Kitabı oxu: «Der Zorn der Hexe»

Şrift:

Lars Burkart

Der Zorn der Hexe

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

Impressum neobooks

1. Kapitel

1. Kapitel

Es war ein Wunder, dass Sabine keine schweren Verletzungen erlitt, als sie mit ihrem Pferd stürzte. Das Glück schien diesmal auf ihrer Seite zu sein. Leider konnte man das bei dem Pferd nicht behaupten: Es musste eingeschläfert werden. Seine Knochen waren gleich an mehreren Stellen gebrochen und drei Rippen zersplittert. Es tat ihr zwar im Herzen weh, doch es war bestimmt das Beste für das arme Tier. Doch als es dann schließlich so weit war, konnte sie den Anblick nicht ertragen und flüchtete aus dem Stall. Sabine hatte sehr an dem edlen Tier gehangen und ihr war, als ginge ein guter Freund für immer von ihr.

Sie hastete durch den nahen Wald, der die nördliche Grenze des Grundstücks bildete und ließ seinen kühlen Schatten schnell hinter sich. Sie rannte und rannte, vorbei an Wiesen und Feldern, bis sie das Meer erreichte.

Die Küste war an dieser Stelle nichts als eine Felswand, die steil ins Meer stürzte. An ihrem steinigen Fuß brachen sich die Wellen, und an ihrem Scheitelpunkt blies steifer Nordwind. Alles in allem nicht unbedingt ein gemütlicher Ort. Es gab noch nicht einmal einen Weg, auf dem man zwischen den mannshohen Gesteinsbrocken gefahrlos hätte gehen können. Dennoch liebte sie diese Stelle. Hierher verirrte sich kaum eine Menschenseele und wenn doch, nahm sie angesichts der rauen Umgebung schnell wieder Reißaus. Hier war das letzte Fleckchen Erde, das Sabine für sich allein haben konnte. Immer, wenn sie etwas plagte, etwas verunsicherte, sie sich ängstigte oder sie einfach nur in Ruhe nachdenken wollte, ging sie hierher und lauschte dem Rauschen des Windes und dem Toben der Brandung.

Sabine kannte den Platz seit ihrer Kindheit. Seit sie als kleines Mädchen zum ersten Mal mit ihrem Vater hier gewesen war, hatte der Ort nichts von seinem Reiz verloren. Die Ruhe, das Pfeifen des Windes, das Kreischen der Möwen, all das war ihr ans Herz gewachsen. Und sie wollte keinen dieser Momente missen. Wie oft hatten sie hier oben gesessen, ihr alter Herr und sie, hatten aufs Meer hinausgesehen und hinter den Schiffen her, bis sie am Horizont verschwanden? Wie oft? Sie wusste es nicht. Es mussten unzählige Male gewesen sein. Manchmal hatten sie einfach nur geschwiegen und die raue Schönheit in sich aufgesogen.

Sabine konnte sich noch gut an den Moment erinnern, da sie den Vater gefragt hatte, wohin all die Schiffe verschwanden, wenn sie nicht mehr zu sehen waren. Sie hatte tatsächlich geglaubt, sie versänken im Ozean. Der Vater fuhr ihr liebevoll mit der Hand über den Zopf; das tat er immer, wenn er ihr etwas erklären wollte. Es war seine Art, nach Worten zu suchen. Er musste ihr oft etwas erklären, denn Sabine war ein neugieriges Kind. So erfuhr sie, dass die Erde eine Kugel war und die Schiffe keineswegs im Meer versanken, sondern einfach nicht mehr zu sehen waren, weil sich zwischen sie und das Schiff die Krümmung der Erdoberfläche schob.

„Du musst es dir ungefähr so vorstellen“, hatte er gesagt, „wenn du am Fuß eines Berges stehst, kannst du auch nicht über ihn hinweg auf die andere Seite sehen. Und genauso ist es mit den Schiffen: Die Erde, in diesem Fall das Wasser, ist im Weg.“

Sie hatte den Vater angesehen und gelächelt. Und er wusste, sie hatte verstanden. Egal, wie umständlich er sich auch manchmal ausdrückte, irgendwann konnte sie seinen Gedankengängen folgen.

Ihre Mutter war früh gestorben. Sabine konnte sich kaum noch an sie erinnern. Doch sie musste schön gewesen sein. Überall im Haus standen Fotos von ihr, in jedem Zimmer. Auch an den Wänden hingen Fotos, und immer, wenn Sabine eines der Bilder betrachtete, stellte sie fest, dass sie ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten war. Sie hätten Zwillingsschwestern sein können, nur dass die eine eben schon ein paar Jährchen älter war.

Sie hatte den Vater einmal auf den Grund ihres frühen Todes angesprochen, doch er hatte nur gesagt, sie sei sehr krank geworden und irgendwann einmal würde sie alles darüber erfahren. Irgendwann, eines Tages, wenn die Zeit reif war. Durch seine Augen war dabei etwas gehuscht, das wie Angst aussah. Danach hatte er das Thema gewechselt, und das war das Zeichen gewesen, dass darüber genug geredet worden war.

Wenn die Sonne im Meer versank, war es am schönsten. Ihr glutrotes Licht verwandelte alles in ein Farbkonzert, und es schien, als explodiere sie in einem gigantischen roten Ball. Der beständige Wellengang gab dem Ganzen zugleich eine gespenstische Atmosphäre. Je höher die Wellen schlugen, umso farbenprächtiger und eindrucksvoller war das Spektakel.

Jetzt aber war es noch nicht Abend. Noch lange nicht. Allerhöchstens früher Vormittag, und das Meer breitete sich ruhig unter ihr aus, was für diesen Landstrich ungewöhnlich war. Sie sah weit aufs offene Wasser hinaus. Ihr war heiß; Schweiß rann an ihr herunter, und ihr Herz raste in der Brust.

Sabine war eine schöne junge Frau, Mitte zwanzig, gesund und wohlhabend. Ihre weiblichen Rundungen waren genau dort, wo sie hingehörten, und ihr langes blondes Haar strahlte wie die Sonne. Sie zog die Blicke der Männer reihenweise auf sich. Doch leider war es bisher erst zweien gelungen, ihr Herz zu erobern. Der erste (es war wohl mehr eine Art Jugendliebe, schließlich war sie erst sechzehn und er einundzwanzig) hatte ihre Liebe nicht verdient, wie sie inzwischen dachte. Es schien ihm Spaß zu machen, sie hinter ihrem Rücken im Akkord zu betrügen. Als sie ihn endlich durchschaute, war die Enttäuschung tief. Sie durchschnitt das zarte Band, das ihre Liebe gewesen war, und sie schwur sich, nie wieder einen Mann so nahe an sich heranzulassen.

Es dauerte vier Jahre, bis sie ihre Einstellung überdachte, und dann kam der zweite. Er war das Gegenteil seines Vorgängers. Schnell erwies er sich als Mann ihrer Träume. Bedauerlicherweise war auch diesmal das Schicksal anderer Meinung. Es ließ ihn in einer Kurve die Kontrolle über sein Motorrad verlieren. Dabei war sie nicht einmal besonders gefährlich, vielmehr langgezogen und übersichtlich. Er soll nicht lange gelitten haben, hatte man ihr später gesagt, es musste schnell gegangen sein.

Das mochte vielleicht auf ihn zutreffen, dachte sie, als sie seine Identität bezeugte, doch keinesfalls auf sie. Sie war überzeugt davon, nie wieder den Anblick seines leblosen Körpers vergessen zu können. Zwar hatte er, wie er es ihr hoch und heilig versprochen hatte, einen Helm getragen, aber von Motorradhandschuhen hielt er nicht viel. Seine Leiche war in einem guten Zustand, wenn man davon absah, dass sein Genick gleich an mehreren Stellen gebrochen war. Doch das war innerlich, und er war so aufgebahrt worden, dass man als Laie kaum etwas davon sah. Was man jedoch sah, war der Zustand seiner Hände – oder vielmehr das, was von ihnen übrig war. Sie waren nämlich noch nicht bandagiert worden – und dafür verfluchte Sabine denjenigen, der es versäumt hatte.

Später, als sie wieder daheim war und ein Weinkrampf nach dem anderen sie schüttelte, wurde ihr klar, was für den schrecklichen Anblick verantwortlich war. Schon die blanke Vorstellung reichte aus, dass ihr übel wurde. Sie musste sich erbrechen.

Sabine sah den grauenvollen Moment des Unfalls immer wieder vor sich, sah ihn mit seinen Augen. Episoden aus dem Schreckenskabinett. Voller Panik wollte sie ihm helfen, ihn festhalten. Doch es war vergeblich. Sie hatte nicht die geringste Chance.

Durch das Visier des Helms sieht sie die Straße vor sich liegen. Sie ist trocken und eben. Ein kurzer Blick auf das Tachometer und sie weiß, dass sie fast hundertdreißig Stundenkilometer schnell ist. Plötzlich taucht die Kurve vor ihr auf, eng, tückisch. Sie schreit seinen Namen, will mit aller Kraft an der Bremse ziehen; dabei ist ihr, als rissen die Muskeln ihres rechten Armes – dabei erreicht sie nur, dass sie unbeirrt weiterfährt.

Wie ein Rennfahrer legt sie sich in die Kurve, tief und schräg. Wie oft hat sie das als Sozius schon erlebt. Wie oft hat sie das Adrenalin gespürt und ist einfach nur glücklich gewesen, glücklich über das Gefühl der Freiheit und glücklich, bei ihm zu sein.

Bis jetzt ist noch alles in Ordnung. Doch das Unvermeidliche ist nicht aufzuhalten. Das ist es nie. Es würde, musste geschehen, weil es ja schon geschehen war. Plötzlich hat sie das Gefühl zu fliegen; ihre Innereien tun einen Satz nach oben. Das Hinterrad beginnt zu schlingern und rutscht schließlich gänzlich weg. Und auf einmal ist da der Asphalt, direkt vor ihren Augen. Sie reißt entsetzt die Hände hoch.

Und da beginnt der Alptraum.

Da sie mit mehr als hundert Sachen fährt und die Geschwindigkeit nur langsam abnimmt, während sie wie ein Puck über den Asphalt schlittert wie über einen gefrorenen See, muss sie mit ansehen, wie der Belag ihrer Hände (seine Hände) wie eine grob gezahnte Raspel für ein weiches Holz Stück ist. Die Haut und das darunterliegende Fleisch werden bis auf die Knochen Millimeter um Millimeter heruntergescheuert. Sie hört die Schmerzensschreie mit ihren eigenen Ohren. Er leidet vielleicht nicht lange, dafür aber entsetzlich.

Dann, als der Begrenzungspfosten endlich sein Genick bricht, ist es eine Erlösung für beide.

All das geisterte durch ihre Erinnerung, während sie auf der Klippe stand. Es riss die Wunde, die noch nicht einmal zur Hälfte verheilt war, wieder auf – und diesmal sogar um einiges tiefer. Sechs Jahre war es jetzt her, und allmählich hatte sie geglaubt, mit dem Verlust leben zu können. Kurz nach seinem Tod gab es eine Zeit, in der sie fast wieder glücklich war. Damals hatte der Arzt ihr eine Schwangerschaft bescheinigt. Sie war darüber außer sich; auf diese Weise würde wenigstens etwas von ihm weiterleben! Dass sie ein Kind von ihm erwartete, half ihr, mit der Trauer umzugehen. Mit der Zeit begann sie sogar wieder zu lächeln.

Doch auch jetzt wollte das Schicksal ein Wörtchen mitreden. Eines nachts, der Vater des Ungeborenen war nun seit sechs Monaten unter der Erde, erwachte Sabine mit kolikartigen Schmerzen im Unterleib; es war, als ob sie einen großen, schweren, kalten Stein in sich trug. Die Schmerzen kamen und gingen wie Wehen, und ihre erste Vermutung war, dass sie kurz vor der Entbindung stand. Das war durchaus plausibel; vielleicht hatte dieses Kind es ja besonders eilig, die Welt hier draußen kennenzulernen? Wenn es nur halb so neugierig war wie seine Mutter, war das sogar wahrscheinlich.

So laut es ihr unter den Schmerzen möglich war, schrie sie nach ihrem Vater, der eine Etage über ihr schlief. Sie war mittlerweile so benebelt, dass sie davon überzeugt war, er würde sie nie und nimmer hören. Doch es dauerte keine zehn Sekunden, und er stürmte mit sorgenvoller Miene in ihr Zimmer.

„Es geht … es geht …“

Mehr brachte sie nicht über die Lippen. Doch es reichte aus. Der Vater verstand.

Das nächste, woran sie sich später erinnerte, war das Innere eines Krankenwagens. Es war hell darin und blendete ihre Augen, als blicke sie direkt in die Sonne. Dennoch nahm sie ihre Umgebung nur bruchstückhaft wahr. So viele Ampullen, so viele Verbände! Und die Sirene. Allerdings drang diese nur verschwommen in ihr Bewusstsein …

Die Wehen wurden stärker und stärker, und sie bäumte sich auf der Trage unter Schmerzen. Die Bewegung ließ neue Schmerzen in ihrem Unterleib entstehen. Wie ein Kreislauf aus Schmerz. Schmerz gebar neuen Schmerz.

In diesem Moment spürte sie, wie etwas Spitzes in ihre Armbeuge piekste. Fast augenblicklich verebbte der Schmerz.

Wieder Dunkelheit.

Wieder Stille.

Als Sabine erwachte, lag sie in einem Krankenbett. Der Vater saß auf einem Stuhl neben ihrem Bett und wimmerte. Sein Blick war zu Boden gerichtet, doch sie brauchte seine Tränen nicht zu sehen, um zu wissen, dass etwas nicht stimmte.

„Was ist mit …?“ Ihre Stimme klang schwach und tonlos.

Dem Vater zersprang vor Kummer fast das Herz in der Brust. Nur langsam schaute er auf, als scheue er ihrem Blick.

„Was ist passiert? Was ist mit meinem Kind passiert?“

Er rang damit, nicht die Beherrschung zu verlieren. Seine Hände zitterten wie die eines Drogensüchtigen, der unbedingt einen neuen Schuss braucht, und sein Gesicht war bleich wie die Wand. Sein Körper verkrampfte sich, als er endlich antwortete.

„Die … die Ärzte sagen, es geht dir bald besser. In ein paar Tagen kannst du das Krankenhaus verlassen. Sie wollen nur noch ein paar Tests machen. Alles Routine, kein Grund zur Sorge.“

Seine Augen waren ausdruckslos, schwarz wie Höhleneingänge.

„Daddy“, sie hatte Mühe, ihre Stimme nicht zu erheben. Sie schaffte es, nach Aufbietung ihrer gesamten Kraft, ruhig und gefasst zu klingen. „Was ist passiert? Sag mir, was mit meinem Kind passiert ist!“

Ihre Augen bohrten sich in seine. Ihr Blick war wie ein Dolch, der in seine Netzhaut stach und schmerzte wie Feuer. Lange würde er ihm nicht standhalten können. Er konnte ihr nicht ausweichen. Ihre Augen, ihre Körperhaltung sprach eine nur zu deutliche Sprache. Sie schien bereits zu wissen, was geschehen war und wartete nur noch darauf, dass er es bestätigte.

Seine Hand suchte ihre. Sie war eiskalt, aber gleichzeitig nassgeschwitzt. Sie drückte ihre heftig.

„Habe ich mein Baby verloren?“

Der Vater war wie versteinert. Die ganze Zeit über hatte er nach Worten gesucht, falls es die überhaupt gab, hatte verzweifelt versucht, drumherum zu reden, ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, ihre Konzentration auf anderes zu richten. Hatte er auch nur einen Augenblick geglaubt, sein Plan könne aufgehen?

Sabine wartete zwei Sekunden und fragte noch einmal.

„Habe ich mein Baby verloren? Sag es mir! Bitte! Wenn es so ist“, sie musste schlucken, denn die Endgültigkeit, die in dem Satz mitschwang, ließ fast ihre Stimme versagen, „wenn es so ist, will ich es aus deinem Mund hören und nicht von einem wildfremden Arzt, der mich mit trostlosen Augen anstarrt und dabei Mitleid heuchelt. Das könnte ich nicht verkraften. Jetzt nicht, und auch später nicht. Nie! Hörst du, nie! Also sage es mir bitte!“

„Es … es … es … es hatte einen Herzfehler.“

„Ist mein Baby gestorben?“

Ihre Stimme war jetzt gar keine Stimme mehr, nur noch ein Krächzen und Fiepen.

„Sie sagen, es ging so schnell, dass sie nichts gespürt hat.“

Da war er wieder, dieser Satz: Es ging so schnell. Wie sehr sie ihn hasste! Gab es einen abartigeren Satz in der menschlichen Sprache? Nein, nie und nimmer!

„Oh nein, nein, nein! Das stimmt nicht! Das kann nicht stimmen! Du erlaubst dir einen makabren Scherz, oder? Es stimmt nicht, nicht wahr? Sag mir, dass es nicht wahr ist! Sofort! Sie war doch noch nicht einmal geboren, wie soll sie da schon gestorben sein? Es ist nicht wahr! Es darf einfach nicht wahr sein!“

Mit diesen Worten fiel sie zurück in ihre Kissen.

Es schmerzte ihn, seine Tochter so leiden sehen zu müssen. Es tat ihm in der Seele weh. Aber er musste ihr die Wahrheit sagen. Er musste es tun, damit sie irgendwann loslassen und trauern konnte. Er wusste, wie wichtig Trauer war – erst recht, wenn man einen geliebten Menschen verloren hat. Er wusste, dass er das Richtige getan hatte – und doch hasste er sich in diesem Moment dafür. Er wusste, dass dieses Gefühl ihn nun eine Weile nicht mehr loslassen würde.

„Es ist wahr, leider.“

Nun konnte auch der Vater seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie klammerten sich aneinander, schmiegten sich in die Arme des anderen und versuchten, einander ein wenig Trost zu spenden.

„Ich wollte doch noch so viel mit ihr unternehmen“, brachte sie stöhnend heraus, „sogar einen Namen hatte ich schon für sie: Sarah Gil!“

„Sarah Gil“, wiederholte der Vater. „Davon hast du mir gar nichts gesagt. Ein schöner Name. Bedeutet er etwas?“

„Ich weiß nicht. Aber er klingt nach etwas Besonderem, und weil mein Kind etwas Besonderes für mich ist, wollte ich ihm einen besonderen Namen geben.“

„Das verstehe ich.“

Sie saßen wortlos einander gegenüber. Jeder kämpfte mit Trauer und Wut. Irgendwie mussten sie beide damit fertig werden, dass der Tod schon wieder in ihr Leben gedrungen war, er schon wieder etwas unendliches Wertvolles zerstört hatte.

„Sabine, ich muss dir etwas über unsere Familie erzählen. Etwas, das schlimm und schrecklich ist, das aber mit der Zeit zu einem Teil von uns wurde. Wir, das heißt, du und ich …“

„Daddy, würde es dir etwas ausmachen, mich allein zu lassen? Ich brauche Zeit für mich. Sei mir bitte nicht böse. Ich will einfach allein sein. Bitte fahr jetzt nach Hause. Und mach dir um mich keine Sorgen, ich komme schon klar.“

„Bist du sicher?“

„Ja, das bin ich.“

„Kann ich dich morgen sehen?“

„Ich ruf dich an, wenn du wieder kommen kannst. Ja? Geh jetzt bitte. Und sei mir nicht böse.“

Sie dachte jetzt zurück an jenes Gespräch, während sie auf den Klippen stand und auf das weite, dunkle Meer sah. Inzwischen wehte ein schwacher Wind, der ihr Haar ausgelassen tanzen ließ.

Weit draußen am Horizont verschwand gemächlich ein Schiff. Ein gespenstischer Anblick; man mochte wirklich glauben, es würde langsam in die Tiefe gezogen.

Sabine fröstelte. Das Wetter hatte merklich umgeschlagen, doch das geschah in diesen Breiten öfter. Aus dem Sonnenschein war raueres Wetter geworden. Die Sonne versteckte sich hinter einer Armee von Wolken, und auch der Wind wurde stürmischer.

Ihr Vater hatte ihr an diesem Tag etwas Wichtiges sagen wollen, und seine Miene dabei hatte ihr keineswegs gefallen, hatte ihr sogar Angst gemacht. Die Falten in seinem Gesicht schienen plötzlich tiefer und zerfurchter, seine Augen blitzten dunkel, und seine Mundwinkel zitterten, als weigerten sie sich, etwas Dunkles preiszugeben.

Sie hatte an diesem Tag nichts davon wissen wollen; zu tief saß der Schock über den Tod ihrer ungeborenen Tochter. Träume und Pläne waren durch einen einzigen Satz zerstört worden. Doch es gab noch etwas, was sie sogar noch mehr schmerzte als ihr plötzlicher Tod. Es war die Frage, ob sie es hätte verhindern können. Hatte es irgendwelche Anzeichen dafür gegeben? Hatte das Baby vielleicht einmal besonders heftig getreten? Und hatte es seine Mutter dadurch auf sich aufmerksam machen wollen? Hatte es ihr sagen wollen: He, Mama, hier drinnen stimmt etwas nicht? Und wenn ja, warum hatte sie es nicht bemerkt? War sie am Ende für seinen Tod verantwortlich?

All das ließ sie an diesem Tag und viele weitere Tage nicht zur Ruhe kommen. Schließlich tat sie das einzige, was ihr in diesem Moment einfiel: Sie bat um Freiraum, um ihre Gedanken zu ordnen. Und so brauchte der Mund des Vaters an diesem Tag sein Geheimnis, so schrecklich und grausam es auch sein mochte, nicht preiszugeben.

Noch nicht.

Es verging Zeit, bis Sabine den Tod ihrer Tochter verwunden hatte. Verwunden ist wahrscheinlich der falsche Ausdruck; nicht mehr ständig davon gequält zu werden, träfe wohl eher zu. Der Schmerz saß tief, so tief, dass er ihr zeitweilig noch immer den Verstand zu rauben drohte. Doch sie machte damit ihren Frieden, sie ließ ihn zu. Sie hatte das Schlimmste hinter sich; von nun an konnte es eigentlich nur noch bergauf gehen.

All diese schrecklichen Erinnerungen jedoch waren mit dem Einschläfern des Pferdes, mit seinem Tod, plötzlich wieder auf sie eingestürzt, und das war einfach zu viel gewesen. Manchmal genügte ein Wink, ein Fingerzeig, irgendetwas, es musste nicht einmal groß sein, um ihr die Schmerzen, das Leid, die Trauer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Dann waren sie wieder da, obwohl sie längst geglaubt hatte, sie überwunden zu haben. Und dann, von einer Sekunde auf die nächste, war sie wieder am Boden zerstört. Dann war sie wieder in dem schrecklichen dunklen Loch, das sich Verzweiflung nannte.

Der Wind zerwühlte ihr Haar, spielte damit und trocknete zugleich ihre Tränen. In der letzten Zeit hatte sie wahrlich viel geweint. Zu viel für ein Leben. Eigentlich sollte es nun genug sein. Ihr Leben konnte nicht nur aus Tränen bestehen. Da musste es doch auch noch etwas anderes geben. Irgendwann musste auch mal sie wieder einmal lachen können, auch wenn es ihr im Moment unmöglich erschien.

Sie wartete ein paar Minuten, horchte in sich hinein, ob der Weinkrampf noch einmal ausbrechen wollte (manchmal tat er das: Sie glaubte, ihn überwunden zu haben, und dann brach er wieder los); dann drehte sie dem Meer den Rücken zu und ging langsamen Schrittes zurück zum Haus. Das Rauschen der Wellen begleitete sie noch ein Stück, wurde aber mit jedem Schritt schwächer und schwächer und verschwand schließlich.

Auf dem Hinweg hatte sie Vögel zwitschern gehört, doch jetzt schwiegen sie. Sie sah zerstreut auf ihre Armbanduhr und erschrak: Als sie zum Strand hinuntergegangen war, war es früher Vormittag gewesen – und jetzt war es später Abend. Doch nicht dies erschreckte sie, sondern die Dunkelheit, die sich langsam um sie ausbreitete. Sabine hatte nichts von ihr mitbekommen; viel zu sehr war sie in ihre Gedanken vertieft gewesen. Konnte man sich wirklich so vergessen, dass einem selbst etwas so Alltägliches wie der Untergang der Sonne entglitt?

Normalerweise hätte sie in der Dunkelheit hier draußen Angst gespürt. Aber nicht heute. Heute schien ein besonderer Tag zu sein. Vielleicht wurde heute alles besser? Der Tod ihrer ungeborenen Tochter konnte zwar nicht ungeschehen gemacht werden, aber ihr schien plötzlich, als hätte sie eine Stufe erreicht, auf der sie mit dem Schicksalsschlag würde leben können. Und das war gewiss die Voraussetzung, um ein einigermaßen glückliches, zufriedenes Leben führen zu können. Ab heute, da war sie sich sicher, würde es wieder bergauf gehen. Und weil sie so fühlte, war sie nicht nur ohne den kleinsten Funken von Angst, nein, sie war hervorragender Stimmung. Sie fühlte sich so gut wie schon lange nicht mehr.

Sabine kam über die Anhöhe, erblickte das hellerleuchtete Anwesen ihres Vaters und wusste, dass sie ein neues Kapitel aufgeschlagen hatte.

Sie lief noch ein paar Meter weiter und blieb plötzlich stehen. Sie stand wie angewurzelt da, bevor sie wusste, wie ihr geschah. Warum sie so abrupt stehen blieb, wusste sie nicht. Irgendetwas war vor ihrem geistigen Auge aufgetaucht, doch noch ehe sie danach greifen konnte, war es wieder verschwunden. Was konnte es gewesen sein?

Sie überlegte, was es war. Was konnte so wichtig gewesen sein? Und wichtig war es zweifellos. Was, in drei Teufels Namen?

Wie ein Steingötze stand sie da, unbeweglich und mit ernster Miene. Sie nahm weder die Dunkelheit um sie herum wahr noch die Kälte, die langsam durch ihre Kleider drang. Alles in ihr konzentrierte sich so sehr, dass sie nichts davon bemerkte. Alle ihre Zellen richteten sich auf diesen einzigen Punkt aus.

Und ganz plötzlich, wie aus heiterem Himmel, fiel es ihr wieder ein, und schlagartig begriff sie auch, warum sie es vergessen hatte: Es war genau der Tag, an dem sie ihre Tochter verloren hatte. Damals hatte ihr der Vater etwas sagen wollen. Etwas, das ihn, sie selbst und ihre Familie betraf. Etwas, bei dem ihr alter Herr ganz anders gewesen war als sonst. Wie, konnte sie nicht in Worte fassen. Aber auf jeden Fall anders. Auf beunruhigende Art anders.

Jetzt, da es ihr wieder eingefallen war, fragte sie sich, wie sie es eigentlich hatte vergessen können. Doch im selben Augenblick, als sie sich die Ereignisse, die zeitgleich geschahen, wieder ins Gedächtnis rief, beantwortete sich ihre Frage von selbst.

Sabine atmete einmal tief ein und wieder aus. Der Atem wurde vor ihrem Gesicht zu einer weißen Wolke, die sich rasch auflöste. Nun wurde sie auch der Kälte gewahr und entschied sich, endlich hineinzugehen, einen heißen Tee zu trinken, dabei ein gutes Buch zu lesen – und ganz nebenbei ihren alten Herren zu fragen, was es denn so Wichtiges gab, dass ihre ganze Familie betraf.

So in etwa stellte sie es sich vor, doch als sie im Inneren des Hauses war, gewann ihre Neugier schnell die Oberhand, und sie verzichtete auf den Tee – was nun wirklich unvernünftig war, denn sie war durchgefroren und glich einem Eisklotz auf zwei Beinen. Das Buch, das sie hatte lesen wollen, sah nicht einmal an und stürmte stattdessen ins Lesezimmer ihres Vaters.

Der Vater saß im Schaukelstuhl und hielt ein Buch in den Händen. Ihn einmal nicht in einem solchen Stuhl anzutreffen, war alles andere als einfach. Er liebte diese Dinger und hatte in fast jedem Zimmer einen aufgestellt. Besuchern, die ihn darauf ansprachen, erklärte er, dass er sie für unglaublich bequem halte.

Als Sabine wie ein Wirbelwind hereingestürmt kam, sah er sie über die Lesebrille hinweg erstaunt an. „Kindchen, da bist du ja endlich! Wo warst du denn die ganze Zeit?“

Zwei Dinge konnte Sabine an ihrem Vater nicht ausstehen: Wenn er sie wie einen Teenager behandelte, schwoll ihr jedes Mal die Galle bis auf Kürbisgröße. Das war aber noch nichts verglichen mit dem, was sie am meisten hasste. So richtig in Rage geriet sie, wenn er sie Kindchen nannte. Dann war wirklich alles zu spät, und sie fürchtete, gleich Amok zu laufen. Auch diesmal spürte sie, wie ihre Magensäure gefährlich anstieg …

Doch statt einen Wutausbruch zu bekommen, biss sie die Zähne zusammen, schluckte ihren Groll hinunter und sah ihren Vater unverhohlen an. Das war das einzig Richtige, was sie tun konnte, denn Wut wäre der falsche Begleiter gewesen; sie hätte mehr geschadet als genutzt. Sabine beherrschte sich sogar so weit, dass es ihr gelang, ein Schmunzeln auf ihre Lippen zu zaubern. Sie beschloss, seinen Kommentar zu ignorieren.

„Hi, Dad. Du liest ein Buch? Schön. Ist es gut? Ich hoffe, es ist kein lahmer Schinken?“ Sie plauderte drauflos wie ein Wasserfall. Ihr Vater konnte ihr kaum folgen. „Wie war dein Tag? Erzähl doch mal!“

„Ist alles mit dir in Ordnung?“, fragte der Vater, und in seiner Stimme schwang Sorge mit.

„Freilich. Was soll mit mir nicht in Ordnung sein?“

Er suchte offensichtlich nach Worten. Seine Augen und sein ernstes Gesicht ließen erkennen, dass er überlegte, was er sagen sollte. Er dachte nach, entschied sich für etwas, sann noch einmal nach und verwarf es schließlich wieder. Schließlich platzte er doch heraus mit der Sprache.

„Na ja, wegen deinem Pferd. Der Gaul. Du weißt schon.“

Von allen Möglichkeiten, die er hatte, musste er ausgerechnet die Holzhammermethode wählen. Gute Wahl, dachte Sabine sarkastisch. Jetzt, da es raus war, biss er sich auf die Lippen. Er hätte wirklich sanfter mit ihr umgehen können. Schließlich hatte sie ihren Gaul, wie er ihn nannte, ins Herz geschlossen. Sie entschloss sich, auch das zu ignorieren. Sie kannte ihren Vater gut genug, um zu wissen, dass er es nicht böse meinte. Es war nur seine Art, das Kind beim Namen zu nennen. Manche Menschen mochten sich daran stoßen, aber so war er eben: Immer mit dem Kopf durch die Wand und munter drauflos geschwatzt.

„Es … es tut weh“, war ihre knappe Antwort.

„Komm, setz dich zu mir. Du siehst müde aus, mein Kleines.“

Da war es schon wieder. Er hatte es tatsächlich schon wieder gesagt, obwohl er genau wusste, dass es sie auf die Palme brachte. Warum tut er das, überlegte Sabine. Allmählich kam ihr der Gedanke: Er tut es mit Bedacht. Aber nein, nein. Das tut er bestimmt nicht. Oder doch?

„Nein, nein. Lass gut sein. Es geht schon. Mir geht’s wirklich gut.“

„Sicher?“

„Ja, ganz sicher. Du brauchst dir keine Gedanken zu machen.“

Er sah sie noch um einiges eindringlicher an, legte die Stirn in Falten und versenkte seinen Blick schließlich wieder in das Buch vor ihm. Ein unverständliches Blubbern kam aus seinem Mund. Aber Sabine verstand ihn.

„Na gut, wenn’s so ist, dann ist’s gut. Und wenn nicht, dann komm halt wieder vorbei.“

Eine Minute verharrten sie so. Sabine stand da wie eine Statue, und ihr Vater las. Er war so vertieft, dass er sie gar nicht mehr wahrnahm. Er glaubte, sie hätte das Zimmer verlassen.

Und so verging eine Minute.

Und dann noch eine.

Und schließlich noch eine.

Sabine räusperte sich, und erst jetzt bemerkte ihr Vater, dass sie nicht gegangen war.

„Ähm … ist sonst noch irgendwas?“

„Warum? Wie kommst du darauf?“

„Oh, ganz einfach. Weil du wie ein Ölgötze hier rumstehst und Maulaffen feil hältst! Das sieht dir gar nicht ähnlich. Also, heraus mit der Sprache: Was bedrückt dich?“

Sabine grinste. Hatte sie das wirklich getan? Davon hatte sie gar nichts mitgekriegt.

„Nun ja …“, begann sie, aber das war auch schon alles.

