Kitabı oxu: «Kleines Gulasch in St. Pölten»
Klaus Nüchtern
Kleines Gulasch in St. Pölten
Nüchtern betrachtet:
78 ganz brauchbare Kolumnen
mit 5 exklusiven, bislang
unveröffentlichten Vorworten
Falter Verlag
© 2003 Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.
1011 Wien, Marc-Aurel-Straße 9
T: +43/1/536 60-0, E: bv@falter.at, W: www.falter.at
Alle Rechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
ISBN ePub: 978-3-85439-541-6
ISBN Kindle: 978-3-85439-551-5
ISBN Printausgabe: 978-3-85439-306-1
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Klaus Nüchtern: Was bisher geschah
Roland Koberg: Unter Kolumnisten
Eva Weissenberger: Ein Herz und eine Krone
Michael Loebenstein: Es ging um die Wurst
Christopher „Wurmdobler“ Wurmdobler: Zahlenmystik
Tanzhals sucht Nackendoktor
The Good, the Bad and the Ugly
Von Tieren und Pflanzen
Indistinct Notion of Cool
Es könnte, weiß Gott, schlechter sein
Die Unfähigkeit zu wohnen
Gulasch auf Schienen und anderswo
Glamrock und Gin Tonic
Alle Männer haben Mütter
Laufen und Saufen
Aus der wunderbaren Welt der Werbung
Quellen
Fußnoten
Was bisher geschah
Die von niemandem gestellte Frage, warum nach „Rain On My Crazy Bärenfellmütze“ im Herbst 2001 nun schon wieder ein Band mit „Nüchtern betrachtet“-Kolumnen erscheint, ist leicht zu beantworten: erstens ist genug da, und zweitens machen der Verlag und ich jede Menge Kohle damit. Vor der Formulierung „leicht verdientes Geld“ schrecke ich zurück, weil es das zwar für mich, nicht aber für den Verlag ist: Der muss das Buch setzen, korrigieren, drucken und in billigem Pappendeckel binden lassen; dann muss er den Fotografen Heribert Corn telefonisch erreichen und zu einem Fototermin in die Pilgramgasse schicken; der Corn muss kommen (Kommen und Corn ist so eine Sache – bei dem Shooting mit mir ist er zum ersten Mal in seinem Leben zu früh gekommen); es müssen Werbekampagnen designt und lanciert, Inseratenplätze und Plakatflächen gekauft bzw. gemietet, Buchpräsentationen organisiert, Journalisten informiert, Nepotisten buseriert werden, usw., usf.
Während diese gigantische Medienmaschine rotiert, trage ich mein leicht verdientes Geld in die Boutiquen dieser Stadt, um mir kühn gemusterte T-Shirts zu kaufen, für die mich die meisten gleichaltrigen Männer verachten (Christopher Wurmdobler, ein international gesuchter Vorwortschreiber und Modekritiker, ist viel jünger als ich) und zu denen mir jüngere Frauen gratulieren. Kurz & gut: ein Leben in Saus & Braus, mit Cacciatore & Brie de Meaux für die ganze Familie rund um die Uhr. Mindestens so schön wie das viele Geld (vielleicht erinnert sich noch jemand an die wunderbare „Spitting Image“-Folge mit Michael Caine: Da kommen Typen mit Scheibtruhen, um dem Schauspieler – „there’s more money comin’, Mr. Caine!“ – das Geld in den ausgelassenen Pool zu kippen) sind die Lesungen aus eigenen Werken, zu denen man mich einlädt. Seit dem Erscheinen von „Rain On My Crazy Bärenfellmütze“ befinde ich mich nämlich auf einer Never-ending Tour durch das österreichische Bundesgebiet, die mich von Steyr bis nach Saalfelden und von Schwechat bis nach Schlierbach geführt hat (das hat bislang nicht einmal Chris de Burgh geschafft!). Lediglich Sierning und St. Pölten fehlen mir, aber das wird vielleicht auch noch. Viel unwürdiger kann ich mich vor der heimlichen Schuhhandelshauptstadt Österreichs nicht auf den Bauch werfen als mit diesem Titel! Der hätte ursprünglich auch ganz anders lauten sollen, aber der Chef des Falter-Medienkonzerns, Armin Fridolin Thurnher, hat gegen „Menschen, die schwätzen, wenn Bryan Ferry pfeift“ sein Veto eingelegt. Mit Glamrock kann der Mann nichts anfangen (wer seine Krawatten kennt, merkt das sofort).
Das Tolle an den Lesungen – neben den Gebinden und Dessous, die auf die Bühne fliegen – ist der Umstand, dass mich die Veranstalter oft nur dazu benutzen, Tex Rubinowitz als Co-Leser und DJ einzuladen. Der legt dann für mich Singles wie „This Guy’s in Love with You“ von Burt Bacharach (in einer Coverversion von Herb Alpert auf), was mich in die Lage setzt, meinem jüngstem Hobby, dem romantischen Ausdruckstanz, zu frönen und mir einen Tanzhals zu holen. Gibt es etwas Schöneres auf der Welt? Wohl kaum! Eine große Freude ist es auch, dass mich das Schreiben von Kleintexten in den Stand setzt, das Leben anderer Menschen zu verändern: Kaum kommen diese nämlich in einer Kolumne vor, werden sie von ihren entsetzten Eltern angerufen („Sag mal, stimmt es, dass dein Teppich krank ist??!!“) und müssen ein Vorwort schreiben. In dem tauchen dann wieder interessante Leutchen auf – Typen wie Rado R. zum Beispiel. Ich glaube, wir müssen den Burschen im Auge behalten! Und seine Eltern sollten unbedingt mal wieder anrufen bei ihm.
