Kitabı oxu: «Der andere könnte auch recht haben»

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 2

Vorwort 3

1. Allgemeine Darstellung 7

2. Die historische Dimension 18

3. Die religiöse Dimension in ihrer gesellschaftlichen Funktion 20

4. Individuum und Gesellschaft 28

5. Die Aufklärung 31

6. Wissenschaft und Technik 40

7. Die Fähigkeit zur Abstraktion 43

8. Gedanken über Perspektiven 61

9. Das demokratische Paradigma 65

10. Expansionismus als zentrales Problem 98

11. Ein Problem der Philosophie 109

12. Hierarchie und Demokratie 133

13. Demokratie in Gefahr 139

14. Die aktuelle Herausforderung 148

15. Ein Gedanke zum Schluss 166

Danksagung 174

Literatur 177

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

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Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-039-6

ISBN e-book: 978-3-99131-040-2

Lektorat: Leon Haußmann

Umschlagfoto: Onle1984, Robyn Mackenzie | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Vorwort

Die Schweiz gibt in einer Generalklausel ihrer Armee den Auftrag, zur Verhinderung von Kriegen und zur Erhaltung des Friedens beizutragen. Da die Demokratie die Idee eines Friedenskonzepts in sich trägt, gilt dieser Auftrag sinngemäß wohl für alle Streitkräfte demokratischer Staaten. Dieses Ziel scheint weder in der Schweiz noch sonst wo zufriedenstellend gelöst zu sein – die Weltgesellschaft steckt tief in einer selbstverschuldeten Sackgasse; so lasse ich mich mit diesem Text auf das Thema ein, warum nicht nur Diktaturen, sondern auch Demokratien dem Ideal einer friedlichen Entwicklung nicht recht gewachsen sind.

Von den 41 Jahren, die ich mit dem österreichischen Bundesheer beruflich verbunden gewesen bin, war ich die kleinere Hälfte beim Heerespsychologischen Dienst mit Meinungserhebungen und den größeren Teil der Zeit an der Landesverteidigungsakademie im Bereich der Sozialwissenschaftlichen Forschung aktiv.

Im weiten Spektrum von Sicherheitspolitik bis zur Pädagogik ist mir die Ungerechtigkeit vieler Menschen dem Bundesheer gegenüber aufgefallen; wegen seines natürlich militärischen Erscheinungsbildes steht es häufig in der gleichen Kritik, die in den demokratischen Staaten dem Krieg gilt. Zwei Weltkriege, in denen die Österreicher auf der Verliererseite standen, hatten in der Einstellung einen Paradigmenwechsel eingeleitet, aber ihn nicht auch emotional und rational vollzogen.

Das Bundesheer ist dem Frieden verpflichtet – und darauf passen viele auf; der Kampf an der Wirtschaftsfront wird so wie weltweit auch in Österreich mit wenig Rücksicht auf die Bedingungen, die für Frieden notwendig sind, geführt und zu wenige haben das bemerkt. Der ökologische Grundsatz „global denken – regional handeln“ ist nicht zur Anwendung gekommen.

Einer der Gründe, warum es so schwer ist, der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen, liegt in der verbreiteten Dominanz des Sehens vor dem Denken – das Bild eines Marktes ist optisch friedvoller als das Bild eines Panzers. Da ich meiner Blindheit eine Sonderperspektive verdanke, kann ich einer Täuschung, die das Sehen bei vielen Menschen erzeugt, leichter entgehen und kann dem aktuellen Weltmarkt eher die kriegsträchtige Wirkung ansehen, deren Darstellung einen Teil dieses Textes ausmacht. Die Wahrnehmung mit der Dominanz des Sehens und eine mit der Dominanz des Hörens schafft andere „Bilder“ – es lohnt sich, sie abzugleichen.

So beschäftige ich mich mit dem Problem der Wahrnehmung; hier beziehe ich mich auf die Ergebnisse der modernen Gehirnforschung und auf meine Erfahrungen mit dem Yoga; diese beiden sind zwei verschiedene, aber miteinander kompatible Erkenntnistechniken. Auf Grund meiner Beschäftigung mit Yoga in Theorie und Praxis versuche ich diese Erfahrung einzubringen. Indem der Aspirant seine Aufmerksamkeit auf die wahrnehmbaren Funktionen des Gehirns richtet, sucht er seine Sensibilität und damit seine Resilienz zu stärken.

Eine Demokratie wird in einer Verfassung beschrieben; die juridische Dimension schafft sie aber nicht. Sie entsteht und lebt aus dem Umgang der Menschen miteinander, hat also auch eine sozialwissenschaftliche Dimension. Neben meiner Arbeit im Heerespsychologischen Dienst studierte ich Rechtswissenschaften und konnte mich so in beide Denkweisen einleben. Demokratisches Bewusstsein ist gegeben, wenn die Menschen neben dem Anspruch auf Freiheit auch die Bereitschaft zur Verantwortung für andere haben. Ein hierarchisches System weist das Recht auf Herrschaft und die Pflicht zum Gehorsam verschiedenen Gruppen zu.

Weil die Entwicklung der christlichen Kirche gut dokumentiert ist, lassen sich an ihrem Beispiel die zwei entsprechenden Formen des Umgangs der Menschen miteinander deutlich zeigen: zum einen ist es der brüderliche Umgang, der der Demokratie entspricht; zum anderen ist es der patriarchalische, der einem autoritären Herrschaftssystem zuzurechnen ist. Der innerkirchliche Konflikt zwischen Herrschafts- und Befreiungstheologie ist noch im Gang; und in jeder Gesellschaft gibt es diese beiden Mentalitäten auch, wenn auch in unterschiedlichen Quantitäten.

Ein aktuelles Problem der Gesellschaftswissenschaft ist die Tatsache, dass in der liberalen Wirtschaftstheorie der Wirtschaftsprozess weitgehend unabhängig von der gesellschaftlichen Wirklichkeit außerhalb dieses Spektrums betrachtet wird. Beim Kampf des Kapitalismus gegen den Kommunismus ist der Kommunismus zwar vom Kapitalismus besiegt worden; der Wettbewerb zwischen den beiden Wirtschaftsformen hat aber blind gemacht für die mangelnde Verträglichkeit der modernen Wirtschaft an sich. Diese wird nun wegen der Globalisierung gerade durch den Corona-Virus herausgefordert; die Natur bringt sich als ökologischer Faktor ins Spiel. Der Ausgang ist offen.

Vor der gegenwärtigen Krise ging es vor allem um Wettbewerb, heute geht es um Solidarität. Worum wird es nach der Krise gehen? Wenn man aus der Erfahrung lernen will, wird die Krise eine Neuorganisation des gesellschaftlichen Lebens hervorbringen, die nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die ökologische und die militärische Sicherheitspolitik betreffen wird.

Mit dem Hinweis auf den demokratischen Grundsatz, der andere könnte auch recht haben, stelle ich im folgenden Text meine Meinung zur Disposition und räume ein, dass die Leser die Wirklichkeit genauer sehen und besser interpretieren mögen.

1. Allgemeine Darstellung

Das, was heute unter Demokratie verstanden wird, beruht auf der Entwicklung des 18. Jahrhunderts in Frankreich. Die Revolution 1789 agierte unter den Gedanken von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“; das ist heute der Wahlspruch Frankreichs. Davon erfreut sich der Grundwert Freiheit größter Beliebtheit; Gleichheit als Verzicht von Präpotenz und von Missbrauch der Macht durch die Träger öffentlicher oder privater Machtfunktionen wird vollinhaltlich akzeptiert, wenn auch nicht immer vollzogen. Ein Problem allerdings gibt es noch mit der Brüderlichkeit, die heute wegen der Stellung der Frauen besser Solidarität genannt werden sollte.