„Was du nicht sagst! Dann ist ja alles klar“, spottete ihr Vater. Kein feiner Zug von ihm, aber so war er nun mal. Das ist durch Prügel nicht mehr zu korrigieren, ging es ihr durch den Kopf, aber bei dem Gedanken, sie würde hinter ihrem alten Herrn her wetzen, einen Gürtel in der Hand, musste sie grinsen.

„Als ich eben auf dem Heimweg war, fiel mir ein, dass du mir mal was erzählen wolltest. Es hatte irgendwas mit unserer Familie zu tun. Ich glaube, es war zu der Zeit, als ich meine Fehlgeburt hatte. Ja, ich glaube, da war es“, bestätigte sie es sich selbst und fuhr dann fort: „Bis eben hatte ich es total vergessen. Wahrscheinlich hatte ich den Kopf mit anderen Dingen voll (ach was, sprach da ihre innere Stimme, du hast doch bloß den Tod deiner ungeborenen Tochter und den ihres Vaters betrauert! Im Großen und Ganzen also nichts Besonderes, wie? Hahahaha). Wie dem auch sei: Jedenfalls dachte ich mir, wenn es meine Familie betrifft, geht es auch mich was an. Das ergibt sich zwangsläufig, findest du nicht auch?“

Während sie sprach, wurde das Gesicht ihres Vaters immer leerer und ausdrucksloser, fast schon erschreckend. Im Gegensatz zu ihr konnte er sich an die Situation im Krankenzimmer gut erinnern. Viel zu gut. Wie so oft hatte sein Mund schneller gearbeitet als sein Gehirn; es war ihm einfach so rausgerutscht. Am liebsten hätte er es rückgängig gemacht. Er war damals in einer deprimierten Stimmung gewesen und nach all diesen Tragödien so sentimental und rührselig, dass er sein altes Schandmaul nicht im Zaum hatte halten können. Doch kaum, dass er ihr Zimmer verlassen hatte, hatte er sich einen alten Tölpel geschimpft. Vielleicht, dachte er damals, rieselt mir doch schon Kalk durch die Adern. Und als dann Sabine entlassen wurde, kam sie nicht mehr darauf zu sprechen; sie musste mit anderen Dingen fertigwerden. Es erleichterte ihn ungemein, doch gleichzeitig fürchtete er den Tag, an dem ihre Erinnerung zurückkehren würde. Allem Anschein nach war er jetzt gekommen. Das hast du nun davon, alter Narr.

„Es ist besser, wir lassen das.“

„Aber damals …“

„Damals hätte ich fast einen Fehler begangen – und das bereue ich. Ich weiß, dass ich nicht damit hätte anfangen dürfen. Aber die Situation … du weißt schon, was ich meine, war auch für mich zu viel. Auch ich war überfordert, und als Konsequenz davon ist mir das herausgerutscht. Das tut mir leid. Ich bin nichts als ein geschwätziger alter Narr.“

„Aber … aber …“

„Nichts aber. Glaub mir, es ist besser, wenn du diese Unterhaltung aus deinem Gedächtnis streichst. Tu einfach so, als hätte es sie nie gegeben. Und jetzt geh!“

Fast wäre Sabine tatsächlich gegangen; der grobe Ton erschreckte sie. So ungehobelt hatte sie ihn noch nie erlebt. Erst als sie bereits die Türklinke in der Hand hatte, besann sie sich, dass sie keine acht Jahre mehr war und ihr Vater ihr nichts mehr zu befehlen hatte. Sie wartete noch eine Sekunde, füllte ihre Lungen mit Luft und drehte sich langsam wieder um. In ihren Augen stand wilde Entschlossenheit (sie blitzten einem geradezu entgegen), und ihr Gesicht war hart wie Stein. Ihr alter Herr konnte davon freilich nichts sehen, denn seine Augen hatten im Laufe der Jahre nachgelassen.

„Hör zu, Daddy! Ich bin kein kleines Mädchen mehr!“

Der Klang ihrer Stimme überraschte sie beide, Sabine sogar noch mehr. Sie strotzte geradezu vor Entschlossenheit und Willensstärke. Und ihre Stimme, die kein bisschen zitterte oder schwächlich klang, bewirkte, dass sie sich ihrer Entscheidung sicher war. Jeder Zweifel wurde von dieser Stimme weggewischt wie ein Schmutzfleck von einer Fliese. Und da sie in ihrem Selbstvertrauen um einige Punkte nach oben geschnellt war, gab es jetzt kein Zurück mehr.

„Ich bin kein kleines Mädchen mehr“, begann sie von neuem.

„Ja, ich weiß. Aber …“

„Warum behandelst du mich dann so?“

„Aber Kindchen, das tue ich doch gar nicht. Das bildest du dir ein.“

„Da! Schon wieder! Du tust es schon wieder!“

„Was denn? Was tue ich schon wieder?“

Gott, konnte man wirklich so begriffsstutzig sein? War das möglich? Oder war es nur ein Ablenkungsmanöver? Es wäre nicht das erste Mal, dass ihr Vater so was versuchte. Es war schon immer eine Unart von ihm gewesen, unangenehmen Fragen auszuweichen. Aber diesmal werde ich den Spieß umdrehen. Nicht mit mir, mein Lieber. Diesmal nicht!

„Ach, vergiss es einfach. Das interessiert mich nicht im Geringsten.“

Ihr Vater zuckte zusammen. Nicht viel, aber Sabine nahm es befriedigt und mit Genugtuung zur Kenntnis. Sie hatte also recht gehabt mit ihrer Vermutung: Er wollte vom Thema ablenken. Aber nicht diesmal. Oh nein, diesmal nicht! Es wird allmählich Zeit, fortzufahren, wurde sie von ihrer inneren Stimme ermahnt, sonst verschwendest du noch mehr Zeit. Und wer weiß, was dann passiert? Recht hat sie, pflichtete Sabine ihr bei und erhob ihre Stimme wieder gegen ihren Vater, ebenso fest und sicher wie zuvor.

„Lass uns den Scheißdreck am besten vergessen! Schmeiß alles, was dir Sorgen bereitet, über Bord, all die Ängste und Bedenken, wirf sie einfach weg und erzähl mir, was es damit auf sich hat. Komm schon! So schwer kann das doch nicht sein!“

„Du hast ja keine Ahnung …“

Er sank ein wenig tiefer in seinen Schaukelstuhl. Auch das erfüllte sie mit Genugtuung. Aber es erwies sich als lange nicht so befriedigend wie beim ersten Mal.

„Warum ist es so schwer? Erzähl es mir! Was soll so schwer daran sein?“

„Weil es … Wenn es nicht so schreck … Vielleicht bleibt es ja aus. Vielleicht hast du ja Glück und es verschont dich.“

Sie sah, dass er sich auf die Lippen biss. So heftig, dass ein Tropfen Blut aus ihnen quoll. Jetzt erwog sie ernsthaft, es zu vergessen, die ganze Sache abzublasen. So wie er reagierte, musste es etwas Schlimmeres sein als irgendein schmutziges kleines Familiengeheimnis. Etwas Gewichtigeres als ein ordinärer Obstdiebstahl aus Nachbars Garten. Ja, so viel stand fest. Aber so einfach konnte sie die Sache nicht vom Tisch fegen und zum Alltag zurückkehren. Ihre Neugier war geweckt, und wenn das erst einmal geschehen war, brauchte es mehr als eine aufgeplatzte Lippe, bis sie davon ablassen würde.

„Was wird mich vielleicht verschonen?“

Der Schaukelstuhl war mit einem Mal so groß wie das Universum und ihr Vater darin so klein wie ein Meteoritensplitter in den schwarzen Tiefen des Alls.

Was habe ich nur angerichtet, fauchte es in ihm. Wie konnte ich das nur tun? Was ist mit mir los? Wie konnte ich mich so von ihr übertölpeln lassen? Ich muss völlig verkalkt sein. Doch halt: Noch ist ja gar nichts ausgesprochen. Noch habe ich eine Chance. Noch weiß sie nicht das Geringste. Ich muss nur ein bisschen vorsichtiger sein und ihr irgendeinen saftigen Brocken hinwerfen – einen, der vor Neuigkeiten nur so trieft. Es muss nur ihr Interesse wecken, mehr nicht. Doch wo gab etwas, was dazu imstande wäre? Fieberhaft überlegte er.

„Was wird mich vielleicht verschonen?“

Diesmal klang ihre Stimme noch fordernder. Langsam ging sie auf ihn zu, näherte sich Schritt für Schritt. Und ihr Vater wurde kleiner und kleiner. Eigentlich hatte er es selbst zu verantworten, dass seine Tochter es unbedingt wissen wollte. Schon seine Haltung, sein Äußeres verrieten, dass er etwas vor ihr verbarg. Wie er unruhig die Hände ineinander rieb, sich selbst verstohlen über die Schulter blickte, als sitze da jemand hinter ihm! Wie ihm der Schweiß von der Stirn rann! Das alles spornte sie nur noch mehr an. Nur, was war es? Es musste wirklich etwas Hundsgemeines sein, sonst würde er kaum so ein Affentheater veranstalten.

„Dad, du bist es mir schuldig. Du musst es mir einfach sagen. Ich verlange, dass du es mir sagst! Auch wenn es schrecklich ist, du musst es mir sagen! Du musst einfach!“

Ihre Stimme klang wie eine Kreissäge, die sich mühsam durch steinhartes Holz fräst. Sie kreischte, aber nicht so, wie man es tut, wenn man etwas will, es aber nicht bekommt, sondern wie jemand, der kurz vor einem apokalyptischen Wutausbruch steht. Das Kreischen bewirkte, dass ihr Vater noch mehr in sich zusammensackte, so sehr, dass er jetzt nicht einmal mehr der Gesteinssplitter eines winzigen Meteoriten war. Es fehlte nicht viel, und er hätte sich in Luft aufgelöst, wäre verglüht wie eine Sternschnuppe beim Eintritt in die Atmosphäre. Ist doch echt erstaunlich, was eine Stimme so alles bewirken kann.

Doch auf Sabine macht all das keinen Eindruck. Sie beschloss, auch weiter alles zu riskieren. Bis jetzt lief es gut. Sie musste nur weiter ihren Standpunkt vertreten und ihn irgendwie durchboxen. Dann würde alles zu ihrer Zufriedenheit ablaufen.

„Du musst es mir sagen! Du musst! Du musst! Du musst! Ich verlange es!“

„Aber Kind, versteh doch …“

„Ich verstehe, dass du es mir vorzuenthalten versuchst! Das verstehe ich sogar gut! Leider verstehe ich auch, dass du mich noch immer für ein kleines, unwissendes Kind hältst!“ In ihren Augen blitzte Zorn.

„Das tue ich doch gar nicht. Wie kannst du so etwas nur denken? Ich bin doch … ich kann …“

„Ich verspreche dir, dass du es mir sagen wirst. Koste es, was es wolle. Diesmal bleibe ich hart, steinhart, wenn es sein muss!“

„Aber, so hör mir doch mal zu. Es ist nicht so einfach. Und glaube mir: Du würdest dieses Wissen nur verfluchen.“

„Ach was, so schlimm wird es schon nicht sein!“

„O doch, das ist es. Und aus eben diesem Grund …“

„… muss ich es erfahren“, fiel sie ihm ins Wort. „Wenn es wirklich so schlimm ist, wie du sagst und es unsere Familie und somit auch mich betrifft, muss ich es wissen!“

„Aber Kind …“

„Lass endlich dieses dämliche ‘aber Kind’!“

Sie äffte ihn nach. Und obwohl sie schon vorher wütend gewesen war, steigerte sich ihre Wut in dem Moment, als sie es noch einmal aus ihrem eigenen Mund hörte, noch mehr. Sie fühlte, wie das Blut kochend heiß durch ihre Adern rauschte und Magensäure ihr bis hinauf in die Kehle stieg. Sie spürte die Anspannung auf ihrer Haut kribbeln wie Elektrizität. Und ihr Herz schlug so laut, als säße es nicht mehr in ihrer Brust, sondern zwischen ihren Ohren. Alles in ihr wartete auf eine Antwort.

„So hör doch …“ Das war nun ganz und gar nicht das, was sie erhofft hatte.

„Ich will von diesen Ausreden nichts mehr hören! Sag es mir endlich!“

Er hatte seine Tochter noch nie so aufgebracht gesehen, noch nie so wütend und unbeherrscht. Sie strotzte geradezu vor Verbissenheit. Alles an ihr strahlte pure, unverdünnte Angriffslust aus. Er fürchtete, dass ein einziger Funke genügen würde und sie ginge wie eine Dynamitkiste hoch.

Leider, und das musste er sich eingestehen, verstand er ihre Reaktion. Er hätte, wäre er an ihrer Stelle gewesen, genauso reagiert. Es war nicht nur eine bodenlose Gemeinheit, ihr die Wahrheit vorzuenthalten, es war auch eine Beleidigung ihrer Intelligenz. Hatte sie nicht ein Recht darauf, es zu erfahren? Ja, gewiss, das hatte sie. Aber es war so schrecklich. Und allein das war schon Grund genug, ihr nichts davon zu sagen. Doch früher oder später würde sie es ohnehin erfahren. Irgendwann würde er es ihr nicht mehr vorenthalten können …

An dieser Stelle hielt er inne mit seinem inneren Disput. Die Stimme seines Gewissens, mit der er so heftig focht, hatte einen wunden Punkt berührt. Doch nicht nur das: Sie hatte auch verdammt recht. Er war sicher, dass Sabine es irgendwann ohnehin herausfand, auf die eine oder andere Art (ihm war es ja schließlich auch gelungen) – spätestens jedoch, wenn das unerfreuliche Ereignis eintrat. Und jetzt fragte sein Gewissen mit einer Stimme, die ihm eine Gänsehaut bescherte: War nicht schon ein Teil geschehen? Hatte es nicht bereits begonnen? Denk nur an …

Er unterbrach die Stimme in seinem Inneren mitten im Wort. Nichtsdestotrotz konnte er es nicht unterbinden, über das eben Gehörte nachzudenken. Obwohl er schon oft bis zu diesem Punkt gekommen war, war es ihm immer wieder gelungen, zu schweigen. War das ein Fehler gewesen? Schließlich musste sie doch darauf vorbereitet sein. Oder etwa nicht?

Aber vielleicht passierte es ja gar nicht. Vielleicht übersprang es diese Generation und alles bleibt, wie es ist. Obwohl so viele schreckliche Dinge geschehen waren, so viel Schmerz erduldet worden war, schaffte es noch immer ein kleiner Teil seines Verstandes, an dieser mageren Hoffnung festzuhalten. Er pflichtete dieser Stimme sofort bei. Wer weiß, vielleicht hatte sie ja recht! Gehofft hätte er es allemal. Aber die Stimme seiner Vernunft war anderer Meinung. Du alter Narr, schimpfte sie, wie kannst du, nach allem was geschehen ist, tatsächlich noch an so was glauben? Es ernsthaft in Erwägung ziehen? Wie kann man nur so blöd sein? Es wird kommen, das steht fest! Die ersten giftigen Zeichen sind ja schon da. Denk doch nur an …

Ja, ja, schon gut, ich hab’s ja verstanden, schrie er der Stimme in Gedanken entgegen, noch bevor sie ihren Satz beenden konnte. Augenblicklich verstummte sie wie ein ungezogenes Kind. Er war verdammt froh, dass endlich wieder Ruhe in seinem Oberstübchen herrschte.

Er richtete seine ganze Aufmerksamkeit wieder auf seine Tochter und war überrascht, dass sie noch immer wie ein Tasmanischer Teufel durchs Zimmer tobte und Zeter und Mordio schrie.

„Du musst es mir sagen! Du musst! Du musst!“

Sie hatte also noch immer keine neue Platte aufgelegt. Eine seltsame Ruhe überkam ihn. Sie bemächtigte sich seiner wie eine unerwartete Tröstung und bewirkte, dass er sich endlich wieder etwas größer fühlte. Nicht mehr so winzig wie vorhin, als er gefürchtet hatte, in den Ritzen des Schaukelstuhles zu versinken. Je mehr ihn von dieser Ruhe durchströmte, umso größer kam er sich vor.

Sabine donnerte noch immer wie eine Diesellok, aber das war längst nicht mehr so einschüchternd. Natürlich hatte ihm seine Phantasie einen Streich gespielt. Selbstverständlich war er nicht geschrumpft, um keinen Millimeter. Aber es war ihm so vorgekommen. Es war höchst real gewesen, und es hatte ihn geängstigt. Gott sei Dank war es vorbei. Er kam sich nicht mehr wie ein Sandkorn vor, sondern wie ein Mann. Mit Augen, die seit Jahren nicht mehr so klar gewesen waren, sah er seine Tochter an. Sie war so schön, dass es ihm fast in den Augen schmerzte. Aber konnte man sich auf diese Empfindung verlassen? Findet nicht jeder Vater seine Tochter wunderschön? Ist sie nicht für ihn immer die Schönste unter der Sonne?

„Okay, ich sag es dir.“

„Was? Du machst was?“

Diesmal blieb ihr die Spucke weg. Sie hatte gebetet, hatte gefaucht wie eine Raubkatze, hatte gefleht, gebettelt und schließlich sogar mit dem Gedanken geliebäugelt, aus dem Haus zu gehen und nie wiederzukommen. Dann hätte der alte Trottel endlich gesehen, was er von seiner Sturheit hatte! Aber eigentlich hatte sie die Hoffnung schon aufgegeben. Das wäre durchaus keine Niederlage gewesen. Oh nein, sie hätte vielleicht die Schlacht verloren, aber der Krieg war noch nicht entschieden. Doch wie es jetzt aussah, brauchte sie vielleicht doch nicht mehr allzu lange zu warten.

„Ich werde es dir sagen“, wiederholte er, während sie ihn noch immer ungläubig anstarrte. „Es ist besser, du würdest dich setzen. Und vielleicht solltest du dir vorher einen Drink mixen. Einen starken. Du wirst es brauchen.“

Während er ihr das ans Herz legte, veränderte sich sein Gesicht. Es war nicht mehr das Gesicht eines Siebzigjährigen, sondern vielmehr eines Hundertsiebzigjährigen – freilich nur, wenn der Mensch so alt werden könnte. Es war von Altersflecken nur so übersäht, und die Falten in seiner Haut schienen die Größe des Grand Canyons zu haben. Trübsinnig starrten seine Augen auf einen Punkt irgendwo im Zimmer. Er wusste selbst nicht, warum er das tat. Er hätte genauso gut einen Staubfusel beobachten können, es hätte keinen Unterschied gemacht.

Sabine bereitete sich und ihrem Vater einen Drink zu. Sie ging davon aus, dass er auch einen haben wollte. Sein Gesichtsausdruck hatte jedenfalls danach ausgesehen. Einen extra starken. Als sie sich umdrehte und in das fremde, mittlerweile noch mehr gealterte Gesicht sah, kippte sie gleich noch etwas mehr Alkohol in die Gläser. Wer weiß, wozu es gut war! Sein Gesicht war nun nicht mehr das eines Hundertsiebzigjährigen, sondern die Fratze eines tausendjährigen giftigen Trolls. Es war in sich zusammengefallen und stumpf. Und es war vom Grauen gezeichnet.

Das war fast mehr, als sie ertragen konnte. Sabine leerte die zwei Gläser und kehrte zurück an die Bar, um zwei neue zu mixen. Um ein Haar hätte sie die auch wieder in sich hineingeschüttet. Sie musste sich zwingen, es nicht zu tun. Es gelang ihr, einigermaßen sicher zu laufen, obwohl ihre Beine sich anfühlten wie weichgekochte Spaghetti. Um nichts auf der Welt sollte ihr Vater sie so sehen. Der brachte es fertig und blies das Ganze wieder ab!

Als sie ihn schließlich erreichte und ihm den Drink in die Hand drücken wollte, sah sie mit Entsetzen (und der Anblick genügte, ihr einen eisigen Schauer über den Rücken zu jagen), dass nicht nur sein Gesicht erschreckend alt wirkte, sondern seine gesamte Erscheinung: Er machte einen Buckel wie eine Katze, seine Haut ähnelte uraltem Pergament, und seine Glieder zitterten ohne Unterlass. Sie biss erneut die Zähne zusammen, um sich nichts anmerken zu lassen.

Langsam ließ sie sich auf einem Sessel neben ihm nieder, nippte ein wenig an ihrem Drink und sah ihn ruhig an. Die beiden anderen begannen bereits zu wirken; sie sah jetzt dem, was kommen mochte, etwas ruhiger entgegen. In ihrem Bauch war es warm, und in ihrem Kopf drehte es sich.

Ihr alter Herr ließ die Fingergelenke knacken. Sie hasste es, wenn er das tat, aber heute registrierte sie es kaum. Viel zu sehr war sie über sein Äußeres bestürzt.

Ungeschickt fingerte er nach seinem Glas und hatte Mühe, es auch nur anzuheben. Es verging fast eine Minute, bis er es endlich an seinen Mund geführt hatte. Die Vorbereitung nahm zwar einige Zeit in Anspruch, aber das Trinken klappte wie von allein: Innerhalb von einer Sekunde war das Glas leer. Der Drink tat verdammt gut, aber auf einem Bein konnte man nicht stehen. Also erhob er sich schwerfällig, wobei seine Knochen knackten, und stolperte zur Hausbar. Und obwohl er mehr schlich als ging und Sabine hochsprang, als er sich erhob, erreichte sie die Bar erst nach ihm.

Keiner der beiden sagte ein Wort, als sie nebeneinander standen und sich einen weiteren Drink mixten. Und sie sprachen auch nicht, als sie wieder zu ihren Plätzen zurückgingen. Sabine wurde schmerzhaft an eine Beerdigung erinnert. Das gleiche Gefühl überkam sie auch jetzt; die Stimmung war genauso erdrückend und ernst. Aber es war nicht nur das – es war noch etwas anderes.

Sie saßen einander ein paar Minuten schweigend gegenüber, nippten an ihren Gläsern und wussten nicht recht, wie sie sich verhalten sollten. Natürlich ahnten beide, dass bald eine Veränderung eintreten würde. Doch nur ihr Vater wusste, was diese für Ausmaße haben würde …

Sabine rutschte auf ihrem Sessel herum. Sie konnte keine Sekunde still sitzen. Sie fieberte dem Moment entgegen, wo sie es endlich erfahren würde. Ganz anders ihr Vater. Er wäre am liebsten im Boden versunken. Nur weg von hier, weg, schrie es in seinem Hirn.

Schließlich war Sabine sich nicht mehr sicher, ob sie es wirklich noch wissen wollte. Der besorgte Gesichtsausdruck ihres Vaters und seine kummervoll zusammengesunkene Gestalt gaben ihr doch zu denken. Doch sie verbannte Zweifel und Unentschlossenheit in einen finsteren Kerker, verrammelte die Tür und warf den Schlüssel weg.

„Nun“, begann sie, „du hattest etwas vor!“

„Was? …? Ach so, ja.“

Noch immer dieser Gesichtsausdruck, als wolle er trotz seines Versprechens noch immer schweigen. Für Sabine sah das nach einer erneuten Hinhaltetaktik aus. Doch damit täuschte sie sich. Sie sah nicht das angstvolle Flackern in seinen Augen, bemerkte nicht die Schweißtropfen, die wie Perlen auf seiner Stirn standen. Und selbst wenn sie sie gesehen hätte, wäre es in ihren Augen Ablenkungsmanöver gewesen. Ihrer Meinung nach wollte er sie so lange hinhalten, bis sie das Interesse verlor. Doch darauf konnte er warten, bis er schwarz wurde! Eher mache ich einen Handstand und fange mit meinem Arsch Fliegen, als dass diese Rechnung aufgeht! Das steht fest! Hundertprozentig!

„Und? Wann gedenkst du, es mich wissen zu lassen?“

„Kind, willst du nicht lieber …? Es ist besser, wir vergessen das Ganze und widmen uns wieder der Normalität.“

Also doch, dachte Sabine, hab ich’s doch gewusst.

Ihre Augen schossen giftige Pfeile in seine Richtung. Sie erstarrte, und für einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, ihm an den Hals zu springen. Durfte sie so etwas denken? Er war doch ihr Vater! Doch sie war wütender als eine Raubkatze, die beim Fressen gestört wurde und entschlossen, es nicht zu verbergen. Sollte er doch merken, dass es ihr verdammt ernst war!

„Du weißt …, du weißt doch gar nicht, was dich erwartet. Du weißt nicht, was es ist. Nur deswegen bist du so erpicht darauf. Es ist schrecklich. Du kannst dir nicht mal ansatzweise vorstellen, wie sehr du…“

„Vater, sag es mir endlich! Sonst … sonst … sonst schwöre ich bei Gott, ich gehe durch diese Tür, verlasse dieses Haus und komme nie wieder zurück! Überleg dir, was dir lieber ist!“

Jetzt war es heraus. Sie hatte ihn nicht erpressen wollen, und die Worte kamen ihr nur schwer über die Lippen. Aber jetzt, da sie gesagt waren, bereute sie sie nicht. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Sie hatte ihrem Vater das Messer an die Brust gesetzt, und nun lag es an ihm, eine Entscheidung zu treffen.

Und er dachte tatsächlich nach – allerdings ganz anders, als Sabine es vermutete. Er wog das Pro und Contra des Vorschlages genau ab. Ja, er nannte es einen Vorschlag, denn auch ihm war der Gedanke schon gekommen. Auch er liebäugelte heimlich damit, sie wegzuschicken, sie wie einen räudigen Kojoten einfach fortzujagen. Und diese Vorstellung übte einen gewissen Reiz auf ihn aus. Er war zwar nicht besonders erpicht darauf, von seiner Tochter getrennt zu sein und sie vielleicht nie wiederzusehen (denn das brachte das Ganze ja mit sich), doch er hatte die vage Hoffnung, dass das das Beste für sie sein könnte. Vielleicht hatte sie ja so eine Chance, IHR zu entkommen? Darüber dachte er nicht zum ersten Mal nach. Oh nein, ganz und gar nicht. Doch wie immer kam er auch diesmal zu dem Ergebnis, dass damit niemandem gedient war, am allerwenigsten ihr. So wäre sie nur auf sich allein gestellt. Und SIE würde ihr zweifellos folgen. Nein, so ging es auch nicht. Dann schon lieber das Geheimnis preisgeben …

Er war überrascht, wie viel Zeit verging, während er diese Gedanken spann. Sein Glas war schon wieder leer, er musste es ausgetrunken haben. Allerdings überraschte es ihn nicht, dass Sabine ihm noch immer gegenüber saß. Er kam sich vor wie bei einem Verhör. Sabine beobachtete jede seiner Bewegungen. Er hatte das Gefühl, dass ihre Augen sich regelrecht in sein Fleisch brannten. Für einen Moment war es so real, dass er sein verkohltes Fleisch sogar zu riechen glaubte … Was für ein Wahnsinn!

„Könntest du wohl mein Glas nachfüllen?“

„Also wirklich … das ist doch.“

Jetzt war es soweit. Jetzt würde sie gleich aufspringen und ihren eigenen Vater, den Menschen, der sie gezeugt hatte, erwürgen. Doch der Drang verflog glücklicherweise wieder, und es gelang ihr schließlich sogar, ein freundliches Lächeln aufzusetzen, in dem allerdings ein Schuss Bitterkeit nicht fehlte.

„Na schön, ich hol dir deine Brühe. Aber dann hörst du endlich damit auf, wie eine Katze um den heißen Brei rumzuschleichen. Einverstanden?“ Sie war erstaunt, wie freundlich ihre Worte klangen.

„Ich denke, ja.“

„Fein. Dann ist ja alles geklärt. Überleg dir schon mal, mit was du anfangen willst! Ich werde schnell wie ein geölter Blitz wieder zurück sein, und dann will ich endlich was hören! Und bitte keine Ausflüchte mehr, sonst kriege ich, glaub ich, einen Schreikrampf, bis es mir die Schädeldecke sprengt!“

Kaum hatte sie ihren Vortrag beendet, da stand sie auch schon auf und mixte neue Drinks. Und als sie sich wenig später wieder neben ihn setzte, begann er endlich zu reden. Und im Stillen pflichtete sie ihrem Vater bei: Im Nachhinein hätte sie gern darauf verzichtet, es zu erfahren. Aber jetzt war es dafür zu spät.

Ihr Vater nippte noch einmal an seinem Drink. Es war unmöglich zu erkennen, ob er ihm schmeckte. Ja, es schien sogar so zu sein, dass er den Geschmack gar nicht bemerkte.

„Ich weiß nicht recht, wo ich beginnen soll …“

„Ich würde vorschlagen, du versuchst es am Anfang“, entgegnete Sabine genervt. Sie vermutete schon wieder Ausflüchte.

„Ja, das wird wohl das Beste sein“, antwortete darauf ihr Vater, der von ihrem Unmut nichts bemerkte.

„Es liegt bereits ein paar Jahrhunderte zurück. Es war … es war die Zeit der Hexenverfolgungen. Du wirst davon gehört haben. Die Zeit, als jede Frau, die rotes Haar trug, Ehebruch beging, bei irgendjemandem Neid erregte oder einfach nur andere Ansichten vertrat als die Kirche, auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Ich übertreibe bestimmt nicht, wenn ich behaupte, dass das damals eine ganz schön heiße Zeit war. Zumindest für die, die verbrannt wurden.“

„Das ist nicht dein Ernst. Du erzählst mir …“

Doch er ließ sich nicht beirren. „Heute wissen wir natürlich, dass diese armen Frauen ein Opfer des Aberglaubens wurden. Doch, und das ist in meinen Augen das Tragische, nicht alle starben wegen dieses hirnrissigen Aberglaubens. So manche wurde ein Opfer infamer Lügen und Intrigen. Also im Großen und Ganzen fast das gleiche wie heute. Nennen wir das Kind beim Namen: Wenn jemand, wer auch immer es sein mochte, irgendeine andere Person nicht leiden konnte, aus welchem Grund auch immer, beschuldigte er sie kurzerhand der Schwarzen Magie. Damals war man mit dem Feuer schnell zur Hand – sehr zum Leidwesen der Beschuldigten.“

„Ich verstehe nicht. Was hat das alles mit uns zu tun?“

Er holte noch einmal tief Luft. Er wusste, dass er jetzt nicht mehr viel Zeit hatte und sich beeilen musste. Und er wusste auch, dass das Unvermeidliche bald geschehen würde.

„Für eine ganze Reihe zänkischer Weibsbilder wurde es regelrecht zu einem Sport, jeden, den sie nicht leiden konnten, der Hexerei zu beschuldigen. Und eine von ihnen, eigentlich die Schlimmste von allen, war eine unserer Vorfahren. Sie brachte seinerzeit an die dreißig Frauen auf den Scheiterhaufen. Warum sie das tat, ist aus unseren Annalen leider nicht ersichtlich. Ich vermute aber, dass sie einfach ein gehässiges Miststück war und gar nicht anders konnte. Wenn man einmal vergaß, ihr einen Guten Morgen zu wünschen, fing sie bereits zu geifern an: Sie ist eine Hexe, sie ist eine Hexe, so helft mir doch, sie will mir das Augenlicht rauben! So ähnlich stelle ich es mir jedenfalls vor, und bestimmt liege ich damit nicht ganz falsch. Wie dem auch sei: Sie hat in ihrer Zeit bestimmt mehr Menschen den Tod gebracht als Jack the Ripper. Irgendwann aber, als sie mal wieder ihr ‘Arrgh, sie ist eine Hexe, verbrennt sie, verbrennt sie!’ runtergespult hatte, geriet sie an die Falsche. Es war genauso wie sonst, nur sollte es diesmal anders enden. Es begann schon damit, dass diese Frau nicht wie am Spieß schrie ‘Ich bin keine Hexe, ich bin keine Hexe, ihr irrt euch, ich bin keine Hexe!’ Sondern sich seelenruhig zum Scheiterhaufen führen ließ. Als wüsste sie gar nicht, wie ihr geschah. Vielleicht wusste sie es aber auch nur zu gut. In ihrem Gesicht stand auch nicht Todesangst, wie bei allen anderen. Und dann, als ihr Haar und ihre Kleider bereits lichterloh brannten, schrie sie nicht, wie all die bedauernswerten Frauen vor ihr, sondern begann lauthals zu lachen. Es muss ein schauriges Lachen gewesen sein. Du kannst dir sicher die Gesichter der Anwesenden vorstellen. Damals wollte ja jeder bei so einem Spektakel dabei sein, nur die Hauptrolle übernahm niemand freiwillig … Während sie also lachte, kreischten und schrien die anderen. Doch das war bei weitem nicht das Schlimmste. Nur wenige Augenblicke später nämlich brach ihr Lachen abrupt ab, und sie begann mit fröhlicher, aber unheilverkündender Stimme zu sprechen. Jetzt schrien und kreischten die anderen nicht mehr. Auf einmal herrschte eine gespenstische Ruhe, nur unterbrochen von dieser Stimme. Sie redete, als gäbe es die Flammen auf ihrer Haut gar nicht. Und sie sah dabei dieses Miststück von einer Ahnin an. Es war, als ob sie sie mit ihren Augen durchbohren wollte.

