Kitabı oxu: «Der Nörgg, das Purzinigele und die Nichte der Nixe»

Şrift:

KURT LANTHALER

Der Nörgg, das Purzinigele und die Nichte der Nixe

SAGEN AUS SÜDTIROL

Mit Illustrationen von Gino Alberti und einem

Nachwort von Brunamaria Dal Lago Veneri


Alda mo l corf, quĕ chanta

Cras, cras, doman, doman

Hör den Raben, der singt

Kras, Kras, morgen, morgen

Aus der Altonschen Sammlung

La vecchiaia l’è na brutta bestia

ma ’n ghe nè anca altre, de bestie

E ogni tant ne sboccia ’n fior

Das Alter ist eine häßliche Bestie

aber es gibt auch andere, an Bestien

Und ab und an sprießt eine Blüte

Aus meiner Sammlung, aus dem Delta des Deltas des Po

INHALTSVERZEICHNIS

Vom Nörgg auf Ötsch

Die Partschinsa Purzinigelen

Der Drache von Muntatschinig (und das seltsame Schicksal des Sagensammlers)

Der Schreier vom Schleierbach

Sterben und Leben auf Labiseben

Der Lorgg auf Wilder Fahrt

L mat e l porcel. Der Verrückte und das Schwein

Die Kellnerin, der Malider Goggl, und die Wette ums halbe Weinfaß

Die Nixe vom Karersee

Die Pest am Ritten

Mezzaselva, mitten im Wald. Und der Moarhund

Von den Salvans, und von der Aguana

Auf Castelfeder

Vom Schgumser Putz auf Tarnell

Das knocherne Eßmöbel von Völs

Der Felsnegger auf Gspell ober Rabenstein

Die Kegelpartie der Pitscheförter Riesen

Der Brennergeist

Von den Schnabelmenschen

Der Scheintote von Maderneid

Die Klaamandeln und das Wetter über Mauls und Trens

Die Wechselwiesen von Flaas

Vom ćiastel dles stries zu den ’Meriche, und retour

Die Nichte der Nixe

Die Pest in Tagusens und auf Untertschutsch

Der Hatzes auf Hinterthal

Von der Fai und der Jaufenburg

Allerhand Antrische

Der Ölprinz

Die Ritter auf Matsch

Das Almkoat

Der Todtenthomas und seine Fahrt durchs Martell

Die grüne Nixe vom Grünsee (zuhinterst)

Vom Lagrein für Laurein

Kegelspiele. Und Stratioten in Mareo

Was von Sagen zu sagen (An Stelle eines Essays)

Nachwort

Index, nach Gegenden

Index, nach Schlagworten


VOM NÖRGG AUF ÖTSCH


Zwischen dem Passeirer Wanns und dem Sarntaler Pens, unweit des Jochüberganges, lag am Fuße des Gipfels der Ötsch und vor langen Zeiten, wo heut nur Steinlammern, eine schöne Alm. Die Ötscher Alm. Eine der schönsten weitum. Die höchstgelegene allemal. Und es war ein fröhliches und unbeschwertes Leben, hier auf Ötsch, wie man die Gegend nannte, und der blaue Himmel lachte überm Kar.

(So sagt man. Aber es war harte Arbeit auch. Das sagt man nicht. Und es wetterte, am liebsten von der Jaufenspitz her. Und himmlatzte.)

Wer hier lebte, war trittsicher, und redete nicht viel. Auf jeden Fall nicht den ganzen Tag. Zumal in den Zeiten, von denen hier die Red ist, der Talmensch im Tal blieb, in seinen Sümpfen mit ihrem verpesteten Hauch. Und den Almmenschen allein ließ. Und also glücklich. Allerdings lebte der nicht allein, auf Ötsch.

Denn es lebte auf Ötsch auch der Nörgg, und zwar anders als der Almmensch jahrein, jahraus, auch des Winters. Das konnte der Nörgg sich locker leisten, weil mit dem Nörgg auch die Harmelen auf Ötsch wohnten. Worunter man heutzutage Hermeline verstehen würde. Und so, ans weichwarme Bauchfell dieser Harmelen geschmiegt, in seinen Klaftern und Spalten und Höhlen auf Ötsch, überwinterte der Nörgg die strengsten Winterstürme, und Eis und Frost. Bei sonnigem Wetter aber gingen der Nörgg und die Harmelen über die endlosen Schneefelder spazieren, und rutschten lachend die Wächten ab. Man hätte, hätt man sich in diese Winterlandschaft vorgetraut, als Mensch, die Nörgge, denn es waren ihrer mehrere, weitum sehen und lachen hören können im Sonnenschnee. Die Nörgge waren nämlich stockrabenschwarz. Schwärzer noch als die Nörgg von Rabenstein. Die Harmelen aber hätt man nicht gesehen. Die verschwanden im Schnee, sie waren hermelinweiß allüberall, bis auf ihre leicht roten Lippen und die eisblauen, lachenden Augen.

Dann ging der Winter vorbei, und der Almmensch kam auf Ötsch zurück, und man lebte wieder zusammen, der Almmensch, der Nörgg und die Harmelen, wie die Sommer zuvor seit jeher. Der Almmensch almte, der Nörgg trieb Unsinn und Spaßletten, und die Harmelen sahen dem Treiben zu, mit etwas Abstand, nebeneinander aufgereiht, ziemlich possierlich.

Es brachte der Nörgg nämlich Wachstum und Gedeihen auf Ötsch, aber auch seinen Eigensinn, und eine gewisse, gern auch polternde Unernsthaftigkeit. Der Almmensch aber hatte, über die Zeit, gelernt, damit zu leben. Immerhin fand er auch sein Auskommen damit. Und die Harmelen sahen dem Treiben zu, und erwarteten sich Abend für Abend eine Schale Milch, hinterm Geißenstall.

Wär nicht, eines Tages, eine der Almfrauen türschlagend aus Ötsch ausgezogen, hinunter ins Tal, weils genug ist, wie sie dem Wendl sagte, weil der Wendl übern Winter mirnixdirnix sowie wollten, was Psairisch ist und ziemlich heißt, und also: ziemlich bequem geworden war, der Wendl, und seither ein jedes zweite Mal das Melken verschlief. Und wie die Filomena nun weg gewesen, wurde der Wendl ziemlich wirsch. Auch mit dem Nörgg. Der wieder einmal auf dem Rücken der Berta saß, einer zweijährigen Grauen, während der Wendl grad daneben die Bruna am Melken war. Und weil der Wendl am Einnicken, auf jeden Fall ganz schön weit an die Kuh sich vornübergelehnt hatte mit seinem Kopf, hustete der Nörgg ein paarmal scharf.