Dies zeigt sich beispielsweise daran, dass etwa die in Österreich bisher für die Sozialordnung zuständigen Parteien Probleme mit der Einführung notwendiger ökologischer Maßnahmen (etwa CO2-Steuern) haben, weil sie den unteren und untersten Einkommensbeziehern wegen der Arbeitswege nicht zumutbar seien. Die bisherige Solidarität zeigt sich also als nicht ausreichend, um zukünftigen Schaden zu verhindern; damit würde die Demokratie an ihrer Imperfektion scheitern. Für die Handlungsfähigkeit einer Demokratie ist ein breiter Mittelstand von gut gebildeten Bürgern günstig; Demokratie ist ein Kulturgut und nicht einfach zu haben. Im Unterschied zur Armut, die naturgemäß vor allem nur die Armen trifft, bedroht der Corona-Virus alle – so wird die verbreitete Hinwendung zur Solidarität verständlich. Ob sie über die Lebenszeit des Virus hinaus überlebensfähig bleibt, wird sich weisen.

Der soziale Ausgleich stand wohl auch im Fokus der Gründungsidee der modernen Demokratie, denn sie richtete sich gegen die strukturelle Ungleichheit in der Gesellschaft unter der Adelsherrschaft und der sie unterstützenden Kirche – beide Gruppen waren wohlhabend und steuerfrei. In einer Hungersnot – ein Vulkanausbruch in Island hatte auch in Frankreich eine kurze Eiszeit mit Missernten ausgelöst – verkaufte der König Getreide nach England und zeigte damit, dass er sich für sein Volk nicht verantwortlich fühlte.

Aufgrund dieses beispielhaft gezeigten Solidaritätsmangels des Feudalismus ist es sukzessive zur Bildung von Demokratien gekommen. Zu dieser Gesellschaftsentwicklung trug die Kapitalismusidee wesentlich bei; doch mittlerweile tritt der Kapitalismus in die Fußstapfen des Feudalismus, was damals noch nicht absehbar war. Das Markenzeichen des Feudalismus ist die freie Vererbbarkeit des Kapitals; die Demokratie ist gefordert.

Die Fähigkeit, gesellschaftliche Probleme wie etwa das ökologische zu lösen, hängt wesentlich von den gesellschaftlichen Bedingungen ab. Für einen kleinen Staat wie Österreich, dessen Bevölkerung nur ein Promille der Weltbevölkerung ausmacht und dessen Regierung nur eine geringe Wirkkraft aufzubieten hat, ergibt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines Lösungsversuchs; nach innen traut sie sich offensichtlich nicht und nach außen kann sie politisch kaum wirken.

Wie kann man sowohl die Mittelschicht zum Energiesparen zwingen als auch die Reichen und hyperreichen JetSet-Konsumenten in ein solches Programm bringen. Die untersten Einkommen tragen wenig zum CO2-Ausstoß bei. Wie teuer müsste Energie sein, dass auch Warren Buffett mit seinem Vermögen von 83 Milliarden Dollar oder die beiden privaten Weltraumfahrer Richard Branson und Jeff Bezos energiesparend leben müssten?!

Wenn auch nur einer der drei Aspekte der Demokratie, in diesem Fall die Brüderlichkeit, fehlt, ist sowohl das System als auch die Gesellschaft gefährdet. Der amerikanische Traum, vom Tellerwäscher zu Millionär zu werden, hat ausgedient, ein gutes Beispiel für die Gesellschaft zu sein.

Kann sich eine Demokratie einen vernünftigen und vertretbaren Umgang mit Energie verordnen? Als die fortschrittlichen Staaten in die Technisierung (Mitte 19. Jh.) und später in die Übertechnisierung (Mitte 20. Jh.) eintraten, beachteten sie ihre Vorbildwirkung nicht; in ein paar wenigen Staaten könnten die Menschen „wie Gott in Frankreich“ leben; aber für alle werden die Ressourcen knapp. Die Vorbildwirkung, die man anfangs und bisher außer Acht gelassen hat, wird nun ein wichtiges Überlebensmittel. Irgendwer muss anfangen und vernünftig werden – und warum nicht gerade auch wir Österreicher, die wir früher mit anderen Völkern Vorreiter in die Technisierung waren?

In den ersten hundert Jahren nach dem Ursprungsereignis der modernen Demokratie gab es in Europa nur Teilerfolge; auch bisher zeigt sich die Entwicklung als mühsam. Immerhin sind im Rahmen der Aufklärung, die der Revolution Pate stand, die Leibeigenschaft als die christlich modifizierte Form von Sklaverei in West-, Süd- und Mitteleuropa und auch die harte Sklaverei in der Welt weitgehend abgeschafft worden. Die Menschenrechte kamen zum Tragen, das aktive und das passive Wahlrecht als das Kernstück der Demokratie ließen auf sich warten.

Nach europäischem Verständnis gilt das antike Griechenland als die Wiege der Demokratie. Zum einen entsprachen ihre Demokratien nicht dem heutigen Ansatz; nur ein kleiner Teil der Bevölkerung nahm an ihr Teil – nur die männlichen Bürger einer Stadt, nicht die Frauen und die Bewohner des Umlandes, die am Wirtschaftsprozess teilhatten und jedenfalls auch nicht die Sklaven. Aber das war nur ein organisatorisches Problem; diese „unvereinten“ Stadtdemokratien standen häufig miteinander im Konflikt und scheiterten an ihrer Unfähigkeit, der Macht der Römer, die ihr Reich als Flächenstaat organisiert hatten, Widerstand entgegenzusetzen.

In der Vor- und Frühzeit konnten kleine Gemeinschaften demokratisch oder autoritär geführt werden; große Gemeinschaften bedurften offensichtlich aus organisatorischen Gründen einer autoritären Führung. Das Römerreich hatte mit dem Senat zwar einen demokratischen Ansatz; dieser war aber räumlich und zeitlich minimal; für eine demokratische Führung reichten die gegebenen Möglichkeiten nicht aus. Großbritannien und die USA zeigten allerdings, dass Demokratien möglich sind, wenn auch der Nachrichtentransport im Pferdetrab abläuft. Weil der Kandidat für die politische Vertretung dem Volk nicht bekannt ist, kann sich die Demokratie mit Wahlmännern helfen und sich als repräsentative Demokratie einrichten.

Das Römerreich sowie die anderen Imperien wurden autoritär geführt – Imperien werden gleichsam als eine Art Eigentum des Herrschers gesehen – seien es Könige, Diktatoren oder Politbüros – und die Menschen werden nur als dessen Bewohner betrachtet. Aus dieser Idee heraus kann Das Land schrumpfen und Wachsen; der Herrscher kann aus diesem Selbstverständnis Länder oder Landesteile erobern, erben, kaufen oder verkaufen. über das alte Österreich sagt Grillparzer (in König Ottokar/Glück und Ende): „Es ist ein gutes Land, wohl wert, dass sich ein Fürst sein unterwinde“.

Und wenn der letzte Präsident der USA Donald Trump unlängst den Dänen Grönland abkaufen wollte, so bedeutet das fürs Erste nur eine individuelle Fehlhaltung und noch keinen Systemwechsel im Land. Natürlich aber können die USA sowohl aufgrund ihrer militärischen als auch ihrer wirtschaftlichen Stärke Einfluss weit über ihre Grenzen hinaus ausüben. Manche werfen den USA imperialistische Tendenzen vor: aber ob der Satz „Macht zeigt den Charakter“ oder der Satz „Macht verdirbt den Charakter“ eher stimmt, lässt sich nicht leicht sagen. Jedenfalls tun sich Staaten, die kaum eine oder keine Macht haben, leichter, dem Prinzip der Gewaltlosigkeit gerecht zu werden.

