Kitabı oxu: «Nur dämlich, lustlos und extrem?»
PROJEKTGRUPPE
#JUGEND
#MACHT
#POLITIK
NUR DÄMLICH, LUSTLOS UND EXTREM?
WIE JUGEND POLITIK MACHT
Originalausgabe
© 2021 Hirnkost KG, Lahnstraße 25, 12055 Berlin;
prverlag@hirnkost.de; http://www.hirnkost.de/
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage August 2021
Vertrieb für den Buchhandel:
Runge Verlagsauslieferung; msr@rungeva.de
Privatkunden und Mailorder:
https://shop.hirnkost.de/
Layout: Conny Agel, Regina Vierkant
Lektorat: Klaus Farin, Gabriele Vogel
ISBN:
PRINT: 978-3-948675-93-6
PDF: 978-3-948675-95-0
EPUB: 978-3-948675-94-3
Dieses Buch gibt es auch als E-Book – bei allen Anbietern und für alle Formate.
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DIE AUTOR*INNEN
Dieses Buch entstand im Zusammenhang eines zweisemestrigen Lehrforschungsprojektes unter der Leitung von Prof. Dr. Kurt Möller an der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der Hochschule Esslingen.
Die Autor*innen dieses Buches sind: Sina Beyer, Johanna Feder, Jan Greifelt, Helen Krause, Kurt Möller, Nadine Natterer, Semra Podbicanin, Claudia Schaller, Yannik Steinhart, Pia Zazzarini und Hanna Zinßer.
Inhalt
Vorwort
Jugend MACHT Politik – Kurt Möller
#bunt, laut und kreativ
»›Kapitalismus ist scheiße‹ ist ein bisschen stumpf«
»Man muss halt manchmal einfach die Leute nerven, damit verstanden wird, warum man wütend ist«
»Was ist Deutschland für dich?«
»Wenn man stickert, kann man seiner Meinung einfach Ausdruck verleihen, ohne dass man was dazu sagen muss«
»Ich find, dass Tattoos schon ’ne Form von Politik sind«
»Der Steppenwolf ist eine schöne Beschreibung der Zerrissenheit des modernen Menschen«
»Es ist wichtig, dass man sich für sich und seine Weltvorstellung einsetzt, obwohl es vielleicht gegen den Strich von anderen läuft«
#online
»Es wird kein Weg daran vorbeiführen, dass ich aktiver werden muss, wenn ich die Gesellschaft mit all ihren freiheitlichen Rechten weiter behalten möchte«
»Du hatest jemanden, ohne dass du mit ihm ein Wort ausgetauscht hast«
»Der Einfluss, den man hat, wenn man Politik beobachtet und darüber berichtet, ist größer als in einer Partei«
»Anstatt soziale Medien wie Instagram für […] Selbstdarstellung zu nutzen, können wir die gerade für politische Interessen und Inhalte auch positiv gebrauchen«
#gemeinsam in Bewegung
»Wie lange soll es noch so weitergehen, dass wir unterdrückt werden durch ein paar Hellhäutige?«
»Der beste Weg ist, zu akzeptieren und zu wissen, was meine Privilegien sind, und sie nicht zu leugnen«
»Du wirst als durchschnittlich abgestempelt, als jemand, der sowieso die Schule abbrechen und heiraten wird«
»Ein Stück weit sind Jugendliche da kompetenter als Erwachsene«
»Eine Gesellschaft, wo man nicht für Geld Menschenleben riskiert, nur damit man noch ein paar Jahre gut wirtschaften kann«
»Wir wollen unsere Stadtgesellschaft selbst in die Hand nehmen«
»Veganismus ist die stärkste politische Entscheidung, um was zu ändern«
»Auf jeden Fall sollten alle so weit wie möglich vegan werden«
»Auch wenn es nur ein banaler Spruch war, ist es eine respektlose Grenzüberschreitung«
»Der Schwangerschaftsabbruch dürfte nicht mehr illegal sein, sondern ganz normal geregelt wie alle anderen medizinischen Eingriffe«
»Ich finde nicht, dass die Welt in ’nem kapitalistischen System leben sollte, in dem es Eigentum an Grundsachen wie Nahrung, Wasser oder Sonstigem gibt«
»Wohnungsnot besiegen, Gartenstraße sieben!«
»Wir stehen zusammen, ob vor Gericht, bei der Strafzahlung oder auf der Straße!«
»Ich würde mir wünschen, dass es kein Deutschland mehr gäbe«
»Meine Utopie ist die Anarchie«
#mit Vertrauen ins System?
»Wenn man sich einbringen kann, merkt man, dass man was ändern kann, gerade als junge Person«
»Es ist nur ein Tuch«
»Ich betitele mich selbst immer als realistische Kommunistin«
»Ich bin halt der Politikdude«
»Der Kapitalismus ist eine gute Sache«
»Irgendeinem dabben wir immer auf die Füße«
»Generell halte ich es schon für effektiver, sich in dieses Bürokratenkorsett zu zwingen«
#demokratisch gebildet?
»Ich finde es nicht richtig, dass man Kindern sagt, was sie machen müssen«
»Wenn man was verändern will, ist der erste Schritt, an sich selbst etwas zu verändern«
»Es geht darum, das Übernehmen von Verantwortung zu lernen«
»Es hilft eben auch im kleinen Maß, denen zu helfen, die bei uns im Ort sind«
»Wir sind die letzte Generation, die was ändern kann«
»Es ist wichtig, dass wir uns um Menschen kümmern, die es vielleicht selbst nicht können, weil sie in einer Position sind, in der sie nicht verhandeln können«
»Dass die Arbeitsbedingungen besser und fairer werden«
#mitmischen und mitgestalten
»Es ist mir wichtig, dass ich meinen Teil zur Gesellschaft beitragen kann«
»Keiner kommt her und fragt uns«
»Wir haben es durch den Gemeinderat geschafft, das ist echt cool«
»Durch die Stimme in einem Verein, in einer Partei kann man viel verändern«
»Pfadfinder sein ist für mich grundsätzlich von den Werten her schon politisch«
Vorwort
»Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen« – schon vor über 2.000 Jahren klagte der griechische Philosoph Aristoteles (469–399 v. u. Z.) über seine jungen Zeitgenoss*innen. Auch heute erhebt sich vielfach ähnliches Gejammer über »die Jugend von heute«. Und darüber, wie unpolitisch sie doch eigentlich sei.
Aber was ist wirklich dran an solchen Beschwerden? Sind junge Menschen wirklich nur lustlos, dämlich und extrem? Oder handelt es sich um ein Vorurteil, das so alt ist wie die Menschheitsgeschichte selbst? Muss sich nicht jede Jugend anhören, dass sie nicht mehr das ist, was sie zu Zeiten der Eltern und Großeltern einmal war? Und gibt es die eigentlich Lustlosen und Unverantwortlichen nicht vielleicht sogar besonders zahlreich in der Vorgängergeneration der gegenwärtigen Jugend, also in der Erwachsenenwelt von heute? Ist es nicht eher sie, die sich wohlstandsverwöhnt auf den fetten Jahren des Wirtschaftswunders ausruht nach dem Motto »Nach mir die Sintflut!«?
Spätestens seit Fridays for Future sollte auch den Letzten aufgefallen sein, dass Jugendliche heute alles andere als naiv, träge und unpolitisch sind. Aber wer denkt, dass die politische Beteiligung der Jugend sich ausschließlich auf Fridays for Future beschränkt, hat weit gefehlt!
Wir, Studierende der Sozialen Arbeit und der Frühkindlichen Bildung und Erziehung an der Hochschule Esslingen, haben uns im Verlauf des Jahres 2020 auf die Suche nach den Ausdrucksformen jugendlicher Politik gemacht: auf die Suche nach guten Gesprächen, spannenden Motiven und vermeintlich blindem Aktivismus für die gute Sache. Dazu trafen wir über 70 Interviewpartner*innen aus dem Großraum Stuttgart und ganz Deutschland, die uns persönlich oder digital über ihre Art, Politik zu machen, berichteten. Dabei fanden wir Weltverbesserer*innen, Gemäßigte und weniger Gemäßigte, auf die Straße Geher*innen und kreative Köpfe. Uns begegneten junge Menschen, die Statements auf die Straße kreiden, weil sie allen Umständen zum Trotz ihren Standpunkt vertreten … Songtexte schreiben, weil sie es nicht ertragen, nur auszusprechen, was sie umtreibt … sich in Gremien und Parteien engagieren, weil sie die Hoffnung auf Mitwirkung im gegebenen politischen System nicht verloren haben … oder ihre Faust in der Tasche ballen, weil ihre Wut so groß ist.
Mit diesem Buch nehmen wir dich, liebe*r Leser*in, mit in die gegenwärtige politische Welt von Jugendlichen. Sie begreifen sich selbst sehr wohl als Teil dieser Gesellschaft, sie wollen und können nicht auf ein Morgen warten, das sich von selbst einstellt. Wir zeigen, warum und wie sie ihren Teil dazu beitragen, dass diese eine gute, ja sogar eine bessere Gesellschaft werden kann … warum und wie sie politisch aktiv sind, selbst wenn sie manchmal ihr Engagement selbst gar nicht als politisches bezeichnen … warum und wie sie sich für eine Gesellschaft einsetzen, für die es sich lohnt, den Mund aufzumachen, den Stift oder die Spraydose anzusetzen und auf die Straße zu gehen.
Wir durften vieles hören, vieles sehen und vieles erleben. Viel Neues entdecken und vieles dazulernen: Unterschiedliche junge Menschen aus unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen mit unterschiedlichen Gedanken und unterschiedlichen Formen des politischen Ausdrucks. Dafür möchten wir uns bei allen Mitwirkenden an diesem Buch bedanken. Und dafür, dass sie uns die Gelegenheit gegeben haben, Jugend zu zeigen, wie sie wirklich ist: vielfältig und divers, interessiert und engagiert. Aber vor allem eines nicht: mit wenigen Worten zu beschreiben. Statt auf jahrhundertealte Vorurteile über die »Jugend von heute« reinzufallen, mach dir lieber dein eigenes Bild: Blättere in diesem Buch! Lies, was dir unsere Gesprächspartner*innen zu erzählen haben! Und vielleicht entdeckst du ja, dass du politischer bist, als du bisher gedacht hast!
Esslingen, im Januar 2021
Projektgruppe #Jugend #Macht #Politik
Kurt Möller
»Wenn jeder denken würde: Wenn ich was mache, dann bringt das was – dann würde die Welt ja ganz anders aussehen«1
Jugend MACHT Politik
Nein, dass der Untertitel dieses Artikels doppeldeutig daherkommt, ist kein Zufall. Er signalisiert zweierlei: Zum Ersten steckt er das Thema grob ab. Es geht im Folgenden darum, wie junge Menschen Politik betreiben. Zum Zweiten lässt er deutlich hervortreten, dass Fragen der Macht im Mittelpunkt stehen, wenn hier die Bestimmung des Verhältnisses von Jugend und Politik zum Gegenstand gemacht wird.
Für alle Begriffe des Untertitels scheint zunächst eine definitorische Klärung angebracht zu sein, bevor wir auf das eingehen, was wir empirisch über politisches Interessiertsein und politisches Handeln von jungen Menschen wissen, um danach auf dieser Grundlage abschließend wenigstens ganz knapp Perspektiven aufzuzeigen, wie einschlägige Aktivität(sbereitschaft)en gesellschaftlich gefördert werden können, um politische Teilhabechancen und Demokratie auf Dauer sichern, ausbauen und weiterentwickeln zu können.
JUGEND, MACHT, POLITIK – DEFINITORISCHE KLÄRUNGEN
JUGEND
Werden in jüngerer Zeit die Relationen von Jugend und Politik öffentlich erörtert, dann stehen sich zumeist zwei Positionen diametral gegenüber: Die einen lamentieren über die angeblich so unpolitische Jugend von heute – zumeist mit einem nicht ganz uneitlen Verweis darauf, dass dies ja in der eigenen Jugend alles ganz anders gewesen sei. Die anderen singen das hohe Lied breiten jugendlichen Engagements oder betonen zumindest das große politische Interesse in der nachwachsenden Generation.
Das Problem an beiden Positionen scheinen die Pauschalisierungen zu sein, die oftmals mitschwingen, wenn undifferenziert von der Jugend oder der jungen Generation die Rede ist. Die Jugend aber gibt es eben nicht – dies weiß die Jugendforschung mindestens seit Ende der 50er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Sie unterstreicht dieses Wissen aber in jüngerer Zeit mit Verweisen auf zunehmende Individualisierung und Pluralisierung zu Recht immer häufiger. Jugend ist mannigfaltig und divers, sodass sich knapp formulieren lässt: Jugendliche gibt es, aber nicht die Jugend.
Selbst wer zur Gruppierung der Jugendlichen zu zählen ist, wird seit Längerem jedoch in wachsendem Maße unklar: Dass es nicht nur die 14- bis 18-Jährigen sind, die diese Altersgruppierung bilden, lässt sich allein schon daran erkennen, dass die Adressat*innen der Jugendhilfe laut ihren gesetzlichen Grundlagen bis zu 27 Jahre alt sein können und sogar noch viele Menschen im vierten Lebensjahrzehnt sich in vergleichbaren Lebenslagen befinden oder einen jugendlichen Lebensstil pflegen: z. B. eine (Zweit-)Ausbildung durchlaufen, keinem sozialversicherungspflichtigen »Normalarbeitsverhältnis« nachgehen, (noch) keine Kinder haben, kulturelle Vorlieben pflegen, die denen der Jüngeren gleichen usw. Für jede*n sichtbar dehnt sich auf der anderen Seite die Jugendphase auch »nach unten« hin aus: Wer rechtlich gesehen noch ein Kind ist, zeigt vielfach schon jugendtypische Verhaltensweisen: kleidet sich wie die Älteren, hört »ihre« Musik, nutzt dieselben Medien und geriert sich auch sonst oftmals wie sie. Insofern gibt es ebenso wenig die Jugendlichen wie die Jugend.
Folglich ist die Frage, ob die Jugend oder die Jugendlichen heute politischer, weniger politisch oder genauso politisch sind wie vorherige Jugendgenerationen, falsch gestellt. Sie ist in dieser Pauschalität gar nicht seriös zu beantworten.
Chancen auf verlässlichere Antworten ergeben sich wohl erst dann, wenn unter dem Schlagwort »Jugend« auf diejenigen geblendet wird, die sich zum einen in einer Lebensphase und -lage befinden, die als jugendlich gelten kann, also noch nicht die Insignien des Erwachsenseins aufweist, und die sich vor allem auch selbst als Jugendliche verstehen, und die zum anderen diese Lebensphase in durchaus unterschiedlichen Milieus und dementsprechend auch mit unterschiedlichen Chancen, Wertorientierungen und Haltungsbeständen durchlaufen.
POLITIK
»Politik ist ein schmutziges Geschäft«, »Politik wird in Parteien und Parlamenten gemacht«, »Politik ist alles, was nicht in deiner Wohnung passiert«, »Politik ›von unten‹ findet als Protest auf der Straße statt« – bereits diese kleine Auswahl von formelhaften Verständnissen von dem, was mit dem Begriff »Politik« gemeint sein kann, zeigt auf: Eine auch nur einigermaßen gesamtgesellschaftlich geteilte Definition von »Politik« kann wohl nicht angenommen werden. Mehr noch: »Das Private ist politisch.« Das, was dieser vor allem in der Frauenbewegung verbreitete Slogan ausdrückt, macht die Sache noch komplizierter. Er reißt die Auffassung ein, es ließe sich zwischen einer öffentlichen Sphäre der Politik und einer der Privatheit trennen.
Was nun? Vielleicht führt es weiter, einer Unterscheidung zu folgen, die in der Politikwissenschaft praktiziert wird: der zwischen »Politik« und dem »Politischen«. Bezeichnet »Politik« das gesellschaftliche Funktionssystem aus Parteien, anderen Organisationen, Parlament und Regierung, das letztlich einen Staat ausmacht, so zielt der Begriff des »Politischen« auf die politische Dimension des sozialen Mit-, Neben- und Gegeneinanders – auch im Alltag.
Wenn wir nun mit diesem Beitrag gerade auf das Verhältnis von Jugend und Politik blenden, dann erscheint ein enger Politikbegriff wenig angebracht: Im gesellschaftlichen Funktionssystem spielen Jugendliche kaum eine Rolle. Es ist in erheblichem Maße erwachsenendominiert. Zwar beziehen sich auch Jugendliche auf dieses System, etwa dann, wenn sie die Regierungen und Volksvertretungen dafür kritisieren, zu wenig gegen die drohende Klimakatastrophe oder rassistische Tendenzen in der Gesellschaft insgesamt und in staatlichen Behörden im Besonderen zu unternehmen. Selbst unmittelbar aktiv darin sind sie aber nur in wenigen Fällen; dies nicht nur, weil Jugendliche etablierte Positionen an den »Schalthebeln der Macht« noch nicht erreicht haben, sondern allein schon deshalb, weil das aktive und passive Wahlrecht dem einen Riegel vorschiebt. Aber auch ungeachtet dessen dürfte der Löwenanteil an politisch relevanten Erfahrungen von (jungen) Menschen in den Lebensvollzügen des Alltags gesammelt werden: beim (Nicht-) Mitbestimmenkönnen in Kita, Schule und Berufsausbildung, beim Agieren in Vereinen und Jugendarbeit, bei der Kommunikation auf Onlineplattformen; bei der Regelung von familiären Konflikten und Auseinandersetzungen zwischen Peers, beim Leben in Jugendkulturen sowie auf öffentlichen Straßen und Plätzen etc. Erst recht dort, wo es um Politik geht, die junge Menschen selbst betreiben, ist von Sphären wie den zuletzt genannten gar nicht abzusehen.
Und doch macht es wenig Sinn, sich angesichts dieser Breite der Erscheinungsweisen des Politischen in die Aussage zu flüchten: Letztlich ist alles politisch. Damit würde der Begriff des Politischen grenzenlos verwässert. Eine Alternative zu derartiger begrifflicher Ausuferung ist in Anknüpfung an das folgende Politikverständnis in Aussicht: Lässt sich Politik knapp als die Gesamtheit der Aktivitäten und Strukturen verstehen, die auf die Herstellung, Durchsetzung und Infragestellung von kollektiv verbindlichen Regelungen öffentlicher Belange ausgerichtet sind (vgl. auch Bundesministerium 2020), so ist das Politische als das begreifbar, was einerseits als Auswirkungen dieser Regelungen und Regelungsprozesse in den (alltäglichen) Lebensvollzügen der Menschen zutage tritt und was andererseits in ihren Impulsen zu kollektiv angestrebten Neuregelungen und neuen Thematisierungen besteht. Es handelt sich mithin um das Betroffensein von politischen Verhältnissen, etwa in Form von sozialer Ungleichheit, Lasten klimaschädlicher Produktion, Ungerechtigkeiten der Reichtumsverteilung, institutionellen Diskriminierungen etc., aber auch um die Entwicklung von Widerstand, Gegenwehr und überhaupt um Interessen, öffentlich relevante Sachverhalte mit zu beeinflussen.
Zugleich stellt sich mit einer solchen Feststellung auch die Frage nach Macht: nach dem Ausgesetztsein von Machtausübung, aus dem Betroffensein resultiert, genauso wie nach der Potenzialität machtvollen Mitmischens.
MACHT
Ohne an dieser Stelle terminologische Spitzfindigkeiten diskutieren zu wollen und zu müssen, lässt sich Macht zunächst, anknüpfend an die im deutschsprachigen Raum wohl gängigste Definition, nämlich die von Max Weber (1922/1985), begreifen als »Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht« (1985, 28). Wo solche Macht institutionalisiert ist, tritt sie als Herrschaft in Erscheinung, dies mit dem Anspruch, »Gehorsam zu finden« – entweder weil der Legalität des Anweisungsrechts geglaubt wird, weil Traditionen sie als legitim erscheinen lassen oder weil das Charisma der Herrschenden Folgsamkeit bewirkt. Ob derart herrschaftliche Macht verkrustet und irreversibel erscheint oder nicht, in jedem Fall gilt: »Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand« (Foucault 1977, 96). Macht schränkt, so gesehen, nicht nur Handlungsmöglichkeiten ein, sondern initiiert unter Umständen auch neues Handlungsvermögen und/oder liegt gar in diesem Vermögen.
Diese positive Bedeutungszuweisung kann nicht nur an der etymologischen Herkunft des Begriffs andocken (»magh« <indogermanisch> = können, vermögen, fähig sein bzw. »magan« <gotisch> = können, vermögen, machen). Sie wird auch von Hannah Arendt verfolgt, wenn sie formuliert: »Macht entspringt der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln« (Arendt 2000, 45).
Politik als das Feld der Regelungen und der Diskussion öffentlicher Belange wird also von kollektiv organisierten Machtaushandlungen und -kämpfen durchdrungen. Das Verhältnis von Jugend zu Politik und zum Politischen stellt sich damit als Frage der Positionierung zu fremder und eigener Handlungsmacht dar. Indem Jugendliche Politik machen, arbeiten sie sich an Machtstrukturen der Gesellschaft, in die sie hineinwachsen, ab und kreieren zugleich eigenes Handlungsvermögen.
JUGEND UND POLITIK – EMPIRISCHES WISSEN AUS QUANTITATIVEN UNTERSUCHUNGEN
Die sozialwissenschaftliche Jugendforschung in Deutschland führt seit Jahrzehnten immer wieder Untersuchungen durch, die das politische Interesse, die von ihnen als dringlich zu lösenden Probleme, die politischen Einstellungen und verschiedene Aspekte des politischen Agierens junger Leute zum Thema haben. Jüngere empirische Studien zeichnen zum gegenwärtigen Stand das folgende Bild:
POLITISCHES INTERESSE
Nach der aktuellen Shell-Studie geben 2019 45 % der 15- bis 24-Jährigen an, »politisch interessiert« zu sein. Der Prozentwert liegt damit ziemlich genau im Mittel der letzten neun Repräsentativbefragungen, die finanziert von Shell seit 1984 durchgeführt wurden und deren Werte in einer Marge zwischen 57 % (1991) und 34 % (2002) liegen (Shell 2019, 49). Während der Vorsprung der männlichen 12- bis 25-Jährigen gegenüber den gleichaltrigen weiblichen über die Jahre hinweg deutlich schmilzt und nur noch 7 Prozentpunkte beträgt (44 % Zustimmung zu 38 %), zeigen sich entsprechend dem oben ausgegebenen Motto »Die Jugend gibt es nicht« erhebliche Unterschiede je nach Bildungsniveau: Während 2/3 der Studierenden sich politisch interessiert zeigen, gilt dies nur für rund ein Viertel der 12- bis 25-Jährigen mit Hauptschulabschluss (ebd., 52 f.).
POLITISCHE THEMEN
Angstbesetzte politische Probleme sieht diese Altersgruppierung mehrheitlich in Umweltverschmutzung (71 %), Terroranschlägen (66 %), Klimawandel (65 %), einer wachsenden Feindlichkeit zwischen Menschen mit unterschiedlichen Meinungen (56 %), der wirtschaftlichen Lage und steigender Armut sowie Ausländerfeindlichkeit (beide 52 %), wogegen Probleme mit der Zuwanderung nur für 33 % mit Ängsten verbunden sind (ebd., 56). Während bei den genannten Themen Ost-West-Unterschiede kaum eine Rolle spielen, ist die Sorge um Arbeits- und Ausbildungsplätze umso größer, je geringer das formale Bildungsniveau ist, steigt mit Letzterem aber die Furcht vor dem Klimawandel. Eher noch deutlichere soziale Differenzierungen zeigen sich im Hinblick auf die Betrachtung von Zuwanderung und Ausländerfeindlichkeit: Liegt die Angst vor Zuwanderung bei Personen mit Hauptschulabschluss (56 %) bzw. Mittlerer Reife (40 %) deutlich vor denen mit Hochschulreife (25 %), so steigt umgekehrt die Sorge vor Ausländerfeindlichkeit mit dem formalen Bildungslevel an (von 41 % bei Hauptschulabsolvent*innen über 47 % bei jungen Leuten mit mittlerem Bildungsabschluss auf 56 % bei (Fach-)Abiturient*innen; ebd., 60). Soziale Unterschiede im Sinne von Schichtfaktoren bestimmen auch die Beurteilung der Existenz sozialer Gerechtigkeit in Deutschland. Die Einschätzung, dass es hierzulande eher oder gar nicht gerecht zugeht, wird in der Unterschicht mit einem Prozentsatz von 50 % der Befragten doppelt so häufig vertreten wie in der Oberschicht. Jugendliche mit sogenanntem Migrationshintergrund halten die Realisierung sozialer Gerechtigkeit in Deutschland – angesichts häufiger eigener Diskriminierungserfahrungen überraschenderweise – für stärker gegeben als Jugendliche ohne Migrationshintergrund, wobei insbesondere junge Leute mit familiären Wurzeln in osteuropäischen Staaten und – für manche vermutlich unerwartet noch stärker – solche aus islamisch geprägten Ländern diesen Eindruck wiedergeben (ebd., 67 ff.).
POLITISCHE EINSTELLUNGEN UND DEMOKRATIEZUFRIEDENHEIT
Soziale Heterogenität prägt auch eine Reihe von politischen Einstellungen der jungen Generation. So sind unter den 15- bis 25-Jährigen insgesamt 9 % »Nationalpopulist*innen« und 24 % »Populismus-Geneigte«, bei Besitzer*innen des Hauptschulabschlusses allerdings 24 % »Nationalpopulist*innen« und 34 % »Populismus-Geneigte«, hingegen bei Personen dieser Altersgruppe mit (Fach-)Hochschulreife 4 % bzw. 18 % (ebd., 79; zu den Items, mit denen entsprechende Orientierungen – u. a. Zuwanderungs- und Islamskepsis sowie Elitenkritik und Unterdrückung unbotmäßiger Meinungen – erhoben werden, ebd. 76 ff.). Etwas häufiger finden sich solche Haltungen im Osten als im Westen und bei männlichen als bei weiblichen Befragten. Letztere hingegen sind überproportional unter den »Weltoffenen« (insgesamt 27 %) und »Kosmopolit*innen« (12 %) vertreten. Diese beiden Gruppierungen unterscheiden sich von den beiden zuerst genannten vor allem dadurch, dass sie nicht nur eine viel geringere Distanz gegenüber gesellschaftlicher Vielfalt aufweisen und ein deutlich kleineres Ausmaß an Benachteiligungsempfinden haben, sondern auch viel eher davon ausgehen, dass sie Kontrolle über das eigene Leben haben und es weitgehend selbst bestimmen können (vgl. ebd., 84 ff.). Sie sind auch deutlich demokratiezufriedener (zu 88 %), wogegen rund 2/3 der Nationalpopulist*innen mit den Realitäten der Demokratie in Deutschland unzufrieden sind und fast ein Viertel (23 %) von ihnen auch grundsätzlich Demokratie nicht für eine gute Staatsform hält.
Unabhängig davon: Wer eher unzufrieden mit der Demokratie ist, Dinge nicht für änderbar hält und politisch (eher) nicht interessiert ist, zeigt sich politik(er)verdrossen und glaubt nicht, »dass sich Politiker darum kümmern, was Leute wie ich denken« (ebd., 96) – ein Eindruck, den insgesamt immerhin 71 % der 15- bis 25-Jährigen haben (ebd., 94).
POLITISCH-SOZIALES ENGAGEMENT
Hinsichtlich der Bedeutungseinschätzung politischen Engagements haben die weiblichen Befragten im Laufe der Jahre aufgeholt: Mit der Einschätzung, solches Engagement sei »wichtig«, liegen sie mit ihren Altersgenossen gleichauf (jeweils 34 %; ebd., 116). In der Höhe der prozentualen Zustimmungen zu den Werten »sich unter allen Umständen umweltbewusst verhalten« und »sozial Benachteiligten helfen« liegen sie sogar deutlich vor den gleichaltrigen männlichen Befragten (»umweltbewusst verhalten«: 77 % (w.) : 66 % (m.); »Benachteiligten helfen«: 67 % (w.) : 56 % (m.); ebd.).
Unterschiede zeigen sich bei diesen Haltungen aber auch schichtspezifisch: Umweltbewusstes Verhalten und Hilfe bei sozialer Benachteiligung zu leisten finden eher Jugendliche aus den oberen Schichten wichtig. Noch deutlicher fallen in dieser Hinsicht die Differenzen bei der Bedeutungszuweisung eigenen politischen Engagements aus: »Sich politisch engagieren« – dies ist für fast die Hälfte der Jugendlichen aus der oberen Schicht, aber nur rund ein Viertel der jungen Leute aus den unteren Schichten wichtig (vgl. ebd., 122 f.).
Selbst politisch oder sozial engagiert sind bei den 12- bis 25-Jährigen insgesamt 36 % oft, 33 % gelegentlich und 31 % nie. Auch hier zeigt sich, dass die Höhe der Herkunftsschicht und die Höhe des Bildungsniveaus (letztgenanntes allerdings nur leicht) positiv auf die Engagementintensität Einfluss nehmen.
Das Engagement selbst wiederum erstreckt sich inhaltlich vorrangig auf die Durchsetzung der Interessen von Jugendlichen, auf Einsatz für sinnvolle Freizeitgestaltung und auf Umwelt- und Tierschutz (vgl. ebd., 98 ff.). Das meiste davon erfolgt in alltäglichen Zusammenhängen durch persönliche Aktivität (bei 39 %), Mitarbeit in Vereinen (bei 37 %) oder in Form (hoch) schulischen Engagements (bei 26 %; ebd., 101). Jugendliche tragen aber auch ganz wesentlich soziale Bewegungen und politischen Protest. Aktivitäten in und Bezugnahmen auf Aktionsformen wie etwa Fridays for Future, Ende Gelände oder Black Lives Matter prägen ihre politische Sozialisation und ihr politisches Lernen (vgl. auch Bundesministerium 2020). In welcher Form dies geschieht, zeigen nicht zuletzt einschlägige Interviews zu solchem Engagement in diesem Band.
JUGEND UND POLITIK – EMPIRISCHES WISSEN AUS QUALITATIVEN UNTERSUCHUNGEN
POLITIKGESTALTUNG ALS LEBENSGESTALTUNGSCHANCE
Alles in allem zeigt sich bei der Betrachtung der oben aufgeführten quantitativen Befunde: Politisches Interesse und politisches Engagement hängen stark von den Lebenslagen ab, in denen junge Leute aufwachsen. Insbesondere werden sie offensichtlich beeinflusst von den Lebensgestaltungschancen, die von den Rahmungen und strukturellen Bedingungen jeweiliger Lebenslagen abgesteckt werden und in ihnen wahrgenommen werden können. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn auch Befunde von qualitativen Untersuchungen einbezogen werden, also von Studien, die nicht mit Fragebogenstatements und deren Ankreuzen operieren, sondern auf ausführlichen und im zeitlichen Verlauf der Biografie mehrfach durchgeführten Interviews mit jungen Menschen zu politisch und sozial relevanten Haltungen basieren. Sie sind in der Lage, detaillierter zu entschlüsseln, was die Befragten eigentlich konkret unter Formulierungen wie z. B. »sich umweltbewusst verhalten«, »durch den Islam unterwandert werden« oder »politisch engagiert sein« verstehen, welche eigenen politisch-sozialen Akzente sie innerhalb einer offenen Gesprächsatmosphäre setzen und wie(so) sich hierbei im Laufe der Zeit Stabilisierungen oder Veränderungen der Haltungen einstellen. Weiterführende Erkenntnisse können hierzu aus der letzten über drei Jahre hinweg erfolgten Langzeituntersuchung zu politisch-sozialen Haltungen von Jugendlichen, hier insbesondere zu Pauschalisierenden Ablehnungskonstruktionen (PAKOs) gegenüber Angehörigen als missliebig eingeschätzter Gruppierungen, entnommen werden (Möller u. a. 2016). Demnach sind es bestimmte biografische Erfahrungen und ihre Verarbeitungsweisen, die Weichenstellungen in Richtung auf die Entwicklung entweder un- und antidemokratischer oder demokratiekonformer Orientierungen und Aktivitäten begünstigen. Genauer gesagt handelt es sich dabei zum einen um Bilanzierungen, die die Befragten in Hinsicht auf ihre Lebensgestaltungsmöglichkeiten, genauer: in Hinsicht auf Kontroll-, Integrations-, Sinn- und Sinnlichkeitserfahrungen, vornehmen; zum anderen betreffen sie mentale Abbilder relevanter Sachverhalte und Personengruppierungen, sogenannte erfahrungsstrukturierende Repräsentationen, die bei der Erfahrungsverarbeitung eine Rolle spielen, und ihre persönlichen Möglichkeiten, bestimmte Selbst- und Sozialkompetenzen für die eigene Erfahrungsverarbeitung zur Verfügung zu haben.
KONTROLLBILANZEN
Menschen haben ein ganz grundlegendes Bedürfnis nach Realitätskontrolle (vgl. Holzkamp-Osterkamp 1975, 1976), d. h., sie sind motiviert, ihre eigenen Geschicke möglichst weitgehend im Griff zu haben, jedenfalls nicht fremden Mächten hilflos ausgeliefert zu sein. Das Gefühl, wie weit das »Heft des Handelns« in der eigenen Hand sein muss, ist allerdings nicht bei allen gleich stark ausgeprägt: Die einen setzen alles daran, z. B. ihren beruflichen Lebensweg bis in die kleinste Verästelung hinein völlig eigenständig zu lenken, die anderen ergeben sich eher dem Schicksal, das sich für sie auf dem Arbeitsmarkt ergibt. Den einen ist es wichtig, den Wohnort und die Wohnverhältnisse gänzlich selbstbestimmt wählen zu können, die anderen schließen weitreichende Kompromisse zugunsten beruflichen Fortkommens oder aus Gründen der Partnerschaft und des Familienlebens. Die einen bilden generell quer über alle Lebensbereiche ein hohes Level an persönlichen Kontrollerwartungen aus, die anderen geben sich mit vergleichsweise geringer Eigenkontrolle zufrieden – dies unter Umständen schon allein deshalb, weil sie wenig Kontrollbewusstsein haben, also annehmen, allenfalls zu einem kleinen Teil den Lauf der Dinge selbst bestimmen zu können.
So unterschiedlich jedoch auch das Niveau an Kontrollerwartungen beschaffen sein mag: Je stärker ich über das, was mich betrifft, verfügen können will, umso mehr leide ich darunter, wenn mir dies nicht im gewünschten Maße möglich erscheint. Wenn ich also eine Bilanz meiner Kontrollmöglichkeit anstelle, dann ist nicht das absolute Maß der mir »objektiv« gegebenen Kontrolle entscheidend dafür, wie sie von mir gewertet wird, sondern die Relation zwischen Erwartungshöhe und tatsächlich erfahrenem Realisierungsgrad von Kontrolle. Sofern nun die erlebten Kontrolldefizite als besonders groß und schmerzlich empfunden werden, liegt es zum einen nahe, äußere Umstände oder andere Personen(gruppierungen) für wahrgenommene Kontrollmängel verantwortlich zu machen, Verschwörungen als ursächlich zu wähnen und diese zu skandalisieren bzw. die dafür scheinbar Verantwortlichen anzugreifen, oder zum anderen Kontrollerfahrungen auch in Formen zu suchen, die außerhalb sozialer Akzeptanz liegen: in Gewaltanwendung, Proklamierung nationalistisch begründeter Privilegien, Diskriminierung Durchsetzungsschwächerer u. Ä. m.
Dass dafür gerade junge Menschen anfällig zu sein scheinen, könnte damit zusammenhängen, dass sie sich in einer Lebensphase befinden, der gesellschaftlich in herausgehobener Weise die Aufgabe zugewiesen wird, als Individuum eine eigenständige Identität zu entwickeln. An Jugendliche wird die Erwartung herangetragen, sich aus den Abhängigkeiten der Kindheit nach und nach zu lösen, sich in der Gesellschaft zu positionieren und damit den Nachweis zu erbringen, mehr und mehr »auf eigenen Beinen stehen« zu können. Dies nicht hinreichend auf gesellschaftlich akzeptierte Weise zu können, wird daher von ihnen nicht selten als Versagen und Schmach erlebt, die nicht hingenommen werden kann. Zur Identitätssicherung wird in der Folge Kontrolle durch den Ausweis von Selbstgewissheit und Durchsetzungsfähigkeit auf anderen Feldern zu belegen versucht. Deshalb ist es alles andere als verwunderlich, wenn die lebensgeschichtlich relevanten Wurzeln des »Nationalpopulismus« (wohl nicht nur) junger Leute auch durch quantitative Forschung in ihrem »Wunsch nach Rückgewinnung von Kontrolle« (Shell 2019, 85) lokalisiert werden.
Wer hingegen Kontrolle über das eigene Leben in Respekt vor der Gleichwürdigkeit aller und unter Einsatz demokratischer Mittel in den Arealen der Politik und des Politischen zu verspüren vermag und/oder auch wahrnehmen kann, dass Mitglieder derjenigen Gruppierung, die als Eigengruppe verstanden wird, vergleichbare Erfahrungen machen (können), muss gar keine Notwendigkeit darin sehen, Kontrolle außerhalb der Sphären solcher Dialog- und Auseinandersetzungsformen zu suchen, da sich hier Selbstwirksamkeit und Identitätsanker finden lassen.
INTEGRATIONSBILANZEN
Menschen sind zutiefst soziale Wesen. Sich irgendwo und irgendwelchen Kollektiven zugehörig zu empfinden, teilhaben zu können, sich anerkannt zu fühlen und Identifikationsmöglichkeiten zu verspüren, ist für sie daher basal. Jede*r will sich sozial integriert fühlen; dies gilt unabhängig von dem von Person zu Person schwankenden Ausmaß, in dem dies angestrebt wird, und auch unabhängig von der Art und Weise, in der das jeweils gesucht wird. Wo das politische System als prinzipiell integrativ, auch für die eigene Person, angesehen werden kann, werden Chancen ersichtlich, solche Bedürfnisse zu realisieren. Wenn aber die subjektive Bilanzierung des erreichten Integrationsniveaus zu dem Resultat kommt, Integrationshoffnungen durch die Beschreitung der gesellschaftlich dafür zur Verfügung stehenden legitimen Wege nicht eingelöst oder zukünftig einlösbar sehen zu können, gleichzeitig aber auch keine wesentlichen Abstriche an ihnen gemacht werden können, dann kann der Versuch attraktiv erscheinen, entsprechende Wünsche anderweitig umzusetzen, etwa durch Anbindung an einen politischen Kontext und politische Gruppierungen, die abseits dieser Wege Integrationserfahrungen versprechen, etwa in sich ethnisch-kulturell abschottenden, rechtsextremistischen, verschwörungsseparatistischen oder »islamistischen« Zusammenhängen.
Jugendliche können deshalb als für solche Angebote besonders ansprechbar gelten, weil sie sich in einer Lebensphase befinden, in der Antworten auf Fragen nach Zugehörigkeit, Anerkennung, Teilhabe und Identifikation im Zuge ihrer Identitätsentwicklung besonders vordringlich erscheinen. Bemerkenswerterweise erwerben Menschen, die aus derartigen »extremistischen« Bezügen aussteigen, im Prozess ihrer Distanzierung für sie neuartige Integrationsoptionen oder reaktivieren frühere, sodass sie mindestens gleichwertigen Ersatz für ihre vormaligen Einbindungen in »extremistische« Politikzusammenhänge gewahr werden. Dabei liegen diese Integrationserfahrungen zumeist gar nicht einmal in Räumen der Politik im engeren Sinne, sondern dort, wo das Politische den Alltag durchwirkt (vgl. z. B. Möller u. a. 2016; Möller/Neuscheler 2018).
SINNBILANZEN
Menschen wollen wissen, inwiefern ein bestimmtes Denken, Fühlen oder Handeln ihnen oder anderen »etwas bringt«, sie wollen Vorteile oder Gewinne darin absehen können – keinesfalls nur materielle – und sie wollen erkennen können, dass ihr Streben, Tun oder Unterlassen nicht völlig belanglos ist, sondern Spuren hinterlässt, kurzum: Sie wollen Sinn darin sehen. In Bezug auf politische Haltungsbildung heißt dies: Solange politische Positionierung und politische Aktivität(sbereitschaft) als etwas wahrgenommen werden kann, das Wirkungen hinterlässt, sind diesbezügliche Aufladungen mit Sinn möglich. Wo hingegen angenommen wird, dass »alles sowieso egal« ist, werden Sinnzuschreibungen und Sinnstiftung verhindert.
Wird mithin das demokratische System als eine Struktur wahrgenommen, über die Interessenabwägungen und öffentliche Belange nicht angemessen reguliert werden können, muss Unzufriedenheit mit ihm und seinen Institutionen nicht erstaunen. Wo das Personal, das in ihm Entscheidungen trifft, als abgehoben vom »Boden der Tatsachen«, wenig vertrauenswürdig, wenn nicht gar als Kundschaft in einem »Selbstbedienungsladen« gilt, fällt es schwer, es als Repräsentanz des Volkes wahrzunehmen und seiner Finanzierung aus Steuergeldern Sinn zuzuschreiben. Unzufriedenheit mit ihm und Skepsis gegenüber derartiger Umsetzung der demokratischen Idee können dann, wenn sie nicht in Resignation und Apathie führen, sowohl in systemkonformes Aufbegehren münden als auch zu Aggressionen verleiten, die einen Umsturz propagieren und dabei gegebenenfalls auch un- und antidemokratische Mittel mit sich bringen.
Und auch hier zeigt sich: Wo das Funktionieren von demokratisch ausgerichteten Kanälen politischer Mitsprache, Mitentscheidung und Mitwirkung erfahren werden kann, wird Distanz zu und Distanzierung von demokratiewidrigen Haltungen ermöglicht (vgl. ebd.).
SINNLICHKEITSBILANZEN
Menschliche Orientierung verläuft nicht ausschließlich kognitiv. Menschen sind bio-psychosoziale Wesen, sie haben Körper und Gefühle. Auch wenn Bedürfnisaufschub über einen gewissen Zeitraum hinweg möglich ist – die Befriedigung sinnlicher Bedürfnisse ist für sie auf Dauer unverzichtbar: sich und andere spüren, Interessantes sehen und hören, geschmackvoll genießen u. a. m. Dementsprechend beurteilen sie ihre Existenz auch danach, welche Erfahrungen ihnen hinsichtlich sinnlicher Befriedigungen zur Verfügung stehen.
Selbst Politik und Politisches sind hochgradig sinnlich aufgeladen: Die Personalisierung von Politik schreitet scheinbar unaufhaltsam voran, sodass Fragen von Sympathie und Aussehen für die, die um politische Gefolgschaft buhlen, immer wichtiger werden. Symbole, die sie verwenden, Metaphern, in die sie ihre Botschaften kleiden, Bilder und Fotos, mit denen sie sich bzw. ihre Themen in Szene setzen, Personen, mit denen sie sich umgeben, Gefühle, die sie zu wecken oder umzulenken vermögen – all das und vieles mehr an personaler Außendarstellung, Themenverpackung und Agendasetting wirkt zunehmend meinungsbildend. Und »das Politische« ist ohnehin in das Alltagsgeschehen und damit auch in dessen Wahrnehmung und emotionale Bewertung verwoben. Aus der Sicht besonders von Herkunftsdeutschen wird diesbezüglich immer wieder vorgebracht: die Anzahl und die Außenwirkung der Migrant*innen, die im ÖPNV mitfahren, die Multikulturalisierung der Nachbarschaft, die Sprachenvielfalt in der Kita, die ethnische Durchmischung von Schulen, die Verfügbarkeit von Lokalen mit internationaler Küche, aber auch die Furcht vor marodierenden Horden Rechtsextremer, die Angst vor mehr Luftverschmutzung und Umweltzerstörung, die Betroffenheit von (scheinbar wachsender) Unsicherheit im öffentlichen Raum u. a. m. Einerlei, ob solche Faktoren als Zumutungen und Bedrohungen oder Pluralitätsgewinne und Innovationsschübe (oder noch anders) erlebt werden: Sie verdeutlichen die emotionale Aufladung des Politischen und damit seine sinnlichen Erfahrungskomponenten. Die darüber vorgenommene Bewertung politischer Aspekte beeinflusst die politische Haltungsbildung enorm (vgl. auch Besand u. a. 2019)
MENTALE VERARBEITUNGEN
Phänomene wie die genannten existieren für das Subjekt nicht nur in der Außenwelt. Sie werden – ebenso wie Vorstellungen von sich und anderen – auch in bestimmter Art und Weise innerlich abgebildet: Jede*r macht sich ein Bild von ihnen. Diese mentalen Abbilder der Realität oder dessen, was für Realität gehalten wird, haben die Funktion, Wahrnehmungen und Erlebensweisen ikonografisch und figurativ im Erfahrungshaushalt abzulegen, sie dort einordenbar zu machen und für den kommunikativen Austausch über die von ihnen repräsentierten Phänomene zu »präparieren« (vgl. auch Moscovici 1988). Auf sie lässt sich intuitiv und ohne langes Überlegen assoziativ zurückgreifen. Auf leicht zugängliche Weise ist mit ihnen so Komplexität zu reduzieren. Insofern strukturieren diese mentalen Repräsentationen die gemachten Erfahrungen, treffen aber auch Vorentscheidungen zum einen über die Einordnung neu auftretender Eindrücke, zum anderen für das Aufsuchen neuer Erfahrungen. Sie wirken somit selektiv auf potenzielle Deutungen von Wahrgenommenem sowie auf die Wahl von Optionen, die in Handlungs- und Verhaltenshorizonten aufscheinen.
Problematisch, ja unter Umständen demokratiegefährdend werden sie dann, wenn sie komplizierte Sachverhalte nur holzschnittartig nachzeichnen, Schwarz-Weiß-Malerei betreiben, scharf konturierte Freund-Feind-Gegensätze skizzieren, damit auf Ambivalenzen, Nuancen und Differenzierungen verzichten und so Pauschalisierungen Vorschub leisten, die solche Bilder verfestigen und sich gegenüber Veränderungen widerständig zeigen. Tendenzen dazu, mentale Repräsentationen so anzulegen, werden dadurch begünstigt, dass diese gesellschaftlich großräumig vagabundieren, von vielen, insbesondere deutungsmächtigen Gesellschaftsmitgliedern geteilt werden und deshalb zunehmend als »normal« betrachtet werden können. Wo sich z. B. vermeintlich »typische« Vorstellungen von »den Juden«, »den Flüchtlingen« oder »den Muslimen« verbreiten und stabilisieren, wird unvoreingenommenes Urteilen erschwert und stattdessen eine Ordnungspraxis verstärkt und zementiert, die an den schon vorhandenen Deutungsangeboten andockt und im Lebensverlauf neu auftauchende Erfahrungen nach deren Mustern einsortiert. Der Aufenthalt in Filterblasen und Echokammern der sozialen Medien scheint diese Tendenz deutlich zu begünstigen, weil hier die Konfrontation mit dem anderen ausbleibt und immer wieder die gleichen Mentalitätsbestände umgeschlagen werden.
PERSÖNLICHE KOMPETENZEN
Die subjektive Erfahrungsverarbeitung wird zudem bestimmt von individuellen Fähigkeiten, die sich mit dem Begriff der Selbst- und Sozialkompetenzen fassen lassen: von der Sensibilität für die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse und der Bedürfnisse anderer, von Empathievermögen, Impulskontrolle, Reflexivität, ausgebildeten Toleranzen gegenüber Frustrationen, Ambivalenzen und Ambiguitäten, Dialogfähigkeit, Fähigkeiten zu verbaler Konfliktregulierung u. Ä. m. Die eigene Lebenserfahrung lehrt diesbezüglich: Solche Kompetenzen sind weder angeboren noch fallen sie vom Himmel. Sie sind vielmehr Produkte der Erfahrungen, die jemand macht. Werden Erfahrungen gemacht wie selbstwirksam sein zu können, zugehörig zu sein, anerkannt und wertgeschätzt zu werden, Teilhabechancen zu erhalten, eigenes Handeln als sinnvoll zu erleben und sinnliche Bedürfnisse genussvoll befriedigen zu können? Und wird die Erfahrung gemacht, dies gemeinsam mit anderen sowie zugleich in Respekt wahrendem Austausch und verhandlungsbasiertem Abgleich mit ihnen umsetzen zu können? Erfährt die Person also solche Formen der Bedürfnisbefriedigung als funktional für die eigene Lebensgestaltung im Kontext kollektiver Lebensgestaltungspraxis? Oder macht sie die Erfahrung, dass eher rücksichtslose Selbstdurchsetzung, z. B. mittels Gewalt, »Treten nach unten«, und das Verfolgen von Partikularinteressen, z. B. nationalistische Vorteilsmaximierung, sie gesellschaftlich und persönlich voranbringt?
Im Übrigen hängt von den persönlichen Kompetenzen und zur Verfügung stehenden Ressourcen zur Einordnung von Erfahrungen sowie zur Artikulation gesellschaftlicher Interessen auch ab, inwieweit politische Anliegen überhaupt als solche begriffen und dann auch entsprechend geäußert werden. Dasselbe gilt dafür, inwieweit soziales Engagement in den kleinen Lebenswelten des Alltags, etwa wechselseitige Unterstützung in der Nachbarschaft, Aktionen zum Erhalt einer sauberen Umwelt oder Mitgestaltungen des kulturellen Lebens vor Ort bzw. in jugendkulturellen Szenen, überhaupt als politisch verstanden werden und damit auch bei quantitativen Befragungen Eingang in die Antworten finden. Gerade bei eher bildungsungewohnten Jugendlichen aus unteren Schichten bleibt das Politische ihrer sozialen Zusammenhänge und Vollzüge hinter einem engen Politikbegriff oft verborgen und kommt in Fragebogenstudien nicht explizit zum Vorschein.
FAZIT UND PERSPEKTIVEN
Jugend macht Politik. Sie macht sie, wenn sie sich aktiv einmischt. Sie macht sie aber auch, wenn sie Politik Politik sein lässt und dort den Dingen ihren Lauf lässt. »Man kann nicht nicht kommunizieren« – so heißt ein berühmt gewordenes Axiom des bekannten Kommunikationswissenschaftlers und Psychotherapeuten Paul Watzlawick (vgl. z. B. Watzlawick 2016). In analoger Weise ließe sich formulieren: »Man kann nicht nicht politisch sein.« Politisch zustande gekommene Regelungen öffentlicher Belange betreffen jede*n. Manche davon selber mitbewirkt zu haben oder gegen sie lautstark und demonstrativ aufzubegehren, ist nicht politisch relevanter, als sie zu akzeptieren und sich mit ihnen abzufinden. Letzteres allerdings führt auf Dauer in Machtlosigkeit: Wer nichts macht, nutzt seine Macht nicht; jene Macht, die potenziell darin liegt, sich im oben erwähnten Sinne Hannah Arendts »mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln«.
Wenn wir politische Entscheidungen demokratisch treffen wollen, ist breite politische Beteiligung vonnöten, also ein Politikmachen und Macht nutzen im Sinne Hannah Arendts. Daher sind für den Bestand und die Weiterentwicklung von Demokratie Antworten auf die Frage unabdingbar, wie Mitsprache, Mitentscheidung und Mitwirkung für alle, insbesondere aber für die nachwachsenden Generationen, befördert werden können – auch gerade bei jenen, die von Politik Abstand halten und Demokratie mit Teilnahmslosigkeit oder Misstrauen begegnen. Dafür müssen Lebensgestaltungsoptionen weiter geöffnet werden, damit diese dann auch in Demokratiegestaltung münden können. Erweiterte Möglichkeiten dazu, weitgehend selbst über die persönlichen Lebensbedingungen verfügen und die dafür zu treffenden Entscheidungen mit anderen Menschen diskursiv abstimmen zu können, befördern demokratische Mitwirkung. Der neueste Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung unterbreitet dazu eine Reihe von Vorschlägen für unterschiedliche gesellschaftliche Sphären und im Schwerpunkt für bedeutsame Bildungsbereiche, in denen sich junge Leute bewegen (vgl. Bundesministerium 2020). Wer sich nicht durch den über 600 Seiten starken Berichtsband quälen will, findet auch im vorliegenden Buch einige Hinweise. Hier kommen sie nicht von titelgeschmückten und mit institutionellen Weihen versehenen Expert*innen, sondern von jungen Leuten selbst. Sie erzählen ihre eigene Geschichte, wie sie Politik für sich entdeckt haben. Die Vielfältigkeit, in der sie dies getan haben und weiterhin tun, zeigt auf, dass Politik(machen) beim Nachrichten gucken oder beim Wählen und Gewähltwerden weder anfängt noch aufhört.
1 Lorena (17) in diesem Band.
LITERATUR
Arendt, Hannah: Macht und Gewalt. 14. Auflage. Piper, München 2000.
Besand, Anja/Overwien, Bernd/Zorn, Peter (Hrsg.): Politische Bildung mit Gefühl. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2019.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: 16. Kinder- und Jugendbericht. Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter. Bundestagsdrucksache 19/24200. Berlin 2020. Online: https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/16-kinder-und-jugendbericht-162238 [12.11.2020].
Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1977.
Holzkamp-Osterkamp, Ute: Psychologische Motivationsforschung, Bd. 1 und 2. Campus, Frankfurt a. M. 1975, 1976.
Möller, Kurt u. a.: »Die kann ich nicht ab!« Ablehnung, Diskriminierung und Gewalt bei Jugendlichen in der (Post-)Migrationsgesellschaft. VS, Wiesbaden 2016.
Möller, Kurt/Neuscheler, Florian: Abschlussbericht zur Evaluation der Beratungsstelle Hessen – Religiöse Toleranz statt Extremismus. Esslingen 2018. Online: https://violence-prevention-network.de/wp-content/uploads/2019/02/Abschlussbericht-Evaluation-Beratungsstelle-Hessen.pdf [12.11.2020].
Moscovici, Serge: »Notes towards a description of social representation”, in: European Journal of Social Psychology 3, 1988, 211–250.
Shell Deutschland Holding (Hrsg.): Jugend 2019. Eine Generation meldet sich zu Wort. Beltz, Weinheim und Basel 2019.
Watzlawick, Paul: Man kann nicht nicht kommunizieren. Das Lesebuch. Zusammengestellt von Trude Trunk. 2., unveränd. Aufl. Hogrefe, Göttingen 2016.
Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft – Grundriss der verstehenden Soziologie. Herausgegeben von Johannes Winkelmann. 5. Aufl. (Erstaufl. 1922). Mohr, Tübingen 1985.

