Kitabı oxu: «EXIT - Ende gut, Alles gut»

Şrift:


© Verlag KOMPLETT-MEDIA GmbH

2012, München / Grünwald

www.der-wissens-verlag.de

ISBN 978-3-8312-0392-5

Design Cover: Heike Collip, Pfronten

Satz: Schulz Bild & Text, Mainz

eBook-Herstellung und Auslieferung:

HEROLD Auslieferung Service GmbH

www.herold-va.de

Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen einzelnen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlages. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.

Klaus Kamphausen

ENDE GUT ALLES GUT

Das Lebensende als letzte Herausforderung

Inhalt

Versuch einer verständlichen Sprache

Das treffende Wort

Tote Zahlen

Vergangene Zahlen

Das antike Ägypten

Das antike Griechenland und Rom

Pythagoras

Sokrates

Platon

Aristoteles

Hegesias

Epikur

Zenon von Kition

Lucius Annaeus Seneca

Von der Scham zur Schuld

Christliche Verdammung

Im Licht von Renaissance und Aufklärung

John Donne

Michel de Montaigne

Montesquieu

Voltaire

Jean-Jacques Rousseau

David Hume

Thomas Hobbes und John Locke

Baruch de Spinoza

Denis Diderot

Immanuel Kant

Johann Gottlieb Fichte

Giacomo Casanova

Arthur Schopenhauer

Ludwig Feuerbach

Friedrich Nietzsche

Anne Louise Germaine de Staël-Holstein

Von der Aufklärung zur Verklärung

Versuche der Erklärung

Medizin

Soziologie

Psychologie

Suizidforschung

Esoterik

Lexika

Der Mythos des Sisyphos

Philosophen und Denker des 20. Jahrhunderts

Albert Camus

Jean-Paul Sartre

Karl Jaspers

Karl Löwith

Wilhelm Kamlah

Jean Améry

Gerd Hirschauer

Ernst Tugendhat

Jürgen Mittelstraß

Die (Un)kultur der Selbsttötung in anderen Kulturen

Römer und Germanen

Maya

Die Alten von Keos

Die Zuruaha

Inuit

Sati

Seppuku, Harakiri, Kamikaze

Die Lehre von Gott und anderen Göttern

Theologie heute

Christentum

Judentum

Islam

Buddhismus

Hinduismus

Versuche zu verstehen und zu verhindern

Das Dilemma der Suizidologie

Fehl-Geschlagen

Schuld Scham Stigma

Sterben lernen

Hospizbewegung und Palliativmedizin

Spiritual Care

Sterben wollen! Sterben helfen?

Und nach dem Tod …

Das Leben ist (k)eine Alternative

Schluss machen

Anhang 1

Unterscheidung der verschiedenen Arten der Selbsttötung nach dem Bundesamt für Statistik

Anhang 2

Selbsttötungen weltweit pro 100.000 Einwohner nach Staaten unterschieden

Anhang 3

Liste der bekannten Personen, die ihr Leben durch Selbsttötung beendet haben

Anhang 4

Versuch der Selbsttötung von Kaiser Napoléon Bonaparte nach einem Augenzeugenbericht

Anhang 5

Internetadressen, Adressen und Telefonnummern zum Thema Suizidprävention und Krisenintervention, für Beratung und Erste Hilfe

Quellenangaben

Literatur

Danke

Versuch einer verständlichen Sprache

… und doch ist von allen, den Geist eingrenzenden Schranken die unerträglichste die, die uns verhindert, andere zu verstehen.

Anne Louise Germaine de Staël-Holstein

Viele Menschen, die sich das Leben nehmen wollen, stecken in einer Unverständlichkeit. Was heißt das?

Sie können oder wollen sich anderen Menschen nicht mitteilen.

Oder:

Sie werden von anderen Menschen nicht verstanden.

Nicht gehört.

Überhört.

Oder:

Sie fühlen sich unverstanden.

Oder:

Sie verstehen andere Menschen nicht.

Oder:

Sie verstehen die Welt nicht mehr.

Oder:

Sie verstehen sich selbst nicht.

Oder:

Tiefer Schmerz, Trauer oder Depression blockieren eine Verständlichkeit.

Manchmal sind es die Inhalte oder Umstände, die unverständlich bleiben. Weil sie zu vielschichtig und kompliziert sind oder so erscheinen. Meist ist es jedoch die Sprache selbst, die eine Verständigung von vornherein unmöglich macht.

Die Sprache des Philosophen – in seinem Bemühen, sich so genau wie möglich zu artikulieren – ist gespickt mit „Fremd-Worten“ aus dem Lateinischen und Griechischen.

Das Gleiche gilt für die Formulierungen der Mediziner und Psychologen, der Historiker, Theologen und Literaten.

Das „Fremd-Wort“, oft auch mit der Alibi-Bezeichnung „Fachbegriff“ tituliert, trägt schon in seinem Namen den Keim der Unverständlichkeit. Jedes Fremdwort, das ich in meiner Sprache benutze, entfremdet meine Sprache mehr. Es macht mich außerhalb einer Elite, die mit der Bedeutung dieser Fremdworte vertraut ist, unverständlich.

Es ist schon erstaunlich, wie sich eine bestimmte intellektuelle Elite in Deutschland über die gar so grässlichen Anglizismen in der deutschen Sprache empört. Gleichzeitig bedienen sich diese Empörten einer Sprache voller Lehn- und Fremdworte aus dem Griechischen und Lateinischen, gelegentlich auch des Französischen. Damit wiederum bleibt die Elite auch in ihrer Empörung bei vielen unverstanden und ungehört.

Eliten haben ohnehin einen Hang sich abzugrenzen und damit andere automatisch auszugrenzen. Egal ob Macht- oder Bildungselite.

Das Wort „Elite“ stammt übrigens vom Lateinischen „electus“ und bedeutet so viel wie „auserlesen“.

Dieses Buch will nicht elitär sein, es will weder aus- noch abgrenzen.

Es will durch eine verständliche Sprache und eine breite, tabulose, wertfreie Behandlung des Themas der Unverständlichkeit entgegentreten.

Trotz aller Versuche und Vorsätze verständlich zu sein, dieses Buch ist keine leichte Lektüre, weil es ein Buch über das Leben ist.

Das treffende Wort

Selbstmord.

Freitod.

Suizid.

Selbsttötung.

Das in der Umgangssprache immer noch geläufigste und meistgebrauchte Wort ist „Selbstmord“. Während im Mittelalter noch von „Selbst-Entleibung“ gesprochen wurde, taucht der Begriff „Selbstmord“ das erste Mal zu Beginn des 17. Jahrhunderts auf. Die erste schriftliche Aufzeichnung des Wortes „Selbstmord“ ist 1643 bei dem Theologen Johann Conrad Dannhauer belegt. Vermutlich geht das Wort auf Martin Luthers Formulierung aus dem Jahr 1527 zurück: „sein selbs mörder“ (seiner selbst Mörder).

Aber schon der Kirchenvater Aurelius Augustinus nennt in seinem Werk „De civitate Dei“, „Vom Gottesstaat“, im 4. Jahrhundert den Selbstmord („morte voluntaria“) einen Mord.

Ein Mord ist ein Kapitalverbrechen. Meist eine Tat aus Heimtücke oder niedriger Gesinnung. Der Gebrauch des Wortes „Selbstmord“ rückt den Menschen, der sich das Leben genommen hat, automatisch in die Nähe des Verbrechers. Er hat etwas Verbotenes getan. Er hat ein Verbrechen begangen. An sich. An anderen. Er hat sich selbst und andere mit dieser Tat bestraft. Das Wort „Selbstmord“ bringt so eine extrem negative Bewertung und Verurteilung mit sich, selbst wenn diese von dem Menschen, der das Wort benutzt, nicht beabsichtigt ist.

Der zweite Grund, den Begriff „Selbstmord“ abzulehnen, ist einfach vom Verständnis der Sprache zu erklären. Zu einem Mord gehören immer mindestens zwei Personen: der Mörder, also der Täter, und sein Opfer. Wenn sich aber ein Mensch umbringt, ist nur eine Person beteiligt. Diese ist zugleich Täter und Opfer. Diese eine Person fasst den Entschluss, sie führt den Tod durch eigene Hand oder Handlung herbei und erleidet ihn.

Das Wort „Freitod“ geht auf Friedrich Nietzsches Werk „Also sprach Zarathustra“ (1884) zurück. In der „Rede vom freien Tode“ heißt es:

„Viele sterben zu spät, und einige sterben zu früh. Noch klingt fremd die Lehre: ,stirb zur rechten Zeit!‘ (…)

Wichtig nehmen Alle das Sterben: aber noch ist der Tod kein Fest. Noch erlernten die Menschen nicht, wie man die schönsten Feste weiht.

Den vollbringenden Tod zeige ich euch, der den Lebenden ein Stachel und ein Gelöbnis wird.

Seinen Tod stirbt der Vollbringende, siegreich, umringt von Hoffenden und Gelobenden.

Also sollte man sterben lernen; und es sollte kein Fest geben, wo ein solcher Sterbender nicht der Lebenden Schwüre weihte! (…)

Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil ich will. Und wann werde ich wollen? – Wer ein Ziel hat und einen Erben, der will den Tod zur rechten Zeit für Ziel und Erben.“ 1

Der Gebrauch des Wortes „Freitod“ beinhaltet eine freie Entscheidung des Handelnden. Ob diese Freiheit bei verzweifelten, depressiven, schwer kranken Menschen wirklich gegeben ist, bleibt bis heute Streitpunkt. Durch die Vermeidung des Wortes „Freitod“ soll dieser Diskussion nicht vorweggegriffen werden.

Das Wort „Suizid“ vom Lateinischen „sui caedere“, „sich töten“, ist ein neutraler, meist von der Wissenschaft und der Medizin genutzter Begriff. Er ist klinisch, kühl, ohne Anklang an Leben oder Tod, ohne Ahnung für diese einmalige und gewaltige Tat.

„Selbsttötung“ ist die mehr oder weniger eingedeutschte Version des Begriffs „Suizid“. Mit dem Wort „Selbsttötung“ lässt sich (nach Meinung des Autors) das Thema möglichst vorurteilsfrei, wertfrei, objektiv und neutral beschreiben. Es beinhaltet das „Selbst“ und die „Tötung“. Zum eindeutigen Verständnis sei hinzugefügt: Wenn von „Selbsttötung“ die Rede ist, dann ist sie natürlich im Sinne einer nicht von einer dritten Person erzwungenen Selbsttötung gemeint.

Verbale Konstruktionen sind oft noch treffender als die oben angeführten Substantive. Sie transportieren das aktive Handeln der Person deutlicher und unmittelbarer.

Zwei Ausnahmen sind jedoch die Formulierungen „Hand an sich legen“ und „sich das Leben nehmen“. Beide Redewendungen sind extrem verharmlosend. Wie oft legt jeder Mensch am Tag Hand an sich, wenn er sich die Hände wäscht, wenn er sich kratzt, wenn er sich die Nase putzt, wenn er sich durch die Haare fährt. Hand an sich legen ist eine alltägliche, harmlose, oft nützliche Tätigkeit. Das Gleiche gilt für das Verb „nehmen“. Ich nehme mir einen Kaffee, einen Apfel, eine Zeitung …

„Ich bringe mich um!“ ist dagegen eine Aussage, die jeden auf der Stelle erbeben, erschrecken, erzittern lässt. Die niemanden unberührt lässt. Die vier Worte treffen wie ein schwerer Schlag. Sie tragen die Energie, die Gewalt, das Zerstörerische, das Unumkehrbare, das Endgültige, das Einmalige, das Folgenreiche, aber auch die Verzweiflung, die Ausweglosigkeit, die Unverständlichkeit, das Menschliche und das Unmenschliche der Selbsttötung.

Vielleicht auch die Erlösung?

Tote Zahlen

Im Lauf des 19. Jahrhunderts begannen sich die Naturwissenschaften, vor allem die Medizin, mit dem Tabuthema Selbsttötung zu befassen. Im Zuge dieser Entwicklung wurden die ersten, repräsentativen Statistiken in den Staaten Mitteleuropas vorgelegt.

Die aktuellste veröffentlichte „Todesursachenstatistik“ des Statistischen Bundesamts Deutschland zeigt, dass 2009 durch „vorsätzliche Selbstbeschädigung“ – so das offizielle Amtsdeutsch – 9.616 Menschen in Deutschland verstorben sind. Das sind 11,7 Selbsttötungen auf 100.000 Einwohner.

Im Jahr 2009 sind in der Bundesrepublik laut Statistik insgesamt 854.544 Menschen verstorben, das heißt etwa 1,1 Prozent der Todesfälle wurden durch Selbsttötung herbeigeführt.

Im selben Jahr starben 4.330 Menschen bei Verkehrsunfällen, mehr als doppelt so viele (9.616) durch Selbsttötung.

Die Zahl der Männer, die sich das Leben genommen haben, ist dabei mehr als dreimal so hoch wie die Zahl der Frauen: 7.228 Männer stehen 2.388 Frauen gegenüber.

Die Zahl der Selbsttötungsversuche liegt etwa zehn- bis 15-mal so hoch wie die Zahl der Selbsttötungen. Diese Werte beruhen auf Schätzungen, weil die Dunkelziffer, also die Zahl der Selbsttötungsversuche, die nie als solche registriert wurden, extrem hoch ist. Selbsttötungsversuche, von denen außer dem Betroffenen keiner weiß. Bei jungen Frauen ist die Häufigkeit von Selbsttötungsversuchen am größten, bei älteren Männern am niedrigsten.

In wissenschaftlichen und medizinischen Abhandlungen wird bei den Arten der Selbsttötung nach „harten“ und „weichen“ Methoden unterschieden.

Zu den weichen Methoden zählen zum Beispiel die Einnahme von Tabletten oder Drogen sowie Vergiftungen. Zu den harten Methoden zählen Erhängen, Erschießen, Ertränken, Sturz aus der Höhe, Sturz vor einen sich bewegenden Gegenstand und tiefe Stiche und Schnitte. Die harten Methoden führen darüber hinaus zu sichtbaren äußeren Veränderungen des Körpers.

In der Statistik werden die Arten der vorsätzlichen Selbstbeschädigung noch detaillierter typisiert, unterschieden und beschrieben. Die hier aufgeführten Kategorien X60 bis X84 sind die Oberkategorien, die in einzelnen Statistiken noch einmal in mehrere Punkte unterteilt werden.

Von X60 bis X69 werden die diversen Methoden der Selbsttötung durch „vorsätzliche Selbstvergiftung“ unterschieden. Von X70 bis X84 werden die verschiedenen Arten der Selbsttötung durch „vorsätzliche Selbstbeschädigung“ aufgeführt, dazu zählen unter anderem: Erhängen, Ertränken, Erschießen, Verbrennen, sich vor Fahrzeuge werfen oder wahlweise in die Tiefe stürzen.

Im Anhang 1 (S. 284) finden sie die detaillierte Auflistung, wie sie im Bundesamt für Statistik geführt wird.

Die Typisierung X70, die vorsätzliche Selbstbeschädigung durch Erhängen, Strangulierung oder Ersticken, ist in Deutschland in allen Altersgruppen die mit Abstand meistgewählte Methode, sich das Leben zu nehmen.

Nach Altersgruppen unterteilt zeigt die Statistik für 2009 folgendes Bild:


5 bis 10 Jahre 1
10 bis 15 Jahre 20
15 bis 20 Jahre 194
20 bis 25 Jahre 372
25 bis 30 Jahre 394
30 bis 35 Jahre 394
35 bis 40 Jahre 513
40 bis 45 Jahre 861
45 bis 50 Jahre 1054
50 bis 55 Jahre 999
55 bis 60 Jahre 828
60 bis 65 Jahre 610
65 bis 70 Jahre 859
70 bis 75 Jahre 780
75 bis 80 Jahre 616
80 bis 85 Jahre 554
85 bis 90 Jahre 423
90 und älter 144

In der Todesursachenstatistik 2009 werden auch die Zahlen der vorsätzlichen Selbstbeschädigungen nach Bundesländern unterschieden aufgeführt:


Bundesland Selbsttötungen gesamt pro 100.000 Einwohner
Sachsen-Anhalt 360 15,2
Sachsen 624 14,9
Thüringen 327 14,5
Bayern 1749 14,0
Baden-Württemberg 1404 13,1
Bremen 84 12,7
Hessen 769 12,7
Hamburg 219 12,3
Saarland 125 12,2
Schleswig-Holstein 344 12,1
Mecklenburg-Vorpommern 185 11,2
Rheinland-Pfalz 430 10,7
Brandenburg 266 10,6
Niedersachsen 778 9,8
Nordrhein-Westfalen 1.666 9,3
Berlin 286 8,3

Die höchste Zahl an Selbsttötungen verzeichnete in diesem Zeitraum das Land Bayern. Die höchste Selbsttötungsrate weist das Land Sachsen-Anhalt auf. Berlin hat mit 8,3 Selbsttötungen auf 100.000 Einwohner die niedrigste Rate. Im Vergleich dazu lag das frühere Westberlin vor dem Fall der Mauer mit weitem Abstand auf Platz 1 der Bundesländerstatistik.