Die Reichsidee baut auf eine Führungsspitze – eine oder wenige Personen, die mit einer Stimme den Willen des Volkes vorgibt und durchsetzen kann; diese Idee meint eine Diktatur, die ein Kollektiv beherrscht. Die moderne Demokratie ist hingegen der Ausfluss des Volkswillens, der durch gewählte Repräsentanten vertreten wird. Hier handelt es sich um Individuen, die sich in einem Staat zu einem Volk verbinden. Dieser theoretische Ansatz vollzieht sich natürlich nicht immer störungsfrei.

In der Aufklärung zur Zeit der großen Revolution in Frankreich (1789) entstand neben der Idee der Menschenrechte auch die Idee des Staates; die Bürger eines bestimmten Landes bilden als Nation einen Staat, der sich quasi auf einen Sozialvertrag gründet. Die damaligen Bürger Frankreichs, die von Adel und Kirche schamlos ausgebeutet worden waren, wollten sich von der europäischen Adelsmafia befreien. Die Adelshäuser bildeten eine Art Obrigkeitsgemeinschaft im Interesse der gegenseitigen Stützung der Macht. Sie war eigentlich eine Friedensordnung, die allerdings die Führung kleinerer Kriege aus Konditions- und Disziplinierungsgründen nicht ausschloss. diese Strategie scheiterte allerdings mit dem Ersten Weltkrieg, indem die Herrscher ihre eigenen Interessen vernachlässigten und den Nationalismen der Völker hineinfielen.

Die Idee des Nationalstaates, die der Demokratie entspricht und sich nach dem Ersten Weltkrieg verwirklicht hat, sollte die fortdauernde Praxis der Eroberungs- und Unterdrückungskriege ablösen; Hitler-Deutschland ist auf die Reichsidee zurückgefallen und auch anderswo ist der Versuch der Demokratisierung bisher noch nicht ganz gelungen. Eine Demokratie muss auf der Gesinnung der Bürger beruhen, aus der die Fähigkeit der Menschen, mit Pluralismus sinnvoll und möglichst erfolgreich umzugehen, folgen sollte. Auf dem Pol des Pluralismus einerseits, den die Demokratie vorgibt, und dem des Monismus, der der Reichsidee entspricht, und konkret im Raum dazwischen spielt sich de facto die Politik ab.

In der Durchsetzung eines Willens ist die Demokratie schwächer, weil sie häufig über die Meinungsvielfalt stolpert; eine Diktatur ist durch eine Meinungsvielfalt jedenfalls weniger behindert. Die Neigung zu einer totalitären oder zu einer demokratischen Gesinnung wird schon in der frühen kindlichen Erziehung angelegt; der Wunsch nach und die Fähigkeit zur Demokratie stellt sich aber auch in formalen Demokratien nicht immer ein.

Zitat aus Wikipedia: Erich Fromm (1900 bis 1980):

„Der Mensch hat nicht nur physische, sondern auch psychische Grundbedürfnisse, die in seiner Existenz wurzeln.

Hieraus ergibt sich, dass für die psychische Gesundheit des Menschen universelle Kriterien gelten, die vom gesellschaftlichen System entweder gefördert oder unterdrückt werden können. Zwar kann der Mensch tatsächlich unter vielerlei Bedingungen leben, doch wenn sie seiner menschlichen Natur zuwiderlaufen, reagiert er darauf, indem er die bestehenden Verhältnisse entweder ändert oder seinen vernunftbedingten menschlichen Fähigkeiten entsagt, also sozusagen abstumpft.“

(Ende des Zitats)

Die Demokratie sollte den materiellen wie immateriellen Bedürfnissen der Bürger in ihrer Eigenverantwortung entsprechen. Sie ist die beste, aber schwierigste Form des Zusammenlebens und ist auf eine möglichst optimale Erziehung der Bürger angewiesen. Das Kind lernt mit und von den Haupt- oder seinen Nebenerziehern seine Empfindungen bestenfalls genau zu interpretieren, sodass es im guten Fall als Erwachsener gelernt haben wird, seine Gedanken und seine Gefühle richtig zu interpretieren: Schmerz ist schmerzlich, Freude ist freudig etc. Abweichende Interpretation („ein Indianer kennt keinen Schmerz“ – oder übertriebenes Bedauern wegen Kleinigkeiten) führen späterhin zur Verwirrung.

Wenn die Mutter die Empfindungen des Kindes (Schmerz, Ärger, Hunger, Freude usw.) trifft und gut anspricht, so hat das Kind einen Startvorteil fürs Leben. Es ist immerhin erstaunlich, dass einem Kind bei der Erlernung seiner Kultur auch bei der Wahrnehmung und vor allem der Deutung der Gefühle geholfen werden muss, damit späterhin der Umgang mit den Gefühlen unter Einbindung der Rationalität vernünftig vollzogen werden kann.

Das Kind hat einen Bedarf für eine kooperative Begleitung, die zu einer Demokratiefähigkeit führt; eine autoritäre Erziehung führt zur Diktatur, eine Laissez-faire-Erziehung führt zuerst zum Chaos und damit häufig letztlich auch zur Diktatur, weil Chaos noch schlimmer ist als diese. Die Art und die Stärke des Gestaltungsdrucks machen den Unterschied aus.

So, wie sich die Demokratie im Wechselspiel von Familie zum Staat und wieder zur Familie reproduziert, tendiert auch die Diktatur dazu, sich zu erneuern. Weil das entsprechende Erziehungssystem nicht den Willen aller brechen kann und sie so zu Untertanen macht, so stehen die, an denen das nicht gelungen ist, dem System als potentielle Tyrannen zur Verfügung. Die Bereitschaft, Führung zu übernehmen, muss auch in der Demokratie vorhanden sein; Menschen, die eine Führungsrolle unbedingt anstreben, können aber auch eine Demokratie in eine Diktatur verwandeln. Demokratie ist eine kulturelle Leistung, die bei mangelhafter Achtsamkeit leicht durch eine Diktatur überwuchert werden kann.

Bei einer mangelhaften Entwicklung der Sensibilität und der Deutung dieser Fähigkeit kann etwa der Psychoanalytiker dieses emotionale Dilemma mit der Frage „Wie geht es Ihnen wirklich?“ zu korrigieren suchen; um die Seele gesund zu machen, hat die Beichte Konkurrenz bekommen. Auch die Literatur mit ihren Empfindungsmustern hilft dem Erwachsenen, seine Gefühlswelt in Ordnung zu bringen und damit eine Verbesserung seiner Wahrnehmungs- und Entscheidungsfähigkeit einzuleiten. Dazu gehört die Wahrnehmung der Gefühle der Mitmenschen als Empathie und deren richtige Deutung als soziale Intelligenz.

Ein häufiger Fehler besteht darin, dass sich die Menschen oft eher als Beobachter der Umwelt und nicht als Mitspieler fühlen. Damit können sie sich der Verantwortung entziehen, können ihr aber auch nicht gerecht werden. In einem Stauraum vor einer Engstelle in einer Straße in Berlin fand sich einmal eine Tafel: „Schimpf nicht auf den Stau, du bist der Stau!“.