Foto: Carmen Maurer
#bunt, laut und kreativ
»›Kapitalismus ist scheiße‹ ist ein bisschen stumpf«
Carl (22), Ruben (22)
Student für Erneuerbare Energien und Student der VWL, Mitglieder der Punkband Xylospongium
Könnt ihr ein bisschen was über eure Band erzählen?
Carl: Im Prinzip kennen wir uns, also der Großteil von uns, aus der Schulzeit. Zwei von uns waren in einer Klasse, der Bassist und ich. Ruben war eine Stufe über uns. Wir haben uns auf ’ner geilen Klassenfahrt nach Paris kennengelernt. Wir haben noch ’nen Sänger gesucht, und dann hab ich an den Ruben denken müssen, weil wir öfter mal zusammen in ’ner Kneipe waren. Ich hab ihn dann einfach gefragt, ob er Bock hat, mit uns mal zu singen. Ruben hatte vorher keinerlei musikalische Ambitionen. [lacht] Aber die haben wir ihm dann eingeimpft. Dann haben wir angefangen zu spielen, relativ früh auch mit eigenem Material, und uns von Anfang an nicht auf Coversongs beschränkt. Klar, für ’nen Kneipengig brauchts natürlich ein paar Gassenhauer, aber wir haben eigentlich gleich von Anfang an eigenes Zeug gemacht. So hat sich das bis heut stetig entwickelt, und wir haben in der letzten Zeit total viele coole Konzerte spielen dürfen. Ende 2017 haben wir Paul, meinen Bruder, mit ins Boot geholt, weil unser erster Schlagzeuger es zeitlich nicht mehr geschafft hat. Wir haben uns gut entwickelt als Band. Wir haben schon diverse Sachen abgeklappert, wofür andere Bands deutlich länger brauchen. Wir haben coole Festivals, Slots und so gewonnen. Anfang 2019 haben wir unser erstes Album aufgenommen. Es hätte keiner gedacht, dass wir in vier Tagen elf Songs aufnehmen können, aber es hat geklappt. Wir haben dann zwar für das Produzieren von dem Album ungefähr ein ganzes Jahr gebraucht, aber im November sind wir damit fertig geworden, haben ein kleines Indie-Label aus Hamburg, Sportklub Rotter Damm heißen die, gefunden und vor ein paar Tagen ’ne Single rausgehauen. Anfang Mai kommt dann das Album raus. Das war eine schwere Geburt, aber ich bin zufrieden. Es ist nix, wofür man sich schämen muss. Ich find, es klingt gut.
Euer Bandname ist ziemlich außergewöhnlich – Xylospongium. Was steckt hinter diesem Namen?
Carl: [lacht] Das war meine Idee. Hab mir gedacht: Na, für ’ne Punkband wäre doch eigentlich Klobürste ganz witzig. Das war mir aber ’n bisschen zu einfältig, irgendwie subordinär, mit Pippi-Kacka-Witzen und so, das ist dann doch nicht unser Niveau. Deshalb hab ich schlicht gegoogelt, obs ’n geileres Wort für ’ne Klobürste gibt. Ich bin dann auf den römischen Vorläufer der Klobürste, das Xylospongium, gestoßen. Mit dem haben die Römer allerdings nicht die Schüssel, sondern sich den Hintern geputzt. Also eigentlich ist es eher der geschichtliche Vorläufer des Toilettenpapiers, aber es sieht aus wie ’ne Klobürste: Es ist ein Stock mit einem Schwamm dran. Und dann haben wir einfach gedacht: Okay, fuck it, wir nehmen jetzt einfach das als Bandnamen! Dass ich bei der Geburt der Idee auf dem Klo saß, erklärt sich wahrscheinlich von selbst. [lacht] Dieses Latein-Ding, keine Ahnung, das hat …
Ruben: … schon voll den intellektuellen Anstrich.
Carl: Als Gymnasiastenband braucht man schon was Intellektuelles. Und der Bandname ist super googelbar. Wenn du den eingibst, landest du nur bei uns und auf dem Wikipedia-Ticket vom Xylospongium.
Ein gutgelaunter Fan hat eure Musik mal als »Sophisticated Punk« bezeichnet. Wie seht ihr das?
Ruben: Das stimmt. Wir haben 2016 ein Konzert im Merlin in Stuttgart gespielt. Danach kam ein Typ zu mir, der war schon Ü40, wenns reicht. Der hatte schon gut einen drin und hat uns voll gefeiert: »Mensch, gibts noch junge Leute, die so ’ne Mucke machen?« usw. Also der war schon sehr, sehr gut gelaunt. Und da unterhält man sich auch gerne mit solchen netten Menschen, ein bisschen Fanmanagement machen und so. Und dann meinte der halt: »Was ihr macht, das ist sophisticated Punk.« Das hat der einfach so gesagt. Und ich muss ganz ehrlich sagen, ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, was das Wort »sophisticated« bedeutet. Aber wir haben das quasi postwendend als unsere Genrebezeichnung übernommen, weil wir das cool fanden. Ich hab dann mal nachgeschaut, was das bedeutet. Ich mein, der Typ hatte vollkommen recht. [lachen] »Raffiniert«, »mit doppeltem Boden«, »nachgedacht« und einfach: »Da steckt mehr dahinter, als man im ersten Moment glauben könnte«, und so ist es halt. Carl hat sich früher immer gewehrt zu sagen: Wir machen Punk. Weil gerade, was die Gitarrenkünste angeht, besteht echter Punk aus zwei Akkorden, wenn es hochkommt. Und das machen wir ja nicht. Wir machen handwerklich schon gute Musik. Und es ist nicht nur irgendwie »Bullenschweine« und »auf die Fresse« und so. Obwohl man dem Ganzen schon auch seinen Charme abgewinnen kann.
Weil du gerade so typische Wortfetzen aus Punk-Texten zitierst: Wie wichtig ist euch der Inhalt eurer Texte?
Ruben: Schon wichtig. Carl und ich schreiben ja die Texte. Die haben schon ’nen hohen Stellenwert für uns. Es ist nicht so, dass wir die Texte als Musikfüller schreiben. Bei mir ist es so: Ich hab irgendwas, was mich beschäftigt. Das kann alles Mögliche sein: irgendwas aus meinem Privatleben, aber auch irgendwas Gesellschaftliches, Zeitgeschichtliches, was mich bewegt. Meistens gehts damit los, dass ich irgend ’ne Punchline hab oder irgendeine Zeile, die in meinem Kopf vorkommt, und dann schreib ich darum ’nen Text. Damit will ich was aussagen, und ich will auch, dass möglichst viele Leute hören, was ich da schreibe, ich möchte meine Meinung, die ich dort vertrete, verbreiten.
Carl: … und er wills als Medium benutzen, um seine Botschaften nach außen zu tragen, zu präsentieren. Was für mich auf jeden Fall ’ne elegante Möglichkeit ist, weil ich kann mir nicht unbedingt vorstellen, auf einem politischen Parteitag eine Brandrede zu halten. Für mich ist tatsächlich die Musik ein gutes Mittel, auch auf humorvolle Art und Weise politische, soziale Themen zu behandeln. Wir definieren uns nicht als politische Band. Wir haben auch nicht ausschließlich politische Songs, aber wir verarbeiten die Themen, die uns wichtig sind. Und das sind dann zwangsläufig auch politische Themen, in einem Großteil der Songs auf jeden Fall.
Wie wichtig ist euch, dass nicht nur ’ne Message rüberkommt, sondern dass sie auch »kultiviert« rüberkommt? Man könnte, gerade bei Punk, ja auch sagen: Hauptsache Message und Hauptsache laut, oder?
Ruben: Ich find es gar nicht blöd, wenn Leute ihre Message auf einen Punkt bringen und sagen: »Wir müssen hier jetzt nicht viel nachdenken. Kapitalismus ist scheiße.« Ich find so was nicht schlecht, aber es ist ein bisschen stumpf. Man kann es eleganter machen.
Carl: Haben wir aber auch, solche Songs. [lacht] So Plakatzeugs.
Ruben: Ja, aber ich versuch immer, ’ne Geschichte zu erzählen und ’ne Handlung reinzubringen. Wir wollen mehr aussagen, als man vielleicht auf den ersten Blick meinen könnte.
Carl: Wir haben ’nen Song, der heißt: »Versauft doch euer scheiß Geld!« Wenn du den Titel liest, denkst du, das wäre ein Kandidat für ein Zwei-Akkorde-Punkrock-Ding. Aber das ist gar nicht so. Die Kapitalismuskritik, die da angesprochen wird, ist ganz versteckt – außer in dem Titel.
Ein anderer Titel heißt »Gierig währt am längsten«. Um was geht es da?
Carl: Im Prinzip ist es ein kapitalismuskritisches Lied. Gerade hier in Stuttgart gibt es relativ viele größere Firmen, die sehr, sehr viel Geld erwirtschaften. Wobei eben das soziale Gefälle in Deutschland da ist. Das sieht man ja jetzt total, durch Corona kommts plötzlich raus. Jetzt merken alle: Oh, der Krankenpfleger, die Lehrerin, die Kassiererin an der Supermarktkasse, die sind ja völlig unterbezahlt. Im Gegensatz zu den Leuten beim Daimler, die sich darüber aufregen, dass sie dieses Jahr nur ’ne Prämie von 5.000 Euro bekommen. Und im Prinzip gehts um diese Gier, die für mich total präsent ist in der deutschen Industrie.
Für mich ist tatsächlich die Musik ein gutes Mittel, auch auf humorvolle Art und Weise politische, soziale Themen zu behandeln.
Durch Corona merken alle: Oh, der Krankenpfleger, die Lehrerin, die Kassiererin an der Supermarktkasse, die sind ja völlig unterbezahlt.
Versauft doch euer Scheißgeld
Früher oder später stellen wir uns dieselbe Frage, wohin mit all dem Geld?
VW-Aktien sind bestimmt grade billig oder warte ich, bis der Goldpreis fällt?
Es gibt so viele Möglichkeiten, so viele Optionen, wer sagt mir, welche meiner Hedgefonds sich jetzt wirklich lohnen?
Ich sehne mich nach Sicherheit und Wertstabilität, doch plötzlich dein geiler Tipp, ein Mann von Welt, der was versteht!
Ich steck’s nicht in ’nen Socken, ich bring’ es nicht zur Bank, es gibt nachhaltigere Werte, dem Himmel sei Dank!
Ich tätige ausgiebige Investitionen.
Es gibt wenige Dinge, die sich wirklich noch lohnen.
Dann versauft doch euer Scheißgeld!
Alles klar, wo geht’s zur nächsten Bar?
Nach der Rettung jeder Bank sind wir bekanntlich im gelobten Land.
Nur Milch und Honig sind was für Memmen, da könnt ihr euch noch so viel unter eure Nägel klemmen.
Das Kapital schön abgefüllt in Flaschen mit Verschluss, dem Finanzberater hinterm Schalter einen Abschiedskuss!
Ich sehne mich nach Sicherheit und Wertstabilität, doch plötzlich dein geiler Tipp, ein Mann von Welt, der was versteht!
Ich steck’s nicht in ’nen Socken, ich bring’ es nicht zur Bank, es gibt nachhaltigere Werte, dem Himmel sei Dank!
Ich tätige ausgiebige Investitionen.
Es gibt wenige Dinge, die sich wirklich noch lohnen.
Dann versauft doch euer Scheißgeld!
Alles klar, wo geht’s zur nächsten Bar?
© Xylospongium, 2017 ∙ Musik & Text von Carl Oestreich
Gierig währt am längsten
Früher wurde uns immer gesagt, man wird für Gutes belohnt.
Doch unsere Welt hat das offensichtlich nicht verstanden und wir sind das gewohnt.
Überall in den hohen Etagen die gleichen Phrasen.
Alle klammern sie an ihren Sesseln fest, denn:
Gierig währt am längsten, wir haben nichts zu verschenken.
Immer mit der Ruhe. Was soll dieses ganze hysterische Getue?
Macht euch keine Sorgen. Wir sichern die Welt von morgen.
Und so banal das klingt, das weiß heute jedes Kind.
Ihr denkt wohl immer noch, es ist keine Frage der Zeit.
Sondern nur die nach dem guten Willen und Schonungslosigkeit.
So viele offene Fragen, doch wer wird schon was sagen?
Wenn man bedenkt, wer diesen Karren lenkt.
Gierig währt am längsten, wir haben nichts zu verschenken.
Immer mit der Ruhe. Was soll dieses ganze hysterische Getue?
Macht euch keine Sorgen. Wir sichern die Welt von morgen.
Und so banal das klingt, das weiß heute jedes Kind.
Ihr habt uns um unsere Zukunft geprellt.
Die Suppe, die wir auslöffeln dürfen, die haben wir nicht bestellt.
© Xylospongium, 2017 ∙ Musik & Text von Carl Oestreich
Der Konzertticketschwarzmarkt fährt in die Hölle
Ich sitze hier wie so viele um Punkt zehn.
Doch diese Seite gibt mir was zu verstehn.
»Es tut uns leid, da können wir gar nichts machen.«
Sagt mir die nette Frau, ich muss weinen und lachen.
»Unsere Kunden sehen das eben als Wertanlage, so ist das nun mal heutzutage!«
Ich kann das nicht glauben und will das nicht verstehn.
Ich wollte doch nur die Ärzte sehen!
»Aber keine Sorge, normalerweise ist das kein Problem.
Schauen Sie doch einfach bei unserer Ticketbörse rein.«
Alles klar, denk ich mir, vielleicht hast du ja Glück und seh’ vor meinem inneren Auge schon, wie ich die 100-Euro-Scheine zück’.
Es ist ja jetzt nicht so, als wär’ das alles super günstig.
Da muss ich wohl noch mal zum Daimler in die Nachtschicht gehen.
Der Konzertticketschwarzmarkt fährt in die Hölle. Fahr zur Hölle.
Das nächste Mal bin ich einfach schnell, doch der Konzertticketschwarzmarkt goes to hell.
© Xylospongium, 2018 ∙ Musik & Text von Carl Oestreich
Finden die anderen Bandmitglieder die Texte immer sofort gut oder seid ihr euch manchmal auch uneinig?
Carl: Wir sind keine Demokratie! [lachen] Nein, keine Ahnung. Weiß ich nicht. Findet der Rest der Band die Texte gut?
Ruben: Doch ja! Natürlich! Ich glaub. Ich weiß nicht …
Carl: Es ist bei uns tatsächlich nicht so, dass wir am laufenden Band neues Material produzieren. Ich schreib schon mehr Texte, als nachher in Songs verwurstet werden. Aber ich geh nicht mit jedem Text zu Ruben und frag, ob er den cool findet. Sondern wenn ich einen hab, den ich richtig geil find, dann bring ich den zur Probe mit. Natürlich ändert man dann noch Zeilen. Aber im Großen und Ganzen ticken wir ja schon ähnlich. ’ne Band ist ja ein sehr komplexes Gefüge. Es würde nicht funktionieren, wenn wir nicht alle auf einer Wellenlänge wären. Das harmoniert gut, denn wir haben alle ähnliche politische Ansichten. Und wir wissen auch, was mit dem Subtext gemeint ist, oder auch wenn man mal so ’nen zynischen Kommentar abgibt oder so, fühlt sich niemand persönlich angegriffen. Der Rest der Band weiß das dann schon immer einzuordnen.
Ruben: Wenn wir irgendwas mal nicht so gut fanden, was jemand geschrieben hat, dann war das nie inhaltlicher Natur, sondern höchstens irgendwie stilistisch, dass man z. B. gesagt hat: »Willst du das Wort da wirklich benutzen?« Solche Sachen. Aber es war jetzt nie so, dass mal jemand gesagt hat: »Worüber schreibst denn du da? Das interessiert mich nicht«, oder: »Das interessiert niemanden. Was für komische Themen sind das?« Dass man sich über Stil mal auseinandersetzt, das ist ja völlig legitim. Das ist ja der Songwriting-Prozess. Aber dass jemand mal gesagt hätte: »Deine Meinung, die du da verkörperst in dem Text, die find ich scheiße …
Carl: … da kann ich nicht für auf die Bühne gehen. Das geht gar nicht, so was.
Ruben: … das gabs nicht. Da sind wir schon ziemlich d’accord, meinungstechnisch.
Das heißt, auch in eurer Nicht-Demokratie haben die anderen noch ein kleines Stimmrecht? [lacht]
Ruben: Fairerweise muss man dazu sagen, dass man schon richtig aktiv nach der Meinung anderer Mitglieder fragen muss, um eine Meinung zu bekommen.
Carl: Kann man schon sagen. Diverse Leute brauchen manchmal ’nen Arschtritt. Unser Bassist tickt ähnlich wie wir, aber der hat die grandiose Eigenschaft, dass er selten eine Meinung hat. Oder der ist extrem reflektiert. Der wägt immer ab. Weil er immer die Ambivalenz in sämtlichen Themen sieht. Der enthält sich quasi immer.
Ruben: Für ’ne funktionierende Demokratie braucht es ja auch die Partizipation des Volkes. Und wenn die nicht da ist, dann ist es ja keine Demokratie mehr. [lachen] Es ist bei uns quasi ’ne Demokratie auf Nachfragen.
Carl: Wenn der nix sagt und sich enthält, ist es eigentlich ganz gut, weil dann sinds zwei Stimmen gegen eine und sonst sind es zwei gegen zwei, das ist dann auch schwierig.
Gibt es eine Hauptmessage, ein Oberthema, das ihr über eure Songs stellen könnt?
Ruben: Ich glaube, es ist wirklich schwierig, ’ne Headline oder so zu finden. Ich würde sagen, es ist eine Mischung aus Politik aus dem linken Spektrum, was auch immer das jetzt bedeuten mag, das ist ja breit gefächert, das ist Konsum- und Kapitalismuskritik, und das ist aber auch Lifestyle, wenn man so will. Rock’n’Roll Lifestyle.
Hattet ihr schon mal Diskussionen in der Öffentlichkeit wegen euren Texten?
Ruben: Nicht direkt, aber ich würde fast behaupten, dass wir schon mal in Läden gespielt haben, wo wir schon deutlich Gefahr gelaufen sind, mit den Texten nicht alle im Publikum zu begeistern. Aber ich glaub, in den Läden haben wir einfach auch mit so einer beschissenen Anlage gespielt, dass man es nicht verstanden hat.
Carl: Sowieso. Textverständlichkeit ist eh immer schwierig. Dadurch, dass es immer in ’nem gewissen Kostüm verpackt ist, sei es ’ne Alltagsgeschichte, sei es Humor, macht es natürlich nicht sofort erkennbar, worum es sich dreht. Was ja auch teilweise das Problem ist mit Bands, die rechtes Gedankengut transportieren. Es ist ja so, dass die es noch viel mehr perfektioniert haben, das wolkig zu umschreiben, und man ja wirklich teilweise ganz genau hinhören muss, um bei manchen Bands die politischen Positionen rauszuhören. Ist kein Zufall, dass der Song »Eure Mütter haben versagt« an die Nazis geht, die irgendwelche Terrorzellen in der AfD gründen oder sich zum Beispiel für so was im Rems-Murr-Kreis treffen. Das Thema Nazis ist ja gerade bei uns im Rems-Murr-Kreis kein wirklich kleines Thema. Da positionieren wir uns auf der Bühne schon ganz klar, aber die meisten Leute, die dann da sind, sehen das genauso. Deswegen sind wir jetzt nach Konzerten noch nicht in irgendwelche politischen Diskussionen … also natürlich schon in politischen Diskussionen, aber nicht in dem Sinne, dass unsere Texte hinterfragt wurden oder mega Kritik kam.
Ruben: Wir positionieren uns ja auch in unseren Texten nicht so extrem, dass wir damit Leute total vor den Kopf stoßen würden, die sich, sag ich mal, politisch in der Mitte wiederfinden. Ich glaube, die Leute, die wirklich von unseren Texten angepisst wären, das wären dann schon auch die Richtigen. Das wären schon die Nazis. Und ich glaub, wir haben noch nie vor Nazis gespielt. Ich brauch das auch nicht. Und ich glaub, wenn uns mal Leute wegen unseren Texten angreifen würden, dann würden die das nicht mehr mit Worten machen. Aber das ist noch nicht passiert.
Carl: Und wenn sie es mit Worten machen würden, dann fänden wir das geil. Bzw. würden wir es als Kompliment verstehen, dass die Message richtig angekommen ist.
Ruben: Richtig. Getroffene Hunde bellen einfach. Und ich glaube, wir sind sicherlich kontrovers, aber nicht so kontrovers, dass Leute auf uns zukommen und sagen: »Ich wähl CDU, und ich find das mega scheiße, was ihr macht.« Und wenn sie es machen wollen, dann ist es legitim …
Carl: …. Dann trifft die Message ja auch wieder die Richtigen …
Ruben: … Das ist ja dann auch angekommen …
Carl: … sollen die uns doch scheiße finden.
Ist Musik zu machen für euch eine Form von Politik machen?
Ruben: Ja.
Carl: Ja. Wir können Botschaften, die uns am Herzen liegen, elegant präsentieren. Und ohne, dass einer direkt nachfragt. Weil, ich bin nicht der absolut stärkste Diskussionspartner. Ich war nie im Debating oder so. Weil mir die besten Argumente immer meistens nach der Diskussion einfallen, ist es ganz anstrengend, bei nervigen Freunden dagegenzuhalten, wobei das ja auch total gut ist, weil das ja Demokratie im Prinzip belebt. Was Demokratie ausmacht, sind die Diskussionen, aber ich finds schon geil, dass ich einfach mal meine Message rüberbringen kann, ohne dass jemand direkt im nächsten Satz mir ins Wort fährt und ich mich im nächsten Satz direkt dafür rechtfertigen muss.
Würdet ihr sagen, die Message mit dem Medium Musik rüberzubringen, bringt mehr oder weniger als Partei- oder Gremienarbeit, Demos, Unterschriften sammeln oder Ähnliches?
Carl: Ich glaub, dass beides total wichtig ist. Ich denk schon, dass viele Leute ihre politische Identifikation auch über Musik suchen, auch mit deren Texten. Wir sind ja jetzt nicht die einzige Band, die Texte mit Botschaften macht.
Ruben: Man muss sich ja nicht entscheiden für nur Politik über Musik oder nur Politik über Unterschriften. Ich geh auch gerne demonstrieren, ich informier mich auch so über Politik, ich geh wählen, ich versuch auch verschiedenste Kanäle zu nutzen, um meine politische Meinung populärer zu machen. Und dann ist es doch auch nur logisch, wenn ich sag: Okay, dann nutz ich die Band auch als Plattform, um ’ne politische Meinung breitzumachen. Und jeder wird sich am Ende auch das Medium aussuchen, das einen am ehesten anspricht. Wenn jemand sagt: Ich find eure Mucke scheiße, ich find eure politische Einstellung aber gut, dann zwing ich den nicht dazu, unsere Musik zu hören, sondern dann sag ich: Dann geh doch raus und demonstrier oder dann geh doch wählen und äußere so deine politische Meinung oder diskutier mit deinem Onkel, der die AfD wählt, das bringt dann vielleicht mehr.
Macht ihr denn auch noch was anderes Politisches neben der Musik?
Carl: Ich studier Erneuerbare Energien, und das hab ich schon als Studienfach ausgewählt aufgrund ’ner politischen Einstellung oder dem Anliegen, dem Thema Klimawandel was entgegenzusetzen oder mich daran aktiv zu beteiligen. Ich könnte mir auch vorstellen, auf dem Feld politisch aktiv zu sein. Ich bin im Moment in keiner Partei Mitglied, schließ es aber nicht aus für die Zukunft; ich geh wählen und ich geh auch auf Demos, wenn es sich anbietet.
Ruben: In ’ne Partei eintreten? Überlegt hab ich das sicher mal, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht so genau, woran es letzten Endes immer gescheitert ist. Ich bin schon politisch, aber ich bin halt so politisch für mich und für Leute, mit denen ich zusammen diskutier, und ja klar, dass man dann ab und zu auf ’ne Demo geht und wählen geht, aber ich hab da momentan nicht so die Ambitionen. Aber wer weiß, vielleicht Berufspolitiker, warum nicht?
Ich denk schon, dass viele Leute ihre politische Identifikation auch über Musik suchen.
Carl: Das ist natürlich auch immer ’ne Zeitfrage, weil wenn ich Mitglied in ’ner Partei wäre, wäre mein Anspruch, dann auch aktiv zu sein.
Was würdet ihr anderen sagen, warum es sich lohnt, sich überhaupt politisch zu interessieren und/oder zu engagieren, egal wie?
Ruben: Wenn man nichts macht, dann ändert sich ja auch nichts. Wenn du unzufrieden bist, dann sag das und dann mach auch was dagegen und erwarte nicht, dass sich alles von allein regeln wird oder dass es Leute für dich machen! Wer sich nicht politisch engagiert, darf sich auch nicht beschweren darüber, dass irgendwas nicht so läuft, wie er es wünscht. Seien wir doch froh, dass wir in einer Demokratie leben, wo wir das dürfen und wo uns Möglichkeiten eingeräumt werden, unsere Meinung frei zu äußern, und wir dafür nicht direkt Repressionen fürchten müssen wie in anderen Staaten. Ich sag jetzt nicht, dass hier alles perfekt ist, aber es könnte schlimmer sein, und wem was nicht passt, der darf gerne den Mund aufmachen …
Wenn man nichts macht, dann ändert sich ja auch nichts.
Carl: … natürlich bin ich auch über Musik mit Politik in Berührung gekommen, ganz früh. Weil ich natürlich auch Bands gehört hab wie Die Ärzte, mit denen ich mich total gut identifizieren kann, weils auch immer irgendwie über Humor geht, über Alltagsgeschichten, und die ganz klar politisch positioniert sind. Ärzte hab ich wirklich extrem viel gehört früher.
Wenn die Menschen dann durch eure Musik so richtig wachgerüttelt werden würden, was müsste auf jeden Fall passieren, dass sich was zum Positiven verändern könnte, hier in Deutschland und in der Welt überhaupt?
Carl: Wir malen uns die Welt, wie sie uns gefällt. Meine Eltern z. B. sind in Berufen tätig, die chronisch unterbezahlt sind: Erzieherin und Koch. Das sind Jobs, die super stressig sind, die aber total wichtig sind, weil, mit wem die Kinder in Kontakt sind, das ist mega wichtig, und jeder will auch mal gut essen gehen. Im Verhältnis zu anderen Berufsgruppen ist das Lohngefälle bei diesen Jobs einfach zu groß. Man kann ja ganz naiv fragen, warum in solchen Berufen, die ja wirklich total wichtig sind für die Gesellschaft, dermaßen wenig verdient wird. Das wäre auf jeden Fall was, was ich hoffe, in meinen Texten irgendwie zu platzieren, und was mir auf jeden Fall ein Anliegen ist.
Ruben: Ich möchte, dass Leute aufhören, andere Leute schlecht zu behandeln, weil es denen schlechter geht als ihnen. Warum habt ihr was gegen Flüchtlinge? Die gehen nicht aus Spaß aus ihrer Heimat weg. Warum habt ihr was gegen Leute, die eh schon an der Armutsgrenze kratzen, und tretet immer noch drauf? Wenn das aufhören würde und Leute verstehen, dass die nicht aus Spaß zu uns kommen, und Leute, die wenig verdienen, es eben nicht verdient haben, noch mal eins oben drauf zu bekommen vom Vorgesetzten oder wem auch immer. Menschen müssen anfangen, sich Gedanken zu machen darüber: Warum gehts den Leuten schlecht? Und vielleicht mal ’nen kleinen Teil dazu leisten, was an der Situation zu ändern.
Carl: Man kann immer was machen. Wenn jemand dumm angemacht wird im Bus oder so, dann kann man immer was sagen, und das bringt natürlich was. Ich bin ganz klar der Meinung, dass es immer was bringt, wenn man irgendwo Ungerechtigkeit sieht, dagegen aufzustehen.
Menschen müssen anfangen, sich Gedanken zu machen darüber: Warum gehts den Leuten schlecht? Und vielleicht mal ’nen kleinen Teil dazu leisten, was an der Situation zu ändern.
Ruben: So siehts aus. Wenn man schon von Anfang an sagt: »Hat alles keinen Zweck«, dann könnte ich das auch an den Nagel hängen.
Carl: Und wenn es der Onkel ist, der AfD wählt und dem du beim Weihnachtsessen einfach mal Kontra gibst.