Für die letzten 30 Jahre folgt die Zahl der Selbsttötungen in Deutschland einem deutlich fallenden Trend:

1980 lag sie bei 18.451 (24,6 je 100.000 Einwohner)

1990 lag sie bei 13.924 (17,4 je 100.000 Einwohner)

2000 lag sie bei 11.065 (13,0 je 100.000 Einwohner)

2009 liegt sie bei 9.616 (11,7 je 100.000 Einwohner)

Die sogenannte dunkle Jahreszeit von Oktober bis März weist im Gegensatz zur allgemein verbreiteten Annahme keine höheren Zahlen an Selbsttötungen auf als die Sommermonate April bis September. In einer Statistik aus dem Jahr 2006 zeigen die Monate Mai und Juli die höchsten Zahlen an Selbsttötungen.

Eine steigende Tendenz zeigt das durchschnittliche Sterbealter bei vorsätzlichen Selbstbeschädigungen. Seit 1980 stieg es bei Männern um etwa fünf Jahre auf 54,7 Jahre, bei Frauen um zwei Jahre auf 59,0 Jahre (Statistik 2006).

Mediziner und Pharmazeuten weisen eine deutlich höhere Rate an Selbsttötungen auf als die Allgemeinbevölkerung. Bei den Ärzten liegt die Rate mehr als dreimal so hoch wie bei den Männern, bei den Ärztinnen ist die Rate mehr als fünfmal so hoch wie der Durchschnittswert der Frauen (2006).

Diese überraschende Tatsache ließe sich auf den berufsbedingten Stress der Mediziner und die fast tägliche Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod erklären. Eine andere Begründung wäre in der Tatsache zu finden, dass Ärzte und Pharmazeuten im Gegensatz zu restlichen Bevölkerung über das Expertenwissen zur Selbsttötung verfügen.

Von den deutschen Zahlen zu den internationalen: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben jährlich weltweit etwa eine Million Menschen durch Selbsttötung. Zehn- bis 20-mal so hoch ist die geschätzte Zahl der gescheiterten Versuche.

Das entspricht circa 14,5 Todesfällen je 100.000 Menschen.

Oder: Alle 40 Sekunden nimmt sich auf dieser Erde ein Mensch das Leben!

Die weltweite nach einzelnen Staaten unterschiedene Statistik der WHO finden Sie im Anhang 2. Ein Blick auf diese Tabelle zeigt:

Angeführt wird diese Statistik von Weißrussland (35,1/2003)2 und Südkorea (31,0/2009). Auf Rang 4 folgt bereits Russland mit 30,1 Selbsttötungen pro 100.000 Einwohner, auf Platz 10 liegt Japan mit 23,7 Selbsttötungen auf 100.000 Einwohner.

Vergleicht man auf dieser Tabelle die sonnigen Länder des südlichen Europas mit den Staaten Skandinaviens, dann scheint die Sonne des Südens eindeutig positiv auf das Lebensgefühl einzuwirken:

Finnland (20,1/2005), Dänemark (13,6/2001), Schweden (13,2/ 2004) und Norwegen (11,5/2005) haben alle höhere Selbsttötungsraten als Portugal (11,0/2003), Spanien (7,8/2005), Italien (7,1/ 2002) oder Griechenland, das mit 3,5 Selbsttötungen pro 100.000 Einwohnern das europäische Schlusslicht bildet.

Ob das jedoch der Sonne, dem vorherrschenden Katholizismus, der geringeren Niederschlagsmenge, dem längeren Tageslicht oder dem Blau des Mittelmeeres zuzuschreiben ist, bleibt pure Spekulation.

Oder warum liegt die Selbstmordrate in Neuseeland (13,2/2004), einem grünen Paradies am Ende der Welt, um mehr als das Dreifache höher als in einem Land wie Mexiko (4,1/2005), das seit Jahren von sozialen und politischen Spannungen gezeichnet ist.

Eines der ärmsten Länder Europas, Albanien (4,0/2003), hat eine Selbsttötungsrate, die um mehr als das Vierfache niedriger ist als im reichen Frankreich (17,6/2005). Wo würde Gott wohl lieber leben?

Die Statistiken über Selbsttötungen ließen sich hier noch über viele Seiten zu einem fast unendlichen Zahlenwerk fortsetzen.

Am Ende lassen sich nur Vergleiche ablesen: Dass zum Beispiel in islamischen, hinduistischen und buddhistischen Staaten die Rate der Selbsttötungen niedriger ist als in den christlichen Ländern Europas. Es gibt Unterschiede zwischen Männern und Frauen, zwischen den einzelnen Altersgruppen, zwischen Jahreszeiten und Berufsgruppen, selbst zwischen einzelnen Wochentagen.

Aber je mehr Zahlen sich sammeln, desto mehr tritt das Schicksal des einzelnen Menschen in den Hintergrund.

Statistiken zeigen auf, wer sich umbringt, wie, wann und wo.

Aber selbst Hunderttausende Zahlen in zahllosen Tabellen und Graphen aufgereiht, ausgewertet und verglichen werden keine einzige Antwort auf die Frage geben können:

Warum?

Vergangene Zahlen
Das antike Ägypten

Wenn die Zahlen der Statistik zu der Frage nach dem Warum schweigen, was verraten die Zahlen der Zeitgeschichte?

Das Thema Selbsttötung durchzieht die Menschheitsgeschichte wie ein roter Faden. Ein Kardiogramm mit Ausschlägen nach oben und unten, je nach Zeit- und Kulturepoche.

Philosophen und Theologen, Juristen und Mediziner, Psychologen, Soziologen und Ethnologen haben aus ihrer Zeit und ihrer Perspektive die Selbsttötung diskutiert und beurteilt.

Sie haben die Selbsttötung bewertet, haben zu ihr aufgerufen, haben sie verteufelt, haben sie gepriesen, versucht zu verhindern, versucht zu erklären, zu richten.

Schriftsteller und Künstler haben sie immer wieder zum Thema gemacht: besungen, modelliert, gemalt, geschrieben, gedichtet.

Lang wie die Liste dieser Kommentatoren ist die der prominenten, bekannten, berühmten Täter-Opfer:3 von Kleopatra bis Hannelore Kohl, von Hannibal bis Hemingway.

Unabhängig von einer Bewertung ist die Selbsttötung offensichtlich und unbestreitbar Teil der menschlichen Natur und Kultur. Über alle Grenzen und alle Zeiten hinweg.

Der älteste überlieferte Text über die Selbsttötung stammt aus dem antiken Ägypten. Niedergeschrieben ist er auf einem Papyrus aus der Zeit um 1900 v.Chr. Der deutsche Ägyptologe Karl Richard Lepsius erwarb den Papyrus 1843 in Ägypten und veröffentlichte den Text 1859. Es ist das „Gespräch eines Lebensmüden mit seiner Seele“. Die Seele wurde im alten Ägypten als der „Ba“ bezeichnet.

Der Mann, der des Lebens müde und verzweifelt ist, versucht seinen Ba, seine Seele, von seinem Vorhaben der Selbsttötung zu überzeugen. In mehreren Reden und Liedern beschreibt er seine Abscheu, seinen Ekel vor dem Leben, seine Sehnsucht nach dem Tod. Eines der Lieder lautet:

„Der Tod steht heute vor mir,

(wie) wenn ein Kranker gesund wird,

wie das Hinaustreten ins Freie nach dem Eingesperrtsein.

Der Tod steht heute vor mir

wie der Duft von Myrrhen,

wie das Sitzen unter einem Segel an einem windigen Tag.

Der Tod steht heute vor mir

wie der Duft von Lotusblumen,

wie das Sitzen am Ufer der Trunkenheit.

Der Tod steht heute vor mir

wie das Abziehen des Regens (oder: wie ein betretener Weg),

wie wenn ein Mann von einem Feldzug heimkehrt.

Der Tod steht heute vor mir,

wie wenn sich der Himmel enthüllt,

wie wenn ein Mensch die Lösung eines Rätsels findet.

Der Tod steht heute vor mir,

wie ein Mann sich danach sehnt, sein Heim wiederzusehen,

nachdem er viele Jahre in Gefangenschaft verbracht hat.“4

In mehreren Reden antwortet der Ba auf das Jammern und Wehklagen des Mannes und fordert ihn auf, das Leben wieder anzunehmen und zu genießen:

„Lasse das Wehklagen auf sich beruhen, dieser du, der zu mir gehört, mein Bruder. Lege auf das Feuerbecken und schließe Dich dem Lebenskampf – wie Du geschildert hast – an. Sei mir hier zugetan und stelle für dich den Westen5 zurück. Wünsche erst dann in den Westen zu gelangen, wenn sich Deine Glieder dem Boden zuneigen. Nach Deinem Ermatten werde ich mich niederlassen und wir werden eine Wohnstatt zusammen machen.“ 6

Selbst wenn dieser Text eine Dichtung war, zeigt er, dass auch im alten Ägypten die Selbsttötung ein Thema war, das weit über das Individuelle hinausging.

Eine moralische oder andere Art der Wertung der Selbsttötung lässt sich aus dem Text um 1.900 v.Chr. jedoch nicht herauslesen.

Fast 2.000 Jahre später, im Jahr 30 v.Chr., stirbt die letzte Pharaonin Ägyptens. Sie war eine der mächtigsten und schönsten Frauen der Weltgeschichte. Sie wurde als Göttin verehrt, als Hure beschimpft. Sie war Mutter von vier Kindern und Femme fatale. Geliebt und gehasst von den mächtigsten Männern ihrer Zeit. Gaius Julius Caesar und Marcus Antonius hatte sie verführt und für sich gewonnen. Octavian, der spätere Kaiser August, verfolgte sie als Feindin Roms und Rivalin seiner Macht. In Alexandria setzte er sie als Gefangene fest. Am Ende sah sie keinen anderen Ausweg, als sich selbst umzubringen. Sie lässt sich von einer Giftschlange beißen: Der Mythos „Kleopatra“ war geboren.

Neben ihrem Leben, das von den einen verteufelt, von den anderen verherrlicht wird, ist ihr Tod bis heute ungeklärt.

„Nach Plutarch und Cassius Dio soll die ägyptische Königin dem römischen Machthaber erfolgreich ihren angeblichen Lebenswillen vorgetäuscht und so eine weniger strenge Bewachung erreicht haben, die ihr die Ausführung ihres Selbstmordes ermöglichte. Sie nahm ein Bad und aß danach ein köstliches Mahl. Inzwischen brachte ein Bauer einen Korb, zeigte den Wachen, dass sein Inhalt nur aus Feigen bestand, und durfte ihn hineintragen. Nach dem Essen schickte Kleopatra einen dringenden Brief zu Octavian, schloss sich mit ihren vertrauten Zofen Iras und Charmion ein und beging mit ihnen Selbstmord. Als Octavian in ihrem Brief den Wunsch las, sie neben Antonius zu bestatten, wusste er Bescheid und schickte schnell Boten, die aber Kleopatra schon tot in königlichem Gewand auf einem goldenen Bett liegend fanden, während ihre beiden Zofen im Sterben lagen. Auch Psylli genannte Schlangenbeschwörer, die ihr das Gift aussaugen sollten, konnten sie nicht mehr erwecken.“ 7

Nicht nur die Autoren der Antike (Plutarch, Cassius Dio), auch die Historiker von heute verweisen zumindest die Selbsttötung der letzten Königin vom Nil durch einen Schlangenbiss ins Reich der Legenden. Warum Kleopatra ihr Leben bis zum letzten Atemzug in dieser Art inszenierte, lässt sich aus der Perspektive der damaligen Zeit so erklären:

„Augustus zeigte bei seinem Triumphzug in Rom im Jahr 29 v.Chr. ein Bild Kleopatras, das sie mit zwei Schlangen darstellte. Damit erkannte er die in der Antike vorherrschende Version – Tod durch den Biss einer Schlange („aspis“) – offiziell an. Der Terminus „aspis“ bezieht sich auf die ägyptische Uräusschlange. Sie hatte symbolischen Charakter als Zeichen pharaonischer Herrschaft: Sie bedrohte die Feinde des Königs und stellte den Herrscher gleichzeitig unter den Schutz des Sonnengottes Re, dem sie ein heiliges Tier war. Dementsprechend trug die ägyptische Königskrone das Bild eines Doppeluräus. Der Biss einer solchen Schlange hätte nach ägyptischer Vorstellung nicht dem Erlangen von Unsterblichkeit gedient – denn die Ptolemäer8 galten schon zu Lebzeiten als Götter –, sondern er wäre für Kleopatra ein würdiger Tod gewesen.“9

Wie unwahrscheinlich diese Art der Selbsttötung ist, machen folgende Argumente schnell deutlich:

„Gegen einen Schlangenbiss spricht allerdings, dass man kein solches Reptil in Kleopatras Gemach fand, dass es schwierig ist, drei Menschen (Kleopatra und ihre beiden Zofen) durch eine Schlange beißen zu lassen, sowie dass ein Kobrabiss durchaus nicht schmerzlos ist und erst nach Stunden oder Tagen zum Tod führen kann. Am wahrscheinlichsten erscheint, dass Kleopatra Gift einnahm oder es sich injizierte, dass aber ihre engsten Vertrauten, darunter wohl ihr Arzt Olympos, auf ihren Wunsch die Schlangenbissversion verbreiteten, weil diese von religiösen Ägyptern als würdevollster und Legenden Vorschub leistender Tod ihrer Königin gesehen würde.“ 10

Welche Motive haben Kleopatra bei ihrer letzten Tat geleitet?

Ihr Geliebter Marcus Antonius hatte sich wenige Tage zuvor mit dem eigenen Schwert umgebracht. War ihr Herz gebrochen?

Wollte sie der Schande entgehen, als Gefangene im Triumphzug durch Rom geführt zu werden?

Hatte sie den Kampf um die Macht verloren?

Eine Niederlage im Kampf um die Macht sollte in den kommenden 2.000 Jahren für viele Krieger, Herrscher und Despoten immer wieder Grund genug sein, sich selbst umzubringen.

Das Leben und der Tod der letzten Pharaonin Ägyptens fasziniert bis heute Historiker genauso wie Schriftsteller, Maler, Musiker und Regisseure. Kleopatra hat es geschafft, nicht nur für ihre Zeitgenossen, sondern bis in die Gegenwart hinein als Mythos weiterzuexistieren. Durch ihren selbstbestimmten Tod wurde sie am Ende unsterblich.

Das Thema der „Unsterblichkeit“, die verschiedenen Bedeutungsinhalte und sehr unterschiedlichen, konträren Verständnisarten werden an anderer Stelle dieses Buches ausgeführt werden.

Der römische Geschichtsschreiber Cassius Dio schließt seine Geschichte über Kleopatra mit den Worten: „Sie gewann die beiden größten Römer ihrer Zeit für sich und wegen des dritten nahm sie sich das Leben.“ 11

Das antike Griechenland und Rom

Das antike Griechenland ist die Wiege der abendländischen Kultur. Im Schatten der Akropolis wurde der Samen des modernen Denkens gesät. Die Philosophen und Denker der hellenistischen Welt zeichneten die Koordinaten für Körper, Geist, Seele und Kosmos, die bis heute unser Weltbild bestimmen. Im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen über Leben, Tod und die Welt, an dem Punkt, an dem alle Koordinaten zusammenlaufen, steht der Mensch.

• Pythagoras

Pythagoras von Samos (570 v.Chr.–510 v.Chr.), einer der Begründer der griechischen Mathematik und Philosophie, war von einer Seelenwanderung und der Unsterblichkeit der Seele überzeugt. Seine Anhänger sprachen sich deutlich gegen die Selbsttötung aus. Ihrem Glauben nach war die menschliche Seele wegen einer Ursünde im Körper gefangen, um dort Sühne zu tun. Durch seinen selbst gewählten Tod entziehe sich der Mensch dieser von den Göttern auferlegten Buße und begehe so eine Gotteslästerung.

Dass Pythagoras sein Leben dann doch durch eigene Hand beendet haben soll, weil seine Glaubensgemeinde angegriffen worden war, ist unter Historikern bis heute umstritten.

• Sokrates

Der griechische Philosoph Sokrates (469 v.Chr.–399 v.Chr.) war einer der bedeutenden Denker des Abendlandes. Er gilt als der Begründer einer autonomen philosophischen Ethik. Eine der großen Fragen seiner Erkenntnislehre war: Wie führen das „Gute“ und die „Tugend“ zur Glückseligkeit?

Im Alter von 70 Jahren wird Sokrates wegen Missachtung der griechischen Götter und angeblich verderblichen Einfluss auf die Jugend angeklagt:

„Sokrates frevelt und treibt Torheit, indem er unterirdische und himmlische Dinge untersucht und Unrecht zu Recht macht und dies auch andere lehrt.“ 12

Die Ideen des Sokrates waren den Mächtigen ein Dorn im Auge. Der Philosoph verteidigte sich selbst vor einer Jury aus 501 Geschworenen: „Laßt uns aber auch so erwägen, wieviel Ursache wir haben zu hoffen, es sei etwas Gutes. Denn eins von beiden ist das Totsein: entweder so viel als nichts sein noch irgend eine Empfindung von irgend etwas haben, wenn man tot ist; oder, wie auch gesagt wird, es ist eine Versetzung und Umzug der Seele von hinnen an einen andern Ort. Und es ist nun gar keine Empfindung, sondern wie ein Schlaf, in welchem der Schlafende auch nicht einmal einen Traum hat, so wäre der Tod ein wunderbarer Gewinn. (…)

Ist aber der Tod wiederum wie eine Auswanderung von hinnen an einen andern Ort, und ist das wahr, was gesagt wird, daß dort alle Verstorbenen sind – was für ein größeres Gut könnte es wohl geben als dieses, ihr Richter? Denn wenn einer, in der Unterwelt angelangt, nun dieser sich so nennenden Richter entledigt dort die wahren Richter antrifft, von denen auch gesagt wird, daß sie dort Recht sprechen, den Minos und Rhadamanthys und Aiakos und Triptolemos, und welche Halbgötter sonst gerecht gewesen sind in ihrem Leben – wäre das wohl eine schlechte Umwanderung? Oder auch mit dem Orpheus umzugehen und mit Musaios und Hesiodos und Homeros – wie teuer möchtet ihr das wohl erkaufen? Ich wenigstens will gern oftmals sterben, wenn dies wahr ist.“ 13

Unbeugsam in seiner Haltung, zog er sich die Ablehnung und den Zorn den Geschworenen zu und wurde zum Tod verurteilt.