Aufgrund der Einflussnahme in der frühen Kindheit wird die spätere Haltung geprägt; das zeigt sich auch in der Stressbewältigung. In einer unmenschlichen Umwelt kann sich der Mensch seine Überlebensfähigkeit durch Abstumpfung allenfalls besser erhalten; Abstumpfung entwickelt sich durch willkürliche, undurchschaubare Erziehung. In einer sensiblen menschlichen Umwelt wird sich der Mensch durch und der Gesellschaft mit Sensibilität leichter tun. In einer harten Gesellschaft ist Sensibilität gefährlich; aber auch in einer solchen ist sie gesellschaftlich nützlich, wenn sie auch schwerer aufrechtzuerhalten ist. Durchschaubarkeit der Erziehung führt zur Demokratie; und Rechtssicherheit ist ein konstituierender Faktor für die Demokratie. Wären die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg nicht so abgestumpft gewesen, hätten Sie den Krieg nicht so lange durchgehalten; wären hingegen ihre Offiziere von Anfang an sensibler gewesen, hätten sie den Deutschen und der Welt diesen Krieg ersparen können.

Diktatur braucht Abstumpfung, Demokratie Sensibilität. Aus dieser These folgt auch die Erklärung der Tatsache, warum ein Ausstieg aus einer diktatorischen Gesellschaftsordnung und ein Umstieg in ein demokratisches System so schwierig sind und so langsam ablaufen. Eine Demokratie entsteht nicht nur durch eine Entscheidung, sondern vor allem durch die Bildung der psychischen Voraussetzungen, was mehrere Generationen dauern kann.

Demokratisch gesinnte Führer werden versuchen, ein autoritär gebildetes Volk in eine Demokratie zu führen; ein solches Volk oder solche Bevölkerungsanteile aber werden einem autoritären Führer freiwillig hineinfallen. Dies zeigt die langsame Demokratisierung einiger osteuropäischer Staaten.

In Österreich hat der Umbau von der Leibeigenschaft zur gelingenden Demokratie vom Ende des 18. Jahrhunderts bis 1945 gebraucht. Die erste Republik war nur formal demokratisch und nicht dem Geiste nach; der Kampf ums tägliche Brot entzweite die Bevölkerung.

In Russland etwa besteht die Diktatur und die ihr zugehörige Abstumpfung nach wie vor als individuelle und gesellschaftliche Wirklichkeit; individuelle Bemühungen sind nicht wirksam geworden; Bemühungen von oben nach unten wie Glasnost und Perestroika gab es wenige. Selbst der Kommunismus, der von Marx als eine humanistische Idee gedacht war, wurde von Stalin im Geiste der Inquisition und des zaristischen Systems – also totalitär – durchgezogen. Stalin hat Marx so missbraucht wie die Inquisition die Christuslehre. Durch Abstumpfung lässt sich eine Herrschaft fürs erste erhalten; jedenfalls fördern Diktaturen nur selten die Entstehung von Demokratien, die auf Sensibilität angewiesen sind. Es bleibt zu hoffen, dass jene Staaten, die noch nicht so weit sind, nicht so lange für die Demokratisierung brauchen wie wir.

Aber sind nun die aktuellen Demokratien sensibel genug, die anstehenden Probleme auf der Welt wahrzunehmen und stark genug, um sie zu lösen? Meine hier vertretene These, Demokratien würden demokratie-affine Bürger hervorbringen und Despotien autoritäts-affine Untertanen, halte ich für grundsätzlich richtig, wenn sich die Entwicklung in der Wirklichkeit auch nicht immer so ereignet. Es spielen auch andere Faktoren eine Rolle. Eine traditionelle Demokratie wie die in Großbritannien fällt wegen des Mangels an Kooperationsfähigkeit im Fall des Brexit auf. Vielleicht kann man sich das so erklären, dass zu viele ihrer Abgeordneten durch eine emotionale Wohlstandsverwahrlosung die für eine Demokratie notwendigen Fähigkeiten nicht erlernt haben.

2. Die historische Dimension

Heute stehen wir vor einem Problem, vor dem Kaiser Karl der Große (747 bis 814) auch schon stand; es war die menschliche Expansionstendenz. Zu seiner Zeit waren 400 Jahre lang Völker aus dem Osten nach dem Westen gewandert und standen am Atlantik an. Diese Völker brannten Wälder nieder, um ihr Getreide anzubauen. Sie betrieben Monokultur, sodass die benutzten Felder bald übernutzt waren und sie weiterziehen mussten. Und der Atlantik verhinderte die Weiterreise.

Karl kannte die römische Kultur und für die Landwirtschaft führte er deren Drei-Felder-Wirtschaft ein – eine auf Dauer ausgerichtete Feldnutzung, die bis auf weiteres die Wanderkultur unnötig machte. Damit überwand er die Lemming-Taktik: wegen „Überbevölkerung“ begeben sich die Lemminge massenweise auf Wanderschaft und stürzen sich erfolgreich in Bäche und schmale Flüsse, um sie überwinden und weiterwandern zu können; wegen ihrer Kurzsichtigkeit machen sie das gleiche bei breiten Flüssen und ertrinken in ihnen.

Ohne die Umstellung der Landwirtschaft, die eine Zeit lang problemlösend wirkte, hätten sich wohl auch die Völker Europas in genozidaler Absicht und suizidaler Wirkung in permanente Kriege stürzen müssen. Erst etwas später kam es dann zu den Kreuzzügen und zum Hundertjährigen Krieg zwischen Frankreich und England, um als Nebeneffekt überzählige junge Männer zu entsorgen. Wenn junge Männer keine Aufnahme in die Gesellschaft finden, droht die Entstehung von Aggression, die sich vorerst gegen die Gesellschaft richtet; deren Verwalter sind dann oft geneigt, die Aggression zu bündeln und über die Grenzen zu schicken. Mit der Neuzeit lösten insbesondere einige Küstenvölker durch den Kolonialismus ihre Probleme; für den deutschsprachigen Raum stand dieser Weg kaum zur Verfügung. Da musste der Dreißigjährige Krieg mit seiner hohen Todesquote als „Aderlass“ dienen.

Zurück zu Kaiser Karl dem Großen: Zu seiner Hilfe verwendete er die christlichen Funktionsträger als Verwaltungsorgane, die mit ihrer Himmelslehre einen mentalen Ersatz für die Wanderschaft anboten, indem er damit den Himmel als Ziel der Reise imaginierte. Auf der Reise durch das römische Reich hat sich die christliche Religionsgemeinschaft in Volk und Hierarchie gespalten und die Oberkirche, die die Standesführung für das Reich ausübte, nahm Teil an der Herrschaft, indem sie die Ansprüche des Volkes niederhielt und so den Luxus der Oberschicht ermöglichte, ohne die Natur allzu stark auszubeuten.

Nur in den steingewordenen Kirchen konnten die Untertanen den Luxus und die Pracht der Feudalherren mitgenießen. Die Petrifizierung der ursprünglichen FanGemeinde stellte sich übrigens materiell als Problem dar; der Bau des Petersdoms in Rom löste die Abspaltung der Protestanten unter Martin Luther aus. Der Wortzusammenhang von „Petrus = Stein“ entbehrt wahrscheinlich einer logischen Begründung, drückt aber doch einen Zusammenhang in der Entwicklung aus. Die überteuerten Luxusbauten der französischen Könige bilden auch ein Beispiel für dieses Phänomen; sie waren eine Mitursache für die große französische Revolution des Jahres 1789.

