Kitabı oxu: «Fesseltrick»
Vom Autor bisher bei KBV erschienen:
Fieses Foul
Kalte Blicke
Fischfutter
Auf die harte Tour
Schnell erledigt
Schrott
Blindgänger
Haken dran!
Blondes Gift
Klaus Stickelbroeck wurde 1963 in Anrath geboren. Er lebt in Kerken am Niederrhein und arbeitet als Polizeibeamter in Düsseldorf. Seinen ersten Kurzkrimi veröffentlichte er im Jahr 2000. Sein erster Kriminalroman Fieses Foul erschien 2007. Sein Kriminalroman Fischfutter (2010) wurde für den Friedrich-Glauser-Preis als bester Kriminalroman des Jahres nominiert.
2017 erschien mit Haken dran! eine Zusammenstellung seiner besten Kurzkrimis. Fesseltrick ist sein achter Kriminalroman mit dem smarten Privatdetektiv Hartmann (alle KBV).
Stickelbroeck ist einer der fünf »Krimi-Cops«, deren sechs Kriminalromane, zuletzt Goldrausch (2018), ebenfalls im KBV-Verlag erschienen sind.
www.klausstickelbroeck.de · www.krimi-cops.de
Klaus Stickelbroeck
Fesseltrick

Originalausgabe
© 2020 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim
www.kbv-verlag.de
E-Mail: info@kbv-verlag.de
Telefon: 0 65 93 - 998 96-0
Fax: 0 65 93 - 998 96-20
Umschlaggestaltung: Ralf Kramp
Lektorat: Volker Maria Neumann, Köln
Print-ISBN 978-3-95441-541-0
E-Book-ISBN 978-3-95441-550-2
»Ich bin kein Typ für Käfighaltung.«
(Hartmann)
Inhalt
1. Tag
2. Tag
3. Tag
4. Tag
5. Tag
Der Cocktail zum Krimi
Soundtrack zum Krimi
Danksagung
1. Tag
Das durfte doch nicht wahr sein. Die rote Sporttasche entglitt seinen Fingern. Fassungslos fand Hartmann Halt am Türrahmen. Entsetzt strich er sich durchs Haar, die Stirnader pochte.
»Das gibt’s doch nicht.«
Seine Bude. Seine Wohnung. Sein Wohnzimmerbüro. Es schnürte ihm die Kehle zu. Der Raum roch wie drei Tage Wacken und sah aus, als wäre eine von Dimitris Handgranaten explodiert. Nein, nix Handgranate. Der Ursprung allen Übels, dieses Massakers, trug einen anderen Namen.
»Angie«, knödelte Hartmann und spürte Blutdruck.
Nur mühsam gelang es ihm, einen weiteren, fassungslosen Schritt in den Raum hinein zu machen, denn der klebrige Fußboden hatte seine Schuhe bereits angesaugt. Die Turnschuhe ließen sich nur mit einem kraftvollen, feuchtschmatzenden Fompp vom eingesauten Laminat lösen.
»Nicht zu fassen«, japste Hartmann.
Der Wohnzimmertisch war mit leeren Bierflaschen zugestellt. Die beiden leeren Kästen dazu hatten als Sitzgelegenheiten gedient, denn sie standen auf der Seite mit der Öffnung nach vorne gleich davor. Zu den leeren Bierflaschen hatten sich zwei fröhliche Flaschen Jägermeister gesellt. Unter einem riesigen Haufen Kippen erahnte Hartmann einen Aschenbecher. Drei käseverklebte Pizzapappschachteln ließen vermuten, dass ein sehr, sehr durstiges Trio für das abenteuerliche Flaschenpotpourri verantwortlich war.
Hartmann stelzte mit weitem Schritt über etwas dunkelblau Zusammengerolltes hinweg ans Fenster und riss es auf. Der Lärm vom Bahnhofsvorplatz dröhnte zu ihm hoch. Eine Straßenbahn dengelte durch den Gleisbereich, irgendwo heulte eine Alarmanlage, Taxifahrer hupten sich gegenseitig Dellen in den weißen Lack. Zischend entwich im Septemberwetter gewärmter Mief nach draußen.
Hartmann schüttelte sich, er war doch nur eine einzige Nacht lang weg gewesen.
Unter einem Berg Schmutzwäsche war Hartmanns orangefarbene Couch kaum mehr erkennbar und schimmerte an den sichtbaren Stellen ins grünfleckig Bräunliche. Von einem fiesen, hässlichen Fleck gleich darüber an der Tapete schien eine gebrauchte, schwarze Unterhose ablenken zu sollen, die den bestürzten Blick heischend das Sitzelement bethronte.
