Kitabı oxu: «Die letzte Seele»

Şrift:

Lars Burkart

Die letzte Seele

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Impressum neobooks

Kapitel 1

Die größte Freude im Leben ist es, seine Feinde erbarmungslos zu schlagen und zu töten, ihre Pferde zu reiten und ihre Frauen und Töchter zu schänden.

Dschingis Khan

1. Kapitel

Die Haut seines Gesichts hing schlaff an den Knochen herunter, seine Muskeln waren lasch und weich wie ein nasser Waschlappen, und von einer Sekunde auf die andere wechselte seine Farbe von rosig-gesund zu aschfahl-kalkweiß. Ausdruckslos blickten seine Augen ins Leere.

Es war noch keine fünf Minuten her, da war seine Welt noch in Ordnung gewesen. Nicht perfekt, aber wer konnte das schon behaupten? Aber er hatte sein Einkommen, zwei wundervolle Kinder, die ihn vergötterten und für die er der Größte war, einen Beruf, den er liebte und natürlich eine Frau, die ihn liebte. Bis gerade eben dachte er das zumindest. Umso überraschender war es, dass sie ihm eröffnete, dass sie die Kinder schnappen und ihn verlassen würde.

Die Worte brannten noch nach in seinem Kopf, schnitten sich scharf wie ein Skalpell in sein Hirn, tiefer und tiefer. Sie ließen auch nicht locker, als sie schon längst das Haus verlassen hatte und er allein im Arbeitszimmer saß.

Sie ist weg. Sie ist weg.

Jetzt, da er allein war, bemerkte er erst, dass sie noch nicht einmal versucht hatte schonend zu sein. Sie war einfach mit der Nachricht herausgeplatzt, so wie ein Wasserhahn losspritzt, bei dem die Dichtungen spröde sind. Sie hatte es nicht für nötig gehalten, ihn vorzuwarnen, ihn auf das, was kommen sollte, vorzubereiten. Sie hatte einfach damit losgedonnert, als würde sie beim Italiener um die Ecke eine Pizza bestellen – aber bitte mit einer Extraportion Käse! Oder als hätte sie ihren Friseur wissen lassen, wie sie sich ihre Frisur vorstellte: Mein Lieber, es kann ruhig ein bisschen frech sein. Sie wissen schon, so richtig schön jung und peppig. Aber auf keinen Fall zu kurz, hören Sie, um Himmels Willen nicht zu viel weg!

Warum hatte sie das getan? Wie konnte sie nur einfach so gehen und ihrer beider Leben so drastisch ändern? Hatte sie es angedeutet? Und wenn ja, wie hatte ihm das entgehen können? Wie hatte er so blind sein können?

Er wusste es nicht. Aber er wusste: Es war nicht seine Schuld. Aber er gab auch nicht ihr die Schuld, jedenfalls noch nicht. Er war sicher, dass das noch früh genug geschehen würde.

Aber jetzt noch nicht. Momentan wollte er nur dasitzen, einfach nur dasitzen und nachdenken. Nahdenken über das, was geschehen war.

Ihre Augen waren das einzige, woran er sich noch genau erinnern konnte, der Rest lag irgendwo in einer nebelhaften Vergangenheit. Sie waren traurig gewesen (war nicht sogar eine kleine Träne die Wange hinuntergerollt?), hatten gleichzeitig aber auch so etwas ausgedrückt wie Hoffnung.

Er war irritiert. Schon als sie sein Zimmer betrat, spürte er, dass etwas nicht stimmte, ganz und gar nicht. Und schon zu diesem Zeitpunkt, als er noch nichts von dem ahnte, was da alles auf ihn zukommen sollte, wäre es ihm lieber gewesen, sie hätte kehrtgemacht und alles beim Alten belassen. Es einfach so belassen, wie es war. Der einzige Gedanke, der ihm durch den Kopf schoss, war: die Kinder. Was ist mit ihnen? Was ist mit den Kindern?

Jeannine schien seine Gedanken zu erraten.

„Nein, nein, nicht die Kinder.“

Da das so ziemlich alles war, was ihm einfallen wollte, entspannte er sich etwas und atmete aus. Doch ihr Blick, der jetzt noch bekümmerter wirkte, verriet ihm, dass die traurige Nachricht (und um eine solche handelte es sich zweifellos) noch keineswegs aufgedeckt war. Er sah sie an mit großen, fragenden Augen und war sich nicht mehr sicher, ob er es überhaupt noch wissen wollte.

Ihre Augen hatten noch immer diesen todtraurigen Ausdruck. Doch obwohl sich zu der Träne noch eine zweite gesellt hatte, drückten sie noch immer eine gewisse Hoffnung aus. Was, zum Teufel, will sie mir sagen, fragte er sich. Ihm wurde immer unbehaglicher in seiner Haut, und nervös rutschte er auf seinem Stuhl herum, als hätte er ein übles Brennen zwischen den Arschbacken.

Paul fragte noch einmal, was los war. Sie räusperte sich und machte Anstalten zu sprechen. Jetzt wäre er am liebsten aufgesprungen und hinausgerannt. Er wollte es gar nicht wissen. Aber ihr Blick fesselte ihn an seinen Platz.

„Paul“, begann sie mit stotternder und zugleich weinerlicher Stimme, bei der ihm schlecht wurde, „wir müssen reden.“

Sein Körper verkrampfte sich, aber sein Gesicht strahlte sie dümmlich an. Er wollte dieses Grinsen abstellen, konnte aber nichts dagegen tun. Es blieb wie in sein Gesicht gemeißelt, also grinste er weiter. Seine Hände waren schweißnass, und da sie auf den Oberschenkeln ruhten, war die Hose schon ein wenig klamm.

„Nun sag schon! Was bedrückt dich? Du kannst mir alles sagen, das weißt du.“

In ihren Augen blitzte kurz etwas auf.

„Paul, ich … ich werde dich verlassen.“

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Und war auch mindestens ebenso verheerend. Vor Überraschung erschlaffte sein Körper wie Butter in der Sonne. Seine Beine waren plötzlich weich wie zu lange gekochte Spaghetti. Er wollte sich an den Armlehnen festhalten, aber er war zu keiner Bewegung imstande. Er konnte nur hoffen, nicht wie ein Kartoffelsack zu Boden zu sinken. Sogar das blöde Grinsen war von seinen Lippen verschwunden. Was hat sie da eben gesagt? Wir lieben uns doch! Wie kann sie so etwas sagen? Weiß sie denn nicht, wie weh sie mir damit tut?

Sein Gesicht musste eine Sekunde abwesend gewirkt haben, denn sie fragte jetzt: „Paul, hörst du mir überhaupt zu? Hast du verstanden, was ich gesagt habe?“ Die Stimme klang wütend, und Paul konnte es nachvollziehen. Sie konfrontierte ihn mit der Wahrheit, mit etwas, was sie beide anging. Und ihm schien es gar nicht zu interessieren. Aber was sollte er tun? Er stand unter Schock, wie ein Mann, der gerade einen schweren Verkehrsunfall überstanden hat und der über die Straße irrt ohne zu wissen, wer er ist und wo er ist.

Er hob schwach den Arm; er wusste nicht, was er antworten sollte. Er schien zehn Tonnen zu wiegen. Was sollte man in so einer Situation sagen? Und selbst wenn er etwas hätte sagen wollen: Er war außerstande, auch nur ein Wort zu sprechen. Sein Mund war so trocken wie Wüstenstaub.

Jeannine, die davon nichts bemerkte, sagte schließlich mit einem so ernsten Ton, dass man meinen konnte, sie verläse einen Exekutionsbefehl: „Ich nehme die Kinder mit. Und gehe. Unter diesem Dach ist kein Platz mehr für mich. Versuch bitte nicht, mich aufzuhalten. Es wäre sinnlos. Erspar uns diese peinliche Szene.“

Mit diesen Worten drehte sie sich um, verließ das Zimmer und das Haus, ging, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen, zu ihrem Wagen und fuhr davon, die Kinder auf der Rückbank. Während sie das tat, hätte Paul Zeit gehabt, aufzuspringen, hinter ihr herzujagen, sie nach dem verdammten Grund zu fragen. Er hätte versuchen können, sie aufzuhalten. Aber er tat nichts dergleichen. Seine Knochen waren noch immer weich wie warmer Gummi, und bewegungslos blieb er auf dem Stuhl.

Es war still. Nur hin und wieder fuhr draußen ein Wagen vorbei, was klang wie das Summen einer Mücke. Deshalb hatten sie damals dieses Grundstück gekauft: wegen der Ruhe. Weil es hier am Wald so schön abseits der Straße lag, dass man sie fast vergessen konnte.

Beim ersten Motorgeräusch hatte er noch geglaubt, sie käme zurück, wäre wieder zur Besinnung gekommen. Als der Fahrer aber keine Anstalten machte, langsamer zu werden und der Motor nicht lauter wurde, sondern leiser, begriff er allmählich, was geschehen war. Sie hatte ihn verlassen. Sie war weg, endgültig weg. Mit den Kindern.

Jetzt war es, als reiße ein Knoten in ihm, und er begann zu weinen. Die Tränen rannen ihm nur so die Wangen hinunter, brannten auf seiner Haut und schmeckten scheußlich. Er wollte sie wegwischen, wagte es nicht, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Noch immer war er außerstande, sich zu bewegen. Stattdessen schniefte er nur und blieb sitzen wie ein Angeklagter, über den ein unbarmherziges Urteil gesprochen worden ist.

Eine Mücke summte heran. Er konnte ihre Flugbahn mit den Augen verfolgen, aber es war ihm unmöglich, auch nur den kleinen Finger zu rühren, geschweige denn, den Arm, um sie wegzuscheuchen. Das Mistvieh schwirrte noch eine Weile um seinen Kopf, als überlege es, ob Gefahr bestand. Schließlich ließ es sich auf seiner Unterlippe nieder. Anscheinend war es zu dem Ergebnis gekommen, dass es ungefährlich war. Dann bohrte es seinen Saugrüssel in seine dünne, von Tränen aufgeweichte Haut. Paul konnte es spüren, aber er konnte nichts dagegen tun. Die Mücke blieb, bis sie sich vollgesogen hatte. Dann flog sie davon, deutlich träger als zuvor. Ihr Bauch war rot und fett.

Nach und nach löste sich seine Starre. Zuerst spürte er in den Zehen und Fingern, dass Leben in ihn zurückkehrte. Er begrüßte diese Empfindung und wackelte mit ihnen. Und während er das tat, löste sich auch die Starre im Rest seines Körpers. Endlich konnte er aufstehen. Wie ein Blitz rannte er zum Fenster und sah auf die Straße. Doch es war zu spät. Sie war schon weit weg.

Arme und Beine kribbelten noch, als wären sie gerade eben erst erwacht, während er noch am Fenster stand und hilflos hinausschaute. Die Straße war, abgesehen war von wenigen Autos, leer und trostlos. Er schwitzte plötzlich, obwohl es gar nicht warm war. Dennoch lief ihm die Brühe nur so runter, als wäre er ein Gewichtheber, der in der zwölften Wiederholung eine Zweihundertkilo-Hantel stemmt.

Gedankenverloren starrte er in den Garten, beobachtete, wie der Wind mit den Blättern spielte, sie ausgelassen umhertrieb. Wie schnell die Dinge sich verändern konnten. Gerade eben noch hatte er an seinem Schreibtisch gesessen und seine Welt war in Ordnung gewesen, und jetzt, nur Minuten später, musste er mit ansehen, wie sein Leben vor seinen Augen zu Trümmern zerfiel. Hastig drehte er sich um und verließ das Zimmer, wobei er sich immer noch an allem, was er erreichen konnte, festhielt.

Auf einmal war seine Kehle trocken und rau wie Sandpapier. Er begrüßte dieses Gefühl fast, denn es lenkte ihn ab von den seelischen Schmerzen. Mit jeder Sekunde wurde es unangenehmer, und er befürchtete schon, jämmerlich zu verdursten, wenn er nicht bald etwas zu trinken bekam. Also stürmte er in die Küche, öffnete den Kühlschrank, glotzte hinein und griff schließlich nach dem erstbestem, was ihm in die Finger kam – eine Flasche Cola. Die Kohlensäure kribbelte in seiner Kehle, und er trank gierig. Er spürte Schmerzen wie spitze Dolche hinter seiner Stirn. Es war eindeutig zu kalt, aber er konnte nicht mit dem Trinken aufhören. Das Ziehen und Stechen hinter seiner Stirn wurde stärker, aber es war einfach zu köstlich, fühlte sich zu gut an, um aufzuhören. Leider verging dieses Wohlgefühl schnell, und zurück blieb nur eine quälende, dunkle Leere.

Paul sah noch einmal in den Kühlschrank. Diesmal wollte er etwas Härteres, etwas, das seine Stimmung hob. Zuerst übersah er es und wollte schon lautstark fluchen. Es war aber auch schwer zu finden – vor allem hinter tonnenweise Pudding und halbleeren Punica-Flaschen. Dann, auf den zweiten Blick, sah er es endlich. Als ob die Flasche Jack Daniels sich vor ihm verstecken könnte, ha, da lachten ja die Hühner! Mit einer einzigen Bewegung war der Verschluss abgeschraubt, die Flasche zum Mund geführt und ein langer Schluck genommen. Obwohl der Whiskey eiskalt war, brannte er im Hals, und als er endlich in seinen Magen schwappte, glaubte er, ein Buschfeuer brodele in ihm. Wärme durchströmte seinen Körper, und bevor sie nachlassen konnte, schüttete er noch etwas hinterher.

Obwohl er wusste, dass es eine bescheuerte Idee war, wollte er sich hemmungslos besaufen. Er wollte die ganze Flasche trinken. Und, falls er dann noch aufrecht stehen konnte, eine zweite.

Ohne darüber nachzudenken, was er tat und warum, schlich er durchs Haus. Es war ein großes Haus, zu groß für ihn allein. Aber so war es ja auch nie gedacht gewesen. Sie hatten es damals mit der Absicht bauen lassen, den Kindern Platz zum Spielen zu geben. Jetzt waren sie alle weg: Jeannine, die Kinder. Alle waren verschwunden, und das Haus war ebenso verlassen wie er selbst.

Die Schritte hallten in den großen Räumen – ein seltsames Geräusch, eines von der Sorte, das nicht hierhergehörte. Hier sollte fröhliches Kinderlachen ertönen, ausgelassenes Quietschen und Kreischen, aber nicht die schlurfenden Schritte eines verlassenen Mannes. Er lief durch das ganze Haus. Überall stieß er auf Splitter, schmerzende Bruchstücke seines Lebens. Seines zerstörten Lebens.

Der Anblick der großzügigen Küche (Jeannine hatte sie immer als ihr Revier bezeichnet) schmerzte, als würde ihm ein rotglühender Stab ins Herz getrieben werden. Auf dem großen Tisch hatte sie immer das Essen serviert. Sie hatte es geliebt, für ihn zu kochen, und ihm hatte es immer geschmeckt. Wann hatte er ihr das zum letzten Mal gesagt? Er hatte nicht die Spur einer Ahnung.

Jetzt stand er im Flur, nicht weit vom Schlafzimmer. Wollte er hineingehen? Paul schauerte vor dieser Tollkühnheit. Aber wovor hatte er Angst? Es war doch nur ein Schlafzimmer, das Zimmer, in dem er die Nächte mit Jeannine verbracht hatte. In dem sie sich geliebt hatten, in dem aber auch schon mal die Fetzen geflogen waren. Es war nur ein Zimmer, weiter nichts. Dennoch hatte er mehr als nur Angst vor dem, was ihn dort erwartete.

Der Raum war dunkel und angenehm kühl. Die Vorhänge waren zugezogen. Eine neue Welle aus Schmerzen sauste heran wie eine Dampflok, zischend und fauchend. Sie warf ihn fast zu Boden. Seine Tränen, schon fast getrocknet, flossen abermals. Sein Herz hämmerte und drohte zu explodieren. Er wollte zurück, wollte den Raum verlassen, zu groß, zu gewaltig waren die Erinnerungen, die auf ihn einstürzten. Aber er biss die Zähne zusammen und blieb.

Seine Augen durchstreiften das Zimmer. Alles, alles hier erinnerte ihn an den Verlust: Die schneeweißen Gardinen. Sie hatte sie ausgesucht und eigenhändig angebracht. Er erinnerte sich genau. Er hatte ihr helfen wollen, und sie hatte ihn davongejagt wie einen tollwütigen Hund. Ja, so war sie, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Ist schon komisch, was einem so einfällt, wenn das eigene Leben den Bach runtergeht. Das bequeme Wasserbett, das mitten im Zimmer stand, links und rechts am Kopfende gesäumt von einer künstlichen Palme: Hier hatten sie sich geliebt. Hier war ihre Spielwiese gewesen.

Langsam näherte er sich dem Bett, wobei er darauf achtete, dem Kleiderschrank nicht zu nahe zu kommen. Dabei fragte er sich, warum seine Türen offen standen. Einen Augenblick später wusste er es: Sie hatte ihre Kleider mitgenommen. Alles. Von den Socken bis zu den T-Shirts, von den Hosen bis zu den innig geliebten Hüten. Sogar den BH, den er ihr vor Jahren geschenkt hatte, der ihr aber viel zu groß war.

Paul überlegte kurz sinnlos, ob sie eine Tasche bei sich hatte, gab es aber schnell wieder auf, weil er sich beim besten Willen nicht daran erinnern konnte. Mit hängenden Schultern ging er weiter, vorbei an den Zeugen ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Plötzlich drehte er sich einmal um seine Achse, und das Zimmer rauschte an ihm vorbei. Dann ein zweites Mal, diesmal schneller. Es war wie ein Rausch, wie das Eintauchen in eine fremde, eigentümliche Welt, wo alle Umrisse zu geisterhaften Schemen verschwammen. Dann verlor er das Gleichgewicht, stürzte der Länge nach aufs Bett und blieb reglos liegen. Die Matratze unter ihm schwippte und schwappte, und er genoss das Gefühl des Treibens. Er dachte an das letzte Mal, als sie miteinander geschlafen hatten. Wann war das gewesen? Vor sechs Tagen? Vor sechs Wochen? Paul musste sich eingestehen, dass auch diesmal seine Chancen schlecht standen. Was denn, sollte es schon sechs Monate her sein? Das traf es schon eher. Aber, um ehrlich zu sein: Es lag noch ein Stück weiter zurück in der Vergangenheit. Mit Entsetzen erkannte er, dass es ihm nicht möglich war, sich zu erinnern. Nur so viel war sicher: Es war schon viel zu lang her. Und nun formte ein Gedanke sich hinter seiner Stirn. Ein Gedanke, den zu denken er bis vor kurzem nie imstande gewesen wäre: Hatte es sich durch etwas angekündigt? Eine berechtigte Frage. Schließlich geschah so etwas nicht von heute auf morgen. Und wenn es sich angekündigt hatte, warum hatte er es nicht gespürt? Er drehte sich um, vergrub das Gesicht in dem Kissen, das einmal ihres gewesen war und heulte wie ein Schlosshund. Ihr Duft kroch ihm in die Nase, und er wollte schon vor Freude aufspringen (Gott sei Dank, nun würde alles wieder gut werden!), als er begriff, dass der süßlich-angenehme Duft nur aus dem verdammten Kissen kam.

Dann kam ihm noch etwas in den Sinn. Etwas, das ausreichte, noch das letzte bisschen Beherrschung zu verlieren. Voller Wut auf sich selbst und auf alles um sich herum schmiss er die halbleere Flasche an die Wand, wo sie scheppernd zerbrach. Hätte er es verhindern können? Hätte er es verhindern können, wenn er es nur geahnt hätte? Wenn er es hätte kommen sehen?

Sie hatte ihm stumme Signale gesendet, da war er sich sicher. Aber erst jetzt, da es zu spät war, verstand er sie. Sie hatte es im Sanften versucht, hatte mit ihm reden wollen, über die Probleme, die sie beschäftigten und die sie oft nachts wach liegen ließen. Schließlich, nachdem es auf die sanfte Tour nicht funktionierte, hatte sie die Holzhammermethode angewandt. Sie verweigerte ihm den Sex und war sogar allein in den Urlaub gefahren. Hatte er ihr je gesagt, dass er sie vermisste? Dass er die ganze Zeit an sie denken musste? Sie war abends öfter ausgegangen und jedes Mal später nach Hause gekommen. Aber hatte er sie je gefragt, wo sie gewesen war? Mit wem? Und ob sie sich amüsiert hatte? Nein, kein einziges Mal.

„Ich war so ein Arschloch“, hörte er sich laut sagen, „ich war so vertieft in meine verdammte Scheißarbeit, dass ich gar nicht merkte, wie meine Ehe zerbrach. Ich war ja so ein egoistisches Arschloch!“ Er jaulte wie ein Hund. „Ich war so mit mir selbst beschäftigt, dass ich gar nicht merkte, wie meine Frau sich mehr und mehr von mir entfernte,“ Und während er das sagte, begriff er den Sinn der Worte. Er begriff ihn mit aller Grausamkeit.

Ihm lag noch so viel auf der Zunge. Er wollte sich beschimpfen, sich einen Hurensohn nennen, weil er so ein verdammter Idiot war. Aber so weit kam er nicht. Aus seinem Mund drang nur ein unverständliches Krächzen und Wimmern. Diesmal versuchte er gar nicht erst, sich zu beruhigen. Es waren Tränen, die geweint werden mussten. Außerdem hegte er die vage Hoffnung, dass mit ihnen auch ein Teil des Schmerzes herausgespült würde.

Doch irgendwann waren auch diese Tränen versiegt, und langsam trottete er aus dem Schlafzimmer. Er ging in die Küche, steuerte in Richtung Kühlschrank, öffnete die Tür und erschauerte kurz, als die kalte Luft die Haare an seinen Beinen berührte. Dann nahm er die zweite Flasche Whiskey. Die darf ich nicht zerdeppern, sonst sitze ich auf dem Trockenen.

Wenige Minuten später stand Paul im Arbeitszimmer und starrte auf den Schreibtisch. Das Notebook war aufgeklappt, aber am liebsten hätte er es gegen die Wand gefeuert. Er konnte nicht mehr verstehen, dass er so viele Stunden, in denen seine Ehe den Bach hinuntergegangen war, vor ihm gesessen und wie ein Besessener gearbeitet hatte. Er nahm einen tiefen Schluck, genoss das Brennen und klappte den Bildschirm mit einer einzigen Bewegung herunter. Dabei kam ihm in den Sinn, dass das zu spät war, dass er es schon früher hätte tun sollen. Er kläffte sein Gewissen an, dass das unwichtig sei und es gefälligst sein dämliches Maul halten sollte. Arschloch, verdammtes, fügte er in Gedanken hinzu. Paul stockte eine Sekunde und fing wie irrsinnig an zu lachen. Wow, dem hast du’s aber gegeben, das muss dieser verdammte Schweinehund erstmal verdauen, was?

Er ließ sich rücklings auf den Drehsessel fallen, warf die Beine auf den Tisch, kickte das Notebook weg und starrte ihm hinterher, als hätte er noch nie in seinem Leben ein solches Ding zu Gesicht bekommen. Was kann das nur sein? Man kann es auf- und zuklappen, und dann hat es auch noch so viele Knöpfe mit so komischen Zeichen darauf. Oh, das ist aber ungeheuer spannend, ist es. Ja, du verdammtes Mistding, du bist an allem schuld! Wegen dir ist mein Leben jetzt ein Trauermarsch!

Das ging ihm durch den Kopf, als es scheppernd auf dem Boden aufschlug. Ob es dabei demoliert wurde, ging ihm am Arsch vorbei. Und auch über diese Gleichgültigkeit meinte er sich fast kaputtlachen zu müssen.

Paul hoffte inständig, sein Heiterkeitsausbruch würde eine Weile andauern. Doch schon während er noch dafür betete, verabschiedete sich der kurze Moment schon mit Pauken und Trompeten und hinterließ nur wieder diese düstere, traurige Leere. Langsam rannen Tränen über seine Wangen.

Wie lange saß er nun schon so da? Die Beine auf dem Tisch, tief im Schreibtischsessel versunken und die Augen starr zur Zimmerdecke gerichtet? Zehn Minuten? Eine Stunde? Oder vielleicht zwei? Er konnte es nicht mit Sicherheit sagen. Aber es musste schon ziemlich lange sein, denn als er Anstalten machte sich aufzurichten, kribbelten seine Beine, als spaziere er mit kurzen Hosen durch ein Brennnesselfeld. Er stöhnte. Seine Tränen waren inzwischen getrocknet, aber ihm war bewusst, dass sie noch lange nicht versiegt waren. Er blickte sich langsam um und sah noch etwas anderes. Falls er zu diesem Zeitpunkt noch Zweifel gehegt hatte, lange weggetreten gewesen zu sein, waren diese nun widerlegt. Denn es war schon fast dunkel. Es mussten Stunden gewesena sein.

Paul kämmte mit der Rechten sein dünnes Haar, und jetzt machten sich die ersten Wehen eines herannahenden Kopfschmerzes bemerkbar. Und da er auch verdammt durstig war, nahm er schnell noch einen Schluck aus der Pulle, der nun aber gar nicht mehr so gut schmeckte. Der Whiskey hatte jetzt Zimmertemperatur, und da kann man mit alkoholischen Getränken viel machen, sich zum Beispiel die Füße damit waschen, aber auf keinen Fall sollte man sie noch trinken. Kein Mensch säuft so eine Plärre, wenn sie warm ist wie Ochsenpisse – es sei denn, man ist hemmungsloser Alkoholiker. Obwohl Paul genau das durch den Kopf ging, setzte er die Flasche erst ab, als sie leer war. Scheiß auf den schlechten Geschmack! Scheiß auf alles! Hauptsache, es knallt ordentlich!

Während er so dasaß, den Alkohol wirken ließ und versuchte, seine morschen Knochen wieder zum Leben zu erwecken, sah er, dass sein Notebook eigenartigerweise genau an der Stelle stand, wo es gestanden hatte, bevor er es mit einem saftigen Tritt zu Boden geschleudert hatte. Später meinte er, sich vage daran zu erinnern, dass er sich gefragt hatte, wie das verdammte Drecksding bitteschön wieder auf den Tisch gekommen war.

Seine Arme und Beine kribbelten, als liefen Milliarden Ameisen darüber hinweg. Nach und nach verschwand dieses unangenehme Gefühl aber wieder, und dadurch bekam der andere Schmerz wieder Raum, um ihn zu peinigen: der Schmerz über den Verlust seiner Frau. Und im Gegensatz dazu war ihm das Kribbeln wesentlich lieber.

Die Uhr an seinem Handgelenk verriet ihm, dass es inzwischen zehn vor zwölf war. An einem normalen Tag wäre er jetzt schon seit einer Stunde im Bett gewesen. An einem normalen Tag hätte er fünf bis zehn Seiten geschrieben und wäre dann in den Tennisclub gefahren. Oder er hätte sonst irgendetwas gemacht. Aber heute war kein normaler Tag, nicht mal ein halbwegs normaler. Er hatte weder gearbeitet noch die Zeit sonst sinnvoll genutzt. Und da heute ohnehin schon alles durcheinander war, verzichtete Paul darauf, pünktlich zu Bett zu gehen und entschied sich vielmehr, in der Kneipe noch einen trinken zu gehen.

Das Hin- und Zurückkommen würde kein Problem sein. Er würde einfach über das Feld gehen und bis zur Stadt laufen, eine Sache von dreißig Minuten. Ein einfacher Weg mit dem Vorteil, dass er nicht Auto fahren musste. Denn dazu war er nicht mehr in der Lage.

Als Paul am nächsten Tag erwachte (es war bereits weit nach Mittag), fand er sich mit dem Kopf am Fußende seines Bettes wieder. Er fühlte sich hundeelend. Soweit er sich daran erinnern konnte, hatte er in der Kneipe ordentlich einen über den Durst getrunken. Er hatte sich das Spezialgetränk des Hauses mixen lassen. Er konnte zwar kaum die Hälfte der Zutaten aussprechen, aber dennoch hatte er sich einen halben Liter davon kommen lassen und war mit dem Glas in der Hand unter den neugierigen Blicken des Barkeepers in eine dunkle Ecke verschwunden.

Das Glas war voll bis zum Rand und verströmte einen eigenartigen Geruch, scharf und brennend. Einer von diesen Gerüchen, bei denen einem schon die Augen tränen, wenn man nur nahe an sie herankommt. Paul wusste nur zu gut, dass es hochprozentiges Zeug war, das einem durchschnittlich begabten Trinker schnell das Genick brechen konnte. Aber er war noch nicht einmal ein durchschnittlicher Trinker. Wenn er einmal im Monat einen doppelten Whiskey oder eine Flasche Bier trank, war das schon viel.

Gedankenverloren blickte er in das Glas und beobachtete sein Gesicht, das sich in der dunklen Flüssigkeit spiegelte. Er konnte alles erkennen: die Fältchen um die Augen, die kleine Narbe in der rechten Braue, die er sich zugezogen hatte, als er als Kind beim Spielen gegen eine Wäscheleine gelaufen war, die Nase, die seit einer Klopperei während der Schulzeit (Gott, ist das lange her. Ich weiß gar nicht mehr, worum was es da ging … bestimmt um ein Mädchen. Es geht ja immer um Mädchen) ein paar Beulen und Unebenheiten trug. Leider konnte er auch seine Augen sehen, die vom Weinen rot und verquollen waren.

Er griff in die Hemdtasche, wo er die Zigaretten aufbewahrte. Er öffnete sie, fingerte ungeschickt eine heraus, steckte sie in den Mund und zündete sie an.

Der Rauch drang in seine Lunge, und um ein Haar hätte er den Tisch vollgekotzt. Während er noch versuchte, seinen Mageninhalt zu behalten, überlegte er, wie lange er schon keine Kippen mehr angefasst hatte. Mussten mindestens zehn Jahre sein. Aber hundertprozentig sicher war er nicht, auf jeden Fall eine verdammt lange Zeit. Es war ihm damals schwergefallen, es sich abzugewöhnen und er hatte mehr als einen Anlauf gebraucht, aber schließlich war es ihm gelungen. Zumindest bis heute. Gratulation.

Jetzt war ihm nicht nur speiübel, sondern auch schwindelig, und alles drehte sich. Dennoch zog er wieder an der Kippe, hustete jämmerlich und hasste Jeannine für alles, was sie ihm angetan hatte. Er hasste sie, weil sie dafür verantwortlich war, dass er jetzt hier saß, eine Kippe in der einen und ein mörderisches Gesöff in der anderen Hand.

Der Alkohol kroch ihm in die Nase.

Der vernünftig denkende Mann in ihm fragte gerade, ob es das wert war. Ob er unbedingt diesen Fusel saufen musste und ob er es für klug hielt, seine Lungen wie einen verdammten Scheiß-Highway zu teeren, bloß weil dieses Miststück ihn verlassen hatte.

Eine berechtigte Kritik, dachte er und trank wieder einen Schluck.

In dem Moment, als das Getränk seine Zunge berührte, hätte er am liebsten gebrüllt wie ein Baby. Das Zeug brannte fürchterlich; sogar seine Augen begannen wieder zu tränen.

Paul setzte das Glas ab und war einen Moment davon überzeugt, wie ein Drache im Märchen Feuer spucken zu müssen. Das Zeug haute rein, so viel stand fest. Das Erstaunliche aber war, dass das Brennen in der Mundhöhle, in der Speiseröhre und im Magen nicht nur nachgelassen hatte, sondern verschwunden war. Er trank noch einen Schluck, diesmal einen größeren, und spürte, wie seine Glieder augenblicklich leicht wurden wie eine Feder. Sein Arm schien auf über zwei Meter angewachsen zu sein und überhaupt nichts mehr zu wiegen. Amüsiert beobachtete er, wie der riesenhafte Arm mit der ebenfalls riesenhaften Hand versuchte, eine Zigarette aus der Schachtel zu holen. Die Finger schienen komplett knochenlos zu sein; sie wackelten wie Wimpel im Wind. Der Anblick dieser Gummifinger und der monströsen Arme amüsierten Paul, und er kicherte wie ein Verrückter vor sich hin.

Schließlich gelang es ihm doch noch, eine Kippe aus der Gefangenschaft zu befreien und steckte sie in den Mund. Sie hüpfte zwischen den Lippen auf und ab, denn inzwischen gackerte er wie ein Huhn. Ihm war es vollkommen egal, dass sich alle Augen zu ihm drehten.

Paul wusste, dass es klüger gewesen wäre, jetzt aufzustehen und das Lokal aufrecht zu verlassen. Noch konnte er es. Aber er tat es nicht. Er war nicht hierhergekommen, um den Schwanz einzuziehen. Er war hergekommen, weil er sich betrinken wollte. Er wollte so betrunken sein, wie er es schon lange nicht mehr gewesen war. Und wenn er es war, wollte er weitermachen. Echt vom feinsten, dieser Plan.

Der Weg dorthin war nicht allzu steinig. Genaugenommen ging es, bildlich gesprochen, fast nur bergab. Und so erfüllte sich sein Wunsch schneller, als es ihm lieb gewesen wäre. Anfangs spürte er nur diesen Schwindel, später dann wurden seine Glieder schwer wie Blei, und eine Sekunde später so leicht wie eine Feder. Immer abwechselnd. Kein unangenehmes Gefühl.

Wenig später (er hatte noch nicht mal fünf Zigaretten geraucht und sein Glas war noch halbvoll) musste er auf die Toilette. Über dem Pissoir war ein Fenster, das offen stand, und von dort strömte frische Luft herein. Sie fühlte sich gut an auf der heißen Haut. Sie kühlte, und außerdem senkte sie die Übelkeit. Aber die frische Luft hatte nicht nur Vorteile. Sie bewirkte auch, dass der Alkohol noch schneller in sein Blut gelangte, und das Ende vom Lied war, dass auf einmal (er stand noch am Pissoir und musste sich an der Wand stützen, um nicht der Länge nach auf die Fliesen zu knallen) alles um ihn herum schwarz wurde.

Das war’s. An mehr konnte er sich nicht erinnern. Der Rest war Dunkelheit. Klassischer Filmriss.

Jetzt lag er auf dem Bett und glotzte an die Decke. Er hatte pochende Kopfschmerzen und verströmte einen stechenden Geruch. Es war sein Erbrochenes, das so stank. Er ekelte sich; er war außerstande aufzustehen. Wenigstens im Moment. Vielleicht scheute er auch den Anblick des Zimmers. Wer wusste, wie er das Haus in seiner Schnapslaune zugerichtet hatte? In seiner jetzigen Verfassung wäre es kein Wunder gewesen, wenn er es niedergebrannt hätte.

Das Bett war klitschnass, teilweise von seinem Schweiß, aber größtenteils lag es daran, dass er sich eingepisst hatte. Es kümmerte ihn nicht. Es war ihm schnurz, dass er in seiner eigenen Pisse lag, die kalt und nass auf seiner Haut klebte.

Er blieb noch eine Minute so liegen. Dann sammelte er alle seine Kräfte und richtete sich schwerfällig auf. Ein harter Job; er stöhnte. Sein Kopf schmerzte, als würde sein Hirn von tausend Nadeln durchbohrt, seine Haut glühte und schien zugleich aus Eis zu sein, er schwitzte und fror wie bei einem Infekt, und seine Knochen ächzten. Paul verfluchte sich, weil er so bescheuert gewesen war und so viel in sich hineingeschüttet hatte, und er schwor sich, nie wieder einen Tropfen Alkohol anzurühren.

Auf wackligen Beinen, die so weich waren wie Schokopudding, stand er da. Kurz überlegte er, sich einfach wieder rückwärts aufs Bett fallen zu lassen, entschied sich aber dann dagegen, weil er befürchtete (und das kam ihm in diesem Moment sehr plausibel vor), nie wieder aufstehen zu können.

Ihm war hundeelend zumute, er kam sich vor wie durch den Fleischwolf gedreht. Doch es gab auch etwas Positives: Mittlerweile hatten seine Beine nicht mehr die Konsistenz von Schokopudding, sondern fühlten sich fester an, etwa so wie Gummi. Mit hängenden Schultern schlich er ins Bad. Dort empfing ihn der nächste Kampf. Er musste dreimal auf den Lichtschalter schlagen, denn das verdammte Mistding wich immer aus. Als es ihm endlich gelungen war, den Flüchtling zu stellen, sah er, dass es vergebliche Mühe gewesen war: Das Licht erhellte den Raum nur spärlich, von außen fiel ja schon genug Tageslicht hinein. Er schlurfte in Richtung Spiegel, schaute hinein und bekam einen Schrecken. Er trug noch die Kleider von gestern Abend. Seine Augen waren blutunterlaufen und kaum größer als Schlitze. Seine Haut war gelb, und in Gesicht, Haar und Kleidung klebte Erbrochenes.

„Zeit für eine Dusche, alter Junge“, versuchte er sich zu motivieren. Entschlossen legte er die nassen, stinkenden Kleider ab und duschte.

Zehn Minuten später fühlte er sich schon besser; zwar nicht wie neugeboren, aber es würde reichen für den Anfang. Ein frisch aufgebrühter Kaffee wird das Übrige tun, dachte er und lief in die Küche. Während der Kaffee durch die Maschine lief, ging er noch einmal ins Schlafzimmer, um das Bett abzuziehen. Oh nein, er hatte nicht vor, es zu waschen. Wozu auch? Was sollte die Mühe? Es ging viel besser, die nassen Teile einfach zu entsorgen. Und er öffnete die Fenster. Paul hatte sonst keine empfindliche Nase, aber hier stank es wie in einer Kläranlage und das war sogar ihm zu viel.

Nur wenig später saß er am Küchentisch und trank langsam Kaffee. Essen konnte er noch nichts. Er wusste, dass er keinen Bissen runterkriegen würde.

Mittlerweile war es sechzehn Uhr achtzehn. An einem normalen Tag hätte er jetzt schon mehr als die Hälfte seines Arbeitspensums geschafft. Seit Monaten war er schon nicht mehr so faul gewesen. Aber er machte sich keine Hoffnung, dass dieser Tag produktiver sein würde als der letzte. Dazu war der Schmerz noch zu frisch, noch zu bissig.

Langsam führte er die Kaffeetasse zum Mund, und in diesem Moment spielte sich etwas vor seinem geistigen Auge ab, woran er schon seit wer weiß wie vielen Jahren nicht mehr gedacht hatte. Die Erinnerung kam so plötzlich und jäh, dass er wie ein Stehaufmännchen vom Stuhl hochschnellte und die Tasse losließ, die scheppernd zerbrach. Er sah zu ihr hinunter und bemerkte die Splitter gar nicht, die in der schwarzen Flüssigkeit taumelten. Er war wie weg. Seine Aufmerksamkeit richtete sich nur auf das, was vor seinem geistigen Auge ablief. Es war wie ein Film. Ein Film, in dem er die Hauptrolle spielte, aber gleichzeitig nichts zur Handlung beitragen konnte.

Er sah …

Wie die Sonne unterging! Fast so, als wolle sie noch nicht aufhören zu scheinen. Langsam, als tauche sie in dickes Gelee, versank sie am roten Horizont. Der Tag war heiß gewesen, fast zu heiß. Doch da die Hitze des Tages überstanden war und sich dieser Teil der Welt auf eine kühle Nacht vorbereitete, wurde es angenehm. Noch war es hell, doch der Abendhimmel war rot, und die Natur, die in der sengenden Nachmittagshitze eine Pause eingelegt hatte, erwachte wieder zum Leben.

Vögel segelten über die Kornfelder, immer nur um Haaresbreite über den prallen Ähren. Sie flogen übermütig umher, vollführten akrobatische Kunststücke und begrüßten die abendliche Kühle mit Gezwitscher. Die ersten Mücken verließen summend ihren Unterschlupf und machten sich auf die Suche nach Opfern. Nur vereinzelt schwebten Wolken am Himmel. Ein leichter Wind strich über die Weizenfelder, über denen noch eine letzte Hitze flimmerte und wiegte die gelben Ähren. Zwischen den Feldern duckte sich ein schmaler Pfad. Schmetterlinge flatterten umher und präsentierten ihre Schönheit: Ein Meer aus gelben Flügeln, roten Flügeln, weißen Flügeln, blauen Flügeln und den exotischsten Farbvariationen, die nur die Natur hervorzubringen vermochte.

Plötzlich schreckten sie auf und flogen davon. Noch immer lag der Weg verlassen, doch der Wind trug jetzt das Gemurmel von Stimmen heran. Nicht laut, aber auch nicht leise genug, um es zu ignorieren. Über einer Anhöhe, kaum dreihundert Meter entfernt, tauchten Köpfe auf, die wie Bälle über die Straße hüpften. Aus dem Stimmengemurmel wurde Gejohle, das sich mit Gelächter mischte. Eine Stimme, dem Klang nach die eines Mädchens, schrie: „Nimm deine dreckigen Finger von mir!“ Worauf eine andere, diesmal eindeutig die eines Jungen, laut lachte …

Die Verbindung riss kurz ab; Paul befand sich wieder in der wirklichen Welt, im Hier und Jetzt. Er war über die Bilder, die er gesehen hatte, geschockt, aber er wusste, was sie bedeuteten. Er begriff zwar nicht, wie, aber er wusste, dass er einen Blick in die Vergangenheit geworfen hatte. Und darüber war er schockiert, weil es das intensivste Gefühl war, das er je erfahren hatte. Gleichzeitig war es aber auch angenehm. Weil er sich genau erinnerte, was an jenem Tag noch alles gewesen war, umspielte ein Lächeln seine Lippen. Wie um ihm das zu bestätigen, flimmerte vor seinem geistigen Auge nun die Fortsetzung des Films (Ende des Werbeblocks – kommt vom Klo zurück, Herrschaften!).

Die Jugendlichen machten einen Lärm, als zöge ein Bataillon in die Schlacht. Es waren Pauls Jugendfreunde. Und er tummelte sich mitten unter ihnen. Nur eben vierundzwanzig Jahre jünger. Amüsiert registrierte er, wie aus seiner modischen Drei-Haare-Frisur, wie er sie scherzhaft nannte, wieder ein dichter Schopf geworden war. Die Unterhaltung wurde mit jedem Schritt lauter. Der Wind trug die Stimmen heran. Schnellen Schrittes liefen sie die Anhöhe hinunter und gackerten.

Paul wusste, wo sie hinwollten. Und er wusste auch, was an diesem Abend noch alles geschehen würde. Er stand da, mitten auf dem Feld, bis zu den Hüften im Korn, und beobachtete alles fasziniert. Es war ein Déjà-vu, aber gleichzeitig auch viel mehr als das. Es war viel realer, greifbarer, intensiver. Es schien gerade erst zu passieren. Nicht nur ein Kapitel aus der Vergangenheit, sondern so real und tatsächlich, wie es nur sein kann.

Paul holte Luft und versuchte das Wunder zu begreifen. Er roch das Getreide und den Duft des Sommers, sah den ehemaligen Freunden zu, die schon so nah waren, dass er mühelos ihre Gesichter erkennen konnte. Sie trugen die modischen Frisuren, die damals, Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger, der letzte Schrei gewesen waren.

Langsam setzte auch Paul sich in Bewegung. Er wollte den Anschluss an die Gruppe nicht verlieren. Er lief durch den Weizen, beschleunigte seinen Schritt, rannte fast, wobei die Ähren gegen ihn klatschten. Dann sprang er auf den Weg und schaffte es gerade noch, sich vor der Gruppe aufzubauen. Es war unfassbar, er stand keine fünf Meter vor ihnen und konnte jede Regung in ihren Gesichtern sehen. Er wollte sie ansprechen, sie fragen, wohin sie gingen.

Sie kamen näher. Paul streckte den Arm aus, wollte einen von ihnen an der Schulter berühren. Doch der Arm glitt einfach durch ihn hindurch, und sie liefen an ihm vorbei. Damit hatte er nicht gerechnet, obwohl es vielleicht zu erwarten gewesen war. Schließlich war es nicht real. Es waren nur Geister, Gespenster, Illusionen aus der Vergangenheit. Paul schüttelte sich, als wolle er eine Kälte auf seiner Haut abschütteln. Dann lief er eilig hinter ihnen her.

Er blieb etwa auf ihrer Höhe, um kein Wort zu verpassen.

Und dann tat er etwas, was er weder geplant noch bedacht hatte: Er kniff die Augen zusammen, hielt den Atem an und lief durch die Gruppe hindurch. Warum er das tat, wusste er nicht. Er vermutete, dass es intuitiv geschah. Abermals griff Kälte nach ihm, doch intensiver als ein Windhauch. So mussten sich die Stürme auf der Venus anfühlen. Nicht nur die Kälte irritierte ihn. Er hatte für einen Moment den Eindruck, den Boden unter den Füßen zu verlieren, zu fliegen. Dann war es auch schon wieder vorbei, und er war durch sie hindurch.

Paul drehte sich um, öffnete die Augen und sah sich verdattert um. Er lief jetzt vor ihnen her; ihre Stimmen im Rücken hatten nichts von ihrer Fröhlichkeit eingebüßt. Er entschied sich, rückwärts zu gehen. Das war zwar einerseits beschwerlich, andererseits aber konnte er so wenigstens die Gesichter sehen, von denen er die meisten seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Während er das tat, versuchte er sich an die Namen zu erinnern und war entsetzt, dass es ihm nicht gelang. Waren vierundzwanzig Jahre denn eine so lange Zeit?

Ihn beschlich ein schlechtes Gewissen. Ehe er sich davon ablenken lassen konnte, besann er sich und kam zu der Erkenntnis, dass es vielleicht normal war. Wer weiß, vielleicht erginge es den anderen, träfe er sie im realen Leben, ebenso? Er konzentrierte sich wieder auf die lärmende Meute vor ihm und war bemüht, höchstens zehn Schritte Abstand zu ihnen zu haben, um ihre Gesichter zu sehen. Er wollte die jugendlichen Gesichter in sich aufsaugen; wie ein Vampir das Blut seiner Opfer in sich aufsaugt, wollte er den Anblick der Jugend in sich aufnehmen.

Zwei Mädchen (sie sahen noch jünger aus als der Rest) kreischten angeekelt, als zwei Jungen, die vor ihnen liefen, ihre Hosen herunterließen und ihnen ihre nackten Hinterteile präsentierten. Der Rest kreischte so laut, dass das Kreischen der Mädchen darin fast unterging.