3. Die religiöse Dimension in ihrer gesellschaftlichen Funktion

Die Menschen stellen ganz natürliche Fragen nach ihren persönlichen Chancen und Risiken; weil der Mensch als Wesen in der und für die Gemeinschaft konzipiert ist, gibt es immer auch wirkliche oder Möchtegern-Führer, die diese Fragen beantworten wollen. Als Gruppierung kommen hier die Wissenschaften, die Religionen und als politische Dimension kommen die Staaten in Frage.

Staaten und Religionen wirken oft zusammen, manchmal sind sie in Konflikt miteinander. Aber auch im Fall eines Konflikts sind sie vielfach auf die gleichen Mittel angewiesen. „Gott ist groß“, „Allahu akbar“ und „Amerika is great again“ ist aus dem gleichen Geist geboren. Eine Abhandlung über die Demokratie ohne einen religiösen oder zumindest einen pseudoreligiösen Hinblick würde ich nicht für vollständig halten.

Religionen bestehen aus zwei Komponenten, die sie anzubieten haben: zum einen die in ihrem Rahmen gemachte historische Erfahrung, die sich im Glauben als Narrativ manifestiert und in den Menschen als Gesinnung landen sollte. Zum anderen ist es die spirituelle Technik, die in Form von Ritualen und Gebeten bzw. als Meditation die Besinnung auslösen soll und auch kann. Was für die Wissenschaft das Denken ist, ist für die Religionen die Meditation – bekannter ist vielleicht das Wort Versenkung.

Meditation bzw. Spiritualität ist ein Geisteszustand, in dem Inhalte des Unbewussten ins Bewusstsein treten und aus diesem Erleben entsprechende Wahrnehmungen entstehen und damit ganzhirnige – also sowohl emotionale als auch rationale - Entscheidungen getroffen werden können. Während des Schlafes reorganisiert sich das Gehirn und gewöhnlich treffen die beiden Gehirnfunktionen – auch beim Einschlafen und beim Aufwachen – zusammen; sie sind messbar durch das Elektroenzephalogramm (EEG). Deshalb ist es gut, schwerwiegendere Entscheidungen zu „überschlafen“; allerdings wird das Gehirn zwischen der Einnahme eines Schlafmittels und dem Wecker diese Nachtarbeit nicht leisten.

Unter anderen können auch Dauersportarten sowie militärische Einsätze sowie solche Übungen meditatives Bewusstsein initialisieren; die „Feuertaufe“ als erstes Kampferlebnis eines Soldaten bringt ihm seine Sterblichkeit zum Bewusstsein und verursacht häufig eine Veränderung der Persönlichkeit; Zivilisten erleben diese Veränderung häufig erst in der Midlife-Crisis.

Wohl aus diesem Grund ist Yoga in der Kriegerkaste entstanden. Soldaten hatten immer schon Bedarf nach einer guten Resilienztechnik, also nach optimaler Stressfestigkeit sowie nach strategischen Fähigkeiten; diese besteht darin, sich in der komplexen und im Einsatz unberechenbaren Welt zurechtzufinden.

Autoritäre Systeme betreiben den umgekehrten Weg; sie nutzen Trance, um ihre Gedanken zu indoktrinieren – da kann Folter und Angstmache durchaus im Spiel sein – „Gehirnwäsche“ führt aber eher zur Abstumpfung als zu sinnvollen Erkenntnissen.

Die Besinnung auf das, was ich tun will und was ich in meinem und im Interesse der Gesellschaft tun darf, ist für ein gutes Zusammenleben immer wichtig. Das Christentum setzt darauf, dass durch den Glauben Besinnung ausgelöst wird und daraus die gewünschte Gesinnung entsteht. Das Christentum und das Römische Reich deutscher Nation ergänzten einander in ihrer Sinnvorgabe (Gott und Vaterland; Altar und Thron).

Wenngleich das Wort „Erbsünde“ in deutscher Sprache erst im 12. Jahrhundert, also in der Hochblüte der christlichen Gesellschaftsordnung, vorkommt, geht ihre Einführung auf Apostel Paulus und später auf den Kirchenlehrer Augustinus zurück. Obwohl sich diese These auf das Alte Testament beruft, kennen die Juden dieses Instrument, das ein Gefühl der Unvollkommenheit und einer Abhängigkeit erzeugen soll, nicht. Die grundsätzliche Einstufung des Menschen als „Mängelwesen“ ist eine wirksame Voraussetzung für eine hierarchische Gesellschaftsordnung. Um Christus die Funktion als Erlöser zu geben, erklärte man den Menschen kurzweg als erlösungsbedürftig. Wenn sich eine Religion so aufstellt, nimmt sie sich als geistiges Konstrukt wichtiger als den Menschen in seiner realen Existenz. Die Christen hoffen auf Erlösung, die Buddhisten bemühen sich darum, zu erwachen.

Der Mensch ist natürlich entwicklungsbedürftig und braucht Zeit, im Schutz seiner Umgebung seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu entfalten. Auf dem Yogaweg und für den Buddhismus braucht man gewöhnlich einen Meister als Begleiter; aber den Geist des Menschen gestalten zu müssen, erscheint ziemlich übergriffig.

Die christliche Lehre folgt dem System; dem Menschen nicht zuzutrauen, sich zu optimieren und aus eigenem ein gutes Selbstwertgefühl zu erreichen, sondern erlösungsbedürftig zu sein; das soll die kindliche Abhängigkeit des Menschen ein Leben lang erhalten. Mit einem solchen Bewusstsein bleiben ihm die Abhängigkeit und der Bedarf nach Gläubigkeit, auch wenn er den schützenden Schoß der Kirche verlässt. Das Anhaften an die abstrusesten Herrschaftssysteme und die erstaunlichsten Verschwörungstheorien ist eine Folge davon. So wie der Körper von innen nach außen wächst, ist es auch wahrscheinlich besser, den Geist aus seiner Urnatur von innen nach außen entwickeln zu lassen.

Das Bedürfnis, die kindliche Psyche gestalten zu wollen, taucht interessanterweise wieder in der Aufklärung auf, die zuerst einmal – jedenfalls aber nur räumlich begrenzt – die „schwarze Pädagogik“ in die Welt gesetzt hat, bevor sie von der Reformpädagogik überholt wurde.

Nach der Yogalehre sollte die Rolle der Persönlichkeitsbildung sein, die Menschen anzuregen, einen individuellen Lebenssinn zu suchen und Selbstbewusstsein zu finden, die sich in Übereinstimmung mit dem Ziel der jeweiligen Gemeinschaft befindet – in Europa ist es weitgehend Demokratie. Je nach dem Menschenbild der Religion fördert sie die Natur des Menschen, die sie für ursprünglich lebens- und gesellschaftstauglich hält; oder sie will ihn nach ihrem Menschenbild formen, weil sie seine Natur als dafür ungeeignet hält. In diesem zweiten Fall reicht Erweckung nicht, es braucht Erlösung.

Die Entwicklung der Kinder ist abhängig vom Schutz durch die Eltern; das patriarchalische Denkmuster versucht, dieses Gefühl zu perpetuieren; und autoritäre Staaten erwarten von ihren Untertanen eine entsprechende Unterwerfung. Um dieses Gefühl zu erzeugen, dient oft Willkür. Idealtypisch halten sich die Bürger einer Demokratie ihren Staat als Organisationseinheit; die Rechtssicherheit ist dafür wichtig. Welches Gefühl ist wohl für Österreich vorherrschend? Ist das Selbstbewusstsein derivativ (abhängig) oder autonom (unabhängig)? Das sind Fragen, die für die Menschenführung relevant sind.