»Man muss halt manchmal einfach die Leute nerven, damit verstanden wird, warum man wütend ist«
Anna (27)
Werkzeugmechanikerin, ist Herausgeberin eines feministischen Magazins
Wie kam es dazu, dass du einen queerfeministischen Blog betreibst?
Angefangen hat das Ganze 2014. Damals habe ich in Jugendhäusern und auf Konzerten gearbeitet. Ich hab Konzerte veranstaltet, war hinter der Kasse oder an der Bar. Da ist mir einiges aufgefallen im sexistischen Bereich und mir haben oft Frauen von ihren Erfahrungen erzählt. Z. B. wenn Freundinnen von mir auf der Bühne standen, Kommentare kamen wie: »Oje, was macht denn die Kleine da oben? Die sollte lieber nicht auf der Bühne stehen.« Schlimme Dinge, schlimme Kommentare.
Warst du davon auch selbst manchmal betroffen?
Absolut. Nicht, dass ich selbst auf der Bühne war, denn ich fange jetzt erst an, Musik zu machen. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich im Publikum angemacht wurde, wenn ich vorne getanzt habe oder hinter der Kasse oder hinter der Bar stand. Da waren unangebrachte Kommentare echt Standard. Es hat mich wütend gemacht, und irgendwann wollte ich die ganze Wut, die ich in mir hatte, mal rauslassen. Aber ich wusste nie wie, weil ich nie eine Person war, die auf andere zugegangen wäre und denen erklärt hätte, wie sie es richtig machen sollen. Deswegen habe ich mich mit anderen Leuten zusammengesetzt, und die haben mir dann auch Beiträge geschickt, teilweise aus der ganzen Welt.
Irgendwann wollte ich die ganze Wut, die ich in mir hatte, mal rauslassen.
Dann ist das so ein Selbstläufer geworden?
Absolut. Ich habe nie damit gerechnet. Ich dachte, ich lege die Printausgabe mal bei einem Konzert in den Eingangsbereich, und dann nimmt sich da wer eins mit. Dann hat sich die erste Ausgabe gleich mit 200 Stück verkauft. Da dachte ich: Okay, die Nachfrage ist doch ein bisschen größer, als ich dachte. [lacht]
Es gibt also auch eine Printausgabe?
Genau. Am aktivsten bin ich zwar auf Instagram, aber die Printausgabe ist auf jeden Fall mein Hauptaugenmerk.
Viele meiner Freunde sind halt Trans – das Thema ist in meinem Alltag immer da.
Wie kommt es, dass du deinen Blog gerade dem Queerfeminismus widmest?
Das hat sich mit der Zeit so entwickelt. Am Anfang waren das noch eher die typischen feministischen Themen, die alle betreffen. Mit der Zeit hat sich aber herauskristallisiert, dass ich als weiße Person doch nicht über alles reden kann, und dann habe ich mich auf das konzentriert, mit dem ich mich auch auskenne. Da habe ich dann auch persönlich mehr Sicherheit und verbreite keine falschen Sachen. Wenn mir jemand Beiträge schickt, kann ich das jetzt auch selber erkennen, ob da was Schwieriges mitgeteilt wird. Bei anderen Themen fällt mir das schwer, das musste ich dann immer durch andere Personen prüfen lassen, und das war mir dann zu schwierig. Deswegen konzentriere ich mich jetzt auf ein Thema, mit dem ich mich sicher fühle. Außerdem ist Queerfeminismus für mich ein wichtiges Thema, über das ich reden möchte.
Was ist dir am Queerfeminismus besonders wichtig?
Es ist mir ziemlich schnell aufgefallen, dass es sehr krasse Unterschiede im Feminismus gibt. Dass da z. B. die ganze Zeit von weiblichen Geschlechtsorganen die Rede war. Ich habe aber gemerkt, dass viele meiner Freundinnen gar kein weibliches Geschlechtsorgan haben. Ich habe mich dann auch selbst hinterfragt. Das Thema Transidentifikation ist sehr präsent geworden in meinem Leben, weil viele meiner Freunde sind halt Trans – das Thema ist in meinem Alltag immer da, ich kann mich jeden Tag dazu austauschen, kann jeden Tag Freunde fragen und mich selber hinterfragen, wie ich mich da einordne. Deswegen ist das Thema persönlich wichtig für mich.
Du organisierst das alles allein. Was für Arbeit steckt denn hinter so einem Blog?
Ich habe nie studiert, deswegen fiel es mir am Anfang schwer, die richtigen Worte zu finden. Das war für mich anfangs die größte Arbeit. Deswegen hatte ich immer ganz viele Leute an meiner Seite, die mir geholfen haben beim Wording. Aber die Personen waren nie wirklich am Medium Zine, Blog und Informationsübermittlung allgemein interessiert. Deswegen waren das immer Leute, die nur temporär dabei waren. Der Aufbau und der Werdegang von femtrail war immer von verschiedenen Leuten begleitet. Es gab da eine Person aus meinem Umfeld, die hat mir zwei Jahre lang die Zines in ihrer eigenen Druckerei kostenlos gedruckt, aber hatte sonst nichts mit femtrail zu tun. Ich habe von daheim aus gelayoutet, was ich mir selbst beigebracht habe. Aber es gab auch immer Leute, die mir die Homepage eingerichtet haben, die mir den Text umgeschrieben haben und mir gesagt haben: »Hey, das ist das falsche Wording, das du da benutzt hast.« Ich würde also nie sagen, dass femtrail nur ich allein bin, aber ich bin die Herausgeberin. Ich bin die, die sich dann daheim hinsetzt und alles organisiert, um alle Inputs auf einen Nenner zu bringen.

