Kitabı oxu: «ok ist eh ok»
Klaus Nüchtern
ok ist eh ok
Nüchtern betrachtet: 74 fesche Kolumnen mit zwei funkelnden Vorworten von Harald Martenstein und Harald Tautscher
Falter Verlag
© 2009 Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.
1011 Wien, Marc-Aurel-Straße 9
T: +43/1/536 60-0, E: bv@falter.at, W: faltershop.at
Alle Rechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
ISBN ePub: 978-3-85439-544-7
ISBN Kindle: 978-3-85439-554-6
ISBN Printausgabe: 978-3-85439-428-0
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Harald Martenstein: Mein erstes und letztes Vorwort
Harald Tautscher: Jawollll! Genau so!
Klaus Nüchtern: „Naja, muss ja. Und selber?“
Ein Vater ringt um Schlaf
Man findet keine Freunde mit Salat
Schlichtheit ohne Scham
Verschiedene Formen der Fortbewegung
Jetzt war ich auch schon in New York
Das Harte und das Zarte
Auf der Suche nach dem geglückten Tag
Freundschaft zwischen Tier und Mensch
Was man tragen soll
Wo’s langgeht, kann ich gerne sagen
Quellen
Fußnoten
Mein erstes und letztes Vorwort
Neulich bin ich von einem Kollegen, einem österreichischen Kultkolumnisten, um ein Vorwort zu seiner neuen Kolumnensammlung gebeten worden. Das ist ein netter Herr, nicht mehr ganz jung, also habe ich zugesagt, obwohl es ja, glücklicherweise, viele nette, nicht mehr ganz junge Herren gibt auf der Welt. Wenn die alle Vorworte wollen, dann gute Nacht.
Warum hat Schiller keine Vorworte für Goethe geschrieben? Warum schreibt Walser keine Vorworte für Grass? Das ist ein minderes Genre. Ein Buch ist ein Baum. Eine Kolumne ist eine Staude. Ein Vorwort ist Löwenzahn. Vorworte reißen es irgendwie nicht. Nachrufe – ja! Aber ich wünsch keinem was Böses.
Also: Dies ist, ich schwöre es, das einzige Vorwort, das ich in meinem Leben verfasse. Sollte morgen Wolf Haas kommen, sage ich nein, sollte übermorgen Grass kommen, antworte ich nicht mal. Ich schreibe auch kein Supervorwort, ich schreibe eines, das gerade mal okay ist. Okay ist okay, es muss nicht immer super sein.
In den Kolumnen, die ich dann zugeschickt bekommen habe, ist mir als Erstes aufgefallen, dass darin vom Berliner Landwehrkanal die Rede ist, da wohne ich, und von der Schriftstellerin „Svealena Kutschke“. Dies ist in der vorliegenden Sammlung mein Lieblingsname und das exakte Gegenteil von „Klaus Nüchtern“. Eine Svealena Kutschke kann doch gar nicht poetischer oder origineller oder in sich Gebrochener schreiben, als sie sowieso schon heißt. Am besten zum Publizieren geeignet sind erwiesenermaßen klare, facetten- und spannungsarme Namen wie „Schiller“, „Grass“, „Haas“ oder „Nüchtern“, da kann man sich im Text noch steigern, auch wenn es nicht jedem gelingt. Witze über Namen – das ist unterste Schublade. Nun, gebt den Leuten eine Kommode, und sie werden die unterste Schublade öffnen.
Zu der Kunstform Kolumne ist zu sagen, dass sie kurz ist und nicht sehr systematisch und dass der Kolumnist immer über sich selber schreibt. Angeblich schreiben Kolumnisten über alles, in Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall, sie schreiben immer über das Gleiche, ihre Befindlichkeit, aber jedes Mal auf eine andere Weise. Die Schallplatte, die der Kunstform Kolumne am nächsten kommt, stammt von der slowenischen Band Laibach und enthält zwölf verschiedene Versionen des Songs „Sympathy for the Devil“. Je länger man eine Kolumne schreibt, desto schwieriger wird es übrigens, das ist ähnlich wie beim Schraubenzudrehen.
Klaus Nüchtern, der das schon sehr lange tut, wobei er die Qualität nicht nur hält, sondern eher verschärft, ist wieder so ein Großer, Dünner. Österreicher sind ja seltsamerweise fast immer entweder ewig schlaksig und bubenhaft wie Udo Jürgens und Jörg Haider oder fett wie Hermes Phettberg und Helmut Qualtinger. Als ich unlängst erwachte, lag meine Frau neben mir und sagte: „Wenn du dich jetzt in einen Österreicher verwandelst, dann habe ich entweder großes Glück oder großes Pech. Also lass es lieber.“
Meine Lieblingssätze aus der vorliegenden Sammlung:
3. Gebt den Leuten eine Kommode, und sie werden die unterste Schublade öffnen. 2. Okay ist okay, es muss nicht immer super sein. 1. Als ich unlängst erwachte, lag meine Frau neben mir. Mein Lieblingswort aus der vorliegenden Sammlung: Popscherldoktor.
Harald Martenstein
Jawollll! Genau so!
„Nüchtern betrachtet“ ist eigentlich ein analoges Facebook. Seit neunzehnhundertirgendwann erzählt Klaus Nüchtern seine Alltagserlebnisse. Leserinnen und Leser der Kolumne wissen so ziemlich alles über ihn.
Er kocht gerne (asiatisch, Innereien, Suppen), wandert in der näheren Umgebung, ist gastfreundlich veranlagt, schätzt Gastgärten und Gerstensäfte, beschreibt detailgetreu normale und eigenartige körperliche Zustände, ihre Auswirkungen und die manchmal daraus resultierenden Besuche bei professionellen Beratern und Heilern. Er hat eine klare Vorstellung davon, wie Unterhaltungsmedien funktionieren oder aber auch gefälligst zu funktionieren haben, er bügelt gerne, ist ein gewiefter Einkäufer von Lebensmitteln und Haushaltsartikeln auf Märkten und in Supermärkten.
Gerne stelle ich mir da ja vor, welche Niederlagen auf smarte Profiler bekannter Handelsketten lauern, die mittels Kundenkartenauswertung das eklektische Kaufverhalten Nüchterns auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen haben und durch auf ihn zugeschnittene Sonderangebote in Profit übersetzen müssen. Eine Jobverlustdichte, vergleichbar der im Investmentbankwesen anno 2009, Quartal eins, ist da nicht zu verhindern.