‘Du hast vielen Menschen Unheil und Leid gebracht‘, kam über ihre Lippen, die man im grellen Licht der Flammen kaum sehen konnte, sie schienen regelrecht zu kochen. Die Menge, in deren Mitte unsere feine Verwandte stand, bildete einen Kreis um sie herum, und dieser Kreis wurde mit jedem Wort, das die Brennende sprach, größer. ‘Ich verfluche dich! Ich verfluche dich und deine Sippe bis zum Ende aller Tage! Du hast dir diesmal die Falsche ausgesucht! Diesmal hast du ins Schwarze getroffen! Ich bin eine Hexe! Alle deine Familienangehörigen und auch die, die es in Zukunft noch werden, werden einen frühen, unerwarteten und schmerzhaften Tod sterben!’ Schließlich loderte sie wie eine Fackel, aber brachte es tatsächlich fertig, wieder lauthals zu lachen. Überall erbrachen sich die Menschen, kippten ohnmächtig nach hinten oder standen nur fassungslos da, zu keiner Regung imstande.

Und da, ganz plötzlich, von einem Augenblick auf den nächsten, verschwand die Brennende. Sie verschwand einfach, löste sich in Luft auf. In der einen Sekunde war sie noch auf dem Scheiterhaufen angebunden, und in der nächsten war sie weg. Auch das Feuer war aus. Noch nicht einmal das Holz glomm noch. So, als hätte das Ganze nie stattgefunden. Das einzige, was Zeugnis von dem Vorfall ablegte, war das Echo ihrer Worte. Noch minutenlang tönte über ihren Köpfen der Satz: ‘Ich verfluche dich, ich verfluche dich und deine Sippe bis zum Ende aller Tage!’

Von da an wurde unsere reizende Verwandte von allen gemieden. Selbst die, die mit dem Verurteilen immer so schnell bei der Hand gewesen waren, machten nun einen Bogen um sie. Ein paar Monate blieb alles ruhig. Doch dann, eines Tages, sie hatte es schon fast vergessen, begann das Sterben in unserer Familie. Sie fielen um wie die Fliegen. Nur ihr jüngster Sohn überlebte. Aber auch nur, damit er eine eigene Familie gründen konnte und dann … na ja, den Rest kannst du dir sicher denken.“

In Sabines Augen stand nacktes Entsetzen, aber auch Unglauben. Das Ganze klang zu phantastisch.

„Was ist aus ihr geworden?“

„Wer? Aus der Hexe oder unserer Ahnin?“

„Also, wenn du mich so fragst: beide!“

„Die Hexe wurde nach ihrer Verbrennung nie wieder gesehen. Und unsere Hexe, dieses Miststück von einer Ahnin, sollte das gleiche Schicksal ereilen. Sie hatte acht Kinder, und als das große Sterben begann, ich will es mal so formulieren, als der Fluch sich bewahrheitete, verlor sie alle, bis auf einen. Und auch ihr Ehemann starb. Er wurde auf dem Feld von seinem eigenen Gaul totgetrampelt.

Ein Jahr nach seinem Tod, mittlerweile war sie ganz allein, auch ihr Jüngster hatte den Hof verlassen, wurde sie schwanger. Und da es ja nun ganz offensichtlich mit dem Teufel zuging, wenn eine Frau ein Kind bekam ohne Mann dazu, wurde auch sie zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Es ist noch heute ein Rätsel, wie die Dorfbewohner davon erfahren hatten, obwohl sie ihr Haus und ihr Grundstück nie verließ. Und Besuch hatte sie auch keinen empfangen. Die hatten doch alle Angst, etwas von dem Fluch könne auf sie überspringen! Sie verbrannten sie in einer sternklaren Nacht, mitsamt dem Ungeborenen im Leib.

Wie gesagt: Es ist noch immer ein Rätsel. Aber ich vermute, die Hexe hat das irgendwie bewerkstelligt. Schließlich beherrschte sie die Zauberei, wie sie ja bereits eindrucksvoll bewiesen hatte. Und es ging bestimmt nicht mit rechten Dingen zu, denn die Angst der anderen war verschwunden, als man sie zum Scheiterhaufen führte. Und ich vermute auch, dass sie dafür sorgte, dass der jüngste Sohn den Ort verließ. Schließlich musste die Familie fortbestehen, damit sich der Fluch immer und immer wieder erfüllen konnte. Bis zum heutigen Tage.“

Mit ruhigem Blick sah er sie an. Er wusste nicht, was er erwartet hatte. Vielleicht, dass sie geschockt war oder in Tränen ausbrach. Doch Sabine tat nichts dergleichen. Sie sah ihn nur an und machte keineswegs den Eindruck, als ob sie auch nur ein einziges Wort glaubte. Doch auch das konnte er nachvollziehen, wäre es ihm doch, wenn er an ihrer Stelle gewesen wäre, ebenso gegangen. Leider nahm der Fluch keine Rücksicht darauf. Ihm war es einerlei, ob sie es glaubte oder ihren alten Herren für einen ausgemachten Schwachkopf hielt. Was auch immer geschehen sollte, würde geschehen. Daran ließ sich, leider Gottes, nichts ändern …

„Du musst zugeben, das Ganze klingt …, nun, sagen wir einfach, ein wenig abwegig“, entfuhr es ihrem Mund nüchtern. „Glaubst du tatsächlich, ich lasse mir so eine Geschichte verkaufen und schlucke sie einfach?“ Ihre Stimme klang erregt. Auch das konnte er nachempfinden.

„Leider ist es die Wahrheit.“

„Ach, komm.“

„So leid es mir auch tut: Es ist so. Es ist die traurige Wahrheit. Wir müssen dieses Schicksal ertragen. Wir leiden noch immer darunter, dass dieses zänkische Weib alles und jeden hasste.“

„Das sind doch alles nur Geschichten, die man sich abends am Lagerfeuer erzählt! Die sind doch von vorn bis hinten an den Haaren herbeigezogen. Und jeder, der sie erzählt, schmückt sie dann etwas aus mit seiner eigenen Phantasie.“

„Ich wünschte, es wäre so. Oh ja, das wünsche ich mir wirklich von Herzen“, seufzte er.

„Was sollte es sonst sein? Was? Ich kann’s dir verraten: Es ist genau das und nichts anderes.“

Sie war überzeugt, dass es nur so sein konnte – so und nicht anders. Doch seine Augen sprachen eine andere Sprache, und irgendwie bereute sie es immer mehr, so hartnäckig auf der Wahrheit bestanden zu haben.

„Es ist schwer zu glauben. Ich weiß. Aber es ist der Fluch unserer Familie. Seit nunmehr fünfhundert Jahren.“

Plötzlich flammte eine Erkenntnis in ihr auf. So makaber es auch klang: Ihr Vater erlaubte sich einen Scherz mit ihr. Er wollte sie auf den Arm nehmen, sie necken und sie mal so richtig aufs Glatteis schicken. Sie hatte keine Zweifel mehr, oh ja, ihr Vater wollte ihr eins auswischen, er wollte sie so richtig verarschen. Aber nicht mit mir, mein Lieber! In die Grube, die du da angelegt hast, werde ich nicht fallen! Diesmal nicht!

„Woher willst du das eigentlich alles wissen? Schließlich hast du ja selbst gesagt, dass das bereits ein halbes Jahrtausend zurückliegt. In dieser Zeit kann viel passieren, das brauche ich dir nicht zu sagen. Woher also nimmst du diese … äh, Informationen?“

„Folge mir bitte.“

„Was?“

„Folge mir einfach.“

„Wohin gehen wir?“

„Du wirst schon sehen. Komm einfach mit.“

Sie verließen den Raum, und Sabine dackelte hinter ihrem Vater her. Sie hatte beschlossen das Spiel mitzuspielen, denn dafür hielt sie es, für ein abgefucktes Spiel. Doch sie würde schon bald den Spieß umdrehen und ihn dann so richtig veräppeln. Sie musste sich nur gedulden, bis sie ihre Chance witterte. Und bis dahin hieß es, weiter den Tölpel zu mimen, damit der Alte sich in Sicherheit glaubte.

Sie liefen durch das ganze Haus und schließlich in den Keller hinunter. Hier unten war es angenehm kühl. Im Sommer, wenn die Sonne brütend heiß vom Himmel brannte, war es hier gut auszuhalten. Früher war geerntetes Obst hier unten aufbewahrt worden, doch das war Geschichte. Damit ließ sich kaum noch Geld verdienen, aber der Duft der Früchte lag noch immer in der Luft, als wäre er in die Wände und den Lehmboden imprägniert.

Sabine verstand überhaupt nichts mehr. Was wollten sie bitteschön im Keller? Hier gab es doch nur noch Spinnweben, Unmengen an Staub und Ratten, igitt! Sie war noch nicht allzu oft hier unten gewesen. Aber das war bei dem ganzen Getier, das man hier antraf, ja auch kein Wunder.

Allmählich wurde ihr das Spiel zu bunt, und sie wollte schon fragen, was sie hier zu finden hofften. Doch die Frage blieb ihr im Halse stecken, als sie in das Gesicht ihres Vaters blickte. In den letzten paar Minuten schien es noch einmal um tausend Jahre gealtert zu sein. Er war blasser als eine Leiche, bleich und ausgemergelt, sein Körper zitterte wie ein Blatt im Herbstwind, und sein Atem roch vergammelt, fast modrig.

Also, ich muss schon sagen, für seinen Scherz hat er sich wirklich allerhand einfallen lassen! Bin gespannt, was er noch alles aus dem Hut zieht! Die Frage war nur: Glaubte sie das wirklich noch? War sie noch immer der Überzeugung, es handle sich nur um einen Scherz?

Egal, wie ihr Vater aussah: Er hatte noch genug Kraft, um auf ein paar Mauersteine zu drücken. Also konnte es nicht ganz so schlecht um seine körperliche Verfassung stehen. Er tat es scheinbar aufs Geratewohl. Sabine, die das Ganze skeptisch beäugte, wollte schon fragen, was der ganze Zirkus eigentlich sollte, als sie merkte, dass die Steine nachgaben. Sie gaben tatsächlich nach, etwa einen Zentimeter. Auch jetzt wollte sie etwas sagen, es brannte ihr regelrecht auf der Zunge, doch sie war zu fasziniert, um auch nur ein Wort herauszubringen. Ihr Vater drückte jetzt noch ein paar Steine, immer noch scheinbar wahllos und ohne erkennbare Ordnung. Was hatte er vor? Auch diese Steine versanken knapp einen Zentimeter im Mauerwerk.

Irgendwann hielt er inne. Er war so erschöpft, dass er nur noch flach atmete. Wieder wollte Sabine den Mund öffnen, als es plötzlich im Mauerwerk zu arbeiten begann. Es dröhnte und rumorte, und dann knarrte es wie zu Mitternacht im Spukschloss. Die Geräusche wurden immer lauter; dann aber waren sie so schnell verschwunden wie sie begonnen hatten. Die unerwartete Stille schmerzte fast in den Ohren.

Und dann sprang hinter ihr eine Tür auf. Einfach so, ohne Vorankündigung – das Knarren, Rumoren und Dröhnen konnte man ja nicht als eine solche deuten. Sabine erschrak so, dass sie wie ein aufgescheuchtes Karnickel zur Seite sprang. Normalerweise wären ihr Vater und sie in schallendes Gelächter ausgebrochen, doch sie war zu erschrocken, und als sie in seine Richtung sah (wer weiß, vielleicht konnte er ja nun nicht mehr an sich halten und würde endlich losbrüllen vor Lachen?), blieb ihr jeglicher Kommentar im Halse stecken: Ihr Vater war nun nicht mehr nur aschfahl. Er war bleich wie eine Wachsfigur. Als würde er …

Woran konnte das nur lieg …

Ihre Neugier verlangte, sich die Tür genauer anzusehen. Die Wand war mit Paneelen bekleidet und darin, zwischen den Brettern, war die Tür perfekt eingepasst. Dort, wo sich normalerweise ein Brett ins danebenliegende einschob, war die Tür. Und da sie vom Boden bis zur Decke reichte, war von ihr nichts zu sehen gewesen. Sie benötigte auch keine Klinke, sondern wurde mit den Steinen an der Wand geöffnet. Einfach im Aufbau, aber grandios in der Wirkung.

Jetzt wies ihr Vater sie an, einzutreten – das tat sie dann auch, allerdings so vorsichtig wie ein Soldat, der ein Minenfeld betritt. Ihr Vater folgte geduldig. Er war so nah hinter ihr, dass sie seinen fauligen Atem roch. Offensichtlich war er schon öfter hier unten gewesen, denn gerade in diesem Moment hörte sie in der Dunkelheit, wie er zielsicher nach einem Lichtschalter tastete. Es dauerte nicht lange, und flackernd wurde es hell.

Nun konnte sie das geheime Zimmer, das sich hier verbarg, sehen. Vor Überraschung verschlug es ihr den Atem. Es war alles in allem vielleicht fünfundzwanzig Quadratmeter groß und wirkte eher zweckmäßig – auf absurde Weise. In der Mitte stand ein Schreibtisch, auf dem staubige Schriftstücke lagen. An den weißen Wänden standen Regale, die ebenfalls Akten enthielten. Seltsamerweise wirkte der Raum gepflegter als der Rest des Kellers. Sogar der Boden war gefliest – allerdings war es unschwer zu erkennen, dass hier kein Fachmann gearbeitet hatte. Was ja auch logisch war: Wozu brauchte man einen geheimen Keller, wenn jeder Handwerker davon wusste?

Sie ging in den Raum hinein, und nun bemerkte sie etwas Interessantes: Die Akten und Schriftstücke waren nicht verstaubt, wie man es erwarten konnte. Sie waren nur alt. Sehr, sehr alt.

„Das, was du hier unten siehst, ist die Chronik unserer Familie. Hier findest du so gut wie alles, was sich vom zwölften Jahrhundert an zugetragen hat. Gute wie auch schlechte Dinge sind in den Papieren verzeichnet.“

Sabine konnte nicht anders. Sie fühlte beim Anblick von mehr als achthundert Jahren Familiengeschichte Ehrfurcht.

„Und hier findest du auch den Beweis für das, was ich sagte.“

„Es ist so unheimlich viel …“

„Ich weiß. Du kannst alles lesen. Es ist alles in unserer Schrift geschrieben.“

„Wie …?“

„Jedes Mal, wenn die Schrift sich änderte, sie also einer Reform unterzogen wurde, brachte einer unserer Ahnen das ganze Archiv auf den neuesten Stand. Eine langwierige und mühsame Arbeit, wie du dir sicher vorstellen kannst.“

„Wie ist es möglich, dass wir so unglaublich viele Akten über unsere Familie haben? Bei anderen ist es doch auch nicht so!“

„Wie du weißt, sind wir recht vermögend. Während andere weder lesen noch schreiben konnten, lernten es die Kinder in unserer Familie schon von früh auf. Wenn andere auf den Feldern schuften mussten, hatten die unseren ein sorgenfreies Leben. Sie brauchten selten in Kriege zu ziehen und mussten auch nie … Warum siehst du mich so komisch an?“

„Ich hatte ja schon vermutet, dass du mir mit dieser Geschichte einen Bären aufbinden willst. Und gerade eben hast du dich verraten. Du hast nämlich gesagt, der Mann von diesem Luder, die, die uns das angeblich eingebrockt hatte, wäre von seinem Pferd totgetrampelt worden. Und zwar auf seinem Acker. Gibst du jetzt zu, dass du mich verarschen wolltest? Oder willst du noch weiter spielen?“

„Du hast recht damit …“

„Na also, sag ich doch! Nicht mit mir!“

„Er starb auf seinem Acker. Es war so etwas wie ein Hobby von ihm. Er liebte es, den Boden zu bestellen, Saat einzubringen, alles wachsen und gedeihen zu sehen und irgendwann die Früchte seiner Arbeit zu ernten. Das alles machte er gern, es bereitete ihm Vergnügen. Wenn du die Unterlagen durchsiehst (du brauchst sie übrigens nicht alle anzusehen): Nur der Stapel dort drüben ist in unserer Schrift verfasst, die anderen, vor allem die ältesten, werden dir vorkommen wie Hieroglyphen. Aber das wirst du alles schon herausfinden. Ich schweife schon wieder ab. Wie dem auch sei: Wenn du die Unterlagen studierst, wirst du sehen, dass eine ganze Reihe unserer Verwandten gearbeitet hat. Es war für sie ein Vergnügen, durch und durch ein Vergnügen. Warum rede ich eigentlich so viel? Du hast noch viel Zeit, dir das alles anzusehen. Ich werde jetzt gehen.“

„Aber Daddy, wo willst du denn hin? Du musst doch noch mit mir die Papiere durchsehen!“

„So gern ich das auch machen würde, es geht leider nicht, mein Kind.“

„Ja aber, warum denn nicht?“ Sabine verlor mehr und mehr die Fassung. Was meinte er damit?

„Es tut mir wirklich leid, doch ich muss gehen. Und du kannst mich nicht begleiten.“

Die Traurigkeit, die in seinen Worten schwang, machte sie noch verrückt. Was war hier nur los? Wo wollte er hin? Und warum konnte sie nicht mitkommen?

„Keine Angst, du wirst irgendwann nachkommen, aber noch nicht jetzt. Jetzt ist es zu früh. Eines Tages werden wir uns wiedersehen. Und bis es soweit ist, muss ich mich von dir verabschieden.“

„Daddy, hör sofort auf damit! Du machst mir Angst! Was hat das alles zu bedeuten? Und was meinst du damit, wir sehen uns später?“

Sabine war jetzt einer Hysterie nahe. Irgendetwas, das in seinen Worten mitschwang, beunruhigte sie, es jagte ihr regelrecht Angstschauer ein. Obwohl ihnen nichts Direktes zu entnehmen war (vielleicht war gerade das das Schlimme) ahnte sie etwas Schreckliches.

Mit einem Mal riss er die Augen auf, als würde er nach irgendetwas oder irgendjemand im Zimmer sehen, und fasste sich an die Brust. Die Hand war verkrampft wie eine Klaue. Seine Mundwinkel flatterten wie die Flügel eines Kolibris, und dann sackte er in sich zusammen. Mit einem einzigen, mächtigen Satz war sie bei ihm. Sie war viel zu geschockt, um Angst zu haben.

Als sie auf dem kalten Boden hockte und ihren Vater in den Armen wiegte, dachte sie an nichts. Ihr Kopf war leer, sogar der Schock verflogen. Sie war leer, bestand eigentlich nur noch aus der menschlichen Hülle.

Seine Lippen erzitterten, und er sagte etwas, doch es war zu leise, als dass sie es hätte verstehen können. Und genau in diesem Moment tat er seinen letzten, schweren Atemzug.

Der Wind wehte böig, bauschte sich stellenweise bis zum Orkan. Der Himmel war wolkenverhangen, schwarz und düster. Es war mehr als wahrscheinlich, dass es heute noch richtig schütten würde. Doch was war schon Regen? Was war Wind? Nichts als Nebensächlichkeiten, nichts als Launen der Natur. Die kamen und gingen irgendwann auch wieder.

Es war jetzt fünfzehn Uhr dreißig, ein Sonnabend. Ein Tag, den Sabine nie wieder vergessen würde. Heute war der Tag, an dem sie ihren Vater, ihren letzten Verwandten, zu Grabe getragen hatte.

Genau jetzt, in diesem Moment, wurden seine sterblichen Überreste der Erde übergeben. Er lag in einem schneeweißen Eichensarg mit goldenen Griffen. Ihm hätte er gewiss gefallen. Sabine hatte auf Schnickschnack wie Kapelle, Trauermusik und lange Reden verzichtet. Ihr Vater war nie ein Freund solcher Dinge gewesen. Er hätte es sich nicht so gewünscht, und da er ja bedauerlicherweise hier die Hauptrolle spielte, wollte sie, dass es in seinem Sinne ablief.

Kaum jemand war hier. Sabine stand allein am Grab. Da sie die letzte lebende Verwandte des Verstorbenen war, war das auch kein Wunder. Außer einigen wenigen Freunden ihres Vaters, die sie aber nur vom Sehen kannte, war sie allein. Aber selbst wenn der Friedhof von Besuchern übergequollen wäre, wäre sie allein gewesen. Ihr Geist hatte sie sich von der Realität abgekapselt. Zu groß war der Schmerz. Sabine hatte sich in ein selbsterrichtetes Schneckenhaus zurückgezogen, eines, in dem noch alles beim Alten war. In dem ihr Daddy seine Tochter auf dem Schoß trug und sie und der Vater des Kindes wie auf einem Familienporträt daneben standen. Hier drinnen war alles so, wie es sein sollte, hier drinnen ließ es sich aushalten …

Als ihr die Beileidsbekundungen überbracht wurden, stand Sabine nur da wie eine leblose Hülle, schüttelte ohne Kraft die Hände derer, die erschienen waren. Sie zwang sich, sich mit einem Lächeln bei ihnen zu bedanken.

Später, als alle den Friedhof verlassen hatten und wieder daheim, in ihrem eigenen Leben waren, saß Sabine auf einer Bank und starrte in den wolkenverhangenen Himmel. Sie wusste, dass das Schmerzhafteste jetzt hinter ihr lag. Und sie hoffte, dass es jetzt endlich wieder aufwärts ginge. Es konnte nicht mehr schlimmer werden. Vor dem heutigen Tag hatte sie Angst gehabt. Sie hatte ihn gefürchtet, wie ein römischer Gladiator seinen Einsatz gegen die Löwen fürchtete.

Warum fühlte sie sich nicht besser? Jetzt, da es vorbei war? Sicher, ihr war klar, dass das nicht Schlag auf Schlag gehen würde. Falls sie das glaubte, erwartete sie zu viel. So schnell konnte die Wunde, die der Verlust ihres Vaters gerissen hatte, nicht heilen. Aber sie hatte dafür gebetet, wenn es schon nicht heilte, sollte es zumindest aufhören zu schmerzen. Oder der Schmerz sollte, wenn er schon nicht schwand, wenigstens schwächer und schwächer werden.

In all den Tagen nach seinem Tod hatte sie keine ruhige Minute gehabt. Es mussten Wege gegangen werden, die Beerdigung musste organisiert, Einladungen, wenn auch nur wenige, mussten verschickt werden. Sie hatte viel zu tun und keine Zeit nachzudenken. Nun aber kehrte langsam Ruhe ein, und jetzt wurde ihr die Veränderung in ihrem Leben klar. Und obwohl sie eigentlich längst versiegt sein müssten, liefen ihr Tränen die Wangen hinunter. Sie verlangte sich zu viel ab; das begriff sie jetzt. Ihre Trauer würde noch lange andauern. Sie würde irgendwann weniger werden, doch ganz verschwinden würde sie nie.

Schwerfällig erhob sie sich von der Bank, rückte das Kleid zurecht und lief langsamen Schrittes zum Ausgang. Am liebsten wäre sie zurückgerannt, zurück zum frischen Grab und hätte mit ihren Händen die Erde beiseitegeschafft. Sie wollte und konnte nicht glauben, dass ihr Vater nicht mehr sein sollte! Es war bestimmt nur ein Irrtum! Es konnte sich nur um einen Irrtum handeln! Bestimmt schlief er nur und hatte von alldem gar nichts mitbekommen! Obwohl es eine absurde Vorstellung war, klammerte sie sich an sie fest. Vielleicht war er auch ins Koma gefallen und konnte jeden Moment wieder erwachen? Was dann? Dann musste doch jemand da sein, um den Sarg zu öffnen! Man konnte ihn doch nicht dort drinnen lassen!

Fast wäre sie tatsächlich zurückgerannt. Doch sie konnte sich am Ende beherrschen. Vater war tot, und das war unabänderlich. Nichts und niemand konnte etwas dagegen tun. Es wurde Zeit, sich mit dem Schmerz zu befassen. Sie konnte ihn in Erinnerung behalten, denn so würde er in ihrem Herzen weiterleben.

Sie lief weiter, wobei ihre schwarzen Schuhe über den Kies knirschten (sie hatte sie extra hierfür gekauft). Und in der Sekunde, da sie das große eiserne Tor passierte, wusste sie, dass ein neues Leben begann. Sie wusste nur noch nicht, ob sie es lieben oder hassen würde.

Ein paar Meter die Straße hinunter parkte ihr Wagen. Schon von weitem entriegelte sie per Fernbedienung die Tür, riss sie auf und ließ sich in den Sitz fallen. Sie legte den Kopf nach hinten, versuchte die Beine auszustrecken, schloss die Augen und faltete die Hände im Schoß. Mit ihrem rechten Fuß befreite sie den linken aus dem Schuh, und als ihr das gelang, versuchte sie es auch beim anderen. Sie blieb lange so sitzen.

Irgendwann, als sie wieder einigermaßen klar denken konnte, startete sie den Wagen, fuhr aus der Parklücke, sah vorschriftsmäßig in den Rückspiegel, vergaß auch den toten Winkel nicht und ordnete sich in den fließenden Verkehr ein.

Sabine war nie eine rasante Autofahrerin gewesen; sie hatte es nicht besonders eilig, wenn sie einen Wagen lenkte. Sie hatte keine Angst, wie ihre Fahrweise oft falsch interpretiert wurde, sie wusste nur, dass ein Fahrzeug eine gefährliche Waffe sein konnte.

Sie schaltete das Radio ein, suchte einen Sender, der vielleicht ihre Stimmung heben konnte, fand aber keinen.

Langsam näherte sie sich ihrem Zuhause. Es erschien ihr fremd und trostlos. Viel zu groß, viel zu riesig für sie allein. All die Etagen, all die Zimmer, in denen sie als Kind herumgetollt war. Hier hatte sie ihr ganzes Leben verbracht – bis auf die paar Jahre, in denen sie studiert und im Studentenheim gewohnt hatte.

Das Studium war keine schlechte Zeit gewesen, es hatte ihr Spaß gemacht. Sie waren ein dufter Haufen gewesen, fünf Mädchen und drei Jungens. Und obwohl jeder von ihnen etwas anderes studierte, verstanden sie sich erstklassig. Wahrscheinlich gerade deshalb. So konnten sie sich wenigstens nicht die Laune verderben, wenn jemand ein Seminar in den Wind gesetzt hatte. Und dann waren da ja auch noch die wilden Partys. Wenn ihr Vater oder irgendein anderer der Eltern auch nur geahnt hätte, was da los gewesen war – Menschenskind, die hätten sie sofort nach Hause geholt, in die nächstbeste Entziehungskur gesteckt und erst dann wieder herausgeholt, wenn Gras über die Sache gewachsen war! Im Nachhinein betrachtet, konnte man die Partys mit drei Oberbegriffen zusammenfassen: Drogen, Alkohol und Spaß bis zum Abwinken. Wobei man sich absolut nicht auf die Reihenfolge festlegen sollte. Es war vorgekommen, dass kaum noch jemand aufrecht stehen konnte, da hatte die eigentliche Party noch gar nicht begonnen. Wie dem auch sei – es war eine herrliche, schöne Zeit gewesen. Doch diese Tage waren vorüber, sie lagen weit zurück, in der Vergangenheit.

Kurze Zeit nach ihrem Abschluss, sie hatte ihn erst einige Wochen in der Tasche, vermisste sie ihre Freunde. Doch das ließ mehr und mehr nach, und irgendwann vergaß sie die Erfahrungen und Eindrücke fast. Ob es den anderen auch so ging?

Warum fällt mir das gerade jetzt ein? Warum jetzt, wo ich in der Einfahrt stehe und dieses riesige Haus angucke? Dieses Haus, das jetzt einzig und allein mir gehört? Oh, ich wünschte mir von ganzem Herzen, Daddy wäre noch da …

Langsam näherte sie sich dem Eingang. Sie wollte nicht hineingehen, wollte dieses Haus um nichts auf der Welt betreten. Nie wieder. Und doch kramte sie in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel, öffnete die Tür, trat über die Schwelle und ließ sie lautstark hinter sich ins Schloss fallen.

Unheimliche Stille wehte ihr entgegen, hüllte sie förmlich ein. Obwohl es hier nie laut zugegangen war (schließlich fehlten andere Kinder) konnte man die Stille fast spüren. Sabine meinte sogar, sie griffe nach ihr, langsam und vorsichtig, mit zittrigen Fingern – und schließlich, wenn sie ihre Scheu abgelegt hatte, immer kräftiger. Sie lullte sie ein. So lange, bis sie schließlich ihr wahres Gesicht zeigte und sie mit Fingern, so stark wie Schiffstaue, umschlang und sie langsam und qualvoll erdrückte.

Langsam lief Sabine durch die Halle. Ihre Schuhe klapperten auf den Fliesen und sie hörte das Echo. Die Luft hier drinnen war stickig, abgestanden. Sie war unangenehm, roch vermodert, fast so, als verwese hier etwas. Nur ein Produkt meiner überreizten Phantasie, versuchte sie sich selbst Mut einzuflößen. Das klang zwar plausibel, aber lange nicht plausibel genug. Irgendetwas Merkwürdiges geschah hier, und es ängstigte sie. Doch vielleicht war auch diese Überzeugung nur ein Produkt ihrer Phantasie …

Allmählich bekam sie Kopfschmerzen. Sie wusste nicht, was sie glauben oder denken sollte. Alles stürzte auf sie ein, wie eine Lawine, die sich auf ihrem Weg ins Tal dicker und dicker frisst. Und sie hatte keine Ahnung, wie sie sich von ihr befreien konnte. Würde es helfen, ein paar Mal tief durchzuatmen? Keine Ahnung, aber einen Versuch sollte es wert sein.

Sie überwand ihren Ekel vor der stinkenden, gammeligen Luft und atmete langsam ein und aus; dabei konzentrierte sie auf ihren Atem, nur auf ihren Atem. Langsam strömte Luft in ihre Lungen und nach wenigen Sekunden wieder heraus. Von dem Gestank merkte sie nichts mehr. Auch die Angst schwand. Und nachdem sie das einige Male wiederholt hatte, fühlte sie sich auch wieder wohl in ihrer Haut.

Nun, da es ihr besser ging, war es an der Zeit, den Mantel abzulegen. Sie blickte an sich herab: Ihre schwarze Strumpfhose wies ein paar Laufmaschen auf, obwohl sie noch nagelneu war. Na ja, taugte halt alles nichts mehr. Auch die glänzenden schwarzen Schuhe wirkten stumpf. Wahrscheinlich war der Staub daran schuld. Eigentlich war das nicht wichtig; sie würde diese Kleidung ohnehin nie wieder tragen.

Plötzlich überkam sie eine unbändige Lust zu duschen. Sie wollte den Staub und Schmutz des Tages abspülen, ihn einfach den Abfluss hinunterspülen und ihn aus ihrem Leben verbannen.

Gedacht, getan. Schon wenig später war sie in ihren Bademantel gewickelt, trug ein Handtuch um den Kopf wie einen Turban, stand in der Küche und sah dem Kaffee dabei zu, wie er durch die Maschine lief. Sie hatte ihn extra stark angesetzt und hoffte, dass er ihre Lebensgeister weckte. Die Dusche hatte zwar den groben Schmutz von ihr gewaschen, aber was sie sich erhofft hatte, dass es ihr danach besser ging, war nicht eingetreten. Das war enttäuschend. Es war ein Trugschluss gewesen, eine falsche Fährte. Plötzlich wusste sie, dass in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten nichts, aber auch gar nichts, ihr Empfinden verändern oder verbessern konnte.

Eine kühle Brise wehte durch die Küche, und Sabine blickte erschrocken auf. Stand irgendwo ein Fenster offen, fragte sie sich, ohne doch echtes Interesse daran zu haben. Ach ja, richtig, das Badezimmerfenster stand offen, sie hatte es selbst geöffnet. Schnell machte sie sich auf, um es zu schließen, entledigte sich, da sie nun schon mal da war, des Bademantels und zog sich eine bequeme Jogginghose an und ein T-Shirt. Auf einen Büstenhalter verzichtete sie. Sie kam sich dadurch immer eingezwängt vor und trug ihn nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ, beim Sport oder zu gesellschaftlichen Anlässen.

Wie sollte es nur weitergehen? Was sollte geschehen? Was würde sie tun? Das waren durchaus interessante Fragen, über die sie da nachsann, während sie am Küchentisch saß und Kaffee schlürfte. Sie wusste nur eines: Nämlich, dass sie dieses Haus verlassen würde. Sie wollte es verkaufen und irgendwo ein neues Leben anfangen. Wo ihr Weg sie dann hinführen würde, lag noch im Dunkeln. Auf jeden Fall so weit wie möglich weg von hier, von den Erinnerungen, die sie, wenn sie ihnen nicht entwich, jahrelang quälen würden. Nein, so weit wollte sie es nicht kommen lassen. Bestimmt war es das Beste, alle Brücken hinter sich abzubrechen und irgendwo einen Neubeginn zu versuchen.

