Kitabı oxu: «Götterglaube»
Inhaltsverzeichnis
Musik
Apokalypse
Was zuletzt geschah
Götterglaube - Teil 3
gone too far
verstärkung
der schmetterling zwischen den motten
wanderhure
hinter feindlichen grenzen
neue und alte verbündete
katz und maus
wer nicht reden will, muss fühlen
plan no. 1
unwetterwarnung
falk
feinde des himmels
geständnisse am krankenbett
die briefe des gejagten
wenn alles schläft
im schweiße seines angesichts
Himmelszorn - Teil 4
pyjamaparty on the rocks
setz die playlist auf repeat
wenn zwei seelen verschmelzen
sein letztes geheimnis
das raum-zeit-kontinuum
verlorene kinder gottes
wer suchet, der findet
was vergangen ist
vernissage
eine letzte nacht mit dir
das rauschen meines blutes
das ende der welt
damit du die wahrheit kennst
ein letztes mal auf anfang
epilog
Danksagung
Die Autorin
Weitere Werke der Autorin
GedankenReich Verlag
Denise Reichow
Neumarkstraße 31
44359 Dortmund
www.gedankenreich-verlag.de
Götterglaube – Jenseits des Kreises (Band 2)
1.Auflage, Mai 2020
Text © Kristina Licht
Cover & Umschlaggestaltung: Kristina Licht
Umschlagmotive © 123rf
Lektorat: Marie Weißdorn
Satz & Layout: Kristina Licht
Innengrafiken © 123rf
eBook: Grit Bomhauer
ISBN 978-3-947147-54-0
© GedankenReich Verlag, 2020
Alle Rechte vorbehalten.

Musik:
Secrets – OneRepublic
Iris – Go Go Dolls
Let me go (Rock Version) – 3 Doors Down
How to safe a life – The Fray
Speeding Cars – Walking on Cars
Rise – Katy Perry
Tomorrow We Fight – Tommee Profitt, SVRCINA
Hero – Tommee Profitt, Mike Mains
Apokalypse griechisch: ἀποκάλυψις »Enthüllung«
Verfluchte Seelen, Verdammte: Seelen, die aus dem System gefallen sind, indem sie ihren Kreis verlassen haben. Sie sind nicht länger sterblich, altern nicht und produzieren kein eigenes Blut mehr. Sie werden von den Gesandten des Himmels gejagt und vernichtet.
Kreis, Plural Kreise: Das Gefängnis der menschlichen Seelen. Gott verbannte sie in eine ewige Zeitschleife: Nach dem Tod eines Menschen lebt er sein Leben noch einmal. Immer wieder dasselbe Leben, es unterscheidet sich nur in unwichtigen Nuancen.
Blutverbündete, Blutsverbundene, umgangssprachlich Blutshure: Ein Mensch, der durch sein Blut mit einem Verfluchten verbunden ist. Diese Verbindung schützt den Verfluchten vor himmlischen Waffen. Stirbt der Blutverbündete, wird der Verfluchte sterblich.
Der Blutverbündete besitzt die Macht, den mit ihm Verbundenen auch ohne eine himmlische Klinge zu töten.
Himmlische Waffe, auch Engelsschwert: Eine Klinge, aus einem Material geschmiedet, welches in der Menschenwelt nicht existiert. Diese Waffen wurden zum alleinigen Zweck geschaffen, Verdammte zu vernichten. Sie löschen ihre Seelen aus.
Rei: Götterwelt, die Wirklichkeit.
- Auszug aus dem Glossar des
Schwarzen Buchs der Verfluchten -
Was zuletzt geschah:
»Sie bewachen mich, doch meine Träume können sie nicht kontrollieren.«
»Sag mir, was ich tun kann, um wieder bei dir zu sein«, wollte Ewan wissen. Er sah sie häufiger in seinen Träumen, doch heute stand er ihr zum ersten Mal persönlich gegenüber. Von Angesicht zu Angesicht. Es war, als wäre seine Seele wirklich hier, an diesem verlassenen Ort im Herzstück des Himmels. Er bräuchte nur die Hand auszustrecken, um Elaia zu berühren. Und doch zögerte er.
