts am Hut. Dieser Sound der Revolte war es, der uns über alle Sektenkämpfe hinweg in der alltäglichen Lebensführung verband. Wer sich als Revolutionär verstand, hörte die Rolling Stones, oder besser noch: die Pretty Things, Ornette Coleman, Gil Scott-Heron und die MC 5. Den Reformisten blieben immerhin die Beatles, wobei deren Genius John Lennon sich später als der eigentliche Revolutionär erweisen sollte.
In dieser Zeit des Aufbruchs hatte das Wort Reform noch einen positiven Klang, und sei es nur, weil sich mit ihm sozialdemokratischer Integrationismus als systemkonforme Politik kritisieren ließ. Mehr Demokratie zu wagen, wie es der damalige Bundeskanzler Willy Brandt formulierte, entsprach dem Lebensgefühl einer politischen Generation. Der Zug in Richtung Sozialismus rollte. Dass die Gesellschaft der Gleichen kommen würde, schien gewiss. Wohl ließ sich die Zugfahrt bremsen, mit Berufsverboten gegen Andersdenkende oder auch mit Bomben auf Hanoi. Doch in der Gesamtbilanz wiesen die Veränderungen in die richtige, die sozialistische Richtung:
Freiheit und Recht sind nach unseren geschichtlichen Erfahrungen bedroht durch die Tendenz zur Akkumulation von Besitz und Geld, die die Reichen immer reicher werden läßt, und die Tendenz zur Konzentration des privaten Eigentums an den Produktionsmitteln in wenigen Händen. […] Dem freien Selbstlauf überlassen müssen eben diese negativen Tendenzen, bei aller ungebrochenen Leistungsfähigkeit, dessen Menschlichkeit [die des Kapitalismus, KD] am Ende zerstören: durch permanente Überprivilegierung der Besitzenden gegenüber den Besitzlosen, der Reichen gegenüber den Armen, der Produzenten gegenüber den Konsumenten, des Faktors Kapital gegenüber dem Faktor Arbeit7,
so hieß es, man glaubt es kaum, in den Freiburger Thesen, damals das Grundsatzprogramm der FDP.
Die Sozialliberalen wollten den Kapitalismus vor seinen schlimmsten Auswüchsen retten. Wir Sozialist:innen waren sicher, dass diese Gesellschaftsformation nicht überleben würde. Je näher das Ende rückte, desto größer würden die Freiheitsspielräume auch in den bereits existierenden sozialistischen Gesellschaften werden. Wer so empfinden konnte, verfügt trotz aller zerplatzten Träume noch heute über einen besonderen Erfahrungsschatz. Wie bei vielen Angehörigen dieser politischen Generation speist sich dieser Schatz auch in meinem Fall aus einer besonderen Bildungsgeschichte. In dem nordhessischen 900-Seelen-Dorf Külte als Sohn eines Eisenbahners und einer Bäckereigehilfin geboren, war mir der Aufstieg durch Bildung vergönnt. Bildung umfasste allerdings mehr als Schule und Studium, etwas anderes kam hinzu. Vieles von dem, was ich heute zu können glaube, verdanke ich der damaligen politischen Arbeit. Im Allgemeinen Studenten-Ausschuss (AStA) der Philipps-Universität Marburg über mehrere Semester hinweg als Fachschaftsreferent tätig und in einem marxistischen Studentenverband aktiv, lernte ich, was ich im Elternhaus nicht mitbekommen hatte. Ich sprach auf Vollversammlungen vor mehr als tausend Kommiliton:innen – frei, nur mit Stichworten versehen und im rhetorischen Schlagabtausch mit Anhänger:innen konkurrierender politischer Positionen. Im Alltagsleben ein Chaot, plante ich Großaktionen mit Tausenden Beteiligten. Stärken und Schwächen von Menschen zu beurteilen, ohne dies mit Herabsetzung zu verbinden, gehörte damals zum politischen Alltagsgeschäft. Im Hauptberuf war ich Revolutionär, das Studium nahm ich ernst, absolvierte es jedoch eher nebenbei. Der Aktivismus ließ sich nur durchhalten, weil mir ein Geflecht solidarischer Sozialbeziehungen half, wie ich es in dieser Intensität nie wieder erlebt habe. Ich bewegte mich in einem Umfeld, in welchem alle bereit waren, Dinge zu tun, ohne sich davon persönliche Vorteile zu versprechen. Dies geschah, obwohl ein Großteil der Aktivitäten wie auch die Aktiven selbst in der bürgerlichen Öffentlichkeit eher selten, und wenn, dann hauptsächlich negativ wahrgenommen wurden. Individuelle und kollektive Selbstwirksamkeit waren dennoch gegeben, denn die Erfahrung solidarischer Sozialbeziehungen stiftete auch subjektiv Lebenssinn.
Hinzugefügt sei, dass ich diese Zeilen im Bewusstsein bedrückender Gegenerfahrungen zu Papier bringe. Die dunkle Seite real existierender Sozialismen war jederzeit präsent. Gleich ob sowjetische Panzer in Prag 1968 oder die Brutalität der maoistischen Kulturrevolution, die Ausbürgerung Wolf Biermanns, staatliche Repression gegen die polnische Gewerkschaft Solidarnosc, Unterdrückung der Charta 77 in der CSSR, Verfolgung von Homosexuellen auf der Karibikinsel Kuba oder die Massenmorde der Khmer Rouge, die von einigen Linken verteidigt wurden – die Liste von Ereignissen, die auf Systemfehler der staatsbürokratischen Sozialismen und ihrer Satelliten im globalen Süden verwiesen, war bereits in den 1970er Jahren lang. Auf dem linken Auge blind gewesen zu sein, ist eine schuldhafte Verstrickung, die sich nicht einfach wegwischen lässt. Und auch die eigene politische Praxis darf keinesfalls in rosaroten Farben gemalt werden. Infolge der Dauermobilisierung, wie sie viele linksoppositionelle Organisationen der 1970er Jahre praktizierten, wurde manche Persönlichkeit verschlissen, ja regelrecht zerstört. Das, was in einigen K-Gruppen, deren Binnenleben ich nur vom Hörensagen kenne, an Unterordnung der Individuen unter ein hierarchisches Kollektiv praktiziert wurde, entsprach dem Gegenteil von Emanzipation. Doch auch in meinem Umfeld gab es die Ausgrenzung von konkurrierenden Linken. Ein bisschen Auflehnung gegen den verbreiteten Machismo konnte wahre Organisationskrisen auslösen. Dass die politischen Gegner:innen keineswegs mit Samthandschuhen angefasst wurden, kommt hinzu.
Dennoch, verkrustete Verhältnisse zum Tanzen zu bringen und Herrschaftsmechanismen aufbrechen zu können, ist eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Deshalb betrachte ich mich heute als den Angehörigen einer privilegierten Generation. Ich habe den revolutionären Aufbruch erlebt und bin zugleich ein Kind der größtmöglichen Niederlage – des Niedergangs sozialistischer und kommunistischer Arbeiterbewegungen ebenso wie der Implosion von Gesellschaftsmodellen, die für eine kurze historische Zeitspanne beanspruchten, erstrebenswerte Alternativen zum Kapitalismus zu sein. Das Bewusstsein der Niederlage bewahrt mich hoffentlich davor, Irrtümer und Fehler nur bei anderen zu suchen. Vor allem aber lässt es Illusionen über die vermeintlich schwindenden Lebensgeister kapitalistischer Vergesellschaftung nicht zu. Selbst epochale Krisen, die das gesamte Gesellschaftsmodell erschüttern, führen nicht im Selbstlauf aus der Verwertungslogik heraus. »Der Kapitalismus […] kann nicht durch einen ›endogenen‹ Verfall zugrunde gehen; nur ein äußerer Stoß von extremer Heftigkeit im Verein mit einer glaubwürdigen Alternative könnte seinen Zusammenbruch bewirken«, prognostizierte bereits der Historiker Fernand Braudel in seiner großartigen Sozialgeschichte des 15. bis 18. Jahrhunderts.8 Dass die Coronapandemie einen Stoß von extremer Heftigkeit ausgelöst hat, dürfte, von querdenkenden Verwirrten abgesehen, kaum jemand bezweifeln. Es ist die glaubwürdige Alternative, an der es fehlt.
Diesen Mangel gilt es zu überwinden. Mein kleines Buch soll dazu einen bescheidenen Beitrag liefern. Sein Hauptargument lautet: Der Anspruch, von der Utopie zur Wissenschaft geworden zu sein, hat zur Verknöcherung des Sozialismus, zu falschen Versprechungen, herrschaftlichen Totalitätsansprüchen und dort, wo er zum System erstarrt war, letztendlich zu dessen Zusammenbruch geführt. Heute muss der Sozialismus sich wieder als attraktive Utopie bewähren, um überhaupt gesellschaftlich und politisch Wirkung erzielen zu können. Die Begründung dieser Sichtweise erfolgt in der Form eines Essays, das heißt ohne den Anspruch einer systematischen Aufarbeitung der mittlerweile wieder reichlich sprudelnden Literaturquellen. Es geht um eine Begründung der Koordinaten für eine ökologisch-sozialistische Transformation, nicht um die Beschreibung fertiger Gesellschaftsmodelle. Dabei arbeite ich mich an einigen Schlüsselthesen ab, wie sie Friedrich Engels in seiner populären Schrift zum wissenschaftlichen Verständnis des Sozialismus am Ende des 19. Jahrhunderts formulierte.
Engels hat in der Spätphase seines Schaffens ein Verhältnis von Sozialismus und parlamentarischer Demokratie begründet, hinter das ein Sozialismus des 21. Jahrhunderts nicht zurückfallen darf. »Wir, die Revolutionäre‹, die ›Umstürzler‹«, schrieb er angesichts großer sozialdemokratischer Erfolge bei Reichstagswahlen, »wir gedeihen weit besser bei den gesetzlichen Mitteln als bei den ungesetzlichen und dem Umsturz. Die Ordnungsparteien […] gehen zugrunde an dem von ihnen selbst geschaffenen, gesetzlichen Zustand.«9 Das war zu optimistisch. Bemerkenswert ist aber, dass Engels diese Zeilen trotz der selbst nach bürgerlichen Maßstäben mehr als unvollständigen Demokratie des wilhelminischen Reichs formulierte. Bei allem, was an dieser Bemerkung auch taktischem Kalkül entsprungen sein mag, zeugt sie doch von einem Geist, der Sozialismus als Erweiterung bürgerlich-parlamentarischer Demokratie, nicht aber als deren Liquidierung versteht.10
Heute müssen wir, so meine ich, noch einige Schritte über Engels hinausgehen. Ohne Freiheitsgarantien auch für Nichtsozialist:innen büßt jede Alternative zum Kapitalismus ihre Glaubwürdigkeit ein. Unverändert gilt, was Rosa Luxemburg in ihrer Kritik an der russischen Oktoberrevolution und den Bolschewiki ebenso unmissverständlich wie hellsichtig formuliert hat. Für Luxemburg zeigt sich,
daß der ›schwerfällige Mechanismus der demokratischen [Institutionen – Einfügung aus der Fußnote zum Text – KD]‹ ein kräftiges Korrektiv hat – eben in der lebendigen Bewegung der Masse, in ihrem unausgesetzten Druck. Und je demokratischer die Institution, je lebendiger und kräftiger der Pulsschlag des politischen Lebens der Masse, um so unmittelbarer und genauer ist die Wirkung – trotz starrer Parteischilder, veralteter Wahllisten etc. Gewiß, jede demokratische Institution hat ihre Schranken und Mängel, was sie wohl mit sämtlichen menschlichen Institutionen teilt. Nur ist das Heilmittel, das Trotzki und Lenin gefunden: die Beseitigung der Demokratie überhaupt, noch schlimmer als das Übel, dem es steuern soll: Es verschüttet nämlich den lebendigen Quell selbst, aus dem heraus alle angeborenen Unzulänglichkeiten der sozialen Institutionen allein korrigiert werden können. Das aktive, ungehemmte, energische politische Leben der breitesten Volksmassen.11
Dem ist nichts hinzuzufügen. Dass Freiheit immer auch die Freiheit Andersdenkender zu sein hat, sei diesem Essay als normative Prämisse vorangestellt. Schließlich ist es eine demokratisch verfasste Gesellschaft, die es mir erlaubt, auf den Ruinen des untergegangenen Realsozialismus für eine nachkapitalistische Zukunft zu plädieren. Modischen Abgesängen auf die parlamentarische Demokratie, gleich, ob sie von rechts oder von links12 kommen, begegne ich daher kritisch, ja ablehnend. Ich erwähne dies, weil mein Essay, neben vielem anderen, was fehlt, weder eine Analyse des Scheiterns staatsbürokratischer Sozialismen noch eine Ursachensuche für den Niedergang sozialdemokratischer Gegenentwürfe enthält.13 Die Suche nach einer ökologisch-sozialistischen Utopie kann man nicht mit Auflösungsszenarien vergangener Sozialismen beginnen.
Deshalb startet der Essay mit der Vision einer klimagerechten Gesellschaft, die nach einem Szenenwechsel erneut zur Leipziger Gründungsveranstaltung von Students for Future führt (Kapitel I). Es folgen eine Begründung für das Festhalten am Sozialismusbegriff sowie einige Bemerkungen zur Methodik eines democratic marxism, die bei der Reformulierung sozialistischer Ideen hilfreich sein können (Kapitel II). In Auseinandersetzung mit Friedrich Engels wird sodann die tragende Idee für einen ökologisch nachhaltigen Sozialismus des 21. Jahrhunderts herausgearbeitet (Kapitel III), um anschließend zeigen zu können, wie diese Grundidee mit dem in kapitalistischen Landnahmen angelegten Expansionsparadoxon korrespondiert und konfligiert (Kapitel IV). Aus der Beschreibung einer epochalen ökonomisch-ökologischen Zangenkrise ergeben sich die wichtigsten Gründe, die für eine neue sozialistische Utopie sprechen (Kapitel V). Als deren normative Grundlage können die Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen dienen, die es möglich machen, das Handeln herrschender Klassen und Eliten an Nachhaltigkeitszielen zu messen (VI). Eine Skizze des Fundaments ökologisch-sozialistischer Gesellschaften schließt an (Kapitel VII). In einem Exkurs geht es um Ansatzpunkte für eine Transformation des Kapitalismus, die sich aus der Digitalisierung ergeben (Kapitel VIII) und zu neuen Kombinationen von intelligenter Produktion, humaner Arbeit und nachhaltigem Konsum führen (IX). Es folgen Überlegungen zu den Auswirkungen der Coronapandemie (X) sowie zu Übergangsstrategien, die den Weg zu nachhaltigen Gesellschaften öffnen können (Kapitel XI). Der Essay endet mit einigen Anregungen für Sozialist:innen, die das politische Handgemenge nicht scheuen.
All dies vorausgeschickt, bleibt mir, Danke zu sagen! Steffen Richter motivierte mich dazu, aus einem Artikel für die Zeitschrift Dritte Natur. Technik – Kapital – Umwelt ein kleines Buch zu machen. Er hat den Text sorgfältig lektoriert und den Kontakt zum Verlag hergestellt, der sich rasch bereitfand, den Essay zu veröffentlichen. Mareike Biesel hat gewohnt akribisch zusätzlich Korrektur gelesen. Johanna Sittel und Lena Haubner waren mir bei den Grafiken behilflich. Dem Schreiben ging eine Debatte mit Raul Zelik voraus, der als Fellow des Kollegs »Postwachstumsgesellschaften« ein eigenes Sozialismus-Buch verfasste.14 Angeregt hat mich eine herausragende Qualifizierungsarbeit von Jakob Heyer15, der mir auch bei der Sichtung wichtiger Literatur zuarbeitete. Kritische Bemerkungen meines Freundes und Doktorvaters Frank Deppe zu ersten Neosozialismus-Thesen haben mich ebenfalls angespornt. Hätte Frank mich nach dem Studium nicht davor bewahrt, als bezahlter Kader für die Revolution zu arbeiten, wäre mir eine wissenschaftliche Laufbahn wohl verwehrt geblieben. Ich müsste jetzt in anderen Arenen für einen nachhaltigen Sozialismus streiten. Wie immer hat mich Rebecca Sequeira bei allen Arbeiten ebenso umsichtig wie weitblickend begleitet. Ohne ihre großartige Arbeit würden Essays wie der vorliegende im akademischen Alltag wohl kaum zustande kommen.
Besonders bedanken möchte ich mich bei allen, die in zahlreichen Veranstaltungen mit Anregungen, Anmerkungen, aber auch mit ihrer Ablehnung des S-Wortes und der hinter ihm verborgenen Inhalte dazu beigetragen haben, dass ich einen nachhaltigen Sozialismus nunmehr als Gegenbegriff zur Dynamik kapitalistischer Landnahmen verwende. Beflügelt haben mich die Diskussionen mit Brigitte Aulenbacher, Ulrich Brand, Michael Brie, Michael Burawoy, Guilherme Leite Gonçalves, Elísio Estanque, Nancy Fraser, Bob Jessop, Stephan Lessenich, Birgit Mahnkopf, Hartmut Rosa, Christine Schickert, Franz Schultheis, Ngai-Ling Sum, Esteban Torres, Hans-Jürgen Urban, Michelle Williams, Erik Olin Wright und vielen anderen aus dem Postwachstums-Kolleg. Debatten mit den Herausgeber:innen und der Redaktion des Berliner Journals für Soziologie boten mir ebenfalls Inspiration. Obwohl mir die direkte Kommunikation von Angesicht zu Angesicht fehlte, konnte ich auch von Diskussionen mit den Studierenden enorm profitieren.
Alle, die an den Sozialismus-Debatten aktiv beteiligt waren, haben, so hoffe ich, zur Schärfung meiner Argumente beigetragen. Ich schreibe in gendersensibler Sprache, das heißt, wo angebracht, wird ein [:] in Worte eingefügt. Um bessere Lesbarkeit zu gewährleisten, geschieht dergleichen weder bei zusammengesetzten Begriffen, Fachwörtern und Gruppenbezeichnungen noch in Fällen, in denen die Geschlechterzuordnung eindeutig ist. Hinzufügen möchte ich, dass Veränderungen der sprachlichen Form herrschaftliche Verhältnisse nicht verschleiern dürfen, die trotz [:] fortbestehen.
Mit Die Utopie des Sozialismus endet meine Tätigkeit als Sprecher der Jenaer DFG-Kollegforschungsgruppe »Postwachstumsgesellschaften«. Dass der im Forschungsantrag versprochene Transformations-Kompass einen nachhaltigen Sozialismus als Gegenbegriff zur kapitalistischen Landnahme empfehlen würde, wäre mir zu Beginn der Kollegsarbeiten nicht einmal im Traum eingefallen. Ohne die Unter stützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft hätte es den Freiraum für ein solches Denkexperiment wohl kaum gegeben. Dafür schulde ich dem wichtigsten deutschen Forschungsförderer aufrichtigen Dank! Ob sich meine Ausführungen als Kompass für den Weg zu einer besseren Gesellschaft eignen, können nur die Leser:innen beurteilen. Mich freut bereits, dass die Debatte um einen nachhaltigen Sozialismus Fahrt aufnimmt.
Klaus Dörre, Jena, Mai 2021
I Visionen: »Pandemie stoppt Klimawandel!«
…, so schallt es zum Ende des Schicksalsjahres 2021 aus allem Medien. Völlig überraschend hatten die Vereinten Nationen einen weitreichenden Durchbruch in der Klimapolitik erzielt. Von den Erfolgen bei der Bekämpfung der Coronapandemie angespornt, einigten sich die Mitgliedsstaaten darauf, die klimaschädlichen Emissionen binnen zehn Jahren auf null zu senken. Ein Sofortprogramm, das erneuerbare Energien, Biolandwirtschaft, nachhaltige Mobilität und klimagerechtes Bauen großzügig fördert, wurde im Hochgeschwindigkeitstempo umgesetzt. Dafür sorgte ein Klimanotstand, den alle Mitgliedsstaaten der United Nations (UN) akzeptierten. Vom UN-Generalsekretär António Guterres ausgerufen, stattete er die Regierungen mit weitreichenden Sondervollmachten aus, die allerdings vor ihrer Anwendung einer demokratischen Legitimation durch Parlamente und Transformationsräte bedurften. In der Europäischen Union, Vorreiterin bei der Nachhaltigkeitsrevolution, griffen erste Maßnahmen. Nach einer kurzen Übergangszeit hatten die zuständigen Behörden sämtliche Autobahnen für den individuellen PKW-Verkehr gesperrt. Zeitgleich wurden Autos aus den Stadtzentren und Ortskernen verbannt. Wer den Highway trotz eines Tempolimits von 110 Stundenkilometern benutzen will, fährt mit Elektrobussen, die, ebenso wie Züge, mit grünem Wasserstoff angetrieben werden. Flugreisen sind kontingentiert und müssen ab sofort mit individuellen CO2-Budgets abgeglichen werden. Die Ticketpreise verzeichnen allerdings einen drastischen Anstieg, weil es keine Subventionen für Flugbenzin gibt.