»Angie, du Sack«, war alles, was Hartmann zornig über die knochentrockenen Lippen brachte.
Drei Tage zuvor hatte sein Kumpel mitten in der Nacht bei ihm auf der Matte gestanden. Angie war aus seiner Wohnung rausgeflogen. Genau genommen war es natürlich nicht Angies Wohnung gewesen, sondern die von Serkan. Serkan hatte keinen Nachnamen, aber wegen bewaffneten Raubüberfalls auf eine Tankstelle dreieinhalb Jahre bekommen. Jetzt war er plötzlich wegen guter Führung vorzeitig aus der Haft entlassen worden, womit nun wirklich niemand hatte rechnen können.
Irgendwas musste da schiefgelaufen sein.
Serkan hatte Angies linkes Auge marmoriert, ihn sofort achtkantig rausgeworfen und Hartmann seinen Kumpel für eine Nacht aufgenommen. Für eine Nacht aufgenommen? In dieser Formulierung steckten mehr als ein Dutzend schlimme Fehler.
»Wie kann man nur so blöd sein?«
Er wusste doch, dass bei seinem im Grunde herzensguten, aber schwer drogensüchtigen Freund immer das komplette Chaos angesagt war, sobald er ihm Unterschlupf bot. Mit geregeltem Wohnraum konnte Angie einfach nicht umgehen. War vielleicht was Genetisches. Oder was aus der frühen Kindheit. Was eine feste Bleibe anging, war Angie seit einigen Jahren ja auch vollkommen aus der Übung.
Vorsichtig tippte Hartmann mit der Turnschuhspitze gegen den blauen, zusammengerollten Schlafsack. Wenn da was Lebendes drin gewesen war, dann war es inzwischen tot.
Roch zumindest so.
Achtkantig hatte Serkan Angie aus seiner Wohnung geworfen? Hier würde Angie bei allernächster Gelegenheit auch rausfliegen. Aber neunkantig!
Wie in Trance ergriff Hartmann die halbwarme Flasche Cola, die auf dem Wohnzimmertisch stand, setzte sie sich an den Hals und spülte den Ärger die trockene Kehle runter. Er hatte gestern bei einer Benefizveranstaltung in Köln-Porz seinen ersten Halbmarathon gelaufen und war noch ein paar Liter Flüssigkeit im Fehl. Das abschließende Bäuerchen wirkte befreiend und war bis nach Oberbilk zu hören.
Hartmann zuckte zusammen. Das Bad! Das Schlimmste befürchtend schwankte er, die Colaflasche fest umklammert, ins angrenzende Badezimmer.
»Puh«, konnte Hartmann erleichtert aufatmen, denn erstens war das Bad menschenleer und zweitens in einem passablen Zustand.
Lediglich ein schrumpelig zerdötschter Zigarettenstummel, der auf der weißen Keramikanrichte unterm Spiegel ausgedrückt worden war, wirkte ein wenig deplatziert. Offensichtlich hatten es Angie und seine beiden trinkfreudigen Begleiter eher selten bis ins Bad geschafft. Was in Anbetracht der großen Menge Flüssigkeit, die nebenan genossen worden war, neue, verstörende Fragen aufwarf.
Hartmann fuhr herum.
»Was machst du denn schon hier?«
Das war Angie! Sein Kumpel war … nach Hause gekommen und stand jenseits des Getränketischs. Angie grinste umständlich am Kippenigel vorbei, wrang ungelenk seine Hände und schien im Gesicht noch ein bisschen blasser zu sein als sonst. Seine langen, dünnen, dunklen Haare glänzten fettig. Er trug seine schwarze, an den Seiten geschnürte Lederhose und ein dunkelblaues T-Shirt mit der gelben Aufschrift *Original Prankster.
»Ich wohne hier«, erklärte Hartmann.
An seinen Worten mochten Eiszapfen gehangen haben.
»Äh … Du hier? Jetzt. Schon. Ich hab dich noch gar nicht …«, haspelte Angie. »Ich hatte Besuch.«
»Ach was?«
»Gestern.«
»Eine Hundertschaft?«, fragte Hartmann.
»Zwei Bekannte. Kennste nich. Regenrinnen-Rita ist auch auf ein paar Kurze reingeschneit. Deine Nachbarin Heidi von oben hat zwei Jägermeister genommen.«
»Heidi?«
»Japp. Ganz am Anfang«, nickte Angie. »War nett.«
»Nett?«, echote Hartmann ungläubig.
Er fragte sich, wie seine über achtzigjährige Nachbarin aus der vierten Etage sich in diese gemeine Trinkrunde hatte verirren können. Andererseits hatte die rüstige Rentnerin mehrere Weltkriege überlebt und in der jüngeren Vergangenheit schon oft bewiesen, dass ihr im Grunde alles zuzutrauen war.