Klaus Nüchtern
Unter Kolumnisten
Manchmal, wenn ich nett zu jemandem sein will oder jemand einer zarten, unauffälligen Tröstung bedarf, mache ich ein Kompliment. Gerade in Berlin (schöne Grüße von hier!) werden im Allgemeinen zu wenig Komplimente gemacht, obwohl ihre Wirkung toll ist. Am besten wirkt ein Kompliment, wenn man sich selbst dabei herabsetzt. Nicht im koketten Sinne von fishing for compliments, sondern nur ganz wenig, sodass es der Komplimentierte fast nicht merkt, sondern sich eigener Stärken bewusst wird und freut – was ja der Sinn jedes Kompliments ist. Auch Nüchtern, der natürlich bei uns schlafen darf, wenn er nach Berlin kommt (und dem wir auch jedes Mal wieder vor dem Berliner Marathon das Bett herrichten, mag es ihm auch jedes Mal, wenn wir damit fertig sind, einfallen, dass ihn ein wichtiger Grund an der Teilnahme hindert), auch Nüchtern also kann Komplimente vertragen. Und als es mit der neuen persönlichen Bestzeit beim Berliner Marathon 2000 nichts geworden war, obwohl Nüchtern sehr gut im Rennen lag und ich ihm bei der Hälfte, auf der Straße vor unserem Haus, begeistert zurufen konnte, dass sein Rückstand auf Joschka Fischer nur mehr minimal sei, da fand ich es eben am nächsten Tag angebracht, ihm ein Kompliment zu machen. Ich habe bei Nüchterns einmal sehr gut indisch gegessen, und weil ich nun nett sein wollte und mir obendrein der Magen knurrte, lobte ich nun überschwänglich seine Kochkünste, nicht ohne das Lob dadurch zu steigern, dass ich selbiges „niemals“ kochen können würde, obwohl ich es doch so „wahnsinnig gerne“ von ihm „lernen“ würde. Hochmotiviert stellte sich Nüchtern in die Küche, und wir nachtmahlten vorzüglich. Danke dafür.
Ich habe es schließlich aus der Zeitung erfahren. „Koberg kann nicht indisch kochen“, lautete der Titel von „Nüchtern betrachtet“. Da wird einem auch wieder klarer, warum so viele Leute Probleme mit „den Medien“ haben.
Verena meint, dass das Schreiben wahrscheinlich früher einfacher war. Sie meint, früher habe man sich hingesetzt, à la Thomas Mann 500 bis 1000 Seiten über die Familie oder Freunde geschrieben und sei irgendwann berühmt geworden. Heutzutage haben die Schreiber zwar auch nur ihre Familie oder ihre Freunde als Thema, aber im Gegensatz zu früher müssen sie sich heute als Kolumnisten verdingen und jede Woche pointenreiche Kurzprosa zum Alltag abliefern. Tun sie das nicht, werden sie zu ihrem Chef zitiert und gefragt, ob sie eine Schreibkrise haben. Wobei das noch nie Nüchterns Problem war.
Zu unserem Bekanntenkreis gehören Restaurant-Kolumnisten (4), Hunde-Kolumnisten (3), Väter-Kolumnisten (2), „Dichter dran“-Kolumnisten (2), Sex-Kolumnisten (1) und Nüchtern. Verena meint, ohne uns, die Freunde, wären sie nichts. Wenn sie etwas erleben müssen, um Erlebtes aufschreiben zu können, kommen sie zu uns, schauen sich die Simpsons an oder gehen mit uns bowlen und erklären den 11. September zum „Homer-Simpson-Memorial-Day“. Wir, die Freunde der Kolumnisten, hängen Kolumnen, in denen wir vorkommen, natürlich sofort aufs Klo, denn in regelmäßigen Abständen kommen die Kolumnisten vorbei, um zu kontrollieren, ob man ihre Kolumnen auch am Klo hängen hat. Dort vergisst man die Kolumnen, und so war die über den 11. September auch noch im Jahr 2001 da. Seither werden wir von unseren Freunden für eiskalte Zyniker gehalten. Nur die Kolumnisten kommen weiterhin zu Besuch.
Verena meint, am besten wäre es, wenn es wie beim Jagen eine Schonzeit für Freunde, Bekannte und Verwandte von Kolumnisten gäbe. In den, sagen wir, Monaten mit „r“, wäre es dann verboten, Kolumnen über Freunde, Bekannte und Verwandte zu schreiben, und dann könnten wir endlich die Dinge tun, die sonst immer das Thema von Kolumnen sind. Lampen kaufen und bowlen gehen zum Beispiel.
Verena hat das alles eigentlich nicht gesagt, sondern aufgeschrieben. In einer Kolumne aus der Serie „Unterm Strich“. Das brachte 153 Euro fürs Haushaltsgeld. Danke dafür.
Wir müssen einfach alle noch viel mehr übereinander schreiben.
Roland Koberg
Ein Herz und eine Krone
Gekrönt wird schnell einmal einer beim Falter. Darauf braucht man sich nichts einzubilden. Aus Klaus Nüchterns Kolumnen wissen Sie, dass der Theaterkritiker Wolfgang Kralicek seit einem Betriebsausflug in die Boutiquen Istanbuls „King Kenzo“ genannt wird. Aus dem Editorial, dass Mitarbeiter, die es sich erlauben, ihren kollektivvertraglichen Urlaubsanspruch zu konsumieren, als „Urlaubskönige“ diffamiert werden. Fremdenfreundlich, wie wir sind, nehmen wir auch gerne bei den Machtstrukturen fremder Völker Anleihen: Kinokritiker Michael Omasta wird wegen seines elegant ergrauten, fülligen Haupthaares „Häuptling Silberbär“ genannt, Nüchtern selbst – warum auch immer – „Häuptling mümmelnder Biber“.
Ich führte lange Zeit den Titel „Königin der Nacht“. Das war gemeinerweise kein Ehrentitel, der mein geselliges Wesen auszeichnete. Nein, der Chef fand, ich würde den Redaktionsschluss – Montag, 17 Uhr – nicht ernst genug nehmen. Das stimmte, erstens, so nie, war, zweitens, nur auf meinen Fleiß und Perfektionismus zurückzuführen und ist, drittens, schon lange her.