Da sprang der Wendl, erschrocken vom Wachwerden, vom Melkschemel auf, und sagte, in breitem Psairisch: »Nörggele, gea miar lai ou, du Nörggele, sou.«

Da aber wurde der Nörgg vom ein aufs andre fuchsteufelswild, wie man ihn noch nie gesehen, und sprang von Kuh zu Kuh, brachte alles in Aufruhr, schmiß die Mistgabel durch die Gegend und den Mistwagen um, gab der Milchkanne einen Tritt und rief wildteufelsfuchs:

Wendl, grupftsgrausigs Hendl

Du mi Nörggele heißen

ich di Zeh hinein beißen

Ich bin der Nörgg

du bist ein Zwörg

Nehm die Harmelen mit

tu die Alm dir verschütt

Und drehte sich um, der Nörgg, und ging, und stieß im Gehen noch einen kurzen Pfiff aus. Daraufhin tauchten aus Klaftern und Spalten weitere Nörgge auf, im Gelände, und neben jedem Nörgg ein Harmele, und ganz in Weiß. Und daraufhin sah man, wie sie paarweise, neben jedem Nörgg ein Harmele, die Alm auf Ötsch verließen. Ein stummer Auszug.

Der Wannser Bauer aber, ein großer und stolzer Bauer, draußen, wo das Wannsertal breit und flach wird, war sich sicher, es gäbe gar keine Harmelen. Dann hätt ich, sagte er, in seinem Wirtshaus, das er zur Bauernschaft und neben der Kapelle auch noch hatte, dann hätt ich längst einen Hermelinmantel, meinerwegen auch ganz in Weiß. Aber dann mit blutrotem Kragen.

Woraufhin die Harmelen, zusammen mit den Nörggen, bei ihrem Auszug um den Wannserbauer einen ordentlichen Bogen machten. Und der Wannserbauer in der Folge ins Nichts verarmte. Und der Wannserbach, zuvor ein klares Gewässer, nur mehr trübes Geschiebe führte vom nunmehr vermurten Ötsch herunter.


DIE PARTSCHINSA PURZINIGELEN


Vor sehr langer Zeit, kurze Zeit, nachdem die Erde noch öd und leer gewesen war und also , tohu wabohu (was im übrigen Buber/Rosenzweig sehr viel treffender mit Irrsal und Wirrsal übersetzen, den alten Luther verbessernd; – der noch einige Verbesserungen mehr vertragen hätte, wie man an seinen heutigen Nachkommenschaften unschwer ablesen kann. Aber das tut hier nichts zur Sache –),

… vor sehr, sehr langer Zeit also, kurze Zeit, nachdem die Erde noch »wüst und leer« gewesen war, wohnte auf dem, was heut der Partschinser Sonnenberg genannt wird und bis vor kurzem wie präpandemisch noch extensiv touristisch zum Zwecke aller möglichen Bespaßungen beworben, also Wellness und Fitness und Gutess,

… vor sehr, sehr langer Zeit wohnte auf diesem steilen, der südlichen Sonne freundlichst zugewandten Berghang eine inzwischen längst sagenumwobene Spezies: die Purzinigelen. Und was auch immer wir heute uns davon erzählen, und wie auch immer wir sie in Kinderliedern (Weihnachtsliedern gar) hineinverniedlichen, es waren, die Purzinigelen, eine hochkultivierte Zivilisation.

Wenn auch, zugegebenermaßen, von sehr kleinem Wuchs. Was ihnen bei ihrem Hauptgeschäft, dem Graben nach Silber, allerdings prächtig zupaß kam. Mußten sie die Stollen nicht allzugroß aus dem Granitgneis des Partschinser Sonnenberges hauen. Denn das Silber versteckte sich im Berge. Und ließ sich nur finden, wenn man freundlicher und sangesfröhlicher Natur war, wie die Purzinigelen, und intelligent und dem Leben zugewandt, sowie am Tauschwert des Silbers nicht im geringsten interessiert. All das traf auf die Purzinigelen zu, und sie freuten sich, am Feierabend in der tiefstehenden Sonne am Partschinser Berg sitzend, am Widerglanz des gewonnenen Silbers. Aßen aus Silbertellern und schliefen auf Silberkissen. Standen morgens nicht allzufrüh auf, und machten sich gemächlich auf den Weg in die Silberstollen. In deren Dunkelheit sie ein paar Stunden verbrachten. Um dann wieder ans Tageslicht zu kommen, und, nach einem Bade in einem Gebirgsbach, den sie zu diesem Zwecke mit Steinen, Ästen und Moos zu einem Swimmingpool etwas angestaut, sich im frischen Gebirgsgras in die Sonne zu legen und etwas auszuruhen. Danach vertrieben sie sich die Zeit mit Hand- und Kopfständen und Rollen vor- und rückwärts. Das half ihren Silberstollenrücken auf die Sprünge.

Und so vergingen die Tage, und so vergingen die Zeiten.

Bis die Purzinigelen eines Tages, wieder einmal im Grase ruhend, feststellten, zu ihrem Erstaunen, daß im Tal weit unten, unter ihnen, in dem Tal, das bis vor kurzem ein einziger Sumpf voller übler Luft, und also mal aria war, daß sich dorten etwas tat. Sie wollten es erst nicht glauben. Mußte sie die Sonne und das Silber zu stark geblendet haben, zumal ihre von der Silberstollendunkelheit geschwächten Augen.

Doch da, Tage später, wieder. Woche drauf, auch. Im Tal unten, an dessen Rande, auf einem kleinen Hügel, schienen sich Wesen anzusiedeln. Und hantierten gar mit Feuer. Und bauten sich wacklige Laubhütten.

Alsbald aber gingen über diese Wesen im Tale unten Geschichten um unter den Purzinigelen, und sie sagten sich: Sage, sag mal, was glaubst du?

»Ich glaub schonmal gar nichts, pàr tschínsa, pàr tschínsa«, sagte das Altpurzinigele, nochmal einen Kopf kleiner als die anderen Purzinigelen, da inzwischen etwas vornübergebeugt, Altersskoliose, »und außerdem sollte es uns egal sein. Was da unten in diesem Drecksloch sich tut.«

Das aber war ein Irrtum gewesen. Denn eines Tages kam ein Talbewohner den Berg hoch. Tage später kamen mehr von ihnen den Berg hoch. Und sie streiften durchs Gelände, unsicher auf ihren Beinen ob der Steilheit. Aber sie kamen immer wieder. Schauten hinter jeden Stein, grasten alles ab.

So daß die Purzinigelen, nachdem sie Rat gehalten, eines Nachts alles zerstörten, was sie aufgebaut hatten, ihre Silberteller und Silberkissen in die Stollen zurückbrachten, und die Stollen auf immer verschlossen. Ihre Wohnplätze dem Erdboden gleichmachten und das Bad im Bach. Woraufhin sich eine wahre Sturzflut zu Tale wälzte.

In derselben Nacht noch machten sich die Purzinigelen auf den Weg, den Sonnenberg entlang am Kamm, am Ortnott vorbei und am Madratsch, und ließen sich erst am Plantavilas, hoch oben über Schluderns, wieder nieder. Da war dann ein paar hundert Jahr lang wieder Ruhe.