Wir nehmen regelmäßig am Familienalltag (daheim und auf Reisen) teil, erfahren von außergewöhnlichen Hobbys (Vögel beobachten, Wolken fotografieren), sportlichen Vorlieben, musikalischen Grenzerfahrungen, innerstädtisch geprägten Angewohnheiten und Ausdrucksformen seiner Freunde und Bekannten.
Das hohe literarische Niveau der wöchentlichen Mitteilungen wird neuerdings auch mit Preisen bedacht. Das ist gut. Die Ingredienz aber, welche mich Woche für Woche die Texte lesen lässt, ist dieser Stil, der die immer sehr expliziten und intimen Wahrnehmungen so in Szene setzt, dass sie weder verletzend noch untergriffig sind, auch wenn schon mal körperliche Züchtigungen, z. B. in Form kräftiger Tachteln, angedroht und eingefordert werden.
„Nüchtern betrachtet“ hat Groove, einen Groove vergleichbar mit einer Max-Nagl- oder Ken-Vandermark-Komposition (vgl. www.handsemmelrecords.com). Wie Musik bescheren mir diese Geschichten regelmäßig kleine Alltagshöhepunkte, besonders auch dann, wenn die beschriebenen Begebenheiten und deren Analysen sich mit eigenen Wahrnehmungen decken und ein innerlich sattes „Jawollll! Genau so!“ auslösen.
Klaus Nüchtern gehört zu einer raren Spezies: Er ist Entertainer und Humanist.
Harald Tautscher
„Naja, muss ja. Und selber?“
Wenn Dirk Merbach, der Artdirector des Falter, und ich einander nach längerer Pause wieder in den Redaktionsräumlichkeiten begegnen, pflegen wir rituell den Standard sinnentleerter minimalistischer Bürokommunikation zu erfüllen: „Und?“ „Naja, muss ja. Und selber?“
Eh. Irgendwie muss man das alles ertragen, über die Runden kommen, zugleich aber auch aufpassen, dass das Leben nicht zu einem einzigen „Naja, muss ja“ verkommt. Die Zeit eilt im Sauseschritt, und man eilt mit, sollte aber doch unterwegs ein paar Pflöcke einschlagen und ein paar Faxen machen. Das ist auch der Grund, warum nun bereits der fünfte Sammelband mit Kolumnen erscheint: „Naja, muss ja. Und selber?“
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich mach das gerne. Ich muss das nicht machen, aber wenn ich schon mal da bin, kann ich auch gleich jahraus, jahrein Kolumnen schreiben. Und nachdem der Verlag meinen Hinweis, dass es jetzt wieder Zeit wäre, ein Buch draus zu machen, mit einem wohlwollenden „Okaaay“ quittierte, und ich darüber hinaus den Eindruck habe, dass jene Teile der Weltbevölkerung, in die Einblick zu haben ich mir einbilde, diesem Projekt eventuell nicht ganz unfreundlich gegenüberstehen, wird das jetzt eben einfach gemacht.
In einer wohlwollenden und, wie ich finde, klugen Besprechung (und das muss durchaus nicht Hand in Hand gehen) eines meiner ersten Kolumnenbände gefiel es dem Rezensenten, die Regellosigkeit des darin Versammelten und die Einsicht des Autors herauszustreichen, dass Kolumnenschreiben im Grunde vollkommen „pointless“ sei. But is it? Schon klar, das Zeug jener abertausenden Spaßvögel, Edelfedern und Gesinnungsclowns, die das auch machen, ist – von einigen glänzenden Ausnahmen abgesehen – totaler Mist, Müll und Missbrauch von Materie, aber meine Sächelchen sind mitunter doch ganz hübsch.
Es stimmt auch nicht ganz, dass ich damit nichts wollen würde. Es geht mir schon – worum sonst? – ums Gute, Wahre und Schöne. Ich versuche bloß, mich zwischen dem leitartikelnden Gedröhne der Bescheidwisser und dem relativistischen Gefasel postmoderner Weiß-auch-nicht-so-Genaus mit ein bisschen Anmut hindurchzuschlängeln. Als Schmiermittel gelangt dabei unter anderem (Selbst-)Ironie zum Einsatz, die aber oft missverstanden wird. Sie ist nämlich nicht dazu da, um sein Leben ständig in Gänsefüßchen zu setzen und – „kicher, kicher!“ – gegen jedes Ernsthaftigkeitsansinnen und jegliche Kritik zu immunisieren. Eher schon dient sie dazu, ernst sein zu dürfen, ohne Ernst machen zu müssen. Die Ironie, die ich meine, ironisiert vielleicht schon wieder die Ironie, indem sie deren zum Zwang und zur Manier gewordene Uneigentlichkeit unterläuft und etwas auch genau so meint, wie’s gesagt ist. Ich glaube, darüber sollten wir alle gemeinsam ein bisschen nachdenken.
Klaus Nüchtern
Ein Vater ringt um Schlaf
Wir haben verschlafen
Als ich unlängst erwachte, lag meine Frau neben mir. Ich erkenne das gleich, weil meine Frau ziemlich groß ist. Das gefällt mir sehr gut, denn eine Frau, bei der man erst zweimal hinschauen muss, damit man sieht, ob sie im Bett liegt, würde ich nicht wollen. Man hätte ständig Angst, sie zu überrollen oder irrtümlich auf ihr einzuschlafen. Wäre man nicht sicher, ob die Frau im Bett liegt, würde man eventuell versucht sein, die Bettdecke wegzureißen, und dann wohl in jedem Falle furchtbar erschrecken – egal, ob die Frau nun drunterliegt oder nicht.