Aber, bitte, „Königin der Nacht“ war immer noch besser als mein anderer Spitzname beim Falter: „Weisse“. Eine solche Verballhornung muss jeder Redakteur hinnehmen, dessen Nachname mehr als zwei Silben hat. Als ich zum Falter kam, gab es dort schon einen Kralle (ein anderes Pseudonym Kraliceks) und einen Wurme (Christopher Wurmdobler). Neude (Sigrid Neudecker), Rotte (Thomas Rottenberg) und Zelle (Klaus Zellhofer) hatten längst gekränkt zu anderen Medien gewechselt. Meine geschätzte Kollegin Nina Weißensteiner jedoch hatte ausgeharrt. Also rief mich der Chef „Weisse II“. Heute weiß ich, wie sich der Jüngere von Zwillingen fühlen muss.
In meiner Verzweiflung, um endlich einmal alleine im Mittelpunkt zu stehen, bat ich meine alten Freunde von Roxy Music, in meinem Keller aufzutreten. Zu diesem Konzert zog ich meine hübscheste, pinke Seidenbluse an, dekorierte meine Wohnung mit originellen Sitzgelegenheiten neu, mixte bunte Getränke und lud „König Klaus“ – so nennt er sich, wenn der Chef außer Haus ist – und all seine Untergebenen ein. Mit Erfolg: Weil es ihm bei mir so gut gefiel, krönte mich Nüchtern in seiner Kolumne zur „Style-Queen“. Die alten Spitznamen waren vergessen.
Der Mann hat nicht nur Stil, sondern auch ein Herz.
Eva Weissenberger
Es ging um die Wurst
Was bleibt Schreibern einer Wiener Stadtzeitung, deren Zentralrat die Verwendung des Ich konsequent unter Strafe stellt, anderes übrig, als in die Literatur zu flüchten (oder sich hinter Alibikonstruktionen wie „man“, „das Publikum“ oder „informierte Kreise aus der Richterschaft“ zu verstecken)? „Bitte“, sagen die dann, „wir sind ja kein x-beliebiges Zeitgeistmagazin, das – getrieben vom Leidensdruck individueller Ausdrucksdefizite oder grassierenden Personality-Wahns – ein jedes Nockerl mit Bekenntnissen über die eigene libidinöse Befindlichkeit eröffnen muss. Wo kämen wir denn da hin?“ Einer der unerbittlichsten Adepten dieser Schule, also ein wahrer Talib, ist Nuechtern himself: nicht dieser hier, der in Gaudenzdorf haust, sondern jener dort, der schlicht in Meidling residiert, Protestant ist (und wahrscheinlich deshalb einem Warmduscher wie „Badly Drawn Boy“ Asyl im CD-Player gewährt) und dennoch das unfassbarste Erdäpfelgulasch diesseits meiner (jenseitigen) Oma kocht.
Letzteres bringt ihn mit diesem Nuechtern hier, dem manischen Kämpfer wider kulturelle Verblödung, kulinarische Fantastereien (ich sage nur „Ennstalsushi“) oder falsch verstandenen Pluralismus zur Deckung: ein Hang zur Professionalität (wenn schon Wurst im Gulasch, dann eine g’scheit fette!) kollidiert mit Episoden spontanen Dilettierens in fremden Ressortbereichen (ich sage nur Filmkritik – Leser der legendären „Fight Club“-Vernichtung von anno dazumal wissen, worum es geht).
Aber worum geht es eigentlich? Im Endeffekt um die Wurst, die einen aufrechten Talib wie Loebenstein tatsächlich vom rechten Weg selbstgerechter Verachtung abzubringen vermochte. Sie war, so viel sei verraten, köstlich: grob in der Konsistenz und von zartem, selbst durch gekonnte Paprizierung des Saftes nicht zu überschmeckendem Raucharoma. Fürwahr, es soll Ihnen versichert sein, der Mann praktiziert, was er predigt!
So borgt die Literatur vom Leben, der Gaudenzdorfer vom Meidlinger und der Ober-Talib von seiner flüchtigen Redaktionsbekanntschaft – ein paar unbedacht vorgetragene Schnurren, und schon findet man sich im Pantheon der österreichischen Literatur wieder. So geschehen mit dem Dänen-Penis: der Verachtung von Freund Rado R. („Schleimer! Karrierist! Du warst nie in Dänemark!!!“) möchte ein geknickter Ex-Fundi nur matt entgegenhalten, dass die fragliche Toilette auf der griechischen Insel Rhodos zu finden sei. So viel dazu!
Michael Loebenstein
Zahlenmystik
Was bedeutet es, wenn Klaus Nüchtern mit einem Shirt des zugegeben recht hippen Modelabels Custo Barcelona durch die Redaktion spaziert, einem an sich dezenten, langärmeligen Pulli, an dem sich Kokain schnupfende Designer durch asymmetrisches Verteilen von ornamentaler Buntheit ausgetobt haben und auf dessen Rückseite groß die Zahl Neunundsechzig zu lesen ist? Wieso hat sich Nüchtern gerade für dieses Stück entschieden? Möglicherweise soll die Zahl ja ein Hinweis sein auf das Jahr seiner Geburt, seiner Einschulung oder seiner politischen Prägung? Alles nein, oder eher nicht. Und nur Einfältige würden bei Neunundsechzig – vor allem im Zusammenhang mit Klaus Nüchtern – an eine Aufforderung zur Ausübung irgendwelcher sexuellen Praktiken denken.
Die Zahl Neunundsechzig auf Nüchterns Long Sleeve von Custo Barcelona weist vielmehr darauf hin, dass der Mann a) tatsächlich zu den modisch Begabten beim Falter gehört und b) extrem praktisch veranlagt ist. Wenn sich Klaus Nüchtern nämlich im redaktionsinternen Wellnessraum kopfüber an die Sprossenwand hängt, um Übungen zu machen, die er in seltsamen Rückenschulen gelernt hat und die seinem Stellvertreterrücken gut tun sollen, bleibt die Zahl auf der Rückseite seines katalanischen Designerstücks gleich: Neunundsechzig bleibt Neunundsechzig, auch kopfüber. So gesehen könnte er natürlich auch ein Shirt mit der Aufschrift Acht oder Achtundachtzig besitzen. Oder Sechsundneunzig. Oder auch Null. (An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass ihm Custo-Shirts ausgesprochen gut stehen. Er besitzt mehrere davon.) Unlängst präsentierte Klaus Nüchtern sein neuestes Shirt von Custo Barcelona. Neben bunten Farbflächen, wirrem Gekritzel und allerlei Unentzifferbarem ist darauf auch die Zahl Zwei zu erkennen. Was das nun wieder bedeutet? Ein Hinweis auf das Erscheinen seines zweiten Kolumnenbuchs natürlich, was sonst. Für die Sprossenwand ist die Zwei wohl kaum geeignet.
