Kitabı oxu: «Der Histamin-Irrtum»

Şrift:

Kyra und Sascha Kauffmann
DER HISTAMIN-IRRTUM
Weg von Radikaldiäten und Verbotslisten – die Formel für ein gesundes Leben mit Histamin


VAK Verlags GmbH Kirchzarten bei Freiburg

Haftungsausschluss

Dieses Buch ist in erster Linie für Lernzwecke gedacht. Es soll kein Ersatz für eine individuelle medizinische Beratung sein. Wenn du einen medizinischen Rat einholen möchtest, konsultiere bitte einen qualifizierten Arzt oder Heilpraktiker.

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Umschlagdesign: Kathrin Steigerwald

Layout und Satz: kw-unlimitedmedia, Lünen

Druck: mediaprint solutions GmbH, Paderborn

Printed in Germany

ISBN 978-3-86731-238-7 (Paperback)

ISBN 978-3-95484-414-2 (ePub)

ISBN 978-3-95484-416-6 (PDF)

Inhalt

Warum dieses Buch?

Das missverstandene Hormon

Fehldiagnose Histamin-Intoleranz

Der verlorene Schlüssel

Kein Leben ohne Histamin

Die Histamin-Rezeptoren

Dreierlei Histamin

Mastzellen-Histamin

Gehirn-Histamin

Nahrungs-Histamin

Von DAO, MAO und HNMT

Die Diaminoxidase (DAO)

Die Histamin-N-Methyl-Transferase (HNMT)

Monoaminoxidase B (MAO-B)

Wenn das Fass überläuft: Histaminosen

Was lässt das Histamin-Fass überlaufen?

Mikronährstoffmängel

Medikamente – der unterschätzte Faktor

Säure-Basen-Ungleichgewicht

Untertemperatur

Alkohol, Nikotin und Koffein

Schlechte Gene

Darm-Histaminosen

Der Bakterien-Typ

Der Mastzellen-Typ

Schwelbrand im Darm: Das Leaky-Gut-Syndrom

Achtung Verwechslungsgefahr: Salicylatunverträglichkeit

Chronische Mastzellaktivierungen

Allergien, Pseudoallergien und Parasitosen

Die systemischen Mastzellaktivierungserkrankungen (MCAD)

Was reizt die Mastzellen? Die häufigsten Trigger

Teufelskreis Schlafmangel

Hormon-Chaos I: Wenn die Schilddrüse Amok läuft

Hormon-Chaos II: Östrogendominanz

Knick im Genick: Die instabile Halswirbelsäule

Fake Food – Lug und Trug

Chronische Entzündungen im Zahn-Kiefer-Bereich

Schwermetallausleitung – aber richtig!

Chronischer Stress und Hochsensibilität

Kryptopyrrolurie und Hämopyrrollaktamurie

Labordiagnostik

Geld sparen durch Stufendiagnostik

Die korrekte Bestimmung von DAO und HNMT

Liegt zusätzlich eine Allergie vor?

Unverzichtbar: Gründliche Mastzellendiagnostik

Die wichtigsten Medikamente bei Histaminosen

Antihistaminika

Cortison und Adrenalin

Medikamente bei MCAD

Hilfe aus der funktionellen Medizin

Wunderwaffe Vitamin C: Von Seefahrern, Schweinen und rettenden Kaugummis

Vitamin-D-Therapie: Wichtig, aber bitte richtig!

Melatonintherapie: Gehirnwäsche im Schlaf

Curcuma longa: Die gelbe Wunderknolle

Quercetin: »An apple a day …«

CBD-Öl: Tropfen mit Potenzial

Zink: Die Wunderwaffe

PEA: Der Universal-Feuerlöscher

SAMe: Ohne Methylierung läuft nichts

Vitamin B6: Das zweischneidige Schwert

Ernährung: Gebote statt Verbote

Good Bye, Süßkartoffeln!

Essen mit der TAFF-Regel

Finger weg vom Alkohol – aber wie?

Der große Histamin-Selbsttest

Die vier Histaminose-Typen

Der Darm-Lunge-Typ

Spezielle Labordiagnostik für den Darm-Lunge-Typ

Histaminbedingtes Asthma

Herzrasen, Herzstolpern und Schwindelattacken

Hilfreiche Präparate für den Darm-Lunge-Typ

Der Hormon-Typ

Spezielle Labordiagnostik für den Hormon-Typ

Die Schilddrüse stärken

Die Nebennieren entlasten

Hilfe durch bioidentische Hormon-Therapie

Guter Hoffnung sein und bleiben: Histamin und Schwangerschaft

Hilfreiche Präparate für den weiblichen und männlichen Hormon-Typ

Der Histadelie-Typ

Spezielle Labordiagnostik für den Histadelie-Typ

Die Histamin-GABA-Verbindung

ADHS/ADS: Eine Histaminstörung?

Serotonin, Kynurenin und 5-HTP

Die instabile Halswirbelsäule

Der MCAD-Typ

Patientenfall: Behandlung nur mit funktioneller Medizin

Was zahlt die Kasse und wie überlebe ich als gesetzlich Versicherter?

Was tun bei chronischen Schmerzen und Operationen?

Bewährte Infusionstherapien

Gemeinsam gesünder werden: Selbsthilfegruppen

Ein Ausblick

Danksagung

Labore in Deutschland für die im Buch genannten Untersuchungen

Literaturempfehlungen und Quellen

WARUM DIESES BUCH?

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieses Buch ist kein weiteres über Histamin-Intoleranz und histaminarme Diäten. Davon gibt es bereits genug auf dem Markt. Daher findest du hier auch keine seitenlangen Verbotslisten für Nahrungsmittel.

Inwiefern könnte dieser Ratgeber dennoch interessant für dich sein?

• Wenn die Diagnose »Histamin-Intoleranz« dir alle möglichen leckeren Nahrungsmittel vom Speiseplan gestrichen hat, es dir damit aber trotzdem nicht viel besser geht.

• Wenn du ein Leben mit Antihistaminika, Cortison und anderen Medikamente führen musst, die deine Beschwerden zwar abmildern, aber nicht wirklich zum Verschwinden bringen.

• Wenn man dir nach einer Ärzte- und Heilpraktiker-Odyssee mit unzähligen Untersuchungen, Behandlungen und Diagnosen gesagt hat, dass deine scheinbar unerklärlichen Symptome zwar auch »irgendwie« mit Histamin zu tun haben, aber im Grunde genommen »psychisch bedingt« seien.

Histamin spielt bei vielen chronischen Erkrankungen eine entscheidende Rolle, die größtenteils unterschätzt oder missverstanden ist. Daraus entstehen unnötigerweise Falschdiagnosen und Folgeerkrankungen. Um das zu ändern, haben wir dieses Buch geschrieben.

Hier erfährst du:

• warum die gängige Diagnostik in 90 Prozent der Fälle weder ausreichend noch korrekt ist

• warum Nahrungsmittelverbote meist mehr schaden als nutzen

• wie Histamin deine Schilddrüse und deinen Zyklus ins Chaos stürzen kann (und umgekehrt!)

• warum Histamin dir den Schlaf rauben kann (nein, es ist nicht der Rotwein!)

• welcher Histaminose-Typ du bist

• mit welchem Programm du deine Histamin-Balance wiederherstellen und so deine Beschwerden nachhaltig lindern kannst

Alle Methoden in diesem Buch beruhen nicht nur auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern haben sich auch in unserer Praxis seit fast 20 Jahren bewährt. Wie immer in unseren Büchern lassen wir auch hier viele Experten aus Wissenschaft und Praxis zu Wort kommen. Wenn du dieses Buch bis zum Ende gelesen hast, wirst du Histamin und deine Beschwerden mit völlig anderen Augen betrachten und hoffentlich überzeugt sagen:

Es gibt ein gesundes Leben mit Histamin!

Wir wünschen viel Freude beim Lesen, viele neue Erkenntnisse und Erfolg bei der Umsetzung des neuen Wissens.

Kyra und Sascha Kauffmann

DAS MISSVERSTANDENE HORMON

Histamin hat einen schlechten Ruf, einen ziemlich schlechten sogar.

Oder fällt dir spontan etwas Gutes zu ihm ein? Doch woher kommt dieses Image?

Die Medizingeschichte hat eine Antwort: Wir schreiben das Jahr 1907. Der Chemiker Adolf Windaus (übrigens derselbe Adolf Windaus, der für seine Forschungen zu Vitamin D und Rachitis im Jahre 1928 den Nobelpreis für Chemie bekam) entwickelte beim Experimentieren mit B-Vitaminen zufällig eine Substanz, die er »Imidazoläthylamin« nannte. Begeistert berichtete er über seine Entdeckung in den einschlägigen Fachzeitschriften. Windaus ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht, dass seine Entdeckung eigentlich ein Naturstoff ist, der im gesamten Pflanzen- und Tierreich (auch natürlich beim Menschen) seit Millionen von Jahren vorkommt. Drei Jahre später fanden britische Wissenschaftler den gleichen Stoff zufällig im Mutterkorn. Und damit begann die systematische Erforschung.


»Imidazoläthylamin« klang ziemlich schwerfällig, selbst für Wissenschaftler. Daher wurde es schnell in das gefälligere »Histamin« umbenannt.

Was bedeutet Histamin?

Der Wortteil »Hist-« leitet sich vom griechischen Wort »Histos« = Gewebe ab.

»Amin« bezeichnet eine chemische Verbindung, die aus einer Aminosäure hervorgeht. Andere Amine sind zum Beispiel Dopamin, Noradrenalin oder Tyramin.

Der nächste weitere Meilenstein war das Jahr 1932. Histamin wurde als der hauptsächlich beteiligte Stoff bei Allergien und ihren schweren Verlaufsformen, den Anaphylaxien, erkannt. Natürlich war man bemüht, möglichst schnell ein Medikament gegen Histamin zu finden. Die ersten systemisch wirkenden Antihistaminika, dem Histamin entgegenwirkende Medikamente, kamen dann bereits Anfang der 1940er Jahre auf den Markt, und endlich konnten schwere Leiden erfolgreich behandelt werden.

Histamin wird seitdem sowohl von Laien als auch von der überwiegenden Anzahl von Ärzten und Heilpraktikern in erster Linie nur mit allergischen Krankheiten und unangenehmen Symptomen wie Juckreiz, Atemnot und Quaddelbildung in Verbindung gebracht. Ein großer Irrtum, wie du noch später lesen wirst, und nicht der einzige.

Fehldiagnose Histamin-Intoleranz

Das negative Image von Histamin wurde Ende der 1980er Jahre noch verstärkt, als eine Forschergruppe meinte, endlich die Ursache für viele unerklärliche Darmstörungen, die unter »Reizdarmsyndrom« zusammengefasst wurden, gefunden zu haben: einen Mangel an Diaminoxidase (DAO). Dieses Enzym baut Histamin, das von außen über die Nahrung zugeführt wird, im Darm ab. Ist es nicht ausreichend vorhanden oder fehlt es gänzlich, entstünden Krankheitssymptome, wie Durchfall, Blähungen oder Krämpfe, so die Meinung der Forschergruppe. War dies die Entdeckung einer neuen Krankheit? Bis heute sind sich die Wissenschaftler darüber nicht einig. Fakt ist aber, dass es seit den 1990er Jahren immer mehr »Histamin-Intolerante« gibt – Menschen, die chronische Probleme im Magen-Darm-Trakt haben, ohne dass »handfeste« medizinische Ursachen gefunden werden können – außer einem Mangel an DAO.