Es gibt so viele glückliche Kinder und so viele grantige oder manchmal sogar bösartige Erwachsene. Was ist auf dem Weg passiert? Der Mensch kommt körperlich und geistig sehr unfertig auf die Welt und die Gefahr, durch Erziehung Schäden zu erleiden, ist durchaus gegeben. Wenn die Liebe der Eltern zu ihnen aber echt ist, halten die Kinder doch einiges aus. Das Glück der Kinder besteht darin, in ihrer Lebenswelt geschützt aufzuwachsen.

Mit der Pubertät und den hormonellen Umstellungen müssen oder dürfen sie ihrer neuen Lebenswelt begegnen. Wenn sie Glück haben, können sie aber ihren inneren Freiraum erhalten – für manche ist das die Religion. Ein Yogi aus Indien nannte das so: „ich habe mir vorgenommen, mich in meinem Wesen nicht von den anderen stören zu lassen“. Aber das ist schon ein Schritt zur Weisheit.

Den Kinderglauben aber kann man allerdings aufgeben, denn Gott tritt nicht an die Stelle der Eltern; mit dem Gewinn von Freiheit kommt die Verantwortlichkeit. Die christlichen Kirchen sehen das meist anders; für einen politischen Text scheint meine Erklärung allerdings relevanter zu sein.

Es muss nicht darauf ankommen, sein Leben mit Abenteuern zu füllen, sondern es durch Intensivität zu bereichern – also achtsam durchs Leben zu gehen. Das Glück der alten Menschen ist, weise zu werden und zumindest die Erziehungs- und die weiteren Erlebnisschäden (etwa PTBS = posttraumatische Belastungsstörung) überwunden zu haben. Dann können sie auch beruhigt in den Tod oder in die Demenz gehen; sie werden dann auch weniger an ihrer Pflege leiden und auch weniger lästige Pflegefälle werden.

Erfahrungsgemäß lösen sich diese Menschen leichter vom Leben, die weder sich selber noch den anderen gegenüber etwas schuldig geblieben sind. Wer satt ist, steht leichter vom Tisch auf als der, der noch hungrig ist. Problemfälle sind Kinder, die sterben wollen, und alte Menschen, die sich vor dem Tod fürchten.

Ich halte die Beschäftigung mit den Religionen in Theorie und Praxis für sehr hilfreich, um zum eigenen Lebensglück zu kommen. Ohne die Erfahrungen vieler Generationen wäre es uns wahrscheinlich unmöglich, die Welt zu verstehen. Weisheit ist das Ergebnis der Wahrnehmung der äußeren Natur und seiner inneren Natur, also eine Wahrnehmung des Geschehens in seinem Gehirn. Ich verdanke der Tätigkeit als Ministrant in meiner Kindheit eine entsprechende Vorerfahrung für die Erlernung der Meditation in meiner Yoga-Schule in Indien.

Der große Aufwand, den man treiben muss, um so weise zu werden, wie die als große Meister verehrten Yogis in Indien, ergibt sich aus der Erfahrung. Sie haben lange Meditationen hinter sich. Einem buddhistischen Mönch ist aufgefallen, dass – sieht man von einigen Ausnahmetalenten ab – für Spitzenleistungen in Kunst, Sport und Wissenschaft sowie in Spiritualität eine Praxiszeit von 15.000 Stunden notwendig ist.

Für meinen Guru waren dreistündige Meditationen nichts Besonderes, für seine langen Meditationen – er erzählte von einer Zeit von bis zu 12 Tagen –, musste er sich allerdings besonders vorbereiten. In seiner Gegenwart brachte ich es auf einige einstündige Versenkungen; normalerweise bin ich über Zeiten von ein paar Minuten schon froh.

Ein Meister geht in sein Unbewusstes wie der Hausherr in den Keller, dreht das Licht auf und sucht sich zusammen, was er gerade braucht. Gerade auch bei der Erstellung dieses Textes merke ich, dass ich ziemlich im Dunklen herumtappe und nur wie im Strahl einer Taschenlampe die brauchbaren Gedanken und die notwendigen Empfindungen zusammensuchen muss.

Glücklich bin ich über ein Meditationserlebnis an der Südküste der Insel Kreta, das mich an eine Bibelstelle erinnert. Christus wurde vom Teufel aufgefordert, von einem Felsen zu springen; die Engel würden ihn sanft auffangen und ihn unversehrt zu Boden bringen. Wenn Leute dieses Erlebnis unter Einfluss von Drogen haben, springen sie oft tatsächlich.

In der Meditation nimmt man wahr, dass das Schweregefühl ausgeschaltet ist und man diese Sondersituation genießt; ich bin auf dem Mauervorsprung der Ruine sitzen geblieben, obwohl ich das Gefühl hatte, ohne weiteres zu den am Strand spielenden Kindern hinunterschweben zu können. Auf der Schwelle, an der sich Stimmung zu Glauben verhärtet, ist ein Faktencheck geboten, weil Glauben handlungsrelevant werden kann.

Das Gefühl der Schwerelosigkeit ist wie die Erinnerung an das Nicht-Sein auch eine Erfahrung des Nahtod-Spektrums und nimmt oder reduziert die Angst vor dem Tod. Seit ich um die Erfahrungsgemeinschaft weiß, nehme ich die Bruderschaft Christi, die er den Menschen bietet, gerne an. Die Erfahrung des Unbewussten unterscheidet sich durchaus von der gewöhnlichen Erfahrung; wenn man sich aber da öfter einfindet, wird sie einem vertraut und man kann religiöse Texte mit anderen Augen lesen.

So erscheinen die Darstellungen des auferstandenen Christus in einem anderen Licht, etwa wie im Nebel, das deutet auf Meditationsbilder hin. Die Berichte über den auferstandenen Jesus enthalten meistens einen Hinweis auf eine metaphysische Dimension seiner Erscheinungen; er kommt etwa trotz verschlossener Türen in den Abendmahlsaal oder er verschwindet einfach aus der Gemeinschaft mit den zwei Jüngern in Emmaus.

Die Deutung Christi als Inkarnation Gottes ist nach dem Religionsverständnis Indiens durchaus möglich; für viele Inder ist eine solche Deutung auch selbstverständlich. Nach dem Buddhismus erreichen die Menschen auf ihrer höchsten Entwicklungsstufe die Buddha-Natur. Für die Christen, die die Gottesnatur eines Menschen für einmalig halten, ist ein Verständnis dafür schwierig, vielleicht sogar unmöglich. Als Anhänger einer Glaubenskultur sind ihnen nicht alle religiösen Interpretationsmöglichkeiten offen.

4. Individuum und Gesellschaft

Das Wechselspiel zwischen Individuum und Staat bzw. Reich zeigte und zeigt viele Möglichkeiten: es reicht von Diskriminierungen oder Überhöhungen Einzelner bis zu Überschätzung oder Verachtung des Gemeinwesens.

Wahlsprüche und Hymnen versuchen auf mancherlei Art, das gesellschaftliche Selbstbewusstsein zu modellieren; und manchmal stimmen Volksmeinung und Selbstbeschreibung des Staates überein. Ob das eine das andere modelliert hat oder ob es umgekehrt ist, kann höchstens im Einzelfall festgestellt werden.

Normalerweise sind Volks- und Staatsmythen natürlich großartig; manchmal ist es anders. So gab es unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich eine Volkshymne, die den Zustand durch Persiflage – also durch schwarzen Humor – erträglich zu machen suchte: „Land der Erbsen, Land der Bohnen, Land der vier Besatzungszonen, Land der vielen, vielen Fremden, die uns ausziehen bis auf die Hemden …“ Notfallsprüche können in der jeweiligen Situation hilfreich sein; wenn sie bleiben, können sie aber auch negativ wirken. Bewusstsein und Sein sind interdependent.

