Kitabı oxu: «Die dunkle Seite des Balles»
Konstantin Josuttis
Die dunkle Seite
des Balles
34 Spieltage und ein Finale
Arete Verlag Hildesheim
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© 2018 Arete Verlag Christian Becker, Hildesheim
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Layout, Satz und Umschlag: Composizione Katrin Rampp, Kempten
E-Book-Produktion: mach-mir-ein-ebook.de
ISBN 978-3-942468-92-3
Inhalt
1 Vorwort – Wie dieses Buch zu lesen ist
2 Hinrunde 1. Spieltag – Sicherheit (18. Spieltag – Geschenke) 2. Spieltag – Das Mikrofon(19. Spieltag – Wellen) 3. Spieltag – Der Bruder(20. Spieltag – Ein Leben) 4. Spieltag – Rituale(21. Spieltag – Heim) 5. Spieltag – Nemesis(22. Spieltag – Blutgrätsche) 6. Spieltag – Strumpfband(23. Spieltag – Sondertraining) 7. Spieltag – Schüsse aufs Tor(24. Spieltag – Der Torschuss) 8. Spieltag – Der Fan(25. Spieltag – Fangemeinde) 9. Spieltag – Kaisers(26. Spieltag – Eiffelturm) 10. Spieltag – Duschtrakt(27. Spieltag – Der Mongole) 11. Spieltag – Blitzlichter(28. Spieltag – Schule) 12. Spieltag – Der Boss(29. Spieltag – Ablösesumme) 13. Spieltag – Der Poet(30. Spieltag – Der Poet II) 14. Spieltag – Die Kanüle(31. Spieltag – Die Trauerfeier) 15. Spieltag – Die Linie(32. Spieltag – Die Chemie muss stimmen) 16. Spieltag – Regenbogen(33. Spieltag – Familientag) 17. Spieltag – Haupttribüne(34. Spieltag – Meisterschaft)
3 Rückrunde 18. Spieltag – Geschenke 19. Spieltag – Wellen 20. Spieltag – Ein Leben 21. Spieltag – Heim 22. Spieltag – Blutgrätsche 23. Spieltag – Sondertraining 24. Spieltag – Der Torschuss 25. Spieltag – Fangemeinde 26. Spieltag – Eiffelturm 27. Spieltag – Der Mongole 28. Spieltag – Schule 29. Spieltag – Ablösesumme 30. Spieltag – Der Poet II 31. Spieltag – Die Trauerfeier 32. Spieltag – Die Chemie muss stimmen 33. Spieltag – Familientag 34. Spieltag – Meisterschaft Finale – Maracanã
4 Widmung und Danksagung
5 Der Autor
Orientierungsmarken
1 Title Page
2 Copyright-Page
3 Cover
Vorwort – Wie dieses Buch zu lesen ist
Dieses Buch ist wie eine imaginäre Fußball-Erstliga-Spielzeit aufgebaut. Die vierunddreißig Spieltage bestehen jeweils aus einer Geschichte, wobei jede Geschichte in zwei Episoden erzählt wird – einmal im Hinspiel und einmal im Rückspiel. Es gibt also siebzehn verschiedene Geschichten in der Hinrunde und die jeweiligen Fortsetzungen in siebzehn Geschichten in der Rückrunde. Man kann dieses Buch dementsprechend chronologisch durchgehen oder aber, wenn man nicht abwarten kann, wie die gerade gelesene Geschichte weitergeht, das Rückspiel dieser Geschichte direkt anschließend lesen (z. B. nach dem ersten Spieltag direkt zum achtzehnten Spieltag springen).
Dabei werden Spieltag für Spieltag vermeintlich verrückte und absurde Geschichten abseits des Platzes erzählt und Facetten dieser wahnwitzigen Glitzerwelt beleuchtet, die sonst kaum ans Tageslicht kommen.
Am Ende steht das große Finale, das noch einmal alles bisher Geschehene in einen anderen Blickwinkel setzt.
Jegliche Ähnlichkeit zu realen Personen ist in den meisten Fällen unbeabsichtigt und reiner Zufall.
Hinrunde
1. Spieltag – Sicherheit
Der Ball kam von links außen hoch hinein. Die Flugkurve glich einer Bogenlampe und so war es kein Problem, den Ball auf die Außenbahn nach vorne zu köpfen. Es war noch zu früh. Er blickte zurück auf den gegnerischen Stürmer, der wieder einmal bedröppelt einer nicht vorhandenen Chance nachblickte. Dominguez war für viel Geld geholt worden und sollte in dieser Saison in der Bundesliga einschlagen. Doch bisher stand er nur herum und wartete auf die göttliche Eingebung, die in Form einer perfekten Flanke bei ihm landen sollte. Der wird sich noch umsehen, dachte Reiter und blickte dem nächsten Angriff entgegen.
Er würde noch zehn Minuten warten, würde noch den unüberwindbaren Innenverteidiger geben, würde die undurchdringliche Mauer sein, als die er gekauft worden war. In seinem Fußballerleben hatte er schon einiges mitgemacht und so blieb nicht mehr viel übrig, an das er glauben konnte. Er erinnerte sich an die Zeit, als er das erste Training bei den Profis mitmachen durfte, damals in Hamburg. Er war aufgeregt gewesen und hatte noch an das Spiel geglaubt. An das richtige Spiel, das perfekte Spiel. Er hatte sogar an das göttliche Prinzip geglaubt, das in einem perfekten Spiel zu finden war. Und er hatte es erlebt. Ein oder zwei Mal. Das perfekte Spiel, wie eine Offenbarung, wie ein Zeichen, das nun alles gut wird. Aber es war nie alles gut geworden. Es gab Verletzungen, schlechte Mitspieler, unfähige Trainer, eine zerrissene Vereinsführung, alles Bedrohungen der eigentlich einfachen Wahrheit, die hinter diesem perfekten Spiel steckte.