Schließlich aber verschwanden sie ganz. Von dort, wo heutzutage die Spezies der Mauntenbaiker Jagd auf Fußgänger macht.

Später dann, als das Wissen über die wirklichen Purzinigelen längst verschütt wie ihre Silberstollen, später dann haben sich aus dem Wort Purzinigele Wörter herausgebildet, die, wenn nicht wir, so zumindest unsere Vorgänger, noch kannten. Im Adelung (Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart. Ausgabe letzter Hand, Leipzig 1793–1801) findet sich also zum Beispiel Purzel für kleines, täppisches Kind. Im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm (Leipzig 1833–1961) lesen wir: wenn ich (hanswurst) meinen purzelbaum machen kann, was ficht die politik mich an? Und im Duden steht schließlich Nigel für kleiner, widerspenstiger Kerl.

Und so ist allen Recht und Genüge getan.


DER DRACHE VON MUNTATSCHINIG (UND DAS SELTSAME SCHICKSAL DES SAGENSAMMLERS)


Oben über Schluderns, am Eingang des Matscher Tales, zwischen Muntatschinig und Kartatsch, wohnte ein Drache. Lebte sein meist gemächliches Leben und war respektiert in der Gegend. Gefürchtet aber waren die Matscher Raubritter. Mit denen der Drache sich allerdings im Waffenstillstand befand. Was die schlaueren Schludernser wiederum das Gleichgewicht des Schreckens nannten.

Zurück zum Drachen. Der war, verglichen mit anderen Kollegen seiner Zunft, zum Beispiel dem badiotischen vom Sas dla Crusc, also dem Kreuzkofel, eigentlich ein recht genügsamer wie freundlicher. Zweimal im Jahr ein Ochs und zwischendurch ein paar Schafe oder Ziegen (Ziegen eher weniger gern, wegen des gewissen haut goût derselben, das allen ernstzunehmenden Köchen gewisse Zusatzkenntnisse abverlangt), wenn also seine menschliche Umgebung dem Drachen von Muntatschinig den halbjährlichen Ochsen sowie das halbe Dutzend Schafziegen, auf das man sich, sozusagen per Handschlag, als Menüplan geeinigt, zukommen ließ, und das alles in vernünftig zeitlichem Abstand, und nicht alles auf ein Mal, was in der ersten Zeit seiner Anwesenheit am Berg über Schluderns oben einmal vorgekommen war und den Muntatschiniger Drachen vor erhebliche organisatorische wie kühltechnische Probleme gestellt hatte, sowie zu einer Magenverstimmung, und also in der Folge verständlicherweise zu einer Allgemeinverstimmung geführt hatte – sobald also diese anfänglichen Probleme ausgeräumt gewesen waren, war es relativ friedlich geworden in der Gegend. Bis auf die Matscher. Und, wie gesagt, verglichen mit seinem Kollegen vom Sas dla Crusc.

Dem, sagten die Badioten, regelmäßig nach Jungfern- wie Knabenfleisch war; der, sagte der Drache vom Sas dla Crusc, durchaus mit Ziegen oder Altkühen zufrieden gewesen wär, an einen Ochs hätte er sich nicht einmal zu denken gewagt, weil nämlich, und da lag die Krux für den Drachen vom Sas dla Crusc und das Kreuz für den Kreuzkofeldrachen: weil nämlich die Badioten schon gehabt hätten, zumal einige von ihnen reiche Bauern, aber eben … nicht geben … wollten.

Den Obervinschgern um Schluderns, Muntatschinig und Kartatsch herum und bis nach Liachtawerg und Söles hinüber auf der anderen Talseite aber war das gleichgültig. Sie hielten sich ihren Drachen gut, und sie wollten ihn sich behalten. Besser der, als so einer wie der andere. Noch besser natürlich gar keiner, weil ein Ochs und sechs Ziegenschaf im Jahr, das ist schon ein ordentlicher Zehent. Andererseits bot der Drache von Muntatschinig, zumindest indirekt, einen gewissen Schutz vor den Raubzügen gewisser Matscher Ritter. Die sich nämlich bei Nacht nicht mehr recht auf den Weg ihr Tal hinaus trauten. Und bei Tag waren Raubzüge eben deutlich weniger erfolgreich. (Zumindest in jenen Zeiten.)

Das hätte noch ewig so weitergehen können, also sozusagen bis in unsere Zeiten, wenn nicht eines Tages ein sehr neugieriger Studierter, also einer, der behauptete, er sei ein Studierter, aus dem nun wirklich fernen Bautzen oder Botzen oder wie die Ansiedlung seiner Meinung nach heißen sollte, in der, immer seiner Behauptung nach, mehrere hundert Leute lebten, und zwar ganz ohne Drachen, dafür aber mit einem Bürgermeister, was nun alles geradezu ins Märchenhafte geriet, und ihm also von keinem Obervinschger abgenommen noch für bare Münze, nachdem er aber eine solcherne, nämlich bare Münze, auf den Tisch des Wirtshauses gelegt, konnte man ihm seinen Wunsch, nach erstens einem Stück Braten (es gab stattdessen Schwarzplentnen Riebel), zweitens einem Schluck Wein (es gab stattdessen Leps) und zuallerletzt, drittens, einen Blick auf den ebenso wohlberühmten wie sagenhaften Drachen von Muntatschinig – konnte man ihm nicht abschlagen, der Münze wegen.

Der Abend wurde noch lang. Der gelahrige Botzner hatte eine weitere Münze auf den Tisch gelegt und an seinen Tisch hinzugebeten, also fand sich diesmal tatsächlich Wein statt des Lepses, und so saß man zusammen und trank, und um weiter zusammensitzen und trinken zu können, ließen sich die Schludernser auch die ein oder andere Red des Gelahrigen aus Botzen gefallen. Der anfing zu erzählen von der eigenartigen Sumpfgegend nördlich von Botzen, wo Wein wachse und Mais und Maulbeerbäume und Seide. Und weiter sprach er, immer lauter ausholend, während Wein nachgeschenkt wurde:

Die Seidenzucht gibt indeß überall fröhliche Anzeichen und wälscher Fleiß weiß die Cocons zu zeitigen, und den Miasmen der Luft mehr zu widerstehen als dem deutschen Worte, das sie in der Regel nach zwei Menschenaltern ganz germanisirt hat. Lose Sagen und Mährlein flattern und hüpfen auf diesem Gebiete wie die regellos pfeifenden Sumpf- und Schilfvögel mit ihren bunten Schwingen, von Nachtwandlern ohne Kopf, von Riesen, die Steine aus den Schluchten schleudern, von kugelartigen Ungethümen, die sich den Fuhrleuten zur Nachtzeit in den Weg legen, und vom giftigen Athem fürchterlicher Drachen. Es lohnt wohl der Mühe, sie zu sammeln, wenn auch nur zu beweisen, wie eigenthümlich der Volksgeist dichtet beim edelsten Wein in fieberhafter Luft. ***

Dann war aber auch gut, nach solch wirrem Gerede des Gelahrigen, und es war spät und also verabredete man sich auf den allerfrühesten Morgen. Um den Muntatschiniger Drachen aufzusuchen. Und ihm, außer der Reihe und vom Botzner bezahlt, ein Schaf zu bringen.