»Ist ein wenig ausgeartet, das gemütliche Beisammensein. Ich hab noch nicht mit dir gerechnet und hätte alles fein saubergemacht«, versicherte Angie.
Hartmann deutete auf den Fleck an der Tapete. »Und neu gestrichen?«
»Da würde sich ein poppiges Poster oder ein hübsches Bild gut machen«, schlug Angie alternativ vor.
Hartmann schnaufte. »Ich weiß, was sich jetzt ganz gut machen würde. Noch was Blaues. Auf deinem rechten Auge.«
»Tief durchatmen, Kumpel, tief durchatmen«, mahnte Angie.
»Was ist mit dem Sofa passiert?«
Angie nickte mit Kennerblick. »Ehrlich, mein Freund. Eine orangefarbene Couch? Orangefarben? Orange ist so was von out! Eigentlich ist das jetzt die günstige Gelegenheit, über einen neuen, fetzigen Stoffbezug nachzudenken.«
Hartmann schnappte nach Luft, und der Gedanke an ein weiteres blaues Auge in Angies Gesicht gewann tsunamiartig an Sympathie.
Angie hob stattdessen plötzlich seine Arme, riss die Augen auf und wurde noch einen Tick blasser. »Äh …«
»Was is?«, bemerkte Hartmann den ungewohnt besorgten Blick.
»Hast du, äh, aus … dieser … Flasche Cola getrunken?«
»Ja. Wieso?«
»Oh-oh.«
»Was Oh-oh?«, fragte Hartmann.
Angie blinzelte. Und holte tief Luft. »Oh-oh.«

Rasch schlüpfte sie vom Innenhof durch den Hintereingang ins Gebäude, in den Flur. Leise schloss sie die schwere, grün gestrichene Tür hinter sich.
Durchatmen!
Hier drinnen war es deutlich kühler als draußen. Und dunkel. Nur durch ein kleines Ausstellfenster schimmerte die Sonne bleichgrau in den kleinen, ansonsten unbeleuchteten Raum.
Kein Licht, hatte er in seiner letzten Nachricht geschrieben.
Kein Licht …
Sie entdeckte wenige Schritte weiter die schmale, abgegriffene Holztür, die hinab in den Keller führen würde. Auf was hatte sie sich nur eingelassen?
Sie hielt einen Moment inne, versuchte sich zu konzentrieren und drückte entschlossen die Klinke. Mit einem hohen Knirschen ließ sich die alte Kellertür aufziehen.
Sieh aus, wie ich es mag, hatte er ihr befohlen.
Sie hatte ihre sonst sperrigen, blonden Haare glatt und an den Enden streng nach innen geföhnt, was ihr Gesicht unschuldig und brav wirken ließ. Unter dem leichten, hellblauen Sommermantel trug sie ihren scharfen, schwarzen Spitzenbody und die sich an ihre Beine schmiegenden, halterlosen Strümpfe. Leichte, dünne Riemchensandalen, dazu um ihren Hals an einer braunen Lederschnur das große, metallene, rustikale Kruzifix. Exakt das Outfit, das er auf den Fotos im Chat so liebte, das ihn in kurzen, heißen Textnachrichten stöhnen ließ.
Aber ja, natürlich, sie wollte ihm gefallen.
Abgestandene Luft schlug ihr aus dem Keller entgegen, normalerweise geeignet, alle Erotik im fiesfauligen Keim zu ersticken. Aber heute? Und jetzt? Heute und jetzt störte sie der Geruch nach Dreck, Staub und Schmutz kein bisschen. Eine fast nicht zu bändigende Vorfreude ergriff von ihr Besitz. Zu lange hatte sie diesen Moment, diese Begegnung herbeigesehnt.
Vorsichtig stieg sie die Stufen hinunter. Knapp vor ihren Zehen flüchtete eine riesige, schwarze Spinne in die sichere Dunkelheit. Die vorletzte Holzstufe knarrte laut warnend.
Sie spürte den unebenen, kalten Betonboden unter ihren Schritten. Im Keller war es fast stockfinster. Wie von selbst griff ihre linke Hand zum alten Drehschalter. Aber halt, erinnerte sie sich. Kein Licht, hatte er geschrieben. Sie tastete sich vorsichtig voran. Auf was, verdammt, hatte sie sich nur eingelassen?
Aber es gab kein Zurück. Wieso auch? Sie hatte diesen Tag, diesen Moment lange geplant, ihn herbeigebetet. Endlich. Und dann war alles viel schneller und einfacher gewesen, als sie es zu hoffen gewagt hatte.