Erschrocken bin ich aber auch, weil: Wenn am Dienstag der kleine Zeiger auf acht und der große auf zwölf steht und meine Frau neben mir liegt, herrscht Ausnahmezustand. Ich also: „Muss Hannah heute erst später in die Schule?“ Und sie: „Wiiiesooo? Wie spät ist es denn??“ Und ich: „Der kleine Zeiger steht auf acht und der gro …“ Und sie: „Uaaaaaah, Apokalypse, zischendes Pech und brennender Bimstein!!“ Und dann auch noch: „Das äst dä Vernächtong! Dä totale Verrrnächtongg!!“ Immer wenn meine Frau ausflippt, beginnt sie zu reden wie ein Hitlerimitator. Es ist dann ganz falsch, gegensteuern und beruhigend auf sie einwirken zu wollen: „Schau, irgendwie ist es auch süß, wenn wir alle verschlafen. Das haben wir noch nie gemacht, und die Welt dreht sich trotzdem weiter …“ Das wäre genau die verkehrte Reaktion gewesen. Daher ich, reaktionsschnell und ganz richtig: „Där Ontergang, där Ontergang. Onsere Tochter soll säch dä Zähne potzen ond do rofst dir einen Bezahlkraftwagen!“ Ich habe dann sehr souverän dafür Sorge getragen, dass unsere Tochter nur die Russischstunde versäumt hat. Ich bitte die Frau Klassenvorstand der 3B, die Verspätung zu entschuldigen. Sollte es notwendig sein, reiche ich gerne eine handschriftlich unterfertigte offizielle Entschuldigung nach, wiewohl es viel offizieller eigentlich nicht mehr geht.
Ansonsten würde ich die Einführung eines Tages des Verschlafens anregen wollen. Das könnte – aus gegebenem Anlass – durchaus der 11. Dezember sein, an dem dann unentschuldigtes Zuspätkommen bis zu maximal zwei Stunden nach dem üblichen Arbeits- oder Schulantritt zulässig wäre, und zwar bis, sagen wir, 14 Uhr. Hernach könnten nur mehr etwaige Schichtarbeitersonderregelungen schlagend gemacht werden. Die Grundversorgung mit medizinischer Akutleistung und aufputschenden Heißgetränken müsste gewahrt bleiben.
Ich bin das Amerika der Tagediebe
Dieses Land ist eine Nation von Frühaufstehern. Und obwohl ich mich schon längst aus den geschützten Gefilden dissidenter Langschläferei verabschiedet und in den Mainstream der Kernaufstehzeit eingeklinkt habe – nur im Schutze eines sorgsam synchronisierten Familienferienrhythmus vermag ich bis in den hellen Vormittag hinein zu schlafen –, ist mir diese morgendliche kollektive Betriebsamkeit unsympathisch. Wenn ich aufstehe, sitzt man visà-vis schon an den Terminals und tätigt Termingeschäfte oder verkauft Heizdecken online, und auf den Dächern der Nachbarschaft, die allesamt ausgebaut werden, um Raum für trainingsjackentragende Enddreißiger zu schaffen, die sich Sorgen um die Kindergartenplätze ihrer ungeborenen Kinder machen, stehen die Bauarbeiter und denken an Poliebe mit Paarhufern. Ich vergönne echt allen alles, aber es wäre doch schön, wenn auch mal eine Ruhe wär.
Neben der breiten Masse der Frühaufsteher gibt es nämlich auch noch ein Netzwerk an Tagedieben, die in erster Linie damit befasst sind, die Nacht zum Tag zu machen. Diese Gemeinschaft akustischer Spontanterroristen funktioniert nach dem Muster von Al-Kaida („jeder kann mitmachen“) und hat sich die Zerrüttung meiner Person zum Ziel gesetzt. Ich bin für die quasi Amerika. Ihr verabscheuungswürdiges Tun ordnen meine Feinde einer perfiden Pragmatik unter: Interne Differenzen, die unter anderen Umständen zum Bürgerkrieg führen würden, werden für die Dauer der Kampfhandlungen völlig ignoriert: Solange es nur gegen mich geht, kommen die verfeindeten Völkerschaften des Balkans ganz prächtig miteinander aus, und auch der Wiener Feinrippnazi geht gerne ein Stück des Weges mit dem jungen Austrotürken, der sich einen Dreck um die „Einhaltung von grundlegenden Wertehaltungen“ (Bundesminister Johannes Hahn) schert und stattdessen nach Mitternacht per Handy lautstark mit irgendeiner blöden Schnitte herumplärrt, weil die ihm die Ficklizenz entzogen hat: „Du bist so behindert!“ Selber behindert, du Arsch!!
Jetzt könnte ich schlafen, würden sich die Südslawen nicht gerade supergut verstehen. Und spätestens zum Morgenrot schnürt wieder der Feinrippnazi durchs Grätzel, um lautstark Bronchialschleim abzuhusten. Sollen doch alle was davon haben! Meinen Feinden ist das natürlich wurscht, die haben sich mittlerweile in den Schlaf gelärmt.
Die Gesellschaft könnte mich brauchen
Obwohl ich keinerlei Ehrgeiz habe, als „Österreichkritiker“ apostrophiert zu werden (wenn schon, dann „Weltkritiker“, eigentlich aber lieber „Vizekonsul des Lichts“), bin ich keineswegs mit allem einverstanden. Ich finde es zum Beispiel – nimm das, Austropurist! – echt ätzend, dass es hierzulande umöglich ist, früh aufzustehen. Unlängst verließ ich um halb sechs das Bett, was doch ziemlich früh ist, auch wenn die selbstgefälligen Gesinnungsproletarier mich jetzt wieder an die alleinerziehenden Mütter erinnern werden, die in den Filialen der Brotbackketten malochen müssen. Hätten sie halt was Gscheites gelernt und den Kindsvater etwas sorgfältiger ausgewählt! Außerdem muss wegen mir niemand in aller Herrgottsfrüh Aufbacksemmeln in den Ofen schieben, ich esse Toast und Schwarzbrot. Was ich eigentlich sagen wollte: Nicht genug, dass das Frühaufstehen aufgrund der neoliberalen Sommerzeit luxmäßig eh keinen Unterschied mehr macht, tun das bis auf ein paar lichtscheue Tunichtgute mittlerweile auch alle. Die Straßen, Straßenbahnen und Airport-Shuttles sind voll von Frühaufstehern, die im Dienste des internationalen Kapitals an der Entregelung der Tageszeiten und Lebensrhythmen arbeiten. Überall Businessdarsteller, die mit schwappschutzdeckelbewehrten Pappbechern oder Edelstahlthermotassen unschön vom Erdenrund abstehen: „Hallöchen im All, wir auf Terra haben keine Zeit, uns daheim ein Käffchen zu brühen. Wir haben Termine, Dates und Ausbildung, damit wir unsere Jobs behalten oder noch geilere kriegen können.“
Die selbstgefälligen Gesinnungsproletarier sollen jetzt aber mal selber was hackeln und mich mit Belehrungen verschonen. Ich weiß das alles schon! Und ich weiß, dass die Gesellschaft nicht bloß schlechtrasierte Telekom-CEOs braucht, die den Terror ständiger Erreich- und Verfügbarkeit vorantreiben, sondern auch solche, die Alternativen dazu verkörpern – Typen wie mich. Zugegeben, in Wirklichkeit bin ich einer von denen, die Wein predigen und Wasser trinken, aber das müsste nicht so sein. Ich kann auch gerne täglich bis um elf, na, sagen wir: bis halb neun ratzen und hernach mit einem Baguette unterm Arm durch halb Wien flanieren. „Seht“, würden die Leute ausrufen, „so geht’s also auch!“ Eine Gesellschaft müsste sich so einen doch leisten können! Man gebe mir also Geld dafür, und ich mache das.