Die Göttin schüttelte den Kopf. »Du erinnerst dich also … Fühlst du es noch?«
Die Frage ließ Ewan stocken. Er wollte sie nicht anlügen. Theoretisch wussten sie es beide bereits. Die Gesandten hatten es ihnen gesagt und sie hatten Recht behalten: seit dem Moment, in dem Elaia die Erde verlassen hatte, entsprachen Ewans Gefühle für sie nur noch einer blassen Erinnerung.
Aber solange er sich erinnerte, würde er nicht aufhören, daran zu glauben.
Sie nickte wissend. Er musste es nicht aussprechen. »Hör zu, Ewan. Ich kann dir gegen die Gesandten nicht helfen. Mir sind die Hände gebunden, weil sich im Rei herumgesprochen hat, dass du himmlische Hilfe bekommst. Die Gesandten können deine Spur nicht aufnehmen, sie ist verschwommen. Du bist unsichtbar für sie.«
»Was? Aber wie kann das sein?«
»Ich bin es nicht. Du hast jemand anderen aus dem Himmel, der dir hilft.« Ihr Blick ließ ihn los und glitt stattdessen nach hinten zu Kiara, die mit verschränkten Armen vor dem Seelenteppich stand und ihn mit einer Mischung aus Skepsis und Faszination musterte. »Wieso ist sie hier?«, fragte die Göttin. Sie hatte Ewan diesen Ort einst gezeigt. Vermutlich gefiel es ihr nicht, dass er nun eine andere Seele hierherbrachte. Einen Menschen.
»Sie … sie ist mit mir verbunden. Ich wollte, dass sie versteht, was vor sich geht.«
»Du hast ihr Blut getrunken«, schlussfolgerte Elaia nüchtern.
Ewan sah in ihren Augen, dass sie diese Tatsache nicht erfreute, auch wenn sie keine Miene verzog.
»Es ist nicht so, wie du denkst. Ich wollte sie büßen lassen. Ich wollte ihr Leben zerstören, dafür, dass ich dich verloren habe …«
»Und das hast du auch getan. Ihr Leben zerstört.« Elaias Blick landete wieder auf ihm. »Das mit uns ist vorbei. Vergiss deine Rachepläne.«
»Aber –«
»Vergiss sie, Ewan!« Sie sah ihn flehend an. »Du musst überleben, das ist das Einzige, was zählt.«
Ein plötzliches »Nein!« unterbrach ihr Gespräch. Schockiert von der neuen Stimme drehte Ewan sich um und sah niemand Geringeren als Falk, der mit ihnen im Raum stand, als hätte Ewan ihn mit in die Wirklichkeit genommen. Den Milchbuben, der ein so schönes Druckmittel für Kiara abgegeben hatte.
»Was tust du hier?«, grollte er, während ihm die Antwort bereits dämmerte. Es gab schließlich nur eine einzige Erklärung für sein Erscheinen an diesem Ort. Nur eine einzige logische Schlussfolgerung:
Falk war kein Mensch. Er hatte sie die ganze Zeit hinters Licht geführt.

1. gone too far
Warum darf Gott über das Schicksal einer jeden Seele entscheiden?
Warum dürfen die Menschen nicht wissen, dass es den freien Willen nicht gibt?
- aus dem Schwarzen Buch der Verfluchten -
Jeder träumt in seinem Leben von einem Abenteuer, das er nicht vergisst. Ein Abenteuer, bei dem wir uns lebendiger fühlen als je zuvor, das die Schatten der Vergangenheit verdrängt. Eine Erinnerung an eine Zeit, die uns auch in der Zukunft, wenn es gerade mal nicht so rosig läuft, aufatmen lässt, die uns Gerüche, Gefühle und Bilder zurückschenkt, in die wir jederzeit wieder eintauchen können.
Ich war als Teenager oft vor meinem Leben geflohen, um mich in Abenteuer zu stürzen. Denn in diesen adrenalingeladenen, einzigartigen Momenten fühlte ich mich lebendiger als in meinem tristen Alltag, der von Leid geprägt war. Von Verlust. Von Leere.
Keines meiner damaligen Abenteuer ließ sich mit dem jetzigen vergleichen. An Ewans Seite hatte ich mich so lebendig gefühlt wie seit Jahren nicht mehr und das, obwohl ich dem Tod näher war als jemals zuvor. Ewan war gleichzusetzen mit Lebensgefahr. Trotzdem klammerte ich mich an seine Gegenwart, weil ich gar nicht anders konnte. Mein Herz schlug schneller, wenn ich bei ihm war. Und dann manchmal wiederum blieb es fast stehen. Doch das Wichtigste war: Ich hatte mich auf dieser Reise frei gefühlt, obwohl ich im Grunde nicht viel mehr als eine Gefangene war.