Er hatte mehrfach die Gelegenheit zur Flucht. Aber er hatte das gegen ihn ausgesprochene Todesurteil als gültiges Fehlurteil mit großer Gelassenheit hingenommen. Bis zu dem Moment, wo er den Schierlingsbecher trank, diskutierte er mit seinen im Gefängnis anwesenden Freunden und Schülern philosophische Fragen.

Auch die Frage nach dem Recht auf Selbsttötung wurde besprochen. In Platons „Phaidon“ heißt es dazu: „Nur Gewalt wird er sich doch nicht selbst antun; denn dies, sagen sie, sei nicht recht.

Und als er dies sagte, ließ er seine Beine von dem Bett wieder herunter auf die Erde, und so sitzend sprach er das übrige.

Kebes fragte ihn nun: Wie meinst du das, o Sokrates, daß es nicht recht sei, sich selbst Leides zu tun, daß aber doch der Philosoph dem Sterbenden zu folgen wünsche?

Wie, Kebes? Habt ihr über diese Dinge nichts gehört, du und Simmias, als ihr mit dem Philolaos zusammenwaret?

Nichts Genaues wenigstens, Sokrates.

Auch ich kann freilich nur vom Hörensagen davon reden; was ich aber gehört, bin ich gar nicht abgeneigt, euch zu sagen. Auch ziemt es sich ja wohl am besten, daß der, welcher im Begriff ist, dorthin zu wandern, nachsinne und sich Bilder mache über die Wanderung dorthin, wie man sie sich wohl zu denken habe. Was könnte einer auch wohl noch weiter tun in der Zeit bis zum Untergang der Sonne?

Weshalb also sagen sie, es sei nicht recht, sich selbst zu töten, o Sokrates? Denn ich habe dies auch schon, wonach du eben fragtest, vom Philolaos gehört, als er sich bei uns aufhielt, und auch schon von andern, daß man dies nicht tun dürfe. Genaues aber habe ich von keinem jemals etwas darüber gehört.

So mußt du dich noch weiter bemühen, sagte er, du kannst es ja wohl noch hören. Vielleicht aber kommt es dir auch wunderbar vor, daß dies allein unter allen Dingen schlechthin so sein soll, und auf keine Weise, wie doch sonst überall, nur bisweilen und nur für einige Menschen: nämlich es sei besser zu sterben als zu leben. Und denen nun besser wäre zu sterben, wird dir wunderbar vorkommen, daß es diesen Menschen nicht erlaubt sein solle, sich selbst wohlzutun, sondern daß sie einen andern Wohltäter erwarten sollen.

Da sagte Kebes etwas lächelnd und in seiner Mundart: Das mag Gott wissen.

Es kann freilich so scheinen, unvernünftig zu sein, sprach Sokrates, aber es hat doch auch wieder einigen Grund. Denn was darüber in den Geheimlehren gesagt wird, daß wir Menschen wie in einer Feste sind und man sich aus dieser nicht selbst losmachen und davongehen dürfe, das erscheint mir doch als eine gewichtige Rede und gar nicht leicht zu durchschauen. Wie denn auch dieses, o Kebes, mir ganz richtig gesprochen scheint, daß die Götter unsere Hüter und wir Menschen eine von den Herden der Götter sind. Oder dünkt es dich nicht so?

Allerdings wohl, sagte Kebes.

Also auch du würdest gewiß, wenn ein Stück aus deiner Herde sich selbst tötete, ohne daß du angedeutet hättest, daß du wolltest, es solle sterben, diesem zürnen und, wenn du noch eine Strafe wüßtest, es bestrafen?

Ganz gewiß, sagte er.

Auf diese Weise nun wäre es also wohl nicht unvernünftig, daß man nicht eher sich selbst töten dürfe, bis der Gott irgend eine Notwendigkeit dazu verfügt hat, wie die jetzt uns gewordene?

Dieses freilich, sagte Kebes, scheint ganz billig. Was du jedoch vorher sagtest, daß jeder Philosoph gern werde sterben wollen, dieses, o Sokrates, kommt dann ungereimt heraus; wenn doch, was wir eben sagten, sich richtig so verhält, daß Gott es ist, der uns hütet, und daß wir zu seiner Herde gehören. Denn daß nicht die Vernünftigsten gerade am unwilligsten aus dieser Pflege sich entfernen sollten, wo diejenigen für sie sorgen, welche die besten Versorger sind für alles, was ist, die Götter, das ist gar nicht zu denken. Denn sie können ja nicht glauben, daß sie sich selbst besser hüten werden, wenn sie frei geworden sind; sondern nur ein unvernünftiger Mensch könnte das vielleicht glauben, daß es gut wäre, von seinem Herrn zu fliehen, und könnte nicht bedenken, daß man ja von dem Guten nicht fliehen muß, sondern sich soviel als möglich daran halten, und daß er also unvernünftigerweise fliehen würde; der Vernünftige aber würde immer streben, bei dem zu sein, der besser wäre als er. Und so käme ja wohl, o Sokrates, das Gegenteil von dem heraus, was eben gesagt ward: den Vernünftigen nämlich ziemte es, ungern zu sterben, und nur den Unvernünftigen gern.“ 14

Dieser kurze Ausschnitt aus Platons „Phaidon“ zeigt, dass Sokrates bereit ist, für seine Ideen zu sterben. Aber er spricht sich hier, so wie später auch Platon (428 v.Chr.–348 v.Chr.) oder Aristoteles (384 v.Chr.–328 v.Chr.), klar gegen die Selbsttötung aus.

Bleibt die Frage, hat Sokrates sich selbst getötet, als er den Schierlingsbecher nahm? War es ein Freitod oder eine erzwungene Selbsthinrichtung?

„Ich verstehe, sagte Sokrates. Beten aber darf man doch zu den Göttern und muß es, daß die Wanderung von hier dorthin glücklich sein möge, worum denn auch ich hiermit bete, und so möge es geschehen!

Und wie er dies gesagt, setzte er an, und ganz frisch und unverdrossen trank er aus. Und von uns waren die meisten bis dahin ziemlich imstande gewesen, sich zu halten, daß sie nicht weinten; als wir aber sahen, daß er trank und getrunken hatte, nicht mehr.“ 15

• Platon

Das eigentliche Wesen des Menschen ist seine Seele. Diese ist nicht in unserer physischen Welt, sondern in einer transzendenten Ideenwelt beheimatet. Diese zeit- und raumlose Welt ist die ursprüngliche Wirklichkeit, von der die physische Welt abhängt. Die Existenz des Menschen ist also keine eigenständige, unabhängige, sondern eine Projektion der Ideenwelt, die in der physischen Welt nur zur materiellen Erscheinung kommt. Die Urbilder der Ideenwelt verleihen den Abbildern der physischen Welt Gestalt.

Aus dieser komplexen Weltsicht heraus sagt Platon, dass der Mensch in der Macht der Götter steht und deswegen nur mit Erlaubnis oder auf Befehl der Götter das Leben verlassen dürfe. Wer sich gar aus Schlaffheit und unmännlicher Feigheit umbringe, solle an unbebauten, namelosen Plätzen ruhmlos bestattet werden.

• Aristoteles

Noch deutlicher spricht sich Aristoteles gegen die Selbsttötung aus. Er sieht den Selbstmord durch das Gesetz der Polis16 verboten: „Recht in einem Sinne ist, was vom Gesetze in Bezug auf jede einzelne Tugend geboten ist. Nun gebietet das Gesetz aber zum Beispiel nicht, sich selbst zu tödten; was es aber nicht zu tödten gebietet, das zu tödten verbietet es.“ 17

Er spricht auch über die entsprechende Bestrafung, den Verlust von Ansehen und Ehre: „Er leidet ja freiwillig, und niemand leidet freiwillig Unrecht. Darum straft ihn auch die Obrigkeit und haftet dem Selbstmörder, als einem Menschen, der sich am gemeinen Wesen versündigt hat, eine Makel an.“ 18

Der „Selbstmörder“, so Aristoteles, verletzt durch seine Tat seine Pflichten gegenüber der Gesellschaft. Somit sei es verantwortungslos, sich selbst zu töten. Und die Gesellschaft habe das Recht, mit schärfsten Strafen zu reagieren.

An anderer Stelle wertet Aristoteles den Selbstmord als Anzeichen von Weichlichkeit. Dann, wenn der Selbstmörder durch seine Tat den Übeln des Lebens fliehen will. Er rät „dem Feigling“ dazu, sich der Tugend der Tapferkeit zuzuwenden, anstatt sein Wohl im Tod zu suchen.

Nach Aristoteles kann es keine guten Gründe geben, sich das Leben zu nehmen.

• Hegesias

Eine ganz andere Sicht vertrat der griechische Philosoph Hegesias von Kyrene. Er lebte und wirkte um 300 v.Chr. in Alexandria.

Die Metropole am Mittelmeer, die Alexander der Große etwa 30 Jahre vorher gegründet hatte, wuchs zu dieser Zeit nicht nur zum wirtschaftlichen und politischen, sondern auch zum geistigen Zentrum der hellenistischen Welt.

Hegesias war als Denker aus der Schule der Kyrenaiker19 ein Hedonist. „Hedonismus“, vom Griechischen „hedone“, bedeutet Freude,Vergnügen, Lust.

Der Leitgedanke der Hedonisten in der Antike war, dass einzig die Maximierung von Lust und Freude – körperlicher wie auch seelischer – und die Vermeidung von Schmerz und Leid als höchstes zu erreichendes Ideal anzusehen sind – als eigentlicher Sinn des Lebens.

Hegesias entwickelte seine Gedanken vom Hedonismus zu einem seltsam radikalen Pessimismus. Das Leben, so argumentierte er, halte in den meisten Fällen mehr Schmerz als Lust bereit. Da die Lust also unerreichbar ist, gilt es zumindest, Schmerz und Leid zu vermeiden. Der Tod birgt diese totale und einzig wirkliche Befreiung vom Leid. Im Tod gibt es weder Lust noch Schmerz. Daher ist er besser als das Leben. Der Weise kann also in letzter Konsequenz nur zu dem Schluss kommen, sich selbst zu töten.

Seine Werke und Schriften, in denen er diese Philosophie darlegte, sind nicht erhalten geblieben. Aber seine Reden müssen so vortrefflich und für die Massen verführerisch gewesen sein, dass die Menschen sich scharenweise das Leben nahmen.

Mit seinen Reden gegen das Leben verdiente er sich schnell den Beinamen „Peisithanatos“, der „Zum-Tode-Ratende“.

Die Frage bleibt:

Warum ist er seinem eigenen Rat nicht gefolgt?

Warum hat er selbst nicht diesen letzten Schritt des Weisen getan?

König Ptolemaios I. Lagu machte dem Spuk ein Ende und untersagte dem „Zum-Tode-Ratenden“, weiterhin in öffentlicher Rede den Selbstmord zu propagieren.

Die Motive des Herrschers waren wahrscheinlich weniger moralischer oder ethischer Natur. Vielmehr fürchtete er eine Destabilisierung des Staatswesens. Arbeiter und Sklaven, die sich selbst in den Tod stürzten, waren schließlich für keinen mehr von Nutzen. Der volkswirtschaftliche Schaden war immens.

Über den Tod von Hegesias von Kyrene, über die Art und Weise, wie er aus dem Leben schied, ist nichts bekannt.

• Epikur

„Lebt wohl und erinnert euch an meine Lehren.“

Nach diesen letzten Worten an seine Schüler nahm der Philosoph Epikur (341 v.Chr.–270 v.Chr.) noch ein warmes Bad und trank dann den Kelch mit dem Gift.

Epikur lebte vor den Toren Athens in einem kleinen Haus mit Garten. Seine Schüler, die er hier unterrichtete, hießen im Volksmund „die Philosophen aus dem Garten“. Am Eingang zu Epikurs Garten war eine Inschrift angebracht:

„Freund, das ist ein guter Ort. Hier wird nichts mehr verehrt als das Glück.“

Das oberste Ziel von Epikurs Ethiklehre war das Erreichen und die Verstetigung des Glücks durch den Genuss jedes einzelnen Tages, jeden Augenblicks.

Ein bedeutender Unterschied zu den Hedonisten ist, dass die Lustmaximierung nach Epikur mit einer weisen Bedürfnisregulierung zu erreichen war. Eines der berühmtesten Zitate von Epikur in diesem Zusammenhang lautet:

„Nichts ist für den genug, dem das Genügende zu wenig ist.“ 20

Ein lustvolles Leben ist gleichzeitig ein Leben voller Einsicht. Aber ein einsichtiges Leben lässt sich gleichzeitig nur durch ein lustvolles Leben erreichen.

Um dieses Ideal, die vollendete Seelenruhe, die Ataraxie21, zu Lebzeiten zu erreichen, galt es, alle Gefährdungen des Seelenfriedens zu meiden oder zu überwinden. Als die drei Hauptgefahren sah Epikur die Begierde, den Schmerz und die Furcht. Bei der Furcht unterschied er vor allem die Furcht vor den Göttern und die Furcht vor dem Tod.

In seinen Briefen an Menoikeus heißt es dazu:

„Gewöhne dich daran zu glauben, dass der Tod keine Bedeutung für uns hat. Denn alles, was gut, und alles, was schlecht ist, ist Sache der Wahrnehmung. Der Verlust der Wahrnehmung aber ist der Tod. Daher macht die richtige Erkenntnis, dass der Tod keine Bedeutung für uns hat, die Vergänglichkeit des Lebens zu einer Quelle der Lust, indem sie uns keine unbegrenzte Zeit in Aussicht stellt, sondern das Verlangen nach Unsterblichkeit aufhebt. (…) Das schauerlichste aller Übel, der Tod, hat also keine Bedeutung für uns; denn solange wir da sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, dann sind wir nicht da.“ 22

Epikur vertrat eine absolute Diesseitigkeit. Nach seiner Lehre löst sich mit dem Tod auch die Seele auf. Ebenso wie gegen die Furcht vor dem Tod sprach er sich deutlich gegen eine Gottesfürchtigkeit aus. Das Schicksal, das Leben gehört dem Menschen allein. Der Mensch lebt nicht für einen Gott, nicht für einen Staat, nicht für eine Kultur, sondern einzig und allein, um sein einmaliges Leben mit Glück zu erfüllen.

Trotz dieser obrigkeitsfeindlichen Lehren wurde Epikur nicht wie Sokrates von den Mächtigen seiner Zeit verfolgt, sondern nur verhöhnt und verachtet.

Epikur und Sokrates. Beide begehen Selbsttötung, beide in bester Stimmung, im Kreis ihrer Freunde. Sokrates war zum Tod verurteilt, Epikur litt an einer schweren Krankheit.

Aber Sokrates wie Epikur gestanden dem Menschen die Selbsttötung nur unter bestimmten Umständen und in bestimmten Situationen zu. Ähnlich war auch die Sicht der Stoiker.

• Zenon von Kition

Zenon von Kition (333 v.Chr.–264 v.Chr.) gilt als Begründer der Stoa. Er lebte und lehrte zur gleichen Zeit wie Epikur.

Seine Lehre, die Stoa, ist benannt nach einer alten Säulenhalle, die im antiken Athen auf der Agora (Markt) unterhalb der Akropolis stand. Hier versammelte Zenon sein Schüler um sich.

Seine Lehre sah den Mensch als Teil einer vom „göttlichen Logos“, von der „göttlichen Urkraft und Vernunft“ durchwebten und bestimmten Natur.

Sein Geist und sein Verstand geben dem Mensch die Möglichkeit, an diesem göttlichen Logos teilzuhaben und die „eudaimonia“, das seelische Glück, zu erreichen.

Dafür notwendige Voraussetzung ist, ein tugendhaftes, vernünftiges Leben zu führen, sich nicht von Begierden verleiten zu lassen. Den Schicksalsschlägen des Lebens solle man mit „stoischer Gelassenheit“ begegnen.

Ein Ideal in diesem Zusammenhang war das Erreichen der „Apatheia“, der „Abwesenheit von Affekten“. Durch die Kontrolle von Schmerz und Lust, durch die emotionale Selbstbeherrschung (Kontrolle der Affekte), werde der Stoiker die Apatheia und damit die Weisheit erlangen. Apatheia ist keinesfalls mit dem heutigen Begriff und Verständnis von Apathie gleichzusetzen.

Die Stoa lehrte aber auch, dass ein Mensch, der unheilbar krank oder schwer verletzt ist, kein vernunftmäßiges Leben mehr führen könne. Dann gebiete es der Logos, das Leben freiwillig zu beenden.

Zenon von Kition ging mit bestem Beispiel voran. Laut Überlieferung soll er sich selbst stranguliert haben, nachdem er gestürzt war und sich ein Bein gebrochen hatte.

• Lucius Annaeus Seneca

Die altstoische Schule des antiken Griechenlands hatte noch 300 Jahre später im kaiserlichen Rom zahlreiche Anhänger, die die philosophischen Gedanken der Stoa weiterentwickelten.