Der Begriff »Histamin-Intoleranz« ist de facto falsch. Eine Intoleranz, also ein Unvermögen des Organismus, mit einem körpereigenen, überlebenswichtigen Stoff wie Histamin umzugehen, wäre mit dem Leben nicht vereinbar. Oder hast du schon mal von einer Adrenalin-Intoleranz oder einer Testosteron-Intoleranz gehört?

Selbstverständlich gibt es Intoleranzen, wie zum Beispiel die Fruktose-, Laktose- und Salicylat-Intoleranz. Diese beziehen sich jedoch allesamt auf körperfremde Stoffe. Histamin ist jedoch ein Stoff, den der Körper in erster Linie selbst produziert und der lediglich zusätzlich auch über die Nahrung zugeführt wird. In nur sehr wenigen Fällen können Störungen im Histaminhaushalt daher allein durch eine histaminarme Diät dauerhaft verbessert oder gar geheilt werden.

Eigentlich kommt ein gesunder Magen-Darm-Trakt mit Histamin gut zurecht und schafft auch mal einen italienischen Abend mit Gorgonzola-Pizza und Chianti. Er hat die DAO-Enzyme, die Nahrungs-Histamin im Darmtrakt abbauen, und weitere wichtige Helfer, wie den schützenden Darmschleim oder Substanzen der Darmflora (Butyrate), die Histamin ebenfalls unschädlich machen können.

Und dennoch muss man heutzutage lange suchen, um einen wirklich gesunden Magen-Darm-Trakt zu finden. Nur einige Probleme, die viele Menschen quälen und in die Praxen treiben, sind:

• Blähbäuche wie im siebten Schwangerschaftsmonat

• Verstopfung

• breiiger Stuhl und Durchfälle

• Dauer-Flatulenz (ständiges Pupsen)

• Krämpfe

• Völlegefühl

• Sodbrennen

Lebensmittel ohne Histamin

Die Liste der Lebensmittel ohne Histamin ist sehr übersichtlich: Wasser, reines Pflanzenöl, raffiniertes Salz und raffinierter Zucker. Alles andere, was auf den Tisch kommt, hat mehr oder minder große Anteile an Histamin.

Nach vielen Monaten oder sogar Jahren der Ärzte-Odyssee wird dann endlich eine Magen-Darm-Spiegelung gemacht, die oftmals nichts Erhellendes ergibt. Per Zufall gerät der verzweifelte Patient dann an einen, der sagt: »Wir messen noch mal Ihre Diaminoxidase, sonst fällt mir nichts mehr ein. Außer der Überweisung zum Psychiater.«

Liegt der Diaminoxidase-Wert im Blut gemessen dann bei 8 U/ml (Normwert > 10 U/ml) – heißt es dann: »Ah, wir haben jetzt eine Diagnose. Sie sind histaminintolerant – meiden Sie ab sofort dies und das. Damit müssen Sie jetzt leben. Und nehmen Sie DAOSIN®, künstliche Diaminoxidasen aus der Apotheke. Ich habe so etwas Ähnliches – Laktoseintoleranz, ich nehme Lactrase®. Leider werden diese Medikamente von der Kasse nicht übernommen.«

Und schon glaubt der Patient, Histamin in der Nahrung sei sein Problem und hält sich fortan möglichst an die Verbotslisten. Wer diese Diagnose bekommt, hat zumindest das Mitgefühl der Umgebung auf seiner Seite. Denn von nun an ist es vorbei mit italienischen Abenden, bayrischen Brotzeiten und anderen Genüssen. Stattdessen bestimmen seitenlange Listen über erlaubte und verbotene Nahrungsmittel das Leben. Nur in den wirklich sehr seltenen Fällen von genetisch bedingtem DAO-Mangel, der sich als DAO-Wert von weniger als 3 U/ml zeigt, gibt es durch Nahrungsverbote eine dauerhafte Heilung. In den meisten Fällen aber nicht, weil ein DAO-Mangel fast immer tiefer liegende Gründe hat, auf die wir in diesem Buch ausführlich zu sprechen kommen werden.

Der verlorene Schlüssel

»Unter einer Straßenlaterne steht ein Betrunkener und sucht und sucht. Ein Polizist kommt daher, fragt ihn, was er verloren habe, und der Mann antwortet: »Meinen Schlüssel.« Nun suchen beide. Schließlich will der Polizist wissen, ob der Mann sicher ist, den Schlüssel gerade hier verloren zu haben, und jener antwortet: »Nein, nicht hier, sondern dort hinten – aber dort ist es viel zu finster.«

aus: Paul Watzlawick »Anleitung zum Unglücklichsein«

So verhält es sich auch mit der Histamindiagnostik: Die Lösung eines Problems wird an der falschen Stelle gesucht, weil es Mühe macht weiterzudenken und sich auf unbekanntes Terrain zu begeben. Übrigens ein häufiges Phänomen in der Schulmedizin.

Die funktionelle Medizin hingegen versucht, Stoffwechselstörungen aus der Sichtweise des Körpers zu betrachten. »Was bezweckt der Organismus, wenn er Histamin in hohen Mengen ausschüttet?«, ist eine zentrale Frage, die wir uns immer wieder gestellt haben. In den letzten zehn Jahren haben wir viele Hundert Untersuchungen des Histaminstoffwechsels durchgeführt. Bei Menschen mit und ohne Magen-Darm-Beschwerden. Dabei beschränkten wir uns nicht wie üblich auf die Untersuchung der DAO, sondern schauten uns den gesamten Prozess an.

Mit der Zeit ergaben sich immer wieder Konstellationen, die nicht ins Lehrbuch passten. Wir stellten fest, dass eine hohe Histaminbelastung im Darm, im Blut oder im Urin nicht zwangsläufig mit einer Verminderung der Diaminoxidase(aktivität) oder einer Allergie einhergeht. Es gab Patienten mit sehr niedriger DAO, die aber keinerlei Probleme hatten beim Verzehr von Thunfischpizza mit Gorgonzola, sowie Menschen mit normaler DAO und einem hohem Histaminspiegel. Zudem fiel uns auf, dass hohe Histaminwerte auch bei vielen chronischen Erkrankungen vorkamen, zum Beispiel bei autoimmunen Schilddrüsenerkrankungen, Osteoporose, Pyrrolurien, Burnout-Syndrom, Chronic Fatigue Syndrome, Schwindel, plötzlichen Ohnmachtsattacken, Hormonstörungen, ADHS, Depressionen und Panikattacken.

Wie passt das alles zusammen? Die Erklärung ist eigentlich simpel und logisch: Es wird bei der Erfassung von Histaminstörungen nicht korrekt und vor allem nicht gründlich genug untersucht. In aller Regel wird nur die DAO im Blut bestimmt. Ein weiterer Irrtum. Und leider halten sich Irrtümer in der Medizin sehr hartnäckig und machen nur sehr langsam der Wahrheit Platz.

Kein Leben ohne Histamin


Die Evolution muss sich etwas dabei gedacht haben, wenn sie ein einziges Molekül eine so große Rolle in der gesamten belebten Natur spielen lässt und es zudem mit enormer Robustheit ausgestattet hat. Weder große Hitze noch extreme Kälte, starke Säuren oder Basen können ihm wirklich etwas anhaben. Durch Kochen oder Braten lässt es sich nicht zerstören. Welcher Naturstoff kann da schon mithalten?


In der Pflanzenwelt dient Histamin der Abwehr von Fressfeinden. Wusstest du, dass die Brennnessel sehr viel Histamin enthält und der Hautkontakt mit ihren Blättern zur sogenannten Urtikaria, im Volksmund Nesselsucht genannt, führt? In der Tierwelt ist es ähnlich, denn viele Tiergifte enthalten Histamin zum Schutz vor Feinden.

Wir nehmen dich nun mit auf eine Reise in die spannende Welt des Histaminstoffwechsels. Dazu benötigst du ein wenig Rüstzeug. Das heißt, wir vermitteln zunächst einige biologische und physiologische Grundlagen. Biologen und Histamin-erfahrene Mediziner mögen es uns nachsehen, dass wir an der einen oder anderen Stelle die Zusammenhänge ein wenig vereinfachen. Wer Lust auf mehr Fachinformation und wissenschaftliche Aufsätze hat, der findet im Anhang ausreichende Literaturempfehlungen zum Vertiefen.

Histamin hat gleich zwei große Aufgabenbereiche von der Natur übertragen bekommen. Es wirkt:

1. als Gewebshormon, das an allen Organsystemen Wirkungen entfalten kann

2. als Neurotransmitter, der im zentralen und peripheren Nervensystem Informationen überträgt


Der Bauplan von Histamin ist sehr überschaubar: Der Grundbaustoff ist die Aminosäure Histidin. Diese wird in nur einem einzigen Umbauschritt durch das Enzym Histidin-Decarboxylase in Histamin umgewandelt. Hierfür ist aktives Vitamin B6 als Hilfsstoff notwendig. Überall in der Natur läuft diese Synthese gleich ab, sei es in Pflanzen, in Tieren oder im Menschen.

Der sehr kurze Syntheseweg hat einen entscheidenden Vorteil: Histamin ist jederzeit schnell verfügbar, auch wenn es plötz.lich vermehrt gebraucht wird. Die Speicher für Histamin sind dadurch in der Regel immer gut gefüllt.

Die Aminosäure Histidin

Histidin ist eine Aminosäure, die der Körper nur bedingt selbst herstellen kann. Es kommt aber in fast allen Nahrungsmitteln vor, in großen Mengen in Fleisch, Sojabohnen, Mais und Weizenkeimen. Neben der Synthese für Histamin, wird Histidin auch für die Herstellung von Carnosin benötigt, ein wichtiger Schutzfaktor gegen oxidativen Stress.

Die Histamin-Rezeptoren

Histamin wirkt in erster Linie über Rezeptoren, d. h. um eine Reaktion auszulösen, muss es an einer Körperzelle mit einem Histamin-Rezeptor andocken. Bislang sind vier verschiedene Rezeptortypen und die über sie vermittelten verschiedenen Wirkungen bekannt:


H1-Rezeptoren:

• Darm: Kontraktion der Darmmuskulatur

• Bronchien: Kontraktion der Bronchien

• Blutgefäße: Gefäßerweiterung der kleinen Arterien und Gefäßverengung der kleinen Venen

• Nerven: Schmerz und Juckreiz

• Zentrales Nervensystem: erhöhte Wachheit

• Nebenniere: Ausschüttung von Adrenalin

• Weiße Blutkörperchen: Steigerung der Immunantwort

• Eierstöcke: Ausschüttung von Östrogen

• Gebärmutter: Kontraktion und Einnistung der Eizelle

H2-Rezeptoren:

• Magenschleimhaut: Sekretion von saurem Magensaft

• Herz: Steigerung des Herzschlags und der Pumpkraft

• Skelettmuskeln: Erhöhung der Muskelanspannung

• Immunsystem: Verstärkung der Abwehr

H3-Rezeptoren:

• Zentrales Nervensystem: erhöhte Wachsamkeit und Konzentration

• Peripheres Nervensystem: Hemmung der Ausschüttung von Serotonin, GABA (Gamma-Aminobuttersäure) und Acetylcholin

• Zentrales Nervensystem: Regulation von Hunger- und Durstgefühl

H4-Rezeptoren:

• Immunsystem: Steigerung der zellulären Immunabwehr

• Hautzellen: erhöhte Entzündungsbereitschaft

Aus der Erforschung der Histamin-Rezeptoren erhoffen sich Wissenschaftler neue therapeutische Ansätze zur Behandlung von Erkrankungen, wie Depressionen, Morbus Parkinson, Alzheimer, Psoriasis und Neurodermitis.