Queerfeminismus
Die Vorstellung, es gäbe nur zwei Geschlechter, die man klar voneinander abgrenzen könne, nennt man Geschlechterdichotomie. Das würde heißen, dass es klare Merkmale der Identität, des Körpers und des sexuellen Begehrens gäbe, die in zwei Geschlechter teilbar wären.
In der Vorstellung einer Geschlechterdichotomie gibt es spezielle Rollenerwartungen an beide Geschlechter. Sie müssen in allen drei Dimensionen, also Identität, Körper und Begehren, den Rollenerwartungen des Geschlechts entsprechen, das ihnen zugewiesen wurde.
Eine Trans-Person kann sich nicht mit dem Geschlecht, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde, identifizieren. Manche Transpersonen nehmen Veränderungen an ihrem Körper vor, um sich besser mit diesem identifizieren zu können und damit dieser von anderen richtig identifiziert wird.
Eine Cis-Person hingegen kann sich mit dem Geschlecht, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde, identifizieren.
Im Queerfeminismus geht man davon aus, dass Geschlecht durch Handlungen hergestellt wird, eine Geschlechterdichotomie also nicht »von Natur aus« existiert. Besonders seit den 90er-Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler*innen wie z. B. Judith Butler damit, wie Geschlecht hergestellt wird.
Wie viel von deiner Zeit nimmt denn die Gestaltung des Blogs und der Zines in Anspruch?
2016, 2017 hatte ich eigentlich kaum Freizeit. Da habe ich mich direkt nach der Arbeit hingesetzt, geschrieben, mit Menschen Kontakt aufgenommen, E-Mails bearbeitet und saß dann bis abends oder nachts am PC. Mein Hobby hatte sich zu Arbeit entwickelt. Aber es gibt natürlich auch Ruhephasen, wo ich dann mal zwei Monate lang meine Ruhe habe. Dann gibts aber auch Phasen wie beim Festival-Sommer, da bin ich dann wirklich fast jedes Wochenende unterwegs in ganz Europa. Ich habe 2017, 2018 angefangen, ganz viele Leute zu treffen und zu filmen, wie sie ihre Kunst machen. Vielleicht werde ich irgendwann mal was Großes daraus schneiden.
Was hat es mit dem Namen femtrail auf sich?
Der Name entspricht meiner Wut von damals. Das war auf das Thema bezogen, mit dem ich mich befasst habe. Da ging es viel um Verschwörungstheorien mit ganz viel Antisemitismus, Chemtrails und so was. Ich habe dann mit einem Freund rumgewitzelt, dass ich meinen Blog femtrail nenne. Das ist dann die Kontrolle der Frauen von oben, die sich da Macht holen. Ich habe einfach versucht, mit dem Wort ein bisschen zu spielen. Das kam auch ganz gut an und bis heute versuchen Menschen den zu klauen. Das hätte ich so nicht gedacht. Aber es ist einfach was Provokantes. Das sehen dann die Rechten und ärgern sich: Oh man, die blöden Frauen schon wieder!
Das ist dann die Kontrolle der Frauen von oben, die sich da Macht holen.
Du fährst oft in Europa herum. Ist dein Blog deswegen auch auf verschiedenen Sprachen?
Genau. Ich habe ab der zweiten oder dritten Ausgabe versucht, alles auf Englisch zu machen. Ich hatte dann auch Personen, die mir alles übersetzt haben, oder habe auch mal selber übersetzt. Ich habe dann ganz schnell einen Onlineshop eingerichtet, wie mir von Leuten angeraten wurde, und dann kamen so viele Bestellungen aus den Niederlanden oder aus Frankreich, wo ich dann ein ganz schlechtes Gewissen hatte, dass die das nicht lesen können. Ganz am Anfang war die Reichweite tatsächlich sehr weit verteilt im Ausland anstatt in Deutschland, obwohl das gar nicht meine Zielgruppe war. Aber ich fand es dann gar nicht so schlecht, dass das überall so gut ankommt. Mittlerweile wird es aber in Deutschland auch bestens verkauft. Ich habe auch schon in die USA verschicken können. Ich bin schon sehr glücklich, dass das so eine Reichweite bekommen hat.
Was ist denn deine Zielgruppe, wer liest deinen Blog oder deine Zines?
Ich habe mich schon darum bemüht, das mal rauszufinden. Online kann man das ja auch ganz gut einsehen. Nach dem, was ich auf Veranstaltungen mitbekommen habe, sind das meistens Menschen von 16 bis 30, die meistens auch in der Musik aktiv sind oder in der alternativen Szene. Es sind fast ausschließlich Frauen und Transpersonen. Wenige Männer! Wenn, dann vereinzelt Transmänner. Ich glaube, das liegt daran, dass viele Beiträge von Personen sind, die nicht viel Relevanz haben im männlichen Umfeld. Ich habe dann versucht, mehr Beiträge von bekannteren Personen reinzubringen oder Personen, die für Männer mehr Relevanz haben. Das hat teilweise auch geklappt, dass dann mehr Männer dazukamen, aber viele tun sich immer noch schwer, das ernst zu nehmen.
Was sind das für Leute, die dir Beiträge schicken?
Es kommt auf die Ausgabe drauf an. Am Anfang waren es noch unterschiedliche Leute aus jeder Ecke. Mittlerweile sind da viel mehr musik- und kunstrelevante Themen drin, z. B. viele Graffiti-, Hip-Hop- und Punk-Sachen, das heißt, es sind dann auch Personen aus dieser Bubble.
Wie entscheidest du, welche Beiträge du veröffentlichst und welche nicht?
Ich habe selten Texte inhaltlich abgelehnt. Im Einzelfall gabs schon Texte, die so oberflächlich geschrieben waren, dass ich sie nicht mit gutem Gewissen teilen konnte. Ich sage dann nicht einfach, dass das nicht geht, sondern versuche, darüber mit den Personen zu reden. Ich erkläre dann auch, wo das Problem war, z. B. gab es Fälle, wo Wording benutzt wurde wie »biologische Frau« oder »Frau*«, die ich in meinem Sprachgebrauch nicht benutzen möchte. Ich lege denen dann ans Herz, das noch mal zu reflektieren.
Gerätst du dann manchmal in Konflikte mit den Leuten?
Seltener mit meiner Community, aber ich habe schon viele, viele, viele Hassnachrichten bekommen. Da kamen viele Meninists, viele Männerrechtsbewegungen und rechte Menschen, die mir geschrieben haben. Die schreiben mir dann klischeehafte Sachen wie: »Deine Zines zerstören die Geschlechterrollen!«, oder dass ich mich aufspielen würde, was ich alles kaputt machen würde. Teilweise kommen auch Drohnachrichten, aber die konnte ich schnell löschen, blockieren und dann auch schnell vergessen.
Ich habe schon viele, viele, viele Hassnachrichten bekommen.
»Deine Zines zerstören die Geschlechterrollen!«
Wie gehst du mit solchen Hassnachrichten um?
Am Anfang war das noch schlimmer für mich als heute, da war ich ja auch noch ein bisschen jünger. Jetzt mache ich das ja schon sechs Jahre. Ich habe mich daran gewöhnt, aber es ist auch besser geworden dadurch, dass meine Community größer geworden ist. Eigentlich ist es traurig, dass man sich so auf seine Bubble verlassen muss, aber es ist auch gut, dass sie mir den Rücken stärken.
Was hat dir geholfen, trotzdem weiterzumachen, besonders am Anfang?
Das war wirklich der Zuspruch. Ich habe sehr viele Erfolge erzielt. 2017 habe ich drei Workshops geleitet, wie man Zines macht. Da habe ich so viel Liebe bekommen und Zuspruch, dass das, was ich mache, gut und wichtig ist. Auch wenn es nur mein kleines Zine ist, mein kleines DIY-Projekt, ist es doch relevant und macht mir Spaß. Das hat mich immer weiter motiviert.
Denkst du, Queerfeminismus ist eher eine Sache, die besonders junge Menschen bewegt?
Ja, absolut. Die meisten Leute, die mitgemacht haben, waren jünger. Das waren Leute, die sich noch nicht sicher waren oder sich gerade noch so wie ich in einer Selbstfindungsphase befinden. Als ich noch in Stuttgart gewohnt habe, habe ich auch ganz viele Leute kennengelernt, die schon 40 plus waren und gesagt haben: »Hey, das ist voll cool, was du da machst!«, aber es waren nie Personen, die selbst mitgemacht, sondern das eher im Hintergrund unterstützt haben. Die, die mitgemacht haben, waren eher jüngere Leute, die einen Anker gesucht haben, um auch in diese Bubble reinzukommen. Femtrail hat auf jeden Fall eine schöne Community erzeugt.
Hast du auch mal in deinem Umfeld Widerspruch bekommen zu dem, was du machst?
Das eigentlich weniger. Meine Mutter ist selber schon immer feministisch aktiv gewesen, aber eher im gesellschaftlichen Bereich. Mit Queerfeminismus kann sie nicht viel anfangen, aber sie ist trotzdem mein größter Fan, auch wenn sie nicht so viel Ahnung hat. Sie hört mir zu, wenn ich erzähle. Sonst hatte ich sehr wenige Probleme, vielleicht vereinzelt im Freundeskreis. Das sind dann aber auch Personen, von denen ich mich schnell getrennt habe. Es gab eher Leute, die das Thema toll fanden und Teil davon sein wollten, aber gar nicht Interesse an einer Freundschaft hatten, sondern nur am Erfolg. Das hätte ich gar nicht gedacht. Die haben dann versucht, bei femtrail mitzumachen, und wenn ich sie mal nicht gelassen habe, haben die dann anderen Leuten hinter meinem Rücken erzählt: »Voll die blöde Kuh, was soll das?!«, wo ich mir dann gedacht habe: Rede doch da einfach mit mir drüber! Es ist halt mein Zine. Wenn man schon fünf Jahre lange dran arbeitet, ist es nicht einfach, Verantwortung abzugeben. In der Hinsicht gab es Probleme, aber nicht mit dem Thema.
Was hast du bisher mit dem Format des Zine erreichen können?
Ich habe in dem Sinne sehr viel erreicht, dass aus meinem Zine fünf andere Zines entstanden sind. Das ist echt schön. Es sind auch unterschiedliche Personen, es ist sogar ein Mann darunter, was mich sehr gefreut hat. Der ist wirklich auch nur Herausgeber und kommt nicht selbst die ganze Zeit zu Wort, sondern fragt in seinem Umfeld viele Frauen und Transpersonen. Ja, es sind wirklich viele schöne, kleine Zines entstanden, die dann auch geschrieben haben: »Dank dir und deinem Workshop habe ich den Mut gefasst, selber was zu machen!« Das ist auf jeden Fall mein größter Erfolg. Vielleicht außerdem noch, dass ich viele Personen getroffen habe, die ich interviewt und von denen ich Fotos gemacht habe. Die fanden es gut, dass ich denen die Chance geben konnte, mal ihre Meinung zu sagen.
Verfolgst du die anderen Zines?
Ja, mit einem anderen arbeite ich eng zusammen, und wir tauschen uns regelmäßig aus, wenn eine neue Ausgabe rauskommt. Ich wurde interviewt für eine Ausgabe von dem Zine, und da war es richtig schön zu sehen, wie meine Community auch zu ihr rübergewachsen ist, weil wir uns so austauschen können, und ein kleines Kollektiv aus unterschiedlichen Zines entstanden ist. Wir stehen immer in Kontakt und können Erfahrungen teilen.
Was macht Musik für dich politisch?
Eine meiner Lieblingsbands, Dregs aus Wien, haben eine behinderte Person in der Band und eine Sängerin, die auch viele Erfahrungen gemacht hat mit sexueller Gewalt. Diese Themen werden auch in den Texten verarbeitet und an das Publikum weitergegeben. Das finde ich unfassbar wichtig und toll, weil es auch so beim Publikum ankommt. Das wird dann nicht belächelt oder nicht ernst genommen, nur weil das jetzt ein Lied ist und kein sachlich ausformulierter Text. Musik ist eine ganz tolle Art, eine politische Message an Personen zu bringen.
Machst du auch selbst Musik?
Ich habe mir selber das Schlagzeugspielen beigebracht. Ende letzten Jahres habe ich angefangen, eine Band zu gründen, aber das hat gerade keine Priorität. Nebenher veranstalte ich noch Konzerte und daher bin ich in ständigem Kontakt mit Bands und Musiker*innen.
Gibts noch andere Formen, wie du deine politischen Werte vertrittst, außer im Blog und in den Zines?
Ja, ich habe angefangen zu filmen. Viele sagen: »Ich traue mich nicht, was zu schreiben und dir zu schicken, weil ich einfach eine fehlende Bildung habe, um die richtigen Worte zu finden.« Als ich solche Leute beobachtet und gemerkt habe, dass sie auf der Bühne oder beim Kunst machen total aufblühen, dass sie, ohne ein Wort zu sagen, trotzdem eine Kraft ausstrahlen, da ist mir die Idee gekommen, sie zu fragen, ob ich sie dabei filmen darf. Ich finde, das ist ein ganz schönes Medium, aber es ist auch schwierig, das alles zusammenzuschneiden und auch die technischen Mittel dafür zu haben. Ich habe eine schöne Sammlung auf meinem PC von Leuten, die ganz tolle Kunst machen. Ich hoffe, dass ich daraus mal was machen kann.

Musik ist eine ganz tolle Art, eine politische Message an Personen zu bringen.
Bei dir war Bildung jetzt schon mehrmals Thema. Welche Verbindungen gibt es für dich zwischen der Bildung und dem Politischsein?
Für mich ist das Thema ganz wichtig, weil der Großteil der Personen, die mir am Anfang von femtrail geholfen haben, auch das Thema studiert hat und da sehr belesen ist. Und ich war schon damals nur die einfache Person, die in ihrer Freizeit gerne was darüber gelesen oder sich mal ausgetauscht hat. Aber ich hab halt nur meine Ausbildung gemacht und nie Abitur oder studiert. Ich habe viele Bücher nicht verstanden und musste nachfragen, wie ich diesen und jenen Text nachvollziehen kann, weil der meiste Input, den ich hatte, akademisch formulierte Texte waren. Ich wollte was über diese Themen lernen, aber ich verstand die Hälfte der Texte nicht. Das war für mich, aber auch für viele andere aus meiner Bubble, die Hürde, um überhaupt was zu schreiben oder zu tun, weil sie das nicht so gelernt haben.
Man liest die Geschichten und muss dann auch mal schlucken und seine eigenen Privilegien überdenken.
Denkst du, die Leute, die jetzt deine Texte lesen oder auf deinen Blog schauen, sind nicht so gebildet?
Ja, genau. Ich achte auch darauf, dass die Texte gut verständlich sind.
Ich kann mir vorstellen, dass das auch mit dir persönlich was macht, wenn du solche Arbeit machst.
Ich habe mich persönlich komplett geändert. Das war ’ne Entwicklung von einer kleinen Person, die kaum was gesagt hat, zu einer Person, die zu jedem Thema was zu sagen hat und sich auch traut. Auch wenn man irgendwie mal aneckt, sei es in der Familie oder mit Freunden. Das ist dadurch erst entstanden, dass ich jeden Tag Beiträge lese oder Nachrichten bekomme von Menschen, die mir einfach ihre Geschichte erzählt haben und mich gefragt haben, ob ich die aufschreiben möchte. Man liest die Geschichten und muss dann auch mal schlucken und seine eigenen Privilegien überdenken.
Da ist schon echt einiges mit mir passiert, z. B. habe ich im Queer-Bereich vieles hinterfragt. Persönlich habe ich eigentlich eine komplette Kehrtwende gemacht, weil ich ein ziemlich binärer Mensch damals war.
Denkst du, du wirst dich später auch noch für deine Interessen einsetzen?
Ich hoffe. Ich bin mir natürlich nicht sicher, weil ich gemerkt habe, dass ich mehr Bildung haben möchte, mehr Tiefe in dem Thema. Da strebe ich gerade viel an im privaten Bereich. Ich hole vielleicht die Schule nach, weil mich das dann doch ziemlich nervt, dass ich immer noch Texte an Freunde schicken muss, dass die mir das erklären. Das ist natürlich auch Zeit, die einem weggenommen wird, die man anders hätte investieren können. Aktuell geht die typische Lohnarbeit bis 16 Uhr. Da hat man dann kaum noch Zeit, was Persönliches zu machen. Wie es dann ist, wenn man die Schule oder sogar ein Studium nachholt, das weiß ich leider nicht. Wer weiß, was die Zukunft bringt? Ich hoffe, dass ich dann weiterhin genauso am Ball bleibe. Vielleicht mache ichs ja sogar noch ein bisschen besser.
Kannst du dir auch vorstellen, mal ganz anders Politik zu machen?
Vor ein paar Jahren durfte ich in Dresden auf einem Festival mal bei einer Podiumsdiskussion mitmachen, da habe ich ein bisschen Blut geleckt. Da saß ich dann mit einer Moderator*in, einer Sängerin und einer Person, die gerade ein Buch über Punk und Queerfeminismus geschrieben hat. Das war toll, die eigene Meinung da an Personen zu bringen, die sich unsicher waren. Da kam auch Feedback von Personen, die gesagt haben, dass sie sich durch mich vertreten gefühlt haben, weil ich auch nicht studiert bin. Es war schön zu wissen, dass ich da trotzdem eine Relevanz habe, auch wenn ich nicht immer die richtigen Worte finde. Die Nachfrage ist zwar nicht so groß, aber ich würde das gerne mehr machen. Manchmal wars möglich, in Verbindung mit einem Workshop einen Minivortrag zu halten. Aber da werden halt oft Leute bevorzugt, die das studiert haben, was ich voll verstehe, weil da die Quelle und die Meinung ein bisschen mehr Boden haben.
Hast du eine Idee, wie man junge Menschen mehr für Politik begeistern kann?
Eine politische Meinung zu äußern muss nicht immer über große Worte, eine große Plattform oder eine große Bühne passieren. Das kann auch im Hintergrund passieren, das kann auch anonym passieren. Du musst nicht immer irgendwo stehen und mit dem perfekten Wording deine Meinung äußern, weil Politik auch über Musik und andere Mittel vermittelt werden kann. Musik und Kunst sind popkulturell sehr wichtig, gerade für jüngere Menschen, um politische Inhalte zu vermitteln.
Würdest du sagen, dass solche Möglichkeiten besonders für Menschen, die nicht vom Gymnasium kommen oder nicht studiert haben, wichtig sind?
Ja, absolut. Als ich jünger war, war ich aktiv in Frauengruppen und habe mich da sehr schnell immer unwohl gefühlt, weil ich ein falsches Wort benutzt habe und es dann immer hieß: »Lies mal das! Bilde dich mal, so geht das nicht!« Ich konnte erst dazugehören, wenn ich das tue. Anstatt dass sie mir die Zeit lassen, das irgendwie anders zu lernen, oder dass sie es mir beibringen. Das hat mich dann auch wütend gemacht. Es gab aber auch andere Personen, die mir geholfen haben. Das ist total wichtig, denn sonst wäre ich nie da, wo ich jetzt bin, wenn die mir das nicht erklärt hätten, wie ich diese Texte verstehen kann, welches Wort was bedeutet und so. Wer möchte schon in einer Frauengruppe sitzen und über Themen reden, und dann heißt es sofort: »Hey, setz dich erst mal daheim hin und lies das, bevor du hier mitreden kannst!« Da geht man dann natürlich nicht mehr hin.
Wann fing denn bei dir das Interesse für Feminismus an?
Das müsste so vor zehn Jahren gewesen sein, als ich meine ersten Konzerte veranstaltet habe, wo dann auch viele Personen, Bands oder auch das Publikum sich mit diesen Themen befasst haben. Wo irgendwelche Vorfälle und Übergriffe passiert sind, die man dann auch als Außenstehende mitbekommt und hinterfragt, wie das passieren konnte. Als ich die Reaktionen von Opfern gesehen habe, habe ich viele gesellschaftliche Strukturen hinterfragt. Das Interesse an Feminismus war vielleicht schon früher da, aber ich habe es nicht so benennen können. Das war das erste Mal, dass ich eins und eins zusammengezählt habe, was ich so an Erfahrungen hatte, und dann, so vor acht Jahren, konnte ich es auch benennen.
Musik und Kunst sind popkulturell sehr wichtig, gerade für jüngere Menschen, um politische Inhalte zu vermitteln.

