Kitabı oxu: «Gleichnisse»

Şrift:

Kurt Erlemann

Gleichnisse

Theorie – Auslegung – Didaktik

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Umschlagabbildung: © Öko Wein- und Sektgut Gretzmeier in 79291 Merdingen

© 2020 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen

Internet: www.narr.de

eMail: info@narr.de

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

utb-Nr. 5494

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ISBN 978-3-8252-5494-0 (Print)

ISBN 978-3-8463-5494-0 (ePub)

Inhalt

  Klaus Berger (1940-2020) in ...

  Vorwort

 1 Einführung1.1 Die Intention des Buches1.2 Das Konzept des Buches1.3 Einführende Thesen1.4 Vergleichende Textformen1.4.1 Parabel / Gleichnis / Parömie1.4.2 Fabel / Mythos / Deklamation1.4.3 Allegorie1.4.4 Rhetorische Stilformen1.5 Gleichnisspezifische Termini1.5.1 Ausgangs-, Übergangs- und Erzählebene1.5.2 Bild- bzw. Erzählebene und Deutungsebene1.5.3 Bildspender und Bildempfänger1.5.4 Tertium bzw. tertia comparationis1.5.5 Pointe1.5.6 Fiktionalität und Appellstruktur1.5.7 Konterdetermination1.5.8 Extravaganz1.5.9 Transfersignale1.5.10 Theologischer Bezugsrahmen (‚Sache‘)1.5.11 Sprachgeschehen bzw. Sprachereignis1.5.12 ‚Eigentliche‘ vs. ‚uneigentliche‘ Rede

 2 Gleichnisforschung im Überblick2.1 Der Ausgangspunkt: Adolf Jülicher2.1.1 Ausgangspunkt: anti-allegorischer Affekt2.1.2 Gleichnisdefinition und Auslegungsinteresse2.1.3 Formkritik der Gleichnisse2.1.4 Das bleibende Vermächtnis Jülichers2.2 Zwischenschritte zur modernen Gleichnisforschung2.2.1 Gleichnisse als frühjüdische Gattung2.2.2 Die eschatologische Deutung2.2.3 Die ‚metaphorische Wende‘2.2.4 Kritik an der ‚metaphorischen Wende‘2.2.5 Revision des Allegorie-Begriffs2.2.6 Neuere Trends2.3 Die aktuelle Diskussion2.4 Auswertung: Leitende Fragestellungen und Alternativen2.4.1 Ein einziger vs. mehrere Vergleichspunkte2.4.2 Gleichnis vs. Allegorie2.4.3 Rhetorischer vs. po(i)etischer Zweck2.4.4 Kontextualität / Autorintention vs. ästhetische Autonomie / Leserzentriertheit2.4.5 Theologische Inhalte vs. ‚Sprachereignis‘2.4.6 Mündliche vs. schriftliche Gleichnisse2.4.7 Auslegungsbedarf vs. -abstinenz2.4.8 Reich Gottes vs. Vielfalt theologischer Inhalte2.4.9 Gleichnistypen vs. ‚alles Parabel‘2.4.10 Fazit: Der Erkenntnisgewinn aus hundert Jahren Gleichnisforschung2.5 Aspekte einer weiterführenden Gleichnistheorie2.5.1 Sprachliche und narrative Merkmale2.5.2 Gleichnis und Allegorie / Metapher2.5.3 Poetische Rhetorik, rhetorische Poetik2.5.4 Wirkung und Sprachkraft2.5.5 Grundlagen der Gleichnisauslegung2.5.6 Der theologische Bezugsrahmen2.5.7 Textpragmatik und Gleichnistypen2.5.8 Das Proprium der Gleichnisse Jesu2.5.9 Gleichnisdefinition

 3 Schritte der Gleichnisauslegung3.1 Ermittlung und erzählinterne Formulierung der Pointe3.1.1 Erzählintern vs. theologisch formulierte Pointe3.1.2 Methodisches Vorgehen3.2 Ermittlung des Gleichnistyps3.2.1 Identifikation als Gleichnis / Metapher3.2.2 Bestimmung des Gleichnistyps3.3 Decodierung von Metaphern und Bildfeldern3.3.1 Polyvalenz und Dynamik3.3.2 Innere Logik des Textes3.3.3 Verstehens- und Erwartungshorizont3.4 Ermittlung der Deutungsebene und theologische Formulierung der Pointe3.4.1 Ermittlung des theologischen Bezugsrahmens3.4.2 Theologische Formulierung der Pointe

 4 Musterexegesen und Theologie4.1 Naturgleichnisse4.1.1 Die selbstwachsende Saat (Mk 4,26-29)4.1.2 Die Vögel und die Lilien (Mt 6,25-32par.)4.1.3 Die Geburtswehen (Mk 13,8par. Mt 24,8)4.2 Weisheitsgleichnisse4.2.1 Fasten auf der Hochzeit (Mk 2,18-20parr.)4.2.2 Der Olivenbaum (Röm 11,17-24)4.2.3 Das Testament (Hebr 9,15-17)4.3 Alltagsgleichnisse4.3.1 Der Hausbau (Mt 7,24-27par.)4.3.2 Das verlorene Schaf (Mt 18,12-14par.)4.3.3 Der Schalksknecht (Mt 18,23-35)4.3.4 Die zehn Jungfrauen (Mt 25,1-13)4.3.5 Die Witwe und der Richter (Lk 18,1-8)4.4 Identitätsgleichnisse und -metaphern4.4.1 Der gute Hirte (Joh 10,1-18)4.4.2 Der Leib Christi (1 Kor 12,12-31)4.4.3 Das Angeld der Erlösung (2 Kor 1,22 u. a.)4.5 Ausblick: Die Theologie der Gleichnisse4.5.1 Der theologische Aspekt4.5.2 Der christologische Aspekt4.5.3 Der pneumatologische Aspekt4.5.4 Der kosmologische Aspekt4.5.5 Der anthropologische Aspekt4.5.6 Der ekklesiologische Aspekt4.5.7 Der ethische Aspekt4.5.8 Der soteriologische Aspekt4.5.9 Der eschatologische Aspekt4.5.10 Ergebnis: Keine einfache ‚Sache‘!

 5 Didaktische Impulse5.1 Vorbemerkungen5.2 Pädagogische Überlegungen5.3 Von der Exegese zum Unterricht5.4 Gleichnisauswahl und Curricula5.4.1 Vorgaben der Kerncurricula5.4.2 Einordnung der Mustergleichnisse5.4.3 Ergebnis5.5 Didaktische Möglichkeiten5.5.1 Gleichnistheorie und Methoden5.5.2 Textunabhängige Methoden5.6 Musterbeispiele5.6.1 GS (3./4. Klasse): Selbstwachsende Saat5.6.2 Sek I (5.+6. Klasse): Der Schalksknecht5.6.3 Sek I (5.+6. Klasse): Der Olivenbaum5.6.4 Sek I (7.-10. Klasse): Die Vögel und Lilien5.6.5 Sek II (10./11. Klasse): Der Leib Christi5.6.6 Sek II (GK, LK): Der gute Hirte5.6.7 Berufskolleg: Der Hausbau

 ServiceteilS 1 AbkürzungenS 2 GlossarS 3 Schlagwörter (in Auswahl)S 4 TextstellenAltes TestamentAlttestamentl. ApokryphenFrühjüdische SchriftenNeues TestamentNtl. ApokryphenSonstige AutorenS 5 Übersicht: GleichnistexteS 5.1 Naturgleichnisse und NaturmetaphernS 5.2 WeisheitsgleichnisseS 5.3 AlltagsgleichnisseS 5.4 Identitätsgleichnisse und –metaphernS 6 Literatur1. Primärliteratur2. Sekundärliteratur

Klaus Berger (1940-2020) in Memoriam

Vorwort

Gleichnisse sind rätselhaft und faszinierend zugleich. Vergleichende Rede von Gott ist ein Kernstück der Verkündigung Jesu. Gleichnisse und Metaphern prägen die Sprache der Bibel in besonderem Maße. Bis heute erfreuen sich Gleichnisse großer Beliebtheit in Verkündigung und Religionsunterricht. Bis heute sind Gleichnisse und Metaphern Gegenstand wissenschaftlichen Nachdenkens.

Der UTB-Band ist Ergebnis jahrzehntelanger, wissenschaftlicher und existenzieller Beschäftigung mit den Gleichnissen Jesu und anderen vergleichenden Texten der Bibel. Zahlreiche Aspekte der Gleichnistheorie seit Adolf Jülicher, Fragen der exegetischen Erschließung vergleichender Texte, theologische Reflexionen sowie didaktisch-methodische Überlegungen fließen in das Buch ein. Das Buch ist im besten Sinne eine Kombination aus Fach- und Lehrbuch: Erstens, es ermöglicht einen raschen Einstieg in Grundbegrifflichkeiten (Kapitel 1). Zweitens, es bietet einen informativen Überblick über die Geschichte der Gleichnisforschung (Kapitel 2). Drittens, es entwickelt die Gleichnisforschung kreativ weiter (Abschnitt 2.5). Viertens, es führt in die Methodik der Gleichnisauslegung ein und konkretisiert sie an Musterexegesen (Kapitel 3 und 4). Fünftens, es schenkt einen Einblick in den Reichtum der Gleichnis-Theologie (Abschnitt 4.5). Sechstens, es setzt Impulse für eine verantwortbare Gleichnisdidaktik und konkretisiert sie anhand von praktischen Skizzen (Kapitel 5). Eingestreute Definitionen zu einzelnen Begriffen, Grafiken, Tabellen, Textbeispiele zu einzelnen Theorie-Aspekten sowie ein reichhaltiger Service-Teil komplettieren das Angebot dieses UTB-Bandes.

Viele Menschen haben zum Gelingen des Bandes beigetragen: Wichtige Forschungsimpulse verdanke ich dem Dialog mit dem geschätzten Kollegen Ruben Zimmermann. Für Literatur-Recherchen danke ich Simon Dietz. Wertvolle inhaltlich-didaktische Hinweise verdanke ich meinen verehrten Freunde und Kollegen Tim Schramm und Gunther vom Stein. Lisa Katharina Beckmann leistete akribische und vorbildliche Korrekturarbeit. Daniel Schmitz und Thomas Wagner haben mir in Corona-Zeiten selbstlos den Rücken freigehalten. Für die Begleitung auf Verlagsseite danke ich Kristina Dronsch, Valeska Lembke und Gunter Narr, dem langjährigen Wegbegleiter und Verleger meiner wissenschaftlichen Arbeiten. Für alle andere, unschätzbare Unterstützung und nicht selbstverständliche, enorme Rücksichtnahme sage ich meiner Frau Steffi Springer ausdrücklich Dank! Gewidmet ist das Buch dem langjährigen Freund, Weggefährten und Ideengeber Christhard Lück. Et hätt noch immer joot jejange!

Kurt Erlemann, Neviges, August 2020

1 Einführung

Das vorliegende Buch ist das fünfte in einer Reihe von Gleichnisbüchern des Autors seit 1988. Es dokumentiert die Entwicklung, welche die Gleichnisforschung seit den 1980er Jahren genommen hat, und vollzieht einen weiteren Schritt in der theoretischen Erschließung der biblischen Gleichnistexte. Er erschien notwendig, da durch Beiträge zum Thema der letzten Jahre – allen voran das von Ruben Zimmermann 2007/2008 herausgegebene, zweibändige ‚Gleichniskompendium‘ – viele frühere Erkenntnisse revisionsbedürftig schienen. Dazu gehören eine Reihe von Fachbegriffen, die dank interdisziplinärer Zusammenarbeit neu zu fassen sind, aber auch Überlegungen zu einer Unterteilung der Gleichnisstoffe. Im Folgenden werden die Intention (1.1) und das Konzept des Buches (1.2) vorgestellt, bevor mit Thesen und Begriffsklärungen der Einstieg ins Thema erfolgt (1.3 – 1.5).

1.1 Die Intention des Buches

Das Buch ist vom Format her eine Neuauflage des 1999 erschienenen, schon lange vergriffenen UTB-Bandes „Gleichnisauslegung. Ein Lehr- und Arbeitsbuch“ (UTB 2093) und ähnlich konzipiert. Zwischen beiden Büchern liegen freilich über zwanzig Jahre Forschungsarbeit an den Gleichnissen. Ebenfalls bei UTB ist das zusammen mit Irmgard Nickel-Bacon und Anika Loose 2014 erarbeitete Buch „Gleichnisse – Fabeln – Parabeln“ (UTB 4134) erschienen. Der Band zeichnet sich durch den interdisziplinären Zugang (Theologie – Sprachwissenschaft – Religionspädagogik) aus, ist aber in vielen Punkten noch der älteren Gleichnistheorie verpflichtet. 2017 erschien in einer Reihe leicht verständlicher Einführungen ins Neue Testament „Fenster zum Himmel. Gleichnisse im Neuen Testament“, das einige frühere gleichnistheoretische Erkenntnisse korrigiert. Der vorliegende Band versucht auf dieser Grundlage, die seit 1999 eingegangenen Inputs zum Thema zu bündeln und in ein weiterführendes Konzept zu integrieren (→ 2.5).

1.2 Das Konzept des Buches

Das Buch bietet, neben einem Überblick über die Gleichnisforschung seit Adolf Jülicher, einen gleichnistheoretischen Neuansatz, eine Einführung in die Auslegungsmethodik, eine Reihe von Musterexegesen, einen Ausblick auf die Theologie der Gleichnisse und didaktische Impulse für verschiedene Schulstufen.

Den Einstieg bilden einführende Thesen zu den wichtigsten gleichnistheoretischen Erkenntnissen des Buches (1.3). Es folgt ein Überblick über die gängigsten vergleichenden Textformen, die auf Grundlage interdisziplinärer Forschung definiert werden (1.4). Die Klärung wichtiger gleichnisspezifischer Termini schließt sich an (1.5). Kapitel 2 bietet die Geschichte der Gleichnisforschung in einem chronologischen Längsschnitt (2.1–2.4). Eine systematische Auswertung sowie Überlegungen zu einer weiterführenden Gleichnistheorie schließen sich an (2.4; 2.5). Kapitel 3 erschließt den exegetischen Weg der Gleichnisauslegung auf Grundlage der historisch-kritischen Methode.1 Kapitel 4 enthält Musterexegesen zu verschiedenen Gleichnistypen (4.1–4.4) sowie einen ausführlichen Blick auf den theologischen Bezugsrahmen der Gleichnisse (4.5). Kapitel 5 geht den Weg von der Exegese zum Untericht und führt in eine integrative Didaktik gleichnishafter Texte ein, orientiert an den Kernlehrplänen für Evangelische Religionslehre des Landes Nordrhein-Westfalen. Abgerundet wird das Buch durch einen Serviceteil mit einem Abkürzungsverzeichnis, einem Glossar inklusive Übersetzung fremdsprachlicher Ausdrücke, einem Schlagwort- und Textstellenregister, einer Übersicht über die neutestamentlichen Gleichnistexte sowie mit einem Literaturverzeichnis.2

1.3 Einführende Thesen

Die wichtigsten gleichnistheoretischen Erkenntnisse dieses Buches werden vorab in Form kurzer Thesen vorgestellt und unter → 2.5 zu einem Konzept gebündelt.

These 1: Gleichnisse sind Brücken zwischen Alltagswelt und Gottes Welt

Analogische, vergleichende Sprache verbindet eigentlich getrennte Wirklichkeitsbereiche miteinander und erschließt damit Unbekanntes (Bildempfänger) durch Bekanntes (Bildspender). Was für vergleichende rhetorische Stilfiguren gilt, trifft für narrativ ausgestaltete Gleichnisse im Besonderen zu: Sie öffnen ein ‚Fenster zum Himmel‘ und zeigen, wie Gott ‚tickt‘ – freilich, ohne ihn auf bestimmte Vorstellungen zu fixieren. Gleichnisse zeigen Ähnlichkeiten zwischen Alltagswelt und der Welt Gottes, aber auch die bleibenden Unterschiede auf (→ 2.5.1).

These 2: Gleichnisse können mehr als Metaphern

Der letzte Satz von These 1 trifft nur für narrativ ausgestaltete Gleichnisse zu. Metaphern können lediglich Analogien oder Unterschiede zwischen zwei Wirklichkeitsbereichen aufzeigen, aber nicht beides zugleich. Die Komplexität des Verhältnisses zwischen Alltagswelt und der Welt Gottes lässt sich nur durch eine fiktionale, dynamisch fortlaufende narratio abbilden. Gleichwohl darf die Metapher (→ 1.4.4b, wie auch der Vergleich, → 1.4.4a) als Grundbaustein der Sprache gelten: Ihr Vorzug besteht darin, Vergleichbarkeiten so auf den Punkt zu bringen, wie es nicht-vergleichender Sprache nicht möglich ist (→ 1.5.12; 2.5.2b).

These 3: Gleichnisse und Metaphern sind auslegbar, aber unersetzbar

Gleichnisse und Metaphern sind auf Deutung hin angelegte Rätselrede. Sie sagen das, worum es geht, ‚durch die Blume‘. Das heißt, ihr eigentlicher Sinn erschließt sich nur durch Deutung. Der Deutungsrahmen ist durch einen gemeinsamen Verstehenshorizont von Autor und Adressaten vorgegeben. Gleichnisse und Metaphern haben einen bleibenden Sinnüberschuss, der im vorgegebenen Rahmen immer wieder neue Deutungen ermöglicht. Das heißt: Gleichnisse und Metaphern sind nicht durch ‚klare Ansage‘ ersetzbar. Gleichnisse leben zudem von der Dynamik der Erzählung, die ebenfalls unersetzlich ist (→ 1.4.4b; 2.5.5c).

These 4: Gleichnisse sind poetisch, haben aber einen rhetorischen Zweck!

Gleichnisse und Metaphern sind poetisch: Sie lassen die Wirklichkeit neu sehen, öffnen ein ‚Fenster zum Himmel‘, machen die Sphäre Gottes ausschnittweise zugänglich. Das Mittel hierfür ist die Analogie zwischen Bekanntem und Unbekanntem, dargeboten durch eine fiktionale, realistisch wirkende narratio, mit dem Ziel, die Herzen spielerisch zum Umdenken, besser: zum Umfühlen zu bewegen (Umkehr, gr. metánoia: Kurskorrektur im Denken und Fühlen).

Mit diesen Eigenschaften sind Gleichnisse und Metaphern regelmäßig in längere Argumentationen eingebettet und unterstützen diese nach dem Motto: ‚Ein (Sprach-)Bild sagt mehr als tausend Worte‘. Die Poesie ist ein rhetorisches Mittel, um Emotionen und Herzen zu bewegen. Rhetorik ohne Poesie wäre einseitig kognitiv und würde Gottes Herrschaft nicht gerecht, die ganz wesentlich von empathischer, gütiger, barmherziger Zuwendung und Liebe lebt (→ 2.5.3b).1

These 5: Die Gleichnisbotschaft Jesu bietet esoterisches Sonderwissen!

Die so genannte synoptische Parabeltheorie Mk 4,10-13parr., die Deutung des Gleichnisses vom Sämann (Mk 4,14-20parr.) und die Notiz Mk 4,33f. belegen, dass Jesu Lehre esoterisch angelegt ist: Ihre eigentliche Zielgruppe sind ‚Insider‘; die Gleichnisdeutung ist exklusiv an die Jünger gerichtet.2 Jesus, der Esoteriker, der seinen Jüngern Sonderlehren vermittelt: Diese Vorstellung sperrt sich gegen das liberal-theologische, von Jülicher übernommene Bild von Jesus als ‚Vorzeige-Pädagogen‘, der seine Lehre in unübertrefflicher Klarheit den Menschen vortrug.3

Theologisch erklärt die esoterische Gleichnisdeutung der Synoptiker, weshalb Jesus bei vielen Menschen nicht auf offene Ohren stieß: weil die Erkenntnis der Gottesherrschaft eine Offenheit und eine Lernbereitschaft voraussetzt, die viele Menschen aufgrund von (göttlich verhängter, zeitweiliger) Verstockung nicht mitbringen. Selbst die Jüngerinnen und Jünger stehen ständig in der Gefahr des Nichtverstehens (vgl. Mk 4,13.40; 6,52 u. ö.). – Auf der leserbezogenen Ebene sind die Gleichnisse eine Einladung, zu ‚Insidern‘ zu werden. Das heißt, sie sind werbend-missionarisch ausgerichtet. ‚Geheimwissen weckt Neugier‘ – so lässt sich der pädagogische Sinn esoterischer Unterweisung umschreiben. Die Gegner Jesu und die kleingläubigen Jünger fungieren hier als Negativ-Vorbilder (→ 2.5.3b).

These 6: Die Gleichnisse Jesu sind eschatologische Gerichtsrede, kein ‚Sprachereignis‘!

Mk 4,10-13parr. läuft auf die Unterscheidung von Insidern und Außenstehenden hinaus (V.11). Die Jünger kennen das Geheimnis der Herrschaft Gottes (gr. basileía tou theoú); die anderen entdecken es nicht einmal durch gleichnishafte Rede, denn sie sind verstockt (V.12). Die Gleichnisse sind das Mittel der Wahl, um das Gericht an den Verstockten voranzutreiben.4 Die Reaktion auf das Winzergleichnis Mk 12,1-12parr. bestätigt die eschatologisch-kritische Funktion der Gleichnisse: Die angesprochenen Gegner Jesu lassen sich nicht belehren, im Gegenteil. – In der polarisierenden Wirkung der Gleichnisse und des sonstigen Wirkens Jesu vollzieht sich der endzeitliche Gerichtsprozess gewissermaßen in erster Instanz. Die zweite Instanz, das Weltgericht nach der Parusie Christi, macht das Urteil der ersten Instanz offenbar.5 – Allerdings ist ein Gleichnis kein performatives Sprachereignis, das die basileía Gottes allein durch den Erzählvorgang Wirklichkeit werden ließe. Erzählvorgang und Realisierung sind streng zu unterscheiden. Die Realisierung des Endgerichts oder der Gottesherrschaft gehört allenfalls zu den Wirkungen der Gleichnisse (→ 2.2.3d; 2.2.4; 2.5.4).

These 7: Nicht nur die Gleichnisse sind ‚Urgestein‘ der Jesusüberlieferung!

Seit Jülicher gelten Gleichnisse als ‚Urgestein‘ der Jesusüberlieferung. Das suggeriert, man hätte mittels der Gleichnisse einen direkten und zuverlässigen Zugang zum historischen Jesus. Gleichnisforschung war dementsprechend lange Zeit eine Funktion der Jesusforschung.6 Dagegen ist zu halten, dass die Gleichnisse genau wie andere Jesusstoffe bis zur Verschriftlichung erheblichen Transformationen ausgesetzt waren (Rekontextualisierung, Allegorisierung, redaktionelle Angleichungen). Logien, Wundererzählungen, Passionsbericht etc. sind nicht mehr und nicht minder ‚Urgestein‘ der Jesusüberlieferung. – Außerdem ist die Rekonstruktion der Gleichnisse in ihrer mündlichen Urgestalt (ipsissima vox Jesu) exegetisch und hermeneutisch fragwürdig. Das Postulat eines Gleichnis-Idealtyps im Sinne Jülichers und das dabei leitende Jesusbild sind hypothetisch und subjektiv eingefärbt. Der Ansatz des vorliegenden Entwurfs lautet daher: Die schriftlich fixierten Gleichnisse sind hermeneutisch authentische Modelle der Aktualisierung der Gleichnisbotschaft Jesu. In Konsequenz werden die Gleichnisse redaktionskritisch, das heißt als Teil eines antiken Kommunikationsgeschehens zwischen dem Evangelisten und seiner Zielgruppe, betrachtet (→ 2.1.1; 2.2.2; 2.2.6b; 2.5.5b).

These 8: Ohne den Prozess der Allegorisierung wären die Gleichnisse unverständlich!

Der Vorgang der Allegorisierung, das heißt der nachträglichen Anreicherung eines Textes mit (zusätzlichen, veränderten) Transfersignalen, ist positiv zu werten. Er führt zur Aktualisierung des Gleichnistextes in einer veränderten hermeneutischen Situation und ermöglicht es, den ursprünglichen, möglicherweise unverständlich gewordenen Text späteren Adressaten zugänglich zu machen.7

Allegorisierung geschieht etwa durch Einfügung von Extravaganzen und zeitgeschichtlichen Anspielungen. Das Motiv der Zerstörung der Stadt im Hochzeitsgleichnis Mt 22,1-14 (V.7) ist eine Anspielung auf die Zerstörung Jerusalems (70 n.Chr). Die Vertauschung der Ereignisfolge im Winzergleichnis (Mk 12: erst Tötung, dann Hinauswurf aus dem Weinberg; umgekehrt Mt 21par. Lk 20) spiegelt den historischen Vorgang der Tötung Jesu außerhalb der Stadt wider (→ 2.2.5b; 2.5.5b).