Kein Hormon im Körper hat so umfassende Möglichkeiten der Einflussnahme auf verschiedene Zellfunktionen. Histamin kann auf jedes Organsystem eine Wirkung ausüben. Bereits ganz zu Beginn unseres Lebens kommt eine im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtige Funktion von Histamin zum Tragen: Wenn die befruchtete Eizelle sich in die Gebärmutter einnisten möchte, kann sie dies nur in Anwesenheit von Histamin tun.

Dreierlei Histamin

Unser Organismus muss sich ständig mit Histamin aus drei verschiedenen Quellen auseinandersetzen:

1. mit Mastzellen-Histamin, das in den Mastzellen (und ähnlichen Zellen) produziert wird

2. mit Gehirn-Histamin, das in speziellen Nervenzellen und Mastzellen im Hypothalamus hergestellt wird

3. mit Nahrungs-Histamin, das wir zwangsläufig mit der Nahrung zuführen, da Histamin in der gesamten belebten Natur vorkommt

Es ist natürlich chemisch betrachtet immer der gleiche Stoff, aber um Histamin-Erkrankungen zu verstehen, müssen wir diese getrennt betrachten.

Mastzellen-Histamin


Die Mastzellen sind die wichtigsten Histamin-Produzenten. Sie gehören mit zu den ältesten Immunzellen. Bereits Lebewesen vor ca. 500 Millionen Jahren hatten Mastzellen. Man findet sie, anders als andere Immunzellen, nur selten im Blut; sie sitzen überwiegend im Gewebe in der Nähe von Blutgefäßen und Nerven, vor allem in:

• Haut

• Schleimhaut

• Lunge und Bronchien

• Gehirn

• Magen-Darm-Trakt

• Eierstöcken

• Gebärmutter

Sie sind die Zellen deines Immunsystems, die am schnellsten auf eine Bedrohung reagieren. Du kannst dir Mastzellen als kleine Wachposten mit einem großen Waffenarsenal vorstellen. Auf bestimmte Kommandos feuern sie und geben ihre Botenstoffe, auch Mediatoren genannt, ins Blut ab. Diese sind u. a.:

• Histamin

• Heparin

• Tryptase

• Serotonin

• ECP

• Leukotriene

• Chromogranin A

Insgesamt gehen Forscher von mehreren Hundert Botenstoffen aus. Histamin hat unter allen jedoch eine herausragende Stellung. Es ist nicht nur die häufigste, sondern auch die biologisch stärkste Substanz in den Mastzellen. Da eine Histaminfreisetzung starke Auswirkungen haben kann, darf diese nicht ohne triftigen Grund erfolgen. Daher hat die Natur dafür gesorgt, dass es extra gesichert ist. Es sitzt in kleinen Bläschen abgekapselt und durch das Spurenelement Zink gekettet an Heparin in der Mastzelle.

Gehirn-Histamin

Das Histamin im Gehirn ist ein Neurotransmitter und wird von spezialisierten Nervenzellen und Mastzellen im Hypothalamus gebildet. Wissenschaftler vermuten zudem, dass Histamin auch aus dem Blutkreislauf über die (intakte) Bluthirnschranke ins Gehirn übertreten kann.

Aus der Forschung wissen wir, dass Histamin für folgende Funktionen im Gehirn mitverantwortlich ist:

• Schlaf-Wach-Rhythmus

• Lernfähigkeit und Gedächtnis

• Belohnung

• Nahrungsaufnahme (Hunger/Durst)

• Angst und Erregung

• Thermoregulation

• Konzentration

Histamin ist einer der wichtigsten Neurotransmitter im zentralen Nervensystem, kann aber über lange Nervenfasern (Axone) seinen Einfluss auch im peripheren Nervensystem entfalten. Du kennst sicherlich andere Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin, Acetylcholin oder GABA. Histamin steht in enger Kommunikation mit diesen und hat so großen Einfluss auf deine Emotionen, deine Konzentration und deinen Antrieb. Diesem Aspekt von Histamin wird in der Medizin, vor allem in der Neurologie und Psychiatrie, noch viel zu wenig Beachtung geschenkt. Dr. William Walsh, ein Schüler von Dr. Carl Pfeiffer, forscht in Chicago zum Einfluss von Histamin auf die Entstehung und den Verlauf von Depressionen, Angststörungen, Zwängen und schweren Psychosen. Wir durften ihn in Chicago persönlich kennenlernen und waren von seinen fundierten wissenschaftlichen Studien sehr beeindruckt. Seine Erkenntnisse prägen unsere Praxisarbeit.


Nahrungs-Histamin

Da Histamin überall in der Natur vorkommt, finden wir es auch praktisch in jedem Lebensmittel. Auch wenn einige Obst- und Gemüsesorten, etwa Tomaten, Spinat, Avocados, Erdbeeren und Zitrusfrüchte von Natur aus einen relativ hohen Histamingehalt haben, führen vor allem Verarbeitungsprozesse wie Gärung, Konservierung und Reifung dazu, dass sich der Histaminanteil erhöht. Typische Histamin-Bomben sind zum Beispiel diese:

• Essig

• lange gelagerte Nüsse

• Dosenfisch und Dosenfleisch

• Salami und andere verarbeitete Wurstwaren

• lange gereifter Käse, zum Beispiel Roquefort, Parmesan

• Ketchup

• Alkohol, besonders Rotwein, Sekt und Champagner

• Fertigsaucen

• Convenience Food

• Fast Food

Der Anteil an Histamin schwankt allerdings sehr stark, da es ein Naturstoff ist. Auch aus diesem Grund machen Nahrungsmittellisten wenig Sinn. Die durchschnittliche Ernährung hat infolge der zunehmenden Industrialisierung der Lebensmittelbranche heute einen sehr hohen Anteil an Histamin. In der Nahrung unserer Vorfahren kamen die Mengen, wie wir sie heute täglich verzehren, nicht vor. Es gab kein Dosenfutter, Ketchup, Convenience und Fast Food. Für die Wintermonate wurde Gemüse eingelegt, ansonsten aß man frisch, regional und vor allem unverarbeitet. Als im 19. Jahrhundert die ersten Fischkonserven auf den Markt kamen, gab es bald auch die ersten Berichte über entsprechende »Vergiftungen«.

Auch wenn wir bei allen Histaminosen zunächst einmal eine histaminarme Kost empfehlen, ist bei systemischen Histamin-Erkrankungen das Mastzellen- und Gehirn-Histamin das Problem, und nicht das Nahrungs-Histamin. Die häufig ausgesprochene Empfehlung, sich histaminarm zu ernähren, kann nicht das Ende der Therapie sein, sondern nur der Anfang. Das Ziel muss es sein, Ernährungseinschränkungen möglichst überflüssig werden zu lassen.

Von DAO, MAO und HNMT


Wenn Histamin seine Mission erfüllt hat, muss auch wieder Ruhe in den Organismus einkehren. Dafür gibt es zwei Enzymgruppen, die überschüssiges Histamin abbauen:

• Diaminoxidasen (DAO)

• Histamin-N-Methyl-Transferasen (HNMT)

Die Diaminoxidase (DAO)

Diese Enzymgruppe wird vor allem in der Dünndarmschleimhaut gebildet und in das Darmlumen abgegeben. Dort patrouillieren die DAO auf der Suche nach Arbeit auf und ab. Sie bestehen überwiegend aus Kupfer und benötigen als Cofaktoren Vitamin B6 (Pyridoxal-5-Phosphat), Zink und ein wenig Mangan. Sind sie gut versorgt, bauen sie anflutendes Histamin aus der Nahrung oder auch aus Darmbakterien in der Regel zuverlässig zu Imidazol-Acetaldehyd ab, welches nach einem weiteren enzymatischen Schritt als Imidazol-Essigsäure über den Urin ausgeschieden wird. Eigentlich war Histamin für die DAO in den vielen Jahren der Evolution nicht die hauptsächliche »Beute«. Sie waren in erster Linie für die Entsorgung anderer, für uns schädlicher biogener Amine zuständig, nämlich:

• Cadaverin

• Spermidin

• Putrescin

Diese Substanzen entstehen beim Verderb von Lebensmitteln. In den Jahrtausenden der Evolution ohne Kühlschrank und Gefrierfach war die DAO unser Schutz vor einer häufig tödlich verlaufenden Lebensmittelvergiftung. Daher waren DAO-Enzyme auch in vielen Jahren eher histaminarmer Ernährung nie arbeitslos. In unseren modernen Zeiten mit Smart-Kühlschränken mussten sich die Darm-Diaminoxidasen neu anpassen und umlernen. Mangels relevanter Mengen anderer biogener Amine überwachen sie jetzt quasi nur noch den Histaminabbau im Darm.

Ein weiteres wichtiges Betätigungsfeld der DAO ist die Gebärmutter und während der Schwangerschaft auch die Plazenta. In beiden Organen befinden sich viele Mastzellen. Ihre Zahl und Aktivität schwankt unter dem Einfluss von Östrogen und Progesteron. Während der monatlichen Blutung, bei der Gewebe der Gebärmutterschleimhaut abgestoßen wird, wird Mastzellen-Histamin in die Gebärmutterhöhle freigesetzt und dort von der DAO abgebaut. Ein zu hoher Histaminspiegel in der Gebärmutter und in der Plazenta kann Frühwehen auslösen, dies gilt es zu verhindern. Zudem muss auch der Fötus selbst vor zu viel Histamin geschützt werden. Aus diesem Grund steigt im Verlauf der Schwangerschaft die Anzahl der DAO-Enzyme bis zu 300-fach an. Dieser Effekt tritt allerdings erst etwa ab der 13. Schwangerschaftswoche ein. Wir kommen auf diesen enorm wichtigen Aspekt noch später zu sprechen.


Die DAO baut also in erster Linie Nahrungs-Histamin und Histamin in der Gebärmutter ab. Aber auch in der Niere – unserem Blutreinigungsorgan – sitzen jede Menge Diaminoxidasen, die, während das Blut gefiltert und rückresorbiert wird, ebenfalls noch Histamin abbauen können. Daher ist eine ausreichende Trinkmenge so enorm wichtig bei Histamin-Erkrankungen.