Einer der großen Meister der jüngeren Stoa war der Philosoph, Dramatiker und Staatsmann Lucius Annaeus Seneca (1 n.Chr.–65 n.Chr.). Schon zu seinen Lebzeiten war er ein Superstar, einer der meistgelesenen Autoren seiner Zeit. Bekannt ist er bis heute auch als Lehrer und Erzieher von Kaiser Nero. Ein Wirken, das wohl nicht von Erfolg gekrönt war. Der Tyrann Nero bezichtigte seinen alten Lehrer, an einem gescheiterten Mordkomplott gegen ihn beteiligt gewesen zu sein, und befahl ihm, sich selbst zu töten. Mit stoischer Gelassenheit und ohne zu zögern kam Seneca dem Befehl nach.

Seine Sicht auf das Leben und die Selbsttötung beschreibt er sehr deutlich und ausführlich in seinem 70. Brief an seinen Freund Lucilius.

„Über den freiwilligen Tod

Nach langer Zeit habe ich dein Pompeji wiedergesehen. Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit meiner Jugend. Sie stand mir wieder vor Augen. Alles, was ich als Jüngling getan, es kam mir vor, als könnte ich es jetzt noch tun und als hätte ich’s erst eben getan. Wir sind am Leben vorübergeschifft, mein Lucilius, und wie bei einer Meeresfahrt unserem Vergil zufolge so haben wir im Verlauf der rastlos eilenden Zeit zuerst unsere Kindheit dahinschwinden sehen, sodann unsere Jünglingszeit, sodann die zwischen Jugend- und Greisenalter liegende Zeit, die an beide grenzte, sodann die besten Jahre des Greisenalters selbst, und nun nähern wir uns der Grenze, die allen Menschen gesetzt ist. Wir halten sie für eine Klippe. Wir Toren! Ein Hafen ist sie, zuweilen erstrebenswert, niemals zu verschmähen. Wer in den ersten Lebensjahren dahin verschlagen wird, darf sich ebenso wenig beklagen wie der, welcher in schneller Fahrt dahin gelangte. Denn den einen hält, wie du weißt, das launenhafte Spiel der Winde zurück, ihn durch ihre ausgesuchte Trägheit bis zu völligem Überdruss ermüdend, während einen anderen eine immer frische Brise schnellstens ans Ziel bringt. Ebenso ergeht es uns: Die einen führt das Leben in raschem Verlaufe dahin, wohin sie auch bei zögerndem Schritte gelangen müssten, andere macht es mürbe und gar. Du weißt: Das Leben ist nicht wert, immer festgehalten zu werden; denn nicht das Leben an sich ist ein Gut, sondern nur das sittlich reine Leben. Daher lebt der Weise nicht, so lange er kann, sondern so lange die Pflicht es fordert. Er wird Umschau halten, mit wem und wie er leben wird und was er vornehmen wird, sein Sinnen und Denken geht nicht auf die Länge des Lebens sondern auf dessen Beschaffenheit.Tritt ihm viel Belästigendes und seine Gemütsruhe Störendes entgegen, dann wirft er die Fessel von sich, und er tut das nicht bloß in der äußersten Not, sondern sobald das Schicksal anfängt ihm verdächtig zu werden, geht er gewissenhaft mit sich zu Rate, ob er sofort ein Ende machen soll. Ihm kommt es nicht darauf an, ob er oder eine anderer sein Ende herbeiführe, ob es früher oder später eintrete. Er ist nicht in Furcht, als handle es sich um einen großen Verlust: an der Dachtraufe ist für niemanden viel verloren. Früher oder später zu sterben ist nicht von Belang; von Belang ist allein, ob du tadellos oder schimpflich stirbst. Tadellos zu sterben aber heißt der Gefahr entgehen, schlecht zu leben.

Ich halte es für eine unmännliche Äußerung, wenn jener Rhodier, den ein Tyrann in einen Käfig einsperren und wie ein wildes Tier füttern ließ, einem, der ihm riet, sich der Nahrung zu enthalten, die Antwort gab: ‚Solange der Mensch noch lebt, darf er alles hoffen.‘ Auch angenommen, dies sei wahr, so ist doch das Leben nicht um jeden Preis zu erkaufen. Mag manches, was uns winkt, auch noch so groß, noch so sicher sein, so möchte ich doch nicht durch ein schimpfliches Geständnis meiner Schwäche dazu gelangen. Was von beiden soll ich lieber denken? Dass das Schicksal gegen den, welcher lebt, alles vermag, oder dass das Schicksal gegen den, welcher zu sterben weiß, nichts vermag? Doch es gibt Fälle, wo der Weise, auch wenn ihm der sichere Tod bevorsteht und er weiß, dass seine Todesstrafe beschlossen ist, seine Hand nicht hergeben wird für Vollziehung derselben: Für sich selbst würde er sie hergeben. Torheit ist es, aus Furcht vor dem Tode zu sterben. Er kommt, der dich tötet; erwarte ihn. Warum hast du es so eilig? Warum machst du dich zum Vollstrecker der grausamen Anordnung eines anderen? Gönnst du es deinem Henker nicht oder willst du ihn schonen?

Sokrates hätte durch Enthaltsamkeit seinem Leben ein Ende machen können und durch Hunger statt durch Gift sterben. Gleichwohl verbrachte er dreißig Tage im Kerker und in Erwartung des Todes, nicht etwa in der Annahme, es könne noch alles Mögliche geschehen, eine so lange Zeit gebe mancherlei Hoffnung Raum, sondern um seine Gesetzestreue zu bewähren und um seine Freunde in die Lage zu bringen, sich des Umganges mit dem an der Schwelle des Todes stehenden Sokrates zu erfreuen. Was wäre törichter gewesen als den Tod zu verachten und das Gift zu fürchten?

Scribonia, eine würdevolle Frau, war die Vaterschwester des Drusus Libo, eines jungen Mannes, der ebenso töricht wie adelsstolz mit seinen ehrgeizigen Plänen höher hinauswollte als zu jener Zeit sonst einer oder er selbst zu irgendeiner Zeit sich zutrauen durfte. Als er in leidendem Zustand vom Senat in einer Sänfte nach Hause gebracht worden war – mit geringem (Leichen-)Gefolge, denn alle ihm Nahestehenden hatten ihn lieblos verlassen, als wäre er bereits tot und nicht bloß angeklagt –, trat er mit den Seinigen in eine Beratung darüber ein, ob er sich den Tod geben oder ihn erwarten solle. Da sagte Scribonia: ,Was hast du denn davon, wenn du anderer Geschäfte besorgst?‘ Ihre Worte hatten keinen Erfolg: Er legte Hand an sich und nicht ohne Grund. Denn wer drei oder vier Tage später nach seines Gegners Entscheidung sterben soll und sein Leben noch schont, der besorgt die Geschäfte anderer.

Man kann also schwerlich ein schlechthin allgemeines Urteil darüber abgeben, ob man, durch äußere Gewalt mit dem Tode bedroht, sich selbst im voraus den Tod geben oder ihn erwarten soll. Denn es gibt mancherlei, was uns nach beiden Seiten ziehen kann. Wenn die eine Todesart mit Folterqualen verbunden ist, die andere einfach und leicht, warum soll ich mich nicht an die letztere halten? Wie ich zu einer Seefahrt mir das Schiff und zu meiner Wohnung mir das Haus wähle, so wähle ich eine Todesart, um aus dem Leben zu scheiden. Zudem ist ja das längere Leben nicht unbedingt auch das bessere, während der längere Tod unbedingt der schlimmere ist. Es gibt nichts, worin wir so sehr der Stimmung der Seele Rechnung tragen müssen, als der Tod. Wähle sie sich ihren Ausweg gemäß dem Drange, der sie treibt; mag sie nach dem Schwerte greifen oder nach einem Strick oder nach einem die Adern durchdringenden Gifttrank, gleichviel, sie zerreiße ohne Zögern die Ketten der Knechtschaft! Für das Leben muss jeder auch Rücksicht nehmen auf die Billigung anderer, den Tod bestimme er ganz nach eigener Wahl; je mehr nach unserer Neigung, umso besser. Ein Tor, wer sich Gedanken macht wie diese: ,Der eine wird mir mangelnden Mut, der andere Übereiltheit vorwerfen, ein dritter wird sagen, es hätte doch irgendeine beherztere Todesart gewählt werden können.‘ Lass dich nicht irre machen! Nur der Entschluss ist wirklich der deinige, mit dem das Gerede der Leute nichts zu tun hat. Dein Augenmerk sei allein darauf gerichtet, dich so schnell als möglich der Gewalt des Schicksals zu entziehen. Ohnehin wird es an Leuten nicht fehlen, die über deine Tat ungünstig urteilen.

Es finden sich sogar Vertreter der Philosophie, die ein gewaltsames Lebensende für unerlaubt erklären und es für eine Sünde halten, sein eigener Mörder zu werden: Man müsse des Ausganges harren, den die Natur bestimmt hat. Wer so spricht, sieht nicht, dass er der Freiheit den Weg versperrt. Wie hätte das ewige Gesetz besser verfahren können als so, dass es uns einen Eingang ins Leben gab, der Ausgänge aber viele. Soll ich wirklich auf die Grausamkeit einer Krankheit oder eines Menschen warten, während es in meiner Macht steht, allen Folterqualen aus dem Wege zu gehen und mich aller Widerwärtigkeiten zu entledigen? Dies ist, das uns keinen Grund gibt, über das Leben zu klagen: Es hält niemanden fest. Es ist ein Trost für uns Menschen, dass niemand unglücklich ist außer durch eigene Schuld. Gefäll dir’s so lebe; gefällt dir’s nicht, so kannst du wieder hingehen, woher du gekommen. Um die Kopfschmerzen loszuwerden, hast du schon öfters Blut gelassen. Um die Körperfülle zu mindern, wird dir zu Ader gelassen. Es ist nicht nötig, die Brust durch eine weit klaffende Wunde zu spalten: ein Messerchen genügt, den Weg zu bahnen zu jener hochherrlichen Freiheit, ein einziger Stich sichert und die sorgenlose Ruhe.

Was ist es also, was uns träge und schlaff macht? Keiner von uns denkt daran, dass er doch einmal diese Wohnung verlassen müsse: So sehen sich alte Mietsleute durch die Gewohnheit an die liebgewordene Örtlichkeit gefesselt trotzt aller Unzuträglichkeiten. Willst du dich unabhängig machen von diesem Leib? Dann bewohne ihn als ein zur Auswanderung Bereiter. Stelle dir vor, dass du einst auf diese Gemeinschaft verzichten musst; dann wirst du mutiger sein, wenn es gilt, ihn zu verlassen. Doch wie sollen diejenigen an ihr Ende denken, deren Begehrlichkeit allseitig ins Endlose geht? Nichts fordert so dringend unser Nachdenken. Für andere Dinge übt man sich vielleicht ganz überflüssigerweise. Man hat sich innerlich auf die Armut vorbereitet; aber der Reichtum ist nicht von uns gewichen. Wir haben uns gerüstet zum Kampfe gegen den Schmerz als einen verächtlichen Gegner; allein die glückliche Veranlagung unseres unverletzten und gesunden Körpers verlangt nie von uns eine Probe dieser Tugend. Wir haben es uns zur Vorschrift gemacht, bei schmerzlichen Todesfällen den Sehnsuchtsschmerz tapfer zu bekämpfen; aber all unsere Lieben hat das Schicksal am Leben erhalten. Jene Vorbereitung dagegen ist die einzige für deren Erprobung der entscheidende Tag mit Bestimmtheit erscheinen wird.

Man glaube nicht, nur große Männer hätten die Kraft gehabt, die Bande der menschlichen Knechtschaft zu sprengen. Man meine nicht, dergleichen könne nur von einem Cato geschehen, der mit der bloßen Hand dem Leben den Ausgang verschaffte, den er mit dem Schwerte nicht hatte erzielen können. Menschen niedrigsten Standes haben sich mit feurigem Ungestüm in dieser Hinsicht zu sichern gewusst, und dass sie nicht nach ihrem Wunsche sterben und sich die Werkzeuge dazu nicht nach Belieben auswählen durften, so griffen sie nach allem, was ihnen gerade in die Hand kam, und machten mit ihrer Kraft zu Waffen, was von Natur nicht schädlich war.

Kürzlich trat im Tierkampf ein Germane, der für das Vormittagsspiel bestimmt war, angeblich zur Befriedigung eines Bedürfnisses aus: Es gab für ihn sonst keinen Ort, wohin er ohne Begleiter sich hätte entfernen können. Dort stieß er sich die zur Beseitigung des Unrates mit einem Schwamm versehene Holzstange tief in die Kehle hinein und gab infolge dieser Versperrung des Schlundes den Geist auf. Das heißt dem Tode Hohn antun. Recht so. Allerdings, Sauberkeit und Anstand kommen dabei zu kurz. Aber was wäre törichter als beim Tode nach Anstand zu fragen? Heil diesem Helden, der würdig gewesen wäre, seinen Tod sich wählen zu dürfen! Wie tapfer hätte er das Schwert gehandhabt, wie mutig hätte er sich in die Tiefe des Meeres oder in den Abgrund einer Felsenschlucht gestürzt! Aller Hilfe beraubt fand er doch den Weg, sich zum alleinigen Herren über seinen Tod und die dazu dienliche Waffe zu machen, zum Beweise, dass es zum Tode kein Hemmnis gibt als den Willen. Urteile jeder nach Gutdünken über die Tat dieses trotzig entschlossenen Mannes; aber so viel steht fest: auch der schmutzigste Tod ist der saubersten Knechtschaft vorzuziehen.

Einmal hineingeraten in das Fahrwasser der den niederen Schichten entnommenen Beispiele, will ich dabei auch bleiben. Denn jeder wird an sich selbst höhere Anforderungen stellen, wenn er sieht, dass der Tod auch von den Verachtetsten verachtet werden kann. Einen Cato, einen Scipio und wie sie sonst heißen, deren Namen wir mit Bewunderung zu hören gewohnt sind, halten wir für erhaben über alle Nachahmung. So will ich denn zeigen, dass nicht weniger Beispiel dieser Tugend bei dem Schauspiel der Tierkämpfe vorkommen als bei den führenden Männern im Bürgerkrieg. Als kürzlich ein für die Tierkämpfe Bestimmter unter starker Bewachung auf einem Karren zu diesem Morgenspiel gefahren wurde, stellte er sich, als ob er von Müdigkeit überwältigt eingenickt wäre, und senkte seinen Kopf so tief, bis durch den Umschwung des Rades das Genick brach. Derselbe Karren, der ihn zu dem tödlichen Spiel führen sollte, verhalf ihm zur Flucht vor demselben.

Nichts steht dem im Wege, der sich seiner Umgebung entziehen will. Die Natur hält uns in ihrer Obhut, lässt uns aber reichliche Freiheit. Wem seine bedrängte Lage es noch erlaubt, der suche einen leicht erträglichen Ausgang; wem mehrere Mittel zur Hand sind, sich in Freiheit zu setzen, der treffe eine Auswahl und erwäge, welches das beste ist, um zur Freiheit zu gelange; für wen sich aber nur schwer eine Gelegenheit finden will, der greife zu dem ersten besten, mag es auch ungewöhnlich, mag es auch unerhört sein. Wem zum Tode der Mut nicht fehlt, der wird dazu auch Erfindungsgabe genug haben: Siehst du doch, wie auch die Sklaven niederster Sorte, wenn ihre traurige Lage sie zu dem Äußersten anstachelt, sich ermannen und die strengsten Wächter täuschen. Der ist ein großer Mann, der den Tod nicht nur über sich verhängt, sondern auch die Art desselben zu finden weiß. Ich habe dir aus dem gleichen Berufskreis mehrere Beispiele versprochen. Bei der zweiten Aufführung der Seeschlacht stieß sich einer der Barbaren die Lanze, die er zum Kampfe wider die Gegner empfangen hatte, tief in die Kehle. Er sagte sich: ,Warum, warum entziehe ich mich nicht schon längst jeder Macht, jedem Hohn? Jetzt habe ich eine Waffe, warum warte ich auf den Tod?‘ Dieses Schauspiel war umso großartiger, je ehrenvoller es für den Menschen ist, sterben als töten zu lernen. Wie steht es also? Einen Mut, den die Vertreter der niedrigsten und gefährlichsten Menschenschicht besitzen, sollen diejenigen nicht haben, die sich für solche Fälle durch anhaltendes Nachdenken unter Führung der Vernunft, dieser Lehrerin aller Dinge, gerüstet haben? Sie, die Vernunft, lehrt uns, dass das Schicksal mancherlei Eintrittsweisen in das Leben gestattet, dass das Ziel aber das gleiche ist und dass es nichts ausmache, welches der Ausgangspunkt dessen sei, was da kommt. Eben diese Vernunft rät uns, wenn es angeht, nach unserer Wahl zu sterben, aber im anderen Falle nach Maßgabe dessen, was in unserer Macht steht, und jedes sich bietende Mittel zu benutzen, um uns Gewalt anzutun. Es ist unrecht, vom Raube zu leben, aber nicht schöner als zu sterben durch das, was man durch Raub in seine Gewalt gebracht hat.“ 23

Dieser Text lässt sich nur in seiner Gesamtheit wiedergeben, weil eine Verkürzung auch eine Verfälschung des Sinns bedeuten würde. Aber selbst die vollständige Widergabe des Textes verhindert nicht, dass dieser Text falsch verstanden wird.