Die ersten paar Minuten oben beim Drachen von Muntatschinig vergingen noch wie gehabt. Der Drache besah sich das Schaf, das ihm da abgelegt worden war. Nickte mit dem Kopf. Und wollte, wie immer, sich schon wieder zurückziehen, und die Obervinschger auch, da trat der Botzner Gelahrige vor und dachte, er müsse den Drachen ansprechen.

Der aber erzürnte sich fürchterlich, daraufhin, und spie, was man seit ewigen Zeiten bei ihm nicht mehr gesehen, meterlanges Feuer und fauchte und schlug den gepanzerten Schwanz auf den Felsen, daß die Funken stiebten. Und dann sagte er: »Du hast heut nacht laut genug geredet, beim Wein, du Nichtsnutziger von da ganz unten irgendwo. Wird sein, daß ihr da einen Würgemeister habt (der Drache war nicht mehr der Jüngste und hatte es etwas am Gehör), aber deswegen hab ich noch lang keinen giftigen Atem. Und nun: Hinweg mit dir.« Und nochmal Fauch.

Da rannte der Gelahrige halsüberkopf den Berg hinunter. Und ward nicht mehr gesehn. Der Muntatschiniger Drache aber zwinkerte den Schludernsern zu.

Seither gibt es einmal jährlich just an diesem Tag ein Extraschaf. Das sich der Muntatschiniger Drache und die Obervinschger friedlich teilen.

*** in: Beda Weber. Die Stadt Bozen und ihre Umgebungen. Eberle’sche Buchhandlung, Bozen 1849


DER SCHREIER VOM SCHLEIERBACH


Wer einmal, in jungen wie in alten Zeiten, das Pflerer Tal von vorne bis nach hinten durchschritten und dabei mit seinen Bewohnern gesprochen, wird erfahren haben: Es teilt sich das Pflerer Tal in Außer- und in Innerpflersch. Und zwar ziemlich rabiat.

Dermaßen, daß ein Außerpflerer nicht ohne guten Grund nach Innerpflersch: nie. Und ein Innerpflerer selbst nicht mit gutem Grund nach Außerpflersch: außer er müßt in die ferne Stadt hinaus. Dann aber beeilt sich der Innerpflerer in Außerpflersch und hält die Augen fest geschlossen. An der Gossensasser Brücke schließlich öffnet er sie wieder, und sieht sich das Malheur an seinem Reiseuntersatz an. Und umgekehrt.

Weswegen auch der Innerpflerer meist in Innerpflersch, der Außerpflerer meist in Außerpflersch verbleibt.

Deshalb auch ist der Schleierbach, der das Tal in Außer und Inner teilt, wie das glührote Messer den Butter, seit jeher eine Gegend, in der ein Genosse sich umtreibt, den alle, Inner wie Außer, den Schreier nennen. Man sagt, er gehe am Schleierbach um, der Schreier, seit, vor hunderten von Jahren – zu einer Zeit, als es noch kein Außer und kein Inner, sondern nur ein einziges Pflersch gegeben –, in diesem Pflersch, und zwar außen wie innen, allerreichste Bergwerksvorkommen sich gefunden, und die Gegend also, nach viel Graben und Hauen, zu einigem Wohlstand gekommen. Damit aber, mit dem Silbervorkommen, sei es auch, wenn auch nicht gleich vom ersten Tage an, so doch alsbald, zu Streitereien gekommen im Pflerer Tal, und alsbald zur Scheidung in Inner- und Außerpflersch. Und dabei war es die nächsten hunderte von Jahren geblieben, selbst als der Bergwerksreichtum sich wieder verzogen, als ob ins Innere des Gebirgs retour. Als ob beleidigt.

Und geblieben war der Schleierbach. Und geblieben auch der Schreier vom Schleierbach.

Die Innerpflerer sagten, er sei ein Riese, dieser Schreier. Die Außerpflerer beschrieben ihn als einen Zwerg. An manchen Tagen. An andren Tagen ging sie umverkehrt, die Rede vom Schreier.

Der Schreier hauste seit jeher, seit er also zusammen mit dem Silber im Tale aufgetaucht war, am Schleierbach. Wenn der Bach hoch ging, und das tat er oft, hing sein Wasser neblig wie ein Schleier über Bachbett und Brücke.

Der Schreier saß tagsüber im Schleier des Baches, machte sich nichts daraus, daß er auf und auf naß war, summte vor sich hin und wartete die Dämmerung ab. Nachts dann ging er mal nach draußen ins Tal, mal nach drinnen ins Tal, und tat dabei nichts lieber, als mit seinem markdurchdringend gespenstischen Geschrei des Weges kommende Pflerer zu erschrecken. Das war sein Vergnügen. Und außer für die zu Tod Erschreckten war es ein harmloses.

Wer aber des Nachts im Pflerer Tal unterwegs war, mußte recht gute Gründe dafür haben. Wie zum Beispiel ein, zwei, drei Viertel Rot im Wirtshaus. Oder sonstige Untaten. Weil der Schreier aber nicht katholisch war, konnte er, trotz seiner Abstinenz, es auch dem Pfarrer nicht recht machen. Außerdem führte der Innerpflerer Pfarrer selbst auch ein Wirtshaus. Direkt an der Kirch in Innerpflersch. Vor und nach der Messe. Während der Messe ermahnte er seine Schafe. Und wetterte gegen den Schreier.

Weshalb der Schreier gern, wenn von der Kellerei St. Pauls wieder ein Holzfaß Missianer Rot geliefert wurde, an der Brücke über den Schleierbach auf den Ochsenkarren sprang und sich am Spundloch des Fasses zu schaffen machte. Die Innerpflerer sagten, er hätte was herausgesoffen. Die Außerpflerer, er hätte was hineingeschifft. Der Pfarrer sagte, die Paulser nähmen es nicht mehr so genau, mit den unreif fuchseten Weimern, den noch halbgrünen Trauben, deshalb der Wein dann auch ein Sauremus. Und daß er zur Girlaner Kellerei wechseln würde. Bis er deren Preise hörte. Nach drei Tagen spätestens aber hatten sich die Innerpflerer den Wein schöngetrunken, und der Disput hörte auf. Daraufhin kümmerte sich der Schreier um die Weinlieferungen der Außerpflerer.