Die Plattform im Internet.
Der Kontakt.
Der Chat.
Das Interesse.
Du kannst alles mit mir machen, hatte sie ihm noch gestern geschrieben.
20 Uhr 30, im hinteren Kellerraum, hatte er geantwortet und ihr den Weg vom Parkplatz an der Kirche, in den engen Hinterhof, durch den schmalen, kühlen Flur in den dunklen Keller hinab beschrieben.
Während sie zaghaft einen Fuß vor den anderen setzte, fragte sie sich, warum er Zugang zu diesem alten Gewölbekeller hatte. Soviel sie wusste, gehörte das Gebäude der Kirchengemeinde, wurde das Erdgeschoss als Kindertagesstätte genutzt. Darüber befanden sich verschiedene soziale Einrichtungen, und lediglich eine der kleinen Wohnungen im Haus war vermietet.
Wieso dort im Keller? Hätte sie fragen sollen. Hatte sie aber nicht. Stattdessen hatte sie gefragt, ob sie irgendetwas mitbringen sollte. Wein, ihre geilen Nippelklemmen aus Edelstahl? Nein, hatte er geschrieben, ich brauche nur dich.
Und ich brauche dich, hatte sie gedacht, den Chat beendet und den Laptop zugeklappt.
Inzwischen stand sie wie verabredet im hinteren Kellerraum. Ein schmales Oberlicht unter der Decke, Staubflocken tanzten. Mitten im Raum stützte ein nachträglich eingesetzter, runder Eisenpfeiler die alte, hölzerne Deckenkonstruktion.
Sollte sie sich bemerkbar machen? Nach ihm rufen?
Nur schemenhaft waren im Halbdunkel die wenigen Gegenstände im großen Kellerraum zu erkennen. Eine Waschmaschine, ein Trockner. Ein an der Wand hochgebauter Kartonstapel zur Rechten, daneben ein altes, mit Decken und Kissen beladenes Sofa. Eine schwere, hölzerne Schreinerwerkbank war bis auf eine einzelne Blumenvase komplett freigeräumt, ein Stehtisch. Was verbarg die konturlos über was auch immer dahingeworfene Tagesdecke ganz hinten links in der Ecke des Raumes?
Sie schlang verunsichert die Arme um sich.
Auf was hatte sie sich hier eingelassen?
Sie spürte einen leisen Anflug von Panik, fühlte sich halbnackt in ihrem Spitzenbody mit den Strümpfen mit einem Mal hilflos, verletzlich. Das war kein … Kinderspiel.
Das war überhaupt kein Spiel.
Nein, befahl sie sich, das war jetzt keine Panik, die da von ihrem Körper Besitz ergriff. Sie spürte das Prickeln. Deutete es. Deutete es um. Nein, das war die heiße Erwartung auf das, was da kommen sollte. Sie strich mit der Hand über das grobe Klinkerwerk und konnte den staubigen Dreck auf den uralten Steinen spüren.
Heiß!
Aber wo blieb er? Zehn Minuten befand sie sich bestimmt schon im Keller. Ob er schon hier war? Hatte er bereits im Dunkeln auf sie gewartet? Eine neue Welle der Erregung rauschte warm durch ihren Körper, ließ ihr Blut brodeln. Geilte er sich bereits an ihrem Anblick auf. An ihrer Angst? An ihrer Unsicherheit? Heimlich, irgendwo hinter Kartons und Gerümpel versteckt? Erregt davon, dass sie seine Anweisungen ganz genau und akkurat befolgt hatte? Ohne Widerspruch.
Als wäre sie devot. Was sie nun wirklich nicht …
Da war doch was? Da war doch jemand! Sie hielt die Luft an, wagte nicht zu atmen, jede Faser ihres Körpers angespannt, die Sinne geschärft. Ein grelles Knarzen.
Die Kellertür! Schritte! Von oben aus dem Hausflur? Vom Kellerabgang. Deutlich, ja sicher. Licht stürzte ins Kellerdunkel.
Im gleichen Moment spürte sie ganz genau, dass sie hier unten nicht allein im Raum war. Verdammt. Sie fuhr herum. Ihr Mund öffnete sich, um …
Zu spät. Bevor sie in der Dunkelheit irgendetwas erkennen konnte, wurde eine Hand von hinten grob über ihren Mund gelegt. Die Hand erstickte ihren Aufschrei, ihre Frage, was auch immer. Ein Arm fuhr um ihren fast nackten Körper. Sie versuchte, durch die kräftigen Finger Luft zu ziehen, es wollte ihr kaum gelingen. Sie spürte einen Mund ganz nah an ihrem Ohr. Heißer Atem.