Seneca nimmt in diesem Text kein Blatt vor den Mund. Sprache und Inhalt sind extrem. Auch wenn Seneca hier ungeschminkt über Selbsttötung spricht, seine Philosophie, seine Lehren erzählen von den Mitteln und Wegen des Weisen, sein Leben durch die Vernunft in Gelassenheit und mit Seelenfrieden zu meistern. Aus seinen Lehren spricht eine große Liebe zu einem tugendhaften Leben.

Weder Seneca noch die Philosophie der Stoa stellen dem Menschen einen Freibrief auf ein allgemeines Recht zur Selbsttötung aus. Nur unter ganz bestimmten Bedingungen und in bestimmten Situationen räumen sie dem Menschen die Freiheit ein, sich zu töten. Diese Bedingungen beziehen sich vor allem auf den Verlust der Freiheit (Leben in der Tyrannei) oder auf den Verlust des freien und vernünftigen Bewusstseins aufgrund von Krankheit, Qualen und Schmerz.

Aber ob die Stoa dem Menschen das Recht einräumt, sich ohne äußeren Druck und Zwang zu töten, bleibt zu bezweifeln.

Auch Seneca selbst handelte auf Befehl (Zwang) von Nero, so wie Sokrates nach dem Todesurteil der Geschworenen. Beide begingen Selbsttötung auf Zwang, aber sie handelten bewusst, töteten sich selbst, um der Hand des Henkers zu entkommen.

Von der Scham zur Sünde

Die Philosophie der Stoiker hatte zahlreiche Anhänger im antiken Rom.

Die Liste der Menschen, die sich selbst getötet haben und sich dabei auf die Stoa beriefen, war dementsprechend lang.

Der Verlust oder drohende Verlust von Ehre, Macht oder Freiheit waren häufige Motive in der politischen Oberschicht:

Cassius, einer der Hauptverschwörer gegen Caesar, ließ sich von seinem Sklaven umbringen.

Cato der Jüngere tötete sich mit dem Schwert, nachdem Caesar im Bürgerkrieg den Sieg davongetragen hatte.

Porcia, Gattin des Brutus und Tochter von Cato, beendete ihr Leben durch Selbsttötung, nachdem sie vom Tod ihres Gatten erfahren hatte.

Es könnte der Eindruck entstehen, dass im antiken Rom die Selbsttötung gesellschaftlich geduldet wurde, dass sie fast an der Tagesordnung war und in Einzelfällen gar ehrenhaft.

Aber wie häufig war die Selbsttötung in der Antike wirklich? Manche Wissenschaftler wie Anton van Hooff haben für die Antike eine Selbstmordquote von 0,02 pro 100.000 Menschen errechnet.24 Im Vergleich dazu lag die Selbstmordrate in Deutschland 2009 mit 11,7 pro 100.000 Einwohnern um ein Vielfaches höher.

Wirklich exakt beschreiben – weder Zahlen noch ein konkretes Bild – lässt sich die Selbsttötung in der Antike nur schwer. Die meisten Quellen zum Thema sind literarischer Natur: Schriften von Philosophen, Geschichtsschreibern oder Dichtern. Sie vermitteln eine Wertvorstellung, eine Ethik und Moral der Menschen im alten Griechenland und Rom und lassen nur indirekte Schlüsse auf das Bild der Gesellschaft zu.

Richtig ist, es gab im antiken Rom weder Gesetze noch religiöse Vorschriften, die die Selbsttötung ausdrücklich untersagten. Das römische Recht billigte allerdings keine Selbsttötung oder den Versuch der Selbsttötung, wenn diese mutwillig oder aus niedrigen Motiven passierten.

So konnte zum Beispiel ein Soldat, der versucht hatte, sich das Leben zu nehmen, mit dem Tod bestraft werden. Bürger, die für schuldig befunden wurden, dass sie aus niederen Motiven und von eigener Hand aus dem Leben geschieden waren, wurden selbst nach erfolgreicher Selbsttötung enteignet. Sie verloren Ehren, Hab und Gut. Sklaven oder Bedienstete, die nicht versucht hatten, den Selbstmord ihres Herren zu verhindern, wurden ebenfalls mit dem Tod bestraft.

Ein Beispiel für letzteren Fall ist der Leibarzt von Kaiser Hadrian: Um der drohenden Todesstrafe zu entkommen und um seinen heiligen Eid nicht zu brechen, beging der Leibarzt von Kaiser Hadrian Selbstmord. Der Kaiser, der sich selbst töten wollte, hatte seinen Arzt zuvor um Hilfe für seine beabsichtigte Selbsttötung gebeten.

Wie ist diese Tat aus Sicht der heutigen Zeit zu verstehen?

Wie verdutzt wäre der Patient, der seinen Arzt um Sterbehilfe bittet, und dieser dann, weil er der Bitte seines Patienten nicht nachkommen kann, Selbstmord begeht?

Dieser Vergleich, diese Frage klingt am Anfang fast lächerlich. Aber sie soll zeigen, wie schwer es ist, die Antike mit dem Heute zu vergleichen, und natürlich umgekehrt, wie schwer es ist, aus dem Heute heraus das Denken und Handeln der Menschen in der Antike wirklich zu verstehen.

Vor der altrömischen Rechtsprechung und in den Augen der Gesellschaft entschuldbare Gründe für eine Selbsttötung waren:

Rache des Schwachen (exsecratio).

Demonstrative Selbsttötung (iactatio).

Selbsttötung unter Zwang (necessitas).

Lebensüberdruss (taedium vitae).

Plötzliche Geistesverwirrung (furor).

Nichtertragen eines körperlichen Leidens (impatientia dolores).

Ergebenheit (devotio).

Treue (des Untergebenen) (fides).

Trauer (dolor).

Verzweiflung (desperatio).

Schuldbewusstsein (mala conscientia).

Scham (pudor).

Eine genauere Beschreibung dieser Motive findet sich wiederum bei Anton van Hooff.25 Er hat diese Motive auch in akribischer Kleinstarbeit nach der Häufigkeit ihres Vorkommens unterteilt und kommt zu dem Schluss: „Es ist wohl kein Zufall, dass der Kategorie des ,shame‘ (Scham) der größte Anteil zukommt, während ,guilt‘ (Schuldbewusstsein) in der Form der mala conscientia die kleinste Motivkategorie darstellt. Es lassen sich leicht viele Beispiele (für das Motiv ,Scham‘) anführen, in denen Menschen ihre Ehre zu retten suchen. Es handelt sich dabei vor allem um Befehlshaber, die besiegt worden sind, Politiker, die ihren Sturz nicht verkraften können, und Frauen, die vergewaltigt worden sind.“ 26

Die Vergewaltigung der für ihre Schönheit und Tugend berühmten Lucretia und ihre anschließende Selbsttötung sind zu einem Mythos geworden. In der Literatur, in der Malerei und in der Musik wurde das Thema immer wieder neu aufgegriffen und verarbeitet.

Der römische Geschichtsschreiber Titus Livius berichtet, dass der Königssohn Sextus Tarquinius während der Abwesenheit von Lucretias Ehemann unter einem Vorwand in ihr Gemach eindrang, um sie zu vergewaltigen. Zuerst drohte er ihr mit dem Schwert. Doch sie blieb standhaft und erklärte, lieber sterben zu wollen, als ihrem Ehemann untreu zu werden. Daraufhin drohte er, ihren Leichnam neben den eines toten Sklaven zu legen und den anderen zu berichten, er habe sie beide töten müssen, weil er sie auf frischer Tat ertappt habe. Angesichts dieses drohenden Ehrverlustes ließ Lucretias die Vergewaltigung über sich ergehen. Am folgenden Tag rief sie ihren Mann und ihren Vater zu sich, berichtete ihnen, was geschehen war, und überzeugte sie von ihrer Unschuld. Dann stieß sie sich in ihrem Beisein den Dolch in die Brust und starb. Die Gewalttat löste einen Aufstand im Volk aus. Der letzte König von Rom wurde gestürzt. Die Schändung der Lucretia markiert den Beginn der römischen Republik.

Ob dieses Geschichte, die etwa auf das Jahr 510 v.Chr. datiert wird, sich wirklich zugetragen hat oder ins Reich der Dichtung und Sagen gehört – so wie es viele Historiker vermuten –, ist in diesem Kontext belanglos.

Lucretia galt im antiken Rom und gilt auch heute (wieder) als Vorbild der weiblichen Ehrhaftigkeit. Warum das Wort „wieder“ im letzten Satz in Klammern eingefügt ist, wird gleich klar. Das Motiv von Lucretias Selbsttötung war die Scham (über die verletzte Ehre), zumindest aus der Sicht der Menschen im antiken Rom.

Aber Ende des 4. Jahrhunderts n.Chr., Kaiser Konstantin der Große hatte gerade als erster römischer Kaiser das Christentum über die Götterwelt des Jupiters erhoben, lebte und wirkte der Theologe und Philosoph Aurelius Augustinus (354–430).

Der unerbittliche Kirchenmann beschäftigte sich in seinen Werken unter anderem auch mit den Themen Keuschheit und Selbsttötung und kam in diesem Zusammenhang auch auf Lucretia zu sprechen. Eine Frau – ob Sagengestalt oder Wirklichkeit –, deren Vorbildlichkeit an Tugend seit mehr als 900 Jahren hochgehalten wurde, die schon zur damaligen Zeit ein Mythos war, stürzte er vom Sockel und stieß sie in den Dreck.

Die Argumentation des „heiligen Kirchenvaters“, wie er heute noch genannt wird, lässt den Atem stocken. In seinem Werk „De civitate Dei“, „Vom Gottesstaat“, schrieb er:

„Sie (die Römer) rühmen freilich gar hoch ihre Lucretia, eine vornehme Römerin der alten Zeit. Als sich der Sohn des Königs Tarquinius ihres Leibes unter Vergewaltigung bemächtigte, seine Lust zu büßen, zeigte sie die Schandtat des verworfenen jungen Mannes ihrem Gemahl Collatinus und ihrem Verwandten Brutus an, zwei rühmlich bekannten und tapferen Männern, und nahm ihnen das Versprechen ab, sie zu rächen. Danach beging sie Selbstmord, da sie den Kummer über den an ihr verübten Frevel nicht ertragen konnte. Was ist dazu zu sagen? Soll man sie für eine Ehebrecherin oder für eine keusche Frau halten? Wer möchte sich mit dieser Frage den Kopf zerbrechen? Trefflich und der Wahrheit entsprechend hat jemand darauf das Wort geprägt: ‚Sonderbar, zwei waren es und nur einer hat den Ehebruch begangen.‘ Sehr schön und sehr wahr. Er sah bei der Vermischung der zwei Leiber auf die unreine Begierde des einen und den keuschen Sinn der andern und faßte nicht das ins Auge, was durch Vereinigung der Leiber geschah, sondern das, was in den ungleichen Seelen vor sich ging, und konnte so sagen: ‚Zwei waren es und nur einer hat den Ehebruch begangen.‘

Aber wie kommt es, daß die, die den Ehebruch nicht begangen hatte, eine schwerere Strafe davontrug? Der Wüstling wurde nämlich mitsamt seinem Vater verbannt, die Frau aber traf die härteste aller Strafen. Wenn Erleiden von Vergewaltigung keine Unkeuschheit, so ist Bestrafung einer keuschen Frau keine Gerechtigkeit. Euch rufe ich auf, römische Richter und Gesetze! Ihr wolltet ja unter Strafe bei vorfallenden Verbrechen nicht einmal den Übeltäter, bevor er verurteilt wäre, dem Tod überliefert wissen. Brächte man also dieses Verbrechen vor euer Gericht und bewiese man euch, daß hier ein Weib nicht nur ohne vorgängiges Urteil, sondern selbst ein keusches und schuldloses Weib zu Tode gebracht worden sei, würdet ihr den, der das getan, nicht mit gebührender Strenge strafen? Das hat Lucretia getan, ja, die vielgepriesene Lucretia hat die schuldlose, keusche, vergewaltigte Lucretia auch noch getötet. Fället das Urteil! Könnt ihr das nicht, weil die Schuldige nicht vor Gericht steht, warum rühmt ihr dann mit soviel Preisen die Mörderin einer schuldlosen und keuschen Frau? Und doch könnt ihr sie bei den Richtern der Unterwelt, wären sie auch von der Art, wie sie in den Liedern eurer Dichter besungen werden, durchaus nicht verteidigen, da sie unter denen ihren Platz hat. (…)

Oder ist sie vielleicht deshalb nicht in der Oberwelt, weil sie nicht frei von Schuld, sondern mit schlechtem Gewissen Selbstmord verübt hat? Wie wenn sie dem jungen Mann, der ja freilich gewalttätig über sie herfiel, auch durch eigene Lust gereizt zustimmte und sich darüber so heftige Vorwürfe machte, daß sie die Sünde durch den Tod sühnen zu sollen vermeinte? (…)

Die ganze Sache spitzt sich eben darauf zu: Entschuldigt man den Mord, so bestätigt man den Ehebruch; leugnet man den Ehebruch, so belastet man umso mehr den Mord; man findet überhaupt keinen Ausweg aus dem Dilemma: War sie ehebrecherisch, warum rühmt man sie? War sie keusch, warum tötete sie sich?“ 27

Noch einmal lesen. Dann tief Luft holen: In diesen und ähnlichen Schriften wurden die ethischen Werte der Antike auf dem Altar Gottes zerschlagen. Augustinus macht aus einer Selbsttötung aus Scham einen Selbstmord aus Schuldbewusstsein. Kurz gesagt und noch einmal wiederholt: Lucretia war nicht keusch und hat sich deswegen getötet. Sprich, sie hatte mit Lust und/oder mit ihrer Einwilligung den Akt der Vergewaltigung passieren lassen.

Die Sünde ist an die Stelle der Scham getreten.

Und an die Stelle des „willentlichen Todes“ des „mors voluntaria“ stellt Kirchenvater Augustinus unmissverständlich den Selbstmord:

„Allerdings nämlich ist (…) auch der Selbstmörder ein Mörder, und er lädt durch den Selbstmord umso größere Schuld auf sich, je weniger er schuld ist an der Ursache, die ihn zum Selbstmord treibt.“ 28

Wer heute das Wort Selbstmord benutzt, und mag es noch so gebräuchlich weil umgangssprachlich sein, der sei an die Worte des Augustinus erinnert:

„Allerdings ist (…) auch der Selbstmörder ein Mörder (…).“

Die Wertung, die mit diesem Wort einhergeht, ist für Täter-Opfer und die Hinterbliebenen gleichermaßen unerträglich. In diesem Zusammenhang wird die (zerstörerische) Macht der Sprache zu sehr unterschätzt.

Christliche Verdammung

Mit dem Untergang des Römischen Reichs und der Verbreitung des Christentums im Abendland nimmt die theologische Verdammung der Selbsttötung zum Selbstmord ihren Lauf, und das nicht nur im Sinn des wörtlichen Gebrauchs.

Die Bibel konnte für diese Art des Kreuzzugs jedoch nicht zitiert werden. An keiner Stelle des heiligen Buchs findet sich eine Verurteilung der Tat oder der Täter. Im Gegenteil, an sechs Stellen im Alten Testament und an einer Stelle im Neuen Testament wird von mehreren Selbsttötungen berichtet:

1. Die Selbsttötung des Abimelech, Buch der Richter, 9. Buch, Vers 52–54. Abimelech will seine Ehre gerettet wissen, seine Ehre als Mann und Krieger. Es heißt:

„52 Abimelech rückte an die Burg heran und eröffnete den Kampf gegen sie. Als er sich dem Burgtor näherte, um es in Brand zu stecken,

53 warf eine Frau Abimelech einen Mühlstein auf den Kopf und zerschmetterte ihm den Schädel.

54 Da rief er seinen Waffenträger und sagte zu ihm: Schnell, zieh dein Schwert und töte mich! Man soll nicht von mir sagen: Eine Frau hat ihn umgebracht. Der junge Mann durchbohrte ihn und er starb.“

2. Die Selbsttötung des Simson, Buch der Richter, 16. Buch, Vers 25–31. Simson opfert sich für sein Volk. Es steht geschrieben:

„25 Als sie guter Dinge waren, sagten sie: Ruft Simson her, wir wollen unseren Spaß mit ihm treiben. Und sie ließen Simson aus dem Gefängnis holen, damit er ihr Spaßmacher sei. Sie stellten ihn zwischen die Säulen.

26 Simson aber sagte zu dem Jungen, der ihn an der Hand führte: Lass mich los, ich will die Säulen betasten, von denen das Haus getragen wird, und mich daranlehnen.

27 Das Haus war voll von Männern und Frauen; alle Fürsten der Philister waren da und auf dem Flachdach saßen etwa dreitausend Männer und Frauen. Sie alle wollten Simson als Spaßmacher sehen.

28 Simson aber rief zum Herrn und sagte: Herr und Gott, denk doch an mich und gib mir nur noch dieses eine Mal die Kraft, mein Gott, damit ich an den Philistern Rache nehmen kann, wenigstens für eines von meinen beiden Augen.

29 Dann packte Simson die beiden Mittelsäulen, von denen das Haus getragen wurde, und stemmte sich gegen sie, gegen die eine mit der rechten Hand und gegen die andere mit der linken.

30 Er sagte: So mag ich denn zusammen mit den Philistern sterben. Er streckte sich mit aller Kraft und das Haus stürzte über den Fürsten und über allen Leuten, die darin waren, zusammen. So war die Zahl derer, die er bei seinem Tod tötete, größer als die, die er während seines Lebens getötet hatte.