These 9: Alle Gleichnisse sind Allegorien!

Das gilt erst einmal etymologisch (gr. állo légein – etwas anderes sagen, als man meint). Gleichnisse denken ‚um die Ecke‘ bzw. vermitteln ihre Botschaft ‚durch die Blume‘. Die antike Rhetorik nennt das ‚uneigentliche‘ Rede.8 Als Allegorien im wörtlichen Sinne sind Gleichnisse rätselhaft und auf Deutung hin angelegt. Das zeigen schon die synoptische Parabeltheorie Mk 4,10-13parr. und die erste, gleichsam programmatische Deutung eines Gleichnisses im Markusevangelium, Mk 4,14-20 (vgl. Mt 13,36-43!). – Von der etymologischen Bedeutung von Allegorie ist Allegorie als Gattungsbegriff zu unterscheiden (→ 1.4.3; 2.2.5b; 2.5.2a).

These 10: Gleichnis und Allegorie unterscheiden sich in ihrer Zwecksetzung!

Transfersignale weisen auf einen externen Referenzrahmen (Deutungsebene) des Erzählten hin und machen das Gleichnis somit als Gleichnis kenntlich. Zu unterscheiden sind Signale, die den Textsinn klären, ihn lediglich andeuten oder ihn sogar verschleiern (→ 1.5.9). Die These lautet: Das Verhältnis zwischen Gleichnis und Allegorie entspricht dem Mischungsverhältnis von klärenden, andeutenden und verschleiernden Textsignalen. Für den werbend-missionarischen Charakter von Gleichnissen ist ein ausgewogener Mix aller Textsignal-Sorten Voraussetzung. Der Unterschied zwischen Gleichnis und Allegorie ist, so gesehen, textpragmatischer, nicht formkritischer Art. Die Allegorie ist als Extremfall gleichnishafter Rede anzusehen, in dem verschleiernde Transfersignale (kühne Metaphern, Chiffren, Surrealistik) dominieren, klärende und andeutende dagegen weitgehend fehlen. Das verleiht den Texten einen hermetischen Charakter; Allegorien sind hermetische Gleichnisse. Biblische Allegorien finden sich bevorzugt in subversiv-apokalyptischer Literatur (Daniel, Johannesoffenbarung). Sie sind nur für Insider verständlich, die den (im Text nicht genannten) Verstehenscode kennen und damit die Geheimsprache der Allegorie dechiffrieren können. Die Dechiffrierung (Allegorese) geschieht im Reißverschluss-Verfahren (→ 2.1.3g; 2.5.5d).

These 11: Das Auslegungsverfahren der Allegorese ist kein Tabu!

Der Blick auf die synoptische Parabeltheorie und die programmatischen Gleichnisdeutungen in Mk 4parr. zeigte noch ein Weiteres: Allegorese als Auslegungsverfahren ist nicht per se tabu! Die Evangelisten führen exakt das vor, was in historisch-kritischer Exegese seit Jülicher verpönt ist: Allegorese als legitimes Auslegungsverfahren. Dabei werden die einzelnen Bildelemente des Gleichnisses, selbst rein dekorative wie Weg, Fels und Dornen, vorbehaltlos ausgedeutet. Allegorese gibt es auch in anderen neutestamentlichen Texten, vgl. Gal 4,21-31.

Für den historisch-kritischen Zugang folgt daraus die Forderung nach einer Enttabuisierung des Allegorese-Verfahrens für solche Texte, die mangels klärender Transfersignale wie Einleitung oder Anwendung einen hermetischen Zug aufweisen. Hierzu gehört etwa das Sämann-Gleichnis Mk 4,3-9parr. Erst recht ist Allegorese bei Allegorien in intravisionären Texten angebracht (→ 2.5.2a; zur Allegorese → 2.2.5b). Bei vielen anderen Gleichnissen sind allerdings nach wie vor Pointenermittlung und die Decodierung der Metaphorik leitend (→ 2.5.5d; 3.1 – 3.4).9

These 12: Es lassen sich Gleichnistypen unterscheiden – allerdings nicht formkritisch, sondern textpragmatisch!

Eine formkritische Unterscheidung von Gleichnistypen, wie sie die ältere Gleichnisforschung versucht hatte, ist heute nicht mehr konsensfähig – zu viele Mischformen sind erkennbar; zu willkürlich, nicht abgedeckt durch die antike Formenlehre, erscheinen die Unterscheidungskriterien. Dem programmatischen Verdikt Ruben Zimmermanns „Parabeln – sonst nichts!“10 hält der vorliegende Entwurf eine textpragmatisch begründete Einteilung der Gleichnisstoffe entgegen. Die These lautet, dass bestimmte Fragestellungen und Themen mithilfe passender Bildfelder und Erzählstrategien bearbeitet und gelöst werden. Insgesamt vier textpragmatische Modelle und damit vier Gleichnistypen lassen sich voneinander unterscheiden: Natur-, Weisheits-, Alltags- und Identitätsgleichnisse. Die Unterscheidung hat eine heuristische Funktion, das heißt, sie dient lediglich der Orientierung bei der Erschließung vergleichender Texte (→ 2.5.7).

These 13: Die Rede von der ‚Sache‘ ist unsachgemäß und daher aufzugeben!

Seit Jülicher gilt Gottes basileía als Passepartout zur Deutung der Gleichnisse. Abgesehen davon, dass Gottes Reich bzw. Herrschaft längst nicht bei allen Gleichnissen als Bezugspunkt genannt wird, ist das, worum es im Gleichnis eigentlich geht, erheblich komplexer, als es der Begriff ‚Sache‘ einzufangen vermag: Die Deutungsebene beinhaltet ein komplexes Bündel religiöser Erfahrungen und theologischer Erkenntnisse vom Gottesbild über die Christologie und die Ekklesiologie bis hin zur Ethik und Eschatologie. Kurz: Die Gleichnisse Jesu unterziehen alle Themenbereiche theologischen Nachdenkens einer Revision; nichts ist mehr so, wie es sich vorher dargestellt hat. Die Welt, die Zeit, der Alltag usw. erhalten durch die Ansage der Nähe Gottes und seiner heilvollen Wirklichkeit etwas Vorläufiges, Relatives und neu zu Durchdenkendes. Der nahe Gott wirbelt alles durcheinander – das Denken, das Fühlen, das Handeln – und stellt menschliche Wertmaßstäbe in Frage. Angesichts der ungeheuren Dynamik und des provokativen Potenzials der Gleichnisbotschaft erscheint der Begriff ‚Sache‘ unsachgemäß. Besser ist von einem theologischen Bezugsrahmen zu sprechen, innerhalb dessen viele theologische Aspekte angesprochen werden (→ 1.5.10; 2.5.6).

These 14: Gleichnisse führen zurück zu den basics eines gelingenden Lebens

Gleichnisse eröffnen vom Standpunkt der Nähe Gottes aus einen neuen Blick auf den Alltag. Vieles, was bislang unmöglich schien, erscheint auf einmal möglich. Vieles, was gesellschaftliche Akzeptanz besaß, erscheint dagegen deplatziert. Entlarvt werden faule Kompromisse, Klischees, fragwürdige Verhaltensmuster und unheilvolle Moral. Prioritäten und Werteskalen werden auf den Kopf gestellt. Die gemeinsame Fluchtlinie all dieser Irritationen lautet: Gott ist nah; er kommt, um die Menschen zu einem Leben in Fülle zu befreien. Alles, was dies behindert, hat keinen Raum mehr! Der Alltag ist damit bedeutunglos geworden (→ 2.5.7).

These 15: Jülicher hat vieles richtig gesehen!

Adolf Jülicher wurde in den letzten hundert Jahren von unterschiedlichen Seiten der Gleichnistheorie kritisiert und demontiert. Es stellt sich bei näherem Hinsehen jedoch heraus, dass viele seiner Erkenntnisse in die richtige Richtung gingen:

1. Jülichers Überzeugung vom rhetorischen Zweck der Gleichnisse hat in den letzten Jahrzehnten wieder viel Zustimmung erfahren (vgl. These 4).

2. Schon Jülicher erkannte die poetische Seite der Gleichnisse, auch wenn er sie nicht gleichnistheoretisch fruchtbar machte (vgl. These 4).11

3. Der Vorgang der Allegorisierung lässt sich exegetisch nachvollziehen, auch wenn er heute anders bewertet wird (vgl. These 8).

4. Allegorie und Gleichnis stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander, auch wenn dies heute anders bestimmt wird (vgl. Thesen 9 und 10).

5. Das Verständnis der Allegorie als einer verschleiernden Redeweise und Jülichers anti-allegorischer Affekt sind im Kern richtig. Bei einigen Gleichnistexten ist freilich Allegorese geboten und durch Mk 4parr. auch legitimiert (vgl. These 11).

6. Die Einteilung in Gleichnistypen ist nach wie vor ein Desiderat (vgl. These 12).

7. Die Annahme einer ‚Sache‘ der Gleichnisse wird auch heute weithin vertreten, auch wenn der Begriff nicht mehr sachgemäß scheint (vgl. These 13).

8. Die antike Rhetorik ist und bleibt für die Theoriebildung ein Fixpunkt.

9. Am Kontextbezug der Gleichnisse wird noch immer mehrheitlich festgehalten.

10. Auch an der Bedeutung der Pointe (bei Jülicher: tertium comparationis) für die Gleichnisauslegung wird festgehalten.

Manche Überzeugungen sind freilich überholt: die Bewertung von Metapher und Allegorie, der Erzählform, des ‚Idealtyps‘, der Allegorisierung, der esoterischen Tendenz, rabbinischer Vergleichstexte oder der Gleichnis-‘Sache‘. Die Entwicklungen sind veränderten Fragestellungen und neueren methodischen Zugängen geschuldet; sie schmälern aber das Vermächtnis Jülichers in keiner Weise (→ 2.1.4).

1.4 Vergleichende Textformen1

Rund um die Gleichnisforschung sind einige Fachbegriffe vorab zu klären. Mehr als hundert Jahre verzweigter Forschungsgeschichte über verschiedene Fachdisziplinen hinweg führten zu uneinheitlichen Begriffsdefinitionen, so etwa die vergleichenden Textformen selbst und Jülichers formkritisch motivierte Bestimmung von Gleichnistypen.2 Andere Begriffe, wie Bildhälfte, Sachhälfte, ‚Sache‘, Sachebene, Bildwort und Gleichnisdiskurs, sind kritisch zu prüfen (→ 1.5; 2.1.3).

1.4.1 Parabel / Gleichnis / Parömie

Der Begriff Parabel (gr. parabolḗ) ist vom griechischen Verb parabállein abgeleitet, was daneben stellen, vergleichen meint. Verglichen werden in der Parabel zwei ursprünglich unabhängige Größen oder Wirklichkeitsbereiche, die durch bestimmte Merkmale vergleichbar erscheinen (z. B. menschliche Alltagswirklichkeit und Wirklichkeit Gottes in den Reich-Gottes-Gleichnissen).

Parabel ist im Neuen Testament der gängigste Terminus für bildhaft-vergleichende, fiktionale Rede. Sie kann morphologisch äußerst unterschiedlich ausfallen; die Palette reicht von klassischen Gleichnissen über Rätselworte und Weisheitssprüche bis hin zu Vergleich und Denkspruch. So betrachtet, ist parabolḗ ein umfassender, dem biblischen Sprachgebrauch adäquater Sammelbegriff. Ihm entspricht im Deutschen der Sammelbegriff Gleichnis, wie er auch in diesem Buch Verwendung findet. Von Jülicher werden die Begriffe Parabel und Gleichnis nicht als Sammelbezeichnung verwendet; er differenziert vielmehr zwischen Gleichnis, Parabel und anderen Gleichnistypen (→ 2.1.3; 2.5.1).

Definition: Parabel / Gleichnis ist ein Sammelbegriff für bildhaft-vergleichende, fiktionale Texte aller Art (Rätselwort, Sprichwort, Vergleich, Gleichnis u. a.).1

Parömie (gr. paroimía) ist das johanneische Pendant zu parabolḗ und bedeutet Rätselrede, Sprichwort (Joh 10,6; 16,25.29). Der Begriff impliziert die Deutungsbedürftigkeit der Rede. Der Gegenbegriff lautet parrhesía (offener, mutiger ‚Klartext‘, Joh 16,29). In diesem Band gelten die Parömien nicht als eigenständige Textform; sie werden den Identitätsgleichnissen zugeordnet (→ 2.1.3e; 2.5.7).

Definition: Parömie ist der johanneische Ausdruck für Gleichnis. Der Begriff charakterisiert die gleichnishafte Rede Jesu als deutungsbedürftige Rätselrede.

1.4.2 Fabel / Mythos / Deklamation

Mit dem Gleichnis teilt die Fabel Kürze, Fiktionalität, Anschaulichkeit, analogischen Charakter, erzählerische Geschlossenheit und das Lernziel der Plausibilisierung umstrittener Inhalte.1 Der grundlegende Unterschied ist die fehlende Realistik insbesondere der Tierfabel, was sie in die Nähe anderer surrealer Textsorten, wie Traum und Allegorie, rückt (→ 2.5.7c). Jülicher definiert die Fabel als

die Redefigur, in welcher die Wirkung eines Satzes (Gedankens) gesichert werden soll durch Nebenstellung einer auf anderm Gebiet ablaufenden, ihrer Wirkung gewissen erdichteten Geschichte, deren Gedankengerippe dem jenes Satzes ähnlich ist. [Das heißt für ihn:] Die Mehrzahl der parabolaí Jesu, die erzählende Form tragen, sind Fabeln wie die des Stesichoros und des Aesop.2

Während Gleichnisse eine religiöse Dimension haben, fehlt diese bei den Fabeln.

Definition: Eine Fabel ist eine fiktionale, bildhaft-vergleichende, bisweilen surreale Kurzgeschichte, die eine allgemeine, oft moralische Lebensweisheit vermittelt.

Ebenfalls im Bereich des Surrealen bewegt sich der Mythos.3 Der Duden definiert den Mythos als

Sage und Dichtung von Göttern, Helden und Geistern [der Urzeit] eines Volkes [bzw. eine] legendär gewordene Gestalt od. Begebenheit, der man große Verehrung entgegenbringt.4

Surreal wirken Mythen, da sie etwa Naturmächte personifizieren und Götter in Menschengestalt wunderbare Dinge tun lassen. Seit der Neuzeit werden auch biblische Wundergeschichten als Mythen gedeutet. – Mythen teilen mit Gleichnissen Fiktionalität, erzählerische Geschlossenheit und das Lernziel, eine bestimmte Wirklichkeitssicht plausibel zu machen. In dieser Wirklichkeitssicht spielen Götter eine gewichtige Rolle. Gleichwohl fallen Mythen, wie auch die Fabeln, wegen ihrer Surrealistik und anderer Merkmale aus der weiteren Betrachtung heraus.

Definition: Ein Mythos zeigt mittels einer vorgeschichtlichen, legendenhaften Erzählung über Götter und Menschen den Ursprung der geltenden Weltordnung auf.

Die Deklamation ist die formkritisch und textpragmatisch nächste Analogie narrativ ausgestalteter (Alltags-)Gleichnisse.5 Declamationes (lat.) sind antike, fiktionale Fallbeispiele für angehende Anwälte und sollen deren Argumentations- und Urteilsfähigkeit verbessern. Die Deklamation ist Teil eines Plädoyers vor Gericht und läuft auf einen im Sinne des Autors gelenkten, paradigmatischen Rechtsentscheid hinaus.6 Damit die Strategie gelingt, werden rhetorische Stilmittel zur Hörerlenkung eingesetzt, die denen narrativ ausgestalteter Gleichnisse ähneln. Hierzu gehören die Plausibilität des Geschilderten, perspektivische Darstellung zur Schaffung von Sympathie, suggestive Fragen, Emotionalität usw.7 Für die Nähe zu Deklamationen sprechen auch die juristischen Bildfelder in vielen Gleichnissen. – Paradigmatische Rechtsentscheide sind schon im Alten Testament eine beliebte Form, ein göttliches Rechtsurteil plausibel zu machen (vgl. 2 Sam 12; Jes 5,1-7). Deklamationen sind demnach nicht zwingend Prätexte für die neutestamentlichen Gleichnisse, sie unterstreichen aber deren rhetorischen Kontext.

Definition: Eine Deklamation ist ein fiktional-vergleichendes Fallbeispiel, das Rhetoren und Anwälten hilft, ihre Argumentationsfähigkeit, etwa für Plädoyers, zu steigern. Der textpragmatische Zuschnitt ist dem von Gleichnissen ähnlich.

1.4.3 Allegorie

Laut den römischen Rhetoren Cicero (106-43 v. Chr.) und Quintilian (35-100 n. Chr.) ist die Allegorie eine fortgeführte Metapher, die auf der Ähnlichkeit zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was gemeint ist, aufbaut.1 Dieses Verständnis wurde von Jülicher aufgegriffen.2 Die Definition von Allegorie wurde im Verlauf der Gleichnisforschung revidiert. Der Jülichersche Gegensatz von Gleichnis und Allegorie als ‚eigentlicher‘ bzw. ‚uneigentlicher‘ Rede wird heutzutage, unter Hinweis auf viele Mischformen sowie aufgrund der Neubestimmung der Metapher und einer präzisierten Begrifflichkeit, weithin abgelehnt (→ 2.2.1; 2.2.5).

Im vorliegenden Entwurf bezeichnet Allegorie erstens ein literarisches und nicht-literarisches Stilmittel. Allegorische Stilelemente begegnen in allen möglichen Textsorten, z.B in Romanliteratur und Lyrik, selbst in der Malerei oder in der Musik, sofern das eigentlich Gemeinte jenseits des wörtlichen Sinns bzw. des optischen oder akustischen Ersteindrucks zu suchen ist. – Zweitens gilt Allegorie nach wie vor als literarischer Gattungsbegriff. Charakteristisch sind die Dominanz verschleiernder Transfersignale (→ 1.5.9), erzählerische Surrealistik und Inkonzinnität. Allegorien sind nicht werbend-missionarisch, sondern subversiv-hermetisch ausgerichtet;3 das ist der einzige Gegensatz zu den Gleichnissen (→ 2.5.2a).

Definition: Die Allegorie ist ein literarisches oder nicht-literarisches Artefakt, das etwas anderes sagt, als es meint. Charakteristisch ist die systematische Verhüllung des Gemeinten durch Codierung und Chiffrierung. Allegorien sind tendenziell subversiv-hermetisch angelegt und richten sich exklusiv an eingeweihte Insider-Kreise.

1.4.4 Rhetorische Stilformen

Neben narrativ ausgestalteten Gleichnissen werden eine Reihe vergleichender, rhetorischer Stilformen, die den Umfang eines Satzes in der Regel nicht überschreiten, vorgestellt. Zu erkennen sind diese figurativen Stilelemente anhand des Ko- bzw. Kontextes, der ein wörtliches Verständnis nahelegt oder verhindert.1

a) Vergleich
1. Semantik

Literaturwissenschaftlich betrachtet, ist ein Vergleich eine „[s]prachliche, meist syntaktisch explizite Verknüp­fung zweier mindest in einem Punkt ähnlicher Vorstellungen aus getrennten Sphären“, die durch eine Vergleichspartikel (‚wie‘, ‚als‘, ‚denn‘) bzw. durch Verben des Scheinens und Gleichens miteinander in Verbindung gebracht werden.1 Die Relation wie – so ist für Vergleiche typisch; sie kann aber auch fehlen. Ein Vergleich verbindet demnach zwei Wirklichkeitsbereiche und benennt dabei ausdrücklich den Vergleichspunkt zwischen beiden Bereichen.

Beispiele: Paul ist schlau wie ein Fuchs (Vergleichspunkt: schlau), Maria ist fleißig wie eine Biene (Vergleichspunkt: fleißig). Biblische Beispiele: Mt 13,43 (‚Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne‘), Mt 24,27 (‚Denn wie der Blitz ausgeht vom Osten und leuchtet bis zum Westen, so wird auch das Kommen des Menschensohns sein‘) und Jak 2,26 (‚Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot‘).

Voraussetzung für die Plausibilität des Vergleichs ist, dass Füchse sprichwörtlich schlau und Bienen fleißig sind bzw. dass diese Attribute sowohl vom Autor als auch den Adressaten des Vergleichs zuerkannt werden. – Ein Vergleich kann auch in Form einer Aufforderung stehen. In diesem Falle liegt eine vergleichende Mahnung vor.

Beispiel: Mt 10,16 (‚Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben‘).

Die sprichwörtliche Klugheit der Schlangen und die Ehrlichkeit der Tauben sind die Grundlage des Vergleichs und seiner Wirkung.

2. Intendierte Wirkung

Der Vergleich macht zum einen den Charakter bestimmter Personen wie Paul und Maria anschaulich (illustrierende Funktion), zum anderen verändert er die Sicht auf die beiden Wirklichkeitsbereiche: Sie haben mehr miteinander zu tun, als man denkt; wer Paul sieht, assoziiert zukünftig einen (schlauen) Fuchs, wer Maria sieht, assoziiert zukünftig eine (fleißige) Biene, wer Christinnen und Christen sieht, darf besondere Klugheit und Ehrlichkeit, wie man sie sprichwörtlich im Tierreich vorfindet, erwarten (poietische Funktion). Ob die intendierte Wirkung erreicht wird, hängt an der unmittelbaren Evidenz des Vergleichs – weniger im Sinne rationaler Beweisbarkeit (Bienen sind ‚fleißig‘, Schlangen sind ‚klug‘!), sondern im Sinne spontaner, affektiver Zustimmung. Das heißt, Vergleiche zielen nicht nur auf den Verstand, sondern auch auf das Herz.

3. Funktion

Die emotive Komponente macht vergleichende Sprache zu einem beliebten Argumentationsmittel. Biblische Vergleiche und andere bildhafte Textsorten finden sich daher regelmäßig im Kontext längerer Argumentation und unterstützen diese.

Beispiel: Der Vergleich Mt 10,16 motiviert Jesu Anweisungen für die Missionsarbeit (Mt 10,5-26) und zielt auf Emotionen (Angst, Sicherheitsbedürfnis).

4. Abgrenzung

Der Vergleich benennt ausdrücklich den Vergleichspunkt und muss daher nicht gedeutet werden – er ist eindeutig. Das ist der Unterschied zur Metapher. Im Unterschied zum ausgeführten Gleichnis überschreitet der Vergleich die Satzgrenze nicht und entwickelt auch keine Dramaturgie. Anders als beim Exemplum werden keine konkreten Größen aus der Natur oder der Historie zitiert.

Definition: Ein Vergleich verknüpft zwei unterschiedliche Wirklichkeitsbereiche im Hinblick auf einen klar definierten, einleuchtenden Vergleichspunkt, um etwas Unanschauliches bildhaft anschaulich zu machen.

b) Metapher

Die Metapher ist eine „herausragende Form der nicht-wörtlichen und übertragenen Rede.“1 Sie unterscheidet sich vom Vergleich durch ihren Deutungsbedarf. Dieser kommt dadurch zustande, dass der Vergleichspunkt verschwiegen wird. So bleibt offen, worauf die Aussage ‚Paul ist (wie) ein Fuchs‘, ‚Maria ist (wie) eine Biene‘ oder ‚Achill ist (k)ein Löwe‘ hinausläuft.2 Die Metapher ist nicht eindeutig; daher bleibt es der Interpretation der Hörer- bzw. Leserschaft überlassen, den oder die Vergleichspunkte zu entdecken.

1. Etymologie und Funktion

Der Begriff Metapher bedeutet etymologisch eine Übertragung (gr. metaphorá) bestimmter Merkmale eines Wirklichkeitsbereiches auf einen anderen.1 Literaturwissenschaftlich gesprochen, werden bei der Metapher Bedeutungsanteile von einem Bildspender auf einen Bildempfänger übertragen.2

Beispiel: Bei der Metapher ‚Achill ist ein Löwe‘ ist die Tierwelt der Bildspender und die Menschenwelt der Bildempfänger.

Die beiden ursprünglich unabhängigen Wirklichkeitsbereiche werden durch die Metapher (wie durch den Vergleich) zusammengebracht und in ihrer punktuellen Vergleichbarkeit bzw. Unvergleichbarkeit transparent. Hierdurch wird eine neue Sicht auf beide Bereiche ermöglicht: Es werden neue Sinnbezüge geschaffen, Erfahrungen gebündelt, die Alltagswirklichkeit neu gedeutet und Emotionen wachgerufen (po[i]etische Funktion). Damit leisten Metaphern einen wichtigen Beitrag zur Erschließung von Wirklichkeit: Neues, Unbekanntes wird durch Analogieschluss mit Bekanntem greifbar oder in seiner Differenz verstehbar. Diese Entdeckung führte in den 1960er Jahren zu einer Neubewertung der Metapher (→ 2.2.3b). Die Entdeckung der po(i)etischen Funktion der Metapher ergänzt die frühere Ansicht, Metaphern dienten lediglich der Illustration eines unanschaulichen Sachverhalts oder Geschehens. Wäre dem so, wäre die Metapher durch klares Benennen des Vergleichspunkts übersetzbar und ersetzbar:

Beispiel: ‚Achill ist ein Löwe‘ wäre dann etwa durch die Auskunft ‚Achill ist sehr stark‘ zu ersetzen – die ‚uneigentliche‘ Rede (Achill ist ja kein Löwe!) durch eine ‚eigentliche‘ Rede (Achill ist sehr stark).3

Die po(i)etische Funktion und die grundsätzliche Mehrdeutigkeit (Polyvalenz, bleibender Sinnüberschuss) lassen die Metapher indes unersetzbar erscheinen.