Der Traum vom Schlafen
Wenn kurz vor Redaktionsschluss großer Stress herrscht, legt mein Chef seinen Platinkolbenhalter behutsam auf die krokolederne Schreibunterlage und schnürt auf seinen Kreppsohlen lautlos durch die Büros. Manchmal legt er mir kandierte Kirschen aufs Keyboard, massiert mir den Nacken oder onduliert mein Haar. Unlängst ließ er sacht ein Blatt Papier auf meinen Schreibtisch niedergleiten. Der Artikel über das rechtsradikale Potenzial unter den jungen Männern Mecklenburg-Vorpommerns war nur teilweise leserlich, daher dürfte wohl das vollständig kopierte Gedicht von Durs Grünbein die Botschaft dieser unverhofften Sendung gewesen sein. Es trägt den Titel „Exaltation im Schlaf“, beginnt mit den Zeilen „Wie tief man sinken kann, kaum ist das Licht/Gelöscht und von den Schultern fällt die Schwere“ und endet mit diesen: „Steif auf dem Rücken liegend, überfällt es mich –/, Ein Tapir war ich, an den Ufern fern des Orinoco.‘“
Na, das ist ja ganz hübsch. Und praktisch obendrein. Denn wenn Durs Grünbein meinen Wappentapir für sein Dichten heranziehen kann, dann darf doch auch ich seinem Gedicht hinterherkolumnieren und mich dem Schlaf widmen, der, so will’s der Grünbein, „von allen Lebenslagen die extremste“ sei. Das ist schön gesagt, aber halt schon auch ein bisschen so dahergedichtet, denn an sich ist der Schlaf ganz alltäglich und sein Ausbleiben in der Regel extremer als sein Eintreten. Man muss natürlich kein großer Freund der Psychoanalyse oder anderer komplizierter Weltanschauungen sein, um zu ahnen, dass während des Schlafs auch ordentlich was los sein kann, aber der Traum vom Schlafen sieht anders aus.
„Der schönste Schlaf ist sanftes Sinken, während deine Füße stinken“, schrieb Grünbein in einem Jugendgedicht anlässlich einer Interrailreise nach Skandinavien; und wieder einmal erweist sich, dass Alter in der Dichtung nichts bedeuten muss, am allerwenigsten Weisheit, Reife und Vollendung. Wenn man nach dreivierteldurchwachten Bahnfahrten durch halb Europa todmüde am Campingplatz ankommt, den Schlafsack aufbreitet und dann in der Sonne eindöst und ein paar Stündchen am Stück selig ratzt – das will ich Schlaf nennen!
Fein sein, zuhause bleibn
Vom vergangenen Sonntag ist zu berichten, dass er vom Bruch zweier Rituale begleitet wurde. Normalerweise umfasst der Sonntag körperliche Ertüchtigung in jahreszeitenabhängigen Formaten, die von der Besteigung des Hohen Lindkogels bis zur Praterrunde reichen können, die traditionsgemäß in der Luftburg endet. Nachdem die Frau an meiner Seite aber aus ungeklärten Gründen unter Magen- und ich aus sehr geklärten Gründen unter Kopfschmerzen litt, wurde vom Verlassen des Hauses abgesehen. Und nachdem die Kopfschmerzen ursächlich damit zusammenhingen, dass Freunde am vorhergehenden Abend gute Laune und Geschenkkörbe vorbeigebracht hatten, fielen auch die traditionsgemäßen Pommes mit Aioli als TV-Dinner zum „Tatort“ aus (ein Gericht, das ich aus Nigel Slaters Kochbuch „Einfach gut essen“ habe – beides, Gericht wie Buch, kann ich sehr empfehlen).
Normalerweise löst das Stubenhocken bei mir bald einmal Kasernierungsdepressionen aus, aber diesmal vertrug ich es erstaunlich gut. Bekanntlich rührt ja fast alles Unglück des Menschen von dem Umstand her, dass der nicht ruhig in den eigenen vier Wänden auf seinem Hintern sitzen kann. Die wunderbare Schauspielerin Julianne Moore hat vor einiger Zeit in einem Interview gestanden, dass sie nicht gerne ausgehe und nun endlich einen Mann gefunden habe, der ihr darin ein guter Begleiter sei. Mit Julianne Moore würde auch ich jederzeit nicht ausgehen, und vielleicht gelingt es mir ja, sie als Ehrenpräsidentin der soeben von mir gegründeten Society for Staying at Home (SSH) zu gewinnen.
Das Konzept von „Ausgehen“ habe ich übrigens noch nie verstanden. Man geht ins Wirtshaus oder ins Theater, aber man geht doch nicht aus! Ausgehen tut allenfalls das Bier – dann muss man zur Tankstelle. Ausgehen ist so etwas wie eine hypermobile Form von Party. Bei einer Party begibt man sich in gutbeschallte und schlechtgelüftete Räume, um auf Leute zu treffen, neben denen man nicht einmal in der Straßenbahn zu stehen kommen will; und beim Ausgehen sucht man gleich eine ganze Reihe solcher Räumlichkeiten auf: zuerst Happy Hour in der Ballermannbar, dann ab ins Multiplexx mit Nachos und Popcorn, hernach Disco und dann noch zu einer Party, die ein Typ gibt, den keiner kennt, bei der man aber gratis zu Koks und Bumsbekanntschaft zu kommen hofft. Und dann reihert man doch wieder nur aufs Parkett und macht andere uncoole Sachen. Wozu?!