In Klimawerkstätten, die sich auf Recycling, Müllvermeidung und die Reparatur beschädigter Geräte konzentrieren, sind großflächig neue Beschäftigungsfelder entstanden. Unternehmen haben auf die Produktion langlebiger Güter umgestellt. Es gibt noch immer Autos, aber ausschließlich solche, die, etwa auf dem Lande, wirklich sozialen Mobilitätsbedürfnissen dienen. Sofern sie überhaupt noch im Privatbesitz sind, werden PKWs von Einzelpersonen nur einmal gekauft, denn sie laufen über eine Lebensspanne hinweg weitgehend störungs frei oder sind zumindest jederzeit reparabel. Das Auto ist aber nur eines von zahlreichen Beispielen für den Übergang zu nachhaltigen Produkten und Produktionsformen. Dieser Übergang hat auch zu einer Umwälzung der Eigentumsverhältnisse in großen Unternehmen geführt. Konzerne, die sich der Produktion für das Gemeinwohl verweigerten, wurden sozialisiert und gehören nun denen, die die Arbeit leisten. Öffentliche Infrastrukturinvestitionen, der Ausbau sozialer Dienstleistungen und großzügig angelegte Weiterbildungsprogramme haben einen wirtschaftlichen Take-off eingeleitet. Dessen Nutzen wird allerdings nicht mehr anhand der Kriterien des Bruttoinlandsprodukts (BIP), sondern mithilfe von Entwicklungsindikatoren gemessen, die unbezahlte Sorgetätigkeiten, informelle Arbeit, aber auch ökologische Belastungen wirtschaftlicher Aktivitäten (»destruktives Wachstum«) einbeziehen.
Eine großzügige Rückverteilung von den alten und neuen Zentren der Weltwirtschaft in die Peripherie und von den einkommensstärksten zehn Prozent hin zur unteren Hälfte der Weltbevölkerung hat dafür gesorgt, dass die Lasten der sozial-ökologischen Transformation einigermaßen gerecht verteilt werden. In einem ersten Schritt hatte die Staatengemeinschaft Coronaimpfstoffe zu einem öffentlichen Gut erklärt. So wurde mit dem Impfstoffnationalismus auch die Pandemie besiegt. Im nächsten Schritt konnten Hunger und extreme Armut weltweit beseitigt werden. Alle Geberländer haben sich bereit erklärt, die dazu nötigen Mittel aus ihren Haushalten aufzubringen. Zwecks Finanzierung verzichteten sie auf die Produktion zusätzlicher Rüstungsgüter. Große Vermögen werden seither, so sie denn überhaupt noch entstehen, progressiv besteuert. Ein strenges Erbschaftsrecht sorgt dafür, dass angesammelter privater Reichtum sich in Eigentum auf Zeit verwandelt. Auf allen administrativen Ebenen überwachen Nachhaltigkeitsräte die Transformation.
Die Erfolge der 2021 eingeleiteten Nachhaltigkeitsrevolution sind durchschlagend. Schon im ersten Jahr wurden die Klimaziele übererfüllt. Allerdings waren Folgeschäden der Erderhitzung nicht mehr in allen Erdregionen umzukehren. Wo Wetterextreme und der Anstieg des Meeresspiegels ganze Landstriche unbewohnbar gemacht haben, sorgen nun großangelegte Migrationsprogramme für Entlastung. Die Einwanderung von Klimaflüchtlingen in bewohnbare Weltgegenden regelt ein Nansen-Pass1, der die Hauptverantwortung der reichen Länder für die Erderhitzung anerkennt. Über die genaue Ausgestaltung des globalen Migrationsregimes wird politisch noch immer heftig gestritten, doch die Möglichkeit, Regionen mit hohem Katastrophenpotenzial zu verlassen, ist nun ein unhintergehbares Menschenrecht. Saubere Luft, nutzbare Böden, die Versorgung mit Wasser, Elektrizität und existenznotwendigen Lebensmitteln sind, ebenso wie Mobilität, der Zugang zu Bildung und zu digitaler Kommunikation, zu öffentlichen Gütern geworden. Eine weltweit vorhandene soziale Infrastruktur wird durch gesellschaftliche Fonds garantiert, in die alle Erwachsenen der Weltbevölkerung einzahlen. Als Gegenleistung haben sie Anrechte auf eine bedingungslose Grundzeit, die ihnen für finanzierte Tätigkeiten ihrer Wahl zur Verfügung steht. Im Verhältnis von Erwerbsarbeit und arbeitsfreier Zeit kommen die neuen Gesellschaften dem nahe, was Thomas Morus einst auf seiner Insel Utopia vorfinden wollte. Weil die Erwachsenen
nur sechs Stunden bei der Arbeit sind, könnte man vielleicht der Meinung sein, es müsse daraus ein Mangel an lebensnotwendigen Arbeitsprodukten entstehen. Weit gefehlt! Im Gegenteil genügt diese Arbeitszeit nicht nur zur Herstellung des nötigen Vorrats an allen Erzeugnissen, die zu den Bedürfnissen oder Annehmlichkeiten des Lebens gehören, sondern es bleibt sogar noch davon übrig.2
Mit größeren, frei verfügbaren Zeitbudgets ausgestattet machen sich die wichtigsten Veränderungen bei der politischen Partizipation bemerkbar. In allen Gesellschaften ist es zu einem Engagement gekommen, wie es die Welt noch nie erlebt hat. Druck durch soziale Bewegungen, Klimastreiks in großen Unternehmen, staatliche Reformen, aber auch nachhaltige Produktions- und Lebensformen, die sich zunächst in Nischen entwickeln konnten und sich dann ausbreiteten, haben dafür gesorgt, dass tatsächlich eingetreten ist, was weitblickende Kapitalismuskritiker vorausgesagt hatten. Die Profitwirtschaft und ihre herrschenden Klassen haben abgedankt. Vielen Akten »kollektiver Selbstermächtigung«3 ist zu verdanken, dass der Kapitalismus aufgehört hat, uns als »schicksalsvollste Macht des modernen Lebens«4 zu beherrschen.
Welchen Namen die neuen Gesellschaften tragen sollen, die sich mit dem Niedergang der kapitalistischen Moderne als nächste herausgebildet haben, ist, wie so vieles, umstritten. Von den 31 ihrem Selbstverständnis nach postkapitalistischen Formationen, die im Parlament der Vereinigten Staaten von Europa vertreten sind, verstehen sich nur einige explizit als sozialistisch. Andere lehnen das S-Wort als Bezeichnung für die neu entstandenen Gesellschaften ab. Doch das ist bei weitem nicht der einzige Konflikt. Von den Prioritätensetzungen in öffentlichen Haushalten über Verteilungsrelationen bis hin zur Zusammensetzung der Nachhaltigkeitsräte wird über fast alles gestritten, diskutiert, verhandelt. Was den nichtkapitalistischen Block zusammenhält, ist allein seine prinzipielle Gegnerschaft zu den Parteien der prokapitalistischen Wende. Die Bürgerfront zur Wiedereinführung der freien Marktwirtschaft stagniert bei Wahlen zum Europäischen Parlament seit Jahren bei einem Drittel der Stimmen. Ihre Konkurrenz auf der äußersten Rechten kämpft mittlerweile um die Überwindung der Sperrklausel von drei Prozent. Gelegentlich hat die Bürgerfront in einzelnen Ländern triumphieren können, doch die Ergebnisse ihrer Regierungszeit waren für die Wählerschaft des prokapitalistischen Bündnisses frustrierend. Kaum hatten sie marktwirtschaftliche Reformen auf den Weg gebracht, waren die Front-Parteien in der Regel schon wieder abgewählt. Auch wegen der regulativen Funktion der Nachhaltigkeitsräte war und ist ihre politische Durchsetzungskraft vergleichsweise gering, wenngleich sie bei der Ausgestaltung des Verhältnisses von Staat und Markt immer wieder konstruktive Vorschläge unterbreiten und durchsetzen konnten.
Trotz hoher Integrationskraft bieten die neuen, nachhaltig sozialistischen Gesellschaften das Gegenteil eines harmonistischen Stelldicheins. Heftige Konflikte prägen selbst den sozialen Nahbereich. An Vermögen, Einkommen und Bildungschancen gemessen sind die Menschen so gleich wie nie zuvor; und gerade aus diesem Grund treten ihre individuellen Besonderheiten umso stärker hervor. Das führt zu einer Vielfalt an Lebensformen und Lebensstilen, die alles andere als harmonisierend wirkt. Nachhaltigkeit beispielsweise ist ein dehnbarer Begriff, der Zielkonflikte beinhaltet. Wofür soll das gesellschaftlich erzeugte Mehrprodukt eingesetzt werden? Sollen die Einkommen für große Bevölkerungsgruppen steigen, oder steht das im Widerspruch zu ökologischer Nachhaltigkeit? Welche Stimme ist legitimiert, in politischen Entscheidungsprozessen für die Natur zu sprechen? Wie hoch darf der Preis sein, um bedrohte Tierarten zu retten? Sucht man Problemlösungen für ökologische Belastungen im technologischen Wandel, oder ist es sinnvoller, sich natürlichen Kreisläufen ohne zusätzliche technische Hilfsmittel anzupassen? Welche Vorstellungen vom »guten Leben« sind legitim, welche sind es nicht? Müssen an den Hochschulen in den sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächern demnächst Männerquoten eingeführt werden, um auf längere Sicht annähernd Geschlechtergerechtigkeit herzustellen, oder ist die Frauendominanz der legitime Preis, den Männer für den Verlust jahrtausendealter Privilegien zu zahlen haben? Macht die Vielfalt sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten derart polarisierende Fragestellungen gar gänzlich überflüssig? Das sind nur einige der Themen, an denen sich die Geister scheiden. Das Leben ist für alle, jede und jeden ständige Herausforderung, permanenter Kampf. Es ist anstrengend und eben deshalb schön. Denn eines ist sicher – trotz des Streits kann man sich darauf verlassen, dass allen, die in Not geraten, von anderen geholfen wird.
Mit groben Pinselstrichen gemalt, sind das die Konturen einer möglichen nächsten Gesellschaft. Sie zeigen uns kein Paradies. Dennoch enthält das Bild einen utopischen Überschuss, der dazu anspornen kann, aus der wünschbaren eine erreichbare Zukunft zu machen. Es ist dies die ins Bild gesetzte nachhaltig sozialistische Zukunft. Wollen wir sie erreichen? Haben wir die Chance dazu?
Szenenwechsel. Blicken wir noch einmal auf das Auditorium Maximum der Leipziger Universität im Mai 2019. Haben diejenigen, die sich dort zu einer Bewegung formieren wollen, tatsächlich das Zeug, den Kapitalismus aus den Angeln zu heben? Wollen sie das überhaupt? Gegenargumente lassen sich leicht finden, denn die Mehrzahl der bei Fridays for Future Aktiven agiert keineswegs mit antikapitalistischem Selbstverständnis. Ein erheblicher Teil der Anwesenden hat sich überhaupt zum ersten Mal für ein politisches Engagement entschieden. Andere Aktive verorten sich im rot-grünen Parteienspektrum und handeln eher pragmatisch-lösungsorientiert als radikal und mit systemkritischer Grundhaltung.5 Auch die Forderungen, die auf der Vollversammlung beschlossen werden, klingen keineswegs sonderlich radikal. Ohne zu zögern, votiert eine überwältigende Mehrheit zugunsten einer CO2-Steuer – ein Instrument, das ohne soziales Korrektiv unweigerlich diejenigen mit den geringsten Einkommen am stärksten belasten würde. Sofern man überhaupt von einer ökologisch-sozialistischen Strömung sprechen kann, repräsentiert sie selbst innerhalb des linken Flügels der Klimabewegung allenfalls eine Minderheit. Und dennoch sind es diese jungen Leute, die eine zukunftsträchtige sozialistische Option in der Gegenwart am glaubwürdigsten verkörpern. Es ist die Grundidee, die überzeugt. Wie selbstverständlich werden die ökologische und die soziale Frage zusammengedacht. Deshalb kommt auch ein Betriebsratsvorsitzender aus dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) Leipzigs zu Wort, der als heimlicher Star der Veranstaltung zu Bündnissen von Klimabewegungen und Gewerkschaften aufruft.
Zu den Kräften progressiver Veränderung zähle ich ausdrücklich auch jene Teile der Klimabewegungen, die sich im De- oder Post-Growth-Spektrum verorten und ihre Wurzeln bevorzugt im Kosmos anarchistisch-libertärer Ideen suchen. Aktive aus dieser Strömung arbeiten sehr bewusst, fantasievoll und kreativ an Alternativen zu kapitalistischen Produktions- und Lebensformen.6 Sozialismuskonzepten, die auf Marx und Engels zurückgreifen, begegnen diese libertären Strömungen freilich mit Skepsis. Es mangelt denn auch nicht an Versuchen, den noch jungen Bewegungen altbekannte Feindbilder zu liefern. Manch neuere Bemühung um eine Wiederbelebung anarchistischer Utopien präsentiert sich in recht altbackener Manier als »kritisches Korrektiv gegenüber rechts- und linksautoritären Versuchungen«.7 Attackiert wird eine vermeintliche bürgerlich-marxistische »Fortschrittsideologie und Utopiefeindlichkeit«8, die sich als Kontrastfolie für eine positive Akzentuierung des eigenen Freiheitsverständnisses nutzen lässt.
Tatsächlich, das sei hinzugefügt, gibt es für Warnungen vor autoritären Versuchungen von links immer wieder neue Anlässe. Andreas Malms Plädoyer für einen »Ökoleninismus« bietet ein Beispiel, das in Teilen der Klimabewegungen auf Widerhall stößt.9 Lange vor Malm zeigten sich Ökosozialisten wie Wolfgang Harich und Rudolf Bahro10, die gegen den SED-Staat opponierten, ebenfalls für Autoritarismus anfällig. Doch einmal davon abgesehen, dass sich die ökosozialistische Traditionslinie nicht auf autoritäre Entgleisungen einiger Vordenker reduzieren lässt, wurzelt eine unbewältigte Schwierigkeit des Anarchismus darin, dass die Realisierungsversuche libertärer Visionen in der Regel über einen – mitunter durchaus innovativen – Nischensozialismus nicht hinausgekommen sind.11
Einen wunden Punkt trifft die libertäre Kritik dort, wo sie offenlegt, dass alle bekannten Sozialismen immer wieder zu einer Klassenherrschaft ihrer Eliten tendierten. Bei der Ursachenanalyse springt anarchistische Staats- und Bürokratiekritik jedoch dann zu kurz, wenn sie den Eigenwert parlamentarischer Demokratien unterschätzt oder völlig ignoriert. Ein zentraler systemimmanenter Fehler der verblichenen Staatssozialismen wurzelte darin, dass deren politische Systeme ohne entwickelte demokratische Institutionen und Prozesse über kein wirksames Korrektiv verfügten, welches der diesen Gesellschaften inhärenten Tendenz zur Akkumulation politischer Macht hätte Grenzen setzen können. Hannah Arendt hat die Mechanismen des Vorauseilens politischer Machtakkumulation vor der Kapitalakkumulation am Beispiel expansionistischer Ideologien des historischen Imperialismus in brillanter Weise analysiert:
»Durch eine unbegrenzte Akkumulation von Macht, das heißt von Gewalt, die kein Gesetz begrenzt, konnte eine unbegrenzte oder jedenfalls erst einmal unbegrenzt scheinende Akkumulation von Kapital vonstatten gehen«, konstatiert sie12 und macht deutlich, dass sich in stalinistischen Systemen ähnliche Mechanismen finden. Wie die Kapitalakkumulation benötigt auch das unersättliche Streben nach immer größerer Machtfülle, das diesen Systemen eigen ist, permanent neues Material. Sofern nicht erfolgreich, das heißt mithilfe demokratischer Institutionen und Verfahren, gegengesteuert wird, mündet totales Machtstreben unweigerlich in Repression, Terror oder gar in Krieg.
Alle staatssozialistischen Regime sind auch an dem Problem gescheitert, dass sie starke Institutionen für eine Kontrolle und Begrenzung zentralisierter politischer Macht nicht zu entwickeln vermochten. Dies begünstigt ein monistisches Bestreben, das von der Fiktion einer von oben hergestellten Klasseneinheit über die erzwungene Einheit der Partei bis hin zu Führerverehrung und Personenkult führen kann. In verschiedensten Variationen finden sich derartige systemische Mängel nicht nur in den implodierten staatssozialistischen Gesellschaften oder bei den nominalsozialistischen Regimen Chinas oder Nordkoreas. Auch politische Formationen, die aus nationalen, postkolonialen Befreiungsbewegungen hervorgegangen sind, bilden früher oder später Formen bürokratischer Klassenherrschaft aus. Neben Vietnam und Kuba stellen Südafrika, Nicaragua, Venezuela und selbst das Bolivien eines Evo Morales, der die Verfassung seines Landes zwecks Wiederwahl beugen wollte, prominente Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart dar.
II Begriffe: Radikaler Humanismus, Postwachstum, Neosozialismus?
Systemische Mängel und Zusammenbrüche real gewordener Sozialismen vor Augen, erscheinen alternative Bezeichnungen für bessere Gesellschaften manchen heute attraktiver als das belastete S-Wort. Für den Journalisten und einflussreichen Kapitalismuskritiker Paul Mason ist das der Grund, einem radikalen Humanismus das Wort zu reden.1 Doch Mason ergeht es wie manch anderen, die ähnlich vorgehen. Seine Argumentation wirkt gelegentlich so, als sollten sozialistische Zielsetzungen in einer begrifflichen Hülle verfolgt werden, die sie vor einer Kontamination durch geschichtliche Belastungen bewahrt. Das klingt an, wenn der radikale Humanismus mit einem kritischen Rückgriff auf Marx begründet wird. Zwar benennt Mason »wesentliche Konstruktionsfehler« der Marx’schen Theorie, stellt aber sogleich klar, »dass der Marxismus, wenn er von seinen autoritären Impulsen gereinigt wird, weiterhin eine wichtige Grundlage für eine radikale Strategie des Widerstands sein kann«.2 Das klingt ein wenig nach Mogelpackung, denn Marx sah die Alternative zum Kapitalismus zweifelsohne in einer sozialistisch-kommunistischen Gesellschaft. Diese Zielsetzung begriffs-strategisch auszublenden, halte ich für einen Fehler. Denn jede Suche nach einer besseren Gesellschaft muss in Erinnerung behalten, was im »Zeitalter der Extreme«3 im Namen revolutionärer Absichten geschehen ist. Deshalb ergibt es Sinn, die höchst widersprüchliche Geschichte des Sozialismus nicht zu verdrängen, sondern sie zu reflektieren, wenn es um die Bezeichnung für postkapitalistische Gesellschaften geht. Das kann nur gelingen, indem der Sozialismusbegriff, statt ihn voreilig ad acta zu legen, mit neuem Inhalt gefüllt wird.
Neo-Soul und Neosozialismus
So vorzugehen, besitzt noch einen weiteren Vorteil. Zum wiederholten Mal für eine andere Moderne zu plädieren oder es beim vagen Begriff einer demokratischen Postwachstumsgesellschaft zu belassen, bedeutet im Grunde, sich hinsichtlich der Konturen einer nächsten Gesellschaft bedeckt zu halten. Sofern man möglichst wenig Reibungsverluste erzeugen möchte, ist das sicher eine gute Taktik. Die Abgrenzung zu autoritären, produktivistischen Praktiken früherer Staatssozialismen kann so durchaus gelingen.4 Doch sobald die Degrowth-/Postwachstumsperspektive in einem progressiven Sinne konkretisiert wird, landet man in gewisser Weise wieder beim Mason-Problem. Das, was über die Strömungsdifferenzen hinweg als »gemeinsamer Kern«5 der Veränderungen hin zu Postwachstumsgesellschaften präsentiert wird, ist problemlos in eine neosozialistische Agenda zu integrieren. Eine Schwierigkeit bei den Kernforderungen der Degrowth-/Postwachstumsbewegungen wurzelt indes darin, dass unklar bleibt, wie das, was in der postkapitalistischen Gesellschaft verteilt werden soll – etwa die Arbeitszeit mittels Arbeitszeitverkürzung für alle und bei Einkommensverlusten nur für die oberen 10 Prozent –, durch eine effiziente Produktion materiell abgesichert werden soll. Anders gesagt, die Kernforderungen der Degrowth-Bewegungen sind gut, wenn es um das Verteilen geht, doch sie blenden das Produktionsproblem aus. Belässt man es dabei, Postwachstumsgesellschaften mithilfe eines nicht näher spezifizierten bedingungslosen Grundeinkommens bestimmen zu wollen, dem, ebenso unverbindlich, ein wenig Umverteilung und ein bisschen Wirtschaftsdemokratie hinzufügt wird6, kann man diese Schwierigkeit vielleicht verdecken. Sobald die gesellschaftliche Transformation nach Konkretion verlangt, dürfte sich beim Publikum aber rasch Desillusionierung einstellen. Ohne genauere inhaltliche Festlegungen bleibt die Postwachstumsperspektive derart diffus, dass sie für nahezu alles und jedes benutzt werden kann. Eine Abkehr von Wachstumszwängen fordern Linke wie Rechte, Konservative ebenso wie Progressive, ja, selbst Faschisten und Antifaschisten.7 Deshalb ist es wichtig, in der Auseinandersetzung mit dem Expansionszwang und Wachstumsdrang kapitalistischer Gesellschaften genauer zu argumentieren.