Und so war aus einem designierten Nationalspieler ein mittelmäßiger, wenn auch solider Innenverteidiger geworden. Es ging nicht darum, zu gewinnen oder zu verlieren, das hatte er gelernt. Es ging um Sicherheit, nicht um den Kick. Und für seine Sicherheit sorgte er nun selber.
Als der Ball in der anderen Hälfte des Feldes war, schaute er auf die Stadionuhr. Die 80ste Minute brach an. Es wurde langsam Zeit. Aber zunächst musste er beweisen, dass er um jeden Preis gewillt war, zu gewinnen. Als der Ball zu Dominguez in die Gasse gespielt wurde, grätschte er ohne Not seitlich hinein, sodass der kleine Peruaner aufschrie und ihn dann am Boden liegend fassungslos ansah. Reiter stand über ihm und sagte: „Ihr seid doch Härte gewohnt in Peru.“ Der Schiedsrichter kam angerauscht und zückte wie erwartet die gelbe Karte. Das würde später helfen.
Der Freistoß brachte nichts ein. Es würde eines der langweiligeren torlosen Unentschieden werden, das die Zuschauer und Fans schon nach dem ersten Spieltag auf den Boden der Tatsachen zurückwerfen und ihnen die hässliche Seite des Fußballs vergegenwärtigen würde. Wenn nicht …
Die nächste Flanke, die verzweifelt in den Strafraum hineingebracht wurde, klärte er zur Ecke. Souverän. Keiner würde etwas merken.
Er hatte eine Familie, und die Immobilien kosteten mehr als sie einbrachten. Der Eckball flog viel zu weit und landete im Aus, ohne dass er von irgendjemandem berührt wurde. Aber Reiter hatte gelernt, geduldig zu sein. Es ergaben sich immer Chancen. Selbst in der 92sten Minute. Es stellte sich heraus, dass er so lange nicht zu warten brauchte. Als seine Leute einen Konter nach vorne setzten und den Ball schon im Mittelfeld dümmlich verloren, kam die Situation, auf die er gewartet hatte. Der Ball wurde außen auf Hach gespielt, der zum ersten Mal in diesem Spiel einen gescheiten Ball in den Strafraum brachte. Während Reiter den Ball auf sich zufliegen sah, überlegte er, was besser sei: ihn einfach durchzulassen oder ihn selber reinzumachen. Es ging um Sicherheit. Er musste sein Leben planen. In den Interviews sagte er immer, wie alle anderen auch, dass es nur um den Verein ginge, aber jeder wusste, dass das Quatsch war. Der Verein würde immer weiter bestehen, würde selbst mit den versteckten Millionen an Schulden nicht untergehen. Irgendein bekloppter Investor fand sich immer. Für einen alternden Spieler fanden sich aber keine Investoren. Er musste planen. Und er plante die elegantere Lösung. Er trat am Ball vorbei, sodass der Peruaner frei zum Schuss kommen konnte. Allerdings hatte er die Dummheit des Mannes unterschätzt. Dominguez war so überrascht, dass der Ball zu weit von seinem Fuß absprang. Die anderen kamen zurück, die Situation war bereinigt.
Noch 5 Minuten. Immer noch genug Zeit.
Als der Mann mit dem Koffer zum ersten Male gefragt hatte, hatte sich Reiter angewidert abgewendet. Aber dann war das mit dem Knie passiert, und Reiter hatte erlebt, wie kurzweilig Erfolg sein kann. Er machte es nicht für den Kick, wie dieser schwachsinnige Schiedsrichter damals. Er machte es für hartes Geld. Zusätzlich zu dem Geld aus dem Koffer setzte er über einen Freund in Frankreich selber hohe Einsätze für späte Tore. Gottseidank konnte er Martin trauen. Um seine Rente brauchte er sich keine Sorgen mehr zu machen. Er würde noch ein bis zwei Jahre spielen, irgendwann würden sie ihn hier rausschmeißen. Keiner würde etwas über irreguläre Spielverläufe sagen, aber sie würden ihn mit argwöhnischen Augen beobachten und dann irgendwann im gegenseitigen Einvernehmen entlassen. Dann würde er noch ein Jahr in der zweiten Liga spielen, bis er genug zusammen hätte.
Was machten denn Johnson und Vollmer nur? Die drückten nach vorne. Er hatte fest damit gerechnet, dass das Team in den letzten Minuten zusammenbrechen würde. Die Vorbereitung war miserabel gewesen. Erst in den letzten zwei Wochen hatten sie Kondition gemacht, da war es schon viel zu spät. Aber die Jungs drückten und die anderen schienen sich einfach nicht befreien zu können. Es würde nicht gut kommen, wenn er dem Mann mit dem Koffer erklären müsste, dass es nicht geklappt hatte.
Und wieder einmal zeigte sich, dass die Sorge unbegründet war. Plötzlich schossen drei Pfeilspitzen in die eigene Hälfte: halbrechts, rechts und links außen. Kevin und er waren alleine. Um sicherzugehen orientierte er sich in die Mitte und deckte den Peruaner. Der Linksaußen kam an den Ball und knallte diesen aufs Tor. Keule streckte sich und lenkte den Ball an den Pfosten. Wie in Zeitlupe sah er ihn auf sich zukommen. Sein erster Instinkt war, den Ball einfach reinzumachen, doch das wäre zu auffällig. Hinter ihm kam Dominguez angelaufen. Er drehte sich weg und fiel hin, sodass Dominguez den Ball nur noch reinzumachen brauchte. Dann der Pfiff. Der Schiedsrichter pfiff Foul. Oh Gott, was für ein Schwachsinn. Doch Reiter beschimpfte den Peruaner vorsichtshalber noch ein bisschen. Beschwichtigend bewegte der Schiri seine Hände auf und ab. Dann blickte er auf die Uhr und ließ Reiter den Freistoß treten. So eine verdammte Scheiße, dachte Reiter. Das wird nichts mehr. Es halfen nur noch drastische Maßnahmen. Kevin stand links und er schob ihm den Ball zu. Zu langsam. Das musste selbst der Peruaner merken. Und er tat es. Drehte sich um und bewegte seine kleinen, dünnen Beine in Richtung Ball, rannte mit ihm auf das Tor zu und schob ihn in die linke, untere Ecke. Reiter schlug die Hände über dem Kopf zusammen und fiel theatralisch auf die Knie. Im Stadion war es totenstill. Er kippte nach vorne über und schielte auf die jubelnden Spieler der gegnerischen Mannschaft. Das Tor wurde gegeben. 1:0 in der 93. Minute. Perfekt. Es war das perfekte Spiel, auch wenn das triumphierende Gesicht des Peruaners, der sich nun für den Größten hielt, nur schwer zu ertragen war. Es war perfekt. Er brauchte die Sicherheit. Es hatte nichts mit dem Kick zu tun.