Höhepunkte des Horrors im Haushalt
Vermutlich werde ich es bei den Ausscheidungen für den „Mister Fifty-Fifty“-Award des Frauenministeriums nicht in die letzte Runde schaffen, aber ich gehöre immerhin zu jenen Männern, die sich in Boutiquen wohler fühlen als in Autohäusern und Baumärkten. Wer aus diesem Hinweis darauf schließt, dass ich nur zum Anschauen zu gebrauchen bin, hat eine unschöne Mentalität und ist selber blöd. Es gibt sogar Tätigkeiten im Haushalt, die ich, wenn schon nicht gerne, so doch lieber übernehme als andere. Einkaufen zum Beispiel. Oder Kochen. Oder das Befüllen der Waschmaschine. Es ist erstaunlich, wie sorg- und ahnungslos Frauen dabei verfahren. Gerne vergessen sie nämlich, Papiertaschentücher und anderen Kram aus den Taschen ihrer Hosen zu nehmen, bevor sie diese in die Wäsche werfen, und auch das Auf-links-Drehen wird gerne vernachlässigt. Dass Markenhemden jederzeit mit einer 60-Grad-Abreibung zu rechnen haben oder vorgekrumpelte Designershirts damit, gnadenlos glattgebügelt zu werden, versteht sich von selbst.
Heikel ist aber auch die Handhabung am anderen Ende des Waschvorgangs, vor allem, wenn sich Hemden, Langarmshirts, Strumpfhosen und Schürzen in der Trommel befinden und es dabei so arg treiben, dass man sich an japanische Bondage-Pornos erinnert fühlt. Zieht man dann an einem Ärmel oder einem Stück Küchenschürzengürtel, klatscht unweigerlich ein heillos verwursteltes Wäschegeschlinge wie Nabelschnur plus Nachgeburt auf den Badezimmerfußboden. Es gehört dies zu den größten Vexationen, die die Haushaltsführung zu bieten hat, steigerbar nur durch die Kombination von eingerissenen Fingernägeln und Nylonstrümpfen.
Zu den bevorzugten Aufführungsorten peinigender Insubordination organischer und anorganischer Materie zählen des Weiteren noch Herd, Kühlschrank, Geschirrspüler, alles, was spiegelt, und die Lade – insbesondere dann, wenn sie die Lieblingsnahrung von Speisemotten enthält (Schokolade, Semmelbrösel, Studentenfutter). Einen gefährlich weiten Wutwinkel zwischen den Füßen erzeugen frei flottierende Flüssigkeiten im Frigidaire, die daher rühren, dass eine schlecht veschraubte Flasche leckt, ein Stück Wurstpapier das Kondenswasserabflusslöchlein verlegt hat oder es endlich jemandem gelungen ist, die Tasse mit den seit Wochen aufbewahrten Eiklaren umzukippen. Man kann dann gleich das frischbezogene Bett flächendeckend mit lauwarmer Powidlmarmelade bestreichen.
Umweltschutzkrippenspiele, nicht mit mir!
Meine Geneigtheit, mich fürs eigen Fleisch und Blut zum Deppen zu machen, geht fraglos weit, ist aber auch nicht grenzenlos. Zwar halte ich die schleichende Umrüstung von Erziehungs- und Bestrafungsinstitutionen wie Schule und Elternhaus zu pädagogischen Dienstleistungszentren für ein ausgesprochen fragwürdiges Unterfangen, aber selbstverständlich erfülle ich nach kleinen cholerischen oder selbstmitleidigen Ausbrüchen zur Aufrechterhaltung eines letzten Rests von Selbstachtung fast jeden Wunsch auf dem Cateringsektor. Gerne trage ich also den mit Mandarinenschalen und Konfektstanniol überhäuften Teller in die Küche, reinige ihn dort mit einem Spülmittel der präferierten Duftnote (Ingwer-Lemongrass oder Bratapfel-Zimt) und serviere darauf den bestellten TV-Snack: diesfalls ein granatapfelkerngefülltes Bugles-Nacho-Käse-Stanitzel auf Mascarpone-Erdbeermarkfruchtspiegel mit Esterházy-Muster.
Auch zu persönlichen Verzichtsleistungen bin ich bereit, wenn sie nur der Umwelt, dem Weltfrieden und der Beruhigung des töchterlichen Gewissens dienen. Zwar habe ich mir schon als Sechsjähriger einen Philishave gewünscht, aber angesichts eines Bartwuchses, der locker von jeder unblonden 16-Jährigen überboten wird, die südlich von Treibach-Althofen auf die Welt gekommen ist, tut’s ein Nassrasierer mit Dreifachklinge auch. Gewiss, das Leben verliert an Geschmack und Glamour, wenn man der walfleischspeckgefüllten Klappstulle jäh entraten muss und zu Fuß oder mit dem Rad zur Arbeit soll, anstatt den Miniscooter oder die Igeleskorte zu nehmen, aber wird man durch das ökologisch selbstgefällige Glänzen von Kinderaugen nicht reichlich entschädigt? Ja, von mir aus. Aber am Sonntag um fünf nach acht sämtliche Lichter ausmachen – nein, das ist mir jetzt echt zu blöd! Das lass ich mir nicht von meiner Tochter und schon gar nicht von irgendwelchen popeligen Boulevardzeitungen anschaffen, die sich nach mitteleuropäischen Binnenländern benennen. Es ist für die Umwelt?! Die Umwelt kann mich mal!! Ich habe monatelang mit schimmelndem Biomüll in einer Küche gelebt, während die sauberen Sudelredakteure des erwähnten Bumsblattes mit ihren SUVs großohrige Landwirbeltiere plattgefahren und bei hochwattiger Festbeleuchtung ungeschützten Geschlechtsverkehr mit Dronten gehabt haben. Die sollen mir mit ihren tränendrüsendrückenden Umweltschutzkrippen-spielen vom Leib bleiben – bigotte Saubande!
Im Winter werden die Kühlschränke kleiner
Meinen bislang letzten Winterurlaub hatte ich Anfang der Achtzigerjahre mit Eltern und Geschwistern im Pinzgau verbracht. Ich habe währenddessen irgendeinen unfassbar faden Klassiker der Pädagogik für die Uni zu lesen versucht und orangegelbe BASF-Kassetten mit Musik von Thelonious Monk gehört. Auf der Rückfahrt erlitt ich im bayerischen Bad Reichenhall eine Panikattacke. Vielleicht ist das der Grund, warum ich auf Winterurlaube nicht so gut zu sprechen bin. Darunter wird ja gemeinhin nicht der Urlaub vom, sondern der Urlaub im Winter verstanden. So sehr ich meteorologische Schreckhaftigkeit verachte, die Menschen Flugreisen buchen macht, sobald man nach 22 Uhr nicht mehr im Ruderleiberl rumlaufen kann, so wenig verstehe ich, warum man dem Winter unbedingt nachreisen muss. Man kann den doch auch in der Stadt genießen und sich daran erfreuen, wie ein paar Dutzend Flocken den Verkehr zum Erliegen bringen.