31 Seine Brüder und die ganze Familie seines Vaters kamen herab; sie holten ihn, brachten ihn heim und begruben ihn zwischen Zora und Eschatol im Grab seines Vaters Manoach. Simson war zwanzig Jahre lang Richter in Israel.“

In Vers 31 steht geschrieben, wie Simson mit allen Ehren im Kreis seiner Familie im Grab seines Vaters beigesetzt wird. Von den Kirchenvätern des Mittelalters wurde dem „Selbstmörder“ eine normale Bestattung versagt. Dazu später mehr.

3. Die Selbsttötung des Saul, erstes Buch Samuel, Kapitel 31, Vers 2–4:

„2 Die Philister verfolgten Saul und seine Söhne und erschlugen Sauls Söhne Jonatan, Abinadab und Malkischua.

3 Um Saul selbst entstand ein schwerer Kampf. Die Bogenschützen hatten ihn getroffen und er war sehr schwer verwundet.

4 Da sagte Saul zu seinem Waffenträger: Zieh dein Schwert und durchbohre mich damit! Sonst kommen diese Unbeschnittenen, durchbohren mich und treiben ihren Mutwillen mit mir. Der Waffenträger wollte es nicht tun; denn er hatte große Angst. Da nahm Saul selbst das Schwert und stürzte sich hinein.“

4. Auch Sauls Waffenträger bringt sich mit dem eigenen Schwert um, erstes Buch Samuel, Kapitel 31, Vers 5:

„5 Als der Waffenträger sah, dass Saul tot war, stürzte auch er sich in sein Schwert und starb zusammen mit Saul.“

5. Ahitofel, einer der Ratgeber von König David, tötet sich selbst, nachdem seinen Umsturzpläne gescheitert waren. Im zweiten Buch Samuel, Kapitel 17, Vers 23, heißt es:

„23 Als Ahitofel sah, dass sein Rat nicht ausgeführt wurde, sattelte er seinen Esel, brach auf und kehrte in seine Heimatstadt zurück. Dann bestellte er sein Haus und erhängte sich. So starb er und man begrub ihn im Grab seines Vaters.“

Auch diesem „Selbstmörder“ in der Bibel wird eine ehrenvolle Bestattung zuteil.

6. Simri bringt sich um. Das erste Buch der Könige erzählt in Kapitel 16, Vers 15–18, folgende Begebenheit:

„15 Im siebenundzwanzigsten Jahr des Königs Asa von Juda war Simri sieben Tage König in Tirza. Das Volk belagerte damals Gibbeton, das den Philistern gehörte.

16 Als das Kriegsvolk während der Belagerung hörte, dass Simri eine Verschwörung angezettelt und den König erschlagen hatte, rief ganz Israel Omri, den Befehlshaber des Heeres, noch am gleichen Tag im Lager zum König von Israel aus.

17 Omri zog nun mit ganz Israel von Gibbeton hinauf und schloss Tirza ein.

18 Als Simri sah, dass die Stadt genommen war, zog er sich in den Wohnturm des königlichen Palastes zurück, steckte den Palast über sich in Brand und fand den Tod.“

Der einzige Bericht über einen Selbstmord im Neuen Testament bezieht sich auf den Jünger und späteren Verräter Jesu, Judas. Dazu heißt es im Evangelium des Matthäus, Kapitel 27, Vers 3–5:

„3 Als nun Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass Jesus zum Tod verurteilt war, reute ihn seine Tat. Er brachte den Hohenpriestern und den Ältesten die dreißig Silberstücke zurück

4 und sagte: Ich habe gesündigt, ich habe euch einen unschuldigen Menschen ausgeliefert. Sie antworteten: Was geht das uns an? Das ist deine Sache.

5 Da warf er die Silberstücke in den Tempel; dann ging er weg und erhängte sich.“ 29

Auch an dieser Stelle in der Bibel wird selbst Judas für seinen Selbstmord nicht verurteilt.

Aber was Matthäus und die anderen Schreiber des Neuen Testaments versäumt haben, holte Kirchenvater Augustinus nach. Er machte aus Judas in wenigen Sätzen vom Verräter zum Verbrecher im doppelten Sinn. Wobei sein „Selbstmord“ als Verbrechen noch schwerer zu bewerten ist als sein Verrat. Augustinus schreibt:

„(…) wenn wir schon die Tat des Judas mit Recht verabscheuen und die Wahrheit über ihn urteilt, daß er durch seinen Tod am Stricke das Verbrechen des frevelhaften Verrates eher gesteigert als gesühnt hat, weil er an der Barmherzigkeit Gottes verzweifelnd, sich einer unheilvollen Reue überließ und sich so die Möglichkeit einer heilsamen Reue versperrte, um wieviel mehr muß man sich vor dem Selbstmord hüten, wenn man keinen Anlaß hat, irgend etwas durch eine solche selbst vollzogene Strafe zu sühnen! Judas nämlich hat, da er Selbstmord beging, zwar einen verbrecherischen Menschen getötet, aber er hat dadurch gleichwohl sein Leben geendet, schuldbeladen nicht nur mit Christi Tod, sondern auch mit dem eigenen Tod, weil er dem Tode anheimfiel zwar wegen seines Verbrechens, aber eben durch ein neues Verbrechen von seiner Seite.“ 30

Augustinus stellt fest, dass an keiner Stelle der Bibel dem Menschen das Recht auf Selbsttötung ausdrücklich eingeräumt wird. Er schreibt: „Keine Schriftstelle gewährt den Christen das Recht des freiwilligen Todes, in welcher Lage immer sie sich finden.

Denn nicht umsonst kann man in den heiligen und kanonischen Büchern nirgends ein göttliches Gebot noch auch die Erlaubnis ausgesprochen finden, sich selbst das Leben zu nehmen, um das unsterbliche Leben zu erlangen oder irgend ein Übel zu meiden oder zu beseitigen.“31

Im weiteren Text bezieht sich Augustinus ausdrücklich auf das 5. Gebot, das seiner Meinung nach nur wie folgt verstanden werden kann: „Vielmehr ist das Verbot hierher zu beziehen: ,Du sollst nicht töten.‘ (…) Weder einen andern noch dich sollst du töten. Denn wer sich selbst tötet, tötet eben auch einen Menschen.“ 32

Wer sich selbst tötet – aus welchem Motiv auch immer –, macht sich also laut Augustinus nach dem 5. Gebot vor Gott strafbar. Er begeht eine Todsünde. Und wie vorher schon klar gesagt, steht er mit dem Mörder auf einer Stufe.

Augustinus liefert das Gedankengut, aus dem Philosophen, Kirchenlehrer, Päpste und Konzile in den nächsten Jahrhunderten den Selbstmörder zu einem Schwerverbrecher machen, der sich an Gott, an der Gesellschaft und an sich selbst vergeht.

So wie Aristoteles und Augustinus spricht sich auch Thomas von Aquin (1225–1274), Dominikanermönch,Theologe und Philosoph, in aller Schärfe gegen den Selbstmord aus. In seiner „Summa Theologica“ schreibt er: „Von Natur aus liebt jedes Lebewesen sich selbst und strebt danach, sein Leben zu erhalten – außer dem Selbstmörder, der sich deshalb versündigt. (…) Der Mensch ist ein Teil der Gemeinschaft, und folglich gehört das, was er ist, der Gemeinschaft. Mithin begeht derjenige, der sich umbringt, gegenüber der Gemeinschaft ein Unrecht. Da der Mensch sein Leben als Geschenk von Gott empfängt und nur dieser über Leben und Tod entscheiden darf, versündigt sich der Selbstmörder gegen Gott.“

Auf den Synoden und Konzilen wurden immer weitere Kirchengesetze gegen Selbstmord und Selbstmörder festgeschrieben: Auf dem zweiten Konzil 533 in Orleans wurde der Selbstmord als schlimmstes aller Verbrechen verurteilt. Auf dem Konzil von Toledo 693 wurde beschlossen, dass Selbstmörder auch posthum exkommuniziert werden.

Der Priester und große Philosoph Giordano Bruno (1548–1600), selbst von der Inquisition der Ketzerei und Magie für schuldig befunden und zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt, bezeichnete Selbstmörder als die „Märtyrer Satans“.

Die weltlichen Strafgesetze lehnten sich im Mittelalter wiederum eng an die kirchlichen Vorgaben an. Kriege und Seuchen forderten in einem mittelalterlichen Europa ihren Tribut. Umso mehr war es ein Verbrechen an der Allgemeinheit, sich selbst zu töten. In den totalitären Staaten war dem einfachen Bürger fast jede Art der Selbstbestimmung genommen. Das bezog sich natürlich auch auf das Recht, sich selbst zu töten. Da waren sich Staat und Kirche einig.

Selbstmörder haben mit ihrem Verbrechen eine Sühne unmöglich werden lassen. Sie wurden exkommuniziert, hatten kein Anrecht auf ein kirchliches Begräbnis innerhalb der Friedhofmauern. Die Leichen wurden zum Galgen geschleppt, an den Füßen aufgehängt und zur öffentlichen Schändung und Schmähung freigegeben. Der Selbstmörder wurde posthum enteignet. Der Selbstmordversuch wurde, wenn gescheitert, vor Gericht gebracht. Der Angeklagte wurde dann nicht selten mit dem Tod bestraft. Wenn er Glück hatte, kam er „nur“ ins Zuchthaus oder wurde des Landes verwiesen.

Von einem Fall steht geschrieben, dass der Selbstmörder drei Tage hängen gelassen wurde, sein Leichnam wurde aus dem Fenster gestürzt, dann bekam er 25 Stockstreiche, wurde in acht Teile zerschnitten, jeder Teil wurde in Stroh gewickelt und verbrannt. 33

Über eine Selbstmörderbestattung im Jahr 1608 in Knetzgau, Unterfranken:

„Eine 60jährige hatte sich erhängt. Die Erhängte wurde vom Strick geschnitten und oben vom Boden des Hauses in die Gasse geworfen. Dort blieb sie von Donnerstag früh bis Samstag spät Abend im November liegen. Später wurde sie fernab der Gemeinde vergraben. Hunde haben sie daraufhin ausgescharrt. Weil alle umliegenden Gemeinden sich weigerten, die Frau zu begraben, ließ der Freund der Erhängten ein Fass bringen, in das er den Leichnam ferschte, das Fass verschloss und in die Wasser des Mains warf.“ 34

Kirche, Staat und Gesellschaft ließen jahrhundertelang rohen Sadismus walten, wenn es um die Verurteilung und Behandlung eines Menschen ging, der sich selbst getötet oder dieses versucht hatte. Das Gedankengut, aus dem dieses abartige Verhalten erwuchs, war eine Mischung aus vorgegebener Moral von rigider, kirchlicher wie weltlicher Obrigkeit auf der einen Seite und aus Furcht und Unwissenheit des einfachen Volkes auf der anderen Seite. Eine verderbte Mixtur aus Glaube, Gesetz und Aberglaube. Das zeigen auch die Eintragungen im „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“. Unter dem Stichwort „Selbstmörder“ steht:

„Die christliche Kirche, besonders Augustinus, bekämpften den Selbstmord, stellen ihn dem Morde gleich und stempeln ihn so zur Todsünde. Der Einfluß der Kirche machte sich nach und nach sowohl im Recht als auch in der Auffassung des Volkes geltend: Der Selbstmörder wird als Verbrecher behandelt, die Strafe wird am Leichnam vollzogen; er gerät in die Klasse der vorzeitig oder auf gewaltsame Art Verstorbenen, wird zum bösartigen Wiedergänger und darum mit allerlei Abwehrriten umgeben. (…)

Die Veranlassung zum Selbstmord wird schon von Augustin und Luther dem Teufel zugeschrieben. Auch nach dem (…) Volksglauben hilft der Teufel dabei; teuflisch ist wohl auch die schöne Musik, die einer zu hören glaubt, wenn er sich umbringen will. Gewisse Leute sind zum Selbstmord prädestiniert: Wer zwei Haarwirbel hat. (…)

Groß ist die Scheu vor der Leiche eines Selbstmörders. Früher wurde, wer einen Erhängten vom Strick losmachte, unehrlich. Man wagte die Leiche nicht zu berühren. Man gibt dem Gehängten eine Ohrfeige, bevor man ihn abschneidet, sonst dreht er einem den Hals um. Auch die Gegenstände, die zum Selbstmord dienten oder zum Begräbnis gebraucht werden, erhalten etwas Gefährliches, müssen beseitigt werden. Der Baum, woran sich einer hängte, verdorrt, der Balken muß ersetzt oder vernichtet werden. Bahre und Grabladen werden entzweigesägt und aufs Grab gelegt. Strick, Messer, ein Stück vom Balken müssen ihm mitgegeben werden. Auch Geld erhält er mit, damit er nicht zurückkehre. Seine Habe behält etwas Unheimliches an sich; wer in seinem Bett schläft, wird geplagt; sein Bild schwitzt am Tage des Selbstmords. (…)

Weil der Selbstmörder als Wiedergänger gefürchtet wird, werden allerlei Abwehrmittel angewandt. In früherer Zeit suchte man den Toten durch Vernichtung, Entfernung oder andere an oder mit der Leiche vollzogene Maßnahmen unschädlich zu machen. Meist wurde es von Gerichts wegen als Strafe dem Toten auferlegt und als bloße Entehrung ausgelegt.

Im 16. Jahrhundert wurden Selbstmörder verbrannt. (…) Früher, schon im 14. Jahrhundert, ließ man die Leiche ‚rinnen‘, das heißt, sie wurde in ein Faß verschlossen und in ein fließendes Wasser geworfen. Die Gefahr wurde dadurch weggeschwemmt. (…) Seltener war Versenken in einem Sumpf (…) oder begraben an eine Flutgrenze am Strande. Der Tote wurde auch unschädlich gemacht durch Pfählen oder Köpfen. Beim Wegschaffen der Leiche war oft üblich, sie auf einer Kuhhaut zu schleifen. (…) Die Leichen wurden bis in neuere Zeit nicht durch die Tür hinausgetragen, sondern durch ein Loch in der Wand, durchs Fenster, durchs Dach oder unter der Schwelle durch hinausgeschafft. (…) Sie dürfen nicht durchs Friedhofstor geführt werden, sondern müssen verkehrt über die Mauer gehoben werden. Man führt sie auf Nebenwegen. Sie werden mit dem Gesicht nach unten in den Sarg gelegt; man trägt die Leiche mit dem Kopf voraus. Türschlösser werden verändert, Schwellen entfernt, Türen versetzt. Die Leiche wird nicht gewaschen und bekommt keine besonderen Kleider. (…)

Die Kirche strafte den Selbstmörder, indem sie ihre Teilnahme am Begräbnis verweigerte; Glockenläuten und Gesang fielen weg. Werden Selbstmörder mit kirchlichen Ehren bestattet, so kommen sie wieder. Begräbniszeiten waren Nacht, früher Morgen oder später Abend.

Kirchlicher Einfluß bestimmte auch den Begräbnisort; die Kirche verweigerte das Begräbnis in geweihter Erde, der weltliche Richter gebot Verscharren unter dem Galgen oder auf dem Schindanger, ‚Eselsbegräbnis’. Als gefährliche Wiedergänger wurden sie auch auf Kreuzwegen mit einem Pfahl durch den Leib verscharrt oder auch an der Gemeindegrenze, oder man wählte einen abgelegenen, wüsten Ort. Auf dem Friedhof duldete man sie nur ungern und gezwungen; man glaubte, die anderen Toten würfen sie wieder hinaus. Und wenn man sie aufnahm, so wies man ihnen eine besondere Ecke an der Mauer oder unter der Dachtraufe an. In Schottland gab man ihnen einen Platz, von wo sie nicht aufs Meer sehen konnten, weil das dem Fischfang geschadet hätte (…). Man will nicht neben einem Selbstmörder begraben werden; sein Grab wird nicht gepflegt, und es spukt an diesen Orten. Auch die Stelle, wo der Selbstmord geschehen, ist verflucht, bleibt unfruchtbar. (…)

Der Selbstmörder wird zum Wiedergänger, meist gefährlicher Art. Drum heißt es, die Leiche oder nur die Schuhe bleiben lange unverwest. Er muß schweben, als Spuk umgehen bis zur Zeit, wo sein natürlicher Tod erfolgt wäre. Die Seele eines Erhängten kommt weder in den Himmel noch in die Hölle; der Teufel erwischt sie nämlich nicht, weil er beim Munde auf sie lauert und sie durch den After entweicht. Der Selbstmörder schaut auch seinem eigenen Begräbnis zu; er muß Friedhofswache halten, bis der nächste kommt. Er spukt in seinem Hause, am Ort, wo man ihn verscharrt hat, oder am Ort, wo er die Tat begangen hat. Er verlegt anderen Toten den Weg zum Friedhof. Er muß wandern, ohne Ruhe zu finden; (…) Der Selbstmörder als Wiedergänger kann die Angehörigen plagen, ihnen Unglück schicken. Oft verwandeln sie sich in gespenstische Tiere oder andere Wesen; in Pommern gelten sie als die Hunde des Wôd; sie gehen als kopflose Gespenster, als Hunde, Ziegenböcke oder Irrlichter um. Sie spuken besonders in der Adventszeit.“ 35

Ein Spiegelbild der damaligen Zeit auch in Bezug auf den Selbstmörder lieferte Dante Alighieri (1265–1321) mit seiner „Divina Commedia“.