Es war aber ein junges Mädchen eines Tages, weil es ihr zu viel geworden war mit den Männern im Tal, innen wie außen, allein am Schleierbach talaus unterwegs. Und sang vor sich hin. Da erhob sich ein Wind, leis. Verblies allen Nebel. Woraufhin sie auflachte, und sagte: Weg isser, der Schleier vom Schleierbach. Und da hörte sie, durchaus nicht unschön, und gar nicht laut, ein Singen. Vom Schleierbach her.

Varkehrt harum

Ummedumm ummedumm

Varum dakehrt

Olledumm olledumm

Mi grosz, ti kluan

Zaubastuan, Zaubastuan

Mi pitschl, ti Gitschl

Nixfaluan, nixfaluan ***

Sehr schön, sagte das Mädchen, und lachte.

Und seit diesem Tag war der Schreier vom Schleierbach verschwunden. Und blieb verschwunden bis an den Rest der Tage. Das Mädchen fand sich an einem sonnigen Strand wieder. Ansonsten aber änderte sich nichts. Auch nicht am Wein.

*** (Versuch einer annähernden Übertragung) Verkehrt herum Rundherum, rundherum Weswegen verdreht Alle dumm, alle dumm Ich groß, du klein Zauberstein, Zauberstein Ich klein, du Mädchen (Du hast hier) Nichts verloren, nichts verloren


STERBEN UND LEBEN AUF LABISEBEN


Es ist wirklich eine schöne Gegend. Wenn auch stellenweise steil. Und manchenorts sehr steil. So steil, daß es selbst den Kühen und den Hirten zu viel wurde. Das ging dann nicht immer gut aus. Einerseits. Andererseits. Das Wasser war gut, das Gras war gut. Und die Milch und der Käse in der Folge eben auch. Es ließ sich leben, auf Labiseben.

Und die Sommer auf Labiseben oben, zumal wenn die Sonne schien, waren lang. Obwohl der Winter länger.

Aber den verbrachte man eh im Vals unten draußen. Und schnitzte sich neue Zähne für die Heurechen, hinterm Ofen.

An Sonnentagen war die Labisebener Alm ein freundlicher Flecken Erde, der seine Leute ernährte und darüber hinaus noch den ein und anderen Vorzug bot. Granten und Schwarzbeeren, Parasol und Steinpilze, Zinnkraut und Zirmschnaps. Es ließ sich leben, auf Labiseben.

An Wettertagen wars übler. Es wetterte nämlich ordentlich, auf Labiseben, wenn es wetterte. Und es wettert, sagen die Übelmeinenden, eben recht gern, auf Labiseben.

Jetzt muß man wissen, daß bei heranziehenden Gewittern die Kühe zur Alm zurückzutreiben wären, zumal von den steilen Hängen. Was aber jeder Junghirte auch weiß, ist, daß dieses Kuhvieh recht ungern, erst recht wenn es naß ist, bergab geht. Lieber immer schön den Hang entlang, seitaus; und mit leichter Tendenz nach oben, allein höhenlinig. So kommt man aber, zumal wenn man den ganzen lieben langen Tag über sich den Hang hinaufgefressen, beim besten Willen nicht mehr hinunter und zurück, zur Alm. Also mußten die Junghirten die Kühe eher rabiat treiben. Sonst wär das nichts geworden, nicht vor den großen Blitzschlägen und dem Donnerkrachen.

Einem der unglücklichen Junghirten aber wollte eines Tages, es zog ein ganz unheiliges Wetter auf, und es roch schon förmlich nach Schwefel und Ärger, dem unglücklichen Junghirten wollte gar nichts gelingen in Sachen Herde zurück auf sichere Alm. Wie sehr er sich auch bemühte, im Kreis sprang, schrie und fluchte und mit seinem Stecken um sich schlug, das Viehzeug war nicht in die richtige Richtung zu bewegen. Und die Blitzeinschläge kamen immer näher. Und die Kühe flohen. Allerdings in die falsche Richtung. Direkt auf einen Abgrund zu. Und stürzten im Dutzend über die Felsen und in den Tod. Der Junghirte machtlos. Und dann auch abgestürzt, er selbst.

Seither erzählt man sich die Geschichte, er hätte das mit Absicht getan, der Junghirte, das Vieh in den Tod zu treiben, und ginge seither, zur Strafe, als Geist um in den Felsen über Labiseben. Und ziehe ein Wetter auf, wieder einmal, höre man ihn schon jammern. Und weinen. Und sein Schicksal verfluchen.

Die nachgewachsenen Junghirten aber beeilen sich seither doppelt, wenn Wetter aufzieht. Im Zweifelsfalle schon vorher. (Sag mal, wozu Sagen gut sind.)


DER LORGG AUF WILDER FAHRT


Vom Lorgg wird viel erzählt. Vom Lorgg wird noch mehr spintisiert. Dem Lorgg, kann man annehmen, ist das aber ziemlich schetzko.

Eine solcherne Sprache spricht er nämlich, der Lorgg. Wenn er denn spricht. Wobei spintisieren sowas wie »eigenartigen, wunderlichen, abwegigen Gedanken nachgehen« heißt, und schetzko vollständig všecko jedno lauten sollte, was dann tschechisch wäre. Und dieses Tschechisch wiederum könnte man sich solchermaßen erklären, daß nämlich der Lorgg, der mindestens schon seit fünfhundert Jahren in der Gegend haust, in modernen Zeiten, also zu Zeiten des damals Der Große Krieg, heute Der Erste Weltkrieg genannten Großschlachthofs, auf kakanische Soldaten getroffen, die massenweise wie mirnixdirnix in seine Gegend abkommandiert wurden, welch letztere ansonsten eigentlich eine eher ruhige, die Gegend. Ausundvorbei.

(Eines Tages traf der Lorgg, in Gestalt des Oberstleutnants des Landsturmes Robert Musil, gar auf einen in Trafoi stationierten Jungschriftsteller. Ernüchtert ließ er von ihm ab. Und hat seither nie mehr davon geredet. Der Schriftsteller nichts geschrieben, davon. Als ob, die beiden, einander dann doch, allesamt etwas unheimlich.)

Vom Lorgg wird viel erzählt. Er sei, sagt man, regelmäßig auf Wilde Fahrt gegangen. Und zwar, weiter hinaus ins Tal ging er nie, von Stilfserbrücke aus direkt eine kerzengerade Abkürzung steil nach Stilfs hinauf, dort einmal um Kirch und Friedhof herum, mit einem Gesause und Gebrause, daß denjenigen Stilsern, die gottesfürchtig, ganz angst und bang geworden; da aber die meisten Stilser eher nicht von der gottesfürchtigen Sorte, sondern eher Stilser, fuhr der Lorgg den Talhang hinan einwärts, daß die Baumwipfel nur so rauschten, und die Nachtkäuze lauschten, über Gomagoi dann drehte der Lorgg eine Ehrenrunde, was häufiger dazu führte, daß im Wirtshaus die Lichter gelöscht und unterm Tisch weitergetrunken wurde, und weiter ging es, der Lorgg umrundete den Piz Costainas, alles um die 3000 Höhenmeter war für den Lorgg grad mal eine kleine Atemübung, und schon: schon ging es im Sturzflug hinab Richtung Trafoi.