2. Spieltag – Das Mikrofon
Noch einhundert Meter. Dass Triumph und Demütigung so nah beieinanderliegen konnten. Noch vor zwei Minuten hatte er in der Jubeltraube gelegen, geherzt und gedrückt von seinen dreckigen, schweißnassen Mitspielern. Jetzt der Gang nach Canossa. Er sah die gierig glänzenden Augen der Reporter, ihre gesichtslosen Kameramänner dahinter, die ihre massiven Geräte wie Geschütze schwenkten. Er würde vorbeigehen. Kontaktsperre, oder so. Kein Kommentar. Danke, heute nicht.
Dieser Absturz von ganz oben. Genial hatte er das Spiel in seine Hand genommen, geleitet, geführt, wie ein Dirigent, nur noch schöner, noch geschickter, denn kein Dirigent spielt gegen ein anderes Orchester. Er war der Bernstein des Rasens. Rattle. Karajan. Der perfekte Sechser. Und heute hatte er seinem Können die Krone aufgesetzt, indem er zwei Tore gemacht hatte. Nur reden, das konnte er nicht. Wenn sich die Kamera auf ihn richtete, dann stockte ihm der Atem, dann leerte sich sein Sprachzentrum in ähnlicher Geschwindigkeit wie das Stadion jetzt nach dem Spiel. Er konnte nicht reden, hatte es nie gekonnt und war mittlerweile nicht nur zu einem genialen Mittelfeldregisseur geworden, sondern auch zu einem meisterhaften Vermeider von Interviews. Aber heute? Es sah schlecht aus. Sie glotzten schon zu ihm herüber. Er schluckte und fasste einen tollkühnen Entschluss.
Nein, er würde einfach hingehen und sich den Fragen stellen. Wie die anderen. Ein paar Plattitüden, der Mannschaft danken und so weiter. Wir haben das Spiel von Anfang an beherrscht, mein Anteil war auch nicht größer als der der anderen. Was war daran so schwer? Lächeln. An die Tore denken. Den Geruch des Rasens wahrnehmen. Lächeln.
Noch fünfzig Meter. Das Rudel mit den dicken Mikrofonen fixierte ihn bereits. Sie schwenkten ihre Oberkörper in seine Richtung. Sie schauten. Gierig, mit sabbernden Lefzen.
Seine Familie hatte einen Hund gehabt, damals, einen kleinen Terrier, der hatte beim Essen immer treudoof vor ihnen gesessen, ganz still, mit seinem herzerweichenden Blick. Dummes Tier, hatte der Vater gesagt, aber Benni fand ihn nicht dumm. Er brauchte nicht zu reden. Man wusste immer, was er wollte. Benni war mit ihm oft in den Wald gegangen. Der Schwanz hatte gewedelt, wenn das Stöckchen wurfbereit in seiner Hand lag. Es war einfach gewesen. Er lachte. Ja, er würde sich da hinstellen, treudoof gucken und treudoof mit dem Schwanz wedeln. Irgendwelche Fragen? Danke, tschüss.
Oder er würde einfach über die Tore reden. Wie der Ball in den Sechzehner fliegt und rausgehauen wird und er, Benni, genau da steht, in zentraler Position im Rückraum und alle drehen sich zu ihm um und schauen ihn an. Und hier auf dem Grün ist er der König, hier ist er allmächtig. Und wie die Zeit stehen bleibt und er sieht, dass sich vor ihm eine Lücke auftut. Er kann sich den Ball noch einmal zurechtlegen, ein kleiner Stoß mit dem Außenrist, fast eine zärtliche Berührung und dann zimmert er das Ding direkt in den Winkel. Höhenluft. Triumph. Das könnte er erzählen.
Noch zehn Meter und der Schweiß rinnt ihm über die Stirn. Der Trainer der gegnerischen Mannschaft wird vom Mann mit dem Mikro weggeschickt wie ein abgenutztes Spielzeug.
„Herr Bernstein, Herr Bernstein.“ Ich bin der Meisterdirigent. Ich habe keine Angst. Und so werden seine Schritte langsamer, obwohl er eigentlich immer noch entschlossen ist, einfach weiter zu gehen. Es ist fast, als würde er fremdbestimmt, als könne die geifernde Erwartung des Reporters, der ihm nun mit dem Arm zu sich zieht, seine Motorik beeinflussen.
„Benni Bernstein.“
Er hatte das Gras verlassen, sein Fundament, und stand nun auf dem Gummiboden des Innenbereichs.
„Sie haben dieses Spiel mit ihren zwei Toren in die entscheidende Richtung gelenkt, waren der überragende Spieler. Wie fühlen Sie sich?“
Er schaute den Mann, der in zittriger Erwartung vor ihm stand, in die Augen. Der Reporter schien tatsächlich erregt zu sein, aufgewühlt und Bennis Klumpen im Magen wuchs weiter an.
Wie gerne wäre er so wie dieser Mann, der mit dem bedrohlichen Mikrofon vor ihm stand. Jemand, der einfach reden kann, ohne sich darüber Gedanken zu machen, was er sagt und wie er klingt. Jemand, der nicht stottert, stammelt oder – noch schlimmer – kein Wort herausbekommt. Es schien absurd angesichts ihrer extrem unterschiedlichen Gehaltsklassen. Aber Bernstein wäre gerne einfach nur ein Reporter gewesen, jemand, der im Hintergrund steht, geduldig wartet und dann wie ein Großwildjäger das Tier anvisiert und mit einem einzigen Schuss erlegt. Vielleicht war er, Bernstein, zwar der König der Savanne, ein Löwe, wild und gefährlich, aber dafür immer im Fadenkreuz des Zielfernrohrs.