Es dauerte eine gewisse Zeit, bis es langsam wieder abebbte. Ein Junge, er trug einen Dreitagebart (wenn man den Flaum auf seiner Oberlippe so nennen wollte) sagte grinsend, als müsse er gleich wieder losbrüllen: „Oh Mann, oh Mann, hat einer von euch diesen Megapickel auf der Arschbacke gesehen? Das Ding war so riesig, dass er schon einen eigenen Mond hatte, der in einer Umlaufbahn um ihn kreiste. Igitt, wenn ich nur dran denke, muss ich kotzen!“

Wieder lachten alle. Sogar die beiden Mädchen.

„He, Jan“, schrie ein zweiter spöttisch, „ich will ja nicht in deiner Nähe sein, wenn die Dämme brechen! Der ist imstande und spült uns weg!“

Das Gelächter wurde noch lauter, und die Gesichter liefen rot an wie Hummer im Kochtopf. Nur eines nicht. Es wirkte vielmehr wie versteinert. Aha, kombinierte Paul, wenn mich nicht alles täuscht, ist der Bengel mit dem säuerlichen Gesichtsausdruck da besagter Jan und somit rechtmäßiger Besitzer des mächtigsten Pickels unter der Sonne. Auch Paul grinste, allerdings nicht halb so breit wie die anderen. Wahrscheinlich bin ich einfach zu alt für diese Scheiße, dachte er.

Das Gelächter schwoll immer mehr an, und der Junge, der den Grund dieses Freudenfeuerwerkes auf dem Arsch trug, es sozusagen ausgebrütet hatte, schien den Tränen nahe zu sein. Er stand da wie ein Häufchen Elend. Die Schultern hingen schlaff an ihm herunter, und seine Hände fuhren immer wieder über den Stoff seiner Hose. Die anderen konnten sich immer noch nicht beruhigen, und so bemerkte keiner von ihnen, dass ihm schon die erste Träne die Wange herunterlief. Das Licht der untergehenden Sonne reflektierte sich in ihr, und kurz meinte Paul, einen Regenbogen in ihr zu sehen. Den Bruchteil einer Sekunde lang sah er ein ganzes Farbspektrum in der Träne.

Vier oder fünf Minuten später war der Witz verflogen, und das Gelächter senkte sich langsam auf einen erträglichen Level. Und Jan heulte wie ein Schlosshund.

Jetzt erst bemerkten es die anderen und hielten inne. Sie näherten sich ihm, und die so plötzlich aufgetretene Stille war direkt unheimlich. Aber das war nur ein Moment, denn noch ehe man die Ruhe richtig begreifen konnte, wurde sie von einem herzzerreißenden Jammern unterbrochen. Die anderen sahen einander ratlos an, zuckten mit den Schultern und fragten sich flüsternd, was für eine Laus ihm über die Leber gelaufen war. Als sie schließlich bei ihm standen, wurde sein Jammern leiser, brach aber nicht ab.

Einer legte den Arm auf seine Schulter (Paul sah, dass er selbst derjenige war, der es tat) und fragte ihn: „Was ist mit dir?“

„Ich … ich … ich … ihr Arschgeigen macht euch immer über mich lustig!“ Jan schluchzte wieder.

„Was?“, fragte der vierundzwanzig Jahre jüngere Paul verdutzt, „und deshalb heulst du wie ein Weib?“

„Nana, ich muss doch bitten“, protestierte ein Mädchen. „Von uns hier jammert keine!“

Paul verdrehte die Augen. „Ach, vergiss es einfach.“

„Warum soll ich es vergessen? Los, dreh dich um! Ich rede mit dir!“

Sie ging langsam auf ihn zu. Doch noch ehe sie ihn erreichen konnte, boxte eine Freundin sie in die Seite und zischte: „Lass ihn doch! Verdammt, er versucht doch nur, die Heulboje zu beruhigen.“ Das leuchtete ihr ein. Paul konnte sich wieder um Jan kümmern.

„Hör mal“, begann er wieder, und das Jammern wurde eine Nuance leiser, „ich weiß gar nicht, warum du so eingeschnappt bist.“

„Na, weil … na, weil …“

„Jetzt krieg dich doch wieder ein, Menschenskind! Ist doch kein Weltuntergang, so ’n blöder Pickel auf ’m Arsch! Hatten wir alle schon mal, richtig, Jungs?“

Ein Raunen ging durch die Runde. Einer murmelte: „Na ja, ein gottverdammter Vulkan ist schon ein Scheißdreck gegen dieses Unikum“, und ein anderer, er schien der Älteste der Truppe zu sein, meinte: „Also, ich für meinen Teil pflege meinen Körper täglich mit Cremes und so `nem Zeug“, und noch einer murmelte etwas, das ungehört unterging.

„Siehst du“, fuhr Paul fort und tat, als hätte er die anderen gar nicht gehört, „ist alles kein Beinbruch. Jetzt wisch deine Tränen weg!“

Jan beruhigte sich.

„Jan, alter Junge, wir haben dich nur verarscht. Sollte nur ein Scherz sein.“

Das Schluchzen wurde leiser.

„Nun komm schon. Wir konnten ja nicht ahnen, dass du gleich so ein Drama draus machst.“

Das Schluchzen war jetzt zu einem Wimmern geworden. Der junge Paul setzte noch eins drauf: „Jetzt reiß dich aber mal zusammen, ja? Wir sind gleich auf dieser doofen Party und, mal ehrlich, willst du da mit tränenüberlaufenen Augen antanzen? Die Mädels riechen das zehn Meilen gegen den Wind! Dann kannst du gleich wieder abmarschieren, dann lässt dich nämlich garantiert keine mehr von ihrem Sahnetörtchen kosten, wenn du verstehst, was ich meine!“ Er grinste verschmitzt.

Hoffnungsvoll sahen alle Jan an.

Zwei, drei Sekunden passierte gar nichts. Paul fürchtete schon, sein Enthusiasmus war umsonst gewesen. Jetzt verstummte auch das Wimmern. Er sah ihn an, versuchte in den Augen Pauls zu ergründen, ob das auch stimmte. Doch eigentlich war es sonnenklar. Die Mädels wollten harte Kerle – solche, die mit dem rechten Arm Blumen für die Angebetete pflückten und mit dem linken Bäume mitsamt Wurzeln ausrissen. Solch Kerle wollten sie haben und keine Laschies. Und genau das wäre er in ihren Augen, wenn er seine Schleusen nicht bald wieder unter Kontrolle brachte.

Jan schniefte noch einmal, spuckte Rotz auf die Straße, kramte verlegen nach einem Tempo, fand sogar eins (Paul hätte um ein Haar gekotzt, als er es sah, es wurde nur noch von Popeln zusammengehalten) und wischte sich hastig die Tränen weg. Der jüngere Paul speicherte in seinem Gehirnhinterstübchen: Jan bei nächster Gelegenheit mal ein neues Taschentuch schenken.

Wenig später lief die Truppe weiter. Keiner verlor mehr ein Wort über das gigantische Furunkel. Zwanzig Minuten später erreichten sie ihr Ziel. Einigen war es in dieser Zeit schwer gefallen, keine Witze mehr über einen bestimmten Körperteil mit einer seltsamen Erhebung zu reißen.

Sie standen auf dem Festplatzgelände des Nachbarortes und sahen sich um. Von überallher dröhnte Musik. Kinder liefen mit Luftballons in den Händen und tonnenweise Zuckerwatte im Gesicht vorbei. Sie waren auf dem Jahrmarkt. Über den Festplatz verteilt standen Karussells, Losbuden, Würstchenbuden und Eiswagen. Und vor jedem Stand pries der Inhaber lautstark seine Waren an: „Knackige heiße Würstchen! Knackige, heiße Würstchen! …Versuchen Sie Ihr Glück! Jedes zweite Los gewinnt! Versuchen Sie ihr Glück! … Lecker Eis für die Kleinen, probieren Sie! Nur fünfzig je Kugel! Probieren Sie! … Die Kinder lieben dieses Karussell! Nur einmal mitfahren und Sie sind begeistert!“

Es roch nach Pferdeäpfeln und frisch gemähtem Gras. Sie standen inmitten des Treibens und sahen sich ratlos an. Das, was sich um sie herum abspielte, war ganz und gar nicht, was sie erwartet hatten. Wie auf Kommando steckte sich jeder eine Kippe in den Hals, zündete sie an und versuchte cool auszusehen. Sie waren hier fehl am Platz. Sie trugen die falschen Klamotten. Sie hatten sich für eine Disco angezogen, nicht für einen Kindergeburtstag.

„Also“, begann einer (mit einem Mal konnte Paul sich wieder an seinen Namen erinnern), „entweder sind wir zu früh oder wir haben uns hier verlaufen.“ Jerome war sein Name, und Paul erinnerte sich deshalb so genau, weil sein Agent und späterer Freund genauso hieß – aber vor allem, weil dessen Gesicht so von Akne verunstaltet war, dass er sich wunderte, wie er ihn überhaupt hatte vergessen können. Soweit er sich erinnerte, hatte er sein Leben lang niemanden mehr gesehen, dessen Gesicht auch nur annähernd so von dieser Krankheit gezeichnet war wie das von Jerome.

Jerome zog einmal kräftig an seiner Zigarette, spuckte zu Boden und sah die anderen an. Auch sie wussten nicht so recht, was sie davon halten sollten und blickten fragend zurück.

„Auch das noch!“, meinte Jerome missmutig. „Hat denn keiner einen Plan, wie’s weitergehen soll?“

Eines der Mädchen (sie hatte lange braune Haare, eine Brille und eine Spange, die bei jedem Wort blitzte) fragte: „Was haltet ihr davon, erstmal eine Kleinigkeit zu essen? Allmählich hängt mir mein Magen in der Kniekehle.“

Der ältere Paul war erstaunt, wie mühelos er sich jetzt an die Namen erinnern konnte. Sie drangen zwar noch zähflüssig zu ihm durch, doch mit jeder Sekunde kamen die Erinnerungen schneller. Das Mädchen hieß Gamelia und wäre heute so alt gewesen wie er selbst. Doch sie hatte das Pech gehabt, einmal zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein: Sie war bei einem Schiffsuntergang ums Leben gekommen. Das Tragische an der Geschichte war, dass sie die Reise bei einem Preisausschreiben gewonnen hatte. Gamelia, ein ungewöhnlicher Name. Paul hatte seinerzeit davon in der Zeitung gelesen und schon damals bestürzt festgestellt, dass er bis zu diesem Zeitpunkt nicht mehr an sie gedacht hatte. Da sie in die selbe Klasse gegangen waren, hatte er an der Beerdigung teilgenommen, ihr das letzte Geleit gegeben. Danach war er in seinen schwarzen Volvo geklettert, hatte sich die Krawatte abgerissen, sie auf die Rückbank gepfeffert und Gamelia wieder vergessen bis … bis heute. Auf einmal plagte ihn so etwas wie schlechtes Gewissen. Doch für diese Art von Gefühlen war jetzt keine Zeit.

Sie standen vor einer Würstchenbude und mampften zufrieden vor sich hin. Keiner sagte etwas.

Auf einmal begann Jan zu lachen. Er lachte so heftig, dass die Hälfte seines Würstchens in hohem Bogen davonflog. Die anderen sahen ihn fragend an. Er konnte nichts sagen, er konnte ihnen nur durch Kopfnicken verständlich machen, dass sie sich umdrehen sollten. Sie taten es und schlossen sich sogleich seinem Lachen an.

Hinter ihnen stand ein großes Werbeplakat, und eine Horde Kinder stand davor. Vielmehr standen sie um einen Erwachsenen herum, hatten ihn förmlich eingekesselt, und der Erwachsene machten ein gestresstes Gesicht, als wüsste er nicht, wo ihm der Kopf stand. Sie tänzelten um ihn wie Indianer um den Totempfahl und kicherten und gackerten, als wäre das Leben ein einziges Wunschkonzert. Im Gesicht des Eingekesselten konnte man lesen wie in einem Buch. Er hatte Mühe, den Ameisenhaufen ruhig zu halten und schien auch nicht mehr viel Geduld zu haben. Er war ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Die Kinder ließen sich davon nicht aus der Hektik bringen und machten weiter, was dem Mann die Zornesröte ins Gesicht trieb. Er kaute nun schon auf der Luft in seinem Mund herum.

Doch eigentlich war dieses Treiben nur Nebensache. Die Jugendlichen interessierten sich mehr für das Werbeplakat. Vielmehr für das, was es in großen schwarzen Buchstaben verkündete:

Sonnabend, den 26.07.1978

Diskothek am Abend

Große Festwiese

Beginn: 21.30 Uhr

Einlass: 21.00 Uhr

Eintritt frei

Und in der linken unteren Ecke das Wichtigste von allem. Der Hauptgrund, warum vor allem die Jungen Feuer und Flamme waren:

Striptease kurz nach Mitternacht

Naomi lässt alle Hüllen fallen

Der junge Paul sah auf seine Armbanduhr. Er war der einzige, der eine trug und verkündete mit gewichtiger Stimme: „Gleich zwanzig Uhr fünfundvierzig.“ Die anderen nickten zustimmend. Die restlichen paar Minuten würden sie auch noch irgendwie totschlagen.

Auf einmal wurde es schwarz vor Pauls innerem Auge. Doch nur für einen kurzen Moment, denn einen Augenblick später zeichneten sich bereits wieder erste Konturen ab. Sie waren verschwommen, wurden klarer, verschwammen wieder und wurden wieder klarer, als könne jemand sich nicht entscheiden, welche Brille er nehmen soll. Schließlich blieben sie klar.

Es war jetzt um einiges dunkler, und Paul brauchte keine innere Uhr, um zu wissen, dass die Party bereits in vollem Gange war. Die Musik dröhnte, etwas Rockiges. Paul kannte den Song, der Name war ihm momentan aber entfallen. Garantiert was von den Stones. Er nahm sich vor, wenn er wieder in der Realität, in seiner Zeit war, unbedingt in seiner CD-Sammlung nachzusehen. Er war überzeugt, den Song dort zu finden. Es roch nach Alkohol und Erbrochenem.

Die Disko fand unter einer riesigen Zeltplane statt. Man wollte schließlich sichergehen, dass das Fest nicht durch einen Wolkenbruch ins Wasser fiel.

Das Herz des älteren Paul setzte vor Vorfreude einen Moment aus und schlug dann mit doppeltem Tempo weiter. Seine Hände waren schweißnass. Er wusste, dass es jeden Moment soweit sein würde. Gleich würde das geschehen, warum er, seiner Vermutung nach, hierhergekommen war.

Der vierundzwanzig Jahre jüngere Paul saß an der Bar und hielt sich an einem Bier fest. Er war noch nicht betrunken, aber schon angeheitert. Die Freunde hatten ihn vor einiger Zeit alleingelassen. Sie waren entweder tanzen oder in irgendeiner Ecke beim Knutschen. Er hatte sich diesen Abend anders vorgestellt und war betrübt. Aber bei weitem nicht genug, um den Kopf komplett hängen zu lassen. Warum auch? Es war Sommer, er war jung, und der Abend gehörte ihm. Da störte es auch nicht, dass er allein hier saß und Bier trank. Er schnippte die Zigarette weg, trank und zündete eine neue an. War das Leben nicht wunderschön? Dann sah er gelangweilt auf die Armbanduhr. Die Zeiger verkündeten, dass es zehn vor zwölf war.

Von der Tanzfläche (wenn man das so nennen konnte, es waren nur Holzplatten so auf dem Boden verteilt, dass sie eine zusammenhängende Fläche bildeten) kam einer der Freunde auf ihn zugewankt. Er hatte schon ein paar mehr intus als Paul, und das sah man auf den ersten Blick. Seine Augen waren glasig, sein Gang nicht mehr sicher, und er grinste bescheuert. Obwohl er nicht mehr nüchtern war, hatte er mehr Spaß als Paul. Unter jedem Arm hatte er ein Mädchen untergehakt. Sie waren zwar keine Schönheitsköniginnen, aber ihm schien das gleich zu sein. Paul dachte an das Sprichwort: Im Suff sind alle Frauen schön. Auch die Begleiterinnen hatten schon Mühe, aufrecht zu gehen.

„Paulchen“, lallte der Freund, als er sich mit seiner Begleitung vor ihm aufbaute, „darf ich dir diese beiden entzückenden Täubchen vorstellen?“ Er deutete mit Kopfnicken nach rechts. „Dies reizende Geschöpf hier ist Ophelia. Ist Ophelia nicht ein wunderschöner Name?“

Paul nickte zustimmend. Nicht, weil er von dem Namen so angetan war (um ehrlich zu sein, fand er ihn scheußlich), sondern weil er nur mit halbem Ohr zugehört hatte. Während sein Gegenüber ihn darüber informierte, dass das zarte Geschöpf auf der linken Seite Natascha hieß, sann er noch immer darüber nach, wie es sein konnte, dass er, Paul, hier noch immer allein saß und sein besoffener Freund bereits Anhang hatte, sogar das Doppelte von dem, was ihm zustand. Was mache ich nur falsch, fragte er sich und trank den letzten Schluck Bier.

Sein wackliger Freund war kaum zur Stelle, da hatte er auch schon Bier bestellt: eines für sich, eines für Paul und natürlich auch für seine Damen. Und noch ehe Paul sich bedanken konnte, wurde er mit den vier Bier alleingelassen. Der Freund verschwand einfach wankend, wie er gekommen war. Er schien die Bestellung vergessen zu haben.

Paul sah ihm stirnrunzelnd hinterher. Aber da er offenbar Wichtigeres zu tun hatte (und das hatte er garantiert, wenn man sah, wie begeistert er die Zunge mal der einen, mal der anderen in den Mund steckte), kümmerte er sich nicht mehr um ihn. Er würde das schon allein schaffen. Derartig beruhigt, widmete er seine Aufmerksamkeit den vier Biergläsern, die nur darauf warteten, getrunken zu werden. Nur fünf Minuten später hatte er bereits das erste geleert und schickte sich an, die Finger nach dem zweiten auszustrecken, als seine Hand plötzlich blieb, wo sie war – in der Luft hängend, wie auf einem Foto.

Seine Augen waren über die Tanzfläche gewandert, von dort zum Ausgang, wo gerade eine wüste Schlägerei entbrannte und von dort zur Bar gegenüber. Und genau in diesem Moment war die Bewegung erstarrt, als wäre er zu Stein geworden.

Der ältere Paul verlor den Boden unter den Füßen, und während er fiel, merkte er, dass sein Herz raste, sein Blut kochte, seine Muskeln zum Zerreißen gespannt waren, seine Nerven vor Aufregung zitterten und sogar sein Atem aussetzte. Obwohl er gewusst hatte, was ihn erwartete, war es, als es schließlich geschah, einfach zu viel für ihn. Und während ihm das noch durch den Kopf ging, kehrte er wieder auf den Jahrmarkt zurück, und das war ohne Zweifel ein Glück für ihn, so bemerkte er wenigstens die unsanfte Landung nicht.

Der jüngere Paul saß noch immer so da, er hatte sich keinen Millimeter bewegt. Seine Hand hing ungefähr fünfzehn Zentimeter vom Bierglas entfernt in der Luft. Das einzige an ihm, was sich geändert hatte, waren seine Augen. Die waren so groß wie Scheunentore und glotzten ungläubig an die Bar. Und mit einem Mal war es still um ihn. Nur weit hinter ihm, es schien am anderen Ende des Universums zu sein, dudelte leise Musik.

Das erste, was er sah, waren diese langen, blondgelockten Haare. Sie leuchteten heller als die Sonne. Eine einzelne Strähne war schwarz gefärbt und hing ihr mitten übers Gesicht. Sie hatte vereinzelt kleine Sommersprossen (er fragte sich einen Moment, wie es möglich war, dass er all diese Kleinigkeiten aus dieser Entfernung entdeckte), und Paul sah, dass ihre Augen ruhelos mal hierhin, mal dorthin wanderten. Auch sie konnte er genau sehen. Sie waren grün und, in der linken oberen Pupillenhälfte war ein kleines braunes Dreieck. Er hatte etwas Derartiges noch nie zuvor gesehen.

Jetzt sah sie ihn direkt an.

Vor Schreck blieb Paul die Spucke weg. Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Er wusste noch nicht einmal, ob er den Mut hatte, ihrem Blick standzuhalten. Er kam sich vor wie ein scheues Reh, das in die Gewehrmündung des Jägers blickt. Und während ihm dieser Vergleich in den Sinn kam, sah er hastig zu Boden und schimpfte sich einen Idioten. Super, echt erste Sahne, das hast du mal wieder großartig hingekriegt! Phänomenal! Ohne Scheiß, da kann man nicht meckern! Kannst stolz auf dich sein!

Er glotzte zu Boden wie jemand, der etwas Wichtiges verloren hat und es unbedingt wiederhaben muss. Dabei wäre er am liebsten in diesem Boden versunken. Nur weg von hier, egal wohin!

Mit einem Mal tauchten am oberen Rand seines Sichtfeldes ein Paar Stiefel auf. Schwarze Cowboystiefel. Eigentlich waren sie viel zu klein und zierlich, um sich Stiefel zu nennen. Aber es waren welche. Ein Paar von dieser Größe konnte nur zu einer Frau gehören. Fieberhaft überlegte Paul, ob eines der Mädchen aus seinem Freundeskreis derartige Schuhe trug. Negativ, er musste passen.

Er schluckte den Speichel runter. Dann schluckte er noch einmal. Und es half ihm sogar ein wenig – so, als hätte er damit einen Teil seiner Unsicherheit weggeschluckt.

Nun hatte er zwei Möglichkeiten. Die erste (bei weitem die leichteste) sah ungefähr so aus: Er beließ es so, wie es war und steckte weiter wie ein Vogel Strauß den Kopf in den Sand. Oder aber (und das war die zweite, ungleich schwierigere): Er packte den Stier bei den Hörnern. Nach einem kurzen, aber heftigen Disput mit sich selbst entschied er sich für die Torero-Methode. Dabei hoffte er immer noch, dass es sich nur um irgendein Mädchen handelte, die sich etwas zu trinken bestellte. Nicht etwa, um …

Zu den Schuhen gesellte sich jetzt eine Blue Jeans. Er ließ den Blick höher wandern und sah lange nur Hosenbeine. Wie wohl die Beine darunter aussahen? Endlich war sein Blick höher gewandert, unterhalb der Taille. Oh ja, es handelte sich zweifelsfrei um ein Mädchen, und um was für eins, Junge, Junge! Saftige straffe Schenkel, schöne lange Beine! Kerl, reiß dich zusammen! Reiß dich bloß zusammen!

Er ließ den Blick weiter aufwärts wandern. Das Mädchen trug ein rotkariertes Holzfällerhemd, dessen Ärmel hochgekrempelt waren. Nun wusste er endlich, wer sie war, und vor Überraschung schluckte er erneut. Auch diese verdammte Unsicherheit war plötzlich wieder da. Dafür schien seine Fähigkeit, sich zu bewegen, verschwunden zu sein. Er kauerte auf dem Barhocker, hatte den Blick auf ihr Dekolleté gerichtet und bemerkte entzückt, dass die obersten zwei Knöpfe offen waren. Paul wusste, dass es ein dämliches, vor allem unhöfliches Benehmen war, so zu starren. Es war ihm aber einfach nicht möglich, wegzusehen. Seine Halsmuskulatur verweigerte ihm den Dienst.

„Hast du inzwischen gefunden, wonach du gesucht hast?“

Die Stimme klang freundlich, und obwohl die Besitzerin genau wusste, wohin er seinen Blick gerichtet hatte (sie hätte schon so blind sein müssen wie ein Maulwurf, um es zu übersehen), schien sie keineswegs erbost. Ja, es klang sogar fast ein wenig so, als wäre sie amüsiert. In Pauls Mund lief der Speichel zusammen. Literweise. Hektoliterweise. Ein ganzer Ozean. Zumindest fühlte es sich so an. Er drohte daran zu ersticken und kam nicht mehr mit dem Schlucken hinterher. So konnte er nie und nimmer etwas sagen. Bei diesen Mengen würde er ihr eine Dusche verpassen, bei der ihr alles verginge. Sogar die Hilfsbereitschaft.

„Du scheinst mir ja ein richtiger Draufgänger zu sein, was? Ich hoffe, dass ich mit dir mithalten kann.“ Die Besitzerin der Stimme kicherte. „Wie bitte? Du fragst, ob du mir einen Drink spendieren darfst? Aber hallo, da sage ich doch nicht nein!“

Paul stöhnte. Seine Beine hatten mittlerweile die Konsistenz von Gelatine. Alles an ihm zitterte wie Laub im Herbstwind. Noch nie zuvor war er sich so hilflos vorgekommen – und gleichzeitig so überschwänglich glücklich.

„Hi, ich bin Jeannine. Und du?“

Ihre Stimme klang warm, weich. Als sänge ein wunderschöner Vogel nur für ihn. Er war außerstande, zu antworten. Es war nun schon das zweite Mal an diesem Tag, dass er vor Scham am liebsten im Erdboden versunken wäre.

„Sag mal, hast du Genickstarre oder so was? Oder was gibt’s da unten zu sehen?“

„Ich … ich …“ Sein Mund schloss sich wieder. Hatte er etwas gesagt? War das seine Stimme gewesen, die da gerade Perlen der Weisheit von sich gegeben hatte?

„Na, das war schon ein Anfang. Wer weiß, vielleicht sprichst du ja in ein paar Jahren schon erste zusammenhängende Sätze? Ich wette, mit Übung brichst du jeden Rekord! Und erst dein Vater, Junge, Junge, Junge, der muss vor Stolz ja platzen!“

Obwohl Paul diese Neckereien durchaus in den falschen Hals hätte kriegen können, war er keineswegs sauer. Im Gegenteil – ihre freche, offene Art amüsierte ihn. Er grinste sogar.

„Ja, was ist denn das? Was müssen meine entzündeten Augen da sehen? Oh Gott, oh Gott, das kann ja gar nicht sein!“ Sie schwieg einen Moment, um sich eine Zigarette anzuzünden. „Es bewegt sich, also lebt es! Ist das zu fassen? Dass ich das noch erleben darf! Mir kommen die Tränen!“ Mit einer theatralischen Handbewegung wischte sie sich übers Gesicht.

Erst als er den Sinn ihrer Worte verstand, bemerkte er, dass er langsam den Kopf hob. Es konnte höchstens eine oder zwei Sekunden gedauert haben, bis er direkt in ihre Augen sah. In dieser kurzen Zeit stürzte alles auf ihn ein mit der Stärke eines Tornados. Die Musik war plötzlich viel zu laut und die Beleuchtung zu grell. Komischerweise lächelte ihr Mund. Ein freundliches Lächeln. Und auch ihre Augen strahlten.

„Ich sehe schon“, sprach sie weiter (und links unter ihrer Unterlippe hüpfte ein kleiner Leberfleck bei jedem Wort auf und ab), „ich muss mein Bier selbst bezahlen.“ Sie drehte sich zum Barkeeper und schnippte mit dem Finger. Es dauerte keine zwei Sekunden, und er kam angewetzt. Ist das nicht ulkig, ging es Paul durch den Kopf, hübsche Frauen werden prompt bedient, und unsereins steht sich die Beine in den Bauch. Sie wollte gerade ihren Mund öffnen und die Bestellung aufgeben, da riss bei Paul endlich der Knoten. Mit selbstbewusster, sicherer Stimme, als sei er Moses persönlich, sprach er: „Ein Bier, ein Diesel und zwei Whiskey. Und das Ganze ein bisschen hastig.“

Er war erstaunt. Noch vor wenigen Sekunden hätte er nichts herausbekommen als Gestotter und jetzt das. Das war ja eine Wendung um glatte hundertachtzig Grad, Glückwunsch!

Aber noch war sein Leidensweg nicht beendet. Denn einen Moment lang war Paul überzeugt, der Barkeeper würde ihm erst einen Vogel und dann die kalte Schulter zeigen. In diesem Falle wäre sein neugewonnener Mut auf tragische Weise verunglückt. Nicht auszudenken, wie er dagestanden hätte – blamiert bis auf die Knochen. Sie würde ihn auslachen und ihn dann, ohne eines weiteren Blickes zu würdigen, abservieren.

Der Barkeeper zögerte einen Moment. Doch dieser Moment reichte, um Paul Schweißperlen auf die Stirn zu treiben und ihm eine Gänsehaut den Rücken hinunterlaufen zu lassen. Er schien zu überlegen, ob er, Paul, es wert sei, sich seinetwegen die Finger schmutzig zu machen. Schließlich entschied er sich dagegen – nicht zuletzt vielleicht, weil Blutflecken immer so schlecht aus der Kleidung zu bekommen sind. Er drehte sich um und dackelte in aller Ruhe zum Zapfhahn. Auch sie schien beeindruckt zu sein, allerdings nicht halb so sehr wie Paul selbst.

„Also, mein Held. Da mir nun die Ehre zuteil wird, mit dir einen heben zu dürfen, verrätst du mir bestimmt auch deinen Namen?“

„Paul.“

„Und weiter?“

„Wie, und weiter?“

„Hast du keinen Familiennamen?“

Verdammt, was bin ich nur für ein Trottel? Ich scheine den Mount Everest auf meiner Leitung geparkt zu haben. Aber, Scheiße auch, sie sieht so unglaublich süß aus. Kein Wunder, dass einem da die Sicherungen durchbrennen, wenn man in diese Augen sieht. Und dieser Körper, Mann oh Mann, selbst angezogen ist der echt ’ne Wucht in Tüten! Ich hab schon ganz feuchte Hände. Hoffentlich fang ich nicht noch an zu sabbern …

„Ritter.“

„Na siehst du. War doch gar nicht so schwer, oder?“

Paul verkniff sich die Antwort. Er bezweifelte ohnehin, etwas Gescheites herauszubekommen.

Auf einmal herrschte Schweigen. Doch sie schien auf etwas zu warten. Auf was nur? Paul zerbrach sich den Kopf. Er wollte und musste unbedingt wissen, worauf! Unzählige Vermutungen stürzten auf ihn ein und verschwanden wieder. Sein Herz klopfte wie ein Presslufthammer, und die Schläge dröhnten ihm bis in die Ohren. Seine Zunge schien zu einem Stück Sandpapier geworden zu sein, hing trocken und aufgedunsen in seinem Mund. Immer mehr beschlich ihn die Gewissheit, aus allen Poren zu schwitzen. Sein gesamter Körper schien bedeckt von einem klebrigen Schweißfilm. Es lief ihm sogar schon in die Augen. In den Schuhen schien sich ein kleiner Teich gesammelt zu haben, und so wie es sich anfühlte, wateten die Füße klitschnass darin herum. Und seine Hände sahen aus, als hätte er ein Vollbad hinter sich. Die Haut war schrumpelig und weiß.

Paul hatte zweifellos etwas für dieses Mädchen übrig. Es war bei weitem noch keine Liebe, aber da loderte schon ein klitzekleines Feuerchen in seinem Herzen. Es war schon etwas da, und seien es nur erste Anflüge einer zaghaften Freundschaft. Genau das brachte ihn aus dem Konzept. Er hatte einen stinknormalen Abend verleben wollen, einen trinken, noch einen trinken und noch einen –so lange, bis er rückwärts vom Stuhl kippte und befriedigt nach Hause wankte. So war es immer, und so sollte es auch heute ablaufen. Zugegeben, einem Flirt wäre er nicht abgeneigt gewesen. Aber das hier war zu viel.

Irgendwann wurde es ihr zu bunt.

„Na schön, wenn’s denn unbedingt sein muss: Versuchen wir es halt noch mal: Ich bin die Jeannine.“

Sie sah ihm in die Augen, und einen Moment hatte sie den Eindruck, er hätte sie gar nicht wahrgenommen. Sie konnte ja nicht ahnen, dass er sich erst durch ein Meer von Eindrücken, Sinneswahrnehmungen und abstrusen Gedanken arbeiten musste. Nach und nach gelangte er an die Oberfläche und sah sie an.

„Ein … ein sehr schöner Name. Gefällt mir.“ Er war überrascht, dass die Worte ihm so einfach aus dem Mund sprudelten.

Jeannine war sichtlich erfreut – zum einen über das Kompliment und zum anderen, weil sie es langsam leid war, gegen eine Wand zu sprechen. Sie hatte schon daran gedacht, sich einfach umzudrehen und zu verschwinden. Jetzt aber, da er zum ersten Mal etwas gesagt hatte, ohne dass sie ihn darauf stoßen musste, verwarf sie diesen Gedanken.

„So, findest du, ja?“

Paul war wieder kurz sprachlos, rappelte sich aber auf und entgegnete schließlich: „Ja, das tue ich.“

Jeannine lächelte, und er wäre bei diesem Lächeln am liebsten aufgesprungen und ihr um den Hals gefallen. Mit einem Mal wollte er sie küssen. Er hatte eine schier unbändige Lust dazu. Er wollte seine Lippen auf ihre pressen. Gewiss würde sie süß schmecken, zuckersüß. Er musste schlucken, um auf andere Gedanken zu kommen. Es misslang ihm. Ihre Lippen gingen ihm einfach nicht aus dem Sinn. Reiß dich zusammen, verdammt, ihr kennt euch keine fünf Minuten, was meinst du wohl, wie sie reagiert, wenn du sie gleich küssen willst? Ich sag’s dir: Sie klatscht dir eine und geht! So sieht es aus, so und nicht anders! Also reiß dich zusammen! Rauch eine, das beruhigt. Stimmt, ’ne Zigarette wäre jetzt das Richtige.

Und da fiel ihm ein, dass er ja noch eine glimmende Kippe in der Hand hielt. Hastig führte er sie zum Mund und zog tief an ihr. Der Rauch tat ihm gut; augenblicklich fühlte er sich besser.

Mit einem Mal war der Barkeeper wieder da und sagte etwas, dass weder Jeannine noch Paul hörten. Sie ignorierten ihn. Entnervt versuchte er es noch einmal, aber auch diesmal ohne Erfolg. Wäre ja noch schöner, dass ich hier versaure, bis einer von euch sich herablässt und mich bemerkt, dachte er und donnerte die Getränke zwischen sie auf den Tresen. Ein Schluck Bier schwappte über. Mit hämischem Grinsen sah er, wie sie zusammenzuckten. Wortlos drehte er sich um und widmete sich anderen durstigen Kehlen.

Sie sahen sich verdutzt an.

Eine Sekunde verging.

Eine weitere Sekunde.

Und auf einmal prusteten beide los vor Lachen. Sie konnten sich gar nicht mehr halten und lachten, so laut sie konnten. Es war ihnen in diesem Moment egal, ob man sie befremdet anschaute. Es war ein Lachen, das unbedingt gelacht werden musste, weil sie sonst geplatzt wären wie zwei Luftballons. Und ein Lachen, unter dem ihre Unsicherheit dahinschmolz wie Schnee in der Sonne.

Eine Minute später lachten sie noch immer.

Ihre Blicke trafen sich, und sie lächelten einander an. Und als hätten sie es untereinander abgesprochen, griff jeder nach seinem Glas und trank einen Schluck.

Auf einmal verschwamm die Welt um ihn.

Zuerst hatte Paul den Eindruck, er wäre unter Wasser. Nach und nach wurde es immer trüber. So tief konnte kein Mensch tauchen, nie und nimmer. Und ehe er sich versah, stand er in der schwärzesten Dunkelheit. Nichts schien sie durchdringen zu können; nicht einmal der Hauch eines Lichtstrahls kam zu ihm. Er fühlte Furcht, aber es war nicht die Art von Furcht, die er kannte. Es war anders, er wusste nicht, wie …

Nicht nur die tiefschwarze Dunkelheit war beängstigend, nein, auch die Tatsache, dass kein einziges Geräusch an sein Ohr gelangte. Er war irgendwo inmitten dieser Schwärze. Er wusste nicht einmal, ob er aufrecht stand, saß oder lag. Nichts drang zu ihm außer den Geräuschen seines eigenen Körpers: das Blut, das durch seine Adern rauschte, das Herz, das wie wahnsinnig schlug und die Lungen, die so viel Luft einsaugten, dass sie ächzten.

Irgendwann, (wann genau, war unmöglich zu bestimmen, er hatte inzwischen jegliches Zeitgefühl verloren) tauchte am Horizont (war es überhaupt der Horizont, es konnte auch der Boden sein, mein Gott, es konnte alles Mögliche sein, sogar eine Wand!) ein kleiner heller Fleck auf. Es war unmöglich zu bestimmen, woher er so plötzlich kam; Paul wusste nur, dass er mit schier unvorstellbarer Geschwindigkeit näherkam. Und noch etwas konnte er mit Bestimmtheit sagen: Dass er sich so schnell wie möglich von hier verpissen wollte.

Er musste von hier weg, egal wohin. Irgendwohin, nur weg von diesem heranrasenden Punkt, der ihn zermalmen würde, wenn er ihn erreicht hatte. Das Dumme war nur, dass er genau das nicht konnte. Paul blieb, wo er war. Er hatte keine Möglichkeit zu entkommen. Wie auch? Er wusste ja noch nicht einmal, wo er war. Gab es hier überhaupt einen Ausweg, aus diesem gottverdammten Schwarzen Loch?

Paul erfasste Panik. Der Punkt schoss immer noch direkt auf ihn zu, wurde größer und größer. Anfangs hatte er die Größe einer Erbse gehabt, und schon wenig später die eines Baseballs. Er überschlug es kurz im Kopf: Logischerweise wird ein Gegenstand, je näher er kommt, größer. Und da ergibt sich die Frage: Wie groß wird er wohl sein, wenn er mich erreicht hat? Nach kurzem Hin und Her vermutete er, dass er nicht nur zermalmt, sondern zuerst pasteurisiert, in Atome zerlegt und schließlich zu Mus verarbeitet würde. Eine wahrlich erquickende Vorstellung.

Der Punkt war jetzt zu einem Gebilde von schätzungsweise zwei Metern Umfang herangewachsen. Oh Gott, oh Gott, wohin soll das noch führen? Vielleicht war es besser, sich darüber nicht den Kopf zu zerbrechen.

Jetzt sah Paul noch etwas anderes und riss den Mund auf vor Überraschung: Im Inneren des Kreises war noch so etwas wie ein Kreis. Es sah aus wie ein dunkler matschiger Fleck. Paul spähte angestrengt. Er wollte es nicht, aber was hätte er sonst tun sollen? Wegsehen? Früher oder später würde er es ohnehin sehen.

Das Ding blieb ein dunkler matschiger Fleck. Entweder war die Entfernung noch zu groß oder der Fleck war genauso, wie er sich darstellte: dunkel und matschig. Paul wusste nicht, welche der beiden Möglichkeiten ihm lieber war. Er starrte so angestrengt, dass er schon fürchtete, die Augen würden ihm aus dem Kopf fallen. Vielleicht lag es ja daran, überlegte er (und das beruhigte ihn etwas), weil es so schnell näher kam. Vielleicht konnte er genau deshalb keine klaren Konturen erkennen.

Auf einmal richteten seine Nackenhaare sich auf. Der Grund dafür war so banal wie erschreckend: Alle Hoffnung, dass dies hier nur eine Illusion war oder ein schlechter Traum, verflog. Denn jetzt fühlte er einen Luftzug, sanft und noch schwach, leise. Aber vorhanden. Es war nicht zu leugnen: Der Wind wehte genau aus der Richtung, aus der das seltsame Gebilde auf ihn zugeschossen kam. Sein Verstand schloss, dass jener Luftzug die Luft war, die das fremde Gebilde vor sich hertrieb. Und noch etwas ging ihm durch den Kopf. Er hatte es an dem Geräusch erkannt, das der Wind erzeugte. Es klang hohl und dröhnend und … fast so, als befinde er sich in einem gigantischen Rohr. Das würde zumindest erklären, warum er so viel Wind abbekam.

Der Kreis war inzwischen noch größer geworden, und es schien, als hätte er kleine Ecken bekommen. Die Luft rauschte immer schneller heran und wurde eisig.

Paul schloss die Augen. Er hatte genug gesehen. Der Kreis, der gar kein Kreis mehr war, war verschwunden. Nur der Luftzug blieb. Er öffnete wieder die Augen und der Kreis war immer noch da, jetzt um ein einiges größer. Und auch die Ecken waren deutlicher zu erkennen. Allmählich nahm er die Form eines Tausendecks an, falls es das überhaupt gab. Sogar inmitten der Form wanden sich die Ecken. Und noch immer wurde das Gebilde größer und größer, und der Wind rauschte lauter und lauter.

Wenn nicht bald etwas passiert, dachte Paul, drehe ich durch. Scheißegal, ob es gut für mich ist oder schlecht, ich will, dass es endlich vorbei ist!

Er schloss die Augen ein zweites Mal. Er wollte sie erst wieder öffnen, wenn das hier vorbei war. Die Tatsache, selbst bestimmen zu können, ab wann man nichts mehr sah, war beruhigend. Sie war so tröstlich, dass er erleichtert ausatmete.

Wie von allein öffneten seine Augen sich wieder. Paul konnte es weder kontrollieren noch verhindern. Jetzt endlich war zu erkennen, was da auf ihn zugerast kam. Das Bild, das er sah, war so grotesk, dass er nicht anders konnte als laut zu lachen. Das Lachen dröhnte bis unter seine Schädeldecke, und das Echo drohte sein Gehirn zu zermatschen. Es war einfach zu absurd.

Das, was da mit ungeheuerlicher Geschwindigkeit auf ihn zugerast gekommen war, war nichts anderes als ein Zimmer. Ein stinknormales Zimmer. Bei dieser Vorstellung prustete er noch lauter.

Es war … ja, es war haargenau das Zimmer, in dem seine Odyssee in die Vergangenheit begonnen hatte. Und es sah noch genauso aus, wie er es verlassen hatte. Mit etwas Mühe konnte er sogar die zersplitterte Kaffeetasse auf dem Boden erkennen.

Das Toben des Windes schwoll an, wurde ein ohrenbetäubendes Kreischen und brach mit einem Mal ab. Ein Knall, als durchbreche ein Jagdflugzeug die Schallmauer. Und dann war alles ruhig. Viel zu ruhig.

Paul spürte, wie er mit hartem Aufschlag in der Wirklichkeit aufsetzte. Sein Trip in die Vergangenheit war zu Ende. Und das tat ihm fast leid. Er hörte sich selbst murmeln: „Junge, Junge, hab noch nie so einen realen Traum gehabt! Echt beängstigend!“

Er sah sich um, als hätte er das Zimmer, in dem er stand, noch nie zuvor gesehen. Am meisten verblüffte ihn, dass er mit dem Hinterteil auf den kalten Fliesen saß. Um sich nicht zu verkühlen, stand er auf.

„Mann, das war vielleicht ein Höllentrip! Ich brauch schleunigst was zu trinken.“ Er watschelte zum Kühlschrank, nahm sich ein Bier, setzte sich auf den Küchentisch und trank in aller Ruhe.

Dabei versuchte er, das soeben Erlebte Revue passieren zu lassen. Es war nur ein Traum gewesen, so viel stand fest. Es konnte gar nichts anderes gewesen sein. Ich muss eingeschlafen sein, dachte er. Und …. Mann oh Mann. Mir kreiselt es noch immer im Kopf rum …

Er nippte noch einmal am Bier, rülpste herzhaft und erhob sich vom Küchentisch. Seine Beine waren weich und schwammig; außerdem hatte er sich den Ellenbogen aufgeschürft. Der Teufel sollte ihn holen, wenn er wüsste, wann das geschehen sein sollte! Zitternd und wacklig wie ein neugeborenes Fohlen stand er da, und seine Beine drohten unter seinem Gewicht zu brechen wie Streichhölzer. Obwohl er einem Strohhalm im tosenden Orkan glich, überlegte er, sich noch ein Bier zu holen. In der Sekunde, in der er sich dazu durchgerungen hatte, wurde es plötzlich wieder schwarz um ihn, und das Letzte, was er sah, war ein kleiner, dunkler Punkt, der sich rasend schnell in der Dunkelheit entfernte …

Paul war wieder zurück. Er war wieder in seiner Vergangenheit. Aber etwas war anders. Nur was?

Und da bemerkte er es.

Zuvor hatte er das Geschehen um sich herum beobachtet wie einen Film. Er hatte den Freunden, Jeannine und natürlich auch sich selbst, bei ihren Handlungen zugesehen, mehr nicht. Jetzt war es anders. Jetzt sah er das Geschehen durch die Augen des jüngeren Paul, als säße er in dessen Kopf und blicke durch seine Augen. Nur eingreifen konnte er nach wie vor nicht – ein Umstand, der vielleicht sogar gut war. Was ihn noch mehr überraschte, war, wie Jeannine aussah. Sie hatte kein einziges Fältchen, kein graues Haar, nicht die kleinste Alterserscheinung. Vorher war ihm das nie aufgefallen. Er hatte sie ja jeden Tag gesehen, da entgeht einem die eine oder andere Veränderung. Aber da er jetzt ihr früheres jugendliches Gesicht vor Augen sah, bemerkte er jede Kleinigkeit, die sich in den Jahren verändert hatte.

Kunststück, dachte Paul, dass sie so frisch und saftig aussieht – in dem Alter kann man sich ja nicht mal vorstellen, älter zu werden! Trotzdem wird man es, und eines Tages ist von der jugendlichen Frische nichts mehr da und man wird einem runzligen Apfel immer ähnlicher.

„Darf ich dir eine Zigarette anbieten?“

„Klar darfst du.“

Einen Moment herrschte Schweigen.

„Stell dir vor“, begann Jeannine, „meine alten Leutchen haben verlauten lassen, Fluppen sind schädlich. Und mir soll bitteschön ja nicht einfallen, mit dem Rauchen anzufangen. Die beiden haben es gerade nötig! Qualmen selbst wie zwei Schlote! Nee, nee, nicht mit mir, sag ich dir!“

Paul sah sie ratlos an. „Wer oder was sind denn deine alten Leutchen?“

„Sag mal, wo kommst du denn her? Tiefstes Mittelalter oder einsame Insel? Ich schätze mal, es war die Insel, richtig? War’s ein lauschiges Plätzchen? Wie dem auch sei, hier und zum Mitmeißeln: Damit meine ich natürlich meine Eltern, meine Alten. Meine bucklige Verwandtschaft. Du verstehst?“

Paul errötete vor Verlegenheit. Dabei dachte er: Sie ist so süß, so zuckersüß. Kein Wunder, dass ich gerade so eine lange Leitung habe.