Die Histamin-N-Methyl-Transferase (HNMT)

Histamin-N-Methyl-Transferasen befinden sich im Gegensatz zur DAO innerhalb der Zellen, oft in der Nähe der Histamin-Rezeptoren, und kümmern sich in erster Linie um den Abbau von körpereigenem, selbst produziertem Histamin (Mastzellen- und Gehirn-Histamin). Mehr als die Hälfte des täglich anfallenden Histamins gehen damit zulasten der HNMT. Diese Enzymgruppe ist daher viel mehr gefordert als die DAO. Darüber hinaus ist sie auch für den Abbau von Histamin zuständig, wenn die DAO ihren Job nicht schafft. Dann gelangt überschüssiges Histamin aus dem Darm ins Blut und wird in der Leber über die HNMT abgebaut.


Der Umfang der Synthese von HNMT und damit des Abbaus von körpereigenem Histamin hängt in erster Linie von der Methylierungsfähigkeit unseres Körpers ab. Die Methylierung ist ein Stoffwechselprozess, bei dem ein Molekülteil, bestehend aus einem Kohlenstoff- und drei Wasserstoffatomen (sogenannte Methylgruppe), von einem Molekül auf ein anderes übertragen wird. Die Entgiftung von Histamin über HNMT erfolgt im ersten Schritt über die Methylierung des Histamins, d. h. das Anfügen einer Methylgruppe.

Dreh- und Angelpunkt des Histaminabbaus über die HNMT ist die Synthese von s-Adenosylmethionin (SAM/SAMe). Diese chemische Verbindung ist der wichtigste Methylgruppenüberträger, den wir haben. Seine ausreichende Produktion ist die zwingende Voraussetzung für den regelrechten Abbau von körpereigenem Histamin, aber auch für die Bildung von Neurotransmittern, wie Adrenalin und Melatonin, für die Entgiftung und für viele andere Prozesse. Daher möchten wir ein wenig detaillierter darauf eingehen.

Der Methylierungszyklus läuft fast in jeder Körperzelle ab und regelt die optimale Bereitstellung von Methylgruppen. Er besteht im engeren Sinne aus dem Methionin- und dem Folsäure-Zyklus; im weiteren Sinne auch aus dem Biopterin-Zyklus. Der Methioninzyklus sichert die Bereitstellung des wichtigsten Methylgruppen-Übertrages, des s-Adenosylmethionins (SAMe). Ausgangspunkt ist die essenzielle Aminosäure Methionin. Diese wird unter Verbrauch von Mangan, Magnesium, Vitamin B12 und mitochondrialem ATP zu SAMe. Sobald dieses wiederum seine Methylgruppe abgibt, zum Beispiel an das HNMT, wird es zu S-Adenosyl-Homocystein, das wiederum in einem weiteren Schritt zu Homocystein enzymatisch umgewandelt wird. Dieses neurotoxische und gefäßschädigende Molekül wird über drei Wege abgebaut, zwei davon recyceln es über den Verbrauch von B12/Folat bzw. Betain/Cholin zu Methionin zurück. Im dritten Weg wird Homocystein unter Verbrauch von Vitamin B6 in Cystathionin und Cystein umgewandelt und weiter zu Glutathion und Taurin umgebaut.

Bei der Methylierung spielen vor allem die Enzyme MTHFR, CBS und MAT eine entscheidende Rolle. Der sehr häufig vorkommende Polymorphismus beim MTHFR-Gen kann die Methylierung nachhaltig stören und somit auch den Histaminabbau beeinträchtigen.


Monoaminoxidase B (MAO-B)

Monoaminoxidasen (MAO) sind ebenfalls am Abbau von körpereigenem Histamin beteiligt, allerdings erst im allerletzten Schritt. N-Methyl-Histamin, methyliertes Histamin, wird durch das Enzym MAO-B in N-Methyl-Imidazol-Essigsäure abgebaut und dieses dann über den Urin ausgeschieden. Die MAO haben aber eigentlich noch viele weitere Aufgaben, wie zum Beispiel auch den Abbau von Tyramin, das vor allem nach dem Verzehr von Schokolade und Käse anfällt.

WENN DAS FASS üBERLäUFT: HISTAMINOSEN

Der Mensch ist ein lebendiges System, das sich ständig an seine Umwelt anpassen muss. Dadurch kommt es kurzfristig zu Veränderungen, wie beispielsweise einem Anstieg der Körpertemperatur oder des Blutdrucks. Wenn es zu einer Abweichung kommt, beispielsweise Fieber, verfügt der Körper über Regulationsmethoden (zum Beispiel Schwitzen, Schüttelfrost), um bestimmte Werte wieder zurück zum Sollwert zu bringen. Die Natur hat dafür ausgeklügelte Systeme, die sich in Millionen von Jahren der Evolution entwickelt und bewährt haben.


Ist der Mensch gesund, regelt der Körper dieses im Allgemeinen selbstständig ohne Eingriff von außen. Einen akuten Anstieg des Histaminspiegels, zum Beispiel weil uns ein Insekt gestochen hat, kann der Körper normalerweise gut selbstständig in den Griff bekommen. Nach wenigen Tagen ist die Schwellung vorüber, der Juckreiz und die Schmerzen lassen nach.

Ein chronisch hoher Histaminspiegel bedeutet für den Körper hingegen ein Zustand wie ein Heer unter Dauerbeschuss. Zur Verteidigung erhalten alle Zellen Befehle – und der Generalbefehl lautet: »Achtung, seid bereit, ihr seid bedroht!«

• Nervenzellen: Seid wachsam und konzentriert!

• Muskelzellen: Seid angespannt!

• Herzmuskelzellen: Schlagt kräftig und schnell!

• Schleimhautzellen: Werdet den Feind schnell wieder los durch Durchfall, Husten und vermehrte Magensäure.

Der Körper kann aus eigener Kraft nicht mehr einen gesunden Histaminspiegel wiederherstellen. Er hat die Fähigkeit zur Regulation verloren. Dieser Daueralarmzustand kann einzelne oder mehrere Organsysteme betreffen und zeigt sich durch entsprechende Symptome. Diesen Zustand nennen wir Histaminose.

Histaminose = Histaminzufluss > Histaminabfluss

Nur der Vollständigkeit halber möchten wir kurz erwähnen, dass es auch das Gegenteil gibt: zu wenig Histamin im Körper. Dieser Zustand heißt »Histapenie«. Er kommt deutlich seltener vor als die Histaminosen, daher gehen wir hier nicht weiter darauf ein.

Je nachdem, wo genau der Fehler im System liegt – eher auf der Zufluss- oder auf der Abflussseite, lassen sich die Histaminosen klassifizieren (siehe Abbildung).


Ein Problem bei der Verstoffwechselung oder der Freisetzung von Histamin ist keine Histaminintoleranz, sondern eine Histaminose. Wir möchten daher im Folgenden nur diesen Begriff verwenden.

Was lässt das Histamin-Fass überlaufen?


Wenn die »Abflussrohre«, unsere DAO und HNMT, verstopft oder nicht richtig aufgedreht sind, und das Fass dabei ständig Nachschub erhält, läuft es irgendwann über. Genauso verhält es sich auch mit unserem Körper.

Schauen wir uns also genauer an, welche Ursachen auf der Abflussseite die häufigsten sind, die das Histamin-Gleichgewicht chronisch aus der Bahn werfen, sodass der Körper von alleine nicht wieder in die Balance zurückfindet. Es gibt sechs verschiedene Ursachen für Defekte bei/Mangel an den histaminabbauenden Enzymen, die teilweise einfach, teilweise kompliziert, zu beheben sind.

Abflussstörung 1: Mikronährstoffmängel

Enzyme benötigen zum einen Baustoffe, aber auch große Mengen an Betriebsstoffen (Coenzyme), um zu funktionieren.

• Die wichtigsten Bau- und Betriebsstoffe für die DAO sind Kupfer, Vitamin B6, Zink und Mangan.

• Die wichtigsten Betriebs- und Betriebsstoffe für die HNMT sind die Substrate für die Bildung von SAMe: Methionin, Magnesium, Mangan, Eisen, Coenzym Q10, Vitamin B2, Vitamin B6 und Folat, Vitamin B3 sowie Vitamin B12.

Ausnahmslos alle unsere Patienten mit Histaminosen haben zu Beginn der Behandlung bei uns im Labor nachweisbare gravierende Defizite an mindestens zwei dieser essenziellen Nährstoffe. Es ist wirklich einfach zu verstehen: Ohne diese Stoffe, kann ein regelrechter Histaminabbau nicht stattfinden. Ein Mikronährstoffmangel bedeutet, dass die Abflüsse nicht voll aufgedreht bzw. verstopft sind. Folgende Faktoren führen zu einem erhöhten Mikronährstoffbedarf und somit in der Folge häufig zu einem Mangel, der durch die Ernährung allein nicht ausgeglichen werden kann:

• erhöhtes Körpergewicht

• chronischer Stress

• Nikotinmissbrauch

• bestimmte genetische Besonderheiten, zum Beispiel Pyrrolurien (KPU/HPU)

• chronische Erkrankungen

• Lebensstil, zum Beispiel häufig Sport und Sauna

• regelmäßiger Alkoholgenuss

• besondere Lebensumstände wie Schwangerschaft und Stillzeit

• besondere Ernährungsformen wie vegane, carnivore oder einseitige Ernährungsweise

• dauerhafte Medikamenteneinnahme

Eine Reihe gängiger Arzneimittel sind massive Vitamin- und Mineralienräuber. Das ist kein Problem, wenn diese nur einige Tage eingenommen werden müssen. Bei Dauereinnahme sehen wir oft medikamentenbedingte Mikronährstoffmängel, die sich direkt auf den Histaminstoffwechsel auswirken können. In der Tabelle sind einige Beispiele aufgelistet.

Durch Medikamente bedingte mögliche Mangelzustände an Mikronährstoffen


Grundsätzlich sollte jeder, der längere Zeit auf Medikamente angewiesen ist, regelmäßig einen Mikronährstoffstatus erstellen lassen, damit man rechtzeitig auf einen eventuellen Mangel aufmerksam wird.

Abflussstörung 2: Medikamente – der unterschätzte Faktor

Neben den Medikamenten, die über einen Raub an Mikronährstoffen den Histaminabbau behindern, gibt es auch Medikamente, die die DAO und die HNMT direkt blockieren können. Einige bekannte und oft gebrauchte Arzneimittel wirken als DAO-Blocker:

• N-Acetylcystein (ACC, Hustenlöser)

• Amitryptilin (Antidepressivum)

• ASS (Aspirin®)

• Metamizol (Novalgin®)

• Diazepam (Valium®)

• Prilocain (Lokalanästhetikum)

Diese häufig verabreichten Arzneimittel blockieren die Bindungsstelle für Histamin am HNMT-Enzym:

• Chloroquin (Anti-Malaria-Mittel, das auch ein mögliches Therapeutikum bei Covid-19 Erkrankungen sein kann)

• Tacrine (Alzheimer-Medikament)

• Diphenhydramin (H1-Blocker, ironischerweise)

Es gibt darüber hinaus noch viele weitere Präparate, die die histaminabbauenden Enzyme blockieren. Wir verweisen hier auf die Medikamentenlisten der Schweizer Patienteninfoportale www.histaminintoleranz.ch sowie www.mastzellaktivierung.info.