»Sssshhh.«
In die folgende Stille hinein hörte sie es wieder. Schritte. Dann das Knarzen! Unverkennbar. Das Knarzen der vorletzten Stufe, jemand stieg die Treppe zu ihnen herab.
Jemand? Wer denn? Wenn da jemand die Treppe herunterstieg, wenn … er … es war, wer hielt sie dann fest umklammert, wer presste in diesem Moment eine Hand fest auf ihren Mund?
Es gelang ihr, den Kopf zu drehen, nur ein kleines Stück weit. Sie erkannte das Gesicht direkt neben ihrem. Ihr Herzschlag setzte aus. Du? Du, hätte sie fragen wollen, wenn sie denn hätte fragen können. Aber die kräftig auf ihren Mund gepresste Hand ließ das nicht zu. Sie sah, wie der Mund zum schemenhaften Gesicht lächelte.
»Sssshhh.«
Auf was hatte sie sich eingelassen?

Hartmann starrte aus dem Fenster. »Gleich, gleich kriegt er ihn.«
Alina strich eine ihrer hellblauen Strähnen hinters Ohr und runzelte fragend die Stirn. Angie, der neben ihr stand, zuckte hilflos mit den Schultern.
»Der kleine Hase hat keine Chance«, stellte Hartmann fest und deutete in den Himmel.
Zu sehen waren im strahlenden Azurblau allerdings lediglich zwei weiße Schäfchenwolken. Eine kleine und eine große.
»Er beobachtet die Wolken. Wie lange soll das jetzt so gehen?«, fragte Alina mit echter Sorge in der Stimme.
»Keine Ahnung«, knirschte Angie.
»Er hat aus dieser Colaflasche getrunken?«
»Ja. Aus der Flasche. Aber keine Cola. Also, auch Cola, aber nicht nur Cola.«
»Da war was drin«, verstand Alina.
Angie pustete. »Ja, nun. Ich hab ein wenig experimentiert.«
»Ein wenig experimentiert?«
»Ich konnte ja nicht ahnen, dass Hartmann schon so früh nach Hause kommt. Sonst hätte ich die Flasche mit dem Zeug natürlich irgendwie gesichert. Oder versteckt. Oder entsorgt.«
Alina verdrehte die Augen. »Mit was denn experimentiert?«
»Dinge, Stoffe, Verschiedenes.«
Hartmann schniefte. »Der große, böse Drache ist einfach schneller als der süße, kleine Hase.«
Alina nickte mit dem Kopf. »Und wie lange bleibt der jetzt in diesem Zustand?«
Angie zuckte erneut mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich experimentiere ja noch.«
»Das ist unverantwortlich«, erboste sich Alina, stemmte wütend die Arme in die Hüfte und rollte wild mit ihren grünen Augen. »Wir müssen einen Arzt rufen.«
»Auf keinen Fall.«
»Wer weiß, was da in seinem Körper abgeht.«
»Das muss auch keiner wissen. Kein Arzt. Ärzte stellen nur Fragen.« Angie schüttelte eindringlich seinen Kopf. »Oder untersuchen sein Blut und stellen fest … Ist auch gar nicht nötig, ein Arzt. Die ersten Selbstversuche waren alle sehr, sehr vielversprechend.«
Alina ließ den Blick über das Trinkensemble kreisen. »Sehr, sehr vielversprechend. So sieht das hier auch aus.«
»Armes, armes Häschen«, flüsterte Hartmann leise, und es stand ernsthaft zu befürchten, dass er jeden Moment bestürzt in Tränen ausbrechen würde.
»So ein Halbmarathon schlaucht«, behauptete Angie.
»Boah, schieb seinen Zustand jetzt nicht auf den Lauf gestern, du hast Scheiße gebaut.«
»Es geht ja auch gerade zügig auf Vollmond zu«, versuchte Angie eine zweite Erklärung.
»Saug dir keine blöde Rechtfertigung aus den Fingern«, zischte Alina scharf. »Dass Hartmann halb weggedämmert rumsabbert, bist allein du schuld!«
Angie drückte sein Kreuz durch. Das Ganze und Hartmanns Reaktion, das war natürlich alles ein wenig unglücklich, aber er hatte auch keinen Bock, sich von dieser blauhaarigen Osteuropäerin derart in die Defensive drängen zu lassen. »Was machst du eigentlich hier?«
Alina nickte Richtung Schreibtisch. »Ich soll Hartmanns Telefonanlage ein bisschen aufpimpen. Einige Passwörter setzen, ein paar Funktionen umlegen, Netflix einrichten.«
Angie schnaufte. Er hatte die Superspezialspezialistin bei Hartmanns letzten Fall kennen- und ihre technischen Fähigkeiten am PC schätzen gelernt. Die smarte Alina mit den blauen Haaren und den vielen, bunten Tattoos war okay. Vielleicht ein wenig nassforsch, aber – mit einem Seitenblick auf den dumpf vor sich hin murmelnden Hartmann –, da wollte Angie jetzt nicht kritisch ansetzen.