Metaphern zielen, gerade weil sie unübersetzbar sind, auf die Erfahrung, sie wollen in der Praxis des Lebens angewendet werden.4

Metaphorische Mahnreden wie Lk 10,2 (‚bittet den Herrn der Ernte‘) oder Mt 8,22 (‚lasst die Toten ihre Toten begraben‘) bestätigen die Aussage von Hans Weder.

2. Semantik und Morphologie

Die Metapher ist eine semantische, keine lexikalische Sprachform; sie ist nicht ein einzelnes Wort, sondern ein Begriff, der in Spannung zu einem anderen Begriff innerhalb eines Satzes steht.1 Die Spannung lässt sich auch als Konterdetermination (→ 1.5.7) zwischen Begriff und Kontext begreifen. Durch diese Spannung eröffnet sich „in unserem Sprachbewußtsein ein Bildfeld als virtuelles Gebilde“2, das gewisse Deutungsspielräume vorgibt.

Metaphern sind äußerst pluriform. Über die gemeinsame, als Satzphänomen und Konterdetermination gekennzeichnete Gemeinsamkeit gibt es für die Formulierung von Metaphern nahezu keine semantischen Grenzen.

Beispiele: ‚Achill ist (k)ein Löwe‘ ist als Aussagesatz ebenso metaphorisch wie die Komposita Luftschiff, Drahtesel, Redefluss, Elbflorenz oder die Alltagsmetapher Wasserhahn. Metaphern können auch in Genitivverbindungen stehen (vgl. ‚Mauer des Schweigens‘, ‚am Ende der Schlange‘, ‚Himmel voller Geigen‘ oder biblisch ‚Frucht der Buße‘ [Mt 3,8]). – In metaphorischer Spannung können in einem Satz auch Substantiv und Attribut (vgl. ‚wässrige Herbstluft‘, ‚bleierne Schwüle‘), Substantiv und Prädikat (vgl. ‚der Himmel weint‘, ‚die Sonne lacht‘ oder biblisch ‚wir rühmen uns der Bedrängnisse‘ [Röm 5,3]) oder Subjekt und Prädikativum (vgl. johanneische Ich-bin-Worte) stehen.3 Poetische Neubildungen wie ‚Seelenlandschaft‘, ‚blaues Klavier‘4 oder ‚der Himmel fließt in steinernen Kanälen‘5 erweitern das Spektrum enorm. Metaphorische Mahnreden nutzen das Potenzial der Metaphern, um Aufforderungen emotional zu intensivieren (biblische Beispiele: Mt 8,22; Lk 10,2).

3. Lexikalisierung und Wirkung

Aus ursprünglich kühnen Metaphern werden mit der Zeit usuelle, geprägte, konventionalisierte bzw. lexikalisierte Metaphern.1 Eine neu in die Sprache eingeführte Metapher und damit eine neu entdeckte Analogie zwischen zwei Wirklichkeitsbereichen wirkt fremd, überraschend, aufrüttelnd, kühn und sorgt für einen deutlichen Zugewinn an Wirklichkeitserfahrung.

Ein Beispiel ist die paulinische Redeweise ‚ich rühme mich der Trübsale‘ und Ähnliches (Röm 5,3; 2 Kor 11,30; Gal 6,14; vgl. Jak 1,10). Dass sich jemand negativ konnotierter Sachzusammenhänge ‚rühmt‘, erscheint fremd, verdeutlicht aber den sachlogischen Zusammenhang zwischen Evangelium und Kreuzestheologie.

Neben der Bibel produziert insbesondere die Lyrik immer wieder kühne Metaphern. Auch hier ist die Unersetzbarkeit metaphorischer Redeweise offenkundig. Bei häufiger, langfristiger Verwendung verlieren Metaphern freilich das Moment von Überraschung und Fremdheit und werden Teil des normalen Sprachgebrauchs. Der metaphorische Charakter wird nicht mehr bewusst wahrgenommen.

Beispiele: Sohn Gottes, Luftschiff, Glühbirne, Zebrastreifen, Drahtesel.

4. Bedeutungsspielraum und Polyvalenz

Metaphern sind grundsätzlich bedeutungsoffen und polyvalent. Das bedeutet, sie können ihre Bedeutung je nach Kontext und Hörer- bzw. Leserschaft wechseln.

Beispiel: Die biblische Metapher ‚Weinberg‘ verweist nicht immer auf das Volk Israel (so expressis verbis im Weinberglied Jes 5,1-7). ‚Weinberg‘ meint in Mt 20,1-16 eher die Welt insgesamt, in Mk 12,1-12 ein besonderes Erwählungsprivileg. Selbst in ein und demselben Text kann ‚Weinberg‘ Unterschiedliches bedeuten; in Mt 20,1-16 lässt sich in ihm, je nach Deutungsrahmen, die Welt, die Gemeinde oder Israel als Missionsgebiet früher Christen sehen. – Ein weiteres Beispiel findet sich unter → 3.3.1.

Für wen der Hausherr, König oder Sämann in neutestamentlichen Gleichnissen steht, ist längst nicht eindeutig.1 Die vom Autor intendierte Bedeutung der Metapher ergibt sich in der Regel durch den Ko- oder Kontext. Hinzu kommen der Verstehens- und Erwartungshorizont der Hörer- bzw. Leserschaft. Mit veränderten Verstehensbedingungen und Leserschaften ändert sich oft die Bedeutung. Metaphern haben im Unterschied zu Vergleichen einen bleibenden Sinnüberschuss, der sie für die Rezeption reizvoll (aber auch schwierig) macht (→ 3.3).

5. Zur Sprachkraft der Metapher

Die Frage der Sprachkraft der Metapher wird kontrovers diskutiert. Können Metaphern lediglich eine neue Sicht auf die (ansonsten unveränderte) Wirklichkeit vermitteln1 oder auch Wirklichkeit konstituieren?2 Hintergrund der Debatte ist die dogmatisch-theologische Frage nach der Qualität die Gleichnisrede Jesu: Ist sie lediglich ein Augenöffner, ein Appell an die Herzen oder ist sie Offenbarungsrede im Sinne eines Sprachereignisses, in dem Gottes Reich nicht nur zur Sprache kommt, sondern zugleich Wirklichkeit wird (→ 1.5.11; 2.2.3a; 2.5.4d)?

6. Abgrenzung

Wie der Vergleich kennt die Metapher keine Dramaturgie, erzählende Elemente fehlen. Der Unterschied zum Vergleich liegt nicht in der fehlenden Vergleichskopula, sondern darin, dass das tertium comparationis unterdrückt wird.1 Im Gegensatz zum Gleichnis weist die metaphorische Mahnrede einen direkten Hörerbezug (Verwendung der 2. und 3. Person) auf; Elemente einer narratio mit ausgeprägter Dramaturgie fehlen. Im Unterschied zur Chiffre wird der Bildempfänger genannt.

Definition: Die Metapher verknüpft bildhaft zwei unterschiedliche Wirklichkeitsbereiche miteinander und ermöglicht so die Erschließung von Unbekanntem durch Bekanntes. Da der Vergleichspunkt unterdrückt wird, ist die Metapher deutungsbedürftig und polyvalent und hat dadurch einen bleibenden Sinnüberschuss.

c) Gnome, Sentenz, Sprichwort

Die drei Begriffe bezeichnen kurze, allgemeiner Weisheit entstammende Lebensregeln. In kurzer, prägnanter und autoritativ erscheinender Formulierung bringen sie Lebensweisheit auf den Punkt. Eine Gnome muss, anders als Sentenz und Sprichwort, kein vollständiger Satz sein. Die Übergänge zwischen den Formen sind freilich fließend; eine eine exakte Abgrenzung der Begriffe ist nicht möglich.

Beispiele für Gnome: ‚Der Starke ist am mächtigsten allein‘ (aus Schillers Wilhem Tell); ‚alles in Maßen‘ bzw. ‚von nichts zu viel‘ (gr. mēdén ágan, Solon von Athen). – Beispiele für Sentenzen: ‚Die Ersten werden die Letzten und die Letzten die Ersten sein‘ (Mt 19,30; 20,16 u. a.); ‚viele sind berufen, wenige aber auserwählt‘ (Mt 22,14); ‚wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden‘ (Lk 14,11). – Beispiele für Sprichwörter: ‚Lügen haben kurze Beine‘; ‚pünktlich wie ein Maurer‘; ‚Hochmut kommt vor dem Fall‘ (Prov 16,18).

Definition: Gnome, Sentenz und Sprichwort bieten Lebensweisheit in prägnanter, konzentrierter Form und bringen so komplexe Zusammenhänge auf den Punkt.

d) Exemplum und exemplarische Mahnung

Etymologisch bedeutet exemplum etwas, das aus einer Menge herausgegriffen ist, ein ‚Muster‘ (von lat. eximere). Dieses Muster steht exemplarisch für ein bestimmtes Genus.1 Das Exemplum ist ein kurzer Text, der ein treffendes Beispiel aus Natur oder Geschichte für das, was gemeint ist, bietet.2 Die dahinter stehende story wird nur angedeutet. Der römische Rhetoriker Quintilian definiert das Exemplum als die „Erwähnung eines zur Überzeugung von dem, worauf es dir ankommt, nützlichen, wirklichen oder angeblich wirklichen Vorgangs“.3 Der im Exemplum geschilderte Vorgang, das beschriebene Verhalten seiner Akteure, ist im positiven oder negativen Sinne vorbildlich, an ihm sollen die Rezipienten lernen.

Beispiele: Davids Zugriff auf die heiligen Schaubrote in Mk 2,25f.; das Exemplum legitimiert das Ährenraufen am Sabbat. – Hebr 11 bietet eine ganze Reihe an Exempla für den geforderten Glauben. Deutlich wird in beiden Fällen die argumentative Funktion der Textform.

Semantisch gemeinsam ist den Exempla, dass sie weder szenische Gliederung noch erzählerische Geschlossenheit aufweisen. Manche Exempla sind imperativisch formuliert und heißen dann exemplarische Mahnrede.4 Worin das Vorbildliche oder Abschreckende im Exemplum besteht, wird ausdrücklich genannt.

Beispiele für exemplarische Mahnrede: Mt 5,39f. (Wange und Meile), Mk 9,41 (Becher Wasser), Lk 12,58f. (Versöhnungsbereitschaft).

Definition: Das Exemplum bietet einen Präzedenzfall aus Natur oder Geschichte, der eine Argumentation beispielhaft, kurz und anschaulich unterstützt.

e) Metonymie

Bei der Metonymie (lat. denominatio) wird ein Ausdruck durch einen anderen ersetzt. Die analogische Verbindung zwischen den Begriffen ist qualitativer Art.1 Das entspricht der etymologischen Wortbedeutung: Der gr. Begriff metonomázein bedeutet umbenennen, einen Namen vertauschen.2 Beide Begriffe gehören – im Unterschied zu Vergleich und Metapher – zum gleichen Wirklichkeitsbereich.3

Beispiele: Ein ‚Waterloo‘ steht nicht nur für die napoleonische, sondern für jegliche vernichtende Niederlage. – ‚Der Gang nach Canossa‘ steht nicht nur für den Bußgang Kaiser Heinrichs IV. im 11. Jahrhundert nach Rom, sondern für jeglichen Bußgang. – Ein ‚Hoover‘ steht im Englischen für jeden Typ Staubsauger.

In der Metonymie wird der ursprüngliche Kontext des Begriffs (Waterloo, Canossa, Hoover) verlassen und auf einen anderen Kontext übertragen.4 Zum Verständnis der Metonymie ist die Kenntnis des ursprünglichen Kontexts hilfreich, aber nicht in jedem Falle zwingend notwendig. Begriffe wie Waterloo und Canossa sind lexikalisiert, ihre Bedeutung ist Teil des allgemeinen Wortschatzes.

Definition: Eine Metonymie ersetzt ein Abstraktum durch ein typisches, anschauliches Beispiel aus demselben Bereich, das sprichwörtlich für das Gemeinte steht.

f) Synekdoche

Etymologisch geht es bei der synekdochḗ (gr.) um ein Mitverstehen: Ich höre einen Begriff und assoziiere das Ganze.1 Die Synekdoche funktioniert nach dem Prinzip pars pro toto (ein Teil steht für das Ganze). Das Ganze wird aus dem Teil erkannt, das Besondere aus dem Allgemeinen.2 Wie bei anderen vergleichenden Tropen wird der fragliche Begriff nicht wörtlich, sondern übertragen verwendet.

Beispiele: Der Ausdruck ‚ein kluger Kopf‘ verweist auf den ganzen, klugen Menschen, ‚vier Pfoten‘ auf Katze oder Hund, ‚die eigenen vier Wände‘ bzw. ‚das Dach über dem Kopf‘ auf das ganze Haus.

Im Unterschied zu Vergleich und Metapher gehören beide Begriffe nach dem relationalen Verhältnis von Teil und Ganzem dem gleichen Wirklichkeitsbereich an; das verbindet die Synekdoche mit der Metonymie.3

Definition: In der Synekdoche repräsentiert ein Einzelteil das gemeinte Ganze.

g) Chiffre

Das Wort Chiffre leitet sich vom arabischen Begriff sifr (leer; Zahlzeichen ohne absoluten Wert‘) ab.1 In der Lyrik ist die Chiffre ein „demonstrativ rätselhafte[s] Sprach- und Stilmittel eines weitgehend esoterischen, meist lyrischen Code-Gebrauchs“.2 Durch Verdichtung und Verkürzung „mit Hilfe mehrdeutiger, unvollständiger so­wie unzusammenhängend erscheinender Worte und Sätze“3 erscheint die Chiffre rätselhaft. Ohne Deutungsschlüssel bleibt die Chiffre unverständlich. Vergleichend ist die Chiffre, weil sie auf „ungegenständliche, sprachlich nicht faßbare Sujets, auf komplexe Sprach- und Lebenserfahrungen“ verweist.4 Im Gegensatz zur Metapher verschweigt die Chiffre den Bildempfänger.

Biblische Chiffren finden sich in apokalyptischen Texten. In ihnen werden bekannte historische Größen (Personen, Institutionen, Entwicklungen) codiert gedeutet. Wer der Bildempfänger ist, weiß lediglich der eingeweihte Adressatenkreis. Semantisch können Chiffren aus lexikalisierten Metaphern hervorgehen. Andere Chiffren sind metaphorisch nicht vorgeprägt. Sie resultieren aus gematrischen Zahlenspielen oder aus apokalyptischen Periodisierungsschemata.

Gleichnisse arbeiten aufgrund ihrer missionarischen Grundtendenz nicht mit Chiffren. Außersprachliche Chiffren heißen Symbole (s.u.).

Beispiele: Lexikalisiert: ‚Das Tier‘ als Chiffre für Satan, Apk 13 u. a.; ‚das Lamm‘ als christologische Chiffre, Apk 5,12; 19,9 u. a. – Nicht vorgeprägt: ‚Hure Babylon‘ als Chiffre für Rom, Apk 14,8; 17,5. – Zahlenspiele: ‚666‘ als Chriffre für Kaiser Nero, Apk 13,18. – Periodisisierung: ‚3½ Zeiten‘ als Chiffre für die letzte satanische Bedrängnisperiode, Dan 7,15; Apk 11 u. a.

Definition: Die Chiffre ist eine abgekürzte Metapher, die ihren Bildempfänger verschweigt und dadurch einen subversiv-hermetischen Charakter erhält. Nur Kenner des Codes (Eingeweihte, Insider) können das Gemeinte dechiffrieren.

h) Symbol

Nach der Definition von Gerhard Sellin ist das Symbol

ein einzelnes Subjekt, das auch nichtsprachlicher Art sein kann (ein Gegenstand, eine Geste oder ein Name), das neben seiner Materialität bzw. seiner wörtlichen Bedeutung eine weitere (höhere bzw. tiefere) Bedeutung transportiert. Das symbolische Subjekt hat also einen Mehrwert an Bedeutung.1

Etymologisch (gr. sýmbolon, lat. symbolum) bedeutet Symbol Merkmal, Kennzeichen bzw. Wahrzeichen.2 Ein Symbol repräsentiert und bündelt durch ein konkretes Ele­ment oder Zeichen einen allgemeinen Sachverhalt bzw. einen abs­trakten Bedeutungs- oder Problemzusammenhang.3 Zwischen dem

besonderen Sachverhalt […] und dessen allgemeinen Sinn [besteht] ein unmittelbar einleuchtendes, ontologisch begründetes Verhältnis parti­eller Identität.4

Das Symbol bündelt einen Mythos; nur wer diesen kennt, versteht die Bedeutung des Symbols.5 Der Bereich des Religiösen lebt von Symbolen. Symbole können polyvalent sein und bedürfen daher der Deutung.6

Beispiele: Das Kreuz repräsentiert den christlichen Glauben, der Halbmond den Islam, die Taufe die Bekehrung, der Dreizack den Meeresgott Poseidon, die Nationalhymne den Staat, die Taube das Ende der Sintflut oder die Taufe Jesu.

Definition: Ein Symbol ist ein meist außersprachliches Zeichen, das einen komplexen, abstrakten Bedeutungszusammenhang repräsentiert und bündelt.

i) Fazit und tabellarische Übersicht

Die Bandbreite bildhafter, narrativ nicht ausgestalteter Sprachformen ist groß. Den Tropen ist die semantische Spannung zwischen fraglichem Begriff und Kontext, anders gesagt: die übertragene Verwendung eines Begriffs und der Verweischarakter auf eine andere Bedeutungsebene, gemeinsam. Tropen verdeutlichen den kontextuellen Zusammenhang und führen die Analogie zwischen zwei Wirklichkeitsbereichen vor Augen (Vergleich, Metapher). Die intendierte Wirkung besteht darin, vergleichsweise unanschauliche, abstrakte bzw. transzendente Themen und Vorgänge anschaulich werden zu lassen und darüber hinaus die Wirklichkeit neu zu deuten. Tabellarisch gestalten sich die Merkmale folgendermaßen:1


Form Kontextbezug Semantik Funktion
Vergleich Analogie; Prädikation Nennung des tertium. - 1., 2., 3. Person möglich Intensivierung des Gesagten; pragmatische und affektive Ausrichtung; Überzeugung
Metapher Analogie; Spannung zwischen zwei Elementen/Prädikationen Unterdrückung des tertium. – 1., 2., 3. Person möglich Intensivierung des Gesagten; pragmatische und affektive Ausrichtung; Überzeugung
Metaphorische Mahnrede Analogie; Spannung zwischen zwei Elementen/Prädikation Unterdrückung des tertium. – Imperativ. – 2. oder 3. Person möglich Stimulierung der Emotionalität; symbuleutische Ausrichtung
Metaphorische Personalprädikation Analogie; Spannung zwischen zwei Elementen/Prädikation Unterdrückung des tertium. – 1. oder 2. Person möglich Hervorhebung der einzigartigen Bedeutung des Subjekts
Gnome, Sentenz, Sprichwort Exemplifizierung eines Tun-Ergehen-Zusammenhangs, eines geforderten Tuns, einer Lebensweisheit kurz, prägnant, autoritativ. – Gnome auch als unvollständiger Satz; sehr einprägsame Formulierungen Verallgemeinerung von Lebensweisheit; Handlungsorientierung
Exemplum Analogie zum geforderten/begründeten Verhalten verbal-/handlungsorientiert. z.T. Hyperbolik positives/negatives Vorbild (symbuleutisch); Apologetik (dikanisch)
Metonymie Mythos und Alltagserfahrung (Mythisierung) (Repräsentanz?) Nominal- oder Verbalverbindung; Einzelbegriff oder Satzganzes Assoziation historischer oder mythischer Zusammenhänge
Synekdoche Pars pro toto; Spannung zwischen zwei Elementen/Analogie Metapher. – 1., 2., oder 3. Person möglich. – Nominalstil Hervorhebung eines bestimmten Wesensmerkmals
Chiffre Analogie, Prädikation Metapher o.ä. ohne Nennung des Bildempfängers (verkürzte M.) Codierung von Texten im Sinne einer exklusiven Sondersprache
Symbol Repräsentation des Subjekts/Teil-Ganzes Sprachlich oder nicht-sprachlich Vergegenwärtigung eines Mythos

1.5 Gleichnisspezifische Termini

Der Abschnitt klärt zentrale Fachtermini wie Ausgangs-, Erzähl- und Deutungsebene, Bildspender und -empfänger, Vergleichspunkt, Pointe, Fiktionalität, Appellstruktur, Konterdetermination, Extravaganz, Transfersignal, theologischer Bezugsrahmen, Sprachereignis sowie ‚eigentliche‘ vs. ‚uneigentliche‘ Rede.

1.5.1 Ausgangs-, Übergangs- und Erzählebene

Gleichnisse heben sich aus dem Kontext durch einen Wechsel der Semantik heraus. Der Kotext ist sachgemäß Ausgangsebene (auch: Basisebene) zu nennen. In den Evangelien entwickelt sich auf ihr der Plot der Jesuserzählung, der durch das Gleichnis unterbrochen wird. Die Ausgangsebene wechselt zu einer Bild- besser: Erzählebene mit eigener (bildhafter) Semantik bzw. mit eigenem metaphorischen Bildfeld (Vater – zwei Söhne; Sämann – Acker; Hausherr – Bedienstete etc.). Zwischen den Ebenen vermittelt häufig eine Übergangsebene, die auf die Erzählebene hin- und zur Ausgangsebene zurückführt. Sie kann am Anfang des Textes aus dem Hinweis bestehen, dass nun ein Gleichnis folgt, oder aus einer Frage der Art: „Womit sollen wir das Himmelreich vergleichen?“ Am Ende des Textes steht zuweilen eine Anwendung (‚gehe hin und tue desgleichen!‘ o.ä.), ein Weckruf (‚wer Ohren hat zu hören, der höre!‘) oder eine Schluss-Sentenz (‚viele sind berufen, wenige aber auserwählt‘ o.ä.). Der Übergangsebene kommt eine wichtige Funktion im Hinblick auf das Verständnis des Gleichnisses zu. Sie liefert entweder den Verständniscode oder lenkt die Auslegung in eine vom Autor intendierte Richtung.

Definition: Ausgangsebene bezeichnet den literarischen Kotext eines vergleichenden Textes. Bild- bzw. Erzählebene meint die semantisch abgehobene Ebene der Metapher / des Gleichnisses. Die Übergangsebene vermittelt zwischen beiden.

1.5.2 Bild- bzw. Erzählebene und Deutungsebene

Vergleichende Texte beinhalten neben dem wörtlichen Sinn einen dahinter liegenden, tieferen, theologischen Sinn. Was eigentlich gemeint ist, wird durch eine fiktionale Erzählung, eine Metapher oder eine allegorische Rätselrede ausgesagt. Die vordergründige Erzählebene mit ihrer bildhaft-metaphorischen Semantik verweist auf die hier so genannte Deutungsebene. Diese gilt es im Verlauf der Auslegung zu bestimmen.1 – Bei Gleichnissen, die zu einer dynamischen Erzählung ausgestaltet sind, ist der Begriff Erzählebene adäquat. Der Ausdruck Bildebene bleibt narrativ nicht ausgestalteten Texten vorbehalten.

Definition: Die Bild- bzw. Erzählebene enthält die Metapher bzw. das Gleichnis. Die Deutungsebene ist die zu bestimmende, dahinter liegende Sinnebene.

1.5.3 Bildspender und Bildempfänger

Vergleichende Texte verbinden ursprünglich unabhängige Wirklichkeitsbereiche miteinander. Hinter vergleichender Redeweise steht die Entdeckung einer oder mehrerer Analogien zwischen den Bereichen. Vergleichende Texte machen einen fremden, unanschaulichen Wirklichkeitsbereich (z. B. ‚Reich Gottes‘) in seinen Eigenheiten und Wirkweisen anschaulich und plausibel. Hierfür greifen sie auf einen bekannten, anschaulichen, in seinen Eigenheiten und Wirkweisen unstrittigen Wirklichkeitsbereich (z. B. den bäuerlich geprägten Alltag) als Bildspender zurück, um ihn auf die Deutungsebene als Bildempfänger zu übertragen.

Beispiel: In der Metapher ‚Achill ist ein Löwe‘ ist die Tierwelt der Bildspender und der mythische Held der Bildempfänger.