Dantes „Göttliche Komödie“ erzählt in der Ichform eine Reise durch die drei Reiche der jenseitigen Welt. Das erste ist die Hölle. Das Reich Satans öffnet sich als gewaltiger, unterirdischer Trichter, der bis zum Mittelpunkt der Erde reicht. Die Hölle ist nach unten hin in neun Kreise unterteilt, die sich immer enger ziehen. Je tiefer die Reise führt, desto schwerer sind die Verbrechen und Sünden derer, die hier eingeschlossen sind. Die, die aktiv und bewusst gesündigt haben, finden sich in den drei untersten, dem siebten, achten und neunten Kreis.

Der siebte Kreis ist noch einmal in drei Stufen unterteilt. In der obersten Stufe, in einer von blutigen Wassern durchströmten, schrecklichen Schlucht, leiden die Tyrannen, Mörder und Straßenräuber. In der zweiten Stufe führt der Weg durch den finsteren Wald der Selbstmörder. In der untersten Stufe werden die Sodomiten und Gotteslästerer in einer von feurigem Regen überströmten Wüste gequält.

Dante stuft die Selbstmörder also noch unterhalb der Mörder ein. Sie verdienen die größeren Qualen, weil sie gegen das Naturgesetz der Selbsterhaltung und damit gegen eines der obersten Gebote Gottes gehandelt haben.

Ihre Seelen, die sie durch Gewalt gegen sich selbst widernatürlich vom Körper freigesetzt haben, sind zu Bäumen und Sträuchern geworden, an deren Blättern sich Harpyien36 weiden. Die Seele des Selbstmörders wird nie wieder mit ihrem Leib vereint sein – „denn was man selbst sich nahm, darf man nicht haben“. Sprich, was der Mensch sich genommen hat, wird Gott ihm nicht zurückgeben.

Im Licht von Renaissance und Aufklärung

Vom Spuk der kirchlichen Dogmen waren die Philosophen im Mittelalter wie gelähmt. Die, die sonst dem Aberglauben und der Religion ihr Gedankengut und ihre Schriften entgegensetzten, schwiegen oder sprachen eben ganz im Sinn der kirchlichen Irrlehre (bezogen auf den Selbstmord).

Auch die Reformation machte dem Trauerspiel kein Ende. Luther, ebenso Calvin, sehen im Selbstmord ein Werk des Teufels. Das vornehmlich protestantische England schrieb mit die härtesten Strafen gegen Selbstmord und Selbstmordversuch in die Gesetzbücher. Noch bis 1961 stand der Versuch der Selbsttötung in England unter Strafe. In Frankreich hob die Nationalversammlung 1790 die Strafen gegen Selbstmord auf. In Preußen erließ Friedrich der Große am 7. März 1747 ein Edikt zur humaneren Behandlung des Selbstmörders. Hier ist es auszugsweise nachzulesen. 37

Österreich und Bayern strichen die Paragrafen zur Bestrafung der Selbstmörder 1803 bzw. 1813 aus ihren Gesetzesbüchern.

Zu Beginn der Neuzeit (1500) tauchten im Geist der Renaissance und Aufklärung trotz strenger Gesetzgebungen von staatlicher und kirchlicher Seite mehr und mehr Schriften auf, die den Selbstmord unter ethischen und moralischen Gesichtspunkten legitimierten und die Selbstmörder endlich nach und nach aus dem Fegefeuer der Verdammnis zogen, in dem die Kirche sie mehr als 1000 Jahre gehalten hatte.

• John Donne

Der englische Theologe und Schriftsteller John Donne (1572–1631) spricht sich in seinem Werk „Biathanatos“ (1648) für eine gütige Beurteilung der Selbsttötung aus. Die Verteufelung dieser Tat durch die Kirche müsse ein Ende haben. Woher bezieht die Kirche ihr angebliches Wissen, dass Gott den Selbstmord als Todsünde bestraft. Würde ein gnädiger Gott nicht auch diese Tat verzeihen? Außerdem spricht Donne in seinem Buch von seinen eigenen, persönlichen Selbstmordgedanken, die er als Jugendlicher hatte.

Wohl wissentlich ließ Donne dieses Werk nicht zu seinen Lebzeiten veröffentlichen. Als es 17 Jahre nach seinem Tod publiziert wurde, erregte es großes Aufsehen.

• Michel de Montaigne

In Frankreich war es der Politiker und Philosoph Michel de Montaigne (1533–1592), der sich in seinen „Essais“ (1580–1588) zum Thema Selbstmord äußerte.

Aber auch er wusste um die Macht von Staat und Kirche und sprach sich nur sehr differenziert und einschränkend für ein Recht des Menschen auf Selbsttötung aus. Ausschlaggebend sei das individuelle Motiv. „Schmerz und ein bevorstehender noch ärgerer Tod“ räumte er als berechtigte Gründe ein.

„Der freiwilligste Tod ist der schönste. Das Leben hängt von fremdem Willen ab, der Tod von unserm.“ Und weiter: „Gott gibt uns genügend Spielraum für den Fall, daß er uns in eine Lage versetzt, wo wir das Leben unerträglicher finden als den Tod. Gewiß ist es Schwäche, den Leiden zu weichen, aber Torheit ist es, sie noch hegen und pflegen zu wollen.“ 38

• Montesquieu

Klarer und deutlicher äußert sich der französische Schriftsteller und Philosoph Montesquieu (1689–1755). In seinen „Persischen Briefen“ (1721) schreibt er:

„Die europäischen Gesetze sind erbarmungslos streng gegen die Selbstmörder. Man schlägt sie sozusagen noch einmal tot, man schleift sie durch den Schmutz der Straßen, man behaftet sie mit dem Makel der Ehrlosigkeit, man zieht ihre Güter ein. Es scheint mir, Ibben, dass diese Gesetze sehr unrecht sind. Wenn ich von Schmerz, Elend und Verachtung erdrückt werde, warum will man mich hindern, meinen Leiden ein Ende zu setzen, und warum beraubt man mich eines Heilmittels, das in meinen Händen ist? (…)

Das Leben ist mir als ein Gunstbeweis zuteil geworden, ich kann es also wiedergeben, wenn es das nicht mehr für mich ist.“ 39

Mit diesen Worten spricht Montesquieu dem Mensch zu, was die Kirche ihm seit vielen Jahren abgesprochen hat, nämlich sein Selbstbestimmungsrecht über seinen Körper. Und provozierend fragt er weiter: „Wenn meine Seele von meinem Körper getrennt ist, wird dann weniger Ordnung und weniger Zusammenhang im Universum sein?“

• Voltaire

Klar und unmissverständlich sind auch die Argumente, die Voltaire (1694– 1778) gegen die Verurteilung des Selbstmords vorbrachte. Der bedeutende Denker der europäischen Aufklärung stellte fest, dass es weder in der Bibel noch im Römischen Recht ein Verbot der Selbsttötung gebe. Es sei beschämend für eine Gesellschaft, wie mit den Leichen von Selbstmördern umgegangen werde. Er lehnte juristische Strafen ab und versuchte, einen Zusammenhang zwischen Selbstmord und Krankheit zu erklären. Aber er räumte dem Menschen kein ausdrückliches, allgemeingültiges Recht auf Selbsttötung ein.

• Jean-Jacques Rousseau

Das allerdings tat der Genfer Philosoph und Naturforscher Jean-Jacques Rousseau. In seinem belletristischen Bestseller „Julie oder die neue Heloise“ (1761) heißt es unter anderem: „Wenn unser Leben ein Übel für uns und kein Gut für jemand ist, so ist es erlaubt, sich seiner zu entledigen.“

Diese und ähnliche Aussagen, in denen Rousseau dem Menschen ein Recht auf Selbsttötung zugesteht, hat er geschickt in einem Briefwechsel seiner beiden Protagonisten verpackt, in dem das Für und Wider der Selbsttötung diskutiert wird. So versuchte auch Rousseau, sich vor einem direkten Angriff durch Kirche und Staat zu schützen.

• David Hume

Den großen Befreiungsschlag, der die Selbstmörder aus der klerikalen und weltlichen Schmuddelecke zog, landete der schottische Philosoph, Historiker und Ökonom David Hume (1711–1776).

Endlich trat wieder ein Philosoph ohne Wenn und Aber für die Menschenwürde jener ein, die ihr Leben durch Selbsttötung beendet hatten oder beenden wollten. Aber auch Hume fürchtete wie vor ihm der Engländer John Donne (s.o.) und andere seiner Zeitgenossen die Kritik und die Konsequenzen, die sein Essay „On Suicide“, „Über den Suizid“, nach sich ziehen könnten. So erschien seine Schrift über den Selbstmord erst sieben Jahre nach seinem Tod (1783).

Der gefürchtete Sturm der Entrüstung über dieses Werk blieb nicht aus. Im bigotten England wurde es verboten und unterdrückt, schließlich in der Schweiz wieder neu aufgelegt.

In bestechender Art führte Hume seine Argumentation gegen die kirchlichen und weltlichen Gesetzeskonstrukte und für das Recht des Einzelnen auf Selbsttötung. Die Bedeutung seiner Schrift reicht weit über die Zeit der Aufklärung hinaus. Bis heute hat sie nichts an ihrer Aktualität und Brisanz eingebüßt und soll deswegen hier in Auszügen wiedergegeben werden. Das Ziel ist nicht, für Selbsttötung zu plädieren. Die eigentliche Bedeutung dieses Werks liegt in dem uneingeschränkten Eintreten für die Wiederherstellung der Menschenwürde derer, die über 1.000 Jahre von Kirche und Staat verdammt waren – und die, die heute von der Medizin für psychisch krank erklärt werden (siehe S. 197ff).

David Hume schreibt40:

„Ein wichtiger Gewinn, welcher aus der Philosophie kommt, besteht darin, dass sie das allein wirksame Gegengift gegen Aberglauben und falsche Religion liefert. Alle übrigen Heilmittel gegen diese verderbliche Krankheit sind vergeblich oder wenigstens unsicher. Schlichter gesunder Verstand und Weltkenntnis, welche für die meisten Vorfälle des Lebens ausreichen, erweisen sich hier als unwirksam: Geschichte und tägliche Erfahrung bieten Beispiele von Männern, welche, mit den größten Fähigkeiten für Geschäft und Leben ausgestattet, ihr Leben lang dem gröbsten Aberglauben knechtisch unterworfen geblieben sind. Selbst Heiterkeit und Milde des Temperaments, welche Balsam in jede andere Wunde gießen, bieten kein Heilmittel gegen ein so bösartiges Gift, wie besonders daraus hervorgeht, dass das schöne Geschlecht, obwohl es gewöhnlich mit diesen reichen Gaben von der Natur ausgestattet ist, so manchen Tag von jenem lästigen Eindringling verkümmert sieht. Hat aber gesunde Philosophie einmal die Herrschaft über den Geist gewonnen, dann ist Aberglaube tatsächlich ausgeschlossen; und man kann zuversichtlich behaupten, dass ihr Sieg über diesen Feind vollständiger ist als über die meisten Laster oder Unvollkommenheiten, denen die menschliche Natur unterworfen ist. Liebe oder Zorn, Ehrgeiz oder Habsucht haben ihre Wurzel in dem Temperament und den Empfindungen, welche auch die gesündeste Vernunft kaum jemals imstande ist, ganz ins Rechte zu bringen; der Aberglaube hingegen, welcher auf falscher Meinung beruht, muss unmittelbar verschwinden, sobald wahre Philosophie richtigere Ansichten über höhere Mächte eingeflößt hat. Hier ist der Kampf zwischen Krankheit und Heilmittel mehr ein gleicher, und das letztere kann sich wirksam zu erweisen durch nichts verhindert werden als durch seine eigne Unwahrheit und Verfälschtheit.

Es würde überflüssig sein, die Verdienste der Philosophie durch Entwickelung des verderblichen Einflusses jenes Fehlers, von welchem sie den menschlichen Geist heilt, zu erheben. Der Abergläubische, sagt Tullius, ist in jeder Lage, in jedem Vorfall des Lebens elend; selbst der Schlaf, welcher den unglücklichen Sterblichen alle andern Sorgen abnimmt, bietet ihm neuen Anlass zum Schrecken, wenn er seine Träume befragt und in den Nachtgesichtern zukünftiges Unglück vorbedeutet findet. Ich füge hinzu, dass er, obwohl der Tod allein seinem Elend eine Grenze zu setzen vermag, an diesen Zufluchtsort zu fliehen nicht wagt, sondern ein elendes Dasein fortschleppt, aus leerer Furcht, dass er durch Gebrauch einer Kraft, welche ihm sein Schöpfer gab, jenes gütige Wesen beleidige. Die Gaben Gottes und der Natur werden uns durch diesen grausamen Feind geraubt, und wo uns ein Schritt aus dem Ort des Schmerzes und der Sorge herausführen würde, ketten uns seine Drohungen an ein verhasstes Dasein, welches elend zu machen derselbe in erster Reihe beiträgt.

Es ist bemerkt worden, dass diejenigen, welche durch die Unglücksfälle des Lebens zur Anwendung dieses letzten Heilmittels sich genötigt sahen, wenn sie durch die unzeitige Fürsorge ihrer Freunde der erwählten Todesart beraubt werden, selten eine andere wagen oder zum zweiten Mal so viel Entschluss zuwege bringen, um ihr Vorhaben auszuführen. So groß ist unser Schauder vor dem Tode, dass derselbe, wenn er sich in einer andern Gestalt darbietet, als derjenigen, mit welcher man seine Einbildungskraft auszusöhnen sich bemüht hat, neue Schrecken erhält und den schwachen Mut eines Menschen überwältigt. Kommen zu dieser natürlichen Furchtsamkeit noch die Drohungen des Aberglaubens, so ist es kein Wunder, dass die Menschen alle Gewalt über ihr Leben verlieren, da selbst manche Lust und Freude, zu der wir durch eine starke Neigung hingezogen werden, uns durch diesen grausamen Tyrannen entrissen werden. Wir wollen hier versuchen, den Menschen in seine angeborne Freiheit wieder einzusetzen, indem wir alle Argumente gegen den Selbstmord prüfen und zeigen, dass diese Handlung frei von Schuld oder Tadel sein mag, wie dies auch die gemeine Ansicht aller alten Philosophen ist.