Die Trafoier aber kannten das. Jedesmal, wenn der Lorgg sich die 1500 Höhenmeter vom Berg auf ihr Bergdorf herabstürzte, ohne ein einziges Mal zu bremsen, nicht einmal einen Stemmschwung legte er ein, immer dann war davon auszugehen, daß der Lorgg grad zu Späßen aufgelegt war. Und mit denen war nicht zu spaßen. Mit ihm schon gar nicht. Also blieb man flüsternd hinterm Ofen sitzen und wartete ab.

Der Lorgg aber spiralte direkt überm Kirchturm ab, daß sein Fahrtwind die Glocken zum Schlagen brachte, dann zog er eine letzte, steile Kurve und landete, recht elegant, direkt auf dem Friedhof. Schließlich nahm er, wie immer, wenn er gerade nicht in Lüften war, seinen Kopf vom Hals, und mit seinem Kopf seinen dreieckigen Hut, nahm Kopf und Hut unter seinen linken Arm, und wollte sich gerade auf den Fußweg zur Trafoier Eiswand, seinem eigentlichen Zuhause, machen, als er etwas hörte.

In dieser Nacht nämlich hatte ein Wirtshausgänger, der dort keinen Kredit mehr, in seinem Kopf aber inzwischen einen gewaltigen Rausch hatte, dieser Wirtshausgänger hatte sich auf das Grab einer Jungfrau zum Rauschausschlafen gelegt, und trotz der Kälte ruhig gelegen. Bis auf sein Schnarchen. Ob dieses Gesägewerkes aber hatte ihn der Lorgg entdeckt. Dann ziemlich unsanft mit einem Tritt seiner gewaltigen, nackten Füße, so gewaltig, daß man auf einem einzigen von ihnen hätte die ganze Eiswand abfahren können, geweckt.

Der Wirtshausgänger, im sonstigen Leben ein frommer Mann, fluchte lauthals, richtete sich dann auf, und erstarrte. Angesichts des Lorgg mit dem Kopf und dem Hut unterm Arm.

Geat it gaach. Tua dr it maarn

Du hosch miar drleaßt, Zoch

I hon diar zerstaeßt, Pfott

Suina wearrn rearn

Dr Krumpat hot kua Schwäafl mäa

unt dr Plasslt isch holw plint ****

Gian ma gaach. Tua dir maarn ***

hatte der Lorgg gesagt, während er sich in aller Ruhe den Kopf und den Hut wieder aufsetzte. Dann den Wirtshausgänger am Schlafittel aufgerichtet, Richtung Trafoier Eiswand gezeigt, sich auf seine Schulter gesetzt, und gesagt: »Los gehts. Und tu mir nicht rennen. Wir haben Zeit, wir zwei.«

Den Lorgg hat man wieder gesehen, den Wirtshausgänger nicht mehr. Ob der übers Joch ins Italische, oder direkt zur Hölle, man weiß es nicht. Er hat sich noch nicht dazu geäußert, der Lorgg. Soweit wir wissen. Eventuell kommt er heut nacht noch vorbei. Und dann werden wir wissen. Auch egal.

Vom Lorgg wird viel erzählt.

*** Geht nicht so schnell. Klag nicht Du hast mich erlöst, Mann Ich hab dich zerstört, Frau Die anderen werden weinen Der Hinkefuß hat keinen Schweif mehr und der Bläßliche ist halbblind **** Laß uns gleich gehen. Meld dich

**** Diese zwei Zeilen sind so in den Korrnrliadrn des Luis Stefan Stecher (Korrnliadr. Gedichte in Vintschger Mundart. Folio Verlag, 2009) zu lesen. Ob hier der Lorgg den Stecher, oder damals (Ersterscheinung 1978) der Stecher den Lorgg zitiert, wäre bei Gelegenheit noch zu eruieren.


L MAT E L PORCEL. DER VERRÜCKTE UND DAS SCHWEIN


Es geht die Rede, erzählt unser alter Freund Giuan, von folgendem. Und was davon wahr sei, wisse höchstens er selbst. Wolle sich aber dazu nicht äußern. Sondern lieber davon erzählen, wovon die Rede geht. (Uns sollte es recht sein.)

Auf einem begüterten Bauernhof bei Calfosch im Badiotischen (wenn auch sprachlich nah am Grödnerischen, wie Giuan sagt) war es tagtägliche Gepflogenheit, dem stattlichen Hausschwein jeden Morgen, also nach dem Frühstück von Bauer und Bäuerin, die Pfanne mit dem übrig gebliebenen Mus vor die Tür zu stellen. Nicht unbedingt nur aus Menschenfreundlichkeit dem Schwein gegenüber. Sondern eben auch vorausschauend auf den Speck, ein halbs Jahr später im Herbst.

Nun kam aber eines Tages ein ebenso armer wie hungriger Verrückter am Hof vorbei, und daß er verrückt war, wußte man, weil ihm sein Ruf vorauseilte.

Was man sich, konkret, so vorzustellen hat: Es klopft an die Tür, man macht auf, draußen weht nichts als ein eigenartig lauwarmes Lüftchen, und daraus erhebt sich eine Stimme, die spricht. Bun de, co vára pa? Guten Tag, wie gehts so? Ich wär Der Ruf, der vorauseilende. Und soll mitteilen, daß mein Herr, der Hinterhereilende, Herr Verrückter nämlich, le Signur Mat, mefo, gleich an Eure Tür treten wird. Und weg war er, der vorauseilende Ruf. Und weg war das Lüftchen.

Und Herr Verrückter steht an der Tür. Arm und hungrig, wie gesagt.

Ob man ihm, dem hungrigen Armen, denn erlauben würde, gemeinsam mit dem Schwein aus der Musrestpfanne zu frühstücken, er litte wirklich argen Hunger, bitteschön, bona mëda patrona, prëitambel, gute Frau Herrschaft, ich bitt.

Er solle bloß abhauen, der häßliche Verrückte, bur mat, sagt die begüterte Bäuerin.

Er also nochmal prëitambel bona mëda, ich sterb gleich vor Hunger, gute Frau, bittschön.

Nia, nichts da, hau bloß ab, sagt da die Bäuerin und richtet sich ihren Schurz zurecht, immer muß ich alles machen, der Bauer zu nichts gut, nicht einmal dazu, diesen Verrückten zu verscheuchen, sitzt hinterm Ofen, der Bauer, gleich nach dem Frühstück schon, und die ganze Arbeit und der Verrückte bleiben mir, aber Er ist dann am Abend der Große Bauer, wenn er mit den Seinigen im Wirtshaus zusammensitzt, fá na vita da sciore, Zuständ sind das, also hau ab, Verrückter, bevor ich selbst auch gleich noch verrückt werd. Und den Hund ruf. Das Mus ist fürs Schwein. Und basta. Sëgn bastel!