Die Hand des Reporters zuckte, der Zeigefinger der rechten Hand, für die Kamera nicht sichtbar, bewegte sich hin und her, als wolle er ihm etwas sagen, als wäre dieser nun selber nervös. Wie hieß der Mann noch einmal? Bernstein kannte ihn. Er war, wie die meisten Fußballreporter, der Typ, der Begeisterung ausstrahlt, auch wenn auf dem Platz nur ein mittelmäßiger Kick stattfindet. Weinkrug. Das war es. Hatte schon einiges hinter sich, wie man hörte. Bernstein sah ihn an und konnte sich gut vorstellen, dass die beständige Euphorievermittlung an einem zehren musste. Er hatte als Schüler mal einen Jungen aus der Oberstufe bewundert, der immer gut drauf war und dazu noch immer freundlich. Irgendwann war er nicht mehr an der Schule und dann hieß es, dass er gekokst hätte.
Warum riss Weinkrug die Augenbrauen hoch? Und dann fiel es Benni ein: Die Frage. Er hatte die Frage vergessen.
„Was?“
„Wie fühlt man sich, wenn man der Matchwinner ist. Sie haben ja ein überragendes Spiel abgeliefert.“
Er schluckte. Dabei hatte er noch geübt. Er wusste, was sie hören wollten. Sein Manager hatte ihm die wichtigsten Dinge eingebläut, die Parameter der oberflächlichen Spielanalyse:
1 Ich identifiziere mich mit dem Verein.
2 Es war auch Glück im Spiel.
3 Die ganze Mannschaft hat zum Sieg beigetragen.
4 Die Mannschaft hat unglaublich gekämpft.
5 Wir haben den Sieg wohl etwas mehr gewollt.
6 Der Trainer hat die Mannschaft sehr gut eingestellt.
7 Die eigene Leistung war dabei nur ein kleiner Teil.
8 Die Wechselgerüchte sind aus der Luft gegriffen (was gleichbedeutend damit ist, dass es überhaupt Wechselgerüchte gibt, was wiederum den Preis hochtreibt).
9 Der Gegner hat es uns nicht leicht gemacht.
10 Die Mitspieler haben für den Sieg geackert.
11 Die Saison ist noch lang.
12 Der Erfolg ist der gesamten Mannschaft zuzuschreiben.
Aber welche Antwort passte jetzt? Und was war überhaupt die Frage gewesen? Nicht stottern, dachte er. Noch war alles gut. Noch war nichts verloren.
„Das ist ein Superverein hier. Ich fühle mich wohl in dieser Stadt.“
Er starrte Weinkrug an. Dieser starrte zurück.
„Äh gut. Ja. Also, wie ist das denn für Sie, wenn Sie so eine wunderbare Leistung abliefern? Schon einmal an Brasilien gedacht?“
„Wegen Urlaub?“
Weinkrug lachte laut los. Es war ein ekliges, überhebliches Lachen.
„Sie haben also noch nichts von Jogi gehört?“
Es dauerte eine Weile. Dann verstand er. Weinkrug sprach von der WM.
„An den Wechselgerüchten ist nichts dran.“
Bernstein merkte, dass ihm die Sache aus den Händen glitt, genau wie er befürchtet hatte. Das Wort „Weltmeisterschaft“ verwirrte seine Sinne zusätzlich. Er musste etwas sagen, er musste Demut ausdrücken, was absurd war, da er sich klein wie ein Wurm fühlte. Aber selbst Weinkrug wusste wohl nicht mehr, wie er mit der Situation umgehen sollte. Er lächelte, aber ihm schien keine Frage mehr einzufallen. Benni wollte weg. Er musste das Thema wechseln.
„Das war ein gutes Spiel, aber nicht nur von mir. Der Gegner war auch gut. Und mein Trainer ist auch gut. Und der Schiedsrichter ist auch gut. Ich muss jetzt gehen, muss duschen. Ich schwitze ganz schön. Aber das kann man ja wahrscheinlich auch sehen. Daher hätte ich es ja auch gar nicht sagen müssen. Ist ja auch klar, nach so einem Spiel. Dauert 90 Minuten. Aber eigentlich länger. In der ersten Halbzeit hat der Schiedsrichter ja auch etwas nachspielen lassen, ich glaube es waren so ungefähr drei Minuten. Und jetzt, am Ende der zweiten Halbzeit waren es vier Minuten. Also, das ist jetzt keine Kritik am Schiedsrichter. Der hat seine Sache gut gemacht. Aber das habe ich ja auch schon gesagt. Was gibt es noch? Ach so, Glück haben wir auch noch gehabt. Und die Mitspieler haben auch gut mitgespielt. Und ich muss duschen gehen. Ja, das muss ich. Danke.“
Er hatte versucht, sein eigenes Spiegelbild in den Augen Weinkrugs zu entdecken, der ihm wie gelähmt gegenübergestanden hatte. Benni hatte es geschafft, hatte sich gesehen. Und dann hatte er einfach geredet. Die Worte waren wie an einer langen Kette aufgereiht aus seinem Mund gekommen. War doch gar nicht so schlecht, dachte er noch, als er den verdatterten Reporter hinter sich gelassen hatte. Ich habe geredet. Sollen die doch kommen mit ihren blöden Mikros. Sollen die doch bloß kommen.
3. Spieltag – Der Bruder
Ein paar von den wartenden Fans hatten ihn erkannt und gewunken, als er vom VIP-Parkplatz des Vereinsgeländes herausgefahren war. Er hatte gelächelt und kurz überlegt, ob er zurückwinken sollte, aber dann hatte er sich daran erinnert, dass das uncool wäre und es gelassen. Also hatte er sich lediglich seine Sonnenbrille zurechtgerückt und aufs Gas getreten.