Christopher „Wurmdobler“ Wurmdobler
Tanzhals sucht Nackendoktor
Meine zwei Feinde im Fitnesscenter
Wenn der Chefredakteur das Zimmer betritt und ich den Bürosessel in Bewegung setze, um Sichtkontakt herzustellen, ohne den Kopf wenden zu müssen, weiß der Chefredakteur, dass a) sein Stellvertreter einen steifen Hals hat und b) es wieder einmal Zeit für den nachdenklich stimmenden Vortrag zum Thema „Artgerechte Unterbringung in Büros“ wird, der mich einerseits zur Selbstermächtigung in Sachen Neuordnung des Mobiliars ermuntern möchte, mich andererseits mit väterlichem Wohlwollen in der Gruppe der Haltungsgeschädigten begrüßt. Dabei tu ich ja was! Bereits seit Wochen besuche ich ein calvinistisches Fitnessstudio, in dem ärmellose T-Shirts ebenso verboten sind wie Hosen ohne Hosenbeine. Stattdessen gibt es einen riesigen Maschinenpark voller stählerner Ungetüme, in die man sich einspannt, um unter großen Qualen Muskeln zu trainieren, von deren Existenz man bis vor kurzem noch nichts ahnte. Meine ganz persönlichen Feinde sind zwei Maschinen, die auf den charmanten Namen F1 respektive F2 hören und sich den Bauchmuskeln widmen. Das sind jene Muskeln, die angeblich unter dem Bauch beheimatet sind. Seit wenigen Wochen besitze ich sogar Seitenbauchmuskeln, die irgendwo über jenen Knochen liegen, zwischen denen bei jungen Leuten das Nabelpiercing liegt und die ich Beckenschaufelausläufer taufen möchte. Der einzige Zweck der Seitenbauchmuskeln besteht vermutlich darin, den beweglichen Teil von F1 in halbkreisförmiger Bewegung von Position 0 auf Position 13 und retour zu bewegen: zwei Minuten auf halblinker, zwei Minuten auf halbrechter Position. Ich mutmaße, dass die anderen Menschen, die dieses Fitnessstudio ganz offensichtlich auch nur deswegen aufsuchen, weil sie in zehn oder zwanzig Jahren noch „aufrecht“ gehen, schmerzfrei sitzen oder ein Gurkenglas aufschrauben können wollen, ähnlich schlimme Feinde haben wie ich. Übermäßige Solidarität kommt dennoch nicht auf. Stattdessen kontrolliere ich ihre Gewichtseinstellungen und verachte alle jene, die weniger Kilos beugen und biegen, stemmen und stoßen müssen als ich.
Chef checkt Nottermin beim Nackendoktor
Zu den schönsten unter den leider und zu Unrecht in den Ruf des Infantilen und Verschmockten geratenen Partyspielen gehört neben Flaschendrehen und Apfeltauchen noch Tiere-Zuordnen. Es geht dabei darum, dass einzelne Personen von allen anderen Partygästen aufgrund physiognomischer oder wesensmäßiger Ähnlichkeiten bestimmten Tieren zugeordnet werden. Ich zum Beispiel werde in der Regel von allen eindeutig als Ratte identifiziert (physiognomisch). Dagegen habe ich nichts einzuwenden, bin ich doch ein Freund dieses kleinen, alerten Globalisierungsgewinners. Würde man mich allerdings nach dem vergangenen Wochenende nach meinem animalischen Analogon befragen, würde ich antworten: „Nicht-Eule.“ In gewissem Sinne trifft das auch auf die Ratte zu, die von der Eule ja durchaus qua Verspeisen negiert wird; mich hingegen finde ich durch den bekannt wendigen Kopf der Eule aufs Bitterste parodiert, da ich derzeit an einer unhübschen Genickstarre laboriere und mich seit Freitag intensiv mit der Frage „Gibt es eine schmerzfreie Liegeposition?“ beschäftigt habe. Die Antwort lautet eindeutig: „Nein!“ Zwar besitzt mein schlafender Körper die erstaunliche Fähigkeit, wie ein Scheit Holz stundenlang in derselben Position zu verharren, aber auch das bewirkt schmerzhafte Verspannungen, die die ohnedies stark verminderte Mobilität noch weiter einschränken. Und das mir, einem Menschen, der dem Drang, unkontrolliert um den Hamsterkäfig herumzu„tanzen“ oder der Tochter die winzigen Schnapsgläschen vom Tablett zu fegen (Her Royal Hamstress ist leider schwere Gintrinkerin), nur allzu gerne nachgibt. Wie schon die diversen Weltkriege hat mein Chef auch meine pathologische Versteifung im Zervikalbereich schon vor Jahren vorhergesehen und warnend auf mich eingeredet. Freundlicherweise hat er sich die Anmerkung, dass er es immer schon kommen sehen habe, verkniffen und mir stattdessen einen Nottermin beim Nackendoktor gecheckt. Von ihm werden Wunderdinge erzählt. Er heißt Dr. Malus. Ich bin der Letzte, der zu Namenswitzen aufgelegt wäre.