Was wäre deine Wunschvorstellung für die Zukunft?
Also am schönsten fände ichs, wenn solche Themen gesellschaftlich so verankert sind, dass man davon weiß und auch danach handelt. Also wenn ich merke, dass die Person neben mir was Blödes gesagt hat, dass ich mich dann auch traue, einzugreifen. Das machen jetzt schon ganz viele Personen, aber gesellschaftlich sind es immer noch so wenige, dass das Gefahren birgt. Da wünsche ich mir, dass jeder reflektiert, welche Aussagen und welche Taten welche Auswirkungen auf andere Personen haben. Natürlich ist ein Problem, dass man nie alle Themen auf dem Schirm haben kann, aber eine Grundhaltung sollte da sein, um zu erkennen, wo man handeln muss. Dann kann ich mir schon vorstellen, dass unsere Welt besser werden könnte. Wir hatten auf einem Konzert mal einen Vorfall, wo sich ein Mann nicht gut benommen hat. Da hat dann die Band und der ganze Raum aufgehört, dieses Konzert wahrzunehmen, und dann wurde gesagt: »Hey, entweder du entschuldigst dich jetzt oder du gehst.« Ich finde, es ist ein Fortschritt, zu sagen: »Hey, da sind unsere Grenzen oder da werden die Grenzen von anderen überschritten, das dulden wir nicht.« Wenn das gesellschaftlich ankommen würde, fände ich das sehr schön.
Was, denkst du, muss passieren, damit das ankommt in der Gesellschaft?
Erst mal Verständnis. Natürlich haben Typen nicht immer das große Interesse, femtrail zu lesen, weil es sie nicht interessiert. Aber dann muss einfach das Interesse so aufgebaut werden, indem die Thematik in den Alltag einfließt. Man muss halt manchmal einfach die Leute nerven, damit verstanden wird, warum man wütend ist.
Glaubst du, du kannst was dafür tun, dass sich da was ändert?
Ich glaube schon, dass ich eine recht gute Reichweite habe, um etwas zu ändern. Ich habe auch schon sehr viel Feedback bekommen von Männern, die zumindest angefangen haben, das Thema zu hinterfragen und zu reflektieren. Aber ich spezifiziere mich doch sehr auf Musik- und Queer-Themen, die natürlich nicht jeden ansprechen. Da gibt es für mich schon noch eine Hürde, so eine Relevanz zu haben, aber das ist auch völlig in Ordnung. Ich hoffe, dass ich mehr Leute motivieren kann, die eine Relevanz haben. Ich sehe nicht meine Rolle darin, die Arbeit komplett zu leisten. Aber mir ist es wichtig, Themen weiterzugeben, von denen ich Ahnung habe. Wenn weiße Menschen über Rassismus schreiben, denke ich mir: Du kannst als weiße Person nicht darüber reden, weil du diese Erfahrung nicht gesammelt hast. Bevor du was tust, überlege noch mal, ob du genug eigenes Wissen und Erfahrungen mitgebracht hast. In der Politik reden oft Personen, denen die persönliche Erfahrung fehlt. Die starten dann mit Informationen aus dritter Hand politische Aktionen. Allerdings: Politik ist kein leichtes Thema, weil man da mit Wissen rangehen muss. Erfahrungen und Wissen sind zwei unterschiedliche Dinge. Erfahrungen kann man sammeln, aber wie man am Ende damit umgeht, ist was anderes. Ob du das Geschehene durchdenkst oder nur oberflächlich berichtest. Es wären zwei unterschiedliche Texte, wenn zwei Personen über ein Erlebnis berichten würden und die eine Person einfach nur impulsiv berichten würde und die andere Person würde noch mal durchdenken, wie es dazu kommen konnte, wie sich die Person dabei gefühlt haben könnte. Das sind zwei unterschiedliche Messages, und da ist die impulsive Message oftmals gefährlicher, denke ich. Emotionale Aspekte sind oft schwierig, weil sie keine gute Grundlage sind, um eine politische Message rauszubringen. Da muss man checken, ob man zu emotional ist, um etwas auf einer neutralen Ebene zu betrachten.
In der Politik reden oft Personen, denen die persönliche Erfahrung fehlt.
Wobei ich mir schon vorstellen kann, dass gerade feministische Themen mit Emotionen verbunden sind. Viele Sachen, die da passieren, können ja wütend machen.
Ja, auf jeden Fall. Damit fangen sie ja an, aber sie so weiterzugeben, ist schwierig. Natürlich sind Demos und Aufstände das Wichtigste für mich, weil sie auch in der Vergangenheit gezeigt haben, dass sie Dinge verändert haben, die bis heute wichtig sind. Das sind alles emotionale Geschehnisse, aber man sieht auch in der Gesellschaft, wie emotionale und impulsive Geschehnisse aufgefasst werden und dass sie nicht mehr ernstgenommen werden. Deswegen habe ich schon Texte bis zu 20 Mal umgeschrieben, weil ich gemerkt habe, dass ich zu viel ausgeufert bin in meinen Gefühlen.
Link zum Blog: http://femtrail.blogsport.de/
»Was ist Deutschland für dich?«
Carolin (17)
Schülerin eines Gymnasiums, spielt Theater im Spielclub JES Open 1 in Stuttgart und ist Mitglied bei den Jungen Grünen

Du bist im Spielclub JES Open 1 des Jungen Ensembles Stuttgart. Wie bist du dazu gekommen?
Meine Schule hat verschiedene Austauschprogramme mit Partnerschulen. Das ist sehr breit ausgefächert: in Südafrika, Australien, Hongkong … Ich wollte mir diese Möglichkeit nicht entgehen lassen, in so einem geschützten Rahmen ins Ausland zu gehen und dort die Schule zu besuchen über die Sommerferien. Deswegen war ich sechseinhalb Wochen in Sydney in den letzten Sommerferien, und eins der Schulfächer dort war »Drama«.
Ach, das gibt es als Schulfach dort?
Ja. Dort habe ich zum ersten Mal Theater gespielt, und die Drama-Lehrerin dort hat mich dann gefragt: »Möchtest du es nicht vielleicht weiterführen?« Da habe ich mich erkundigt. Meine Schwester ist in einem anderen Club im JES, und dann hab ich die mal durchgeschaut und kam darauf. Und dann wurde ich ausgewählt, den Weg weiterzugehen.
Wieso hast du dir gerade diesen Spielclub rausgesucht?
Es war fast der einzige, der infrage kam. Die meisten waren eher für Jüngere. Mit 17 fällt man dann halt raus. Somit war das eigentlich der einzige Club, wo ich mich hätte bewerben können, um zu spielen.
Das Junge Ensemble Stuttgart (JES)
Das Junge Ensemble Stuttgart ist das Stuttgarter Kinder- und Jugendtheater. Seit 2004 werden jedes Jahr mit einem professionellen Ensemble unterschiedliche Theaterproduktionen erarbeitet. Die Bandbreite ist groß: klassisches Erzähltheater, Tanztheater, Theater für Kinder, performative Formen und partizipative Projekte, bei denen Profis und Jugendliche gemeinsam in einem Probenprozess Stücke entwickeln und zusammen aufführen.
In der Abteilung Theaterpädagogik ist das JES breit aufgestellt: Neben Poetry Slam, der Zusammenarbeit mit Schulen und Kitas, einem alljährlichen Festival und dem kooperativen Open Space EINMISCHEN für junge Menschen gibt es theaterpädagogisch begleitete Spielclubs für jedes Alter.

Das Theaterstück, das ihr gerade probt, trägt den Titel Deutschland – meine Hood. Erzähl doch mal, um was es in dem Stück geht.
Also einerseits um Deutschland natürlich, andererseits auch um Nachbarschaft. Da haben sich vor allem die anderen zwei Clubs mit auseinandergesetzt. Und ja, wie wir Deutschland wahrnehmen und damit umgehen. Also vor allem sprechen wir gleich am Anfang den Nationalstolz an. Wir haben es aber relativ frei gestaltet, also dass man danach noch sehr viel überlegen kann, wie man selbst dazu steht. Auch ganz zentral war: »Ich habe mein Deutschland verloren«, weil wir heute vor allem das Gefühl haben, dass es uns so geht. Wir haben meistens gespielt und dann geschaut, welche Szenen bieten sich an, in einer weiteren Form umgesetzt zu werden. So ist das entstanden.
Am Ende sag ich ihm dann, dass man ja stolz darauf sein kann, dass man heutzutage nicht mehr stolz sein muss.
Habt ihr euch das Thema selbst rausgesucht oder hat das jemand vorgegeben?
Deutschland und Nachbarschaft stand schon fest, aber das Stück haben wir selbst mitgebildet.
Gibt es das Thema auch in deinem Alltag?
Ich würde nicht sagen zentral. Also ich habe mich eine Zeitlang mal sehr intensiv damit beschäftigt, wie es viele machen. Mit der NS-Zeit und meiner Familie und wie sich da alles verflochten hat. Da habe ich ein Stück weit Sachen infrage gestellt. Ich glaube, jeder tut das mal irgendwann in seinem Leben: sich die Frage stellen, welche Rolle Deutschland in der Welt spielt oder wie wir damit umgehen können. Im Theaterstück habe ich einen Dialog mit einem, der ist fast 80, deswegen ist es interessant. Er quatscht mich im Prinzip an mit: »Was ist Deutschland für dich?« Und ich wehre erst mal die ganze Zeit ab. Am Ende sag ich ihm dann, dass man ja stolz darauf sein kann, dass man heutzutage nicht mehr stolz sein muss, man kann, aber man muss nicht. Ich finde es ganz schön, dass jeder das so für sich sagen kann, und dass wir auch stolz drauf sein können in dem Maß.
Das Theaterstück wird von drei Spielclubs gespielt und bearbeitet. Unter anderem auch dem Club Kultür mit Spieler*innen türkischer Herkunft. Wie findest du die Zusammenarbeit?
Sehr interessant, weil sie auch ihre Sicht reinbringen. Z. B. haben wir eine Szene, da kommt Besuch zu einer türkischen Familie, und dann fangen sie an, alles mögliche Essen auf den Tisch zu stellen. Alle haben eigentlich irgendwann keinen Hunger mehr, aber sie geben immer mehr, und die Besucher haben keinen Durst mehr, trotzdem schütten die von der Familie einfach nach. Die Weiteren fliehen dann davor. Ich finds deswegen auch schön, weil Deutschland ist eben nicht nur eine Nationalität, sondern mehrere. Vor allem die türkische kommt ja auch sehr oft vor in Deutschland. Deswegen find ich es eigentlich sehr schön, auch dieses Gemischte zu haben, was es ja auch heutzutage ausmacht, die Vielfalt.
Du hast mir in den Mails geschrieben, dass du dich nicht unbedingt als politisch engagiert betiteln würdest. Woran machst du das fest?
Ich habe mich bisher nicht wirklich irgendwie politisch engagiert. Also ich war schon mal bei Fridays for Future dabei oder habe mitdemonstriert, aber nicht, dass ich in einem Bundesvorstand von ’ner Jugendparteigruppe oder so wäre. So dieses klassische Politische, da würde es mich jetzt noch nicht hinziehen, obwohl ich gerade dazu tendiere. Ich wollte eher bisher, dass ich meins im Klaren habe, dass ich nicht irgendwas predige, was ich aber gar nicht selbst bei mir finde: Dass ich erst selbst weniger Fleisch esse, weniger Plastik produziere oder mit dem Tierwohl selbst bei mir ’ne Lösung finde, wie ich damit klarkomme oder wie ich handle, bevor ich dann rausgehe und andere konfrontiere und denen was weitergeben kann.
Gerade hast du aber schon erwähnt, du bist so auf dem Weg dahin, dich politisch einzubringen. Das heißt, du hast für dich die Sachen geklärt und bist jetzt bereit für Weiteres?
Ja, ich bin vor ein paar Tagen Mitglied bei den Jungen Grünen geworden.
Das heißt, Gremienarbeit war das, was dir noch gefehlt hat, sodass du jetzt selbst sagen würdest, ich bin politisch engagiert?
Ja, ich wollte nicht zu Leuten gehen und dann so tun als ob. Ich bin vor ein paar Jahren vegetarisch geworden, kaufe vieles secondhand und gehe immer weitere Schritte, damit ich mich umwelttechnisch sehr positiv aufstellen kann. Ich hatte so das Gefühl, wenn ich in eine grüne Partei eintrete, dass ich nicht gerade ’ne Vorarbeit leisten muss, aber schon so was mitbringe.
Deutschland ist eben nicht nur eine Nationalität, sondern mehrere.
Hast du noch eine Idee, wie man Jugendliche stärker an Politik beteiligen kann?
Das Theater ist eine schöne Methode, Jugendliche an Politik ranzuführen. Sonst passiert heute halt sehr viel über die Medien. Man kann am meisten erreichen heutzutage über die Medien. Durch die Medien können Kinder und Jugendliche was mitnehmen. Das kann genutzt werden. Aber sonst würde ich das Theater eigentlich immer nehmen. Das war schon bei Schiller und Goethe so, dass das über das Theater lief.
Das Theater ist eine schöne Methode, Jugendliche an Politik ranzuführen.
Wenn du mal an die Zukunft denkst, was müsste nach deiner Ansicht auf jeden Fall passieren, dass es in der Welt besser und gerechter zugeht?
Die Lösung für den Klimawandel zu finden, wäre vielleicht ganz sinnvoll. Sonst: friedliche Lösungen finden zwischen vielen Ländern. Wahrscheinlich ist das sehr utopisch gedacht, aber man kanns ja wünschen. Auch wenn man den Klimawandel aufhalten könnte, könnte man viel verhindern, dass Menschen fliehen müssen. Dadurch, dass es eben nicht dazu kommt, dass irgendwelche kleinen Inseln im Amazonas oder Atlantik überschwemmt werden. Und mir liegt auch viel am Tierwohl. Also keine Massentierhaltung oder der ganze Sojaanbau, der für das Tierfutter gemacht wird, weswegen der Regenwald abgeholzt wird. Was ja eigentlich gar keinen Sinn macht.
Hoffentlich bin ich auch irgendwann mal vegan.
Das heißt, dass du vegetarisch bist, hat schon seinen politischen Hintergrund?
Ja, hoffentlich bin ich auch irgendwann mal vegan. Aber das mache ich wahrscheinlich erst, wenn ich bei meiner Mutter ausziehe, weil ich sie nicht belasten möchte, wenn sie dann alles Mögliche kochen muss.
»Wenn man stickert, kann man seiner Meinung einfach Ausdruck verleihen, ohne dass man was dazu sagen muss«
Laura (23)
Studentin, verteilt Sticker

Da haben wir »Refugees-Welcome«-Sticker verteilt, um öffentlich zu zeigen, dass es auch Stimmen für die Aufnahme von Geflüchteten gibt.
Laura, ich habe gehört, dass du stickerst. Wie kann ich mir das vorste1llen?
Ich habe eigentlich immer Sticker dabei, sodass ich beispielsweise irgendwelche rechten Sticker überkleben kann, wenn ich welche sehe. Aber ich habe auch schon Sticker-Aktionen mit Freunden gemacht. Beispielsweise sind wir nachts durch die Stadt gelaufen und haben da großflächig Sticker verteilt. Auch in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, hab ich mit Freunden bzw. mit meiner Schwester Sticker verteilt. Vor allem in dem Zeitraum, als bei uns eine Unterkunft für Flüchtlinge eröffnet wurde. Da gab es Gegenwind, und daher haben wir »Refugees-Welcome«-Sticker verteilt, um öffentlich zu zeigen, dass es auch Stimmen für die Aufnahme von Geflüchteten gibt.
Wie bist du auf die Idee gekommen zu stickern? Wie hat das angefangen?
Auf einem Konzert oder Festival, auf dem ich mal war, lagen ganz viele Sticker rum und man konnte die einfach mitnehmen. Ich habe auch davor schon von meiner Lieblingsband mal T-Shirts gekauft und da lagen auch ein paar Sticker dabei, auch schöne Sticker von der Band. Da dachte ich, die behalte ich lieber mal, vielleicht kann ich die auf meinen Schrank kleben oder so. Ich habe angefangen, die zu sammeln, hauptsächlich, um Werbung für die Band zu machen. Da war ich so etwa 17.