Sie hatten ein schönes Zuhause, weit weg von den Schloten und Kohlegruben. Hier gab es ein paar Hügel und sogar ein paar Felder, auf denen im Sommer goldenes Korn wuchs. Er musste zwar etwas weiter fahren als die anderen, wenn sie in ihre Designerwohnungen zu ihren Designerfrauen fuhren, aber dafür hatte er mehr Ruhe und Abstand.
Die Tür ging schon auf, bevor er den Schlüssel herauszog. Er lächelte, als Ralph ihm entgegenlief. „Mario Tor gemacht, Mario Tor gemacht.“ Er fing den stämmigen Zwerg auf, der sich gegen seine Brust geschmissen hatte. „Hab’ kein Tor gemacht, Ralph.“
„Mario Tor gemacht.“
„Schließ die Tür, es zieht.“ Drinnen duftete es nach den Kohlrouladen, die seine Mutter nach jedem gewonnenen Heimspiel machte. Irgendwann hatte Mutter dann angefangen, an jedem Spieltag Kohlrouladen zu machen, da alles andere von Mario als Vorwurf interpretiert werden könnte. Es wurde nie darüber gesprochen und Mario mochte auch den Hackbraten oder den Schweinehals, aber bei den Kohlrouladen fing Ralph nicht an zu weinen.
„Mario Tor gemacht.“
„Ralph, …“
Er war im Wohnzimmer angekommen, wo seine Mutter noch in einer Blümchenschürze auf dem Plüschsofa saß und den Videotext durchforstete, auf der Suche nach etwas, das nicht zu finden war.
Ihm einen Kuss auf die Wange gebend setzte er seinen Bruder ab. Die Mutter drehte ihm den Kopf zu und hob die linke Augenbraue. „Es war ein Foul“, versuchte er sich zu rechtfertigen, „ein klares Foul.“
„Du hättest rechts vorbei gehen können.“
„Da waren noch zwei Verteidiger.“
„Die waren schon auf dem Weg nach innen. Früher hättest du das gesehen.“
Früher war alles anders gewesen. Besser natürlich. „Mario Tor gemacht.“ Er bot dem Kleinen die Hand an: „Komm, wir gehen in die Küche.“
„Die Kartoffeln sind noch nicht fertig. Ich schaue noch das Abendspiel an.“
Mario seufzte und nahm seinen Bruder auf die Schulter. „Hopp, hopp, hopp, die Eisenbahn.“ Sie gingen durch die Terrassentür in den Garten, wo Ralph sich jubelnd vor das kleine Tor mit dem Aluminiumrahmen stellte und wild mit den Armen fuchtelte, so wie es die großen Torhüter machten. Mario überlegte sich manchmal, wie sein Leben aussehen würde, wenn sein Bruder kein Down-Syndrom hätte, ob er dann schon ausgezogen wäre und ein Leben wie die anderen führen würde. Er wusste ja, dass diese Gedanken nirgendwohin führten, aber manchmal schlichen sie sich einfach so ein in sein Gehirn. Er schoss einen leichten Ball in Ralphs Arme.
„Gehalten, gehalten, gehalten. Musst du besser machen, Mario.“
Also schoss er noch einmal und noch einmal, während drinnen die Kohlrouladen brutzelten und Mutter vor der Glotze hing.
„Gehalten, gehalten, gehalten.“
Eine Designerwohnung vielleicht und eine Designerfrau.
„Gehalten, gehalten, gehalten.“
Ein Leben, vielleicht.
„Gehalten.“
Er schoss, diesmal so wie vorhin im Spiel. Er sah seinen Schuss nicht, er sah irgendetwas anderes in einer unbekannten Ferne, doch als er wieder im Garten angekommen war, lag Ralph auf dem Boden und schrie und wälzte sich und hielt sich seine blutende Nase, während die Mutter mit einer universellen Muttergeste, nämlich den über dem Kopf zusammengeschlagenen Händen, hinausgebraust kam und jaulte.
Er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Mario Tor gemacht“, flüsterte er, so leise, dass es niemand hören konnte.
4. Spieltag – Rituale
Es war die Standardausrede: Das Spielfeld inspizieren. Helmgaard lief über den Rasen, tat so, als trete er ab und zu einen Erdhügel platt. Die Spieler hielten es für eine Marotte, was es zugegebenermaßen auch war, allerdings in einem ganz anderen Ausmaß, als es alle anderen ahnten. Die heikle Stelle befand sich am Tor, wo er den alten Groschen genau in der Mitte mit der Bäumchenseite nach vorne, direkt hinter der Kreidelinie eindrücken musste. Nachdem er mit der Mannschaft aufgestiegen war, hatte er zunächst nicht genau auf die Seite geachtet, doch als sie dreimal hintereinander verloren und gegen den Tabellenletzten nur ein Unentschieden zustande gebracht hatten, war ihm klar geworden, dass er ein Detail übersehen hatte. Der Glücksgroschen musste mit der Bäumchenseite nach oben hinter die Linie und der Baum musste aufrecht stehen.
Die Leute, die keine Ahnung hatten, hielten den Trainerberuf für deswegen schwierig, weil man sich gleichzeitig mit den Vorgaben des Vereins, den Macken der Spieler, den Fans und dem nächsten Gegner auseinandersetzen muss. Für Helmgaard waren diese Dinge Kleinigkeiten, keinesfalls Auslöser von schlaflosen Nächten oder ein Grund, den Job demnächst an den Nagel zu hängen. Es stimmte schon – die Dummheit und Ignoranz einiger Fußballer war haarsträubend, die Vorstellungen der Vereinsleitung grenzten an Größenwahn und aus diesen zwei instabilen Konstanten eine Taktik zu schmieden, war nahezu unmöglich. Aber das war alles irrelevant, wenn er es nicht hinbekam, die spirituellen Vektoren, die zum Erfolg führten, akribisch auszurichten. Mittlerweile war er sich sicher, wie es funktionierte, doch es hatte Jahre gebraucht. Und er wünschte sich, dass er sein Wissen mit jemandem teilen könnte, doch das war in einer Welt, die so überaus materiell veranlagt war, unmöglich.