Bizarr & wohltuend: Oktopus im Nacken
Der Verdacht lag ja schon längst nahe, aber jetzt muss es als wissenschaftlich abgesichert gelten: Man fährt am besten, wenn man sein Leben als Marionette verbringt. Zur Erlangung einer korrekten und möglichst schmerzfreien Körperhaltung, so erklärte mir mein Heilgymnastiker, ist es hilfreich, wenn man sich vorstellt, an einem Faden zu hängen. Ein akutes Cervicalsyndrom (CVS) ist überhaupt prächtig dazu angetan, einen mit jenen existenzialphilosophischen Happen zu versorgen, die milde Alltagsentgleisungen (Sieg des falschen Fußballvereins, Triumph der falschen Musik, Erfolg der falschen Partei, Erwerb der falschen Apfelsorte) leichter erträglich machen. Schlafen und dann auch wieder aufstehen können ist ja auch schon mal was sehr Feines! Ein prächtiges System medizinischer Versorgung, dessen Erhalt vom Erfolg der richtigen Parteien abhängt, sorgt zudem dafür, dass sich gut ausgebildete Menschen mit wunderbaren Fähigkeiten um meinen Stütz- und Bewegungsapparat kümmern. Hochgewachsene Frauen in schwarzen Schlauchkleidern erfreuen mein Auge (auch wenn es schmerzt, den Blick nach oben zu richten), andere unfassbar freundliche Frauen holen mir ungezuckerten Gratiskaffee. Man pappt mir einen elektrischen Oktopus an den Nacken, was mich in der Folge zum Tragen hochkragiger Kleidungsstücke nötigt, da die Spuren dieser Behandlung so aussehen, als würde ich mich für Innovationen auf dem Hundehalsbandsektor interessieren und mich gerne in Hobbykellern mit verspiegelten Decken aufhalten. Hernach kommen dann Menschen mit beachtlicher Armmuskulatur und kneten an meinen Muskeln herum, die zwar nicht vorhanden, dafür aber bretthart und voller Astlöcher sind. Schuld daran ist die Überidentifikation mit meiner Schreibtischplatte. Mein Masseur rät zum Berufswechsel oder einer dreimonatigen Auszeit, ein Vorschlag, den ich umgehend an meinen Chef weiterleite. Dieser versetzt sich spontan in meine Lage und bekommt sofort einen betonharten Nacken. Ich verschreibe ihm einen Berufswechsel und borge ihm meinen Comfort-Cool-Pack mit blauem Nackenkühlgel.
Zero Tolerance for Stammkundenverarsche
Ich weiß, dass es Kulturen voller Langmut, Weisheit und zotteliger Rinderrassen gibt, die den Shopping-Samstag gering achten und vertane Zeit nicht kennen. Warten zum Beispiel finden die super, weil es für sie gar nicht warten bedeutet, sondern von Gott geschenkte Zeit oder so. Ich gehöre dieser Kultur aber leider nun mal definitiv nicht an und habe mich auch dazu entschlossen, entsprechenden Culture-Switch-Awareness-Classes, wie sie in jeder besseren Volkshochschule angeboten werden, fernzubleiben. Und Warten finde ich total scheiße. Was ich in letzter Zeit so zusammenwarten musste! Es begann in dem supergut organisierten Rückenbegradigungsinstitut, in dem ich es leider verabsäumte, meine Präsenz bei der zentralen Koordinationsstelle anzuzeigen, weswegen ich dann eine Dreiviertelstunde sinnlos herumsaß und darauf wartete, endlich aufgerufen zu werden, um vom Doktor persönlich zusammengeklappt und wieder aufgefaltet zu werden, was die Wirbelsäule lustig krachen und die Wirbel an ihre angestammten Plätze hüpfen macht. Wertvolle Friseurtermine wurden mittlerweile versäumt. Das war aber alles nichts gegen das Herumstehen an der Haltestelle Arbeitergasse am Freitag, dem 25.10., zwischen 9.50 und 10.15 Uhr. Ich bin treuer Jahresnetzkartenabonnent, habe der gottverdammten Stadtregierung die absolute Mehrheit verschafft und ergo absolut null Verständnis dafür, an einer der wichtigsten Straßenbahnhaltestellen Wiens 25 Minuten (!) lang warten zu müssen, ohne dass innert der ersten zehn Minuten irgendein livrierter Clown der Verkehrsbetriebe antanzte, um mich sanft beim Musikhören zu unterbrechen und mit aufwendigen Erklärungen, Entschuldigungen und Entschädigungsfahrten in einer jener von Champagnerströmen und spärlich bekleideten jungen Damen durchtosten Stretch-Limos zu versorgen, in denen die sauberen Herren Spitzenbeamten der Verkehrsbetriebe ihre orgiastischen Spritzfahrten nach Bratislava zu absolvieren pflegen. So nicht! Nicht mit mir!! Zero Tolerance for Stammkundenverarsche!!! Das nächste Mal können sich die selber wählen!!!!
Unbedankte Mühen, unerwartete Freuden
Stürme toben – in unseren Herzen und um unsere Häuser – und sorgen dafür, dass die Glastüren kaputtgehen. Man soll dann – wie ich vor Jahren an dieser Stelle schrieb („Gib den Dingen eine Chance, Mutter!“) – ein bisschen zuwarten, ob sich nicht auch so was tut. Nun habe ich am vergangenen Freitag das gesammelte Bruchgut aber doch eigenhändig und unter Absingen der Bach-Kantate „Ich will den Kreuzstab tragen“ zum Glaserer geschleppt. In Kulturen, in denen der permanente Konsum von gewalttätigen TV-Serien und olivenölbeträufeltem Mozzarella die Herzensbildung noch nicht völlig ausgerottet hat, werden Männer, die dergleichen auf sich nehmen, von Weib und Kind mit falschen, aber herzlichen Gesängen empfangen, mit Blumen bekränzt und einem gut gekühlten Fässchen schäumenden Getränks begrüßt. Hierauf erlegen Weib und Kind ein Tier der Wahl des Türenträgers und steckens ihm auf einen sich drehenden Spieß, unter dem ein lustiges Feuer züngelt. In meinem Falle blieben sogar die falschen, aber herzlichen Gesänge aus. Wo Undank ist, wächst das Schmerzhafte auch. Andere haben einen Tennisarm, ich habe eine Türschulter. Unlängst hatte ich einen Tanzhals. Allerdings konnte ich, bevor ich mir den Hals vertanzte, noch Zeuge einer Szene werden, in der Unschönes durch Schönheit geschlagen ward. Ein unangenehm biegsamer Tanzandroide tanzte eine junge Frau mit auffallend schöner Nase an, indem er sich bog, wand und auf gotteslästerliche Weise seinen Leib verrenkte. Während er so vor sich hinlimbote, bis Tänzer und Angetanzte einen rechten Winkel bildeten, erstarrte die schönnasige junge Frau in einer Rigidität, wie sie Giacometti in seiner berühmten Bronze „Die peinlich Berührte“ nicht stärker zum Ausdruck gebracht hat. Die Gelegenheit, den Tanzandroiden in die Kronjuwelen zu treten, wurde durch diese Schockstarre zwar vergeben, aber es war schon sehr schön, mitanzusehen, wie die Anstrengungen des zappeligen Kampfknackarsches just den konträren Effekt des erhofften Dahinschmelzens hatten. Da nimmt man einen Tanzhals dann doch ganz gerne in Kauf.