Größere Präzision ist insbesondere deshalb angebracht, weil, wie sich zeigen wird, kapitalistische Postwachstumsgesellschaften in gewisser Weise bereits existieren. In den alten industriellen Zentren haben wir es überwiegend mit nur noch schwach wachsenden Ökonomien zu tun. Diesem Phänomen mit Formeln wie der von Wachstumsgesellschaten ohne Wachstum beikommen zu wollen, ist wenig hilfreich. Wer die Abkehr von systemischen Wachstumszwängen einfordert, muss die Wachstumstreiber, aber auch die Mittel und Wege zu ihrer Überwindung so genau wie möglich beschreiben und die Vorschläge zu ihrer Überwindung im Spektrum konkurrierender politischer Philosophien verorten. Die von vielen Wissenschaftler:innen gern behauptete Abkehr von gängigen Links-rechts-Schemata trägt hier wenig zur Klarheit bei.8
›Postwachstumsgesellschaft‹ eignet sich als Bezeichnung für alle zeitgenössischen sozialen Ordnungen, die ohne rasches und permanentes Wirtschaftswachstum auskommen müssen. Mein Vorschlag lautet, den Begriff analytisch und ohne normative Aufladung zu verwenden.9 Geht es jedoch um Weichenstellungen zugunsten einer besseren, weil ökologisch angepassten, egalitär-demokratischen und deshalb nachhaltigen Gesellschaft, spreche ich lieber von und schreibe über ›Sozialismus‹. Für erste Überlegungen hatte ich die Bezeichnung Neosozialismus gewählt. Neosozialismus, so schien mir, funktioniert wie Neo-Soul. Die Grundelemente bleiben gleich, sie wiederholen sich, werden aber anders interpretiert, rekombiniert, variiert, auseinanderdividiert und wieder zusammengesetzt, bis etwas völlig Neues entsteht. Wer würde bestreiten wollen, dass Sault, die Band des Jahres 2020, aufregende Musik macht. Mit Alben wie Rise und Black is hat das Musikkollektiv unbekannter Zusammensetzung den Soundtrack zu den Black-Lives-Matter-Protesten geliefert. Im Internet ist zu lesen, die Gruppe kombiniere Rhythm and Blues, House und Disco auf höchst originelle Weise und forme daraus etwas Innovatives, Aufregendes, Neuartiges. Für mich ist das Neo-Soul – großartige Klänge, noch dazu verbunden mit einer klaren politischen Botschaft.
Die Neoliberalen haben vorgemacht, dass es politischen Philosophien ähnlich ergehen kann wie dem Neo-Soul. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs völlig am Boden, hatte sich der Wirtschaftsliberalismus in neuem Gewand zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einigen Teilen der Welt de facto als eine Art Staatsreligion etabliert. Weder die Parteien mitte-rechts noch diejenigen mitte-links stellten die grundlegenden Koordinaten eines ansonsten variantenreichen Paradigmas – Primat der Marktkoordination, angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, Freihandel, Privatisierung, Steuersenkungen, Haushaltsdisziplin und Flexibilisierung der Arbeitswelt – grundsätzlich infrage. Der Aufstieg des neuen Marktradikalismus hatte in kleinen Zirkeln begonnen, die sich untereinander durchaus bekämpften. Mit dem Ordoliberalismus, der Wiener Schule eines Friedrich von Hayek oder den sogenannten Chicago-Boys um Milton Friedman sind Netzwerke entstanden, die in der Ökonomik Paradigmen setzten und die Politikberatung dominierten.
Warum sollte dem Sozialismus nicht Vergleichbares gelingen? Ausgerechnet in einem Land, dessen bürgerliche Öffentlichkeit Sozialismus in all seinen Schattierung lange Zeit mit dem Vorhof zur Hölle assoziierte, haben die Democratic Socialists um Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez vorgemacht, wie sich mit dem S-Wort erfolgreich Politik gestalten lässt. Offenbar ist die Praxis diesbezüglich weiter als die Theorie. Gleichwohl, ›Neosozialismus‹ klingt sperrig, für das politische Handgemenge ist der Begriff untauglich.10 Erik Olin Wright nennt ein weiteres Argument, das gegen eine Verbindung von Neo und Sozialismus spricht und eine andere Wortkombination an deren Stelle setzt. In den USA ist es die äußerst populäre Beifügung democratic, die dem S-Wort gerade bei jungen Leuten den Schrecken nimmt.11 In Kontinentaleuropa und Deutschland liegen die Dinge anders. Hier ist die distinktive Kraft eines demokratischen Sozialismus gering. Die Bezeichnung klingt zu sehr nach ausgelaugter Sozialdemokratie, als dass sie zum Attraktionspunkt innovativer Debatten werden könnte. Bob Jessop schlägt deshalb den Begriff ›demokratischer Ökosozialismus‹ als Alternative vor.12 Doch dessen Verwendung beinhaltet ein ähnliches Problem, wie es dem demokratischen Sozialismus innewohnt. In Deutschland erinnert Ökosozialismus an politische Positionen, die von den siegreichen Mehrheitsströmungen in der grünen Partei als Fundamentalismus bekämpft und erfolgreich marginalisiert wurden.
Schon zu Zeiten der Auseinandersetzung zwischen grünen »Fundis« und »Realos« war die ökosozialistische Strömung allerdings plural, und ihr Scheitern bedeutet nicht zwangsläufig, dass tragende Ideen überholt wären. Deshalb werde ich die Beifügung ›ökologisch‹ gelegentlich verwenden, um zu präzisieren, was mit einem neuen Sozia lismus gemeint sein kann. ›Nachhaltiger Sozialismus‹ ist nach meiner Auffassung aber besser geeignet, um zu konkretisieren, worum es in Zukunft geht. Nachhaltigkeit beinhaltet Antworten auf den ökologischen Gesellschaftskonflikt, sie schließt aber auch soziale Zielsetzungen ein und ist von ihrer Begriffsgeschichte13 her betrachtet sowohl global ausgerichtet als auch universalistisch angelegt. Nachhaltiger Sozialismus existiert, wie etwa auf der Leipziger Studierendenvollversammlung, in der Gegenwart nur in den Vorstellungen und Praktiken von Aktiven in sozialen Bewegungen. Eine demokratische und zugleich nachhaltige sozialistische Gesellschaft ist hingegen nirgendwo verwirklicht.
Vom Sozialismus als Bewegung oder gesellschaftlicher Ordnung muss Sozialismus als Gegenstand wissenschaftlicher Beobachtung unterschieden werden. Für die letztgenannte Bedeutung wird eine Heuristik benötigt, die es erlaubt, einen Gegenstand in ständiger Veränderung mit wissenschaftlichen Methoden zu erfassen und für Forschungszwecke zu operationalisieren.
Exkurs: democratic marxism, Soziologie und Sozialismus
Dabei kann eine Methodik helfen, wie sie im angelsächsischen Sprachraum mit den Ideen eines sociological oder democratic marxism verbunden wird.14 Forschende, die mit diesem paradigmatisch angelegten Konzept arbeiten, verstehen sich als »marxian«, nicht als »marxist«. Zu parteioffiziellen Marxismen verhalten sie sich kritisch.15 Die Beifügung democratic signalisiert eine Sensibilisierung für den Eigenwert pluralistisch-demokratischer Institutionen und Prozesse. Das ist kein Zugeständnis an hegemonial-bürgerliches Denken, wie manche Kritiker:innen meinen. Vielmehr entspricht die Aufgeschlossenheit einer emanzipatorischen Praxis, wie sie etwa während des südafrikanischen Anti-Apartheid-Kampfs selbstverständlich war. Aus den Erfahrungen solcher Freiheitsbewegungen heraus gelten plurale parlamentarische Demokratien als unverzichtbare Basis aller Versuche, Alternativen zum Kapitalismus überhaupt zu diskutieren.16 Zum Selbstverständnis eines democratic marxism gehört eine prinzipielle Offenheit für andere – etwa feministische, ökologische oder indigene –Strömungen kapitalismuskritischen Denkens. Das heißt in der Konsequenz: Es gibt nicht den Marxismus, sondern nur eine gewisse Pluralität an Konzeptionen, die sich in unterschiedlicher Weise auf Marx beziehen.17 Diese Pluralität ist im Fragment gebliebenen Werk selbst angelegt. Anregend sind aus der heutigen Perspektive gerade die Brüche und Ungereimtheiten in den theoretischen Arbeiten des Karl Marx und seiner zahlreichen Interpret:innen. Solche Inkohärenzen zu ignorieren hieße deshalb, einem »faulen Marxismus«18 das Wort zu reden.
Jenseits dogmatischer Erstarrung beinhaltet die Marx’sche Theorie in ihren zahlreichen Weiterentwicklungen und Verästelungen noch immer eine herausfordernde Kapitalismuskritik – »die gründlichste, kompromissloseste, umfassendste jemals vorgebrachte Kritik dieser Art«.19 Sie ist eine Theorie, in deren Namen »große Regionen der Erde umgestaltet« wurden.20 Damit hat sie jedoch zugleich ihre Unschuld verloren. Jede Spielart des Marxismus muss heute selbstreflexiv sein und sich um ein kritisches Verhältnis zu ihrer eigenen Geschichte und der durch sie legitimierten Praxis bemühen. Wer sich der Methodik eines soziologischen Marxismus verpflichtet fühlt, steht deshalb für eine niemals abgeschlossene Reinterpretation klassischer Texte unter Berücksichtigung des zeitgenössischen sozialwissenschaftlichen Wissens. Zum »pragmatischen Realismus«21 so verstandener Theoriebildung gehört es, Begriffe wiederzuentdecken oder Bedeutungen zu reanimieren, die seitens der marxistischen Orthodoxie längst ad acta gelegt waren. Sozialismus ist ein solcher Begriff, den zu reinterpretieren eine wissenschaftliche und damit auch eine soziologische Aufgabe darstellt.
Eine Methodik, die entsprechend verfährt, muss einigen Anforderungen genügen, die hier kurz genannt seien. Die erste dieser Anforderungen kann als Reinterpretation, Thesenbildung und Prüfung bezeichnet werden. Eine kritische Reinterpretation klassischer Sozialismus-Texte zu betreiben, ist unabdingbar. Dabei gewonnene Thesen müssen aber zumindest ausschnitthaft und exemplarisch einer empirischen Prüfung unterzogen werden, mit deren Hilfe sich theoretische Vorannahmen korrigieren lassen. Daraus folgt für soziologische Erkundungen einer nächsten sozialistischen Gesellschaft, dass sie experimentell und ergebnisoffen angelegt sein müssen. So hat Erik Olin Wright akribisch untersucht, welche Alternativen zur kapitalistischen Produktionsweise sich bereits in bestehenden Gesellschaften herausbilden, ob und unter welchen Umständen sie Bestand haben und auf welche Weise sie tatsächlich zu einem besseren Leben beitragen können. Prozesse des Scheiterns zu dokumentieren, ist in dieser Methodik ebenso angelegt wie eine Wertschätzung von Projekten einer solidarischen Ökonomie oder genossenschaftlicher Selbstorganisation, die sich zuerst in Nischen der kapitalistischen Produktionsweise durchsetzen.22
Eine zweite Anforderung resultiert aus der Mehrebenenproblematik moderner Gesellschaften. Zu bedenken ist, dass Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse in ausdifferenzierte soziale Felder23 und gesellschaftliche Bewährungsproben24 eingebettet sind, deren eigensinnige Machtkonflikte und Wertigkeitsprüfungen empirisch erforscht werden müssen. Von Kapitalismus als sozialer Formation zu sprechen, bedeutet daher keineswegs, soziale Differenzierung, Vielfalt, Kontingenz, die Schwerkraft von Institutionen und daraus erwachsende Pfadabhängigkeiten in Abrede zu stellen. Im Gegenteil. Statt von einer determinierenden ökonomischen Basis auszugehen, die den gesellschaftlichen Überbau strukturiert, ist es sinnvoll, die kapitalistische Ökonomie und ihre Märkte als tiefgestaffelte soziale Felder25 zu betrachten, die mit zahllosen Variationen eines ökonomischen Habitus korrespondieren, der als verinnerlichtes Äußeres zu rationalem Handeln unter kapitalistischen Bedingungen überhaupt erst befähigt.26 Die methodologische Anforderung, die sich daraus ergibt, lautet: unbedingt das Mehrebenenproblem und die Ausdifferenzierung sozialer Felder beachten und dennoch nach feldübergreifenden Strukturähnlichkeiten suchen, um Aussagen über größere Zusammenhänge und Ereignisketten überhaupt erst zu ermöglichen. Ohne Vorstellungen von gesellschaftlichen Ordnungen, die dabei helfen können, empirische Einzelbefunde zu gewichten und in einen Zusammenhang zu bringen, sind weder Aussagen über die kapitalistische Gegenwart noch über eine sozialistische Zukunft möglich.
In keinem Fall dürfen gesellschaftliche Dynamiken auf einen einzelnen Kausalmechanismus zurückgeführt werden. Die Eigentumsfrage ist für die Grundlegungen eines ökologischen Sozialismus noch immer zentral, aber neue kollektive Eigentumsformen garantieren für sich genommen noch nicht, dass sich die mit ihnen verbundenen Wirtschaftsweisen tatsächlich als nachhaltig erweisen. Deshalb müssen ökologisch-sozialistische Praktiken ebenso wie neu entstehende gesellschaftliche Institutionen feldspezifisch begründet und evaluiert werden. Wie das politische System einer künftigen sozialistischen Gesellschaft aussieht, kann und darf keinesfalls aus deren ökonomischer Verfasstheit »abgeleitet« werden. Gleiches gilt für Kultur, Lebensweisen, Öffentlichkeit, Subjektivitäten, kurzum für sämtliche gesellschaftliche Sphären jenseits der Ökonomie. Aus dieser Komplexität ergibt sich als zusätzliche Anforderung, die Möglichkeit zu Selbstkorrekturen von Gesellschaftssystemen zu beachten. Der Kapitalismus besitzt die Fähigkeit, sich immer wieder zu häuten, um seine Kernstruktur zu bewahren. Staatssozialistische Gesellschaften haben die dazu erforderlichen Selbststabilisierungsmechanismen nicht im gleichen Maße ausbilden können, doch auch ihre Entwicklung war nicht mit der Geburtsstunde vorgezeichnet. Es gab immer wieder Wegscheiden, an denen eine radikale Selbstkorrektur möglich gewesen wäre, denn auch die staatssozialistischen Ordnungen waren und sind keine monolithischen Blöcke.27 Daraus folgt, dass auch aus dem Scheitern gelernt werden kann. So können beispielsweise die wirtschaftsdemokratischen Überlegungen der Prager Reformer28, die Plattform der bewegungsorientierten Strömung in der italienischen Kommunistischen Partei (PCI)29 oder die Thesen der ökosozialistischen Strömung bei den Grünen der 1980er und frühen 1990er Jahre30 als unabgegoltene Programmatiken betrachtet werden, die noch immer ein großes Anregungspotenzial besitzen, obwohl, vielleicht auch weil ihre Realisierungsversuche gescheitert sind.
Aus den genannten methodologischen Regeln ergibt sich als eine dritte Anforderung, dass die Verbindung von wissenschaftlicher Analyse und normativ begründeter Gesellschaftskritik unbedingt zu beachten ist. Ein demokratischer Marxismus unterscheidet sich auch methodologisch von sozialtheoretischen Versuchen, die auf eine normative Letztbegründung von Gesellschaftskritik zielen. Kritik des Marx’schen Typus entsteht aus der möglichst präzisen Beschreibung sozialer Verhältnisse, gefolgt von Analysen, die immanente Bewegungsformen dieser Verhältnisse und der durch sie hervorgerufenen Verwerfungen und Krisen aufdecken. So enthält die genaue Beschreibung der Lage arbeitender Klassen in England, die Friedrich Engels seinerzeit geleistet hat, bereits eine radikale Gesellschaftskritik. Für die normative Begründung dieser Kritik muss allerdings etwas anderes hinzukommen. Die ideologischen Selbstlegitimationen kapitalistischer Dynamik produzieren beständig Ansprüche, Erwartungen und auch Gerechtigkeitsvorstellungen, die in der sozialen Realität nicht erfüllt werden. Solche Diskrepanzen zwischen Sein und Sollen sind ebenfalls eine wichtige, wenngleich nicht die einzige Quelle von Gesellschaftskritik, wie sie ein democratic marxism anstrebt. Die normativen Maßstäbe dieser Kritik können aus dem hegemonialen »Geist des Kapitalismus«31, den Rechtfertigungsordnungen kapitalistischer Gesellschaften, herausgefiltert werden. Wie sich noch zeigen wird, stellen die Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen32 eine normative Grundlage sowohl von Kapitalismus- als auch von Sozialismuskritik dar, denn sie eignen sich, um Bestehendes und Erreichtes mit dem Nötigen und Wünschbaren abzugleichen.
Als weitere methodologische Regel folgt daraus: Die Maßstäbe, an denen sich eine nächste sozialistische Gesellschaft messen lassen muss, dürfen nicht hinter das normative Fundament zurückfallen, das zuvor den Maßstab für Kapitalismuskritik lieferte. Rosa Luxemburg hat das in ihrer bereits angesprochenen Auseinandersetzung mit den Bolschewiki sehr deutlich gemacht. Die autoritäre Versuchung, vor der sozialistische Revolutionen nicht gefeit seien, stelle sich bereits ein, wenn das, was von außen, von politischen Gegnern als Notmaßnahme aufgezwungen werde und zeitweilig kaum vermeidbar sei, zur Normalität erhoben und als emanzipatorische Praxis verklärt werde.33 Um dergleichen zu vermeiden, benötigen sozialistische Gesellschaften einen institutionalisierten Zweifel, also öffentliche, wissenschaftlich fundierte Gesellschaftskritik, die – wie im Kapitalismus – ihre normativen Maßstäbe offenzulegen hat.
Halten wir fest: Die Suche nach einer Neudefinition von Sozialismus kann methodologisch auf eine Reinterpretation klassischer Sozialismustexte und -konzepte zurückgreifen, sie hat analytischen Reduktionismus zu vermeiden und muss sich ihrer normativen Grundlage bewusst sein. Diesen methodologischen Anforderungen kann hier nur annäherungsweise entsprochen werden, denn sie klagen eine Systema tik ein, die ein Essay nur sehr bedingt einzulösen vermag. Bei dem Bemühen um eine Redefinition von Sozialismus gilt es außerdem zu bedenken, dass marxistische Begründungen sozialistisch-kommunistischer Gesellschaften nur eine Option unter anderen möglichen darstellen. Protagonist:innen der neuen Sozialismus-Debatte kommen häufig ohne umfassenden Rückgriff auf Marx’ Kritik der politischen Ökonomie aus. Die Autorinnen des Manifests Feminismus für die 99 % berufen sich vorzugsweise auf kapitalismuskritische Strömungen in der Frauenbewegung.34 Thomas Piketty grenzt seinen partizipativen Sozialismus ausdrücklich von marxistischen Konzeptionen ab.35 Michael Brie und Claus Thomasberger beziehen sich in ihrem Plädoyer für einen freiheitlichen Sozialismus stärker auf Karl Polanyi als auf Karl Marx und Friedrich Engels.36 Brigitte Aulenbacher verknüpft Polanyis Ideen mit Debatten um eine Care-Revolution37 und Evgeny Morozovs digitaler Sozialismus nimmt, wie Thomas Piketty, eher auf sozialdemokratischen Reformismus als auf revolutionäre Sozialismuskonzeptionen Bezug.38 Der Sozialismus eines John Stuart Mill findet ebenfalls wieder Anerkennung39 und manifestiert sich in zeitgenössischen Entwürfen als Spielart eines neuen Sozialliberalismus.40 Die Liste mit Referenzen für eine zukunftsträchtige Sozialismus-Diskussion ließe sich erheblich erweitern, und die Vielfalt der Interventionen kann, so sie denn zu konstruktiver Kontroverse anregt, zweifellos eine Stärke sein. Schon wegen der konzeptuellen Vielfalt müssen sich Sozialismus-Begründungen, die der Methodik eines democratic marxism entsprechen wollen, ihrem theoretischen Erbe behutsam und kreativ nähern, ohne es als einen Steinbruch zu betrachten, der nahezu jede beliebige Interpretation erlaubt. Blicken wir daher auf die Ursprünge des marxistischen Sozialismus zurück.
III Heuristik: Sozialismus – von der Wissenschaft zur Utopie
Nun kann es an dieser Stelle nicht um eine strenge Werkexegese gehen, die systematisch rekonstruiert, was Marx, Engels und ihre zahlreichen Interpret:innen zu Sozialismus und Kommunismus geschrieben haben. Ich beschränke mich darauf, Kriterien für eine Heuristik zu entwickeln, mit deren Hilfe sich tradierte von zeitgemäßen Sozialismen unterscheiden lassen. Als historischer Ausgangspunkt für dieses Vorhaben eignen sich Überlegungen, die Friedrich Engels in der Spätphase seines Lebens anstellte, als sozialistische und sozialdemokratische Parteien ebenso wie die Gewerkschaften sich anschickten, Massenorganisationen zu werden.