Und haut die Tür hinter sich ins Schloß.

Signur Mat, der arme, hungrige Verrückte, ist unterdeß ein paar Schritte zurückgewichen.

Und wartet, kaum die Tür im Schloß, seine löchrige Mütze in den Händen drehend, zweifelnd noch einige Augenblicke ab. Und macht dann, zögerlich, einige Schritte auf das Schwein zu. Das derweil immer noch am Mus. Und noch einen Schritt. Das Schwein würdigt ihn keines Blickes. Immerhin ist man Hausschwein auf einem herrschaftlichen Hof.

Prëitambel, bel gran porcel, bittschön, schönes großes Schwein, sagt der arme, hungrige Verrückte, leise, um das Schwein nicht zu erschrecken, prëitambel, bittschön, laß mich bei dir mitessen.

Aber das Schwein schaut ihn nur kurz von der Seite her an, und versenkt den Rüssel dann wieder im Mus. Als ob nichts gewesen.

Da wird es dem armen, hungrigen Verrückten dann doch zu viel, und mit dem einen Handgriff greift er sich blitzschnell die Muspfanne und mit dem anderen ein Schweinsohr, und schon sitzt er auf dem Rücken des schönen, großen Schweines und reitet auf ihm um den herrschaftlichen Hof herum. Und schaufelt sich Mus aus der Pfanne, und lacht, und ißt, und lacht. Als die Pfanne schließlich leer, bleibt das Schwein keuchend stehen.

Der arme, nicht mehr ganz so hungrige Verrückte stellt die Pfanne vors Schwein und tätschelt ihm den Nacken.

Und sagt: Dank für alles, was du für mich getan hast, schönes Schwein. Dilan de döt ci che t’as fat por me, bel porcel.

Cun plajëi, gern geschehen, sagt das Schwein. Ein bißchen Bewegung muß schließlich auch sein, zwischendurch, nicht wahr, catö?

I vëgni indoman, sagt der arme, nicht mehr ganz so hungrige Verrückte, doman da doman, ich komme morgen, morgen früh wieder vorbei. Und übermorgen. Und noch bevor dann der Herbst kommt, suchen wir uns einen anderen Platz, wir zwei. Richtung Sas dla Crusc, würd ich vorschlagen.

Und geht, le Signur Mat. Der arme, nicht mehr ganz so hungrige Verrückte.

Das große, schöne Schwein aber nickt ihm hinterher.


DIE KELLNERIN, DER MALIDER GOGGL, UND DIE WETTE UMS HALBE WEINFASS


Daß in den damaligen Zeiten eine Kellnerin, statt den Herren den Wein an den Tisch zu tragen, schlechtbezahlt, selbigen Herren ein halbes Faß vom Besten aus dem Beutel wetten würde, das war damals ganz und gar nicht vorstellbar. Weswegen man es sich als allzuwunderliche Mär erzählt hat, höchstenfalls. Und dann ebenso ungläubig wie mißbilligend den Kopf geschüttelt, die Herren. Und die Kellnerin leis gelächelt, im Zurückgehen an die Schank.

Und wird so eine unwahrscheinliche Mär nur oft genug erzählt, und verdreht und ausgeschmückt, alles im Bemühen, ihr einen Sinn zu geben, dann kommt sie auf uns, schließlich, als Sage. Und wir wiederum schütteln den Kopf über unsere ebenso leicht- wie abergläubischen, den Naturwissenschaften vollkommen abgewandten und im Grunde zu bedauernden Vorfahren. Wem es aber in den wohligwarmen Städterstuben zu wohl geworden, der macht sich auf, übermutig, solch gruseliges Zeug zu sammeln. In der Wildnis, bei den Wilden. (Und das Ehegespons sagt: »Karl Felix, paß mir ja gut auf auf dich, da draußen.«)

Um es kurz zu machen (und ohne werten zu wollen): Es hauste und wütete und trieb sein Unwesen seit langen Zeiten zwischen dem Hexenkessel auf Puflatsch, Fortschelles und Hochsalames einer, den man, obwohl ihn nie einer je richtig zu Gesicht bekommen, den Malider Goggl nannte. Was wiederum auf einem sprachlichen Mißverständnis beruht. Der Malider Goggl hatte nämlich zuviel der Pilze gegessen, und der falschen, und anstatt zu fliegen lag er unter der Fichte, stöhnte und jammerte: Malad!, malad! Ein Bauer, der grad vorbeikam, hatte Malid verstanden, und da es in der Gegend, wenn auch auf der anderen Almseite, tatsächlich etwas gibt, das sich Malider Schwaige nannte, gedacht, verstanden zu haben, was er da gehört. Gesehen hatte er sowieso nichts. Denn der Malider Goggl hatte auch Pilze zu sich genommen, die einen dermaßen grün werden lassen, daß einen kein Normalsterblicher je erblicken würd, im Gelände zumal.

In einem Wirtshaus der zivilisierteren Umgebung aber saßen sie eines Tages wie immer zusammen, und nach dem xten Liter Wein kam die Rede wieder auf den Malider Goggl. Und wie furchterregend der. Und. Da entfuhr, aus Müdigkeit wird Unachtsamkeit, der Kellnerin Maridl ein kleines, neckisches Lachen, der ängstlichen Männer wegen. Die sofort aufgebracht. Sie möge sich da bloß nicht einmischen, und überhaupt, Weibsbild. Das sei schon für Männer todesgefährlich, so eine Begegnung mit dem Malider Goggl. Noch einen Liter, aber zack! Da aber, der Tag war lang, und die Woche noch länger gewesen, drehte sich die Maridl wieder an den Tisch zurück und sagte: »Ich wett mit euch. Daß ich heut nacht noch da hinaufgeh, wo ihr sagt, daß der Goggl oder so sich rumtreiben soll, stell mich hin, und ruf nach ihm. Und wenn ich morgen früh tatsächlich nicht tot bin, seid ihr mir ein halbes Faß Wein schuldig. Vom Guten.«

Stand da, und rührte sich nicht, die Maridl. Und schaute in die Runde. Hauptsächlich, damit sie wieder in Bewegung käme und damit endlich Nachschub an den Tisch, gleichzeitig aber auch, weil das, was ihnen da angetragen wurde, ein dermaßen aberwitziges Unterfangen war, nun ja: Sie schlugen in die Wette ein. Kopfschüttelnd. Und mit leichtem Bedauern, weil die Maridl sonst eigentlich keine Ungute, und wer weiß schon, wer ihren Platz einnehmen würde, wenn sie nicht wiederkäme. Was so sicher war wie das Amen in der … na ja. Die Maridl aber brachte den Nachschub an den Tisch, zog sich die Schürze aus und sagte: »Ich bin dann mal weg.«

Um es kurz zu machen: Sie ging schnurstracks bergauf, es dunkelte bereits, und als sie endlich oben angekommen, da, wo der Goggl sich herumtreiben sollte, dem Männergerede nach, blieb sie ab und zu stehen und rief nach dem Goggl. Und ging weiter bergauf, und rief. Und den Grat entlang, und rief.