Zappelphilipp und Tanzmonade
Mir ist nicht klar, ob respektive was das über den Betrieb, an den mich Herzblut, protestantisches Arbeitsethos und stattliche, monatlich überwiesene Geldsummen seit Jahrzehnten binden, aussagt, aber wir hatten letzten Winter die erste Weihnachtsfeier mit Tanz. Unter der sachkundigen Anleitung der DJs Fasthuber und Stöger (ich durfte zehn Minuten lang Zeug für depressive Fortysomethings auflegen) wurden Teile der betriebseigenen Villa in einen Tanzpalast verwandelt. Interessant ist schon einmal, wer wann zu tanzen beginnt, wie viel Alkohol er/sie davor konsumieren muss und wer partout und durch keine der auf Betriebskosten großzügig verteilten Drogen dazu zu bewegen ist, sich zu bewegen. Auch fand ich es sehr bemerkenswert, dass diese Innovation das geschlechtliche Verhalten meiner Kolleginnen und Kollegen in keiner Weise verändern konnte. Nie, nie, nie, nie findet bei unseren Weihnachtsfeiern spontaner Geschlechtsverkehr oder auch nur der Körper- und sonstige Grenzen überbrückende Austausch von Körpersäften statt. Damit will ich durchaus niemanden zu gar nichts aufgefordert haben (hausinterne E-Mails erübrigen sich), ich stelle nur fest. Meine erst wenige Monate währende Tätigkeit als MC haben mich außerdem gelehrt, dass das durchaus nicht unüblich ist. Auf meinen gemeinsam mit DJ Rubinowitz unternommenen Reisen durch Österreich muss ich mir als Eintänzer schon einen Haxen ausreißen, um die Menschen überhaupt zum Tanzen zu bewegen. Als Erstes sind meistens pseudolesbische Mädchenkreise dazu bereit, ironisch zu tanzen und unter sich zu bleiben. Später betreten dann einzelne Männer die Tanzfläche, um den Zappelphilipp zu geben. Und dann gibt es noch die Tanzmonaden: supergut aussehende Frauen, die in seliger narzisstischer Versunkenheit nur für sich und ihr Karma tanzen. Wir lernen daraus, dass Tanzen als Anbahnung geschlechtlicher Geneigtheiten weitgehend ausgedient hat. Dergleichen findet heute wohl eher im Rahmen von Fahrprüfungen, Schiffstaufen, Kindergeburtstagen und Beschneidungsfeiern statt. Interessant.
The Good, the Bad and the Ugly
Hitzeleichtsinn ist kein Kavaliersdelikt
Dass die dünne Eisschicht der Zivilisation unter den derzeit herrschenden Temperaturen längst verdampft ist, verwundert nicht. Und doch bin ich immer wieder verstört, wenn mein Bedürfnis, in der Fußgängerzone gemeinsamer, von allen geteilter Werte zu wandeln, wieder einmal als schieres Wunschdenken enttarnt wird, das jeglicher Verankerung in der Wirklichkeit entbehrt. Die Tatsache, dass viele meiner Geschlechtsgenossen die außergewöhnliche Hitzeentwicklung zum Anlass nehmen, sich der letzten Reste von Oberkörperbekleidung zu entledigen, muss als krasses Fehlverhalten angeprangert werden. Vor seinem Hochofen oder in seinem Schrebergarten mag jeder machen, was er will, aber die Zurschaustellung entblößter Oberkörper ist nur in Zonen zulässig, die mit „öffentliches Freibad“, „Swingerclub“ oder „Stadion“ überschrieben sind. Es ist auch völlig wurscht, ob sich das maskuline Selbstbewusstsein in einem durchtrainierten Coca-Cola-light-Werbung-kompatiblen Oberkörper oder darin manifestiert, dass man in der radikalen Ermangelung eines solchen keinen Grund erblickt, sich freundlicherweise zu verhüllen. Das Tragen blickdichter und mit Ärmeln versehener Leibchen muss als eine tragende Säule des in uns versenkten Sittengesetzes gelten. Die andere Säule heißt: Obacht aufs Knie! Überknielange Hosen sind sowieso dufte, knielang ist korrekt. Übers Knie hochrutschende Hosenbeinsäume allerdings müssen als frivol gelten. Ein bisschen Frivolität braucht natürlich jede Gesellschaft, da können die Männer schon einmal so weit gehen, dass man ihr Knie erahnt, wenn sie sitzen. Soll sein. Alles Kürzere aber ist ein Schlag ins Gesicht wahrer Herzensbildung. Frauen brauchen freilich nicht zu glauben, dass sie sich jetzt zurücklehnen können – womöglich gar in Shorts. Vielmehr sollten sie einen noch viel weiteren Bogen um dieses Kleidungsstück machen als Männer. Es ist für Frauen fast schicklicher, untenherum nackend herumzulaufen, als kurze Hosen zu tragen. Ja, je mehr ich darüber nachdenke, umso sicherer bin ich mir, dass es sich just so verhält.