Die These
Beginnen wir unsere Entdeckungsreise in Sachen Sozialismus deshalb im späten 19. Jahrhundert. 1880 erschien, zunächst in französischer Sprache, eine Broschüre mit dem anspruchsvollen Titel Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft.1 Als Grundlage dienten drei Kapitel aus dem sogenannten Anti-Dühring2 – einer von Friedrich Engels verfassten Streitschrift, die sich gegen den Privatgelehrten und Verfechter eines antimarxistischen »Sozialismus des arischen Volkes«, Herrn Eugen Dühring, richtete. Die Intervention überlebte den Gegenstand ihrer Kritik und trug erheblich zur Popularisierung von Marx’ Theorie bei. Heute gilt das Bemühen, die von Hegel entliehene Dialektik nicht nur auf die Geschichte, sondern auch auf Mathematik und Naturwissenschaften zu übertragen, vielen als besonders dogmatischer Versuch, die Welt nach abstrakten Bewegungsgesetzen modellieren zu wollen. Sozialismus, so ein verbreiteter Vorwurf, werde zum Resultat eines vorprogrammierten geschichtlichen Verlaufs erklärt, den zu vollenden ausschließlich das revolutionäre Proletariat berufen sei.
Ohne Zweifel finden sich in Engels Schrift Formulierungen, die als Belege für ein teleologisches Geschichtsverständnis interpretiert werden können. Es sind aber auch völlig andere Lesarten jener Artikelserie möglich, die in der zitierten Broschüre als zusammenhängendes Ganzes präsentiert wird. Schon die ersten Zeilen stellen klar, dass der moderne Sozialismus »seinem Inhalt nach zunächst das Erzeugnis der Anschauung, einerseits der in der heutigen Gesellschaft herrschenden Klassengegensätze von Besitzenden und Besitzlosen, Kapitalisten und Lohnarbeitern, andrerseits der in der Produktion herrschenden Anarchie« ist.3 Die enge Koppelung von gesellschaftlichen Widersprüchen und sozialistischer Vision dient der Abgrenzung von einem utopischen Denken, dessen Anhänger den Sozialismus als »Ausdruck der absoluten Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit« betrachten. Diese Wahrheit, so Engels süffisant, brauche »nur entdeckt zu werden, um durch eigene Kraft die Welt zu erobern«. Sie sei »unabhängig von Zeit, Raum und menschlicher geschichtlicher Entwicklung«; »bloßer Zufall« entscheide, wann und wo sie entstehe.4 Ewige Wahrheiten, die noch dazu bei »jedem Schulstifter verschieden«5 ausfallen, konfrontiert Engels deshalb mit einem wissenschaftlichen Anspruch, der den Sozialismus aus realen Bewegungen der Gesellschaft heraus zu begreifen beabsichtigt. 6
So verstanden, ist Sozialismus eben kein unabänderliches Endziel, das im Gang der Geschichte bereits angelegt wäre. Weder handelt es sich um ein geschlossenes, unabänderliches Theoriegebäude noch um ein starres Gesellschaftsmodell. Was Sozialismus sein kann oder sein soll, ändert sich mit der Entwicklung der kapitalistischen Formation und den Gegenbewegungen, die sie hervorbringt. Das ist der Grund, weshalb Engels sich, auch hierin seinem kongenialen Partner Marx eng verbunden, bei der genauen Beschreibung sozialistischer Gesellschaften zurückhält. Weil der Kapitalismus »nichts« ist, wenn er nicht in Bewegung ist7, wäre auch der Sozialismus missverstanden, würde er als fertiges Rezept begriffen, das soziale Bewegungen nur noch zuzubereiten hätten. Eher trifft das Gegenteil zu. So wie die Gesellschaft stetem Wandel unterliegt, muss sich auch die Rezeptur, müssen sich Ziele, Organisationsformen und Wege des Sozialismus verändern, um systemische Herrschafts- und Ausbeutungsmechanismen erfolgreich zu überwinden.
Deshalb kann es, wie Engels immerhin andeutet, nicht bei dem einen Sozialismus bleiben. Sofern es wissenschaftlichen Ansprüchen genügen soll, muss, das sei hinzugefügt, auch das S-Wort zwingend im Plural buchstabiert werden. Den Variationen des Kapitalismus entsprechen diverse Sozialismen. Das galt bereits für das Industriezeitalter und gilt für sozialistische Visionen am Beginn des 21. Jahrhunderts in besonderer Weise. Die Erstarrung und mitunter auch Pervertierung marxistischer Sozialismusvorstellungen in repressiven staatsbürokratischen Systemen hat, ebenso wie der Zusammenbruch dieser Herrschaftsvarianten und der Verschleiß konkurrierender sozialdemokratischer Konzeptionen, dazu geführt, dass Sozialismus heute wieder zur Utopie werden muss, um politisch wirken zu können.
Gänzlich falsch wäre es indes, das als bloßen Rückschritt deuten zu wollen.8 Die Sozialismen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts waren Kinder der ersten industriellen Revolution. Die Sozialismen des 21. Jahrhunderts werden ebenfalls Kinder einer Produktivkräfte-Revolution sein, die sich nun aber unter völlig anderen Vorzeichen vollzieht als ihre historischen Vorläufer. Sozialistische Ideen des 21. Jahrhunderts müssen, so die hier vertretene These, ihre Überzeugungskraft aus der Notwendigkeit einer Nachhaltigkeitsrevolution beziehen. Sie entstehen zumindest in den frühindustrialisierten Ländern, künftig mehr und mehr aber auch in großen und kleinen Schwellenländern, aus der Kritik an wirtschaftlich-technischer Überproduktivität. Zwar rebellieren auch sie gegen die Herrschaft des Kapitals, doch das nicht allein wegen der Ausbeutung von Lohnarbeit. Die Sozialismen des 21. Jahrhunderts präsentieren sich als Alternative zu einem »Imperialismus gegen die Natur«9, wie ihn Karl Marx in seinen mittlerweile veröffentlichten Exzerptheften brandmarkte. Sie attackieren die Ökonomie der billigen Güter10 und mit ihr die Abwertung reproduktiver Tätigkeiten, und sie beanspruchen, gleichgewichtig mit der Beseitigung von Klassenherrschaft, eine Überwindung aller patriarchalisch, rassistisch oder nationalistisch legitimierten Herrschaftsmechanismen anzustreben. Aus der Perspektive gesellschaftlicher Naturverhältnisse beinhalten sie vor allem die Suche nach einem Notausgang, nach Auswegen aus einer epochalen ökonomisch-ökologischen Zangenkrise, die das Überleben menschlicher Zivilisation berührt.11
Das elementare Dreieck des Sozialismus
Gründe für einen Neosozialismus gibt es viele. Doch welche gesellschaftlichen Verwerfungen verlangen nach einer ökologisch-sozialistischen Vision? Die Beantwortung dieser Frage führt erst einmal zum ursprünglichen marxistischen Sozialismus-Verständnis zurück. In der zitierten Broschüre begründet Friedrich Engels die Notwendigkeit einer sozialistischen Transformation hauptsächlich mit dem Konflikt zwischen »gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung«.12 Es herrsche »Anarchie in der gesellschaftlichen Produktion«, und dennoch folge die wirtschaftliche Entwicklung den Zwängen der Konkurrenz, die sich als »blindwirkende Naturgesetze«13 hinter dem Rücken der Produzenten durchgesetzt hätten. Diese Zwänge bewirkten, dass die Produkte jene beherrschten, die sie herstellten. Erst die Aufhebung privatkapitalistischer Aneignung könne den gesellschaftlichen Reichtum, den die Produktivkraftentwicklung ermögliche, für die Entfaltung der Fähigkeiten aller Menschen erschließen.
Bis es so weit ist, hemmt die Aneignungslogik der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse laut Engels die Vergesellschaftungslogik der Produktivkraftentwicklung. Sozialismus ist demnach die gesellschaftliche Formel, mit deren Hilfe sich die Aufhebung des Dauerkonflikts zwischen kollektiver Produktion und privater Aneignungen politisch zuspitzen lässt. Aus Engels’ Kapitalismusanalyse ergibt sich, was als elementares Dreieck des Sozialismus bezeichnet werden kann. Das Privateigentum an Produktionsmitteln muss überwunden und durch kollektiv-gesellschaftliches ersetzt werden, um die Fesseln zu beseitigen, die die Produktivkraftentwicklung hemmen. Nur diese Umwälzung der Eigentumsverhältnisse erlaubt es, die gesellschaftliche Kontrolle über den Produktionsprozess zurückzugewinnen, indem er von den Arbeitenden selbst organisiert und an gemeinschaftliche Bedürfnisse rückgebunden wird. Hauptziel der Koordinaten im elementaren Dreieck des Sozialismus ist »substanzielle Gleichheit«.14
Dieses Ziel darf nicht mit Gleichmacherei verwechselt werden. Es geht zunächst nur darum, mit dem Privateigentum an Produktionsmitteln die bestimmende strukturelle Ungleichheit aufzuheben, die den Kapitalismus konstituiert. Die damit verbundene Hypothese lautet, dass die Aufhebung des kapitalistischen Privateigentums an Produktionsmitteln auch die Überwindung anderer Ungleichheiten begünstigt, weil auf diese Weise Krisen zu verhindern oder abzumildern sind und egalitäre Verteilung als Produktivkraft genutzt werden kann.
Abb. 1: Elementares Dreieck des Sozialismus

Quelle: eigene Darstellung.
Diese marxistische Begründung sozialistischer Transformation ist auch heute nicht völlig falsch, aber sie reicht bei weitem nicht aus. Das elementare Dreieck des Sozialismus ist derart abstrakt und allgemein, dass es in konkurrierende Transformationsstrategien integriert werden kann. Engels hatte, als er seine Artikelserie anfertigte, bereits Ansätze eines oligopolitischen, finanzialisierten Kapitalismus vor Augen, dessen Herausbildung zum Gegenstand heftiger theoretischer wie auch politisch-strategischer Kontroversen innerhalb der Arbeiterbewegungen geworden ist. »Wenn die Krisen«, so Engels, »die Unfähigkeit der Bourgeoisie zur fernern Verwaltung der modernen Produktivkräfte aufdeckten«, so zeige »die Verwandlung der großen Produktions- und Verkehrsanstalten in Aktiengesellschaften und Staatseigentum die Entbehrlichkeit der Bourgeoisie für jenen Zweck.«15 Weiter heißt es: »Alle gesellschaftlichen Funktionen des Kapitalisten werden von besoldeten Angestellten versehen. Der Kapitalist hat keine gesellschaftliche Tätigkeit mehr, außer Revenuen-Einstreichen, Kupon-Abschneiden und Spielen an der Börse, wo die verschiedenen Kapitalisten untereinander sich ihr Kapital abnehmen.«16
Engels argumentiert hier mit einer Tendenz zur Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die sich noch innerhalb der kapitalistischen Hülle vollzieht. Die Herausbildung von Aktiengesellschaften und Staatseigentum interpretiert er als materielle Vorbereitung einer sozialistischen Gesellschaft. Aus dieser Deutung lassen sich jedoch höchst unterschiedliche strategische Schlussfolgerungen ziehen. Grob vereinfacht können im frühen 20. Jahrhundert zwei Hauptströmungen der Kapitalismusanalyse sowie darauf aufbauender Vorstellungen einer sozialistischen Transformation unterschieden werden. Das eine Lager betont die in der kapitalistischen Dynamik bereits angelegte Tendenz zur impliziten Vergesellschaftung der Produktivkräfte. Eduard Bernstein und später die russischen legalen Marxisten machen die Konzentration und Zentralisation von Kapital zum Ausgangspunkt für ihre, wie Rosa Luxemburg sie nennt, neoharmonistische Marx-Rezeption. Auch die Theoretiker des marxistischen Zentrums entwickeln sich in eine solche Richtung. Zunächst Begründung für einen revolutionären Sozialismus, mündet die Analyse einer sich selbst negierenden kapitalistischen Marktwirtschaft bei Karl Kautsky und Rudolf Hilferding in die Vorstellung von der allmählichen Herausbildung eines steuerungsfähigen »Generalkartells«.17 Früher oder später, so die Prognose, müsse die Konzentration des Kapitals in den Händen weniger und seine Zentralisation in Großunternehmen einen Punkt erreichen, an welchem die kapitalistische Wirtschaft von einer Instanz bewusst geregelt werde, die »das Ausmaß der Produktion in allen ihren Sphären« bestimme.18 Im Finanzkapital, verstanden als industrielles Kapital in der Verfügung der Banken, erlischt demnach der besondere Charakter des Kapitals.19
Diese Tendenz zur Vergesellschaftung der Produktivkräfte wird von reformorientierten Kapitalismustheoretikern in die Richtung eines sich weitgehend störungsfrei reproduzierenden Kapitalismus weitergetrieben. Für Otto Bauer sind, in seinem Reproduktionsmodell der Neoklassik ähnlich, Krisen der kapitalistischen Ökonomie temporäre Ereignisse, die früher oder später wieder zu Gleichgewichts märkten führen. Die Überzeichnung der Tendenz zu Rationalität und Planmäßigkeit im Kapitalismus schlägt sich in der problematischen Auffassung nieder, dass es nur noch einer schrittweisen Eroberung der Kommandohöhen wirtschaftlicher und politischer Macht bedarf, um den Übergang in eine Gesellschaft zu gestalten, die mit dem Kollektiveigentum an Produktionsmitteln zugleich die Anarchie kapitalistischer Märkte überwindet.
Solchen Auffassungen widersprechen Analysen der konkurrierenden Hauptströmung innerhalb des tief gespaltenen sozialistischen Lagers, deren führende Köpfe an einer revolutionären, disruptiven Überwindung des Kapitalismus festhalten. Die gleichen Phänomene der Konzentration, Zentralisation und Finanzialisierung von Kapital vor Augen, erklären sie diese zu Ursachen von zunehmender Krisenanfälligkeit, verschärfter imperialer Konkurrenz und erhöhter Kriegsgefahr. Für Wladimir I. Lenin ist der Imperialismus seiner Zeit denn auch nicht nur das »höchste Stadium des Kapitalismus«20, sondern zugleich Indiz für dessen parasitäre, in Fäulnis begriffene Verfassung. Fäulnis schließt ein »Wachstum des Kapitalismus nicht aus«21, im Gegenteil, im Großen und Ganzen wächst »der Kapitalismus bedeutend schneller als früher«, aber dieses Wachstum wird »immer ungleichmäßiger« und äußert sich »im besonderen in der Fäulnis der kapitalkräftigsten Länder«.22
Anders als neoharmonistische Kapitalismusanalysen haben die Vordenker:innen eines revolutionären Marxismus ein Sensorium für die Ungleichzeitigkeit kapitalistischer Entwicklung, die den großen Rest der Welt von einem kapitalistischen Zentrum abhängig macht. Aus diesem Grund brechen sie mit der Vorstellung, sozialistische Revolutionen seien nur in den industriell weit entwickelten Ländern möglich. Doch ein Grundproblem ihrer Analysen wurzelt darin, dass auch sie Strukturmerkmale des Kapitalismus verabsolutierten, die sich im historischen Verlauf als reversibel oder zumindest als veränderbar erwiesen haben. Folgt man Lenins Fäulnisthese, so hätte es den wohlfahrtsstaatlich regulierten fordistischen Kapitalismus, der sich nach 1945 in den kapitalistischen Metropolen durchsetzte, niemals geben dürfen. Der Imperialismus des frühen 20. Jahrhunderts war eben nicht das höchste und letzte Stadium des Kapitalismus, sondern nur eine, zweifelsohne höchst bedeutsame, Zwischenetappe kapitalistischer Entwicklung. Die Gründe für eine dynamische Kapitalismusanalyse, die einer Beschwörung von Endzielen und letzten Stadien kritisch gegenübersteht, hatte Friedrich Engels in einem Interview mit Le Figaro treffend auf den Punkt gebracht:
[…] wir haben kein Endziel. Wir sind Evolutionisten, wir haben nicht die Absicht, der Menschheit endgültige Gesetze zu diktieren. Vorgefasste Meinungen in Bezug auf die Organisation der zukünftigen Gesellschaft im einzelnen? Davon werden Sie bei uns keine Spur finden. Wir sind schon zufrieden, wenn wir die Produktionsmittel in die Hände der ganzen Gesellschaft gebracht haben […].23
Der weberianische Marxismus
An dieser Stelle sollen historische Kontroversen über Kapitalismus und Sozialismus nicht erneut ausgetragen werden. Im Rückblick wird aber überdeutlich, dass es hochgradig problematisch ist, besondere Strukturmerkmale, die kapitalistische Gesellschaften für eine bestimmte Periode auszeichnen, zu überhöhen, um sie sodann zu allgemeinen Voraussetzungen für sozialistische Gesellschaften und entsprechende Transformationsstrategien zu erklären. Gleich ob reformistisch oder revolutionär, es genügt eben nicht, die Kommandohöhen der Wirtschaft und des Staates zu übernehmen, um von dort aus die Gesellschaft umzugestalten. Strategisches sozialistisches Handeln, das so verfährt, unterschätzt die Komplexität moderner kapitalistischer Gesellschaften. Dieses Problem spricht ein »weberianischer« Marxismus an, der sich in seinen Ursprüngen mit den Namen Georg Lukács und Antonio Gramsci verbindet.24
Lukács hat als einer der ersten Marxisten hellsichtig die Ausdifferenzierung bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaften analysiert. In Anlehnung an Max Weber begreift er die Durchrationalisierung aller gesellschaftlichen Sphären als fortschreitende Verdinglichung. Damit ist gemeint, dass mit der Ausbreitung der kapitalistischen Warenform »dem Menschen seine eigene Tätigkeit, seine eigene Arbeit als etwas Objektives, von ihm Unabhängiges, ihn durch menschenfremde Eigengesetzlichkeit Beherrschendes gegenübergestellt wird«, und »dies sowohl in objektiver wie in subjektiver Hinsicht«.25 Strukturell zerfällt die Gesellschaft in Teilsysteme, deren Zusammenwirken subjektiv nicht mehr nachvollzogen werden kann:
Das Aufeinanderbezogensein der Teilsysteme ist auch bei normalstem Funktionieren etwas Zufälliges. Die wahre Struktur der Gesellschaft erscheint vielmehr in den unabhängigen, rationalisierten, formellen Teilgesetzlichkeiten, die miteinander nur formell notwendig zusammenhängen. […] Denn es ist ja klar, daß der ganze Aufbau der kapitalistischen Produktion auf dieser Wechselwirkung von streng gesetzlicher Notwendigkeit in allen Einzelerscheinungen und von relativer Irrationalität des Gesamtprozesses beruht.26
Antonio Gramsci antwortet mit seiner Hegemonietheorie auf das aus sozialer Differenzierung und Komplexitätssteigerung resultierende Strategieproblem sozialistischer Transformation. Für Gramsci beruht demokratische Herrschaft im integralen Staat auf Hegemonie, auf einem basalen Konsens zwischen Herrschenden und Beherrschten27, der aus den sozialen und symbolisch-kulturellen Konflikten der Zivilgesellschaft erwächst. Jeder Konsens ist mit Zwang gepanzert und in einen historischen Block eingebettet, der Klasseninteressen in die Sphäre der Politik übersetzt, transformiert und sie so weitgehend unsichtbar macht.28 Zwang meint hier nicht in erster Linie offene Gewalt, wenngleich auch diese keineswegs verschwindet. Solange die kapitalistische Eigentumsordnung fraglos vorausgesetzt wird, bedarf der stille ökonomische Zwang zum Verkauf der Arbeitskraft keiner besonderen Legitimation. Deshalb können »außerökonomische Güter« wie soziale Bürger- und Freiheitsrechte oder die Gleichstellung von Geschlechtern, Ethnien und Nationalitäten relativ egalitär verteilt werden, denn sie lassen den Kern kapitalistischer Herrschaft unberührt.29 Im integralen Staat eines halbwegs rationalen Kapitalismus wird das Recht zu einer Regulationsform, die auch Interessen beherrschter Klassen berücksichtigen kann. Der Kompromisscharakter des Rechts ermöglicht es, wie Wolfgang Abendroth am Beispiel des (west)deutschen Grundgeset zes gezeigt hat, Demokratie als eine transformative zu denken. Basale Rechtsnormen sind demnach, mit der Institutionalisierung des Rechts variierend, für antikapitalistisch-sozialistische Transformationsstrategien durchaus offen30, was nichts daran ändert, dass sich die Herrschenden und Mächtigen solchen Veränderungen höchstwahrscheinlich mit aller Macht, das heißt immer auch mit und ohne geeignete Rechtsmittel widersetzen werden.