Inzwischen zog Nebel um. Müd geworden, setzte sie sich auf einen Felsbrocken. Und schüttelte den Kopf. Du wieder! Da hörte sie erst ein Geräusch, dann eine Stimme. »Bist malad, Madl?« Nein, sagte die Maridl, es gehe ihr gut. Etwas müd vielleicht, grad. Da könne er aushelfen, sagte die Stimme aus dem zwielichtigen Mondnebellicht. Und dann setzte sich ein schmales Männchen neben sie und holte aus einem Sack einen Pilz heraus. Der würde helfen. Auch nicht, versprochen, malad machen. Habe er, sicherheitshalber, zweimal überprüft. Also nur zu. Die Maridl sah ihn an, und sagte: »Der Malider Goggl. Bist gar keine so üble Erscheinung, du. Gibt es zu trinken auch was?«

Um es kurz zu machen: Die Nacht war dann noch weitaus friedlicher und vergnüglicher geworden, als die unten im Wirtshaus es sich je hätten träumen lassen.

Im Wirtshaus aber warten sie seither darauf, endlich bedient zu werden. Und fragen sich, wo das halbe Weinfaß hin verschwunden ist. Und wieso ihnen in ihren Geldbeuteln genauso viel Geld fehlt, wie ein halbes Faß vom Guten, literweise ausgeschenkt, normalerweise kostet.

Der Goggl und die Maridl sind, falls man mich fragt, seither, und das ist lang her, und in Ewigkeit, und die ist lang, ein glückliches Paar. Wenn auch manchmal zu Späßen aufgelegt.


DIE NIXE VOM KARERSEE


Es lebte einst eine Nixe im Karersee und sie lebte in Freude und Frieden, schwamm ihre Runden, tauchte am Grund des Sees nach Kiefernzapfen, setzte sich abends auf einen Stein im See, um der untergehenden Sonne zuzusehen, und kümmerte sich ansonsten reichlich wenig um das, was in der übrigen Welt so vor sich ging. (Einkäufe waren keine notwendig, was sie brauchte, fand sie im See, sagt man. Aber das kann auch nichts als Sage sein.) Mit den Nachbarn war ein Auskommen; Rosengarten, Latemar und Wälder standen freundlich rundum.

Wär da nicht dieser frisch eingetroffene Hexenmeister vom Masaré gewesen.

Und das kam so: Auf Masaré trieben sich seit jeher einige herum, die in der Hexerei bewandert waren. Ihre ungekrönte Königin aber war die Lomberda, eine alte Hexenmeisterin, deren Ruf weitum wie Donnerhall ging, da sie gern auch Gewitter zauberte, zu nichts als zum Zeitvertreib. Die Bauern nannten sie fluchend das welsche Weib, und versuchten, ihr mit geweihten Glocken beizukommen. Vergeblich. Eine vom Schlage und der Erfahrung der Lomberda ließ sich durch solch billigen Hokuspokus nicht beeindrucken.

Der Hexenmeister vom Masaré aber war als junger Mann in die Welt hinausgezogen, zu still war es ihm bald geworden da oben am Berg. Hatte diesseits wie jenseits des Meeres bei großen Meistern die Geheimnisse seiner Zunft erlernt, die neuesten Tricks. Eines Tages aber war er plötzlich wieder auf den Masaré zurückgekehrt, weltmännisch, und gar nicht wortkarg. Erzählte von der Welt da drauß und ihren Wundern. Sowie seinen Erfolgen. Gemunkelt wurde unter den Masaré-Bewohnern zwar, er sei zurückgekommen, weil er in Schwierigkeiten geraten war. Aber das war, wenn es nach ihm ging, nichts als Gerede. Und so hätte alles, samt Blitz und Donnerschlag, weiter seinen geordneten Gang gehen können.

Hätte nicht eines verwunschenen Tages der Hexenmeister vom Masaré herunter die Nixe entdeckt. Und sich, Knall auf Fall, in sie verliebt. So unsterblich, wie es einem Hexenmeister, der die Welt gesehen hat, eben möglich ist. Also stieg er von seinem Felsen, machte sich an sie heran und versuchte seine Zauberstückchen. Die Nixe aber zeigte ihm unbeeindruckt die kalte Schulter und tauchte ab.

»Hast eben noch nie mit der Nixe eines Gebirgssees zu tun gehabt«, sagte die Lomberda und lachte. »Versuch es weiter.«

Und der Hexenchor sang: Tre volte miagola il gatto in fregola. Dreimal miaut der brünftige Kater.

Und dreimal blitzte der Hexenmeister ab. Verzweifelt kam er wieder zur Lomberda, um einiges wortkarger als sonst.

»Na, wer ist die Meisterin der Meister, diesseits und jenseits der Meere?«, sagte sie.

»Du«, sagte er.

Sie nickte und ließ es donnern überm Rosengarten. Morgens um halb neun.

»Gut«, sagte die Lomberda, »ich werde dir helfen. Du mußt unserer Nixe einen Regenbogen hinzaubern, vom Rosengarten bis zum Latemar. Keinen gewöhnlichen, einen aus puren Edelsteinen. Das hast du ja, sagst du, im Orient gelernt. Also los.«

Und der Hexenmeister zog los. Er hatte den Trick mit den Edelsteinen eigentlich für sich behalten wollen, aber es wurde langsam Zeit, daß sie aufhörten, über ihn zu lachen. Er versteckte sich hinter einem Felsenzahn, sagte sein Sprüchchen auf, hantierte hin und her … Und schon stand der wunderschönste edelsteinerne Regenbogen am Himmel. Und spiegelte sich im Karersee, als er dort angekommen war, um nach der Nixe zu sehen.

»Ganz hübsch«, sagte die. »Aber auch nicht mehr.«

Und tauchte wieder ab.

Da begann der Hexenmeister vom Masaré zu toben und zu wüten, riß sich die Haare vom Kopf und den Regenbogen vom Himmel, zerbrach ihn in tausend Stücke, warf sie in den Karersee und verschwand heulend auf Nimmerwiedersehen.

Seither besuchen die Hexen vom Masaré, wenn ihnen nach Feiern ist, die Nixe vom Karersee und leihen sich Ohrgehänge aus. Smaragd, Rubin, Topas, Citrin, Saphir, Lapislazuli, Türkis und Amethyst. Dann leuchtet der Regenbogen wieder zwischen Rosengarten und Latemar und die Nixe sitzt auf ihrem Stein im See und lächelt.

Pulsuz fraqment bitdi.

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