Jetzt kannte ich auch den Grund für meine widersprüchlichen Gefühle; warum ich mich früher immer eingesperrt gefühlt hatte, eingeengt von meinem eigenen Sein, unfähig, die richtigen Entscheidungen zu treffen, ständig mit dem Gefühl, an meinem Leben nichts verändern zu können. Als hätte ich es tief im Inneren schon immer gewusst: Menschliche Seelen waren in einem Kreislauf gefangen, den sie immer und immer wieder durchlebten. Dasselbe Leben hundertmal. Millionenmal. Ohne je etwas davon zu merken. Doch nun war etwas anders. Ewan hatte mich aus meinem Kreislauf gerissen. Ich war frei, traf Entscheidungen, die ich nie zuvor getroffen hatte, beschritt Wege, die meine Seele noch nie passiert hatte, fühlte Dinge, die ich nie hätte fühlen sollen.
Ich wusste, was es bedeutete, dass Ewan mich aus meinem Kreislauf gerissen hatte. Er hatte sich wie ein Fremdkörper darin eingenistet und alles zerstört. Er tat Dinge, die er nicht hätte tun dürfen. Führte mich in eine Welt, von der ich nie hätte erfahren sollen. Das bedeutete für mich, dass ich nach meinem Tod ebenfalls von den Göttern verdammt werden würde. Dazu verdammt, meinen Platz im System für immer zu verlieren, eine Ewigkeit zu existieren, für immer auf der Flucht. Auf ewig im Verborgenen.
Als mir das in dieser Nacht klar wurde, verspürte ich dennoch keinen Hass gegen meinen Befreier. Nicht einmal Angst. Ich sollte wütend auf Ewan sein, weil er mich da mit hineingezogen hatte. Doch ich war es nicht. Denn mit dem Wissen, das ich jetzt hatte, eröffneten sich mir so viele neue Möglichkeiten. Plötzlich wurde mir bewusst, worüber ich früher immer nur frustriert gewesen war. Jetzt ergab alles einen Sinn.
Die Menschen waren nur kleine, bedeutungslose Rädchen in einem Uhrwerk von etwas Größerem. Und ich war nun Teil dieses Etwas. Ich war endlich frei. Wie ein Tier, welches seinem Käfig entkommen war.
Als ich zu mir kam, dauerte es mehrere Sekunden, bis die Erinnerungen sich zusammenfügten wie verlorengegangene Puzzleteile eines Gesamtbildes. Schwerfällig hob ich die Lider und Sonnenlicht flutete meine Netzhaut. Die Bilder vergangener Nacht kamen nur stockend, wie Wellen, die das Ufer erreichten. Sie spülten Erinnerungsfetzen an Land: Das Gespräch mit Ewan in seinem Zimmer. Die Nacht, die ich erneut neben ihm in einem Bett verbracht hatte. Mein Traum. Viele silberne Kreise, die ineinander gehakt waren und sich zu einem unendlich großen, schimmernden Gebilde zusammenfügten. Die Wirklichkeit.
Plötzlich war ich hellwach und setzte mich auf. Mein Kopf fuhr in alle Richtungen und obwohl ich davon Kopfschmerzen bekam und mir schwindelig wurde, hatte es das gewünschte Resultat: Ich wusste, wo ich mich befand.
Ich war nicht mehr in dem dunklen Raum, in dem sich alles so unwirklich angefühlt hatte, der kein Ende und keinen Anfang besessen hatte. Der einfach nur da war. Ich war zurück in dem Gästezimmer, in dem Falk und ich unsere erste Nacht in der Hütte verbracht hatten.
Ich wollte gerade vom Bett aufstehen, als ich die Handschellen bemerkte. Nicht schon wieder. Fluchend sah ich mich in dem Zimmer um.
Von Ewan und Falk war keine Spur. Die Tür zum Zimmer war geschlossen. Durch das kleine Fenster schien die Mittagssonne.