Das elementare Dreieck sozialistischer Handlungsfähigkeit
Mögliche repressive Reaktionen kapitalistischer Eliten einmal beiseitegelassen, ergeben sich aus der im weberianischen Marxismus geleisteten Kritik am elementaren Dreieck sozialistischer Vergesellschaftung Kriterien für eine Heuristik, die Erik Olin Wright zur Neubegründung eines utopischen Sozialismus entworfen hat. Trennt man den Staat von der Zivilgesellschaft und lässt ferner außer Acht, dass Gramsci administrative und repressive Staatsapparate (Kernstaat) einerseits und die Netzwerke reicher Zivilgesellschaften andererseits im integralen Staat zusammenfügt, erhält man in der Verbindung mit ökonomischer Macht ein weiteres Dreieck, das die elementare Heuristik sozialistischer Vergesellschaftung keinesfalls ersetzt, aber doch erheblich modifiziert und erweitert. Das zuvor eingeführte elementare Dreieck des Sozialismus lässt offen, wie die rationale gesellschaftliche Kontrolle über den Produktionsprozess hergestellt und substanzielle Gleichheit in einer modernen, ausdifferenzierten kapitalistischen Gesellschaft erreicht werden soll. Jeder Konkretionsversuch führt zum Problem strategischer sozialistischer Handlungsfähigkeit, das Erik Olin Wright zum Angelpunkt seines Dreiecks macht, für das ökonomische, staatliche und zivilgesellschaftliche Machtressourcen konstitutiv sind (siehe Abb. 2).
Zur Begründung dieser Heuristik schlägt Wright eine Definition vor, die den Sozialismus sowohl dem Kapitalismus als auch dem Etatismus entgegensetzt: »Kapitalismus, Etatismus und Sozialismus können als alternative Wege gedacht werden, die Machtbeziehungen, durch welche ökonomische Ressourcen alloziert, kontrolliert und genutzt werden, zu organisieren.«31 Sozialismus ist für Wright eine ökonomische Struktur,
Abb. 2: Elementares Dreieck sozialistischer Handlungsfähigkeit

Quelle: Wright, Erik Olin (2012): Transformation des Kapitalismus, in: Dörre, Klaus/Sauer, Dieter/Wittke, Volker (Hg.): Kapitalismustheorie und Arbeit. Neue Ansätze soziologischer Kritik. Frankfurt a. M./New York, S. 462-487, hier: S. 471. Eigene Darstellung.
in der die Produktionsmittel sich im gesellschaftlichen Besitz befinden und Allokationen wie der Gebrauch der Ressourcen für verschiedene gesellschaftliche Zwecke von der Ausübung ›gesellschaftlicher‹ Macht beeinflusst werden können. › Gesellschaftliche Macht‹ ist eine Macht, die in der Fähigkeit gründet, Menschen für kooperative, freiwillige kollektive Aktionen verschiedener Art zu mobilisieren. Dies impliziert, dass die Zivilgesellschaft nicht nur als Arena von Aktivität, Geselligkeit und Kommunikation angesehen werden sollte, sondern auch als reale Macht.32
So verstanden, wird Sozialismus zu einem graduellen Konzept, dem eine Vielfalt möglicher Konfigurationen zur Ausübung gesellschaftlicher Macht bei der Allokation von Ressourcen, der Kontrolle über die Produktion und der Distribution der erzeugten Güter entspricht. Wright unterscheidet sieben Wege zu gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit – den etatistischen Sozialismus, die sozialdemokratisch etatistische Regulation, eine assoziative Demokratie, den sozialen Kapitalismus, die kooperative Marktwirtschaft, eine soziale Ökonomie und den partizipatorischen Sozialismus.33
Ob diese Konfigurationen wirklich in jeder Hinsicht trennscharf sind, kann bezweifelt werden. Bemerkbar macht sich auch, dass Wright aus einer berechtigten Aversion gegen den etatistischen Sozialismus zu einer gewissen Überhöhung der Zivilgesellschaft jenseits des Kernstaates neigt. Für ihn ersetzt die demokratische Zivilgesellschaft im Grunde das revolutionäre Proletariat des klassischen Marxismus. Daran ist zunächst etwas Richtiges, denn es wäre fahrlässig, die sozialen Träger sozialistischer Handlungsfähigkeit auf Arbeiterbewegungen zu beschränken. Aber längst nicht alle in der Zivilgesellschaft präsenten Strömungen sind demokratisch und progressiv. Bewegungen Polanyi’schen Typs, die sich gegen kapitalistische Marktmacht auflehnen, können ausgesprochen reaktionäre, ja faschistische Züge annehmen.34
Diese Problematik wird nicht nur von Wright, sondern im sociological marxism insgesamt unterschätzt. Allerdings, das stellt Wright klar, sind Kapitalismus, Etatismus und Zivilgesellschaft keine Idealtypen, die einander ausschließen. Vielmehr überlappen sie einander und bilden gemischte Ökonomien, in denen sich positive Externalitäten wie Non-Profit-Organisationen, Genossenschaften oder eine Wissensallmende finden, die auf unterschiedliche Weise zu Ausgangspunkten sozialistischer Transformation werden können. Für Wright folgt daraus, und ich stimme ihm hier ausdrücklich zu, dass keiner der genannten sieben Wege für sich genommen zu einer stabilen ökonomischen Demokratisierung führen kann.35 Exakt dies, die umfassende Demokratisierung ökonomischer Entscheidungen, ist der zentrale Inhalt eines Sozialismusverständnisses, das nach maximaler zivilgesellschaftlicher Kontrolle über Produktion, Ressourcenallokation und Güterverteilung strebt.
Die Implikationen einer solchen Sozialismus-Konzeption sind ebenso originell wie aufregend. Sozialistische Handlungsfähigkeit kann in marktwirtschaftlich-kapitalistischen Gesellschaften auf höchst unterschiedliche Weise entstehen. Etatistische sozialdemokratische Regulation und Reform von oben sind unter Umständen ebenso zielführend wie eine kooperative Unternehmensorganisation, die genossenschaftliche Produktion in der Energiewirtschaft oder ein Journalistenkollektiv in Nischen der digitalen Ökonomie. Solche Wege zu gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit können durchaus mit Strategien korrespondieren, die den offensiven Bruch mit dem Kapitalismus, die Enteignung und Sozialisierung von Großkonzernen und die Entmachtung des gewinnorientierten Topmanagements anstreben. Das eine schließt das andere nicht aus. Im Gegenteil, nur eine substanzielle Entwicklung auf allen diesen Wegen zusammen würde »eine fundamentale Transformation der kapitalistischen Klassenbeziehungen und ihrer Machtstrukturen bedeuten«.36
Wie beim elementaren Dreieck des Sozialismus geht es auch bei der Heuristik sozialistischer Handlungsfähigkeit um Gleichheit. Wright verschiebt den Fokus jedoch von materiell-substanzieller Gleichheit stärker in Richtung von Entscheidungsmacht und demokratischer Partizipation. Zudem trägt das Dreieck gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit sozialistischem Pluralismus besser Rechnung als die ursprüngliche Heuristik. Zieht man unterschiedliche Wege zur Herstellung zivilgesellschaftlicher Handlungsfähigkeit in Betracht, gibt es keinen Grund, dass sich Sozialist:innen zu Beginn des 21. Jahrhunderts einsam fühlen müssten. Sie finden Verbündete in verschiedensten sozialen Bewegungen, in unterschiedlichen Parteien und auch in politischen Spektren, die das S-Wort bewusst ablehnen. In einem Cäsarismus, wie ihn Max Weber am Beispiel von Bismarcks Sozialreformen beschrieben hat, vermögen sie das zu erkennen, was an Überschüssigem über bloße Integrationsabsicht hinausweist. Reformen von oben, die von oppositionellen oder gar revolutionären Bewegungen erzwungen werden, können noch immer eine erfolgversprechende Strategie sozialistischer Handlungsfähigkeit sein. Wahrscheinlich sind sie in nächster Zukunft zumindest für Europa der einzige Weg, der mit einigen Erfolgsaussichten überhaupt beschritten werden kann. Doch um einen Reformpfad wirklich ansatzweise ausloten zu können, genügt auch Wrights Kompass sozialistischer Handlungsfähigkeit nicht. Wollte man allen politischen Kräften, die sich in Deutschland zumindest nominell und in positiver Weise auf kooperative Marktwirtschaft und sozialen Kapitalismus beziehen, sozialistische Handlungsfähigkeit bescheinigen, reichte das Spektrum von Teilen der Linkspartei bis zur AfD.37
IV Diagnose: Landnahme, Zangenkrise, Anthropozän
Der entscheidende Grund, über die bereits diskutierten Heuristiken hinauszugehen, ist allerdings ein anderer. Sowohl das elementare Dreieck des Sozialismus als auch das Dreieck sozialistischer Handlungsfähigkeit gehören aus meiner Sicht zwingend zu einem Kompass sozialistischer Transformation. Doch sie lassen systemische Störungen der Gesellschafts-Natur-Beziehungen als Kriterium sozialistischer Transformation weitgehend außer Acht. Deshalb sind sie nicht in der Lage, das Epochale des im Gange befindlichen Umbruchs zu erfassen. Zur Begründung dieser Sichtweise werden – in kritischer Auseinandersetzung mit dem tradierten marxistischen Produktivkraftoptimismus – das Landnahmetheorem und die These einer ökonomisch-ökologischen Zangenkrise eingeführt und mit der Diskussion um ein neues Erdzeitalter verbunden, um so Koordinaten für einen nachhaltigen Sozialismus gewinnen zu können.
Engels und der marxistische Produktivkraftoptimismus
Nicht allein die etatistische Ausrichtung, auch ihr Produktivkraftoptimismus hat die verschiedensten Sozialismen des 20. Jahrhunderts ökologisch in die Sackgasse geführt. Indizien für einen aus der heutigen Sicht fahrlässigen, historisch aber nachvollziehbaren Produktivkraftoptimismus finden sich sowohl bei Karl Marx als auch beim Erfinder des Marxismus, bei Friedrich Engels. Doch wie so häufig ist das Werk der beiden auch im Falle der Gesellschafts-Natur-Beziehungen widersprüchlich; es umfasst verschiedene Erkenntnisebenen, enthält Brüche und Revisionen.
Anders als oft suggeriert und kritisiert, hat das ursprüngliche Marx’sche Produktivkraftverständnis mit naiver Technikgläubigkeit wenig gemein. Vielmehr wird die Entfaltung der industriellen Produktivkräte, deren wichtigste die in freier Lohnarbeit genutzte Arbeitskrat ist, als materielle Voraussetzung der sozialistischen Revolution gedeutet. Nicht Technik und Organisation, sondern die mit der Industrialisierung wachsenden proletarischen Massen sind demnach die entscheidende Triebkraft sozialistischer Transformation. Hören wir wieder Friedrich Engels:
Die Besitzergreifung der sämtlichen Produktionsmittel durch die Gesellschaft hat, seit dem geschichtlichen Auftreten der kapitalistischen Produktionsweise, einzelnen wie ganzen Sekten öfters mehr oder weniger unklar als Zukunftsideal vorgeschwebt. Aber sie konnte erst möglich, erst geschichtliche Notwendigkeit werden, als die materiellen Bedingungen ihrer Durchführung vorhanden waren. Sie, wie jeder andere gesellschaftliche Fortschritt, wird ausführbar nicht durch die gewonnene Einsicht, daß das Dasein der Klassen der Gerechtigkeit, der Gleichheit etc. widerspricht, nicht durch den bloßen Willen, diese Klasse abzuschaffen, sondern durch gewisse ökonomische Bedingungen.1
Nicht die Entwicklung technisch-organisatorischer Produktivkräfte als solche, sondern die mit der industriellen Revolution einhergehende Entwicklung einer proletarischen Klasse, die aufgrund ihrer Stellung im Produktionsprozess als erste überhaupt in der Lage ist, die Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft zu realisieren, gilt Engels als Gradmesser sozialen Fortschritts. Die Arbeit der von Löhnen abhängigen Klassen ist somit wichtigste Produktivkraft. Engels’ Redewendung von der »geschichtlichen Notwendigkeit« impliziert allerdings eine Zwangsläufigkeit und Ausschließlichkeit, die sicherlich kritisch hinterfragt werden muss. Im Werk der beiden Urväter des Marxismus finden sich aber auch Textpassagen, die eine deutlich andere, zeitgemäßere Interpretation kapitalistischer Dynamik nahelegen: »Die kapitalistische Produktion kann nicht stabil werden, sie muß wachsen und sich ausdehnen oder sie muß sterben […] Hier ist die verwundbare Achillesferse der kapitalistischen Produktion. Ihre Lebensbedingung ist die Notwendigkeit fortgesetzter Ausdehnung …«, notiert Engels in einem Vorwort, das er der deutschen Neuausgabe seines frühen Klassikers Die Lage der arbeitenden Klasse in England voranstellte.2 Präzise wird hier ein Grundverständnis von Kapitalismus in Bewegung benannt, das große Schnittmengen mit jenem Ansatz aufweist, den Stephan Lessenich, Hartmut Rosa und ich selbst zum analytischen Ausgangspunkt der Kollegforschungsgruppe »Postwachstumsgesellschaften« gemacht haben.3 Der Kapitalismus muss expandieren, um zu existieren, und es ist seine erfolgreiche Ausdehnung, die seine Bestandsvoraussetzungen untergräbt.
Kapitalistische Landnahme und das Expansionsparadoxon
Aus der von mir gewählten Landnahme-Perspektive ereignet sich kapitalistische Entwicklung als komplexe Innen-Außen-Bewegung. Ein »reiner Kapitalismus«, wie ihn Karl Marx mit seinen Reproduktionsschemata als logische Möglichkeit durchgespielt hat4, ist nicht überlebensfähig, zumindest ist er empirisch nirgendwo existent. Die der kapitalistischen Formation eingeschriebene expansive Dynamik beinhaltet daher stets die Internalisierung von Externem, die Okkupation eines nicht oder nicht vollständig kommodifizierten Außen. Sofern es kein funktional Anderes zu entdecken gibt, das in Besitz genommen, in Wert gesetzt, kommodifiziert und profitabel genutzt werden kann, geraten Gesellschaften mit eingebautem Expansionszwang an ihre Grenzen. Sie stagnieren und zerfallen. Kapitalistische Landnahmen beruhen somit auf einem Expansionsparadoxon. Der Kapitalismus muss sich ausdehnen, um zu existieren und seine Funktionsmechanismen zu reproduzieren. Dabei zerstört er im Zuge der Ausdehnung von Marktbeziehungen allmählich, was er für seine eigene Reproduktion benötigt. Je erfolgreicher die Akkumulations-, Wachstums- und Kommodifizierungsmaschine arbeitet, desto wirkungsvoller untergräbt sie die Selbstreproduktionsfähigkeit sozialer und natürlicher Ressourcen, ohne die moderne kapitalistische Gesellschaften nicht überlebensfähig sind.
Allerdings darf das kapitalistische Expansionsparadoxon weder mit einem Zusammenbruchsautomatismus noch mit einer überhistorischen Steigerungslogik verwechselt werden, die das System aus sich heraus an eindeutig fixierbare absolute Grenzen seiner Entwicklungsfähigkeit treiben würde. Der Zeitpunkt für einen möglichen Systemkollaps lässt sich, das belegt die Geschichte des Kapitalismus, immer wieder aufschieben und mithilfe von Selbststabilisierungsmechanismen über lange Zeiträume hinweg in die Zukunft verlagern. Das Finanz- und Kreditsystem, der Unternehmens-Innovationsnexus, Wohlfahrtsstaat und organisierte Arbeitsbeziehungen, Institutionen der Lebensproduktion sowie nicht zuletzt die Regulationen von Naturverhältnissen stellen solche Selbststabilisierungsmechanismen dar. Sie lassen gesellschaftliche Regulationsweisen entstehen, die unterschiedliche Spielarten des Kapitalismus möglich machen. Jede evolutionäre Weiterentwicklung von Selbststabilisierungsmechanismen fordert jedoch ihren Preis. Stets wird sie von einer neuerlichen Stimulierung expansiver Kräfte und einer Verschiebung des damit verbundenen Krisen- und Destruktionspotenzials begleitet. Selbstverständlich kann der Kapitalismus sterben. Sein Ende tritt aber nicht infolge eines plötzlichen Herzstillstandes mit nachfolgendem Systemkollaps ein. Die Überwindung dieser Gesellschaftsformation muss aktiv, in ausdifferenzierten Feldern und damit sozial, kulturell und politisch herbeigeführt werden. Sie benötigt die erfolgreiche Ausbildung und Ausübung sozialistischer Handlungsfähigkeit oder vergleichbarer antikapitalistischer Impulse, andernfalls kann selbst ein Kapitalismus mit akutem Katastrophenpotenzial sehr lange überleben.
Historisch betrachtet, thematisiert der Landnahmebegriff eine Entwicklung, die während des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, dem imperialen Zeitalter, einsetzte. Seit dieser Zeit werden Tempo und Wachstumsdynamik der Weltwirtschaft von kapitalistischen Kernstaaten vorgegeben, die den großen »Rest« der Welt beherrschen. Erst der Aufstieg von Schwellenländern, allen voran der Chinas, hat eine gewisse Trendumkehr eingeleitet. Das aus der ungleichen Entwicklung resultierende Privileg, in einem reichen Land geboren zu sein, hat über Jahrzehnte hinweg und in wachsendem Maße die Komposition globaler Ungleichheit bestimmt, und es ist eine, wenngleich nicht die einzige Ursache für weltweite Migrationsströme und zwischenstaatliche Konflikte.5
Rosa Luxemburg war eine der ersten marxistischen Theoretiker:innen, die diese Gleichzeitigkeit ungleicher Entwicklungen systematisch analysiert haben. Das strukturelle Problem der erweiterten Reproduktion des Kapitals besteht nach ihrer Auffassung darin, dass es für den zusätzlich erzeugten und sodann zumindest teilweise kapitalisierten Mehrwert der jeweils vorausgegangenen Produktionsperiode keine zahlungsfähige Nachfrage innerhalb interner kapitalistischer Märkte der Nachfolgeperiode geben kann. Der Sozialgeograf David Harvey hat das treffend als »Kapitalüberschuss-Absorptionsproblem«6 bezeichnet. Gemeint ist ein Komplex basaler Ursachen, der das Expansionsstreben des Kapitals antreibt. Das strukturelle Missverhältnis von anlagesuchendem Kapital und aufnahmefähigen Märkten erzeugt einen systemischen Wachstumsdrang, aber eben auch eine gegenläufige Tendenz in Gestalt periodisch auftretender und teilweise auch länger anhaltender Krisen.7
Dieses strukturelle Ungleichgewicht zwingt nach Auffassung von Rosa Luxemburg zur Ausdehnung von Absatzmärkten auf nichtkapitalistische Milieus: Die Akkumulation des Kapitals bleibe jederzeit an »nichtkapitalistische Kreise gebunden«8 und erst durch Einverleibung von nichtkapitalisierter Arbeitskraft und Erde erwerbe das Kapital »eine Expansionskraft«, die es ihm erlaube, »die Elemente seiner Akkumulation auszudehnen jenseits der scheinbar durch seine eigene Größe gesteckten Grenzen«.9 Der Kapitalismus, so die Zuspitzung Luxemburgs, sei die erste Wirtschaftsform mit der Tendenz, »sich auf dem Erdrund auszubreiten und alle anderen Wirtschaftsformen zu verdrängen«.10 Er sei aber auch die erste Gesellschaftsformation, die »allein, ohne andere Wirtschaftsformen als ihr Milieu und ihren Nährboden, nicht zu existieren« vermag.11 Je erfolgreicher sie expandiere, desto näher rücke der Zeitpunkt, an dem sie an ihrer inneren Unfähigkeit zerschellen müsse, eine »Weltform der Produktion«12 zu sein.