„Lass gut sein. Es gibt Tage, da schnall ich auch nichts.“

Jeannine wollte wieder Schwung in die Unterhaltung bringen, aber Paul, der das Gefühl nicht loswurde, sich auf die Knochen blamiert zu haben, wagte kaum noch, den Mund aufzumachen. Aber den Alleinunterhalter zu spielen, darauf hatte Jeannine auch keine Lust, und sie überlegte, was ihn wieder auf die Beine bringen würde.

„Sag mal, was ist das für ’n komisches Gesöff, was du da in dich reinschüttest? Ich Dummchen hab leider vergessen, wie das heißt.“

Augenblicklich hellte sein Gesicht sich auf.

„Das“, erklärte er bedeutungsschwanger und führte die Hand zum Glas, um ihm noch mehr Gewicht verleihen, „nennt sich Diesel.“

„Diesel?“

„Ja, Diesel.“

„Hm, so wie der Treibstoff, ja?“

„Haargenau so.“

„Und das soll gesund sein?“

„Na ja, wie man’s nimmt …“

„Hältst du es für eine gute Idee, dann hier zu rauchen? Ich meine, mit diesem Zeug im Glas?“

„Nein, nein, natürlich nicht so einen Diesel.“

„Ja, was denn für einen?“

Paul hatte langsam den Eindruck, sie wollte ihn verarschen. Saublöde Fragen kann dieses Weibsstück stellen, dachte er. Als ob er so was saufen würde! Aber Scheiß drauf! Sie sieht so gut aus, dass es schon fast verboten gehört. Und mal ehrlich: Du würdest so ziemlich alles machen, damit sie hierbleibt. Gib es zu! Du würdest sogar einen Kopfstand machen und mit deinem Arsch Fliegen fangen, wenn sie es von dir verlangt!

„Es ist Bier, gemixt mit Cola.“ Er sah sie prüfend an.

„Und das soll schmecken?“

Der Klang ihrer Stimme verriet, dass sie die Frage ernst meinte.

„Und ob das schmeckt! Willst du mal versuchen?“

„Hm … okay. Aber nur aus deinem Glas.“

Also reichte er ihr sein Glas. Sie trank zögernd. Ihr Blick inspizierte ihn von oben bis unten. Er genoss es. Ihre anfängliche Skepsis verflog. Schon nach zwei Schlucken trank sie alles andere als zögerlich. Paul sah ihr amüsiert zu. Es schien ihr so gut zu munden, dass sie kein einziges Mal absetzte und das Glas in einem Zug leerte. Und hinterher, als schon längst nichts mehr drin war, knallte sie es auf die Theke und sah ihn schuldbewusst an.

„Und? Hat es geschmeckt?“

Die Antwort war nicht ganz das, was er sich vorgestellt hatte. Sie rülpste. Und damit hätte sie es nicht besser ausdrücken können.

„Ups, hab ich etwa eben dein Glas leergetrunken?“

„Ja, so könnte man es nennen.“

„Tut mir echt leid.“

„Aber wieso denn? Das muss es nicht.“

„Echt nicht?“

„Nö. Wir bestellen einfach zwei: eins für dich und eins für mich. Was hältst du davon?“

„Jau, so machen wir’s. Diesmal aber auf meine Rechnung.“

„Wenn du meinst.“

Keine fünf Minuten später gab Jeannine dem Barkeeper das Geld und spendierte sogar noch eine Camel. Sie hatten sich die Sargnägel kaum ins Gesicht gesteckt, als zwei von Pauls Freunden angewankt kamen. Er hatte ihnen zwar schon von weitem zu verstehen gegeben, dass er sie im Moment nicht brauchen konnte, aber entweder kapierten sie es nicht oder dachten, die Bar ist schließlich für alle da.

„He, Paul, bist du an der Bar festgewachsen, oder was?“ Einer der beiden beugte sich zwischen ihnen zum Tresen hindurch und schien Jeannine gar nicht zu bemerken. Er schrie nach dem Barkeeper und stützte sich lässig mit dem linken Arm am Tresen ab. Dieser Rüpel hieß (oder sagt man: heißt? Der ältere Paul wurde immer konfuser in der Birne) Thomas. Und da bemerkte er Jeannine.

Thomas war schon immer ein Aufschneidertyp gewesen. Erschwerend kam hinzu, dass er immer alles hinausposaunte, was ihm so in den Sinn kam. Eine Mischung, mit der er nicht immer leicht zu ertragen war.

Thomas also sah Jeannine von oben bis unten an, und nach eingehender Untersuchung verkündete er sein Ergebnis, indem er anerkennend pfiff. Sofort war Paul vergessen, und er richtete seine gesamte Aufmerksamkeit auf Jeannine. Eine Sekunde lang sah er sie an und sprach kein Wort; anscheinend versuchte er das nun Folgende durch eine Kunstpause anzukündigen.

„Was macht denn so ein hübsches Ding wie du so allein an der Bar?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, plapperte er weiter. „Du bist ja der Höhepunkt auf dieser Party, der Himmel steh mir bei, ja, das bist du!“

„Ach ja? Bin ich das?“ Nichts an ihr ließ auch nur irgendeine Gefühlsregung erkennen.

Thomas, der glaubte, soeben den genialsten, kreativsten, unwiderstehlichsten Spruch aller Zeiten gebracht zu haben, war irritiert. Aber er würde ihren wunden Punkt schon noch finden. Er musste nur genug Süßholz raspeln, bis ihr vorgetäuschter Widerstand (und das war er zweifellos) dahinschmelzen würde wie Schnee in der Sonne. Schließlich konnte keine ihm widerstehen. Bei seinem Charme, seinem Sex-Appeal! Er, Thomas, hatte schließlich das gewisse Etwas, das, was Frauen wollten – obwohl er nicht den blassesten Schimmer hatte, was das eigentlich sein sollte. Er war nur überzeugt, es zu haben. Hauptsache war, wenn man eine Tussi abschleppen wollte, dass man interessiert tat, immer ein offenes Ohr hatte und ihr genau sagte, was sie hören wollte. Und das war immer das Gleiche. Thomas konnte es auswendig herunterbeten: dass sie schöne Augen hatte, dass sie schönes Haar hatte, dass sie einen sagenhaften Körper hatte, dass ihre Intelligenz bestechend war und, und, und. Immer dasselbe Schema, keine große Kunst. Er hatte es drauf. Und er war gewillt, es auch bei ihr anzuwenden. Und wenn er das erst tat, würde sie sich ihm hingeben. Ihr blieb gar nichts anderes übrig. Schließlich war er, Thomas, die Reinkarnation Casanovas – oder zumindest dessen würdigster und talentiertester Nachfolger. Und wenn er genug Spaß mit ihr gehabt hatte, würde er getreu dem Motto Andere Mütter haben auch hübsche Töchter erst todtraurig aus der Wäsche gucken, irgendwas faseln von unüberwindbaren Differenzen (das kam auf die Situation an und würde sich schon zeigen; was das anging, war er flexibel), sie fallen lassen und wie ein geölter Blitz dem nächsten Rockzipfel hinterherjagen. Ja, man konnte mit Fug und Recht behaupten, dass Thomas ein kleiner, mistiger Schweinehund war. Und er stimmte sogar jedem zu, der ihm das ins Gesicht sagte. Natürlich erst, nachdem er ihm die Fresse poliert hatte.

Das Seltsame an der Sache war, dass Thomas (ihn als Freund zu bezeichnen, war weithergeholt, man kannte sich halt) beängstigend oft bekam, was er wollte – obwohl er nicht mal besonders gut aussah und sein Charakter oder zumindest sein Verhalten den weiblichen Geschöpfen gegenüber zu wünschen übrig ließ. Und obwohl er wahrlich keine Augenweide war und viele seiner Ansichten direkt aus der Steinzeit zu kommen schienen.

Paul hoffte inständig, dass er diesmal keinen Erfolg haben würde.

Thomas also spulte sein Programm runter, während Paul abschätzte, was wohl passieren würde, wenn er dem Scheißkerl einfach das Bierglas über die Rübe zog. Das Ergebnis war niederschmetternd. Er machte sich keine Hoffnung, ihn überwältigen zu können. Dazu war Thomas zu groß und zu kräftig. Er musste ihn beim ersten Hieb töten, um eine Chance zu haben.

„Ja, das bist du wirklich“, laberte Thomas inzwischen weiter. „Schon auf dem Weg hierher habe ich es gewusst. Ich sagte mir, Thomas, hab ich zu mir gesagt: Heute triffst du deine Traumfrau. Die wahre und einzige in deinem ganzen Leben. Und“, er machte eine Pause (offenbar, um der Dramatik Zeit zum Wirken zu geben), „wie du siehst, traf alles ein.“

„Rattenscharf“, war der einzige Kommentar, den Jeannine dafür erübrigte. Dabei sah sie so ernst drein, dass sich Paul ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen konnte. Allerdings war Thomas gar nicht amüsiert. Er fühlte sich zutiefst in seiner Ehre als Aufreißer verletzt. Er hatte Widerstand erwartet, und in aller Regel genoss er ihn sogar. Schließlich durfte die Jagd nicht zu leicht sein. Wo kämen wir denn da hin, wenn jede ihm einfach so in die Arme rannte?

„Rattenscharf ist vielleicht nicht unbedingt der richtige Ausdruck“, begann er, und sein Gehirn suchte fieberhaft nach einer Fortsetzung, „aber es kommt dem schon ziemlich nah.“ Was is ’n das für ’n Schwachsinn, den ich da verzapfe? Sie muss mich konfus gemacht haben! Wenn ich so weitermache, muss ich’s bald mit roten Rosen und einem schicken Essen versuchen, um überhaupt noch mal zustechen zu können. Verdammt und zugenäht, wenn’s schon so weit gekommen ist, bin ich echt tief gesunken.

„Was ich damit sagen wollte, ist …“

Da fiel ihm Jeannine ins Wort. Sie sprach schnell und betont, ohne hastig oder erregt zu klingen. „Ist das wahr? Hast du dieses Gefühl wirklich gehabt? Das wäre ja geradezu fantastisch!“

„Wie … wieso?“ stotterte Thomas.

„Ganz einfach. Weil auch ich dieses Gefühl hatte. Schon die ganze Zeit. Mein Herz scheint einen Tick schneller zu schlagen, und meine Haut ist empfindlicher, elektrisierter als sonst.“

„Wie bei mir, genau wie bei mir!“, jubelte Thomas. Dabei dachte er: Mit der hast du leichtes Spiel, die ist ja noch blöder als ein Sack Stroh!

„Und weißt du, was noch komisch ist? Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass ich hierher gelenkt würde. Denn eigentlich wollte ich ins Kino. Jetzt bin ich froh, es nicht getan zu haben.“

„Bei mir war es genauso!“, log Thomas, ohne rot zu werden. Das verspricht ja ein interessanter und vor allem befriedigender Abend zu werden. Die habe ich schon in der Tasche. Die habe ich schon so gut wie geknallt.

Auch Paul machte sich seine Gedanken. Allerdings waren die lange nicht so euphorisch. Er sah seine Chancen bei Jeannine (falls er je welche gehabt hatte, auch das war mehr als zweifelhaft, wenn man bedachte, wie schnell sie sich dem ersten Dahergekommenen an den Hals warf) mehr und mehr schwinden.

Immer noch wanderten die Blicke zwischen Jeannine und Thomas hin und her. Sie schienen sich prächtig zu verstehen. Dass dieser verfluchte Scheißkerl auch immer bekam, was er wollte! Zum Kotzen! In Paul keimte leise Wut auf, die schnell stärker wurde. Am liebsten hätte er ihm den Barhocker über den Schädel gezogen. Er liebäugelte mit dem Gedanken. Was ihn davon abhielt, war eine einfache Überlegung: Thomas war nicht nur ein Aufreißer, er war auch ein Schlägertyp. Außerdem war er drei Jahre älter und zwanzig Zentimeter größer. Vom Kampfgewicht mal ganz zu schweigen.

Paul hatte zwei Möglichkeiten: Entweder zog er ihm den Barhocker so über den Schädel, dass kein Quäntchen Gras mehr wuchs und Thomas nie wieder aufstand. Aber was hatte er damit erreicht? Nichts. Außer einen Mord am Hals. Und was darauf steht, weiß ja jeder. Aber hinter Gitter zu gehen wäre immer noch besser, als den Freunden von Thomas in die Hände zu fallen. Paul hatte mit denen nichts am Hut und war auch froh darüber. Das waren üble Zeitgenossen, jeder Zentimeter ihrer Haut tätowiert. Und sie waren ausnahmslos noch größer als Thomas. Wenn die ihn zu fassen kriegten, würden sie mit seinen Eiern Billard spielen und seine Innereien zum Trocknen an die frische Luft hängen.

Oder aber (und das war die zweite Möglichkeit), er schlug sich alle Hoffnungen, die Jeannine betrafen, aus dem Kopf und verpisste sich. Das hatte den Vorteil, weder hinter Gittern zu wandern noch die eigenen Därme an eine Wäscheleine gehängt zu sehen.

Paul entschied sich schweren Herzen für Letzteres. Und wenigstens das wollte er mit einem letzten Fünkchen Selbstachtung hinter sich bringen. Er zündete sich lässig eine Zigarette an, trank zügig aus, klopfte Thomas auf die Schulter (wobei er innerlich fast explodierte) und machte sich bereit, aufzustehen. Nun aber sprach Jeannine wieder, und er hielt abrupt inne.

„Ist es nicht erstaunlich, wie klein die Welt ist? Dass wir beide uns hier treffen, das kann kein Zufall sein. Das ist Bestimmung.“

Thomas nickte begeistert. Für ihn war die Sache geritzt. Die lag schon so gut wie auf dem Rücken. Es war zwar fast ein wenig zu leicht gewesen. Aber was soll’s, einem geschenkten Gaul schaute man nicht ins Maul.

„Da wir beide das gleiche Schicksal haben …“

Jetzt ist es gleich soweit. Gleich springt sie mir an den Hals und schiebt mir ihre Zunge in den Mund.

„… wäre es klug, damit es uns schneller findet …“

Ja, ja, ja, ja …

„… uns auf die Suche nach ihm zu machen.“

Häh, wie?

„Ich für meinen Teil habe ihn bereits gefunden.“

Ach so. Ich dachte schon. Ganz schön gerissen, das Luder. Hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Aber jetzt kommt sie gleich gekrochen. Jetzt hab ich sie.

Sie ließ eine Sekunde verstreichen.

Und noch eine.

„Ich wünsche dir also viel Erfolg bei deiner weiteren Suche.“

Thomas klappte vor Erstaunen der Unterkiefer runter.

„Aber, ich dachte … ich dachte … dass wir beide, du und ich …“

„Oh, pardon, das tut mir leid“, flötete Jeannine mit weicher Singsangstimme. „Aber aus uns kann leider nichts werden. Denn ich habe mein Herz bereits verloren.“ Und jetzt sah sie Paul direkt in die Augen und sagte: „Lass uns gehen, Paul, ich hab eine irrsinnige Lust zu tanzen.“

Paul konnte nur verlegen stottern: „Ah … ja … äh … gut … ja, okay.“

Thomas war noch nicht mal dazu in der Lage. Sein Gesicht sprach Bände.

Jeannine griff nach Pauls Hand. Sie war angenehm warm und weich, bemerkte Paul, der noch immer nicht glauben konnte, was geschehen war. War das wirklich passiert oder hatte er einfach nur zu viel getrunken? Die Zweifel überwogen. Aber war es nicht so, dass sie hier war, bei ihm? Und tanzte sie nicht mit ihm?

Aus den Boxen dröhnte ein langsamer Song. Sie tanzten. Paul war noch immer etwas auf Abstand bedacht. Nicht, dass er Jeannine nicht leiden konnte, im Gegenteil. Er war verrückt nach ihr. Er hatte nur panische Angst davor, die herrliche Situation durch irgendetwas Saublödes zu zerstören. Und das wollte er wahrlich nicht.

Jeannine hielt nichts von dieser Vorsicht. Sie drückte ihn näher an sich heran und legte ihre Hand einfach so, als wäre es die normalste Sache von der Welt, auf seinen Arsch. Auch dieser Griff war warm und weich. Paul wurde heiß und kalt zugleich, und er bekam eine hammerharte Erektion. Er wollte vor ihr zurückweichen, wollte seine Erregung verbergen, aber sie hielt ihn noch etwas fester. Es war erstaunlich, wie butterweich er in ihren Armen geworden war. Er sog tief Luft ein. Seine Gedanken liefen Amok und drehten sich nur um ihre Hand auf seinem Hinterteil. Er wollte diese Hand überall auf seinem Körper spüren. Bedauerlicherweise war jetzt aber noch nicht die Zeit dafür. Aber er konnte das Warten überbrücken, indem er sie einfach auch ein Stückchen an sich heranzog.

Es überraschte ihn, mit welcher Selbstsicherheit er es tat. Kein Gedanke an Schüchternheit oder Verlegenheit. Er tat einfach, was ihm in den Sinn kam. Zielsicher wanderte seine Hand auf ihren Po, und diesmal war sie es, die überrascht die Luft einsog. Da sie nun nah aneinandergeschmiegt tanzten, spürte sie die Härte an ihrer Scham. Einen Moment befürchtete er, dass sie ihn zurückweisen würde. Aber sie tat nichts dergleichen.

Langsam näherte ihr Gesicht sich dem seinen. Am Anfang bemerkte er es gar nicht. Es waren immer nur Millimeter. Aber mit der Zeit entging es auch ihm nicht. Er beobachtete sie genau und prägte sich jeden ihrer Gesichtszüge ein: die blonden Wimpern, das zierliche Näschen, die vollen Lippen, den kleinen Leberfleck. Ihr Atem roch schwach nach Alkohol und Zigaretten, aber das störte ihn nicht. Es war ohnehin nur schwach. Eigentlich überwog ein Duft nach roten Rosen oder irgendwelchen anderen Blumen, die Paul im Moment nicht erraten konnte. Er war zu keinem Gedanken mehr fähig. Seine Beine waren weich, und er hing in ihren Armen. Es grenzte an ein Wunder, dass er nicht einfach nach hinten wegkippte.

Mit einem Mal spürte er ihre warmen, weichen Lippen auf den seinen. Und in diesem Moment war ihm, als müsse er ohnmächtig werden. Alles drehte sich. Selbst der Boden erschien ihm nicht mehr real, sondern wie eine neblige Erscheinung. Trotzdem erwiderte er den Kuss. Ihr Geschmack erinnerte ihn an Marzipan. Paul wollte, dass dieser Moment nie enden möge, und im Stillen betete er sogar dafür.

Plötzlich spürte er, wie sie ihre Zunge tief in seinen Mund bohrte. Und er erwiderte es. Seine Haut kribbelte und brannte, und seine Erregung wuchs augenblicklich in unbekannte, bis dahin nie erlebte Höhen. Sein Schwanz pulsierte in seiner Hose.

Wie lange dauerte dieser Kuss nun schon?

Paul wusste es nicht.

Und Jeannine auch nicht.

Die Zeit schien still zu stehen. Sie hörten die Musik nicht mehr. Sie spürten nichts mehr von dem, was um sie herum geschah.

Minuten mussten vergangen sein. Oder waren es nur Sekunden? Sie hatten keinen blassen Schimmer.

Irgendwann spürte Jeannine, dass der Druck auf ihre Lippen nachließ. Sie öffnete ihre Augen und sah Paul überrascht an. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie ihre Augen während des Kusses geschlossen hatte. Er schien ihre Blicke zu spüren und öffnete ebenfalls die Augen.

Sie standen einander gegenüber, hielten sich an den Händen und sahen sich in die Augen. Strahlten sich an.

Und da tat Paul etwas, was ihn selbst überraschte. Auch Jeannine war überrascht, aber auf angenehme Weise. Er zog sie wieder an sich, umfasste ihre Taille und küsste sie ….

Diesmal kam der Übergang in die wirkliche Welt überraschend. In der einen Sekunde war Paul noch dort und einfach nur glücklich, und in der nächsten befand er sich schon wieder hier, einsam, allein und unglücklich. Es geschah so schnell, dass er sich erschrocken umsah.

Er war noch immer in der Küche, lag wieder auf den Fliesen, und sein Kopf schmerzte. Vorsichtig tastete er seinen Hinterkopf ab und fuhr zusammen, als er die Beule berührte. Sie tat verdammt weh, und wenn er mit den Fingern darüberfuhr, war es kaum auszuhalten. Trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) berührte er sie noch ein paar Mal. Er wollte durch den Schmerz sicherstellen, dass er zurück in seiner Welt, zurück in der Realität war.

Mühsam richtete er sich auf. Er musste sich mit den Händen abstützen; viel zu wacklig waren seine Beine. Paul brauchte drei Versuche, bis es ihm gelang, einigermaßen still zu stehen.

Seine Lunge dürstete nach Rauch. Ist es nicht erstaunlich, fragte er sich selbst, da hast du mehr als zehn Jahre nicht gequalmt und bis gestern Abend keine von den Scheißdingern angefasst, und jetzt fiept deine verdammte Lunge nach dem Dreck, als hättest du nie aufgehört!

Langsam trottete er ins Schlafzimmer. Obwohl hier nun schon seit geraumer Zeit gelüftet wurde, schlug ihm ein ekelhafter Gestank nach Erbrochenem entgegen. Zielbewusst lief er zu dem Wäscheberg, wo er seine Klamotten von gestern Abend vermutete und hielt sich mit der Linken die Nase zu. Endlich fand er sein Holzfällerhemd. Es stank nach Kotze, Alkohol und kaltem Rauch. Er fingerte in der Brusttasche herum, fand die Schachtel, nahm sie und stürmte aus dem Zimmer.

Wenig später saß er auf der Terrasse. Der Wind wehte ihm ins Gesicht und bewegte die letzten Fetzen seines kahler werdenden Haupthaars. Er hatte die Füße auf den Tisch gelegt, auf dem im Sommer immer das Essen serviert wurde. Jeannine hätte einen Schreikrampf bekommen, hätte sie es gesehen, und … nein, nein, bloß nicht dran denken!

Die Stereoanlage dudelte CDs, die er seit unzähligen Jahren nicht mehr gehört hatte: Kiss, Led Zeppelin, Ozzy Osbourne … Er konnte sich kaum noch an die Namen erinnern, hielt es aber für eine gute Idee, einfach mal wieder reinzuhören. Der Lautstärkeregler war aufgedreht bis zum Anschlag. Auch das war durchaus nicht üblich. Aber wer sollte sich beschweren? Seine Frau etwa? Die war aus dem Haus. Die Nachbarn? Die wohnten anderthalb Kilometer weiter die Straße rauf.

In der Linken hielt er eine Flasche Jim Beam und in der Rechten ein Bier. Er brauchte Letzteres, um Ersteres runterzuspülen. Auf dem Tisch neben seinen Füßen lag eine noch fast volle Schachtel Marlboro. Anfangs ekelte er sich vor dem Geschmack, aber nach und nach lernte er ihn wieder lieben. Manche Dinge ändern sich nie. Gott sei Dank.

Er fühlte sich sogar einigermaßen wieder wie ein Mensch. Teils lag das daran, dass er schon wieder einiges intus hatte, teils aber auch daran, weil er Dinge tat, die er seit Jahren nicht mehr getan hatte.

Paul vermisste seine Frau. Er vermisste auch seine Kinder. Die wahrscheinlich sogar noch mehr als Jeannine. Aber er war, im Moment jedenfalls, so euphorisch, dass er ernsthaft versuchte (und diesmal gelang es ihm sogar) einige Zeit mal nicht an sie zu denken.

Der Mond war hell. Er schien ein Gesicht zu haben, und dieses Gesicht schien ihn zu verhöhnen. Das hast du nun davon, stand darin geschrieben. Du hast nur die Quittung bekommen. Du hast dich zu viel von deiner Arbeit ablenken lassen. Jetzt sind die, die dir auf der Welt am liebsten sind, weg!

Dieses vermaledeite Mondgesicht war schonungslos offen. All das hatte Paul schon gewusst. Das war nichts Neues für ihn. Es bedeutete nur noch mehr Schmerz. Er wollte, dass der Mond aufhörte, dass er endlich schwieg. Aber er dachte gar nicht daran, er verhöhnte ihn weiter.

Paul schrie ihn an, warf einen Schuh nach ihm und trat mit den Füßen in seine Richtung. Was auch immer ihm in den Sinn kam, er schrie es heraus. Was auch immer er fassen konnte, er schleuderte es nach ihm.

Langsam ging sein Spott über in schallendes Gelächter, und Paul fragte sich ernsthaft, ob er auf dem Weg war, den Verstand zu verlieren. Es war offenbar unmöglich, hier draußen zu sitzen. Also griff er nach den Getränken, vergaß auch die Kippen nicht und raste wie eine V1-Rakete ins Haus.

Hier war es wesentlich kühler. Er schwitzte dennoch ein wenig, glaubte aber nicht, dass das nur von dem Sprint kam. Vielmehr hatte ihn die Diskussion mit jemandem, der normalerweise nur blöd rumhängt und kein Wort sagt, geängstigt. In seinen Büchern hatte er es oft beschrieben, wie es wohl sein mochte, wenn jemand langsam den Verstand verlor. Jetzt musste er zugeben, dass die Sache gar nicht mehr so spaßig war, wenn er selbst derjenige war, bei dem das Geschirr im Oberstübchen zersprang.

Und noch immer drang diese Stimme zu seinen Ohren.

Er drehte sich um und knallte die Terrassentür zu. Er tat es mit einer solchen Wucht, dass die Scheibe vibrierte und um ein Haar zersplittert wäre. Aha, dachte er, wäre ja nicht das einzige, was hier zersplittert.

Nun war es ruhiger. Aber noch immer nicht ruhig genug. Wenn er genau hinhörte, war der vermaledeite Mond immer noch zu hören. Also überlegte er nicht lange und ließ das Rollo herunter. Und da er nun schon mal dabei war, tat er das gleich im ganzen Haus.

Es dauerte keine drei Minuten, und Paul stand in tiefer Schwärze. Irgendwo (und das war noch gar nicht so lange her!) hatte er eine solche Finsternis schon einmal gesehen. Momentan fiel es ihm aber partout nicht ein, wo. Die Dunkelheit erfüllte ihren Zweck, denn der Mond war nun nicht mehr zu hören. Paul hatte endlich Zeit, zu verschnaufen. Darüber nachdenken, was er da eben getan hatte, wollte er lieber nicht.

Langsam beruhigte er sich. Atmung und Herzschlag normalisierten sich. Und obgleich der Mond gewiss noch immer auf sein Haus schien, gewann er den Eindruck, dass von ihm nun keine Gefahr mehr ausging.

Zehn Minuten später war er wieder so klar im Kopf, dass er alles für ein Hirngespinst hielt. Liegt bestimmt am Stress der letzten Tage, sagte er sich. Er kicherte sogar schon wieder über seine eigene Einfältigkeit.

Obwohl die Angst weniger geworden war, verkniff er es sich, die Rollläden wieder zu öffnen. Stattdessen schaltete er alle Lampen an. Und das waren eine ganze Menge. Als er endlich damit fertig war, war das Haus hell erleuchtet. Sogar im Keller und auf der Terrasse brannte Licht.

Plötzlich verspürte er eine ungeheure Lust auf einen Drink. Wo war die Flasche? Er brauchte nur einen Moment zu überlegen, da fiel es ihm wieder ein: Er hatte sie auf dem Wohnzimmertisch abgestellt. Schnellen Schrittes kehrte er dorthin zurück. Sie stand noch genau da, wo er sie zurückgelassen hatte. Er hatte sogar noch ein Bier. Auch das freute ihn ungemein.

Paul ließ sich auf die Couch fallen, und da er endlich zur Ruhe kam, bemerkte er, dass die Stereoanlage noch immer mit voller Lautstärke spielte. Konnte er das die ganze Zeit überhört haben?

Zwischen der Minibar, die sich mittlerweile auf dem Couchtisch angehäuft hatte, lag zwischen Flaschen und Kippen die Fernbedienung. Sie klebte. Ich muss wohl irgendwann in letzter Zeit Bier oder so was drüber gekippt haben, dachte er. Dennoch war sie funktionstüchtig. Er ließ Alice Cooper mit „Schools out For Summer“ mitten im Lied ersterben. Die Musik dröhnte noch kurz nach. Paul nahm an, dass das an der ungewohnten Lautstärke lag. Er schüttelte den Kopf, und das Klingeln und Dröhnen und Summen und Pfeifen in seinen Ohren ließ nach.

Die plötzliche Stille war seltsam. Sie tat fast weh. Irritiert fingerte er nach der anderen Fernbedienung für den Fernseher. Obwohl er wusste, wo sie war, fand er sie nicht. Seine Finger fuhren suchend umher und kippten ein Bier um, worauf Paul ein Klagegeheul anstimmte, das aber in der gleichen Sekunde in ein triumphales Gebrüll überging, dem Gebrüll eines männlichen Gorillas im Dschungel nicht unähnlich. Sein animalisches Verhalten war durchaus verständlich. Nicht auszudenken, wenn etwas von diesem lebensnotwendigen Alkohol verschüttet werden würde!

So tief bin ich also schon gesunken. Ein verschüttetes Bier ist für mich schlimmer als alle Seuchen zusammen. Was ist nur aus mir geworden? Ich stehe kurz davor, ein hemmungsloser Alkoholiker zu werden. Liegt das nur daran, dass sie mich verlassen hat? Nein, nein, diese Gedanken will ich nicht denken! Schluss damit! Schluss, sage ich! Nie mehr! Schert euch davon!

Schließlich fand er die Fernbedienung und schaltete ein. Mit zunehmendem Verdruss zappte er durch die Kanäle. Es kam nichts, was ihn hätte interessieren können. Also gab er schnell wieder auf und schaltete aus. Da sich die Suche nach Abwechslung durch den Fernseher als aussichtslos entpuppte, widmete er sich wieder dem, wovon er sich mehr erhoffte. Kaum zwei Stunden später war die Flasche Whiskey leer, und Paul fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Sein Haus war noch immer hell erleuchtet.

Kapitel 2

2. Kapitel

Nur mühsam öffnete Paul die Augen, erst das eine, dann das andere. Verschlafen blinzelte er ins Licht. Sein Kopf fühlte sich an wie ein Sandsack, den man zu Boxtraining benutzt hat. Irgendwie kam er ihm auch größer vor, als müsse er die Arme ausstrecken, wenn er die Ohren berühren wollte. Allerdings war das kein Grund zur Sorge. Das war immer so, wenn er einen über den Durst getrunken hatte.

Ungläubig glotzte er auf die leeren Flaschen vor sich.

„Habe ich wirklich so viel getrunken? Das muss aufhören!“

Die Luft stank nach Alkohol, kaltem Qualm und Bierfürzen. Genauso mühsam, wie er die Augen geöffnet hatte, versuchte er sich aufzurichten. Seine Augen suchten das Zimmer ab; er wollte unbedingt wissen, wie spät es war. Die Uhr an der Wand, die zu jeder halben und vollen Stunde ein „Kikeriki“ von sich gab, zeigte, dass es gleich halb elf war.

Obwohl er nicht wusste, was für Wetter war, wusste er, dass der Tag schön werden würde. Er fühlte sich gut, viel besser als gestern. Also stand er auf und öffnete die Rollläden. Das hereinschießende Tageslicht war greller als erwartet. Es verschlimmerte seinen Kopfschmerz augenblicklich um ein Vielfaches.

Paul ging in die Küche, setzte Kaffee auf, warf zwei Schmerztabletten ein, überlegte kurz, nickte zustimmend und schluckte noch zwei. Bis der Kaffee durchgelaufen war, blieb ihm noch etwas Zeit. Er ging duschen.

Paul duschte so, wie er es immer bevorzugt hatte: abwechselnd heiß und kalt. Als er sich wenig später mit einem Handtuch abtrocknete, fühlte er sich besser. Seine Haut war eiskalt, und er war herrlich erfrischt. Selbst die schlechten Gedanken und negativen Gefühle waren wie weggespült.

Er streifte den Morgenmantel über und ging zurück in die Küche. Er war ein Geschenk von Jeannette zu seinem fünfunddreißigsten Geburtstag gewesen. Paul bemerkte es erst, als er ihn übergestreift hatte und wappnete sich für eine neue Schmerzwelle. Glücklicherweise blieb sie aus. Der Tag wurde mit jeder Sekunde besser.

Leichten Fußes tippelte er weiter. Er war noch immer über seine ausgelassene Fröhlichkeit erstaunt. Die bittere Pein der letzten Tage schien meilenweit entfernt zu liegen. Er beschloss, dass es gut so war. Und dass so bleiben sollte.

Der Kaffee war heiß und kräftig, puschte ihn noch mehr auf. Und obwohl alles in bester Ordnung schien, wusste er, dass etwas fehlte. Eine innere Stimme tadelte ihn. „Natürlich fehlt was, du Trottel! Schließlich ist sie …“

Weiter kam die Stimme nicht. Paul würgte sie ab, noch ehe sie weitersprechen konnte. Er kicherte, als er erkannte, dass es gar nicht das war, was fehlte. Ihm fehlte etwas anderes: die Zeitung!

Kichernd lief er zum Briefkasten. Wenn ihn in diesem Moment jemand gesehen hätte, hätte er ihn für reif für die Irrenanstalt gehalten: Paul hüpfte wie ein Kaninchen im Morgenmantel über die Wiese und kicherte und gackerte unaufhörlich vor sich hin.

Er öffnete den Briefkasten und wunderte sich, dass er nicht nur eine, sondern gleich drei Tageszeitungen darin fand. Er klemmte sie unter den Arm und hüpfte auf die gleiche Weise zurück. Erst als er wieder am Küchentisch saß, ging ihm ein Licht auf: Er war offenbar schon drei Tage lang nicht mehr am Briefkasten gewesen.

Nachdem er die Zeitungen durchgeblättert hatte (er fand nichts, was ihn interessiert hätte, nur bei den Todesanzeigen ertappte er sich, dass er sie aufmerksam las), donnerte er sie achtlos in den Müll. Er war beschämt darüber, dass er so etwas wie Schadenfreude empfand. Was, zum Teufel, war nur mit ihm los? Warum fand er heute alles so urkomisch? Er hatte sich doch nicht etwa eine Alkoholvergiftung eingehandelt? Nein, an diese Erklärung glaubte er nicht. Dann würde er nicht so putzmunter herumturnen. Aber wenn es das nicht war, was war es dann? Er dachte nur kurz darüber nach. Erstens, weil er für konzentriertes Nachdenken gar nicht ernst genug war, und zweitens, weil er heilfroh war, nach den Tagen des Schmerzes und der Trauer etwas überdreht zu sein. Das hatte er sich, seiner Meinung nach, redlich verdient. Außerdem tat es den Menschen, die da abgenippelt waren, garantiert nicht mehr weh. Bei diesen Gedanken begann er wieder zu kichern, und aus dem Kichern wurde lautes Lachen. Paul lachte so laut, dass er um ein Haar das Schrillen des Telefons überhört hätte.

Während er noch von Lachsalven geschüttelt wurde, näherte er sich dem Ruhestörer. Aber er musste sich erst beruhigen. Paul biss sich beherzt auf die Zunge. Es tat höllisch weh.

„Ja, bitte?“

Einen Moment blieb die Leitung stumm. Dann meldete sich doch eine Stimme: „Paul, bist du es?“

Sein Hirn arbeitete auf Hochtouren. Die Stimme war ihm bekannt, aber momentan war es ihm unmöglich, ihr ein Gesicht zuzuordnen.

„Paul, antworte endlich!“

Noch immer hatte es nicht Klick gemacht. Wer konnte das sein? Vielleicht war es besser, aufzulegen …

„Hallo, Hallihallohallöle! Wenn du mich hören kannst, antworte mir gefälligst! Ich weiß, dass du am Telefon bist. Ich höre dich doch atmen!“

Noch immer blieb die Erkenntnis aus. Paul kratzte sich am Hinterkopf. Sein Brummschädel war abgeklungen. Er wusste, zu wem die Stimme gehörte. Er wusste es, also, warum zum Geier fiel es ihm nicht ein?

Die Stimme sprach weiter. Diesmal schien sie nicht zu Paul zu sprechen, sondern mit jemandem, der sich im gleichen Zimmer befand wie der Anrufer. „Okay, ich leg jetzt auf und versuch es später noch mal. Vielleicht ist dann ja die Verbindung besser.“

„Bestimmt hast du recht.“ Der Verdacht mit der zweiten Person war also richtig.

„Ich kann ihn atmen hören. Aber sonst bleibt alles tot. Scheiß Telefonleitung. Wahrscheinlich komm ich gar nicht zu ihm durch.“

Der Anrufer hatte aufgelegt.

Paul stand da wie ein Ölgötze. Er hielt den Hörer an sein Ohr und überlegte angestrengt, wer zum Kuckuck ihn da hatte sprechen wollte. Allmählich verkalke ich, dachte er trübsinnig. Er steckte das Mobilteil in die Station. So konnte er wenigstens sicher sein, dass der Akku geladen war.

Er griff in die Hemdtasche. Statt der Kippen fühlte er nur den samtigen Stoff. Da dämmerte ihm, dass er ja immer noch den Morgenmantel trug. So fängt es an, dachte er. Kann nicht mehr lange dauern, und ich krabbele sabbernd über den Boden und muss gewickelt werden wie ein Kleinkind.

Endlich fiel ihm ein, wo er die Zigarettenschachtel zuletzt gesehen hatte. Keine fünf Minuten später (er qualmte in aller Ruhe) klingelte das Telefon erneut. Obwohl er auf keinen Fall rangehen wollte, näherte er sich dem Apparat mit langsamen Schritten.

Es läutete ein zweites und dann ein drittes Mal.

„Wann schaltet sich gleich noch mal der Anrufbeantworter an?“ fragte er die Wand, an die er sich gerade lehnte.

Es läutete unaufhörlich weiter. Und mit einem Mal (obwohl sein Gehirn noch gar keinen Befehl an seine Hand gegeben hatte) griff er nach dem Hörer.

„Hier Paul. Wer da?“

„Hi, Paul. Ich bin’s.“

Da war sie wieder, diese Stimme. Und er hatte noch immer keinen Schimmer, zu wem sie gehörte. In der ersten Sekunde war er drauf und dran, wieder zu schweigen. Aber er schüttelte den Gedanken ab und entschloss sich stattdessen, einfach mitzuspielen und zu gucken, wohin es ihn führte.

„Du? Das ist aber eine Überraschung, dass du mal anrufst!“ Da er nach wie vor keinen Verdacht hatte, musste er improvisieren. „Wir haben uns ja eine halbe Ewigkeit nicht gesehen!“ So was kam immer gut, da machte er nichts falsch.

Die Leitung war still.

„Äh … nun, genaugenommen waren es nur zehn Tage. Ist bei dir alles in Ordnung? Ich frage nur, weil … na ja, weil du so komisch klingst.“

Autsch, das war nach hinten losgegangen.

„Ich bin nur … Sagen wir’s mal so: Ich bin noch nicht ganz munter, okay?“ Fieberhaft sinnierte er weiter und entschied sich schließlich, mit offenen Karten zu spielen. „Hab wohl gestern etwas zu lange gearbeitet. Du wirst bestimmt lachen, aber momentan fällt mir noch nicht mal dein Name ein. Typischer Fall von Blackout.“

„Mensch, Alter, du brauchst einen Urlaub und einen verdammt guten Seelenklempner! Und am besten beides schon gestern. Wenn es schon so weit gekommen ist, dass du noch nicht mal mehr die Namen deiner besten Freunde weißt, solltest du kürzer treten. Du arbeitest zu viel.“

Wie recht du hast, großer Unbekannter, wie recht du hast.

„Du scheinst wirklich nicht zu wissen, wer ich bin, oder?“

Paul spürte, wie sein Gesicht vor Scham rot anlief. Reiß dich zusammen! Das ist nur ein Telefongespräch! „Nein“, gab er kleinlaut zu, „ich weiß leider nicht, wer du bist.“

„Gib zu, du verarscht mich!“

„Gott bewahre. Ich hab keinen blassen Schimmer.“

„?“

„.“

Der Anrufer schwieg. Er schien zu überlegen, ob Paul ihn verschaukeln wollte.

„Du hast wirklich keine Ahnung?“

„Nicht die Bohne.“

„Das ist traurig, Paul. Das ist verdammt traurig. Aber okay, ich helfe dir auf die Sprünge. Ich höre auf den klangvollen Namen Hackl. Jerome Hackl. Und? Klingelt es bei dir?“

Ja, da klingelte etwas, aber lange nicht so, wie es sich dieser Jerome wohl vorstellte. Pauls rechte Gehirnhälfte versuchte angestrengt, mit der linken zu kommunizieren. Hastig blätterte sie die Bilder in seinen Erinnerungen durch. Jerome? Jerome? Wo versteckst du dich? Wie von Sinnen raste er durch sämtliche Kapitel seines Lebens. Schließlich gelang es ihm, ein Bild von Jerome zu finden. Es lag begraben unter Tonnen von Staub. Es war der Staub, der übrig geblieben war, als Jeannine, dieses Aas, alles zum Einsturz gebracht hatte. Jetzt, da er wusste, wer er war, fiel ihm auch der Rest ein.

„Hi, Jerome“, diesmal klang die Überraschung echt. „Tut mir leid, das Ganze. Du weißt schon.“

„Ja, ja, vergiss es. Ist bei dir alles in Ordnung?“

Sollte er sagen, dass überhaupt nichts in Ordnung war? Dass auch nicht das kleinste bisschen in Ordnung war? Meine Frau hat mich verlassen und hat die Kinder mitgenommen! Ich verkalke langsam, und wenn du wüsstest, wie lange ich rumgerätselt habe, ehe ich wusste, wer du bist, würdest du sofort auflegen und nie wieder ein Wort mit mir sprechen! Und zu allem Überfluss glaube ich noch, den Verstand zu verlieren! All das ging ihm durch den Kopf. Aber er sagte es nicht. Stattdessen packte er diese Gedanken bei den Eiern, schüttelte sie ordentlich durch und schmiss sie in eine dunkle Kammer irgendwo tief im Hirn, wo sie bis auf weiteres vergammeln konnten.

„Mit mir ist alles bestens. Und selber?“

„Jau, Patrizia und den Kindern geht’s prächtig.“

„Na, das ist ja prima.“

Der Neid veränderte seine Stimme um eine Nuance. Hatte Jerome die Veränderung bemerkt? Wusste er etwa, was vorgefallen war? Nein, das war absurd. Oder vielleicht doch? Hatte dieses Luder von einer Frau bei ihm angerufen, damit er wiederum bei ihm anrief, um zu erfahren, wie’s ihm ging? Nein, das war lächerlich. Sie hat mich verlassen, da interessiert es sie bestimmt einen feuchten Scheiß, wie es mir geht. Das ist nur Wunschdenken meines verletzten Egos.

„Könnt ihr beiden es heute Abend nun einrichten?“

Was, zum Teufel, stand heute Abend auf dem Programm? Er wusste es nicht mehr und wappnete sich für eine neuerliche Attacke, bei der seine Erinnerungen durcheinandergewirbelt würden wie die Blätter in einem Herbststurm.

„Du hast es nicht vergessen, oder? Du weißt noch, dass wir heut Abend 'ne Party geben, ja? Patrizia wollte, dass ich euch anrufe und euch noch mal daran erinnere. Sie hofft, ihr könnt es einrichten. Und ich sagte, natürlich können sie es einrichten, schließlich bist du einer meiner engsten Freunde. Aber sie sagte, ruf trotzdem an. Also rief ich an. Kennst sie ja.“

Paul hatte Mühe, Jerome gedanklich zu folgen. Die Menge der Wörter, die auf ihn einstürzten und das Tempo, mit dem sie durch den Hörer jagten, verblüfft ihn.

Party.

Heute Abend.

Okay, okay, soweit hatte er es auf die Reihe gekriegt.

Jerome plapperte munter weiter.

„Ihr kommt also, ja? Wäre echt schade, wenn nicht. Wird bestimmt lustig. Wir grillen, und die Weiber können nach Herzenslust tratschen.“

„Ich tratsche nicht.“

Die Stimme war leise. Paul vermutete, dass sie Patrizia gehörte.

„Sag ihm bitte, dass sie einen ordentlichen Durst mitbringen sollen! Kannst du das machen?“ Die Vermutung schien richtig zu sein.

„Ich soll dir von Patrizia ausrichten …“

„Nicht nötig. Ich hab’s schon verstanden.“

„Er hat’s verstanden“, gab Jerome weiter.

„Fein. Dann bis heute Abend!“

„Bis heute Abend“, sagte auch Jerome und legte auf, ehe Paul protestieren konnte.

Uff. Watt `n nu?

Jetzt habe ich aber gehörig in die Scheiße gegriffen, verflixt und zugenäht! Wie komm ich da nur wieder raus? Vielleicht ist es besser, ihn anzurufen und ihm die Wahrheit aufzutischen? Ich glaube, er verdient sie. Die Frage ist nur, ob ich dazu imstande bin. Eher nicht. Vergessen wir das lieber. Also gut, und was bleibt mir übrig?

Nach reiflicher Überlegung entschied er, hinzufahren. Wollen mal sehen, wie sich alles entwickelt. Früher oder später werden sie es ohnehin erfahren. Und ich werde wesentlich besser dastehen, wenn ich den Zeitpunkt dafür bestimme. Während des Gesprächs hatte er befürchtet, Jeannines ständige Präsenz könnte ihn zerbrechen. Seltsamerweise geschah genau das Gegenteil: Er erfreute sich bester Laune, und das Gespräch schien sie sogar noch verbessert zu haben. Ein über alle Maßen entzückender Tag war das heute. Oh ja, das war er. Und wie er das war! Paul fühlte sich verdammt gut. Er hätte Bäume mitsamt Wurzeln ausreißen können. Und das Beste: Er spürte, dass er den Zenit noch nicht erreicht hatte.