Aber nicht heute. Dieser Tag war anstrengend genug gewesen, und schon deshalb war es wenig ratsam, jetzt über diesen Schritt nachzudenken. Nein, es war besser, erst etwas Zeit verstreichen zu lassen und dann eines Tages, wenn sie sich über ihre Entscheidung im Klaren war, damit zu beginnen. Dann konnte sie alle Für und Wider gegeneinander abwägen. Schließlich musste alles genau durchdacht werden.

Sie entschied sich, ins Bett zu gehen. Sie hatte zwar einige Zweifel, ob sie überhaupt ein Auge zubekam. Die Aufregung des Tages und der Kaffeekonsum würden sie noch lange wach halten. Doch wie es sich herausstellte, waren ihre Zweifel unberechtigt: Sie schlief schon, da hatte ihr Kopf kaum das Kissen berührt.

Sabine erwachte mitten in der Nacht. Ein kurzer Blick auf den Wecker und sie wusste, dass es kurz vor drei war. Warum wurde sie zu solch unmöglicher Zeit wach? Sie hatte doch sonst immer einen tiefen Schlaf! Ihr Vater hatte mehr als einmal behauptet, man könne sie mitsamt Bett entführen und um den halben Erdball kutschieren, sie würde nichts davon mitkriegen und selig weiterschlummern. Wenn sie schlief, dann schlief sie. Und das felsenfest. Selbst wenn eine Bombe direkt neben ihr hochging.

Was also hatte sie geweckt?

Sie lag in der Dunkelheit, sah gedankenverloren zur Zimmerdecke und fragte sich, was mit ihr los war. Plötzlich wusste sie, was sie geweckt hatte: Sie hatte geträumt. Doch es war nicht irgendein Traum gewesen. Sie hatte vom letzten Tag ihres Vaters geträumt. Und das so lebhaft, als wäre es eben erst geschehen und läge nicht schon Tage zurück. Sie hatte jede Kleinigkeit noch einmal miterleben müssen. Und ihr fiel auch wieder ein, wo das Unglück geschehen war. Daran hatte sie seitdem überhaupt nicht mehr gedacht. Ihr war unbegreiflich, wie sie das vergessen konnte. War sie denn so eine Närrin?

Sabine rang mit sich. Die eine Hälfte von ihr wollte im Bett bleiben, sich die Decke über den Kopf ziehen und von nichts etwas wissen. Und die andere wollte das Gegenteil: Sie wollte aufstehen, schnurstracks in den Keller marschieren und der verdammten Sache auf den Grund gehen. Sabine war gespannt, welche der beiden Parteien den Sieg davontragen würde. Sie selbst tendierte sehr zur warmen Decke. Umso überraschter war sie, als sie plötzlich aufstand und mit forschen Schritten in den Keller ging. So viel zum Thema: Sie wäre feige.

Augenblicke später stand sie vor der mit Paneelen verkleideten Wand und war ratlos. Die Tür war zu, felsenfest verschlossen. Und da sie noch nicht einmal ihren genauen Standort kannte, konnte sie nicht prüfen, ob sie vielleicht von allein aufging, wenn sie dagegen drückte. Wer weiß, vielleicht war sie ja nur angelehnt? Die Hoffnung bestand durchaus; sie konnte sich nämlich nicht erinnern, sie verschlossen zu haben. Angestrengt dachte sie nach, wer es wohl sonst gewesen sein könnte.

Damals war sie wie eine Furie nach oben gerannt, um den Notarzt zu rufen, und gleich darauf hatte sie die Haustür geöffnet, damit er ungehindert Zutritt hatte. Dann war sie wieder in den Keller gehastet – und hatte dabei unaufhörlich „Nein, nein, nein, bitte nicht!“ gejammert. Wenig später, ihr Zeitempfinden war einer formlosen Masse gewichen, saß sie wieder im Keller, hatte ihren Vater fest in die Arme genommen und begann, als sie den Arzt endlich hörte, laut zu schreien.

Und als dieser Teil der Tragödie endlich endete und sein Leichnam abtransportiert wurde, lief sie mit bis zu der schwarzen Limousine. Bis dahin war ihr alles vorgekommen wie ein Alptraum. Doch dann, als sie den schwarzen Leichenwagen vor dem Haus parken sah und mit ansehen musste, wie ihr über alles geliebter Vater hineingeschoben wurde, begriff sie die Wahrheit. Wie vom Donner gerührt blieb sie stehen. Und dann liefen ihr die Tränen.

An all das erinnerte sie sich. Aber nicht daran, wie die Tür verschlossen worden war. Wie zum Teufel war es möglich, dass sie es jetzt war?

Sie lief ein Stück an der Steinwand entlang, beäugte sie und drückte ihre Nase an jedem Stein platt. Sie war verdammt nah an ihr dran, konnte aber beim besten Willen kein Anzeichen dafür entdecken, dass sie vor nicht allzu langer Zeit berührt worden war. Nicht der kleinste Fingerabdruck, obwohl das doch eigentlich unmöglich war. Hier unten war doch überall Staub, und ausgerechnet an den Steinen war keiner. Wie war das nur möglich?

Konnte sie die Geduld aufbringen, jeden einzelnen zu drücken? Und selbst wenn sie das täte, würde es etwas nutzen? Was war, wenn sie in einer bestimmten Reihenfolge gedrückt werden mussten? In einer Art Code? Wenn dem so war, hatte sie hier unten ein Weilchen zu tun. Ob sie die Kraft dafür haben würde? Das wusste sie nicht, aber sie war wild entschlossen, es herauszufinden.

Sie wollte sofort beginnen. Sie strotzte nur so vor Tatendrang. Doch dann überlegte sie, dass es besser wäre, bis zum Tag zu warten. Jetzt war es dunkel und unheimlich hier unten, und selbst die Lampe an der Decke machte es kaum heller. Vielleicht stiegen so auch ihre Chance auf Erfolg? Ja, das war eine gute Idee. Sobald der Tag angebrochen ist, werde ich mit meiner Arbeit hier anfangen. Dann bin ich auch ausgeschlafen, dachte sie.

Sie knipste das funzelige Licht aus, schlurfte in Richtung Bett und fiel der Länge nach hinein. Da schlief sie schon halb. Das Letzte, was sie sagte (aber davon bekam sie schon gar nichts mehr mit), war: „Er hat etwas gesehen“.

2. Kapitel

2. Kapitel

Es war nun schon der zweite Tag, an dem es wie aus Eimern schüttete. Und die Wolken hingen tief.

Sabine stand am Schlafzimmerfenster, hielt einen Becher Kaffee in der Hand, nippte ab und an daran und blickte hinaus in die wässrige Welt. Bei diesem elenden Wetter würde man nicht einmal einen räudigen Köter vor die Tür setzen. Doch eigentlich war ihr das Wetter egal. Sie hatte ohnehin nicht vor, vor die Tür zu gehen. Wozu auch? Es gab hier im Haus genug zu tun. Sie konnte beispielsweise die Böden wischen, die Sachen ihres verstorbenen Vaters sortieren, oder … oder …

Es gab so viel zu tun. Die Zeit sollte ihr doch nun wirklich nicht lang werden, oder? Sie konnte sogar versuchen, in die geheime Kammer vorzudringen. Und das war doch ein richtig guter Vorschlag. Zumindest wollte man das meinen. Allerdings war sich Sabine jetzt gar nicht mehr sicher, ob sie dort wirklich noch einmal hinein wollte. Schließlich war es der Raum, in dem ihr Vater in ihren Armen gestorben war. Der Mann, dem sie so viel zu verdanken hatte, der sie … Doch weiter wollte sie nicht denken.

Sie schüttelte heftig den Kopf und trank einen Schluck. Die Wunde war noch zu frisch, zu klaffend, als dass sie diese Gedanken zulassen konnte. Vielleicht fürchtete sie ja auch das, was sie dort drinnen vorfinden mochte? Möglich war vieles, vor allem bei mehr als fünfhundert Jahren Familiengeschichte … Das ist doch Blödsinn. Warum sollte sie sich fürchten? Die waren alle tot, vor denen hatte sie nichts zu befürchten. Aber die Geschichten, die sie da lesen würde … Egal, sagte sie sich, das kommt in allen Familien vor, schwarze Schafe gibt es überall.

Und doch scheute sie den Gang in den düsteren Keller. Warum blieb sie wohl sonst hier stehen und starrte in den Regen? So spannend war das nun auch wieder nicht …

Lag es an dem, was ihr Vater gesagt hatte? Hatte die alte, düstere Legende sie tatsächlich beeindruckt? Nun komm aber mal wieder runter, Mädchen! Daddy wollte dir nur einen Streich spielen, weiter nichts! Willst du ihm am Ende doch noch auf den Leim gehen?

So einfach war das jedoch nicht. Sie hatte nämlich begonnen, ihrem Vater zu glauben, ohne es selbst zu merken. Bei all den alten Papieren und Akten und Dokumenten da unten musste einfach mehr im Spiel sein, als sie anfänglich geglaubt hatte … Kunststück, Kindchen, sprach eine Stimme in ihrem Kopf (und sie klang verdächtig nach ihrem Vater), das liegt bestimmt daran, dass das alles wahr ist! Doch dann war da wieder eine andere Stimme, die sagte: Lass bloß die Kirche im Dorf, glaub auf keinen Fall diesem Ammenmärchen!

In diesem Augenblick drehte der Wind; der Regen prasselte hämmernd gegen das Fenster. Sabine war so in Gedanken, dass sie erschrak und einen Schritt zurückwich – und dafür erntete sie von ihrer inneren Stimme Hohn und Spott. Ihr Herz schlug heftig, und ihre Augen waren weit geöffnet. Ihr war etwas in den Sinn gekommen.

Warum sollte sie eigentlich die Zeit damit vertrödeln, herauszufinden, wie die Steine gedrückt werden mussten? Wozu das ganze Theater? War eine Axt nicht viel praktischer und vor allem schneller? Ohne Frage – allerdings würde das voraussetzen, dass sie sich bereits entschieden hatte. Hatte sie? Und da erkannte Sabine, dass sie sich entschieden hatte. Sie hatte einen Entschluss gefasst. Während sie noch darüber nachgedacht hatte, war sie zu der Erkenntnis gelangt, dass sie dem Ganzen auf den Grund gehen musste. Nicht nur, weil sie von Natur aus neugierig war, sondern auch, weil es nun einmal ihre Familie betraf. Und scheinbar war es sogar so wichtig, dass ihr Vater es ihr bis kurz vor seinem Tod hatte verheimlichen wollen …

Sie trank den letzten Schluck Kaffee, stellte den Becher auf ihren Nachttisch und verließ das Zimmer. Sollte der Becher doch da stehen bis zum Sankt Nimmerleinstag. Es war ihr egal. Sie hatte Wichtigeres zu tun. Sie hatte ein Geheimnis zu lüften. Und da würde ihr eine versteckte Tür kein Hindernis sein.

Es war eine gute Idee gewesen, bis zum Tag damit zu warten. Hier unten war es jetzt ungleich heller als in der Nacht. Und natürlich auch, weil ihr der Einfall mit der Axt gekommen war. Hätte sie es wirklich noch in der Nacht versucht, hätte sie nur planlos Steine angetippt. Und das wäre nun wirklich eine Sisyphusarbeit gewesen. Außerdem war es mehr als fraglich, ob sie je damit zum Ende gekommen wäre.

So aber stand sie jetzt vor der Wand, im hell erleuchteten Keller, und die Sache sah ein kleines bisschen anders aus, denn Tageslicht fiel durch die Kellerfenster.

„Ich muss mehr für meine Muckis tun“, sinnierte sie laut vor sich hin, „die verdammte Axt wiegt ja mindestens eine Tonne!“ Da wusste sie noch nicht, wie sehr ihre Muskeln erst am Abend schmerzen würden.

Nur einen Augenblick lang gingen ihr noch Zweifel durch den Kopf. War es richtig, was sie hier tat? Was wohl ihr Vater dazu gesagt hätte? Lohnte sich der Aufwand überhaupt? Glaubte sie wirklich an das Gehörte? Dann schlug sie das erste Mal zu.

Obwohl sie nach wie vor nicht wusste, was sie von dem Ganzen halten sollte, drosch sie wie eine Besessene auf die Wand ein. Und da es, wie sich jetzt herausstellte, nur um Gipsplatten handelte, die mit Holzpaneelen verkleidet waren, ging es zügig voran. Sie brauchte nur knapp dreißig Schläge, um ein Loch hineinzukriegen, groß genug, um hindurch zu schlüpfen. Es waren also nicht viele Schläge nötig, überraschend wenige sogar. Allerdings hatte sie weit ausholen müssen, und allzu oft fuhr ihr, wenn sie die Axt über ihrem Kopf schwang und ihren ganzen Körper anspannte, ein brennender Schmerz durch die Muskeln. Da ahnte sie schon, dass sie einen hohen Preis hierfür würde zahlen müssen.

Aber das war im Moment egal. Sie hatte ein Loch, einen Eingang, durch den sie gehen konnte, ein Grund zur Freude. Außerdem war ihr Körper so angespannt, hatte so viel Adrenalin produziert, dass sie von Schmerzen erst einmal noch gar nichts mitbekam.

Zu ihren Füßen lagen Gipsbrocken und Stücke der Holzpaneele, mal größere, mal kleinere. Und eine ganze Menge Staub hing in der Luft. Die Axt rutschte ihr aus der Hand, polterte zu Boden. Jetzt, da sie ihr Gewicht nicht mehr spürte, merkte sie erst, wie schwer sie gewesen war. Es grenzte an ein Wunder, dass sie das Ding überhaupt hatte heben können, von den weit ausholenden Schlägen ganz zu schweigen. Und doch hatte sie es geschafft. Sie war stolz auf ihr Werk und betrachtete es wie eine Malerin ihr neuestes Gemälde.

Sie wartete noch etwas, bis der Staub sich ein wenig gelegt hatte (sie wollte schließlich sehen, wohin sie lief und sich nicht blind vorantasten), dann betrat sie den geheimen Raum.

Beim ersten Besuch war er ihr größer vorgekommen, viel größer. Aber vielleicht lag das daran, dass sich in letzter Zeit so viel verändert hatte – und an dem, was sich in diesem Raum zugetragen hatte. Doch daran wollte sie jetzt nicht denken. Sie musste einen klaren Kopf behalten und … doch das war leichter getan als gesagt. Immer und immer wieder sah sie ihren Vater in ihren Armen sterben.

Unter ihren Füßen knackten Holzsplitter, aber sonst war es ruhig – so ruhig, dass sie das Blut durch ihre Adern rauschen hören konnte. Die Spannung in der Luft war schier greifbar; Sabine war gespannt, was sie hier unten finden würde.

Sie lief noch ein Stück tiefer in den Raum hinein, und ihre Schuhe klapperten auf den Fliesen. Als sie die Mitte erreicht hatte, blieb sie stehen und sah sich um. Erst jetzt bemerkte sie, dass das Licht die ganze Zeit über gebrannt hatte. Was mag das an Strom gekostet haben, dachte sie sinnlos.

Hier drinnen sah es aus wie in einer Bibliothek: Es wimmelte regelrecht von Akten, Papierstücken und Dokumenten. An den Wänden standen hohe Regale, die bis zu der Decke reichten. Links, rechts, vor ihr und hinter ihr nur Regale, nichts als Regale. Es musste eine unvorstellbare Arbeit gewesen sein, das alles zusammenzutragen. Wer hatte diese Geduld gehabt? Wer konnte so viel Zeit haben? Und was hatte er sich davon erhofft? Das lag noch im Dunkeln. Aber sie hoffte, hier unten die Antworten zu finden.

Die Luft war muffig und abgestanden. Das war etwas, das sie beim ersten Mal nicht bemerkt hatte. Sie war irgendwie feucht und roch uralt, als öffne man in einer ägyptischen Pyramide die Grabkammer. Kein Eau de Toilette, das man zu einem festlichen Anlass aufträgt. Eher ein Duft, bei dem man alles stehen und liegen lassen will, um schnellstmöglich wieder an die frische Luft zu kommen ... Doch Sabine widerstand dem Drang und blieb. Wegzulaufen hätte nichts genutzt. So hätte sie nie Antworten erhalten. Und war sie das ihrem Vater nicht schuldig?

Sie blieb also, und je länger sie hier unten war, umso weniger schien sie es zu bemerken.

Sabine drehte sich einmal um ihre Achse und bestaunte die Akten und Papierrollen. Sie lagen hier nun schon seit wer weiß wie vielen Jahren und warteten darauf, von ihr gelesen zu werden. Was sich wohl für Wissen in ihnen verbarg? So viele Jahrhunderte, in denen die Geschichte ihrer Familie aufgezeichnet worden war. Ein unvorstellbarer Schatz. Aber auch ein dunkles Kapitel bergend, wie ihr Vater ihr anvertraut hatte. Und dieses dunkle Kapitel galt es nun zu finden …

Sie lief auf den Schreibtisch zu und knipste die Arbeitslampe an. Sie bestrahlte lose Blätter auf dem Tisch. Einen Moment überlegte sie, sie zu studieren, entschied sich dann aber dagegen. Scheute sie, was sie erfahren konnte? Vielleicht war sie auch nur nicht konzentriert genug. Sie wusste es nicht. Sie war noch immer viel zu verblüfft, musste das alles erst einmal begreifen. Aber genau das war hier unten nur schwer möglich. Hier war ihr Vater gestorben.

Sabine begriff: Hier würde sie nichts erreichen. Hier führte jeder Weg wieder nur zu ihrem Vater. Und genau das wollte sie nicht. Schließlich schmerzte es so schon genug.

Nein, es gab keine Alternative. Sie musste von hier verschwinden. Wenn sie etwas erreichen wollte, musste sie von hier weg. Aber wenn sie unverrichteter Dinge die Beine in die Hand nahm, erreichte sie nichts. Dann würde sie ihre Neugier nie befriedigen können. Und konnte ihrem Vater auch nicht jenen letzten Gefallen tun, denn das hätte er sich, im Nachhinein betrachtet, gewiss gewünscht. Natürlich nur, wenn er ihr mit seiner haarsträubenden Geschichte keinen Bären aufgebunden hatte. Falls nicht, tat sie gut daran, sich nicht zu lange hier aufzuhalten. Am besten würde es sein, den Raum zu verlassen und nie wieder hierher zu kommen – zumindest nicht in absehbarer Zeit. Und da war sie wieder bei dem Gedanken, den sie in letzter Zeit mehrmals gedacht hatte: das Haus verkaufen, irgendwo anders ein neues Leben anfangen.

Zu Lebzeiten ihres Vaters wäre ihr das nie in den Sinn gekommen. Doch diese Zeiten waren vorbei. Ihr Vater lebte nicht mehr. Sie konnte tun und lassen, was sie wollte. Ihr seliger Herr Vater hätte bestimmt nichts dagegen gehabt, wenn sie …

Schluss! Aus! Vorbei! Ich muss hier weg. Viel zu spät hatte sie gemerkt, dass sie wieder bei ihrem Vater gelandet war. Es war wie verhext. Sie musste hier raus, in die obere Etage, wo es warmes, angenehmes Tageslicht gab, wo es nicht so unheimlich war und wo sie auch nicht diese Erinnerungen heimsuchten.

Als sie eben daran gedacht hatte, dass es hier verhext zuging, waren ihr augenblicklich die Worte ihres Vaters eingefallen: „Die alte Hexe hat unserer Familie nichts als Trauer und Schmerz gebracht.“ Ob das genau seine Worte gewesen waren, wusste sie nicht. Dazu war es schon zu lange her. (Lange? Lange? Was verstehst du unter lange? Die paar Tage?)

Sabine schnappte sich einen Stapel Papiere, so viel, wie sie tragen konnte und machte augenblicklich kehrt. Noch nie war ihr Verlangen, von irgendwo zu verschwinden, so stark gewesen wie in diesem Moment. Ja, es war richtig. Sie musste von hier weg. Und als sie die Kellertür hinter sich schloss, fühlte sie sich gleich besser.

3. Kapitel

3. Kapitel

Seit drei Tagen war Sabine nicht mehr im Keller gewesen. Und in dieser Zeit hatte sie so wenig wie möglich an dort unten gedacht. Sie hatte noch nicht einmal einen Blick in die Schriftstücke geworfen. Sie hatte sie nur hinaufgebracht und dann irgendwo achtlos fallen gelassen. Wo sie wahrscheinlich auch heute noch lagen.

Die letzten drei Tage waren alles andere als produktiv gewesen. Und das passte ihr auch ziemlich gut so. Hatte sie allen Ernstes geglaubt, sie wolle dieses dunkle Geheimnis ergründen? Anfangs ja, aber nachdem sie aus dem Keller geflüchtet war, kamen ihr nicht nur Zweifel, sie fühlte sich von dem Schock, den die Begegnung mit dem düsteren Raum und den unzähligen Dokumenten ausgelöst hatte, ernüchtert. Jetzt war sie nicht mehr so begeistert. Vielmehr hatte nacktes Entsetzen sie gepackt, Grauen. Und das war selbst für ihre neugierige Ader zu viel.

Doch das war vor drei Tagen gewesen. Seitdem hatte sich manches verändert. Nun war sie wieder interessierter. Vielleicht lag es daran, dass sie Abstand gewonnen hatte. Vielleicht aber auch nur daran, dass ihre Neugier langsam doch wieder die Oberhand gewann. Aus welchen Gründen auch immer: Als sie heute Morgen die Augen aufgeschlagen hatte, wusste sie mit einem Mal, dass sie etwas unternehmen musste, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie musste endlich wieder die Fäden in den Händen halten. Das war sie ihrem Vater schuldig. Er hatte ihr nicht beigebracht, die Hände in den Schoß zu legen, passiv zu leiden. Nein, hatte er nicht. Er hatte ihr einen gewissen Tatendrang eingebläut. Und eben dieser Tatendrang verlangte von ihr, aktiv zu werden. Ihr Vater hätte sich in seinem frischen Grab umgedreht, wenn er gewusst hätte, wie faul sie hier auf ihrem Hosenboden saß!

Sie griff sich also die alten Dokumente, die kreuz und quer im Haus herumlagen und ging mit ihnen in die Küche, in deren Mitte ein großer Arbeitsbereich war. Das war praktisch, denn die Küche war ein heller Raum, der noch dazu über jede Menge Lampen verfügte. Und das war nötig.

Sabine hätte es nie laut gesagt und sie hätte es sich auch nie eingestanden – aber sie hatte Angst. Sogar eine gehörige Portion davon. Sie hatte buchstäblich die Hosen gestrichen voll. Und da war es beruhigend, in einem Raum zu sitzen, der nicht nur groß war, sondern auch taghell. Mal sehen, vielleicht wirkte es ja, und ihre Angst hielt sich so in Grenzen. Gewünscht hätte sie es sich jedenfalls.

Das Papier fühlte sich eigenartig rau an, hart und grob, aber vielleicht waren ihre Finger auch nur zu empfindlich. Vielleicht saß ihre Angst so tief, dass sie sich vor jedem Wimpernschlag erschreckte? Das alte Blatt zitterte in ihren Händen wie Espenlaub. Das war jedoch nicht verwunderlich, denn ihren Händen erging es kaum anders. Bei denen war es sogar noch schlimmer.

Im ersten Augenblick sah sie verständnislos auf das Blatt, ohne überhaupt etwas zu sehen. Dann aber formten sich schemenhaft die ersten Buchstaben. Lesen konnte sie es trotzdem nicht – als wäre der Text vor ihr in einer fremden Sprache geschrieben, die sie weder lesen noch verstehen konnte.

Auch nach einer weiteren Minute konnte sie es nicht lesen.

Und nach einer weiteren auch nicht.

Sie saß nur da, hielt das Blatt in der Hand und starrte darauf. Allmählich begann sie an ihrer geistigen Gesundheit zu zweifeln. Hatte sie etwa zu lesen verlernt? Es konnte eigentlich gar nicht anders sein. Warum hätte ihr Vater diese Texte in einer anderen Sprache verfassen sollen? Nein, das hatte er nicht. Sie konnte es nur nicht lesen, und das war beängstigend. Lesen war doch etwas Natürliches, Selbstverständliches, etwas, ohne das man gar nicht mehr auskam in dieser Welt. Und doch, sie schien es verlernt zu haben. So merkwürdig es auch klingen mochte: Sie schien es tatsächlich verlernt zu haben.

Mittlerweile war eine weitere Minute vergangen, in der sie verständnislos das Blatt angestarrt hatte. Falls sie noch Zweifel hatte, nun hätten sie eigentlich beseitigt sein müssen. Das Blatt vor ihr war von oben bis unten beschrieben. Doch sie begriff den Text nicht. Sie begriff ihn einfach nicht.

Eine weitere Minute verstrich.

Und dann noch eine.

An den Buchstaben konnte es nicht liegen, die lagen direkt vor ihr. Und da begriff sie es endlich: Es war gar nicht der Text, den sie nicht begriff, sondern der Inhalt. Denn nun konnte sie den Text lesen, und damit kam ihr die Erkenntnis. Es war einzig und allein der Inhalt, der sich ihrem Verständnis entzog. Der Inhalt mit all seinen unschönen Einzelheiten. Ihn konnte und wollte sie nicht begreifen. Ihr Gehirn sträubte sich dagegen, das Gelesene zu verarbeiten, es zu etwas Verständlichem zu machen. Es beließ es lieber so, wie es war, als ein Kauderwelsch, den Sabine zwar lesen konnte, den sie aber nicht verstand.

Da stellte Sabine sich endlich die Frage: War sie bereit? War sie wirklich dazu bereit?

„Ja, natürlich, verdammt noch mal! Warum sitze ich sonst hier? Warum bin ich sonst in diesen Keller gegangen?“

Es gab niemandem, an den sie die Fragen richtete. Es war vielmehr so, dass sie die Worte unbedingt sagen musste. Sie musste sie mit ihren eigenen Ohren hören, weil sie dann anders klangen. Oh ja, verdammt, sie war bereit dazu. Und wie. Bereiter ging es schon gar nicht mehr. Ihr Herr Vater wäre stolz auf sie gewesen!

Und da das nun geklärt war, verstand sie auch endlich den Text.

Sabine saß lange da, las immer und immer wieder die paar Blätter und hatte dabei ihren Unterkiefer bis fast an die Brust heruntergeklappt. Ihre Augen waren weit aufgerissen, und ihre Mundwinkel flatterten wie die Flügel eines Kolibris. Doch sonst war sie ruhig. Sie zitterte nicht, und ihr lief auch kein Schweiß über die Stirn. Sie war so ruhig, wie man nur sein konnte, als säße sie entspannt auf dem Sofa, eine Tüte Chips in der Hand. Nichts und gleichzeitig alles deutete darauf hin, dass etwas Merkwürdiges, vielleicht Angsteinflößendes auf diesen Blättern stand.

Geschlagene zwei Stunden saß sie so da und bewegte sich so gut wie nicht. Nur ab und an nahm sie ein Blatt, und wenn sie mit ihm durch war und sie es wer weiß wie oft gelesen hatte, nahm sie ein anderes – so lange, bis sie mit allen durch war und dann wieder von vorn begann. Das waren so ziemlich die einzigen Bewegungen, und dazu natürlich noch das Heben und Senken ihres Brustkorbs. Aber sonst saß sie nur bewegungslos da und schüttelte nicht einmal den Kopf, wenn sie etwas nicht glauben konnte. Und das kam mehr als einmal vor.

Irgendwann gab sie sich dann einen Ruck und ging in den Keller hinunter.

4. Kapitel

4. Kapitel

Drei Uhr früh. Sabine saß am Küchentisch, und um sie herum war alles hell erleuchtet. Vor ihr lag ein riesiger Stapel mit Schriftstücken, die sie aus dem Keller geholt hatte. Nur deshalb war sie noch einmal unten gewesen – und das auch nur so lange, bis sie so viel hatte, wie sie tragen konnte. Dann war sie wieder nach oben gegangen und hatte die Kellertür fest hinter sich verschlossen.

Sie war müde und zugleich hellwach. Eine seltsame Mischung, aber keineswegs unangenehm. Wie ein Junkie auf einem Trip. So richtig genießen konnte sie es jedoch nicht. Schließlich kam ein Großteil dieses Trips von dem, was auf den Blättern stand. Und das war der Grund, warum sie so putzmunter war. Wer konnte bei alledem denn bitteschön an Schlaf denken?

Ihre Frisur war eine Katastrophe, sie sah aus wie ein Waldschrat: ungekämmt, zauselig, zum Fürchten. Hätte sie in einen Spiegel geblickt, hätte sie sich nicht vor sich selbst erschreckt und einen Schreikrampf bekommen. Aber wer konnte bei so etwas schon Wert auf sein Äußeres legen? Und erst die Augenringe unter ihren müden Augen! Da hätte es schon einer ganzen Menge Make-up bedurft, um das zu korrigieren. Aber wer konnte bei so was schon ans Schminken denken?

Die Blätter lagen ausgebreitet vor ihr auf dem Küchentisch und sahen sie vorwurfsvoll an. Sie schienen sie regelrecht zu verspotten. Tja, sagten sie, ist dann wohl nichts mit lebe glücklich und zufrieden in den Tag hinein, was? An so was war aber auch wirklich nicht zu denken!

Sabine blickte missmutig zur Decke. Sie musste ihre Augen auf etwas anderes richten, sie taten ihr schon weh. Außerdem bekam sie langsam Kopfschmerzen. War ja auch kein Wunder. Seit Stunden starrte sie nun diese vermaledeiten Blätter an, klar, dass ihr Kopf allmählich in Wallung geriet. Mal was anderes zu sehen tat richtig gut. Ihr Gehirn schien sich langsam zu entspannen – zumindest sah sie jetzt nicht mehr ganz so viele schwarze Punkte.

Sie rieb sich noch einmal die müden, trockenen Augen und sah dann wieder auf die Blätter vor ihr. Diese vermaledeiten Blätter … Mehr fiel ihr dazu nicht ein. Ihr Vater hatte sie ihr vorzuenthalten versucht und jetzt, im Nachhinein betrachtet, konnte sie verstehen, warum. Sicher, ohne das, was in ihnen stand, wäre sie blindlings hineingetappt in ihr Unglück. Wäre das aber wirklich so schlimm gewesen? War es jetzt so viel besser? Nein, ganz und gar nicht. Ach, hätte sie doch nur nicht so vehement darauf bestanden! Aber alles Jammern und Zeitschinden nützte nichts mehr; für einen Rückzieher war es zu spät.

Wütend ließ sie ihre Faust auf den Tisch knallen und zischte wie eine giftige Schlange. Aber auch das war nur die Tat einer Verzweifelten. Denn in Wirklichkeit war sie weder stark noch hatte sie eine Alternative. Und das alles nur wegen dieser verdammten Blätter! Die in der Schrift ihres Vaters beschrieben waren, und die ihr Leben und ihre Zukunft auf den Kopf stellten. Ach, hätte sie doch nur … Aber Jammern nützte jetzt nichts mehr. Sie wusste es. Und seither war nichts mehr wie früher.

Und nur wegen dieser verdammten Blätter.

Dabei beinhalten sie nur ein paar Daten, die schon weit zurück lagen, ein paar Namen, die ihr nichts bedeuteten und deren Besitzer schon seit Jahrhunderten tot waren. Außerdem eine kurze Beschreibung ihres Dahinscheidens. Eigentlich war das nichts, was sie direkt betraf, aber dennoch …

Die erste Aufzeichnung war datiert mit 1540, es war aber anzunehmen, dass andere noch um einiges weiter zurückreichten. Und da Sabine sich einfach irgendetwas gegriffen hatte, ging es querbeet durch die Jahrhunderte, ohne irgendeine chronologische Reihenfolge. Aber das war egal. Es war auch so schon erschreckend genug.

Hier war die Rede von einer Familie, der Mann und die Frau so um die dreißig, was für damalige Verhältnisse wohl schon ziemlich alt gewesen sein musste. Sie hatten sechs Kinder, zwei Mädchen und vier Jungen. Ihre Hütte brannte eines Nachts bis auf die Grundmauern nieder. Überlebt hatte es niemand; sie wurden alle im Schlaf vom Feuer überrascht.

Das war alles. Mehr stand dazu nicht. Sabine wusste jedoch, dass diese Familie zwar ausgelöscht worden war, dass aber dieser Mann oder diese Frau eine Schwester oder einen Bruder gehabt hatten, der den Familiennamen weitertragen konnte. Schließlich endete hier nicht der Stammbaum, sondern nur ein Zweig. Und das war etwas völlig anderes. Schließlich hatte die Hexe ja gesagt, sie verfluche jeden. Allerdings war klar, dass viele erst dann ein Opfer ihres Fluches werden konnten, wenn sie brav Nachkommen gezeugt hatten. Denn was hätte die Hexe sonst für einen Spaß gehabt, wenn sie den ganzen Stammbaum gefällt hätte? Nein, sie hatte es anders angestellt: Sie hatte stets nur einen Zweig abgebrochen, eine Nebenlinie ausgelöscht. So war sicher, dass die Familie fortbestand. Und genau das lag in ihrem Interesse. Sie wollte, dass die Enkel und Urenkel dieser Frau verflucht wurden, dass man Jahrhunderte später noch davon sprach und vor ihr erzitterte. Und das konnte sie nur erreichen, wenn sie immer nur kleine Zweig abbrach, nie jedoch den Stamm fällte.