Mit der Wahl der aktuellen Bundeshymne hat Österreich gewiss Glück gehabt; sie spricht sowohl das Land als auch die Leute positiv an und verzichtet auf Präpotenz. Für den individuellen Bereich wirken nach verbreiteter Meinung gute Lebensziele positiv; ob es eine Analogie zu Staatszielen gibt, könnte nur eine Untersuchung ergeben. Wenn es so wäre, würde Serbien mit seiner Berufung auf die verlorene Schlacht am Amselfeld gegen die Osmanen (1389) ein schlechtes Motiv gewählt haben. Und auch die Hymne „noch ist Polen nicht verloren“ ist nicht gerade aufmunternd.

Schwer nur zu ertragende Zustände kann man auch durch etwas überzogene Behauptungen verkraftbar machen; so kolportierte Hitler die Vorstellung, dass er und das vom Ersten Weltkrieg traumatisierte deutsche Volk von der Vorsehung ausersehen sei. Als Plagiat übernahm er die jüdische Vorstellung der Auserwähltheit; er strebte an, was er diesen vorwarf, nämlich Weltherrschaft. Das Plagiat hat zwar gegriffen, hat sich aber nicht bewährt.

Die auf Individualismus, Gerechtigkeit und Frieden aufzubauende Demokratie überlässt den Bürgern die Sinnfindung und muss ihnen auch die Fähigkeit, ein der Realität entsprechendes Selbstbewusstsein zu entwickeln, zutrauen; die Staatsführung kann aber doch etliches beitragen, Stärken und Schwächen und allenfalls notwendigen Veränderungsbedarf gemeinsam mit den Bürgern auszumachen.

Die Zeit der überheblichen Herrscher und der sich minderwertig fühlenden Untertanen sollte mit der Reichsidee untergegangen sein und dem Selbstbewusstsein der demokratischen Bürger Raum geben. Wenn sich eine gesellschaftsprägende Einheit wie eine Religion totalitaristisch aufstellt, so werden sich auch die anderen gesellschaftlichen Einheiten wie die Familien oder der Staat totalitär zu organisieren suchen.

Dabei werden die Inhalte an sich durchaus modifiziert. Die Kinder machen nicht immer das, was die Eltern sagen; sie machen aber oft das nach, wie die Eltern sind. Mit der Übertragung durch die Religion ist es ähnlich: wir essen entgegen dem Alten Testament Schweinefleisch und halten es entgegen der Bergpredigt nach dem Neuen Testament mit der Aufnahme der Fremden nicht so genau; sehr haltbar allerdings ist der Modus der Religion, die absolute Wahrheit Gottes zu vertreten und damit immer recht zu haben.

In der postchristlichen Gesellschaft ist diese Haltung noch spürbar und in den christlichen Kirchen ist sie noch weit verbreitet, wenn die katholische Kirche sie auch offiziell abgemildert hat (siehe später). Im Islam schafft sie noch schwerwiegende innere und äußere Spannungen.

Wenn der Mensch seinen spirituell geladenen Wesenskern mit einer rauen Schale umgibt, stellt das ein Problem für das Zusammenleben dar. Wenn sich ein sanftes Gemüt einer geforderten Härte stellen soll, hilft der Spruch: „Wo gehobelt wird, fliegen Späne!“ Manche leiden darunter, wenn ihr Amt mehr Härte verlangt, als sie geben wollen; es besteht aber auch die Gefahr, dass Sensibilität kippt und zu Grausamkeit pervertiert. Wichtig sind starke Persönlichkeiten, denen das Wesen der Demokratie vertraut ist und die sich für sie einsetzen.

5. Die Aufklärung

Einem aufgeklärten Menschen ist ein religiöser Inhalt kaum und auch nicht der volle christliche Glauben zu vermitteln; Auf dem Weg des religiösen Respektverlusts ist allerdings auch der Respekt und die Angst vor der Natur, die stärker ist, als es die Menschen sein können, untergegangen und muss erst mühsam wieder hergestellt werden. „Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher“, hieß es früher; und die Natur ist auch nicht schnell genug in ihren Reaktionen, um gleich auf jeden menschlichen Missgriff zu reagieren.

Das Christentum erzeugt mit Himmel und Hölle ein verzerrtes Weltbild und hat seine spirituellen Techniken nur für den Fall der Akzeptanz seines Glaubensinhaltes entwickelt; in der Aufklärung ist die Spiritualität als Technik zur Bewusstseinserweiterung und damit zur Förderung der Sensibilität als nützliche geistige Disziplin kaum entwickelt worden; weder der räumliche noch der zeitliche Horizont sind mit den Handlungspotentialen von Wissenschaft und Technik mitgewachsen. Damit sind wir im christlichen Abendland so lange auf geistige Importe angewiesen, bis sich hier ein entsprechendes Bewusstsein entwickeln wird. So lange müssen wir mit dem Mangel leben und den nachfolgenden Generationen die Verantwortung schuldig bleiben.

Der Umgang mit der Welt als Heimat nicht nur für die aktuelle Menschheit, sondern auch für die Folgegenerationen lässt zu wünschen übrig. Die aktuellen Generationen leben, als ob sie die letzten wären; und die Natur reagiert in diesem Sinn! Die letzten 5 Generationen verbrennen die Kohle, die in 50 Millionen Jahren entstanden ist (das Erdzeitalter Carbon dauerte von 350 bis 300 Millionen Jahre vor unserer Zeit); kein Wunder, dass da die Natur sauer reagiert. Es geht um die grundsätzliche Fähigkeit der Menschen, die aktuellen Probleme zu lösen, und nicht darum, Lösungen für historische Probleme vorgesetzt zu bekommen.

Gläubigkeit, die auf einem konkreten Weltbild beruht, bindet; Weisheit macht frei. Wissen und Gedanken, die nicht auf der Bindung an die Welt beruhen, sind nicht weise, sondern illusionär. Die rasche Veränderung der Umstände auf der Welt braucht Gedankenfreiheit; die alten Rezepte des Zusammenlebens der Menschen sind überholt oder beantworten die aktuellen Fragen nicht mehr. Wenn auch die Welt durch eine unverantwortlich genutzte Freiheit zum gegenwärtigen Schlamassel geführt hat, so gibt es doch keine andere Wahl, als die Freiheit des Geistes in den Dienst der Lösung oder Milderung des Desasters zu stellen.

Der Jesuit Karl Rahner (1904 bis 1984) war einer der profiliertesten Theologen der neueren Zeit; er war Motor der Modernisierung der katholischen Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil. Für mich ist er trotzdem ein gutes Beispiel für Glaubensbindung; diese Glaubensbindung beruht auf der Selbsteinschätzung der christlichen Religion, sie sei von Gott geoffenbart worden. Er käme mit dem Gedanken, dass ein barmherziger Gott so viel Ungerechtigkeit wie den Holocaust zulasse, nicht zurecht und er wolle (nach seinen Worten) das Problem als erste Frage nach seiner Ankunft im Himmel an Gott stellen. Im Unterschied zum Gläubigen hat ein Weiser die Möglichkeit, seinen eigenen Standpunkt zu hinterfragen.

Nur wenn Gott nur eine Minderheit vertritt, kann diese ihren Gott auf Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit ansprechen; wenn aber nach dem eigenen Weltbild Gott als Symbol für die ganze Welt und den Kosmos zuständig ist – demnach auch für Fuchs und Hase –, verliert der Anspruch seinen Sinn. Dieser Gott kann höchstens für das Funktionieren dieses Systems als zuständig erklärt werden und die Theodizee-Frage stellt sich nicht. Die von Zeit zu Zeit auftretenden Epidemien könnte man jedenfalls als Versuch der Natur ansehen, das Leben auf der Welt zu harmonisieren.