Durch diesen Prozess werden die beiden Wirklichkeitsbereiche füreinander transparent; die Wahrnehmung beider Bereiche ändert bzw. erweitert sich (→ 1.4.4b).

Definition: Der Bildspender spendet das Anschauungsmaterial, anhand dessen das, was zu vergleichen ist (der Bildempfänger), anschaulich gemacht wird.

1.5.4 Tertium bzw. tertia comparationis

Der Vergleichspunkt zwischen Bildspender und Bildempfänger heißt lat. tertium comparationis (wörtlich: das Dritte des Vergleichs). Es steht als drittes, verbindendes Element, als Analogon, zwischen den beiden Ebenen.

Beispiel: Beim Vergleich ‚seid klug wie die Schlangen‘ (Mt 10,16) ist die Tierwelt der Bildspender, die Jünger sind die Bildempfänger und ‚klug‘ ist das tertium zwischen beiden.

Jülicher postulierte für Gleichnistexte lediglich einen einzigen Vergleichspunkt; die neuere Gleichnisforschung rechnet grundsätzlich mit mehreren Vergleichspunkten, was dem Sinnüberschuss metaphorischer Sprache entspricht.

Definition: Der Vergleichspunkt, lat. tertium comparationis, ist der Aspekt, der zwei unterschiedliche Wirklichkeitsbereiche vergleichbar erscheinen lässt.

1.5.5 Pointe

Der Zielgedanke, auf den die vergleichende Erzählung hinausläuft, heißt in der Gleichnistheorie Pointe. War ihre Ermittlung in Jülichers Methodik gleichbedeutend mit der Ermittlung des Vergleichspunkts zwischen Bild und ‚Sache‘, unterscheidet man heute zwischen beiden Vorgängen. Der Ermittlung der Pointe kommt in der Exegese eine überragende Bedeutung zu, da sie die Kerngedanken bündelt und die Gefahr von Allegorese (→ 2.2.5b), die sich gerne an Nebenzügen der Erzählung orientiert, eindämmt. Die Pointe bringt den Kern- bzw. Zielgedanken des Gleichnisses in einem einzigen Satz auf den Punkt. Dieser Satz ist ein neuer, nicht-vergleichender Text, der das Gleichnis nicht ersetzen kann, da er die Dynamik und den Sinnüberschuss der narratio nicht einfängt.1

Zu unterscheiden ist, entsprechend der Unterscheidung zwischen Erzähl- und Deutungsebene, zwischen der erzählintern und der textübergreifend, theologisch formulierten Pointe. Bei der Auslegung ist die Pointe zunächst erzählintern und erst nach der Klärung der Metaphorik theologisch zu formulieren (→ 3.1; 3.3).

Definition: Die Pointe ist der Kern- bzw. Zielgedanke eines vergleichenden Textes, der im Zuge der Deutung zu formulieren ist – entweder in der Semantik der Erzählebene (erzählintern) oder der Deutungsebene (theologisch). Die Pointe ist ein nicht-vergleichender Text, der das Gleichnis bündelt, es aber nicht ersetzt.

1.5.6 Fiktionalität und Appellstruktur

Gleichnisse sind fiktionale Kurzerzählungen, das heißt erfundene Kurzgeschichten, die das, worum es geht, plausibel machen sollen. Der Weg über die Fiktionalität erleichtert es, sich als Hörer auf die Argumentation des Textes einzulassen.

Rezipienten lassen sich zugleich ‚nur‘ spielerisch und ‚in gewisser Weise‘ ernsthaft auf fiktionale Texte ein.1

Frank Zipfel beschreibt fiktionales Erzählen als kulturell institutionalisierte Praxis, über deren Regeln es zwischen Autor und Adressaten Einvernehmen gibt:

Der Autor produziert einen Erzähltext mit nicht-wirklicher Geschichte, die von einem Erzähler dargestellt wird, und der Autor tut dies mit der Intention, dass der Rezipient diesen Text mit der Haltung des make-believe aufnimmt bzw. in der Haltung des fiktiven Adressaten, und der Rezipient erkennt diese Absicht des Autors und lässt sich aus diesem Grunde darauf ein, den Erzähl-Text unter den Bedingungen eines make-believe-Spiels zu lesen.2

Fiktionalität ist demnach kein Täuschungsversuch, sondern eine konsensuelle Form des Erzählens. Ihr Sinn und Zweck besteht darin, ein bestimmtes Argument gleichsam spielerisch zu plausibilisieren. Der damit verknüpfte ‚metaphorische Prozess‘ verläuft spielerisch, da die Fiktionalität den Rezipienten einen pragmatischen Freiraum lässt.3 Konstitutiv ist der Bezug auf bestimmte Aspekte der Wirklichkeit (eine philosophische, moralische oder politische Position), die durch die Erzählung neu gesehen werden sollen.4 Realistik, selbst wenn sie sich als Pseudo-Realistik entpuppt, ist für das Gelingen der fiktionalen narratio entscheidend.5 Gleichnisse sind ein prominentes Beispiel für diese rhetorische Strategie.

Die Fiktionalität der gleichnishaften narratio zielt über die Information auf Gefühle und praktisches Handeln. Gleichnisse sind appellativ auf aktives Hören und Handeln angelegt (Mk 4,3.9: ‚Wer Ohren hat zu hören, der höre!‘; Lk 10,37: ‚Geh hin und tu desgleichen!‘).6 Gleichnisse (auch Metaphern) fordern zu einer fälligen Entscheidung oder zu einer Kurskorrektur auf. Motivierend wirken die Ansage der Zuwendung Gottes und seiner Herrschaft sowie die Entlarvung der Alltagswirklichkeit mit ihren Wertmaßstäben als zu überwindendes Provisorium.

Definition: Fiktionalität ist das rhetorische Mittel einer erfundenen, in sich schlüssigen narratio, mit deren Hilfe ein bestimmtes Argumentationsziel, etwa die Plausibilisierung einer neuen Wirklichkeitssicht, spielerisch erreicht werden soll.

1.5.7 Konterdetermination

Der Begriff bedeutet wörtlich Gegen-Bestimmtheit. Gemeint ist die Beobachtung, dass Gleichnisse bis auf wenige Ausnahmen das, worum es eigentlich geht, auf der Erzählebene verschweigen. Bei Metaphern und Vergleichen werden einzelne Begriffe gegen ihren erwartbaren, ‚normalen‘ Gebrauch in einen neuen, ihnen eigentlich fremden Kontext gestellt. Das sorgt für Irritation und Überraschung (metaphorischer Prozess → 2.2.3c). Die Konterdetermination wird in Gleichnissen, anders als in Allegorien, durch Transfersignale durchbrochen, die das Erzählte für die Deutungsebene transparent machen (→ 1.5.9).

Definition: Konterdetermination meint die rhetorische Technik, das, worum es im Erzählten eigentlich geht, zu verschweigen, um nicht vom Erzählten abzulenken.

1.5.8 Extravaganz

Extravaganzen sind Erzählzüge, welche die Realistik des Erzählten und damit den Erwartungshorizont der Rezipienten durchbrechen. Welche Erzählzüge für die ursprünglichen Rezipienten extravagant erschienen, ist durch Klärung der so genannten Realien und des sozialgeschichtlichen Hintergrunds zu recherchieren.1 Als Transfersignale weisen Extravaganzen darauf hin, dass das Erzählte nicht wörtlich zu verstehen ist. Sie sind Hinweisschilder auf die Punkte, wo der Vergleich ‚hinkt‘; so gleicht Gott eben doch nicht zu hundert Prozent einem irdischen König, sondern unterscheidet sich in markanten Punkten von ihm.

Damit ist eine Eigenart der Gleichnisse angedeutet, die sie für die Rede von Gott geradezu prädestiniert: Sie bringen Gott nicht nur nah, indem sie ihn mit irdischen Rollenträgern vergleichbar erscheinen lassen, sondern bringen zugleich das bleibende Anderssein Gottes zum Ausdruck. Das legitimiert vergleichende Rede von Gott, trotz des alttestamentlichen Bilderverbots.

Definition: Extravagant sind Erzählzüge, die den Rahmen des realistisch Erwartbaren sprengen, für Aha-Effekte sorgen, den vergleichenden Charakter des Textes markieren und auf Differenzen zwischen Erzähl- und Deutungsebene hinweisen.

1.5.9 Transfersignale

Transfersignale (auch: Verweiselemente) sind alle Erzählzüge, die darauf aufmerksam machen, dass sich die Bedeutung des Erzählten nicht auf der semantischen, wörtlichen Ebene erschöpft, sondern einen dahinter liegenden, theologischen Bezugsrahmen umfasst, der durch das Erzählte illustriert und plausibel gemacht werden soll. Damit durchbrechen sie die Konterdetermination der Erzählebene und provozieren Deutung. Transfersignale können die Deutungsebene klären (Übergangsebene, Schluss-Sentenz, Anwendung, geprägte Bildfelder), sie lediglich andeuten (Extravaganzen, geprägte, aber deutungsoffene Metaphern und Bildfelder, zeitgeschichtliche Anspielungen) oder sie sogar verschleiern (kühne Metaphern, Chiffren, surreale Züge). Weiter dazu → 2.5.1c.

Definition: Alle Erzählzüge, die bei den Textrezipienten einen ‚metaphorischen Prozess‘ auslösen, anders gesagt: nach einer externen Deutungsebene fragen lassen, nennt man Transfersignale. Sie können das eigentlich Gemeinte klären, andeuten oder verschleiern. Ein guter Mix aus allem ist für Gleichnisse konstitutiv.

1.5.10 Theologischer Bezugsrahmen (‚Sache‘)

Bild und ‚Sache‘ sind in der älteren Gleichnisforschung die beiden ‚Hälften‘ bzw. Ebenen eines Gleichnisses. Das Gleichnisbild veranschaulicht demzufolge eine bestimmte, dem menschlichen Erfahrungshorizont grundsätzlich entzogene, theologische ‚Sache‘. Dieser Begriff ist irreführend und wird hier konsequent vermieden. Er suggeriert eine klar umrissene Bezugsgröße der Gleichnisse. Diese wurde und wird in der Regel mit der Gottesherrschaft (basileía tou theoú bzw. basileía tṓn ouranṓn) identifiziert. Problematisch ist daran zum einen, dass ‚Reich Gottes‘ selbst eine Metapher, wenn auch eine usuelle Metapher, ist: Sie bringt die Wirklichkeit Gottes mit der Wirklichkeit eines weltlichen Königreichs zusammen. Daher ist es so eine Sache mit dem Reich Gottes als ‚Sache‘. ‚Reich Gottes‘ wird überhaupt nur in einigen Gleichnistexten als explizite Rahmenmetapher verwendet.1

Zum anderen ist ‚Reich Gottes‘ nur zum Teil ausdrücklich die Bezugsgröße; viele Texte nennen ihre Bezugsgröße nicht ausdrücklich, sprechen auch nicht von einem basileús als kýrios-Figur und verweisen stattdessen auf andere Bezugsgrößen, wie etwa die Freude im Himmel (Gleichnistrilogie Lk 15). Dementsprechend vermuten einige Forscher die ‚Sache‘ im situativen oder literarischen Kontext der Gleichnisse.2 Andere sehen in den Gleichnissen überhaupt keine ‚Sache‘, sondern die Inszenierung einer von Jesus gestifteten, neuen Existenzform: der Liebe.3

Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die so genannte ‚Sache‘, besser: der theologische Bezugsrahmen als aspektreiches Bündel (vor-)religiöser Erfahrungen und theologischer Erkenntnisse.4 Diese haben alle etwas mit der im Gleichnis angezeigten Wirklichkeit Gottes zu tun. Die Alltagswirklichkeit erscheint, unter dem Vorzeichen der Wirklichkeit Gottes, in einem neuem Licht. Das, worum es geht, ist ein dynamisches Wechselverhältnis zwischen der göttlichen und der menschlichen Wirklichkeit (vgl. → 2.5.6).

Definition: Das eigentlich Gemeinte eines vergleichenden Textes ist innerhalb eines theologischen Bezugsrahmens zu verorten und umfasst ein aspektreich-komplexes Bündel (vor-)religiöser Erfahrungen und theologischer Erkenntnisse.

1.5.11 Sprachgeschehen bzw. Sprachereignis

Die Rede vom Gleichnis als Sprachereignis (auch: Sprachgeschehen) geht auf die Zeit der ‚metaphorischen Wende‘ ab Mitte des 20. Jahrhunderts zurück, in welcher der po(i)etische Charakter der Metapher neu entdeckt wurde (→ 2.2.3). Als ‚erweiterte Metapher‘ (→ 2.2.3c) wurde dem Gleichnis die Sprachkraft zuerkannt, die Wirklichkeit Gottes nicht nur zu illustrieren, sondern sie sogar zu realisieren. Auf den Punkt bringt diese Auffassung Eberhard Jüngel:

Die basileia [Gottesherrschaft] kommt im Gleichnis als Gleichnis zur Sprache. Die Gleichnisse Jesu bringen die Gottesherrschaft als Gleichnis zur Sprache.1

Eine andere Wirklichkeit der basileía als im sprachlichen Vollzug, indem das Gleichnis ausgesprochen wird und es in den Rezipienten wirkt, gibt es nach dieser Auffassung nicht. Das Erzählen von Gleichnissen ist gleichsam ein performativer Akt, der das, wovon er redet, Realität werden lässt.2 Diese besondere Sprachkraft des Gleichnisses macht es zu einer Offenbarungsrede sui generis. – Es ist zu diskutieren, ob Gleichnisse tatsächlich himmlische Fakten schaffen können und es diese jenseits davon gar nicht gibt (→ 2.2.3d; 2.4.3; 2.4.5; 2.5.3b; 2.5.4d).

Definition: Der Begriff Sprachereignis / Sprachgeschehen zielt auf Sprache als performativen Akt ab, der etwas Wirklichkeit werden lässt, indem er es ausspricht.

1.5.12 ‚Eigentliche‘ vs. ‚uneigentliche‘ Rede

Dieses Gegensatzpaar begegnet häufig in der Gleichnisforschung. Jülicher greift damit eine Kategorie der antiken Rhetorik auf, die ihm hilft, Gleichnis/Vergleich mit Allegorie/Metapher zu kontrastieren.1 Die Rhetorik differenziert zwischen einer Redeweise im Sinne von unmissverständlichem ‚Klartext‘, der Deutung weder braucht noch zulässt (‚eigentliche‘ Rede), und einer Redeweise, die nicht sagt, was sie meint, und deutungsbedürftig ist (‚uneigentliche‘ Rede). Die qualitative Bewertung der Redeweisen hängt am Sprachbegriff: Wird Sprache primär als Informationsmedium verstanden, wird ‚eigentliche‘ Rede höher bewertet (rhetorische Optik). Wird Sprache jedoch primär als Form (po[i]etischer) Wirklichkeitserschließung verstanden, wird ‚uneigentliche‘ Rede hochgeschätzt (poetische Optik). Die ‚metaphorische Wende‘ (→ 2.2.3) war in dieser Hinsicht ein Paradigmenwechsel. Die Metapher gilt seither als Grundbaustein sprachlicher Erschließung von Welt; das lässt die pejorative Bezeichnung ‚uneigentlich‘ deplatziert erscheinen. Dennoch bestimmt das Gegensatzpaar bis heute die Diskussion um vergleichende Texte sowie die Unterscheidung von Vergleich und Metapher.2 Dementsprechend wird der semantische Unterschied zwischen Vergleich und Metapher vielerorts noch heute an der Vergleichspartikel wie festgemacht. Der vorliegende Entwurf unterscheidet stattdessen zwischen ausgesprochenem (Vergleich: kein Deutungsbedarf) und nicht ausgesprochenem Vergleichspunkt (Metapher: Offenheit, Sinnüberschuss, Deutungsbedarf; → 1.4.4a/1.4.4b).

Definition: Das Begriffspaar entstammt der antiken Rhetorik und fokussiert den Gegensatz zwischen wörtlich und übertragen zu verstehender Rede. Während das rhetorische Sprachverständnis uneigentliche als deutungsbedürftige, zu ersetzende Rede wertet, wertet das Sprachverständnis der Poetik die Metapher als Grundform sprachlicher, poetischer Welterschließung, das heißt als eigentliche Rede.

Abschließend sei die Verschränkung von rhetorischer und poetischer Optik dieses Buches auf eine griffige Formel gebracht:

Die Eigentlichkeit ‚uneigentlicher‘ Redeweise besteht darin, dass sie über den Umweg der Uneigentlichkeit so zum Eigentlichen kommt, wie es mittels ‚eigentlicher‘ Redeweise gar nicht möglich wäre.

2 Gleichnisforschung im Überblick


Grafik erweitert übernommen aus Erlemann 1999, 52.

Im ersten Durchgang werden einige Wegmarken der Gleichnisforschung abgeschritten (2.1 – 2.3). Der zweite Durchgang arbeitet den Ertrag der Gleichnisforschung anhand leitender Forschungsalternativen auf (2.4); Abschnitt 2.5 stellt weiterführende Überlegungen zu einer integrativen Gleichnistheorie an.

2.1 Der Ausgangspunkt: Adolf Jülicher

Eine kurze Einführung in die Gleichnistheorie Adolf Jülichers (1857-1938) macht die heutige Diskussion verständlich. Mit seinem bahnbrechenden Doppelwerk Die Gleichnisreden Jesu (Tübingen 1886/1898, 2. Auflage 1910) legte Jülicher den Grundstein für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Gleichnissen. Bis heute geschieht Gleichnisforschung in der Auseinandersetzung mit Jülicher.

2.1.1 Ausgangspunkt: anti-allegorischer Affekt

Kernanliegen Jülichers ist die Abwehr der bis dato üblichen Allegorese der Texte. Hierfür nimmt er klare, an der antiken Rhetorik orientierte Begriffsdefinitionen vor.1 Er konstatiert einen Gegensatz zwischen ‚eigentlicher‘ und ‚uneigentlicher‘ Rede. Erstere (Vergleich, Gleichnis) sagt klar und unmissverständlich, was sie meint – und sie meint auch, was sie sagt! Letztere (Metapher, Allegorie)2 hingegen sagt gerade nicht, was sie meint, bzw. sie meint etwas anderes, als sie sagt. Das entspricht Jülichers liberal-theologischem Jesusbild: Jesus war ein genialer Pädagoge, der in unnachahmlicher Klarheit und Verständlichkeit seine Botschaft (die Idee vom Reich Gottes samt seinen sittlich-religiösen Wahrheiten) an sein Auditorium richtete und es zu überzeugen wusste. Dieser Jesus konnte nur Klartext gesprochen haben, nicht etwa deutungsbedürftige, ‚uneigentliche‘, metaphorisch-allegorische Rätselrede.

Kein Mittel hat er unversucht gelassen, kein Mittel des Wortes, um das Wort seines Gottes an und in die Herzen seiner Hörer zu bringen, nur die Allegorie, die nicht verkündigt, sondern verhüllt, die nicht offenbart, sondern verschließt, die nicht verbindet, sondern trennt, die nicht überredet, sondern zurückweist, diese Redeform konnte der klarste, der gewaltigste, der schlichteste aller Redner für seine Zwecke nicht gebrauchen.3

Was an den Gleichnissen der Evangelien auslegungsbedürftig erscheint, geht, so Jülicher, auf das Konto der Evangelisten, die Jesu Gleichnisse als rätselhafte Allegorien missverstanden und sie mit christologischen Inhalten angereichert hätten. Die schriftlich vorliegenden Gleichnisse seien demnach das Ergebnis eines tiefgreifenden, allegorischen Verfälschungsprozesses.4

Sie [scil. die Evangelisten] verstehen unter parabolḗ nicht bloß eine vergleichende Rede, sondern eine, die außerdem dunkel ist, der Deutung bedarf.5

Diese Einschätzung macht einen inneren Zusammenhang zwischen anti-allegorischem Affekt, Jesusbild und Missverständnis- bzw. Verfälschungstheorie sichtbar.6 Hinzu kommt Jülichers Annahme eines Gleichnis-Idealtyps, der keinesfalls deutungsbedürftig sei, sondern ‚Klartext‘ spreche und nur einen einzigen Vergleichspunkt (tertium comparationis) habe. Dieser Idealtyp im Munde Jesu beinhaltet, so Jülicher, eine zeitlose, moralisch-religiöse Satzwahrheit als wesentlichen inhaltlichen Kern.7 Die Gleichnisform ist für Jülicher im Gegensatz zu der in ihr transportierten Satzwahrheit letztlich ersetzbar.

2.1.2 Gleichnisdefinition und Auslegungsinteresse

Jülicher sieht das Ziel moderner Gleichnisauslegung in der Rückgewinnung der Gleichnisse im Munde Jesu. Er nennt als Leitkriterien hierfür den wörtlichen, eindeutigen Textsinn und den Gleichnis-Idealtyp, den er definiert als

diejenige Redefigur, in welcher die Wirkung eines Satzes (Gedankens) gesichert werden soll durch Nebenstellung eines ähnlichen, einem anderen Gebiet angehörigen, seiner Wirkung gewissen Satzes.1

Dem rhetorisch-argumentativen Zweck der Gleichnisse entsprechen, so Jülicher, Präzision und Kürze; ‚Einfachheit als Kennzeichen des Wahren‘ (lat. simplex sigillum veri) sei ein wichtiges Merkmal des Gleichnis-Idealtyps. Die methodische Konsequenz daraus heißt für Jülicher: Verzicht auf Auslegung! Die authentischen Gleichnisse Jesu bedürften sowieso keiner Deutung, die allegorisierten Gleichnisse der Evangelien seien auf ihre ursprüngliche Gestalt zurückzuführen. Anstatt irgendwelche Gleichniselemente zu deuten, möchte Jülicher lediglich das eine tertium comparationis zwischen ‚Bild- und Sachhälfte‘ herausarbeiten.

2.1.3 Formkritik der Gleichnisse

Für die praktische Auslegungsarbeit entwickelt Jülicher formkritisch zu unterscheidende Gleichnistypen: Erstens, Gleichnisse im engeren Sinne bzw. besprechende Gleichnisse, inklusive so genannter Bildworte und Gnomen1; zweitens, Parabeln bzw. erzählende Gleichnisse oder Gleichniserzählungen; drittens, Beispielerzählungen; viertens, Parömien.2 Der Antityp des Gleichnisses ist für Jülicher die Allegorie.3 Diese Klassifizierung erfuhr, mit kleineren Modifikationen (hinzu kam die Kategorie des Gleichnisdiskurses), eine breite Rezeption über ein ganzes Jahrhundert Gleichnisforschung, stellte sich letztlich jedoch als revisionsbedürftig heraus (→ 2.3; 2.4.9; 2.5.7; 3.2).4

a) Besprechendes Gleichnis bzw. Gleichnis im engeren Sinne

Erstes formales Kriterium dieses Gleichnistyps ist laut Jülicher das Präsens als Erzähltempus. Es signalisiere keinen erzählenden, sondern einen besprechenden Charakter. Zweites Formalkriterium ist die Reduktion auf einen einzigen Akteur (z. B. den Sämann in Mk 4,3-9). Ein drittes, mehr inhaltliches Kriterium ist die Beschreibung eines Natur- oder Alltagsvorgangs wie Aussaat und Ernte.1 Die Beschreibung diene dazu, eine Gesetzmäßigkeit des Reiches Gottes zu illustrieren.

Beispiele: die Wachstumsgleichnisse in Mk 4parr., das Fasten auf der Hochzeit (Mk 2,18-20parr.) und die verlorene Drachme (Lk 15,8-10). – Das Gleichnis vom Senfkorn und Sauerteig (Mt 13,31-33) ist eine typische Mischform: Ein Alltagsvorgang mit einem Akteur wird im griechischen Aorist erzählt.

Das Alltags- bzw. Naturgleichnis ist auch nach Klaus Berger einer von zwei Grundtypen (neben Gleichnissen, die etwas Unsinniges bzw. Unmögliches beschreiben).2 Beide Typen sind, so Berger, ‚weisheitliche‘ Redeformen, denn sie bringen kollektive Lebenserfahrung auf den Punkt und argumentieren mit ihr.

b) Erzählendes Gleichnis/Gleichniserzählung/Parabel

Im Gegensatz zum besprechenden Gleichnis ist die Gleichniserzählung bzw. Parabel laut Jülicher ein erzählender Text. Formale Kriterien dieses Gleichnistyps sind Vergangenheitstempora (Aorist, Imperfekt) und das Auftreten mehrerer, hierarchisierter Akteure (Herr – Knechte; Vater – Söhne u. a.). Inhaltlich bietet die Parabel eine zwar erfundene (fiktionale), aber realistische, einmalige und szenisch gegliederte Erzählung. Gemeinsam ist besprechenden und erzählenden Gleichnissen das Phänomen der Konterdetermination (→ 1.5.7). Sie bewirkt, dass sich die Rezipienten möglichst auf die Erzählung und ihre Pointe konzentrieren (→ 1.5.5).