Sind das nur Sticker, die irgendwo rumliegen, oder bekommst du deine Sticker noch von woanders her?
Nee, beispielsweise bei Demos kann man welche mitnehmen. Da schmeißt man in ein kleines Kässchen ein bisschen Geld rein, damit das Sticker-Drucken finanziert werden kann. Ansonsten gibt es auch Internetseiten, auf denen man Sticker bestellen kann. Da habe ich auch schon welche bestellt.
Kannst du mir Beispiele nennen, was konkret auf den Stickern draufsteht?
Als die Identitäre Bewegung in Stuttgart vor zwei Jahren relativ groß war, da gab es Demo-Sticker, wo draufstand: »Die Identitäre Bewegung zerschlagen«. Da war dann dieses IB-Zeichen mit so einer Faust versehen, die auf das Zeichen schlägt und es zerbricht. Daneben gibts beispielsweise von der Links-Jugend einen Sticker zum Thema Feminismus, wo eine Vulva drauf abgebildet ist mit dem Spruch »Viva la Vulva«. Das ist mein Lieblings-Sticker.
Was gefällt dir daran so gut?
Zum einen, weil der lila ist, diese Zeichnung der Vulva selbst und dann diese schwungvolle Schrift, in der das geschrieben ist. Der sieht einfach optisch schön aus, und dann dieses Stigma, was oft noch sehr mitschwingt, dieses Schambehaftete. Wenn man den so plakativ irgendwo hinklebt, kann man drauf aufmerksam machen, dass man auch ein bisschen zelebriert, was der weibliche Körper alles kann.
Hast du auch Klamotten oder Tattoos, auf denen politische Aufdrucke sind?
Ich habe ganz viele T-Shirts mit politischen Aufdrucken. Mein erstes politisches T-Shirt war ganz plakativ mit dem Motiv »FCK NZS«. Dann habe ich solche Aufnäher auf meiner Jacke drauf, und auch auf meinem Rucksack habe ich einen. Tattoos habe ich auch. Zum einen ein Band-Tattoo. Es ist ein Zitat von einer Band, aber eher bisschen unterschwellig, wo man drüber nachdenken muss. Es ist von der Band Heisskalt und heißt »Offene Arme – der gewaltigste Protest, den wir haben«. Das ist in der Innenseite meines Oberarms. Auch so ein bisschen bunt. Und dann hab ich noch ein Anarchie-Zeichen auf dem Rippenbogen tätowiert.
»Offene Arme – der gewaltigste Protest, den wir haben«.
Was ich damit ausdrücken möchte: eigentlich den Leuten das so ins Gesicht drücken sozusagen. Das ist ja wie mit den Stickern: Die sind relativ unauffällig, wenn die an irgendeinem Laternenpfosten kleben, aber es sind trotzdem Blickfänger, worüber man dann nachdenkt. Wenn ich durch irgendeine Stadt laufe und da Sticker sehe, dann weiß ich: Okay, es sind auch mehr linke Menschen hier oder eben viele Rechte oder so. Und: Man hat oft das Gefühl, dass man sich nicht so richtig traut, was zu sagen, gerade in ’nem Dorf, wenn da viele ältere Leute wohnen, die immer wieder solche Parolen raushauen. Wenn man dann immer mit solchen T-Shirts rumläuft, dann wird man gar nicht mehr so damit konfrontiert. Die Leute wissen schon, dass sie mit mir da gar nicht drüber diskutieren brauchen. Das macht es ein bisschen einfacher.
Wem möchtest du denn allgemein mit den Stickern was sagen?
So Leuten wie beispielsweise damals bei mir im Dorf, die nicht wollten, dass da eine Asylunterkunft eröffnet wird, denen will ich zeigen: Hey, es gibt auch Leute, die das okay finden. Vielleicht aber auch denen, die rechte Sticker verteilen, dass man denen zeigt, dass es Leute gibt, die das nicht okay finden, und so ein bisschen dagegenhält.
Denen, die rechte Sticker verteilen, dass man denen zeigt, dass es Leute gibt, die das nicht okay finden.
Wo stickerst du genau? Nur draußen?
Hauptsächlich an Laternen, teilweise an Schildern, beispielsweise Fußgängerzone-Schilder. Aber ich versuche es schon so zu machen, dass man trotzdem weiß, was das Schild bedeutet, also klebe ich das an die Ecken der Schilder. Oder auch auf Mülleimer. Da gibt es in Fußgängerzonen auch solche, wo oben noch eine Platte drauf ist, das heißt, bevor man was reinwirft, schaut man oben drauf. Das ist ein ganz guter Platz.
Und auf deinen eigenen Sachen bei Dir zu Hause?
Da auch. Ich hab einen Rollcontainer, der ist vollgestickert. Früher auch mein Ordner, den ich mit in die Schule genommen habe, und auf meinem Handy ist hinten ein Sticker.
Und wie ist das so beim Stickern? Was geht dir da durch den Kopf, wenn du das machst?
Hoffentlich beobachtet mich niemand dabei! [lacht] Ich schaue schon, dass ich es hauptsächlich mache, wenn es dunkel ist oder wenn nicht viele Leute unterwegs sind. Es ist nicht so, dass ich tagsüber, wenn viel in der Innenstadt los ist, mega viel sticker. Schon eher, wenn ich unbeobachtet bin.
Das Stickern ist ja nicht so ganz legal …
Also ich weiß schon, dass das nicht legal ist, aber ich finde, es gibt so viele Dinge, bei denen man denkt, das könnte ruhig legal sein. Ich sehe das Problem nicht so ganz, warum das verboten ist. Diese Sticker sind ja meistens bunt, und wenn man die an eine Laterne klebt, dann finde ich nicht, dass das die Stadt dreckig macht.
Und warum machst du es trotzdem, obwohl es illegal ist? Du könntest ja auch was anderes machen.
Vor allem, weil ich mir denke, es gibt viele, vor allem auch rechts denkende Menschen, die auch ihre Sticker verteilen. Klar könnte man sagen, dann mach ich die Sticker nur weg, aber die stickern halt auch nach. Wenn die auch noch andere Sticker sehen, dann sind die angepisst deswegen und denken: Oh nee, jetzt sind hier auch noch links denkende Menschen. Mich regen Sticker auch zum Nachdenken an. Wenn andere Leute die Sticker sehen, werden die auch darüber nachdenken, denk ich.
Wissen die Menschen aus deinem Umfeld, dass du stickerst?
Ja, die meisten in meinem Freundeskreis stickern selbst. Und meine Familie weiß es auch. Die haben damit mittlerweile auch nicht mehr so ’n großes Problem, wobei die das nie krass gestört hat, weil sie wussten, dass ich vorsichtig bin und das nicht offensichtlich mache.
Wie war die Reaktion, als sie mitbekommen haben, dass du das machst?
Dadurch, dass ich mittlerweile in einem Freundeskreis bin, wo das normal ist, weiß ich gar nicht mehr, wie das am Anfang war. Meine Schwester beispielsweise hat das parallel angefangen. Als wir im Freundeskreis darüber gesprochen haben, dann meinten die so: »Wenn du noch Sticker hast, dann kannst du mir ja welche geben, dann können wir zusammen stickern.« Das war eigentlich eher ein offener Umgang damit, von Anfang an.
Hattest du deshalb auch schon mal Diskussionen?
Ja, mit einem Kumpel, der aber eigentlich alles hinterfragt. Der hat mich dann in die Enge getrieben sozusagen. Der meinte: »Das muss ja dann auch wieder jemand wegmachen«, und warum ich das unbedingt machen muss. Er wollte mich damit auch zum Nachdenken anregen, ob das wirklich sein muss. Aber sonst krasse Diskussionen eigentlich nicht.
Und wie war die Situation in der Diskussion mit dem Kumpel für dich?
Stressig, weil ich das Gefühl hatte, dass ich mich rechtfertigen muss, warum ich das mache. Davor musste ich noch nie darüber mit jemandem diskutieren, auch nicht mit meinen Eltern. Ich bin aber auch nicht zu denen hingerannt und hab gesagt: »Hey, ich sticker jetzt, was haltet ihr davon?« Sondern die haben die Sticker bei mir liegen sehen und dann auch welche im Ort. Aber das ist ja eher ein stiller Protest. Deshalb war das für die nicht so das Problem. Ich glaube, für sie wars besser, als wenn ich schon mit 17 auf krasse Demos gegangen wäre.
Was glaubst du, wäre ihr Problem mit den krassen Demos gewesen?
Wahrscheinlich, dass mir was passiert. Dadurch, dass ich aus einem kleinen Dorf komme, das über eine Stunde von Stuttgart weit weg ist. Irgendwann hab ich auch angefangen, auf Demos zu gehen, und bin dann nach Stuttgart reingefahren. Da haben meine Eltern schon gesagt: »Muss das wirklich sein? Pass auf dich auf!« Man kriegt halt in den Medien oft mit, dass Demos eskalieren können, dass es dann Polizeikessel gibt und man in Gewahrsam genommen wird. Und nachdem ich auf meiner ersten großen Demo war – da war ein AfD-Parteitag 2016 –, da gings schon morgens um 7 Uhr los, dass Straßenbarrikaden auf der Autobahn errichtet wurden. Meine Freundin und ich sind erst um 11.30 Uhr hin, da war dann das Größte schon vorbei. Aber als ich erzählt habe, dass wir auch in einem Polizeikessel gelandet sind und dass uns gedroht wurde, dass wir alle in Gewahrsam genommen werden, wenn wir jetzt nicht den Platz verlassen, da haben sie dann schon gesagt: »Oh Gott, nicht dass das passiert!«, und: »Nicht, dass du später Stress bekommst im Beruf!« Da haben sie sich schon Sorgen gemacht, aber so weit kam es zum Glück nie. Klar, Personenkontrollen vor den Demos, aber nicht, dass ich in Gewahrsam genommen wurde. Da hatte ich immer Glück.
Was hat für dich das Stickern mit Politik zu tun?
Das ist eine Art, seine politische Meinung zu äußern, denn auf den Stickern sind ja Aussagen drauf. Wenn man die verteilt, ist das im Prinzip, wie wenn man seine politische Meinung äußert, aber halt ein bisschen anonymer, als wenn ich auf Facebook poste.
Das ist eine Art, seine politische Meinung zu äußern, denn auf den Stickern sind ja Aussagen drauf. Wenn man die verteilt, ist das im Prinzip, wie wenn man seine politische Meinung äußert, aber halt ein bisschen anonymer.
Stellt das für dich eine spezielle Art von Politik dar? Und fällt dir ein Wort ein, wie du diese Form von Politik bezeichnen könntest?
Stiller Protest. Das trifft es ganz gut, weil man ja nichts sagen muss. Man kann nachts durch die Straßen laufen und die Sticker kleben, und am nächsten Morgen kommt vielleicht ein Bericht in der Zeitung. Ich weiß nicht, wie viele Leute, die selbst nicht stickern, auf diese Sticker achten, aber ich finde schon, dass man damit Menschen erreicht.
Es gibt ja auch Partei- oder Gremienarbeit. Wie unterscheidet sich das Stickern davon?
Zum einen bestehen Parteien und Gremien aus mehreren Menschen, das kann man nicht einfach allein machen. Und man macht sich in Parteien und Gremien auch angreifbar, wenn man eine andere Meinung hat als die Mehrheit. Man muss sich dann rechtfertigen für die eigene Meinung. Und wenn man stickert, kann man seiner Meinung Ausdruck verleihen, ohne dass man was dazu sagen muss.
Seit wann interessierst du dich überhaupt für Politik?
Das war Ende 2014, als diese Pegida-Bewegung so stark wurde. Da war meine damalige Lieblingsband auf Tour mit einer anderen Band. Diese andere Band hat dann ein Video veröffentlicht, auf dem sie ein Statement rausgehauen haben, dass sie das total scheiße finden, was Pegida macht, dass es menschenverachtend ist. Meine damalige Lieblingsband hat das geteilt, und dann habe ich mir das angeschaut. Ich habe das zwar schon in den Medien mitbekommen, auch meine Eltern schauen jeden Abend die Nachrichten, aber ich habe da nie so richtig zugehört. Aber nachdem ich dieses Video gesehen habe, habe ich gedacht: Okay, es ist schon nicht so cool, und habe mich dann mehr damit beschäftigt, was da eigentlich so abgeht, und habe dann auch vermehrt angefangen, Deutschpunk zu hören, wo es ja in den Texten oft um solche Strukturen geht, um das dann aufzudecken und zu kritisieren. Anfang 2015 bin ich das erste Mal auf eine Anti-Pegida-Demo gegangen. Da waren die ganze Zeit im Fernsehen die krassen Aufmärsche in Dresden und so zu sehen, da hatte ich das Gefühl, dass ich was machen und meinem Protest Ausdruck verleihen will.
Wie informierst du dich normalerweise über Politik?
Hauptsächlich übers Internet. Ich habe das Antifaschistische Aktionsbündnis (AABS) auf Facebook abonniert. Die halten einen immer auf dem Laufenden, was Demos und Aktionen angeht. Die veranstalten auch einmal im Monat ein Treffen. Da war ich, als ich nach Stuttgart gezogen bin, am Anfang drei, vier Mal. Da bekommt man auch immer viele Infos, und es gibt auch Arbeitsgruppen zu bestimmten Themen. Da war ich zwar nie dabei, aber so kriegt man trotzdem immer mit, was passiert. Z. B. wenn sich die Identitäre Bewegung Samstag morgens auf dem Schlossplatz versammelt oder so.
Setzt du selbst auch politische Beiträge ins Internet?
Ja, schon. Hauptsächlich über Instagram. In meiner Story teile ich viel, aber auch in meinem Beitragsfeed habe ich ein paar politische Sachen drin. Auf Facebook bin ich nicht so krass aktiv, aber manchmal teile ich da Sachen, aber eher musikbasierte Dinge, z. B. wenn ein Lied gerade über ein aktuelles Thema geschrieben wurde.
Machst du neben dem Stickern und Demos besuchen noch andere politische Sachen? Bist du beispielsweise in einer Gruppe?
Nee, das nicht. Wir haben bei uns im Landkreis versucht, was aufzubauen, das ist jetzt aber auch schon zwei bis drei Jahre her. Das war mit meinem Freundeskreis und noch ein paar Freunden von Freunden. Wir wollten eine Gruppierung aufbauen, um Strukturen in und um unsere Kreisstadt herum aufzudecken oder auch mal eine Demo zu organisieren. Es wurde dann auch eine organisiert, als die AfD mal da war. Aber dadurch, dass viele weggezogen sind, ist das dann leider im Sande verlaufen. Aber ansonsten: So richtig in einer Gruppe bin ich nicht. Wie gesagt, beim Antifaschistischen Aktionsbündnis war ich ein paar Mal, aber auch nicht regelmäßig.
Und mal nach vorn geblickt: Denkst du, du wirst dich auch weiterhin politisch engagieren?
Ja, auf jeden Fall. Die Frage ist, wie und in welchem Ausmaß. Auf Demos war ich früher viel öfter, das reicht jetzt zeitlich oft nicht mehr. Aber gerade so das Stickern auf jeden Fall. Die Sticker kriegt man eh auf Demos oder Konzerten oder wenn man sie irgendwo bestellt. Die T-Shirts, die ich habe, werde ich auf jeden Fall weitertragen. An meiner Hochschule wurde letztes Semester ein Typ mit einem Shirt von der Identitären Bewegung gesehen. Da haben wir dann auch gleich eine Art Arbeitsgruppe eröffnet, wo wir überlegt haben, dass wir da eine Stickeraktion an der Hochschule starten könnten. Da tauchen auch immer wieder rechte Sticker auf. Und wir wollen vielleicht noch ein Plakat machen oder so, vielleicht über den E-Mail-Verteiler fordern, dass sich die Hochschule positionieren soll, weil das einfach eine gute Möglichkeit ist, den Leuten zu sagen, dass das nicht okay ist.
Hast du schon mal darüber nachgedacht, in eine Partei einzutreten?
Nee, eigentlich nicht. Das würde mich viel zu sehr stressen. Tatsächlich habe ich mal überlegt, der Partei Die Partei beizutreten, aber ich glaube, ich bin zeitlich zu unflexibel dafür. Ich rede auch nicht so gerne vor Leuten, deshalb glaube ich nicht, dass ich die Richtige für eine Partei wäre.
Was würdest du anderen Leuten sagen, weshalb es sich lohnt, sich politisch zu interessieren und/oder zu engagieren?
Weil ich wichtig finde, dass man weiß, was so passiert, und man kann sich ja nur einmischen, wenn man weiß, was gerade abgeht. Man kann ja nicht einfach nur alles immer hinnehmen. Wenn man sich nicht dafür interessiert, dann hat man auch kein Mitspracherecht. Gerade bei Wahlen: Wenn man sich gar nicht dafür interessiert, wer sich überhaupt zur Wahl stellt, wer welche Meinung vertritt usw., dann hat man danach eigentlich nicht das Recht, sich zu beschweren.
Man kann ja nicht einfach nur alles immer hinnehmen. Wenn man sich nicht dafür interessiert, dann hat man auch kein Mitspracherecht.
Dann hat man danach eigentlich nicht das Recht, sich zu beschweren.
Wenn du das, was dir am allerwichtigsten ist, auf einen Sticker zeichnen, also den perfekten Sticker gestalten würdest, wie würde der dann aussehen?
Es würde »Habt euch lieb« draufstehen. Und wahrscheinlich wäre er bunt, vielleicht mit einem Regenbogen und noch irgendein Tier dazu. Ich liebe Otter, vielleicht also ein Otter dazu.
Wenn Menschen durch deinen perfekten Sticker richtig wachgerüttelt werden würden, was würde dann passieren?
Dass die Leute nicht mehr so viel Hass in sich tragen. Das wäre ziemlich schön. Wenn man das liest, dann fängt man vielleicht kurz an zu lächeln.
Glaubst du, du kannst was daran machen, dass sich was verbessert?
Ich hoffe es, denn sonst wäre ja alles voll für den Arsch, was ich mache. Ich weiß schon, nachdem ich mich für Politik interessiert habe und alles viel mehr hinterfragt habe und auch angefangen habe, das zu kritisieren und darüber zu sprechen, dass ich Freunde und Menschen in meinem Umfeld zum Umdenken bewegen konnte. Ich denke, wenn ich das schon bei ein paar Leuten geschafft habe, warum soll ich das nicht auch bei anderen schaffen?
»Ich find, dass Tattoos schon ’ne Form von Politik sind«
Nico (27)
Arbeitserzieher, hat die Beine voller Tattoos

Ich versuch schon, damit ein Statement nach außen zu tragen.
Was für coole Tattoos! Kannst du mir was dazu erzählen?
Vielleicht wie ich zu meinem ersten Tattoo gekommen bin? Das war vor einem Jahr. Ich war erst planlos, wusste nicht, was ich mir stechen lassen wollte; ich wusste nur, ich will mir ein Band-Tattoo stechen lassen. Dann hab ich meine Gedanken sortiert und mir Casper stechen lassen, weil der, also seine Musik und der Künstler selbst, mir durch ’ne schwere Zeit geholfen hat. Und irgendwie wurde es dann mehr und mehr zum Selbstläufer: Es kam noch ’ne Band dazu, dann noch eine, und irgendwann wurde mein Bein voller und voller und voller. Ich hab mich aber schon bewusst dafür entschieden, da ich im sozialen Bereich arbeite, dass ich bestimmte Tattoos nicht offen tragen kann wie das Casper-Tattoo. Bands wie Green Day oder die Toten Hosen sind ja gesellschaftlich sehr anerkannt. Aber mit ’ner 666 in Bezug auf Iron Maiden sollte man in ’ner kirchlichen Einrichtung nicht rumlaufen. Auch nicht mit dem Bad-Religion-Logo, das ich mir auch noch stechen lass. Das sollte man nicht immer sehen. Aber ich versuch schon, damit ein Statement nach außen zu tragen.
Kannst du das konkretisieren? Welche Aussage dahintersteckt?
Man hört oft das Klischee, dass die Punks oder die Metalheads, ganz krass gesagt, eh nur aggressive, trinkende Leute seien, die am Bahnhof Bier saufen, Bullen anpöbeln, Passanten anpöbeln und irgendwelche Leute verprügeln. Hab ich schon alles gehört. Und natürlich, dass jeder Tätowierte kriminell und asozial ist und sich Cannabis spritzt. Da denkt man dann so: Willkommen im 21. Jahrhundert! Das ist dann doch sehr überraschend, wie Tattoos einerseits gesellschaftlich anerkannt sind, aber andererseits irgendwie auch nicht. In meiner Generation heißt es: »Alles cool, du hast Tattoos.« Aber der ein oder andere Ältere über 40, der gesellschaftlich doch irgendwie gefestigter ist und ’nen bürgerlichen Job hat, ist da eher abgeneigt: »Du hast Tattoos, was sagt denn dein Chef dazu?« – »Nix, der feiert das.« Also bis jetzt hatte ich noch nie Probleme mit meinen Tattoos. Gut, wie das mit meinem neuen Arbeitgeber ist, weiß ich noch nicht. Da bin ich erst seit drei Wochen als Arbeitserzieher. Und wie es da ist, mit kurzer Hose zu arbeiten? Dazu kam es bisher noch nicht. Aber bis jetzt hab ich immer positive Resonanz bekommen, vor allem auch auf Konzerten oder im Freundeskreis. Die finden das Gesamtkunstwerk sehr respektabel. Oftmals haben mich auch schon kleine Kinder angesprochen, z. B. auf dem Kesselfestival, warum ich mir Feine Sahne Fischfilet auf den Oberschenkel tätowiert hab. Das Kind hat mich gefragt, ob ich gerne Fischfilet esse, mit Sahne. [lacht] Das fand ich total witzig. Ich habe dem dann erklärt: »Äh, nee, das ist ’ne Punkband«, und das Kind so: »Oh ja, die muss ich mir auch mal anhören«, und hat die Mama dazugeholt. Ja, vor allem Kinder finden es voll faszinierend, dass ich mir Tattoos stechen lass. Für die ist das jedes Mal, wenn sie ein neues Tattoo sehen, voll faszinierend. Und für mich ist es ganz klar ein politisches Statement, wenn ich mir Feine Sahne Fischfilet tätowieren lass oder Die Toten Hosen, Green Day … Das sind alles politische Bands. Vor allem auch Radio Havanna, mein neuestes Tattoo, das ist für mich eine politische Band, die auch für die Sache einstehen und die Sache verteidigen, meistens.
Für mich ist es ganz klar ein politisches Statement, wenn ich mir Feine Sahne Fischfilet tätowieren lass oder Die Toten Hosen, Green Day … Das sind alles politische Bands.
Feine Sahne Fischfilet und Die Toten Hosen sagen mir was, aber wer oder was ist Radio Havanna?
Radio Havanna ist ’ne Punkband aus Berlin, die haben auch ’ne Kampagne ins Leben gerufen namens »Faust hoch« gegen Nazis, gegen Rechtspopulisten und was da mit der AfD und teilweise auch mit der CDU und CSU in Bayern zusammenhängt. Darüber klären sie die Jugendlichen auf. Im Prinzip ein Analogiestück zu »Kein Bock auf Nazis«, was vielleicht ein Begriff ist. Die arbeiten auch mit vielen Bands zusammen. »Faust hoch« arbeitet zusammen mit »Kein Bock auf Nazis«. Die tauschen gegenseitig Kontakte aus, klären bei Konzerten auf, dass man auch gewaltfrei auf die Straße gehen kann. Weil mit Gewaltanwendung, man hat es in Hamburg gesehen, da wurde die ganze antifaschistische Szene in den Schmutz gezogen, bloß weil ein paar Hansel randalierend durch Hamburg gezogen sind. Und damit wollen die halt sagen: Geht friedlich auf die Straße! Das macht den Ruf der Antifaschisten nicht so platt, als wenn ein paar Chaoten durch Hamburg ziehen und irgendwelche Polizisten verprügeln, Familienkutschen anzünden und meinen, sie gehen damit gegen den Kapitalismus vor und stehen als Antifaschisten da.
Wem möchtest du mit deinen Tattoos was sagen?
In der Punk- und Metal-Szene, dass ich halt zu ihnen gehöre. Das ist wie ein Erkennungscode. Den erkennen im Prinzip nur Leute, die diese Musik hören. Klar, Die Toten Hosen, das kennt man mit dem Adler, aber ein Heisskalt-Tattoo – das sind die zwei Möhren – das erkennen wirklich nur die Wenigsten. Leute, die sich mit der Musik auskennen, die haben mich schon öfter angesprochen: »Wirklich coole Idee! Ist das ein Heisskalt-Tattoo?«, und dann kommt man auch direkt ins Gespräch.
Gibt es noch eine ganz persönliche Bedeutung nur für dich?
Die Frage hab ich schon öfter gehört. Ich lass mir nicht jede x-beliebige Band tätowieren, so: »Hab ich im Radio gehört, geil, lass ich mir stechen …«, sondern ich muss mit jeder Band, die ich mir tätowier, ’ne sehr persönliche Geschichte verbinden. Jedes Tattoo bzw. jede Band hat ’ne Bedeutung, z. B. bei Green Day, da hat es mit American Idiot angefangen. 2004, als das Album rausgekommen ist, war ich zwölf oder 13 Jahre alt und hab die Texte überhaupt nicht verstanden, weil ich erst ab der fünften Klasse Englisch hatte und mein Schulenglisch deshalb katastrophal war. Aber ich fand die Musik geil, ich fand die Musik richtig cool. Irgendwann hab ich mich dann näher mit der Band befasst, bin auf ältere Lieder gestoßen und hab dann mal mit Google-Übersetzer die Texte übersetzt. Bei dem Lied »Jesus of Suburbia« heißt es: »nobody is perfect«, und das war für mich ein Schlüsselmoment: Boah, ja, niemand ist perfekt! Das war für mich der Moment, weil ich viel Mobbing in der Schule erlebt hab, wo ich mir gesagt hab: In Bezug auf diese Gesellschaft zieh dein eigenes Ding durch! Ähnlich auch bei den Toten Hosen. Das war die erste Band, die ich live gesehen hab. Inzwischen war ich auf vielen Konzerten und hab über die Hosen viele Freunde kennengelernt. Bei Green Day ist es der Blick auf die Gesellschaft, bei den Hosen ist es Freundschaft und Zusammenhalt, und bei Casper hat es viel zu tun mit Selbstzweifeln, mit sehr ruhigen Texten. Casper ist ein Hip-Hopper. Da gehts viel um Depressionen aufarbeiten. Casper oder auch Linkin Park sind Bands, die mir durch ’ne schwere Zeit geholfen haben. Ich hab mir schon mit 16 oder 17 Jahren geschworen: Ich lass mir von Linkin Park was stechen. Das Logo war mir zu langweilig, deshalb hab ich mir den Sprayer vom Meteora-Album stechen lassen. Oder Iron Maiden, das ist ’ne Band, an der man im Jugendalter auch nicht vorbeikommt. Silverstein ist ’ne Emo-Band; die Lieder handeln viel von Selbstzweifeln, dem Kampf gegen die »inneren Dämonen«, Depression, Liebeskummer, Herzschmerz und so scheiß Dinge. Das hab ich mit 15, 16, 17 viel gehört und hör ich immer noch gern, weil es doch ’ne schöne Zeit war, so unbeschwert vor sich hin zu pubertieren. Bei Heisskalt ist es eigentlich dasselbe wie bei Casper, sehr melancholische Texte, sehr ruhig. Geht auch darum, dass man trotzdem wieder aufstehen kann. Rise Against auch, da ist es eher so wie bei Green Day, dass man zu sich selbst stehen kann und niemals aufgeben soll. Bisschen ist es schon klischeehaft. Architects ist auch ’ne Band, mit der ich sehr viel verbinde. In ihrem vorletzten Album All Our Gods Have Abandoned Us sagt schon der Titel, worum es geht: All unsere Götter haben uns verlassen. Der Gitarrist hat das Album während seines Krebsleidens geschrieben und ist dann am Ende leider verstorben. Er hat das Album noch geschrieben, mit Depressionen. Er beschreibt, dass er völlig den Glauben an Gott verloren hat und wie ihn die Krankheit auffrisst. Da gibt es ein Zitat: »Hope is a prison«, also »Hoffnung ist ein Gefängnis«, inzwischen kann ich besser Englisch als vor 12, 13 Jahren. [lacht] Das war für mich einfach so: Man kann hoffen so viel man will, aber bei manchen Sachen bringt das Hoffen und Bangen einfach nichts, man ist einfach gefickt bei Sachen wie Krebs und psychischen Erkrankungen. Also ich habe kein Krebs, aber wenn man Depressionen hat, verbindet man damit viel. Und so ist das bei den Architects.
Das ist wie ein Erkennungscode.
Inzwischen spielen sie in der Porsche-Arena und rufen dazu auf, Porsches zu verbrennen. Das ist dann doch irgendwie peinlich.
Und Feine Sahne …?
Feine Sahne Fischfilet war eher so ’ne spontane Sache, weil ich die einfach cool find und provozieren wollte. Inzwischen sind die auch ziemlich groß geworden. Ich hab die vor fünf, sechs Jahren noch in Herrenberg im Juz gesehen, für 5 Euro Eintritt. Inzwischen spielen sie in der Porsche-Arena und rufen dazu auf, Porsches zu verbrennen. Das ist dann doch irgendwie peinlich. Man kann sich ja treu bleiben, aber dann sollte man nicht in ’ne Riesenhalle gehen, wo Porsche der Hauptsponsor ist. Oder ZSK ist ’ne Band aus Berlin, die hat mich damals auf den Punk gebracht und zu dem geformt, was ich jetzt bin. Das ist Deutschpunk. Die haben sich auch mega gefreut, hab mit denen auch schon gesprochen. Die fanden es richtig cool. Zu jeder Band gibt es auch ’ne Geschichte. Die eine ist eher amüsant, wie mit Schmutzki, das ist ’ne Stuttgarter Punkband. Denen hab ich damals total besoffen versprochen: »Ich lass mir euer Logo stechen.« Und ein paar Tage später bin ich zum Tätowierer gegangen und habs mir stechen lassen. Ich war tatsächlich der Erste mit ’nem Schmutzki-Tattoo. Inzwischen gibt es sogar schon ein paar Nachahmer. Ich bin sogar in ’nem Club mal angesprochen worden, ob ich der Typ mit dem Schmutzki-Tattoo sei. Ich: »Ja.« Da zeigt er mir seinen Fuß und hat da dasselbe, also das Logo an derselben Stelle: Der hat das auch gemacht und war auch total besoffen, eigentlich wie ich. [lacht] Bei dem Casper-Tattoo hab ich ein Mädel kennengelernt, wir haben uns zufällig dasselbe stechen lassen. Wir kannten uns überhaupt nicht. Sie lag neben mir beim Tätowieren, und dann sind wir ins Gespräch gekommen und in Kontakt geblieben. Das ist jetzt eine meiner besten Freundinnen. Wir sind über Casper, über die Musik in Kontakt gekommen. Die Gespräche wurden doch recht schnell persönlich, weil, wenn du dir Casper tätowieren lässt, kennst du auch seine Texte.