Während ich versuchte, mein Handgelenk zu befreien, überrollten mich auch die restlichen Erinnerungsfetzen. Die wunderschöne Blondine, mit der Ewan gesprochen hatte. Und Falk. Diese Welle war es, die mir bereits im Traum den Boden unter den Füßen weggerissen haben musste. Im wachen Zustand war die Erkenntnis nicht weniger schmerzhaft. Falk war nicht der, für den er sich ausgegeben hatte. Die ganze Zeit über hatte er mir etwas vorgespielt.
Ich muss hier weg!
Endlich quetschte ich mein zierliches Handgelenk durch den metallischen Ring. So dünn zu sein, hatte auch seine Vorteile. Da fiel mein Blick auf etwas auf dem Bett. Ein Collegeblock lag neben dem Kopfkissen. Es war der Block, in dem ich Falk zuvor hatte zeichnen sehen. Ich griff danach und blätterten durch die Seiten. Viele davon waren lediglich mit einer unordentlichen Handschrift bekritzelt. Ich hatte nicht die Zeit, mir alles durchzulesen. Ich blätterte weiter und fand ein Bild von drei Worten, das mich stocken ließ. Sie waren kunstvoll ausgearbeitet und erstreckten sich über die gesamte Seite.
GONE TOO FAR.
Ich starrte eine gefühlte Ewigkeit darauf, während tausend bittere Gedanken meinen Geist tränkten. Ja, Falk, du bist zu weit gegangen. Definitiv. Ich wollte den Block gerade zurücklegen, als ich eine weitere Seite umblätterte und mein Blick an einem Porträt hängen blieb. Mein eigenes Gesicht, mit Kugelschreiber skizziert, starrte mir entgegen.
Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinunter. Was hatte Falk für ein Spiel gespielt? Seit wann war er ein Verfluchter? Und obwohl ich dachte, der Schock könnte nicht noch tiefer gehen, wurde ich eines Besseren belehrt, als ich dahinter eine weitere Zeichnung fand. Ein Arm, auf dessen Unterseite eine Reihe von Zahlen tätowiert war: 12.12.12.
Ich schmiss den Block zurück aufs Bett, als hätte ich mich daran verbrannt. In Rekordgeschwindigkeit ratterte mein Gehirn alle Erinnerungen der letzten Tage durch, auf der Suche nach einem Moment, in dem ich Falk die Zahlen auf meinem Arm gezeigt hatte. Mir fiel keine Situation ein, in der er sie hätte sehen können. Mein Blick glitt meinen Körper hinunter: Ich hatte nur eine Jeans und ein Top an, genauso wie ich mich gestern mit Ewan ins Bett gelegt hatte. Je nachdem, wie lange ich bewusstlos gewesen war, hätte Falk demnach in den letzten Stunden oder Minuten meinen Arm betrachten können. Doch war die Zeichnung wirklich so neu? Hatte er sie angefertigt, während ich bewusstlos gewesen war?
Hektisch sah ich mich im Zimmer um, während ich versuchte, meinen Herzschlag unter Kontrolle zu bringen. Das Wichtigste war, dass ich hier wegkam. Gestern hatte ich es noch akzeptiert, von nun an mit Ewan zu reisen, als ‚Doppelpack’ durch die Weltgeschichte zu bummeln, wie er es ausgedrückt hatte. Doch dass Falk viel tiefer in der Sache mit drinsteckte und offensichtlich ein falsches Spiel mit mir gespielt hatte, änderte für mich alles. Ich wusste nicht, ob Ewan jetzt auf Falks Seite sein würde, weil sie beide verflucht waren. Dieses Risiko konnte ich nicht eingehen. Falks Verrat saß so tief, dass ich nicht einmal daran denken wollte, ihn wiederzusehen. Es war keine harmlose Lüge gewesen, sondern eine Lüge, die ihn zum schlimmsten Bösewicht der Geschichte machte. Ich konnte ihm nicht mehr vertrauen, würde ihm nie wieder trauen können. Dabei war er der einzige Mensch, dem ich gern vertraut hätte. Wie paradox.
Ich eilte zu meiner Reisetasche und packte ein paar Sachen aus dem Koffer um. Ein paar ließ ich absichtlich zurück, um auf meiner Flucht keinen unnötigen Ballast mitzuschleppen. Schnell kontrollierte ich, ob ich Handy und Portmonee dabeihatte, dann zog ich die Lederjacke über das Top, schlüpfte in meine Turnschuhe und schlich zur Tür. Ich presste mein Ohr gegen das Holz und lauschte. Nichts. Keine Stimmen, keine Schritte. Doch das hieß nicht, dass die beiden Männer außer Haus waren.