Das Problem mit dem Winterurlaub ist, dass dieser in sogenannten Wintersportorten stattfindet. In Wintersportorten benehmen sich die Menschen aber so unwürdig wie ehemalige Finanzminister, und es gibt keine Kinos. Die Landschaft ist selbstverständlich atemberaubend, aber andererseits ist dieses ganze Gebirge doch auch von stark übertriebener Heroik – Geologie gewordener Tschaikowsky. Die Hotelzimmer hingegen sind meist eher klein. Und selbst wenn man das Geld für eine ganze Suite hätte, würde man feststellen, dass auch in dieser immer nur ein kleiner Kühlschrank steht. Da muss man dann erst die zwergenhaften Gläschen und Fläschchen rausnehmen, damit man eine normale Flasche Bier oder einen halben Liter Tonic reinstellen kann. Und weil man natürlich ein bissl anankastisch veranlagt ist, macht man das erst, nachdem die Zimmerreinigungstruppe Polsterkarate betrieben und das Ende des Toilettenpapiers umgeknickt hat. Am nächsten Tag stellt man dann den ganzen diminutiven Getränkekrempel wieder in den Babykühlschrank und versteckt die leeren Bierflaschen hinter der Schmutzwäsche im Kasten.
Das macht man aber alles gerne, weil die Tochter bei einem Holländer mit dem freundlichen Phlegma von Balu, dem Bären, nach der dritten Tüte Snowboardunterricht nehmen will. Drei Tage und 270 Euro später kann sie im Flachen relativ souverän neben dem Board liegen und beherrscht den englischen Fachterminus für diese Tätigkeit. Ich kann nur hoffen, dass ihr Balu nichts von seinen Substanzen überlassen hat.
Man findet keine Freunde mit Salat
Mein Leben mit der Biobobobagage, Teil 1
Wenn ich am Samstag von meinem stressigen Jetset-Life freigestellt bin, treibe ich mich auf dem Markt herum. Dort treffe ich, ganz egal, ob ich um 8.47 Uhr losziehe, um 9.12 Uhr oder um 10.03 Uhr, verlässlich den Geschäftsführer des Falter-Konzerns. Wir nicken uns wissend zu und nehmen getrennt den Kampf auf. Wir sind umgeben. Umgeben von unseresgleichen. Die Hölle, das sind Typen wie wir. Das Einzige, wodurch sich meinesgleichen von mir unterscheidet, ist, dass meinesgleichen alle Zeit der Welt zu haben scheint, wohingegen meine äußerst knapp bemessen ist. Es würde sich daher anbieten, mir in jedem Falle den Vortritt zu lassen. Ich brauche nicht viel und weiß genau, was: ein halbes Landbrot und einen Dinkeltoast. Meinesgleichen hingegen will a) schauen, b) Dinge, die es vor langer Zeit einmal gekauft hat, von denen es aber nicht mehr weiß, was genau es war (Fisch oder Käse oder doch eher Ziegenmilch?), c) Dinge, die gar nicht existieren.
Weil nur zwei Leute vor mir angestellt waren, bemühte ich mich unlängst gar, etwas von dem Biogemüse zu Apothekerpreisen zu erwerben. Dort stehen normalerweise die meisten Leute (logisch, heißt ja auch Gemüsestand und nicht Gemüseging). Meine Vorsteherin hatte offenbar ein Mother-Daughter-Bonding-Ding laufen und ihre Leibesfrucht, die wohl aufs Pubertieren vergessen hatte, zum gemeinsamen Gemüseerwerb mitgenommen – damit die das dann genauso macht und das Rad des ewigen Leidens in Schwung hält. Die Mutter begutachtete einige Minuten die Galerie der Salate, die ihr von der Gemüsefrau bereitwillig häuptlweise persönlich vorgestellt wurden, und erkundigte sich dann, nachdem offenbar jede in unseren Breiten züchtbare Salatsorte vorrätig war, nach einem Forellenschusssalat. Ich dachte, mein Schwein pfiffe. Das nächste Mal verlange ich beim Fleischhauer Kasperlkotelett! Die Gemüsefrau aber spielte das groteske Spiel mit und meinte, den gebe es nur im Frühjahr. Hernach kaufte die ganz offenkundig Wahnsinnige drei (in Zahlen: 3) Häuptl Eichblattsalat.
Die Leute sind total irre! Nur Schnecken und Schildkröten ernähren sich von Salat, für alle anderen Lebewesen ist das eine Bei-la-ge. Mit drei Häupteln findet eine Wiener Durchschnittsfamilie ein Monat lang ihr Auskommen. Jetzt verrottet das Zeug im Kühlschrank, und Frau Forellenschuss wird sich diese Woche wohl um Baumerdäpfeln, Schmetterlingsbohnen und blauen Paprika anstellen.
Mein Leben mit der Biobobobagage, Teil 2
Wenn ich im Laden mit naturnah erzeugten Gütern aus dem nördlichen Niederösterreich an der Reihe bin, grüßt mich der junge Mann freundlich und greift reflexartig nach einem Viertel Landbrot. Er kennt mich. Er weiß, was ich will. Er denkt: Hier kommt der traurige Trottel, der sich von Wasser, Brot und Dinkeltoast ernährt, ein fahler Fadiant, der niemanden hat, der ihm ein Frühstück macht. Ich kann es dem jungen Mann, der auch abseits des Marktes noch als solcher durchgehen würde, während ich allein von greisenfreundlichen Gemüsehändlerinnen hin und wieder noch als „junger Mann“ bezeichnet werde, nicht verdenken. Der kann die Welt doch nur so sehen: Überall biegen sich die Tische unter der Last der Drei-, Vier- und Fünfkornbrote, fein vermahlen, grob geschrotet und flankiert von fragwürdig schillernden Schinken und schimmelnden Schafskäsen, und dennoch kommen Samstag für Samstag wieder alle, alle zu ihm, um sich der sorgfältigen Auswahl eines sinnlos breit gefächerten Nahrungsmittelangebots zu widmen.