Er stöpselte das Mobilteil in die Ladestation, registrierte, dass das Akkuzeichen aufleuchtete und stimmte eine fröhliche Melodie an. Er pfiff sowohl laut als auch falsch. Eine Melodie zu halten war noch nie seine Stärke gewesen. Und irgendwann kam ihm die phänomenale Idee, die Stereoanlage wieder so weit aufzudrehen, bis die Wände wackelten. Schon donnerte, einem Güterzug gleich, Motörhead mit „Orgasmatron“ durch das Wohnzimmer.

Ist das Leben nicht herrlich, fragte Paul sich, während eine Zigarette in seiner Hand qualmte.

Das Arbeitszimmer sah anders aus, als er es in Erinnerung hatte. Als hätte eine Bombe eingeschlagen. Die Sonne beleuchtete ein Kauderwelsch aus herumliegendem Trödel. Der Teppich war über und über mit Schnipseln besäht. Erst bei näherem Hinsehen sah Paul, dass es sich um seine eigenen Manuskripte handelte. Er hatte schon immer die Angewohnheit gehabt, die Romane, die er beendet hatte, für sich selbst auszudrucken. Er war da sentimental. Für ihn war es wichtig, sie daheim in seinem Arbeitszimmer unter einer Glasvitrine zu wissen.

Wenn er von dem Tohuwabohu nicht so überrascht gewesen wäre, hätte er vielleicht sogar die Zeit erübrigt, um die Blätter zu trauern. Da dem nun aber nicht so war, ließ er es und starrte im Zimmer umher.

Es sah aus wie nach einem Inferno. Aber da weder das Fenster zertrümmert noch die Tür ausgehebelt war, musste er selbst es gewesen sein. Und falls dem so war, war es ihm perfekt gelungen, es aus seinem Gedächtnis zu streichen.

Paul ließ seine Augen noch ein wenig über das Chaos streifen. Nicht nur Manuskripte bedeckten den Teppich. Nein, da lagen auch Dinge herum, die gar nicht ins Arbeitszimmer gehörten: Unterwäsche, dreckige und saubere, aber auch Klamotten, die Jeannine gehört hatten und die sie entweder vergessen hatte oder schlicht und einfach nicht mehr haben wollte. Letzteres konnte er sich allerdings nur schwer vorstellen. Schließlich war sie eine Frau, Junge, Junge, und was für eine! Und die haben nun mal diesen seltsamen, tief in ihren Genen verankerten Faible für alles, was man anziehen kann.

Was ihn am meisten schmerzte, war nicht der Anblick der Wäsche, sondern die Palme, die aus dem Topf gerissen und schon halb vertrocknet war. Die Manuskripte waren auf der Festplatte und brauchten nur wieder ausgedruckt zu werden. Aber die Palme war etwas, was ihm ans Herz gewachsen war. Paul hatte sie während ihres ersten gemeinsamen Urlaubs in der Karibik gekauft. Sie stand eingepfercht in einen viel zu kleinen Topf, war kaum höher als zwanzig Zentimeter, und der Händler hatte zehn Dollar achtzig dafür haben wollen. Paul hatte den Preis auf sagenhafte Sechsfünfzig heruntergeschraubt.

Nun begann eine wahre Odyssee. Da er die Palme schon zu Beginn des Urlaubes gekauft hatte, musste sie noch zweieinhalb Wochen im Hotelzimmer überleben. Und da begann der Kampf. Jedes Mal, wenn das Zimmermädchen saubermachen wollte, musste er sich heldenhaft vor ihr aufbauen. Sie wollte dieses Stück vertrocknetes Unkraut hochkantig aus dem Zimmer schmeißen. Und da der Zimmerservice immer zu unterschiedlichsten Zeiten eintrudelte, wiederholte dieses Schauspiel sich täglich. Bis zum Tag der Abreise war es ihm gelungen, seinen Schützling zu beschützen. Dann aber wurde es haarig: Zwei Überfahrten mit dem Schnellboot standen an, und danach ein Flug von zehn Stunden. Wohin mit dem kleinen Wicht? In die Reisetasche? Um Himmels Willen, bloß nicht!

Paul hatte, bevor er ernsthaft Schriftsteller wurde, auf einem Flughafen seine Brötchen verdient. Das befähigte ihn zu der Erkenntnis, dass die Reisetasche der denkbar schlechteste Ort war. Vor seinem geistigen Auge sah er bergeweise Koffer, die unter Zeitdruck hierhin und dorthin geworfen wurden: vom Transportband in den Flieger, vom Flieger wieder zurück aufs Band. Wohin aber dann? Etwa in den Rucksack? Keine schlechte Idee. Leider war der schon mit Videokamera, Fotoapparat, Flugtickets, Geldbörse und anderem Pipapo überfüllt. Nach stundenlangem Hin und Her (und nicht wenig zänkischem Gezeter Jeannettes) entschloss er sich schließlich, seinen Schützling einem dieser sauteuren weltweiten Zustelldienste anzuvertrauen.

Die Übergabe ging ja noch: Adresse angeben, Knete rausrücken, alles halb so schlimm. Aber das Warten danach! Zur Untätigkeit verdonnert, war es für ihn wie ein Marsch barfuß über glühende Kohlen. Und dabei immer diese Ungewissheit: Wird sie den Transport überstehen? Wird sie nicht vertrocknen? Die Zeit, bis das Paket endlich eintrudelte, war reine Folter.

Aber irgendwann trudelte sie ein. Jetzt würde sich zeigen, ob die Mühe sich gelohnt hatte. Paul balancierte das Paket wie eine Schüssel mit rohen Eiern. Er betete inbrünstig, jeder, der seine Finger an dem Karton gehabt hatte, möge sich nach den Aufklebern „Nicht werfen!“ und „Nicht schütteln!“ gerichtet haben. Behutsam öffnete er das Paket. Neben ihm stand eine Gießkanne, randvoll mit Wasser.

Als er die Palme dem Zustelldienst anvertraut hatte, war seine Überlegung folgendermaßen gewesen: Sie hat eine Chance, den Transport unbeschadet zu überstehen, wenn es mir gelingt, sie in einen schützenden Kokon aus Styropor einzumauern. Nach einigen diesbezüglichen Versuchen, die ihn an den Rand des Wahnsinns getrieben hatten, gelang es ihm schließlich, sie so zu verpacken, dass er es verantworten konnte, sie wegzuschicken. Vorsichtig schaufelte er die Styroporflocken beiseite und legte nach und nach die Pflanze frei. Bis jetzt machte es den Anschein, dass es ihr gutging. Behutsam hob er sie aus dem Karton und begutachtete jedes Blatt. Er sah dabei aus wie ein General, der, über die Landkarte gebeugt, über einer komplizierten Kriegsstrategie grübelte. Der Transport hatte nur drei Tage gedauert, und Paul, hatte alles ihm Mögliche getan. Jetzt, in den nächsten Tagen und Wochen, würde sich entscheiden, ob seine Mühe sich gelohnt hatte. Paul platzierte sie an einer sonnenverwöhnten Stelle, knipste die extra dafür gekaufte Rotlichtlampe an und zwang sich, ihr die nötige Zeit zu geben, um sich einzugewöhnen.

Das war nun schon Jahre her, und in all dieser Zeit war es ihm gelungen, die Pflanze nicht nur aufzupäppeln, sondern auch größer und kräftiger werden zu lassen.

All das ging ihm durch den Kopf, als er jetzt die Überreste seines Schützlings auf dem Schreibtisch liegen sah. Er hatte Herzblut in die Pflege dieser Pflanze gesteckt und sich selbst mehr als einmal dabei ertappt, dass er mit ihr redete – etwa so, wie ein Hundebesitzer mit seinem vierbeinigen Begleiter redet. Der Hund kann nichts erwidern, aber er ist da, wenn man ihn braucht. Das macht ihn zu einem Freund. Und genau das war die Pflanze für Paul gewesen.

Aber nicht nur die Palme, auch das Aquarium war ein Opfer der Gewalt geworden. Auch das hatte er gehegt und gepflegt, und jetzt war es ein Trümmerhaufen. Langsam verwandelte seine Traurigkeit sich in Wut, und da alles darauf deutete, dass er selbst der Übeltäter war, war er kurzerhand auf sich selbst wütend. Er war wütend, weil er den Sinn seiner Tat nicht begriff. Und weil jetzt, nach dem triumphalen Glücksgefühl der letzten Minuten, unweigerlich der Absturz folgen würde.

Zwischen den wildverstreuten Sachen fiel sein Laptop fast nicht auf. Schließlich kam es auf einen Gegenstand mehr oder weniger nun auch nicht mehr an. Paul seufzte, machte kehrt und verließ das Zimmer. Der Anblick der sterbenden Palme hatte ihn getroffen, ihn wütend gemacht. Die toten Pflanzen und Fische neben den Scherben wollte er so schnell wie möglich aus dem Kopf haben. Wie qualvoll musste ihr Sterben gewesen sein!

Mit hängendem Kopf watschelte er ins Wohnzimmer, warf sich rücklings auf die Couch und versuchte, sich mit animalischem Hin- und Herzappen durch das Fernsehprogramm abzulenken.

Zwei Stunden lag er so da, doch seine Wut wollte nicht verrauchen. Er hüpfte hin und her zwischen Sportübertragungen, Nachrichten und Spielfilmen, die doppelt so alt waren wie er selbst. Seine Laune war mies, sehr mies sogar. Er hatte eigentlich froh sein wollen. Die letzte Zeit war schwer genug gewesen. Hatte er da nicht etwas Euphorie verdient? Aber so sehr er auch versuchte, immer wieder stand das Bild des verwüsteten Arbeitszimmers ihm vor den Augen: die vertrocknete Palme, das zersplitterte Glas, die toten Fische auf dem Teppich. Und seine Manuskripte, die er wie ein Huhn gerupft hatte. Das einzige, wovon er sich etwas Linderung versprach, stand gutgekühlt in der Minibar im Keller. Aber er wollte nicht schon wieder trinken. Jedenfalls jetzt noch nicht …

Während er so dalag und Löcher in die Luft starrte, kam ihm eine Idee. Sie war schlicht und einfach: Er musste einfach nur genau das tun, was er getan hatte, als seine Laune besser gewesen war. Nicht mehr und nicht weniger. Dann würde es ihm gut gehen. Konnte das so einfach sein?

Da er gerade nichts Besseres zu tun hatte, stand er auf und lief zum CD-Player. Vielleicht gelang es ja Brian Johnson mit seiner Reibeisenstimme, seinen Missmut wegzugrölen. Paul drehte die Anlage voll auf und katapultierte sich in den nächsten Sessel. So viel dazu, dachte er, lassen wir unser Wundermittelchen am besten mal wirken!

Die Lautstärke war ohrenbetäubend. Der Bass dröhnte bis in seine Eingeweide, die Gitarren quietschten und quäkten, und die Boxen schienen von alldem überfordert zu sein. Obwohl er vermutete, davon hammermäßige Kopfschmerzen zu bekommen, fiel es Paul im Traum nicht ein, die Anlage leiser zu drehen. Die Musik musste mit brachialer Gewalt auf ihn wirken. Bis in jede Faser seines Körpers sollte sie dringen.

Eine halbe Stunde verging.

Und eine weitere.

Mittlerweile war die CD zu Ende, und er hatte AC-DC gegen Iron Maiden eingetauscht: „Seventh Son of a Seventh Son“. Seiner Meinung nach ein superhypergeiles Album. Er hatte das aus dem Jargon seiner Tochter aufgeschnappt; allerdings war für sie nur Popmusik superhypergeil.

Die ersten Töne waren kaum erklungen, da spürte er, wie sich etwas in ihm regte. Anfangs glaubte er, Blähungen zu bekommen, aber schon beim dritten Song begriff er, dass es keine Blähungen waren, sondern dass ihm einfach ein wenig wohler ums Herz wurde.

Paul tastete nach der Fernbedienung. Er wollte die Lautstärke noch mehr aufdrehen. Doch es stand bereits auf Maximum. Da das Ding unnütz war, flog es in die nächstbeste Ecke. Seine Stimmung wurde zusehends besser, und „Can I Play with Madness“ sang er schon lauthals mit. Dass er keine einzige Note halten konnte, störte ihn nicht. Und beim fünften Song ertappte er sich, wie er die „Jungfrauen“ auf einer unsichtbaren Gitarre begleitete. Da hielt es ihn nicht mehr im Sessel und er schnellte wie an einem Gummiband hoch.

Als das Telefon klingelte, hörte er es gar nicht. Er rannte durchs Zimmer wie über eine Bühne und kugelte sich auf dem Teppich, wobei er immer noch auf der unsichtbaren Gitarre spielte und den Text mitträllerte.

Mittlerweile war es dunkel. Paul stand im Bad und rasierte sich. Die untere Gesichtshälfte war unter Schaum begraben, dennoch hatte er es sich nicht nehmen lassen, eine Zigarette zu rauchen. Sie steckte zwischen seinen Lippen und qualmte um den Schaum herum. Langsam schabte er über die Bartstoppeln. Ratsch. Schab. Ratsch. Schab. Aus dem Badlautsprecher dudelte Musik. Diesmal aber leiser.

Nach der Rasur kam sein Grinsen wieder zum Vorschein. Er hielt kurz inne und betrachtete sich im Spiegel. Dann grinste er noch ein wenig breiter und schabte weiter. Wie schnell sich alles ändern konnte! Noch vor Tagen war ich der festen Überzeugung, eine glückliche Ehe zu führen. Tags darauf verlässt sie mich, wieder einen Tag später halte ich den Schmerz kaum aus, verliere fast den Verstand, und schließlich geht es mir wieder richtig gut. Blendend sogar.

Sein Gesicht war vom Schaum befreit, und er zeigte seinem Spiegelbild kampflustig die Zähne. Dieses tat es ihm sogleich nach, und Paul lachte es daraufhin frech an. Die rasierte Haut brannte, aber das war normal. Er klatschte sich Rasierwasser ins Gesicht, jaulte wie ein Hund und musterte sich im Spiegel.

Für einen Mann in seinem Alter sah er noch ganz passabel aus. Zugegeben, sein Bauch war runder geworden, die Haut hatte ein paar Fältchen, und wenn er sich eine Woche nicht rasierte, hatte er mehr Haare im Gesicht als auf dem Kopf. Trotzdem fühlte er sich noch jung.

„Und das ist schließlich die Hauptsache“, sagte er zu seinem Spiegelbild und das schien seiner Meinung zu sein, denn es tat nichts, was irgendeinen Protest andeutete. Es grinste ihn nur frech an.

Paul spülte das Gesicht, wischte den restlichen Schaum ab, steckte seinem Spiegelbild die Zunge raus, drehte sich um und verließ das Bad.

Der Porsche brummte über die dunkle Landstraße. Es fiel Regen, aber das tat Pauls guter Laune keinen Abbruch. Fasziniert beobachtete er, wie die Tropfen auf der Windschutzscheibe der Schwerkraft trotzten und aufwärts flossen. Schon als Kind war das immer so etwas wie ein kleines Wunder für ihn gewesen. Bis er dann älter wurde und den logischen Grund begriff. Danach verlor das Phänomen etwas seine Faszination. Und bis heute Abend schien dieser Teil, den er sich tief in seinem Inneren bewahrt hatte, geruht zu haben. Es war ihm nicht bewusst gewesen, dass sich daran etwas geändert hatte. Aber vielleicht war das ja gut so. Vielleicht bewahrt ja jeder Erwachsene einen kleinen Teil seiner Kindheit in sich auf.

Nach dem Bad war er in gute Klamotten gesprungen. Die Rolex hing locker an seinem Handgelenk. Er war nicht großkotzig, er hatte nur Lust, sie zu tragen. Und er hatte sagenhafte zwei Minuten darauf verwendet, sein Haar nach hinten zu gelen wie ein Zuhälter. Es fehlte nur noch der Zopf, das Hemd offen bis zum Bauchnabel und hautenge Jeans, die einem die Eier quetschten.

Der Scheibenwischer tat träge seinen Dienst und der Motor brummte vergnügt. Die Scheinwerfer bohrten sich in die Dunkelheit und die Straße glänzte wie ein Edelstein. Hier und da hatten sich Pfützen gebildet, und Paul lenkte den Porsche mittendurch; dabei quietschte er vor Vergnügen, wenn das Wasser zur Seite spritzte.

Paul wusste, dass er für die Witterungsverhältnisse zu schnell fuhr. Doch statt zu bremsen, erhöhte er noch die Geschwindigkeit. Es erstaunte ihn jedes Mal aufs Neue, wie schnell der Wagen beschleunigte. Seine Kraft war erstaunlich. Wo holte er das nur her? Natürlich wusste er, wie viele Pferdestärken dieser Teufelsschlitten unter der Haube hatte, aber das waren nur Zahlen. Ob nun dreihundert oder vierhundert PS – die Kraft, die daraus hervorsprang, war das Faszinierende. Dieses Gefühl, wenn er das Gaspedal nur leicht durchtrat. Atemberaubend. Mit nichts zu vergleichen.

Er ließ auf der Beifahrerseite das Fenster herunter, schaltete das Radio aus und gab noch mehr Gas. Mittlerweile raste er wie ein Pfeil durch die Dunkelheit. Ein hundertachtzig Sachen schneller Pfeil. Jetzt, da das Fenster offen war, hörte er noch besser den satten Sound. Und weil der Fahrtwind an der Karosserie vorbeipfiff, klang es sogar noch um einiges besser. Zugegeben, der Wind kam gegen den Motor nicht an. Aber dennoch hörte er eine wahre Sinfonie aus herzhaftem Brummen und zierlichem Brausen.

Mit einem Mal verlor er den Kontakt zur Straße und rutschte in Richtung Straßengraben. Augenblicklich setzte sein Herz einen Schlag aus, um dann dreimal so schnell weiterzuschlagen, und er spürte einen seltsamen Druck in den Innereien, als würden seine Eingeweide nach außen gerissen. Obwohl es vorhersehbar war, dass so etwas geschehen würde, geriet er in Panik. Er spürte, dass die Räder keinen Kontakt mehr zum Asphalt hatten und nur noch über das Wasser rutschten wie die Kufen eines Schlittschuhs. Das war nicht gut. Das war ganz und gar nicht gut. Aber Paul bewies Geistesgegenwart, denn er ignorierte den Anflug von Panik und ging behutsam vom Gas. Und er beherrschte sich sogar so weit, nicht auf die Bremse zu treten, denn das wäre fatal gewesen.

Es konnte sich nur um eine Sekunde gehandelt haben. Eine einzige Sekunde von dem Augenblick an, als er den Bodenkontakt verlor bis zu dem, als er vom Gas ging. Kaum länger als ein Wimpernschlag, aber ihm kam es vor wie eine Ewigkeit. Das Gefühl zu fliegen verging nicht, und das bedeutete gewiss nichts Gutes. Groteskerweise trug er die ganze Zeit ein dümmliches Grinsen im Gesicht.

So plötzlich, wie der Kontakt zur Straße verschwunden war, war er wieder da. Sein Herz hämmerte bis zum Hals, und er bekam einen Schweißausbruch. Eine Sekunde lang verspürte er den törichten Drang, wieder Gas zu geben. Da er aber trotz allem nicht lebensmüde war, verkniff er es sich und verringerte das Tempo. Der Zwischenfall zerstörte seine gute Laune nicht, machte ihn aber vorsichtiger. Paul schloss das Fenster, schaltete das Radio wieder ein und fuhr stumm durch die Nacht. Der Motor verrichtete seinen Dienst nun nicht mehr so laut wie zuvor und schien darüber gar nicht erfreut zu sein. Allem Anschein nach betrachtete er es als seinen Job, ordentlich Krach zu machen.

Paul bekam plötzlich eine schier unbändige Lust nach einer Zigarre. Er wollte unbedingt einen aromatischen Donnerbalken zwischen den Zähnen haben. Wie lange hab ich schon keine Zigarre mehr gepafft?

Er dachte nach. Es war zehn vor elf, die Geschäfte hatten geschlossen. Aber wenn er einen Umweg von zwanzig Kilometern machte, kam er zur nächsten Tanke. Dauert höchstens ’ne Viertelstunde, so lange wird Jerome ja noch warten können, oder?

Es dauerte nur achtzehneinhalb Minuten, und er war wieder an der Abbiegung. Zwar später als erwartet, aber immer noch in einer annehmbaren Zeit. Paul setzte den rechten Blinker, bog ab und fuhr wieder in die ursprüngliche Richtung. Hochzufrieden mit seiner Leistung, saß er hinterm Steuer. Er hatte bekommen, was er wollte und fühlte sich großartig.

Der Rest des Weges verlief ohne Abenteuer. Er widerstand der Versuchung, das Gaspedal durchzutreten. Das mit der Raserei wäre vorhin ja fast ins Auge gegangen. Gott sei Dank war nichts passiert. Einen Moment überlegte er, was er antworten würde, wenn man ihn nach Jeannine fragte. Dass das geschah, war möglich, schließlich war sie ja auch eingeladen. Darüber wollte er sich jetzt aber nicht den Kopf zerbrechen.

Eine halbe Stunde später fuhr er die Einfahrt zu Jeromes Grundstück hinauf. Mittlerweile war der Regen in ein strömendes Gießen übergegangen. Was er sah, überraschte ihn: Das Haus war vom Giebel bis zum Keller mit Lichterketten behangen, sogar die Tannen waren geschmückt. Ein Meer aus roten, grünen, blauen, weißen und gelben Lichtern.

Langsam fuhr er die Einfahrt hinauf. Auf den letzten Kilometern hatte er etwas Bammel bekommen und war mehr als einmal wildentschlossen gewesen, umzukehren, heimzufahren, auf Jerome zu scheißen. Aber damit hätte er das Unvermeidliche nur hinausgezögert. Und heute konnte er es nicht nur herausfordern, sondern auch die Art und Weise wählen, wie sie es erfahren sollten.

Er ließ den Motor noch ein paar Sekunden im Leerlauf brummen. So hatte er Zeit, sich zu sammeln, tief einzuatmen und sich gegen das zu wappnen, was da kommen möge. Auf einmal kreischte eine seiner inneren Stimmen: Was zum Teufel tust du hier? Verschwinde, so schnell du kannst!

Die Stimme kam so überraschend, dass Paul zusammenzuckte – nicht nur, weil sie sich unaufgefordert zu Wort meldete, sondern auch, weil sie verdammt Recht hatte. Was, zum Teufel tat er eigentlich hier?

Noch wusste niemand, dass er hier war. Einfach zu verschwinden wäre kein großer Akt: Ersten Gang einlegen, Kupplung kommen lassen, auf der Einfahrt wenden und einfach wieder abhauen. Der Gedanke war verlockend. Aber so leicht wollte er es sich nicht machen. Das war der Weg, den Feiglinge einschlagen würden. Und er war kein Feigling. Und außerdem, was würde er damit erreichen? Nichts. Nicht die Bohne.

„Fick dich“, sagte er und knabberte an der Zigarre, die beruhigend zwischen seinen Zähnen wippte. Dann machte er erste Anstalten, sich aus dem Fahrzeug zu schälen. Den Weg vom Auto zur Eingangstür erlebte er wie in Trance.

Was zum Geier soll das? Mach, dass du wegkommst! Kauf dir ’n paar Bier, fahr heim und besauf dich ordentlich! Das ist das Beste, was du tun kannst! Hörst du denn nicht?

Anscheinend nicht, denn er spie ein giftiges: „Halt endlich dein elendiges Schandmaul! Ich sagte dir bereits, was du mich kannst. Oder?“ Mit diesen Worten drückte er auf die Klingel. Und nun glitt er auch wieder von dem tranceähnlichen Zustand zurück in die Wirklichkeit, wo er selbst Herr seiner Taten war.

Du hast noch zwei Sekunden …

„Klappe!“

Schon ertönten Schritte, und da es ohnehin zu spät war für einen Rückzug, verstummte die Stimme und verschwand dorthin, woher sie gekommen war. Paul zog den Rauch der Zigarre ein, und in diesem Moment wusste er, dass er das Richtige tat. Alle Zweifel waren weggewischt.

„Hi, Paulchen“, begrüßte ihn der Gastgeber, „schön, dass du kommen konntest.“

„Ja, ja“, murmelte Paul mit zusammengepressten Lippen. Angst und Unsicherheit waren wieder da, hatten ihn jetzt voll im Griff, als hätten sie nur kurz hinter seinem Rücken gelauert. Und beide arbeiteten Hand in Hand. Sie peinigten ihn, fesselten seine Gedanken an negative Dinge, und um ein Haar wäre er davongestürzt. Doch so schwer es ihm auch fiel – er riss sich zusammen, zog noch einmal an der Zigarre und legte ein Mir-scheißegal-Grinsen auf. Zwei Sekunden später stellte er mit Genugtuung fest, dass seinem Gegenüber vor Überraschung der Mund weit offen stand. Ungläubig starrte Jerome auf die Zigarre, die zwischen seinen Lippen wippte. Paul ließ ein paar Augenblicke in Würde verstreichen, genoss den verdatterten Blick und stand regungslos da.

„Du rauchst wieder? Ich dachte, du hast dem Tabak entsagt?“

„Wie du siehst.“

Wieder vergingen ein paar Sekunden, in denen die Männer sich schweigend gegenüberstanden. Teils lag es daran, dass Jerome von der Zigarre überrascht war, teils aber auch daran, weil Paul so lässig und selbstsicher wirkte. Das kannte man sonst gar nicht von ihm. Sonst war er ein eher stiller Typ. Aber jetzt wirkte er fast schon cool.

„Willst du mich nicht reinbitten?“

„Äh … was? Ach so.“

Während Paul an ihm vorbeischlenderte und zufrieden paffte, dachte er bei sich: Was bin ich doch für ein großartiger Schauspieler. Ich markiere hier den starken Mann, aber in Wirklichkeit mach ich mir vor Angst fast ins Hemd. Und er schickte ein Dankgebet an jeden Gott, von dem er je gehört hatte, während er zugleich darum bat, dass er nicht nach Jeannine gefragt würde.

Das Haus war groß, fast schon eine Villa. Es war von einer mächtigen Rasenfläche umgeben, die eine drei Meter hohe Mauer umschloss. Der Rasen war vereinzelt mit Sträuchern, schwarzem Holunder und Faulbäumen besetzt, und hier und da stand sogar eine Tanne. Das Grundstück war groß und prächtig, aber er war nichts im Vergleich zum Haus.

Schon im Vorzimmer ahnte der Besucher, dass sein Besitzer finanziell gut bestückt war. Direkt neben dem Eingang stand ein antikes Möbelstück, bei dem man nicht sicher sein konnte, ob es nur zur Dekoration da war oder ob man die Jacke hineinhängen konnte. Das Wohnzimmer war weitläufig wie ein Saal, aber nur spärlich möbliert. Ein großes, bequem aussehendes Sofa in der Mitte und ein riesiges Heimkino davor. Im hinteren Teil des Zimmers führte eine Wendeltreppe in den Keller, und ab da wurde es erst interessant. Den dort unten, wusste Paul, war ein riesiger Pool. Dieses Monster von einem Planschbecken erstreckte sich fast über dreißig Quadratmeter, und in der Mitte spie ein Springbrunnen Wasser nach oben. Durch Felsbrocken hatte man das Gefühl, auf den Seychellen zu relaxen. Palmen wuchsen hinauf bis zur Decke, und an die Wände war ein schier undurchdringlicher Dschungel in den sattesten Farben gepinselt. War das ein schnuckeliger Zeitvertreib! Vor allem in den kalten Monaten. Auch wenn sie dem einen oder anderen vielleicht großkotzig erschien – Jerome liebte seine Oase inbrünstig.

Paul hatte auch mal mit der Idee geliebäugelt, sich so etwas zuzulegen. Aber der Staub, der Schmutz und der Lärm der Bauarbeiten hatten ihn schnell wieder davon abgebracht. In den zwei oberen Etagen waren, wie er wusste, weitere Zimmer: das Esszimmer, zwei Schlafzimmer (eines davon für Gäste), die Kinderzimmer, die Bäder und, nicht zu vergessen, das wichtigste Zimmer überhaupt: das Arbeitszimmer. Alles war hübsch und geschmackvoll eingerichtet, aber lange nicht so spektakulär wie der Keller.

„Komm mit! Ich muss dir was Obergeiles zeigen. Mein kleiner Südseetraum ist wieder um eine Attraktion reicher!“

Paul grinste. Er wusste, was jetzt kam. In den Jahren war es fast schon ein Ritual geworden: Jedes Mal, wenn er Jerome besuchte, zeigte dieser ihm als erstes, was sich an seinem Südseetraum verändert hatte. Er platzte fast vor Stolz. Jetzt führte er ihn durch eine Reihe von Menschen hindurch (Paul kannte nicht annähernd die Hälfte) und ging zielstrebig zur Wendeltreppe. Er lief mit schnellem Schritt, und Paul hatte Mühe ihm zu folgen. Die Zigarre klemmte noch fester zwischen seinen Lippen. Er biss fast darauf. Es spendete ihm Sicherheit. Die fremden Gesichter ängstigten ihn. Es wusste, es war albern, aber er kam sich vor wie ein kleines Kind, dass in einer Menschenmenge seine Mama verloren hat.

Schließlich erreichten sie die Treppe. Auf der dritten Stufe saß ein Pärchen und knutschte; offensichtlich waren beide nicht mehr ganz nüchtern. Jerome hüstelte verlegen, und die Ertappten erhoben sich. Als Paul dann endlich sah, was Jerome ihm zeigen wollte, konnte er sich ein erstauntes „Hui“ nicht verkneifen.

Sie standen am Rand des riesigen Swimmingpools, die künstlichen Palmen im Rücken. Paul erfasste sofort, was sich verändert hatte. Guck einer an, ging es ihm durch den Kopf, Jerome ist tatsächlich ein paar Zentimeter gewachsen. Oder hob er vor Stolz fast vom Boden ab?

Jedes Haus braucht, damit es nicht wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt, Stützen. Normalerweise übernehmen diesen Jobs die Wände. Da der Keller aber fast nur ein riesiger Pool war, sah es hier unten mit Stützwänden spärlich aus. Also mussten dicke Stützpfeiler eingebaut werden. Und genau da lag der Hund begraben. Denn diese Pfeiler, so unentbehrlich sie auch sein mochten, zerstörten das Landschaftsbild. Wer will schon an einem Strand liegen, an dem ein Meter breite Betonpfeiler herumstehen? Jerome hatte schon manches versucht, sie zu kaschieren. Die Säulen waren gefliest worden, aber das gefiel ihm nicht. Er hatte Kletterpflanzen angebracht, aber auch das war nicht das Wahre. Jetzt war ihm endlich die Lösung eingefallen. Eine ziemlich geniale.

Paul Mund stand so weit offen wie ein Scheunentor.

„Sieht echt chic aus, oder?“

„Allerdings. Aber wie hast du das geschafft?“

„Einzelheiten erspare ich uns lieber. Das ist uns beiden eine Nummer zu hoch. Fachchinesisch.“

Jerome war es gelungen, um die Pfeiler herum eine Wand zu ziehen. Und nun lief auf dieser äußeren Haut das Wasser herab wie bei einem Wasserfall. Es plätscherte nur so drauflos. Und in dem entstandenen Hohlraum, also zwischen Pfeiler und Außenhaut, wurde das Wasser hochgepumpt, um wieder in den Wasserfall zu fallen. Einfach, aber genial. Jerome konnte stolz darauf sein.

Fünf Minuten später waren sie wieder oben. Paul war mit Händeschütteln und Hallosagen so beschäftigt, dass er außer Atem geriet. Sogar Menschen, denen er vorher noch nie begegnet war (und das waren nicht wenige), reichte er die Flosse. Er tat es ohne Scheu, und das überraschte ihn. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie ihm die Hände fast ins Gesicht hielten, damit er sie greifen und schütteln konnte.

„Michael ist mein Name.“

„George.“

„Angenehm. Ich heiße Vivienne.“

„Hi. Ich bin der Mark.“

„Freut mich. Ich bin der Jonas.“

Und so ging es immer weiter, die Namen purzelten nur so auf ihn ein. Eine Hand zerschnitt auffordernd die Luft und wurde gleich darauf von einer anderen abgelöst. Paul hatte längst den Überblick verloren und wusste gar nicht mehr, wer wer war. Normalerweise fühlte er sich in solchen Situationen unwohl. In einer dichten Menschenansammlung bekam er immer etwas, was man schon fast als Panikattacke bezeichnen konnte. Seltsamerweise war das hier nicht der Fall. Heute fühlte er sich nicht unwohl. Im Gegenteil, er genoss es. „Hallihallohallöle“, schmetterte er jedem entgegen und trompetete lautstark: „Paul, der bin ich“ zu jedem, der es wissen wollte.

Jetzt war Jerome wieder zur Stelle und packte ihn am Handgelenk. Er war gespannt, wo er ihn diesmal hinführen würde.

„Ich muss schon sagen, deine Feier ist gut besucht.“ Paul musste laut sprechen, um gegen das Stimmengemurmel anzukommen.

„Da hast du verdammt recht, alter Junge. Es sind fast alle gekommen, die ich kenne. Unter uns gesagt: fast schon einige zu viel für mein bescheidenes Heim. Man kann ja keinen Schritt gehen, ohne jemandem auf die Füße zu treten. Weil wir gerade davon sprechen: Wo hast du denn Jeannine gelassen? Geht es ihr nicht gut?“

Ach, du Scheiße. Was nun? Da Paul auf die Schnelle nichts einfallen wollte, stotterte er ein verlegenes „Ähm … ähm“, während er fieberhaft nachdachte. Nun war die Kacke am Dampfen. Was sollte er antworten? Du bist ein Idiot, tadelte er sich. Du hast doch gewusst, dass das kommt! Warum hast du dich nicht darauf vorbereitet? Es hätte vollauf genügt, wenn du dir irgendeine glaubhafte Ausrede hättest einfallen lassen. Und nun druckst du hier rum und weißt weder ein noch aus. Schöne Scheiße!

Während er weitergrübelte, schienen sie ihr Ziel erreicht zu haben. Jerome stoppte, und Paul hätte ihn fast umgerannt. Glücklicherweise schien Jerome nicht mehr auf eine Antwort zu warten. Etwas hatte ihn abgelenkt. Er führte sein Gesicht nah an seines heran, und einen Augenblick glaubte Paul, er wollte ihn küssen. Das war natürlich albern. Aber dennoch war er drauf und dran, ein Stück zurückzuweichen. Und da flüsterte Jerome ihm ins Ohr (und der Teufel soll mich holen, wenn da nicht eine gehörige Portion Ehrfurcht und Stolz mitschwang): „Sieh dir den Burschen da drüben an! Ich schwöre dir, der wird mal ein Großer.“

Paul tat, was von ihm verlangt wurde.

Ihm gegenüber stand ein Typ Anfang zwanzig. Fast noch ein Milchbubi. Seine Hosenbeine waren so dünn, als hätte er gar keine Beine darunter. Sein Pullover war rotschwarz kariert, dass einem die Augen schmerzten, wenn man ihn länger als zehn Sekunden betrachtete. Der magere Rest schien ebenso kräftig zu sein wie die nicht vorhandenen Beine. Nur der Kopf fiel aus der Reihe. Der war phänomenal. Wenn der liebe Herrgott am restlichen Körper gespart hatte, als es an den Kopf ging, musste er in Spendierlaune gewesen sein. Er war viel zu groß für den Rest. Die ganze Erscheinung erinnerte an eine Spaghetti, auf die man eine Wassermelone gesteckt hatte. Dazu schmückte feuerrotes Haar dieses Haupt, und in seinem Gesicht stritten sich Pickel und Sommersprossen um die Vorherrschaft. Der arme Kerl konnte einem leid tun, beendete Paul seine Schnelleinschätzung. Der Typ war ihm zuwider, und er machte keinen Hehl daraus.

„Wer ist das denn? Der sieht ja zum Fürchten aus!“

„Zugegeben, er ist ein bisschen eigentümlich, aber …“

„Eigentümlich? Ich würde eher hässlich sagen! Wenn mein Gesicht so aussehen würde, wäre ich schon längst mit dem Kopf voran in eine Kreissäge gerannt. Und der traurige Rest … da fehlen mir einfach die Worte.“

„Ich weiß ja, was du meinst. Aber schreiben kann der Bengel, Junge, Junge, du kriegst die Tür nicht zu! Der versteht es, die Leser zu fesseln!“

„Aha.“ Pauls Begeisterung hielt sich in Grenzen.

„Wenn ich’s dir sage! Ich hab sein Manuskript gefressen. Mehr als achthundert Seiten in weniger als drei Tagen. Hab kaum gepennt.“

Schon wieder kam von Paul nur ein „Aha“. Allerdings klang es jetzt anders. Er kannte Jerome und wusste, wie er tickte. Auch er, Paul, war damals von ihm entdeckt worden. Er hatte Pauls steinigen Weg zu einem Verlag geebnet. Ihm war es zu verdanken, dass sein erstes Buch gedruckt worden war. Der Erfolg mit der Schreiberei, diese Seite der Medaille, gehörte Paul selbst, aber überhaupt erst die Chance bekommen zu haben, das gehörte allein Jerome. Also musste an diesem Burschen wohl was dran sein …

„Na schön, du meinst also, er hat was auf dem Kasten, ja? Was ist denn sein Genre?“

„Fantasy. Genau wie deins.“

„Genau wie meins“, wiederholte Paul. Er konnte nicht erklären, warum, aber mochte diese picklige Bohnenstange nicht.

„Hat er schon was veröffentlicht?“

„Hat er.“

„Und was?“

Paul bekam mehr und mehr den Eindruck, dass er verarscht wurde. Warum rückte Jerome nicht mit der Sprache raus? Muss ich ihm denn alles bröckchenweise aus der Nase ziehen? Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, hierher zu fahren. Er merkte, wie seine Laune sank. Das durfte er nicht zulassen. Mit zitternden Händen führte er die Zigarre zum Mund. Schon nach dem ersten Zug beruhigte sich sein Puls.

„Er hat Vogelkind geschrieben.“

„Is nich wahr! Ehrlich?“

Diesmal war die Verblüffung echt. Mit so was hatte er nicht gerechnet. „Vogelkind“ hatte er erst vor kurzem gelesen, und er hatte nicht ohne Neid anerkannt, dass es das beste Buch war, das er seit langem gelesen hatte. Er war sogar überzeugt gewesen, selbst nie so etwas Geniales, Spannendes, Urkomisches und Ergreifendes zustande zu bringen. Das hatte er natürlich für sich behalten.

„Dein Gesicht verrät mir, dass du es kennst.“

„Na hör mal! Es ist in allen Bestsellerlisten eingeschlagen wie eine Atombombe. Es hat alles andere hinter sich gelassen.“

„Das ist noch nicht alles. Das Beste kommt noch.“ Jerome sprach hastig. „Ich hab ihn meinem Konkurrenten vor der Nase weggeschnappt. Na gut, weggeschnappt ist nicht das richtige Wort. Er wollte ihn nicht publizieren. Hat den Wert dieser Perle nicht erkannt.“

„Bei dir war das natürlich anders. Stimmt’s, oder hab ich recht? Du hast es natürlich von Anfang an gewusst, nicht wahr?“

„Zu meiner Schande muss ich zugeben, dass das nicht stimmt. Die ersten hundert Seiten mussten noch überarbeitet werden, und darum war ich auch noch skeptisch. Aber dann hat mich ein Feuer gepackt, das mich bis zum letzten Wort nicht mehr losgelassen hat. Ich war begeistert und sagte ihm noch am gleichen Tag, dass ich es nehme. Keine vier Wochen später lag es druckreif vor mir. Der Rest war Kinderkram. Ein Verlag war schnell gefunden, und das andere kannst du dir denken. Wenn ich an die Provision für die zweite Auflage denke, macht mein Herz immer noch Freudensprünge!“

„Hat er schon was Neues?“

„Jo, hat er.“

Jeromes Gesicht verriet, dass auch diese Provision saftig ausfallen würde. Und das hatte er sich auch verdient. Schließlich war es nur ihm zu verdanken, dass hier ein neuer Stern am Autorenhimmel aufgegangen war.

„Jetzt aber genug getuschelt. Ich komm mir schon vor wie eine Frau. Lass uns zu ihm gehen.“

„Genau. Nicht, dass der Kleine sich noch einsam fühlt.“

Keine fünf Minuten später waren alle drei in ein munteres Gespräch vertieft. Paul stellte ein wenig schuldbewusst fest, dass sein Gegenüber ein amüsantes Kerlchen war, Stelzenbeine hin oder her, Hässlichkeit hin oder her. Er hatte sich mal wieder vorschnell eine Meinung gebildet. Schmunzelnd dachte er an den Moment, als seine Abneigung schwand: genau da, als der junge Kollege ihm erzählte, dass er jedes Buch von ihm gelesen hatte. Und er hatte sie nicht nur gelesen, sondern war von ihnen auch inspiriert worden.

„Sie sind es gewesen, der mich in die Welt des Schreibens geführt hat. Sie haben meine Welt mit Bildern erfüllt. Sie haben meinem Leben einen Sinn gegeben. Ich bin Ihr größter Fan.“

Danach war das Eis geschmolzen. Zugegeben, der Spruch war nicht sehr originell. Aber aus diesem Mund, dessen Besitzer etwas von seinem Handwerk verstand und wusste, wovon er sprach, bedeutete es ihm schon einiges. Es war Anerkennung unter Berufskollegen. Der putzige kleine Kerl wurde ihm immer sympathischer.

„Jungs, geht doch schon mal in den Wintergarten! Paul, du kennst ja den Weg.“ Mit diesen Worten erhob sich Jerome, stapfte zur Hausbar und mixte drei Gläser randvoll mit Teufelspisse, wie er es nannte. Das Gesöff trug den Namen mit Recht. Die genaue Mixtur hatte er noch niemandem verraten. Obwohl Jerome schnell wieder zu den beiden Goldeseln zurückwollte, wurde er ständig von anderen Gästen aufgehalten. Inzwischen hatten Paul und Vincent (so hieß der Picklige) es sich auf Stühlen bequem gemacht.

„Er ist `ne Wucht, oder?“ fragte Vincent.

„Wer? Jerome? Ja, das ist er. Ohne Frage.“

Sie unterhielten sich über dieses und jenes, rauchten ein paar Zigaretten (die Zigarre war längst aufgeraucht) und quatschten, als ob sie sich seit Jahren kannten. Irgendwann gesellte sich auch Jerome wieder zu ihnen.

„Die anderen labern nur über Fußball, das letzte Golfturnier und all dieses Pipapo.“ Er brachte drei randvolle Gläser und stellte sie auf den Tisch. Und als ob er eine Schicht im Bergwerk gearbeitet hätte, ließ er sich seufzend auf einen Stuhl fallen, schnorrte eine Kippe und qualmte vor sich hin.

Paul starrte wissend auf das Glas. Vincent, der nicht so recht wusste, was da vor ihm stand, sah nur einmal kurz hin und widmete sich dann wieder anderen Dingen. In der Nase bohren, zum Beispiel.

Jerome räusperte sich, hob das Glas und setzte zu einem Trinkspruch an.

„Lasst uns trinken! Auf neue Projekte und eine allseits gute Zusammenarbeit!“

„Kreativ enorm ausgereift, Jerome!“

Auch die anderen griffen nach den Gläsern, Paul etwas widerwilliger als Vincent, aber der wusste ja auch nicht, was ihn erwartete. Fast augenblicklich wurde Vincents Gesicht kahl und weiß wie eine Wand. Paul war es beim ersten Mal nicht anders ergangen.

„Meine Fresse, was ist denn das für ’n Giftcocktail? Der ist ja teuflisch!“

„Und genauso heißt er auch: Teufelspisse.“ Jerome amüsiert sich köstlich.

„Schmeckt so, als hättest du alles reingeschüttet, was du in der Bar hast. Und zur geschmacklichen Feinabstimmung noch einen Spritzer Motoröl hinterher, was? Junge, Junge, das Zeug hat’s in sich!“

Sein Gesicht war mittlerweile von aschfahl zu feuerrot übergegangen.

„Ich hab damals das Gleiche gesagt. Allerdings erst, nachdem ich mir die Lunge aus dem Hals gehustet hatte. Dieser Schweinehund rückt mit der Mixtur nicht raus! Er hütet sie wie Onkel Dagobert den Kreuzer Nummer Eins!“

Sie stimmten in ein herzhaftes Lachen ein; sogar Vincent schloss sich ihnen an, obwohl sein Hals brannte wie Hölle.

Eine halbe Stunde später mischten sie sich wieder unter die anderen Gäste. Man erzählte, scherzte, lachte. Auch Paul amüsierte sich. Der Abend entwickelte sich entgegen seiner anfänglichen Skepsis gut. Der befürchtete Fragenmarathon über den Verbleib von Jeannine blieb aus. Aber war das so überraschend? Schließlich waren die meisten Anwesenden Fremde und die, die er kannte, schienen mit sich selbst zu tun zu haben. Nur von Jerome und seiner Frau ging ein gewisses Risiko aus. Aber die waren mit anderen Gästen beschäftigt. Nur einmal wurde es kurz brenzlig.

Als sie im Wintergarten saßen, hatte Jerome ihn nach Jeannine gefragt – und da war guter Rat teuer gewesen. Aber obwohl er diesen Augenblick gefürchtet hatte wie der Teufel das Weihwasser, reagierte er mit einer Geistesgegenwart, die ihn selbst überraschte. Es war so einfach. Er setzte einfach ein sorgenvolles Gesicht auf und sagte: „Sie fühlt sich heut Abend nicht wohl.“ Wahrlich keine brillante Ausrede, doch Jerome schien sie zu schlucken. Er bestellte ihr liebe Grüße und gute Besserung, und damit war das Ganze gegessen.

Paul versenkte gerade den Blick in den Ausschnitt einer jungen Frau. Halt, hier bedarf es einer kleinen Richtigstellung, denn diese Öffnung als Ausschnitt zu bezeichnen, wäre nicht korrekt, schließlich ging sie ihr bis kurz unter den Nabel. Wenn sie sich nach vorn beugte (wie sie es gerade tat) meinte man, ihren schneeweißen Slip zu sehen. Paul war in diesen Ausschnitt versunken. Er war mit den Augen so tief hineingeklettert, dass er Vincent, der hinter ihm stand, gar nicht bemerkte.

„Paul, hast du nicht Lust, noch ein bisschen von dieser Teufelspisse zu süffeln?“ Vincent hätte gegen eine Wand sprechen können. Amüsiert beobachtete er, wie Paul fast die Augen aus den Höhlen fielen. Als nach zwanzig Sekunden noch immer keine Reaktion erfolgte, versuchte er es noch einmal.

„He, Paul! Fahr deine Radartüten wieder ein und schlag dir deine schweinischen Gedanken aus dem Kopf! Oder willst du hier mit einer Riesenbeule in der Hose rumlaufen?“

Tatsächlich, etwas regte sich in Pauls Hose. Er starrte blitzschnell woanders hin, doch in der Eile merkte er gar nicht, dass er längst wieder in ihr Dekolleté glotzte. Was ist nur mit mir los, verdammt? Die Antwort war einfach: Er war hammergeil. Er war scharf auf diese Frau. Er wollte sie haben. Er musste sie haben. Und am besten gleich hier und jetzt. Er wollte zu ihr gehen sie und ansprechen …

Doch stattdessen tat er das einzig Richtige: Er zwang sich, in eine andere Richtung zu sehen. Und das war bei diesem Bombendekolleté alles andere als einfach. So sehr er auch wegsehen wollte, sein Blick blieb auf den Vorbau gerichtet. Und sein Denken drehte sich nur noch um eins.

Paul schüttelte den Kopf. Es half nicht. Aber zum Glück gab es ja noch die Schmetterlingbrummer-Methode, und die musste einfach funktionieren. Hinter der Frau mit dem Ausschnitt bis zur Kniescheibe stand noch eine Frau. Und sie war das blanke Gegenteil. Sie war schätzungsweise Anfang sechzig, konnte aber auch gut und gern darüber hinaus sein. Ihr genaues Alter zu schätzen war schwer, wenn nicht unmöglich. Sie war geschminkt bis zum Gehtnichtmehr. Außerdem schien sie mehr als ein dutzend Mal geliftet worden zu sein. Sie war … nun ja, untersetzt. Das Schrecklichste an ihr aber war, dass sie einen Pelzmantel trug. Ob sie Angst hatte, sich zu erkälten? Egal. Sie musste für die Zwecke genügen. Sie war perfekt dafür.

Obwohl es ihn Überwindung kostete, versuchte Paul, sich die Frau nackt vorzustellen. Anfangs kehrten seine Gedanken immer wieder zurück zu dem Wahnsinnsausschnitt. Es war, als wehre sich sein Hirn. Aber er musste es tun, schließlich war er noch immer ein verheirateter Mann, und was würde Jerome sagen, wenn er dieser Braut nachstellte, während Jeannine mit Fieber oder weiß der Geier was im Bett lag? Also versuchte Paul etwas, was unmöglich schiefgehen konnte: Er stellte sich den alten Drachen nicht nur nackt vor, sondern zog ihr einen Tanga, einen aufreizenden Büstenhalter, feuerrote Lackschuhe und eine durchsichtige Strumpfhose über die runzlige Haut.

Zugegeben, es war fies von ihm. Aber es half. Und heiligt nicht die Not alle Mittel? Außerdem, warum sollte er ein schlechtes Gewissen haben? Schließlich würde die Frau nie erfahren, wozu er sie missbraucht hatte.

„Was? Was hast du gesagt?“

„Ich wollte nur wissen, ob wir uns noch mal an die Teufelspisse wagen wollen.“

Paul überlegte kurz und fand die Idee genial. Also watschelten sie zu Jerome, damit er ihnen das Gesöff mixte.

Mittlerweile war es nach Mitternacht. Ein Großteil der Gäste war schon längst verschwunden, und so wurde es im Haus immer ruhiger. Paul und Vincent waren nur noch damit beschäftigt, einen Drink nach dem anderen zu kippen. Auch ihr Gastgeber hatte Mühe, gerade zu stehen.

„Männers“, lallte er, „einer geht noch!“

Die Luft roch nach Tabak und Alkohol und erinnerte an eine Hafenkneipe. Auf den Fliesen lagen zertretene Kippen, umgekipptes Bier trocknete neben Schnapsgläsern, und dazwischen pennte eine Schnapsleiche. Leise dudelte die Stereoanlage. Irgendein Schund. Kuschelrock, die Zweimillionste, vermutete Paul.

Sie saßen auf den Fliesen einander gegenüber, bliesen Qualm in die Luft und hatten Mühe, aufrecht zu sitzen. Die Musik stimmte Paul plötzlich traurig. Sie führte ihm die Ereignisse der letzten Tage in Erinnerung. Nun bedauerte er, was geschehen war. Zum ersten Mal bedauerte er es richtig. Er wünschte, es wäre nie so weit gekommen. Er war zwar schon vorher todtraurig gewesen, aber erst jetzt wurde ihm die Veränderung bewusst. Nichts würde mehr so sein, wie es gewesen war. Ihre Wege hatten sich getrennt; Jeannine ging in die eine und er in die andere Richtung. Der Unterschied war nur: Sie hatte diesen Weg gewählt. Seiner war ihm aufgezwungen worden. Und sie hatte die Kinder. Und was hatte er? Nichts. Scheiß auf das große Haus und scheiß auch auf den Porsche. Auf das Geld erst recht, davon bekommt sie ohnehin noch die Hälfte. Das ist alles Mist, die Familie war viel wichtiger. Nur schade, dass er das erst jetzt kapiert hatte. Jetzt, da er sie verloren hatte. Oh, wie wünschte er, das alles wäre nie geschehen!

„Paulchen, was ist mit dir? Ist was nicht in Ordnung?“ Jerome sah vom Glas auf, in seinen Augen stand Sorge. Vielleicht gab das ja den letzten Stoß. Jedenfalls konnte Paul sich nicht mehr beherrschen. Es brach aus ihm heraus.

„Sie hat mich verlassen.“

Die Worte kamen schnell über seine Lippen. Viel schneller, als er es gedacht hätte. Sie waren schon gesagt, ehe sein Mund den Befehl dazu hatte geben können.

Jerome war entsetzt. Er sah ihn fassungslos an und schien seinen Ohren nicht trauen zu wollen.

„Was? … Was? Was redest du da? Das ist doch unmöglich!“

„Ich wünschte, es wäre so. Du kannst dir nicht vorstellen, wie. Aber leider ist es die traurige Wahrheit. Sie ist weg und wird nie wiederkommen.“

„Ich glaub das einfach nicht! Ihr seid doch immer ein so gutes Team gewesen. Du willst mich verarschen, oder?“ Er sah ihn fragend an, aber der Blick, der ihn traf, verriet ihm, dass dies keineswegs der Fall war. Verlegen rutschte er hin und her und sah, dass es auch Vincent nicht wohl in seiner Haut war. Wie sollten sie sich ihm gegenüber verhalten? Vincent hatte Jeannine weder kennengelernt noch je gesehen. Er wollte etwas sagen, ihn aufmuntern. Aber wie sollte er das tun, was sollte er sagen? In einer solchen Situation war alles falsch und nichts richtig.

Ein paar Sekunden lang schwiegen die Männer.

Jerome musste das erst einmal verdauen. Sie hat ihn verlassen, ich kann es nicht fassen! Was war geschehen? Was trieb sie dazu? Warum hatte sie das nur getan? Mit Grausen malte er sich aus, wie er reagieren würde, wenn seine Frau ihn verlassen würde. Eine Welt würde zusammenbrechen, es wäre…

Paul riss ihn aus den Gedanken.

„Ich gehe. Ich hätte das nicht sagen sollen. Keine Ahnung, was ich mir dabei gedacht habe.“

„Wo willst du hin?“, fragten Jerome und Vincent wie aus einem Mund.

„Wie, wo will ich hin? Was soll die Frage? Nach Hause natürlich! Wohin denn sonst?“

„In deinem Zustand fährst du keinen Meter mehr! Nur damit das von vornherein klar ist!“

„Ja, das wäre Wahnsinn“, stimmte Vincent ihm zu, „glatter Selbstmord, wenn du mich fragst!“

„Tue ich aber nicht.“ Paul war erregt und zornig. Mit welchem Recht verbieten die mir eigentlich, heimzufahren? Ich kenne den Weg wie meine Westentasche! Ich könnte ihn blind fahren! Er machte Anstalten sich aufzurichten, aber Jerome war schneller und drückte ihn wieder zu Boden.

„He, was soll das? Lasst mich gefälligst!“ Paul war verdutzt, aber noch mehr verärgert. Jerome ließ sich davon nicht beeindrucken.

„Du fährst nirgendwohin, basta!“

„Und warum nicht?“ Paul war immer ein Trotzkopf gewesen.

„Warum nicht?“ Jerome äffte ihn nach. „Was für eine blöde Frage! Weil du sternhagelvoll bist, deshalb! Du bist so voll, dass du kaum noch gerade sitzen kannst, von Fahren mal ganz zu schweigen!“

„Na und?“ Paul benahm sich wie ein kleines Kind, das etwas will, es aber nicht bekommt. Kurz gesagt: Er wurde bockig.

„Ich sag es noch mal: Du bleibst hier. Basta.“

„Genau.“ Auch Vincent ließ wieder einen Kommentar los. Es ging ihm auf den Wecker, dass die beiden sich fast in den Haaren lagen. So sollte der Abend nicht enden. „He, Jungs“, fuhr er sie an, „haltet den Ball flach, ja? Es bringt doch nichts, wenn ihr euch die Köpfe einschlagt! Damit ist niemandem geholfen. Lasst uns lieber noch ein Weilchen hier sitzen, noch einen oder zwei heben und wieder freundlich zueinander sein. Später sucht sich dann jeder einen Platz für die Nacht. Ich für meinen Teil bin dann bestimmt so blau, dass ich sogar im Stehen penne. Was haltet ihr davon?“

Sie dachten darüber nach.

Und entschlossen sich schließlich, seinem Vorschlag zu folgen.

Jerome mixte noch ein paar Drinks, und unterdessen suchte Paul einen anderen Radiosender, der nicht alle naselang Trauermärsche spielte.

Nach dieser kleinen Meinungsverschiedenheit war die Stimmung nicht mehr die alte. Sie saßen einander gegenüber, diesmal jeder auf einem Sessel, denn auf den Fliesen war es kalt geworden. Rings um sie lagen Schnapsleichen, die so laut schnarchten wie Ochsen und gelegentlich irgendetwas lallten.

Jerome dachte mit Schaudern an den Müll, der hier rumlag und an die Stunden, die es dauern würde, diesen Saustall wieder in Ordnung zu bringen. Vincent freute sich tierisch auf den nächsten Abstecher ins Bordell. Er konnte es kaum noch erwarten. Er war schon so etwas wie ein Stammgast dort. Mehrmals in der Woche stattete er seinem Lieblingsetablissement einen Besuch ab und ließ jedes Mal nicht eben wenig Geld dort. Darum tat es ihm nicht leid. Was ihm aber leid tat (obwohl er natürlich Spaß hatte) war, dass nie Liebe mit im Spiel war. Nicht ein Funke. Es war nur ein Geschäft, einzig und allein ein Geschäft. Und das schmerzte ihn.

Paul, der mit Abstand am meisten gebechert hatte, hatte damit zu tun, nicht vom Sessel zu rutschen. Er bereute es jetzt, dass er es erzählt hatte.

„He, Paul!“

Es dauerte eine Weile, ehe die Worte sein umnebeltes Gehirn erreichten.

„Was ist los, Kleiner?“

Vincent blickte unschlüssig drein. Er überlegte, ob es böse gemeint war, entschied sich dann, dass es das nicht war und suchte nach passenden Worten. Wieder vergingen Sekunden, und dann meldete Vincent sich wieder – allerdings anders als erwartet. Statt etwas zu sagen, schnarchte er lautstark.

Paul lachte. Diese Jugend, dachte er, halten nichts mehr aus, die jungen Burschen! Mit einem fröhlichen Pfeifen zog er an seiner Kippe. Seine gute Laune war schlagartig wieder da. Er drehte sich in Jeromes Richtung und lachte.

„Ist das denn die Möglichkeit? Der pennt wie ein Murmeltier!“

Jerome hatte sich zu einer Kugel zusammengerollt. Auf den ersten Blick schien es unmöglich, so verdreht dazusitzen und dabei auch noch zu schlafen. Paul musste ein zweites Mal hinsehen. Er konnte es kaum glauben, aber es blieb so: Jerome schnuffelte tief und fest. Paul lachte ohne jegliche Hemmungen, und er hörte erst auf, als jemand hinter ihm unwirsch stöhnte. Da es aber nur ein verschlafenes Stöhnen war, machte er weiter. Irgendwann dann hatte er davon genug. Es kündigte sich bereits ein leichter Kopfschmerz an, und er erhob sich schwerfällig. Das war alles andere als leicht, weil er ziemlich betrunken war und der blöde Sessel partout nicht stehenbleiben wollte. Nach einigem Hin und Her, bei dem er es auch nicht versäumte, dem Sessel ein „Sitz!“ zu befehlen, gelang es ihm schließlich.

Den Frechdachs von Sessel zu besiegen, war aber nur die halbe Miete. Paul stand noch einiges bevor. Auf wackligen Beinen stolperte er durchs Zimmer. Er kam sich fremd vor, wie ein Einbrecher. Alles um ihn herum lag in tiefem Schlaf, und er tappte durch eine fremde Wohnung. Ein Einbrecher machte es nicht anders. Der Gedanke war so absurd und gleichzeitig so komisch, dass er schon wieder zu lachen begann. Diesmal um einiges lauter. Lange würde es nicht mehr dauern, bis er die ersten aus ihrem Delirium riss. Zum Glück gab es ein totsicheres Mittelchen dagegen: Er biss sich auf die Lippe, und der Schmerz trieb ihm sein Gelächter schnell wieder aus.

Nachdem er sich etwas gefangen hatte, trottete er weiter. Er wusste nicht recht, was er vorhatte, war sich gleichzeitig aber auch nicht sicher, ob er das überhaupt wissen wollte. Langsam schlich er an den Sessel, auf dem Jerome schnarchte und stapfte mit hängenden Schultern an ihm vorbei wie Quasimodo, der Glöckner von Notre Dame. Einen Moment dachte er, es sei sein schlechtes Gewissen, das ihn verleitete, krumm zu gehen, dann merkte er, es lag am Suff.

Was habe ich vor? Warum schleiche ich hier wie ein Dieb in der Nacht rum? Und warum zum Teufel werde ich das Gefühl nicht los, dass es mir kein bisschen gefallen wird? Pauls Unbehagen wuchs mit jeder Sekunde. Vielleicht war es ja doch so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Wer konnte das so genau sagen?

Schließlich trugen seine Füße ihn zur Hausbar. Sein Erstaunen darüber wich schnell Erleichterung. Im Gedanken hatte er sich schon bei etwas weitaus Schlimmerem gesehen. Er war überzeugt davon gewesen, den Safe plündern zu wollen. Oder, was noch schlimmer gewesen wäre, er hatte sich selbst gesehen, wie er mit Benzinkanister und Streichhölzern bewaffnet irre gackernd durch die Bude rannte. Und er hatte sich mit Jeromes Ferrari auf einen Baum zurasen sehen. Das alles wäre katastrophal gewesen; wenn es dabei blieb, die Hausbar zu plündern, konnte er das gerade noch mit seinem Gewissen vereinbaren. Und während er das noch dachte, griff er schon wie ein Schiffbrüchiger nach allem, was ihm in die Finger kam und stürzte torkelnd damit aus dem Haus.

Das Ergebnis seines Raubzuges konnte sich sehen lassen. Es war so viel, dass es an ein Wunder grenzte, dass er nicht vornüber fiel. In den Händen hielt er eine Schachtel kubanische Zigarren, drei Flaschen edelsten Whiskey und zu guter Letzt noch zwei Flaschen Rum. Ein beachtlicher Fang.

Paul entriegelte die Tür an seinem Wagen, warf alles nach hinten auf den Notsitz, hüpfte hinein und startete.

Keine fünf Minuten später fuhr er lachend durch die Dunkelheit. Sein Gelächter klang hysterisch und es war so laut, dass es sogar den Motor übertönte. Er hatte echt eine Menge gebechert, aber seltsamerweise war von seinem Rausch nicht mehr allzu viel übrig. Jedenfalls empfand er es so. Er fühlte sich so nüchtern wie seit Tagen nicht mehr. Nicht nur das versetzte ihn in Euphorie – es kam auch noch hinzu, dass er sich fühlte, als könne er mit bloßen Händen Bäume ausreißen. Glatt zwanzig Jahre jünger. Ein geiles Gefühl.

Irgendwo tief in seinem Inneren wusste ein verborgener Teil von ihm (sagen wir einfach, sein rationales Denken, okay?), dass er keineswegs nüchtern war, sondern sternhagelvoll. Und dieser tief verborgene Teil wusste auch, dass eine Menge schiefgehen kann, wenn man in diesem Zustand den Fehler beging, ein Fahrzeug zu lenken. Dieser niedliche, klitzekleine Teil hätte am liebsten laut gekreischt – wie eine Frau, der eine Spinne mit langen, eklig behaarten Beinen über den Weg läuft. Da dieser Teil nun aber nur ein niedliches kleines Bürschchen war, vollbrachte er nur ein Flüstern. Schließlich musste er gegen eine nicht unerhebliche Menge Rauschmittel und gegen fast ebenso viele körpereigene Endorphine ankämpfen, und das war für den kleinen Racker einfach zu viel. Egal, was er auch versuchte, um auf sich aufmerksam zu machen: Es reichte nicht, um bis zu Pauls Verstand durchzudringen. Was zu ihm durchkam, war nur die verräterische Stimme des Leichtsinns. Sie sprach so deutlich zu ihm, als säße sie auf seinen Schultern: Gib ruhig noch etwas mehr Gas! Los, komm schon! Oder traust du dich etwa nicht?

Und ob Paul sich traute! Er packte das Lenkrad noch fester, klemmte die Whiskeyflasche zwischen die Oberschenkel und gab Vollgas.

Wie ein Hurrikan sauste der Porsche durch die Dunkelheit. Die Geschwindigkeit wäre schon im nüchternen Zustand grob fahrlässig gewesen, da er aber alles andere als nüchtern war, war es mehr als nur wahnsinnig. Es war selbstmörderisch. Seine Reaktionen und Bewegungsabläufe waren beängstigend langsam. Um die Flasche an seinen Mund zu führen, brauchte er sagenhafte fünfundzwanzig Sekunden. Aber sein Zustand hatte trotz allem einen Vorteil: Er verschwendete weder an Jeannine noch an Jerome einen Gedanken. Einen kurzen Moment fragte er sich, wie er reagieren würde, wenn er sah, was Paul hatte mitgehen lassen. Aber das dachte er nur kurz, bevor er losgefahren war. Jetzt war auch das in weite Ferne gerückt.

Der Porsche schoss wie ein Pfeil durch die Nacht und dröhnte und fauchte wie ein Jet. Gar kein so ungewöhnliches Geräusch, wenn nicht ständig das Getriebe aufgeschrien hätte, weil er beim Gangwechsel das Kuppeln vergessen hatte. Paul litt beinahe mit dem Getriebe mit und nahm sich fest vor, es beim nächsten Mal bestimmt zu tun. Aber als es dann soweit war, war der gute Vorsatz vergessen und das Getriebe kreischte und knirschte, als hätte es Sand als Schmiermittel.

Mit einem Mal wurde es schwarz und still um ihn herum. Die Dunkelheit und Stille kamen so plötzlich, dass er erst gar nicht bemerkte, was da vorging. Als wäre er in eine andere Dimension gewechselt. Alles verschwand. Nichts war mehr da.

Schläfrig blinzelte Paul. Alles um ihn herum war grell, als säße er direkt neben der Sonne. Etwas war ganz und gar nicht so, wie es hätte sein sollen. Aber im Moment bemerkte er davon noch nichts. Er spürte nur einen ungeheuren Druck auf seinem Körper lasten, ohne zu wissen, woher er kam.

Paul schloss die Augen wieder; es war zu grell. Die gleißende Helligkeit drang sogar durch seine Lider. Es war so hell, dass er befürchtete zu erblinden.

Der Druck verstärkte sich noch etwas, aber ohne seine Herkunft preiszugeben. Ihm wurde immer unheimlicher zumute. Nur ein klein wenig stärker, und ich werde zerquetscht wie ein Insekt! Lag er? Saß er? Oder stand er? All das entzog sich seiner Kenntnis. Und das ängstigte ihn so, dass er zitterte wie ein Kind in der Dunkelheit. Paul hatte noch nie zuvor solche Angst gehabt – und seien wir mal ehrlich: Es war auch verständlich. Schließlich weiß man immer, was man gerade tut. Ob man jetzt sitzt, liegt oder steht, man weiß es einfach. Es sei denn …

Es sei denn, man ist tot.

War er das vielleicht? War er gestorben?

Seine Gedanken geisterten fieberhaft umher. Ist das möglich? Ist das möglich? He, du Idiot! Wann willst du denn deiner Meinung nach gestorben sein? Glaubst du nicht auch, dass du das bemerkt hättest? Aber ein anderer Teil seines Verstandes meinte: Was soll ich denn bemerkt haben? Denkst du etwa, der Tod kommt mit Pauken und Trompeten, um einen zu holen? Nein, der kommt lautlos und auf schnellen Sohlen, verrichtet sein Geschäft und zieht weiter zur nächsten bemitleidenswerten Seele, deren Zeit abgelaufen ist! So sieht’s aus, Alter, so und nicht anders! Also, was bitteschön, soll ich bemerkt haben?

Wie lange sann er nun schon darüber nach? Waren es Sekunden? Waren es Tage oder sogar schon Jahrhunderte? Ihm kam es vor wie ein paar Sekunden. Aber konnte er sich dessen sicher sein? Vergeht die Zeit, wenn man tot ist (vorausgesetzt natürlich, es gibt dann noch so was wie Zeit) schneller? Oder langsamer? Niemand kann das beantworten. Die, denen es möglich wäre, schweigen, denn als Leiche schwätzt man bekanntlich nicht viel.

Entgegen aller widrigen Umstände amüsierte ihn diese Vorstellung. In seiner Phantasie sah er sich in einem Eichensarg liegen, stilvoll gekleidet: schwarze, bis zur Perfektion geputzte Schuhe, in denen er sich hätte spiegeln können, tadellos gebügelter Anzug ohne kleinste Falte, und natürlich eine schwarze Krawatte. Wie sie sich mit dem Anzug vertrug! Eine Wucht. Sogar das streng nach hinten gekämmte Haar versprühte Klasse. Die Bartstoppeln waren sauber abrasiert; im Leben war es Paul nicht allzu oft gelungen, die Rasur unbeschadet zu überstehen …

Seine Amüsiertheit ging langsam über in einen Lachanfall, und genau in diesem Moment dämmerte ihm, woher der seltsame Druck kam. Er hatte seinen Ursprung direkt unterhalb seiner Schädeldecke, und durch das Lachen wurde er verstärkt. Trotzdem war es schier unmöglich, damit aufzuhören. Der Drang war einfach unwiderstehlich. Vielleicht lachte er ja auch nur aus Erleichterung darüber, noch nicht den Löffel abgegeben zu haben?

Eine Welle aus Schmerz stieg über ihn hinweg, und mit ihr stürzten Erinnerungsfetzen auf ihn ein. Sie waren klein und bruchstückhaft, aber da er ja momentan nichts anderes zu tun hatte, machte er sich daran, sie zusammenzufügen. Wer weiß, dachte er, vielleicht erfahre ich ja so, wo ich bin.

Irgendwo vor sich sah er eine Straße. Sie war asphaltiert, links und rechts mit Begrenzungspfeilern markiert und schimmerte schwärzlich. Paul sah sie deutlich vor sich, konnte aber nicht erkennen, wohin sie führte. Bäume säumten ihren Rand, aber ob sie der Grund dafür waren, dass er ihrem Lauf nicht folgen konnte, wusste er nicht. Vielleicht lag es nur daran, dass es so dunkel war.

Von irgendwoher tauchte ein Scheinwerferkegel auf und bohrte sich durch die Dunkelheit. Das Licht kam schnell näher, aber es war unschwer zu erkennen, dass es noch ein Stück entfernt war. Es war beängstigend zuzusehen, wie sich der Kegel lautlos seinen Weg durch die Dunkelheit bahnte. Wie ein Geist oder Irrlicht. Er bohrte sich durch die Dunkelheit, als wüsste er genau, wohin er wollte.

Nach kurzer Zeit gesellte sich zu dem Licht ein Brummen. Anfangs hielt Paul es für einen Bären. Aber was sollte bitteschön ein Bär mit Licht anfangen? Also verwarf er den Verdacht. Allem Anschein nach war es ein Fahrzeug.

Wieder verstrich einige Zeit.

Mit einem Mal wurde das Brummen lauter, und auch der Lichtkegel hüpfte hektisch. Was auch immer es sein mochte, es war nicht mehr weit entfernt. Plötzlich richtete der Lichtstrahl sich genau auf ihn, als nähme er ihn ins Visier. Jetzt endlich erkannte Paul, dass das Licht von zwei nebeneinanderliegenden Lampen stammte. Weil sie ihn blendeten, sah er zu Boden, ein Reflex, er tat es unbewusst. Was aber jetzt geschah, war nichts als purer Überlebenswille.

Paul riss die Augen auf. Sein Herz setzte aus. Unter seinen Füßen war Asphalt, vor ihnen war Asphalt, und neben ihnen ebenfalls. Da brauchte man keine hellseherischen Fähigkeiten, um zu wissen, wo man sich befand! Paul warf sich mit der ganzen Kraft seiner Beine nach links. Und genau das war sein Glück. Denn in diesem Moment kam das Fahrzeug herangerauscht. Obwohl Paul alle Kraft in den Sprung gelegt hatte, war es ihm, als käme er keinen Millimeter vom Fleck. Das Fahrzeug war jetzt schon gefährlich nahe. Der Fahrtwind schlug ihm wie eine Faust ins Gesicht. Und während er ihn spürte, war es ihm, als zerbrösele jeder Knochen in seinem Körper zu Mehl. Das war aber nichts im Vergleich dazu, was geschehen wäre, wenn er nur einen Wimpernschlag gezögert hätte. Jetzt erkannte er, dass der Wagen ein Porsche war. Aber es war nicht irgendein Porsche, es war sein eigener.

Wie war das möglich? Er musste sich verguckt haben. Dass er einer Sinnestäuschung erlegen war, war durchaus nicht weithergeholt, vor allem nicht nach diesem Kamikazesprung. Doch diese Erklärung akzeptierte Paul nicht. Er hatte das Kennzeichen gesehen. Alles hatte gepasst, von den Felgen bis zum Dach. Er liebte seinen Flitzer und kannte ihn wie seine Westentasche. Außerdem hatte er den Aufkleber „Stoppt Tierversuche! Nehmt Politiker!“ gesehen. Er pappte genau da, wo er sein sollte: rechts neben dem Nummernschild. Und hatte er nicht auch, als er die Luft gesegelt war, einen Blick auf den Fahrer erhaschen können? Er, Paul war es gewesen, er selbst, zweifellos. Aber wie war das möglich? Wie, zum Teufel?

Paul rollte aus, kam mit dem Rücken an einen Baum gelehnt zum Stillstand und starrte fassungslos dem Wagen hinterher. Die Bremslichter flackerten kurz auf, erloschen wieder, und dann wurde die Fahrt mit zunehmendem Tempo fortgesetzt.

„Scheißkerl, verfluchter!“, schimpfte Paul. „Wohl den Führerschein im Lotto gewonnen, was? Besoffenes Arschloch!“

Und da dämmerte ihm etwas, und er schreckte hoch.

Paul saß kerzengerade im Bett.

Jetzt war ihm endlich gekommen, was die Erinnerung ihm hatte sagen wollen: Er selbst war dieser Trunkenbold gewesen. Aber das war noch längst nicht alles. Das Schlimmste war, dass er in diesem Zustand Auto gefahren war. Benommen sah er sich um. „Wenigstens weiß ich jetzt, wo ich bin.“

Und mit diesen Worten flammte neuer heißer Schmerz in seinem Kopf auf.

Die plötzliche Helligkeit war unangenehm. Auch von ihr kamen die Kopfschmerzen, aber vor allem war der Alkohol schuld. Sein Schlafzimmer war hell, und das konnte nur bedeuten, dass es schon nach Mittag war. Paul seufzte und richtete sich auf. Der Schwindel und sein Kopf, der sich anfühlte, als wäre er zur Größe eines Medizinballes geschwollen, wollten ihn mit vereinten Kräften wieder flachlegen. Er kämpfte mit aller Macht dagegen an und schaffte es schließlich, wankend stehenzubleiben.

Das Schlafzimmer war ein Saustall: Klamotten lagen wild durcheinander, und es stank nach Alkohol und Qualm. Für den schlimmsten Gestank waren die Kotzlachen verantwortlich, die wie Pfützen auf dem Boden standen.

Mit brummendem Schädel stapfte er nach draußen. Diesmal lüftete er nicht. Er wollte nur hier raus. Mit Krachen flog die Tür ins Schloss. Paul erschrak. Und so hielt er erst einmal inne, um zu verschnaufen. Er stand auf dem Flur und hielt noch immer die Türklinke, als wäre seine Hand daran festgeklebt. Ihm war speiübel, sein Körper und sein Atem stanken bestialisch, sein Kopf dröhnte wie ein Presslufthammer, und er fragte sich, ob er den ganzen Alkohol, den er bei Jerome hatte mitgehen lassen, getrunken hatte. Die Frage war einfach zu beantworten. Dazu brauchte er nur in seinen Körper hineinhören, um zu wissen, dass er genau das getan hatte. Glauben konnte er es trotzdem nicht.

„Ich brauche ’ne Tasse Kaffee. Einen extrastarken. Einen, der mich wieder auf die Beine bringt.“

Seine Stimme klang schwach und zittrig.

Eine knappe Stunde später hatte er nicht nur eine Tasse, sondern eine ganze Kanne getrunken. Er war heiß und stark gewesen, aber Paul bezweifelte, dass er ihm nutzte. Er fühlte sich noch ebenso beschissen wie vorher. Das einzige, was sich geändert hatte, war der ständige Harndrang. Mittlerweile war er schon fünf Mal pissen gewesen, und allmählich wurde es Zeit für das sechste Mal. Schweiß lief in Bächen an ihm herunter, und nur eine Sekunde später überkam ihn eine Gänsehaut. Ihm war abwechselnd kalt und heiß, sein Hals kratzte, und seine Stimme war belegt. Nichtsdestotrotz redete er wie ein Wasserfall vor sich hin. Er laberte einfach alles nach, was ihm gerade in den Sinn kam, egal, ob es intelligent war oder Schwachsinn.

„Soso, du bist also noch Auto gefahren? Junge, Junge, Junge, was bist du nur für ein Teufelskerl! Der Kaffee ist schweineheiß. War ’ne tolle Party gestern, oder? Igitt, igitt, ich hab ja noch Kotze am Finger. Scheißegal. Zum Glück ist nix passiert …“

Da wurde ihm siedendheiß und kalt zugleich. Er erinnerte sich plötzlich, wie er sich durch einen Sprung in den Straßengraben gerettet hatte – und zeitgleich war er auch der Fahrer gewesen. Hatte das etwas zu bedeuten? Paul öffnete langsam den Mund, als ob er etwas sagen wollte, schloss ihn aber wieder und starrte in die Kaffeetasse, als stände die Antwort darin. Mit einem Mal sprang er wie von der Tarantel gestochen auf; in seinen Augen lag blankes Entsetzen. Im Hinterkopf registrierte er, dass seine Hand schmerzte, weil der heiße Kaffee, den er eben umgeschmissen hatte, darüber gelaufen war.

Wie von Sinnen sauste er aus der Küche und hastete den Flur entlang auf die Terrasse. Mit einem mächtigen Satz sprang er über die Hecke und kam neben dem Kotflügel seines Wagens zum Stehen. Der Sprint war ihm gehörig auf die Puste gegangen, und er musste erstmal verschnaufen. Aber sein Gehirn lief weiter auf vollen Touren. Es malte sich die schlimmsten Dinge aus. Was, wenn er jemanden angefahren hatte? Ihn verkrüppelt hatte? Seine Nackenhaare richteten sich auf. Vielleicht lebte dieser Jemand ja noch …? Vielleicht lag er ja noch schwerverletzt, blutend und mit gebrochenen Gliedern im Straßengraben …? Unentdeckt …? Noch immer auf Rettung hoffend, während er qualvoll und einsam starb …?

„Schluss damit!“, herrschte Paul sich an. Er war wieder bei Puste und begann den Wagen zu kontrollieren; auf allen Vieren kriechend suchte er jeden Millimeter der Karosserie ab. Er fand jedoch nichts außer einer kleinen Delle am rechten Kotflügel – und die war, da war er sicher, schon um einiges älter.

Obwohl er mit dem Ergebnis hätte zufrieden sein sollen, war er es nicht. Er setzte sich im Schneidersitz neben das rechte Vorderrad, klopfte mit den Fingern auf den Boden und dachte nach. Die Kopfschmerzen, die inzwischen so anschwollen, als starte ein Jumbo in seinem Kopf, waren in weite Entfernung gerückt. Der Boden kühlte seinen Körper aus, doch er blieb sitzen und sann darüber nach, was ihn hier herausgeführt hatte. Er sah aus, als wäre er zu einer Statue geworden; nur seine Finger bewegten sich, und seine Augen wanderten hin und her wie bei einem Träumenden. Seine Gedanken purzelten derweil durch sein Gehirn, und er lauschte ihnen beklommen.

Gut, sagten sie, der Porsche hat also keine neue Delle, Glück für dich! Aber heißt das auch, dass du niemanden angefahren hast? Erinnere dich, mein Bester! Du musstest einen mächtigen Hüpfer in den Straßengraben machen, sonst wärst du jetzt so platt wie eine Briefmarke. Vielleicht hat das ja zu bedeuten, dass es dem anderen genauso erging?

Mehr brauchte er nicht zu hören. Dieser Gedanke ließ die Sache in einem ganz anderen Licht erscheinen. Wenn es so gewesen war, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Bullen hier vor seiner Tür standen und unangenehme Fragen stellten.

„Schöne Scheiße“, sagte er sich, und wie zur Zustimmung nickte er. Er stellte das Geklopfe ein, robbte noch einmal um den Wagen herum (wer weiß, vielleicht hatte er ja beim ersten Mal etwas übersehen?), richtete sich schließlich auf und ging langsam zurück ins Haus. Seine Schultern hingen so tief, dass man meinen konnte, sie schleiften über den Boden, sein Rücken war gekrümmt wie eine Sichel, und seine Arme schlackerten bei jedem Schritt wie Götterspeise. Auch seine Beine zitterten, aber das legte sich nach wenigen Schritten.

Obwohl Paul nun schon eine Kanne Kaffee intus hatte, brauchte er unbedingt noch eine. Noch nie zuvor war sein Bedürfnis nach Kaffee so stark gewesen. Also kochte er sich die zweite Kanne des Tages.

Dreißig Minuten später ging es ihm schon besser. Der erhöhte Koffeinspiegel in seinem Körper beruhigte ihn. Langsamen Schrittes lief er durchs Haus. Zum ersten Mal fiel ihm auf, wie ruhig es hier war. Viel zu ruhig. Mucksmäuschenstill. Die einzigen Geräusche, welche die Stille unterbrachen, waren das gelegentliche Knacksen der Böden und der Möbel. Und seine eigenen Schritte. Ihr Tapsen war ungewöhnlich laut. Paul ermahnte sich, bedächtiger aufzutreten.

Die Finger seiner Rechten umfassten eine halbvolle Kaffeetasse, und zwischen denen der Linken qualmte eine filterlose Lucky. Es erstaunte ihn, wie schnell er wieder in seinen alten Trott gefallen war. Früher war er immer der Ansicht gewesen (und das war er jetzt wieder), dass nichts an den phantastischen Geschmack von Kaffee und Zigaretten herankäme. Jedes für sich war schon ein echtes Leckerli, aber gemeinsam gingen die beiden ein Duett ein, das noch um einiges besser war. Wie die zwei Stimmen einer bezaubernden Melodie gingen sie ineinander über. Da passte einfach alles. Er fragte sich ernsthaft, wie er so lange darauf hatte verzichten können.

Er schlenderte über den Flur und stimmte einen Singsang an. Sein Kopf war zum ersten Mal seit Stunden wieder frei. Er dachte kaum noch an die Fahrt mit dem Wagen und daran, was möglicherweise passiert war. Was kommen mochte, sollte kommen. Es lag nicht mehr in seiner Macht. Auch Jeannine war jetzt vergessen. Er war noch nie mit der Welt so im Reinen gewesen wie in diesem Moment.

Langsam öffnete er die Tür zum Arbeitszimmer (sein kreativer Bereich, wie er immer liebevoll sagte) und steckte den Kopf hinein. Es sah noch genauso aus, wie er es verlassen hatte. Alles lag wild verstreut herum. Außer der Palme war nichts verändert. Nur sah sie noch vertrockneter aus als zuvor.

Nachdem er alles inspiziert hatte und zu der Erkenntnis gekommen war, dass keine akute Gefahr bestand, trat er beruhigt ein. Schnurstracks steuerte er auf den Schreibtisch zu und verharrte mitten in der Bewegung. Sein Mund stand so weit offen, dass man einen Kürbis hätte hineinschieben können, und in seinem Gesicht zeigten sich tiefe Furchen. Es war nicht zu glauben. Einfach unmöglich. Oder vielleicht doch? Nein, unmöglich. Oder? Nein, nie!

Sein Gehirn ballte sich zusammen wie eine Faust, öffnete sich, ballte sich abermals zusammen und öffnete sich schließlich wieder. Es fühlte sich an, als würde es fast platzen, um gleich darauf wieder zusammenzuschrumpfen. War er einer Sinnestäuschung erlegen? Er schloss die Augen. In seinem Leben hatte er noch nicht allzu viel gebetet, doch jetzt tat er es. Obwohl er ungefähr ebenso viel an Gott glaubte wie ein Turnschuh. Er betete dafür, dass es verschwunden war, wenn er die Augen wieder öffnete.

Er wartete eine Sekunde.

Er wartete zwei Sekunden.

Dann öffnete er langsam erst das linke, dann das rechte Auge und lugte zwischen den Fingern hindurch. Es gelang ihm, ein verzweifeltes Seufzen solange zu unterdrücken, bis das rechte offen war. Denn schon als er das linke geöffnet hatte, war ihm klar, dass seine Gebete nicht erhört worden waren. Endlich löste sich die Sperre, und er setzte sich langsam in Bewegung, wie bei einem Spaziergang unter Wasser. So etwas Banales wie einen Fuß vor den anderen setzen kostete Kraft. Erschwerend kam noch hinzu, dass er mehr und mehr den Eindruck gewann, der Boden unter ihm würde wanken wie Schiffsplanken.

Ein paar Sekunden später (oder waren es Stunden?) erreichte er den Schreibtisch und kam, auf den Füßen wippend, vor ihm zum Stehen. In diesem Augenblick kam er sich vor wie ein Käfer: klein und schutzlos.

Seine Hand suchte Kontakt, machte sich eigenmächtig auf den Weg. Paul hielt den Atem an. Er war überzeugt, sich die Finger zu verbrennen, wenn sie die Oberfläche berührten. Die Sekunden, bis es soweit war, zogen sich hin wie Ewigkeiten. Innerlich wappnete er sich gegen den Verbrennungsschmerz. Er würde unerträglich intensiv und quälend sein.

Genau in dieser Sekunde berührten seine Fingerkuppen die Oberfläche, und er schrie auf. Es war noch schlimmer, als er es erwartet hatte. Aber nicht, weil es heiß war, sondern weil es vollkommen normal temperiert war. Hatte er etwas anderes erwartet? Sein Schreien ging über in leises Gelächter.

„Wie kommst dieser verfluchte Laptop zurück auf den Schreibtisch? Ich weiß doch genau, dass ich ihn vom Tisch gekickt habe! Und seitdem war ich nicht mehr hier drinnen. Wie also kommt er hier hoch?“

Er redete mit leiser, brüchiger Stimme. Und da er in dem Zimmer allein war, richtete er seine Frage an die vertrocknete Pflanze auf dem Fußboden.

Seine Finger glitten über die Tastatur hinweg und zitterten. Wer wusste, wie viele Stunden er auf sie eingedroschen und versucht hatte, einen einigermaßen brauchbaren Text aus ihr herauszuholen? An schlechten Tagen, wenn es nicht so gut lief, hatte er das verdammte Ding gehasst und an guten heiß und innig geliebt. Gott sei Dank hatte es mehr gute als schlechte Tage gegeben. All das führte er sich jetzt in Erinnerung und dennoch: Das Ding fühlte sich fremd an und schien ihm nicht mehr zu gehören. Ob das nun daran lag, dass es auf wundersame Weise den Weg zurück auf den Tisch gefunden hatte oder weil er ihm die Schuld dafür gab, dass Jeannette abgehauen war, wusste Paul nicht.

Während er noch darüber nachsann, sanken seine Finger plötzlich tiefer und drückten irgendwelche Tasten. Auch diesmal erschrak er. Ein Summen kam aus dem Gehäuse, und ein Text erschien auf dem Bildschirm.

„Aha“, flüsterte Paul etwas ruhiger. Schließlich war das etwas, was er verstand. Obwohl er zugeben musste, dass er gar nichts mehr verstand. „Bildschirmschoner also, soso.“

Wo kam der verdammte Text her? Er konnte sich weder daran erinnern, wann er den Laptop aufgehoben haben sollte noch, wann er in den letzten Tagen etwas geschrieben hatte. Obwohl ihm dies alles ein Rätsel war, konnte er nicht anders: Er musste den Text lesen.

Er hatte Mühe, die Schrift zu entziffern. Sie war viel kleiner als die, die er sonst zum Schreiben benutzte – vorausgesetzt natürlich, er war es gewesen, der den Text geschrieben hatte. Aber wer sollte es sonst gewesen sein? Wer?

Es war kalt. Viel zu kalt für die Jahreszeit. Der Wind pfiff eisig durch die dunklen Straßen, kroch in jede Ecke und Ritze, wirbelte Blätter auf und spielte damit sein Spiel. Nur vereinzelt standen ein paar Laternen auf den Straßen. Sie waren entweder kaputt oder zu schwach, um noch ihren Zweck zu erfüllen. Aber all das war unwichtig. Was einzig und allein zählte, war Jeannine und das, was sie trug.

Schon als sie um die Ecke bog (da war es noch etwas heller und nicht so kühl wie jetzt) hatte ihr Anblick ausgereicht, um bei ihm alle Sicherungen durchbrennen zu lassen. Und das, obwohl sie gar nichts Besonderes trug. Aber an einer schönen Frau sieht einfach alles atemberaubend aus. An den Füßen trug sie Stiefel, die ihr bis zu den Knien reichten; sie waren pechschwarz, und das weiße Futter schaute oben frech heraus. Ob sie eine kurze Hose trug oder einen kurzen Rock, war nicht ganz zu erkennen, denn ihre Jacke endete kurz über den Knien. Auch sie war pechschwarz, und ein Blinder mit Krückstock hätte sehen können, dass sie schon oft in der Waschmaschine gewesen war. Auf dem Kopf hatte sie eine Mütze, von der bunte Bommeln hingen wie lustige Zöpfe. Also alles durchaus normal, nichts Berauschendes. Aber, wie gesagt: Eine schöne Frau könnte auch einen zerlöcherten Kartoffelsack überziehen, sie würde einem trotzdem den Atem nehmen. Und Jeannine war eine wunderschöne Frau. Oh ja, das war sie. Sie hatte etwas an sich, das man nicht beschreiben konnte. War es dieses süße, unwiderstehliche Lächeln? Vielleicht. War es dieser tolle Körper? Dieser runde, wohlproportionierte Busen? Die herrlich prallen Pobäckchen? Die schönen langen Beine? Oder das Glitzern in ihren Augen? Man konnte sich nicht genau festlegen. Sie war einfach durch und durch eine Augenweide. Sie rannte mit den Armen wild wedelnd auf ihn zu und hüpfte auf und ab. Sogar das wirkte sexy.

Paul fand sich selbst nicht halb so anziehend. Er hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben und in ein Schaufenster geguckt, in einen Blumenladen. Dass Grün der Blumen und Blätter hatte ihn an den Sommer erinnert. Er hasste es, wenn es so kalt war. Doch Wind und Kälte waren sofort vergessen, als Jeannine auf ihn zugestürmt gekommen war. Ihm wurde nicht nur warm ums Herz, sondern auch heiß im Schritt.

Sie waren nun schon seit fast sieben Monaten ein Paar. Und in dieser Zeit war einiges passiert. Sie hatten sich gestritten, so wie es überall vorkommt, und hatten sich wieder vertragen, was auch mal vorkommt. Hatten sich geküsst und auch ein wenig am anderen herumgekrabbelt. Sie empfanden das als schön und intim, aber so richtig miteinander geschlafen hatten sie noch nicht. Trotz mancher Gelegenheiten war es noch nicht dazu gekommen. Sie ließen sich Zeit, den Körper des anderen zu entdecken. Niemand hetzte sie. Sie hatten alle Zeit der Welt für diesen letzten Schritt. Und wer weiß, vielleicht würde es ja heute geschehen? Vielleicht war ja heute der große Tag?

Das Glühen in seinem Schritt war zu einem Feuer geworden. Sein Penis hatte sich erregt aufgerichtet. Und obwohl es das natürlichste der Welt war, schämte Paul sich etwas dafür. Noch bevor sie ihn erreicht hatte, versuchte er, seinen kleinen Paul durch die Hosentasche greifend so hinzulegen, dass er nicht sofort zu erkennen war. Kein leichtes Vorhaben, schließlich ist so eine pralle Stange widerborstig. Aber Jungs in diesem Alter haben damit Erfahrung. Ihm war es schon mehr als einmal so ergangen, dass er mit den Gedanken abdriftete, meist in der Schule, weil es da ja langweilig war. Nicht selten handelte es sich um sexuelle Gedanken, in denen er sich selbst als tollen Hecht sah, der die Mädchen reihenweise abschleppte. Und wenn man dann in der Sekunde an die Tafel gebeten wird, in der man gerade ein riesiges Rohr in der Hose hat, konnte man schon schön in Bedrängnis geraten. Wohin mit dem ausgefahrenem Periskop? Draufhauen? Keine gute Idee, fällt auf und tut höllisch weh. Warten, bis er von allein wieder einschrumpft? Auch eine Möglichkeit, aber wie lange hätte er sitzen bleiben sollen? Und vor allem: Wohin mit den ganzen Sechsen, die er sich dann reihenweise einhandeln würde? Oder aber man knebelte ihn so in der Hose zusammen, dass von ihm nur noch ein Beulchen zu sehen war. Mit ein wenig Übung hatte man diesen Trick schnell raus, und Paul hatte genug Übung. Es dauerte also nicht lange, bis er ihn versteckt hatte und Jeannette entgegenlaufen konnte.

Der Schnee knirschte bei jedem Schritt. Es war schweinisch glatt und er strauchelte; dennoch konnte er es nicht lassen, ihr entgegenzustürmen und dabei wie ein Karnickel in die Höhe zu springen. Nach wenigen Sprüngen kam er vor ihr zum Stehen. Sie sahen einander in die Augen, beide außer Atem (vielleicht rauchten sie ja zu viel?) und fielen sich in die Arme. Er bewunderte ihre Schönheit und sog ihren erregenden Duft in sich ein. Jeannine ließ sich in seine Arme fallen und empfing einen heißen Kuss auf die kalten Lippen. Schlagartig wurde es ihnen wärmer.

Nachdem sie sich den Magen mit Ananaspizza vollgeschlagen hatten, gingen sie ins Kino. Auf dem Weg dorthin wären beide oft auf der Nase gelandet, hätte Paul sie und sich selbst nicht im letzten Moment abfangen können. Leider gelang das nicht immer, aber Jeannine (und das machte sie nur noch sympathischer) nahm es mit Humor. Er benötigte alle seine Kraft, und seine Muskeln schmerzten schon nach kurzer Zeit. Insgeheim verfluchte er diejenigen, die es nicht für nötig hielten, Sand oder Salz zu streuen. Jeannine schimpfte wie ein Rohrspatz über die Kälte, aber es war unschwer zu erkennen, dass es ihr trotzdem einen riesigen Spaß machte. Sie lachte und gackerte vor sich hin, und auch Paul wurde davon angesteckt.

Einige geglückte Stürze später kamen sie mit heiler Haut im Kino an. Sie lachten sogar noch, als sie längst in den Sesseln vor der Leinwand hingen.

„Wie oft bist du hingeplumpst?“

Paul sah an sich herunter, überschlug die nassen Flecken in der Hose und verkündete: „Mindestens fünfhundert Mal. Und du?“

„So an die tausend Arschrutscher waren es bestimmt.“ Das war natürlich bei beiden maßlos übertrieben.

„Weißt du, dass du mich mit deiner dicken Jacke an einen Seelöwen erinnerst?“

„Häh? Wie das denn?“

„Ja, ohne Scheiß.“ Sie lachte jetzt, und auch Paul lachte, obwohl er nicht so recht wusste, warum.

„Du hattest eine ziemliche Ähnlichkeit mit diesen Viechern! Jedes Mal, wenn du versucht hast, einen von uns wieder aufzurichten und sich deine Jacke ausbeulte, warst du ihnen wie aus dem Gesicht geschnitten. Ich weiß auch nicht, wie ich’s anders erklären soll. Haben nur noch die Stoßzähne gefehlt und der Bart.“ Ihr Lachen klang fast schon ein wenig hysterisch, und Paul stimmte mit ein, obwohl der Scherz ja eigentlich zu seinen Lasten ging. Aber das war das Schöne an Jeannette: Er wusste, dass sie nur Spaß machte und ihn hochnehmen wollte. Und darum war er ihr auch nicht böse.

Sie knutschten den ganzen Film über, und am Ende wusste keiner so genau, um was es da eigentlich gegangen war. Sie wussten noch nicht mal den Namen des Schinkens.

Paul blickte vom Notebook auf und sah traurig an die Wand. An das, was er soeben gelesen hatte, hatte er seit Jahren nicht mehr gedacht. Es war vollkommen aus seinen Gedanken verschwunden. Er hielt das für etwas Normales. Schließlich waren seitdem mehr als zwanzig Jahre vergangen. Was ihn wunderte, war, dass er das jetzt ausgerechnet auf dem Bildschirm lesen musste. Das war nun alles schon so lange her. Er wusste ja noch nicht einmal mehr, wie dieser Abend weitergehen würde. Und jetzt fand er das ausgerechnet auf dem Bildschirm. Sonderbar.

Fragen über Fragen schwirrten ihm durch den Kopf. Das alles ging weit über sein Verständnis hinaus und gab eine Menge Rätsel auf. Wann er das geschrieben haben sollte, spielte nur eine untergeordnete Rolle. Wenn man es genau betrachtete, konnte er es im Suff getan haben. Das würde zumindest erklären, warum er sich nicht daran erinnern konnte. Das klang plausibel, aber er glaubte es dennoch nicht. Etwas daran war seltsam.

Um das Rätsel zu lösen, blieb ihm nichts anderes übrig, als weiterzulesen. Aber genau das wollte er nicht. Davor hatte er Angst. Schließlich war es ja gut möglich, dass er statt Antworten noch mehr Fragen erhielt.

Er überlegte, einfach aus dem Arbeitszimmer zu verschwinden. Einfach abhauen, die Tür hinter sich ins Schloss knallen lassen und nie wieder zurückkommen. Verdammt, das war mal eine richtig gute Idee. Genau das würde er tun.

Er sah von der Wand weg, blickte zur Tür und steuerte sie an. Er spürte, dass seine Beine einen Schritt gehen wollten, doch statt ihn dorthin zu bringen, sorgten sie dafür, dass er sich auf den Stuhl setzte. Das Merkwürdige daran war, dass er es zuerst nicht bemerkte. Vor seinem inneren Auge sah er sich zu Tür schlendern, raus aus dem Haus, weg von hier, irgendwo ein neues Leben anfangen, und dann verwehte dieser schöne Traum und was blieb, war die traurige Realität.

„Langsam glaube ich“, murmelte er, „ich verliere den Verstand. Ich sehe Dinge, die gar nicht da sind.“

Seine rechte Hand ruhte auf der Tastatur und bewegte mit dem Cursor den Text. Und da seine Neugier um einiges stärker war als seine Angst, las er weiter.

Langsam fiel die Wohnungstür ins Schloss. Die Eltern schliefen bestimmt schon längst, und sie wollten sie auf keinen Fall wecken. Außerdem durften sie nicht erfahren, dass Jeannette ihren Freund zu solch später Stunde mitbrachte. Sie wusste nicht, wie sie reagieren würden. Sie kannten ihn bereits und schienen ihn zu mögen. „Aber um Mitternacht ist Zapfenstreich“, hatte ihr Vater immer gepredigt, und da duldete er keinen Widerspruch, „da liegst du in der Falle – und zwar allein!“

Bisher hatten sie sich immer danach gerichtet. Aber heute knisterte es zwischen ihnen viel mehr als sonst. Als läge etwas in der Luft. Wie Elektrizität. Sie konnten förmlich auf der Haut spüren, wie sie kribbelte und nach und nach ihr Denken übernahm. Aber auch der verrückte Abend hatte sie wohl übermütig werden lassen … Auf Zehenspitzen schlichen sie am Schlafzimmer der Eltern vorbei. Auf der anderen Seite der Tür schnarchte ihr Vater ausdauernd. Er erinnerte an einen Holzfäller, der mit einer dröhnenden Kettensäge durch den Wald saust und unschuldigen Bäumen nachstellt. Paul konnte nicht anders, er musste kichern. Jeannine fand das gar nicht drollig: Sie stupste ihn in die Seite und sah ihn scharf an. Sein Lachen war leise, konnte also unmöglich in den Schlaf dringen. Aber der Teufel ist ein Eichhörnchen. Es konnte ganz fix gehen, und ihr Vater stand schlaftrunken in der Tür. Daran wollte sie lieber nicht denken.

„Was gibt’s da zu kichern?“, wollte sie wissen, als sie ihn endlich in ihr Zimmer bugsiert hatte.

„Wie kann deine Mom nur neben so einem Sägewerk pennen? Da braucht man ja einen Gehörschutz!“

„Das hab ich sie auch schon oft gefragt. Und weißt du, was sie darauf immer sagt?“

„Nö. Woher denn?“

„Ich habe halt einen festen Schlaf. Ist sie nicht süß? Sie liegt da, mausetot, und nennt das einen festen Schlaf! Man könnte sie mitsamt Bett auf die Straße stellen, sie würde keinen Furz davon mitkriegen und fröhlich weiterpennen. Ich springe bei jedem Geräusch aus dem Bett wie von der Tarantel gestochen, und sie schläft neben einem startenden Jumbo. Manchmal glaub ich echt, ich bin im Krankenhaus vertauscht worden!“

„Du glaubst ihr nicht, oder?“

„Ich hab dich nicht mit hergebracht, um über meine Familie zu quatschen.“

„Hört, hört. Warum bin ich denn hier?“

„Was für eine blöde Frage. So halt, aus irgendeinem Grund … Und weil ich Lust dazu hatte. Es war ein schöner Abend, heute. Und ich will noch nicht allein sein.“ Ihre Stimme klang sanft, noch sanfter als sonst.

„Ja, es war ein wundervoller Abend“, stimmte Paul mit der gleichen Säuselstimme zu. Und da er nicht wusste, was er sonst hätte sagen sollen, blickte er sich im Zimmer um. Wie schaffen es hübsche Mädchen nur immer, einen Mann fusselig und sprachlos zu kriegen? Hat darüber noch niemand eine Doktorarbeit geschrieben? Obwohl er nun schon ein paar Male hier gewesen war (am helllichten Tag, wohlgemerkt), tat er jedes Mal so, als wäre es das erste Mal. Jeannine fand das süß.

Paul bewunderte die Poster an der Wand. Er hatte noch nie ein Mädchen kennengelernt, das The Police oder die Beatles an der Wand hängen hatte. Allerdings konnte er die Mädchen, die er bislang näher kennengelernt hatte, an einer Hand abzählen. Aber sonst war es in diesem Zimmer nicht anders als in jedem anderen Zimmer in dieser Zeit. Außer vielleicht, dass Jeannine darin lebte, das Mädchen seiner Träume. Sie beschnupperten sich zwar noch immer gegenseitig, aber Paul glaubte fest daran, dass diese Liebe, ihre Liebe, ein Leben lang halten würde.

Ihr Zimmer war spärlich ausgestattet. In einer Ecke eine Couch, daneben ein Sessel, ein Bett und ein Schrank, und das war es auch schon. Kaum der Rede wert, würde man heute meinen, wo in fast jedem Zimmer ein Computer, ein DVD-Player, eine Stereoanlage und ein Fernsehgerät stehen. Aber für Paul war es etwas Besonderes. Hier verströmte alles ihren Duft. Und er liebte diesen Duft. Er war so schön blumig und erregend, und am liebsten würde er …

„Magst du was trinken? Ne Coke oder so was?“

„Oh ja, `ne Cola wäre echt klasse.“

Jeannine schlich aus dem Zimmer. Paul hockte sich auf das Bett. Ihm taten die Beine weh, am schlimmsten schmerzten die Ellenbogen.

Nach wenigen Sekunden kam Jeannine zurück. In den Händen hielt sie zwei Colaflaschen und eine Schachtel Zigaretten. Und in ihrem Gesicht stand etwas, was er noch nie zuvor an ihr wahrgenommen hatte. Dass es Lust war, sollte er erst später begreifen.

Sie setzte sich neben ihm auf das Bett und reichte ihm eine Flasche und eine Zigarette. Die Matratze ächzte kurz unter dem Gewicht ihrer Körper. Ihre Nähe tat ihm so gut. Er liebte sie, das stand außer Frage. Er roch den Duft ihrer Haare und schmeckte sogar noch ihren letzten Kuss auf seinen Lippen.

Paul war erregt. Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Er wusste nicht, was er tun sollte. Einerseits war er spitz wie ein Seemann nach monatelanger Fahrt, aber andererseits wollte er sie nicht durch irgendwelche unbedachten Aktionen überfahren. Schließlich wusste er nicht, wie sie darauf reagieren würde. Wenn er Pech hatte, schmiss sie ihn in hohem Bogen aus der Wohnung. Wenn er aber Glück hatte …

„War ein schöner Abend, heute Abend.“ Sie schien sich einen Jux daraus zu machen, immer die Hälfte zu wiederholen. Vielleicht wollte sie auch nur die Stille unterbrechen, die sich einzuschleichen drohte.

„Oh ja. Das war er, dieser Abend.“ Allem Anschein nach war es ansteckend.

Und da war sie wieder, diese Stille. Nichts Besonderes, ruhige Momente kamen immer wieder vor, sogar mit Jeannine, die für ihr Leben gern quasselte. Manchmal ist Ruhe ja sogar erwünscht. Aber in diesem speziellen Fall war sie es nicht. Hier war die Stille erdrückend. Sie musste unterbunden werden, bevor sie etwas zerstören konnte.

Paul kratzte sich am Hinterkopf, und Schuppen rieselten wie Schnee herunter. Er schämte sich deshalb, konnte aber nichts dagegen tun. Egal, was er alles schon ausprobiert hatte: die Schuppen blieben. Eine schwache Schamesröte kroch ihm ins Gesicht. Jeannine störte sich nicht daran. Sie fand es sogar süß, vor allem, wenn sein Gesicht so schlagartig die Farbe wechselte. Dann sagte sie immer: „Ach Paulchen, ich glaube fast, dir rieselt der Kalk aus dem Hirn.“ Sie lachte jedes Mal, wenn sie es sagte. Diesmal schwieg sie.

Sie schnippte mit den Fingern gegen den Hals der Flasche, beobachtete, wie die Kohlensäurebläschen die Oberfläche durchbrachen und trank einen Schluck. Auch für sie war die Situation ungewohnt. Sie war so schweigsam; das kannte sie sonst gar nicht von sich. Das Eigenartigste aber war, dass sie sich noch mehr zu ihm hingezogen fühlte als sonst. Sie war hibbelig und spürte so einen seltsamen leichten Druck in der Magengegend, der aber keineswegs unangenehm war. Sie verzehrte sich nach ihm und hatte eine schier unbändige Lust, ihn zu berühren und sich von ihm berühren zu lassen. Doch auch sie steckte in der Zwickmühle, haargenau in der gleichen, die Paul plagte. Auch sie wollte die knisternde Atmosphäre keinesfalls zerstören.

Nach ein paar Hin und Her hatte sie sich zwei Möglichkeiten ausgedacht. Zugegeben, sie waren vielleicht nicht originell, aber sie wollte es jetzt sofort und nicht noch minutenlang wie die Katze um den heißen Brei herumschleichen. Sie hatte also die Qual der Wahl. Die eine Möglichkeit war ein kleiner privater Striptease, nur für ihn. Das hatte bei ihren Exfreunden immer hingehauen. Und wie das hingehauen hatte! Oder aber sie wählte die zweite Möglichkeit. Sie würde wesentlich länger dauern, aber todsicher zum Erfolg führen: Schmusen, Küssen, Streicheln. Das ganze Programm. Und dann, wenn er nicht mehr imstande war zu protestieren, ihm die Hose öffnen und den kleinen Paul aus seinem Gefängnis befreien. Es würde das erste Mal sein, dass sie ihn in den Händen hielte. Wie er wohl aussah? Durch die Hose hindurch jedenfalls hatte er sich immer ziemlich gut angefühlt … Wollen mal sehen, was er so zu bieten hatte! Sie würde ihn in die Hand nehmen, ihn sanft streicheln und wer weiß, vielleicht hauchte sie ihm ja auch einen kleinen Kuss darauf? Das hatte sie bisher noch nie getan.

Jeannine entschied sich für Letzteres und atmete gerade noch einmal tief durch, als Paul plötzlich aufstand und sagte: „Ich glaube, ich muss jetzt gehen. Sehen wir uns morgen?“

Statt einer Antwort gab sie ihm etwas anderes. Diesmal wollte sie ihn nicht gehen lassen! Also warf sie alle ihre Bedenken über Bord und machte sich daran, seine Hose aufzuknöpfen. Vor Überraschung sperrte Paul den Mund weit auf, aber noch ehe er etwas sagen konnte, hatte sie ihn mit einem langen, erregenden Kuss verschlossen. Vielleicht fürchtete sie ja, er wollte protestieren. Damit aber war Jeannine auf dem Holzweg. Sie ahnte nicht, dass auch er an diesem Abend mehr wollte. Aber er war zu schüchtern, um es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Vielleicht war es auch Feigheit, wer weiß. Jedenfalls hatte er sich am Ende nicht genug Chancen ausgerechnet und hatte daraufhin heimgehen wollen, um sein Bedürfnis bei einer anderen Freundin, der Marie Faust, zu befriedigen. Die würde ihn nie für einen Schlappschwanz halten, weil die Pistole vielleicht zu schnell losfeuerte. Und das war zweifellos ein unschlagbarer Vorteil. Diese Befürchtung kam nicht von ungefähr. Das war echt ein Problem; das verdammte Ding war meist schon fertig, da hatte er noch gar nicht richtig losgelegt …

Paul war angenehm überrascht. Gerade entwickelte sich das, was er nicht zu hoffen gewagt hatte. Ohne an etwas zu denken, erwiderte er die Berührungen, und das erstaunte wiederum Jeannine. Bislang war er immer schüchtern und zurückhaltend gewesen, doch in diesem Moment schien er eine Wandlung um hundertachtzig Grad zu vollziehen. Wie ein Wirbelwind, aber zugleich unendlich zärtlich, glitten seine Hände über ihren Körper hinweg, waren in einer Sekunde hier und in der nächsten schon wieder woanders. Vor Wonne und Überraschung seufzte sie leise, und Paul drückte seine Lippen noch etwas fester auf ihre Lippen.

Ehe sie wusste, wie ihr geschah, war sie wie eine Kartoffel aus ihrem Pullover und der Jeans gepellt. Der Anblick ihres fast nackten Körpers machte Paul rasend. Er wollte sie haben, nein, er musste sie haben, unbedingt! Jetzt, sofort! Trotzdem stand er nur langsam auf und zog sich aus. Er zog alles aus. Alles, bis auf den Slip.

Den Bruchteil einer Sekunde später war er wieder bei ihr, küsste ihren Mund, und seine Hände wanderten über ihren weißen Büstenhalter, strichen über das weiche Fleisch darunter und kniffen zärtlich in die prall aufgerichteten Nippel. Aus seinem Mund drang ein Stöhnen. Noch nie war er so aufgeregt und gleichzeitig so Herr der Lage gewesen wie jetzt. Noch ehe sie seine Hände richtig genießen konnte, waren sie auch schon wieder woanders. Sie wollte protestieren, wollte sie dort haben, wo sie eben noch gewesen waren. Aber noch ehe sie den Verlust bedauern konnte, fühlte sie sie wieder: Sie machten sich am Verschluss ihres BHs zu schaffen. Ein kurzes Schnapp, und er war auf.

Plötzlich lagen ihre weichen Brüste in seinen warmen Händen. Es ging schneller, als sie es registrieren konnte. Er hielt sie fest, aber nicht zu fest, umschloss sie mit den Fingern, und sein Daumen rieb ihre Brustwarzen. Diesmal seufzte sie nicht; die Gefühle waren zu intensiv. Die Küsse wurden stürmischer, wilder, hemmungsloser.

Paul drückte sie mit seinem Gewicht nach hinten. Sie lag auf dem Bett, nur ihre Füße berührten noch den Boden. Rasch zog er erst ihr und dann sich selbst den Slip aus. Dabei hüpfte ihr sein Penis entgegen. Er war prall und steif und pulsierte.

Nun spreizte er sacht ihre Beine, und sie schloss voller Verlangen ihre Augen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, ihr Atem ging so schnell, als hätte sie eben einen Hundertmetersprint hingelegt, und Unterleib und Brüste kribbelten erwartungsvoll. Sie wollte ihn haben, wollte ihn in sich haben, tief in sich spüren. Sie verging fast vor Lust.

Es verrann eine Sekunde.

Es verrann eine zweite Sekunde, und noch immer spürte sie ihn nicht.

Und plötzlich geschah es. Ihre Schamlippen wurden auseinandergepresst. Zischend zog sie die Luft ein, obgleich er längst nicht so groß und ausfüllend war, wie sie es erwartet hatte. Irritiert öffnete sie die Augen. Warum fühlte er sich so klein und weich an? Er hatte doch eben noch viel größer ausgesehen!

Das erste, was sie sah, war die Zimmerdecke. Dort hätte Pauls Oberkörper sein sollen, aber er war es nicht. Sie blickte an sich herunter, und in diesem Augenblick durchflutete sie eine bis dahin unbekannte Erregung. Was sie sah, übertraf alles. Sie sah seinen Kopf zwischen ihren Oberschenkeln. Und sie fühlte den heißen Atem an ihrer Scham und seine Zunge, die sich so tief wie möglich in sie hineinbohrte. Noch bevor sie merkte, wie ihr geschah, war sie wieder draußen und glitt feucht und heiß zwischen ihre Lippchen. Sie flatterte in ihrer Scham wie ein Insekt im Glas. Ihre Muschi begann zu glühen. Er küsste sie, leckte sie, wo sie noch nie zuvor geküsst oder geleckt worden war. Er leckte sie nicht nur, nein, er schleckte sie wie Eis. Ihr blieb gar nichts anderes übrig, als den Kopf im Kopfkissen zu vergraben. Wenigstens soweit hatte sie sich noch unter Kontrolle.

Und wieder drang seine Zunge in sie ein; er raubte sie ihr und schenkte sie ihr gleich darauf wieder. Gierig wanderte sie durch ihr zartrosa Fleisch. Er teilte es, knabberte zärtlich daran und fühlte die Geilheit an seinem Kinn hinunterlaufen. Der Geschmack ihrer Weiblichkeit und Geilheit machten ihn so wild wie einen tollwütigen Köter, und er leckte alles gierig auf. Und davon wurde Jeannine nur noch geiler und sie spreizte die Beine, um ihn noch näher an sich heranzulassen.

Als es ihr endlich kam, war es wie eine Erlösung. Sie kreischte in ihr Kissen, das sie an ihr Gesicht pressen musste (ob ihre Eltern nun wach wurden oder nicht, interessierte sie nicht die Bohne). Ihr Körper spannte sich, das Brennen in ihrer Muschi glich einem flammenden Inferno, und mit der freien Hand klopfte sie wie von Sinnen auf die Matratze ein.

Unendlich erleichtert, dass die süße Folter endete, seufzte sie matt.

Paul belehrte sie eines Besseren. Denn es war noch nicht vorbei. Jeannine hatte bereits die Augen geschlossen und war schon fast eingeschlafen, als er plötzlich und unerwartet in sie eindrang. Auch er war geil, geiler als je zuvor.

Die Härte drang so schnell in sie ein, dass sie augenblicklich putzmunter wurde. Sie stemmte sich seinen Stößen entgegen und bewegte sich mit jeder Sekunde schneller und fordernder. Das Quietschen des Bettes war mittlerweile gefährlich laut geworden. Aber all das hatte keine Bedeutung. Nichts hatte momentan eine Bedeutung außer Sex. Die Lust aufeinander hatte alle Vorsicht verdrängt, und es grenzte schon an ein Wunder, dass ihre Eltern noch immer nicht in der Tür standen …

Schon nach wenigen Stößen kam es ihm, und er ergoss sich in ihr. Sein Orgasmus war wie eine Befreiung nach einer langen Gefangenschaft. Sämtliche Kraft verschwand augenblicklich aus seinem Körper.

Noch bevor seine Arme gänzlich weich wurden, rollte er sich von ihr. Paul atmete schwer, und seine Haut war bedeckt von Schweißperlen. Noch immer hatte er den Geschmack ihrer Weiblichkeit auf den Lippen.

Jeannine drehte sich langsam zu ihm. Die Trägheit ihrer Bewegungen deutete darauf, wie schlapp sie war. Paul registrierte es nicht ohne Stolz. Mühsam hob sie den Kopf und musste ihn sogar mit der Hand abstützen. Und ihre andere Hand glitt langsam über seinen Bauch, verwischte den Schweiß und verharrte schließlich auf seiner Brust. Jetzt konnte sie fühlen, wie sein Herz galoppierte. Paul beobachtete jede ihrer Bewegungen.

„Was hast du nur mit mir angestellt?“

„Hätte ich das nicht tun sollen?“ Seine Stimme klang unsicher.

„Quatsch. Es ist nur …“ Sie überlegte kurz. „Es ist nur so: Sonst bist du immer so schüchtern. Und mit einem Mal“, sie musste noch einmal innehalten, „mit einem Mal ist das alles vergessen, und du besorgst es mir. Einfach so, ohne einen Funken Unsicherheit. Hast mich einfach gepackt und meine Muschi geleckt. Junge, Junge, ich muss schon sagen, du erstaunst mich immer wieder!“ Mit diesen Worten ließ sie sich nach hinten fallen, drehte sich zur Seite und fingerte an ihrer Hose rum, die achtlos neben dem Bett lag.

Paul beobachtete ihre Bewegungen. Er bewunderte ihre makellose weiße Haut, sah, wie ihr das Haar über die Schultern fiel und auf die Matratze floss. Ihr Rücken war bezaubernd schön. Als sie neben ihm lag, wurde ihm klar, wie verrückt er nach ihr war. Seine Hände glitten an ihrer Wirbelsäule hinunter, verharrten am Poansatz, fühlten die weiche, weiße Haut dort und kneteten die prallen, knackigen Bäckchen. Ihr nackter Körper erregte ihn bereits von neuem. Doch noch ehe er irgendwelche Anstalten machen konnte, erneut über sie herzufallen, drehte sich wieder zu ihm. Sie hatte zwei Zigaretten aus der Hose gefischt und schob ihm eine davon in den Mund. Sie glimmten sogar schon; sie musste sie eben angezündet haben. Die andere behielt sie selbst. Hm, das tat gut.

„Jetzt aber mal im Ernst: Du weißt, dass du nicht mein erster warst und ich weiß, dass ich nicht deine erste war. Das haben wir ja alles längst ausbaldowert. Wie aber hast du es geschafft, das hinter deiner Schüchternheit zu verstecken?“

„Was denn?“

„Frag nicht so scheinheilig. Du weißt genau, was ich meine.“

„Nein, weiß ich nicht.“

„Ich meine, dass du so ein Tiger bist. Und das bist du. Was du da mit deiner Zunge gemacht hast, grenzt ja fast an Wahnsinn. Du hast mir fast das Hirn rausgelutscht. Echt affengeil. Du bist eine richtige Sexmaschine. Die obendrein noch eine geile Schlabberzunge hat.“

„Ich hab dich überrascht, wie?“

„Das kannst du laut sagen! Meine Muschi tropft noch immer wie ein Wasserhahn.“

„Ich kann auch nichts dafür. Du machst mich einfach verrückt …“

Mit einem Mal begann Paul zu heulen. Es war kein stilles Wimmern, es war richtig laut. Er heulte Rotz und Wasser. Der Text, der von ihm geschrieben worden war (nur er konnte ihn geschrieben haben, obwohl er sich nach wie vor nicht daran erinnerte), führte ihm etwas vor Augen. Er hatte einen Grund gefunden, warum sie ihn verlassen hatte. Sie hatten zwar noch hin und wieder Sex gehabt, zwar lange nicht mehr so viel wie früher, aber so richtig Spaß hatte es beiden nicht mehr gebracht. Das aber war bei weitem nicht das Schlimmste. Schließlich geschah das in jeder längeren Beziehung. Das Schlimmste war, dass er sich keine Mühe mehr gegeben hatte, und das wer weiß wie lange schon. Es war zwar dann und wann noch zum Beischlaf gekommen, aber ohne Vorspiel, ohne Zärtlichkeiten, ohne Aufregung. Er hatte es einfach runtergespult wie ein Pflichtprogramm. Kein Spaß, keine Spontanität, kein gar nichts. Eigentlich grenzte es schon an ein Wunder, dass sie überhaupt hin und wieder Sex gehabt hatten – vor allem deshalb, weil Frauen zärtliches Kuscheln und Schmusen brauchen wie die Luft zum Atmen.

Trotz dieser negativen Erinnerungen zwang er sich, mit eiserner Miene und zusammengebissenen Zähnen weiterzulesen. Und die Tränen rannen ihm dabei nur so die Wangen hinunter.

Ich liebe Dich!!!!!!!

Das stand dort geschrieben, und es war so ziemlich das Letzte, was er entziffern konnte. Denn der Text entwickelte sich nun zu einem Kauderwelsch. Er bestand nur noch aus sinnlos aneinander gepressten Buchstabenreihen, und wenn man es lesen wollte, ergab es beim besten Willen kein Wort.

„Bestimmt ist der Alkohol daran schuld“, murmelte Paul.

Er fuhr den Text mit dem Cursor bis zum Ende hinunter. Und je weiter er kam, umso unverständlicher wurde er. Schließlich gab er es auf, feuerte das Notebook erneut zu Boden und stürmte schreiend und heulend aus dem Zimmer.

Kapitel 3

3. Kapitel

„Paul, kommst du mit in den Club? Du hast dich ja schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr sehen lassen!“

Er stand auf dem Flur, hielt den Telefonhörer in der einen Hand und eine glimmende Kippe in der anderen. Sein Kopf brummte, und seine Finger schmerzten. Aber diesmal kam das Kopfweh nicht vom Alkohol, sondern war ein Produkt geistiger Arbeit. Seit dem Tag, an dem er die Kontrolle über sich und seine Handlungen verloren hatte, hatte er keinen Tropfen mehr angerührt. Seine Hände zuckten und kribbelten noch vor Anstrengung. Er hatte mit ihnen wie eine Berserker auf die Tastatur eingehämmert, aber nicht vor Wut und Raserei, sondern weil sprudelnd wie ein Wasserfall ein Text aus ihm herausgeprescht kam. Noch vor drei Minuten hatte er am Schreibtisch gesessen, so in seine Arbeit vertieft, dass er das Klingeln des Telefons fast überhört hätte. Erst beim zwanzigsten Mal drang es zu ihm durch

Während er so dastand, kam er sich vor wie ein Fremder in der eigenen Haut. Er hatte keine Ahnung, wovon der Kerl am anderen Ende der Strippe faselte. Er wusste weder wer es war noch, um was für einen Club es sich handelte. Da er aber nicht wie ein Idiot dastehen wollte, schwieg er. Für den Anrufer schien das nichts Ungewöhnliches zu sein.

„Lass mich raten! Du arbeitest an einem neuen Buch. Stimmt’s, oder hab ich recht?“

„Ja.“

Jetzt war er überrascht. Ja, er arbeitete an einem neuen Buch. Oder zumindest an einer neuen Geschichte, vielleicht wurde ja später ein Buch daraus. Er musste erstmal schauen, wie sich das alles entwickelte. Insofern hatte der Anrufer recht, und das hieß, dass er den Störenfried schon länger kannte. Es ging ihm fast immer so, wenn er ein neues Projekt anfing: Wenn eine Idee, die noch in den Kinderschuhen steckte, ihn in ihren Bann zog, konnte er den Eindruck erwecken, an Alzheimer erkrankt zu sein.

„Hab ich’s mir doch gedacht“, fuhr der andere fort. „Dann leidest du immer ein bisschen unter Gedächtnisschwund.“

Jetzt dämmerte es Paul langsam. Der Anrufer konnte nur den Tennisclub meinen. Und nun, da ihm ein Licht aufgegangen war, wurde ihm bewusst, dass er schon lange nicht mehr gespielt hatte. An Lust mangelte es ihm nicht, aber momentan war einfach keine Zeit dafür.

„Tut mir echt leid. Momentan sieht’s schlecht aus. Ich stecke bis zum Hals in Arbeit. Hab ’ne echt phänomenale Idee, sag ich dir. Das wird der Reißer, der Reißer schlechthin.“ Sein Erzähltempo hatte sich nun verdoppelt.

„Mensch, du bist ja hin und weg! Ich wünschte, ich wäre nur halb so arbeitsgeil wie du. Aber leider, leider … egal, sei’s drum. Ich wünsche dir gutes Gelingen! Und falls du noch Lust bekommst, ein paar Bälle zu schmettern: Du weißt ja, wo du mich finden kannst.“

Er verabschiedete sich und legte auf. Paul hatte versprochen, sich bei ihm zu melden. Jetzt, da das Gespräch beendet war, merkte er erst, dass er keinen Schimmer hatte, wer der Kerl nun war. Egal. Fröhlich pfeifend schlenderte er zurück ins Arbeitszimmer, setzte sich wieder an den Schreibtisch und war nur wenige Sekunden später wieder weggetreten. Die konzentrierte Stille wurde nur unterbrochen, wenn er einen Satz vor sich hinmurmelte, bei dem er sich nicht sicher war, wie er aufgebaut sein sollte. Wenn er ihn hörte, war es oft anders, als wenn er ihn nur stumm las.

Während er angestrengt arbeitete, wiederholte sich in seinem Kopf noch einmal das Geschehen, als er das Notebook zu Boden geworfen hatte und er heulend aus dem Zimmer gestürmt war. Paul registrierte davon nichts. Es geschah in seinem Unterbewusstsein. Es waren nur Bruchstücke, die, noch ehe sie bemerkt werden konnten, weggespült wurden. Weggespült von der Begeisterungswelle, die sein neues Projekt in ihm auslöste.

Noch bevor der Laptop auf den Boden geschlagen war, war er aus dem Zimmer gerannt und wie ein Wirbelwind durch das ganze Haus gefegt, durch das Wohnzimmer, das Schlafzimmer, die zwei Bäder, die Gästezimmer und sogar durch den Keller. Er warf alles um, was ihm vor die Füße kam: Sessel, Stehlampen, Stereoanlage. Er hob es auf und pfefferte es gegen die Wand. Als ob die Dinge an alledem Schuld trügen. Selbst ein Orkan hätte nicht mehr Schaden anrichten können. Die einzigen Dinge, die blieben, wo sie waren, waren zu schwer für ihn. Und dabei schrie er. Er machte einen Lärm wie zehn startende Düsenjets zusammen. Er schrie sich die Lunge aus dem Hals. Das Kratzen in seiner Kehle und das Kreischen in seinem Ohr waren unerträglich. Aber er konnte einfach nicht aufhören. Eine blinde Zerstörungswut hatte ihn gepackt.

Irgendwann dann sackte er in sich zusammen und blieb liegen, wo er war. Er hatte Schuldgefühle, weil er dem Zerstörungsdrang nachgegeben hatte. Gleichzeitig aber war er auch froh darüber. Vielleicht war es das einzig Richtige, was er hatte tun können? Denn nach der Hysterie fühlte er sich besser, viel besser als zuvor. Als wäre damit alles herausgeschleudert worden, was nicht gut für ihn war. Alles, was wie Gift auf seiner Seele lastete. Er war wie ein Vulkan, in dem es zunächst bedrohlich zischt und brodelt, und der schließlich, wenn der Ausbruch stattgefunden hat, wieder still und friedlich daliegt. Seine Stimme war heiser geschrien, und sein Kopf fühlte sich an wie ein Amboss, auf den stundenlang eingedroschen worden war – aber er fühlte sich großartig. Ihm tat alles weh, und seine Knochen schienen alle verdreht und verleiert zu sein, aber er fühlte sich großartig. Seine Muskeln waren schwabbelig wie Wackelpudding und wurden von Krämpfen geschüttelt, aber er fühlte sich großartig.

Schwerfällig wie ein Greis richtete er sich auf, und sofort explodierte eine neue Schmerzwelle in seinem Kopf und Körper. Er quittierte es mit einem triumphalen Gelächter. Es klang wie das Siegesgeschrei eines Kriegsherrn, der nach jahrelangen blutigen Kämpfen endlich siegreich heimkehren kann.

Als er auf seinen Beinen stand, wirkte er wie ein neugeborenes Fohlen. Seine Beine knickten unter seinem Gewicht ein, und seine Arme wirbelten mal haltsuchend, mal ekstatisch durch die Luft. Alle diese Bemühungen begleitete er mit einem hysterischen Gelächter, das mit jeder Sekunde verrückter wurde. Langsam, als ginge er über dünnes Eis, lief er zur Küche. Obwohl es ihm Schwierigkeiten machte, lief er weiter. Irgendwann bekam er sogar den Eindruck, die Schmerzen würden nachlassen, das Brummen im Kopf verschwinden, die Muskelkrämpfe sich lösen. Aber wer weiß, vielleicht gaukelte ihm das sein Gehirn nur vor, weil es überlastet war?

Er öffnete die Kühlschranktür, schauerte kurz, als die herausströmende Kälte zu Boden fiel und seine Beine umspülte und griff beherzt hinein. Seine Bewegungen waren bereits flüssiger, geübter. Offensichtlich ging es ihm sekündlich besser. Während seine Hand über der Butterdose schwebte, überlegte er kurz, nickte dann zustimmend, griff noch tiefer hinein und förderte seinen Alkoholvorrat zu Tage. Und das war nicht gerade wenig. Er musste sogar ein paar Mal nachfassen. Schließlich war es geschafft, und sein gesamtes Arsenal an Bier, Schnaps und Wein stand auf der Spüle. Er hielte kurz inne und betrachtete das, was da vor ihm stand.

Allerdings sann er nicht allzu lange nach. Sein Entschluss stand ohnehin fest. Ohne mit der Wimper zu zucken, öffnete er sämtliche Verschlüsse und kippte alles in den Abfluss. Bald roch es in der Küche wie in einer Hafenbar.

Lange stand er so da und sah zu, wie die Getränke gurgelnd in der Dunkelheit verschwanden. Es tat ihm keineswegs leid, und er bereute es auch nicht im Geringsten. Im Gegenteil: Es machte ihn froh. Er lachte vor sich hin, gackernd wie ein Huhn.

Schließlich machte er sich daran, den Saustall aufzuräumen. Und das dauerte bis zum nächsten Abend. Er musste alle Scherben, alle zerrissenen Kissen und zerfledderten Gardinen aufsammeln und, soweit möglich, durch neue ersetzen. Er richtete die umgeworfenen Möbel wieder auf und topfte die Pflanzen um, die er in seiner Wut herausgerissen hatte. Es war ein hartes Stück Arbeit, dennoch pfiff er die ganze Zeit über fröhlich vor sich hin.

Als endlich alles gesäubert war, fiel er erschöpft in tiefen Schlaf. Er hatte ohne Unterbrechung fast sechsunddreißig Stunden gefegt, gesaugt, geputzt, gewischt und gebohnert. Seine Hände waren schwielig und mit Blasen übersäht.

Am nächsten Morgen erwachte Paul ausgeruht und fühlte sich frisch. Er frühstückte ausgiebig und ausnahmsweise sogar gesund, mit Müsli und Milch, duschte danach abwechselnd kalt und heiß und schlenderte ins Arbeitszimmer, wo er, ohne es richtig wahrzunehmen, das Notebook aufhob, einschaltete, das Schreibprogramm hochfuhr und schließlich auf die Tastatur eindrückte.

Das sollte schon fünf Tage her sein? Kinder, wie schnell die Zeit verging!

Und plötzlich war es wieder wie in alten Zeiten. Er schrieb täglich zwischen vier und sieben Seiten und schaffte es nebenbei sogar noch, ein Buch zu lesen. Abends ging er kurz vor Mitternacht ins Bett, stand früh um acht auf, aß etwas und schrieb dann weiter. Yeah, wie in den guten alten Zeiten, verdammt! Es ging doch nichts über einen geregelten Tagesablauf!

Paul starrte wie gebannt auf den Bildschirm. Der Cursor blinkte und spuckte Buchstabe um Buchstabe aus. Auch das Jucken und Kribbeln in seinen Händen war verschwunden. Auf dem Schreibtisch neben ihm stand ein übervoller Aschenbecher, in dem eine Zigarette qualmte. Ab und zu griff er nach ihr, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden, und nahm einen kräftigen Zug. Er hatte den Rauch noch gar nicht richtig ausgestoßen, da sponn er auch schon weiter.

Hätte er nur ansatzweise geahnt, was er damit in Bewegung setzte, wären seine guten Vorsätze augenblicklich vergessen gewesen. Dann wäre er binnen weniger Tage zum hemmungslosen Alkoholiker geworden.

Es war ein Wunder, dass Sabine keine schweren Verletzungen erlitt, als sie mit ihrem Pferd stürzte. Das Glück schien diesmal auf ihrer Seite zu sein. Leider konnte man das bei dem Pferd nicht behaupten: Es musste eingeschläfert werden. Seine Knochen waren gleich an mehreren Stellen gebrochen und drei Rippen zersplittert. Es tat ihr zwar im Herzen weh, doch es war bestimmt das Beste für das arme Tier. Doch als es dann schließlich so weit war, konnte sie den Anblick nicht ertragen und flüchtete aus dem Stall. Sabine hatte sehr an dem edlen Tier gehangen und ihr war, als ginge ein guter Freund für immer von ihr.

Sie hastete durch den nahen Wald, der die nördliche Grenze des Grundstücks bildete und ließ seinen kühlen Schatten schnell hinter sich. Sie rannte und rannte, vorbei an Wiesen und Feldern, bis sie das Meer erreichte.

Die Küste war an dieser Stelle nichts als eine Felswand, die steil ins Meer stürzte. An ihrem steinigen Fuß brachen sich die Wellen, und an ihrem Scheitelpunkt blies steifer Nordwind. Alles in allem nicht unbedingt ein gemütlicher Ort. Es gab noch nicht einmal einen Weg, auf dem man zwischen den mannshohen Gesteinsbrocken gefahrlos hätte gehen können. Dennoch liebte sie diese Stelle. Hierher verirrte sich kaum eine Menschenseele und wenn doch, nahm sie angesichts der rauen Umgebung schnell wieder Reißaus. Hier war das letzte Fleckchen Erde, das Sabine für sich allein haben konnte. Immer, wenn sie etwas plagte, etwas verunsicherte, sie sich ängstigte oder sie einfach nur in Ruhe nachdenken wollte, ging sie hierher und lauschte dem Rauschen des Windes und dem Toben der Brandung.

Sabine kannte den Platz seit ihrer Kindheit. Seit sie als kleines Mädchen zum ersten Mal mit ihrem Vater hier gewesen war, hatte der Ort nichts von seinem Reiz verloren. Die Ruhe, das Pfeifen des Windes, das Kreischen der Möwen, all das war ihr ans Herz gewachsen. Und sie wollte keinen dieser Momente missen. Wie oft hatten sie hier oben gesessen, ihr alter Herr und sie, hatten aufs Meer hinausgesehen und hinter den Schiffen her, bis sie am Horizont verschwanden? Wie oft? Sie wusste es nicht. Es mussten unzählige Male gewesen sein. Manchmal hatten sie einfach nur geschwiegen und die raue Schönheit in sich aufgesogen.

Sabine konnte sich noch gut an den Moment erinnern, da sie den Vater gefragt hatte, wohin all die Schiffe verschwanden, wenn sie nicht mehr zu sehen waren. Sie hatte tatsächlich geglaubt, sie versänken im Ozean. Der Vater fuhr ihr liebevoll mit der Hand über den Zopf; das tat er immer, wenn er ihr etwas erklären wollte. Es war seine Art, nach Worten zu suchen. Er musste ihr oft etwas erklären, denn Sabine war ein neugieriges Kind. So erfuhr sie, dass die Erde eine Kugel war und die Schiffe keineswegs im Meer versanken, sondern einfach nicht mehr zu sehen waren, weil sich zwischen sie und das Schiff die Krümmung der Erdoberfläche schob.

„Du musst es dir ungefähr so vorstellen“, hatte er gesagt, „wenn du am Fuß eines Berges stehst, kannst du auch nicht über ihn hinweg auf die andere Seite sehen. Und genauso ist es mit den Schiffen: Die Erde, in diesem Fall das Wasser, ist im Weg.“

Sie hatte den Vater angesehen und gelächelt. Und er wusste, sie hatte verstanden. Egal, wie umständlich er sich auch manchmal ausdrückte, irgendwann konnte sie seinen Gedankengängen folgen.

Ihre Mutter war früh gestorben. Sabine konnte sich kaum noch an sie erinnern. Doch sie musste schön gewesen sein. Überall im Haus standen Fotos von ihr, in jedem Zimmer. Auch an den Wänden hingen Fotos, und immer, wenn Sabine eines der Bilder betrachtete, stellte sie fest, dass sie ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten war. Sie hätten Zwillingsschwestern sein können, nur, dass die eine eben schon ein paar Jährchen älter war.

Sie hatte den Vater einmal auf den Grund ihres frühen Todes angesprochen, doch er hatte nur gesagt, sie sei sehr krank geworden und irgendwann einmal würde sie alles darüber erfahren. Irgendwann, eines Tages, wenn die Zeit reif war. Durch seine Augen war dabei etwas gehuscht, das wie Angst aussah. Danach hatte er das Thema gewechselt, und das war das Zeichen gewesen, dass darüber genug geredet worden war.

Wenn die Sonne im Meer versank, war es am schönsten. Ihr glutrotes Licht verwandelte alles in ein Farbkonzert, und es schien, als explodiere sie in einem gigantischen roten Ball. Der beständige Wellengang gab dem Ganzen zugleich eine gespenstische Atmosphäre. Je höher die Wellen schlugen, umso farbenprächtiger und eindrucksvoller war das Spektakel.

Jetzt aber war es noch nicht Abend. Noch lange nicht. Allerhöchstens früher Vormittag, und das Meer breitete sich ruhig unter ihr aus, was für diesen Landstrich ungewöhnlich war. Sie sah weit aufs offene Wasser hinaus. Ihr war heiß; Schweiß rann an ihr herunter, und ihr Herz raste in der Brust.

Sabine war eine schöne junge Frau, Mitte zwanzig, gesund und wohlhabend. Ihre weiblichen Rundungen waren genau dort, wo sie hingehörten, und ihr langes blondes Haar strahlte wie die Sonne. Sie zog die Blicke der Männer reihenweise auf sich. Doch leider war es bisher erst zweien gelungen, ihr Herz zu erobern. Der erste (es war wohl mehr eine Art Jugendliebe, schließlich war sie erst sechzehn und er einundzwanzig) hatte ihre Liebe nicht verdient, wie sie inzwischen dachte. Es schien ihm Spaß zu machen, sie hinter ihrem Rücken im Akkord zu betrügen. Als sie ihn endlich durchschaute, war die Enttäuschung tief. Sie durchschnitt das zarte Band, das ihre Liebe gewesen war, und sie schwur sich, nie wieder einen Mann so nahe an sich heranzulassen.

Es dauerte vier Jahre, bis sie ihre Einstellung überdachte, und dann kam der zweite. Er war das Gegenteil seines Vorgängers. Schnell erwies er sich als Mann ihrer Träume. Bedauerlicherweise war auch diesmal das Schicksal anderer Meinung. Es ließ ihn in einer Kurve die Kontrolle über sein Motorrad verlieren. Dabei war sie nicht einmal besonders gefährlich, vielmehr langgezogen und übersichtlich. Er soll nicht lange gelitten haben, hatte man ihr später gesagt, es musste schnell gegangen sein.

Das mochte vielleicht auf ihn zutreffen, dachte sie, als sie seine Identität bezeugte, doch keinesfalls auf sie. Sie war überzeugt davon, nie wieder den Anblick seines leblosen Körpers vergessen zu können. Zwar hatte er, wie er es ihr hoch und heilig versprochen hatte, einen Helm getragen, aber von Motorradhandschuhen hielt er nicht viel. Seine Leiche war in einem guten Zustand, wenn man davon absah, dass sein Genick gleich an mehreren Stellen gebrochen war. Doch das war innerlich, und er war so aufgebahrt worden, dass man als Laie kaum etwas davon sah. Was man jedoch sah, war der Zustand seiner Hände – oder vielmehr das, was von ihnen übrig war. Sie waren nämlich noch nicht bandagiert worden – und dafür verfluchte Sabine denjenigen, der es versäumt hatte.

Später, als sie wieder daheim war und ein Weinkrampf nach dem anderen sie schüttelte, wurde ihr klar, was für den schrecklichen Anblick verantwortlich war. Schon die blanke Vorstellung reichte aus, dass ihr übel wurde. Sie musste sich erbrechen.

Sabine sah den grauenvollen Moment des Unfalls immer wieder vor sich, sah ihn mit seinen Augen. Episoden aus dem Schreckenskabinett. Voller Panik wollte sie ihm helfen, ihn festhalten. Doch es war vergeblich. Sie hatte nicht die geringste Chance.

Durch das Visier des Helms sieht sie die Straße vor sich liegen. Sie ist trocken und eben. Ein kurzer Blick auf den Tachometer und sie weiß, dass sie fast hundertdreißig Stundenkilometer schnell ist. Plötzlich taucht die Kurve vor ihr auf, eng, tückisch. Sie schreit seinen Namen, will mit aller Kraft an der Bremse ziehen; dabei ist ihr, als rissen die Muskeln ihres rechten Armes – dabei erreicht sie nur, dass sie unbeirrt weiterfährt.

Wie ein Rennfahrer legt sie sich in die Kurve, tief und schräg. Wie oft hat sie das als Sozius schon erlebt. Wie oft hat sie das Adrenalin gespürt und ist einfach nur glücklich gewesen, glücklich über das Gefühl der Freiheit und glücklich, bei ihm zu sein.

Bis jetzt ist noch alles in Ordnung. Doch das Unvermeidliche ist nicht aufzuhalten. Das ist es nie. Es würde, musste geschehen, weil es ja schon geschehen war. Plötzlich hat sie das Gefühl zu fliegen; ihre Innereien tun einen Satz nach oben. Das Hinterrad beginnt zu schlingern und rutscht schließlich gänzlich weg. Und auf einmal ist da der Asphalt, direkt vor ihren Augen. Sie reißt entsetzt die Hände hoch.

Und da beginnt der Alptraum.

Da sie mit mehr als hundert Sachen fährt und die Geschwindigkeit nur langsam abnimmt, während sie wie ein Puck über den Asphalt schlittert wie über einen gefrorenen See, muss sie mit ansehen, wie der Belag ihrer Hände (seine Hände) wie eine grob gezahnte Raspel für ein weiches Holz Stück ist. Die Haut und das darunter liegende Fleisch werden bis auf die Knochen Millimeter um Millimeter heruntergescheuert. Sie hört die Schmerzensschreie mit ihren eigenen Ohren. Er leidet vielleicht nicht lange, dafür aber entsetzlich.

Dann, als der Begrenzungspfosten endlich sein Genick bricht, ist es eine Erlösung für beide.

All das geisterte durch ihre Erinnerung, während sie auf der Klippe stand. Es riss die Wunde, die noch nicht einmal zur Hälfte verheilt war, wieder auf – und diesmal sogar um einiges tiefer. Sechs Jahre war es jetzt her, und allmählich hatte sie geglaubt, mit dem Verlust leben zu können. Kurz nach seinem Tod gab es eine Zeit, in der sie fast wieder glücklich war. Damals hatte der Arzt ihr eine Schwangerschaft bescheinigt. Sie war darüber außer sich; auf diese Weise würde wenigstens etwas von ihm weiterleben! Dass sie ein Kind von ihm erwartete, half ihr, mit der Trauer umzugehen. Mit der Zeit begann sie sogar wieder zu lächeln.

Doch auch jetzt wollte das Schicksal ein Wörtchen mitreden.

An dieser Stelle machte Paul eine Pause, denn sein Magen knurrte inzwischen so laut, dass er zu keinem klaren Gedanken mehr fähig war.

Er ließ sich kurzerhand eine Pizza bringen. Es war ihm egal, mit was sie belegt war. Hauptsache, er bekam endlich was zum Spachteln.

Innerhalb weniger Sekunden war das Ding in seinem Magen verschwunden. Ein zufriedenes Grinsen umspielte seine Lippen; es ähnelte dem Grinsen eines Gangsterbosses, der einen teuflischen Plan ausgeklügelt hat.

Eigentlich hatte er nach dem kleinen Mahl weiterschreiben wollen, aber da er bis zum Platzen voll war, ließ er es lieber. Stattdessen packte er sich einen Augenblick auf die Couch. Er wollte nur etwas ausruhen – nur ein klein wenig.

Als er wieder hochschnellte, sah er, dass fast drei Stunden vergangen waren. Sein Schlaf war tief gewesen und fest, und sogar an einen Traum meinte er sich erinnern zu können.

Paul setzte Kaffee auf, rauchte zwei filterlose Luckys und ging zurück ins Arbeitszimmer, wo er sich wieder in die Arbeit vertiefte.

Eines nachts, der Vater des Ungeborenen war nun seit sechs Monaten unter der Erde, erwachte Sabine mit kolikartigen Schmerzen im Unterleib; es war, als ob sie einen großen, schweren, kalten Stein in sich trug. Die Schmerzen kamen und gingen wie Wehen, und ihre erste Vermutung war, dass sie kurz vor der Entbindung stand. Das war durchaus plausibel; vielleicht hatte dieses Kind es ja besonders eilig, die Welt hier draußen kennenzulernen? Wenn es nur halb so neugierig war wie seine Mutter, war das sogar wahrscheinlich.

So laut es ihr unter den Schmerzen möglich war, schrie sie nach ihrem Vater, der eine Etage über ihr schlief. Sie war mittlerweile so benebelt, dass sie davon überzeugt war, er würde sie nie und nimmer hören. Doch es dauerte keine zehn Sekunden, und er stürmte mit sorgenvoller Miene in ihr Zimmer.

„Es geht … es geht …“

Mehr brachte sie nicht über die Lippen. Doch es reichte aus. Der Vater verstand.

Das nächste, woran sie sich später erinnerte, war das Innere eines Krankenwagens. Es war hell darin und blendete ihre Augen, als blicke sie direkt in die Sonne. Dennoch nahm sie ihre Umgebung nur bruchstückhaft wahr. So viele Ampullen, so viele Verbände! Und die Sirene. Allerdings drang diese nur verschwommen in ihr Bewusstsein …

Die Wehen wurden stärker und stärker, und sie bäumte sich auf der Trage unter Schmerzen. Die Bewegung ließ neue Schmerzen in ihrem Unterleib entstehen. Wie ein Kreislauf aus Schmerz. Schmerz gebar neuen Schmerz.

In diesem Moment spürte sie, wie etwas Spitzes in ihre Armbeuge piekste. Fast augenblicklich verebbte der Schmerz.

Wieder Dunkelheit.

Wieder Stille.

Als Sabine erwachte, lag sie in einem Krankenbett. Der Vater saß auf einem Stuhl neben ihrem Bett und wimmerte. Sein Blick war zu Boden gerichtet, doch sie brauchte seine Tränen nicht zu sehen, um zu wissen, dass etwas nicht stimmte.

„Was ist mit …?“ Ihre Stimme klang schwach und tonlos.

Dem Vater zersprang vor Kummer fast das Herz in der Brust. Nur langsam schaute er auf, als scheue er ihrem Blick.

„Was ist passiert? Was ist mit meinem Kind passiert?“

Er rang damit, nicht die Beherrschung zu verlieren. Seine Hände zitterten wie die eines Drogensüchtigen, der unbedingt einen neuen Schuss braucht, und sein Gesicht war bleich wie die Wand. Sein Körper verkrampfte sich, als er endlich antwortete.

„Die … die Ärzte sagen, es geht dir bald besser. In ein paar Tagen kannst du das Krankenhaus verlassen. Sie wollen nur noch ein paar Tests machen. Alles Routine, kein Grund zur Sorge.“

Seine Augen waren ausdruckslos, schwarz wie Höhleneingänge.

„Daddy“, sie hatte Mühe, ihre Stimme nicht zu erheben. Sie schaffte es, nach Aufbietung ihrer gesamten Kraft, ruhig und gefasst zu klingen. „Was ist passiert? Sag mir, was mit meinem Kind passiert ist!“

Ihre Augen bohrten sich in seine. Ihr Blick war wie ein Dolch, der in seine Netzhaut stach und schmerzte wie Feuer. Lange würde er ihm nicht standhalten können. Er konnte ihr nicht ausweichen. Ihre Augen, ihre Körperhaltung sprach eine nur zu deutliche Sprache. Sie schien bereits zu wissen, was geschehen war und wartete nur noch darauf, dass er es bestätigte.

Seine Hand suchte ihre. Sie war eiskalt, aber gleichzeitig nassgeschwitzt. Sie drückte ihre heftig.

„Habe ich mein Baby verloren?“

Der Vater war wie versteinert. Die ganze Zeit über hatte er nach Worten gesucht, falls es die überhaupt gab, hatte verzweifelt versucht, drumherum zu reden, ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, ihre Konzentration auf anderes zu richten. Hatte er auch nur einen Augenblick geglaubt, sein Plan könne aufgehen?

Sabine wartete zwei Sekunden und fragte noch einmal.

„Habe ich mein Baby verloren? Sag es mir! Bitte! Wenn es so ist“, sie musste schlucken, denn die Endgültigkeit, die in dem Satz mitschwang, ließ fast ihre Stimme versagen, „wenn es so ist, will ich es aus deinem Mund hören und nicht von einem wildfremden Arzt, der mich mit trostlosen Augen anstarrt und dabei Mitleid heuchelt. Das könnte ich nicht verkraften. Jetzt nicht, und auch später nicht. Nie! Hörst du, nie! Also sage es mir bitte!“

„Es … es … es … es hatte einen Herzfehler.“

„Ist mein Baby gestorben?“

Ihre Stimme war jetzt gar keine Stimme mehr, nur noch ein Krächzen und Fiepen.

„Sie sagen, es ging so schnell, dass sie nichts gespürt hat.“

Da war er wieder, dieser Satz: Es ging so schnell. Wie sehr sie ihn hasste! Gab es einen abartigeren Satz in der menschlichen Sprache? Nein, nie und nimmer!

„Oh nein, nein, nein! Das stimmt nicht! Das kann nicht stimmen! Du erlaubst dir einen makabren Scherz, oder? Es stimmt nicht, nicht wahr? Sag mir, dass es nicht wahr ist! Sofort! Sie war doch noch nicht einmal geboren, wie soll sie da schon gestorben sein? Es ist nicht wahr! Es darf einfach nicht wahr sein!“

Mit diesen Worten fiel sie zurück in ihre Kissen.

Es schmerzte ihn, seine Tochter so leiden sehen zu müssen. Es tat ihm in der Seele weh. Aber er musste ihr die Wahrheit sagen. Er musste es tun, damit sie irgendwann loslassen und trauern konnte. Er wusste, wie wichtig Trauer war – erst recht, wenn man einen geliebten Menschen verloren hat. Er wusste, dass er das Richtige getan hatte – und doch hasste er sich in diesem Moment dafür. Er wusste, dass dieses Gefühl ihn nun eine Weile nicht mehr loslassen würde.

„Es ist wahr, leider.“

Nun konnte auch der Vater seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie klammerten sich aneinander, schmiegten sich in die Arme des anderen und versuchten, einander ein wenig Trost zu spenden.

„Ich wollte doch noch so viel mit ihr unternehmen“, brachte sie stöhnend heraus, „sogar einen Namen hatte ich schon für sie: Sarah Gil!“

„Sarah Gil“, wiederholte der Vater. „Davon hast du mir gar nichts gesagt. Ein schöner Name. Bedeutet er etwas?“

„Ich weiß nicht. Aber er klingt nach etwas Besonderem, und weil mein Kind etwas Besonderes für mich ist, wollte ich ihm einen besonderen Namen geben.“

„Das verstehe ich.“

Sie saßen wortlos einander gegenüber. Jeder kämpfte mit Trauer und Wut. Irgendwie mussten sie beide damit fertig werden, dass der Tod schon wieder in ihr Leben gedrungen war, er schon wieder etwas unendliches Wertvolles zerstört hatte.

„Sabine, ich muss dir etwas über unsere Familie erzählen. Etwas, das schlimm und schrecklich ist, das aber mit der Zeit zu einem Teil von uns wurde. Wir, das heißt, du und ich …“

„Daddy, würde es dir etwas ausmachen, mich allein zu lassen? Ich brauche Zeit für mich. Sei mir bitte nicht böse. Ich will einfach allein sein. Bitte fahr jetzt nach Hause. Und mach dir um mich keine Sorgen, ich komme schon klar.“

„Bist du sicher?“

„Ja, das bin ich.“

„Kann ich dich morgen sehen?“

„Ich ruf dich an, wenn du wieder kommen kannst. Ja? Geh jetzt bitte. Und sei mir nicht böse.“

Sie dachte jetzt zurück an jenes Gespräch, während sie auf den Klippen stand und auf das weite, dunkle Meer sah. Inzwischen wehte ein schwacher Wind, der ihr Haar ausgelassen tanzen ließ.

Weit draußen am Horizont verschwand gemächlich ein Schiff. Ein gespenstischer Anblick; man mochte wirklich glauben, es würde langsam in die Tiefe gezogen.

Sabine fröstelte. Das Wetter hatte merklich umgeschlagen, doch das geschah in diesen Breiten öfter. Aus dem Sonnenschein war raueres Wetter geworden. Die Sonne versteckte sich hinter einer Armee von Wolken, und auch der Wind wurde stürmischer.

Ihr Vater hatte ihr an diesem Tag etwas Wichtiges sagen wollen, und seine Miene dabei hatte ihr keineswegs gefallen, hatte ihr sogar Angst gemacht. Die Falten in seinem Gesicht schienen plötzlich tiefer und zerfurchter, seine Augen blitzten dunkel, und seine Mundwinkel zitterten, als weigerten sie sich, etwas Dunkles preiszugeben.

Noch nicht.

Paul streckte sich auf dem Stuhl aus, bis seine Knochen knackten. Für heute sollte es genug sein. Er hatte zwar noch nicht sein altes Tagespensum geschafft, aber als erfahrener Schriftsteller wusste er, wann sein Pulver verschossen war. Er trank den inzwischen kalt gewordenen Kaffee, speicherte den Text und verließ das Arbeitszimmer.

Wie jedes Mal, wenn er geschrieben hatte, fühlte er sich wunderbar. Es war wie eine Sucht. Er brauchte es einfach, dieses Ringen um jeden Buchstaben, um jedes Wort, das Zusammensetzen der scheinbar aus dem Nichts kommenden Sätze und das Gefühl, durch neue, unbekannte Gefilde zu streifen. Wenn er Blatt um Blatt beschrieb, der Text langsam Form annahm, dann fühlte er sich so richtig glücklich. Dann war er zufrieden mit sich und der Welt.

Im Wohnzimmer warf er sich auf die Couch, griff nach der Fernbedienung und hüpfte durch die Programme. Langsam neigte sich der Tag seinem Ende entgegen. Nicht mehr lange, und er würde zu Bett gehen. Das Leben konnte so wundervoll sein. Oh ja, das konnte es.

Das Wetter war eine Katastrophe. Der Himmel war verhangen mit schwarzen Wolken, und dichter Regen fiel. Hinzu kam noch, dass ein strenger Wind blies. Die Luft war kalt, fast schon eisig, und kroch mit spielerischer Leichtigkeit durch die Haut bis auf die Knochen. Schon der Blick durchs Fenster genügte, um einen frösteln zu machen. Bei jedem x-beliebigem Menschen reichte das, um seine Laune auf den Nullpunkt sinken zu lassen. Aber nicht bei Paul. Er erfreute sich nach wie vor bester Laune.

Er stand am weitgeöffneten Fenster, trank Kaffee und glotzte glücklich in den Garten. Ein seliges Lächeln umspielte seine Mundwinkel, während er dem Regen lauschte, der in Sturzbächen vom Himmel stürzte. Es störte ihn nicht im mindesten, dass er, jedes Mal, wenn der Wind wehte, einen nasskalten Schauer abbekam. Er begrüßte diese Dusche sogar. Sie war so etwas wie ein Jungbrunnen für ihn. Er erschauerte kurz und wartete dann sehnsüchtig auf den nächsten Schwall.

Nachdem Paul eine Weile dem monotonen Prasseln der Tropfen gelauscht hatte, klang es in seinen Ohren immer mehr wie Maschinengewehrfeuer – eines, das unaufhörlich schoss und knallte und ratterte. Paul fand es amüsant, wie er diesen Vergleich zustande gebracht hatte. Schließlich waren das ja zwei Dinge: Der Regen lässt gedeihen und wachsen; er fördert also das Leben. Das Maschinengewehr aber kann nichts anderes, als dieses Leben wieder zu nehmen …

In diesem Moment kam ihm ein Gedanke: Wie wäre es, wenn er einfach nach draußen ging? Hinaus in den Garten, in die Frische, dem regnerischen Wetter zum Trotz?

Er beschloss, es herauszufinden und hüpfte durchs Fenster auf die Veranda. Fast augenblicklich war er durchnässt bis auf die Haut. Der Wind wuselte durch sein Haar und warf es mal hierhin und mal dorthin. Das Wasser auf seiner Haut war kalt, aber es fühlte sich phantastisch an. Die Haare an seinem Körper richteten sich auf, und seine Eier schrumpelten um mehr als die Hälfte zusammen; sie zogen sich sogar ein Stück tiefer in den Sack zurück.

Paul schleuderte die Pantoffeln in hohem Bogen von sich und betrat mit nackten Füßen den pitschnassen Rasen. Die Behaarung richtete sich gleich noch etwas mehr auf. Die einzelnen Haare waren jetzt so starr, dass man sie mit einem Stück Papier hätte abrasieren können. Jeder Grashalm kribbelte zwischen seinen Zehen, und die Wassertropfen schienen zu gefrieren auf seiner Haut.

Der Regen prasselte auf seinen Kopf und verklebte sein dünnes Haar, und von unten kroch die Kälte empor. Das wäre ein guter Grund gewesen, zurück ins Haus zu gehen, die nassen Kleider abzulegen, ein heißes Bad zu nehmen und es sich vor dem Fernseher gemütlich zu machen. Aber nicht für Paul. Statt ins Haus zu gehen, lief er weiter über die nasse Wiese, und statt eines heißen Vollbades nahm er ein eiskaltes Fußbad. Anfangs lief er noch langsam, um nicht hinzufallen, aber nach und nach merkte er, wie absurd diese Vorsicht war. Schließlich war er ohnehin schon bis auf die Knochen nass und da machte es keinen Unterschied mehr, wenn er auch noch eine Bauchlandung hinlegte.

Vor Euphorie kreischend, bretterte er über den durchweichten Rasen. Seine Füße fanden keinen Halt, und er rutschte unkontrolliert durch die Botanik. Immer wieder klatschte er auf den Hintern, gluckste vor Vergnügen und schnellte dann wieder hoch, wie von einem Gummiseil emporgerissen.

Zum Glück für ihn lag sein Haus abseits und er hatte keine Nachbarn. Denn sonst hätten diese mit Sicherheit die freundlichen Männer gerufen, die diese glänzenden weißen Kittel tragen und bei allem, was man sagt, immer nur „Ja, ja, schon recht, Napoleon“ erwidern.

Wie ein Känguru hüpfte Paul über den Rasen, schlug Haken wie ein Kaninchen und trällerte wie ein Vogel. Aber er machte sich deshalb keine Sorgen. Warum auch? Er war ausgelassen und tobte über sein Grundstück. Das war sein gutes Recht. Mein Glück ist kaum noch zu fassen, jubelte sein Verstand, und es wird mit jedem Tag noch besser!

Plötzlich hörte er hinter sich eine Stimme und fuhr herum. Das Ergebnis dieses Manövers war, dass seine Beine wegrutschten und er mit der Nase im Dreck landete. Auch das quittierte er mit animalischem Gelächter. Er blickte in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war und sah erst einmal überhaupt nichts, nur Grashalme. Hastig schob er sie beiseite.

„Ja, ist es denn die Möglichkeit? Was hat dich denn hierher verschlagen?“

Jerome stand auf der Einfahrt und kauerte sich unter einem Schirm zusammen, aber da der Wind sich noch immer nicht entscheiden konnte, aus welcher Richtung er wehen wollte, sah er aus wie ein begossener Pudel. Sein Haar war an den Kopf geklatscht, als hätte er sich drei Tuben Gel hineingeschmiert, und seine Klamotten klebten an ihm wie ein zu enges Renntrikot. Auch er war nass bis auf die Knochen, konnte dem aber nicht halb so viel Begeisterung abringen wie Paul.

„Sag mal, ist bei dir alles in Ordnung?“ Seine Stimme klang seltsam – eine Mischung aus Amüsiertheit, Verdruss und Sorge.

„Warum fragst du? Wie kommst du darauf, bei mir könnte nicht alles in Ordnung sein?“

„Weil es für dich offensichtlich nichts Besseres gibt, als bei diesem verdammten Sauwetter wie ein Scheißkarnickel über diesen Scheißrasen zu hüpfen. Du musst zugeben, dass das schon ein klein wenig merkwürdig ist.“

„Gott oh Gott, wie kann man nur so spießig sein? Das ist echt affengeil! Solltest du auch mal probieren! Du fühlst dich dann echt prima!“

„Nein, danke. Kann ich mir gerade noch so verkneifen. Ob wir wohl endlich reingehen könnten? Ich friere mir hier draußen den Arsch ab.“

„Na schön, gehen wir halt rein.“

Paul folgte ihm widerwillig. Einen Moment fragte er sich, wie Jerome wohl hereingekommen war, aber die Frage konnte er sich selbst beantworten: Bestimmt hatte er mal wieder vergessen, die Gartentür abzuschließen. Ein leichtsinniger Fehler bei dem Gesindel, was sich da draußen herumtrieb.

Kurze Zeit später waren sie im Wohnzimmer: einer in der einen Ecke, der andere in der anderen. Jeder hielt ein Handtuch, mit dem er sich trocken zu rubbeln versuchte.

„Bist du sicher, dass du keine frischen Klamotten von mir willst? Wir haben so ziemlich die gleiche Größe.“

„Nee, nee, lass mal.“

„Na schön, wie du willst.“ Paul hob die Hände. „Aber wenn du mit einer Lungenentzündung flach liegst, vergiss nicht, ich hab dich gewarnt!“

„Ja, ja, Einwand zur Kenntnis genommen. Ach, übrigens, bevor ich es vergesse: Hat dir der Schnaps, den du aus meiner Hausbar entführt hast, wenigstens geschmeckt?“

Einen Moment lang wusste Paul nicht, wovon die Rede war. Das lag so weit in der Vergangenheit, dass es schon fast ein anderes Leben war.

„Das war mein bester Stoff, nur damit du es weißt! Sauteuer das Zeug, das kann ich dir sagen. Du hättest wenigstens einen Zettel hinlegen können.“

„Na ja, ich hatte halt Durst.“

„Ach was, der gnädige Herr hatte also Durst? Beklaust du da immer deine Freunde?“

„Jetzt halt aber mal die Luft an! Ich bezahl dir ja deinen Scheiß.“ Paul war außer sich. Doch kaum war der Satz gesprochen, war er auch schon wieder vergessen. Anscheinend wollte Jerome genau das hören, denn auch er beruhigte sich bereits.

Eine seltsame Stille herrschte. Die einzigen Geräusche waren Jeromes Schritte, der ruhelos durchs Zimmer lief und sich die Haare abtrocknete. Paul sah ihm amüsiert zu. Er lief mit weit ausladenden Schritten, und Paul musste an einen General denken, der die Front seiner Truppen abläuft und Parolen brüllt.

„Okay, was führt dich her? Irre ich mich, oder bist du nicht nur hergekommen, um nett mit mir zu plaudern? Raus mit der Sprache!“ Er sah Jerome fest in die Augen.

„Ja … also … nun, weißt du …“ Offensichtlich waren ihm die richtigen Worte entfallen.

„Drück dich bitte ein wenig verständlicher aus.“

„Nun ja, … äh … ich …“

„Ja, ja: Ich weiß schon. Das sagtest du bereits. Aber was ist nun mit dir? Wo drückt denn der Schuh?“

Diesmal war es an Jerome, „Hä?“ zu sagen. Offenbar war er nicht nur unfähig, in ganzen Sätzen zu sprechen, sondern zu allem Überfluss stand er auch noch mit beiden Beinen fest auf der Leitung. „Was denn für ’n Schuh?“

„Oh Mann. Vergiss es! Bist heut nicht auf dem Damm, was?“

„Sie hatte … sie hatte einen Unfall“, platzte es endlich aus Jerome heraus.

Pauls Miene wurde schlagartig ernst. Jegliche Fröhlichkeit war aus ihr gewichen. Ein Unfall? Unmöglich, ging es ihm durch den Kopf. Patrizia fuhr immer vorbildlich. Sie setzte sogar den Blinker, wenn sie in die Garage fuhr. Ihr musste jemand reingerauscht sein …

„Wenn ich das geahnt hätte! Sorry. Wie geht es ihr? Geht es ihr gut?“ Paul war erschüttert. „Bestell ihr liebe Grüße und gute Besserung von mir, ja?“

„Mit Patrizia ist alles in bester Ordnung. Ich spreche von Jeannine.“

„Was …?“

„Einen Motorradunfall. Es ist …“

„Stopp mal, ja? Du verarscht mich! Wie kann sie mit einem Motorrad einen Unfall bauen, wenn sie gar keinen Führerschein dafür hat? Erklär mir das mal!“

Während er das sagte, rannen ihm bereits Tränen die Wangen hinunter. Seine Frau hatte einen Unfall. Schon bei diesem Gedanken begann er am ganzen Körper zu zittern. Sein Magen krampfte sich zusammen und fühlte sich an, als hätte er glühende Kohlen geschluckt. Seine Knie knickten ein, und er sackte nach hinten weg. Zum Glück stand dort ein Sessel. Reglos blieb er sitzen, während seine Gesichtsfarbe ins Aschgraue überging. Ihm war plötzlich speiübel, und am liebsten hätte er sich die Gedärme aus dem Leib gekotzt.

„Wie … wie ist das passiert?“

„Man weiß noch nichts Genaues. Nur so viel ist sicher: Sie hat wahnsinniges Schwein gehabt. Das Motorrad …“

„Ich verstehe das nicht! Wie konnte das nur passieren?“ Pauls Stimme bebte.

„Es ist eben geschehen. Ein unachtsamer Augenblick, und …“

„Nein, das meine ich nicht! Wie kommt sie bitteschön zu einem Motorrad? Das kapier ich nicht, beim besten Willen nicht!“ Hilfesuchend und mit tränenüberfluteten Augen sah er Jerome an.

Jerome wich seinem Blick aus. Dieser Bastard wich einfach seinem Blick aus und setzte an einer anderen Stelle wieder an.

„Es geht ihr den Umständen entsprechend gut. Sie hat keine ernsthaften Verletzungen davongetragen. Ein paar Prellungen, jede Menge Hautabschürfungen und reichlich blaue Flecken und einen abgebrochenen Fingernagel, hat sie gesagt.“

„Hat sie dir gesagt?“

„Nein, verdammt, sie hat Patrizia angerufen!“

Vor Überraschung klappte Paul die Kinnlade runter und er vergaß glatt zu fragen, wie zum Teufel sie auf ein Motorrad kam. Das musste er erstmal verdauen. Sie hat Patrizia angerufen. Mann, das tat verdammt weh. Sicher, sie waren so gut wie getrennt. Aber sie waren es eben noch nicht ganz. Warum zum Kuckuck kann sie mich nicht selbst anrufen? Warum muss ich das von anderen erfahren? Und was ist mit den Kindern?

„In welchem Krankenhaus liegt sie?“

„Tut mir leid. Das darf ich dir nicht sagen.“

„Was? Warum denn das nicht?“

„Sie will es nicht. So einfach ist das.“

„Ach, sie will es also nicht! Was will sie denn, wenn ich mal fragen darf?“

„Langsam, langsam, Paul! Ich bin nur der Bote. Ich weiß ja, dass du verletzt bist. Ich kann das sehr gut nachempfinden …“

„Das kannst du, ja?“

„… Ich bin hier als dein Freund …“

„Soll ich lachen?“

„… und als ein solcher spreche ich zu dir …“

„Verpiss dich!“

„Ich soll dir von ihr ausrichten, dass die Kinder bereits auf den Weg nach Australien sind. Und bis auf weiteres bei den Großeltern bleiben.“

Jeannines Eltern waren vor ein paar Jahren nach Australien ausgewandert. Gleich nachdem sie in den Ruhestand gegangen waren. Irgendwo inmitten der Pampa, wie er immer treffend bemerkt hatte. Mehr als dreihundert Meilen von der nächstgrößeren Stadt entfernt. Und dort wollte sie allen Ernstes die Kinder lassen?

Autsch, das versetzte ihm gleich noch einen Schlag. Seine gute Laune war vollends verschwunden, und er hatte die finsterste Leichenbittermiene aufgesetzt, die er zustande brachte. Dass sie ihm die Kinder weggenommen hatte, war ihr nicht genug, nein, sie wollte sie auch lieber den Eltern übergeben als ihm, ihrem Vater! Was war er denn? Ein Stück Dreck, das man einfach vom Schuh wischen konnte? Ja, er hatte viele Fehler während seiner Ehe gemacht, das war ihm jetzt klar. Aber er hatte den Kindern nie etwas Böses getan. Er hatte sie geliebt, mehr als …

Paul stotterte: „Ins Flugzeug … nach Australien … zu den Großeltern?“

Jerome wollte etwas erwidern, aber was er auch sagte, es würde falsch sein.

„Tut mir leid, dass du es von mir erfahren musstest. Anscheinend will sie keinen Kontakt mehr zu dir.“

„Das habe ich erwartet, und ich muss zugeben, dass es mir vollkommen egal ist.“ Erstaunlicherweise stimmte das sogar. „Was schmerzt, ist, dass sie Benny und Stefanie die Strapazen einer solchen Reise zumutet! Und dann auch noch allein! Gottverdammt, sie benimmt sich gerade so, als müssten sie vor mir beschützt werden! Als würde ich ihnen was Böses wollen!“

„Das bildest du dir nur ein.“ Bestimmt ein gutgemeinter Einwand, aber er trieb Paul nur noch mehr auf die Palme.

„Schwachsinn! Von wegen, ich bilde mir das nur ein! Das sieht doch ein Blinder mit Krückstock, was hier gespielt wird! Sie will, dass die Kinder sich von mir abwenden, dass sie sich von ihrem eigenen Vater abwenden! Ich hätte nie gedacht, dass sie zu so was fähig ist. Ich liebe meine Kinder. Ich liebe sie über alles. Ich habe sie nie missbraucht, nie geschlagen oder sonst was mit ihnen angestellt. Ich hab sie immer gut behandelt und war ihnen immer ein guter Vater. Das ist pure Rache, das weiß ich! Sie weiß, wie weh mir das tut, wie ich an den beiden hänge und jetzt versucht sie, sie mir zu entfremden. Dieses Aas! Dieses verdammte, hinterfotzige Aas!“

„Sachte, sachte! Nun beruhige dich doch erstmal!“ Jerome wollte beschwichtigend auf ihn zugehen, doch noch ehe er einen Schritt machen konnte, bellte Paul wieder los.

„Wie soll ich mich da beruhigen, hä? Du hast gut reden! Deine Kinder sollen ja nicht ans andere Ende der Welt!“ Paul sprang vom Sessel. Er hatte eine Wut im Bauch, als könnte er explodieren. In seinen Mundwinkeln sammelte sich Schaum wie bei einem tollwütigen Hund. Mit voller Wucht trat er gegen den Fernseher, bis die Bildröhre implodierte. Er war so in Rage, dass er davon nichts bemerkte. Wie konnte sie das nur tun? Wie konnte sie ihm das antun? In seiner Wut zertrümmerte er nicht nur den Fernseher, sondern auch die Stereoanlage, die er erst vor kurzem mühevoll wieder aufgerichtet hatte.

Allmählich bekam Jerome es mit der Angst zu tun. Er hatte Paul noch nie so gesehen. Besorgt fragte er sich, ob er alles hier drinnen demolieren würde. Obwohl sein Verhalten ihm unheimlich war, verstand er ihn. Auf irgendeine Art verstand er ihn sogar gut. Wahrscheinlich lag das daran, dass er genauso reagiert hätte, wäre er an seiner Stelle gewesen.

Schließlich legte Jerome sein Unbehagen ab und näherte sich ihm. Er sah, dass Paul Tränen in den Augen standen und er am ganzen Körper zitterte. Vorsichtig legte er die Hand auf seine Schulter. Auch sie zitterte. Offenbar fürchtete er einen tätlichen Angriff. Und das lag durchaus im Bereich des Möglichen, schließlich waren schon aus weit weniger gewichtigen Gründen Schlägereien entstanden.

Paul beäugte alles argwöhnisch, ließ es aber ohne Gegenwehr geschehen. Er war sich noch immer nicht sicher, was er von alledem halten sollte. Noch vor wenigen Sekunden war er wie ein junger Hund ausgelassen durch den Garten getobt, hatte sich wie eine Wildsau im Dreck gesuhlt, und nur Augenblicke später, war er wieder am Boden zerstört. Schluchzend ließ er sich fallen und flennte wild drauflos.

Jerome fühlte sich immer unwohler. Was sollte er tun? Ihn trösten? Oder ihn einfach weinen lassen? Vielleicht war es besser, wenn die Tränen ungehindert flossen. Manchmal gab es Tränen, die geweint werden mussten.

Er lief zur Hausbar, mixte eine Bloody Mary und überreichte sie Paul. Das wird ihn beruhigen, dachte er. Zu seiner Verwunderung schnupperte Paul nur daran, verzog angewidert das Gesicht und schüttete es über die Schulter.

„He, was soll das denn? Bist du verrückt? Das Zeug wird dir guttun!“

„Das halt ich für ‘n Gerücht. Das macht alles nur noch schlimmer, glaub mir.“

„Na schön, wie du meinst. Du musst es ja wissen.“ Mit diesen Worten ging er zurück zur Bar und mixte sich selbst einen Drink. Er brauchte dringend etwas Starkes, Hochprozentiges. Jerome nippte vorsichtig an seinem Glas und ließ sich in sicherem Abstand auf einem Sessel nieder.

Paul saß auf dem Boden, hatte die Knie an die Brust gedrückt und starrte ins Leere. Er sah aus wie ein Häufchen Elend.

„Eine rauchen?“ Jerome sprach langsam und deutlich und rechnete nicht mit einer Antwort. Umso überraschter war er, dass Paul reagierte.

„Was?“

„Wollte nur wissen, ob du eine rauchen willst. Meine Lunge pfeift wie ein Schwarm Spatzen vom Dach. Und was tut man da? Man smokt eine.“

Paul begriff noch immer nicht. Er strahlt die Intelligenz eines Hammers aus, wie er so dahockt, dachte Jerome und kämpfte gegen ein Grinsen an.

Allmählich dämmerte es Paul, und ein dümmliches Grinsen wanderte über sein Gesicht. „Ob ich eine Zigarette will, hast du gefragt, stimmt’s?“ Er schien von dieser Erkenntnis hellauf begeistert zu sein.

Oh Mann, Paul war heute echt nicht der Schnellste! Jerome ließ sich nichts anmerken und warf ihm wortlos die Schachtel mitsamt Feuerzeug hin.

Ein paar Minuten lang saßen sie schweigend da, zogen an den Kippen und sahen einander unschlüssig an. Keiner hatte eine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Und noch immer fiel der Regen in Fäden vom Himmel, rann an den Scheiben, perlte an den Blättern ab und tropfte zu Boden. Er schien sogar noch stärker geworden zu sein. Allerdings war Paul die Lust vergangen, in ihm herumzutollen. Abrupt stand er auf, sah Jerome in die Augen und fragte noch einmal, diesmal mit energischer Stimme: „In welchem Krankenhaus?“

„Ich hab dir schon gesagt, dass ich es dir nicht sagen darf.“

Paul gab sich damit keineswegs zufrieden. Er schnippte die Kippe auf den Teppich, beobachtete amüsiert, wie sie ein Loch hineinbrannte und trat sie widerwillig tot. Am liebsten wäre ihm gewesen, wenn der verdammte Scheißteppich mitsamt der ganzen Bude in Flammen aufgegangen wäre. Festen Schrittes näherte er sich Jerome.

„Hör zu, du Scheißkerl …“

„Aber, aber. Ich muss doch sehr bitten!“ Jerome war entrüstet über den verbalen Ausbruch, wagte aber nicht, energischer zu protestieren. Pauls leerer Blick ängstigte ihn noch mehr als zuvor, und er hielt es für ratsam, nicht die große Klappe zu haben. Er merkte, dass er mehr und mehr in seinem Sessel versank. Mit jedem Schritt, den Paul näherkam, schrumpfte er ein paar Zentimeter. Er spürte es, aber er war außerstande, etwas dagegen zu tun. Auch Paul sah, wie er zu Schlumpfgröße mutierte. Der Anblick befriedigte ihn. Schließlich war er es gewesen, der den guten Tag in die Tonne getreten hatte. Er musste jemanden gehörig ans Bein pissen, und da Jerome nun einmal da war, musste er eben herhalten.

„Hör zu, du Pisser!“

Diesmal wagte Jerome es nicht, aufzumucken.

„Was glaubst du eigentlich, was das hier werden soll, hä? Kommst einfach hierher und versaust mir einen wundervollen Tag! Erzählst mir, dass meine Frau einen Unfall hatte, aber nicht, in welcher Scheißklinik sie liegt. Erzählst mir, dass unsere gemeinsamen Kinder (und die Betonung liegt auf gemeinsam!) auf dem Weg ins Känguruland sind. Hast du auch nur einen blassen Schimmer, wie lange man dahinfliegt? Mehr als zwanzig Stunden! Glaub mir, das ist purer Stress! Warum mutet sie das den beiden zu? Gottverdammt, werde ich denn überall übergangen? Ich darf meine eigenen Kinder nicht sehen, aber das Flugticket zahlt sie von meinem sauerverdienten Geld! Aber wenn dieses Miststück glaubt, ich lass mich hier so einfach abservieren, hat sie sich ins Fleisch geschnitten! Ohne mich! Da mache ich nicht mit! Sag mir jetzt, wo sie ist! Und verschon mich mit Ausreden! Raus mit der Sprache! Wo liegt sie?“

Jerome, der mittlerweile zur Größe eines Reiskornes geschrumpft war, wurde noch etwas kleiner. Paul starrte ihn so verbissen an, dass er es bereute, hergekommen zu sein. Welcher Esel hat mich bloß geritten, dachte er wieder und wieder, während er fürchtete, in den Ritzen des Sessels zu versinken.

„Ich warte.“ Ungeduldig klopfte Paul mit den Füßen auf dem Boden herum.

„Sie ist …“

„Ja? Wo denn nun? Ich höre nichts!“

In diesem Moment warf Jerome alle Versprechungen über Bord und verriet es Paul. Er dürfte es um nichts auf der Welt verraten, hatte sie ihm eingebläut. Aber das war leichter gesagt als getan, wenn man jemand gegenüber saß, der nicht nur nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte, sondern überhaupt kein Geschirr mehr besaß.

Genau neunzehn Minuten und dreiundfünfzig Sekunden später stand Paul am Eingang des St. Georgien Hospitals. Unentschlossen zupfte er an seinem T-Shirt und ging hinein. Jerome hatte ihm verraten, wo sie lag und war dann wie ein angestochenes Schwein davongesaust – nicht, ohne ihm vorher einen Besuch bei einem Psychiater zu empfehlen. Und kaum dass Jerome sich aus dem Staub gemacht hatte, war Paul in den Porsche gesprungen und wie ein Teufel durch die Stadt gefahren. Das St. Georgien Hospital lag ein wenig außerhalb inmitten eines großen Waldstückes.

Paul fuhr die ganze Zeit mit Vollgas, das Gaspedal war bis zum Boden durchgetreten, und sein Schutzengel musste Überstunden machen, ob er nun wollte oder nicht. Als er durch den Regen preschte, überlegte er kurz, warum sie Jerome zu ihm geschickt hatte. Wollte sie ihn eins auswischen? Hatte sie Spaß daran, ihn zu quälen? Scheinbar ja. Er sah keinen anderen Grund.

Jetzt, da er sich im Eingangsbereich des Krankenhauses befand, hielt er das Ganze gar nicht mehr für eine so gute Idee. Paul hatte Bedenken, ob der Weg, den er eingeschlagen hatte, richtig war. Was erwartete ihn? Wie würde Jeannette reagieren? Ob sie ihn überhaupt beachtete? Paul kannte sie gut genug. Er wusste, wozu sie fähig war. Er hatte das in den letzten Tagen oft genug erfahren müssen.

All das ging ihm durch den Kopf, als er langsam weiterging. Es konnte seine Schritte bremsen, ihn aber nicht aufhalten. Was ihn aufhalten konnte, war die Angst vor seiner eigenen Reaktion. Bei dem Ganzen hatte er sich kein einziges Mal Gedanken um sich selbst gemacht. Wie werde ich reagieren? Kann ich mich beherrschen oder raste ich einfach aus und falle wie eine wildgewordene Hyäne über sie her? Oder bin ich imstande, mich ruhig und gesittet zu verhalten? Da das alles noch im Dunkeln lag, entschloss er sich, weiterzugehen und es auf einen Versuch ankommen zu lassen.

Die Schritte führten an der Cafeteria vorbei, und hier lag ein Duft von Gebäck, Kuchen und Kaffee in der Luft. Aber da war auch noch etwas anderes. Paul stockte einen Augenblick. Vor Jahren war sein Vater in genau diesem Krankenhaus an Krebs zugrunde gegangen, und dieser Geruch brachte ihm das wieder so in Erinnerung, dass er meinte, es sei gestern gewesen. Warum meinte man in einem Krankenhaus immer die Gegenwart des Todes zu spüren? Nirgends war er so präsent wie dort. Paul glaubte, dass dies den Besuchern noch deutlicher gewahr wurde als den Patienten. Vielleicht vernebelte der Tod einem die Sinne, sodass man, wenn man einige Zeit unter seinem Einfluss stand, gar nichts mehr davon mitbekam?

Paul riss sich aus seinen Gedanken und sah sich verstohlen um. Hatte er etwa wie ein Idiot dagestanden, mit weitgeöffnetem Mund und Augen so groß wie Suppenteller? Schließlich ging er weiter.

Pling, machte es, als sich die Fahrstuhltür hinter ihm schloss. Jetzt stand er im vierten Obergeschoss. Es sah hier genauso aus wie im Erdgeschoss, nur die Cafeteria fehlte. Langsamen Schrittes ging er weiter. Der Flur lag vor ihm im Halbdunkel. Vereinzelt stand eine Tür offen. Aus dem Schwesternzimmer dudelten leise Oldies, und ab und an stöhnte jemand. Es klang wie eine stumpfe Säge auf Holz. Seine Nackenhaare richteten sich nach oben; er hatte ein Déjà-vu-Erlebnis. Damals, als er seinen Vater zum letzten Mal lebend gesehen hatte, hatte er das gleiche quietschende Geräusch gehört. Es war von seinem Vater gekommen, der solche unerträglichen Schmerzen hatte, dass jeder Atemzug einem Krächzen glich. Wenige Stunden später war es vorbei gewesen.

Paul stand stocksteif da und nahm es kaum wahr, als eine Schwester an ihm vorbeihastete. Die Erinnerung an seinen Vater war schmerzlich, aber fehl am Platz. Jetzt hieß es, einen kühlen Kopf zu bewahren. Da konnte er diesen Schmerz nicht brauchen. Es überraschte ihn, wie er den Vater in diesem Moment plötzlich vermisste. Aber vielleicht lag das auch nur an den unangenehmen Erinnerungen, die die Umgebung in ihm wachrief. Er musste schnellstmöglich auf andere Gedanken kommen. Schließlich war sein Vater seit mehr als zehn Jahren unter der Erde. Hatte er, Paul, je um ihn geweint?

Langsam löste sich die Starre, und er lief langsam den Flur hinunter. Aufmerksam studierte er die Zimmernummern. Hatte Jerome vierhundertsechzig oder vierhunderteinundsechzig gesagt? Egal, ein Versuch konnte nicht schaden.

Vierhundertsechzig war die erste. Er trat ein, ohne anzuklopfen.

Als er in das Zimmer trat, traf ihn fast der Schlag. Ja, es war das Zimmer seiner Frau. Aber als er sah, was er sah, wünschte er sich sehnlichst, er wäre nie hergekommen.

Jeannette hatte ein Einzelzimmer. Kein Kunststück, schließlich war sie privat versichert. Um ihren Kopf war ein Verband gewickelt, auf dem sich rote Flecken abzeichneten. Trotzdem war sie noch immer so schön, wie er es in Erinnerung hatte. In ihrem Gesicht tummelten sich Sommersprossen, und ihre Lippen schienen fast noch voller als bei ihrer letzten Zusammenkunft. Ihr langes Haar, das unter der Bandage hervorlugte, war gepflegt, wenn auch blutig. Einen Moment meinte Paul sogar, es riechen zu können. Als sie noch ein frischverliebtes Paar waren, hatte er ihr öfter das Haar gewaschen. Wieder etwas, was er schon lange nicht mehr getan hatte, wurde es ihm siedend heiß bewusst. Das einzige, was ihre Schönheit ein wenig entstellte, war der Bluterguss an ihrer linken Wange. Er erstreckte sich fast über die gesamte Gesichtshälfte. Sie musste böse hingefallen sein. Aber nicht der Bluterguss war es, der ihm einen Schlag versetzte, sondern der wildfremde Mann, der da auf ihrem Bett saß und ihre Hand hielt. Einen Moment war er so naiv zu glauben, es sei der Arzt. Allerdings hielt das nur den Bruchteil einer Sekunde vor. Wenn aber nicht der Arzt, wer dann? Wer?

Langsam dämmerte es ihm. Das hatte er weniger seiner Intelligenz als vielmehr dem ramponierten Aussehen des Mannes zu verdanken. Er sah aus, als hätte er vor nicht allzu langer Zeit einen Unfall gehabt. Einen … Motorradunfall vielleicht? Aber das hieße ja … nein, nein! Oder doch? War das möglich?

Mit einem Mal war ihm speiübel.

He, was soll das, wollte er sie anfahren, aber er brachte kein Wort heraus. In seinem Kopf leuchtete immer wieder ein einziger Satz auf, wie eine Leuchtreklame. Er war hell und grell und verkündete in roten, blauen, grünen und gelben Lettern: Diese verdammte Saubande hat ein Techtelmechtel! Diese verdammte Saubande hat ein Techtelmechtel! Diese verdammte Saubande hat ein Techtelmechtel! Diese verdammte Saubande hat ein Techtelmechtel! Licht an. Licht aus. Licht an. Licht aus. Licht an. Licht aus. Licht an.

Wie sie sich anstarren, igitt! Sie haben mich noch nicht mal bemerkt. Warum, zum Henker? Fieberhaft sann er über den Grund nach. Da verschwand endlich die Neonreklame aus seinem Kopf. All das geschah im Bruchteil einer Sekunde. Plötzlich ein dumpfer Knall hinter ihm. Die Zimmertür. Aha, dachte er, darum kam ich mir vor wie Luft.

Nun sahen auch Jeannine und der Fremde zu ihm herüber, und ihre Gesichter sprachen Bände. Sie waren kreidebleich und hatten Ähnlichkeit mit denen von halbstarken Rotzbengeln, die irgendeinen Blödsinn getrieben haben, auf frischer Tat ertappt worden sind und nun der Bestrafung harren.

„Was geht hier vor?“, donnerte es aus Pauls Mund.

„Was willst du hier?“, spie Jeannine ihm entgegen.

Das war keineswegs die Reaktion, die er erwartet hatte. Noch dazu, dass sie auf einmal wie eine tollwütige Hyäne wirkte. Ihre Augen schossen Giftpfeile in seine Richtung, und ihre Stimme war wie Eis. Paul ließ sich davon nicht abschrecken und fragte noch einmal, was los sei. In seinem Inneren fragte eine altkluge Stimme, ob das etwa nötig war, ob er so blind war und es nicht sehen konnte. Er ließ die Stimme links liegen und schenkte ihr keine Beachtung.

„Woher weißt du …? Ach, vergiss es! Hätte ich mir gleich denken können, dass dieser Kerl sein Schandmaul wieder nicht halten kann. Also, was willst du, Paul? Aber fass dich bitte kurz, ja? Ich kann deinen Anblick keine Sekunde länger als unbedingt nötig ertragen.“

Peng. Der Hieb in die Magengrube hatte gesessen. Das musste Paul erstmal verdauen. Aber so hatte er wenigstens einen Augenblick Zeit, seine Gedanken zu ordnen. Was zum Henker wollte er hier? Eine verdammt gute Frage, die sie ihm da gestellt hatte. Was wollte er eigentlich hier? Tja, meine Damen und Herren Geschworenen, was soll man dazu sagen? Er hatte selbst keinen blassen Schimmer. Anfangs hatte er noch eine gehörige Wut im Bauch gehabt, aber die war inzwischen verschwunden. Jetzt war da nur noch Leere, gähnende Leere. Also, warum zum Kuckuck, war er hier? Er musste sich eingestehen, dass er darauf keine Antwort wusste. Also war es wohl besser, die Frage einfach zu übergehen und an einer anderen Stelle weiterzumachen.

„Wo sind die Kinder?“

Zugegeben, das war auch nicht unbedingt das Gelbe vom Ei, schließlich wusste er ja, wo sie waren. Aber es war immerhin ein Anfang. Er konnte nach ihnen fragen. Er hatte schließlich ein Recht, es zu erfahren. Das war jedenfalls seine Ansicht zu dem Thema. Jeannine allerdings war da anderer Meinung.

„Das geht dich einen verdammten Scheißdreck an, geht dich das.“

Wieder hatte Paul etwas zu verdauen. So allmählich nimmt das überhand, dachte er. Die Wut, die ihn hierhergeführt hatte und die schon abgeflaut war, loderte wieder auf. Aber sie war hier so nützlich wie ein Kropf. Also versuchte er sie, so gut es eben ging, herunterzuschlucken.

„Bloß damit ich das richtig verstehe, es geht mich einen verdammten Scheißdreck an, wo meine eigenen Kinder sind, aber für die Flugtickets darf ich löhnen? Habe ich das richtig verstanden? Was glaubst du eigentlich, wen du vor dir hast?“

„Einen egoistischen, blinden Idioten.“

Diesmal ging der Schlag nicht in die Magengrube, sondern mitten ins Herz. Alle Hoffnungen auf eine friedliche Lösung des Konfliktes zerplatzten wie Seifenblasen.

„Ich will wissen, wo meine Kinder sind! Und deine Beleidigungen kannst du dir sparen! Die prallen an mir ab!“ Aber seine Augen verrieten etwas anderes. Aber noch konnte er sich beherrschen, konnte die Tränen zurückhalten, obwohl seine Augen schon wässrig waren. Er hatte ein wenig Respekt von ihr erwartet, aber was er hier bekam, war nur Scheiße und Verachtung. Wie schnell Liebe in Hass umschlagen konnte!

„Ach übrigens, ehe ich es vergesse: Du hast dich doch ebenso darüber erregt, dass du die Flugtickets bezahlen sollst, oder? Da habe ich eine gute Nachricht für dich: Das muss dich nicht mehr kümmern. Ich habe sie bezahlt und“, sie sah auf die Uhr an der Wand, „wenn ich mich mit dem Zeitunterschied nicht verrechne, müssten sie jede Sekunde landen. Du siehst also: Du wirst noch nicht mal mehr dazu gebraucht.“

„Wo … wo hast du das Geld her? Wieso hast du das getan?“

Paul stotterte. Jetzt konnte er die Tränen nicht mehr zurückhalten. Was für ein beschissener Tag! Kann kaum noch schlimmerer werden, dachte er. Ein paar Sekunden später wusste er, dass es das sehr wohl konnte.

„Du wagst es zu fragen, woher ich das Geld habe?“ Diesmal klang ihre Stimme wie eine rostige Kette. „Na schön, ich werde es dir verklickern. Aber schön langsam, damit du es auch schnallst. Er hier“, jetzt deutete sie auf den Mann, der auf ihrem Bett saß, „hat es mir gegeben.“

Paul fiel aus allen Wolken. Er hatte die Anwesenheit des Fremden völlig vergessen. Bis jetzt.

„Und er ist es auch, der ab jetzt die Rolle ihres Vaters übernehmen wird.“

Einen Moment wurde es Paul schwarz vor Augen, und fast wäre er nach hinten weggesackt.

„Und nun tu mir bitte einen Gefallen und verpiss dich. Du widerst mich an.“

Paul war so perplex, dass er es tat.

Den Weg vom Zimmer zum Wagen legte er zurück wie im Delirium. Alles um ihn herum schien in einer anderen Dimension stattzufinden, Lichtjahre von dem entfernt, was einmal sein Leben gewesen war. Er hatte Mühe, aufrecht zu gehen. Seine Beine zitterten wie Götterspeise, und seine Muskeln besaßen in etwa die Stärke eines Marmeladenbrotes.

Mit letzter Kraft erreichte er den Porsche, ließ sich in den Sitz fallen, und von da an konnte er den Tränen keinen Einhalt mehr gebieten. Sie flossen in Sturzbächen und durchweichten seinen Hemdkragen. Er ließ es einfach geschehen. Es waren Tränen, die geweint werden mussten. Sie kribbelten auf seiner Haut und brannten. Es war ihm egal. Er wollte nur noch weinen. Weinen wie ein Schlosshund und nie wieder aufhören.

Langsam verschwand der letzte Fetzen Helligkeit, und noch immer saß er da, rauchte eine Zigarette nach der anderen und machte keine Anstalten, nach Hause zu fahren. Unzählige Menschen waren an ihm vorbeigekommen. Die Besuchszeit rückte heran, und der Menschenstrom wurde dichter. In vielen dieser Gesichter stand die Sorge um ihre Angehörigen geschrieben. Ja, dachte er, ein Krankenhaus ist wahrlich ein beschissener Ort. Ein Ort, wo Menschen sterben. Ein Ort, wo Frauen zu Witwen, Männern zu Witwern und Kinder zu Waisen werden. Wie bei ihm selbst. Wenn auch auf andere Art und Weise ….

Er drückte die Zigarette aus und zündete sich sofort eine neue an. Sein Hals fühlte sich trocken an und rau; trotzdem wollte und konnte er nicht auf sie verzichten.

Irgendwann endete die Besuchszeit. Wie viele Stunden saß er nun schon hier? Er hatte keine Ahnung. Mittlerweile mussten es schon fünf sein. Je später es wurde, umso verlassener wirkte die Straße. Nur ab und zu näherte sich ein Krankenwagen mit raschem Tempo, bog ab und verschwand hinter einer hohen Mauer. Paul brauchte kein Hellseher zu sein, um zu wissen, dass da neue Kundschaft eingeliefert wurde.

Während er kettenrauchend dasaß, dachte er über vieles nach. Er dachte an viele Dinge, aber am meisten an den Satz, den sie ihm an den Kopf geknallt hatte: Du widerst mich an.

Gab es da noch etwas misszuverstehen? Wohl kaum. Das war eindeutig. Es gab kaum einen Satz, der mehr verriet als dieser. Wenn er noch Zweifel an ihren Trennungsabsichten gehegt hatte, dieser Satz hatte sie ausgelöscht. Und ihr Geliebter (mittlerweile hatte er es geschnallt, dass es ihr Geliebter war) hatte bei ihr gesessen, hatte ihre Hand gehalten und, was am Schlimmsten war, er hatte die Tickets der Kinder bezahlt. Selbst das hatte sie ihm genommen.

Wieder näherte sich ein Krankenwagen, diesmal ohne Martinshorn und deutlich langsamer. Wieder bog er rechts ab und verschwand hinter der Mauer.

Warum wollte sie, dass er das alles erfuhr? Konnte sie so gehässig sein? Er konnte sich noch immer keinen Reim darauf machen.

Paul fühlte sich wie durch den Fleischwolf gedreht. Er war durstig, sein Kopf schmerzte wie nach tausend Nadelstichen, und seine Eingeweide schienen Polka in Holzpantoffeln zu tanzen. Er war müde, als hätte er seit Tagen nicht mehr geschlafen. Trotz allem kam es ihm nicht in den Sinn, den Motor zu starten und heimzufahren.

Irgendwann schälte er sich aus dem Sitz und schlich mit hängendem Kopf in eine dunkle Ecke, öffnete den Hosenschlitz und entleerte seine Blase. Keine zwei Minuten später saß er wieder im Wagen, hatte eine Kippe zwischen den Lippen und beobachtete die dunkle Straße. Zwei, drei Stunden später, es musste schon nach Mitternacht sein, entschied er sich endlich, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen und heimzufahren.

Kapitel 4

4. Kapitel

Es verging Zeit, bis Sabine den Tod ihrer Tochter verwunden hatte. Verwunden ist wahrscheinlich der falsche Ausdruck; nicht mehr ständig davon gequält zu werden, träfe wohl eher zu. Der Schmerz saß tief, so tief, dass er ihr zeitweilig noch immer den Verstand zu rauben drohte. Doch sie machte damit ihren Frieden, sie ließ ihn zu. Sie hatte das Schlimmste hinter sich; von nun an konnte es eigentlich nur noch bergauf gehen.

All diese schrecklichen Erinnerungen jedoch waren mit dem Einschläfern des Pferdes, mit seinem Tod, plötzlich wieder auf sie eingestürzt, und das war einfach zu viel gewesen. Manchmal genügte ein Wink, ein Fingerzeig, irgendetwas, es musste nicht einmal groß sein, um ihr die Schmerzen, das Leid, die Trauer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Dann waren sie wieder da, obwohl sie längst geglaubt hatte, sie überwunden zu haben. Und dann, von einer Sekunde auf die nächste, war sie wieder am Boden zerstört. Dann war sie wieder in dem schrecklichen dunklen Loch, das sich Verzweiflung nannte.

Der Wind zerwühlte ihr Haar, spielte damit und trocknete zugleich ihre Tränen. In der letzten Zeit hatte sie wahrlich viel geweint. Zu viel für ein Leben. Eigentlich sollte es nun genug sein. Ihr Leben konnte nicht nur aus Tränen bestehen. Da musste es doch auch noch etwas anderes geben. Irgendwann musste auch sie wieder lachen können, auch wenn es ihr im Moment unmöglich erschien.

Sie wartete ein paar Minuten, horchte in sich hinein, ob der Weinkrampf noch einmal ausbrechen wollte (manchmal tat er das: Sie glaubte, ihn überwunden zu haben, und dann brach er wieder los); dann drehte sie dem Meer den Rücken zu und ging langsamen Schrittes zurück zum Haus. Das Rauschen der Wellen begleitete sie noch ein Stück, wurde aber mit jedem Schritt schwächer und schwächer und verschwand schließlich.

Auf dem Hinweg hatte sie Vögel zwitschern gehört, doch jetzt schwiegen sie. Sie sah zerstreut auf ihre Armbanduhr und erschrak: Als sie zum Strand hinuntergegangen war, war es früher Vormittag gewesen – und jetzt war es später Abend. Doch nicht dies erschreckte sie, sondern die Dunkelheit, die sich langsam um sie ausbreitete. Sabine hatte nichts von ihr mitbekommen; viel zu sehr war sie in ihre Gedanken vertieft gewesen. Konnte man sich wirklich so vergessen, dass einem selbst etwas so Alltägliches wie der Untergang der Sonne entglitt?

Normalerweise hätte sie in der Dunkelheit hier draußen Angst gespürt. Aber nicht heute. Heute schien ein besonderer Tag zu sein. Vielleicht wurde heute alles besser? Der Tod ihrer ungeborenen Tochter konnte zwar nicht ungeschehen gemacht werden, aber ihr schien plötzlich, als hätte sie eine Stufe erreicht, auf der sie mit dem Schicksalsschlag würde leben können. Und das war gewiss die Voraussetzung, um ein einigermaßen glückliches, zufriedenes Leben führen zu können. Ab heute, da war sie sich sicher, würde es wieder bergauf gehen. Und weil sie so fühlte, war sie nicht nur ohne den kleinsten Funken von Angst, nein, sie war hervorragender Stimmung. Sie fühlte sich so gut wie schon lange nicht mehr.

Sabine kam über die Anhöhe, erblickte das hellerleuchtete Anwesen ihres Vaters und wusste, dass sie ein neues Kapitel aufgeschlagen hatte.

Sie lief noch ein paar Meter weiter und blieb plötzlich stehen. Sie stand wie angewurzelt da, bevor sie wusste, wie ihr geschah. Warum sie so abrupt stehen blieb, wusste sie nicht. Irgendetwas war vor ihrem geistigen Auge aufgetaucht, doch noch ehe sie danach greifen konnte, war es wieder verschwunden. Was konnte es gewesen sein?

Sie überlegte, was es war. Was konnte so wichtig gewesen sein? Und wichtig war es zweifellos. Was, in drei Teufels Namen?

Wie ein Steingötze stand sie da, unbeweglich und mit ernster Miene. Sie nahm weder die Dunkelheit um sie herum wahr noch die Kälte, die langsam durch ihre Kleider drang. Alles in ihr konzentrierte sich so sehr, dass sie nichts davon bemerkte. Alle ihre Zellen richteten sich auf diesen einzigen Punkt aus.

Und ganz plötzlich, wie aus heiterem Himmel, fiel es ihr wieder ein, und schlagartig begriff sie auch, warum sie es vergessen hatte: Es war genau der Tag, an dem sie ihre Tochter verloren hatte. Damals hatte ihr der Vater etwas sagen wollen. Etwas, das ihn, sie selbst und ihre Familie betraf. Etwas, bei dem ihr alter Herr ganz anders gewesen war als sonst. Wie, konnte sie nicht in Worte fassen. Aber auf jeden Fall anders. Auf beunruhigende Art anders.

Jetzt, da es ihr wieder eingefallen war, fragte sie sich, wie sie es eigentlich hatte vergessen können. Doch im selben Augenblick, als sie sich die Ereignisse, die zeitgleich geschahen, wieder ins Gedächtnis rief, beantwortete sich ihre Frage von selbst.

Sabine atmete einmal tief ein und wieder aus. Der Atem wurde vor ihrem Gesicht zu einer weißen Wolke, die sich rasch auflöste. Nun wurde sie auch der Kälte gewahr und entschied sich, endlich hineinzugehen, einen heißen Tee zu trinken, dabei ein gutes Buch zu lesen – und ganz nebenbei ihren alten Herren zu fragen, was es denn so Wichtiges gab, das ihre ganze Familie betraf.

So in etwa stellte sie es sich vor, doch als sie im Inneren des Hauses war, gewann ihre Neugier schnell die Oberhand, und sie verzichtete auf den Tee – was nun wirklich unvernünftig war, denn sie war durchgefroren und glich einem Eisklotz auf zwei Beinen. Das Buch, das sie hatte lesen wollen, sah sie nicht einmal an und stürmte stattdessen ins Lesezimmer ihres Vaters.

Der Vater saß im Schaukelstuhl und hielt ein Buch in den Händen. Ihn einmal nicht in einem solchen Stuhl anzutreffen, war alles andere als einfach. Er liebte diese Dinger und hatte in fast jedem Zimmer einen aufgestellt. Besuchern, die ihn darauf ansprachen, erklärte er, dass er sie für unglaublich bequem halte.

Als Sabine wie ein Wirbelwind hereingestürmt kam, sah er sie über die Lesebrille hinweg erstaunt an. „Kindchen, da bist du ja endlich! Wo warst du denn die ganze Zeit?“

Zwei Dinge konnte Sabine an ihrem Vater nicht ausstehen: Wenn er sie wie einen Teenager behandelte, schwoll ihr jedes Mal die Galle bis auf Kürbisgröße. Das war aber noch nichts verglichen mit dem, was sie am meisten hasste. So richtig in Rage geriet sie, wenn er sie Kindchen nannte. Dann war wirklich alles zu spät, und sie fürchtete, gleich Amok zu laufen. Auch diesmal spürte sie, wie ihre Magensäure gefährlich anstieg …

Doch statt einen Wutausbruch zu bekommen, biss sie die Zähne zusammen, schluckte ihren Groll hinunter und sah ihren Vater unverhohlen an. Das war das einzig Richtige, was sie tun konnte, denn Wut wäre der falsche Begleiter gewesen; sie hätte mehr geschadet als genutzt. Sabine beherrschte sich sogar so weit, dass es ihr gelang, ein Schmunzeln auf ihre Lippen zu zaubern. Sie beschloss, seinen Kommentar zu ignorieren.

„Hi, Dad. Du liest ein Buch? Schön. Ist es gut? Ich hoffe, es ist kein lahmer Schinken?“ Sie plauderte drauflos wie ein Wasserfall. Ihr Vater konnte ihr kaum folgen. „Wie war dein Tag? Erzähl doch mal!“

„Ist alles mit dir in Ordnung?“, fragte der Vater, und in seiner Stimme schwang Sorge mit.

„Freilich. Was soll mit mir nicht in Ordnung sein?“

Er suchte offensichtlich nach Worten. Seine Augen und sein ernstes Gesicht ließen erkennen, dass er überlegte, was er sagen sollte. Er dachte nach, entschied sich für etwas, sann noch einmal nach und verwarf es schließlich wieder. Schließlich platzte er doch heraus mit der Sprache.

„Na ja, wegen deinem Pferd. Der Gaul. Du weißt schon.“

Von allen Möglichkeiten, die er hatte, musste er ausgerechnet die Holzhammermethode wählen. Gute Wahl, dachte Sabine sarkastisch. Jetzt, da es raus war, biss er sich auf die Lippen. Er hätte wirklich sanfter mit ihr umgehen können. Schließlich hatte sie ihren Gaul, wie er ihn nannte, ins Herz geschlossen. Sie entschloss sich, auch das zu ignorieren. Sie kannte ihren Vater gut genug, um zu wissen, dass er es nicht böse meinte. Es war nur seine Art, das Kind beim Namen zu nennen. Manche Menschen mochten sich daran stoßen, aber so war er eben: Immer mit dem Kopf durch die Wand und munter drauflos geschwatzt.

„Es … es tut weh“, war ihre knappe Antwort.

„Komm, setz dich zu mir. Du siehst müde aus, mein Kleines.“

Da war es schon wieder. Er hatte es tatsächlich schon wieder gesagt, obwohl er genau wusste, dass es sie auf die Palme brachte. Warum tut er das, überlegte Sabine. Allmählich kam ihr der Gedanke: Er tut es mit Bedacht. Aber nein, nein. Das tut er bestimmt nicht. Oder doch?

„Nein, nein. Lass gut sein. Es geht schon. Mir geht’s wirklich gut.“

„Sicher?“

„Ja, ganz sicher. Du brauchst dir keine Gedanken zu machen.“

Er sah sie noch um einiges eindringlicher an, legte die Stirn in Falten und versenkte seinen Blick schließlich wieder in das Buch vor ihm. Ein unverständliches Blubbern kam aus seinem Mund. Aber Sabine verstand ihn.

„Na gut, wenn’s so ist, dann ist’s gut. Und wenn nicht, dann komm halt wieder vorbei.“

Eine Minute verharrten sie so. Sabine stand da wie eine Statue, und ihr Vater las. Er war so vertieft, dass er sie gar nicht mehr wahrnahm. Er glaubte, sie hätte das Zimmer verlassen.

Und so verging eine Minute.

Und dann noch eine.

Und schließlich noch eine.

Sabine räusperte sich, und erst jetzt bemerkte ihr Vater, dass sie nicht gegangen war.

„Ähm … ist sonst noch irgendwas?“

„Warum? Wie kommst du darauf?“

„Oh, ganz einfach. Weil du wie ein Ölgötze hier rumstehst und Maulaffen feil hältst! Das sieht dir gar nicht ähnlich. Also, heraus mit der Sprache: Was bedrückt dich?“

Sabine grinste. Hatte sie das wirklich getan? Davon hatte sie gar nichts mitgekriegt.

„Nun ja …“, begann sie, aber das war auch schon alles.

„Was du nicht sagst! Dann ist ja alles klar“, spottete ihr Vater. Kein feiner Zug von ihm, aber so war er nun mal. Das ist durch Prügel nicht mehr zu korrigieren, ging es ihr durch den Kopf, aber bei dem Gedanken, sie würde hinter ihrem alten Herren her wetzen, einen Gürtel in der Hand, musste sie grinsen.

„Als ich eben auf dem Heimweg war, fiel mir ein, dass du mir mal was erzählen wolltest. Es hatte irgendwas mit unserer Familie zu tun. Ich glaube, es war zu der Zeit, als ich meine Fehlgeburt hatte. Ja, ich glaube, da war es“, bestätigte sie es sich selbst und fuhr dann fort: „Bis eben hatte ich es total vergessen. Wahrscheinlich hatte ich den Kopf mit anderen Dingen voll (ach was, sprach da ihre innere Stimme, du hast doch bloß den Tod deiner ungeborenen Tochter und den ihres Vaters betrauert! Im Großen und Ganzen also nichts Besonderes, wie? Hahahaha). Wie dem auch sei: Jedenfalls dachte ich mir, wenn es meine Familie betrifft, geht es auch mich was an. Das ergibt sich zwangsläufig, findest du nicht auch?“

Während sie sprach, wurde das Gesicht ihres Vaters immer leerer und ausdrucksloser, fast schon erschreckend. Im Gegensatz zu ihr konnte er sich an die Situation im Krankenzimmer gut erinnern. Viel zu gut. Wie so oft hatte sein Mund schneller gearbeitet als sein Gehirn; es war ihm einfach so rausgerutscht. Am liebsten hätte er es rückgängig gemacht. Er war damals in einer deprimierten Stimmung gewesen und nach all diesen Tragödien so sentimental und rührselig, dass er sein altes Schandmaul nicht im Zaum hatte halten können. Doch kaum, dass er ihr Zimmer verlassen hatte, hatte er sich einen alten Tölpel geschimpft. Vielleicht, dachte er damals, rieselt mir doch schon Kalk durch die Adern. Und als dann Sabine entlassen wurde, kam sie nicht mehr darauf zu sprechen; sie musste mit anderen Dingen fertigwerden. Es erleichterte ihn ungemein, doch gleichzeitig fürchtete er den Tag, an dem ihre Erinnerung zurückkehren würde. Allem Anschein nach war er jetzt gekommen. Das hast du nun davon, alter Narr.

„Es ist besser, wir lassen das.“

„Aber damals …“

„Damals hätte ich fast einen Fehler begangen – und das bereue ich. Ich weiß, dass ich nicht damit hätte anfangen dürfen. Aber die Situation … du weißt schon, was ich meine, war auch für mich zu viel. Auch ich war überfordert, und als Konsequenz davon ist mir das herausgerutscht. Das tut mir leid. Ich bin nichts als ein geschwätziger alter Narr.“

„Aber … aber …“

„Nichts aber. Glaub mir, es ist besser, wenn du diese Unterhaltung aus deinem Gedächtnis streichst. Tu einfach so, als hätte es sie nie gegeben. Und jetzt geh!“

Fast wäre Sabine tatsächlich gegangen; der grobe Ton erschreckte sie. So ungehobelt hatte sie ihn noch nie erlebt. Erst als sie bereits die Türklinke in der Hand hatte, besann sie sich, dass sie keine acht Jahre mehr war und ihr Vater ihr nichts mehr zu befehlen hatte. Sie wartete noch eine Sekunde, füllte ihre Lungen mit Luft und drehte sich langsam wieder um. In ihren Augen stand wilde Entschlossenheit (sie blitzten einem geradezu entgegen), und ihr Gesicht war hart wie Stein. Ihr alter Herr konnte davon freilich nichts sehen, denn seine Augen hatten im Laufe der Jahre nachgelassen.

„Hör zu, Daddy! Ich bin kein kleines Mädchen mehr!“

Der Klang ihrer Stimme überraschte sie beide, Sabine sogar noch mehr. Sie strotzte geradezu vor Entschlossenheit und Willensstärke. Und ihre Stimme, die kein bisschen zitterte oder schwächlich klang, bewirkte, dass sie sich ihrer Entscheidung sicher war. Jeder Zweifel wurde von dieser Stimme weggewischt wie ein Schmutzfleck von einer Fliese. Und da sie in ihrem Selbstvertrauen um einige Punkte nach oben geschnellt war, gab es jetzt kein Zurück mehr.

„Ich bin kein kleines Mädchen mehr“, begann sie von neuem.

„Ja, ich weiß. Aber …“

„Warum behandelst du mich dann so?“

„Aber Kindchen, das tue ich doch gar nicht. Das bildest du dir ein.“

„Da! Schon wieder! Du tust es schon wieder!“

„Was denn? Was tue ich schon wieder?“

Gott, konnte man wirklich so begriffsstutzig sein? War das möglich? Oder war es nur ein Ablenkungsmanöver? Es wäre nicht das erste Mal, dass ihr Vater so was versuchte. Es war schon immer eine Unart von ihm gewesen, unangenehmen Fragen auszuweichen. Aber diesmal werde ich den Spieß umdrehen. Nicht mit mir, mein Lieber. Diesmal nicht!

„Ach, vergiss es einfach. Das interessiert mich nicht im Geringsten.“

Ihr Vater zuckte zusammen. Nicht viel, aber Sabine nahm es befriedigt und mit Genugtuung zur Kenntnis. Sie hatte also recht gehabt mit ihrer Vermutung: Er wollte vom Thema ablenken. Aber nicht diesmal. Oh nein, diesmal nicht! Es wird allmählich Zeit, fortzufahren, wurde sie von ihrer inneren Stimme ermahnt, sonst verschwendest du noch mehr Zeit. Und wer weiß, was dann passiert? Recht hat sie, pflichtete Sabine ihr bei und erhob ihre Stimme wieder gegen ihren Vater, ebenso fest und sicher wie zuvor.

„Lass uns den Scheißdreck am besten vergessen! Schmeiß alles, was dir Sorgen bereitet, über Bord, all die Ängste und Bedenken, wirf sie einfach weg und erzähl mir, was es damit auf sich hat. Komm schon! So schwer kann das doch nicht sein!“

„Du hast ja keine Ahnung …“

Er sank ein wenig tiefer in seinen Schaukelstuhl. Auch das erfüllte sie mit Genugtuung. Aber es erwies sich als lange nicht so befriedigend wie beim ersten Mal.

„Warum ist es so schwer? Erzähl es mir! Was soll so schwer daran sein?“

„Weil es … Wenn es nicht so schreck … Vielleicht bleibt es ja aus. Vielleicht hast du ja Glück und es verschont dich.“

Sie sah, dass er sich auf die Lippen biss. So heftig, dass ein Tropfen Blut aus ihnen quoll. Jetzt erwog sie ernsthaft, es zu vergessen, die ganze Sache abzublasen. So wie er reagierte, musste es etwas Schlimmeres sein als irgendein schmutziges kleines Familiengeheimnis. Etwas Gewichtigeres als ein ordinärer Obstdiebstahl aus Nachbars Garten. Ja, so viel stand fest. Aber so einfach konnte sie die Sache nicht vom Tisch fegen und zum Alltag zurückkehren. Ihre Neugier war geweckt, und wenn das erst einmal geschehen war, brauchte es mehr als eine aufgeplatzte Lippe, bis sie davon ablassen würde.

„Was wird mich vielleicht verschonen?“

Der Schaukelstuhl war mit einem Mal so groß wie das Universum und ihr Vater darin so klein wie ein Meteoritensplitter in den schwarzen Tiefen des Alls.

Was habe ich nur angerichtet, fauchte es in ihm. Wie konnte ich das nur tun? Was ist mit mir los? Wie konnte ich mich so von ihr übertölpeln lassen? Ich muss völlig verkalkt sein. Doch halt: Noch ist ja gar nichts ausgesprochen. Noch habe ich eine Chance. Noch weiß sie nicht das Geringste. Ich muss nur ein bisschen vorsichtiger sein und ihr irgendeinen saftigen Brocken hinwerfen – einen, der vor Neuigkeiten nur so trieft. Es muss nur ihr Interesse wecken, mehr nicht. Doch wo gab es etwas, was dazu imstande wäre? Fieberhaft überlegte er.

„Was wird mich vielleicht verschonen?“

Diesmal klang ihre Stimme noch fordernder. Langsam ging sie auf ihn zu, näherte sich Schritt für Schritt. Und ihr Vater wurde kleiner und kleiner. Eigentlich hatte er es selbst zu verantworten, dass seine Tochter es unbedingt wissen wollte. Schon seine Haltung, sein Äußeres verrieten, dass er etwas vor ihr verbarg. Wie er unruhig die Hände ineinander rieb, sich selbst verstohlen über die Schulter blickte, als sitze da jemand hinter ihm! Wie ihm der Schweiß von der Stirn rann! Das alles spornte sie nur noch mehr an. Nur, was war es? Es musste wirklich etwas Hundsgemeines sein, sonst würde er kaum so ein Affentheater veranstalten.

„Dad, du bist es mir schuldig. Du musst es mir einfach sagen. Ich verlange, dass du es mir sagst! Auch wenn es schrecklich ist, du musst es mir sagen! Du musst einfach!“

Ihre Stimme klang wie eine Kreissäge, die sich mühsam durch steinhartes Holz fräst. Sie kreischte, aber nicht so, wie man es tut, wenn man etwas will, es aber nicht bekommt, sondern wie jemand, der kurz vor einem apokalyptischen Wutausbruch steht. Das Kreischen bewirkte, dass ihr Vater noch mehr in sich zusammensackte, so sehr, dass er jetzt nicht einmal mehr der Gesteinssplitter eines winzigen Meteoriten war. Es fehlte nicht viel, und er hätte sich in Luft aufgelöst, wäre verglüht wie eine Sternschnuppe beim Eintritt in die Atmosphäre. Ist doch echt erstaunlich, was eine Stimme so alles bewirken kann.

Doch auf Sabine macht all das keinen Eindruck. Sie beschloss, auch weiter alles zu riskieren. Bis jetzt lief es gut. Sie musste nur weiter ihren Standpunkt vertreten und ihn irgendwie durchboxen. Dann würde alles zu ihrer Zufriedenheit ablaufen.

Pause! Pause! Pause!, hämmerte es in Pauls Hirn. Schluss! Eine Pause! Ich brauche eine Pause! Dringend!

Paul hatte seit Stunden geschrieben. Er war gleich nach der Morgentoilette in sein Arbeitszimmer gegangen, hatte hinter sich alles verriegelt und verrammelt (was unnötig war, er war ja allein im Haus), hatte das Fenster sperrangelweit aufgerissen, eine Kanne frischen Kaffee neben sich platziert und seitdem wie ein Besessener auf seinem Notebook herumgehämmert.

Seine Fingergelenke sandten bereits dumpfe Schmerzwellen aus. Sie drangen zwar bis zu seinem Gehirn vor, da es aber überlastet war, bemerkte es davon nichts. Nur sein Rücken und Nacken schafften es, auf sich aufmerksam zu machen. Sie fühlten sich an, als wären sie mit einem Kaktus gepeitscht worden. Davon registrierte er etwas, wenn auch nur verhalten und schwach – wie ein Blick durch Wasser, trüb und verzerrt.

Er trank den letzten Schluck Kaffee und verzog die Mundwinkel; er war eiskalt und bitter. Angewidert stellte er die Tasse zurück und erhob sich langsam. Diesmal waren die Schmerzen stärker. Kunststück, dachte er, diesmal bist du ja auch in der verdammten Realität und nicht noch halb in deiner Phantasiewelt versunken. Du weißt schon, was ich meine, nicht? Ich rede von der Welt, in die man eintaucht, wenn man schreibt. In einer Welt, in der alles möglich ist, was man nur will. In der du einen Drachen besteigen kannst, ohne dass er dir den Hintern verkohlt. In der du …

Paul unterbrach den Gedankengang mitten im schönsten Plaudern. Das war zwar nicht nett von ihm, aber er bezweifelte, dass das zu den Todsünden gehörte. Wie ein Kartoffelsack ließ er sich wieder auf den Stuhl plumpsen, wobei es verdächtig ächzte. Was soll’s, ging es ihm durch den Kopf, ich bin halt auch nicht mehr der Jüngste. Es war erschreckend, wie endgültig und unabänderlich dieser Satz war. Noch mehr erschreckte ihn, dass es ihn nicht im Geringsten zu stören schien. Früher hatte er sich die Zukunft immer mit gemischten Gefühlen ausgemalt. Er hatte einen Riesenbammel davor gehabt, älter zu werden. Wohin würde ihn das bringen, dieses pausenlose Altern? Zweifellos zum Tode, so viel war sicher. Aber der Tod war es nicht, der ihn ängstigte. Damit konnte er sich abfinden. Er fürchtete den Weg, der ihn zu ihm führen würde. Dieser Weg enthielt allerlei Gefahren, und je älter man wurde, umso gefährlicher wurde er. Als ob er einem nicht die kleinste Chance lassen wollte, das Ganze heil zu überstehen. Allein schon der Gedanke an die vielen Krankheiten, die auf diesem Weg lagen, ließ ihm die Haare zu Berge stehen. Da gab es Krebs und Diabetes, Herzinfarkte und Schlaganfälle, alles schnuckelig schöne Überraschungen, die das Leben bereithielt. Oder was war, wenn er ein Pflegefall wurde? Oh Gott, oh Gott, bitte bewahre mich davor! Wegen der finanziellen Dinge machte er sich keine Gedanken (er war ja nicht unbedingt das, was man einen armen Schlucker nennt), aber er war überzeugt davon, den Verstand verlieren zu müssen, wenn man ihn wie einen Säugling füttern und wickeln musste. Da zog er den Tod mit seiner Endgültigkeit doch vor. Aber warum dachte er überhaupt jetzt über so etwas nach? Noch war es nicht so weit!

Paul schüttelte heftig den Kopf, um die Gedanken aus ihm herauszuschleudern. Er hatte dabei Ähnlichkeit mit einem Hund, der sich nach einem Regenguss das Fell schüttelt. Fehlte nur die wackelnde Rute. Nachdem sein Kopf wieder einigermaßen klar war, las er sich durch, was er eben geschrieben hatte. Es war eine ganze Menge, und es erfüllte ihn, wie jedes Mal, mit Freude und Stolz.

Als er damit fertig war, speicherte er es zur Sicherheit noch einmal, fuhr den Laptop herunter und blieb noch zwei, drei Minuten am Schreibtisch sitzen. Er saß einfach nur da. Sein Kopf war leer, nichts schmerzte, weder körperlich noch seelisch. Er genoss die Ruhe und war mit sich und dem Geschaffenem zufrieden. Vergessen war das schmerzende Erlebnis vom Vortag. Vergessen und weit entfernt. Es zählte einfach nicht mehr. Sollte geschehen, was geschehen sollte.

Er erhob sich schwungvoll vom Stuhl, und seine Knochen knackten wieder bedrohlich. Er hatte nicht nur Hunger, er hatte mörderischen Kohldampf. Noch vor Sekunden hatte er davon nichts gespürt, aber jetzt war es da: Sein Magen knurrte wie ein Grizzlybär. Paul horchte kurz in sich hinein, wonach ihm der Sinn stand. Er war hin- und hergerissen zwischen Griechisch, Italienisch, Chinesisch und Indonesisch. Schließlich entschied er sich für eine Pizza mit ordentlich Salami, Käse, Zwiebelringen bis zum Abwinken und einer riesigen Portion Schinken. Oh ja, das wäre jetzt genau das Richtige! Sie drehte sich vor seinem inneren Auge, dampfte heiß und verströmte einen unwiderstehlichen Geruch.

Sein Magen war ein gigantisches schwarzes Loch, das gefüllt werden musste. Keine Zeit verlieren! Er flitzte aus dem Arbeitszimmer, steckte schon eine Sekunde später in den Schuhen, und kurz darauf schloss er die Wagentür und startete den Motor.

Eine Stunde später saß er wieder am Laptop, neben ihm eine Dose Coke. Im Aschenbecher glomm eine Kippe vor sich hin. Er war gesättigt und begierig darauf, weiterzuschreiben. Diesmal gelang es ihm jedoch nicht so schnell und problemlos, in die Handlung einzutauchen. Ob es an der fettigen Pizza lag oder an der Übermüdung, die sich langsam in ihm breitmachte, konnte er nicht mit Sicherheit sagen. Er ließ jedoch nicht locker und versuchte es immer und immer wieder. Seine Augen waren konzentriert auf den Bildschirm gerichtet, aber sie konnten nichts sehen; sie starrten ins Leere. Seine Finger ruhten auf der Tastatur und warteten darauf, endlich mit der Arbeit beginnen zu dürfen. Auch früher war es ihm oft schwer gefallen, nach einer Pause wieder an den Verlauf einer Geschichte anzuknüpfen. Darüber machte er sich keine Sorgen. Er wusste, wenn er es nur weiter hartnäckig versuchte und nicht lockerließ, würde es ihm gelingen. Und wenn es soweit war, würde es sich anfühlen wie ein LSD-Trip: Alles um ihn herum würde verschwimmen, undeutlich werden und schließlich gänzlich verschwinden. Und dann würde er geschehen, der Moment des Eintauchens. Der Moment, der für ihn wie eine Droge war. Es begann immer gleich: Die Realität glitt zwischen seinen Fingern dahin, erst langsam und gemächlich, dann schneller und schneller, bis er von seiner eigenen Kreativität verschluckt wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt war alles unspektakulär. Aber dann trat der Rausch ein. Dann war Paul in seiner Welt. In einer Welt, die er einzig und allein mit der Macht seiner Gedanken erschuf. Hier war alles genau so, wie er es haben wollte. Hier war ihm alles vertraut, obwohl ihn vieles, was er sah, auch erschreckte. Wohin die Erzählung ihn führte, wie sie verlief, all das war ein wenig bedrohlich, obwohl das eigentlich unmöglich war. Schließlich entstand sie in seinem Kopf. Und genau das machte den Reiz des Schreibens aus. Das war der Grund, warum es ihm immer noch, sogar nach all den Jahren, Spaß machte. Nicht des Geldes wegen. Das schon lange nicht mehr. Obwohl er nach wie vor nicht schlecht davon lebte. Es war sein Hobby und gleichzeitig sein Beruf – oder vielmehr seine Berufung. Es wurde ihm nie langweilig und erst recht nicht eintönig. Kurz gesagt, es war sein Traumberuf, der ihn befriedigte und erfüllte, der fast mehr ein Hobby war als ein Beruf. Was will man mehr?

Mit einem Mal bewegten sich seine Finger. Sie drückten ein paar Buchstaben, betätigten ein paar Tasten, und heraus kam schließlich ein Wort, frech und provozierend auf dem Bildschirm blinkend. Es war ihm gelungen, er hatte wieder einmal das Tor aufgestoßen. Zugegeben, momentan nur einen Spalt breit. Aber wenn er erst einmal soweit war, war der Rest nur noch ein Kinderspiel. Paul verglich es immer mit dem Schneeballeffekt. Als ihn vor Jahren ein begeisterter Leser auf genau dieses Problem angesprochen hatte, hatte er geantwortet: „Wissen Sie, mein junger Freund“ (in diesem Moment konnte er sich die Vaterrolle nicht verkneifen), „das Ganze gleicht einem Schneeballeffekt. Sie müssen es sich ungefähr so vorstellen: Sie stehen auf einem Berg, direkt an einem Hang, und zu Ihren Füßen geht es steil abwärts. Wenn sie jetzt mit den Händen einen Schneeball formen (er muss noch nicht mal groß sein, nur möglichst rund) und ihn mit genügend Schwung den Abhang runterrollen lassen, werden Sie sehen, dass er am Fuße des Berges beachtlich an Größe gewonnen hat. Ja, dass er unterwegs eine Lawine geworden ist.“

Darauf hatte er einen Augenblick geschwiegen, damit sein Gegenüber seine Worte verdauen konnte. „Und so in etwa müssen Sie sich die Tür zu meiner Phantasiewelt vorstellen. Erst steht sie nur einen winzigen Spalt offen – aber ob Sie es glauben oder nicht: Das genügt. Ich stelle einen Fuß hinein, damit sie nicht wieder zufällt. Und wenn ich dann mit dem Schreiben beginne, öffnet sie sich langsam, bis ich mühelos hindurchgehe. Das ist das ganze Geheimnis.“ Im Stillen dachte er, dass es natürlich doch nicht so einfach war, wie es klang.

Paul hatte dem jungen Leser angesehen, dass er ihm nicht ganz folgen konnte. Er hatte das Gespräch beendet, indem er sagte: „Sie sehen also, kein großes Kunststück. Es ist alles nur eine Frage der inneren Einstellung Und nun entschuldigen Sie mich bitte. Ich hab noch einen riesigen Berg Bücher, die ich signieren muss. Auf Wiedersehen!“

So erging es ihm auch heute. Der Spalt war schmal, schmaler als sonst. Er hatte schon oft erschreckt feststellen müssen, dass er immer dünner wurde. Manchmal war es ihm unmöglich, den Fuß zwischen Tür und Rahmen zu setzen. Bislang hatte er immer so lange gekämpft, bis er den kleinen Zeh drinnen hatte. Aber was würde geschehen, wenn ihm dies eines Tages auch nicht mehr glückte? Musste er die Schreiberei dann an den Nagel hängen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Noch lag dieser Tag in weiter Ferne. Er brauchte nur ein paar Sätze, dann sprang die Tür so weit auf, dass er hindurchgehen konnte. Es geschah sogar so schnell, dass er meinte, das Knarcksen der Scharniere hören zu können. So flink sollte es immer vonstattengehen, dachte er. Das Leben wäre dann um einiges leichter.

Er zog noch einmal an seiner Kippe, blies den Rauch in Richtung Zimmerdecke und klemmte sie zwischen die Lippen. „Nun denn“, nuschelte er verschmitzt, „auf ins Gefecht!“

„Du musst es mir sagen! Du musst! Du musst! Du musst! Ich verlange es!“

„Aber Kind, versteh doch …“

„Ich verstehe, dass du es mir vorzuenthalten versuchst! Das verstehe ich sogar gut! Leider verstehe ich auch, dass du mich noch immer für ein kleines, unwissendes Kind hältst!“ In ihren Augen blitzte Zorn.

„Das tue ich doch gar nicht. Wie kannst du so etwas nur denken? Ich bin doch … ich kann …“

„Ich verspreche dir, dass du es mir sagen wirst. Koste es, was es wolle. Diesmal bleibe ich hart, steinhart, wenn es sein muss!“

„Aber, so hör mir doch mal zu. Es ist nicht so einfach. Und glaube mir: Du würdest dieses Wissen nur verfluchen.“

„Ach was, so schlimm wird es schon nicht sein!“

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