Ich wandte mich um und eilte zum Fenster. Das war definitiv der sicherere Ausgang und die zwei, drei Meter würden mich nicht umbringen. Ich riss das Fenster auf, warf einen Blick hinunter und schmiss die Reisetausche hinaus. Mit einem dumpfen Plopp landete sie auf dem Rasen. Ich sah mich draußen um, doch außer der kleinen Grasfläche um das Haus herum erkannte ich nichts als Wald. Es schien zumindest niemand in der Nähe zu sein. Tief durchatmend nahm ich all meinen Mut zusammen und schwang ein Bein aus dem Fenster. Vorsichtig kletterte ich über den Rand und ließ die Beine in der Luft baumeln, während ich mich mit den Händen an der unteren Fensterkante festhielt.
Eins, zwei, drei.
Ich ließ los und der Wind zischte mir um die Ohren, während mein Magen einen Salto vollführte. Als meine Fußballen auf den Boden trafen, beugte ich mich vor und rollte mich über den Rücken ab, um den Aufprall abzuschwächen. Aufgrund von mangelnder Übung ging das nicht ganz schmerzlos über die Bühne, doch das kümmerte mich jetzt nicht. So schnell wie möglich stand ich wieder auf, griff nach meiner Tasche und rannte in den Wald.
Ich rannte, bis die Bäume mich verschluckten, bis das Sonnenlicht das Blätterdach nicht mehr durchdrang und bis ich mich umblicken konnte, ohne etwas anderes als Baumstämme zu sehen. Die Bäume verloren bereits langsam ihr Laub und ich lief wie auf einem gelben Teppich. Nach einer Weile drosselte ich mein Tempo und grübelte darüber, wo ich hinwollte. Denn jetzt hieß es nach vorne blicken und nicht mehr zurück. Ich durfte nicht einmal daran denken, was passieren würde, wenn ich einem der beiden Männer in die Arme lief. Oder einem von dreien, falls Ewans Bruder immer noch in der Nähe war.
Falk, der Lügner.
Ewan, dem ich noch nie über den Weg getraut hatte. Seit er in dieser komischen Traumwelt seine Geliebte wiedergetroffen hatte, wollte ich erst recht Abstand zu ihm und dieser ganzen Sache gewinnen. Ich musste mein Herz und mein Leben schützen, das hatte oberste Priorität.
Und Darian? Er hatte uns bestohlen und war ohne ein Wort verschwunden, hatte mich bei Ewan zurückgelassen, obwohl er mir angeblich hatte helfen wollen. Auch er hatte sich in Lügen gekleidet. Was er wirklich vorhatte, wusste ich nicht. Und solange ich das nicht wusste, müsste ich mich auch vor ihm in Acht nehmen.
Fuck. Meine Lage war ganz schön beschissen.
Hinzu kam, dass die Kälte mit jeder Minute schneidender wurde. Mein Atem bildete weiße Wölkchen vor meinem Gesicht und meine Beine waren ermüdet von dem Sprint, den ich zu Anfang hingelegt hatte.
Dieser Wald müsste doch irgendwann ein Ende finden? Ich würde auf einer Landstraße herauskommen und mich per Anhalter in die nächste größere Stadt fahren lassen. Oder noch weiter weg. Und dann müsste ich mir einen neuen Job suchen. Doch je tiefer ich in den Wald eindrang, desto schneller schlug mein Herz. Es war nichts zu hören außer dem Knacken der Äste oder dem Rascheln der Blätter unter meinen Sohlen. Nicht einmal Vögel zwitscherten.
Plötzlich kam mir ein neuer Gedanke. Was, wenn mich noch jemand anderes fand? Jemand, den ich bisher nicht bedacht, nein, nicht einmal gesehen hatte.
Die Gesandten.
Ein eiskalter Schauer jagte meine Wirbelsäule hinunter, doch ich schüttelte die Vorstellung ab. Bisher hatte noch kein Gesandter meinen Weg gekreuzt, ich konnte nicht einmal sicher sein, dass diese himmlischen Wesen überhaupt existierten. Was für ein Pech müsste ich haben, dass sie mich ausgerechnet jetzt fänden?
2. verstärkung
Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen,
sondern Sünder zur Buße.