Beispiele: verlorener Sohn (Lk 15,11-32), Schalksknecht (Mt 18,23-35), Arbeiter im Weinberg (Mt 20,1-16), anvertraute Talente (Mt 25,14-30par.).

c) Beispielerzählung

Jülichers Beispielerzählung ist ein Sonderfall der Parabel und betrifft die vier lukanischen Sondergut-Parabeln vom barmherzigen Samaritaner (Lk 10,30-37), vom reichen Kornbauern (Lk 12,16-21), vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19-31) und vom Pharisäer und Zöllner (Lk 18,9-14). Der Unterschied zu den Parabeln besteht darin, dass die Konterdetermination fehlt; die ‚Sache‘ taucht in der Semantik der Erzählebene (‚Bildhälfte‘) expressis verbis auf.1 Die religiöse Dimension begegnet in Gestalt religiöser Gruppen und Personen oder es werden theologische Themen wie Tod und jenseitiges Ergehen in die Erzählung integriert.

Beipiele: Priester, Levit, Samaritaner begegnen auf der Erzählebene von Lk 10,30-37, Mose auf der von Lk 16,19-31, Pharisäer und Zöllner auf der von Lk 18,9-14, Tod und Jenseits auf der von Lk 12,16-21; 16,19-31.

Abgeleitet von der Grundform Exemplum (→ 1.4.1.e) führen Beispielerzählungen ein vorbildliches oder abschreckendes Verhaltensbeispiel vor Augen. Sie fließen im vorliegenden Buch in die Alltagsgleichnisse ein (→ 2.5.7c).

d) Bildwort

Bildwort werden in der Gleichnisforschung Texte genannt, die sich nicht unter die drei bisher beschriebenen Gleichnistypen subsumieren lassen. Sie überschreiten zwar die Satzgrenze (anders als Vergleiche und Metaphern), sind aber weder szenisch entfaltet noch erzählerisch geschlossen. Bildworte werden daher auch als ausgeführte Metaphern oder verkürzte, fragmentarische Gleichnisse bezeichnet.1

Beispiele: Mt 5,13f. (Salz und Licht), Mt 7,1-5 (Splitter und Balken), Mt 13,52 (Hausvater), Mk 2,21f. (Flicken und Schläuche).

Bildworte arbeiten mit rhetorischen Fragen (Mt 5,13.15; 7,4a; Mk 2,21f.); viele stehen im Kontext grundsätzlicher Mahnungen (Mt 7,1; Mk 2,22b). Mehrheitlich sind Bildworte im Verständnis des vorliegenden Entwurfs Weisheitsgleichnisse (→ 2.5.7b).

e) Parömie

Für Jülicher sind Parömien ‚mangelhafte Allegorien‘, von Metaphern durchsetzte Reden ohne ästhetischen Reiz. Sie seien weder Erzählungen noch Gleichnisse.1 In der weiteren Gleichnisforschung wurden die Parömien stiefmütterlich behandelt. Konstatiert wird eine narrative Entfaltung ohne erzählerische Geschlossenheit und mit fließenden Übergängen zwischen verschiedenen semantischen Ebenen. Klaus Berger erkennt eine Nähe zu apokalyptischen Visionen: Joh 16,29f. kennzeichne die Abschiedsreden Jesu als exklusiv an die Jünger gerichtete, bildfreie Rede. Jesu öffentliche Verkündigung in Joh 1-12 gelte demgegenüber als rätselhafte Rede, die im engen Jüngerkreis enthüllt wird.2 – Als johanneischer Begriff für Gleichnisrede wird Parömie bis heute verwendet (→ 1.4.1). Im vorliegenden Entwurf werden sie den Identitätsgleichnissen zugerechnet (→ 2.5.7d).

Beispiele: ‚Hirtenrede‘ (Joh 10,1-18) und ‚Weinstockrede‘ (Joh 15,1-8) werden Parömien genannt. Laut Joh 16,25.29 heißt die Rede Jesu generell paroimía.

f) Gleichnisdiskurs

Ebenso unscharf wie Bildwort ist der Begriff Gleichnisdiskurs.1 Er bezeichnet eine Aneinanderreihung oder Kombination von Vergleichen und Metaphern mit wechselnden Bildfeldern; Bild- und Deutungsebene können sich abwechseln.

Beispiele: Mk 13,33-37 (Türhüter); Lk 12,35-40 (Vorbereitung auf das Kommen des Herrn); Joh 12,24 (Samenkorn).

Eine Unterscheidung zwischen Ausgangs- und Erzählebene (→ 1.5.1) ist nicht möglich, eine erzählerische Geschlossenheit ist nicht gegeben. Formal und textpragmatisch stehen die Gleichnisdiskurse den Parömien nahe.2 – Auch diese Kategorie soll die Grauzone zwischen ‚klassischen‘ Gleichnistypen (s.o.) einerseits und Vergleich bzw. Metapher andererseits erfassen. Wegen der fehlenden Begriffspräzision und der problematischen, formkritischen Einteilung der Gleichnisstoffe wird diese Kategorie nicht weiter berücksichtigt (→ 2.3; 2.4.9; 2.5.7).

g) Allegorie

Für Adolf Jülicher ist die Allegorie das negative Pendant zum Gleichnis (→ 2.1.1; vgl. 1.4.3). Die Allegorie ist für ihn, neben ihrem Baustein Metapher (→ 1.4.4b), ‚uneigentliche‘ Rede par excellence. Jülicher definiert die Allegorie als diejenige

Redefigur, in welcher eine zusammenhängende Reihe von Begriffen (ein Satz oder Satzkomplex) dargestellt wird vermittelst einer zusammenhängenden Reihe von ähnlichen Begriffen aus einem andern Gebiete.1

Ihre ‚Uneigentlichkeit‘ mache die Allegorie deutungsbedürftig, sie habe allenfalls einen ästhetischen Reiz, sei aber pädagogisch wertlos und daher dem auf Eindeutigkeit bedachten Lehrer Jesus abzusprechen. Historisch ist sie für Jülicher das Ergebnis eines Missverständnisses bzw. einer Verfälschung (→ 2.1.1).

Beispiele für Allegorien im Sinne Jülichers: das Gleichnis von den bösen Winzern Mk 12,1-12parr., vom Sämann Mk 4,3-9parr. sowie im Grunde jedes andere Gleichnis in seiner vorliegenden, verschriftlichten Form.

Jülichers anti-allegorischer Affekt wirkt bis heute nach. In der formkritischen Unterscheidung von Gleichnistypen wird die Allegorie weiterhin als Literaturgattung, die nach dem Reißverschluss-Prinzip funktioniere, geführt. Sie verwende eine Reihe thematisch passender Metaphern und habe damit mehrere Vergleichspunkte zwischen Bild und ‚Sache‘, die nacheinander zu entschlüsseln seien.2 Im Gegensatz dazu habe die Parabel nur ein einziges tertium comparationis.3

2.1.4 Das bleibende Vermächtnis Jülichers

Jülicher hat nicht nur die Gleichnisauslegung für die Gefahr allegorisierender Textauslegung sensibilisiert. Sein Beharren darauf, die Bedeutung eines Gleichnisses aus dem Text selbst zu erheben, statt textfremde Kategorien auf ihn zu applizieren, gehört zu seinen bleibenden Verdiensten. Darüber hinaus hat Jülicher der Gleichnisforschung wichtige Impulse und Fragestellungen mit auf den Weg gegeben, was den Zweck der Gleichnisrede, die Klassifikation vergleichender Texte, das Wesen von Metapher und Allegorie, den theologischen Bezugsrahmen (‚Sache‘), das Verhältnis von Schriftlichkeit und Mündlichkeit, den Einfluss antiker Rhetorik oder das Alleinstellungsmerkmal der Gleichnisbotschaft Jesu anbelangt. Das gilt, auch wenn die Forschung im Einzelnen heute zu anderen Ergebnissen kommt. Jülichers Werk bleibt in seiner Nachhaltigkeit und Breitenwirkung bis heute unerreicht.

2.2 Zwischenschritte zur modernen Gleichnisforschung

Die folgende Darstellung beschränkt sich auf wichtige Zwischenschritte der Gleichnisforschung seit Jülicher: Erstens, die Frage nach dem jüdischen Kontext Jesu und der Gleichnisse; zweitens, die Frage nach dem eschatologischen Charakter der Gleichnisbotschaft; drittens, die ‚metaphorische Wende‘; viertens, die kritische Auseinandersetzung mit ihr; fünftens, neuere integrative Ansätze. Der Überblick mündet in die Darstellung der aktuellen gleichnistheoretischen Diskussion.

2.2.1 Gleichnisse als frühjüdische Gattung

Jülichers Rückbezug auf die griechisch-römische Rhetorik zur Bestimmung von Gleichnisform und -zweck wurde schon früh kritisiert. Nicht die antike Rhetorik, sondern die rabbinischen Talmud-Gleichnisse (hebr. meschalím) seien der adäquate Bezugsrahmen der Gleichnisse Jesu. Gleichnisforscher wie Paul Fiebig (1876-1949), David Flusser (1917-2000) und Peter Dschulnigg (1943-2011) stehen für diese Position. Sie verweisen auf die jüdische Prägung Jesu und auf die große Nähe zwischen rabbinischen und neutestamentlichen Gleichnissen.

Wir verstehen die Gleichnisse Jesu nur dann richtig, wenn wir sie als der rabbinischen Gleichnisgattung zugehörig betrachten. Aus dem Wort Jesu über den Zweck der Gleichnisse [Mk 4,10-12parr.] erfahren wir, dass Jesus die Gleichnisse aus denselben Gründen wie die Rabbinen erzählte.1

Das Argument, die Talmudtexte seien deutlich jünger als die Evangelien, wird unter Verweis auf die lange mündliche Vorgeschichte der relativ konstanten und prägnanten Erzählform der Gleichnisse zurückgewiesen. – Der Vergleich zwischen neutestamentlichen und talmudischen Gleichnissen führt zu einer grundsätzlichen Kritik an Jülichers Postulat eines Gleichnis-Idealtyps: Die frühjüdischen Gleichnisse sind allesamt auslegungsbedürftig und weisen mehr als ein tertium comparationis zwischen Erzähl- und Deutungsebene auf. Ohne nachweisbaren Gleichnis-Idealtyp ist aber auch die Kontrastierung zur Allegorie hinfällig.

2.2.2 Die eschatologische Deutung

Jülicher sieht den theologischen Bezugsrahmen (‚Sache‘) des Gleichnisses in einer sittlich-religiösen, zeitlos gültigen Satzwahrheit. Die darauffolgende Generation erkennt ihn in der Verkündigung der anbrechenden Herrschaft Gottes. Schon Jülichers Altersgenosse Johannes Weiß (1863-1914) wies auf den eschatologischen Charakter der Gleichnisbotschaft Jesu hin.1 Unter dem Eindruck des verlorenen Ersten Weltkriegs, der sämtliche Illusionen über die innergeschichtliche Realisierbarkeit sozialer Zustände im Sinne des Gottesreiches zunichte machte, stellten Charles Harold Dodd (1884-1973) und Joachim Jeremias (1900-1979) die eschatologische Ausrichtung der Gleichnisbotschaft in den Vordergrund.2

Mit der eschatologischen Deutung rückt der Begriff der Krise (gr. krísis – Unterscheidung, Entscheidung, Gericht) ins Zentrum der Gleichnisauslegung. Das nahe Kommen Gottes stelle die Hörerinnen und Hörer der Gleichnisse in die existenzielle Entscheidung für oder gegen Gottes basileía.

Alle Gleichnisse Jesu zwingen den Hörer, zu Seiner Person und Seiner Sendung Stellung zu nehmen.3

Jeremias sieht den Kern der Gleichnisbotschaft in der Proklamation des anbrechenden Heils, in Gottes Vergebungsbereitschaft, im Ruf zur sofortigen Buße (gr. metánoia), in der Aussicht auf die nahe Erlösung und in der Warnung vor dem kommenden Gericht. Diese Inhalte provozierten konkrete Verhaltensänderung.

Jülichers rhetorische Zweckbestimmung der Gleichnisse, ihre Entgegensetzung zur Allegorie und die Missverständnistheorie bleiben indes unangetastet.4 Jeremias sieht sich besonders in einem Punkt als Vollender der Jülicherschen Gleichnistheorie: in der konsequenten Rekonstruktion des mündlichen Gleichnis-Idealtyps. Dessen Merkmale übernimmt Jeremias von Jülicher (Einfachheit, Anschaulichkeit, Realistik des Erzählten). Zusätzlich entwickelt Jeremias insgesamt zehn Umformungsgesetze, die bei der Verschriftlichung (und zugleich Übersetzung aus dem Aramäischen ins Griechische) leitend gewesen seien.5 Die Rückgewinnung der ipsissima vox Jesu ist Jeremias’ Erkenntnis leitendes Hauptinteresse. Der O-Ton Jesu samt seinem situativen Entstehungskontext (Auseinandersetzung Jesu mit seinen Gegnern) ist für ihn der Verstehenscode der Gleichnisse.

2.2.3 Die ‚metaphorische Wende‘

Die nachhaltigste Zäsur in der Geschichte der Gleichnisforschung ist die ‚metaphorische Wende‘ seit den 1960er Jahren. Kern der Wende ist die Neubestimmung der Metapher als po(i)etischer Sprachform im eigentlichen Sinne.

a) ‚Eigentliche‘ statt ‚uneigentliche‘ Rede

Während die ältere Gleichnisforschung die Metapher als ‚uneigentliche‘, für argumentativ-rhetorische Zwecke letztlich unbrauchbare Sprachform wertet, die im Deutungsprozess durch ‚Klartext‘ zu ersetzen sei (Substitutionsmodell), sieht die neuere Forschung in der Metapher eine ‚eigentliche‘ Sprachform, die im Unterschied zu unmetaphorischen Sprachformen Wirklichkeit konstituiere. Ein weiterer Vorzug metaphorischer Sprache sei ihre emotional-affektive Ausrichtung: Metaphern und Gleichnisse sprechen auch das Herz an, nicht nur den Verstand. In diesem Sinne sei die Metapher eine poetische bzw. poietische Sprachform (gr. poieín – machen, erschaffen).1 Metapher gilt nicht mehr als einzelner Begriff, als semantischer Fremdkörper, der zu ersetzen sei, sondern als Satzphänomen, das von der kontextuellen Spannung lebt (Interaktionsmodell, Metapher als Phänomen der Prädikation), deutungsoffen ist und einen bleibenden Sinnüberschuss in sich trägt. Daher und wegen ihrer poietischen Sprachkraft sei die Metapher unersetzbar.

b) Metaphorische Sprache als Grundmodus der Erschließung von Wirklichkeit

Die Federführung bei dieser Neubewertung lag bei der Sprach- und Literaturwissenschaft.1 Protagonisten waren Max Black (1962), Robert Funk (1966), Ivor A. Richards (1967) und Harald Weinrich (1976). Sie erkannten in der Metapher den Grundbaustein von Sprache, mit dessen Hilfe Wirklichkeit erfasst und verstanden werde, und zwar durch analogische Verknüpfung von Bekanntem mit Unbekanntem.2 Die Metapher ist Gerhard Sellin zufolge

der deutlichste Ausdruck des analogischen Charakters der Sprache überhaupt, der menschlichen Fähigkeit, Beziehungen zu sehen, zu verbinden, zu interpretieren, Sinn zu erfassen.3

Während Jülicher und seine Nachfolger Sprache als Mittel präziser Informationsübermittlung verstanden, wird Sprache jetzt als schöpferischer (poietischer) Akt bewertet, der Wirklichkeit allererst hervorbringe und neuen Sinn konstituiere.4

c) Gleichnis als ‚erweiterte Metapher‘

Der Bereich des Religiös-Transzendenten ist nur mittels metaphorischer Sprache zu erschließen.1 Diese Erkenntnis führt zu einer Neubestimmung des Gleichnisses als einer ‚erweiterten Metapher‘:2 Gleichnis und Metapher verknüpfen unabhängige Wirklichkeitsbereiche miteinander und sind konterdeterminiert (→ 1.5.7). Der theologische Bezugsrahmen wird über den Umweg der in sich schlüssigen Bild- bzw. Erzählebene mithilfe subtiler Hinweise (Transfersignale) erschlossen. Dieser Vorgang wird als metaphorischer Prozess bezeichnet (zur Kritik → 2.2.4).

d) Gleichnis als ‚Sprachereignis‘

Fokussiert wird in diesem Neuansatz der ästhetisch-po(i)etische Charakter des Gleichnisses: Im Erzählen und Hören des Gleichnisses realisiere sich die Gottesherrschaft. Das Gleichnis avanciert hier zum Offenbarungsmedium sui generis, es gilt als Sprachereignis, vergleichbar einem performativen Akt (→ 1.5.11).1 Hierdurch erhält die Gleichnisform eine exklusive hermeneutische Wertigkeit.

Jesus von Nazareth hat aber nicht in Gleichnissen gesprochen, weil er eine Wirkung erzielen wollte, sondern weil das Gottesreich, das er verkündigte, eine Wahrheit ist, die gar nicht ‚an sich‘ besteht, sondern wesentlich auf das Einverständnis des Hörers abzielt. Die Sprachform Gleichnis entspricht dieser Wahrheit, und nur deshalb ist sie auf Wirkung bedacht. Wahrheitsaussage und Wahrheitsansage sind eine Einheit, so wie Form und Inhalt des Gleichnisses eine Einheit sind.2

Anders gesagt: Der theologische Bezugsrahmen lässt sich nur in der Form des Gleichnisses ausdrücken; verändert man die Form, verändert man auch den Inhalt. – Als methodische Konsequenz der neuen Betrachtungsweise verbietet sich die Suche nach einem tertium comparationis zwischen Erzähl- und Deutungsebene:

Es gibt kein Drittes, das zwischen der Basileia und dem Gleichnis vermittelt. Vielmehr ist die Basileia nur im Gleichnis und nur als Gleichnis da.3

Die Anschauung vom Gleichnis als Sprachereignis wird zum Teil auf die mündlichen Gleichnisse Jesu begrenzt. Nur die mündliche Gleichnisrede sei, dank fehlender kontextueller und textinterner Transfersignale, von den Hörerinnen und Hörern Jesu unvoreingenommen, mit maximaler Fokussierung auf das Erzählte rezipiert worden. Diese idealen Rahmenbedingungen seien conditio sine qua non für den ‚metaphorischen Prozess‘, in dessen Verlauf das, wovon das Gleichnis eigentlich handelt, für die Rezipienten Wirklichkeit werde.4 Im Gegenzug wird der Verschriftlichungsprozess mit der damit einhergehenden (Re-)Kontextualisierung als ‚Sprachverlust‘ gewertet.5

e) Gleichnisse und Bilderverbot

Die metaphorisch-poetische Rede von Gott trägt dem alttestamentlichen Bilderverbot Rechnung, denn sie legt Gott nicht in Formulierungen der Art ‚Gott ist XY‘ fest. Sie bringt vielmehr zugleich Analoges und Differentes zum Ausdruck. Das Gottesbild der Gleichnisse oszilliert in den po(i)etischen Sprachbildern und entspricht damit der dynamischen Unverfügbarkeit Gottes.1

f) Existenziale Interpretation

Der theologische Bezugsrahmen wird in diesem Ansatz neu bestimmt. Hob die ältere Gleichnisforschung auf eine sittlich-religiöse Satzwahrheit (Jülicher) oder auf die eschatologische Ansage der Gottesherrschaft (Dodd, Jeremias) ab, gilt jetzt die Gottesherrschaft im Sinne einer Gegenwirklichkeit bzw. einer neuen, von Jesus gestifteten Existenzmöglichkeit unter dem Vorzeichen der Liebe als Kern der Gleichnisbotschaft. Für Dan Otto Via kommt die Gleichnisverkündigung dem Angebot gleich, die eigene Situation in der Geschichte neu zu verstehen.1

g) Ästhetische Autonomie

Die existenziale Interpretation verweist auf zeitunabhängige, unmittelbar einsichtige Existenzialien wie Angst, Freude, Hoffnung, Liebe, Furcht vor dem Tod etc. Die Gleichnisbotschaft erscheint dadurch unabhängig von ihrem historischen Verstehenszusammenhang. Sinngebend sind, so die Vertreter einer ‚ästhetischen Autonomie‘ der Gleichnisse, das Ensemble der einzelnen Erzählelemente und die jeweiligen Rezipienten. Diese deuteten das Gleichnis als Kunstwerk, das jenseits der Autorintention, autonom sein Wirkungspotenzial entfaltet, mithilfe eines eigenen ‚hermeneutischen Entwurfs‘.1 Die ästhetische Autonomie der Texte verdanke sich vor allem ihrer Kürze und ihrer narrativen Geschlossenheit.2

Die Wirkung des Kunstwerks auf die Betrachter bestehe in einer durch Dramaturgie und Geschlossenheit ermöglichten, ästhetischen Erfahrung, die die Sicht auf den Alltag nachhaltig verändere. Transfersignale und überhaupt die Frage nach einer Deutungsebene spielen in diesem Ansatz keine Rolle. Die Deutung sei ausschließlich auf der Erzählebene selbst zu suchen und zu finden. Nicht die basileía Gottes sei der Bezugsrahmen, sondern eine unmöglich erscheinende Möglichkeit der Existenzführung.3 François Vouga definiert die Gleichnisse als

dramatische Geschichten mit einer oder mehreren Personen, charakterisiert durch die Klarheit ihrer Handlung, durch die Univozität ihrer Sprache und durch die Unabhängigkeit von jedem Kontext.4

Wolfgang Harnisch verbindet das Konzept mit Erkenntnissen der Theaterwissenschaften und der Fabeltheorie. Jülichers Postulat eines Gleichnis-Idealtyps wird aufgegriffen und modifiziert: Eine bestimmte Figurenkonstellation sowie eine Szenenfolge in drei Akten, mit dem erzählerischen Schwerpunkt auf dem dritten, dialogisch angelegten Akt der narratio sei typisch für die Gleichnisse im Munde Jesu. Dieses Arrangement verleihe ihnen eine einzigartige Sprachkraft: Die Adressaten würden wie in einem gelungenen Bühnenstück in den Handlungsverlauf verwickelt. Das führe zur Entdeckung einer überraschend möglich erscheinenden, befreienden Existenzweise, welche in einem metaphorischen Prozess mit der Gottesherrschaft verknüpft werde.5 Merkmale dieser neuen Existenzmöglichkeit seien unbedingte Liebe, unbegrenzte Freiheit und maßlose Hoffnung. In der performance des Gleichnisses werde die Möglichkeit verwirklicht (Sprachereignis). Das textpragmatische Ziel des Gleichnisses formuliert Harnisch so:

Der Hörer, dem Jesu Erzählung als eine ihn treffende Anrede widerfährt, soll sich im Akt der Rezeption zu einem Glauben ermutigen lassen, der das sprachlich Eröffnete als eine ihm extra se ipsum zukommende, verdankte und damit auf Gott verweisende Möglichkeit wahrnimmt, zu einem Glauben also, der die Sphäre des Möglichen mit der Gottesherrschaft identifiziert.6

Harnisch bindet seine Theorie an die mündliche Idealform der Gleichnisse, die noch frei von (zentrifugal wirkenden) Transfersignalen sei. In dieser Form begegneten die Rezipienten den Gleichnissen mit einer Unvoreingenommenheit, die den genannten ‚metaphorischen Prozess‘ allererst ermögliche. Die Verschriftlichung der Texte und die damit einhergehende Anreicherung mit nach außen ablenkenden Transfersignalen (Allegorisierung) wertet Harnisch als ‚Sprachverlust‘, in dem das Sprachereignis in ein rhetorisches Argument umgewandelt werde. Jülichers Missverständnis- bzw. Verfälschungstheorie lebt damit modifiziert weiter (weiter zum Gleichnis als Bühnenstück → 2.2.6e).

h) Bleibende Kontinuität mit Jülicher

Die Hochschätzung der Gleichnisform gilt exklusiv für die mündlichen Gleichnisse. Kontextualisierung, Verschriftlichung und Transfersignale machten die ursprüngliche Sprachkraft des Gleichnisses zunichte (‚Sprachverlust‘). So finden Jülichers anti-allegorischer Affekt und seine Verfäschungstheorie eine Fortsetzung.1

i) Fazit: Gleichnisse als Offenbarungsmedium und ‚Sprachereignis‘

Die ‚metaphorische Wende‘ führt zur Wiederentdeckung der po(i)etisch-ästhetischen Sprachkraft und der Unersetzbarkeit von Metapher und Gleichnis. Form und Inhalt, narratio und theologischer Bezugsrahmen bilden eine unauflösliche Einheit. Jesus als Gleichniserzähler etablierte eine unvergleichliche, dem Inhalt und dem Bilderverbot adäquate Form der Rede von Gott. Indem er die anbrechende Gottesherrschaft verkündigte, ließ er sie bei den Menschen Wirklichkeit werden. So gelten die Gleichnisse als Offenbarungsmedium sui generis und als einzigartiges, performatives Sprachereignis. Das in → 1.5.11 zitierte Diktum Jüngels bringt den Kern der ‚metaphorischen Wende‘ auf den Punkt. Inhaltlicher Kern der Gottesherrschaft ist demzufolge die Liebe als den Menschen neu geschenkte Existenzmöglichkeit (existenziale Interpretation). Die Suche nach einem Vergleichspunkt und einer Deutungsebene jenseits des Erzählten ist in diesem Ansatz obsolet.