Die Verwendung des Begriffes „Gott“ weist auf eine Möglichkeit des abstrakten Denkens hin, nämlich auf die Wirklichkeit eines Teamgeists oder die Corporate Identity in der Gesellschaft, in der sich die jeweiligen Menschen fühlen. Als Logo dieser Denkheimat werden entsprechende Zeichen verwendet, Kreuz oder Halbmond sind weit verbreitet. Eine Darstellung des Logo nach dem Menschenbild wird in manchen Religionen als problematisch gesehen; sie wäre eine Verengung dessen, was gemeint ist. Die Wahrnehmung und die Bildung des „Gemeinschaftsgeistes“ erwächst aus der Abstraktionsfähigkeit des menschlichen Gehirns.

Der Horizont, der die Gefühls- und Denkwelt umschließt, bildet eben den Raum der Gesellschaft, die man haben will und der man sich bestenfalls verpflichtet fühlt. Angesichts der Problemlage in der Welt wäre ein weiter Horizont wünschenswert. Global handeln und regional denken kann nur zur Katastrophe führen. Die Mühe, die Weltanschauungen und ihre Gottesvorstellungen zu verstehen, läuft auf Verständnis dieser Situation hinaus.

Karl Rahner zeigte diesen weiten Horizont in einer Offenheit, die aus der Weisheit des Alters zu kommen scheint. In einem Symposion des Instituts für Südost-Asien (Universität Wien, etwa 1985), das über das Verhältnis von Christentum und Hinduismus gehandelt hat, sagte er: „Es möge mich der Blitzstrahl des Banns nicht treffen aber zwischen den beiden besteht wahrscheinlich gar kein Unterschied“. Einige seiner jungen Mitbrüder in den hinteren Sitzreihen murrten und einer von ihnen sagte: „Das könne man so nicht sagen!“ Eine Aufzeichnung wird sich sicher noch im Archiv des Instituts befinden.

Die Vorstellungskraft des Menschen ist eine wichtige Voraussetzung für ein optimales Leben – „Denken ist Probehandeln im Kopf!“ Das Theater und seine Wirkkraft beruhen auf der Vorstellungskraft der Schauspieler; die Wissenschaft und ihr Fortschritt ist ohne Fantasie der Forscher nicht denkbar und auch Yoga verwendet viele Vorstellungsbilder als psychotherapeutische Instrumente auf dem Weg zur angestrebten Weisheit. Wenn sich aber diese Vorstellungen im Faktencheck nicht bewahrheiten, führen sie in die Einbildung und an die Schwelle der Psychiatrie.

Die Aufklärung als geistige Disziplin hat den Prozess des religiösen Glaubens, dem die Kirchen Vorrang vor der Rationalität gegeben haben, fragwürdig gemacht. Die christliche Religion hat ein Problem mit der „Erkenntnis“, da der Verzehr der Frucht des Baumes der Erkenntnis an der Vertreibung aus dem Paradies schuld war.

Obwohl diese Erzählung aus der jüdischen Bibel stammt, nahmen die Juden diese Passage aus ihrem Buch nicht so ernst. Die Juden trieben die intellektuelle Bildung allerdings auch nur für die Buben – durchs Mittelalter und in die Neuzeit herein – sehr ernsthaft. Eine gewisse Erkenntnishemmung bei den Christen bei gleichzeitiger Erkenntnisfreiheit bei den Juden und die daraus entstehenden Nachteile bei der Mehrheit der Bevölkerung könnte ein Grund für die Judenaversion gewesen sein – Eifersucht ist immerhin ein starkes Motiv für Hass.

Das Christentum mit seiner Lehre von der Erbsünde zeigt ein gespaltenes Verhältnis zur Erkenntnisfähigkeit, die die Bedingung für die Aufnahme im Himmel ist; Tiere haben nach der verbreiteten Lehre keinen Zugang dorthin. Andererseits war die Befriedigung des Erkenntnisbedürfnisses der Menschen die Ursache für die Vertreibung aus dem Paradies.

Die Verfolgung der Astronomen im 16. und 17. Jahrhundert (etwa Gaetano Bruno und Galileo Galilei) durch die Inquisition führte zu einem Vertrauensverlust in die Kirche; auf Grund der historischen Last tat sie sich in der Folgezeit schwer, für einer explodierende Wissensentwicklung ein weises Korrektiv zu werden. Es gibt nicht nur den industriell-militärischen Komplex, den der frühere amerikanische Präsident Eisenhower problematisch nannte; sondern auch der Komplex von Wissenschaft und Wirtschaft ist aus den Ufern eines vertretbaren gesellschaftlichen Verhaltens geraten.

So ist auch das, was als „rational“ bewertet wird, oft nur auf einem niederen Niveau; das traf etwa die sogenannte „Rationalisierung“ als Ersatz menschlicher Arbeit durch Maschinen. Die Wirtschaftswissenschaft bleib mit der „Rationalisierung“ hinter der Rationalität zurück; nur die gewünschten Folgen und nicht auch die negativen Nebenwirkungen zu berechnen, ist schwach (siehe später). Dass die Kirche die Schwächen des eigenen Systems kaum bemerkt hat, ist menschlich verständlich; dass sie sich aber so weit von der Philosophie entfernt hat, dass ihr die Pseudorationalität in der Welt nicht aufgefallen ist, ist peinlich. Der Einsatz linearer Rationalität zur Lösung komplexer Sachverhalte verschleudert eine menschliche Qualität unter ihrem Wert.

Das geozentrische Modell der Kirche hat naturwissenschaftlich versagt. Und in dem, was man heute kognitive Wissenschaft nennt, hatte sie ein einfaches Modell. Sie gab vor, zu wissen, wie sich Gott die Menschen wünscht. Die Gläubigen brauchten nach dem Beichtspiegel nur angeben, inwiefern sie diesem Bild nicht entsprachen. Nach der Aufschrift „Gnothi seauton“ (erkenne dich selbst) im Tempel des Apollon in Delphi versuchte die griechische Philosophie, die Sache der Identität des Menschen vorsichtiger anzugehen; die Yoga-Bewegung macht die Selbsterkenntnis sogar zu ihrem zentralen Thema.

Die Kirche stellte und stellt Gott in das Zentrum ihrer Verkündigung. In der Bibel wird verlangt, sich kein Bild von ihm zu machen, sodass die Beziehung zu ihm nur in der Gefühlssphäre, also im eigenen Körper, stattfinden kann; dafür ist Sensibilität notwendig und damit könnte sich auch das innere Maßsystem, das sowohl nach dem eigenen Glück strebt als auch der sozialen Verantwortung Raum gibt, entwickeln.

Weil das offensichtlich gefehlt hat, ist es zu dem erstaunlichen Phänomen mit dem Namen „selbsterfüllende Prophetie“ gekommen. Die Erkenntnisexplosion gefährdet durch ihre Schattenseiten (etwa Klimaerwärmung, Meeresverschmutzung und Plünderung der Bodenschätze) den Lebensraum des Menschen; diese Art von Erkenntnis könnte leicht zur „Vertreibung aus dem Paradies“ führen. Hat nun die Bibel doch Recht? Indem die Kirche mit ihrer Erkenntnisaversion die intellektuelle Entwicklung nur sehr zögerlich und unwillig mitgetragen hat, war sie kein Gesprächspartner für die Wissenschaft und wurde vom Fortschritt überrollt.

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