- aus der Bibel, Lukas 5:32 -
Sie waren gekommen.
Vor Michael standen drei fremde menschliche Körper auf der mit Moos überwucherten Lichtung im Herzen des Waldes. Die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen beschienen ihre regungslosen Gesichter.
»Gabriel, Raphael, Uriel. Ich bin froh, dass ihr so schnell gekommen seid«, sprach der Gesandte. Hinter ihm stand das Auto des Sünders. Dieser Wagen und das gestohlene Buch waren Köder und Druckmittel zugleich. Das Landhaus, in das Ewan sie gebracht hatte, lag so weit abseits, dass sie ohne einen Wagen Tage brauchen würden, um die nächste Stadt zu erreichen. Und ohne das Buch würden sie ohnehin nicht fliehen. Ewan verzehrte sich nach Antworten, er brauchte sie so dringend wie menschliches Blut.
»Bring uns auf den neusten Stand, Michael. Wo ist der Verdammte?«, fragte Gabriel im Körper eines jungen tätowierten Bikers. Die Gesandten hatten Körper aus der Umgebung wählen müssen, um so schnell wie möglich hier zu sein. Ihre Seelen besetzten die Hüllen der Menschen, solange sie sich auf der Erde aufhielten. Nach ihrer Mission würden sich die Menschen an nichts hiervon erinnern.
»Der Verdammte ist in einem abgeschiedenen Landhaus, etwa zwei Kilometer von hier. Seine Blutsverbundene ist bei ihm und mit ihnen noch ein ahnungsloser Mensch«, berichtete Darian.
»Warum ist die Blutsverbundene noch am Leben?«
»Ich habe sie vor zwei Wochen schon töten wollen, doch sie hat knapp überlebt. Danach ist sie mit dem Verfluchten geflohen. Ich habe ihre Spur erst vor Kurzem wieder aufgenommen. Inzwischen denke ich, es ist zu spät, um sie zu töten.«
Uriel nickte wissend. Er steckte in dem Körper eines bärtigen Mannes im mittleren Alter, trug ein Holzfällerhemd und war breit gebaut. Er strahlte die Ruhe in Person aus, wie es auch seine Seele stets tat. »Sie weiß zu viel.«
»Genau.«
»Das Risiko müssen wir eingehen. Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren«, entgegnete Raphael im Körper einer schlanken schwarzhaarigen Frau. »Wir haben keine andere Wahl.« Sie blickte mit ihren großen braunen Augen von einem zum anderen, suchte nach Zustimmung, als begreife sie nicht, dass Kiaras Tod überhaupt zur Debatte stand.
Michael spitzte die Ohren, als er mit seinen geschärften Sinnen Schritte wahrnahm. Das Knacken von Zweigen, das Rascheln von Blättern. Die anderen drei müssten es ebenfalls hören. Ihre himmlische Macht war in den Körpern der Wirte zwar abgestumpft, doch ein Hauch Göttlichkeit haftete ihnen an und erleichterte ihnen die Missionen, für die gesandte Seelen auf die Erde geschickt wurden.
Die vier Erzengel drehten sich synchron um, die Blicke zwischen die Bäume gerichtet. Ein Reh? Ein Wanderer? Ewan?
Darians Hand wanderte zu der Halterung an seiner Hüfte, wo die himmlische Klinge steckte. Eine kürzere Version des Engelsschwertes – die einzige Waffe mit der Macht, Seelen zu eliminieren. Eine Seele auszulöschen, sie zu tilgen, war etwas gänzlich anderes, als einen Menschen zu töten. Es hatte eine Endgültigkeit, die mit nichts anderem auf der Welt zu vergleichen war.
Zwischen den Baumstämmen erschien eine menschliche Gestalt, die Michael mittlerweile nur allzu vertraut war – die jedoch nicht Ewan war. Wie töricht war dieser Verdammte eigentlich, sich gerade jetzt zu zeigen? Er lieferte sich selbst aus! Dachte er, die anderen Gesandten würden ihm auch nur annähernd so lange zuhören, wie er selbst es getan hatte?
Der Jüngling kam näher. Er trug eine dunkle Jeans und den gewohnten schwarzen Pullover mit der Kapuze, die seine Augen im Schatten ließ. Während er näher kam, hob er beide Hände. »Ich komme in Frieden.«
»Wer ist das, Michael?«, zischte Gabriel.