Luxemburg hat diese Überlegung zu einer Theorie externer Mehrwertrealisierung ausgebaut und versucht, damit den Imperialismus ihrer Zeit zu erklären. Dieser Ansatz ist aufgrund seiner immanenten Schwächen und logischen Fehlschlüsse nicht zu halten.13 Löst man sich jedoch von der engen politökonomischen Interpretation, öffnet sich der Blick für »eine völlig eigenständige Betrachtungsweise von Gesellschaftsformationen«, die »im Gegensatz zu den linearen und evolutionistischen Auffassungen von ›Fortschritt‹« steht, wie sie bei Engels anklingt.14 Diese eigenständige Betrachtungsweise impliziert, eine begrenzte Pluralität an sozialen Antagonismen und Ausbeutungsverhältnissen als gleichgewichtig anzuerkennen. Mit der systematischen Berücksichtigung nichtkapitalistischer Milieus nimmt Rosa Luxemburg eine Kapitalismusdefinition vorweg, wie sie später von Fernand Braudel und der Weltsystemtheorie formuliert worden ist. Das »Raster der Weltwirtschaft« zeigt »sozial gesehen das Nebeneinander der verschiedenen ›Produktionsweisen‹ von der Sklavenhaltung bis zum Kapitalismus auf, der nur im Kreise der anderen, auf Kosten der anderen« existieren kann.15 Verschiedene »Methoden der gesellschaftlichen Ausbeutung lösen einander ab, ergänzen sich letztlich gegenseitig«.16 Diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen prägt auch die internen Austauschbeziehungen nationaler Kapitalismen; innere, das heißt sich in den Grenzen nationaler Gesellschaften vollziehende Landnahmen nichtkapitalistischer Produktionsweisen und Lebensformen sind jederzeit möglich. Im Grunde, so der Nestor der deutschen Arbeitssoziologe, Burkart Lutz, lässt sich jeder Wachstumsschub kapitalistischer Ökonomien als Landnahme verstehen, die mit der erfolgreichen Durchsetzung zugleich ihre sozioökonomischen und kulturellen Voraussetzungen unterminiert.17
Den basalen Modus Operandi kapitalistischer Landnahmen hat Thomas Morus in Utopia mithilfe des einprägsamen Bildes von menschenfressenden Schafen eindrucksvoll beschrieben. Gemeint ist eine Enteignungspraxis, bei der die Herrschenden den Pächtern das Weideland nehmen, um es für die profitablere Viehzucht zu nutzen:
[…] da lassen sich die Edelleute und Standespersonen und manchmal sogar die Äbte, heilige Männer, nicht mehr genügen an den Erträgnissen und Renten, die ihren Vorgängern herkömmlich aus ihren Besitzungen zuwuchsen; nicht genug damit, dass sie faul und üppig dahinleben, der Allgemeinheit nichts nützen, eher schaden, so nehmen sie auch noch das schönste Ackerland weg, zäunen alles als Weiden ein, reißen die Häuser nieder, zerstören die Dörfer, lassen nur die Kirche als Schafstall stehen und – gerade als ob die Wildgehege und Parkanlagen nicht schon genug Schaden stifteten – verwandeln diese trefflichen Leute alle Siedlungen und alles angebaute Land in Einöden. Damit also ein einziger Prasser, unersättlich und wie ein wahrer Fluch seines Landes, ein paar tausend Morgen zusammenhängendes Ackerland mit einem einzigen Zaun umgeben kann, werden Pächter von Haus und Hof vertrieben: durch listige Ränke oder gewaltsame Unterdrückung macht man sie wehrlos oder bringt sie durch ermüdende Plackereien zum Verkauf […].18
Thomas Morus beschreibt das Bauernlegen, die Einfriedung und private Inbesitznahme von Ackerland, die Marx später als ursprüngliche Akkumulation des Kapitals analysiert. Dabei handelt es sich um die historische Grundform kapitalistischer Landnahmen. Offene Gewaltanwendung zum Zwecke der Enteignung ist keineswegs das bestimmende Kriterium. Der entscheidende Punkt ist vielmehr die künstliche Verknappung von etwas, das zuvor, wenn nicht im Überfluss, so doch reichlich vorhanden war. Im Beispiel des Thomas Morus ist das Grund und Boden, der sich als Ackerland nutzen lässt. Dessen Verknappung erfolgt durch Anwendung eines Verfahrens, das Hannah Arendt hellsichtig vom »Besitz als einem dynamischen Prinzip«19 sprechen lässt. Die kapitalistische Aneignung eines nichtkapitalistischen Anderen ist von ihrer inneren Logik her betrachtet unendlich. Stets verlangt sie nach immer mehr Boden, Arbeitskraft, Geld und – wie wir noch sehen werden – nach Wissen und persönlicher Erfahrung. Denn Kapital, das sich, um Kapital sein zu können, permanent vermehren muss, sucht beständig nach neuen Anlagesphären.
Im Vollzug dieser expansiven Bewegung entstünden, so Luxemburg, die »seltsamsten Mischformen zwischen modernem Lohnsystem und primitiven Herrschaftsverhältnissen«20, wie das »Zerbröckeln« traditioneller Natural- und Bauernwirtschaften zeige. Als Beispiele nennt Luxemburg die »planmäßige, bewusste Vernichtung und Aufteilung des Gemeineigentums«, die die französische Kolonialpolitik in ihren arabischen Kolonien vornahm21, oder die »Zwangslohnarbeit«, welche spanische Eroberer zur Ausbeutung der indigenen Bevölkerung Lateinamerikas einführten.22 Ein aus heutiger Sicht besonders eindrucksvoller Fall ist die Zwangsarbeit ägyptischer Fellachen, die zur Finanzierung von Staatsanleihen beim internationalen Finanzkapital genutzt wurde.23 Landnahme bedeutet in den genannten Beispielen, dass unterschiedliche Formen unfreier, prekärer und nur teilweise kommodifizierter Arbeit über längere historische Perioden hinweg konserviert, neu kombiniert und so als Arbeit für das Kapital genutzt werden. Es bilden sich hybride Verbindungen aus Lohnarbeit und vorkapitalistischen Arbeitsformen in unterschiedlich strukturierten Märkten heraus, deren »Stoffwechsel« dominanten Akteuren Extragewinne verspricht.
Ausbeutung von lebenspendender Arbeit
Wichtig für den hier interessierenden Zusammenhang ist die Feststellung, dass die kapitalistische Dynamik eine Doppelgestalt besitzt. Die eine Bewegung setzt sich in den Produktionsstätten des Mehrwerts, in den Fabriken, der durchkapitalisierten Landwirtschaft und auf den Warenmärkten durch. Hier reproduziert sich der Kapitalismus weitgehend auf seinen eigenen Grundlagen. Ausbeutung – ich bezeichne sie als primäre, weil formationsspezifisch kapitalistische – beruht in der Sphäre des Warentauschs auf dem Äquivalenzprinzip. Es handelt sich keineswegs um bewusste Übervorteilung, denn beim Tausch von Lohn gegen Arbeitskraft werden annähernd gleiche Wertgrößen gehandelt. Das heißt, die Lohnabhängigen bekommen, vermittelt über soziale Kämpfe und eine von ihnen beeinflusste historisch-moralische Dimension des Lohns, ein monetäres Äquivalent, das in etwa dem gesellschaftlich konstituierten Wert ihrer Arbeitskraft entspricht. Die korrespondierende Bewegung setzt sich in Märkten durch, in denen Austauschbeziehungen mit nichtkapitalistischen Produktionsweisen, Schichten und Territorien bestehen.24 In diesen äußeren, nichtkapitalistischen Märkten, die es auch innerhalb nationaler Gesellschaften gibt, gilt das Prinzip des Äquivalententauschs allenfalls eingeschränkt. Hier herrschen Disziplinierung, rassistische und sexistische Abwertung, Willkür und zum Teil offene Gewalt. Ausbeutung beruht in diesen Märkten auf diversen Formen eines ungleichen Tauschs. Das heißt, die durchschnittlichen Standards für die Reproduktion der Arbeitskraft werden mittels außerökonomischer Disziplinierung systematisch unterboten. Weil solche Aneignungsformen auch schon vor dem Kapitalismus existierten, können sie als Varianten sekundärer Ausbeutung bezeichnet werden.
Mit dieser Unterscheidung ist keineswegs gesagt, dass sekundäre Ausbeutungsmechanismen lediglich Nebenformen darstellen, die weniger bedeutsam wären als die primäre kapitalistische Ausbeutung. Das Gegenteil ist richtig, weil die kapitalistische Dynamik jederzeit beide Bewegungs- und Ausbeutungsformen umfasst. Außerökonomischer Zwang kann nach Rosa Luxemburg auch mit dem Ziel ausgeübt werden, soziale Gruppen, Territorien oder ganze Staaten zumindest zeit weilig in einem vorkapitalistischen oder weniger entwickelten Stadium zu halten. Landnahmen verschieben die Grenzen zwischen inneren kapitalistischen und äußeren nichtkapitalistischen Märkten. Es handelt sich aber nicht um eine lineare Inwertsetzung von »neuem Land«. Vielmehr tragen Landnahmen stets die Möglichkeit zu gesellschaftlicher Regression durch Überausbeutung, Prekarisierung und ungleichen Tausch, aber auch zur Stimulierung progressiver Gegenbewegungen in sich.
Bei dieser Erkenntnis darf eine Landnahmetheorie, die sich mit dem modernen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts befasst, aber nicht stehen bleiben. Rosa Luxemburgs Reproduktionsmodell zielt trotz aller Differenzierungen in erster Linie auf bezahlte Erwerbsarbeit. Ausbeutung erstreckt sich heute aber auf alle menschlichen Arbeitsvermögen. Dazu gehören verschiedenste Tätigkeiten jenseits der bezahlten Lohnarbeit – etwa die Eigenarbeit, die zweckfreie Tätigkeit in der Freizeit, die unbezahlten Sorgearbeiten, die Arbeit von Konsument:innen sowie die Koordinationsarbeit, die nötig ist, um die verschiedenen Lebensbereiche auszubalancieren. Ausbeutung bezieht sich heutzutage auf Arbeit in einem weiten Sinne, es geht um Arbeit als lebenspendenden Prozess. Ausbeutung erstreckt sich nicht allein auf Lohn- oder andere Formen bezahlter Erwerbsarbeit. In der Tendenz werden sämtliche Tätigkeitsformen zum Ausbeutungsobjekt. Wer eine Suchmaschine im Internet bedient oder ein Smartphone benutzt, hinterlässt in der Regel eine Datenspur, die von High-Tech-Unternehmen für kommerzielle Zwecke genutzt werden kann. Die unbezahlte Arbeit Ehrenamtlicher, die dazu beiträgt, Pflegeeinrichtungen am Leben zu halten, zugleich aber auch niedrige Pflegesätze ermöglicht, ist ebenfalls Gegenstand von Ausbeutung. Und selbst das Freizeitvergnügen mit einem Videospiel kann den Internetkonzernen zu wertvollen Innovationen verhelfen, ist mithin ausbeutbar. All diese Tätigkeiten sind, weil direkt oder indirekt profitabel, vom Standpunkt des Kapitals oder des aneignenden Staates aus betrachtet, produktive Arbeit.
Die ökonomisch-ökologische Zangenkrise
Nicht allein bezahlte Lohn- und Erwerbsarbeit, sondern Arbeit als lebenspendender Prozess bestimmt auch den Stoffwechsel mit der außermenschlichen Natur. In ihrer kapitalistischen Anwendungsform haben sich verschiedene Bereiche eigentlich lebenspendender Arbeit jedoch mehr und mehr in eine ökologische Destruktivkraft transformiert. Neben der Erwerbsarbeit sind zunehmend auch die Freizeittätigkeiten, die Konsum- und Statusarbeiten an Störungen der Gesellschafts-Natur-Beziehungen beteiligt. Bei der Metamorphose dieser Tätigkeiten handelt es sich über längere Zeiträume hinweg um einen graduellen Prozess, der mit dem Übergang zum industriellen Kapitalismus einsetzt. Permanente und beschleunigte Interventionen in den arbeitsvermittelten Metabolismus von Mensch und Erde, die dem schrankenlosen Bedürfnis des Kapitals nach Aneignung von Mehrarbeit entspringen, setzen erst mit der Industrialisierung ein. Die Entstehung des Industriekapitalismus fällt mit dem Übergang zu raschem, permanentem Wirtschaftswachstum zusammen. Anfangs überwiegen die Vorteile der industriell-kapitalistischen Produktionsweise. Über Verteilungskonflikte vermittelt, können auch erhebliche Teile der beherrschten Klassen in den industriellen Zentren vom Produktivitätswachstum profitieren.
Doch die kapitalistische Nutzungsform deformiert die Produktivkraftentwicklung. Technologie und Technik werden in einer Weise entwickelt, die lineare und vor allem beschleunigte Eingriffe in ökologische Kreisläufe erfordert. End-of-Pipe-Technologie sorgt dafür, dass Naturzerstörung nicht schon bei ihrer Entstehung und ihren Ursachen, sondern erst mit Eintreten ihrer schädigenden Wirkungen bekämpft wird. Solche Fehlentwicklungen sind Ausdruck eines ökologischen Bruchs, den Marx und Engels in seiner Ursprungsform durchaus gesehen haben. Um diesen Bruch zu analysieren, nutzt Marx den Metabolismusbegriff, den er von dem Chemiker Justus von Liebig übernommen hat. Metabolismus »erfasst den komplexen biochemischen Austauschprozess, durch den ein Organismus (oder eine bestimmte Zelle) Material und Energie aus seiner Umgebung bezieht und diese durch verschiedene metabolische Reaktionen in Bausteine des Wachs tums verwandelt«.25 Marx verwendet diesen Begriff, um Arbeit als lebenspendenden Prozess zu begreifen, der die Reproduktion natürlicher Ressourcen einschließt.
In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass der häufig als großer Vereinfacher kritisierte Friedrich Engels Marx in der Analyse eines zulasten der Natur gehenden ökologischen Expansionismus in nichts nachsteht. In Die Lage der arbeitenden Klasse in England beschreibt Engels detailliert Luftverpestung, Wasserverschmutzung und die daraus resultierenden gesundheitlichen Probleme als Teil der Lebensbedingungen des Industrieproletariats.26 Unter Berufung auf Schriften Liebigs beleuchtet er in der »Wohnungsfrage« das ökologische Destruktionspotenzial großer Städte.27 Sein Plädoyer für eine Aufhebung des Stadt-Land-Gegensatzes kann mit ein wenig Fantasie durchaus als frühe Vision einer ökologischen Kreislaufwirtschaft gelesen werden. Dementsprechend hat Engels lineares Fortschrittsdenken, das allzu oft als Charakteristikum Marx’scher Theorie attackiert wird, mit harscher Kritik bedacht:
Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben. Die Leute, die in Mesopotamien, Griechenland, Kleinasien und anderswo die Wälder ausrotteten, um urbares Land zu gewinnen, träumten nicht, daß sie damit den Grund zur jetzigen Verödung jener Länder legten, indem sie ihnen mit den Wäldern die Ansammlungszentren und Behälter der Feuchtigkeit entzogen. […] Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht – sondern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und daß unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.28
In ihrer Dialektik der Aufklärung argumentieren Horkheimer und Adorno mit kaum größerer Präzision, wenn sie feststellen, dass jeder »Versuch, den Naturzwang zu brechen, indem Natur gebrochen wird«, »nur um so tiefer in den Naturzwang hinein« gerät.29 Allerdings, darauf weisen die beiden Vordenker der Frankfurter Schule mit Recht hin, ist das, was Engels als Vorzug der menschlichen Gattung betrachtet, im entwickelten Industriekapitalismus allenfalls noch eine vage Möglichkeit. Denn trotz und teilweise auch wegen sprunghafter naturwissenschaftlicher Erkenntnisfortschritte befinden wir uns inmitten eines gesellschaftlichen Umbruchs, der als ökonomisch-ökologische Zangenkrise mit lebensbedrohlichem Gefahrenpotenzial bezeichnet werden kann. Dieser Begriff, der dem ökosozialistischen Diskurs entlehnt ist30, hebt hervor, dass sich in der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise zwei langfristige Entwicklungslinien kreuzen, die beide mit der industriellen Revolution eingesetzt haben: rasches und permanentes Wirtschaftswachstum einerseits und beschleunigter Energie- und Ressourcenverbrauch sowie steigende Emissionen andererseits. Sofern Wirtschaftswachstum überhaupt noch generiert werden kann, zehren die mit ihm verbundenen ökologischen und sozialen Destruktionskräfte den äußert ungleich verteilten Wohlfahrtsgewinn nicht nur auf, sondern – und das ist historisch neu – sie kumulieren sich bis hin zu Schwellenwerten, an denen eine irreversible Destabilisierung globaler Ökosysteme einsetzt.
Zangenkrise besagt somit, dass das wichtigste Mittel zur Überwindung ökonomischer Stagnation und zur Pazifizierung interner Konflikte im Kapitalismus, die Generierung von Wirtschaftswachstum nach den Kriterien des Bruttoinlandsprodukts, unter Status-quo-Bedingungen (hoher Emissionsausstoß, hohe Ressourcen- und Energieintensität auf fossiler Grundlage) ökologisch zunehmend destruktiv und deshalb gesellschaftszerstörend wirkt.31 Diese Zäsur ist keine Krise wie jede andere. Sie erfasst alle sozialen Felder und gesellschaftlichen Teilsysteme. Das wird in Begriffen wie dem der multiplen Krise zu Recht thematisiert.32 Die regulationstheoretische Kategorie der großen Krisen kapitalistischer Akkumulation33 bezieht sich freilich auf das gleiche Phänomen und ist zudem historisch präziser, weil sie qualitative Veränderungen kapitalistischer Vergesellschaftung thematisiert.
In der Entwicklungsgeschichte des Kapitalismus stellen, aus der Perspektive der industriellen Zentren betrachtet, die Große Depression (1873–1895), die Große Weltwirtschaftskrise (1929–1932) sowie die Neue Depression (1973–1974) große Krisen kapitalistischer Akkumulation dar.34 Derartige Krisen können, wie die Große Depression, lange Zeit andauern, weil die genannten Akteurs-Institutionen-Netzwerke ihre Regulationsfunktion nicht mehr erfüllen, ohne dass neue institutionelle Konfigurationen an ihre Stelle treten. In jedem Fall resultieren solch große Krisen aus der zunehmenden Inkompatibilität von Akkumulationsregimen und Regulationsweisen. Sie sind daher immer Krisen von (Re-)Produktionsmodellen, Staatsapparaten, Ideologien, sozialen Regeln und, soweit vorhanden, von demokratischen Institutionen. Es handelt sich, wenn man so will, stets um »multiple« Krisen, denn kein Funktionssystem, kein soziales Feld bleibt unberührt. Auch sind große Krisen kapitalistischer Akkumulation immer Wegscheiden. Sie können dazu führen, dass ein in die Krise geratener alter durch einen neuen Modus Operandi kapitalistischer Landnahmen abgelöst wird. Es kommt, mit Antonio Gramsci gesprochen, zu einer passiven Revolution, zur Revolutionierung des Kapitalismus in den Grenzen kapitalistischer Vergesellschaftung, um auf diese Weise gesellschaftliche Bedingungen für eine neue Prosperität zu erzeugen.
Doch weder das Konzept der multiplen Krise noch das einer großen Krise kapitalistischer Akkumulation genügt, um das Besondere des Umbruchs einzufangen, den wir gegenwärtig erleben. Dies zunächst aus methodologischen Gründen. Krisen sind überwindbare Zustände. Wenn alles andauernd und irgendwie in der Krise ist, wie das Konzept der multiplen Krise nahelegt, macht das den Krisenbegriff eigentlich überflüssig.35 Deshalb ziehe ich eine Begrifflichkeit vor, die eine klare Hierarchie der Krisenursachen beinhaltet. Gegenwärtig sehen wir uns mit einer epochalen Krise der Gesellschafts-Natur-Beziehungen konfrontiert, die mit dem Übergang zu einem neuen Erdzeitalter, dem Anthropozän36, verbunden ist. Diese Krise kann dann als überwunden betrachtet werden, wenn es gelungen ist, einen Natur-Gesellschafts-Metabolismus zu etablieren, der die Reproduktionsfähigkeit der Netzwerke menschlichen und außermenschlichen Lebens sicherstellt. Misslingt dies, steht das Überleben der Gattung Mensch in ihren uns bekannten Formen auf dem Spiel.
Anthropozän oder Kapitalozän?
Anthropozän ist eine in den Erdsystemwissenschaften äußerst kontrovers diskutierte Bezeichnung für eine erdgeschichtliche Entwicklung, die dazu geführt hat, dass die Menschheit zum wichtigsten Faktor bei der Reproduktion auch von außermenschlicher Natur geworden ist.37 Erd- und Menschheitsgeschichte können nicht mehr separat gedacht werden, denn die Menschheit selbst ist zu einem »geologischen Faktor« geworden. Insofern darf die Natur nicht als bloßes »Opfer« eines gewinngetriebenen, menschengemachten Imperialismus betrachtet werden; sie ist selbst Agens, verrichtet »Arbeit« und beeinflusst so die Gesellschaft. Die Gesellschaft kann ihrerseits auf unterschiedliche Weise intervenieren. Anthropozän heißt zwar, dass die Menschheit ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstören kann. Sie hat es aber auch in der Hand, einen Gesellschafts-Natur-Metabolismus zu etablieren, der das instrumentelle Verhältnis zu Naturressourcen und nichtmenschlichen Lebewesen überwindet.