Wenn Selbstmord ein Verbrechen ist, so muss er eine Übertretung unserer Pflicht gegen Gott, gegen unsere Nächsten oder gegen uns selbst sein. Um zu beweisen, dass Selbstmord keine Übertretung unserer Pflicht gegen Gott ist, genügt vielleicht die folgende Überlegung. Um die materielle Welt zu regieren, hat der allmächtige Schöpfer allgemeine und unveränderliche Gesetze aufgestellt, durch welche alle Körper, vom größten Planeten bis zum kleinsten Teilchen der Materie, in der ihnen angewiesenen Bahn und Verrichtung erhalten werden. Die tierische Welt zu regieren, hat er alle lebenden Wesen mit körperlichen und geistigen Fähigkeiten ausgestattet: mit Sinnen, Gefühlen, Begierden, Gedächtnis und Urteil, durch welche sie in dem ihnen bestimmten Lebenslauf angetrieben und geleitet werden. Diese beiden verschiedenen Prinzipien der materiellen und der tierischen Welt suchen einander beständig einzuschränken und hemmen oder fördern gegenseitig ihre Wirksamkeit. Die Kräfte des Menschen und der andern Tiere werden durch die Natur und Eigenschaften der umgebenden Körper beständig eingeschränkt und geleitet, und die Modifikationen und Bewegungen dieser Körper werden durch die Tätigkeit aller Tiere fortwährend verändert. Der Mensch wird in seiner Wanderung über die Oberfläche der Erde durch Flüsse aufgehalten, und Flüsse leihen, richtig geleitet ihre Kraft zur Bewegung von Maschinen, welche dem Menschen dienen. Aber obwohl die Gebiete der materiellen und tierischen Kräfte nicht gänzlich getrennt sind, so entspringt doch daraus kein Zwiespalt und keine Unordnung in der Schöpfung; im Gegenteil, aus der Vermischung, Einigung und Gegensätzlichkeit all der verschiedenen Kräfte lebloser Körper und lebender Wesen entspringt jene Sympathie, Einstimmigkeit und Verhältnismäßigkeit, welche den sichersten Beweis für eine oberste Weisheit bietet. Die Vorsehung Gottes erscheint nicht unmittelbar in irgendeiner Handlung, sondern sie lenkt alle Dinge durch jene allgemeinen und unveränderlichen Gesetze, welche vom Anfang der Zeit an errichtet sind. Alle Ereignisse können in einem gewissen Sinne Handlungen des Allmächtigen genannt werden; sie entspringen alle aus jenen Kräften, mit welchen er die Kreaturen begabt hat. Ein Haus, welches durch sein eigenes Gewicht fällt, ist nicht mehr durch seine Vorsehung zu Fall gebracht als ein anderes, das durch Menschenhände zerstört wird; noch sind die menschlichen Fähigkeiten weniger sein Werk, als die Gesetze der Bewegung und Gravitation. Wenn die Gefühle sich entfalten, wenn der Wille befiehlt, wenn die Glieder gehorchen, so ist das alles Gottes Handlung; und sowohl über diese belebten als über die unbelebten Prinzipien hat er die Weltregierung aufgerichtet. Jedes Ereignis ist in den Augen des unendlichen Wesens, welches in einem Augenblick die entferntesten Orte des Raumes und die entlegensten Zeiträume umfasst, gleich wichtig. Es gibt kein Ereignis, wie wichtig es für uns sein mag, das er von den allgemeinen weltbeherrschenden Gesetzen ausgenommen und im Besonderen seiner eigenen unmittelbaren Handlung und Einwirkung vorbehalten hätte. Die Umwälzung von Staaten und Reichen beruht auf der kleinsten Laune oder Gemütsbewegung eines einzigen Mannes; und das Leben der Menschen wird durch den kleinsten Zufall der Luft oder der Lebensweise, Sonnenschein oder Unwetter, verkürzt oder verlängert. Die Natur hält ihren Lauf und ihre Wirkungsweise ein, und wenn jemals die allgemeinen Gesetze durch besondere Willensakte der Gottheit durchbrochen werden, so geschieht dies auf eine Weise, welche der menschlichen Beobachtung durchaus entgeht. Wie auf der einen Seite die Elemente und die andern leblosen Teile der Schöpfung ohne Rücksicht auf die besonderen Interessen und Umstände der Menschen wirken, so sind die Menschen bei den mannigfachen Zusammenstößen mit der Materie auf eigenes Urteil und eigenes Belieben angewiesen und mögen jede Fähigkeit mit welcher sie ausgestattet sind, anwenden, um sich Wohlsein, Glück und Erhaltung zu verschaffen. Was bedeutet nun jener Grundsatz, dass ein Mensch, welcher des Lebens müde und gehetzt von Schmerz und Elend die natürlichen Schrecken des Todes mannhaft überwindet und sich jenem grausamen Schauspiel entzieht, das, sage ich, ein solcher Mann durch einen Eingriff in das Geschäft der göttlichen Vorsehung und durch Störung der Weltordnung den Zorn des Schöpfers auf sich geladen haben soll? Sollen wir sagen, dass der Allmächtige die Verfügung über das Leben der Menschen in einer besonderen Weise sich vorbehalten und dieses Ereignis nicht in gleicher Weise, wie alle anderen, den allgemeinen Gesetzen des Weltlaufs unterstellt hat? Das ist offenbar falsch; das Leben der Menschen hängt von denselben Gesetzen ab wie das Leben aller andern Tiere, und diese sind den allgemeinen Gesetzen der Materie und der Bewegung unterworfen. Der Fall eines Turmes oder die Beibringung eines Giftes zerstört einen Menschen ebenso wie die gemeinste Kreatur; eine Überschwemmung fegt alles, was in dem Bereich ihrer Wut ist, ohne Unterschied hinweg. Wenn demnach das Leben der Menschen von den allgemeinen Gesetzen der Materie und der Bewegung für immer abhängig ist, ist die Verfügung über dasselbe deshalb verbrecherisch, weil es in jedem Fall verbrecherisch ist, in diese Gesetze Eingriffe zu machen oder ihre Wirkung zu durchkreuzen? Aber das erscheint unsinnig: Alle Tiere sind rücksichtlich ihrer Lebensführung der eigenen Klugheit und Geschicklichkeit überlassen und haben volles Recht, soweit ihre Kraft reichte, die Wirkungen der Natur abzuändern. Ohne die Übung dieses Rechtes könnten sie nicht einen Augenblick leben; jede Handlung, jede Bewegung eines Menschen verändert die Ordnung der materiellen Teile und lenkt die allgemeinen Gesetze der Bewegung von ihrem gewöhnlichen Lauf ab. Fassen wir diese Folgerungen zusammen, so finden wir, dass das menschliche Leben von den allgemeinen Gesetzen der Materie und Bewegung abhängt, und dass es kein Eingriff in das Geschäft der Vorsehung ist, diese allgemeinen Gesetze zu durchkreuzen oder zu ändern. Hat folglich nicht jeder die freie Verfügung über sein Leben? Und kann er nicht mit vollem Recht von der Macht, welche ihm die Natur verliehen hat, Gebrauch machen? Um die Beweiskraft dieses Schlusses zu vernichten, müsste ein Grund aufgezeigt werden, weshalb dieser spezielle Fall ausgenommen ist. Ist es deshalb, dass menschliches Leben so große Bedeutung hat, dass es für menschliche Einsicht zu anmaßend ist, darüber zu verfügen? Aber das Leben eines Menschen hat für das Weltall nicht größere Bedeutung als das einer Auster; und wäre es von wie großer Bedeutung immer, so hat die Ordnung der menschlichen Natur es tatsächlich doch menschlicher Einsicht unterworfen und nötigt uns in jedem Augenblick bezüglich desselben Beschlüsse zu fassen.

Wäre die Verfügung über das menschliche Leben dem Allmächtigen als besonderer Wirkungsbereich vorbehalten, so dass es ein Eingriff in sein Recht wäre, wenn Menschen selbst über ihr Leben verfügten, so würde es in gleicher Weise verbrecherisch sein für die Erhaltung des Lebens tätig zu sein als für die Zerstörung. Wenn ich einen Stein, der auf meinen Kopf fallen will, abwende, durchkreuze ich den Lauf der Natur und überschreite die Grenzen des vorbehaltenen göttlichen Wirkungsbereichs, indem ich mein Leben über die Zeitspanne, welche ihm nach den allgemeinen Gesetzen der Materie und Bewegung zugemessen ist, hinaus verlängere.

Ein Haar, eine Fliege, ein Insekt ist imstande, das mächtige Wesen, dessen Leben von solcher Bedeutung ist, zu zerstören. Ist die Annahme absurd, dass menschliche Einsicht verfügen darf über das, was von so nichtigen Ursachen abhängig ist? Den Nil oder die Donau aus ihrem Lauf abzulenken, wäre kein Verbrechen, wenn ich es vermöchte. Wo ist denn das Verbrechen, einige wenige Unzen Blut aus ihrem natürlichen Kanal abzulenken? Meint Ihr, dass ich gegen die Vorsehung murre oder meine Erschaffung verwünsche, weil ich aus dem Leben gehe und einem Dasein ein Ende mache, das mich elend machte, wenn ich es fortsetzte? Fern seien solche Gedanken von mir! Ich bin bloß von einer Tatsache überzeugt, welche ihr selbst für eine mögliche anseht, dass nämlich das menschliche Leben unglücklich sein kann, und dass mein Dasein, wenn weiter ausgedehnt, unwünschenswert sein würde, aber ich danke der Vorsehung sowohl für das Gute, das ich genossen, als für die Macht, womit sie mich ausgestattet, den drohenden Übeln mich zu entziehen.41 Euch kommt es zu, gegen die Vorsehung zu murren, die Ihr Euch törichterweise einbildet, solche Macht nicht zu besitzen, und die Ihr ein verhasstes Leben, mit Schmerz und Krankheit, mit Schande und Armut beladen fortsetzen müsst. – Lehrt Ihr nicht, dass ich, wenn ein Übel mich befällt, sei es auch durch die Bosheit meiner Feinde, es mit Ergebung gegen die Vorsehung tragen müsse, und dass die Handlungen der Menschen Handlungen des Allmächtigen sind, so gut wie die Handlungen der leblosen Dinge? Wenn ich daher in mein eigenes Schwert falle, so empfange ich ebenso den Tod aus der Hand der Gottheit, als wenn derselbe von einem Löwen, einem Sturz, einem Fieber herkäme. Die Ergebung in den Willen der Vorsehung, welche Ihr in jedem Unglück, das mich befällt, verlangt, schließt menschliche Geschicklichkeit und Sorgfalt nicht aus, wenn ich dadurch dem Unglück entgehen kann. Und warum sollte ich nicht ein Heilmittel so gut wie das andere gebrauchen? Ist mein Leben nicht mein eigenes, so wäre es ebensowohl ein Verbrechen, es in Gefahr zu bringen, als darüber zu verfügen; und es könnte ein Mann, den Ruhmliebe oder Freundschaft in die größten Gefahren treibt, nicht den Namen eines Helden verdienen, wenn ein anderer, der seinem Leben aus denselben oder ähnlichen Ursachen ein Ende macht, mit Recht ein schlechter Mensch oder Bösewicht genannt würde. – Es gibt kein Wesen, das ein Vermögen oder eine Kraft besitzt, welche es nicht von seinem Schöpfer empfangen hat; noch gibt es eines, welches durch eine noch so sehr von der Regel abweichende Handlung in den Plan der Vorsehung eingreifen oder den Weltlauf in Unordnung bringen kann. Seine Wirkungen sind ihr Werk ebenso wie die Kette von Ereignissen, welche sie durchkreuzen; und welches Prinzip immer überwiegt, wir dürfen eben hieraus schließen, dass es von der Vorsehung begünstigt ist. Mag es lebend oder unbelebt, vernunftbegabt oder vernunftlos sein, es bleibt dabei: seine Macht ist von dem höchsten Schöpfer abgeleitet und in der Ordnung seiner Vorsehung einbegriffen. Wenn die Angst vor Schmerz die Liebe zum Leben überwiegt, wenn eine absichtliche Handlung die Wirkungen blinder Ursachen vorwegnimmt, so geschieht es einzig infolge der Kräfte und Anlagen, welche er seinen Geschöpfen eingepflanzt hat. Die göttliche Vorsehung bleibt unverletzt und liegt hoch über dem Bereich menschlicher Eingriffe. Es ist gottlos, sagt der alte römische Aberglaube, Ströme aus ihrem Lauf abzulenken und in die Rechte der Natur einzugreifen. Es ist gottlos, sagt der französische Aberglaube, die Pocken einzuimpfen und das Geschäft der Vorsehung sich anzumaßen durch absichtliche Hervorbringung von Krankheiten. Es ist gottlos, sagt der moderne europäische Aberglaube, dem eigenen Leben eine Grenze zu setzen und dadurch gegen den Schöpfer sich aufzulehnen. Und warum, frage ich, ist es nicht gottlos, ein Haus zu bauen, das Feld zu bestellen, den Ozean zu befahren? In allen diesen Handlungen wenden wir unsere geistigen und körperlichen Kräfte an, um in dem Lauf der Natur eine Veränderung hervorzubringen; und etwas anderes tun wir auch dort nicht. Sie sind deshalb alle gleich unschuldig oder gleich verbrecherisch. ,Aber du bist durch die Vorsehung wie eine Schildwache auf deinen besonderen Posten gestellt; und wenn du diesen unabgerufen verlässt, so bist du der Auflehnung gegen deinen allmächtigen Herrn schuldig und hast sein Maßfallen auf dich geladen.‘ – Ich frage: Woraus folgerst du, dass mich die Vorsehung auf diesen Posten gestellt hat? Was mich betrifft, so finde ich, dass ich meine Geburt einer langen Kette von Ursachen verdanke, von welchen viele auf willkürlichen Handlungen von Menschen beruhten. ,Aber die Vorsehung überwachte alle diese Ursachen und es geschieht nichts in der Welt ohne ihre Zustimmung und Mitwirkung.‘ Wenn dies, so erfolgt auch mein Tod, wie freiwillig immer, nicht ohne ihre Zustimmung; und wenn Schmerz oder Sorge meine Geduld überwältigt und mich des Lebens müde macht, so darf ich schließen, dass ich in den klarsten und ausdrücklichsten Worten von meinem Posten abgerufen bin. Es ist die Vorsehung, sicherlich, welche mich in diesem Augenblick in dieses Zimmer gesetzt hat; darf ich dasselbe, wenn es mir gut scheint, nicht verlassen, ohne den Vorwurf auf mich zu laden, dass ich meinen Posten verlassen habe? Wenn ich tot sein werde, werden die Elemente, aus welchen ich zusammengesetzt bin, noch ihren Dienst in der Welt tun und in der großen Werkstatt von gleichem Nutzen sein, als da sie dieses individuelle Geschöpf bildeten. Für das Ganze wird der Unterschied nicht größer sein als zwischen meinem Aufenthalt im Zimmer oder im Freien. Die eine Veränderung hat für mich größere Wichtigkeit, für das Weltall nicht.

Es ist eine Art von Gotteslästerung, sich einzubilden, dass ein geschaffenes Wesen die Ordnung der Welt stören oder das Geschäft der Vorsehung sich anmaßen kann. Es setzt voraus, dass dieses Wesen Kräfte und Fähigkeiten besitzt, welche es nicht von dem Schöpfer empfing und welche seiner Herrschaft und Gewalt nicht Untertan sind. Ein Mann kann ohne Zweifel die Gesellschaft stören und dadurch das Missfallen des Allmächtigen auf sich laden; aber die Regierung der Welt ist weit über den Bereich seiner Eingriffe erhaben. Und wie wird es sichtbar, dass der Allmächtige mit jenen Handlungen, welche die Gesellschaft stören, unzufrieden ist? Durch die Grundsätze, welche er der menschlichen Natur eingepflanzt hat und welche uns mit einem Gefühl der Reue erfüllen, wenn wir uns selbst solcher Handlungen schuldig gemacht haben, und mit einem Gefühl der Missbilligung und des Tadels, wenn wir sie an anderen wahrnehmen. – Wir wollen nun, unserem vorgesetzten Gedankengang folgend, untersuchen, ob Selbstmord zu dieser Art von Handlungen gehört und ein Bruch unserer Pflicht gegen den Nächsten oder die Gesellschaft ist.

Ein Mensch, welcher sich aus dem Leben zurückzieht, fügt der Gesellschaft kein Leid zu; er hört bloß auf, ihr Gutes zu tun, was, wenn es ein Unrecht ist, ein Unrecht von der geringsten Art ist. – Alle unsere Verpflichtungen, der Gesellschaft Gutes zu tun, scheinen eine Art von Gegenseitigkeit einzuschließen. Ich empfange die Wohltaten der Gesellschaft und daher bin ich verpflichtet, ihre Interessen zu fördern; wenn ich mich aber aus der Gesellschaft überhaupt entferne, bin ich dann noch gebunden? Doch zugestanden, dass unsere Verpflichtung Gutes zu tun, beständig dauerte, so hat sie doch Grenzen: Ich bin nicht verpflichtet, der Gesellschaft ein geringfügiges Gutes zu tun auf Kosten eines großen Schmerzes meinerseits. Weshalb sollte ich also wegen eines nichtigen Nutzens, den die Gesellschaft vielleicht von mir erlangen möchte, ein elendes Dasein verlängern? Wenn ich auf Grund von Alter und Krankheit einen Beruf aufgeben und meine ganze Zeit darauf verwenden darf, mich gegen diese unglücklichen Umstände zu schützen und so viel als möglich das Elend meines künftigen Lebens zu erleichtern, warum darf ich nicht durch eine Handlung, welche für die Gesellschaft nicht nachteiliger ist, auf einmal all dieses Elend abschneiden? – Aber man setze den Fall, dass es nicht mehr in meiner Macht steht, das Interesse der Gesellschaft zu fördern, dass ich ihr eine Last bin, dass mein Leben eine andere Person verhindert, der Gesellschaft viel mehr zu nützen: In solchem Fall muss mein Verzicht auf das Leben nicht bloß schuldlos, sondern löblich sein. Und die meisten Menschen, welche in die Versuchung kommen, das Dasein zu verlassen, sind in solcher Lage; diejenigen, welche Gesundheit und Kraft und Ansehen haben, neigen gewöhnlich zur Zufriedenheit mit der Welt.

Es ist jemand an einer Verschwörung für das öffentliche Wohl beteiligt, wird auf Verdacht ergriffen, mit der Folter bedroht; er kennt seine Schwäche und weiß, dass das Geheimnis von ihm erpresst werden wird: Könnte ein solcher für das öffentliche Wohl besser sorgen als durch schleuniges Beenden eines elenden Lebens? Dies war der Fall des berühmten und tapferen Strozzi von Florenz. – Oder man setze den Fall, dass ein Verbrecher mit Recht zu einem schmachvollen Tode verurteilt ist, lässt sich irgendein Grund finden, weshalb er nicht seine Bestrafung vorwegnehmen und sich all der Angst des Denkens an ihr grässliches Nahen entziehen soll? Er greift in das Geschäft der Vorsehung nicht mehr ein als der Magistrat, der seine Hinrichtung befahl, und sein freiwilliger Tod ist der Gesellschaft durch Befreiung von einem verderblichen Mitglied gleich nützlich.

Dass Selbstmord oft mit dem Interesse und mit der Pflicht gegen uns selbst verträglich ist, kann niemand bezweifeln, der zugibt, dass Alter, Krankheit oder Unglück das Leben zu einer Last und selbst schlimmer als seine Vernichtung machen können. Ich glaube, dass noch niemand ein Leben wegwarf, das zu erhalten der Mühe wert war. Denn unsere natürliche Furcht vor dem Tode ist so groß, dass kleine Beweggründe nie imstande sein werden, uns mit ihm auszusöhnen; und wenn vielleicht jemandes Gesundheits- oder Glücksumstände dieses Mittel nicht zu erfordern scheinen, so dürfen wir wenigstens dessen sicher sein, dass derjenige, der ohne augenscheinlichen Grund es anwendete, an so unheilbarer Verkehrtheit oder Düsterheit des Temperaments litt, dass dieselbe alle Lust vergiftete und ihn ebenso elend machte, als wenn er mit dem schwersten Missgeschick beladen gewesen wäre. Wenn Selbstmord ein Verbrechen ist, so ist es Feigheit allein, die uns dazu antreiben kann. Wenn er kein Verbrechen ist, so sollten sowohl Einsicht als Tapferkeit uns anhalten, uns auf einmal von dem Dasein zu befreien, wenn es eine Last wird. Dies ist dann der einzige Weg, auf welchem wir der Gesellschaft nützlich sein können, indem wir ein Beispiel geben, dessen Nachahmung jedermann seine Chance für glückliches Leben erhält und ihn von Gefahr und Elend wirksam befreit.42“

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9783831257225
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