Was sollte er antworten? Darian war noch zu baff von der Tatsache, dass der Knabe in seinen eigenen Tod lief, als dass er sich eine kluge Antwort überlegen konnte. Doch das brauchte er auch nicht, denn der Verdammte kam ihm zuvor: »Ich will euch helfen. Mit euch gemeinsam arbeiten, um die Apokalypse zu verhindern.«
Resigniert schloss Darian die Augen. Der Knabe war dümmer, als er gedacht hatte. Und hatte ein viel zu loses Mundwerk.
»Was redest du da?«, fuhr Gabriel ihn an und überbrückte die Distanz zwischen ihnen. »Bist du ein Verdammter?«
Die Atmosphäre auf der Lichtung schlug augenblicklich um. Der Wind pfiff lauter, die Sonnenstrahlen versteckten sich hinter der grauen Wolkendecke. Alles war still, wartete darauf, dass der Eindringling sprach. Selbst die Vögel verstummten.
»Nein«, antwortete der Knabe ruhig. »Ich bin bloß ein Mensch. Eine Motte, die zu viel weiß. Aber ich kann euch behilflich sein, weil ich die Zukunft kenne. Ihr werdet die Apokalypse ohne mich nicht verhindern können. Ihr werdet sie herbeiführen.«
Bloß ein Mensch? Darian zuckte vor Überraschung zurück. Er musste lügen! Oder hatte er ihn an der Nase herumgeführt? Seine Gedanken überschlugen sich, er grub in seinen Erinnerungen, ob dieser Mann je zugegeben hatte, ein Verfluchter zu sein.
»Eine Motte? Als ob! Ihr habt keine Ahnung, was die Apokalypse überhaupt bedeutet!«, rief Gabriel. Sein junger, athletischer Körper passte zu seinem launischen Temperament. Er steckte die Hand in die hintere Hosentasche und zog ein Klappmesser heraus. Als die Klinge vor dem Gesicht des Fremden aufblitzte, zuckte niemand mit der Wimper.
»Gab …«, mahnte Michael.
»Ihr würdet keinen Menschen töten«, sprach der Typ unter der Kapuze. »Selbst wenn er eine nervige Motte ist und für die falsche Seite arbeitet. Eine Motte zu töten, bedeutet nämlich, einen weiteren Verfluchten zu riskieren.«
Damit hatte er Recht. Gesandte des Himmels durften keine Menschen töten, nicht in das Leben der Menschen eingreifen, auch wenn sie auf der Seite der Verfluchten standen. Nur wenn kein anderer Weg daran vorbeiführte, wie zum Beispiel bei dieser Kiara, durfte ihr Blut fließen, um die Seele eines Verdammten zu vernichten.
»Pech für dich, Kleiner. Ich glaube dir nämlich nicht«, erwiderte Gabriel unbeeindruckt – bevor er das Messer tief in den Magen des Fremden stieß.
Ein überraschtes Aufkeuchen verließ seinen Mund, er krümmte sich, doch da hatte Gabriel bereits ein weiteres Mal zugestochen. Blut spritzte über den Waldboden.
Michaels Körper sog scharf die Luft ein. Sein Herz schlug schneller.
Wenn dieser Bursche ein Mensch war … Gabriel hätte das nicht tun dürfen.
Die Gesandten beobachteten, wie der Fremde röchelte und die Hände vor dem Bauch zusammenschlug. Das Blut quoll erbarmungslos aus dem Loch in dem dunklen Pullover und färbte seine Finger rot.
Gabriel warf das Taschenmesser auf den Boden, dann riss er dem Verletzten die Kapuze vom Kopf.
Blonde Haare verbargen sich darunter. Und als der Junge den Kopf hob, schauten ihn blaue Augen an. Der Mund zu einem stillen »Oh« geöffnet.
Kiaras menschlicher Freund!
»Scheiße!«, fluchte Michael. Er wollte Gabriel das Genick dafür brechen. Dieser blonde Bursche war ein ahnungsloser Mensch! Das hatte er zumindest bisher angenommen, doch so ahnungslos konnte er nicht gewesen sein, wenn er hier auftauchte und über den Untergang der Welt sprach.
Noch bevor er Gabriels Kopf zurechtrücken konnte, knickten Falks Beine ein und er fiel zu Boden.
»Er ist also doch … nur eine Motte gewesen?«, fragte Uriel.