Weil die Störungen des Erdmetabolismus in der Gegenwart nahezu ausschließlich von kapitalistischen Gesellschaften ausgehen, halten Sozialwissenschaftler wie Jason Moore die Bezeichnung Kapitalozän für angemessener. Der Kapitalismus selbst müsse als weltökologisches System begriffen werden. Nicht trotz, sondern wegen des hohen Vergesellschaftungsniveaus der Arbeit träten die Naturschranken der Akkumulation wieder stärker hervor. Moore wertet dies als »ein Indiz dafür, dass wir wohl nicht nur einen Übergang von einer Phase des Kapitalismus zu einer anderen erleben, sondern etwas Epochaleres: den Zusammenbruch jener Strategien und Verhältnisse, die in den letzten fünf Jahrhunderten die Kapitalakkumulation aufrecht erhalten haben«.38
Wir haben es demnach nicht nur mit einer weiteren »großen Krise« der Kapitalakkumulation, sondern mit einem Bruch in der Geschichte menschlicher Zivilisation zu tun – ein Verständnis des Umbruchs, das ich uneingeschränkt teile. Der Begründung, die Jason Moore liefert, folge ich jedoch nur teilweise. Das geringste Problem ist noch, dass Moore seinen ehemaligen Referenzgrößen Marx und Engels ein dualistisch-cartesianisches Gesellschafts-Natur-Verständnis zuschreibt, das beide in einer solch schematischen Modellierung schon deshalb nicht geteilt haben, weil sie Menschen als vergängliche Naturwesen begreifen. Den Übergang zu einem neuen Erdzeitalter haben Marx und Engels gleichwohl nicht voraussehen können. Moores Suche nach angemessenen Begriffen und Erklärungen für den epochalen Umbruch ist daher ein sinnvolles Unterfangen. Problematisch wird es jedoch, wenn Moore behauptet, mit dem Anthropozän verfügten wir über »eine bequeme Erzählung«, weil sie »die für natürlich erklärten Ungleichheiten, Entfremdungen und Gewaltformen, die in den strategischen Macht- und Produktionsverhältnissen eingeschrieben sind, nicht in Frage stellt«39 und »uns nicht im Geringsten dazu auffordert, über diese Verhältnisse nachzudenken«.40
Ich halte das für eine kühne, ja eine falsche Behauptung. Moore lässt außer Acht, dass die Debatte über ein neues Erdzeitalter in Gesellschaft und Politik überhaupt erst wegen neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse geführt wird. Auch die gesellschaftswissenschaftliche Theoriedebatte hat durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse entscheidende Impulse erhalten.41 Höchst fahrlässig übersieht Moores Kritik an der Konzeption des Anthropozäns, wie Naturwissenschaftler vom Format eines Paul J. Crutzen oder eines Hans J. Schellnhuber mit der Begrenztheit ihres Fachwissens hadern, was sie wie selbstverständlich zur Frage nach der gesellschaftlichen Organisation von Nachhaltigkeit drängt. Schellnhuber ist bei Aussagen zu gesellschaftlichen Verhältnissen, die den menschengemachten Klimawandel stoppen, bewusst vorsichtig. Ob »eine ›soziale Marktwirtschaft‹ oder ein ›demokratischer Sozialismus‹ das beste ›Gesellschaftsmodell‹ für die mittelfristige Zukunft« sei, »ja, ob man überhaupt ein Gesellschaftsmodell« benötige, wage er »nicht zu beurteilen«.42 Doch die Frage ist immerhin gestellt.
Mit dem Atmosphärenchemiker Paul J. Crutzen verhält es sich ähnlich. »Es wäre gut«, so Crutzen,
wenn die Wissenschaft, auch die Max-Planck-Gesellschaft, ihr großes wissenschaftliches Potenzial dafür nutzt zu klären, wie eine ökologisch verträgliche Wirtschaft und Gesellschaft aussehen können. Das Anthropozän erfordert einen kognitiven Wandel, damit wir uns der Bedeutung einer globalen Zivilisation bewusst werden. Für viele Wissenschaftler ist es schwer, über die reine Wissenschaft hinauszudenken. Wir Wissenschaftler müssen aber zu einer engeren Verbindung von Natur- und Sozialwissenschaft kommen.43
Noch deutlicher wird der populäre Astrophysiker Harald Lesch. »Wir können dem Anthropozän einen ethischen Platz einräumen«44, schreibt er in einem gemeinsam mit Klaus Kamphausen verfassten Buch. Weiter heißt es:
Bei einem ethischen Thema geht es darum abzuwägen. Wie können wir in der Weltgemeinschaft, innerhalb einer Gesellschaft, Gerechtigkeit verhandeln? Die einen haben noch gar nicht am Wohlstand teilgenommen, die anderen haben viel zu viel, Einzelne haben Milliarden von Dollars. Viele Milliarden Menschen haben nicht mal ein paar Dollar. Diese Gerechtigkeitsunterschiede innerhalb der Weltgemeinschaft, innerhalb von Nationen, bergen Konfliktpotenzial. Denn was passiert, wenn auf einem Kontinent der Wohlstand überquillt und auf dem anderen Dürren und Hungersnöte herrschen? Was passiert denn dann? Genau, die Not setzt sich in Bewegung.45
Die Not setzt sich in Bewegung – das schreit geradezu nach radikalen gesellschaftlichen Veränderungen. Gegenüber freundlichen Kooperationsangeboten aus den gesellschaftlich interessierten Naturwissenschaften an die Adresse kritischer Sozialwissenschaften wirkt Moores Abgrenzungsversuch wie die Errichtung einer künstlichen Mauer. Moores Gegenentwurf des Kapitalozäns übersieht, dass es Naturzerstörung in großem Ausmaß auch in staatssozialistischen Ländern gegeben hat. Das CO2-Budget der Sowjetunion war beispielsweise doppelt so groß wie das der wirtschaftlich ungleich leistungsfähigeren Bundesrepublik.46 Zuspitzungen wie die – von Moore allerdings nicht zu verantwortende – Behauptung, »Wer Anthropozän sagt, lügt«47, bewegen sich deshalb allenfalls auf dem Niveau von Talkshow-Gerede.
Geradezu fahrlässig wird es jedoch, wenn Interpretationen des Kapitalozäns in die Überspitzung münden, dass eine außermenschliche Natur nicht mehr existiere. Träfe tatsächlich zu, dass es »in der Weltgesellschaft, im globalisierten Kapitalismus schlicht kein ›Außen‹ mehr« geben könne, sondern »nur noch globale Binnenverhältnisse«48, wäre die außermenschliche Natur ein Binnenverhältnis. Betrachtete man alles als gesellschaftlich konstruiert und konstituiert, könnte man auf die Naturwissenschaften und ihren Erkenntnisanspruch getrost verzichten. Das Ergebnis wäre ein naturvergessener Soziologismus, ein gleichsam naturloses Primat der Sozialwissenschaften, das sich der Lächerlichkeit preisgäbe. Übersähe eine soziologistische Interpretation doch, dass der Apfel auch dann vom Ast nach unten fällt, wenn Soziologie oder die Sozialwissenschaften insgesamt das Gesetz der Schwerkraft bestreiten wollten. Man kann und darf, wiederum auf der Grundlage naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, die Linearität und Einheitlichkeit von Zeit infrage stellen. Doch am Ende bleibt, dass der Apfel, der vom Baum gefallen ist, eine Druckstelle hat, die nicht zurückgebildet werden kann. Es handelt sich um ein Ereignis mit einem irreversiblen Resultat. Ein Ereignis wäre es auch, wenn die Menschheit mit all ihren Konstruktionen infolge einer Pandemie oder eines Ökozids ausgelöscht würde – der Planet und seine Natur könnten in anderer Gestalt dennoch weiter existieren.
Moore sucht nach Begriffen, die es ihm ermöglichen, das Unerhörte eines neuen Erdzeitalters in eine kritische Kapitalismusanalyse einzubauen. Eine vollständige Ausblendung des Außermenschlichen in Naturverhältnissen ist ihm allerdings kaum anzulasten. Zwar tendiert auch er dazu, der Unterscheidung von menschlichen und außermenschlichen Naturen die Präzision zu nehmen. Doch das geschieht in klarer Absetzung von Konstruktionen, die Natur in toto zu etwas Gesellschaftlichem erklären. Moore argumentiert geradezu mit umgekehrten Vorzeichen. Seine Kernthese lautet, dass von einer doppelten Bewegung, einer doppelten Internalisierung ausgegangen werden müsse. Den Kapitalismus im Lebensnetz zu betrachten, bedeute, festzustellen, »wie das Mosaik der Verhältnisse, das wir Kapitalismus nennen, durch die Natur arbeitet und wie Natur durch den enger gefassten, Kapitalismus genannten Bereich arbeitet«.49
Natur beinhaltet, wie Moore anklingen lässt, eben mehr als Gesellschaft und Kapitalismus. Nicht nur, dass eine außermenschliche Natur existiert, diese Natur und ihre nichtmenschlichen Lebewesen sind aktiv, sie arbeiten im und am Netzwerk des Lebens. Die Biosphäre ist demnach nichts anderes als das Zusammenwirken einer Vielzahl kommunizierender Netzwerke, in welche die Netzwerke menschlicher Gesellschaften eingebettet sind. Störungen des Naturmetabolismus durch die Gesellschaft wirken letztendlich auch störend auf die Gesellschaft zurück. Aber nicht jedes natürliche Netzwerk ist deshalb ein in seiner Totalität ausschließlich gesellschaftlich gemachtes. Kein Zweifel, der anthropogene Klimawandel beeinflusst, wenngleich er sich noch immer innerhalb natürlicher Schwankungsbreiten bewegt, nach Auffassung der noch jungen Attributionsforschung zunehmend das Wetter. So konnten Modellsimulationen zeigen, dass die Dürre von 2018 wegen des Klimawandels etwa mit doppelt hoher Wahrscheinlichkeit eingetreten ist.50 Einmal mehr findet sich ein Anhaltspunkt dafür, dass der Klimawandel für das verstärkte Auftreten von Wetterextremen wie Hitzewellen, Überschwemmungen, Trockenperioden und heftigen Stürmen mit verantwortlich zeichnet. Er verursacht Gletscherschmelzen, Wassermangel, Hungersnöte, Kriege und steigende Fluchtmigration – alles Phänomene, die Gesellschaften und deren Entwicklung prägen können.
Und dennoch: Am menschengemachten Klimawandel ist alles gesellschaftlich bis auf die Erderhitzung selbst. An den Ursachen eines Orkans kann vieles gesellschaftlich sein, der Orkan selbst ist es nicht. Er bleibt eine Naturkatastrophe mit gesellschaftszerstörender Krat. Erst im Moment des Zusammentreffens mit der menschlichen Zivilisation wird die exogene Kraft des Sturms endogenisiert, das heißt, sie wird zu einem gesellschaftlichen Phänomen. Die zerstörerische Wirkung eines Orkans ist bereits eine soziale Destruktivkraft, und die soziale Ordnung, in welcher Sturmschäden zu überwinden sind, reproduziert den Sturm dann als ein gesellschaftliches Phänomen.
Für Viren und die Virenmutation gilt Ähnliches. Viren entstehen in der außermenschlichen Natur, und die Virenmutation ist ein natürlicher Vorgang. Sobald Viren menschliche Zellen infizieren und Krankheiten verursachen, werden sie zu einem gesellschaftlichen Problem. Menschliche Wirte können sich an die Krankheitserreger anpassen und Antikörper entwickeln, doch dazu benötigen sie Zeit: »Der Krankheitserreger braucht nur aus seiner ›biologischen Nische‹ auszubrechen und eine bis dahin von ihm unberührte und damit abwehrlose Population zu befallen, und die Explosion, die Katastrophe der großen Seuchen ist da.«51 Virenerkrankungen breiten sich dann im »web of life« aus. Das exogen erzeugte Virus wird endogenisiert. Gesellschaft reproduziert sich in einem solchen Fall mit der Viruserkrankung, gegebenenfalls mit der Pandemie und schließlich durch die Seuche hindurch. Medizinische Versorgung, staatliche Hygiene- und Gesundheitspolitiken sind, wie auch manche Ursachen von Virenübertragungen, immer schon gesellschaftlich geprägt.
Was nach Wortklauberei klingen mag, ist theoretisch wie politisch gleichermaßen bedeutsam. Die Naturvergessenheit der Sozialwissenschaften lässt sich nicht dadurch korrigieren, dass die Netzwerke des Lebens allesamt zu sozialen Konstrukten erklärt werden. Etwas anderes ist es, den Kapitalismus als »Weltökologie des Kapitals, der Macht und der Re/Produktion im Lebensnetz zu begreifen«.52 Nach dieser Auffassung reproduziert sich der Kapitalismus als organischer Bestandteil von etwas Umfassenderem. Er ist seit dem 16. Jahrhundert »im Lebensnetz von menschlichen und außermenschlichen Naturen koproduziert« – zusammengehalten durch ein »»Wertgesetz««, »das als ›Gesetz‹ der billigen Natur zu verstehen ist«.53 Wohlgemerkt: Menschliche und außermenschliche Naturen koproduzieren den Kapitalismus und sein »Wertgesetz«. Der Kern dieses »Gesetzes« ist »das unentwegte, radikal expansive und schonungslos innovative Bemühen, die Arbeit/Energie der Biosphäre in Kapital (Wert-in-Bewegung) umzuwandeln«.54 Für die nichtkapitalistische, die staatssozialistische Moderne ließe sich das allerdings nicht in gleicher Weise sagen, denn dort ist bürokratiegetriebener Expansionismus die Hauptursache für Naturzerstörung.
Auch deshalb erscheint mir Moores Grenzziehung zum Begriff des Anthropozäns wenig trennscharf. Statt diese Bezeichnung für ein neues Erdzeitalter pauschal abzulehnen, wäre es besser, sie, wie Michael Müller vorschlägt, mit sozialen Inhalten zu füllen. Zu den unverzichtbaren Erkenntnissen gehört, dass die Menschheit als Spezies nur innerhalb selbst geschaffener gesellschaftlicher Ordnungen und in deren Arbeitsteilungen existieren kann. Diese sozialen Ordnungen strukturieren ihrerseits menschliches Handeln und dessen Hervorbringungen. Anders gesagt, die Menschheit – das immerhin macht die Kategorie des Kapitalozäns zu Recht deutlich – ist nichts als eine Abstraktion, die von den wirklichen Daseinsbedingungen der Menschen, von Klassen, Schichten, Geschlechterverhältnissen, Nationen, Ethnien, Zentrum und Peripherie, asymmetrischen Machtverteilungen und Herrschaftsmechanismen absieht. Die Konstruktion der Weltgesellschaft oder, eher noch problematischer, der Weltgemeinschaft, steht ihr diesbezüglich in nichts nach. Auch diese Kategorie beinhaltet kaum mehr als Abstraktionen, denen es, um mehr sein zu können, nicht nur an einem Weltstaat, sondern vor allem an einer handlungsmächtigen globalen Zivilgesellschaft fehlt.
Das elementare Dreieck gesellschaftlicher Nachhaltigkeit
Am besonderen Charakter der ökonomisch-ökologischen Zangenkrise ändern solche Überlegungen nichts. Das Spezifische dieser Krise wurzelt darin, dass ein »›Aufschließen‹ aller nationalen Ökonomien zu den Produktions- und Konsumptionsweisen der am stärksten entwickelten Industriegesellschaften […] den Planeten unbewohnbar machen« würde.55 Die dadurch heraufbeschworene Krise muss jedoch, was Nachhaltigkeitsziele wie das einer vollständigen Dekarbonisierung der europäischen Wirtschaft bis 2050 einklagen, ein Ende finden, wenn die Störungen des Erdmetabolismus nicht außer Kontrolle geraten sollen.
Das formationsprägend Kapitalistische dieser Krise wird durch einen besonderen Modus Operandi bewirkt, der den Stoffwechsel zwischen menschlicher und außermenschlicher Natur im Netzwerk des Lebens organisiert. Wie gezeigt, beinhaltet das dem Kapital eigene rastlose Streben nach Aneignung von Mehrarbeit ein expansives Verhältnis zu Naturressourcen, das die letztendlich absoluten, innerhalb unterschiedlich großer Handlungskorridore aber äußerst variablen Grenzen missachtet, die jeder metabolischen Ordnung eigen sind. Immanente kapitalistische Bearbeitungen des Widerspruchs zwischen planetarischen Grenzen und unendlichem Expansionsdrang bewegen sich im Rahmen des sogenannten Lauderdale-Paradoxons, das einen Spezialfall kapitalistischer Landnahmen darstellt. Demnach kann privates Vermögen an Boden und Naturschätzen nur durch die Zerstörung öffentlichen Vermögens ausgeweitet werden. Auf diese Weise wird Mangel an etwas erzeugt, das, wie Wasser, Boden und saubere Luft, als Gemeingut zuvor reichlich vorhanden war. Genau so funktioniert der soziale Mechanismus, mit dessen Hilfe der Klimawandel im Kapitalismus bearbeitet wird. Die Biosphäre, zuvor Gemeingut, wird eingepreist, Emissionsrechte werden zu mehr oder minder knappen, in jedem Fall aber handelbaren Gütern, und die Erderhitzung erweist sich im optimalen Fall als lukratives Anlagenfeld. Das jedenfalls besagen marktaffine Theorien, die sich in der Praxis hingegen zumeist als Versuche erweisen, den Pudding an die Wand zu nageln.
Abb. 3: Elementares Dreieck gesellschaftlicher Nachhaltigkeit

Quelle: eigene Darstellung.
Das Kapitalozän, so lässt sich resümieren, taugt nicht als Gegenbegriff zum Anthropozän, angemessener lässt es sich als formationsspezifische Konkretion der allgemeineren Definition eines neuen Erdzeitalters verstehen. Aus den Besonderheiten der ökonomisch-ökologischen Zangenkrise und dem Übergang zum Anthropozän-Kapitalozän ergeben sich die elementaren Koordinaten gesellschaftlicher Nachhaltigkeit, die den Eckpunkten der beiden zuvor skizzierten Dreiecke übergeordnet sind. Das elementare Dreieck gesellschaftlicher Nachhaltigkeit umfasst (a) eine gemeinsame Nutzung der Natur, was private Inbesitznahmen natürlicher Ressourcen ausschließt; (b) eine rationale Regulierung des Erdmetabolismus durch frei assoziierte Produzent:innen, die sich an sozialen und ökologischen Nachhaltigkeitskriterien orientieren, sowie (c) eine Befriedigung gemeinschaftlicher Bedürfnisse, die auch den Bedarfen künftiger Generationen Rechnung trägt.
Dieses Dreieck entspricht im Wesentlichen der Nachhaltigkeits-Formel, wie sie Ulrich Grober pointiert formuliert hat. Danach muss sich jede Politik künftig an zwei Kriterien »messen lassen«56; erstens: Reduziert sie den ökologischen Fußabdruck, und sinken die Emissionen? Zweitens: Steigt – für jede und jeden frei zugänglich und auch für künftige Generationen – die Lebensqualität? Das im Anschluss an John Bellamy Foster57 entwickelte Dreieck gesellschaftlicher Nachhaltigkeit, das ich vorschlage, geht noch einen Schritt über Grobers Formel hinaus. Es signalisiert, dass der Zwang zu permanenten Landnahmen gebrochen werden muss, um eine Wende zugunsten sozialer wie ökologischer Nachhaltigkeit einleiten und verstetigen zu können. Doch ist der in dem von mir vorgeschlagenen Dreieck angedeutete Zusammenhang von Zangenkrise, Nachhaltigkeit und ökologischem Sozialismus wirklich zwingend?
V Gründe: Warum nachhaltiger Sozialismus?
Um herauszuarbeiten, weshalb die Zangenkrise nach einer sozialistischen Transformation verlangt, ist es sinnvoll, einige strukturelle Konfliktlinien des Umbruchs genauer zu betrachten: die Tendenz zu ökonomischer Stagnation, die zunehmenden vertikalen Ungleichheiten sowie das Aufschaukeln ökonomischer Großgefahren. Diese Konfliktachsen prägen zumindest in den alten Zentren einen finanzialisierten Kapitalismus im Endstadium, einen Postwachstumskapitalismus, der jede Wende zu sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit behindert. Nur eine Nachhaltigkeitsrevolution vermag diese Blockade zu überwinden. Die Zukunft des Kapitalismus, aber auch die des Sozialismus hängt maßgeblich davon ab, ob und auf welche Weise es deren dominanten Akteuren gelingt, eine solche Nachhaltigkeitsrevolution in Gang zu setzen. Betrachten wir zunächst die wichtigsten Konfliktfelder des Übergangs.
Wachstum und Stagnation
Bis zur Jahrtausendwende war die (finanz)marktgetriebene Landnahme eines der erfolgreichsten Wachstumsprojekte in der Geschichte des Kapitalismus. Allerdings ließ die Wachstumsdynamik schon vor Beginn der großen Finanzkrise von 2007-2009 nach. Zwar ist die Weltwirtschaft ab 2010 rasch auf einen Wachstumspfad zurückgekehrt, doch in den alten kapitalistischen Zentren sind die Wachstumsraten trotz eines Jahrzehnts der Prosperität vergleichsweise niedrig geblieben. Das gilt insbesondere für die Staaten der Europäischen Union (EU). In wichtigen Ländern wie Italien stagniert die Wirtschaft seit langem. Griechenland, dessen Ökonomie im Jahrzehnt nach Krisenbeginn um ein Drittel schrumpfte, hätte selbst ohne Coronarezession noch bis in die 2030er Jahre benötigt, um die Folgen des brutalen Austeritätsdiktats nur annähernd hinter sich zu lassen. Doch auch im Durchschnitt der EU-Staaten hat der Finanzcrash tiefe Spuren hinterlassen. So lagen die Infrastrukturinvestitionen in den Ländern der EU-27 plus Großbritannien 2018 noch immer unter dem Vorkrisenniveau.1 Dieses Phänomen verweist auf strukturelle Wachstumsblockaden. Tatsächlich war die außergewöhnlich lange Prosperitätsphase, die sich bereits vor der Coronapandemie Anfang 2019 ihrem Ende zuneigte, in den alten kapitalistischen Zentren eine ohne Hochkonjunktur und Inflation. In Hochwachstumsgesellschaften wie der Chinas sind die Wachstumsraten zurückgegangen. Die Zinssätze sind niedrig geblieben, und der Investitionsmotor ist nie richtig in Gang gekommen. Über die Gründe wird innerhalb der Ökonomik gerätselt.