2.2.4 Kritik an der ‚metaphorischen Wende‘

Die Gleichnisforschung seit den 1970er Jahren findet weiterhin in Auseinandersetzung mit Jülichers Ansatz und zusätzlich mit dem Konzept der ‚metaphorischen Wende‘ statt. Gegen Letztere wurden folgende drei Punkte kritisch eingebracht1:

Erstens, eine Gleichsetzung der Metapher als Satzphänomen der Lyrik und des Gleichnisses als narratio sei nicht zulässig:

Wird das Metaphernphänomen der Lyrik auf Gleichnisse übertragen, muss dies fast notwendig zu Verkürzungen im Gleichnisverständnis führen, da hier gleich zwei Grenzen überspielt werden: die Grenze vom Satz zur Erzählung und diejenige von der Gattung Gedicht zur Gattung Gleichnis.2

Ein wichtiger Unterschied zwischen Metapher und Gleichnis bestehe darin, dass die Metapher lediglich Analogien, ein Gleichnis aber auch Differenzen zwischen zwei Wirklichkeitsbereichen sichtbar machen könne.3 Diese Beobachtungen sprechen gegen die Definition des Gleichnisses als einer ‚erweiterten Metapher‘. Ein Gleichnis sei vielmehr eine fiktionale Erzählung, die einzelne Merkmale mit der Metapher gemeinsam hat (Konterdetermination, bleibender Sinnüberschuss, mehrere mögliche Vergleichspunkte und Deutungsbedarf).

Zweitens, das Gesagte gilt auch für die Rede von der po(i)etischen Sprachkraft der Metapher: Die Ansicht, Metapher und Gleichnis hätten eine besondere Sprachkraft und ein Gleichnis sei ein performatives Sprachereignis, wird als unangemessen und apologetisch gewertet.

It would be difficult to document cases of people who in reading a parable or having it read to them experienced in that moment their lives being ‚torn apart‘.4

Die Sprachkraft von Metapher und Gleichnis beschränke sich auf ihre Fähigkeit, bereits vorhandene Analogien sichtbar zu machen.5 Von einem ‚Sprachverlust‘ bei der Verschriftlichung der Gleichnisse zu sprechen (Harnisch 1985), sei daher unsachgemäß, auch weil die Annahme eines kontextfreien, mündlich vorgetragenen Gleichnisses eine Fiktion ist – im Gegenteil: Auch für die Gleichnisse im Munde Jesu seien Kontextmarker ([Vor-]Wissen der Hörerschaft um Jesu Vollmacht, Jesu Taten als situativer Kontext der Gleichnisse u. a.) vorauszusetzen, die das Verstehen der Gleichnisrede vorprägen. Die Gleichnisse seien von Jesus nicht in einem luftleeren Raum, sondern im Kontext seines sonstigen Wirkens gesprochen worden. Absolute Unvoreingenommenheit der Hörerschaft als Voraussetzung dafür, dass das mündlich vorgetragene Gleichnis eine performativ-po(i)etische Wirkung entfalten könne, sei Fiktion.6 Diese Erkenntnis führt in der Folge zur Fokussierung auf die schriftliche Endgestalt der Texte und ihres Kontextes.7

Drittens, die Fokussierung der Metapherntheorie auf poetische Anteile wird als Engführung eingestuft, vergleichbar der rhetorisch-argumentativen Engführung bei Jülicher. Schon Quintilian ordne Metaphern und Gleichnisse dem rhetorischen und dem poetischen Bereich zu.8 Metaphern eigneten sich demnach sowohl zur sachlichen Beschreibung von Sachverhalten als auch zur emotionalen Steuerung der Hörerschaft. Gemeinsam mit der Beobachtung des grundsätzlichen Kontextbezugs ergebe sich daraus methodisch die Aufgabe, Metaphern und Gleichnisse aus ihrem Kontext heraus zu deuten. Die Sprachformen ließen sich durch Interpretation zwar nicht substituieren, aber im Sinne der Autorintention interpretieren. Wesentlich für den Interpretationsrahmen seien der literarische Kontext und der Verstehenskontext der Erstadressaten; deren theologische und zeitgeschichtliche Assoziationen beim Hören von Metaphern und Gleichnissen seien zu rekonstruieren. – Die Rückbesinnung auf die argumentativ-rhetorische Funktion von Gleichnis und Metapher führt im weiteren Verlauf zu einer verstärkt redaktionskritischen bzw. kommunikationstheoretischen Betrachtungsweise.9

2.2.5 Revision des Allegorie-Begriffs

Jülichers anti-allegorischer Affekt geriet in der Folgezeit zunehmend in die Kritik. Die Beobachtung von Mischformen (Gleichnisse mit allegorischen Anteilen) und die Neubewertung der Metapher (→ 2.2.3) schlagen sich in einer Neubestimmung der Allegorie und im Verzicht auf ihre Kontrastierung mit Gleichnissen nieder.

a) Beobachtung von Mischformen

Es gibt keine scharfe Grenze zwischen eindeutigen und deutungsbedürftigen Texten. Jedes Gleichnis hat klar verständliche und deutungsbedürftige Elemente. Deutungsbedürftige Elemente sind z. B. andeutende und verschleiernde Transfersignale. Sie durchbrechen die Realistik und die Konterdetermination der narratio und weisen auf eine theologische Deutungsebene hin (→ 1.5.9).1

Beispiel: Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) gilt als Mustergleichnis Jesu. Seine Botschaft der unbedingten Liebe des Vaters zu seinen Söhnen leuchtet unmittelbar ein. Gleichwohl enthält es deutungsbedürftige Elemente: Was besagt der Hinweis auf die Schweine, die der jüngere Sohn zu hüten hat? Was bedeutet der Ring, den der Vater dem Heimgekehrten ansteckt? Was meint die Rede von ‚tot‘ und ‚lebendig‘ (V.24.32)? Ausgehend von der Kohärenz und Integrität des Gleichnisses, müsste man es, Jülichers Logik folgend, Jesus gänzlich absprechen oder aber die besagten Elemente der nachträglichen, verfälschenden Interpretation durch Lukas zuordnen.

Jülichers Entgegensetzung zwischen eindeutigen Gleichnissen und uneindeutigen Allegorien sowie sein Postulat eines idealtypischen, eindeutigen Gleichnisses wirken konstruiert.2

Wirkliche Gleichnisse bewegen sich gerne im Raum zwischen diesen beiden Extremen.3

Das Statement von Peter Dschulnigg bringt das Problem auf den Punkt.4

b) Präzisierung der Begrifflichkeit

Hans-Josef Klauck (1978) brachte eine nachhaltige Begriffsdifferenzierung in die Diskussion ein. Er unterscheidet zwischen Allegorie, Allegorese und Allegorisierung. Das Kernanliegen Jülichers erscheint in der Folge als Affekt gegen die Allegorese als Auslegungsmethode. Die nachträgliche allegorische Anreicherung bzw. Allegorisierung von Gleichnissen ist laut Klauck ein positiv zu bewertender Aktualisierungsprozess. Außerdem hinterfragt Klauck die formkritische Definition von Allegorie als literarischer Gattung kritisch (→ 1.4.3; 2.1.3g; 2.5.2a).

1. Allegorese

Die Allegorese ist ein antikes, bis in die Neuzeit verbreitetes Auslegungsverfahren, das zwischen dem wörtlichen Sinn eines Textes und einem weiteren, tieferen bzw. allegorischen Sinn unterscheidet. Diese Unterscheidung ermöglicht es, auch schwer verständlichen Bibeltexten einen (aktuellen) Sinn abzugewinnen. Texte gelten dabei generell als mehrschichtig und damit als bewusste Herausforderung, den eigentlichen Sinn, die geistliche Tiefendimension, zu entdecken. In diesem Sinne betrieb bereits Philo von Alexandrien (ca. 15 v. – ca. 50 n. Chr.) systematisch Allegorese. Auf diese Weise erschloss er philosophisch gebildeten Nichtjuden in Alexandria den (philosophischen) Sinn biblischer Texte.

Beispiel: Entgegen dem ursprünglichen Textsinn von Gen 16-21 deutet Paulus in der Allegorese Gal 4,21-31die beiden Erzmütter Sara und Hagar auf den neuen bzw. den alten Bund. Allein die soziale Konstellation der beiden Frauen genügt Paulus, sein Thema hierin abgebildet zu sehen. Die bekannte, anschauliche Erzmüttergeschichte ist für den Apostel ein geeignetes Medium, um die eher unanschauliche Rede vom alten und neuen Bund begreiflich zu machen.

Das Beispiel zeigt, dass Allegorese argumentativen Zwecken und zugleich der Aktualisierung des Erzmüttertexts dient. Von der Alten Kirche bis in die Neuzeit wurde die Allegorese weiter verfeinert (Unterscheidung mehrerer Schriftsinne bei Origenes, Augustin u. a.). Das Verfahren wird pneumatologisch legitimiert: Der Autor aller Bibeltexte sei der Heilige Geist, der sie wie einen Teppich zusammengewoben habe. So seien alle Texte miteinander unsichtbar verknüpft; diese Verknüpfungen gelte es offenzulegen – eine frühe Form von Intertextualität!1

Mit dem Aufkommen der historisch-kritischen Bibelauslegung wurde die Allegorese mehr und mehr in Frage gestellt. Nicht eine unhistorische, geistliche Tiefendimension stand nunmehr im Fokus der Exegese, sondern der vom Textautor intendierte, historische Textsinn. Bezugspunkt ist dabei die Semantik des Textes.

Beispiel: Das ‚Kalb‘ im Gleichnis vom verlorenen Sohn könnte, allegorisch gedeutet, auf den gekreuzigten Christus hinweisen, der für die Vergebung der Sünden ‚geschlachtet‘ wird. Eine solche Deutung wird jedoch der ursprünglichen Intention des Lukas nicht gerecht: Erstens, das ‚Kalb‘ ist ein dekorativer Nebenzug des Gleichnisses, der nicht nach Auslegung ruft; zweitens, ‚Kalb‘ als christologische Metapher ist weder bei Lukas noch sonst irgendwo im Neuen Testament zu finden (im Gegensatz zu ‚Lamm‘).

Für die historisch-kritische Methode verbietet sich Allegorese; das ist bis heute common sense der wissenschaftlichen Textauslegung, zumindest in der westlichen, vor allem durch den Protestantismus geprägten, Auslegungstradition. Der vorliegende Entwurf plädiert für eine Enttabuisierung der Allegorese (→ 2.5.5d).

2. Allegorisierung

Jülicher verstand unter Allegorisierung die nachträgliche, verfälschende Überlagerung ursprünglich allegoriefreier Texte mit ‚allegorischen‘ Elementen wie z. B. Metaphern, zeitgeschichtlichen Anspielungen etc. – Elemente, die auf eine tiefere Sinnebene hinweisen und zugleich deutungsbedürftig sind.1

Beispiele: 1) Die allegorisierende Anreicherung des Gleichnisses von der königlichen Hochzeit Mt 22,1-14 durch V.7: Die Belagerung einer Stadt mit anschließender Zerstörung durch Feuer passt in keiner Weise zur kontextuellen Handlung der Vorbereitung einer Hochzeitsfeier. Somit sprengt V.7 die Erzählebene und ruft nach Auslegung. Es handelt sich hier wahrscheinlich um einen Reflex auf die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. Für diese Annahme spricht nicht nur die Geschichtstheologie des Matthäus (die Zerstörung Jerusalems als Strafe für die Ablehnung Jesu), sondern auch der synoptische Vergleich: Das Element fehlt in der lukanischen Parallele Lk 14,15-24. – 2) Zum Winzergleichnis Mk 12,1-12parr. vgl. → 1.3, These 8.

Die Allegorisierung ist ein Mittel, um schon ursprünglich deutungsbedürftige und teilweise unverständlich gewordene Texte in einer neuen historischen Situation zu aktualisieren und ihren ursprünglichen Sinn mit historischer Erfahrung zu verbinden. Allegorisierung ist, gegen Jülicher, positiv zu bewerten – als wichtiges und probates Mittel, Texte über ihre Ursprungssituation hinaus zu tradieren.

In Umkehrung der Auffassung Jülichers wird folgende These gewagt: Die Evangelisten haben nicht ursprünglich klare Gleichnisse Jesu missverstanden. Sie haben sie nicht unnötig allegorisiert oder gar vorsätzlich verfälscht, sondern sie haben die oft als rätselhaft empfundenen Gleichnisse Jesu durch Zufügung andeutender und klärender Elemente einem weiteren Adressatenkreis zugänglich gemacht und aktualisiert.2

3. ‚Allegorische‘ Elemente

Bausteine in Gleichnissen, die auf eine externe Deutungsebene hinweisen, werden unter dem Sammelbegriff ‚allegorische‘ Elemente, besser: Transfersignale zusammengefasst (→ 1.5.9; 2.5.1c; 2.5.2a). Klärende, andeutende und den tieferen Sinn verschleiernde Transfersignale stehen in einer ausgefeilten Balance nebeneinander (→ 2.5.2a). Sie sind auch für die mündlichen Gleichnisse Jesu vorauszusetzen und kein Zeichen späterer Verfälschung.1

4. Allegorie

Der herkömmliche, von Jülicher geprägte Begriff ist sehr weit gefasst und bezeichnet prinzipiell jeden vergleichenden Text, der mit deutungsbedürftigen Elementen arbeitet. Allein die Beobachtung solcher Elemente rechtfertigt aber nicht, von einer Textgattung Allegorie zu sprechen (→ 1.4.3). In Konsequenz der Beobachtungen Klaucks wird der Gattungsbegriff Allegorie in Theologie und Literaturwissenschaft seither auf Texte mit hermetischer Tendenz (Codierung, Chiffrierung), erzählerischer Inkonzinnität und Surrealistik eingegrenzt (→ 2.5.2a).

2.2.6 Neuere Trends

Seit der ‚metaphorischen Wende‘ fokussiert die Gleichnisforschung bis dato vernachlässigte Aspekte, so den didaktischen, kommunikationstheoretischen, redaktionskritischen, rezeptionsästhetischen und religionsgeschichtlichen Aspekt.1

a) Der didaktische Aspekt

Die Wiederentdeckung der Gleichnisform wird von Ingo Baldermann (*1929) und anderen Gleichnisauslegern didaktisch fruchtbar gemacht.1 Dem Gleichnis als Offenbarungsmedium entspreche didaktisch die Methode der Nacherzählung. Ziel dieses Umgangs sei es, die Erzählung aus der Perspektive des Autors zu lesen und zu verstehen. Das Gleichnis hat, so Baldermann,

die Kraft der erzählenden Sprache für sich: Jede Erzählung bringt den Hörer dazu, daß er die Dinge mit den Augen des Erzählers liest.2

Die methodische Konsequenz lautet: Rekonstruktion der Entstehungssituation der Gleichnisse. Gelingt die Nacherzählung, so Baldermann, können die Adressaten zum Glauben finden und eine neue Existenzmöglichkeit ergreifen; damit hätte das Gleichnis seinen Zweck erfüllt. Der Ansatz verknüpft das rhetorisch-argumentative Gleichnisverständnis mit der hermeneutischen Hochschätzung der narrativen, mündlich vorgetragenen Gleichnisrede und mit ihrer existenzialen Interpretation.3 – Ein Neuerzählen des Gleichnisses ist für Erhardt Güttgemanns (1935-2008) der methodische Ansatz, um den Gleichnissen in veränderten hermeneutischen Situationen ihre ursprüngliche Wirkung zurückzugeben. Hierfür entwickelt er die Auffassung vom Gleichnis als ‚generativer Poetik‘ – einer Poetik, die das, worum es geht, allererst hervorbringt. Güttgemanns betont die Verschränkung von Form und Inhalt sowie die didaktische Zweckbestimmung der Gleichnisse.4

b) Der kommunikationstheoretische Aspekt

Der von Edmund Arens (*1953) und Eckhard Rau (1938-2011) vertretene Ansatz versteht das Gleichnis als Teil eines historischen Kommunikationsgeschehens.1 Gleichnisse sind

kommunikative Handlungen eines Sprechers in Bezug auf seine Hörer angesichts einer zur Diskussion stehenden Sache.2

Die kommunikative Handlung mit all ihren rhetorischen Techniken sorge für eine Veranschaulichung des Inhalts und dafür, die Herzen der Adressaten zu bewegen.3 Der Zweck der Gleichnisbotschaft sei nicht kognitiver (Information über Gott und sein Handeln), sondern emotiv-praktischer Art (Verhaltensänderung): „Gleichnisse wollen in die ‚Sache‘ der Praxis des Lebens übersetzt werden.“4

Methodisch entspricht dem Ansatz die Rekonstruktion der ursprünglichen Verstehensbedingungen und Assoziationsmöglichkeiten mittels einer Kombination von Realienkunde, Traditionsgeschichte, Religionsgeschichtlichem Vergleich und Redaktionskritik. – Gegen die in der ‚metaphorischen Wende‘ und im französischen Strukturalismus entwickelte Auffassung einer ‚ästhetischen Autonomie‘ der Gleichnisse (→ 2.2.6g) gilt der literarische Kontext als Verstehensschlüssel.

c) Der redaktionskritische Aspekt

Voraussetzung für eine redaktionskritische Betrachtung ist die Absage an das Postulat eines Gleichnis-Idealtyps und an die damit verbundene Missverständnis- und Verfälschungstheorie Jülichers. Wie im kommunikationstheoretischen Ansatz gilt auch hier der (literarische) Kontext als Verstehensschlüssel. Gleichnisse sind, so Gerhard Sellin (1943-2017), Kommentare zum kontextuell geschilderten Verhalten Jesu.1 Es bestehe eine intensive Wechselwirkung zwischen Wirken und Reden Jesu. Der theologische Bezugsrahmen der Gleichnisse ist, so Sellin, im literarischen Kontext abgebildet: die Gottesherrschaft, die in Jesu Handeln konkret wird.2

d) Der rezeptionsästhetische Aspekt

In Zuspitzung des kommunikationstheoretischen Ansatzes fragt Dieter Massa (*1966) nach dem Einfluss der Leserschaft auf die Textgestaltung bzw. nach dem Verhältnis von Textproduktion und -rezeption.1 Leitend ist dabei das Bild vom Autor, der das Gleichnis so konzipiere, dass es von der intendierten Leserschaft möglichst optimal verstanden werden kann. Um dies zu gewährleisten, sei nicht nur jedes gleichnisinterne Element sorgfältig formuliert, sondern auch die Implementierung in den literarischen Kontext ein bewusster Akt der Leserlenkung.2

Im Fokus stehen insbesondere die Transfersignale des Textes (→ 1.5.9; 2.2.5b; 2.5.2a). Auch im Blick sind traditionsgeschichtliche Prätexte, Traditionen und Motive, die in den Text einfließen und das Verstehen der Adressaten in eine bestimmte Richtung lenken. Damit werde ein Interpretationsrahmen umrissen, innerhalb dessen die Adressaten den Text deuten könnten; eine eindeutige Festlegung des Textsinns unterbleibe jedoch, was der Polyvalenz der Metaphorik, dem überschießenden Sinnpotenzial des Textes und der individuellen Aneignung durch die Leserinnen und Leser entspricht. Die Frage der Autorintention verliert bei diesem Ansatz an Relevanz; wichtiger ist das (jeweilige) Textverständnis der Adressaten. Der theologische Bezugsrahmen ergebe sich aus dem kreativen Leseakt. Der Bezugsrahmen sei nicht einseitig im Sinne einer ‚zeitlosen, religiösen Satzwahrheit‘ oder einer ‚neuen Existenzmöglichkeit‘ zu verstehen; kritisiert wird auch die Annahme einer ‚ästhetischen Autonomie‘ der Gleichnisse (→ 2.2.6g).

Der Ansatz bewegt sich zwischen einer Fixierung des theologischen Bezugsrahmens im Sinne Jülichers und der existenzialen Interpretation einerseits sowie einer völligen Öffnung des Textsinns im Sinne des Strukturalismus andererseits.

e) Der psychologische Aspekt

Iver K. Madsens psycholinguistischer Ansatz fragt nach den Assoziationen des Autors beim Verfassen eines Gleichnisses.1 Ähnlich fragt Martin Leiner (*1960) textpsychologisch nach dem Produktionsprozess und seinen unbewussten, emotionalen und kognitiven Faktoren.2 Die Emotionalität der Texte sei ausschlaggebend, um die intendierte Einstellungsveränderung zu erreichen. – Tim Schramm (*1940) legt mit dem bibliodramatischen Zugang einen eigenständigen psychologischen Ansatz vor. Dabei wird die Erzählebene ausgelotet und mit persönlicher Erfahrung des Auslegers angereichert.3 Einfühlung in den Text, freie Assoziation und historisch-kritische Arbeit ergänzten sich gegenseitig. Mithilfe textpragmatischer Techniken wie ‚antithetischer Zwilling‘ und offenen Erzählschlüssen führten die Gleichnisse unterschiedliche Handlungsmuster vor Augen und provozierten suggestiv Stellungnahme bzw. Parteinahme. Als kleine bibliodramatische Bühnenstücke kämen die Gleichnisse erst dann zu ihrem Ziel, wenn sie ‚ins Leben gezogen‘ bzw. immer wieder neu inszeniert werden.4 – Schramm zufolge führt das Bibliodrama auch zu einer neuen Einschätzung der Allegorese:

Im Bibliodrama – das ist meine Erfahrung – tut sich nicht selten ein (auch) allegorisches Verstehen der Texte auf; die Allegorese kehrt zurück im mimetischen Spiel, vorwissenschaftlich-spontan und ungeniert. Das ist kein Wunder, denn wer die Bilder ernst nimmt, sich von Symbolen berühren läßt und der Einladung zur Identifikation folgt, der überschreitet schnell den Buchstaben-Sinn; er findet Tiefenschichten in ‚seinem‘ Text, die sich oft als so evident erweisen, daß die strikte Abwehr einer allegorischen Auslegung durch die historisch-kritische Exegese als unangemessen erscheint.5

Ein Beispiel für die Nähe von Bibliodrama und Allegorese ist das in den Gleichnissen Lk 15,3-32 zu entdeckende ‚trinitarische Triptychon‘, das den Hirten auf Jesus Christus, die Frau auf den Heiligen Geist und den Vater auf Gott hin deutet.6

f) Der religionsgeschichtliche Aspekt

David Flusser (1917-2000), Klaus Berger (1940-2020) und Peter Dschulnigg (1943-2011) verorten den Interpretationsrahmen der Texte im frühjüdischen und hellenistischen Umfeld.1 Der Blick auf außerbiblische Gleichnisse lässt den Gegensatz zwischen Allegorie und Gleichnis fraglich erscheinen.2 Während Flusser und Dschulnigg wie einst Paul Fiebig die enge Verwandtschaft der Gleichnisse Jesu mit den meschalím des frühen Judentums betonen (→ 2.2.1), weist Berger auf die Nähe zu den griechisch-römischen Deklamationen hin. Diese Übungstexte für angehende Juristen laufen, ähnlich wie manche Gleichnisse, auf ein bestimmtes, durch geschickte rhetorische Leserlenkung suggeriertes Urteil hinaus (→ 1.4.2). In den Fokus rückt dabei die besondere Textpragmatik vergleichender Texte.