Plötzlich richtete Hartmann sich auf. »Häschen, ich werde dir helfen.«
Alina und Angie sahen sich fragend an. Hartmanns Gesicht wurde zur entschlossenen, grimmigen Fratze, was wirklich, wirklich nicht gut aussah.
»Oh-oh«, unkte Angie.
Hartmanns Kopf wurde rot.
»Äh …« Alina bekam es mit der Angst zu tun.
»Ha«, jubelte Hartmann und winkte die beiden mit wilder Geste zu sich ans Fenster. »Guckt, guckt.«
Die beiden taten zögernd wie geheißen. Alina musterte den Himmel über Düsseldorf. Nun ja. Die hintere, größere Wolke hatte sich in mehrere kleinere Wölkchen aufgelöst, wie große Wolken das schon mal machten.
Hartmann nickte bedeutungsvoll und blickte seinen beiden Freunden nacheinander eindringlich in die Augen. »Ich kann mit meinen bloßen Gedanken Drachen töten.«

Das war anders, ganz anders, als sie es geplant hatte. Das lief hier im Keller völlig falsch, das war gefährlich.
»Hallo?«, rief die Person, die zu ihnen herunterstieg von der Treppe in den unbeleuchteten Keller hinein. Eine Frau. »Ist da unten jemand?«
Sie spürte, dass sich der Druck auf ihrem Mund noch mal erhöhte. Keinen Laut, hieß der stumme, in ihre Lippen gedrückte Befehl, kein Mucks!
Und sie? Wie sollte sie reagieren? Auf sich aufmerksam machen? Brauchte sie Hilfe? Sie spürte den muskulösen Körper in ihrem Rücken, die Hand um ihre Hüfte geschraubt. Dieser Griff, diese Nähe. Oh, wie hatte sie sich genau in diese Situation hineingefleht!
Aber jetzt? Es war nicht … er. Nicht der Mann, den sie anzutreffen angenommen, ersehnt hatte. Nicht der Mann, mit dem sie vor wenigen Stunden heiß und frivol gechattet hatte.
»Verdammt, schließ die Kellertür ab, du Idiot«, nahm ihr im gleichen Moment die Frau auf der Treppe die Entscheidung ab, denn schnaufend stieg die offenbar ältere Frau die Stufen der Holztreppe in diesem Moment wieder zurück nach oben.
Die Chance, einen Laut von sich zu geben, verstrich, als sie hörte, dass die Frau oben angekommen war und ächzend die Kellertür von außen hinter sich schloss.
Zeit, hier mal was klarzustellen. »Hey, ich …«
Rüde wurde sie mit hartem Griff gedreht, gepackt, rückwärts geschoben und mit ihrem Rücken gegen die kalte Kellerwand gepresst. Mit fließender Bewegung wurde ihr gleichzeitig die Sommerjacke vom Körper gezogen. Sie schnappte nach Luft, Steinchen bohrten sich kantig durch den dünnen Dessous-Stoff in ihren Rücken.
Ihre Nasenspitzen berührten sich fast, die Augen waren eiskalte Schlitze. Ein Zischen, wütend als Drohung durch die Lippen gepresst. »Kein Wort!«
Sie öffnete den Mund, aber die Hand presste die Worte zurück in die Kehle, raubte Bestätigung, Protest und Sauerstoff. Sie wollte husten, aber selbst das war nicht möglich, nicht mal ein Krächzen.
Ganz nah heran kam der rot geschminkte Mund. »Ich weiß, dass du jemand anderen erwartet hast, aber glaub mir, ich werde es dir genauso gut besorgen.«
Als Antwort blieb ihr nur ein hilfloses, ergebenes Nicken.
Es blitzte zufrieden in den engen Sehschlitzen ihres Gegenübers. »Guck mich an! Sieh mir in die Augen!«
Die Hand verschwand von ihren Lippen. Stattdessen wurden ihre Arme mit kräftigem Zug vor ihrem Körper übereinandergelegt. Sie ahnte, was jetzt kam. Und ja, hatte sie nicht genau das erwartet?
Sie nutzte die Gelegenheit, sich umzuschauen. Es durchfuhr sie wie ein Messerstich. Es war alles angerichtet. Direkt über ihnen entdeckte sie im schal einfallenden Licht den runden Haken, der in einem der massiven, alten Holzbalken eingeschlagen war. Links von ihr stand ein Tisch. Auf dem Tisch lagen grelle, leuchtend rote Seile. Sie entdeckte einen schwarzen Stoffstreifen und einen Beutel, der unförmig ausgebeult unter einem Paar Handschellen lag.