Du hast alle Tattoos an einem Bein, richtig?
Nein, inzwischen ist mein linkes Bein voll und ich bin jetzt aufs rechte übergegangen. Also am linken sind noch ein paar Stellen frei, aber die hab ich schon verplant für Tattoos wie Bad Religion, die ich nicht offen tragen kann auf der Arbeit, weil ich ja nicht weiß, wieweit mein Chef damit konform geht. Bei ’nem kirchlichen Träger ist es ein bisschen kritisch, mit ’nem durchgestrichenen Jesuskreuz rumzulaufen. Obwohl Bad Religion per se ja nicht gegen Religion sind, die haben bloß was gegen das Machtgehabe der Kirchen.
Aber es könnte eben von jemand, der oder die die Band nicht kennt, anders verstanden werden?
Ja. Und bei so was hab ich auch keinen Bock, das zu erklären. Bei manchen Bands bekommst du oft zu hören: »Warum lässt du dir die denn stechen?« Z. B. bei den Toten Hosen: »Die sind doch überhaupt nicht mehr Punk, die sind doch eher Schlager.« Ja, stimmt schon. Ich würde es mir jetzt auch nicht mehr stechen lassen, aber irgendwie bedeutet mir die Band unverändert trotzdem viel, auch wenn die letzten Alben scheiße waren. Das geb ich offen zu, aber man verbindet ja trotzdem was mit der Band. Oder wenn ’ne Band rechtsradikal wird oder rechts. Gut, meine Bands sind alle Punk- oder Hardcorebands, von daher brauch ich keine Sorge zu haben. Aber wenn die was anderes machen, bin ich trotzdem Fan und steh zu der Band. Und wenn sie ’nen ganz krassen Scheiß machen, wie jemanden vergewaltigen oder so, mach ich mir eben ein Cover-up.
Was haben denn deine Eltern dazu gesagt, als du dein erstes Tattoo hattest?
Meine Mutter hat erst drei, vier Monate später erfahren, dass ich mir ein Tattoo hab stechen lassen, als ich ’nen Telefonanruf bekommen hab, dass ich meine Prüfung bestanden hab. Da stand ich nur in Boxershorts vor ihr, und sie dann so: »Ja, wie sieht denn das in 70 Jahren aus?« Meine Eltern sind doch ein bisschen konservativer eingestellt. Dann meinte ich zu meiner Mutter: »Wenn ein verschrumpeltes Tattoo meine einzige Sorge mit 95 ist, dann gehts mir noch gut.« Da hat sie auch nix mehr drauf gesagt. Und inzwischen sagen sie nix mehr. Für sie ist das eher so ’ne Sache: »Es kostet doch Geld. Bub, das musst du sparen.«
»Wenn ein verschrumpeltes Tattoo meine einzige Sorge mit 95 ist, dann gehts mir noch gut.«
Und andere Menschen aus deinem Umfeld, wie Geschwister oder Freund*innen?
Meine Freunde feiern es alle, die finden es cool. Klar, die finden manche Band nicht so cool, und die finden es manchmal auch zu viel an meinem Bein, weil das irgendwann ’ne Reizüberflutung ist. Ich hab jetzt 18 Tattoos am linken Bein und zwei am rechten Bein. Aber sonst finden sie es sehr positiv und die Idee richtig cool. Nur über den Tattoo-Stil hab ich regelmäßig Diskussionen mit ’nem Kumpel. Er steht eben auf ’nen anderen Stil, den ich mir nicht machen lass. Er würde die Tattoos z. B. verbinden und nicht so einzeln stehen lassen. Aber ich will jede Band einzeln stehen lassen, weil jede Band für mich ein Alleinstellungsmerkmal ist und eine persönliche Geschichte hat …«
Hattest du auch schon mal inhaltliche Diskussionen?
Ja, vor allem bei Feine Sahne Fischfilet hatte ich schon die ein oder andere Diskussion, weil die laut Verfassungsschutz linksextremistisch sein sollen. Warum man sich so ’ne Band überhaupt tätowieren lässt, die dazu aufrufen, Polizisten anzuzünden und Steine zu schmeißen? Die den Tod von Polizisten wollen? Und ja, damit wollte ich auch ein bisschen provozieren, weil mit einem Tattoo provoziert man doch immer irgendwie die Gesellschaft – unverändert. Die haben beispielsweise ’ne Textzeile »die nächste Bullenwache ist nur ein Steinwurf entfernt«, die man auslegen kann, wie man will. Ich finds eben doch eher als Provokation gemeint, weil nur über Provokation erreichst du Bekanntheit und Popularität. Und wenn inzwischen schon Bundespräsident Steinmeier die Band unterstützt, find ich die nicht linksextremistisch, sondern in der Mitte der Gesellschaft. Klar, was früher auf den Konzerten war, war übel. Das fand selbst ich übel, wo sie dazu aufgerufen haben, die nächste Polizeiwache zu stürmen und Molotowcocktails reinzuwerfen. Aber mein Gott, da waren die auch noch jung. Manchmal ist man im jungen Alter doch nicht recht klug, sagt viel Scheiße oder baut viel Scheiß, der eigentlich nicht so gemeint ist.
Wie waren diese Situationen so für dich? Diese Diskussionen?
Manchmal ist man es leid, schon wieder erzählen zu müssen, warum und wieso. Ich will mich nicht rechtfertigen, warum ich mir dieses und jenes stechen lass, ob ich jetzt ’ne linke Zecke und gegen Deutschland bin. Das meinte ein ehemaliger Arbeitskollege zu mir, ich sei ’ne scheiß linke Zecke. Er hat selbst ein Böhse-Onkelz-Tattoo auf dem Arm, und wie die Böhse Onkelz sind oder waren, steht außer Frage. Und auch deren Fans sind strohdumm. Nicht alle, aber ein Großteil von denen ist einfach strohdumm, und das hast du bei ihm gemerkt. Mit dem konnte man sich auf keine Diskussion einlassen. Der meinte auch in Bezug auf die Hetzjagden gegen Geflüchtete in Chemnitz, da müsste man als richtiger Deutscher auf der Seite der Deutschen stehen und nicht auf der Seite von »Wir sind mehr«. Ich war natürlich auf der Seite von »Wir sind mehr«. Er wollte verhindern, dass ich nach Chemnitz fahr. Mit so Leuten lass ich mich auf überhaupt keine Diskussion ein. Wenn einer mit mir diskutieren will, wie sich Green Day, Die Toten Hosen oder wer auch immer verändert haben, ist das ja noch in Ordnung, oder wenn ich jemanden besser kenne, dann erzähl ich auch mal die Geschichte hinter meinem Tattoo, aber so auf die ganz krassen Diskussionen lass ich mich nicht ein.
Siehst du ein Tattoo zu haben, wie du es hast, als Politik machen?
Erst mal: Was ist Politik? Politik ist ja alles. Politik ist für mich, wenn ich aus dem Haus rausgehe und zur Arbeit, um das System am Laufen zu halten. Als 14-, 15-jähriger Punk wollte ich das System zerstören, und jetzt trag ich dazu bei, dass das System nicht kollabiert, indem ich eine Behindertenwerkstatt leite und damit die Produktion aufrechterhalte. Da bin ich das erste Mal heute Morgen draufgekommen, über ein Lied von den Toten Hosen: »Wir wollten nur das System zerstörn, doch heut haben wir nachgedacht.« Ja, irgendwie wird man doch erwachsen mit der Zeit, aber andererseits darf man auch nicht vergessen, wie man eben früher war. Und um auf die Frage zurückzukommen: Ja, ich find, dass Tattoos schon ’ne Form von Politik sind. Nicht so die klassische Art von Politik. Aber mit so ’nem Tattoo gibst du ein Statement an die Gesellschaft, und die Gesellschaft gibt ein Statement zurück. Da kommst du ins Gespräch mit den Leuten, um einfach mit dem Vorurteil aufzuräumen, dass alle Tätowierten sich Cannabis spritzen, alkoholabhängig sind, arbeitslos sind und keine Ahnung was. Denn ich hab ’ne eigene Wohnung, zur Miete, hab ’nen Job und so. Ich bin an sich ein Paradebeispiel. Und ich kenn auch noch viele andere, die tätowiert sind und ’nen Job haben. Die Vorurteile stimmen nicht. Und Vorurteile auszuräumen ist auch ’ne Form von Politik. Einfach in Form von Aufklärung.
Als 14-, 15-jähriger Punk wollte ich das System zerstören, und jetzt trag ich dazu bei, dass das System nicht kollabiert, indem ich eine Behindertenwerkstatt leite und damit die Produktion aufrechterhalte.
Mit so ’nem Tattoo gibst du ein Statement an die Gesellschaft, und die Gesellschaft gibt ein Statement zurück.
Seit wann interessierst du dich überhaupt für Politik?
Wenn man anfängt, Punkmusik zu hören, sollte man sich schon relativ früh damit auseinandersetzen. Mein Schlüsselmoment war, als wir in der achten oder neunten Klasse in Dachau im KZ waren, die Baracken und die Gaskammern gesehen haben und das Dritte Reich aufgearbeitet haben. Das war für mich der Schlüsselmoment: Tu was dagegen! Ich hab dann mit meinen Großeltern darüber gesprochen, und mein Opa meinte dann, wir seien die Generation, die alles tun müsse, um zu verhindern, dass so ein Scheiß noch mal passiert. Er ist 1933 geboren, er konnte nix tun, er war da ja noch zu jung. Aber seine Eltern, vor allem sein Vater hat sich ordentlich einlullen lassen von der ganzen Hetze. Und die Pflicht unserer Generation ist es, das zu verhindern. Mit allen legalen Mitteln. Und er fand es auch mega gut, dass ich z. B. nach Chemnitz gefahren bin, dass ich die AfD in Waiblingen boykottiert hab. Ja, als wir im KZ Dachau in der Gaskammer standen, hat es klick gemacht und mich wie ein Faustschlag getroffen. So richtig realisiert hab ich das erst, weil ich noch recht jung war, auf der Heimfahrt. Da hab ich mich bewusst damit befasst, auch wenn man so vor zehn Jahren noch nicht die Möglichkeiten wie heute mit Facebook hatte. Es war damals noch schwieriger, an Informationen zu kommen und sich zu vernetzen.
Tu was dagegen!
Wie hast du dir dann Informationen beschafft?
Über linke Foren, also Homepages, wo man sich informieren konnte. Und die Bands haben damals ihre Homepage auch ganz aktuell gehalten, z. B. ZSK oder Antiflag, ’ne amerikanische Band. Oder einfach ganz normal Nachrichten gucken, Zeitung lesen, was heute ja nicht mehr so nötig ist. Klar schaut man auch mal Nachrichten, liest auch mal ’ne Zeitung, aber damals war die Informationsbeschaffung doch recht schwierig.

Woher holst du dir deine Informationen heute?
Über die normalen Medien, was so in den Nachrichten läuft, und auch online. Obwohl man da aufpassen muss mit den Fake News, man muss halt so viel Hirn haben, um zu raffen, was Fake ist und was nicht, denn von beiden Seiten gibts die Fake News. Von den Rechten mehr als von den Linken, aber da muss man schon differenzieren. Manche Meldungen muss man einfach nachprüfen.
Auf welchen Seiten bist du dann meistens unterwegs?
Bis vor Kurzem auf Linksunten, Indymedia, das ist ’ne Homepage gewesen, die lahmgelegt wurde vom Bund, weil sich dort linksradikales Gedankengut vernetzt hat, wo auch viel Illegales ablief. Das stimmt auch. Da waren mal Adressen von AfD- und NPD-Politikern zu lesen oder von stadtbekannten Dorfnazis in Stuttgart oder von Reichsbürgern. Das ist etwas, das ich überhaupt nicht unterstütze, denn dadurch wird die gesamte Sache in den Dreck gezogen. Und sonst viel über Facebook, über Gruppen. Man bekommt viel zugeschickt. So ’ne konkrete Infoquelle hab ich nicht. Ich bin in einer Gruppe von Oxfam, das ist ’ne Menschenrechtsorganisation, bei der die deutsche Leiterin recht viel postet. Das ist auch politisches Zeug, wie jetzt z. B. mit der Flüchtlingskatastrophe an der türkisch-griechischen Grenze, was da abgeht. Das ist meistens Spiegel Online. Klar, wie seriös der Spiegel ist, sei mal dahingestellt, aber von dem, was in so ’ner Menschenrechtsorganisationsgruppe gepostet wird, kann man schon ausgehen, dass der Wahrheitsgehalt recht hoch ist. Oder man bekommt mal da, mal da ’nen Link zugeschickt.
Liest du mehr oder setzt du auch selbst politische Beiträge rein?
Eigentlich les ich nur, weil reinsetzen ist mir zu stressig. Da bin ich schon eher geneigt, ’ne wissenschaftliche Arbeit draus zu machen mit Quellen und so …
Obwohl man da aufpassen muss mit den Fake News, man muss halt so viel Hirn haben, um zu raffen, was Fake ist und was nicht.
Bist du denn irgendwo politisch aktiv?
Klar geh ich auf Demos, wenn es zeitlich reinhaut. Ich muss ja auch arbeiten, und jetzt wohn ich doch relativ weit außerhalb von Stuttgart, aber wenns zeitlich reingehauen hat, war ich regelmäßig auf Demos gegen rechts. Z. B. gegen die AfD war ich sehr oft dabei, bei »Wir sind mehr« in Chemnitz war ich dabei, ich wollte eigentlich auf die große Demonstration und auf das Konzert, das da war, aber ich war dann nur auf dem Konzert, weil ich arbeiten musste und keinen Urlaub bekommen hab. Meine letzte Demo war die Fridays-for-Future-Demo in Stuttgart. Aber sonst reicht mir die Zeit oft nicht. Klar sind das auch Ausreden, aber man weiß auch, dass die Stuttgarter Polizei nicht gerade die netteste ist.
Und denkst du, du wirst dich auch weiterhin politisch engagieren?
Auf jeden Fall, ja. Na ja, wenn man im sozialen Bereich arbeitet, muss man sehr aufpassen mit dem Führungszeugnis, dass da kein Scheiß drinsteht. Deswegen halt ich mich von dem Schwarzen Block und Antifa-Kiddis lieber fern, weil die doch sehr auf Krawalle aus sind. Ich war da auch früher dabei, keine Frage, aber die sind die, die auf Demos am meisten Stress machen. Da steh ich lieber ein bisschen abseits oder bei anderen Leuten, die nicht so auf Krawall gebürstet sind. Weil: Sobald der Schwarze Block aufmarschiert, ist die Polizei auch unentspannter.
Das aktuelle Politikgeschehen kann man nur mit zwei Sachen aushalten, mit Satire und mit Alkohol.
Hast du eigentlich schon mal darüber nachgedacht, in eine Partei einzutreten?
Ja, und ich wurde schon gefragt, ob ich der SPD beitreten will, weil mein Stiefvater ein SPD-Gemeinderat ist. Und ich so: »Nee, ich will keiner Partei beitreten«, weil an jeder Partei gibts was auszusetzen. Ob es die CDU ist, die ich grundsätzlich ablehn, weil es für mich ein NSDAP-Aussteigerprogramm ist, oder vor allem in den 40er- und 50er-Jahren war das ein NSDAP-Aussteigerprogramm, und die hat das nie aufgearbeitet in ihrer Geschichte. FDP, na ja, das ist eigentlich dasselbe nur in Gelb. Ob die SPD Sozialpolitik macht, ist auch so ’ne Frage, weil sie letztlich Politik machen für irgendwelche dahergelaufenen Honks, deswegen scheidet die SPD auch aus. Grüne ist für mich ein Kasperleverein, der sich überhaupt nicht selbst treu bleibt, sondern einfach seine Ideale verkauft. Die Linke hat die SED-Vergangenheit, die sie auch nicht wirklich aufarbeiten – wollen, sorry. Ja, und sonst gibts halt so kleine Splitterparteien.
An jeder Partei gibts was auszusetzen.
Die PARTEI ist ’ne Satirepartei, da könnte ich mir noch eher vorstellen beizutreten. Denn deren Wahlspruch ist: Das aktuelle Politikgeschehen kann man nur mit zwei Sachen aushalten, mit Satire und mit Alkohol. Da haben sie nicht unrecht. Ich war mal bei ’nem Landesparteitag dabei, und das war schon sehr amüsant. Das war zwar eher wie ’ne Comedy-Veranstaltung, hatte nichts mit seriöser Politik zu tun, aber sie haben immer sehr humorvolle Aktionen in Baden-Württemberg und im Rest vom Land. Als die Europawahl war, bei der zwei Parteimitglieder reingekommen sind, gabs ’ne Wahlparty um 18 Uhr, nachdem die Wahllokale geschlossen haben, wo Bier getrunken wurde und man versucht hat, dass jeder auf die Promillezahl des Wahlergebnisses im Wahlbezirk kommt. Also die machen sehr viel mit Humor. Klar, die kann man jetzt nicht für ernsthafte Dinge halten, außer im Europaparlament, wo der Martin Sonneborn drinsitzt und der Nico Semsrott, zwei Satiriker. Die setzen sich dann doch mehr für seriöse Politik ein, na gut, ob Europa jetzt seriöse Politik macht … und sind dann eher liberal, zwischen SPD und Grünen. Sie setzen sich sehr für die Interessen der meisten jungen Wähler ein. Diejenigen, die Die PARTEI wählen, sind meistens keine Ü40 oder Ü35. Aber es sind fast alles Protestwähler, die keinen Bock haben, die normalen Parteien zu wählen, und bevor sie ihre Stimme verfallen lassen, geben sie sie der Partei Die PARTEI.
Was würdest du anderen Leuten sagen, weshalb es sich lohnt, politisch interessiert und/ oder engagiert zu sein?
Sich zu interessieren ist leichter jemandem zu sagen, als dass man sich politisch engagieren soll. Politik geht uns alle was an, vor allem die jungen Leute, denn das ist, ganz plakativ gesagt, das, was in Berlin über unsere Zukunft entschieden wird. Ob es das Klimapaket ist, ob es vielleicht mal wieder eine Grundgesetzänderung gibt, was jetzt bestimmt kommt wegen Corona, das ist ja schon in der Diskussion … oder mit der Rente. Das ist das, was unsere Generation jetzt machen muss: Sie muss sich dafür interessieren, dass wir möglichst noch ’ne Rente haben, von der man leben kann. Wir müssen dafür sorgen, dass das Rentenalter nicht hochgesetzt wird. Ich kenn viele Pfleger oder Leute, die im sozialen Bereich im Wohnheim arbeiten, die können nicht bis 70 arbeiten, das schaffen die jetzt schon kaum und arbeiten sich kaputt. Deswegen sollte man sich für Politik interessieren, um zu wissen, was passiert, weil im Nachhinein zu sagen: »Öh, scheiß Politiker, öh«, ist zu spät, und man kann dann den Großteil eh nicht mehr rückgängig machen. Man muss sich schon im Klaren sein, wen man nach Berlin schickt oder in den Landtag.
Und das Engagieren?
Das ist die Frage: Ist es schon engagieren, wenn ich ins Wahllokal geh und meine Stimme einer Partei gebe? Oder ist politisch engagieren, wenn ich auf die Königstraße geh und für die Aufnahme von geflüchteten Menschen demonstriere? Das ist halt ein Riesenspektrum. Oder ob ich mit ’ner Non-Profit-Organisation durchs Land fahr und Unterschriften dafür sammle, dass Discounter keine giftigen Pestizide mehr verwenden dürfen? Jeder muss wissen, was er tut, aber ich sag zu jedem: »Egal, was du tust, tu einfach was! Und wenn es nur ist, alle vier Jahre mal zur Wahl zu gehen. Das ist auch schon zur Politik beitragen und sich politisch engagieren.
Politik geht uns alle was an, vor allem die jungen Leute, denn das ist, ganz plakativ gesagt, das, was in Berlin über unsere Zukunft entschieden wird.
»Egal, was du tust, tu einfach was! Und wenn es nur ist, alle vier Jahre mal zur Wahl zu gehen.
Welchen Nutzen siehst du ganz persönlich für dich darin?
Das politische Engagieren macht Spaß. Man lernt jede Menge netter Leute kennen und merkt sehr, wie der Zusammenhalt ist, der Zusammenhalt in der politischen Szene. Ich hab es in Chemnitz gemerkt, wie schnell sich die Leute da vernetzt haben, dass der eine mit dem anderen hin ist und der eine den anderen bei sich hat unterkommen lassen. Ich hab auch bei ’ner Freundin gepennt, die ich bei den Toten Hosen kennengelernt hab. Zu der hatte ich vier, fünf Jahre keinen Kontakt, die hab ich angeschrieben, und sie meinte: »Komm, bring zwei, drei Leute mit! Wir geben euch einen Schlafplatz!« Es macht einfach ein gutes Gefühl, sich politisch zu engagieren. Und es macht auch irgendwie Spaß, auch wenn es nicht wirklich Spaß macht, wenn es 0°C hat und man auf ’ner Demo rumläuft, um für ’ne grünere Zukunft zu demonstrieren. Ist trotzdem ’ne gute Sache.
Wenn du mal an die Zukunft denkst: Was müsste auf jeden Fall passieren, dass sich was zum Positiven verändert?
AfD unter 5 %! Nee, ich glaub das ist nicht realisierbar in nächster Zeit. Weil es da zu viele Zwischenfälle gab in den letzten Jahren in der Politik. Kommunal kann ich nur von meinem Ort reden, da funktioniert die Kommunalpolitik recht gut. Da gibts nix zu verändern. Außer, dass vielleicht mal junge Leute rein sollten. Oder allgemein, dass junge Leute sich mehr für Politik engagieren und mehr ernst genommen werden, wenn sich ein junger Kandidat aufstellen lässt. Man muss nur mal in den Bundestag schauen. Der Einzige, der da wahrscheinlich unter 30 ist, ist Philipp Amthor, und [lacht] ich glaub, der ist eigentlich 60 im Körper eines 27-Jährigen. Ich find ihn aber trotzdem noch mega sympathisch, weil er einfach noch recht jung ist, und so brauchts einfach noch mehr Leute. Also nicht so Philipp-Amthor-mäßig, [lacht] der irgendwie doch nicht ernst zu nehmen ist, aber es braucht jüngere Leute. Dadurch wird auch das politische Interesse der jüngeren Leute eher kommen, als wenn irgendwelche Omas und Opas im Bundestag oder im Landtag sitzen. Mein kleiner Bruder kennt nur Angela Merkel als Bundeskanzlerin. Ich kannte noch Gerhard Schröder. Es muss sich einfach vom Alter her mal vieles ändern und dass sich nicht nur für irgendwelche Konzerne eingesetzt wird.
Die ganzen Rechtsidioten, Rechtspopulisten, Rechtsradikale sind einfach nicht die Hellsten.
Und in der Welt überhaupt?
Global gesehen müssten die Populisten zurückgedrängt werden, egal von welcher Partei die kommen, denn man siehts jetzt gerad in Brasilien: Der Rechtspopulist Bolsonaro, der da an der Macht ist, hat gesagt: »Corona existiert nicht«, und kurze Zeit später hatte er selber Corona. Oder Trump, der behauptet hat, das Virus sei nichts, aber urplötzlich heißt es jetzt: »USA, USA, wir haben das beste Gesundheitssystem der Welt und die besten Tests der Welt.« Da denkst du dir einfach: Die ganzen Rechtsidioten, Rechtspopulisten, Rechtsradikale sind einfach nicht die Hellsten. Wichtig ist mir, dass die einfach wegkommen. Egal ob es Erdogan, Putin, Trump oder Bolsonaro ist, dass sich, ähnlich wie für Deutschland, junge alternativere Leute aufstellen lassen und versuchen, an die Macht zu kommen. Vielleicht auch mal ’ne Frau, wie in Finnland, wo das Parlament ’ne recht junge Präsidentin hat. Und dass junge motivierte Leute auch mal ernst genommen werden. An Fridays for Future gerichtet hat Lindner gesagt, man solle die Politik den Profis überlassen. Da sieht man einfach, wie wenig ernst die jungen Leute genommen werden. Aber es ist ja die Zukunft der jungen Leute, die da gerad plattgemacht wird.
»Der Steppenwolf ist eine schöne Beschreibung der Zerrissenheit des modernen Menschen«
Jan (25)
Künstlername Steppenwolf, studiert Soziale Arbeit und schreibt Rap-Texte
Jan, du bist letztes Jahr in Vaihingen an der Enz in einem Jugendzentrum bei einer Benefizveranstaltung aufgetreten. Kannst du was darüber erzählen, wie das zustande gekommen ist?
Meine Kommilitonin Helene arbeitet dort im Jugendhaus, und wir beide sind auf die Idee gekommen, das Konzert zu organisieren. Hip-Hop ist dort ein großes Thema, und vor mir ist noch ein weiterer Act, Eddi, der aus Vaihingen selbst kommt, und eine Tanzgruppe aus dem Jugendhaus aufgetreten. Wir wollten die Gage einem guten Zweck zukommen lassen. Ich habe in Paternoster, einem südafrikanischen Fischerdörfchen in der Nähe von Kapstadt, drei Monate lang von meinem Studium aus ein Praktikum absolviert, und daher lag es nahe, diesem wunderbaren Dörfchen den Erlös zukommen zu lassen. Die Leute dort haben bisher vom Fischfang gelebt, aber weil die Meere überfischt sind, wird ihnen Schritt für Schritt die wichtigste Einkommensquelle entzogen. Deshalb ist die Idee, den Leuten und Kindern dort zu helfen und eine Zukunftsperspektive zu bieten. Es werden Workshops im Kidshouse angeboten, beispielsweise Sport, Gärtnern oder Lesen und Schreiben. Da kommen die Kinder nach Schulende hin und können mitmachen. Alle drei Monate wechseln dann die Volontär*innen, die das Projekt begleiten.
Als du aus Südafrika zurückgekommen bist, warst du ein bisschen ein anderer Mensch. Welche Erfahrungen hast du dort gemacht, dass es dir wichtig war, bei dieser Veranstaltung dabei zu sein?
Das stimmt. Die Kids und auch die Kolleg*innen dort hatten echt einen großen Einfluss. Im Vergleich zu den Kindern hier in Deutschland waren die Kids dort viel wilder, lebensfroher und natürlicher. In Paternoster war der Community-Gedanke sehr ausgeprägt: Du kriegst was, gibst aber auch was zurück. Eine materielle Kleinigkeit zurückzugeben, war somit eine Herzensangelegenheit. Wenn im Ort ein Fischer auf dem Meer stirbt, versammelt sich das ganze Dorf und fackelt riesige Feuer ab. Die Menschen dort im afrikanischen Dorf sind uns menschlich betrachtet teilweise weit voraus, und trotzdem geht es vielen materiell schlecht.
Die Menschen dort im afrikanischen Dorf sind uns menschlich betrachtet teilweise weit voraus, und trotzdem geht es vielen materiell schlecht.
Was passiert dort mit dem Geld?
Eine Hauptaufgabe während meines Praktikums dort war Mobile Jugendarbeit. Ich war zuständig für die sogenannten Troublemakers. Es war schon teilweise kritisch, dass wir überhaupt irgendwas anbieten konnten. Da wurde oft gestört, die haben manchmal echt richtig fett Scheiße gebaut und sich massiv geprügelt. War schon schwierig. Die Gage wird dafür verwendet, dass die Troublemakers miteinbezogen werden können. Die waren sehr begeistert von Rap und Graffiti, und die Idee war, dass aus Kapstadt Künstler kommen und sich ein Angebot entwickelt, dass sich an ihren Interessen orientiert.
Apropos finanzielle Schwierigkeiten. Dein zweites Tape heißt Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Was drückt der Titel genau aus?
Das Leben ist ja ganz angenehm, aber eigentlich macht man jeden Tag nur einen monotonen Scheiß. Man kann sichs eigentlich ganz nett machen, aber das alltägliche Leben kann einen manchmal ziemlich frusten. Irgendwie steht immer das Materielle im Mittelpunkt. Das ist die Ideologie, die hinter der Wirtschaftsordnung steht: Immer mehr, mehr, mehr, besser und besser. Das ist ein Grundübel unserer Gesellschaft.
Immer mehr, mehr, mehr, besser und besser. Das ist ein Grundübel unserer Gesellschaft.