Sabine musste sich dieses Blatt wohl schon an die hundert Mal durchgelesen haben, aber egal wie oft sie es tat, es war noch immer beängstigend. Endlich legte sie es beiseite, etwa so, wie man etwas Ekelhaftes, Abstoßendes beiseitelegt: Sie griff es nur mit den Fingerspitzen und schob es ein Stück weg. Sie wusste, dass sie es in spätestens zwanzig Minuten wieder in ihren Händen halten würde. Weil sie es dann wieder nicht glauben konnte und sich überzeugen musste. Aber momentan schob sie es weg. Und griff sich das nächste Blatt. Es war kleiner, enger beschrieben und obendrein mit Fettspritzern benetzt. Als hätte ein Student es beim Donut essen geschrieben – vielleicht waren es aber auch nur Pommes gewesen. Aber egal, wie es aussah: Die Schrift war noch lesbar. Und nur das zählte. Auch wenn sie es nach wie vor nicht lesen wollte.

Diesmal war von einer Frau die Rede. Gleich nach Erreichen ihres dreißigsten Lebensjahres fiel sie einer seltsamen Krankheit zu Opfer. Es begann damit, dass ihr rechter Fuß schwarz wurde, einfach so. Er entzündete sich, begann zu riechen und fiel schließlich ab. Aber damit noch nicht genug: Die Entzündung befiel auch ihr gesamtes rechtes Bein, mit dem gleichen schrecklichen Ergebnis. Und dann starb sie. Und das war zweifellos eine Erlösung.

Angewidert schüttelte Sabine den Kopf. Die Vorstellung, bei lebendigem Leibe langsam zu zerfallen … es war einfach zu grausam, um es sich vorstellen zu können. Was hatte diese arme Frau leiden müssen!

Aber damit war es noch nicht genug. Hier stand noch mehr.

„Verdammt, verdammt, verdammt, auf was habe ich mich da nur eingelassen?“

Sie fragte sich schon jetzt, was noch alles auf sie zukommen mochte – dabei war noch nicht einmal ein Bruchteil des Verhängnisses enthüllt.

Auf dem nächsten Blatt war von einer Frau die Rede, die ihre acht Jungen im Dreißigjährigen Krieg verlor, nur ihr jüngstes Kind, eine Tochter, blieb verschont. Ob ihr dieses Glück wohl auch hold geblieben wäre, wenn es ein Junge gewesen wäre?

Diesmal zerknüllte Sabine das Papier in ihrer Hand. Aber sie wusste schon jetzt, dass es vergebliche Mühe war: In spätestens einer Stunde würde sie genau dieses Blatt wieder in den Händen halten und ebenso fassungslos die paar Zeilen lesen – so wie sie es jetzt getan hatte und schon einige Male vorher. Sie war regelrecht in einem Teufelskreis gefangen, wie sie da ohne Unterlass Schriftstücke durchkaute und sich, wenn sie das Letzte durchgelesen hatte, wieder das erste vornahm. Und es dann genauso fassungslos verschlang wie vorher auch schon und das nächste Mal auch …

Das Papier war jetzt nur noch ein Ball mit Tälern und Schluchten und Bergen. Sabine warf ihn quer durch die Küche in eine Ecke. Sie bezweifelte, dass er lange dort liegen würde. Nein, wahrscheinlicher war, dass …

Stop, Stop, Stop, Sabine, reiß dich zusammen! Was würde Vater sagen, wenn er dich so dasitzen sehen könnte? Wäre er nicht enttäuscht? Wäre er nicht …?

„Schnauze! Er ist nun mal nicht hier! Und das ist die verdammte Schuld dieser Hexe!“

Du glaubst doch nicht wirklich, dass …?

„Was? Was soll ich nicht glauben?“

Dass an dieser Sache irgendwas dran ist! Das sind doch alles nur Hirngespinste! Nichts weiter!

„Und wie erklärst du dir dann, dass ausgerechnet in unserer Familie so viel geschrieben wurde? Das war doch bei anderen nicht so!“

Nun, einen möglichen Grund hat Vater dir doch schon gesagt: Ihr wart und seid nicht eben schlecht betucht. Da hat man viel Zeit zum Schreiben und Grübeln. Und noch ein Grund ist, dass der Verfolgungswahn in eurer Familie recht ausgeprägt sein muss …

„Was soll das denn nun wieder heißen?“

Dass eure Sippe ganz schön abergläubisch ist und scheinbar jeden Schwachsinn für bare Münze hält!

Von da an hatte Sabine keine Lust mehr, mit ihrer inneren Stimme zu diskutieren. Sie spie ein weiteres „Schnauze!“ in die leere Küche. Dann sah sie noch einmal auf das zerknüllte Stück Papier, das ein Stück neben ihr auf dem Boden lag – und griff sich ein neues.

Diesmal war es eines, das nicht ganz so weit zurückreichte. Es ging um eine Tante Margarethe, die mit ihrer Familie an der Jungfernfahrt der Titanic teilnahm. Die kleine Olivia, damals kaum sechs Jahre alt, war die einzige, die den Untergang des Schiffes überlebte. Die restlichen Mitglieder ihrer Familie folgten dem stolzen Dampfer in die dunklen Tiefen des Atlantiks.

Diesmal schauerte Sabine. Es ging zwar nicht so blutig zu wie in den Episoden zuvor, dafür war das aber noch gar nicht so lange her. Sie hatte davon in der Schule gehört, und nicht zuletzt hatte sie den Film mit Leonardo Di Caprio und Kate Winslet gesehen. Und das führte ihr das Ganze doch sehr real vor Augen. Jedenfalls viel realer, als es irgendeine Frau geschafft hatte, der vor dreihundert oder vierhundert Jahren der Körper bei lebendigem Leib verfaulte. Schon seltsam, ging es ihr durch den Kopf, wenn man selbst was damit verbindet, kommt es einem viel schrecklicher vor …

Sie schob das Blatt beiseite – und hatte auch schon das nächste gegriffen, obwohl sie es am liebsten nicht getan hätte. Ihretwegen konnte der ganze Scheiß ihr langsam gestohlen bleiben! Doch die angeborene Neugier in ihr war anderer Meinung. Sie steckte nämlich ihre Nase liebend gern in Neuigkeiten. Sie sog sie regelrecht auf, wie ein Schwamm.

1830 war es gewesen, stand da, da lag Europa im Würgegriff der Cholera. Trotz der Einnahme großer Dosen von Kalomel, einer Quecksilberverbindung, die man gewöhnlich als Abführmittel nutzte und sogar Rizinusöl, starb ein Großteil der Familie. Jedoch, und das musste man dazu sagen, fiel das zu dieser Zeit nicht auf, da die Menschen überall tot vor den Häusern und auf der Straße lagen. Ihre Lippen waren blau, und die wenigen, die noch nicht tot waren, zuckten unter Muskelkrämpfen. Es war ein Bericht, der weit in die Vergangenheit zurückreichte, und gewiss starben durch diese Krankheit Unzählige, aber weil es schon so weit zurücklag, kam es Sabine nicht halb so schrecklich vor wie der Untergang der Titanic.

Doch es ging noch weiter.

England, die Grafschaft Cornwall um 1703. Wieder einmal war ein Familienmitglied ausgewandert. Das war damals gang und gäbe; schließlich wollte man die Welt kennenlernen. Man hatte ja das nötige Kleingeld. Der Auswanderer hieß Henry Crifford. Er hatte seinen Familiennamen geändert; vielleicht glaubte er so, dem Fluch entkommen zu können. Nun, seine Rechnung ging nicht auf: Er, seine Frau und seine drei Kinder wurden Opfer eines Orkans, der in diesem Jahr über England hinwegtobte. Man kann es nur vermuten, aber da die Grafschaft als erste von der mächtigen Flutwelle heimgesucht wurde, mussten sie zu denen gehört haben, die in ihr den Tod fanden …

Sabine hatte nun wirklich genug. Sie wollte nicht mehr, und sie konnte auch nicht mehr. Aber ihre Neugier, ihre verdammte Neugier, die sie schon mehr als einmal in Teufels Küche gebracht hatte, machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Diese Neugier veranlasste sie nämlich, ein neues Blatt zur Hand zu nehmen.

Mitten in den Wirren des Ersten Weltkrieges. Millionen Soldaten lagen sich in den Schützengräben gegenüber. Aber es war nicht nur der Kriegsgegner, gegen den sie kämpfen mussten. Nein, auch die Grippe mischte ordentlich mit. Sie forderte mehr Menschenleben als das Giftgas und alle Maschinengewehre zusammen. Auch viele Zivilisten wurden Opfer des Influenzavirus. Und ganz besonders unsere Familie hatte darunter zu leiden. Sie kämpften nicht an der Front, dafür aber gegen die Grippe. Es war so verheerend, dass nicht mehr als fünf Angehörige unserer Familie überlebten. Unter ihnen mein Urgroßvater, Fritz Borger, den ich selbst noch kennen lernen durfte.

Diesen Satz hatte ihr Vater handschriftlich geschrieben, vielleicht weil er so persönlich war. Schließlich war es das erste Mal, dass jemand direkt mit seinem Namen genannt wurde und weil dieser Jemand einen Eindruck hinterlassen hatte.

Und da es so war, bewirkte es auch bei Sabine etwas. Bis jetzt hatte sie dagesessen und gelesen. Doch jetzt brach sie zusammen. Ihr Kopf war schwer geworden, und sie ließ ihn auf den Tisch fallen. Dann begann sie zu heulen. Jämmerlich und laut und schluchzend. Als wäre Fritz Borger ein Freund von ihr gewesen. Und er eben erst von ihr gegangen.

Nach ein paar Minuten hörte sie auf. Ihre Tränen waren versiegt, ihre Trauer jedoch keineswegs. Vielleicht war es aber nicht nur Trauer allein? Vielleicht lag es daran, dass dies hier immer groteskere Formen annahm und sie es längst nicht mehr kontrollieren konnte? Aber gab es jemals etwas zu kontrollieren? War das hier nicht immer schon gegen ihren Zugriff gefeit gewesen?

Jetzt hatte sie sich wieder etwas unter Kontrolle; als sie aber erneut auf die Blätter sah, wollte die Tränen erneut losbrechen. So viele grausige Schicksale, das konnte doch wirklich alles kein Zufall sein! Oder doch? Aber diese Frage konnte sie sich nur selbst beantworten. Und dazu musste sie weiterlesen. So schwer es ihr auch fiel.

Wieder eine Episode aus der jüngsten Vergangenheit.

Der 17. Februar 1962. Ein Nordwestorkan mit Windstärken zwischen zehn und zwölf treibt während der Nacht das Wasser der Elbe flussaufwärts. Hamburgs veraltete Deiche können den Wassermassen nichts entgegensetzen und brechen. Mehr als ein Fünftel des Stadtgebietes werden überschwemmt. Und es gibt Tote, viele Tote, die meisten werden im Schlaf überrascht. Wahrscheinlich schläft auch Vivienne, es ist ja mitten in der Nacht. Jedenfalls haben sie, ihr Mann und ihre drei Kinder keine Chance. Sie kommen in den Fluten ums Leben.

Das knabberte wirklich an ihr. 1962, das waren ja nur ein paar Jahre vor ihrer Geburt! Und bei dem Namen, Vivienne, klingelte etwas. War das nicht die Schwester ihres Vaters gewesen? Schon möglich. Sie sollte vier oder fünf Jahre älter gewesen sein. Es kam hin. Hatte ihr Vater nicht mal etwas Derartiges erwähnt? Das war wirklich interessant. Allerdings lag es schon weit in der Vergangenheit zurück, und selbst wenn ihr Vater mal etwas davon gesagt hatte, war sie da bestimmt noch ein kleines Kind gewesen und konnte sich nicht mehr daran erinnern. Schließlich hatte ihr Vater seit dem frühen Tod ihrer Mutter nicht mehr über die Familie geredet … Plötzlich kam ihr noch etwas in den Sinn. War ihre Mutter etwa auch ein Opfer des Fluches geworden? Sabine war noch ganz klein gewesen, als sie starb. Sie wusste nur das, was ihr Vater ihr darüber erzählt hatte. Und er hatte nur gesagt, sie sei sehr krank gewesen. Mehr hatte er dazu nicht verlauten lassen. Doch jetzt, da Sabine all diese grausamen Schicksale kannte und von dem Fluch wusste, sah sie den Tod ihrer Mutter in einem anderen Licht. Ihr alter Herr hatte ihr einen Großteil der Wahrheit verheimlicht! Ganz bestimmt hatte er das! Sie war gewiss nicht an einer Krankheit gestorben, oh nein, sie war ein Opfer des Fluches geworden …

Und Sabine hatte alle Zeit, den wahren Grund ihres frühen Todes zu erfahren – vorausgesetzt, ihr Vater hatte auch diesen Vorfall in seinen Notizen niedergelegt. Doch hier hegte Sabine Zweifel. Wer weiß, vielleicht war ihm das selbst zu schrecklich, als dass er es tun konnte? Vielleicht hatte er nie ganz Abschied von ihr genommen und sie nie schriftlich erwähnt? Vielleicht hatte er diese Endgültigkeit gescheut? Sabine konnte das gut nachempfinden. Sie hätte es wahrscheinlich ebenso gemacht. Sie hätte eine solche Tragödie nie in ihren Notizen aufgeführt – weil es zu endgültig war und sie Endgültigkeit scheute …

Aber alles Kopfzerbrechen half nichts: Entweder war das Schicksal ihrer Mutter in diesen Unterlagen aufgeführt oder nicht. Gewissheit würde sie nur bekommen, wenn sie noch einmal in den Keller ging und alle Schriftstücke heraufholte und durcharbeitete. Früher oder später würde sie das tun. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht ließ sie sie da unten, bis sie Schimmel ansetzten und zu Staub zerfielen. Das würde ihr sogar ziemlich gut in den Kram passen …

Aber zugleich machte sie sich wenig Hoffnung. Sie kannte sich: Sabine wäre nicht Sabine, wenn sie ihren Arsch nicht eben genau dorthin bewegen würde. Aber warum verschwendete sie jetzt ihre Gedanken an so etwas? So weit war sie noch gar nicht. Im Moment hatte sie hier oben doch wohl genug, um ihre Neugier zu befriedigen, oder? Hier lag noch ein ganzer Haufen Schriftstücke. Hier konnte sie ihre Neugier voll und ganz befriedigen. Und genau da lag der Hund begraben: Sie wollte nicht mehr. Anfangs hatte Sabine es für einen Streich ihres alten Herren gehalten, für einen gut durchdachten zwar, aber für einen Streich. Als er dann gestorben war, begann sie daran zu zweifeln, und jetzt, da sie die ganze Tragweite des Verhängnisses kannte, war sie sich sicher, dass es kein Streich gewesen war. Am liebsten hätte sie die Zeit zurückgedreht. Das hier war ihr ein wenig zu groß. Zu weitreichend, zu kolossal schrecklich, als dass sie damit zu tun haben wollte.

Dummerweise konnte sie sich das aber nicht aussuchen. Sie musste sich damit befassen, weil es sie selbst betraf, weil es in ihrem Interesse lag, darüber Bescheid zu wissen. Warum tat es das? Warum sollte es in ihrem Interesse liegen? Was konnte sie als einzelne Person schon leisten? Darauf hatte sie keine Antwort, aber bei den zwei Wörtern „einzeln“ und „Person“ klingelte etwas in ihrem Oberstübchen. Allerdings war es momentan noch zu schwach, um es entschlüsseln zu können. Aber vielleicht ja mit der Zeit. Wenn ihr Kopf weniger angefüllt war.

Sabine legte das Blatt beiseite und wollte gerade nach einem neuen greifen, als ihre Hand mitten im Vorwärtsstreben innehielt. Sie fror einfach in der Luft fest, als wäre sie auf eine unsichtbare Wand gestoßen. Sie konnte sie nicht mehr bewegen. Ob sie es nun nicht konnte oder nur nicht wollte, war ungewiss. Sicher war nur, dass sie dem Ganzen fasziniert zusah. Ihre Hand zitterte leicht, wie ein Blatt im Herbstwind. Und die kleinen blonden Härchen an ihrem Arm waren steil aufgerichtet. Und Sabine spürte eine Gänsehaut, die ihr den Rücken hinunterkroch.

Ein, zwei Sekunden später war es vorbei. Die Gänsehaut wich, und die Hand bewegte sich wieder in Richtung nächstes Blatt. Nur ihre Hand zitterte noch ein wenig. Das war das einzige, was auf das eben Geschehene hindeutete. Sonst war es so, als hätte es nie stattgefunden.

Sie griff das Blatt und zog es heran. Und da kroch ihr Entsetzen durch Mark und Bein: Auf dem Papier stand etwas, das sie nicht erwartet hatte. Da stand in großen Buchstaben: „Du bist die nächste.“

Doch in dieser Sekunde verschwand die Schrift, und alles war wieder beim Alten. Sie hatte es sich bestimmt nur eingebildet. Ihre Augen mussten ihr einen Streich gespielt haben. Denn nun war der Satz verschwunden, und sie sah nur wieder, was vorher auf dem Blatt gestanden hatte – eine Tragödie, die einem Mitglied ihrer Familie zugestoßen war.

Nun hatte sie endgültig genug. Sie wollte nichts mehr davon wissen. Es reichte. Das Maß war voll. Sabine warf das Blatt wie einen Frisbee von sich. Natürlich flog es nicht so gut wie eine Scheibe, aber es reichte, um es wegzukriegen. Und das wollte sie. Sie wollte es weghaben. Als wäre es ein bösartiges Geschwür. Und in gewisser Weise war es das ja auch.

Sie sah dem Blatt beim Davonsegeln zu, wie es sich so um seine eigene Achse drehte und sich mal hierhin und mal dorthin bog, als könne es keiner Fliege etwas zu Leide tun. Eigentlich konnte es das ja auch nicht, doch sein Inhalt hatte es in sich. Er war das, was sie fürchtete. Früher hatte sie einmal geglaubt, es gäbe nichts, wovor sie Angst haben musste. Doch diesbezüglich hatte sich ihre Meinung geändert. Sie wusste jetzt, dass es sehr viel gab, viel zu viel, um genau zu sein, wovor sie Angst haben musste. Und sie hatte Angst. Mehr Angst, als sie je gedacht hatte ausstehen zu müssen.

Oh ja, ihr Vater hatte recht damit behalten, wenn er gemeint hatte, sie würde dieses Wissen verfluchen. Jetzt, im Nachhinein, stimmte sie ihm zu. Doch nun war es zu spät. Es ließ sich nicht mehr rückgängig machen. Wenn sie darüber nachdachte, wusste sie jedoch, dass Unwissenheit sie nicht geschützt hätte. Also, wozu sich noch darüber den Kopf zerbrechen? Weil es so einfach war, ihrem Vater die Schuld in die Schuhe zu schieben. Freilich konnte er nichts für den Fluch. Was das anging, war er so schuldig wie sie. Nein, sie machte ihn dafür verantwortlich, dass er ihr halbwegs geordnetes Leben durcheinandergewirbelt hatte. Konnte sie das denn überhaupt? Genauso konnte sie einen Mann dafür verantwortlich machen, dass sie nachts seinetwegen kein Auge zubekam, dass sie weiche Knie bekam, wenn sie ihn sah, dass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte wegen ihm. War das nicht genau das Gleiche? Einerseits ja, anderseits aber auch wiederum nicht …

Verdammt, Sabine, reiß dich zusammen! Es bringt nichts, einen Schuldigen für das Theater hier zu suchen! Die einzige, die wirklich Schuld hat, ist schon seit Jahrhunderten tot. Also lass deinen Vater endlich ruhen. Er hat bestimmt mehr für dich getan, als ihm möglich war. Er hat dir diese Sammlung hinterlassen, arbeite also damit! Mach sie dir zunutze!

„Was soll das denn nun wieder? Wie soll mir das denn bitteschön nutzen? Und, was noch viel wichtiger ist: Warum sollte ich es tun?“

Willst du denn gar nichts gegen diesen schrecklichen Fluch tun? Willst du, dass es Generation um Generation immer so weitergeht? Willst du …?

„Was? Was hast du eben gesagt?“

Da war es wieder, dieses seltsame Gefühl. Sie hatte es schon vor ein paar Minuten gespürt; nur war es da nicht halb so stark gewesen. Vielleicht konnte sie ihm jetzt auf den Grund gehen. Vielleicht würde sie nun endlich erfahren, was es ihr sagen wollte. Es war auf jeden Fall etwas Wichtiges; sie hatte nämlich schon die ganze Zeit ein Gefühl im Bauch, als hätte ihr jemand mit voller Wucht in den Magen geboxt.

Willst du wirklich, dass es bis zum Ende aller Tage so weitergeht?

Autsch, jetzt tat es richtig weh, als würden ihre Magenwände mit einem Presslufthammer bearbeitet.

Na schön, na schön, ich weiß, dass du mir was sagen willst! Schieß los, ich bin bereit! Beende aber bitte diese Schmerzen! Das ist ja nicht auszuhalten!

In Gedanken betete sie diesen Text herunter und hoffte inständig, dass die Schmerzen nachließen. Sie richtete dieses Flehen an sich selbst, denn sie wusste, dass nur sie selbst es beenden konnte. Und enden würde es nur dann, wenn sie endlich den Grund für diesen Schmerz erfuhr. Ihr blieb also gar nichts anderes übrig, als ihre grauen Zellen anzustrengen.

Na dann, wollen doch mal sehen, wie wir dem Ganzen auf den Grund gehen können.

Was, meine Beste, gab dir den Anstoß?

Hm, mal überlegen … Meine weibliche Intuition faselte etwas davon, dass sie etwas gegen den Fluch unternehmen wolle. Stimmt, das war es! Aber da war noch was … Etwas viel Wichtigeres. Nur was? Ah, jetzt hab ich’s!

Ja? Was denn?

Sie fragte, ob es noch Generation um Generation so weitergehen soll.

Na und?

Begreifst du denn nicht?

Nicht wirklich.

Doch da begriff sie es. Sie begriff plötzlich alles. Und es war so einfach. Es war wirklich so einfach.

Die ganze Sache mit dem Fluch machte nur dann einen Sinn, wenn sie ihn weiterführen würde. Nicht wahr? Ist doch so, oder etwa nicht? Und genau das war das Gute daran. Wenn sie nämlich so an sich heruntersah und sich ihre Vergangenheit zu Gemüte führte, musste sie zugeben, dass es keineswegs so aussah, als würde sie ihrerseits für Nachwuchs sorgen. Und das war nun wirklich sehr interessant. Denn das hieß ja, das …

Stop! Stop! Stop! Nur keine voreiligen Schlüsse!

Okay, okay. Einverstanden.

Ihre Gedanken überschlugen sich. Und war das ein Wunder? Eben noch hörte sie von dieser schrecklichen Neuigkeit, und einen Wimpernschlag später schien es sich schon wieder in Wohlgefallen aufzulösen. Schließlich hatte sie kein Kind. Sie war nicht Mutter. Sie war einmal kurz davor gewesen, die Freuden der Mutterschaft zu genießen, doch sie hatte es bei einer Fehlgeburt verloren. Und dieser klitzekleine Punkt ließ das Ganze in einem völlig anderen Licht erscheinen. Wenn sie nämlich keine Mutter war (und das war sie zweifelsfrei nicht) konnte der Fluch auch nicht auf die nächste Generation überspringen.

Doch da wurde ihre Freude gedämpft. Hatte ihr Vater nicht behauptet, dass es schon vorgekommen sei, dass in ihrer Familie eine Frau ohne den dazugehörigen Mann schwanger geworden war? Ja, hatte er. Allerdings war das Kind nie geboren wurden. Es verbrannte mit der werdenden Mutter auf dem Scheiterhaufen.

Doch heutzutage wurden nicht mehr allzu viele Frauen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Und außerdem war dieser Aspekt auch irrelevant; ein Kind dieser Frau hatte die Familie ja schon vor längerer Zeit verlassen, damit sie fortbestehen konnte. Also war diese Schwangerschaft nichts als ein Trick dieser Hexe gewesen, damit die andere Hexe, die sich deine Vorfahrin schimpft, ebenfalls auf dem Scheiterhaufen grillen konnte. So wie sie das selbst ja auch gemusst hatte …

Wow, recht kompliziert das alles, aber Sabine begriff dennoch jedes Wort. So wie sich das anhörte, würde es mit ihr aufhören. Sie hatte sich zwar Kinder gewünscht, aber angesichts dieser Tatsachen konnte sie darauf verzichten. Sie ließ ihren Familiennamen lieber enden, als dass dieses Leid sich seinen Weg durch die Zukunft bahnen konnte. Es lag in ihrer Macht, es zu beenden. Und das würde sie tun, bei allen Göttern. Amen.

Doch schemenhaft und verschwommen erschien in ihren Gedankengängen ein anderer Satz. Er lautete: Glaubst du wirklich, dass es so einfach ist? Und gleich im Anschluss ein weiterer: Wenn es das wäre, warum bist du dann die erste, die darauf gekommen ist? Glaubst du wirklich, die anderen waren alle Dorftrottel?

Der Einwand war berechtigt. So viele Generationen vor ihr. Das müssten ja dann alles ausgemachte Idioten gewesen sein. Oder wie ließ es sich sonst erklären, dass ausgerechnet sie diejenige sein sollte, die eine Lösung des Problems parat hatte? Nein, an der Sache musste einfach mehr dran sein … Aber wieso? Sie hatte die Lösung gefunden, und etwas anderes gab es nicht. Eigentlich war es ganz einfach: Wenn sie Zeit ihres Lebens kein Kind in die Welt setzte, müsste der Fluch mit ihr enden. So einfach war es, nicht mehr und nicht weniger. Beruhigend.

Am Anfang hatte sie noch mit dem Gedanken gespielt, sich das Leben zu nehmen. Sie hatte so nicht weitermachen wollen. Aber das brauchte sie gar nicht. Sie konnte fröhlich ihr Leben leben, ohne Angst vor einem Morgen. Sie bräuchte nur darauf zu achten, nicht schwanger zu werden. Es war so einfach. Die ganze Sache war so lächerlich einfach, dass sie um ein Haar in schallendes Gelächter ausgebrochen wäre. Das einzige, was sie davon abhielt, war ein Gedanke: Waren ihre Vorfahren wirklich so kurzsichtig gewesen? Konnten sie all die Jahrhunderte so blind gewesen sein? War das möglich?

Und dann ging ihr noch ein Gedanke durch den Kopf. Er kam so plötzlich, dass sie gar nicht mehr wusste, ob es nicht vielleicht auch an ihm lag, dass sie nicht in schallendes Gelächter ausbrach.

War sie von Anfang an belogen wurden? Zeit ihres Lebens? War sie vielleicht gar kein Einzelkind? Hatte sie Familienangehörige, von denen sie nichts wusste, einen Onkel oder eine Tante? Hatte sie vielleicht gar einen Bruder oder eine Schwester? Wie sie aus den Unterlagen entnommen hatte, war ihre Familie im Laufe der Zeit über den halben Erdball verstreut worden. Es hatte immer welche gegeben, die ihr Glück anderswo versuchten. So viel also zum Thema: alle nur hirnamputierte Idioten. Nun musste sie die Sache doch noch einmal überdenken. Wenn sie nämlich nicht der letzte Zweig ihres Stammbaums war, würde der Fluch keineswegs mit ihr enden. Ganz und gar nicht. Dann würde es immer so weitergehen …

Vielleicht wusste diese andere Person gar nichts von ihrem Schicksal. Vielleicht lebte sie fröhlich in den Tag hinein und ahnte nicht das Geringste. Dieser Gedanke ließ Sabine aufschrecken. Wenn es diese Person wirklich gab, durfte sie sie nicht blind in ihr Unglück tappen lassen.

Und da wurde ihr noch etwas klar: Es war gut möglich, dass es so war. Dass ihre Vermutung richtig war. Allerdings gab es nur einen Weg, die Wahrheit zu erfahren: Sie musste noch einmal in den Keller.

5. Kapitel

5. Kapitel

Die Menschen haben sich ein interessantes Sprichwort angeeignet: Blut ist dicker als Wasser. Nun, anscheinend war da tatsächlich etwas dran. Oder wie ließ es sich sonst erklären, dass Sabine tatsächlich in den Keller ging, sogar mehr als einmal, und alle Unterlagen nach oben trug? Sie tat es für ein Familienmitglied, von dem sie nicht einmal wusste, ob es diese Person tatsächlich gab. Für einen Fremden hätte sie das bestimmt nicht getan.

Während dieser Zeit kamen ihr Gedanken, warum das Ganze absurd war, hirnrissig. Ihr Vater hätte ihr doch bestimmt erzählt, wenn er noch Schwester oder Bruder gehabt hätte, oder? Und in der gleichen Sekunde: Warum hätte er es tun sollen? Na schön, na schön, sie wusste es nicht – und konnte nur hoffen, dass sie Anhaltspunkte fand, die das entweder belegten oder nicht.

Sie schaffte alles aus dem Keller – und danach war sie geschafft. Sie hatte ohne Unterbrechung Stunden geschuftet, und jetzt verlangte ihr Körper, was ihm zustand. Er wollte schlafen, ruhen. Doch noch konnte sie nicht. Sie musste noch etwas schleppen. Es war nämlich fraglich, ob sie noch einmal hinunter in den Keller ging, wenn sie jetzt aufhörte, sich schlafen legte und alles beließ, wie es war. Nein, diesen Mut brachte sie dann ganz gewiss nicht noch einmal auf …

Eineinhalb Stunden und unzählige Treppenstufen später war sie endlich fertig und gestattete ihrem Körper eine Pause. Sie hatte eigentlich nur vorgehabt, sich kurz hinzusetzen, ein paar Minuten zu verschnaufen und sich dann die Akten anzusehen. Doch ihre Müdigkeit machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Sie schlief nämlich so ein, wie sie dasaß – am Küchentisch, die Arme verschränkt, Stapel von Papier vor sich auf dem Tisch und zu ihren Füßen noch jede Menge andere, die Beine langgestreckt und den Kopf nach hinten gefallen. Nur einen Augenblick später fielen ihre Arme schlaff zu Boden, und dann drang auch schon der erste Schnarcher aus ihrem Mund. Ihre Rechte zitterte noch ein paar Mal leicht, doch dann war auch das vorbei. Sabine saß still wie eine Wachsfigur in der Küche.

Sie hatte mehrere Stunden geschlafen. Nun fühlte sie sich wie gerädert. Nicht nur, dass sie jetzt fast noch müder war als zuvor, nein, zur Krönung hatte sie auch noch einen steifen Hals und kreischenden Kopfschmerz. Dem konnte sie mit ein paar Aspirin Einhalt gebieten, aber was den steifen Hals anging, war sie mit ihrem Latein am Ende.

In einem Märchen heißt es: Die Prinzessin erwachte nach einem Jahrhundert des Schlafes selig und ausgeruht durch den Kuss eines Prinzen. Nun, Sabine war weder selig noch ausgeruht, und wenn jemand den Fehler begangen hätte, sie jetzt anzusprechen, hätte dieser Jemand mit seinem Leben gespielt. Dagegen wären die Abenteuer hierher, durch die dichte Dornenhecke hindurch und so weiter, nur Peanuts gewesen. Aber Sabine war ja auch keine Prinzessin.

Sie rekelte sich auf dem unbequemen Stuhl, streckte Arme und Beine weit von sich und grummelte missmutig. Sie war noch so müde. Sie hätte wie ein Baby weiterschlafen können, einfach nur schlafen. Babys hatten es so gut. Warum hatte das nicht so weitergehen können? Wäre `ne feine Sache, nur zum Füttern und Windelwechseln aufwachen und den Rest des Tages schlafen. Jau, das wäre was für meinereiner, hätte Bugs Bunny wohl gesagt und dabei zufrieden an seiner Möhre geknabbert.

Sabine stützte sich mit den Händen auf die Tischkante und erhob sich. Und da merkte sie, wie erschöpft sie war. Es bereitete ihr eine gewaltige Anstrengung, sich aufzurichten. Und dann auch noch gerade stehen bleiben? Vielleicht noch, ohne sich irgendwo abzustützen? Nein, das ging nun wirklich nicht! Es musste aber gehen. Sie konnte unmöglich alle Zeit hier stehen bleiben. Oder vielleicht doch? Ach, Unsinn.

Noch ein paar Sekunden blieb Sabine in dieser gebückten Haltung sitzen, als könne sie sich nicht entscheiden, ob sie nun stehen, sitzen oder liegen wollte. Dann fasste sie sich und richtete sich auf.

Und dann dauerte es auch gar nicht mehr so lange, bis sie sich wieder den Schriftstücken widmete.