Paare, die sich noch paaren oder zumindest die fleischgewordenen Beweise einstiger Paarungsbereitschaft mit sich führen, diskutieren angeregt darüber, ob man nicht auch noch einen Streifen Räucherforelle und einen halben Apfelstrudel mitnehmen solle und ob das schnittlauchbestreute Frischkäsegupferl von vor vier Wochen nicht vielleicht gegen ein frisches auszutauschen sei. Frauen, die von ihren Männern „meine bessere Hälfte“ genannt, ansonsten aber weitgehend alleingelassen werden, richten genau dieselben Fragen an den jungen Mann hinter der Biobudl, der auf jedes keusche Flirtangebot auch dann noch bereitwillig eingeht, wenn sich die Schlange bereits durch die Tandelmarktgasse bis zur Taborstraße staut.
Eine echte Riesensauerei aber ist die Sache mit dem Amaranth! Vor einem Jahr hat der durchschnittliche Bauernmarktbesucher bei diesem Namen noch an violette Halbedelsteine gedacht. Dann habe ich als Erster das Zeug gekauft. Man kann sagen, dass ich für den Amaranth getan habe, was Michael Caine für die Brillenfassung getan hat. Heute ist Amaranth Kult, ein Must-have der Bodenvase. Und nun kommt der Biobobo und schnappt mir den Amaranth weg. Nächsten Samstag aber steh ich früh auf, kauf den ganzen Amaranth, und wenn alle Vasen voll sind, schmeiß ich den Rest in die Biotonne, ach was, in den Altglascontainer, harr harr!
Am Wildsalate-Stand herrscht großes Hallo
Alle müssen jetzt immer kochen. Ständig schmurgelt in den Küchen der Dachausbauwohnungen und ruralen Zweitwohnsitze irgendwas niedrigtemperaturmäßig vor sich hin, kaum ein Bessergestelltenhaushalt, aus dem am Abend nicht das Bersten der Salzkrusten dränge, die man mit kleinen Silberhämmerchen vom Branzino schlägt. In unseren Kreisen hat man das jetzt – so wie die jüngste CD aus der Bob-Dylan-Bootleg-Serie und die Alexander-Kluge-DVD. Da muss ich jetzt schon aus Gründen kindischer Distinktionshuberei ein wenig abseits stehen und den klobigen Kochprolo raushängen lassen. Bloß dass mir keine Sau glauben würde, wollte ich behaupten, mich von Tiefkühlchickenwings und Nachos mit Salsa-Sauce zu ernähren. In Wirklichkeit kaufe ich Brot und Käse in denselben Geschäften, vor denen die Salzkrustenhämmerer Schlange stehen. Ich mach ja die meisten Schrullen mit.
Seit einiger Zeit etwa gibt es auf dem Markt, wo sich am Samstag die Pudelmützenmütter und Kochkunstväter samt ihren kulinarisch verzärtelten Bälgern ein Stelldichein geben, einen Stand für runzelige Rüben und extrem hartblättrige Wildsalate – vermutlich alles Sorten, die bislang depressiv am Katzentisch der Evolution zusammengehockt sind und sich das Maul über den Rucola zerrissen haben („der glaubt wohl, er ist jetzt was Besseres?!“). Es herrscht also großes Hallo am Runzelige-Rüben-und-extrem-hartblättrige-Wildsalate-Stand. Vor mir stehen immer Frauen, deren Kinder gerade ausgezogen sind, und erkundigen sich nach Herkunft und Vornamen des bis dato völlig unbekannten Gemüses. Es läuft meist darauf hinaus, dass das Zeug nur anders aussieht und heißt, aber genauso schmeckt wie Rote Rübe oder Karotte. Worauf die von ihren Kindern verlassenen Frauen gleich noch ein paar Wurzeln auf die Waage häufeln, wo sie von den extrem auskunftsfreudigen Standbetreuerinnen schonend gewogen werden. Ist dann eine Menge, mit der die Karnickelpopulation Kanadas locker zwei Winter durchkommen würde, einzeln verpackt, schicken sich die Standbetreuerinnen, die seinerzeit sichtlich nicht die erste Wahl für die schulinterne Kopfrechenolympiade waren, an, die handschriftlich notierten Rübenpreise zu addieren. Das ist der Moment, in dem ich zart auszurasten beginne und unflätige Rübenendlagerungsvorschläge mache.
Ich kann auch ohne Spargel fröhlich sein
Was der warme Winter wirkt, ein Wunder bleibt’s dem Laien. Während die Heuschnupfensaison heuer für alle Allergiker um circa zwei Wochen früher anhebt, scheint der Spargel nicht übermäßig flott anzuschieben. Mir jedenfalls ist das lichtscheue Gemüse noch zu teuer. Der hohe Preis mag jetzt daher rühren, dass die vegetabilen Stalagmiten noch rar sind, oder daher, dass den Spargelstecher die Gier überkommen hat und er sich denkt: Zwar sprießt mein fahles Gold schon wacker, aber ich will doch den gleichen Preis verlangen wie letztes Jahr um diese Zeit, als die Ernte nach strenger Winterszeit noch dürftig war.
Weil ich aber wenig Lust habe, mich von Spargelstechern über den Löffel balbieren zu lassen, mied ich samstags die Märkte und zog hinaus vor die Stadt. „Natur, du hast so viel zu geben, es muss nicht Spargel sein“, sang ich und tat Äpfel, eine Flasche mit Johannisbeersaft und den Gameboy meiner Tochter in den Ranzen. Und eh wirs uns versahen, waren wir mit Bim, Bahn und Bus, um die uns der Rest der Welt zu Recht beneidet, schon bei der Cholera-Kapelle angelangt, wo froh ein Steg sich wölbt über fischdurchschwänzelte Flut und mannigfach die Vögel aus dem Geäst der blühenden Bäume brüllten. Keine zwei Stunden und vier verprügelten Mountainbiker später saßen wir vorm Schutzhaus Eisernes Tor, verzehrten Speisen unserer Wahl und trugen zum sichtlichen Vergnügen und unter großem Hallo der anderen Gäste Spottverse gegen Spargelstecher vor: „Spargelstecher, geiz’ger Mann, ich zünd dir deinen Spargel an!“
Nachdem des Speisens und Spaßens genug war, brachen wir wieder auf, um die nächste Raststätte noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen, was zwar leicht, aber nicht ohne töchterliches Genöle gelang. Doch reicher Lohn ist dem beschieden, der solches frohgemut erträgt. Auf der Vöslauer Hütte schenkt man Piestinger vom Fass aus. Auf der Vöslauer Hütte hat man einen Blick über den Wienerwald, wienerwaldiger geht’s gar nicht mehr. Auf der Vöslauer Hütte machen an so einem Aprilnachmittag alle alles richtig: Wirt und Wanderer, Kiefer, Kies und Kondensstreifen liegen einander vor Freude weinend in den Armen, und fast, aber nur fast, tun ihnen die Spargelstecher leid, die solches missen müssen.