Sojasaucenloser Sonntag mit Suzanne
„Jetzt geht das wieder los: Frauen im Sommergewand“, schreibt König Kralicek in mein Handydisplay. Der Mann hat Recht. Es ist Sonntag, der 1. April, es ist warm, und vielerlei hebt an: Erdbeere und Spargel fläzen in den Kisten der Marktstandler, zartblättriger Bärlauch wiegt sich im Wind des Wienerwaldes, und auf dem Rohrhaus verzweifelt das Servierpersonal, nicht minder der Kunde. Der volksnahe und naturtrübe Teil der Falter-Redaktion (im Übrigen identisch mit dem FC-Tirol-Flügel) findet sich geschlossen ein, Jamaaladeen Taschwer und ich reihen uns in die Schlange vor der Schank und üben uns in solidarischer Geduld. Ach, es geht jetzt alles wieder von vorne los. Schon am Donnerstag, als ich meine Sparbücher aus ihrer anonymen Existenz befreite und auf europäisches Niveau hob, plauderte der Bankbeamte am Telefon über die Probleme der Ära Holender im Vergleich mit der Ära Maazel („Das war doch kein Stagione-Betrieb!“), am Samstag dann gings ans Schleckerreinstecken in der Linie 18, an dem ich nur als Beobachter teilhatte und in Hinsicht auf beide Beteiligten darob doch herzlich froh war. Frühling hin oder her, man kann nicht jedem Co-Passagier in der Straßenbahn einfach den Schlecker reinstecken. Das meinte auch die ältere Dame („Und das vor dem Kind“), wohingegen das Kind, das zufällig meins war, das Treiben mit gelassenem Amusement beobachtete. Ein Wochenende, das so beginnt, muss mit Würde zu Ende gebracht werden. Der Sonntagabend stand folglich im Zeichen meines Pürierstabs. Ich pürierte die Möhre, ich pürierte die Beere, ich formte den Bärlauch zum handlichen Ball – ins Tiefkühlfach mit ihm. Die Austernpilze jedoch warf ich ins sprotzende Öl. Scharf briet ich die braunen Hüte, hackt’ Knoblauch hinein, servierte Basmati dazu (Sojasauce war aus). Als Schimanski aus dem Büro geworfen wurde, landete er mit der Fresse direkt zwischen den Beinen der neuen Oberstaatsanwältin. Es war bloß eine Wiederholung, aber ein guter Sonntag hat einen Film mit Suzanne von Borsody im Abendprogramm. Oder mit Ulrike Folkerts.
Kein Hotdog, kein Geschlechtsverkehr!
Vor einiger Zeit bin ich einmal mit einem Typen Straßenbahn gefahren, der sich rasiert hat – live! Er tat dies mit einem Elektrorasierer, was ohnedies das Letzte ist. Wenn schon Rasur in der Straßenbahn, dann nur nass! Mit Pinsel, Seifenschale, Rasierspiegel & After-Shave-Zerstäuber – das hätte schon wieder was! Das hätte Grandezza! Aber im Großen und Ganzen bin ich der Auffassung, dass Grandezza in der Straßenbahn nichts verloren hat, schon gar nicht, wenn sie sich in Teilgebieten der Körperpflege manifestiert (auch das Fingernägelabknipsen muss als unzulässig gelten!). Hobbybenimmtanten wie ich halten das eigentlich für selbstverständlich, müssen dann aber eben mit Bedauern feststellen, dass es hier mit dem Selbstverständlichen so ist wie überall auf der Welt – nicht besonders weit her. Aus diesen Gründen müssen wir jetzt leider eine Straßenbahnbeförderungsethikkommission einsetzen. Die soll zum Beispiel festlegen, dass Geschlechtsverkehr oder fortgeschrittene Geschlechtsverkehrsanbahnungstechniken wie Ausgreifen oder Ausziehen von hautnahen Kleidungsstücken der Straßenbahnbeförderungsethik Hohn sprechen. Noch wichtiger ist Folgendes: Obacht mit dem Essen im öffentlichen Raum! Unlängst saß im Filmmuseum einer vor mir, der hatte sich schnell noch einen Hotdog vom Würstelstand geholt. Also, das geht nun wirklich nicht. Da sieht man sich Ausschnitte der Klassiker des Neorealismo an, und die Partisanenerschießung wird von Frankfurterschwaden untermalt. No, signore! Und was im Filmmuseum unrecht ist, muss auch in der Straßenbahn als unbillig gelten; die Straßenbahn ist gewissermaßen ein Filmmuseum auf Schienen. Vor dem Betreten des Waggons muss ausgeraucht und -geatmet werden (schnell noch inhalieren und dann den Rauch im Wageninneren ausstoßen – voll daneben!). Warme Nahrung hat vollständig gekaut und geschluckt zu werden. Schnitzellandstyropor, Kebabstanniol, Sushiboxen und dergleichen sind vor dem Einstieg korrekt zu entsorgen. Die Neuburgersemmel ist ein Grenzfall, die warme Leberkässemmel definitiv verboten!
Es muss nicht immer geritten werden
Neulich hat sogar ein Taxifahrer für mich gebremst. Hätte er nicht machen müssen. Hat er aber. Ließ mich auf der Prater-Hauptallee einfach über den Zebrastreifen laufen. Spätestens seit diesem Vorfall weiß ich, dass der natürliche Feind des Praterläufers nicht im Auto, sondern buchstäblich hoch zu Ross sitzt. Reiten ist das mit Abstand übelste soziopathische Verhalten, das in unserer Kultur als Sportart durchgeht (warum hier seit Jahrzehnten eine Gesetzeslücke aufklafft, die zu schließen ich den Justizminister hiermit eindringlich auffordere, ist unerklärlich). Von wegen Sport! Menschen sitzen auf den Rücken von Tieren, die von der Natur weder zum Laufen noch zum Springen, sondern ausschließlich zum Ziehen von Lasten ersonnen wurden, und bewegen sich im Schritttempo durch den Prater. Sie würden von jedem mediokren Power-Walker überholt werden, würden diese Bestien mit ihren – oft den Durchmesser von 50-Liter-Fässern erreichenden – Hufen nicht so viel Staub aufwirbeln und dadurch Erstickungsanfälle argloser Hobbysportler verursachen.