»Ich hätte ihm auch nicht geglaubt. So, wie er gesprochen hat. Was hat er überhaupt hier verloren?«, schaltete sich Raphael ein.
Doch Gabriel schüttelte den Kopf und die schwarzen Haare seines menschlichen Wirts peitschten durch die Luft. Er trat nach dem am Boden liegenden Körper und brach dann in schallendes Gelächter aus.
»Gabriel!«, schrie Michael aufgebracht. »Du bist des Wahnsinns! Geh zurück, Bruder! Erkläre den Göttern, was du getan hast!«
Doch sein Gelächter wurde nur lauter und lauter, hallte von den Baumwipfeln wider und hinterließ ein makabres Echo.
Gabriel bückte sich und zog den Körper des Menschen hoch. Wie eine schlaffe Marionette hielt er Falk in die Luft.
»Er ist ein guter Schauspieler. Und ein Lügner. Aber weißt du was, verdammte Seele?« Er hielt ihn am Kragen fest, sodass sich Falks Ohr neben Gabriels Lippen befand. Die Augen des Jungen waren geschlossen, als Gabriel ihm etwas ins Ohr flüsterte. Michael verstand jedes Wort: »Es war tapfer von dir, hierherzukommen, mein Freund. Die anderen haben deiner Lüge beinahe geglaubt. Aber ich stehe hier neben dir … und wärst du ein bloßer Sterblicher, so hätte dein Herz schon aufgehört zu schlagen. Doch es schlägt. Und deine Wunde verheilt.«
Mit diesen Worten hob er den mit Blut besudelten Pullover hoch, sodass die Gesandten den nackten Oberkörper des Jungen betrachten konnten. Sein Bauch war zwar blutverschmiert, doch die Wunde hatte sich bereits geschlossen.
Falks Lider flatterten, er blickte finster von einem zum anderen. »Verdammt.«
»Genau das bist du«, säuselte Gabriel mit einem schiefen Grinsen. »Michael, gib mir deine Klinge.«
Das Blut in Michaels Körper schien in den Adern zu gefrieren. Er rührte sich nicht. Von den Anwesenden war er der einzige Gesandte mit einer himmlischen Waffe. Er könnte diesen blonden Verdammten auf der Stelle auslöschen, wenn er wollte.
»Ich habe die Klinge nicht hier«, log er. Weshalb, wusste er nicht. Dieser Verdammte folgte ihm nun schon zu lange, war auf eigenen Beinen zu seiner Hinrichtung marschiert – er schien also etwas zu bezwecken, was wichtiger war als seine Existenz. »Wir sollten ihn erst mal verhören. Über das, was er zu sagen hat.«
Raphael lachte. »Und weshalb sollten wir ihm glauben? Er würde uns alles erzählen, nur um nicht sterben zu müssen.«
»Ich sage die Wahrheit, ich schwöre es«, beteuerte der Blonde. War Falk überhaupt sein richtiger Name? Michael konnte immer noch nicht fassen, dass er Kiaras menschlicher Begleiter war, der so ahnungslos getan hatte. Still und unauffällig hatte er mit ihnen im Auto gesessen und Kiaras Beschützer gespielt. Ob sie wohl ahnte, wer er in Wahrheit war?
»Ihr dürft Kiara nicht töten! Wenn sie stirbt, wird sie ebenfalls verdammt und dann gibt es einen nur noch größeren Riss im System. Das System wird zusammenbrechen«, fuhr der Blonde fort. Er schien nicht einmal Angst zu haben, obwohl Gabriel ihn immer noch fest im Griff hielt.
»Das System wird zusammenbrechen, wenn wir unsere Arbeit nicht richtig erledigen, indem wir solche Seelen wie dich und Ewan verschonen. Genau deshalb wird es keine Gnadenfrist mehr geben«, knurrte Gabriel. »Ewan wird eliminiert. Das Menschenmädchen wird sterben. Und du wirst getilgt. Ihr alle drei. Du kannst nichts daran ändern.«
Falk schloss die Augen, Qual überzog sein Gesicht, als hätte man ihm das Messer erneut in den Oberkörper gestoßen. Sein Kiefer spannte sich an, als er die Zähne zusammenbiss. Michael sah förmlich die Gedanken des Jungen. Ich habe versagt, stand ihm ins Gesicht geschrieben.