Angebotsseitig zählen Bevölkerungsentwicklung bzw. Arbeitskräftepotenzial und Arbeitsproduktivität zu den entscheidenden Wachstumstreibern. In alternden Gesellschaften, in denen das Volumen bezahlter Arbeitsstunden trotz Einwanderung nicht wächst oder im Verhältnis zur Erwerbstätigkeit sogar abnimmt, fällt die Bevölkerungsentwicklung als Wachstumsmotor aus. Deshalb bleibt auf der Angebotsseite als Wachstumstreiber hauptsächlich die Arbeitsproduktivität. Doch trotz des hohen Technikeinsatzes sind die Steigerungsraten bei der Arbeitsproduktivität seit geraumer Zeit rückläufig. Das ist der Grund, weshalb Ökonomen wie Richard J. Gordon für die alten kapitalistischen Zentren eine säkulare Stagnation mit vergleichsweise niedrigen Wachstumsraten diagnostiziert haben.2 Einiges spricht dafür, dass die Zeit der Billigressourcen – billige Natur, billiges Geld, billige Arbeit, Fürsorge, Nahrung und Energie – sich insgesamt ihrem Ende zuneigt.3 Der Ökonom James Galbraith prognostiziert für die Zukunft gar einen »Würgehalsband-Effekt«. Damit ist gemeint, dass sich die Effizienz einer ressourcen- und energieintensiven Wirtschaft nur steigern lässt, solange »die Ressourcen billig bleiben«.4 Ressourcenintensität bedeutet aber auch hohe Fixkosten, die sich allenfalls langfristig amortisieren und daher nur zu rechtfertigen sind, wenn »das System voraussichtlich profitabel bleibt und über längere Zeit einen Gewinn erzielt«.5 In einer zunehmend unsicheren Welt sind private Investitionen, die sich nur langfristig rechnen, jedoch mit hohen Risiken behaftet und deshalb mit niedrigen Gewinnerwartungen verbunden. Politische und gesellschaftliche Stabilität ist daher eine zentrale Funktionsbedingung ressourcenintensiven Wirtschaftens.
Kostenintensive Infrastrukturinvestitionen können von privaten, gewinnorientierten Unternehmen offenbar immer weniger garantiert, geschweige denn getätigt werden. Deshalb stoßen marktradikale Regime an ihre Grenzen. Sie werden sukzessive von einem neuen Staatsinterventionismus abgelöst, der jedoch keine Rückkehr zum keynesianisch-sozialdemokratischen Staat des 20. Jahrhunderts bedeutet. Durch die Coronapandemie forciert, interveniert der Staat nunmehr als Ressourcenbeschaffer, Planer und Finanzier von Infrastruktur, Garant von Eigentumsrechten, Seuchenmanager und – im besten Falle – als Beschleuniger sozial-ökologischer Innovation. Nicht ob, sondern wie Staatsinterventionen künftig aussehen, wird zu einer entscheidenden Frage für die Überlebensfähigkeit des kapitalistischen Systems. Ungeachtet dessen bleibt als wichtige Erkenntnis, dass es auf der Angebotsseite strukturelle Gründe gibt, die den Kapitalismus in seinen alten industriellen Zentren in einen Kapitalismus mit schwachen Wachstumsraten, einen Postwachstumskapitalismus, verwandeln.
Ungleichheit als Wachstumsbremse
Systemische Ursachen für eine nachlassende Wachstumsdynamik finden sich nicht nur auf der Angebots-, sondern auch auf der Nachfrageseite. Zwar ist eine Anpassung an schwaches Wachstum auch in kapitalistischen Ökonomien prinzipiell möglich; die vorindustriellen Kapitalismen beruhten durchweg auf relativ geringen Wachstumsraten. Politisch erweisen sich solche Anpassungen in den entwickelten Kapitalismen jedoch als äußerst schwierig, weil Armut, Prekarität und Verteilungsungerechtigkeit auch bei Niedrigwachstum zunehmen. Dergleichen ließe sich nur vermeiden, wenn systemstabilisierende Umverteilungsmaßnahmen greifen würden. Das ist aber in den kapitalistischen Zentren über lange Zeiträume hinweg nicht der Fall gewesen. Da dauerhaft sinkende Wachstumsraten nur zeitverzögert auf die Renditen der Unternehmen durchschlagen, wirken sie bei ausbleibender Umverteilung als Ungleichheitsverstärker. Die Vermögens- und Einkommenskonzentration nimmt zu, klassenspezifische, aber auch mit ethnischen und geschlechterspezifischen Abwertungen oder sozialräumlichen Benachteiligungen verbundene Ungleichheiten prägen sich noch stärker aus, die Marktmacht der Vermögensbesitzer wächst, und die Wahrscheinlichkeit, solche Machtressourcen in politische Lobbymacht zu transformieren, erhöht sich deutlich.6 Die Wirkungen dieses sozialen Mechanismus sind empirisch mittlerweile in zahlreichen Untersuchungen nachgewiesen worden. So entwickelten sich die Profite der Top 2000 unter den transnationalen Unternehmen und die Anteile der Arbeitseinkommen am weltweiten Bruttoinlandsprodukt zwischen 1995 und 2015 der Tendenz nach umgekehrt proportional. Immer dann, wenn die Gewinne der größten transnationalen Unternehmen gestiegen sind, hat der Anteil der Lohneinkommen am BIP tendenziell abgenommen. Zwar haben die Lohnquoten in den OECD-Staaten seit 2013 wieder zugelegt, sie verharrten jedoch vor der Coronarezession auf relativ niedrigem Niveau.7
Im Klartext bedeutet dies, dass die Früchte des Wirtschaftswachstums, sofern sich Wachstum überhaupt noch einstellt, höchst ungleich verteilt werden. Eine winzige Minderheit der erwachsenen Weltbevölkerung hat vom Wachstumskuchen ein besonders großes Stück abbekommen, während die untersten 50 Prozent der Einkommensbezieher stark unterdurchschnittlich partizipieren oder gar verlieren. Das einkommensstärkste Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung, das auf allen Erdteilen, vorzugsweise aber noch immer in den alten kapitalistischen Zentren lebt, konnte zwischen 1980 und 2016 immerhin 27 Prozent der Wohlstandszuwächse für sich verbuchen, den unteren 50 Prozent flossen nur gut zwölf Prozent der Wachstumsanteile zu. Hauptverlierer dieser asymmetrischen Entwicklung sind die industriellen Lohnarbeiterklassen der USA und Westeuropas, deren Anteile am erzeugten Mehrprodukt erheblich geschrumpft sind.
Die Hauptgründe für wachsende Ungleichheit hat der Internationale Währungsfonds mit technologischem Wandel, daraus resultierender Ersetzbarkeit von Beschäftigten, der Marktmacht großer Unternehmen und anhaltender Schwäche von Gewerkschaften einigermaßen präzise benannt.8 Man könnte von einem Klassenkampf von oben sprechen, der überaus erfolgreich gegen die von Löhnen abhängigen Klassen geführt worden ist. Die zunehmende Vermögens- und Einkommensungleichheit innerhalb der meisten nationalen Gesellschaften fällt seit etwa drei Jahrzehnten allerdings mit einer leichten Abnahme der Ungleichheiten zwischen Staaten zusammen. Die Zeiten, in denen die Ärmsten in den reichen Ländern noch immer wohlhabender waren als die Bevölkerungen der sich entwickelnden Länder, sind vorbei. Auch die Welt der reichen Länder teilt sich mehr und mehr in Zentrum und (Semi-)Peripherie. Hinsichtlich der Einkommen und Vermögen, aber auch beim Wohnen, der Gesundheit, bei Bildung und sozialer Distinktion ist das wohlhabende Deutschland mittlerweile zu einer der ungleichsten Gesellschaften Europas und der OECD-Welt geworden.9
Klassenspezifische Ungleichheiten haben ein solches Ausmaß erreicht, dass sie zu einer ernsthaften Wachstumsbremse geworden sind.10 Für die kapitalistische Dynamik dysfunktional, erinnert das Niveau der Einkommens- und Vermögensungleichheit an vorrevolutionäre Zeiten. Allerdings – und das ist die eigentliche Krux – hat die finanzkapitalistische Landnahme des Sozialen wohlfahrtsstaatliche Institutionen, Gewerkschaften, die politische Linke und damit entscheidende Selbststabilisierungsmechanismen kapitalistischer Dynamik derart geschwächt, dass eine halbwegs gerechte Rückverteilung des gesellschaftlichen Reichtums zugunsten der von Löhnen abhängigen Klassen, wenn überhaupt, so nur mithilfe eines intervenierenden Staates zu verwirklichen wäre. In allen Ländern der EU sind gewerkschaftliche Organisationsgrade und die Regulation der Arbeitsverhältnisse mittels Kollektivvereinbarungen rückläufig. Diese Feststellung gilt für sämtliche Varianten organisierter Arbeitsbeziehungen. Weniger als ein Drittel der abhängig Beschäftigten EU-Europas wird auf der Arbeitsplatzebene überhaupt noch durch irgendeine Form kollektiver Interessenvertretung repräsentiert.11
Deutschland mit seinen noch immer einigermaßen stabilen Arbeitsbeziehungen macht hier keine Ausnahme. 2019 waren nur noch 27 Prozent der West- und 16 Prozent der Ostbetriebe an Branchentarifverträge gebunden. Der Anteil von Beschäftigten mit Tarifverträgen sinkt ebenfalls kontinuierlich. Nicht einmal mehr die Hälfte der Lohnabhängigen arbeitet in Betrieben mit Branchentarifverträgen; 1996 galt das noch für etwa 70 Prozent der West- und 56 Prozent der Ostbeschäftigten. Rechnet man Firmen und Haustarife hinzu, waren 2017 47 Prozent der westdeutschen und 55 Prozent der ostdeutschen Lohnabhängigen in Betrieben ohne Tarifbindung tätig.12 Auch der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist gesunken. Lag er 2018 noch bei etwa 18 Prozent der abhängig Beschäftigten, ist er während der Coronapandemie weiter zurückgegangen. Das, was mithilfe neuer Rekrutierungsmethoden an Mitgliedern hinzugewonnen wurde, droht während der Pandemie wieder verloren zu gehen.13
Offenbar ist die Selbstreproduktionsfähigkeit gewerkschaftlicher Organisationsmacht in zahlreichen industrialisierten Ländern akut gefährdet. Die Bereiche mit organisierten Arbeitsbeziehungen schrumpfen, diejenigen mit geringer oder nicht vorhandener Gewerkschaftsmacht expandieren. Hinzu kommen die Herausforderungen einer digitalen Plattformökonomie, deren Unternehmen sich organisierter Interessenvertretung einfallsreich zu entziehen wissen. Zwar nehmen Konflikte auf Betriebs- und Unternehmensebene teilweise zu, politische Verdichtungen solcher Auseinandersetzungen gelingen jedoch nur in Ausnahmefällen. Diese Tendenz zu demobilisierten Klassengesellschaften wirft die Frage auf, ob die institutionellen Kapitalismen der Gegenwart überhaupt noch in der Lage sind, die zerstörerischen Folgen wachsender Ungleichheit mit systemkonformen Mitteln und ohne Staatsintervention zu korrigieren.
Störungen des Erdmetabolismus
Diese Frage stellt sich umso dringlicher, als die Zunahme sozialer Ungleichheiten Störungen des Gesellschafts-Natur-Metabolismus verursacht, die sich, wie bereits angesprochen, zunehmend als unumkehrbar erweisen. Ernst Ulrich von Weizsäcker hat die Gefahr eines drohenden Ökozids sehr pointiert auf den Punkt gebracht: »Es eilt sehr. Ein Systemkollaps ist eine reale Gefahr […]. Wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen, bedingt durch das rasante Bevölkerungswachstum, die Übernutzung der Ressourcen, die Veränderung des Klimas, den Verlust der Biodiversität, und insgesamt erleben wir einen schleichenden Verlust der Lebensgrundlagen.«14
Das dringlichste Problem ist gegenwärtig der menschengemachte Klimawandel. Folgt man den einschlägigen fachwissenschaftlichen Erkenntnissen, so wird das Zeitfenster für Weichenstellungen, die verhindern, dass die Erderhitzung außer Kontrolle gerät, immer kleiner. Die wichtigsten Klimastudien stimmen darin überein, dass sich schon in wenigen Jahren entscheiden wird, ob es noch gelingen kann, den menschengemachten Treibhausgasausstoß einigermaßen unter Kontrolle zu bringen. Gelingt es nicht, die klimaschädlichen Emissionen weltweit jährlich um mindestens 7,6 Prozent zu senken, drohen ökologische Zerstörungen unbekannten Ausmaßes. Die Schwankungsbreite bei dem verfügbaren Zeitbudget bewegt sich, von 2020 an gerechnet, zwischen dreißig Jahren und weniger als einem Jahrzehnt.15 Die Zeit drängt auch deshalb, weil die Erderhitzung schon in ihrem frühen Stadium katastrophale Auswirkungen nach sich zieht. So hat der Rückversicherungskonzern MunichRe allein für das Jahr 2017 734 schadensrelevante Ereignisse mit knapp 10 000 Toten gezählt. 93 Prozent dieser Ereignisse waren wetterbedingt. Die höchsten Gesamtschäden wurden durch drei aufeinanderfolgende Hurrikane verursacht. Keines dieser Geschehen lässt sich unmittelbar auf den Klimawandel zurückführen, aber nach fachwissenschaftlicher Expertise weist, wie bereits angesprochen, vieles darauf hin, dass Wetterextreme wegen der menschengemachten Erderhitzung wahrscheinlicher werden.16
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist der Meeresspiegel um ca. 20 cm gestiegen. Das Eis an den Polen schmilzt rascher als erwartet. Schon 2014 erreichte der westantarktische Eisschild einen Kipppunkt, der das gesamte Ökosystem destabilisiert und den Zerfall des Eisschilds beschleunigt. Das Ansteigen des Meeresspiegels bedroht zunächst kleinere Inseln und tiefergelegene Küstenregionen. Dass infolge der anthropogenen Erderhitzung bei Fortsetzung der Gegenwartstrends auch die Kultstrände von Ipanema und Copacabana geflutet werden könnten, wollten während des brasilianischen Soziologiekongresses von Caxambu gleichwohl die wenigsten der Anwesenden wahrhaben.17 Exemplarisch zeigt sich hier, was die Dynamik globaler ökologischer Risiken auszeichnet. Sie erschließen sich in ihrem vollen Ausmaß nur über wissenschaftliches Wissen. Bei der Ursachen- und Wirkungsforschung gibt es immer wieder zahlreiche Unbekannte. Deshalb machen sich Gefahrenquellen wie der Klimawandel lange Zeit eher graduell bemerkbar, bis sie an Schwellenwerte gelangen, die eine Umkehrung von Fehlentwicklungen verunmöglichen. Auch wegen ihrer Uneindeutigkeit und Wissensabhängigkeit sind ökologische Großgefahren gesellschaftlich umkämpft. Sie lassen sich für eine gewisse Zeit verdrängen. Das aber nur, um dann umso heftiger auf ihre Verursacher zurückzuschlagen.18
Wenn sie überhaupt einen Realitätsgehalt besitzt, ist das der eigentliche Katalysator für die Herausbildung einer Weltgesellschaft. Denn letztendlich sind ökologische Großgefahren nicht externalisierbar. Sie müssen an ihren wirklichen Ursachenherden bekämpft werden, um substanzielle Veränderungen herbeizuführen. Wie viele wissenschaftliche Beobachter vor ihm, weiß das auch der zitierte Ernst Ulrich von Weizsäcker. Und wie viele andere ökologische Aufklärer scheut auch er vor jenen radikalen gesellschaftlichen Schlussfolgerungen zurück, die seine Analyse eigentlich nahelegt. Er setzt darauf, dass bloße Appelle an die Vernunft ausreichen, um, so wörtlich, einem »Naturkapitalismus«19 den Weg zu ebnen. Der ökologisch angepasste als »natürlicher« und damit als unüberwindbarer Kapitalismus? Die Sprache ist verräterisch. Im Unterschied zu den utopischen Sozialisten, die Friedrich Engels kritisierte, will von Weizsäcker auf sozialistische Visionen gänzlich verzichten. Wie die vormarxistischen Sozialisten des 19. Jahrhunderts unterschätzt er jedoch die Konfliktträchtigkeit der anvisierten Transformation. Die Blockademacht realer Klassen- und Herrschaftsverhältnisse spielt bei ihm keine Rolle. Das ist fatal, weil auf diese Weise strukturelle Hemmnisse von Nachhaltigkeitszielen völlig aus dem Blick geraten. Das Problem der Klimagerechtigkeit mag veranschaulichen, wovon die Rede ist.
Offenkundig variieren die Anteile an der Produktion ökologischer Lasten mit der jeweiligen Klassenposition. Während die reichsten zehn Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung mit ihren luxuriösen Lebensstilen 2015 sage und schreibe 49 Prozent der klimaschädlichen Emissionen verursachten, war die untere Hälfte nur für zehn Prozent verantwortlich.20 An den Haushaltseinkommen gemessen, ergibt sich für EU-Europa ein ähnliches Bild. Die einkommensstärksten zehn Prozent der Haushalte von 26 europäischen Ländern sind für 27 Prozent der Emissionen verantwortlich, während die untere Hälfte der Haushalte etwa 26 Prozent der klimaschädlichen Gase verursacht. Allein das reichste ein Prozent verzeichnet einen Pro-Kopf-Ausstoß von 55 Tonnen CO2-Emissionen jährlich und liegt damit um etwa das Siebenfache über dem europäischen Durchschnittswert. Vor allem Flugreisen machen einen Unterschied. Beim einkommensstärksten Prozent verursachen sie mehr als zwei Fünftel der Emissionen, weitere 21 Prozent gehen auf das Konto des individuellen PKW-Verkehrs. Geflogen wird nahezu ausschließlich vom oberen Dezil der Haushalte (jährliches Nettoeinkommen von durchschnittlich 40.000 Euro). Zur Erreichung der Klimaziele müsste der Pro-Kopf-Ausstoß an klimaschädlichen Emissionen auf durchschnittlich 2,5 Tonnen im Jahr sinken; das reichste Prozent der Haushalte liegt um das 22-Fache darüber. Insgesamt bewegen sich nur fünf Prozent der erfassten Haushalte mit ihren Emissionen innerhalb der Klimaziele; das heißt, nahezu alle müssen ihren Lebensstil ändern, aber der Veränderungsdruck ist bei den reichsten Haushalten mit Abstand am größten.21
Zwar wurden unionsweit seit 1990 ca. 25 Prozent der Emissionen eingespart, doch dies ist ausschließlich das Verdienst einkommensschwächerer Haushalte. Während die Emissionen des reichsten Prozents der Haushalte zwischen 1990 und 2015 um fünf Prozent und die des einkommensstärksten Dezils um drei Prozent gestiegen sind, haben sie bei den ärmsten 50 Prozent der Haushalte um 34 Prozent und bei den 40 Prozent mit mittleren Einkommen im gleichen Zeitraum um 13 Prozent abgenommen.22 In Deutschland verursachten die reichsten zehn Prozent der Haushalte 26 Prozent der Emissionslast; die untere Hälfte war für 29 Prozent der Emissionen verantwortlich. Während das reichste Prozent nichts einsparte, reduzierte die untere Hälfte ihre Emissionen um ein Drittel. Bei den 40 Prozent der Haushalte mit mittleren Einkommen betrugen die Einsparungen immerhin 12 Prozent. Auch zwischen den europäischen Staaten ist die Emissionslast höchst ungleich verteilt. Allein die einkommensstärksten Haushalte von vier reichen Mitgliedsstaaten (Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien; gemeinsam ca. 28,8 Millionen Menschen) emittieren mehr als die Bevölkerung von 16 ärmeren EU-Mitgliedsstaaten.23
Zugespitzt formuliert bedeutet dies, dass die Produktion von Luxusartikeln für die oberen Klassen und deren Konsum zu einer Haupttriebkraft des Klimawandels geworden sind, unter dessen Folgen europa- und weltweit vor allem die ärmsten Bevölkerungsgruppen zu leiden haben. Mehr noch, der häufig erzwungene Verzicht unterer Einkommensgruppen bringt den wachsenden Anteil des einkommensstärksten oberen Zehntels der europäischen Bevölkerung im statistischen Mittel zum Verschwinden. Weltweit fällt die Klimaungerechtigkeit noch weit drastischer aus. Um es deutlicher zu sagen: Nur die zumeist erzwungene Tatsache, dass die unteren Klassen ihren Gürtel wegen sinkender Einkommen enger schnallen müssen, ermöglicht den Oberklassen ihre verschwenderischen Lebensstile. Deshalb, so kann geschlussfolgert werden, ist der Kampf gegen Klimawandel und ökologische Zerstörung stets auch einer zugunsten der Armen und Benachteiligten. Dies allerdings nicht in einem Sinne, der soziale Gerechtigkeit zu einer Vorbedingung von Nachhaltigkeit machen würde, ohne die zerstörerische Wirkung ökologischer Destruktivkräfte wirklich ernst zu nehmen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Klimawandel und Ressourcenverschwendung müssen bekämpft werden, um die Lage der Ärmsten nicht noch unerträglicher zu machen.
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