6. Kapitel

6. Kapitel

Seit drei Tagen ging es jetzt so. Seit drei Tagen tat sie nichts anderes, als zu sitzen, ein Blatt nach dem anderen durchzukauen und darauf zu hoffen, endlich einen Anhaltspunkt zu finden. Doch bis jetzt war die Suche ergebnislos. Die Dokumente waren einmal nach Jahreszahlen geordnet gewesen; dummerweise hatte Sabine sie beim Transportieren jedoch kunterbunt durcheinandergewirbelt. Sie hatte sich diesen Salat also selbst eingebrockt. Na ja, so hatte sie wenigstens jemanden, auf den sie sauer sein konnte.

Drei Tage war es her, da hatte sie das letzte Mal etwas gegessen. Und es war auch genauso lange her, dass sie nicht mehr geschlafen hatte. Dennoch wollte sie die Suche nicht unterbrechen, nicht einmal für eine Sekunde. Es reichte schon, wenn sie alle paar Stunden aufs Klo ging, da verschwendete sie schon genug Zeit.

Momentan war sie nicht müde, obwohl sie schon etliche Tiefphasen hinter sich hatte, in denen ihr der Kopf vor Müdigkeit fast von den Schultern gefallen war. Sie hatte auch keinen Hunger, und das war ein echtes Wunder. Wo sie doch früher eine Naschkatze gewesen war! Aber davon war im Moment nichts zu spüren. Stattdessen fühlte sie etwas anderes. Und zwar, dass sie eine Dusche bitter nötig hatte. Die Kleider klebten ihr an der Haut, und die Haare hingen ihr fettig ins Gesicht. Seit dem Tod ihres Vaters hatte sie sich nicht mehr gewaschen.

Sabine hatte also den Eindruck, ihr könne eine Dusche gut tun. Das hieß aber noch lange nicht, dass sie auch eine nahm. Sie machte diesbezüglich keinerlei Anstalten, kratzte sich höchstens mal nachdenklich den Kopf.

Es war bereits Abend. Ein stürmischer Abend, um genau zu sein. Aber auch das interessierte sie nicht im mindesten. Sie hatte nur Augen für die verdammten Schriftstücke. Und dabei achtete sie nicht einmal so sehr auf die Geschichten, die sie ihr erzählten. Nein, ihre Aufmerksamkeit galt etwas anderem: Es war die Frage, ob ihr Daddy eine Schwester oder einen Bruder hatte. Etwas anderes kam ihr nicht in den Sinn. Sie war regelrecht besessen von der Möglichkeit, sie könnte eine Tante oder einen Onkel haben. Mit allen dazugehörigen Konsequenzen.

Ihre Augen schmerzten, sie waren trocken wie die Wüste Gobi. Und ihr Rücken fühlte sich an wie ein Brett. Aber sonst war da nur ein einziger Gedanke: Habe ich eine Tante? Oder einen Onkel? Haben sie eine Familie? Wo sie wohl leben? Haben sie Kinder? Natürlich haben sie Kinder, verdammt. Wer, glaubst du, soll sonst den Fluch fortsetzen?

Und das holte sie zurück auf den Boden der Tatsachen. Plötzlich wusste sie wieder, was sie hier tat. Sie musste ihre Namen herausfinden! Wenn ihre Vermutung zutraf und ihr Vater wirklich noch Angehörige hatte, war sie es diesen Menschen und ihrer Familie schuldig. Dann musste sie sie warnen. Koste es, was es wolle.

Diese verdammten Schriftstücke, diese dreimal verdammten! In ihnen stand jede Einzelheit, wie es zu dem Schlamassel hier gekommen war, wer ein Opfer geworden war und wann. Was aber nicht darin zu stehen schien, war ausgerechnet die Frage, die Sabine so brennend interessierte. Und das war doch wirklich zum Mäusemelken!

Sie suchte noch etliche Stunden weiter, und während der ganzen Zeit überlegte sie, wie es ihr sonst möglich sein könnte, an die Namen heranzukommen. Im Grunde genommen konnte das nicht allzu schwer sein. Oder?

Das staatliche Geburtenregister. Da müssten doch solche Informationen aufbewahrt werden. Da müsste doch eigentlich alles stehen. Das war schon einmal ein guter Plan. Blieb nur abzuwarten, ob er sich auch einfach in die Tat umsetzen ließ. Sabine hatte nämlich keine Ahnung, ob sie dort überhaupt Zutritt bekam. Konnte gut möglich sein, dass man sie gar nicht erst hineinließ.

Sie ging einfach vom schlimmsten Fall aus. Da sie aber schlecht vor verschlossener Tür stehen bleiben konnte, musste sie sich etwas einfallen lassen. Was tun, sprach Zeus. Und genau darüber zerbrach sie sich nun einige Zeit lang ihr hübsches Köpfchen.

Doch ihr wollte partout nichts einfallen. Es war, als sei ihr Kopf zum Bersten gefüllt und kein Platz mehr darin. Und sie saß da und versuchte, mit einem überdimensionierten Holzhammer noch mehr Informationen hinein zu prügeln. Das konnte nicht gutgehen. Da musste irgendwann etwas nachgeben. Blieb nur die Frage, ob es der Holzhammer sein würde oder ihr Kopf …

Es war ihr Kopf. Er hatte schon seit Längerem seinen Dienst einfach eingestellt und sah auch nicht ein, ihn in nächster Zeit wieder anzutreten – vor allem nicht ohne eine Pause. Aber eine Pause kam für Sabine nicht in Frage. Ob das ein Fehler war? Sie war doch aber so aufgeregt! Wie konnte sie da an eine Pause denken? Zuerst alle diese schrecklichen Neuigkeiten, dann die Nachricht, dass sie vielleicht doch nicht die Letzte ihrer Familie war, und zu guter Letzt wollte ihr nicht einfallen, wie sie Gewissheit bekommen würde. Und da sollte man nicht aufgeregt sein?

Und dann kam auch noch die bange Frage hinzu, ob die anderen, ihre unbekannten Verwandten, von dem Verhängnis wussten. Das war ein Gefühl, als säße sie auf Kohlen. Vielleicht wussten sie es nicht und es traf sie dann eines Tages wie aus heiterem Himmel? Eine schreckliche Vorstellung! Soweit wollte Sabine es nicht kommen lassen. Sie musste Gewissheit bekommen. Und das ging nur, wenn sie pausenlos arbeitete, forschte und suchte…

Und genau hier begann der Teufelskreis. Sie musste zwar hart arbeiten, sicher, aber sie musste auch einmal ruhen, um so hart arbeiten zu können. Vielleicht begriff sie diesen Punkt sogar, bevor ihr Körper seinen Tribut forderte, vielleicht aber auch nicht und es traf sie überraschend. Aber wie auch immer: Früher oder später musste sie ausruhen, ob sie nun wollte oder nicht. Die Frage war nur, auf welche Weise. Scheinbar wählte sie die Ich-arbeite-bis-zur-totalen-Erschöpfung-Methode. Denn sie gönnte sich keine Sekunde Ruhe. Na, wenn das mal gut ging!

Ein paar Stunden später saß sie immer noch da und las in den Blättern – allerdings, ohne den Inhalt zu begreifen. Ihr Kopf hämmerte wie ein Trommelkonzert, in dem keine anderen Instrumente mitwirkten, nur Trommeln, Hunderte von Trommeln. Ihr Nacken war hart, wie in Granit gehauen, in ihrem Rücken piekste und stach es, und ihre Muskeln schmerzten. Wie lange wollte sie dieses Spiel noch weiterspielen?

„Ganz einfach, so lange ich muss! Und wenn es sein muss, sogar noch länger!“, spie sie dem verdammten Papier entgegen, das in ihren Händen zitterte wie ein ängstliches Rehkitz. Sie hatte kaum noch Kraft, es zu halten, aber noch genug Kraft, um Sprüche zu klopfen.

Allmählich machte sie sich doch Gedanken. Sie überlegte, was sie eigentlich erreichen wollte und ob sie es auch erreichte, wenn sie nicht einmal mehr genug Kraft hatte, um ein Blatt Papier hochzuheben.

„Niemand hat gesagt, dass es leicht wird! Ich koche mir einfach einen Kaffee, der bringt mich schon wieder auf die Beine!“

Das hatte sie sich gut ausgedacht. Sie hat aber nicht bedacht, dass sie schon erschöpft war. Wenn sie saß, ging es noch. Aber wenn sie aufstand …

Jedenfalls knackten ihre Kniegelenke protestierend, doch als sie ein paar Schritte gegangen war, werkelten sie ohne zu murren. So weit, so gut. Es war aber erst die halbe Miete. Die Knie taten zwar nun, wie sie sollten, aber da war noch der Rücken, der piekste, als hätte sie im Bett eines Fakirs geschlafen und der Kopf, in dem sich scheppernd das Trommelkonzert die Ehre gab.

Anfangs sah es noch gut aus. Sabine verkraftete die Schmerzen überraschend gut. Sie kochte sich Kaffee. Als sie sich aber an der Arbeitsplatte abstützte, wurde ihr schwummerig, und für den Bruchteil einer Sekunde war es, als geriete sie mit einem kleinen Boot in einen Sturm. Der Wind schüttelte das Gefährt hin und her, und die Wellen trieben es wie ein Streichholzheftchen vor sich hin. Wenn es einen Wellenkamm erreichte, stürzte es mit Karacho zurück ins Tal. Vielleicht sollte ich mich kurz mal hinlegen, dachte sie, das hier kann ja nicht gesund sein!

Bist du verrückt, fragte ihre innere Stimme sofort, wenn du das tust, stehst du doch nie, nie, nie wieder auf!

„So weit ist es also schon: Selbst meine innere Stimme quasselt doppelt gemoppelt. Ich sollte mich wirklich einen Augenblick hinlegen …“

Sabine stapfte in Richtung Wohnzimmer und war davon überzeugt, sich nur ganz kurz hinzulegen. Nur mal eben die müden Beine ausstrecken, mehr wollte sie gar nicht! Doch sie hatte die Rechnung ohne ihre müden Glieder gemacht. Es dauerte nämlich keine zwei Sekunden, und sie war eingeschlafen. Es war kurz nach Mitternacht, und sie schlief bis zum Vormittag des übernächsten Tages. Sie schlief sechsunddreißig Stunden.

7. Kapitel

7. Kapitel

Sabine erwachte gegen zehn. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie geschlafen hatte – sie glaubte, knapp zehn Stunden. Sie fühlte sich jedoch, als könne sie gleich noch einmal so lange schlafen. Und ihre Blase erst, die war zum Bersten gefüllt!

Sie stand mühsam auf, ging sich erleichtern und wollte sich Kaffee aufsetzen. Doch als sie die Küche betrat, lag bereits ein Duft von gebrühtem Kaffee in der Luft. Als sei nichts von alledem geschehen. Als wäre ihr Vater vor ihr aufgestanden und hätte ihn schon aufgesetzt … So war das nämlich immer: Wenn sie endlich aufstand, duftete es schon nach frisch gebrühtem Kaffee.

In der Kanne war tatsächlich Kaffee, dieses köstliche, schwarze Getränk, und einen Augenblick lang glaubte sie tatsächlich, sie hätte die letzten Tage nur geträumt. Alles war nur ein Traum gewesen, gleich würde ihr alter Herr in die Küche kommen, ein „Guten Morgen“ grummeln, sich den Kopf kratzen, wie er es immer tat und sie beide gemeinsam frühstücken.

Doch dann begriff sie, dass es leider nicht so war. Der Kaffee war nur der, den sie selbst sich gekocht hatte, bevor sie eingeschlafen war. Und das hieß leider auch: Es war leider kein Traum gewesen, sondern die bittere Wirklichkeit.

Sie schaltete das Radio an und hörte noch den letzten Refrain von Bon Jovis „It´s my Life“. Meins ist echt beschissen, dachte sie und wollte es schon wieder ausmachen, als die Moderatorin sagte, welcher Tag heute war und wieviel Uhr. Die Uhrzeit bekam sie schon nicht mehr mit. Dazu war sie zu überrascht. Heute war der einundzwanzigste, und nach ihrer Rechnung war gestern doch erst der neunzehnte gewesen? Tja, da hatte man ihr doch tatsächlich einen ganzen Tag geklaut! So was machte man doch nicht, das war wirklich rotzfrech!

Während sie das noch dachte, kam ihr in den Sinn, dass es nicht stimmen konnte. Tage konnte man sich nicht klauen lassen, egal wie schusselig man war. Und da es nun einmal nicht möglich war, blieb nur eines: Sie hatte einen ganzen Tag verschlafen. Sie hatte doch tatsächlich einen ganzen beschissenen Tag verpennt! Meine Herren, das nenne ich aber mal erfolgreich an der Matratze gelauscht!

War das möglich? Konnte sie wirklich so lange geschlafen haben? Na ja, wenn man bedachte, dass sie vorher drei Tage durchgemacht hatte, war es möglich. Schwer vorstellbar, das gebe ich zu, aber möglich.

Sie kratzte sich den Kopf, wie ihr Vater es getan hatte, gähnte und konnte nicht anders: Sie begann zu lachen. Es war so komisch, obwohl eigentlich überhaupt nichts komisch war. Sie lachte und lachte und war zum ersten Mal seit Tagen wieder richtig gut drauf. Schlaf war eben doch die beste Medizin!

Da stand sie nun, um einen Tag gealtert, um einen bestohlen und wusste nicht so recht, wie es weitergehen sollte. Der lange Schlaf hatte ihr zwar gut getan, sie hatte sich erholt. Aber er hatte auch ihren Kopf leergefegt; sie wusste rein gar nichts mehr. Blieb nur zu hoffen, dass sich das wieder ändern würde …

Wie wäre es mit Frühstück? Hm, ein guter Plan.

Sie schüttete den uralten Kaffee in den Ausguss und setzte sich neuen auf. Kaffee war wichtig. Was zum Kauen eher zweitrangig.

Eine knappe Stunde später war sie fertig. Sie hatte sich gestärkt und konnte endlich mit etwas Nützlichem beginnen.

Inzwischen sah die Welt anders aus. Ihr Kopf war nicht mehr ganz so leer. Sie konnte sich endlich Gedanken machen, wie das hier weitergehen sollte. Wie sie herauskriegen konnte, ob ihr Vater wirklich noch lebende Verwandte hatte. Denn dieses Geheimnis galt es nun zu ergründen, das hatte oberste Priorität. Es war sogar noch wichtiger als der vermaledeite Fluch und die Opfer, die er bis jetzt gefordert hatte. Sie waren schon tot, aber dieser Verwandte, wenn es ihn gab, war es noch nicht. Er erfreute sich noch seines Lebens, wusste wahrscheinlich nicht einmal, was ihm blühte und war unvorbereitet. Sabine aber wusste davon, und sie musste dieses Wissen weitergeben. Sie konnte es nicht verheimlichen.

Sie war in ihren Gedankengängen schon so weit gekommen, dass es am besten sein würde, im Geburtenregister der Stadt nachzusehen. Sie wusste, ihr Vater war hier geboren, und so standen die Chancen bestimmt gut, dass ein eventueller Verwandter auch hier geboren war. Es war zumindest anzunehmen. Und irgendwo musste sie ja schließlich anfangen, nicht wahr? Wenn sie nur Zuhause rumsaß, würde sie niemanden retten.

Ihr Plan war also schon ausgereift. Nun, das war doch schon mal was! Sie wusste nur nicht, ob sie die Unterlagen einsehen durfte. Aber das war bestimmt der Fall. Schließlich standen da ja keine Staatsgeheimnisse drin, sondern nur Angaben über ihre Familie. Außerdem wollte sie ja nicht die ganze Stadt auskundschaften.

Sabine trank den letzten Schluck Kaffee, stellte das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine, wusch sich, zog sich an und machte sich auf den Weg ins Standesamt.

Kräftig schüttelte Sabine den Schirm aus, denn den hatte sie gebraucht. Es hatte so stark zu regnen begonnen, dass es einem Inferno gleichkam. Als sie vom Anwesen losgefahren war, hatte es leicht zu tröpfeln begonnen. Aber es war schnell kräftiger geworden, und jetzt regnete es so stark, dass sie für die paar Schritte vom Auto zum Standesamt einen Schirm brauchte, um nicht bis auf die Knochen durchzuweichen. Sie hatte nur mit Schrittgeschwindigkeit fahren können, weil die Straßen unter Wasser standen.

Hier drinnen war es überraschend kühl, doch vielleicht war nur der Regen schuld daran, dass es ihr so vorkam. Wenigstens war es trocken.

Eigentlich hatte Sabine geschäftiges Treiben erwartet. Oder zumindest etwas, das darauf hindeutete, dass hier gearbeitet wurde. Aber hier war tote Hose, wie sie überrascht feststellte. Entweder wurde hier aus Prinzip nicht gearbeitet und es war der ruhigste Posten der Welt, oder aber sie war einfach nur zur Mittagszeit aufgekreuzt. Mal schauen, woran es lag!

Langsam ging sie zu der Informationstheke, hinter der eine gertenschlanke, uralte Frau saß, die sie schon die ganze Zeit missmutig über ihre dicke Hornbrille hinweg beobachtet hatte. Als sie die alte Hexe da so sitzen sah, fröstelte sie gleich noch ein wenig mehr. Schau sie dir nur an, wisperte es in ihr, wenn das keine Hexe ist, fresse ich einen Besen! Und dafür brauche ich noch nicht mal Salz, den krieg ich nämlich so runter. Die ist doch für euren verdammten Scheißfamilienfluch verantwortlich, das steht ihr doch buchstäblich ins Gesicht geschrieben! Und dann, weil es so schön war, fügte sie noch hinzu: Sieh sie dir doch nur mal an!

Und Sabine sah sie sich tatsächlich genau an – jedoch nicht, ohne sich nicht zu fragen, ob sie vielleicht ein paar Tage ausspannen sollte. Wenn es nämlich schon so weit war, dass sie jede alte Frau für eine Hexe hielt, war es dafür wirklich höchste Zeit.

Die gute Frau hinter der Infotheke sah aber auch wirklich … Nun ist es aber genug!

„Einen wunderschönen guten Tag. Ich hätte da mal eine Frage.“

„Fragen Sie! Fragen Sie!“

Trotz des ersten Eindruckes schien die Alte ein freundliches Persönchen zu sein. Sie schwang sich jedenfalls auf keinen Besen und flog kreischend von dannen. Sabine, reiß dich gefälligst zusammen! Sie ist keine Hexe, okay? Deine Nerven liegen einfach nur blank. Du bist erschöpft, überspannt, gereizt …

Ja, ja, schon gut, ab jetzt halte ich den Ball flach, ich verspreche es!

Fein, aber kann ich mich darauf auch verlassen?

Ja, verdammt!

„Mein … mein Vater ist letzte Woche leider gestorben.“

„Oh, das tut mir wirklich sehr leid, mein Kind.“

„Es war … ein Herzinfarkt. Es ging aber sehr schnell. Er musste nicht lange leiden.“

„Das freut mich für ihn.“

Warum, zum Geier, erzählst du ihr das? Glaubst du tatsächlich, sie interessiert sich dafür? Nein, das glaubte sie nicht. Aber sie wusste einfach nicht, wie sie die richtigen Worte finden sollte. Und ehe Schweigen zwischen ihnen lag, redete sie lieber. Schließlich wollte sie die Frau bei der Stange halten. Doch während sie das dachte, hatte sie ein paar Sekunden geschwiegen.

„Nun sagen Sie schon, mein Kind: Was kann ich für Sie tun?“

„Ich … ich möchte ihn nächste Woche beerdigen, und ich weiß, dass er sich gewünscht hätte, dass die ganze Familie da endlich mal wieder beisammen ist. Doch genau da gibt es ein Problem. Unsere Familie ist nämlich in alle Himmelsrichtungen verstreut, und dementsprechend schwer ist es, sie alle zu informieren.“ Das war natürlich schlichtweg gelogen. Ihr Vater war längst beerdigt, aber das musste die Frau nicht wissen.

„Ich verstehe.“ An dem Kommentar war nicht zu erkennen, was sie davon hielt.

„Und genau dabei bräuchte ich Ihre Hilfe.“

„Was kann ich denn da für Sie tun?“

„Nun, ich würde gerne wissen, ob es so etwas wie ein Geburtenregister gibt. Und ob ich da wohl einen Blick hineinwerfen könnte?“

„Im Prinzip spricht nichts dagegen. Sie müssen sich nur ausweisen und natürlich die Geburtsurkunde Ihres Vaters vorlegen. Dann steht dem eigentlich nichts im Wege.“

Was denn? So einfach ging das? Sabine war überrascht. Sie hatte nicht gewusst, dass es so einfach ging. Sie hat mit Schwierigkeiten gerechnet und dass man ihren Wunsch abwehren würde. Dass es so schnell und fast unbürokratisch funktionieren sollte, daran hatte sie in ihren wildesten Träumen nicht glauben wollen. Ihren Ausweis hatte sie ohnehin immer bei sich, und sogar die Geburtsurkunde ihres Vaters hatte sie vorausschauend mit eingepackt.

„Das ist wirklich sehr lieb von Ihnen. Ich stehe tief in Ihrer Schuld.“

„Nun übertreiben Sie aber, mein Kind! Es ist Ihr Bürgerrecht, Einsicht in familiäre Akten zu erhalten. Es gibt natürlich Standesämter, bei denen das nicht so schnell möglich ist. Aber bei uns ist es das. Soll ich Ihnen verraten, wieso?“

„Ja, bitte …“

Sabine war noch immer so überrascht, dass sie lammfromm war. In diesem Zustand konnte sie keiner Fliege etwas zuleide tun.

„Ganz einfach: In anderen Standesämtern ist es üblich, die Geburten, wie auch die Sterbedaten, nach Jahren einzutragen.“

Anscheinend guckte Sabine ratlos, denn die Alte fuhr gleich fort, es ihr zu erklären: „Jeder Ordner beinhaltet normalerweise die Daten der Sterbenden und der Lebenden, und zwar für ein ganzes Jahr: vom ersten Januar null Uhr bis zum einunddreißigsten Dezember dreiundzwanzig Uhr neunundfünfzig. Und, wenn Sie so wollen, neunundfünfzig Sekunden. Aber bei uns ist das nicht der Fall. Wir tun noch ein klein wenig mehr. Wir haben eine Abteilung, die das genauso macht, aber dann noch eine, die es für die einzelnen Familien tut. Und deshalb können wir Ihnen so einfach Einblick gewähren. Sie sehen nur die Daten ihrer Familie, und so bleibt der Datenschutz gewährt.“

„Interessant.“

Das war es wirklich. Den Bruchteil einer Sekunde lang merkte sie, dass es nicht nur interessant war, nein, mehr als das: Es war phänomenal, zumindest, was ihr Anliegen anging. So konnte sie nämlich beliebig die Zeit zurückblättern bis … ja, bis wann eigentlich?

„Eine Frage hätte ich aber noch.“

„Nur zu. Ich sitze einzig und allein hier, um Fragen zu beantworten.“

Wieder musste Sabine einen ersten Eindruck revidieren. Sie hatte diese Frau, noch ehe sie ein Wort mit ihr gewechselt hatte, nur nach ihrem Aussehen beurteilt, und das hatte sich als völlig ungerecht herausgestellt. Sie war weder eine Hexe noch für ihren, Sabines, Familienfluch verantwortlich. Ganz im Gegenteil: Sie war eine wahre Rarität, sie gehörte nämlich zum Schlag jener Menschen, die hilfsbereit waren und freundlich. Damit gehörte sie einer aussterbenden Rasse an.

„Seit wann ist das hier schon so?“

„Sie meinen, seit wann wir hier diese Eintragungen vornehmen?“

„Ja. Entschuldigen Sie bitte, wenn ich ein bisschen umständlich daherkomme. Der Tod meines Vaters steckt mir doch noch sehr in den Knochen …“

„Das verstehe ich sehr gut, mein Kind. Sie müssen sich dafür nicht entschuldigen. Um ihre Frage zu beantworten: Seit 1951 wird jede Geburt und jeder Sterbefall notiert. Davor war es ein wenig schwieriger; gerade im Zweiten Weltkrieg war es fast unmöglich. Da sind die Unterlagen sehr bruchstückhaft. In den Jahren zwischen den Kriegen ist es wieder etwas besser. Aber natürlich lange nicht befriedigend.“

„Und seit wann werden diese Eintragungen vorgenommen?“

„Begonnen wurde damit um 1920, wobei ich dazu sagen muss, dass erst seit den fünfziger Jahren wirklich jeder aufgeführt ist.“

„Haben Sie vielen Dank. Sie haben mir sehr geholfen.“

„Gern geschehen, mein Kind.“

Seltsam, diese völlig fremde Frau sagte nun schon zum wievielten Male mein Kind? Und Sabine schraubte sich dabei nicht wütend durch die Decke? Wozu auch. Sie war diejenige, die etwas von ihr wollte, da musste man schon ein bisschen freundlich sein. Und außerdem: Sie war schließlich nur eine Fremde. Da wollte sie nicht gleich vor Wut platzen.

„Haben Sie denn nun die Geburtsurkunde Ihres Herrn Vaters und Ihren Ausweis dabei, bitte?“

„Ach so, ja! Das habe ich doch ganz vergessen! Wie dumm von mir! Ich habe alles da. Warten Sie einen Moment, ich suche sie nur schnell in meiner Handtasche.“

Sie kramte darin herum, förderte eine Packung Tictac und einen Zehnerstreifen Wrigley´s hervor – und schließlich auch die nötigen Unterlagen.

„So, da haben wir sie ja!“

Die Frau studierte alles über ihre Hornbrille hinweg. Wozu brauchte sie das Ding eigentlich? Sie schien doch bestens sehen zu können!

„Hm“, blubberte sie vor sich hin.

„Was? Was ist denn?“

Sabine war in Sorge. Bis eben hatte alles so gut geklappt. Sollte doch noch etwas schiefgehen?

„Wie ich gerade sehe, wurde Ihr Herr Vater 1938 geboren.“

„Und?“ Sie kam sich vor wie auf glühenden Kohlen.

„Nun, wie ich Ihnen bereits mitteilte, könnte es sein, dass Ihr Vater gar nicht aufgeführt ist.“

„Ich verstehe.“

Doch eigentlich verstand sie gar nichts.

Die Alte schien das zu spüren, denn sie erklärte: „Wie ich ihnen bereits mitteilte, können die Aufzeichnungen in dieser Zeit etwas … nun ja, lückenhaft sein.“

„Selbstverständlich.“

Als hätte sie es gewusst. Aber so war Sabine schon immer gewesen: Sie ließ sich höchst ungern belehren. Sie kam sich dann immer dumm und unwissend vor. Diesmal hielt es sich jedoch in Grenzen; sie konnte ihre Unkonzentriertheit immer noch auf den Tod ihres Vaters schieben.

„Einen kleinen Moment noch. Ich klingele kurz durch. Es ist möglich, dass die zuständige Mitarbeiterin heute woanders tätig ist oder vielleicht sogar frei hat.“

„Tun Sie das bitte.“

Keine drei Minuten später betrat Sabine den Fahrstuhl, der sie in den vierten Stock bringen sollte. Die zuständige Mitarbeiterin war anwesend, und sie hatte auch ein paar Minuten Zeit für Sabine. Mehr brauchte sie nicht. Sie sollte ja nur die Unterlagen ihrer Familie heraussuchen, ihr geben, und damit war ihre Aufgabe auch schon erledigt.

Die Frau, die sie erwartete, war nicht halb so alt wie die an der Rezeption. Und sie war auch, was Freundlichkeit und Zuvorkommen anging, eher zugeknöpft. Fast wirkte sie ein wenig grimmig. Aber, was soll’s? Sabine wollte sie ja nicht zur Freundin haben. Sie wollte von ihr nur den Ordner über ihre Familie kriegen, und dann konnte sie ihr gestohlen bleiben …

Sie nahm in einem Kämmerlein Platz, in dem es kühl war, fast noch kühler als auf der Straße. Der Regen prasselte gegen das Fenster und wirkte einschläfernd. Aber um sich zu entspannen, war sie viel zu aufgeregt. Ihr Herz pochte ihr bis zum Hals. Und in diesem stillen Kämmerlein klang das so laut, als wolle es explodieren. In der Mitte des Raums stand ein kleiner Schreibtisch mit einer Schreiblampe und einem Stuhl. Sie knipste sie an, denn sie wollte in dem Schummerlicht nicht müde werden und vielleicht noch einschlafen.

Der Raum war spärlich eingerichtet, nur der Stuhl in der Mitte, eine Gardine vor dem Fenster und ein paar Stadtansichten an den Wänden. Aber das war Sabine so gleichgültig wie der Missmut der Beamtin. Sie stand noch einmal auf, legte den Mantel ab, hängte ihn an den Haken, setzte sich wieder, verschränkte die Arme vor der Brust und wartete, bis die Frau zurückkam.

Vielleicht war Sabine kurz weggedämmert, vielleicht war sie auch nur kurz in Gedanken woanders gewesen, jedenfalls stand die unfreundliche Frau plötzlich vor ihr wie aus dem Nichts und blickte missmutig zu ihr herab. Unter ihrem rechten Arm hielt sie einen schwarzen Ordner geklemmt, der nicht sehr dick war, allenfalls zwanzig Seiten mochte er haben. Aha, dachte Sabine, da drin ist also alles verzeichnet. Viel ist es ja nicht.

Die Frau legte die Akte mit mürrischem Gesicht auf den Tisch, und wenn Sabine sich nicht täuschte, grummelte sie dabei leise vor sich hin. Was stimmte mit ihr nicht? Hatte Sabine ihr irgendetwas getan? Außer ihr Arbeit zu beschaffen und ihre Ruhe zu stören? Doch dann besann sie sich. Es war nicht wert, dass sie sich darüber den Kopf zerbrach. Sie hatte andere Aufgaben.

„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“

Das klang freundlich, aber das Mienenspiel ihres Gesichts und ihre Augen verrieten, dass sie es keineswegs so meinte. Dieses Miststück wünschte wohl jedem die Pest an den Hals, was?

„Nein, danke. Ich hab alles, was ich brauche. Vielen Dank.“

„Gut. Wenn Sie mich brauchen, ich bin nebenan.“

Das sagte ihr Mund, doch der Rest ihres Körpers sagte: Wenn sie was brauchen, lassen sie mich bloß in Ruhe!

Sabine ließ sich von dem eigenartigen Unmut nicht ins Bockshorn jagen. Sie setzte ein strahlendes Lächeln auf und säuselte süß: „Haben Sie nochmals vielen Dank“

Das Luder zog nur die Augenbrauen empor, machte kehrt und verließ den Raum. Sabine weinte ihr keine Träne nach. In ihrer Studentenzeit hatte sie für Weiber solchen Schlages nur einen Satz übrig gehabt: Die gehört mal wieder so richtig durchgefickt. Aber diese Zeiten lagen weit zurück, und seitdem hatte sich vieles verändert. Auch sie selbst.

Doch der Satz brachte noch etwas zurück in ihre Erinnerung, etwas, von dem sie meinte, es eigentlich längst überwunden zu haben. Der Drang nämlich, eine Zigarette zu rauchen. Als Studentin hatte sie die Dinger gefressen, und wenn sie erkältet gewesen war, hatte sie eben Mentholzigaretten geraucht. Hauptsache, es qualmte und stank. Wenn es das tat, war sie zufrieden.

Für diese Erinnerungen war sie der Frau böse, richtig böse. Ein Glück, dass sie erst dann überkommen hatten, als sie den Raum verlassen hatte! Vielleicht war es auch nur der Stress der letzten Tage, der ihr Fell dünner hatte werden lassen. Jedenfalls war sie froh, endlich allein zu sein.

Der Regen pladderte an das Fenster. Unter anderen Umständen und wenn noch im Kamin ein schönes Feuerchen gebrannt hätte, hätte es fast romantisch sein können. Doch das war es nicht. Und ihr stand auch nicht der Sinn nach Romantik.

Sabine schloss kurz die Augen, versuchte, ihren Kopf von derartigen sinnlosen Gedanken freizubekommenen, öffnete sie wieder und konzentrierte sich endlich auf ihr Anliegen.

Der Ordner lag vor ihr, in einem schlichtem Grün, das die Stadt wahrscheinlich zu Hunderten geordert hatte. Dennoch kam er ihr ein wenig so vor, als sei er der Heilige Gral und verspräche ihr das Ewige Leben. Nun, den Kopf freizukriegen, schien ihr noch immer nicht ganz gelungen zu sein …

Aber sie konnte nicht Ewigkeiten hier hocken bleiben und die Zeit vertrödeln, sie musste endlich den Arsch hochkriegen, den verdammten Ordner aufklappen und lesen, was in ihm stand! Konnte es tatsächlich sein, dass sie, trotz aller Mühen, die endgültige Gewissheit scheute? War das möglich?

Und da hatte sie ihn aufgeschlagen. Siehst du, Sabine, war doch gar nicht so schwer, was?

Das erste Blatt beinhaltete nur die Adresse und konnte somit getrost überblättert werden. Aber dann wurde es interessant. Und schmerzhaft.