Ein kräftiger Ruck ließ sie laut aufstöhnen.
»Guck mich an, reiß dich zusammen, du Schlampe!«
Ein Griff zum Tisch. Sekundenbruchteile später wurde eines der dicken Hanfseile um ihr Handgelenk geworfen.
Sie hielt inne, hielt still. Sie konzentrierte sich, tat, was von ihr gefordert wurde. Sie musste jetzt, jetzt, jetzt kühl bleiben.
Das Paar Hände, das vor ihrem Bauch arbeitete, wusste ganz genau, was zu tun war. Jede der Handbewegungen saß. Das Seil schnitt gemein in die Haut, fixierte ihre Hände, die Arme. Sie spannte sich an, erspürte jede Schleife, jede schwungvolle Drehung des Seils, erahnte, wie sich ein Knoten fest um ihr Gelenk formte. Sie ließ es geschehen, konzentrierte sich auf ihre Atmung. Jeder Zug, jeder Atemzug war jetzt wichtig.
Wieder ein Griff zur Seite, in den Beutel hinein. Ein zweites Seil, etwas länger diesmal. Sie fühlte, wie das Seil mit fließender Bewegung mehrmals um ihren Körper herumgezogen wurde. Schließlich wurde das zweite Seil durch eine Knotenschlaufe der ersten Fessel gesteckt und das Seil dann nach oben durch die Öse im Balken geführt. Ein kräftiger Schlag am Strick ruckte ihre Arme in die Höhe, drehte ihren Körper und raubte ihr jeden Gedanken an Widerspruch. Es riss ihr die Arme aus den Schultergelenken, schmerzhaft schrie sie auf. Sie schloss die Augen, blutrote Punkte tanzten.
»Locker bleiben, Schatz«, brummte die Stimme, tiefer und kälter als zuvor.
Ihr gelang es tatsächlich, die Muskeln in den Armen zu entspannen. Das machte nur wenige Millimeter aus, tat aber gut. Sie blickte an sich herunter, das Kruzifix baumelte. Sie öffnete den Mund.
»Schweig! Kein Wort!«
Der zweite Strick wurde auf Spannung gebracht und sorgte dafür, dass sich ihr Körper stramm in die Aufrechte streckte. Sie stand auf Zehenspitzen, lediglich ihre Hüfte ließ sich bewegen. Sie sah einen weiteren Griff zum Tisch, in den Beutel. Rot …
»Kein Knebel! Nein!«, stieß sie hervor.
Ein, wie sie wusste, letztes Nein. Denn im gleichen Moment wurde ihr der rote Knebelball grob in den Mund gedrückt, ein schwarzes Gummiband brachte das Instrument auf Spannung. Ihre nächsten Worte waren kaum mehr als ein sinnloses Murren.
Kein Knebel. Kein. Knebel!
Diesmal spürte sie die Nasenspitze an der ihren, fühlte sie eine heiße Wange, den heißen Atem auf ihrer Haut. »Keinen Knebel, hattest du gesagt. Ich weiß. Das war für das heutige Treffen deine einzige Bedingung, ich erinnere mich. Dumm gelaufen, Honey, dumm gelaufen. Es läuft ja überhaupt ein wenig anders ab, als du es geplant hast, oder?«
Sie wand sich zur Seite, weg. Der Schlag mit der flachen Hand in ihr Gesicht kam ansatzlos. Das Klatschen hallte durch den Keller, ihre Wange brannte.
Wieder der Griff an ihre Kehle. »Erkennst du mich?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Du lügst, du Schlampe. Sicher erkennst du mich. Und ich, was viel wichtiger ist, habe dich auch erkannt!«
Der Druck verstärkte sich, drückte auf die beiden Punkte, die ihr den Sauerstoff rauben würden. Sie blinzelte, ihr Bewusstsein trübte sich ein, ihr Blick wurde an den Rändern verschwommen, hilflos taumelte das Kruzifix.
Die Frau mit den langen, schwarzen Haaren lachte. »Ich habe dich sogar sofort erkannt, du Miststück!«

Hartmann nippte vorsichtig am Heimathafen-Kaffeebecher. Es war sein dritter. »Boah, hab ich einen Schädel. Hammer! Als ob jemand stundenlang draufgekloppt hätte.«
Alina saß am Schreibtisch. Der Bildschirm strahlte sie an. »Angies neue Cola-Mischung ist noch nicht ganz ausgereift.«
Hartmann verdrehte die Augen. »Hör bloß auf. Ähm, ich weiß, du hast es mir vorhin schon mal gesagt, aber wo ist der Sack jetzt noch mal hin?«
Die Computerexpertin tippte sich an den Kopf. »Das Zeug hat dir die Festplatte eingedickt und das Kurzzeitgedächtnis verklebt. Dein Kumpel Angie zog es vor, heute auswärts zu nächtigen.«
»Er hat Angst vor mir«, knurrte Hartmann.