Er blickte sich um. Das Stadion war fast verlassen, ein einsamer Ordner fegte irgendwo weit hinten auf der Haupttribüne ein paar herabgefallene Blätter von den Sitzen. Es war erst Mitte September und dennoch wirbelten überall braune Blätter durch die Luft. Der Groschen war versorgt. Jetzt nahm er die Asche, die er in einer Plastiktüte in seiner Innenjacke trug, und verstreute sie über das Torwartnetz. Gleichzeitig zog er an dem Netz, was den Anschein haben sollte, dass er die Haltbarkeit überprüfte. Dann spazierte er langsam hinüber auf die andere Seite des Feldes, wo er dasselbe Ritual erneut vollzog, mit einem neuen Groschen und weiterer Asche.
Die Asche zu bekommen, war nicht leicht gewesen. Genau genommen war es diesmal nicht die richtige Asche. Das war erst fünfmal passiert und dreimal war es gutgegangen. Er brauchte ein benutztes Jersey, jeweils eins von seiner Mannschaft und eins von der gegnerischen. Das mit der eigenen war mittlerweile kein Problem mehr. Er hatte seiner Mannschaft glaubhaft erläutert, dass er nach jedem Spiel ein Trikot für eine karitative Einrichtung einsammeln würde. Keiner hatte Fragen gestellt. Das war der Vorteil von der Verlegenheit, die das Thema Behinderung bei Leuten auslöste –es gab keine Fragen. Er erinnerte sich daran, wie er noch den jungen Teffel trainiert hatte, den mit dem behinderten Bruder. Keine blöden Sprüche, wenn er vorzeitig vom Mannschaftsabend nach Hause ging, kein Gemoser der anderen, wenn der Sieg nicht ausreichend zelebriert wurde.
Das Problem waren die Jerseys der gegnerischen Mannschaft. Er gab einen nicht geringen Teil seines Trainergehaltes für den Kauf gebrauchter Trikots bei Ebay aus. In Hamburg hatte er sich sogar schon in der Kabine der Hansestädter an die Spinds gemacht und tatsächlich einen ganzen Satz neuer Heimtrikots geklaut. Außerdem bestellte er regelmäßig neue Trikots bei den Herstellern. Doch wenn die Dinger nicht vom Gegner getragen waren, war die Wirkung nicht ansatzweise so groß. Grundsätzlich hatte er folgende Wirkungsgrade feststellen können:
Von Spielern getragene Trikots sind am besten. Je mehr Schweißpartikel, Hautschuppen oder Haare auf oder an dem Trikot sind, desto besser.
Die Trikots sollten idealerweise genau diejenigen sein, mit denen die Mannschaft am Spieltag aufläuft. Wenn die Mannschaft ein grünes Auswärtstrikot trägt, er aber ein blaues verbrannt hatte, sind die Chancen auf einen Sieg schlechter.
Je wichtiger ein Spieler für seine Mannschaft ist, desto wirksamer ist die Asche des Trikots.
Das Verbrennen mehrerer Trikots erhöht die Wirkung NICHT.
Die Trikots sollten von der aktuellen Saison stammen.
Ein Trikot mit einem falschen Ligenaufdruck (Bundesliga, Pokal, Champions League, Europaleague) kehrt die Wirkung um (in 7 von 8 Fällen).
Es ist besser, irgendein Trikot zu verbrennen, selbst wenn es das von der Jugendmannschaft, eines Spielers, der gar nicht mehr für die Mannschaft spielt oder ein Trikot von einer vergangenen Saison ist. Ohne Asche geht das Spiel mit Sicherheit verloren (in 9 von 9 Fällen).
Manchmal wünschte er sich, die immateriellen Bedingungen für einen Sieg nie kennen gelernt zu haben. Er würde ganz einfach trainieren, aufstellen und gewinnen oder verlieren. Er würde sich irgendwo in der zweiten Liga rumtreiben. Ein schlechter Trainer war er nicht. Aber so ging er zur gegnerischen Bank, spuckte einmal auf jeden der Plastiksitze und verrieb die Spucke mit seinem Glücksschlips. Gut, dass der Schlips anthrazit war, so wären die Reste von Dreck, Speichel und Staub kaum auszumachen, wenn er an der Seitenlinie stehen würde. Er hatte diesen Schlips einmal gewaschen – mit einem desaströsen Ergebnis, eine 0:6-Niederlage zuhause. Okay, es war gegen die Bayern gewesen, aber Helmgaard konnte die Höhe der Niederlage in die Gesamtkonstellation einordnen.
Als er in den Kabinengang trat, kam ihm der sportliche Leiter entgegen. Sie nickten sich zu und grüßten sich. „Morgen.“ „Morgen.“ Gänswein nahm ihm freundschaftlich am Arm. „Sie müssen entspannen, Herr Helmgaard. Für die Inspektion sorgt schon der Schneiz.“ Helmgaard winkte ab. Für solche Situationen hatte er genug Ausreden parat. „Wollte mir noch einmal die Platzverhältnisse ansehen. Wegen der Stollen.“
„Schon recht, Helmgaard. Habe übrigens noch nichts vom Berater von Vadale gehört. Aber der wird sich schon melden. Ich denke nur, dass wir hinten noch was machen müssen.“ Sie gingen durch den Innenbereich des Stadiongebäudes, Gänswein würde sicher in sein Büro wollen. Helmgaard blieb stehen. „Ach, hab’ noch was vergessen.“ Herablassend lächelnd und kopfschüttelnd ging Gänswein weiter. Helmgaard kannte die Blicke und die Gesten und er hatte gelernt, sie zu übersehen. Wo wärst du ohne mich, dachte er nur leicht verbittert.