In den Papieren stand etwas, an das sie lieber nicht hatte denken wollen. Sie blätterte von einer Seite zur nächsten, und dann plötzlich sah sie es. Und obwohl es ihre eigene Familiengeschichte war, war sie so überrascht, dass es ihr Tränen in die Augen trieb. Sie hatte es vermieden, alle die Namen zu lesen, die in allen diesen Zeiten geboren und wieder gegangen waren. Doch bei einem Namen war das anders. Obwohl sie ihn nicht gelesen hatte, blieb ihr Blick an ihm haften. Es war der Name ihrer Mutter. Als sie ihn sah, wurde ihr klar, dass sie darauf nicht vorbereitet gewesen war. In keinster Weise.

Der Name ihrer Mutter war Jennifer. Und da sie jetzt auch noch ihren Geburtsnamen las, wusste sie endlich, dass ihre Mutter eine Nachfahrin der Hexe war. Sie war es, die den Fluch weitergegeben hatte. Bislang hatte sie immer geglaubt, ihr Vater sei es gewesen. Doch das war ein Irrtum. Ihr Vater hatte bei der Hochzeit den Namen seiner Braut angenommen: Jennifer Harms, stand da, und dann das Geburtsdatum, der 27. Juli 1949.

Sie war also mehr als zehn Jahre jünger gewesen als ihr Mann, Sabines Vater. Der Todestag trieb ihr weitere Tränen in die Augen: 12. August 1972. Gerade einmal zwei Monate nach Sabines Geburt. Hatte ihr Vater nicht gesagt, sie sei plötzlich schwer krank geworden? War es nicht eher so, dass sie dem Fluch zum Opfer gefallen war?

Halt! Halt! Halt! Wir wollen doch keine voreiligen Schlüsse ziehen!, protestierte es energisch in ihrem Inneren. Dass es so gewesen ist, ist gar nicht sicher! Ebenso kann es stimmen, was dein Vater gesagt hat! Außerdem: Du bist nicht wegen deiner Mutter hier! Also reiß dich gefälligst zusammen und blättere endlich weiter!

Na also, geht doch.

Sabine blätterte schweren Herzens weiter. Und fand auf der nächsten Seite das, wonach sie gesucht hatte. Da stand er nämlich, der Name ihres Vaters. Und während sie ihn sah, wurde ihr zum ersten Mal bewusst, dass sie bis eben den Geburtsnamen ihres Vaters nicht gekannt hatte. Sie hatte fälschlicherweise angenommen, ihr Vater sei es gewesen, der den Fluch weitergegeben hatte.

Patrick Harms, geborener Hauser, stand da. He, einen Moment mal bitte, ja? Wenn es nicht ihr Vater war, war es ja eigentlich völlig egal, ob er einen Bruder oder eine Schwester gehabt hatte, oder? Dann sollte ich vielleicht mal bei meiner Mom nachsehen. Und tatsächlich: Jetzt, wo ihr der Gedanke gekommen war, sah sie, dass bei ihrem Vater nichts weiter stand. Doch das war auch nicht weiter verwunderlich; er war ja nur angeheiratet. Wollte man mehr über ihn wissen, musste man die Chronik seiner Familie, der Familie Hauser, aufschlagen.

Sie blätterte wieder eine Seite zurück. Wenigstens war sie jetzt vorbereitet und wurde von dem, was da stand, nicht ganz so arg durchgewirbelt. Am 27. Juli 1949 war sie also geboren. Seltsamerweise hatte Sabine auch das bis eben nicht gewusst. Ihr Todestag war der 12. August 1972. Sie war noch jung gewesen, als sie hatte sterben müssen, gerade einmal dreiundzwanzig, das war kein Alter …

Sie las das Blatt bis zum Ende und las es dann noch einmal und dann noch einmal und schließlich sogar noch einmal.

Doch eine Antwort auf ihre Frage fand sie auch hier nicht. Sie musste woanders suchen. In der Familienchronik war sie schon richtig, aber da sie nach einer Schwester oder einem Bruder ihrer Mutter suchte, musste sie weiterblättern. Dann fand sie sie vielleicht auf einem anderen Blatt.

Sabine pflügte durch den Ordner, als gälte es, so viele Seiten wie nur möglich herauszureißen. Doch selbst dazu war sie zu aufgeregt. Sie zog und zerrte nur an ihnen, während sie hastig umblätterte.

Und dann hatte sie etwas gefunden. Aber es war ganz und gar nicht das, wonach sie gesucht hatte. Ihre Mutter schien ein Einzelkind gewesen zu sein. Absolut nichts deutete darauf hin, dass sie noch einen Bruder oder eine Schwester gehabt hatte. Aus den Unterlagen war ersichtlich, dass ihre Eltern, also Sabines Großeltern, nur ein Kind gehabten hatten. Nämlich Jennifer.

Da hatte Sabine schon aufgeben wollen. Doch sie blätterte noch einmal durch den ganzen Ordner, und endlich entdeckte sie die Wahrheit, die sie übersehen hatte. Bis jetzt hatte sie immer schnell geblättert, und da sie sich dabei auch noch auf die Daten ihrer Mutter konzentriert hatte, hatte sie das wirklich Interessante übersehen. Aber jetzt brannte es sich in ihre Augen. Sie starrte das Blatt an und wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.

Auf diesem Dokument stand, dass sie, Sabine, einen Bruder hatte. Ihre Mutter war ein Einzelkind gewesen, zumindest deutete nichts auf etwas anderes hin. Aber sie selbst war es nicht. Sabine hatte einen Bruder. Und wie sie den Daten entnehmen konnte, war er knapp zwei Jahre älter als sie selbst.

Ihren Zustand mit einem Schock zu beschreiben wäre die Untertreibung des Jahrhunderts. Sie schlotterte am ganzen Leib und konnte einfach nicht glauben, was sie las. Sie, Sabine, sollte einen Bruder haben? Sie sollte tatsächlich einen Bruder haben?

An das, was dann geschah, konnte sie sich später nur noch bruchstückhaft erinnern. Sie kramte mit zittrigen Händen in ihrer Handtasche nach einem Stift und einem Stück Papier, schrieb den Namen und das, was sonst noch über ihn stand, hastig ab mit Kritzelschrift, stand auf (wobei der Stuhl quietschend über den Boden rutschte) und stürmte aus dem Raum.

Draußen, auf dem Korridor, schien sie regelrecht zu schweben. Sie schwebte wie eine Feder im Wind auf den Fahrstuhl zu, und dann stand sie plötzlich wieder an der Rezeption, wo die freundliche alte Dame ihr etwas zurief, was sie nicht verstand. Sie hob wie zum Abschied die Hand, und dann war sie auch schon draußen, vor der Tür.

Der Regen musste noch zugenommen haben, denn er schmetterte die Tropfen mit brachialer Gewalt in ihr Gesicht. Der Wind hätte sie fast umgeworfen. Ja, einen Moment war sie drauf und dran, das Gleichgewicht zu verlieren, zu stürzen. Sie schwankte wie ein betrunkener Seemann auf Landgang.

Doch dann war sie plötzlich an ihrem Auto und saß schon darin. Alles kam ihr vor wie ein Traum. Die Zeit schien wie im Zeitraffer zu laufen: Eben noch war sie dort gewesen, und gleich darauf schon wieder anderswo, ohne zu wissen, wie sie dorthin gekommen war. Einen Moment dachte sie, sie müsste gleich schreien und im nächsten, sie müsste sich totlachen. Endlich fragte sie sich, warum sie eigentlich so durch den Wind war. Sie hatte gefunden, wonach sie gesucht hatte. Zugegeben: Das, was sie gefunden hatte, wich von dem, was sie gesucht hatte, ganz schön ab. Aber, verdammt noch mal, wichtig war nur, dass sie eine Spur hatte. Es hätte auch ganz anders kommen können. Dann wäre sie genauso schlau gewesen wie vorher. Wäre das wirklich so toll gewesen?

Doch sich selbst solche Dinge zu fragen, war in etwa so, als versuche sie, einer Türklinke die Relativitätstheorie zu erklären. Sie begriff einfach nichts und dachte noch weniger. Ihr Kopf war wie leergepustet, wie ein Kürbis, dem man zu Halloween das Fleisch herausgeschabt hat und der nur noch eine Maske ist.

So vieles hatte sich verändert. Sie war kein Einzelkind mehr, sie hatte jetzt einen Bruder. Einen älteren Bruder. Sie hatte …

Sie hatte eine Aufgabe, verdammt noch mal. Eben weil sie einen Bruder hatte.

Nervös huschte ihre Hand in die Handtasche. Einen Moment glaubte sie, den Zettel verloren zu haben. Doch er war noch darin. Er raschelte zwischen ihren Fingern.

Der Regen prasselte gegen die Scheiben und auf das Dach, und hier drinnen klang es, als feuerte ein Maschinengewehr. Es platschte und knatterte. Allmählich beschlugen die Scheiben. Sabine konnte schon jetzt kaum noch etwas sehen.

Sie startete den Motor, schaltete die Klimaanlage an und blieb noch ein paar Minuten stehen. Der Motor brummte im Leerlauf, und mit der Zeit wurden die Scheiben frei. Trotzdem fuhr sie noch nicht los. Sie musste erst einen freien Kopf bekommen.

8. Kapitel

8. Kapitel

Der Regen wollte den ganzen Tag über nicht nachlassen und hielt an bis in die Nacht. Aber noch ehe der Morgen graute, ließ er nach, und gegen zehn schien die Sonne. Sie hatte es zwar anfangs noch schwer, sich gegen die schwarzen Wolken zu behaupten, aber je mehr Zeit verstrich, umso intensiver strahlte sie. Gegen Nachmittag, wenn es schon auf den Abend zugehen würde, würde vielleicht gar keine Wolke mehr am Himmel hängen. Doch das war Zukunftsmusik.

Für Sabine war das Wetter unwichtig. Es interessierte sie nicht im Mindesten. Sie hatte Wichtigeres im Sinn.

Da war zum einen die Sache mit ihrem Bruder. Bis gestern hatte sie nicht einmal etwas geahnt von seiner Existenz, und nun zerbrach sie sich den Kopf darüber, wie sie ihn finden konnte. Zum anderen wusste sie plötzlich nicht, wie sie sich verhalten sollte. Sollte sie ihren Bruder überhaupt aufsuchen? Oder war es vielleicht doch besser, sie ließ ihn sein Leben leben, ohne sich einzumischen? Auch, wenn das vielleicht hieß …

Na und? Passieren wird es ohnehin! Ob er es nun weiß oder nicht. Hast du dir schon mal überlegt, dass Unwissenheit vielleicht gar nicht so schlecht ist? Dass es vielleicht ganz gut ist, wenn es einen aus heiterem Himmel trifft? Was ich meine, ist Folgendes: Du setzt alles daran, ihn zu finden und ihn über diesen vermaledeiten Familienfluch aufzuklären. Dabei ist es vielleicht viel besser, er weiß davon gar nichts. Schicksalsschläge geschehen schließlich immer wieder, auch ohne Fluch: Unfälle ereignen sich, Krankheiten brechen aus, nahe Menschen sterben überraschend und, und, und. Verstehst du, was ich meine? Du bist so überzeugt davon, das Richtige zu tun, dass du vollkommen übersiehst, was Wahrheit bedeutet! Was sie heißt. Was sie verändert. Und vor allem, und das ist wohl das Wichtigste, wie sie schmerzt!

All dies geisterte Sabine im Kopf herum, und es klang alles ziemlich überzeugend. Sie, Sabine, hatte die Wahrheit unbedingt wissen wollen. Doch das hieß noch lange nicht, dass es bei ihrem Bruder auch so war. Vielleicht war er ja ganz anders gestrickt? Vielleicht wollte er von alldem gar nichts wissen und in aller Ruhe sein Leben weiterleben? Schließlich bestand diese Möglichkeit durchaus. Sie kannte ihren Bruder nicht. Vielleicht war er anders als sie. Vielleicht …

Verdammt, Sabine. Dieses ganze Gerede, vielleicht und wenn und aber … es hält dich nur ab und bringt dich nicht weiter! Triff eine Entscheidung! Aber überlege gut! Es kann schon begonnen haben. Dann bist du die einzige, die darüber Bescheid weiß!

Sie machte es sich nicht leicht. Sie dachte über alles nach und wog alles gegeneinander ab. Um ein Haar war sie drauf und dran, ihren Bruder sein Leben einfach leben zu lassen. Sie war kurz davor, die Sache zu vergessen und sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Was sie davon abhielt, war ein einziger Gedanke. Oder vielmehr eine Frage: Hatte er Kinder?

Bei dieser Vorstellung schauderte sie. Wenn dem so war, sah die Sache anders aus. Kinder waren unschuldig. Sie waren noch klein, sie sollten etwas vom Leben haben. Und, rein vom Logischen her, musste er Kinder haben. Schließlich musste, so makaber es auch klingen mochte, der Fluch fortgesetzt werden. Sie, Sabine, hatte keine. Blieb also nur er.

Schön und gut. Sabine hatte sich also insofern mit sich selbst geeinigt, dass sie etwas unternehmen musste. Blieb noch immer die Frage, wie dieses „etwas“ aussehen sollte. Was das anging, hatte sie keinen blassen Schimmer. Sie tappte im Dunkeln. Und wie es schien, würde das noch ein Weilchen so bleiben.

Sie saß nun schon seit längerem auf der Couch, hatte die Füße an sich gezogen, die Hände umfassten ihre Füße und hielten sie fest, die Knie waren nah bei ihrem Gesicht. So saß sie einfach nur da, ohne etwas zu tun. Und war erschrocken darüber, wie machtlos sie war. Selbst wenn sie ihn fand, machte das einen Unterschied? Würde es etwas nützen? Würde sich dadurch auch nur im Ansatz etwas ändern?

Wahrscheinlich nicht. Trotzdem musste sie etwas tun. Es war ihr Bruder, verdammt, nicht irgendein Familienmitglied, nein, ihr leiblicher Bruder. Sie hatten ein und dieselbe Mutter, und wenn die keine Dummheiten gemacht hatte, auch den gleichen Vater …

Sabines Kopf brummte wie ein Dieselgenerator. Wie oft hatte sie sich nun schon die Frage nach der Richtigkeit ihres Vorhabens gestellt? Wie oft? Und noch immer war sie zu keinem Entschluss gekommen.

Sie hielt das Stück Papier, das sie gestern in Eile geschrieben hatte, in den Händen wie eine vollgeschissene Windel, mit den Fingerspitzen, ein Stück vom Körper entfernt. Dennoch musste sie es in der Hand halten. Und sie musste es lesen, immer und immer wieder. Das Papier war schon völlig zerknittert, es sah inzwischen so ramponiert aus, als sei es durch tausend Hände gewandert. Dabei war es nur einen Tag alt.

Auf dem Zettel hatte sie ein paar interessante Dinge vermerkt. Allerdings war das nicht bewusst geschehen. Oh nein, sie hatte einfach alles aufgeschrieben, was sie in der Chronik gesehen hatte. Um es dann, zuhause, in sich aufzunehmen.

Dieser Moment war nun gekommen und schon wieder gegangen, und seitdem saß sie reglos auf der Couch, starrte Löcher in die Luft und machte den Eindruck einer geistig verwirrten Frau – zumindest von einer, die in Gedanken so weit von der Realität entfernt ist, dass man sie als durchgeknallt hätte betrachten können.

Doch Sabine war keineswegs durchgeknallt, und sie war auch nicht verwirrt. Sie war nur in sich gekehrt. Und das musste sie auch, schließlich hatte sie über etwas nachzugrübeln, was in seinen Auswirkungen so mächtig war, dass es nicht nur ihr Leben betraf, sondern auch das ihres Bruders und seiner Familie. Er hatte ganz gewiss eine Familie. Schließlich musste der Fluch ja weiterhin Bestand haben …

Das Brummen des Dieselgenerators in ihrem Kopf nahm zu; jetzt klang es wie ein vollgeladener Öltanker, der schwerfällig durch die Wellen der Ozeane pflügt.

Auf diesem Zettel, diesem dreimal verdammten Zettel, stand etwas, das sie gestern nicht registriert hatte. Entweder war sie dafür zu aufgeregt gewesen oder (das war das Wahrscheinlichste) oder sie hatte es einfach verdrängt, weil es zu viel für sie geworden war. Was es auch gewesen war: Es hatte einen Zweck erfüllt. Hätte sie es gestern schon gemerkt, hätte sie nicht gewusst, wie sie damit umgehen sollte. Vielleicht wäre sie so überwältigt gewesen, dass sie schreiend durchs Haus gestürmt wäre.

Alles in allem war es gar nicht so viel, was da noch auf dem Zettel stand, nur ein Datum und die Adresse eines Kinderheims.

Diese Adresse war es, die ihr zu schaffen machte. Sie führte ihr nämlich etwas vor Augen: Alles, was sie in den letzten Tagen erlebt, an Eindrücke gesammelt, gedacht und gefühlt hatte, war real. Und alles lief auf eine bestimmte Sache hinaus. Nämlich, dass ihre Familie schon lange, schon sehr, sehr lange unter dem Fluch litt. Und dass sie, Sabine, leider nicht die erste war, die etwas dagegen zu unternehmen versuchte. Alles deutete darauf hin, dass auch ihre Eltern dagegen zu kämpfen versucht hatten. Warum sonst hätten sie ihren erstgeborenen Sohn weggegeben? Nur weil sie sich erhofften, ihn so in Sicherheit zu wissen!

Aber leider (und das hatte ihr Vater schließlich einsehen müssen) ließ der Fluch sich nicht so einfach austricksen. Das bewiesen die Lebensläufe der anderen. Sie verstreuten sich über den halben Erdball, hinterließen Spuren auf jedem Kontinent. Und das taten sie gewiss nur, um dem Fluch zu entkommen. Wahrscheinlich glaubte jeder, so wie auch Sabine, ausgerechnet er könne etwas dagegen unternehmen, das Verhängnis endlich beenden. Doch dem war nicht so, wie die Familienchronik bewies. Egal, wohin sie auch verschwanden, wohin sie auswanderten oder wie viele Meilen sie zwischen sich und ihren Geburtsort brachten: Am Ende war es immer der Fluch, der triumphierte.

Genau das machte ihr Angst. Bislang hatte sie geglaubt, sie sei die erste, die etwas dagegen tun wollte. Aber so wie es jetzt aussah, schien es, als sei der Kampf gegen den Fluch ebenso alt wie der Fluch selbst. Das aber war nicht das eigentlich Schlimme. Nein, das wirklich Entsetzliche war, dass sie nie auch nur den Hauch einer Chance gehabt hatten. Sollte es tatsächlich so sein, dass es absolut nichts gab, was man unternehmen konnte? War alles immer schon zum Scheitern verurteilt?

Jeder andere hätte an dieser Stelle aufgegeben. Warum kämpfen, wenn man ohnehin verlor? Aber Sabine nicht. Sie war eine Kämpferin. Sie versuchte es selbst dann noch, wenn der Kampf längst verloren schien. Darum nagte diese Erkenntnis zwar an ihr, aber sie schaffte es nicht, sie von ihrem Vorhaben abzubringen.

Zu dem Datum stand nichts weiter. Aber sie vermutete, dass es entweder das Datum der Geburt ihres Bruders war oder der Tag, an dem er in das Kinderheim gebracht worden war. Egal, was es war: Es war auf jeden Fall eine heiße Spur.

Sabine kannte die Adresse inzwischen auswendig. Vor ihrem inneren Auge sah sie das Heim. Zumindest malte sie sich aus, wie es aussehen mochte. Und zwar sollte es ein riesiges Schloss sein, mit zwei gigantischen Türmen, hoch in den Himmel ragend. Der Eingang war ein gewaltiges Tor, bewacht von einer Zugbrücke, die in der Nacht hochgezogen wurde, ein breiter Graben umgab das Schloss, und es lag in einem Wald, wo die Kinder spielten …

Doch dann ließ sie von diesem Bild, dieser Vision ab. Sie merkte, dass sie alles andere als realistisch war. In Wirklichkeit sah kein Kinderheim so aus. Im Gegenteil, es war eher wahrscheinlich, dass es eine sterile Kaserne war, mit Gittern vor den Fenstern und strengen Erziehern, die keinen Spaß an ihrer Arbeit hatten. Wenn sie es so sah, mochte ihr Bruder alles andere als eine Bilderbuchkindheit gehabt haben. Zumindest keine, um die sie ihn beneidete. Da stellte sich ihr noch eine Frage: Wie würde er es aufnehmen, dass sie, Sabine, so plötzlich aus dem Nichts erschien? Wie würde er reagieren, wenn sie ihm eröffnete, dass er zwar in einem Waisenhaus gelebt hatte, er aber keineswegs eine Waise gewesen war? Dass seine leiblichen Eltern sogar recht wohlhabend gewesen waren? Er hätte es gut haben können. Stattdessen hatte er seine Kindheit in einem Heim verbringen müssen, ohne Eltern, ohne Geschwister. Bestimmt würde er sich fragen, warum.

Da plötzlich tauchte in ihrem Denken noch etwas auf. Und dieses Etwas war hochinteressant. Es war die Frage, warum ihre Eltern sie, Sabine, nicht weggegeben hatten. Warum hatte ihr Vater sie unbeirrt großgezogen? Und nur zwei Jahre zuvor seinen einzigen Sohn weggegeben? Was hatte sich in dieser Zeit verändert? Was war anders geworden? Warum hatte er …?

Da beantwortete diese Frage sich von selbst. Es hatte sich tatsächlich etwas verändert. Etwas Verheerendes. Ihre Mutter, Jennifer, war gestorben. Sie war überraschend von ihm gegangen, und da hatte er nicht mehr weitergewusst. Gewiss war er verzweifelt gewesen. Und um nicht ganz allein zu sein, hatte er sie, seine Tochter, behalten. Vielleicht hatte er Angst gehabt, allein zu sein. Vielleicht hat er auch nur eingesehen, dass es egal war, ob sie woanders war oder bei ihm, weil am Ende der Fluch ohnehin siegte. Und da wollte er sie doch lieber bei sich wissen, als irgendwo ganz auf sich allein gestellt …

Doch noch einmal zurück zu der Frage, wie ihr Bruder dieses Wissen aufnehmen würde. Das konnte sie nicht mit Bestimmtheit sagen. Was sie aber wusste, war, dass sie es ihm unbedingt sagen musste. Falls er es nicht schon wusste … Die ganzen Wenns und Abers machten sie verrückt! Sei’s drum: Es gab wirklich Schlimmeres als so einen richtig schönen, hausgemachten Gehirndünnschiss, nicht wahr? Au ja, nämlich genau das, worin sie gerade steckte.

Sie nahm ihren Blick zum ersten Mal seit Stunden von dem Papier, und ihr wurde schwummerig vor Augen. Doch das legte sich schnell wieder, und nun sah sie aus dem Fenster. Der Wolkenbruch hatte auf den Scheiben Schlieren hinterlassen, doch die waren ihr egal. Wäre alles noch beim Alten, wie noch vor einigen Wochen, hätte sie jetzt wahrscheinlich die Fenster geputzt. Aber da das nun einmal nicht der Fall war, waren schmutzige Fenster nicht mehr wichtig.

Endlich erhob sie sich, allerdings schwerfällig wie ein Tattergreis. Ihre Knochen knackten wie trockene Zweige, und ihre Muskeln ächzten. Dennoch ließ sie sich von den Geräuschen nicht beirren und bewegte sie sich einfach weiter, ignorierte die Schmerzen, richtete sich auf. Dann stand sie da, starrte noch immer in Richtung Fenster und hatte damit zu tun, das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Doch irgendwann ging auch das fast von allein, und sie konnte es riskieren, sich in Bewegung zu setzen. Sie musste noch einmal in den Keller und nachschauen, ob sie noch etwas fand, was ihr weiterhalf. Und wenn es nur einen Schnipsel gab. Es musste einfach etwas zu finden sein!

Warum ihr Vater sie nicht weggegeben hatte, gab ihr immer noch zu denken. Lag es wirklich nur daran, dass er nach dem plötzlichen Tod seiner Frau allein gewesen war? Oder gab es noch einen anderen Grund? Und wenn ja, welchen? Gewiss hatte es auch damit zu tun, dass er zu diesem Zeitpunkt geglaubt hatte, es sei egal, ob die Kinder bei ihm waren oder nicht; der Fluch würde sie ohnehin finden. Aber das war es bestimmt nicht nur allein. Nein, da war noch mehr. Mehr, als sie jetzt ahnte. Und darum musste sie noch einmal in den Keller. Auch, wenn sie es nicht wollte und am liebsten keinen Fuß mehr dorthin gesetzt hätte.

Nach mehr als drei Stunden intensiver Suche gab sie auf. Sie hatte nichts gefunden und war fix und fertig. Die Kopfschmerzen hatten zugenommen und hämmerten jetzt nicht mehr nur wie ein Dieselaggregat, sondern dröhnten und kreischten wie ein Bataillon Panzer. Und auch ihre Muskeln wollten nicht mehr. Sie fühlten sich an, als hätte sie einen Marathon hinter sich und bräuchte unbedingt ein paar Tage frei. Ihre Glieder zitterten vor Erschöpfung, und ihre Augen fielen schon fast von allein zu. Es war wirklich besser, wenn sie sich ein bisschen ausruhte. Sie konnte ja immer noch…

Genau, das konnte sie. Sie würde nur ein wenig ruhen, aber sie würde die Suche nicht aufgeben. Nur ein paar Stunden schlafen, ein bisschen an der Matratze lauschen und dann gestärkt wieder ans Werk gehen. Das würde ihr guttun.

Es blieb aber noch ein Problem. Sie war nämlich so fertig, dass es ihr unmöglich erschien, sich hinauf ins Obergeschoss zu schleppen. Hier unten bleiben wollte sie aber auch nicht. Eher würde sie sich quälen und die zwei Etagen meistern. So hatte sie zumindest gedacht. Doch das Ende vom Liedes sah anders aus: Sie schaffte es gerade einmal, sich aus dem Keller zu schleppen und bis in die Stube. Dann versiegte ihre Kraft. Doch wenigstens hatte sie es bis hierher geschafft und schlief nicht im dunklen Keller. Nicht, dass sie Angst hatte, es war eher ein beklemmendes Gefühl, wenn sie dort unten war. Sie war schon früher nicht allzu gern dort unten gewesen, aber seit ihr Vater dort unten gestorben war, hatte sie noch weniger das Verlangen, dort zu sein.

Bis zum Schlafzimmer fehlte ihr eine Treppe, das war eine Etage höher, aber man musste nehmen, was man bekam. So ziemlich alles war besser, als in der Dunkelheit zu liegen, die eigene Hand nicht vor Augen zu sehen und nicht zu wissen, was in der Finsternis kreuchte und fleuchte. Dann schon lieber die Couch hier in der Stube. Hier riskierte sie wenigstens nicht, dass sie wach wurde, weil irgendetwas über ihre Hand kroch, oder schlimmer noch, etwas Glitschiges nach ihr griff …

Kurz bevor Sabine einschlief, sinnierte sie, warum sie eigentlich im Keller gewesen war. Sie hatte es vor lauter Müdigkeit vergessen. Es war wichtig gewesen. Vielleicht aber auch nicht. Momentan war es ihr gleichgültig. Denn noch ehe sie diesen Gedanken weiterführen konnte, war sie auch schon eingeschlafen. Und ebenso schnell, wie sie eingeschlafen war, begann sie zu träumen.

Und sie träumte …

Sie lief durch dichten Wald. Der Weg war schmal und von Unkraut überwuchert. Er war fast nicht auszumachen. Das einzige, was ihn kennzeichnete, war der Umstand, dass hier keine Bäume wuchsen. Und auch die kamen ihr seltsam vor. Sie standen so dicht beieinander und waren so artenreich, wie sie es noch nie gesehen hatte: Da stand eine Buche neben einer Kiefer, eine Eiche wuchs im Schatten einer Fichte, und eine Tanne erhob sich neben einer Birke. In dem Wald herrschte einfach keine Ordnung. Und doch sah es aus, als sollte alles so sein, als hätte alles seine Richtigkeit. Vielleicht ja gerade, weil hier alles scheinbar aufs Geratewohl spross. Auch der Waldboden sah eigenartig aus. Da gab es Jungwuchs, der im Schutz der Bäume wucherte, Moos schimmerte an den mächtigen Stämmen, und Farne rankten sich wild an ihnen empor.

Sabine blieb einen Moment stehen und lauschte in den Wald hinein. Irgendwie kam er ihr befremdlich vor, gleichzeitig aber so, dass er ganz genauso aussehen musste. So und nicht anders. Geräusche schwappten ihr wie eine Welle entgegen: Unterholz knackte, Vögel zwitscherten, Spechte klopften. Und wie es neben und vor ihren Füßen raschelte!

Es war wunderbar. Und diese Luft. Ein Hochgenuss. Es machte Freude, sie einzuatmen.

Sabine setzte sich in Bewegung, während die Sonne ihr ins Gesicht schien und der leise Wind mit ihrem Haar spielte. Es war angenehm, hier zu wandern. Auch wenn sie gar nicht wusste, wo sie war. Doch das war egal. Warum sollte sie es wissen? Warum? Was änderte das?

Sie schlenderte den zugewucherten Weg entlang, und plötzlich hörte sie Stimmen. Sie drangen aus dem Nichts. Eben noch hatte sie nur die Geräusche des Waldes gehört, und jetzt kamen Stimmen dazu. Sie waren laut, so laut, dass sie die des Waldes verdrängten.

Erst jetzt bemerkte sie, dass sie stehen geblieben war. Aber nicht nur das, nein, sie machte ihren Hals lang und reckte ihren Kopf in die Höhe. Das überraschte und belustigte sie. Sabine hatte nicht mit Menschen gerechnet. Sie hatte geglaubt, dieses Paradies gehöre ihr allein. Na, da hatte sie sich offenbar getäuscht …

Sie lief weiter in Richtung der Stimmen. Sie waren ganz nah, mussten hinter der nächsten Anhöhe sein, die sich kaum zwanzig Schritte vor ihr erhob und gerade hoch genug war, um nicht drüber gucken zu können. Sie ging ohne Scheu auf sie zu und verringerte ihr Tempo. Sie tat es unbewusst, als hätten ihre Beine einen eigenen Willen. Ihre Schritte wurden langsamer und langsamer und setzten schließlich sogar aus. Also, das ist ja … da wird ja der Hund in der Pfanne verrückt! Sabine war überrascht. Warum taten ihre Beine nicht, was sie sollten?

Und dann taten sie es doch. Sie liefen weiter, aber nicht so, wie Sabine es gewollt hatte. Sie führten sie vom Weg hinunter, in den Wald hinein. Was sollte das nun wieder? Nun begannen sie auch noch zu rennen, und Sabine konnte nichts tun, als zu parieren. Was ging hier vor? Sie rannte ungefähr dreißig, vierzig Schritte in den Wald, blieb kurz stehen, sah sich um, rannte noch einmal ein paar Schritte, scheinbar aufs Geratewohl, in irgendeine Richtung und warf sich in eine Senke. Also wirklich, nun war es aber genug!

Dummerweise blieb ihr nichts anderes übrig. Sie lag jetzt hier in dieser Senke, in die sie spektakulär gesprungen war wie eine Stuntwoman. Die Sache war oscarreif: mit dem Kopf voran, todesmutig, ohne auch nur zu wissen, wie tief sie war oder ob etwas Gefährliches darin lag, ein spitzer Ast etwa, der aus dem Boden lugte und sie aufspießen konnte wie ein Speer ...

Ihr wurde immer mulmiger zumute. Was ging hier vor? Warum sauste sie wie ein Wirbelwind durch den Wald und warf sich todesmutig in ein Loch, das sie gar nicht kannte?

Da plötzlich dämmerte es ihr: Sie wollte von den Besitzern der Stimmen nicht gesehen werden. Das war der einzige plausible Grund. Aber warum? Sie wusste doch weder, wer sie waren noch, wohin sie wollten. Bis eben noch hatte sie geglaubt, allein hier zu sein. Wo auch immer dieses „hier“ sein mochte. Ja, verdammt noch mal, sie wusste noch nicht einmal das!

Na schön, na schön. Sie flüchtete also wie die Beute vor seinem Jäger. Und da ihr nichts anderes übrig blieb, würde sie damit irgendwie leben. Es sprach aber bestimmt nichts dagegen, mal einen Blick zu riskieren, oder? Neugier ist schließlich eine Tugend, und was das anging, war sie die Tugend in Person!

Sie robbte etwas nach vorn, nicht viel, nur so weit, um aus der Senke spähen zu können.

Da kamen die Besitzer der Stimmen auch schon über die Anhöhe. Es waren vier Frauen. Das überraschte Sabine; schließlich hatten die Stimmen sehr markant geklungen, eigentlich mehr wie die von Männern. Und noch etwas überraschte sie: Es waren die Kleider, die sie trugen. Sie passten nicht in die Gegenwart. Sie waren ganz anders als alles, was Sabine bisher gesehen hatte … Nein, etwas Ähnliches hatte sie schon einmal gesehen. Aber der Teufel sollte sie holen, wenn sie wusste, wann das gewesen war und in welchem Zusammenhang!