2.3 Die aktuelle Diskussion

Das 2007 von Ruben Zimmermann (*1968) herausgegebene ‚Gleichniskompendium‘ markiert eine neue Phase der Gleichnisforschung.1 Erstmalig seit Jülichers Doppelband werden nicht nur die kanonischen und apokryphen Gleichnisse flächendeckend ausgelegt, sondern es erfolgt auch eine breite, interdisziplinär angelegte theoretische Grundlegung. Hierbei werden einzelne Aspekte der Gleichnistheorie neu durchdacht und synthetisiert. Einzelne Aspekte sind:

a) Fokussierung auf die Endgestalt der Gleichnisse: Die Rückfrage nach der Urgestalt der Gleichnisse bzw. nach der ipsissima vox Jesu (Jülicher, Jeremias) wird als verfehlt abgelehnt.2 Trotzdem gelten Gleichnisse weiterhin als Urgestein der Überlieferung, als prädestinierte Medien der Jesuserinnerung im Sinne der Wirkungsplausibilität.3 Der Verschriftlichungsprozess wird nicht negativ im Sinne eines Missverständnisses oder bewusster Verfälschung gewertet.

b) Absage an apologetische Tendenzen: Anstelle der qualitativen Distanzierung der Gleichnisse Jesu von jüdisch-hellenistischen Gleichnissen plädiert das ‚Gleichniskompendium‘ für eine konsequent religionsgeschichtliche Einbettung der Gleichnisse.4 Formale und funktionale Vorläufer stellten die alttestamentlichen Gleichnisse und meschalím dar, bedeutsame Analogien böten die grieschisch-hellenistische Literaturgeschichte und die antike Rhetorik.

c) Die Alternative der rhetorischen oder poetischen Abzweckung wird verworfen: Unter Rückgriff auf Quintilian wird die Ambivalenz der Metapher als rhetorisches Überzeugungsmittel und als poetische Neubeschreibung von Wirklichkeit hervorgehoben.5 Die ‚metaphorische Wende‘ wird bestätigt. Metaphern dienten einer Neuerschließung von Welt und Sein bzw. der (Re-)Strukturierung der Wirklichkeit; Gleichnisse gelten als einzig angemessene Form, von Gott zu sprechen.6 Die Gleichnispoetik sorge für eine prinzipielle Unabgeschlossenheit der Deutung.7

d) Gegen die Dominanz der Autorintention: Die einseitige Fokussierung auf die Autorintention wird abgelehnt; das Verständnis der Texte als deutungsbedürftige Rätselworte mit inhärenter Deutungsvielfalt lenkt das Augenmerk auf die Sinn schaffende Eigenleistung der Rezipienten. Gleichnisse seien ‚deutungsaktiv‘; ihre Mehrdeutigkeit sei ein Appell, in das Erzählte einzusteigen und in ihm konkrete Lebenswahrheiten zu entdecken.8 Intentionale Verstehensrichtung und individuelle Aneignung entscheiden gemeinsam über den Textsinn. Die Koppelung beider Perspektiven richtet sich gegen eine vorschnelle Vereinnahmung der Gleichnisse.9

e) Konsequente Kontextualisierung: Gegen das Konzept ‚autonomer Kunstwerke‘ (→ 2.2.6g) verweist Zimmermann auf den historischen, sozialen und literarischen Kontext der Gleichnisse als notwendigen Deutungsrahmen. Sprachlich-narrative Analyse und historische Betrachtung werden miteinander verschränkt.10 Dies entspricht der Koppelung intentionaler Verstehensrichtung mit individueller Aneignung und verhindert die Beliebigkeit des Verstehens bzw. einen Verstehensverzicht; Offenheit und Verbindlichkeit bilden ein dynamisches Gegenüber.11

f) Die Rätselhaftigkeit als hermeneutischer Hebel: Die Rätselhaftigkeit der Gleichnisse wird hermeneutisch fruchtbar gemacht: Gerade das ‚primäre Unverständnis‘ stelle die Rezipienten vor die Aufgabe, genauer hinzuhören und in einen Prozess des Fragens, Staunens und Suchens einzusteigen. Die Verwendung deutungsbedürftiger Rede sei geradezu eine ‚spezielle hermeneutische Strategie‘, um zu einem vertieften Verständnis zu führen.12

g) Absage an die Unterteilung der Gleichnisstoffe: Die formkritische Klassifikation der Gleichnisstoffe wird zurückgewiesen.13 Jülichers Unterscheidungskriterien seien weder durch die antike Rhetorik abgedeckt noch in der Praxis anwendbar.14 Mischformen sind die formkritische Regel, so Zimmermann in Anlehnung an Fiebig (→ 2.2.1). Zimmermann verweist darauf, dass das Griechische in Hinblick auf vergleichende Texte fast durchweg von parabolaí spricht, anstatt zu differenzieren. In der Konsequenz fordert Zimmermann den Verzicht auf eine Klassifikation: „Parabeln – sonst nichts!“ lautet sein programmatisches Statement.15

Das ‚Gleichniskompendium‘ versteht sich als integratives Modell historisch-diachroner, literarisch-literaturwissenschaftlicher und hermeneutisch-leserorientierter Zugänge.16 So verbinden sich die Fragen nach der Entstehungssituation und nach der sozialen Wirklichkeit der intendierten Adressaten sowie die (narrativ-sprachliche) Betrachtung des Texts an sich, religionsgeschichtliche Einbettung, Textpragmatik und Rezeptionsästhetik zu einem breit angelegten Gesamtentwurf.

2.4 Auswertung: Leitende Fragestellungen und Alternativen

Der obige Überblick über die Gleichnisforschung wird im Folgenden anhand der die Diskussion leitenden Alternativen systematisch ausgewertet.

2.4.1 Ein einziger vs. mehrere Vergleichspunkte

Jülicher sieht im Gleichnis das rhetorische Beweismittel für eine sittlich-religiöse ‚Satzwahrheit‘, die den Vergleichspunkt zwischen ‚Bildhälfte‘ und ‚Sachhälfte‘ darstellt. Die ‚Satzwahrheit‘ herauszufinden, sei das Ziel der Gleichnisexegese.1 Methodisch entsprechen dem die Rückgewinnung des Entstehungskontextes und die Rekonstruktion des Gleichnisses in seiner mündlichen Urgestalt. ‚Allegorische‘ Elemente (besser: Transfersignale) führt Jülicher auf das Missverständnis der Evangelisten zurück; die Auslegung solcher Elemente führe in die Irre.

Mit der Rehabilitation metaphorischer, das heißt bedeutungsoffener und deutungsbedürftiger, Redeweise erscheint Jülichers Auffassung überholt (→ 2.2.3). Methodisch leitend ist nunmehr die Rekonstruktion der ursprünglichen Verstehensbedingungen für Bildfelder, Metaphern, zeitgeschichtliche Anspielungen etc. sowie redaktionskritische Überlegungen zu Semantik und Sprachgebrauch des Autors (→ 2.2.6b-d). Die Deutungsoffenheit der Metaphern entspricht nach neuer Sichtweise der Deutungsoffenheit des Gleichnisses und der Annahme potenziell mehrerer Vergleichspunkte zwischen Bild- und Deutungsebene. Um der Gefahr allegorischer Auslegung zu entgehen, gilt die Pointe des Gleichnisses als kritisches Korrektiv (→ 2.5.5cd; 3.1).

2.4.2 Gleichnis vs. Allegorie

Jülichers Gleichnistheorie basiert auf der Entgegensetzung von Gleichnis/Vergleich (‚eigentlicher Rede‘) vs. Allegorie/Metapher (‚uneigentlicher Rede‘), von rhetorischem vs. po(i)etischem Zweck, von mündlicher Urform vs. verschriftlichter Gleichnisform, von einem einzigen vs. mehreren Vergleichspunkten sowie von methodischem Deutungspurismus vs. Auslegungsbedarf. Das dahinter stehende Jesusbild korrespondiert mit der Missverständnis- bzw. Verfälschungstheorie und dem Postulat eines Gleichnis-Idealtyps (→ 2.1.1f.; 2.5.5b). Die Beobachtung von Mischformen als Regelfall frühjüdischer meschalím, die ‚metaphorische Wende‘ und die Revision des Allegoriebegriffs1 erweisen den Gegensatz von Gleichnis und Allegorie als Scheinalternative (→ 2.2.1; 2.2.3; 2.2.5; 2.5.2a).

Allegorisierung wird heute weithin als historische und hermeneutische conditio sine qua non einer gelingenden Neukontextualisierung und Aktualisierung des ursprünglichen Textes verstanden.2 Die Allegorie gilt heute einerseits als Stilmittel auch im nicht-literarischen Bereich, andererseits als Gattungsbegriff, der auf Texte mit hermetischer Grundtendenz einzugrenzen ist (→ 2.2.5b; 2.5.2a).

2.4.3 Rhetorischer vs. po(i)etischer Zweck

Jülicher verstand Gleichnisse als rhetorische Argumentations- und Beweismittel, die durch die Rekonstruktion des tertium comparationis im Sinne einer sittlich-religiösen Satzwahrheit in nicht-vergleichende Rede zu überführen sei. Die ‚metaphorische Wende‘ führte zum Neuverständnis der Texte als poetischer, ja poietischer Gattung, deren Sinnpotenzial sich nicht in einer Satzwahrheit erschöpfe, sondern in die Neubeschreibung bzw. Neukonstituierung der Wirklichkeit münde (→ 2.2.3b; 2.5.4b). Gleichnisse gelten als erweiterte Metaphern und als hermeneutisch adäquate Form, von Gottes Wirklichkeit zu sprechen (→ 2.2.3c; 2.5.4c). Hieraus ergibt sich die Auffassung, Gleichnisse seien ein Offenbarungsmedium sui generis und die Realisierung des Reiches Gottes ein Sprachereignis (→ 2.2.3d; 2.5.4d).

Die Gleichnisform gilt in der Folge aufgrund ihrer Fiktionalität und Narrativität als unersetzbar, da nur sie einen ‚metaphorischen Prozess‘ in Gang setzen könne, der zur Entdeckung der Wirklichkeit Gottes führt. Dies gilt, so Harnisch, nur für die mündlichen Gleichnisse; die Verschriftlichung führe zu einem ‚Sprachverlust‘.1 – Die jüngste Gleichnisforschung betont das Wechselspiel zwischen rhetorisch-argumentativer und poetischer Gleichnisfunktion (→ 2.3c). Vergleichende Rede setze nicht-vergleichende Argumentation mit anderen Mitteln fort. Der Rückgriff auf vergleichende Sprache biete den Vorteil, dass das argumentative Lernziel nicht nur kognitiv, sondern auch affektiv-praktisch vermittelt wird. Gleichnisse seien Jesu Kampf um die Herzen der Menschen (vgl. → 2.2.6b).2

2.4.4 Kontextualität / Autorintention vs. ästhetische Autonomie / Leserzentriertheit

Für Vertreter der Kontextgebundenheit der Gleichnisse ist die Bedeutungsrichtung eines Gleichnisses durch seinen historischen bzw. literarischen Kontext und durch die Intention des Autors vorgegeben. Der Kontext gilt als die maßgebliche Instanz, die über den Textsinn entscheidet. Dem entspricht das Verständnis vom Gleichnis als einem rhetorischen Argumentationsmittel. Vertreter der po(i)etischen Sichtweise betonen hingegen die prinzipielle Deutungsoffenheit des Gleichnisses im Sinne ästhetischer Autonomie (→ 2.2.6g). Damit erscheint der Textsinn abgelöst von kontextuellen Faktoren; das Gleichnis entwickle als poetisches Kunstwerk eine Eigendynamik, was den Textsinn anbelangt. Die Sinnkonstitution ergebe sich im individuellen Rezeptionsvorgang jeweils neu und vielgestaltig.1 Diese Auffassung korreliert mit der vom Sprachereignis, das je und je in der Begegnung mit der Gleichnisbotschaft stattfinde. Die historische Analyse zur Erschließung des ursprünglichen Textsinns wird hier als inadäquat abgelehnt.2 Das, worum es im Gleichnis geht, sei überzeitlich und betreffe die Menschen aller Zeiten und Kulturen gleichermaßen. Die narrativ-poetische Gleichnisform sorge dafür, dass sich der theologische Bezugsrahmen je und je neu und unmittelbar, ohne Rekurs auf historische Gegebenheiten, ergibt (→ 2.2.3; 2.5.3a; 2.5.4d).3

2.4.5 Theologische Inhalte vs. ‚Sprachereignis‘

Ist das Gleichnis ein Sprachereignis, ist sein Inhalt ein Ereignis, das sich je und je im Hören oder Lesen des Gleichnisses einstellt – eine individuelle Begegnung mit der Gottesherrschaft und deren aktuelle Realisierung (→ 1.5.11; 2.2.3d). Der Akzent liege auf dem punktuellen Geschehen der Glaubenserfahrung bzw. Offenbarung Gottes im Gleichnis; das sei die poíesis des po(i)etisch wirkenden Textes.1 Hier einen theologischen Bezugsrahmen suchen zu wollen, wäre verfehlt. – Anders die rhetorisch-argumentative Sichtweise: Das Gleichnis transportiere als Teil eines historischen Kommunikationsgeschehens einen theologischen Inhalt (→ 2.2.6b; 2.5.6), woraus sich die Frage nach dem historischen Textsinn bzw. nach der Autorintention und den Rezeptionsbedingungen der Adressaten ergibt.

Diese Alternative spaltet nach wie vor die Gleichnisforschung in zwei Lager. Gegen die Theorie vom Sprachereignis wird kritisch eingewandt2: a) Die Realisierung der Gottesherrschaft im Vollzug des Hörens des Gleichnisses sei nicht überprüfbar; b) Nachprüfbar sei die Vermittlung komplexer religiöser Erfahrung; c) Die Rede vom Sprachereignis sei eine reine Glaubenswahrheit und apologetisch (Dokumentation der Einzigartigkeit der Predigt Jesu; → 2.4.6; 2.5.4d); d) Die Reduktion des theologischen Inhalts auf die Gottesherrschaft werde von den Gleichnissen nicht gedeckt (→ 2.5.6). – Die Alternative entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Scheinalternative: Rhetorik und Poetik gehen beim Gleichnis Hand in Hand, historisches Verstehen und affektives Angerührtsein ebenso. Die Gottesherrschaft (oder was auch immer als theologischer Bezugsrahmen des Gleichnisses anzusehen ist) gewinnt im Gleichnis Konkretion; dieser poetische Aspekt der Gleichnisse ist jedoch nicht loszulösen von dem rhetorisch-argumentativen Aspekt (→ 2.5.3b).

2.4.6 Mündliche vs. schriftliche Gleichnisse

Diese Entgegensetzung schlug sich ab der ‚metaphorischen Wende‘ in der hermeneutischen Hochschätzung der mündlichen Gleichnisrede Jesu als Sprachereignis und in der Negativbewertung des Verschriftlichungsprozesses nieder (→ 2.2.3dg; 2.5.5b).1 Dem wird in der neueren Gleichnisforschung widersprochen; das Postulat einer kontextfreien Rezeptionssituation erscheint demnach ebenso fragwürdig wie die hermeneutische Abwertung der schriftlichen Endgestalt der Gleichnisse.2 Das apologetische Interesse, die Einzigartikeit der Gleichnisrede Jesu herauszustellen, deute außerdem auf dogmatische Voreingenommenheit der Exegeten hin (→ 2.2.4; 2.5.8).

2.4.7 Auslegungsbedarf vs. -abstinenz

Jülicher lehnte die Deutung der Gleichnisse ab, da sie ursprünglich keinerlei Deutung benötigten (→ 2.1). Vertreter der Sprachereignis-Theorie lehnen die Deutung ab, da weder der historisch-literarische Kontext noch die Autorintention für das Verstehen ausschlaggebend seien. Vielmehr sei die Wirkung der Erzählung im Sinne eines ‚metaphorischen Prozesses‘, in welchem sich Gottes Liebe und Herrschaft realisierten, entscheidend (→ 2.2.3). Auslegungsabstinenz ist, so gesehen, die Folge einer verengten Sichtweise (das Gleichnis als rhetorisch-argumentative oder als po(i)etische Sprachform). Demgegenüber plädiert der vorliegende Band für eine Verschränkung historischer und narrativer, rhetorischer und poetischer Betrachtungsweisen (→ 2.5.5c). Der jeweilige Textsinn eines Gleichnisses ist durch diachrone (historisch-sozialgeschichtliche, traditionsgeschichtliche, religionsgeschichtliche) und durch synchrone (kompositions- und redaktionskritische, textlinguistische, formkritische, textpragmatische) Methodenschritte zu erheben.

2.4.8 Reich Gottes vs. Vielfalt theologischer Inhalte

Ist das ‚Reich Gottes‘ bzw. die ‚Gottesherrschaft‘ das Passepartout der Gleichnisauslegung oder ist mit unterschiedlichen theologischen Bezugsgrößen zu rechnen? Die Gleichnisforschung nennt seit Jülicher stereotyp die basileía Gottes als ‚Sache‘ der Gleichnisse (zur Diskussion → 1.5.10). Da nur ein Teil der Gleichnisse die Gottesherrschaft explizit als Bezugsrahmen nennt und es sich bei der Rede von der basileía um eine Rahmenmetapher für Gottes Wirklichkeit handelt, erscheint es sachgemäß, nicht vom ‚Reich Gottes‘ als der einen ‚Sache‘, sondern von einem theologischen Bezugsrahmen zu sprechen, der unterschiedliche Aspekte der göttlichen Wirklichkeit enthält (→ 2.5.6).

2.4.9 Gleichnistypen vs. ‚alles Parabel‘

Die formkritische Einteilung der Gleichnisstoffe (→ 2.1.3) wurde schon früh mit Verweis auf zahlreiche Mischformen kritisiert (→ 2.2.1).1 In jüngster Zeit wird sie unter Verweis auf die antike Rhetorik und auf den biblischen Sprachgebrauch zurückgewiesen.2 Doch ist der Versuch, Gleichnistypen zu bestimmen, legitim, denn er entspringt dem Bedürfnis, das Phänomen Gleichnisse in seiner Differenziertheit zu erfassen.3 Zu fragen ist, ob es eine Alternative zur formkritischen Klassifikation gibt. Der vorliegende Ansatz versucht, von der Textpragmatik aus zu einer zumindest heuristisch tragfähigen Einteilung zu gelangen (→ 2.5.7).

2.4.10 Fazit: Der Erkenntnisgewinn aus hundert Jahren Gleichnisforschung
a) Bleibende Grundeinsichten Jülichers

Folgende Grundeinsichten Jülichers stehen nach wie vor in Geltung: Erstens, Gleichnisse sind nicht willkürlich, je nach theologischem Gusto, auszulegen; Allegorese verbietet sich im wissenschaftlichen Diskurs weitgehend (Ausnahme: → 2.5.5d). Dem entspricht die methodische Fokussierung auf den Zielgedanken (Pointe). Dies verhindert Allegorese. Zweitens, Jülichers Problemhorizont gibt nach wie vor den Rahmen der Gleichnisforschung vor. Drittens, die hohe Wertschätzung der Gleichnisse als Urgestein der Jesuserinnerung ist bis heute ein wichtiger und weithin unwidersprochener Impuls der Frage nach den Gleichnissen.1

b) Leitende Alternativen und Scheinalternativen

Die Gleichnisforschung bewegt sich seit Jülicher weitgehend in einem Raster von Alternativen bzw. Scheinalternativen, die die Diskussion befördern, aber auch behindern. Diese Alternativen lauten1:

 1. formkritischer Aspekt: Gleichnis [Vergleich] vs. Allegorie [Metapher] bzw. ‚eigentliche‘ vs. ‚uneigentliche‘ Rede (Frage der sprachlich-rhetorischen Grundunterscheidung).

 2. formkritischer Aspekt: Mündliche vs. verschriftlichte Gleichnisse (Frage des Gleichnis-Idealtyps).

 3. formkritischer Aspekt: Einzigartigkeit vs. religionsgeschichtliche Einbettung und Vergleichbarkeit (Frage des Alleinstellungsmerkmals Jesu).

 4. formkritischer Aspekt: Verschiedene Gleichnistypen vs. ‚alles Parabel!‘ (Frage der Binnendifferenzierung).

 1. hermeneutischer Aspekt: rhetorisch-argumentativer vs. po(i)etischer Zweck (Frage des Verhältnisses von Form und Inhalt).

 2. hermeneutischer Aspekt: Verfälschungsprozess bzw. Sprachverlust vs. notwendige Aktualisierung (Frage der historischen Adaption).

 3. hermeneutischer Aspekt: Vermittlung von Inhalten vs. ‚Sprachereignis‘ bzw. Offenbarungsmedium sui generis (Frage der Sprachkraft).

 4. hermeneutischer Aspekt: Kontextualität vs. ästhetische Autonomie (Frage der [un-]mittelbaren Wirkung).

 1. exegetischer Aspekt: Ein einziges tertium comparationis vs. mehrere Vergleichspunkte (Frage der Substituierbarkeit von Gleichnis / Metapher).

 2. exegetischer Aspekt: Rekonstruktion der Urform (diachron) vs. Betrachtung der Endgestalt (synchron).

 3. exegetischer Aspekt: Decodierung der Metaphorik vs. Auslegungsabstinenz (Frage der intentionalen Eindeutigkeit einer parabolḗ).

 4a. exegetischer Aspekt: Frage nach Autorintention vs. Leserzentriertheit.

 4b. exegetischer Aspekt: Reich Gottes vs. Vielfalt theologischer Inhalte.

Die tabellarische Übersicht zeigt die Erkenntnis leitenden Fragen und die innere Verflechtung der leitenden Alternativen der Gleichnisforschung auf:


Aspekte, Leitfragen formkritisch hermeneutisch exegetisch
1 Zweck bildhafter Sprache; Jesus als Pädagoge, Esoteriker oder Po(i)etiker Gleichnis/Vergleich vs. Allegorie/Metapher rhetorisch/argumentativ vs. po(i)etisch ein einziges tertium comparationis vs. mehrere Vergleichspunkte
2 Idealtyp; ipsissima vox Jesu als hermeneutisch letztgültig relevante Instanz mündliche vs. schriftliche Gleichnisse authentische, sachgemäße Aktualisierung vs. Verfälschung/Sprachverlust Rekonstruktion der Urform vs. redaktionskritische Betrachtung
3 Verhältnis von Form und Inhalt; Sprachkraft; mehrdimensionales Alleinstellungsmerkmal Jesu Einzigartigkeit vs. religionsgeschichtliche Einbettung und Vergleichbarkeit Vermittlung von Inhalten vs. Sprachereignis / Offenbarungsmedium sui generis Decodierung der Metaphorik vs. Verzicht auf Auslegung.
4 Unterschiedliches: Binnendifferenzierung // Frage nach der bedeutungsgebenden Instanz Verschiedene Gleichnistypen vs. alles Parabel Kontextualität der Gleichnisse vs. ästhetische Autonomie Autorintention vs. Leserzentriertheit. – Reich Gottes vs. Vielfalt theologischer Inhalte

c) Apologetische Tendenzen / Die Jesusfrage

Deutlich ist die Interdependenz von Gleichnisforschung und Jesusfrage. Als ‚Urgestein‘ der Jesusüberlieferung gelten die Gleichnisse zugleich als Schlüssel zum historischen, besser: erinnerten Jesus. Das erklärt apologetische, die Gleichnisse Jesu exklusivierende Tendenzen. Die Diskussion um die Gleichnisse ist zugleich eine Diskussion um den Kern der Botschaft Jesu und um ihr religionsgeschichtliches, formkritisches und hermeneutisch-theologisches Alleinstellungsmerkmal. Diese theologischen und apologetischen Tendenzen sind für die Gleichnisforschung problematisch. Es handelt sich (1) um das Postulat eines ursprünglichen Idealtyps von Gleichnis, verbunden mit (2) einem bestimmten Jesusbild, (3) die grundsätzliche hermeneutische Höherbewertung des Ursprünglichen gegenüber späteren Entwicklungen, (4) dogmatische Vorentscheidungen über den Inhalt der genuinen Botschaft Jesu sowie (5) apologetisch zu nennende Abgrenzungsversuche von der religionsgeschichtlichen Umwelt in formkritischer und theologisch-hermeneutischer Hinsicht.1 Der Verzicht auf diese dogmatisch-apologetischen Vorgaben ermöglicht eine differenzierte, religionsgeschichtlich und historisch verifizierbare Einbettung der Gleichnisse und ihrer Botschaft in ihren Entstehungskontext. Das ist der Ausgangspunkt des nachfolgenden gleichnistheoretischen Entwurfs.

2.5 Aspekte einer weiterführenden Gleichnistheorie

Die Bilanz der Gleichnisforschung führt folgerichtig zu integrativen Konzepten, die (Schein-)Alternativen zu überwinden und dogmatische bzw. hermeneutische Vorentscheidungen mit apologetischer Tendenz zu vermeiden suchen. Auf dieser Grundlage konturiert sich das folgende gleichnistheoretische Modell.

2.5.1 Sprachliche und narrative Merkmale

Gleichnisse sind eine äußerst pluriforme Textgattung; das Bedeutungsspektrum der zugrunde liegenden Begriffe (gr. parabolḗ; hebr. maschál) ist sehr breit (→ 1.4.1). Dass sie alle unter ein und demselben Begriff Platz finden, verdanken sie mehreren gemeinsamen Merkmalen.

a) Analogischer Charakter

Alle vergleichenden Formen, ob Tropen oder narrativ ausgestaltete Gleichnisse, leben von Analogie. Vergleichende Texte verbinden zwei ursprünglich selbstständige Wirklichkeitsbereiche miteinander (Bildspender, Bildempfänger).1 Narrativ ausgestaltete Gleichnisse haben zwei Bedeutungsebenen: die wörtliche Erzählebene und eine dahinter liegende Deutungsebene. Die Erzählebene ist grundsätzlich konterdeterminiert, das heißt, die Deutungsebene kommt im Erzählten nicht oder nur versteckt vor; das verleiht der Erzählung eine zentripetale Struktur: Die Adressaten des Gleichnisses fokussieren sich primär auf das Erzählte, nicht auf das Gemeinte. Der Grad der Konterdetermination kann freilich schwanken.