Er stieg die Stufen hinab zu den Kabinen und klopfte dreimal an die Tür der Gästekabine und fünfmal an die Tür seiner Mannschaft. Dann lief er durch die Gänge, bis er an der vorderen Pforte hinauskam, wo er einmal hustete, sich beide Füße an der Matte abwischte (zweimal links, einmal rechts) und zu seinem Auto stiefelte. Er hatte es, wie immer, rückwärts eingeparkt und als er herausfuhr, umkreiste er einmal den ganzen Platz, bevor er durch die Schranke nach draußen fuhr. Zuhause würde es, wie immer, Erbseneintopf geben.
Der Tag war wunderbar verlaufen. Die Sonne schien, kein Wölkchen zierte den Himmel, die Spieler waren alle pünktlich gewesen und die gegnerische Mannschaft war wegen einer Panne eine halbe Stunde zu spät erschienen. Alles so wie es sein sollte. Er saß auf der Bank in seinem dunkelblauen Anzug und beobachtete vergnügt, wie der Schiedsrichter das Spiel anpfiff. Die Anfangsbuchstaben der vier Offiziellen hatten als Quersumme 7 ergeben, er hatte den Schiri siebenmal mit der Hand irgendwo berührt, als sie sich vorgestellt hatten. Alles war perfekt. Er setze sich und blickte sich zufrieden um.
Doch dann tat sich vor ihm unendliche Dunkelheit auf. Er sah die Frau. Sie stand an der Seitenauslinie links von ihm, hinter der Kamera. Eine Kamerafrau. Er schnappte nach Luft. Stand auf. Setzte sich wieder. Sein Co schaute ihn verwundert an. Er schaukelte mit dem Oberkörper hin und her. Eine Frau. Er hätte …
Das Spiel war verloren.
5. Spieltag – Nemesis
Der Ball lief durch die gegnerischen Reihen wie ein heißes Messer durch Butter. Diese Passgenauigkeit war atemberaubend und vollkommen atypisch für die Mannschaft. Es war schon fast Tiki-Taka, was die Ruhrpottjungs da spielten. Heller auf Duzman, Duzman auf Berg, Berg auf Sahaler und Tor. 3:0 nach 24 Minuten. Er schaute auf die Stadionanzeige und las dreimal denselben Torschützen hinter den Toren: Sahaler. Er sprang auf, noch gerade rechtzeitig, jubelnd und die Fäuste nach oben reckend. Ein kurzes aber heftiges „Ja“ entfuhr seinen Lippen. Alle sahen, dass er sich mitfreute. Dann setzte er sich wieder und versank in eine trübe Schockstarre, die er in all den Jahren mit einem steifen Lächeln zu garnieren gelernt hatte. Toll, wieder Anschluss nach oben, sagte das eingefrorene Grinsen. Ich freue mich für die anderen, sagte das Grinsen. Wir sind alle ein Team. Die Mannschaft ist alles, was zählt. Auch die Ersatzspieler sind wichtig. Er spuckte aus.
Sahaler war sein Fluch, seine Nemesis. Er verfolgte ihn, hatte seine Krallen tief in die Karriere von Holtzer geschlagen. Es war geradezu absurd, wie die Handlung eines antiken Dramas. Seitdem Holtzer Bundesliga spielte, war er dem Wahnsinn einer Verfolgung durch Sahaler ausgesetzt gewesen. In Bochum, in Frankfurt und nun hier. Immer wieder hatten die Trainer und die sportliche Leitung ihm das Gleiche erzählt: dass sie fest mit ihm planten und er als erster Stürmer gesetzt wäre. Irgendwann hatten sie aber jedes Mal noch einen „Backup“ geholt, falls Holtzer sich mal verletzen sollte, man konnte ja nie wissen. Dass er in 7 Jahren Bundesliga noch nicht die kleinste Verletzung hatte und noch nicht einmal aufgrund einer Grippe ausgefallen war, interessierte wohl niemanden. In Bochum war er noch relativ gelassen gewesen. Er war gesetzt. Er spielte. Irgendwann im Frühjahr wurde er einmal in der 80. ausgewechselt. Sahaler machte ein Tor. Machte nichts, er hatte ja vorher selber eins gemacht. Dann wurde er in der 75. ausgewechselt. Sahaler machte ein Tor, diesmal hatte Holtzer vorher keins gemacht.
Sahaler hatte ihn damals Stück für Stück verdrängt. Erst hatte er nur gebrochen Deutsch gesprochen, hatte sein Spind direkt an der Tür der Kabine. Dann fing er an besser und besser zu werden, machte Scherze und Witzchen mit den anderen. Doofe Scherze. Schlechte Witze. Er kam mit auf die Touren durch die Promidiskos. Lachte, bandelte mit Frauen an. Sein schwarzer Dreitagebart, seine blitzenden Zähne, die schwarzen Augen, das zog bei den Frauen. Er gab die Drinks aus, kam mit Getränken und Frauen an den Tisch und die anderen jubelten ihm zu. Ein Teamplayer hieß es unisono.
Holtzer war genervt gegangen, hatte seinen Berater kontaktiert. Es hatte viele Interessenten gegeben, schließlich war er auf dem Weg in die Nationalmannschaft gewesen.
Frankfurt war sein großer Durchbruch, 12 Tore in der Hinrunde. Die anderen Stürmer waren Flaschen. Er war der Held. Jogi hatte ihn eingeladen zu einem Testspiel. Dann verletzten sich gleich drei Sturmpartner. Sahaler kam. Holtzer sah, wie sich die eigene Geschichte wiederholte. Er beobachtete den anderen genau. Konnte es sein, dass der Franzose wieder so tat, als könne er kein Deutsch? Er sprach gebrochen am Anfang und belegte wieder den Platz hinten am Ende der Bank. Wenn die anderen ihn unwillig fragten, ob er mit auf die Tour kommen wollte, lehnte er höflich ab. Dafür trainierte er, drehte Extrarunden und machte zusätzliches Elfmetertraining. Er lächelte den Trainer an, mit seinem Dreitagebart und seinen weißen Zähnen. Wurde eingewechselt, früher und früher. Holtzer wurde unsicherer. Dann traf er die einfachen Dinger nicht mehr, versemmelte drei Elfer hintereinander, sein letzter ging so hoch in die Wolken, dass kein Mitspieler kam, um ihn zu trösten. Keine Nationalmannschaft mehr, man munkelte von einem Formtief, aber er war immer noch in der Bundesliga untergekommen, wenn auch weniger ambitioniert.