Abflussstörung 3: Säure-Basen-Ungleichgewicht

Insbesondere die Umgebung der DAO unterliegt starken Schwankungen des pH-Werts. Im oberen Dünndarm herrscht ein eher pH-neutrales Niveau vor, d. h. der pH-Wert des Magensafts von pH 1 bis 2 (sehr sauer) mischt sich mit dem Nahrungsbrei und mit den Verdauungssäften der Bauchspeicheldrüse und den Gallensäuren von pH 7 bis 8 (basisch). Dies ergibt in der Regel einen pH-Wert von 6,5 bis 7,0.

Die Auswertung von vielen Hundert Stuhluntersuchungen hat ergeben, dass ein normaler pH-Wert selten ist. Die meisten Kranken haben einen viel zu alkalischen Stuhl-pH, der bei 7,5 oder höher liegt. Dies begünstigt nicht nur das Wachstum von pathologischen Keimen (u. a. auch von histaminbildenden) und Pilzen, sondern schwächt zudem die DAO. Viele Medikamente, wie zum Beispiel Säureblocker, können das Säure-Basen-Gleichgewicht im Dünndarm stören und so die DAO in ihrer Aktivität einschränken. Auch die DAO in der Gebärmutter kann durch Säure-Basen-Störungen in ihrer Aktivität beeinträchtigt werden.

Abflussstörung 4: Untertemperatur

Der Internist Dr. Carl Wunderlich befasste sich vor etwa 150 Jahren intensiv mit der Körpertemperatur des Menschen. Er führte ca. eine Million Messungen bei etwa 25.000 Menschen durch und fand so heraus, dass bei Gesunden die Körperkerntemperatur – rektal oder oral gemessen – bei ca. 37 Grad liegt.

Diese Betriebstemperatur von 37 Grad hält der Körper in der Regel konstant. Das ist auch wichtig, denn bei einer nur leichten Untertemperatur, zum Beispiel von 36,3 Grad können Enzyme, auch die DAO und HNMT sowie MAO, und andere Hormone nicht optimal arbeiten. Interessanterweise ist die Körpertemperatur der meisten Menschen heute in etwa 0,5 Grad niedriger als 1850, zur Zeit von Wunderlichs Messungen. Warum dies so ist, kann nur gemutmaßt werden. Bewegungsmangel, Lichtmangel und das Leben in überwiegend geschlossen Räumen werden als Ursachen vermutet.

Unsere Temperaturregler sind der Hypothalamus sowie die Schilddrüse. Normalerweise vergleicht der Hypothalamus über Sensoren die Solltemperatur mit der tatsächlichen Temperatur und reguliert nach Art eines Thermostats auf die Normaltemperatur zurück. Dass die Schilddrüse an der Temperaturregelung mit beteiligt ist, sehen wir nach vielen Jahren Schilddrüsentherapie. Wir konnten daraufhin bei vielen Menschen, die vorher an Hypothermie litten, eine Erhöhung der Körpertemperatur, eine Verbesserung des gesamten Stoffwechsels und auch eine messbare Steigerung der DAO-Aktivität feststellen.

Abflussstörung 5: Alkohol, Nikotin und Koffein

Alkohol hat einen festen Platz in unserer Gesellschaft. Trinken gehört zum guten Ton. Wer nicht mitmacht, ist schnell Außenseiter, besonders unter Jugendlichen. Wenn wir unseren Patienten mit Histaminosen erklären, dass wir eigentlich nur ein einziges wirkliches Verbot aussprechen, nämlich den Konsum von Alkohol, ist die Reaktion in der Regel ein kleiner Schock. Mit umfangreichen Nahrungsverboten von »histaminreichen« Lebensmitteln kommen viele besser zurecht, als wenn man das ihnen geliebte Glas Rotwein am Abend oder das Bier nach dem Sport »wegnimmt«. Von daher ist es enorm wichtig zu verstehen, warum wir so streng sind:

Alkohol fügt fünffachen Schaden zu, denn:

1. alkoholische Getränke haben in der Regel einen hohen Histamingehalt

2. Alkohol blockiert die DAO

3. Alkohol kann als Histamin-Liberator in den Mastzellen wirken

4. Alkohol ist ein Vitalstoffräuber an Vitamin C, Vitamin B6, Folat, Zink und Magnesium

5. regelmäßig konsumiert, kann Alkohol die empfindliche Darmschleimhaut schädigen

Was das Nikotin angeht, hat es nicht nur toxische und krebsbegünstigende Wirkungen, sondern es ist auch ein starker DAO-Blocker, während es gleichzeitig viel Histamin im Körper freisetzt.

Koffein aus Schwarztee und Kaffee kann ebenfalls die DAO hemmen, sodass diese Getränke idealerweise auch gemieden werden sollten. Die gute Nachricht: Koffeinfreier Kaffee und schwarzer Tee in kleinen Mengen sind in der Regel kein Problem.

Abflussstörung 6: schlechte Gene

In den letzten Jahren ist es für jedermann möglich und erschwinglich geworden, einen Blick in sein Erbgut zu werfen. Zwar nicht in Deutschland, da steht die Gen-Diagnostik immer noch aufgrund des strengen Gendiagnostik-Gesetzes unter Vorbehalt eines Arztes. Doch einige ausländische Unternehmen, die ihre Dienste auch leicht zu finden im Internet anbieten, machen es möglich: Nach dem Versand einer Speichelprobe erhält man nach einigen Wochen einen Überblick über einen kleinen Teil seiner Gene. Solche Genanalysen sind zwar vergleichsweise günstig, aber von sehr geringem Nutzen für den Laien. Dieser kann mit den Angaben zu dem Verhalten seiner COMT- oder MAO-Gene kaum etwas anfangen. Auch die Frage, ob jemand mit einer homozygoten MTHFR-Mutation in der Lage ist, ausreichende Mengen SAMe aufzubauen, lässt sich über einen solchen Gentest nicht beantworten.


Tatsächlich können die Gene, die für die Bildung der Methylgruppen entscheidend sind (zum Beispiel das MTHFR-Gen) oder für die Bildung von DAO und HNMT, direkt von Veränderungen betroffen sein. Studien besagen, dass je nach Bevölkerungsgruppe unterschiedliche Gene in unterschiedlichem Ausmaß beeinträchtigt sein können. Die wissenschaftliche Datenlage ist hier allerdings auch sehr widersprüchlich, denn ein Gendefekt bedeutet nicht zwingend ein Histaminproblem. Daher bringen genetische Tests unserer Meinung nach wenig Hilfe. Die Epigenetik, also die Gesamtheit von Lebensstil, Umwelt, Ernährung und anderen Faktoren, die auf unsere Gene und ihre Aktivität großen Einfluss haben, kann nicht durch einen Gentest erfasst werden, wohl aber durch eine Blut- oder Urin-Labordiagnostik der Methylierung. Darauf kommen wir im weiteren Verlauf noch einmal zu sprechen.

Darm-Histaminosen

Der Darm ist mit einer Gesamtoberfläche von ungefähr 250 Quadratmetern ein Tummelplatz für ein Universum an Kleinstlebewesen, fachsprachlich ein Mikrobiom. 400 bis zu 1000 verschiedene Bakterienarten und insgesamt über 100 Billionen einzelne Bakterien leben hier (zum Vergleich: Die Anzahl unserer Körperzellen beträgt 80 bis 100 Billionen).

Dieses menschliche Mikrobiom ist ein sensibles Ökosystem und besteht aus verschiedenen Keimgattungen. Bekannte für die menschliche Gesundheit notwendige Bakterienarten sind zum Beispiel Escherichia coli, Enterococcus spec., Lactobacillus spec., Bacteroides spec., Bifidobacterium spec. Diese spielen eine wichtige Rolle bei der Aufspaltung von Nahrung, beim Abbau von Gallensäuren, bei der Regeneration und der Bildung von Vitaminen wie Vitamin K, B12 und Biotin sowie bei der Immunabwehr.

Der Bakterien-Typ

Unter den Darmbakterien gibt es einige, die selber Histamin bilden und so den Histaminspiegel im Darm ansteigen lassen können. Der Bakterien-Typ leidet unter einer Histaminose, die auf einer Dysbiose beruht, also auf einer Fehlbesiedlung mit Bakterien, die selbst Histamin produzieren. Dadurch wird die DAO stark in Anspruch genommen und kommt so zu einem erhöhten Histaminspiegel im Darm – ganz unabhängig von Nahrungshistamin.


Interview mit dem Biologen Dr. Heiko Hofmann

Histaminbelastung durch histaminbildende Bakterien im Darm


Der Biologe Dr. Heiko Hofmann hat sich auf das Mikrobiom des Menschen spezialisiert. Wir haben uns mit ihm über histaminbildende Bakterien im Darm unterhalten.

Herr Dr. Hofmann, durch die intensive Erforschung unserer Darm-Mitbewohner, unseres Mikrobioms, wissen wir, dass mindestens drei Bakteriengattungen auch Histamin produzieren. Welche sind diese und was steckt dahinter?

Dr. Heiko Hofmann: Mittlerweile wissen wir so viel mehr über die Zusammensetzung des menschlichen Darm-Mikrobioms als noch vor zehn Jahren. So ist es heute gesichertes Wissen, dass wir in uns eine Vielzahl von Histaminbildnern beherbegen. Es handelt sich hierbei vor allem um die Bakterienarten

• Serratia spec.

• Morganella morganii

• Klebsiella pneunomiae

• Hafnia alvei

Histaminbildende Bakterien sind in der Lage, Histidin in Histamin umzuwandeln. Diese genannten vier Bakterienfamilien leben von unseren Nahrungsresten und produzieren in relativ kleinen Mengen Histamin. Ihre Anwesenheit stellt für uns in der Regel kein Problem dar. Wenn jedoch der Darm in eine Dysbalance gerät und sich zum Beispiel der enorm wichtige pH-Wert ins Basische verschiebt, können die Histaminbildner sich ausbreiten. Dementsprechend kann der Histamingehalt im Darm ansteigen, auch wenn die Ernährung relativ histaminarm ist. Eine erhöhte Konzentration dieser histaminbildenden Bakterien kann somit eine Ursache für eine erhöhte Histamin-Konzentration im Stuhl sein. Der Aufbau einer intakten Darmflora steht hier im Vordergrund der Therapie.

Wie lässt sich eine Fehlbesiedlung mit Histaminbildnern feststellen?

Dr. Hofmann: Dies stellen wir durch die Untersuchung einer Stuhlprobe fest. Allerdings bedeutet ein messbarer Anstieg von zum Beispiel Morganellen nicht unbedingt, dass auch der Histamingehalt im Darm massiv ansteigen muss. Wenn die DAO gut funktioniert und keine anderen Histamin-Ursachen, wie zum Beispiel Ernährungsfehler, andere akute oder chronische Darmentzündungen vorliegen, kann sie das Histamin entsorgen.