In einem anderen Track geht es um eine ähnliche Thematik. Eine Zeile geht: »Raubtierkapitalisten vergiften demokratische Prozesse, Geld schafft Gesetze, der Fiskus unterworfen mit der Globalisierung, die letzte Stimme des Volkes gestorben.« Wen meinst du mit Raubtierkapitalisten?
Große multinationale Firmen, die dafür sorgen, dass kleine Firmen keine Chance mehr haben, bzw. Personen, die hinter den Firmen stehen und kein anderes Interesse haben, als möglichst viel Profit rauszuholen, und dabei alle Folgen außer Acht lassen. Das kann man in allen Bereichen beobachten. Da findet eine problematische Entwicklung statt: Die Konzerne werden immer größer, schlucken die Kleinen und bereichern sich durch ihre Macht, Firmen wie Nestle oder Betriebe in der Landwirtschaft oder auch im Bäckereihandwerk beispielsweise. Greenwashing ist auch so ein Phänomen. Nestle oder McDonalds machen auf ökologisch, weil sich ein Trend entwickelt. Sie verpassen sich einen ökologischen Anstrich, ohne dass irgendetwas daruntersteckt.
Und was müsste passieren, damit das Volk seine Stimme wiederbekommt?
Die Leute müssen empowert, befähigt werden, ihre Interessen auszudrücken, um diese in demokratische Prozesse einbeziehen zu können. Sozial schwache Schichten sollten viel mehr gestärkt werden, damit sie ihre Stimme wieder zurückbekommen. Hilfe zur Selbsthilfe. Die Schwächsten haben sie gar nicht mehr. Das zeigt sich dann in den sozialen Netzwerken. Lies dir mal die Facebook-Kommentare durch! Da wird einfach nur Hass rausgeschrien. Die sind frustriert, weil sie keine Möglichkeit haben, sich produktiv und konstruktiv in der Gesellschaft zu beteiligen. Die Wirtschaftsordnung müsste dahingehend geändert werden, dass nicht wenige Riesenkonzerne den kompletten Markt kontrollieren. Der Neoliberalismus muss mehr eingeschränkt werden, dass nicht nur die individuellen Interessen, wie Profit zu erwirtschaften, im Vordergrund stehen. Das hat viele negative Folgeerscheinungen. Und der Geldfluss innerhalb der Gesellschaft sollte gerechter gestaltet werden, beispielweise mit effektiven Besteuerungen von Spitzenverdienern und Großkonzernen.
Steppenwolf, wie bist du eigentlich zu deinem Künstlernamen gekommen?
Durch das gleichnamige Buch von Hermann Hesse. Da geht es um Harry Haller, er ist 46 und eine verloren wirkende Existenz. Er hat das Leben durchlebt, ist verzweifelt und fragt sich, wieso er noch weiterleben soll. Er sagt, dass er zwei Teile in sich hat: zum einen den Wolf, zum anderen den Menschen, er sozusagen aus dem Gegensatz zwischen Animalischem und Menschlichem besteht. Er fasst den Entschluss, sich zu seinem 50. Geburtstag umzubringen. Hesse ging es nach eigenen Angaben darum, ein Buch der Heilung zu schreiben. Der innere Prozess bei Harry Haller wird gezeigt. Und der beschreibt, wie er sich erholt und seinen Weg aus der Sinnkrise findet. Ich finde, der Steppenwolf ist eine schöne Beschreibung der Zerrissenheit des modernen Menschen.
Warum Rap-Texte und kein Schlager?
Ist das ’n Witz? Ich bin damit aufgewachsen, das war damals das Geilste! Rap ist eh die beste Form: Rap bringt Musik und Poesie zusammen. Besser gehts gar nicht. Und dann kannst du noch, was du selbst erlebt hast, in die eigenen Texte reinstecken. Hip-Hop ist ein Medium, das von jedem genutzt werden kann. Du kannst deine Gedanken aufschreiben und zu Reimen verarbeiten. Dann noch einen Beat dahinter, und du kannst sagen, was du willst, egal ob reich oder arm, egal welche Hautfarbe. Aber Rap hat sich schon gewandelt, das ist echt schade. Es gibt so viel beschissenes Zeug, was da heute verherrlicht wird. Materialismus, Sexismus, Homophobie, Gewalt, was weiß ich. Zurück zum Ursprung, zurück zum Protest!
Der Geldfluss innerhalb der Gesellschaft sollte gerechter gestaltet werden, beispielweise mit effektiven Besteuerungen von Spitzenverdienern.
Das hört sich schon auch wütend an, was du textest …
Ja. Wenn man jung ist, lässt man sich nicht so in die gesellschaftlichen Schranken weisen. Je älter man wird, desto mehr wird man ein Teil des gesellschaftlichen Zahnwerks, und man lässt sich nach und nach in die Ketten der Gesellschaft legen. Die junge »Scheißdrauf-Haltung« geht im Alter verloren. Das läuft meistens so, dass man selbst Verantwortung übernimmt, heiratet oder Kinder bekommt. Da geht das einfach nicht mehr. Alles andere macht auch nicht wirklich Sinn, das ist schon paradox. Wenn du 37 bist, allein unterwegs, säufst dir einen rein und versinkst in Weltschmerz, dann hat das schon etwas Lächerliches. Das ist mit 18 anders, da ist dir das einfach scheißegal. Das ist so in der Jugend verankert. Jeder Mensch, der einigermaßen vernünftig denkt, findet dieses Leben in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter absurd, meiner Ansicht nach. Und er fragt sich: Was soll ich eigentlich in dieser Welt machen?

Textauszug Prosatariat – Steppenwolf
hellwach nachts am schreibtisch, feile eifrig
an zeilen über die gesellschaft, die zeit tickt
weiter alles schreitet hier voran, nur der geist nicht
stufenweise steigt die versuchung, die nur das geld schafft
denn jeder will ein stück vom kuchen
materielles wird zum wesen um sein pures glück zu suchen
so verbluten kontinente korrupte konten
verbuchen dividende, auf kosten von zu vielen menschenleben
wir sind gebrandmarkt von ’nem lebensstandard,
der darauf basiert, dass die dritte welt unsre mittel stellt,
für uns anschafft, langsam krepiert,
trotzdem denken leute hier, wir würden standhaft regiert,
ausradiert, ist politischer diskurs,
raubtierkapitalisten vergiften die demokratischen prozesse,
geld schafft gesetze, der fiskus unterworfen
mit der globalisierung die letzte stimme des volkes gestorben
wurde überworfen, ermordet, von dem kapital
radikal wird die anwort ausfallen,
das ist klar das rad der geschichte ist nicht aufzuhalten
in der tat ist das proletariat gerade aufgespalten
über alle erdteile zerstreut,
im westen vergeuden sie ihre zeit während der rest für uns knechtet,
in ländern ohne zukunftsperspektive voller leid, ey es reicht,
also lasst uns kämpfen für’s gerechte
das geht an …
bandarbeiter maurer oder krankenschwestern
alle bauarbeiter schweißer oder landschaftsgärtner
maler und lackierer mechaniker oder kassenkraft
nach wie vor sind wir gefangen in nem klassenkampf
Welche Themen greifst du in deinen Texten sonst noch so auf, hast du ’ne spezielle Message?
Auf jeden Fall keine direkte Handlungsempfehlung. Das wäre das Lächerlichste überhaupt, wenn man in seine Texte so was reinpackt wie: Drogen sind scheiße. Es ist vielmehr eine Beschreibung, wie das Leben an mir vorbeizieht. Jeder muss seine Erfahrungen machen. Man hört sich das vielleicht an, denkt darüber nach und findet vielleicht die gleichen Sachen ansprechend, die mir im Kopf herumgehen. Aber das ist wahrscheinlich der Ausnahmefall, dass sich jemand ein Buch durchliest oder einen Track anhört und dann von heut auf morgen alles radikal ändert. Ich geb eher Anregungen und Impulse, statt ’ne Message rüberbringen zu wollen. Wir können uns alle richtig viel aus Musik rausholen, und es wäre gut, wenn die Musik jeder oder jedem Einzelnen hilft, seinen oder ihren Weg zu finden, der auch wirklich zu den einzelnen Personen passt und nicht die große Message für alle ist.
Angenommen, du könntest dir deine Welt texten, so wie sie dir gefällt. Wie würde sie aussehen?
Im Endeffekt würden die meisten Menschen mit gesundem Menschverstand sich eine Welt ausmalen, die gerecht ist, die fair ist, in der jedes Individuum ohne Einschränkungen wegen seines Geschlechts, seiner Hautfarbe oder seines Alters leben kann – die besten Rahmenbedingungen für die Selbstverwirklichung halt. Nachteil: Vermutlich hätte aber auch jede*r den höchsten moralischen Zwang überhaupt. Momentan ist es so, dass es viel zu kritisieren gibt, was natürlich viele Möglichkeiten mit sich bringt, sich künstlerisch auszudrücken. Da würde viel kreatives Zeug wegfallen, wenn alles perfekt wäre; dann könntest du höchstens irgendwelche Texte schreiben, wie supertoll die Welt ist … klasse. Man muss sich schon auch noch reiben können zwischen den Polen gut und schlecht. Meine Welt wäre schon eine utopische, in der sich alle theoretisch selbstverwirklichen können und es allen einigermaßen gut geht. Ist dann nur noch die Frage offen, ob man die Kunst überhaupt noch braucht oder nicht.
Da würde viel kreatives Zeug wegfallen, wenn alles perfekt wäre.
Eine Textzeile von dir geht: »23, mal langsam Zeit, erwachsen zu werden, doch ich hab immer noch nicht viel übrig für die Machenschaften der Erde.« Was denn für Machenschaften?
Die üblichen Machenschaften, die ab einem gewissen Alter von dir erwartet werden: Familie, Kinder, Job, schöner Garten, sich in die Gesellschaft nahtlos einfügen. Zusammengefasst bin ich theoretisch alt genug, um erwachsen zu sein, aber ich hab ehrlich gesagt keinen Bock, mir das Korsett des Erwachsenseins überstülpen zu lassen.
Es wäre gut, wenn die Musik jeder oder jedem Einzelnen hilft, seinen oder ihren Weg zu finden.
Ich hab ehrlich gesagt keinen Bock, mir das Korsett des Erwachsenseins überstülpen zu lassen.
Gibts außer Rap noch ein anderes Medium in deinem Leben, das man als politische Ausdrucksform von dir bezeichnen könnte?
Ich schreibe gerade Gedichte, das macht übelst Bock. Was ich denk, bring ich auf Papier, und dann bastele ich aus dem Schub, der da aus mir rausgekommen ist, ein Gedicht … allerdings ohne Reimform, ohne Formzwang. Ich sehe da einen Sinn drin, das ist eine Beschäftigung, die mir Spaß macht. Und vielleicht können die wenigen Leute, die das lesen, etwas herausziehen und sich im besten Fall ein Stück weit in den Gedichten wiederfinden.
Was hältst du davon, dich in Parteipolitik zu engagieren, um so deinen Gedanken Luft zu machen?
Ich folge da Winston Churchill, der meinte, dass Demokratie die schlechteste aller Staatsformen ist, abgesehen von allen anderen, die bisher ausprobiert worden sind. Demokratie hält das Land zusammen, aber ganz optimal ist das alles nicht. Eine größere Wirtschaftskrise, und das Ganze gerät ins Wanken. Wir können halbwegs in Frieden leben, Kunst machen, und bis es was Besseres gibt, ist die liberale Demokratie der Status Quo, den wir eben haben. Für mich wäre Parteipolitik aber nichts Ewiges, dann müssten die Debatten schon in Rap-Battles ausgetragen werden. [lacht]
»Es ist wichtig, dass man sich für sich und seine Weltvorstellung einsetzt, obwohl es vielleicht gegen den Strich von anderen läuft«
Lorena (17)
Schülerin eines Gymnasiums, spielt Theater in einem Spielclub des Jungen Ensembles Stuttgart
Lorena, du bist im Spielclub JES Open 1 des Jungen Ensembles Stuttgart. Wie bist du eigentlich dazu gekommen?
Ich komme eigentlich aus Schwäbisch Hall, spiele, seit ich zwölf bin, Theater und habe das Glück, dass meine Tante in Stuttgart wohnt. Ich hatte auch mal Lust, ein bisschen weiter rauszukommen mit dem Theater, habe nach einem Spielclub in Stuttgart geschaut und bin auf das JES gestoßen. Dort habe ich mich beworben und wurde glücklicherweise genommen.
Welche Art von Theater spielt ihr denn in Schwäbisch Hall?
Da gibt es die Freilichtspiele, und die letzten Stücke, bei denen ich vom Jugendensemble aus mitgemacht habe, waren Stückentwicklungen zu Faust, über das Thema Liebe und was mein Herz begehrt. In der jetzigen Produktion, die wir leider aufgrund Corona nicht aufführen können, hätten wir Homo empathicus gespielt. Das ist ein Stück, in dem die Geschlechter privat sind, wo alle vegan leben und so. Das ist auf eine leichte Art politisch.
Das Theaterstück, bei dem du jetzt in Stuttgart mitspielst, trägt den Titel Deutschland, meine Hood. Das hört sich für mich auch politisch an …
In dem Stück geht es um Nachbarschaft, aber auch über Deutschland, und es wird unter anderem spielerisch mit Klischees umgegangen. Beispielsweise gibt es eine Szene, da stellen wir Autofahren dar, indem wir in Einkaufswägen sitzen und rasen. Einer kommt dann mitten in die Szene rein und sagt: »Ich habe mein Deutschland verloren.« Das bringt das Ganze auf eine ganz andere Ebene, weil man sich dann ja fragt: »Was bedeutet es eigentlich, deutsch zu sein? Wie lebt man das aus? Und ist das überhaupt was Großes?«

Gibt es die Frage »Was ist eigentlich Deutschland?« auch in deinem Alltag? Meinst du, andere Jugendliche stellen sich diese Frage, was Deutschland für sie ist?
Darüber habe ich tatsächlich vor dem Theaterstück noch gar nicht nachgedacht. Für mich war das was Normales, deutsch zu sein. Wenn ich in Frankreich war, haben die Franzosen immer gesagt, sie sind Franzosen, und haben dabei gelächelt über das ganze Gesicht. Ich habe gesagt, ich bin Deutsche, und das war dann halt so, aber ich habe nicht über das gesamte Gesicht gelächelt. Ich war nicht besonders stolz drauf. Aber ich habe jetzt für mich gefunden, dass man trotzdem stolz drauf sein kann, weil Deutschland ein tolles Land ist, abgesehen von der Geschichte, die andere Länder in gewisser Weise ja auch haben, auf die eben nur der Fokus nicht so groß gerichtet ist. Ich glaube, ehrlich gesagt, dass sich meine Freunde oder die Menschen in meinem Umfeld das gar nicht so oft fragen.
Konntet ihr eure Ideen in das Theaterstück miteinbringen?
Ja, total. Das Thema wurde zwar von den Leitern vorgegeben, aber wir haben auch eigene Texte geschrieben und danach über das diskutiert, was wir produziert bzw. kreiert haben.
Das Theaterstück spielt ihr ja mit anderen Spielclubs zusammen, unter anderem dem Club Kultür mit Spieler*innen türkischer Herkunft. Wie findest du die Zusammenarbeit?
Superspannend, denn sie leben ja auch in Deutschland, haben aber eine andere Kultur dahinter. Ich finde das auch total spannend, wie sie mit der Sprache jongliert haben. Weil sie manche Szenen auf Deutsch–Türkisch spielen, also beide Sprachen benutzen, man aber nicht das Gefühl hat, dass man die Szene nicht versteht, weil sie gerade Türkisch sprechen und ich kein Türkisch kann. Sie haben so jongliert, dass man sie auf beiden Sprachen verstehen kann, auch wenn man nur eine Sprache davon spricht. Auch ihre Sichtweise war was Neues, Interessantes.
»Was bedeutet es eigentlich, deutsch zu sein? Wie lebt man das aus? Und ist das überhaupt was Großes?«
Wenn du mal über euer Thema nachdenkst, gibt es da was, das du als was Politisches bezeichnen würdest?
Ich glaube schon, dass Theater politisch ist, aber es kommt natürlich drauf an, was für Theater gespielt wird. Es gibt ja auch unterhaltsames Theater, das eher nicht so politisch ist. Aber das klassische, konventionelle Theater ist ganz oft dafür da, Denkstöße an die Zuschauer zu liefern, die man davor vielleicht nicht hatte, weil man ja mit Theater die Sachen ganz anders darstellen kann. Da legt man mal Gefühle offen, was man im Alltag vielleicht nicht so machen würde, weil man Angst hat, verletzt zu werden, wenn man sich so verletzlich zeigt. Im Theater kann man sich hinter der Rolle verstecken oder auch ganz andere Sichtweisen darstellen. Z. B. war ich in einem Theaterstück, da wurde Faust gespielt. Da gibt es ja die Szene, wo Mephisto und Faust den Vertrag machen. Da haben sie auf Putin angespielt, das fand ich ganz spannend. Es hat mich dazu angeregt, ein bisschen mehr darüber zu recherchieren und mich in der Sache schlau zu machen. Das hat ja dann auch wieder politische Auswirkungen.
Aber das klassische, konventionelle Theater ist ganz oft dafür da, Denkstöße an die Zuschauer zu liefern, die man davor vielleicht nicht hatte.

Würdest du anderen Jugendlichen empfehlen, Theater zu spielen, vielleicht auch, um sich so mit Politischem auseinanderzusetzen?
Ich würde jedem Menschen empfehlen, Theater zu spielen. Das ist einfach eine Chance, sich selbst besser kennenzulernen und sich klar zu werden, was man eigentlich denkt. Ich glaube, dass es ganz viel mit der Persönlichkeit macht, wenn man Theater spielt, und dass es bestimmt auch politisch hilfreich ist. Ich hätte mich nie gefragt, wie es denn ist, Deutsche zu sein, oder was Deutschland für mich ist, wenn ich nicht bei diesem Theaterstück mitgespielt hätte.
Ich glaube, dass es ganz viel mit der Persönlichkeit macht, wenn man Theater spielt, und dass es bestimmt auch politisch hilfreich ist.
Schreibst du auch selbst Texte für das Theater?
Ja. In den Texten geht es um Dinge, die mir auffallen. Ich habe manchmal einfach das Gefühl, dass man sein Glück davon abhängig macht, ob man ein teures Haus, ein teures Auto zu Hause hat. Ich möchte das eigentlich überhaupt nicht. Man kann glücklich sein, ohne solche Gegenstände zu haben. Das fängt bei einem selbst an. Ich fand das schon sehr deutsch, schnelle Autos zu haben und sich dann irgendwie toll zu fühlen. Darum geht es in dem Text, den ich für das Theaterstück Deutschland, meine Hood geschrieben habe.
Eine Kritik daran, dass man nur durch materielle Dinge glücklich sein kann?
Ja, so einen Status damit aufbaut. Ich glaube, ich war mit meinem Text ein wenig provokativ. Das war mir nicht klar. Als wir über den Text gesprochen haben, den ich geschrieben habe, war da eine Mitspielerin, die das anders gesehen hat. Bei ihr hat das auch richtig was ausgelöst, mit dem ich gar nicht gerechnet habe. Das macht es ja so spannend, wenn man unterschiedlicher Meinung ist. Weil wenn man immer gleicher Meinung ist, ist das zwar schön, aber man lernt halt nicht viel. Beim Diskutieren bekommt man einen Einblick in andere Meinungen.
Dann mal weg vom Theater. Du hast mir vorab schon geschrieben, dass du dich nicht unbedingt als politisch aktiv betiteln würdest. Woran machst du das fest?
Ich habe eine Klassenkameradin in meinem Kurs, die ich als politisch aktiv betiteln würde, weil sie sich in einer Partei engagiert und auch den Durchblick hat, wie das deutsche System und das EU-System funktionieren, wann die nächsten Wahlen sind und wie die Minister alle heißen. Ich weiß natürlich auch, wie die Bundeskanzlerin heißt, aber ich bin nicht so breit aufgestellt, dass ich weiß, wie das alles miteinander verknüpft ist. Deswegen hätte ich mich nicht als politisch betitelt. Aber andererseits: Theater ist schon auch etwas sehr Politisches.
Du hast mir auch geschrieben, dass du Vegetarierin bist. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?
Ich mache das eher aus umwelttechnischen Gründen. Ich kann auch anfangen, kurz zu duschen, aber man kann viel mehr Wasser sparen, wenn man kein Fleisch isst. Das ist der effektivste Weg, etwas zu ändern. Also klar, vegan ist noch effektiver, aber auch schwieriger zu Hause umzusetzen.
Auch wegen Tierwohl und Massentierhaltung?
Ja, obwohl ich auch gelernt habe, nur sehr vorsichtig mit meinen Argumenten um mich zu werfen. Mein Onkel ist Metzger. Am Anfang war es sehr komisch, in meiner Familie vegetarisch zu sein, weil man da ein bisschen der Außenseiter ist. Obwohl sie Rücksicht auf mich nehmen. Und anfangs hatte ich noch keine überzeugenden Argumente und konnte deshalb leicht widerlegt werden. Was ich auch sehr interessant finde: In meinem Kurs sind drei oder vier, die normal essen, der Rest isst vegetarisch. Das sind zwei Drittel meines Kurses. Das kenne ich sonst nicht so, sonst ist es ja eigentlich andersrum. Manchmal habe ich das Gefühl, es wird ein bisschen persönlich, wenn man erzählt, dass man Vegetarier ist. Weil man ja den Lebensstil von anderen angreift, wenn man sagt, ich mach das nicht so wie du, weil ich das nicht für gut empfinde. Wenn wir in unserem Kurs darüber diskutieren, dann ist es genau andersrum, weil wir ja so viele Vegetarier sind. Man probiert trotzdem, dass das nicht so hochkommt und so verletzlich wird, weil man das ja selbst von den Diskussionen kennt und weiß, wie blöd das sein kann, wenn man nur auf die Minderheit eingeht. Schlussendlich muss jeder das tun, was er für richtig und gut hält.
Die Fridays-for-Future-Demos sind auch immer wieder Thema, gerade unter Jüngeren. Was hältst du davon?
Zwei Freundinnen von mir in Schwäbisch Hall organisieren das dort. Das finde ich wirklich mutig. Bei der ersten Demo waren sie sehr unsicher, weil sie dachten, dass sie zu zehnt am Rathaus stehen und demonstrieren würden. Dann kamen aber 300 Leute. Da waren alle total beeindruckt, und dann ist es immer größer geworden. Ich finde es gut, dass es Fridays for Future gibt, weil es nicht so was Parteiisches ist, wo man sagt, dahinter steckt die und die Partei, obwohl es natürlich auch Parteien gibt, die das eher unterstützen als andere. Fridays for Future ist für mich ein Rahmen, der ein bestimmtes Thema für wichtig erklärt, aber dabei frei ist und sich nicht einer Partei zuordnet.
Ich kann auch anfangen, kurz zu duschen, aber man kann viel mehr Wasser sparen, wenn man kein Fleisch isst.
Bei der ersten Demo waren sie sehr unsicher, weil sie dachten, dass sie zu zehnt am Rathaus stehen würden. Dann kamen aber 300 Leute.
Wenn jeder denken würde, wenn ich was mache, dann bringt das was, dann würde die Welt ganz anders aussehen.
Könntest du dir denn für die Zukunft vorstellen, in eine Partei einzutreten?
Ich habe mir schon mal die Grüne Jugend angeschaut, und ich finde, dass die am ehesten meinen Wertvorstellungen entsprechen. Ich fands auch ganz schön, da mit anderen Jugendlichen zu sein, aber dann müsste ich ja bei den Grünen Mitglied sein, und was heißt das denn, wenn ich da Mitglied bin? Heißt das dann, dass ich immer die Grünen wählen soll? Die Grüne Jugend unterscheidet sich ja auch von den Grünen, also den Abgeordneten, und ist ja ziemlich frei. Aber für mich persönlich ist es trotzdem so: Dann gehöre ich zu einer Partei, und das will ich in meinem Alter noch nicht. Meine Meinungen ändern sich einfach noch zu oft. Es gibt Dinge, die sind ganz tief verankert, wie die vegetarische Ernährung. Aber bei manchen Dingen ist meine Meinung noch nicht fest. Ich wollte mir da selbst nicht die Freiheit nehmen.
Gibt es Gegenwind von deinen Freund*innen oder finden die gut, was du machst?
Ich glaube, da ich Theater spiele, habe ich sehr offene Freunde, die einfach auch Mitgefühl haben. Das ist jetzt auch wieder provokativ, weil die anderen Menschen das natürlich auch haben, aber meine Freunde haben Mitgefühl, sie sehen was und sie handeln. Und nicht: Ich sehe es, finde, dass es blöd ist, glaube aber, wenn ich allein was mache, dann bringt das nichts. Obwohl es ja genau da anfängt. Wenn jeder denken würde, wenn ich was mache, dann bringt das was, dann würde die Welt ganz anders aussehen.
Du hast vorhin angedeutet, das Theaterspielen macht auch was mit deiner Persönlichkeit …
Ja, ich habe vor fünf oder sechs Jahren angefangen, Theater zu spielen. Davor war ich eher introvertiert und schüchtern. Wenn jemand was gesagt hat, dann habe ich das halt gemacht, habe alles geglaubt. Durch das Theater bin ich viel offener geworden, und ich habe meinen Körper besser kennengelernt und bin da auch noch dabei. Auch durch die ganzen Wörter, die man im Theater benutzt. Wörter zu finden, die meine Wünsche beschreiben oder wie ich mich fühle zu manchen Themen, und diese Wörter dann wieder zu benutzen. Wie ich mit Mitmenschen umgehe oder einfach im Miteinander mit Menschen helfend umzugehen. Obwohl ich es noch nie aus der Perspektive gesehen habe, kann mir das Theaterspielen sicher auch helfen, mir politisch ein Wort zu schaffen. Ich glaube, dass es den Menschen einfach guttut, mehr über sich kennenzulernen. Ich habe auch das Gefühl, dass ich, obwohl ich auch sehr stur sein kann, durch das Theaterspielen viel kritikfähiger geworden bin. Obwohl ich noch viel Raum nach oben habe, glaube ich, dass ich vor dem Theaterspielen nicht so selbstkritisch war und manches eher persönlich genommen habe.
Du hast auch politisches Interesse entwickelt durch das Theaterspielen?
Ja. Ich glaube, Interesse entwickeln an Politischem muss klein anfangen: bei jedem einzelnen Menschen. Bei sich, dass man merkt, dass man als Mensch was verändern kann. Weil, wenn ich das Gefühl habe, ich kann sowieso nichts verändern, dann ist es ganz egal, ob es einen Jugendrat gibt oder dass man wählen kann. Man muss einfach die Jugend dazu ermutigen, dass sie etwas verändern kann und dass ihre Ideen gehört werden. Manchmal habe ich das Gefühl, die Ideen der Jugend werden als naiv abgestempelt oder: »Der hat noch nicht den Breitblick dafür« oder: »Weil ich so viel mehr Lebenserfahrung habe, weiß ich das besser«. Ich glaube, man sollte das Gegenteil machen und nicht sagen: »Jetzt werde erst mal älter und weiser, dann kannst du auch mal mitreden, dann nehmen wir deine Vorschläge ernst.«
Sich klarmachen, dass man was verändern kann, sagst du …
Ja. Ich glaube, dass Veränderung nicht schadet. Was ich schön fände, ist, wenn man bewusster mit seinen Mitmenschen umgeht und auch an seine Mitmenschen denkt. Dass man an andere denkt, bewusster mit allem umgeht und dass man zuhört, sich gegenseitig wahrnimmt und wertschätzt. Auch genau mit den Unterschieden, die wir alle haben. Das sagt auch Augusto Boal, dass die Dialoge, von denen man denkt, es wären Dialoge, eigentlich nur zwei parallellaufende Monologe sind, weil man sich gegenseitig nicht genug wertschätzt und sich nicht zuhört. Das habe ich ihm nicht geglaubt, als ich das gelesen habe, aber in meinem Alltag habe ich dann doch festgestellt, wie oft eigentlich Monologe stattfinden und keine Dialoge. Wir betiteln es als Dialog, obwohl das nicht richtig ist. Alles in allem: Es ist wichtig, dass man sich für sich und seine Weltvorstellung einsetzt, obwohl es vielleicht gegen den Strich von anderen läuft.
Interesse entwickeln an Politischem muss klein anfangen: bei jedem einzelnen Menschen.
Pulsuz fraqment bitdi.