Hier nun schien sich das Blatt zu wenden. Er hatte seine Ernährung umgestellt und einen Psychologen konsultiert. „Sahaler ist nicht dein Problem“, hatte dieser gesagt. „Die Frage ist: Glaubst du an dich selbst?“ Daran hatten sie gearbeitet. Er hatte Sonderschichten eingelegt, noch bevor der andere transferiert worden war. Hatte Elfmetersondertraining absolviert. Er hatte noch nicht einmal mit der Wimper gezuckt, als tatsächlich das Unmögliche passierte und der Franzose zum ersten Mal im Mannschaftstraining auftauchte. Holtzer hatte ihn freundlich angesehen und ihn wie einen alten Kameraden empfangen. In der Kabine wies er ihn ein und zeigte ihm, wie man die Duschen einstellen musste, damit man sich nicht verbrühte und nicht im Eiswasser stand. Er hatte ihn auf die Touren mitgenommen und hatte allen anderen Getränke ausgegeben. Hatte gelacht. War gesetzt. Dann kam der eine Dienstag. Die Mannschaft hatte verloren und der Trainer war zum Alltag übergegangen nach den Sonderschichten am Sonntag und Montag. Das Training war um 16.00 Uhr beendet worden. Sahaler blieb, hielt den Ball mit seinem rechten Fuß in der Luft und schoss ihn dann mit zur Schau gestellter Leichtigkeit ins leere Tor. Holtzer blickte zum Kabinengang, der mit erbarmungsloser Verführungskraft lockte. Doch dann nahm er sich ebenfalls einen Ball, warf ihn in die Luft, köpfte ihn nach vorne und zimmerte ihn aus dreißig Metern in dasselbe Tor, knapp an Sahalers Kopf vorbei. Der Kampf war eröffnet. Sahaler drehte sich erschrocken um und für einen Moment glaubte Holtzer, einen Funken Angst in dessen Augen zu erkennen, dann war der Moment vorbei und Sahaler grinste diabolisch. Sie sprachen kein Wort. Holtzer hätte ihm gerne viele Dinge an den Kopf geworfen, aber er wollte sich nicht die Blöße geben, wollte nicht der Erste sein, der über diesen unausgesprochenen Kampf redete. Den Kampf zuzugeben, hätte schon geheißen, ihn zu verlieren. Es war eine lächerliche Szene. Wortlos, den anderen nicht beachtend, ballerten sie Bälle auf das Tor. Still beobachtete Holtzer seinen Konkurrenten, zählte dessen Treffer mit und zählte die eigenen. Sie fingen an zu schwitzen und obwohl sich immer mehr Verbissenheit einschlich, täuschten beide eine mühelose Gelassenheit vor. Nach einer gefühlten Ewigkeit schaute Holtzer auf die Stadionuhr und sah, dass es bereits zehn nach fünf war. Sahaler schien den Blick gesehen zu habe. Sein Grinsen wurde noch breiter und er hämmerte einen Ball unter die Latte. Holtzer lächelte zurück und ließ sich auf den Boden fallen, wo er zwanzig Liegestütze machte, um wie ein junger Hüpfer nach dem letzten aufzuspringen und den nächsten Ball dribbelnderweise in Richtung Tor zu führen. Sein abschließender Heber tanzte auf der Oberkante der Latte und fiel dahinter auf die Oberseite des Netzes. Sahaler hustete und als Holtzer hinsah, hielt sich der Franzose die Hand vor den Mund, als müsse er sein Lachen verbergen. Dann ging er in Richtung Innenraum, kam danach mit einer Spielerfigur aus Hartplastik zurück, baute sich nach und nach einen Spielerparcours auf, legte sich acht Bälle an den Anfang des Parcours und umspielte die falschen Kollegen mit französischer Gelassenheit.
Holtzer wurde langsam unruhig. Wie lange wollte der das noch durchziehen? Es machte nicht den geringsten Anschein, als sei er müde. Monoton zog er weiter auf das Tor ab, schielte aber dabei immer wieder zu den Dribbelkünsten des Franzosen herüber. Dann hatte er eine Idee. Er stellte sich im Sechzehner auf, warf Sahaler einen Ball vor die Füße und rief: „Schieß mir mal ein paar von der Eckfahne drauf.“ Er wollte ihn zum Zulieferer degradieren. Aber Sahaler ließ sich nicht darauf ein. Er kickte den Ball wortlos zurück, sich nicht die Mühe machend, auch nur aufzublicken, und fuhr fort, die Plastikspieler zu umdribbeln.
Nach weiteren zwanzig Minuten Schusstraining war es Holtzer zu blöd. Er brauchte diese Spielchen nicht. Dr. Hartels hatte es ja gesagt, Sahaler war nicht sein Problem. Er musste sich und den anderen nichts beweisen. Er machte noch einmal zehn Liegestütze, ächzte beim Aufstehen und ging in die Kabine, ohne sich umzudrehen. War doch egal. Was für eine blöde Art, sich zu produzieren, das war nicht sein Niveau. Aber schon auf dem Weg in die Kabine fühlte es sich an wie eine Niederlage. Ich brauche das nicht, sagte er sich, doch eine kleine Stimme in seinem Hinterkopf lachte über ihn.
Als er zehn Minuten unter der heißen Dusche gestanden hatte, kam Sahaler herein und sagte: „Pass auf, wenn du die abdrehst, die wird eiskalt.“ Holtzer duschte, bis seine Haut krebsrot war und er gehört hatte, wie Sahaler die Kabine wieder verlassen hatte.
Er saß in Gedanken versunken, als das 4:0 fiel. Allegri hatte es geschossen, Vorlage Sahaler. Holtzer blieb sitzen. Er hatte einen Plan. Im nächsten Training würde er dem anderen die Knochen brechen.
Pulsuz fraqment bitdi.