Der Mastzellen-Typ

Neben den direkten Histaminbildnern gibt es weitere andere krankmachende Erreger, die indirekt – über die Entzündungsreaktion, die eine Infektion verursachen kann – zu einer vermehrten Histaminfreisetzung aus den Mastzellen führen.

Dr. Heiko Hofmann nennt als häufige Erreger solcher Infektionen:

• Helicobacter pylori

• Clostridien difficile

• Campylobacter

• Enterobacter

• Candida albicans

• Parasiten (Würmer)

• Rotaviren

• Noroviren

Daneben weist der Biologe auch auf eine Reihe nicht-erregerbedingter Entzündungen hin, die ebenfalls mit erhöhten Histaminspiegeln einhergehen können:

• chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn

• Nahrungsmittelallergien

• Folgen von Medikamenteneinnahme

• Alkoholkonsum


Auch ein SIBO-Syndrom (Small Intestinal Bacterial Overgrowth), eine Fehlbesiedlung mit Dickdarmbakterien im Dünndarm, kann zu einer erhöhten Histaminfreisetzung aus den Mastzellen führen, erklärt Dr. Hofmann.

Schwelbrand im Darm: Das Leaky-Gut-Syndrom

Die Folge chronischer Entzündungsprozesse mit Histaminfreisetzung im Darm ist eine fortschreitende Schädigung der Dünndarmschleimhaut. Mit der Zeit lösen sich die Verbindungsstellen zwischen den einzelnen Schleimhautzellen, da wo auch die Mastzellen ansässig sind. Es kommt dadurch im Laufe der Zeit zu mikroskopisch kleinen Löchern (leaky gut = leckender Darm). Der Darm ist dann nicht mehr so gut in der Lage, Schadstoffe und auch Histamin vor dem Übertritt ins Blut herauszufiltern. Darüber hinaus können auch unverdaute Nahrungsbestandteile leichter ins Blut übertreten, was eine Reaktion des Immunsystems nach sich ziehen kann. Auf diese Weise bilden sich oft Nahrungsmittelunverträglichkeiten und auch -allergien. Je länger die Darmschleimhaut entzündet ist, desto weniger DAO kann gebildet werden, da die Darmzotten ihren Betrieb einstellen. Eine einfache Stuhluntersuchung auf die Marker »Alpha-1-Antitrypsin« und »Zonulin« ist für die Diagnostik bereits ausreichend.


Chronische Entzündungen im Darm führen nicht nur dazu, dass die DAO-Anzahl und Aktivität abnimmt. Oft sind die Folgen einer Darm-Histaminose mehr und mehr Intoleranzen:

• Laktoseintoleranz, weil der Darm das Enzym Laktase nicht mehr bilden kann

• Fruktoseintoleranz, weil der Darm keine Fruktosetransporter mehr baut

• Tyraminintoleranz, weil die MAO auch langsam aufgeben

Achtung Verwechslungsgefahr: Salicylatunverträglichkeit

Auf die Salicylatunverträglichkeit möchten wir hier besonders hinweisen, denn sie ähnelt in vielen Symptomen sehr einer Histaminstörung durch DAO-Mangel:

• Quaddelbildung auf der Haut

• Durchfälle

• Kopfschmerzen

• Asthma

Was aber typisch für eine Salicylatunverträglichkeit ist – und bei DAO-Mangel nicht auftritt –, sind Polypenbildung in der Nase und in den Nasennebenhöhlen sowie chronische, schwer therapierbare Nasennebenhöhlenentzündungen. Diese Form der Unverträglichkeit wurde schon vor 100 Jahren beschrieben und betrifft ca. drei Prozent der Bevölkerung. Der Test auf Salicylatunverträglichkeit erfolgt durch eine Blutabnahme und macht grundsätzlich immer Sinn, um auch diese Störung nicht zu übersehen, insbesondere wenn Polypen in der Nase in der Vergangenheit aufgetreten sind.

Da die richtige Diagnostik fast nie durchgeführt wird, aber Patienten mit Salicylatunverträglichkeit infolge der chronischen Darmentzündung auch oft einen DAO-Mangel haben, der dann zufällig irgendwann entdeckt wird, werden sie einfach zur Gruppe der »Histaminintoleranten« gezählt. Die Reaktionen bei Salicylatunverträglichkeit werden aber nicht allein über die Mastzellen vermittelt, sondern viele andere Immunzellen spielen hier auch eine Rolle.

Darm-Histamionosen sind häufig übersehene »Fassfüller«, weil sie oft ohne oder mit nur geringen Symptomen verlaufen und die Diaminoxidase zumindest zu Beginn oft noch normal ist. Im weiteren Verlauf der Entzündung, vor allem bei fortschreitender Schädigung der Darmschleimhaut, kann sie jedoch sinken. Ein niedriger DAO-Spiegel ist fast immer die Folge chronischer Darmentzündungen und nicht das primäre Problem.

Salicylsäure in der Natur

Salicylsäure ist eine Substanz, die von Pflanzen gebildet wird, um sich vor Schädlingen zu schützen. Sie kommt in vielen Nahrungsmitteln vor, zum Beispiel in Beeren, Gewürzen, Teeblättern, Mais, Hefe, Kaffee und vielen Nüssen. Sie findet aber auch in vielen Medikamenten, wie Akne-Mitteln oder ASS (Aspirin®), und in Kosmetika Verwendung.

Chronische Mastzellaktivierungen

Mastzellen sind unsere Allzweckwaffen und ein sehr wichtiger Teil unserer Immunabwehr. Allerdings sind sie reine Befehlsempfänger. Sie wissen nicht, ob eine Gefahr real oder irreal ist. Wenn sie getriggert sind, feuern sie einfach drauflos. Sie sind der erste Stoßtrupp des Immunsystems und stellen sicher, dass durch Histamin die Gefäße weit gestellt und die Gefäßwände durchlässig sind, damit spezialisierte Immunzellen ihren Weg schneller finden und tätig werden können. Bei jeder Verletzung oder Infektion unserer Haut und Schleimhaut dirigieren sie auf diesem Wege die Immunzellen direkt an den Tatort und unterstützen damit die Bekämpfung von Erregern und auch die Wundheilung.

Bei einer kleinen Verletzung bleibt die Reaktion mit einer Schwellung, Rötung und vielleicht Juckreiz lokal begrenzt. Bei einer großen Verletzung oder Erkrankung und schwerer Allergie können wir die Auswirkungen von Histamin systemisch merken:

Die Abwehr läuft auf Hochtouren, das Immunsystem kämpft – ganzkörperlich.

Problematisch ist es einerseits, wenn eine Abwehrreaktion unkontrolliert weiterläuft, auch wenn der Feind schon lange in die Flucht geschlagen ist, andererseits wenn die Alarmglocke zu früh angeht und dann mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird. Beides ist der Fall bei chronischen Mastzellaktivierungen. Histamin und andere Botenstoffe werden dann oft in Schüben ins Blut abgegeben und können vielfältige Symptome verursachen. Die häufigste und sicherlich auch bekannteste Form der Mastzellaktivierung ist die Allergie.

Allergien, Pseudoallergien und Parasitosen

Allergien sind Fehlreaktionen des Immunsystems gegen eigentlich ungefährliche Substanzen. Blüten, Tierhaare und Nahrungsmittel werden vom Immunsystem falsch bewertet. Dies führt zu einer Antikörperreaktion insbesondere vom Typ Immunglobulin-E (IgE). Diese Antikörper besetzen die Rezeptoren von Mastzellen sowie von basophilen Granulozyten und sorgen so für eine Ausschüttung von Histamin und anderen Mediatoren.

Aber diese Aufgabe war eigentlich nicht ihre ursprüngliche, sondern die IgE-Antikörper haben sich diese zusätzlich angeeignet. In Millionen von Jahren der Evolution dienten die IgE-Antikörper in erster Linie der Abwehr von Parasiten, Einzellern und Würmern. Diese sind so groß, dass sie nicht wie die winzigen Bakterien oder noch kleineren Viren durch die normalen Fresszellen vernichtet werden können. Hierzu bedarf es eines anderen Verfahrens. Das läuft so ab:

Befällt zum Beispiel ein Parasit den Darm oder die Lunge, werden große Mengen an IgE-Antikörpern produziert, die sich an die Außenseite der Mastzellen heften. Diese Zellen erhalten dadurch den Befehl, Histamin und eine Vielzahl anderer Botenstoffe auszuschütten. Das Histamin wiederum bewirkt über Rezeptoren an den Zielorganen eine starke Abwehrreaktion, die wir zum Beispiel als Husten (verstärkten Auswurf aus der Lunge) und Durchfall (Kontraktion des Darms) wahrnehmen. Der Körper versucht, sich auf diese Weise der Parasiten zu entledigen. Ein wirklich ausgeklügeltes Schutzsystem, das auch nach vielen Millionen von Jahren der Evolution immer noch funktioniert. Einfach genial!

Während unsere Vorfahren sicherlich mehrfach während ihrer Lebenszeit Erfahrungen mit Parasitenbefall sammeln mussten, kommt dieser heutzutage viel seltener vor. Wir machen heute eher im Rahmen von Allergien Bekanntschaft mit durch IgE-Antikörper provoziertem Histamin, zum Beispiel bei Heuschnupfen oder einer Tierhaarallergie. Die allergischen Symptome sind jedoch die gleichen wie bei einem Parasitenbefall:

• Rötung

• Schwellung

• Juckreiz

• Schmerz

• Husten

• Durchfall


Ein Beispiel: Eine Wespe hat dich in den Fuß gestochen und ihr Gift in deine Haut injiziert. Gefahr für den Körper! Gut, dass in der Nähe der Einstichstelle Mastzellen sitzen, die aufgrund des physikalischen Reizes (die Verletzung) ihre Schleusen öffnen und ihre Gewebshormone (Botenstoffe) ausschütten. Eine der wichtigsten ist hierbei Histamin. Es ist sozusagen die Vorhut der Immunzellen und weist den Fresszellen den Weg, indem es die kleinen arteriellen Gefäße rund um die Einstichstelle weit stellt, damit die Immunzellen schnell an den Tatort gelangen.


Wenn eine Allergie besteht, dann werden durch den Wespenstich zusätzlich auch IgE-Antikörper mobilisiert, die die Mastzellenreaktion noch anstacheln. (Der Mastzelle ist es egal, warum die IgE-Antikörper andocken, sie fahren immer dasselbe Programm auf und schütten ihre Botenstoffe aus.) Die körperliche Reaktion fällt durch die deutlich vermehrte Ausschüttung von Histamin und anderen Mediatoren nun erheblich stärker aus. Diese fluten durch den ganzen Körper. Statt nur einer Schwellung, Rötung und möglicherweise Juckreiz, können damit auch Reaktionen weit entfernt vom Fuß auftreten: Schwellung der Schleimhäute in Mund und Rachen, Herzrasen, und im schlimmsten Fall droht sogar ein Kreislaufversagen.