»Das trifft es in etwa«, grinste Alina.
Der Computer ratterte ein weiteres Programm an die richtige Stelle, Alina nickte zufrieden.
»Wenn ich den Burschen in die Finger bekomme«, knurrte Hartmann und spielte in Gedanken einige Folterszenarien durch, von denen ihm die eine besser gefiel als die andere.
Dabei drehte er den Kopf vorsichtig von links nach rechts, denn sein Nacken schmerzte wie drei Wochen Krankenhausbett. Alina schob den Bürostuhl zurück, stand auf, glättete ihre Jeans und zupfte die schwarze Sommerbluse glatt. Dann trat sie hinter Hartmann und legte sacht ihre Hände auf dessen Schultern. Behutsam gruben sich ihre Finger ins Fleisch.
Hartmann stöhnte wohlig. »Oh, das tut gut.«
»Gelernt ist gelernt«, gurrte Alina mit erstaunlich tiefer Stimme.
»Gehört das in Rumänien zum IT-Studium dazu?«, fragte Hartmann interessiert.
»Das hat mir eine der Damen aus dem Eros-Center in den Pausen beigebracht, wenn bei uns im Call-Center mal keine Web-Cam zu reparieren war. Kann nie schaden«, flüsterte sie.
Hartmann wollte da aber auch mal gar nicht widersprechen. Seine Nackenmuskulatur machte mehr Lärm als der PC beim Umherschaufeln der neuen Programme.
Alinas Finger strichen kreisend vom Nacken die Wirbelsäule runter. Ihre Finger fanden die richtigen Druckpunkte. Hartmann schloss die Augen und stöhnte, die Computerexpertin lächelte zufrieden. Die fabelhafte Jill Scott groovte eine brillante Version von Lovely Day. Großartig. Am liebsten hätte Hartmann mitgebrummt.
Stattdessen hielt er die Luft an, denn Alinas Hände arbeiteten sich über seine Schulter auf die Vorderseite und strichen über seine rasierte Brust. Hartmann spürte Alinas spitze Brüste in seinem Rücken. Das war, äh, ein bisschen mehr als entspannend. Er sollte seinen Computer regelmäßiger warten lassen. Ja, sicher, die gewissenhafte Pflege der Hardware war so wichtig.
»Hast du hier aufgeräumt?«, fragte Hartmann, um sich ein wenig abzulenken.
»Du hast eine Stunde lang gepennt, der Computer war gefüttert, kein Ding.«
Hartmann öffnete seine Augen und lugte zur Couch. »Im Sofa, äh, meinst du, ob der grünbraune Fleck noch rausgeht.«
»Hm, kann sein. Aber das ist eine gute Gelegenheit, an einen neuen Bezug zu denken. Orange ist derart out.«
Ach was, dachte Hartmann.
Alina arbeitete sich Hartmanns Halsmuskulatur hoch. »Da hat übrigens jemand für dich angerufen.«
»Och?«
»Silke. Silke sagt dir was?«, fragte Alina.
Hartmann meinte, ein zaghaftes Vibrato in ihrer Stimme zu erkennen. Ja, allerdings sagte ihm Silke etwas. Er hatte die hinreißende Silke mit dem großflächigen Schlangentattoo auf dem Rücken vor einiger Zeit bei seinen Ermittlungen kennengelernt. Sie waren sich in Krakes Aquarium alkoholtrunken näher gekommen als zulässig. Was jetzt an und für sich nichts Schlimmes war. Schlimm war nur die Tatsache, dass sie die Lebensgefährtin des Präsidenten der Black Mambas war. Der Chef des gemeinhin als sehr gewalttätig geltenden Motorradclubs, Matze Kusch, war sehr pingelig, was sein Eigentum anging. Das war somit also auch nicht nur schlimm gewesen, sondern eher tödlich. Silke hatte Matze irgendwie davon abbringen können, ihn, Hartmann, zu foltern und in Stücke zu reißen. Sie wird da ihre Einflussmöglichkeiten gehabt haben. Allerdings forderte sie von Hartmann als Gegenleistung für diesen Deal in regelmäßigen Abständen … Gegenleistungen. Hartmann war klar, dass das irgendwann schiefgehen würde.