Beispiele: Das Sämanngleichnis Mk 4,3-9 ist extrem konterdeterminiert und provoziert damit Allegorese (Mk 4,14-20). Lukanische Gleichnisse verschränken zum Teil Erzähl- und Deutungsebene miteinander (Lk 10,30-37; 16,19-31; 18,9-14), ebenso die ‚Parömien‘ Joh 10,1-18 und Joh 15,1-8.

Der analogische Charakter hebt vergleichende Texte aus dem literarischen Kontext heraus. Der narrative Basisplot (Ausgangsebene, Jesus und sein sonstiges Wirken) wird unterbrochen, die Semantik wechselt zur Erzähl- bzw. Bildebene. Am Ende erfolgt die Rückkehr zur semantischen Ausgangsebene. Zwischen Ausgangs- und Erzählebene vermittelt bei Gleichnissen häufig, aber nicht immer, eine Übergangsebene (Einleitung, Weckruf, sentenzartiger Schluss, Anwendung).

Beispiele: Der Weckruf ‚Wer Ohren hat zu hören, der höre!‘ (Mk 4,9) weist im Nachgang auf einen tieferen Sinn des Sämanngleichnisses hin. – Die Einleitungsformel ‚Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn …‘ (Mk 4,26) o.ä. verweist explizit auf den Deutungsrahmen. – Die Schluss-Sentenz ‚So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein‘ (Mt 20,16) kennzeichnet das Weinberg-Gleichnis als Deutung der gleichlautenden Sentenz Mt 19,30. – Die Anwendung Lk 10,37 ‚Geh hin und tue desgleichen‘ markiert das Samaritaner-Gleichnis als Exemplum für das geforderte Tun.

b) Fiktionalität und Pseudorealistik

Von Tropen abgesehen, teilen Gleichnisse als weiteres gemeinsames Merkmal die Fiktionalität. Die Texte bieten erfundene Konstellationen, Situationen und Begebenheiten, die dem Anspruch allgemeiner Plausibilität genügen; der Inhalt des Textes ist realitätsnah. Durchbrochen wird die Plausibilität mitunter durch verfremdende Elemente (Extravaganzen). Die Realitätsnähe des Geschilderten erweist sich hierdurch als Pseudo-Realistik. Eben diese bildet die Brücke zwischen der erfahrbaren Alltagswelt und der prinzipiell unzugänglichen Welt Gottes (Deutungsebene), die Analogien und Unterschiede zur Alltagswelt zugleich aufweist.1

Beispiele: Extravagant ist die überschwängliche Freude des Vaters des verlorenen Sohnes Lk 15,11-32, ebenso die Vernichtung der Stadt der unwilligen Hochzeitsgäste im Hochzeitsgleichnis Mt 22,1-14 und der Erlass einer astronomischen Schuld im Schalksknecht-Gleichnis Mt 18,23-35. Was extravagant ist, bemisst sich an der Kenntnis der antiken Lebensumstände (Realien).

Eine Ausnahme bilden Naturgleichnisse: Sie sind nicht frei erfunden, sondern bieten plausibel erscheinende Naturvorgänge oder natürliche Zusammenhänge in typisierter Form. In diesem Falle liegt der Fokus ausschließlich auf Analogien zwischen Erzähl- und Deutungsebene; Differenzen werden ausgeblendet.

c) Transfersignale

Dass Gleichnisse überhaupt als analogische Texte wahrgenommen werden, ist, neben der Vertrautheit mit dem Genre als solchem, auf Transfersignale zurückzuführen (→ 1.5.9). Diese können die tiefere Bedeutung der narratio klar benennen, sie lediglich andeuten oder sie sogar verschleiern. Der Anteil klärender, andeutender und verschleiernder Signale ist von Text zu Text unterschiedlich. Je höher der Anteil nur andeutender oder gar verschleiernder Signale ist, desto größer der Deutungsbedarf bzw. der ‚allegorische‘, hermetische Charakter des Erzählten. Allegorien als Textgattung zeichnen sich durch das weitestgehende Fehlen klärender Transfersignale aus (weiter → 2.5.2a).

Klärende Transfersignale sind z. B. der Hinweis auf das ‚Reich Gottes‘ in Einleitungsformeln; weiterhin religiöse Termini und Anwendungen. Andeutende Transfersignale sind geprägte, aber polyvalente Metaphern wie Ernte oder Weinberg, sodann Weckrufe wie Mk 4,9parr., weiterhin zeitgeschichtliche Anspielungen wie Mt 22,7 sowie Extravaganzen. Verschleiernde Transfersignale sind Chiffren, ungeprägte bzw. kühne Metaphern sowie surreale Züge, wie sie häufig im Kontext apokalyptischer Visionen zu finden sind (Dan 2 und 7; Apk 6; 9; 12 u. a.).

d) Pointe und Vergleichspunkt(e)

Zwischen Bildspender und Bildempfänger bzw. zwischen dem geschilderten Vorgang und der Deutungesebene gibt es einen oder mehrere Vergleichspunkte. Diese sind im Falle narrativ ausgestalteter Gleichnisse der gemeinsamen Zielaussage (Pointe) zugeordnet. Die Erschließung und Formulierung der Pointe ist für die Gleichnisexegese von entscheidender Bedeutung (→ 3.1; Beispiele in Kapitel 4).

2.5.2 Gleichnis und Allegorie / Metapher

Das Verhältnis von Gleichnis und Metapher / Allegorie ist ein Dauerthema der Gleichnisforschung (→ 2.1; 2.2.3). Im vorliegenden Entwurf gestaltet es sich so:

a) Gleichnis und Allegorie – ein Gegensatz?

Der Allegorie-Begriff wurde von Hans-Josef Klauck 1978 kritisch revidiert (→ 2.2.5). Auf seinen Erkenntnissen gründen die folgenden Überlegungen.

1. Allegorie als problematischer Begriff

Gab für Jülicher die Allegorie das Feindbild seiner Gleichnistheorie ab, hat sich das Allegorie-Verständnis im Verlauf der Gleichnisforschung radikal gewandelt (→ 1.4.3; 2.1.3g). Allegorisierung gilt heute als positiv zu wertender Prozess (→ 2.2.5b; 2.5.5b). Da der Begriff allegorische Elemente missverständlich und negativ vorgeprägt ist, wird er durch den Ausdruck Transfersignale ersetzt.1 Die gattungskritische Einordnung eines Textes als Allegorie unterliegt strengen Kriterien.

2. Allegorie als Stilelement

Die Entgegensetzung von Allegorie/Metapher vs. Gleichnis/Vergleich ist hinreichend widerlegt (→ 1.5.12; 2.1.1f.; 2.2.1). Die Beobachtung von Allegorien jenseits der Bibel (Romane, Lyrik, Musik, bildende Kunst), lässt Allegorie als Stilelement subversiv-hermetisch ausgerichteter Genres mit dem Zweck erscheinen, das im Kunstwerk Gemeinte kunstvoll zu chiffrieren bzw. zu verschleiern, um es ausschließlich mit dem Verstehenscode vertrauten Insidern zugänglich zu machen.

3. Allegorie als Extremfall vergleichender Rede

Vom letzten Satz und von Klaucks Neuansatz (1978, → 2.2.5) her stellt sich die Allegorie als Extremfall vergleichender Rede dar, in der klärende und andeutende Transfersignale weitestgehend fehlen und verschleierende Transfersignale (→ 1.5.9; 2.5.1c) dominieren.1 Die damit angezeigte, subversiv-hermetische Tendenz unterscheidet Allegorien grundsätzlich von den werbend-missionarisch ausgerichteten Gleichnissen. Hierin besteht ihr eigentlicher Gegensatz. Biblische Allegorien finden sich als Baustein prophetischer und apokalyptischer Visionen (vgl. Dan 2 und 7; Apk 6; 9; 12 u. a.).2 – Eine Tabelle verdeutlicht das Verhältnis von nicht-vergleichendem Text, Gleichnis und Allegorie anhand des Verhüllungsgrades. Die Tabelle zeigt den graduellen, fließenden Übergang zwischen den Formen:3


b) Gleichnis als erweiterte Metapher?

Gleichnis und Metapher sind bildhafte Sprachformen und bringen eine unanschauliche Sache anschaulich auf den Punkt. So ermöglichen sie eine neue Sicht auf die Alltagswirklichkeit; insofern sind beide Sprachformen poetisch (→ 2.2.3c). Ein Gleichnis freilich ausschließlich von seiner Metaphorizität her zu definieren, übersieht die bleibenden Unterschiede zwischen Metapher und Gleichnis (→ 2.2.4): Metaphern können lediglich Analogien oder Differenzen zwischen Bildspender und Bildempfänger aufzeigen, Gleichnisse können beides zugleich; sie sind narrative Texte, die zwar mit Metaphern arbeiten, denen aber eine ganz andere Dynamik eigen ist. Zudem lassen sie unterschiedliche textpragmatische Strategien erkennen (weiter → 2.5.7).1

Beispiele: Das Ich-bin-Wort ‚Ich bin das Licht der Welt‘ (Joh 8,12) macht auf eine Analogie zwischen Christus und Licht aufmerksam. Die Metapher ‚Achill ist kein Löwe‘ unterstreicht den Unterschied zwischen beiden Bereichen. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) zeigt die Ähnlichkeit, aber auch die Differenz zwischen Gott und einem ‚normalen‘ Vater.

2.5.3 Poetische Rhetorik, rhetorische Poetik

Rhetorik und Poetik vergleichender Texte wurden lange Zeit als sich ausschließende Alternative gehandelt. Der vorliegende Entwurf sieht keinen Gegensatz zwischen rhetorischer und poetischer Bestimmung der Gleichnisse, sondern sich gegenseitig ergänzende Aspekte.

a) Textbeobachtung: Kontextuelle Einbindung

Gleichnisse und Metaphern sind Teil antiker Kommunikationsgeschehen zwischen einem Autor, seinen Adressaten und einer bestimmten Ausgangsfrage bzw. -situation.1 Gleichnisse sind regelmäßig Teil längerer Argumentation, heben diese auf eine andere, bildhaft-narrative Ebene und befördern durch Einsatz spezieller textpragmatischer Mittel wie Fiktionalität, (Pseudo-)Realistik, Spiel mit Emotionen und Bildfeldern, Identifikation und konkurrierenden Verhaltensmustern das Argumentationsziel. Anders gesagt: Die Poetik von Gleichnissen und Metaphern sind in einen rhetorisch-argumentativen Kontext eingebunden.

Gleichwohl gibt der Autor durch die Metaphorik nur eine Deutungsrichtung vor. Innerhalb des Deutungsrahmens bzw. Verstehenshorizonts erfolgt die Deutung je und je neu durch die Rezipienten. Die Polyvalenz der Metaphern und Bildfelder sowie die Dynamik der narratio sorgen für einen bleibenden Sinnüberschuss. Intention und Interpretation ergänzen einander zum Akt der Sinngebung.

b) Verhältnis von Rhetorik und Poetik

Sind Gleichnisse rhetorische oder poetische Formen? Die Alternative erweist sich bei näherem Hinsehen als Scheinalternative. Gleichnisse sind bildhaft und fiktional, arbeiten mit Metaphern und zielen auf emotionale Zustimmung. Das macht sie zu poetischen Sprachformen: Sie verbinden Altes mit Neuem (Mt 13,52), lassen die Welt mit anderen Augen sehen, indem sie Analogien zwischen einzelnen Wirklichkeitsbereichen aufzeigen (z. B. zwischen Gottes Wirklichkeit und menschlicher Hochzeitsfeier).

Die Poesie ist jedoch kein Selbstzweck, sondern regelmäßig Teil längerer Argumentation. Gleichnisse fungieren als plausibles und emotional ansprechendes Argument (‚Werbung um die Herzen‘).1 Durch das Mittel (pseudo-)realistischer narratio heben sie die Sachargumentation auf eine andere Ebene; die unumstrittene Plausibilität des bildhaft Geschilderten provoziert Zustimmung, die auf die kontextuelle, nicht-bildhafte Argumentationsebene zu übertragen ist.

Die Zwischenstellung analogischer Redeweise zwischen Rhetorik und Poetik ist bereits bei Quintilian angelegt.2 Das bestätigt die kompositionskritische Beobachtung, dass Poesie und Argumentation einander zugeordnet sind.3 Metaphorische Rede hilft, unmetaphorische Argumentation persuasiv auf den Punkt zu bringen, frei nach dem Motto: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.

Beispiele: Die Auskunft der Bergpredigt: „Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben“ (Mt 6,15) gewinnt durch das Schalksknecht-Gleichnis Mt 18,23-35 eine narrative Ausgestaltung. Diese lässt die Motivlage des Spruchs deutlich werden und sorgt so für unmittelbare Plausibilität. Dasselbe gilt für den programmatischen Spruch Lk 19,10: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist“; er wird durch die Gleichnisse vom Verlorenen (Lk 15) konkret und nachvollziehbar (himmlische Freude als leitende Motivation).

Der aus metaphorischer Rede resultierende Deutungsbedarf spielt den Ball des Verstehens den Adressaten zu; sie haben die Freiheit und die Aufgabe, das Gesagte zu deuten (→ 2.2.6d). Ob dies gelingt, hängt von der Bereitschaft ab, sich in die Nachfolge Jesu zu begeben, sprich: das Herz für die göttliche Perspektive zu öffnen (vgl. die synoptische Parabeltheorie Mk 4,10-13parr.). Insofern haben die Gleichnisse eine esoterische Tendenz: Sie bieten Sonderwissen für diejenigen an, die sich auf den Weg Jesu und die nahe basileía Gottes einlassen. Genau hierzu laden die Gleichnisse ein; hierin liegt ihre missionarisch-werbende Ausrichtung.4

2.5.4 Wirkung und Sprachkraft

Dieser Theorie-Aspekt hat seit der ‚metaphorischen Wende‘ intensivere Beachtung gefunden (→ 2.2.3; 2.4.2). Die Erkenntnis, dass Gleichnisse und Metaphern die Sicht auf den Alltag verändern, ist seither common sense. Umstrittener ist die Ansicht, Gleichnisse seien performative ‚Sprachereignisse‘ (→ 2.2.3d; 2.4.6).

a) Textbeobachtung: Polarisierende Wirkung

Die Evangelisten bezeugen die polarisierende Wirkung der Gleichnisse. So unterscheidet die synoptische Parabeltheorie Mk 4,10-13parr. zwischen Insidern und Outsidern, zwischen Menschen, die ins Geheimnis der Gottesherrschaft eingeweiht sind, und Verstockten, die nicht eingeweiht sind und denen die Gleichnisse als Zugangscode rätselhaft bleiben. Das Winzergleichnis Mk 12,1-12 bezeugt, dass Jesus mit seiner Gleichnisrede teilweise auf erbitterten Widerstand stieß. Die ambivalente Rezeption der Gleichnisse kommt dem Vollzug des Endgerichts in erster Instanz gleich, das heißt: Gleichnisse haben eine eschatologisch-kritische Funktion.1 Das angekündigte Weltgericht als zweite Instanz ratifiziert lediglich am Ende der Zeit das bereits feststehende Urteil. Die Gleichnisse hatten keine zwingende Beweiskraft und waren kein missionarischer Selbstläufer; das erklärt für die Evangelisten, weshalb Jesus zu weiten Teilen abgelehnt wurde (→ 4.5.2e).

b) Veränderung der Wirklichkeitssicht

Gleichnisse und Metaphern verändern die Weltsicht, stellen Verhaltensmuster in Frage und öffnen ein ‚Fenster zum Himmel‘. Damit sind sie poetisch. Weiterhin sind sie dank ihrer Erzähltechnik dazu geeignet, Widerstände gegen die göttliche Wirklichkeit mit ihrem Anspruch auf Geltung und Umsetzung zu überwinden (→ 2.5.7). Wesentlich ist die Plausibilität der narratio, die das strittige Thema spielerisch auf eine vordergründig unverfängliche und unumstrittene Ebene führt.

Beispiele: Das Sämanngleichnis Mk 4,3-9 provoziert die Frage der Jünger nach dem Sinn der Gleichnisse (V.10-13). Das Gleichnis von den bösen Winzern Mk 12,1-12parr. lässt die Ablehnung der Angesprochenen erkennen (V.12). Die Hirtenrede Joh 10,1-18 erzeugt Streit unter den Zuhörern (V.19, gr. schísma). Mk 12,37 und Lk 19,48 signalisieren Zustimmung des Volkes zu den Worten Jesu.

Demnach sind Metaphern und Gleichnisse kein Mittel zwingender Beweisführung; sie werben vielmehr um Zustimmung und sind auf Glauben aus (‚Werbung um die Herzen‘). Sie laden dazu ein, sich die göttliche Perspektive auf die Welt und die Menschen anzueignen; sie zwingen nicht dazu. Dank ihrer Sprachkraft können sie Umdenken (gr. metánoia), Glauben und heilvolle Verhaltensänderung in Gang setzen. Damit sind sie eine adäquate Sprachform der Mission. Wer sich nicht auf sie einlässt, an dem vollzieht sich das Endgericht gleichsam in erster Instanz.1

c) Angemessene Rede von Gott

Auch mit Blick auf das Gottesbild sind die Gleichnisse die Sprachform der Wahl: Sie sprechen von Gott, ohne ihn festzulegen. Sie reden menschlich von Gott, ohne ihn zu vermenschlichen. Sie entsprechen mit ihrer Dynamik dem dynamisch agierenden Gott Israels. Gleichnisse lassen sich nicht in starre Dogmatik überführen; sie sind eher einem an den Rändern ausfransenden Puzzle zu vergleichen, das bei aller Vergleichbarkeit die bleibende Differenz Gottes wahrt. Gleichnisse machen Analogien und Differenzen zwischen Gott und Welt gleichermaßen bewusst. Hierin liegt ihr hermeneutischer Vorzug, ihre theologische Sprachkraft. Daher verstoßen sie auch nicht gegen das alttestamentliche Bilderverbot (→ 2.2.3e).

d) Das Gleichnis als ‚Sprachereignis‘?

Die Rede vom Gleichnis als ‚Sprachereignis‘ ist zu kritisieren: Die Wirkung der Gleichnisse ist empirisch nicht fassbar. Die Behauptung, sie ließen die Welt neu verstehen und Gottes Reich faktisch Wirklichkeit werden, betont, apologetisch motiviert, die Einzigartigkeit Jesu und seiner Verkündigung. Die Gleichnisse erzählen von Gott und seiner Herrschaft, sie realisieren sie aber nicht. ‚Sprachereignisse‘ sind Gleichnisse nur, sofern sie bei den Adressaten eine heilvolle Veränderung bewirken. Außerdem haben vergleichende Texte einen bleibenden Sinnüberschuss; ihre Deutungsoffenheit ermöglicht immer neue Rezeptionen.1

2.5.5 Grundlagen der Gleichnisauslegung

Wissenschaftliche Gleichnisexegese setzt voraus, dass Gleichnisse und Metaphern deutungsbedürftig und deutungsfähig sind. Dieser Auffassung wurde und wird in der Gleichnisforschung teilweise widersprochen: Gleichnisse seien grundsätzlich klar, eindeutig, ‚eigentliche Rede‘ (Jülicher; → 2.1) oder wirkten unmittelbar, unabhängig vom Verständnis ihres historischen Entstehungskontextes (u. a. Vertreter der ästhetischen Autonomie und psychologischer Zugänge; → 2.2.6g).

a) Textbeobachtung 1: Rätselrede

Ausdrücklich gelten Gleichnisse als rätselhafte, deutungsbedürftige Rede im Kontext der synoptischen Parabeltheorie Mk 4,10-13parr. Die Jünger verstehen sie nicht und erhalten eine exklusive Allegorese (Mk 4,14-20parr.; Mt 13,36-43). Die Wortverkündigung Jesu gilt in den johanneischen Abschiedsreden generell als rätselhafte paroimía (Joh 16,25.29; vgl. Joh 10,6). Hinzu kommt die Beobachtung, dass Metaphern und Gleichnisse bedeutungsoffen (polyvalent) sind; die Identifizierung des oder der Vergleichspunkte wird den Rezipienten überlassen.

b) Textbeobachtung 2: Allegorisierung

Die hermeneutische Hochschätzung der mündlichen Gleichnisrede Jesu (→ 2.1.1; 2.2.3) sowie die negative Bewertung nachträglicher Allegorisierung und Verschriftlichung (Jülicher: Missverständnis, Verfälschung; Harnisch: Sprachverlust) geht von fragwürdigen Prämissen aus (Gleichnis-Idealtyp; Kontextfreiheit der ipsissima vox Jesu; → 2.2.1; 2.2.4). Auch mündlich vorgetragene Gleichnisse hatten einen situativen Rahmen, der auf den theologischen Bezugsrahmen hinwies und damit als Transfersignal fungierte: die Person Jesu und das Vorwissen um seine Bedeutung.1 Ein grundsätzlicher, hermeneutischer Unterschied zwischen mündlichen und schriftlichen Gleichnissen ist nicht erkennbar. Die nachträgliche Kontextualisierung der Gleichnisse, von Jülicher als verfälschende Allegorisierung kritisiert, ist historisch wie hermeneutisch positiv zu werten (→ 2.2.5b). Die verschriftlichten Gleichnisse sind authentische Modelle hermeneutisch angemessener Rezeption der ursprünglich mündlich vorgetragenen Gleichnisse Jesu.

c) Grundlagen der Gleichnisexegese

Folgendes ist zu berücksichtigen: Erstens, der bleibende Sinnüberschuss macht Gleichnisse und Metaphern unersetzbar. Gleichwohl sind sie als vergleichende Texte zu deuten. Zweitens, ihre Produktion und Rezeption sind nicht ohne vorgegebene Sprachkonventionen möglich.1 Um sie angemessen zu verstehen, sind die Verstehensvoraussetzungen der Rezipienten zu klären. Drittens, um der Gefahr von Allegorese zu begegnen, ist die Ermittlung der Pointe bzw. der Vergleichspunkte zwischen Bild- und Deutungsebene (im Falle von Metaphern des dominanten tertium comparationis) vorrangig. Viertens, zu ermitteln ist die Deutungsebene, auf die der Gleichnistext referenziert (Analyse von Transfersignalen).

Methodisch ergibt sich aus dem Gesagten die Verschränkung historischer und narrativer, rhetorischer und poetischer Betrachtungsweisen. Der jeweilige Textsinn eines Gleichnisses ist durch diachrone (historisch-sozialgeschichtliche, traditionsgeschichtliche, religionsgeschichtliche) und durch synchrone (kompositions- und redaktionskritische, textlinguistische, formkritische, textpragmatische) Methodenschritte zu erheben (→ Kapitel 3; Beispiele in → Kapitel 4).

d) Enttabuisierung von Allegorese

Das Verdikt gegen die Allegorese gilt als bleibendes Vermächtnis Jülichers (→ 2.1.4). Aufgrund der Revision des Allegoriebegriffs und aufgrund von Textbeobachtungen (Mk 4,10-20.34 u. a.) empfiehlt es sich, die Allegorese zu enttabuisieren – zumindest für Allegorien im strengen Sinne und für Gleichnisse mit hermetischer Tendenz. Wo klärende und andeutende Transfersignale weitestgehend fehlen, wie im Sämanngleichnis Mk 4,3-9parr. und anderen Naturgleichnissen, ist Allegorese, das heißt die Übertragung einzelner, dekorativer Erzählzüge, schon durch die synoptische Praxis legitimiert. Für alle anderen Gleichnisse gilt im Rahmen historisch-kritischer Exegese weiterhin die strenge Ausrichtung an der Pointe.

2.5.6 Der theologische Bezugsrahmen

Wovon handelt die Deutungsebene der Gleichnisse – von einer ‚Sache‘ im Sinne Jülichers oder schlicht vom ‚Reich Gottes‘? Der Entwurf differenziert nachhaltig.

a) Zum Begriff ‚Sache‘

Die Deutungsebene der Gleichnisse enthält keine ‚Sache‘, die auf einen präzisen Begriff zu bringen wäre (→ 1.5.10; 2.4.8). Der Ausdruck theologischer Bezugsrahmen signalisiert, dass es um einen theologischen Zusammenhang geht, präziser: um einen Rahmen, der mehrere theologische Aspekte enthält.1 Diese lassen sich nur durch vergleichende Sprache vermitteln, denn sie beziehen sich auf eine transzendente, menschlicher Erkenntnis entzogene, himmlisch-göttliche Wirklichkeit, die nicht auf Gottes basileía einzugrenzen ist.2 Diese Rahmenmetapher ist nur bei einem Teil der Gleichnisse expressis verbis die theologische Bezugsgröße.

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