Anaphylaxie

Wenn eine Allergie gegen einen Stoff, zum Beispiel gegen Wespengift, besteht, werden IgE-Antikörper zu Brandbeschleunigern, denn sie setzen sich auf die Rezeptoren der Mastzellen und der basophilen Granulozyten und zwingen diese so, Histamin und andere Mediatoren unaufhörlich auszuschütten. Infolgedessen kommen zur lokalen Reaktion weitere Symptome an anderen Organen, die Bronchien reagieren mit Atemnot, das Herz mit hohem Puls, die Schleimhäute mit Schwellungen im Hals und im Gesicht, das Kreislaufsystem mit Blutdruckabfall und starkem Schwitzen und so weiter. Eine solche Reaktion nennt man anaphylaktischer Schock, sie ist lebensbedrohlich und muss sofort ärztlich mit entsprechenden Notfallmedikamenten behandelt werden.


Eine Mastzellaktivierung mit IgE-Beteiligung ist also entweder eine Allergie oder eine Parasitose. Der Arzt findet in diesen Fällen bei einer Blutuntersuchung häufig erhöhte IgE-Werte. Dann sollte immer eine weitere Abklärung erfolgen und nicht sofort nur an eine Allergie gedacht werden, weil diese so häufig sind. Wenn keine Hinweise auf eine Allergie vorliegen, sollte in jedem Fall eine gründliche Parasitendiagnostik erfolgen. Zudem schließt ein niedriger IgE-Spiegel nicht grundsätzlich eine Allergie oder Parasitose aus. Gerade Nahrungs- und Kontaktallergien zeigen sich häufig nur durch Untersuchung sogenannter „spezifischer IgE“ in Kombination mit einem Pricktest der Haut. Du siehst: Nur eine gründliche, detektivisch genaue Diagnostik führt in vielen Fällung zur Klärung einer IgE-bedingten Mastzellaktivierung. Leider scheitert eine effektive Therapie schon genau an diesem Punkt. Wer chronisch an Allergien oder Parasitosen leidet, hat permanent einen erhöhten Histaminspiegel.

Die systemischen Mastzellaktivierungserkrankungen (MCAD)

«Fast alle Patienten haben bereits stapelweise Untersuchungsbefunde. Und praktisch alle wurden auch schon zum Psychiater geschickt.«

– Professor Dr. Gerhard J. Molderings, Universität Bonn –

Wenn die Mastzellen ohne eine IgE-Beteiligung reagieren, sprechen wir von einer Pseudoallergie. Diese erkennt man an niedrigen IgE-Werten bei einer Laboruntersuchung und an einem negativen Pricktest. Eine Pseudoallergie, die den gesamten Organismus betrifft, heißt Mastzellaktivierungserkrankung.

Systemische Mastzellerkrankungen (Mast Cell Activation Disease) spielen in den differentialdiagnostischen Überlegungen der meisten Therapeuten, Ärzte sowie Heilpraktiker leider immer noch keine Rolle. Wissenschaftler schätzen, dass bis zu 17 Prozent der deutschen Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an einer systemischen Mastzellerkrankung leidet. Wir beschäftigen uns hier mit den beiden häufigsten MCAD-Formen, mit den Mastozytosen und dem systemischen Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS).

Mastozytosen

Die Mastozytosen sind eine Gruppe von Erkrankungen, bei denen sich die Mastzellen unkontrolliert vermehren, atypische Formen annehmen und auch oft in ihrer Aktivität erhöht sind. Bei 80 Prozent der Betroffenen lässt sich eine Punktmutation im c-KIT-Gen nachweisen. Dies hat eine erhöhte Aktivität und einen verzögerten natürlichen Zelltod von Mastzellen zur Folge sowie eine ständige oder schubweise nicht zielgerichtete Freisetzung von Mastzellmediatoren, auch Histamin, zur Folge. Die Mastozytosen werden mit einer Krankheitshäufigkeit von 1 zu 300.000 beschrieben und zählen damit zu den seltenen Erkrankungen.

Am häufigsten sind die kutanen Mastozytosen (Urticaria pigmentosa), die im Kindesalter auftreten und auch spontan ausheilen können. Hierbei treten in der Regel schubförmig typische Hautveränderungen mit erhabenen rötlichen, oft zusammenlaufenden Flecken, Juckreiz und Quaddelbildung auf.

Daneben gibt es auch die systemische Mastozytose, bei denen sich in Gewebe- und Organzellen, wie Leber und Milz, Mastzellen vermehren und es dadurch zu einem Anstieg von Histamin und anderen Mediatoren kommt. Es gibt noch zahlreiche Unter- und Sonderformen, auf die wir hier aber nicht näher eingehen können.

Die Symptome der systemischen Mastozytose sind sehr vielfältig und können auch in ihrem Erscheinungsbild und ihrer Ausprägung stark variieren, was diese Erkrankung so schwer abgrenzen lässt:

• Quaddelbildung auf der Haut

• starke Allergien mit Anaphylaxie, typischerweise auch Wespenallergie

• Magen- und Darmbeschwerden

• Knochen- und Muskelschmerzen

• Erschöpfung und Abgeschlagenheit

Im Jahr 2000 hat die WHO die Mastozytosen in den ICD-10 Katalog, die internationale statistische Klassifikation von Krankheiten und dazugehörigen Beschwerden, (Englisch: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) aufgenommen und somit als Krankheit offiziell anerkannt. Zur Sicherung der Diagnose sind Gentests und Biopsien von Organen sowie vom Knochenmark erforderlich. Diese werden von spezialisierten Zentren, wie zum Beispiel an der Universität Leipzig oder an der Charité in Berlin, vorgenommen. Die WHO-Kriterien für die systemische Mastozytose werden in Haupt- und Nebenkriterien eingeteilt. Für die Diagnose einer systemischen Mastozytose müssen entweder das Hauptkriterium und mindestens ein Nebenkriterium oder mindestens drei der Nebenkriterien erfüllt sein.

Hauptkriterium:

• der Nachweis von multifokalen, dichten Mastzelleninfiltraten durch eine Knochenmarkbiopsie oder durch Biopsien aus anderen Organen außer der Haut

Nebenkriterien:

• ein Anteil atypischer Mastzellen von mehr als 25 Prozent der Mastzellen im Knochenmarkausstrich oder in anderen Organen

• eine c-Kit-D816 Punktmutation in Mastzellen aus dem Knochenmark oder anderen Organen als der Haut

• eine Exprimierung der Antigene CD2 oder CD25 durch Mastzellen aus dem Knochenmark oder anderen Organen als der Haut

• ein dauerhaft erhöhter Spiegel der Serum-Tryptase von mehr als 20 ng/ml im Blutserum

Systemische Mastozytosen gelten derzeit als noch nicht heilbar, aber gut behandelbar.

Das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS)

Im Gegensatz zur Mastozytose finden wir beim Mastzellaktivierungssyndrom (engl. Mast Cell Activation Syndrome) in der Regel keine Veränderung der Mastzellen selbst, sondern hochsensible, hyperreagible Mastzellen. Auf viele alltägliche Reize wie Wärme, Kälte, Stress kann es zu einer nicht zielgerichteten, chaotischen Freisetzung von Histamin und anderen Mediatoren aus diesen Mastzellen kommen.

Die Symptome der MCAS (sprich: Em-Kas) sind sehr vielfältig und können den gesamten Organismus betreffen. Manchmal treten sie aber auch nur in bestimmten Organen auf, etwa im zentralen Nervensystem (ZNS). Zudem sind die Symptome stark schwankend in ihrer Intensität und ihrem zeitlichen Auftreten. So kann es sein, dass Betroffenen monatelang symptomfrei sind und plötzlich anfallsartig eine Vielzahl von Symptomen haben, die scheinbar ohne Zusammenhang auftreten und denen der systemischen Mastozytose sehr ähneln:

• Blutdruckabfall

• Herzrasen

• Schwindel

• Synkopen (Kollaps)

• Hauterscheinungen (Urtikaria)

• Atemnot

• starke Erschöpfung

• unspezifische Schmerzen

• Übelkeit, Erbrechen, Bauchkrämpfe

• Angst- und Panikattacken

DOMS

Wir alle kennen Muskelkater. Oft tritt er am selben oder spätestens am Tag nach der Sporteinheit auf. MCAS-Patienten hingegen haben oft einen verzögerten Schmerz nach Belastungen, der bis zu drei Tagen später auftreten kann und als DOM (Delayed Onset Muscle Soreness) bekannt ist. Wissenschaftler vermuten, dass eine Entzündungskaskade von zu viel Histamin und anderen Mediatoren in der Muskulatur zu diesem Phänomen führt.

Wir haben in unserer Praxis schon viele Fälle behandelt und sind davon überzeugt, dass MCAS eine sehr häufige Erkrankung ist, die einfach nur sehr selten diagnostiziert wird.

Die meisten Ärzte und Heilpraktiker kennen MCAS nicht. Das ist ein Drama für die Betroffenen, die sich oftmals alleine mit ihrer Erkrankung durchschlagen müssen und statt einer vernünftigen Diagnostik und Therapie einige dieser Diagnosen erhalten:

• Endogene Depression

• Allergie

• Generalisierte Angststörung

• Somatisierungsstörung

• Erschöpfungssyndrom

• Erschöpfungsdepression

• Ein- und Durchschlafstörung

• Zwangsstörung

• Panikstörung

• Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom

• Fibromyalgie

• Interstitielle Zystitis

• Reizdarm-Syndrom

Professor Dr. Gerhard J. Molderings von der Universität Bonn ist einer der weltweit führenden Forscher für Mastzellenerkrankungen. Im Jahr 2014 hat er einen umfassenden Diagnose-Fragekatalog für die systemische MCAS vorgestellt, der Ärzten die Einschätzung von Symptomen erleichtern und unnötige aufwändige Untersuchungen vermeiden soll.

Der Fragebogen kann hier heruntergeladen werden:

www.humangenetics.uni-bonn.de/de/forschung/forschungsprojekte/mastzellerkrankungen/checklistepatientenversion

Wenn sich anhand des Fragebogens die Verdachtsdiagnose erhärtet, muss diese anhand weiterer Untersuchungen gesichert werden. Die Kriterien, die die Diagnose MCAS festigen, sind von Professor Dr. Molderings und Kollegen zusammengestellt worden und lauten wie folgt:

Hauptkriterien:

• Vermehrung der Mastzellen an verschiedenen Stellen im Körper. Der Nachweis erfolgt durch eine Knochenmarkbiopsie und bzw. oder durch Biopsien aus anderen Organen mit Ausnahme der Haut.

• Typische Beschwerden, die eindeutig als Folge einer Mastzellüberaktivität einzuordnen sind.

Nebenkriterien:

• Nachweis einer pathologisch vermehrten Freisetzung von Mastzellmediatoren durch Bestimmung der Konzentration von Tryptase im Blut (entweder absolute Erhöhung über den assayspezifischen Referenzwert oder Anstieg von > 20 % + 2 ng/ml innerhalb von 4 Stunden gegenüber einem Ausgangswert vor Beginn der akuten Erkrankungsverschlimmerung), Heparin im Blut, N-Methyl-Histamin im Sammelurin oder von anderen relativ mastzellspezifischen Mediatoren (Leukotriene, Prostaglandin).

• Nachweis von genetischen Veränderungen in Mastzellen aus dem Blut, Knochenmark oder aus einem anderen Organ (außer der Haut), für die eine Auswirkung auf den Aktivitätszustand der betroffenen Mastzelle im Sinne einer gesteigerten Aktivität belegt ist.