Dass die von Pferden permanent abgeapfelte Scheiße, die in der Wiener Innenstadt von eigens dafür eingesetzten Maschinen der MA 48 großflächig verrieben und damit erst zur vollen olfaktorischen Durchschlagskraft entfaltet wird, allenfalls von Rosenzüchtern und sonstigen Perversen geschätzt wird, sei nur am Rande bemerkt. Pferde, das weiß man, besitzen eine seltsame Faszination auf präpubertäre Mädchen. In Grenzen ist das auch entschuldbar. Ab einem gewissen Alter aber sollten die Erziehungsberechtigten dafür sorgen, dass diese Phase nicht anhält und so zu schwer behebbaren Störungen führt. Runter mit den Pferdepostern, rauf mit dem Ronan-Keating-Starschnitt!! Tausende von hormonüberfluteten, halbminütlich ausspuckenden Schlabberhosenträgern bedürfen der Betreuung, und auch etwaige aufkeimende lesbische Neigungen wollen jetzt entwickelt werden. Es gibt so viele schöne homosexuelle Sportarten wie Synchronschwimmen, Beachvolleyball oder Simultanschach. Es muss nicht immer geritten werden.
Ich gehe zu Spar und kaufe Salz ein
„Es gibt sie noch, die guten Dinge“, lautet der Wahlspruch des Manufactum-Versands, der mir alle halben Jahre seinen Katalog ins Postfach wuchten lässt – voll mit Dingen, die ich immer schon gebraucht habe: seien es die unfehlbaren japanischen Samurai-Astsägen (bamboo-proof!), die berühmten Essexer Eieruhren aus unverwüstlichem Sattelleder oder die handgesägten Lakritzstangen aus dem Piemont, die einzigen, die noch aus echtem Bärenkot hergestellt werden. Der Manufactum-Katalog ist der feuchte Traum von Männern, die aufrecht in handgenähten Büffellederstiefeln sterben wollen (nachdem sie sich mit der Damaszenerklinge ihres Rasiermessers die Kehle durchgeschnitten haben), und von Frauen, die sich von nach englischem Rasierwasser und Büffelleder riechenden Herren die sattelledernen Eieruhren reparieren lassen. Was aber nützt einem die funktionstüchtigste Essexer Eieruhr, wenn man zwar Eier, aber eines nicht hat: Salz! „Ein Mensch ohne Salz ist wie ein Mann ohne Büffellederstiefel“, lautet ein altes Navajo-(sprich: Nau-fach-suu-)Sprichwort. Da steht die Salzbüchse am Tisch des blassen Mannes und der Squaw, die mit ihm den Tisch teilt, aber das Salz „gibt nicht mehr aus“, wie die Mutter meiner Mutter zu sagen pflegt. Das liegt darin, dass nur mehr winzige, taube Salzkörnchen in der Büchse sind, so genannter Salinenschotter, der zwar beim Schütteln täuschend echte Salzkorngeräusche von sich gibt, aber über keinerlei Geschmacksmoleküle mehr verfügt. „Welches Schwein hat die Büchse leer gesalzen?“, frage ich und blicke in Gesichter, die sich in Unschuldspantomime üben. Das geht ein paar Tage so. „Salzlose Tage sind wie Tage, an denen deine Büffellederstiefel beim Schuster sind“, sagt der Sioux (sprich: Srilanka). Und er hat Recht. Nach zwei Wochen gehe ich zum nächstgelegenen Spar und kaufe eine kleine Büchse Ischler Spezial-Salz und eine große Büchse Meersalz. Es ist, als hätte ich ein neues Paar Büffellederstiefel geschenkt bekommen.
Schlechte sind noch schlechter als keine
Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, in Restaurants in unangenehme Situationen zu geraten. Die wichtigsten davon sind: a) ein Attentat der Mafia, bei dem man zu Tode kommt und mit dem Gesicht in die Pasta fällt; b) eine Szene mit einer eifersüchtigen Frau, in deren Griffweite sich Nudelgerichte befinden; c) keine Pfeffermühle. Bislang sind mir die Situationen a und b glücklicherweise erspart geblieben, wohingegen ich von c das ein oder andere Liedchen zu singen weiß. Ich bin, weiß Gott, ein pflegeleichter Kunde, der schon dem ein oder anderen Handelsangestellten ein kleines Leuchten ins Auge gezaubert oder nach Verlassen von Herrenhandtaschengeschäften das Verkaufspersonal zu hysterischem Gelächter inspiriert hat. In Restaurants erinnere ich mich freilich hin und wieder des Bonmots, demzufolge der Kunde König sei, und verlange zwei Dinge: warme Suppen und Pfeffermühlen. Noch schlimmer als keine Pfeffermühlen sind schlechte Pfeffermühlen. Wer fremde Wohnungen betritt, um sich dort sexuell zu betätigen und/oder zu essen, sollte sein/ihr Augenmerk nicht an solch nebbiche Nebensachen wie Tapetenmuster oder Hygienestandards verschwenden, sondern höflich, aber bestimmt zur Pfeffermühlenprüfung schreiten. „Ich hätte gerne eine Bloody Mary mit frisch gemahlenem Pfeffer, danke, sehr lieb, aber ich mahle selber“ ist ein tadelloses, mit allen Wassern avancierter Benimmbücher gewaschenes Sätzchen. In Anwalts- und Fußballtrainerkreisen gilt ein „Nein danke, ich schnupfe schwarz“ als ebenso dezenter wie unmissverständlicher Hinweis darauf, dass man statt dem traditionellerweise angebotenen Koks lieber eine Mühle hätte. Kommt man Ihnen dann mit peinlichen Ausreden oder so einer Art wurmstichigen Nachbildung einer barocken bayrischen Bauernkirche, die allenfalls unregelmäßig stiebenden Pfefferstaub absondert, ist es erlaubt, ja nachgerade geboten, wortlos das Haus zu verlassen. Der Erwerb einer funktionstüchtigen Pfeffermühle ist eine denkbar einfache und wohlfeile Angelegenheit, die jedem zugemutet werden darf.
Pulsuz fraqment bitdi.