Mit dem Essen spielt man nicht!
Das Interesse am Spargel ist aus vulgärpsychoanalytischer Sicht erschütternd leicht zu erklären: Der Franzose, der den Kopf bekanntlich mit nichts anderem vollhat als mit Schweinkram und Poesie, hat die Sexualmetaphorisierung der schmackhaften subterrestrischen Schubstängel in Dimensionen vorangetrieben, die wir aus Rücksicht auf die empfindsameren Naturen unter den Leserinnen und Lesern nicht einmal andeuten wollen. Faktum ist, dass ein präpubertäres Interesse am Spargelverzehr extrem selten vorkommt: Spargel ist kein Kindergemüse – ebenso wenig wie die Kohlsprosse oder die Olive, und der unvermutet einsetzende Appetit auf ihn darf in der Regel als ein sicheres Anzeichen dafür gelten, dass die Geschlechtsreife an der Haustür klingelt.
Spargel ist das lustigste Saisonalgemüse, das wir kennen – es macht nicht nur bei der Einnahme, sondern auch bei der Ausscheidung Spaß. Für den Spargel gilt dasselbe wie für die Kartoffel: Keep it simple – kochen, salzen, Butter rauftun. In Schinken oder ein Omelette einschlagen geht auch noch, aber jenseits davon beginnt schnell der gekochte Fasching. Unlängst musste ich in dieser Zeitung von einem Herrn lesen, der meinte, Spargel in Tempurateig einbacken zu müssen. Klar, warum nicht? Es sind ja auch schon Schallplatten paniert, Reichstage verpackt und Reclamhefte eingeschweißt worden, warum also nicht auch Spargel in Tempurateig tun, ist ja eh schon wurscht, wäh?! Als Nächstes kommt wahrscheinlich Saumaise à la Sacher – mit Marmelade zwischendrin und Schokoglasur.
Es ist bezeichnend, dass der Tempuramann dann auch noch mit der Auffassung zitiert wird, es handle sich bei Kochsalat um ein unterschätztes Gemüse. Ich weiß nicht, ob das ernst gemeint oder nur eine Bosheit gegenüber den Samstagvormittagsnaschmarktrumhängern war, denen man ja jeden kulinarischen Kokolores als angesagten Trend einreden kann. Anbei also etwas Basiswissen für Spätgeborene: Kochsalat gedeiht auf dem Boden von biologisch gekippten Tümpeln und wird selbst von jenen Tieren verschmäht, die darin überleben konnten. In der Nachkriegszeit wurde er gerne als Beilage zu ausgelaugtem Rindfleisch und verkokelter Augsburger serviert. Als sich im Laufe der Achtzigerjahre auch hierzulande Mindeststandards in den häuslichen Küchen durchsetzten, verschwand der Kochsalat wie von selbst vom Speiseplan.
Ich will meinen alten Stoffwechsel zurück
Die Hälfte meines Freundeskreises nimmt mittlerweile die Dienste einer Ernährungsberaterin in Anspruch. Das ist natürlich bloß eine poetische Behauptung, die – ins Alltagssprachliche rückübersetzt – nichts anderes bedeutet als: Die Hälfte meines Freundeskreises sollte eigentlich die Dienste einer Ernährungsberaterin in Anspruch nehmen. Warum? Weil die alle Harnsäure- und Gamma-GT-Werte haben, als wär rund ums Jahr Ostern, Weihnachten und Silvester zugleich. Andererseits sind ihre Bücher- und Weinregale bestens gefüllt, an Geld und Jahren herrscht kein Mangel – und irgendwer muss den Dienstleistungssektor ja am Brummen halten! Ich kann mir keine Ernährungsberaterin leisten, weil ich seit neuestem einen Podologen habe (bis zum Proktologen vulgo Popscherldoktor dauert’s hoffentlich noch ein paar Jahrzehnte), weswegen meine Füße seit Jahresbeginn in einem Paar goldbarrenschwerer und -teurer Schuhe mit mundgeblasenen Einlagen stecken, durch welche die fehlernährungsbedingten Haltungsschäden korrigiert werden sollen.
Es ist nämlich so: Weil wir zu viel vom Falschen essen und trinken, schwellen verschiedene Organe zwischen Schlüssel- und Schambein stark an, verursachen Druck- und Schwellschmerz, den wir durch Verrenkungen zu vermeiden trachten, die mit freiem Auge gar nicht sichtbar sind. Jahre und Jahrzehnte später freilich fordert dieser billige Trick hohen Tribut. Schon sitzen wir bei der Ernährungsberaterin und beim Podologen. Die sagen dann: „Hier brauchen Sie nicht blöd herumzusitzen, machen Sie Bewegung, und essen Sie mehr Sprossen! Kaufen Sie sich eine Sprossenwand, ich hätte da eine quasi neuwertige im Angebot, die hat stabile Hartholzlaminatholme und seegrasgefüllte Sumpfbüffellederauflagen, damit sie sich nicht das Schambein entzweihauen – kann ich Ihnen für 2670 Euro überlassen.“
So weit wäre es nie gekommen, hätten wir rechtzeitig auf unseren Körper gehört. Zu spät. Jetzt müssen die Weinregale und Quadrofonieanlagen, die Neo-Geo- und Neo-Rauch-Schinken der Sprossenwand weichen. Statt wie früher beim Italiener zu sitzen und über Kindergeburtstage und Büroaffären zu reden, hängen die Menschen aus unseren Kreisen jetzt in Saftbars ab und quatschen über Sprossenwände. Was für eine Schmach! Damit es doch nicht so weit kommt, habe ich im neuen Jahr noch keinen Tropfen Alkohol getrunken. 1985 hätte ich dadurch schon locker drei Kilo abgenommen.
Pulsuz fraqment bitdi.