• Besserung oder Verschwinden von Beschwerden unter einer spezifisch gegen Mastzellmediatoren gerichteten Therapie, zum Beispiel mit Antihistaminika oder Mastzellstabilisatoren.

Diese Kriterien von Prof. Dr. Molderings und Kollegen sind in Deutschland der gegenwärtige Standard für die korrekte MCAS-Diagnostik.

Beide Hauptkriterien oder das zweite Hauptkriterium und mindestens ein Nebenkriterium müssen erfüllt sein.

Interview mit Frau Sabine F.

Die Patientin erkrankte an einer schweren Verlaufsform des Mastzellaktivierungssyndroms


Für Gesunde ist es kaum vorstellbar, welchen zerstörerischen Einfluss das MCAS auf das eigene Leben nehmen kann: von topfit und leistungsfähig zu dauerhafter Arbeitsunfähigkeit innerhalb kürzester Zeit. Das Schlimmste ist für viele sicherlich die Zeit vor der Diagnose, die eine Periode des Wartens, Suchens, An-sich-Zweifelns ist, da niemand die Störung kennt oder die Symptome erst nimmt. Es vergehen im besten Fall mehrere Jahre bis zur richtigen Diagnose. Viele Betroffene werden zeit ihres Lebens nicht diagnostiziert und entsprechend therapiert.

Aber was nützt die richtige Diagnostik, wenn dann erst der Kampf um die Therapie und die Übernahme der Therapiekosten beginnt. Bei unserer Patientin Frau Sabine F., 39 Jahre, haben wir monatelang verfolgen können, wie sie nach der Diagnose in einem Krankenhaus lange Zeit keinen Arzt fand, der sie in ihrem Heimatort (600 Kilometer entfernt) weiter behandeln und die sehr teuren Medikamente verordnen wollte. Wir haben für dieses Buch mit Frau F. gesprochen und sie gebeten, uns ihre Krankheitsgeschichte zu erzählen.

Frau F., welche waren die ersten Symptome, die mit der MCAS zusammenhingen?

Frau F.: Die Symptome waren sehr vielfältig, insbesondere:

• fast konstante Erschöpfung

• das Gefühl, Fieber zu haben, ohne erhöhte Temperatur

• Hitzewallungen, Schweißausbrüche

• rote Flecken auf der Haut

• Halsschmerzen

• Wortfindungsstörungen, Konzentrationsschwäche, Vergesslichkeit

• Kraftlosigkeit und Gefühlsstörungen in Armen und Beinen sowie Nervenschmerzen in diesen

• wiederkehrendes Zucken der Gliedmaßen und Zittern der Arme

• häufige Kopfschmerzen

• Geräuschempfindlichkeit

• Schlafstörungen

• Erbrechen (eher selten)

Zu Beginn habe ich diese Beschwerden immer versucht zu begründen und habe an Infekte gedacht. Zum Beispiel dachte ich, ich sei erkältet mit einer Halsentzündung. All die aufgelisteten Symptome sind in unterschiedlicher Kombination und Häufigkeit aufgetreten bzw. treten immer noch auf. Teilweise mehrmals am Tag. Plötzlich verschwanden diese wieder oder sie blieben mehrere Tage am Stück. Manchmal wechselt mein Zustand innerhalb von wenigen Minuten von gut zu sehr schlecht.

Alltägliche Kleinigkeiten, die für Gesunde problemlos zu schaffen sind, waren für mich – und sind es an schlechten Tagen immer noch – unbewältigbar, zum Beispiel die Wäsche aufzuhängen, den Müll aus der zweiten Etage runterzubringen, einkaufen zu gehen, mir etwas zu essen zu machen. Es gab Tage, da saß ich wie apathisch auf dem Sofa und habe die Farbe meiner Tapete angeschaut, da ich sonst zu nichts in der Lage war. Ein normales Gespräch über alltägliche Dinge war schlicht unmöglich, da ich zum Beispiel fast keinen Satz zu Ende bringen und auch einem Gesprächsverlauf selten folgen konnte und meist nach wenigen Minuten völlig überfordert war und mich erneut ausruhen musste.

Welche Erfahrung machten Sie bei den Ärzten?

Frau F.: Bis auf wenige Ausnahmen haben mich sowohl mein damaliger Hausarzt als auch die Fachärzte als »Psycho-Tante mit Knacks« abgestempelt. Selbst nach der Feststellung der Diagnose »systemisches Mastzellaktivierungssyndrom« durch das Waldkrankenhaus in Bonn wurde ich nicht ernst genommen. Ich ging gezielt auf die Suche nach einem neuen Hausarzt, als mein bisheriger sagte: »Die Medikamente sind zu teuer. Die kann ich ihnen nicht verschreiben. Und vielleicht hilft es ja noch nicht einmal.«

Der erste Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie war tatsächlich sehr positiv und ehrlich, sagte jedoch zu meinem Bedauern, er habe schon einmal von Mastzellerkrankungen gehört, aber habe kein Fachwissen und könne mir leider nicht helfen. Ein weiterer Arzt sagte, er habe auf Wikipedia mal nachgelesen, was Mastzellaktivierungserkrankungen sind, aber da stehe ja nicht viel. Das sei nicht wirklich eine Erkrankung, er habe im Studium dazu nichts gelernt.

Weitere Aussagen waren:

• »Haben Sie schon einmal an eine Psychotherapie gedacht? Sie müssen verstehen, dass Sie eine psychische Erkrankung haben, vermutlich eine Depression, die diese körperlichen Symptome mit auslöst. Machen Sie eine Therapie, dann geht es Ihnen wieder besser.«

Oder:

• Nach kurzer körperlicher Untersuchung mit Abtasten, Reflexe checken: »Sie haben nichts, Sie sind gesund.«

Ich war irgendwann so frustriert, dass ich nur noch in Begleitung von Freunden zu neuen Arztterminen ging, um endlich wieder ernst genommen zu werden. Inzwischen habe ich einen tollen Hausarzt gefunden, der mich (gemeinsam mit der Uniklinik in Lübeck) optimal betreut.

Wie wurden Sie auf das Thema Histamin und Mastzellen aufmerksam?

Frau F.: Ich vermutete einen Zusammenhang mit meiner zuvor gestellten Pyrrolurie, sodass ich Kontakt mit Ihnen, Frau Kauffmann, aufnahm. Sie vermuteten aber recht schnell, dass hinter meinen Beschwerden mehr als nur eine Pyrrolstörung steckte, und Sie untersuchten meinen Histaminstoffwechsel.

Welche weiteren diagnostischen Schritte wurden durchgeführt?

Frau F.: Die DAO wurde bereits bei meinem damaligen Hausarzt gemessen und befand sich im Normbereich. Daher schloss er ein Histaminproblem kategorisch aus. Bei Ihnen wurde mehrmals der Histaminspiegel, die DAO, und die entsprechenden Cofaktoren gemessen. Zudem auch die Schilddrüse und die Nebenniere genau untersucht, die ja auch einen Einfluss auf die Mastzellen haben. Als der Histaminwert immer höher stieg, haben Sie mich zur weiteren Diagnostik mit dem Verdacht auf Mastzellerkrankung nach Bonn ins Waldkrankenhaus verwiesen. Dort wurde ich stationär aufgenommen und eine Magen- und Darmspiegelung sowie eine Knochenmarkbiopsie durchgeführt. Dazu kamen viele weitere Laboruntersuchungen auf Histamin und andere Mastzellenmarker. Nach dem Klinikaufenthalt und mehrmonatiger Suche nach einem Arzt zur Weiterbetreuung bin ich letztendlich in der Uniklinik Lübeck gelandet. Dort wurden weitere Allergietests und Blutwerte entnommen und nun auch regelmäßig überprüft.

Welche schulmedizinischen und welche naturheilkundlichen Therapien haben rückblickend Ihre Symptome verbessern können?

Frau F.: Vor allem die monatlichen Injektionen mit dem Anti-IgE-Mittel Xolair® gepaart mit dem Mastzellenstabilisator Chromoglycinsäure und ein Antihistaminikum haben eine deutliche Verbesserung gebracht, aber keine ausreichende »Gesundung«. Inzwischen bekomme ich noch den Leukotrienhemmer Montekulast und ein zweites Antihistaminikum. Die Celestaminetropfen (Cortison) zeigen bei mir im Notfall sehr schnelle Linderung und sorgen für ein Abschwellen des Halses.

Zusätzlich hilft mir eine histaminarme Ernährung sehr gut (obwohl meine DAO immer gut war!), Lebensmittel mit Quercetin und diverse darmfloraunterstützende Präparate; außerdem noch Vitamin-C- und Zink-Präparate und die von Ihnen verordneten KPU-HPU-Infusionen sowie spezielle Aminosäure-Infusionen. Alles in allem summiert sich mein täglicher Medikamenten- und Nahrungsergänzungsmittelbedarf auf fast 20 Präparate. Aktuell habe ich immer noch große zyklusabhängige Schwankungen und heftige Beschwerden während meiner Periode. Gemeinsam mit meinem Frauenarzt versuche ich, diese Symptome zu minimieren und nehme nach einigen leider nicht hilfreichen Zyklusmedikamenten seit drei Monaten eine reine Progesteronpille. Diese zeigt erste positive Effekte, nicht nur während der Periode, sondern im gesamten Zyklus. Insgesamt gibt es nach wie vor auch viele schlechte Tage, an denen ich dann vor allem bei der Nahrung strikt aufpasse und meist nur Reis und Karotten (gesichert histaminarm) esse. Mir hilft jetzt eine Kombination aus vielen unterschiedlichen Therapien, deren Wirkung ich nicht klar trennen kann.

Was möchten Sie anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Frau F.: Je nachdem, an welchem Punkt sich Betroffene befinden, gibt es unterschiedliche Ratschläge. Wer sich noch in der Phase des Suchens befindet: »Gebt nicht auf, lasst euch nicht einreden, das sei alles psychisch und nicht körperlich. Hört auf euer Gefühl. Sucht weiter. Wenn ihr von euren Ärzten nicht ernst genommen werdet, sucht euch neue. Auch wenn dies viel Kraft kostet, lohnt es sich.«

Wer eine gesicherte Diagnose hat und schon gut betreut wird: »Nehmt euch Zeit rauszufinden, was eure ganz persönlichen Auslöser sind. Diese sind so vielfältig und oft schwer zuzuordnen, dass ich es als hilfreich empfunden habe, darüber Buch zu führen.« Und nicht zuletzt: Die Krankheit wird sich nicht an euch anpassen, ihr müsst euch an die Krankheit anpassen, dieser Weg ist schmerzhaft und teilweise schwer akzeptierbar.

WAS REIZT DIE MASTZELLEN? DIE HäUFIGSTEN TRIGGER

Welche Faktoren sind es – außer den klassischen Allergien und ganz selten auch Parasiten –, die die Mastzellen ständig aktivieren und so unser Histamin-Fass immer weiter füllen? Wir beschreiben anhand von Auswertungen unserer Patientenakten die wichtigsten und häufigsten Trigger.

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