Die Frauen dort trugen, so sah sie, seltsame Beinlinge, die ihnen bis zu den Knien reichten, dazu weite Filzkittel, bei denen Sabine unweigerlich an einen Lumpensammler denken musste. Ihre Tracht war seltsam grau und eintönig, und sie war schmutzig. Sie war richtig schmutzig, sie stand regelrecht vor Dreck. Sabine schüttelte es schon vom puren Ansehen.

Dann waren die vier Frauen auch schon wieder vorbei, und Sabine war sprachlos. Sie lag auf dem Boden in ihrer Senke, die Augen weit aufgerissen und ungläubig hinter ihnen her starrend. Was ging hier vor? Wo bin ich hier nur gelandet? Und, verdammt noch mal, wann?

Doch sie hatte keine Zeit, sich den Kopf zu zerbrechen, denn in diesem Moment begannen ihre Beine wieder mit ihrem Eigenleben. Und wie zuvor blieb ihr nichts anderes übrig, als ihnen zu gehorchen. Sie pirschte sich zwischen den Bäumen entlang, immer auf Höhe der vier Frauen. Und es grenzte schier an ein Wunder, dass sie sich nicht die Knochen brach, während sie über etwas stolperte – und das tat sie fast pausenlos. Doch seltsamerweise erzeugte sie keine Geräusche, obwohl sie wie ein wildgewordener Derwisch wütete.

Noch etwas kam ihr seltsam vor. Sie wusste, dass es lächerlich war, aber sie glaubte, eine der Frauen zu kennen. Aber woher? Sabine war sich sicher, keine von ihnen je gesehen zu haben. Dennoch, sie spürte es. Es war da und ließ sich nicht leugnen. Eine dieser Personen war ihr vertraut. Sie wusste nur noch nicht, welche.

Sie hastete weiter zwischen den Bäumen entlang, nur einen Steinwurf von den Weibern entfernt. Sie hätten ihre Anwesenheit schon längst mitkriegen müssen, verdammt! Wenn nicht durch die nicht vorhandenen Geräusche, dann, weil sie so verdammt nah an ihnen dran war. Das ging doch nicht mit rechten Dingen zu …

Und dann wurde es plötzlich schwarz.

Und als es wieder hell um sie herum wurde, fand sie sich auf einem großen Platz wieder, inmitten einer Menschenmenge. Es waren bestimmt an die dreihundert Leute, vielleicht sogar mehr. Und sie waren alle seltsam gekleidet. Sabine kam sich ziemlich verlassen vor, und sie hatte Angst – am meisten wohl davor, entdeckt zu werden. Wie würden die Menschen reagieren, wenn sie merkten, dass die Frau da in ihrer Mitte nicht zu ihnen gehörte?

Doch darüber brauchte sie sich nicht den Kopf zerbrechen, wie sie eben feststellte. Sie trug nämlich plötzlich ebenso seltsame Gewänder. Doch das war noch nicht alles, nein, das ganze merkwürdige Drumherum ging fröhlich weiter: Ihre Hände waren schmutzig und schwielig, die Fingernägel abgekaut und ihre Arme zerkratzt.

Eigentlich hätte es ihr ihre Angst machen müssen, aber sie wunderte sich über gar nichts mehr. Sabine hatte sich damit abgefunden, dass hier seltsame Dinge geschahen. Und da sie es ohnehin nicht ändern konnte und ihr scheinbar keine Gefahr drohte, beließ sie es einfach dabei und widmete sich stattdessen dem Schauspiel. Sie war sogar ein wenig gespannt auf das, was noch kommen würde.

Die Menschenmasse grölte und brüllte. Es war eine Stimmung wie auf dem Jahrmarkt. Sabine hatte fast den Eindruck, in einem Footballstadion zu stehen, inmitten von Tausenden begeisterter Fans, die ihrer Mannschaft zujubelten: Yes, Baby, das war ein Touchdown! Mach´s noch mal, du verdammter Schweinehund! Führ uns zum Sieg!

Dann wurde es wieder schwarz.

Und als es dann wieder hell wurde, war die Stimmung eine ganz andere. Als sie wegtrat, war sie ausgelassen gewesen und fröhlich, und als sie wiederkam, war das blanke Gegenteil der Fall. Es herrschte ein Schweigen, dass einem eine Gänsehaut den Rücken hinunterkriechen konnte.

Eine Sekunde später begriff Sabine, dass das Schweigen besser gewesen wäre. Jedenfalls besser als das, was sie jetzt hörte. Jetzt redete nämlich eine Stimme. Und was sie zu sagen hatte, war alles andere als erfreulich. Sie bewirkte weit mehr als eine läppische Gänsehaut. Viel mehr.

Denn nun begann in der Menschenmasse, die bis eben ruhig gewesen war, eine Bewegung. Sie begann ganz langsam, wurde aber schneller. Jetzt bemerkte Sabine noch etwas anderes: Die Bewegung führte von ihr weg. Aber sie war nicht der Grund. Nein, es war eine andere Frau. Und zwar die, die vor ihr stand. Es war eine von den Weibern, die sie im Wald gesehen hatte. Sie war die einzige, die nicht vor ihr zurückwich. Sabine und die Frau standen jetzt in einem Kreis, der sich um sie gebildet hatte. Hatte sie etwa irgendeine ansteckende Krankheit? Warum wichen die Menschen vor ihr zurück?

Und da schnitt jene Stimme sich tief in ihr Bewusstsein.

„Ich verfluche dich! Ich verfluche dich und deine Sippe bis zum Ende aller Tage! Du hast dir diesmal die Falsche ausgesucht! Diesmal hast du ins Schwarze getroffen! Ich bin eine Hexe! Alle deine Familienmitglieder und auch die, die es in Zukunft noch werden, werden einen frühen, unerwarteten und schmerzhaften Tod sterben!“

Sabine traute ihren Augen kaum. Da stand tatsächlich eine Frau auf dem Scheiterhaufen. Und sie loderte wie eine Fackel, aber brachte es tatsächlich fertig, dabei abwechselnd lauthals zu lachen und immer wieder diesen Fluch auszustoßen. Um sie herum erbrachen sich die Menschen, kippten ohnmächtig nach hinten oder standen nur fassungslos da.

Und da, ganz plötzlich, von einem Augenblick auf den nächsten, verschwand die brennende Gestalt. Sie löste sich in Luft auf. In der einen Sekunde war sie noch auf den Scheiterhaufen gebunden, in der nächsten war sie weg. Auch das Feuer war aus. Noch nicht einmal das Holz glomm nach. So, als hätte dies alles nie stattgefunden. Das einzige, was Zeugnis von dem Vorfall ablegte, war das Echo ihrer Worte. Noch minutenlang tönte über ihren Köpfen der Satz: Ich verfluche dich! Ich verfluche dich und deine Sippe bis zum Ende aller Tage!

Da konnte auch Sabine sich nicht mehr zurückhalten und erbrach sich zwischen ihre Füße. Es stank nach verbranntem Fleisch, verbrannten Kleidern und verbrannten Haaren.

Erst nach einiger Zeit hatte sie sich entleert. Ihr Hals schmerzte, er schien blutig zu sein. Konnte ein Mensch so viel erbrechen, dass es ihm die Kehle von innen aufriss? Zwischen ihren Schläfen hämmerte ein Schmerz, der jeder Beschreibung spottete. Aber sonst schien es ihr bestens zu gehen, zumindest im Anbetracht der Umstände.

Auch die anderen Menschen erholten sich langsam. Das Erbrechen ließ allmählich nach, und seit einigen Minuten war schon niemand mehr in Ohnmacht gefallen. Aber das Schweigen hielt noch an.

Der Kreis um sie war seit dem Verschwinden der Hexe noch größer geworden. Er hatte jetzt einen Durchmesser von bestimmt zwanzig Schritten und machte nicht den Anschein, mit dem Wachsen aufhören zu wollen. In seiner Mitte standen nur zwei Personen: die Frau und Sabine. Sie konnte von ihr nur den Rücken sehen.

Allmählich wurde das Schweigen abgelöst von leisem Murmeln. Sabine konnte sich vorstellen, was da getuschelt wurde. Und sie fühlte sich beobachtet. Doch das war ja auch gar kein Wunder, schließlich stand sie in der Mitte.

Jetzt begann die Frau vor ihr, sich zu bewegen, und augenblicklich verstummte das Murmeln. Alle Augenpaare richteten sich auf diese Person, und Sabine hatte mehr und mehr den Eindruck, auf der Anklagebank zu sitzen. Ach, könnte sie doch nur von hier verschwinden! Wäre sie noch hier, wenn sie es könnte? Wäre sie nicht schon längst verschwunden? Eben das war der springende Punkt: Ihre Beine wollten wieder einmal nicht so, wie sie sollten. Ihr ganzer Körper, ihre Muskeln, schienen nicht mehr ihr zu gehören. Sie blieb stehen, konnte sich nicht bewegen, konnte keinen einzigen Finger rühren. Und wollte weit weg sein.

Das Schweigen klingelte ihr in den Ohren, vor allem nach dem infernalischen Gekreische, als diese … diese Hexe lichterloh gebrannt hatte. Und nur einen Augenblick später war sie dann verschwunden.

Sabine ging ein Stück auf sie zu. Sie wollte nicht, aber ihre Beine machten, was sie wollten. Jetzt war sie bis auf Armeslänge bei ihr, konnte sie berühren. Doch dazu fehlte ihr das Verlangen. Warum sollte sie das tun?

Und da drehte sie sich langsam um. Sie bewegte sich so steif wie eine Mumie im Horrorfilm. Sie tat Sabine fast leid, aber wenn man bedachte, dass sie ja selbst dafür verantwortlich war, hielt es sich doch wieder in Grenzen. Die Hexe hätte ja nicht so eine gequirlte Kacke erzählen müssen! Es hatte sie keiner dazu gezwungen! Oh ja, es hätte so schön sein können. Sie hätte niemanden der Hexerei beschuldigt, niemand wäre auf dem Scheiterhaufen gelandet, und nie wäre jener Fluch ausgesprochen wurden. Jeder hätte fröhlich in den Tag hineinleben können. Aber nein, dieses Miststück von einem Weibsbild hatte sein Schandmaul einfach nicht halten können! Und wenn man es von dieser Seite aus betrachtete, hielt Sabines Mitleid wirklich nicht lange vor.

Einen Augenblick später hatte sie sich gänzlich umgedreht, und Sabine sah ihr in die Augen. Sie erschrak. Es waren die Augen einer Toten; nichtssagend blickten sie in die Menge, und es machte auch nicht den Anschein, dass sie sahen, was sie sahen. Ihr Unterkiefer mahlte in der Luft, als vertilge sie ein saftiges Steak. Und sie wippte mit den Füßen auf und nieder wie eine Geisteskranke.

Sie hob die Arme und ließ sie wieder kraftlos zu Boden sinken, hob sie noch einmal und ließ sie schließlich doch nur wieder fallen. Sie tat es apathisch, ohne zu merken, dass sie es tat. Als sie dann auch noch einen Schritt nach vorn tat, erhob sich lautes Stimmengemurmel, bei dem einem fast das Trommelfell riss.

Schließlich setzte sie sich in Bewegung und lief mit einem staksigen Mumiengang auf die Menge zu, an Sabine vorbei. Sie schien sie gar nicht wahrzunehmen. Sie lief an ihr vorbei, starrte nur geradeaus und kaute auf der Luft herum. Sabine sah ihr nach und empfand für einen kurzen Moment noch einmal so etwas wie Mitleid. Aber wirklich nur für einen Moment.

Die Frau lief weiter auf die Menge zu, und als sie sie erreichte, teilte sie sich vor ihr wie sich das Meer vor Moses geteilt hatte. Und als sie sie passiert hatte, schloss sie sich wieder hinter ihr. Und das war das Letzte, was Sabine von ihr sah.

Sie wollte hinter ihr her, doch auch diesmal verweigerten ihre Beine ihr den Dienst.

Und hier, genau an dieser Stelle, endete der Traum mit einem Filmriss. Eben noch war sie mitten im Geschehen, und jetzt war es schon wieder vorbei. Der Traum ging über in einen anderen, der nicht halb so spektakulär war. Und an den sie sich nach dem Aufwachen nicht einmal erinnern sollte.

An den anderen jedoch sollte sie sich erinnern.

Die Nacht auf dem Sofa war nicht halb so bequem gewesen wie im Bett. Sabine hatte einen steifen Hals und Rückenschmerzen. Aber sonst ging es ihr gut. Wenn nur dieser Traum nicht gewesen wäre! Er war so unheimlich. Vor allem, weil sie genau wusste, was da geschehen war. Was sich seit diesem Tag in ihrer Familie verändert hatte. Wie viel Leid seither geschehen war.

Aber letztlich war es nur ein Traum gewesen, oder? Nur ein Traum, weiter nichts … Mit einem Hintergrund, der zwar tatsächlich einmal stattgefunden hatte, der aber schon Jahrhunderte zurücklag. Aber dennoch … nur ein Traum.

Sabine rekelte und streckte sich. Kurz stach es in ihrem Rücken, aber dann war es schon vorbei. Wenn es so schnell vorbei war, konnte sie sich ja auch aufrichten. Zumindest sollte sie es versuchen.

„Aua!“, stöhnte sie, als ihre Kniegelenke protestierend knackten, „meine Fresse, ich glaube fast, ich werde langsam alt! Kann nicht mehr lange dauern und ich gehe am Stock!“

Sie machte dennoch weiter, ignorierte das Ziehen und Zerren in ihren Muskeln und hatte sich Augenblicke später aufgerichtet. Nachdem sie sich einigermaßen gefangen hatte, stapfte sie in die Küche, setzte sich Kaffee auf, öffnete das Fenster und schnappte frische Luft, während der Kaffee durchlief.

Fünf Minuten später war sie wieder bei der Couch, trank Kaffee und kaute appetitlos auf einem Brötchen herum.

Auf dem Tisch vor ihr lag der Zettel mit den Notizen vom Standesamt. Die anderen alten Dokumente wollte sie nicht mehr ansehen. Sie hatte genug von Tod und Verderben. Die waren doch alle tot. Denen konnte sie nicht mehr helfen. Ihrem Bruder aber schon.

Auf dem Zettel war die Adresse eines Waisenhauses in der Schweiz. Dort konnte man ihr gewiss helfen. Es lag nur an ihr. Sie musste sich entscheiden: Wollte sie ihr Vorhaben beginnen, dann bräuchte sie nur dorthin zu fahren. Zog sie es aber vor, einfach ihr eigenes Leben weiter zu leben, musste sie die Adresse nur vernichten.

Sie brauchte nicht nachzudenken. Es war schon längst beschlossene Sache. Sie war es ihrem Vater und jetzt auch ihrem Bruder schuldig. Und wenn das hieß, dass sie dafür in die Schweiz musste, tja, dann würde sie eben in drei Teufels Namen dorthin fahren. Irgendwo musste sie ja schließlich anfangen! Und da war die Schweiz ebenso gut wie jeder andere Ort.

9. Kapitel

9. Kapitel

Am nächsten Tag, an Bord einer Maschine der Swiss Air. Eben hatte der Kapitän die Reiseflughöhe verlassen, und sie waren im Begriff, den Anflug auf den Flughafen von Bern zu beginnen.

Sabine hatte es sich in den hinteren Reihen gemütlich gemacht und während des gesamten Fluges aus dem Fenster gesehen. Sie hatte in Ruhe gelassen werden wollen. Gleich nach dem Start hatte der Mann neben ihr aber mit einem Gespräch angefangen. Er schien allein zu reisen und dachte wohl, mit einer netten Konversation die Zeit schneller herumzukriegen. Damit hatte er sich aber geschnitten. Sabine knurrte nur unverständliche Sätze, antwortete ausweichend und war desinteressiert. Es dauerte trotzdem zehn Minuten, bis er begriff, dass sie nicht reden wollte. Dann ließ er sie in Ruhe und Sabine hatte, was sie wollte.

Unter sich sah das Antlitz der Erde vorüberziehen: Berge, Seen, Flüsse, Täler … und dachte dabei nicht zum ersten Mal darüber nach, wie die Welt wohl aussähe, wäre der Mensch nicht das geworden, was er war. Flüsse hätten ihren Lauf in Jahrtausenden nicht verändert und zögen nicht kerzengerade durch die Landschaft, weil Kanäle für die Schifffahrt gebaut werden mussten. Städte, Dörfer, Länder hätte es nie gegeben, noch nicht einmal staubige Feldwege.

„Pling“, machte das Anschnallzeichen. Sabine blickte instinktiv nach oben, wo eine ganze Batterie dieser Symbole leuchtete, daneben Lämpchen für jeden einzelnen Sitz, eine Belüftungsdüse und eine Serviceklingel. Schnickschnack, der den Gästen den Flug so angenehm wie möglich machen sollte.

Bei Sabine bissen sie da auf Granit. Sie hasste es zu fliegen. Wenn sie so einen Vogel nur von außen sah, begann schon dieses ungute Gefühl. Schweiß floss ihr in Strömen aus jeder Pore, und ihr Herzschlag beschleunigte sich. Aber es als Angstausbruch zu bezeichnen wäre doch nicht ganz richtig gewesen. Sie hatte keine Angst. Sie fühlte sich im Flugzeug sicherer als im Auto oder auf einem Kreuzfahrtschiff. Es war mehr die Gewissheit, hier oben, in zwölftausend Metern Höhe, nichts verloren zu haben. Es spottete einfach jeder Beschreibung, und ihr fiel immer wieder nur ein Satz ein: Hätte Gott gewollt, dass der Mensch fliegt, hätte er ihm Flügel gegeben. Immer, wenn sie flog, geisterte dieser Satz ihr im Kopf herum. Und dabei war sie noch nicht einmal gläubig. War das nicht urkomisch?

Ein Knacken im Ohr riss sie aus ihren Gedanken. Aha, der Druck veränderte sich, die mit Luft gefüllten Kammern in ihrem Schädel meldeten sich zu Wort! Das geschah immer, wenn in den Kammern weniger oder mehr Luft war als außerhalb. Das kannte jeder Taucher. Und jeder wusste, was dagegen half: Druckausgleich. Entweder man hielt sich mit Daumen und Zeigefinger die Nase zu und drückte die Luft beim Ausatmen durch die Nase in die Kammern oder man bewegte den Unterkiefer hin und her, als ob man auf einem Kaugummi kaute. Auch das half. Wichtig war nur, dass das Weniger oder Mehr an Luft in den Kammern mit dem Weniger oder Mehr der Umgebung ausgeglichen wurde. Das war das ganze Geheimnis. Und das war auch der Grund, warum Kleinkinder während des Anfluges oft wie am Spieß schrien. Sie konnten das nicht wissen und empfanden, weil sie den Druck nicht abbauen konnten, körperlichen Schmerz.

Sie spürte, wie der Mann sie neugierig von der Seite betrachtete, während sie ihren Unterkiefer wild hin und her peitschen ließ. Offenbar versuchte er, sie doch noch in ein Gespräch zu verwickeln. Und warum auch nicht? Sabine war eine junge schöne Frau mit langer Haarmähne, strahlend weißer Haut, einer weiblichen Figur und, und, und. Kein Wunder, dass der Typ so schnell nicht aufgab! Noch dazu, weil sie an keinem ihrer Hände, weder an der linken noch der rechten, einen Ring trug. Einen Ring, der signalisierte: Hey, sieh her, ich bin vergeben! Also mach dir am besten keine Hoffnung, steck die Nase in dein Heft und lass mir meine Ruhe! Doch da sie nichts dergleichen trug, stand dem anderen Geschlecht Tür und Tor offen, es zu versuchen. Und auch dieser Mann hier, obwohl seit Jahren vergeben, spürte Interesse an dieser Frau. Sie hatte etwas, das seine Urinstinkte ansprach, seinen Jagdtrieb weckte. Er wollte sie kennenlernen und wer weiß, vielleicht wurde ja ein bisschen mehr daraus? Es wäre nicht das erste Mal, dass er auf seinen Geschäftsreisen ein Abenteuer hatte. Und warum auch nicht? Wusste er denn genau, dass seine Frau keine Liebelei nebenbei hatte? Eben. Also, warum sich über ungelegte Eier den Kopf zerbrechen? Hier saß eine Frau, die, meine Herren aber auch, erstklassig gebaut war. Und das sogar, obwohl sie lange Jeans und diese wallende Bluse trug. Aber diese Beulen unter dieser Bluse! Autsch, war die heiß! Er stellte sich gerade vor, wie es wohl wäre, diesen Busen aus seiner Gefangenschaft zu befreien und ihn voll und prall und weich in seinen Händen zu halten … die Knospen, die sich aufreizend zwischen seine Lippen pressten. Ob sie einen String trug? Ob ihr Schamhaar ebenso blond war? Wie es wohl war, diese Frau zu ficken? Er wollte diesen runden, knackigen Po streicheln. Diese Beine berühren, sie küssen und streicheln und sie um seine Taille spüren, während er erst sanft und dann immer fordernder in sie eindrang …

Da hatte er wenigstens schon mal einen Plan, wenn man das so nennen konnte. Das Dumme war nur, dass diese Frau keinerlei Interesse zeigte. Ihr Körper war von ihm weggedreht, so gut es eben ging in dem engen Flugzeugsitz, und als er sie nach dem Start angesprochen hatte, hatte sie ihm noch nicht einmal in die Augen gesehen. Er wusste, dass dies alles Indizien dafür waren, dass sie kein Interesse hatte. Aber entweder lag es an seinem verletzten Männerstolz oder er konnte sich die Niederlage einfach nicht eingestehen. Männer halt. Waren schon komische Geschöpfe, diese Herren der Schöpfung!

„Haben Sie geschäftlich in Bern zu tun?“

Er konnte es einfach nicht lassen. Obwohl er die Frage schon einmal gestellt und schon beim ersten Mal nichts als unverständliches Gemurmel gehört hatte, stellte er sie noch einmal. Mut hatte er ja, das musste man ihm lassen. Blieb jedoch abzuwarten, ob er sich auszahlte.

Sabine hatte die Frage gar nicht gehört. Vielmehr wollte sie sie nicht hören. Sie hatte keine Lust auf Konversation. So einfach war das. Warum konnte der Scheißkerl nicht einfach die Klappe halten? Warum musste einem jeder ein Gespräch ans Bein binden? Das war mal eine interessante Frage. Hat darüber noch niemand eine Doktorarbeit geschrieben? Wie kommt es, dass der Mensch, kaum dass er in einem verhältnismäßig eng bemessenen Raum sitzt, anderen gegenüber so unglaublich mitteilsam wird? Fühlt er sich in der Menge so allein, dass er unbedingt jemanden an seiner Seite braucht? Oder ist er …

Weiter kam sie ihre Gedanken nicht. Der Mann bohrte nämlich weiter. Anscheinend wollte er auf Gedeih und Verderb den Beweis liefern, dass ihre Theorie, was enge Räume und daraus resultierende zwanghafte Konversation anging, zutraf.

„Fliegen Sie gern? Also, ich für meinen Teil fliege wirklich sehr gern. Mir kann ein Flug gar nicht lang genug dauern, wenn Sie mich fragen …“

Sehe ich so aus, als fliege ich gern? Ich sitze hier und will nur in Ruhe gelassen werden! Ja, man kann behaupten, ich fliege nicht gern, aber ich habe auch nicht Angst davor. Es ist ein seltsamer Mischmasch, aber wenn ich dir das erzähle, bringst du es fertig und bohrst noch weiter, und darauf habe ich nun mal keinen Bock. Also begnüge ich mich damit, desinteressiert zu dir rüber zu gucken und zu hoffen, das dich dieser Blick einschüchtert und du endlich deine Augen von meinem Busen nimmst.

Gedacht, getan: Sabine setzte ihre eisigste Leichenbittermiene auf. Ihre Augen, die ohnehin schon todtraurig aus der Wäsche guckten, wurden zu leblosen Kristallen, bei denen man regelrecht darauf wartete, dass sie mit giftigen Pfeilen um sich schossen.

Seltsamerweise schreckte das den Mann überhaupt nicht ab. Er schien völlig abgebrüht zu sein. Der redete doch tatsächlich unbeeindruckt weiter, obwohl ihr die Abneigung regelrecht aus den Augen quoll. Tja, was soll ich da sagen? Der hatte wirklich mal Selbstvertrauen. Den warf so schnell nichts aus der Bahn.

„Sie brauchen überhaupt keine Angst zu haben. Rein statistisch ist Fliegen die sicherste Alternative der Fortbewegung. Und das stimmt sogar. Ich für meinen Teil glaube fest, dass Fliegen das Sicherste ist, was es derzeit gibt. Freilich, wenn mal so ein großer Bomber vom Himmel fällt, sind gleich mit einem Ruck mehr als dreihundert Leutchen im Eimer. Das gebe ich gern zu. Aber weltweit sterben auf den Straßen Zehntausende, und wenn dann mal wirklich in einem Jahr drei oder vielleicht auch vier solcher Vögel abstürzen, sind das immer noch weniger Todesopfer als …“

Bla, bla, bla, dachte Sabine. Der Kerl ist schlimmer als eine Klette. Der quasselt einem die Ohren fusselig. Den wird man überhaupt nicht mehr los.

„… und überhaupt, fliegen macht doch irrsinnigen Spaß. Finden Sie nicht auch? Ach richtig, wie dumm von mir. Sie haben ja Angst davor …“

Ich habe keine Angst davor, du Blödian! Ich will nur in Ruhe gelassen werden! Weiter nichts! Ich will einfach nur hier sitzen, aus dem Fenster gucken und sonst an nichts denken. Wenn ich es meinem Kopf nämlich gestatte, sich seine Gedanken zu machen, könnte es sein, dass ich im besten Fall einen Schreikrampf bekomme. Im schlimmsten Fall aber … nein, daran will ich lieber nicht denken.

„Sind Sie angeschnallt? Wir landen jede Sekunde. Nicht, dass Sie sich …“

Natürlich bin ich angeschnallt, du Hammel! Ich weiß, dass wir jeden Augenblick landen! Was, glaubst du eigentlich, ist der Grund, warum ich dir noch nicht an die Gurgel gesprungen bin? Ich kann`s dir sagen: Nur, weil ich dich bald los bin! Deswegen! Aus dir sprudelt es wie aus einer verdammten Quelle, und einzig und allein, weil ich dich bald los bin, kann ich mich noch beherrschen!

Ihre Gedanken waren wirklich keineswegs freundlich. Umso mehr überraschte es sie, als sie sagte: „Selbstverständlich bin ich angeschnallt.“

In der Sekunde, in der es ihr über die Lippen kam, bereute sie es sofort. Am liebsten hätte sie sich in den Arsch gebissen. Was war nun schon wieder mit ihr los? Es überraschte sie aber nicht nur, dass sie überhaupt etwas sagte, nein, noch überraschender war, wie sie es sagte. Sie klang nämlich freundlich und lieb, als sei sie über die Ablenkung von ihrer Angst hocherfreut.

„Na sehen Sie!“, erwiderte der Mann, der sich selbst schon dabei zusah, wie er sie durch die Matratze scheuchte, „war doch gar nicht so schwer! Sie brauchten nur jemanden, der sie von ihrer Unruhe ablenkt. Und da ist es ganz gut, wenn neben einem jemand sitzt, der keine Angst hat. Sie können froh sein, dass Sie mich getroffen haben. Ich beschütze sie. Mit mir an Ihrer Seite kann Ihnen überhaupt nichts passieren.“

Meine Fresse, wie ist der denn unterwegs? Der hält sich ja für einen ganz tollen Hecht. Wenn er mir nicht so auf den Sack gehen würde, würde ich lauthals loslachen. Also nein, wirklich! Dass dem das nicht selbst peinlich ist? Junge, Junge, Junge, es gibt schon verrückte Leute!

„Nun schießen Sie mal los! Was treibt Sie denn so in die schöne Schweiz? Rein geschäftlich? Oder vielleicht der Liebe wegen?“

Du lieber Gott, ich wünschte, die Maschine würde abstürzen, an einem Berg zerschellen, explodieren, irgendwas, Hauptsache, dieser Hornochse hält endlich das Maul! Das ist ja wirklich nicht zum Aushalten!

„Aber wenn ich Sie so ansehe, glaube ich nicht, dass sie geschäftlich unterwegs sind. Soll ich Ihnen sagen, woran ich das sehe?“

Schieß los! Oh, ich wünschte, ich könnte dir irgendwie das Maul stopfen! Das dachte Sabine, was sie aber sagte, war etwas völlig anderes: „Sie haben vollkommen recht. Woran haben sie das nur gemerkt?“

Der Mann ließ sich im Sitz zurückfallen, plusterte sich auf wie ein Gockel und erklärte: „Oh, das war gar nicht schwer. Sie sehen nämlich gar nicht so aus wie eine dieser Karrierefrauen.“

So? Wie sieht denn eine Karrierefrau deiner Meinung nach aus? Das war es, was ihr durch den Kopf ging, über die Lippen kam ihr aber wieder etwas völlig anderes: „Nein?“ Es klang so etwas von heuchlerisch. Was war nur mit ihr los? Wurde sie langsam labil?

„Nein, wirklich nicht. Sie sehen ganz anders aus. Sie lächeln sogar mal.“

Ich lächle? Daran kann ich mich gar nicht erinnern! Hör mal, Jungchen, ist es nicht eher ein mitleidiges Grinsen, was du da als Lächeln interpretierst?

„Ja, ich merke so etwas gleich. Sie tragen Ihr Haar nicht feldmarschallmäßig nach hinten, mit Tonnen von Pomade, dass es nur so glänzt, sondern lassen es offen über ihre Schultern hängen. Sie sind auch ganz anders gekleidet. Sie sehen richtig gut aus. Nicht so abtörnend, mit spitzen Lippen, akkurat geschnittenen Nägeln, einer Monsterbrille und Klamotten, die aussehen, als wären sie vor fünfzig Jahren mal fesch gewesen. Sie wissen schon, was ich meine.“

Also, um ehrlich zu sein: Ich kann dir kein bisschen folgen. Du laberst den größten Käse, den zu hören ich je in Verlegenheit geraten bin, und das Dumme ist: Ich fange auch schon so an. Und um ganz ehrlich zu sein: Ich glaube sogar, als Gott die Intelligenz verteilte, warst du gerade auf Toilette. Anders kann ich mir diesen Dünnschiss, den du verzapfst, wirklich nicht erklären. Das ging ihr durch den Kopf, aber sagen tat sie wieder etwas völlig anderes.

„Ja, ich weiß sehr gut, was Sie meinen.“

„Deren Männer tun mir einfach nur leid! Die haben doch gar nichts zu lachen! Wissen Sie, ich hab auch mal so eine Frau kennengelernt. Ist noch gar nicht so lange her.“

„Und was dann? Was ist aus Ihnen beiden geworden?“ Warum frage ich das eigentlich? Ich will davon doch gar nichts wissen.

„Es ging ein paar Wochen gut. Aber dann haben wir beide gemerkt, dass wir irgendwie nicht zueinander passen. Die Unterschiede waren doch zu groß. Aber genug von mir. Erzählen Sie doch etwas von sich!“

Sabine starrte verstohlen aus dem Fenster. Noch schätzungsweise fünftausend Fuß bis zum Boden. Schöne Scheiße, ein paar Minuten würde es wohl noch dauern. Und dann auch noch zum Terminal. Noch mal fünf Minuten. Oh Mann, wie sollte sie das nur überstehen?

Einen Moment überlegte sie, aufzustehen und sich einen anderen Platz zu suchen. Doch dummerweise war sie hier nicht in einer Straßenbahn, und außerdem war die Maschine restlos ausgebucht. Also musste sie die Zähne zusammenbeißen und die letzten Minuten über sich ergehen lassen.

„Okay, wenn es Sie glücklich macht: Ich fliege in die Schweiz, weil ich mir erhoffe, meinen Bruder hier zu finden. Ist das nicht ulkig? Bis vor einer Woche hatte ich von seiner Existenz nicht den Hauch einer Ahnung, und nun fliege ich hierher.“

„Wie kommen Sie darauf, dass Sie ihn ausgerechnet hier finden?“

„Oh, als Kind gaben meine Eltern ihn zur Adoption frei. Ich hab die Adresse eines Kinderheimes, und ich hoffe, dass man mir da weiterhelfen kann. Das ist meine Hoffnung. Ansonsten bleibt mir nur noch ein Detektiv. Ob mir der aber viel bringt, ist mehr als fraglich.“

„Gestatten Sie mir eine Frage? Was ist damals vorgefallen? Warum gaben Ihre Eltern ihren Bruder weg? Sind denn wenigstens Sie bei ihnen aufgewachsen?“

Pulsuz fraqment bitdi.

2,82 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Həcm:
580 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9783754180617
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar