Kitabı oxu: «Der Bullerbü-Komplex»
LARS MANDELKOW

SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-7751-7494-7 (E-Book)
ISBN 978-3-7751-5980-7 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book: CPI books, Leck
© 2020 SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
Internet: www.scm-haenssler.de · E-Mail: info@scm-haenssler.de
Dein ist mein ganzes Herz, Text: Heinz-Rudolf Kunze
Freundinnen, Text: Funny van Dannen
Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender
Ausgabe entnommen:
Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
Weiter wurde verwendet:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006
SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Witten/Holzgerlingen.
Lektorat: Mirja Wagner, www.lektorat-punktlandung.de
Umschlaggestaltung: Sybille Koschera, Stuttgart
Autorenfoto: © Studioline Photography Kiel
Satz und Illustrationen: Erik Pabst, www.erikpabst.de

ÜBER DEN AUTOR
PROLOG: »PAPA, DU BIST DOCH TOTAL UNGLAUBWÜRDIG«
EINLEITUNG: DIE BLICKWINKEL DIESES BUCHES
»Bullerbü« als Glanzbild moderner Familien
Mein persönlicher Blickwinkel: Theologie und Psychologie
Die Briefe in diesem Buch
TEIL 1: UN-HEIL
Bullerbü heute
Der Bullerbü-Komplex
TEIL 2: LASS ES GUT SEIN!
Erziehung mit guter Bindung: Ein bisschen Liebe ist mehr, als du denkst!
Der Zaubertrank der Liebe: Gemischt aus Freundschaft, Partnerschaft und Leidenschaft
Exkurs: Gesprächstherapie – einmal täglich nach dem Essen
Die Familie: Zukunftswerkstatt oder Museum?
Arbeit braucht Platz im Leben: Aber wie viel?
TEIL 3: VON MENSCHENBILDERN UND GOTTESBILDERN
Verschiedene Möglichkeiten …
Die existenziellen Fragen
»Gnade« buchstabieren
EPILOG: BULLERBÜ MORGEN
ANMERKUNGEN

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ÜBER DEN AUTOR

LARS MANDELKOW (Jg. 1971)
lebt zurzeit mit seiner Familie in Norwegen.
Er ist Psychologie-Dozent an einer
christlichen Hochschule. Zuvor war er lange
als Paartherapeut, Referent und Supervisor
in Schleswig-Holstein unterwegs.
Prolog »Papa, du bist Doch total unglaubwürdig«
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Meine Tochter lacht immer noch über dieses Buch. Ein Buch für Familien, die sich anstrengen, es gut zu machen. Ein Buch mit der Botschaft »Es muss nicht immer Bullerbü sein«. Meine Tochter meint, ich solle mir mal überlegen, wie der kleinen Text »Über den Autor« wohl wirken mag: »Lars Mandelkow lebt mit seiner Frau und den vier blonden Kindern zurzeit in Norwegen. Sie wohnen dort in einem schönen Haus mit Blick über den Fjord. Lars fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit, in der Freizeit tuckern sie gern mit ihrem alten Holzboot durch die Schärenküste …« Meine Tochter meint, viel dicker kann man Bullerbü gar nicht auftragen und ich solle vielleicht lieber einen Ratgeber für Auswanderer schreiben.
Ich murmele Erklärungen: Das mit Norwegen war ja gar nicht zuallererst meine Idee, das hat sich mehr so ergeben. Und wir sind ja auch nicht endgültig ausgewandert. Nach einer langen Zeit als selbstständiger Psychologe bin ich sehr froh über meine Arbeit als Hochschuldozent. Und auch diese Arbeit hat sich eher zufällig gefunden, wenn man denn an Zufälle glauben will. Und das Haus am Fjord haben wir genommen, weil es kein anderes gab. Na ja, und das Boot …
Aber eigentlich hat meine Tochter recht. Es sieht manchmal schon sehr nach Bullerbü aus. Auch vorher, als wir mit unseren Freunden in einem gemeinsamen Haus auf dem Land in Schleswig-Holstein gewohnt haben: Sieben Kinder liefen dort durch den Garten, wir kochten abwechselnd Mittagessen und teilten uns ein Auto. Es sah oft nach Bullerbü aus. Aber es fühlte sich nicht immer so an. Unsicherheiten, Erschöpfung, Halbfertiges waren von außen nicht so leicht erkennbar. Das Bullerbü-Bild überstrahlte schnell das andere, das wahre.
Ich schreibe dieses Buch mindestens zur Hälfte also auch für mich, so wie jede Therapiestunde, die ich gebe, auch immer eine Frage nach mir selbst ist, und jede Predigt, die ich halte, auch eine Botschaft an mich selbst enthält. Ich schreibe nicht als einer, der endgültig Bescheid weiß. Eher als einer, der den Erwartungsdruck und die Macht der inneren Bilder kennt. Der weiß, dass die eigenen Kräfte nicht so grenzenlos sind wie die eigenen Wünsche. Aber auch als einer, der glaubt, dass das Mögliche schöner ist als das Perfekte. Und dass man auch ruhig mal was versuchen darf. Zum Beispiel, ein Buch zu schreiben.1
Einleitung Die Blick-winkel dieses Buches
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Ein kleiner Rat vorweg
Glauben Sie nicht einfach, was Sie lesen. Alles ist nur unter bestimmten Voraussetzungen richtig und aus bestimmten Blickwinkeln. Dieser Autor, diese Zeit, diese Kultur – alles spielt eine Rolle. Machen Sie den Test: Schlagen Sie willkürlich eine Seite dieses Buches auf, lesen Sie ein paar Zeilen und stellen Sie sich vor, was eine junge Frau in den Slums von Rio de Janeiro darüber denken würde oder ein alter russischer Bauer. Oder Ihre Mutter. Ich mache Ihnen Mut, sich Ihre eigene Meinung zu bilden, Ihren eigenen Standpunkt zu finden. Insgesamt gilt beim Lesen des ganzen Buches die herzliche Einladung, nicht einverstanden zu sein!

»BULLERBÜ« ALS GLANZBILD
MODERNER FAMILIEN
Ich habe »Bullerbü« als Hauptbild dieses Buches gewählt, weil dieser Ort wie kaum ein anderer die Sehnsüchte einer Familiengeneration in sich vereint. »Bullerbü« ist so etwas wie das Poesiealbum heutiger Eltern, angefüllt mit schönen Bildern von glücklichen Kindern und einem einfachen, sinnvollen Leben.2 Überhaupt scheinen wir Deutschen dazu zu neigen, uns das ganze Land Schweden wie ein einziges »Groß-Bullerbü« vorzustellen, in dem das Leben leicht, die Natur heil und die Menschen frei sind – so jedenfalls beschrieb es 2007 der Leiter des Stockholmer Goethe-Institutes. Sein Artikel darüber im Svenska Dagbladet führte sogar dazu, dass der Begriff »bullerbysyndromet« vom schwedischen Sprachrat in den schwedischen Wortschatz aufgenommen wurde.3 Bullerbü war und ist also ein deutscher Sehnsuchtsort und eignet sich hervorragend als Bezugspunkt für viele Fragen, die Familien heute beantworten müssen:
Wie sollen wir unsere Kinder erziehen?
Wie wollen wir als Familie gemeinsam unseren Alltag gestalten?
Welchen Platz soll die Arbeit im Familienleben haben?
Wie können Ehe und Partnerschaft unter den heutigen Umständen gelingen?
Dieses Buch will dabei helfen, Antworten auf diese Fragen zu finden. Und zwar solche, die auch noch tragen, wenn das Leben mal komplizierter ist als in Bullerbü.
Die erste Frage sollte allerdings lauten: Was ist das für eine Welt, in der wir unsere Familien gründen und durch die wir unsere Leben steuern. Hier gibt es einige Glanzbilder zu entlarven und kritische Anmerkungen zu machen, denn nicht alle Kräfte, von denen unser Leben geprägt wird, sind hilfreich.
Ich habe den Hauptteil dieses Buch in drei Teile gegliedert. Der erste Teil endet mit einer Art Diagnose, der Beschreibung einer Störung: dem »Bullerbü-Komplex«. Dieser Komplex ist eine typische Reaktion vieler Eltern auf die Anforderungen und Wünsche unserer Zeit. Er entsteht bei dem Versuch, in dem oft heil-losen Durcheinander unserer Gesellschaft eine heile Welt herzustellen.
Im zweiten Teil möchte ich nach Möglichkeiten suchen und einen Vorschlag machen, wie Familienleben gesünder sein kann: »Lass es gut sein!« – Wie kann uns dies in den vier großen und zentralen Bereichen des Familienlebens gelingen? Wie können wir es gut sein lassen, in der Erziehung unserer Kinder, in Partnerschaft und Familie, mit der Arbeit? Und ist diese Art, als Familie zu leben, wirklich besser, als ehrgeizige Ziele zu verfolgen?
Im dritten Teil wird es um das Weltbild gehen, das hinter diesem Lösungsvorschlag steht. Wie können Menschenbild und Gottesbild uns dabei helfen, all diese »Lass es gut sein«-Fragen zu beantworten?
Ein entlastendes Wort gleich zu Beginn: Wenn es Ihnen mit Ihren Kindern, in Ihrer Partnerschaft und mit Ihrer Arbeit einigermaßen gut geht, dann machen Sie ganz gewiss schon sehr viel richtig, bewusst oder unbewusst. Viele tun das. Ich schreibe dieses Buch, um Menschen zu entlasten, die sich im Familienalltag unserer Gesellschaft unter Druck gesetzt fühlen. Es geht mir darum, diejenigen zu bestätigen, die sich bereits jetzt schon dafür stark machen, dass es in den meisten Bereichen des Lebens angemessener ist, gut genug zu sein, anstatt immer besser werden zu wollen. Es gibt zum Glück immer mehr von solchen Menschen. Immer mehr, die sich dem Sog der Photoshop-Wirklichkeiten entziehen und die dem Druck der Selbstoptimierungsindustrie ausweichen.
Aber seien wir ehrlich mit uns selbst: Begriffe wie »sich entziehen« und »ausweichen« klingen nicht sehr selbstsicher. Ist es nicht eher an der Zeit, dass wir selbstbewusster auftreten und lauter werden, indem wir klar und deutlich sagen: »›Weniger ist mehr!‹ und ›Gut genug ist völlig ausreichend!‹ Der Slogan ›Immer besser!‹ tut uns allen nicht gut«?!
Vielleicht stimmen Sie mir zu. Vielleicht sind Sie auch kritisch und denken: Ja, der hat gut schreiben. Aber ich möchte Sie herausfordern: Begeben Sie sich mit mir auf eine Entdeckungsreise – hinein in all diese Fragen, Gedanken und Ansätze. Seien Sie neugierig, hinterfragen Sie, seien Sie kritisch. Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung.
MEIN PERSÖNLICHER BLICKWINKEL:
THEOLOGIE UND PSYCHOLOGIE
Vielleicht haben Sie sich schon gefragt, wer sich hinter diesem Buch verbirgt. Denn schließlich macht es einen Unterschied, ob ein Autor Atheist, Tierrechtler, Nationalsozialist oder Demokrat ist. Aus welcher Ecke also kommt dieses Buch, welche Gedanken liegen ihm zugrunde?4
Ich habe evangelische Theologie studiert, weil ich Pastor werden wollte, habe Psychologie studiert, weil ich mich für Seelsorge interessiert habe, und war letztendlich froh über dieses zweite Studium, als ich mich aus einem gut gegarten Eintopf von Gründen dazu entschieden habe, doch nicht Pastor zu werden. Gelandet bin ich als Psychologe dennoch oft in der Nähe von Kirche und Diakonie, wo Sinn- und Glaubensfragen in Therapie und Supervision noch offensichtlicher eine Rolle spielen, als sie es überall sonst auch tun: Ich habe einen ambulanten Hospizdienst organisiert, eine christliche Beratungsstelle für Ehe-, Lebens- und Familienfragen mitbegründet, habe viele Einzelne und Paare beraten und begleitet, Kommunikationskurse für Paare geleitet, war Supervisor in diakonischen Einrichtungen und habe Ärztinnen und Ärzte in Palliative Care ausgebildet. Bei allem ging es immer wieder um existenzielle Fragen, um lebensbedrohliche Erkrankungen und Sinnkrisen, aber auch um den ganz normalen Wahnsinn des Familien- und Berufslebens.
Ich glaube, dass beides zusammenhängt: Die Art und Weise, wie wir den ganz normalen Wahnsinn bewältigen oder auch herstellen, und diese tiefer liegenden Fragen nach dem Sinn des Lebens, über die wir oft gar nicht so bewusst nachdenken. Insofern ist dieses Buch auch eine Art Zwischenergebnis, eine Sammlung von (vorläufigen) Erkenntnisse, die aus der Begegnung mit vielen unterschiedlichen Menschen stammen.5 Nicht zuletzt stammen die Gedanken auch aus meinem eigenen bewegten Berufsleben und dem anhaltenden Versuch, ein guter Ehepartner und Vater von vier Kindern zu sein – mit wechselndem Erfolg. Vielleicht stellen Sie sich genau wie ich Fragen wie: Was ist eigentlich meine Verantwortung als Vater (oder Mutter)? Wie geht überhaupt Ehe? Wie sieht eine gute Balance zwischen Familie und Arbeit aus – oder gibt es daneben gar noch etwas anderes? Ist das gut genug, was ich hier versuche?
Viele Situationen spreche ich in dem Buch auch nicht an, entweder weil ich weder Wissen noch Erfahrung in diesen Bereichen habe oder weil sie alles viel komplizierter machen würden: Ich spreche nicht von der Situation von Familien, die mit Armut oder gesellschaftlicher Ausgrenzung zu kämpfen haben, ich spreche nicht von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften (obwohl vieles, was mit Liebe, Partnerschaft und Familie zu tun hat, hier genauso gilt) und auch extreme Belastungen wie Gewalt oder Sucht kommen nicht zur Sprache. Der Fokus des Buches liegt auf dem, was ich als Familienvater und Therapeut als normal erlebe – und das mag für manche natürlich auch deutlich von der eigenen, ganz persönlichen Normalität abweichen.
Wenn man nun wie ich Psychologie und Theologie studiert hat, kommt es zu einer hochinteressanten Spannung: Die Theologie kreist als Wissenschaft um den christlichen Glauben. Seine Geschichte, seine schriftlichen und philosophischen Grundlagen, seine praktische Umsetzung und Bedeutung werden von allen Seiten beleuchtet. Die Scheinwerfer der Theologie leuchten auf eine unsichtbare Wahrheit. Aber wenn das gut geht, entsteht durch dieses viele Leuchten wie auf der Leinwand in einem Schattentheater die Botschaft von einer Hoffnung, die unser Leben bis über den Tod hinaustragen kann. Diese Geschichte hat einen tiefen Wahrheitsanspruch.
Die Psychologie, die Wissenschaft vom Verhalten und Erleben, kümmert sich dagegen um viel irdischere Wahrheiten: um Gefühle und Beziehungen, um Gedanken und Verhaltensreaktionen der Menschen in ihren Lebenswelten. Die biologischen Grundlagen von Erleben und Verhalten, und hier vor allem das Gehirn, spielen dabei eine entscheidende Rolle. Auch die Psychologie hat Hoffnung im Angebot, allerdings in viel begrenzterer Form: Hoffnung auf ein leichter gelingendes Leben im Hier und Jetzt. Es geht nicht um große Wahrheiten und eigentlich auch nicht um die Seele, obwohl »Psychologie« wörtlich übersetzt »Seelenlehre« bedeutet. Aber nach gut 150 Jahren psychologischer Forschung sind sich eigentlich alle einig: Die eine Wahrheit gibt es nicht. Und zur Existenz einer Seele schweigt die Psychologie. Sie konzentriert sich auf unsere ganz persönlichen Wahrheiten: In einem fantastisch bunten Prozess von Erwartungen, Bedürfnissen und gerichteter Aufmerksamkeit, geprägt von unserer Kultur und unseren ganz persönlichen Erfahrungen nehmen wir den beständigen Strom der Sinneseindrücke auf und bauen daraus diejenige Wahrheit, die gerade am meisten Sinn ergibt.
Wie lässt sich aber auf dieser Grundlage über den christlichen Glauben und seinen Wahrheitsgehalt und -anspruch nachdenken? Was wird aus der tiefen Glaubenshoffnung, was bleibt von Glaube, Hoffnung und Liebe (1. Korinther 13,13) in der Sprache der Psychologie? Psychologie und Theologie stehen in einer Spannung, aus der sich Energie gewinnen lässt. Hier lohnt es sich, aus beiden Richtungen, der theologischen und der psychologischen, einen Blick auf die Hoffnung und die daraus entstehenden Hoffnungsbilder zu werfen – denn auch bei der Sehnsucht nach Bullerbü geht es letztlich genau darum: Bullerbü – das ist das Konzentrat einer Hoffnung, ein Ideal- und Hoffnungsbild für das Familienleben. Wir werden jedoch schnell merken: Auch wenn wir Hoffnung brauchen, sie für uns lebensnotwendig ist, so ist doch nicht jedes Hoffnungsbild gleich gut für uns.
Hoffnung ist lebensnotwendig
Das Schöne mit uns Menschen ist, dass wir mit mehr als nur einer Wirklichkeit herumlaufen. Wir leben nicht nur hier und jetzt. Wir leben auch in einer Zukunft, die es noch nicht gibt. Und die oft besser ist als das, was gerade passiert. Eine positive Zukunft für möglich zu halten ist das, was sich »Hoffnung« nennt. Und es ist eine der größten Kräfte, die die Welt kennt. Nomaden sind zu Siedlern geworden in der Hoffnung auf ein sichereres Leben ohne Hunger. Menschen haben Kontinente entdeckt in der Hoffnung auf Freiheit. Ausbildungen werden begonnen, Ehen geschlossen, Hilfsorganisationen gegründet, Gemüse gepflanzt, Parteien gewählt, Kinder erzogen – alles mit Hoffnung. Die Vorstellung, dass morgen etwas Gutes kommt, gibt uns Kraft für heute. Auch wenn es heute nicht ganz so gut läuft mit dem Weltfrieden, dem Gemüse, den Parteien oder den Kindern. Ohne ein gutes Bild für morgen würden wir wahrscheinlich einfach aufhören, überhaupt irgendetwas zu tun.
Und wie schön ist es, zu erleben, wenn eine Hoffnung von gestern eine Wirklichkeit von heute wird – wenn die Zahl der Drogentoten sinkt, wenn eine Ausbildung abgeschlossen ist, wenn Plastikbesteck verboten wird, wenn ich es wirklich geschafft habe, mit dem Rauchen aufzuhören. Jedes Mal ist das die Bestätigung einer Hoffnung von gestern. Und Grund genug für mindestens eine neue Hoffnung für morgen. Und wenn man sich die Welt so ansieht, brauchen wir noch jede Menge davon. Natürlich ist nicht jede Hoffnung gleich wichtig und nicht jedes Hoffnungsbild ist gleich gut. Manche haben sich als schädlich erwiesen, zum Beispiel die Hoffnung auf Glück durch Besitz. Manche als Lügen, zum Beispiel die Hoffnung auf die Überwindung einer tödlichen Krankheit durch teure Therapien in Spezialkliniken – Lebenslotterie. Und manche sind auch einfach belanglos. Es lohnt sich, die eigenen Hoffnungen einmal auf ihre Güte abzuklopfen.

Kurztherapie
Zeichnen Sie eine Waage. Auf die eine Seite kommen ihre Befürchtungen, auf die andere ihre Hoffnungen. Wie sieht das Bild aus?

Wenn Ihnen zu viele Befürchtungen einfallen, konzentrieren Sie sich am besten auf diejenigen, die hier und jetzt von Bedeutung sind – wie viele bleiben übrig?
Und falls Sie gedacht haben, dass Sie schon genug Hoffnungen haben, wenn die Waage im Gleichgewicht ist, haben sie falsch gedacht. Diese Waage darf gern schief sein. Hoffnungen kann man gar nicht genug haben. Besonders wenn sie von hoher Güte sind.

Manche meinen, mit Hoffnungen sollten wir grundsätzlich kritisch umgehen. Sie meinen, Hoffnungen bergen die Gefahr, dass sie von der Gegenwart ablenken, ja sogar das Gute verhindern können – sie verweisen zum Beispiel auf die jahrhundertelange kirchliche Tradition des Vertröstens: »Hier auf Erden geht es euch schlecht, ein Jammertal der Schmerzen. Doch irgendwann im Himmel werdet ihr es gut haben. Hoffet und haltet aus!« Über ganze Zeitalter hinweg hat die Kirche in Europa diese Art von Hoffnung eingesetzt, um die Gesellschaft ruhig zu halten. Um Heere von Leibeigenen, von unterdrückten Männern und Frauen daran zu hindern, für Veränderungen in ihrem Alltag zu kämpfen. Das kommunistische Hoffnungsbild des Aufstiegs der Arbeiterklasse ist ein anderes Beispiel aus der Geschichte. In der Gegenwart ist es vielleicht unsere Hoffnung auf unendlichen technischen Fortschritt, mit dem wir eines Tages auch Klimawandel und Hunger stoppen können, ohne verzichten zu müssen. Deshalb lautet die Devise oft: Lieber zu kritisch als zu hoffnungsvoll. Vielversprechender sei da, sagen Hoffnungskritiker, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Das ist zwar zumindest ein guter Anfang. Auf Dauer kommen wir aber ganz ohne Hoffnung nicht aus. Wir Menschen brauchen Hoffnungsbilder. Anders lässt es sich nicht erklären, dass Menschen »der Gerechtigkeit des Kommunismus« oder auch der »Bullerbü-Familie« so hinterherträumen. Hoffnung ist eine Kraft. Der Blick in eine bessere Zukunft kann die Gegenwart verändern. Hoffnungsbilder leiten uns. Aber sie sind nicht alle gleich gut.
Hoffnungs-TÜV
Hoffnungsbilder auf ihre Qualität hin zu überprüfen, damit wir nicht den falschen Bildern hinterherlaufen – darum geht es beim Bullerbü-Komplex.
Wenn man sich bei modernen Familien umhört, ist viel von Druck die Rede. Von Leistungsdruck in der Schule (manchmal sogar schon im Kindergarten), von Überstunden, von dem ständigen Konflikt zwischen Arbeit und Familie. Und alles für einen guten Zweck: »Damit du später mal einen guten Beruf hast« – »Damit wir deine Ausbildung bezahlen können« – »Damit wir später auch noch ein gutes Leben haben« oder einfach »Damit wir uns den nächsten Urlaub leisten können«. Das gegenwärtige Leben scheint im Dienst des zukünftigen zu stehen. Das Dumme ist nur, dass diese Zukunft nie erreicht wird. Wenn sie einmal da ist, ist sie auch wieder nur eine Gegenwart, die dann der nächsten Zukunft zu dienen hat. Es muss nur noch dieses Projekt abgeschlossen, dieses Schuljahr geschafft werden. Dann wird es bestimmt entspannter. Das Leben verkommt in vielen Familien zu einem Slalomlauf, bei dem immer hinter der nächsten Kurve alles gut wird. Heute beherrschen Geld und Leistung das Leben, damit es morgen Ruhe und Frieden gibt.
Denn von einem »guten Leben« haben die meisten Menschen eigentlich ein klares Bild: Es ist einfach und sicher, alles ist im Gleichgewicht. Spiel, Arbeit und Ruhe wechseln einander ab, es gibt genug Kraft für alles. Alle haben ihren Platz, das Essen ist lecker und gesund. Wenn man die Augen schließt und sich dieses Leben vorstellt, erscheinen in vielen Köpfen helle Räume mit klaren Linien und skandinavischem Design. Lachende Kinder in selbst genähten Kleidern bauen sich Bretterbuden im Garten und zum Abendessen gibt es Gemüseauflauf mit Karotten und Zucchini vom eigenen Hochbeet. Wahlweise gehen auch bollerndes Kaminfeuer, Handarbeit und der Duft von Omas Plätzchen aus dem Ofen. Diese Bullerbü-Paradiesbilder würden viele moderne Mütter und Väter der Pauschalflucht in den All-Inclusive-Club am Mittelmeer vorziehen. Denn wenn es von da aus nach Hause geht, wartet ja doch wieder das Hamsterrad.
Wir haben es also mit einem Paradox zu tun: Alle wollen es einfach und schön haben, und dafür nehmen sie einen komplizierten und kräftezehrenden Alltag in Kauf. Denn »einfach und schön«, das gibt es nicht umsonst. Es gibt eine anspruchsvolle, edle Schablone dafür. Erst wenn wir die ausfüllen, wird es »immer lustig in Bullerbü«6. Ein trügerisches Hoffnungsbild. Die Hoffnung trügt, weil sie sich nicht erfüllt. Sie verschiebt sich immer genau so weit in die Zukunft, dass sie fast, aber eben doch nicht ganz erreicht werden kann und wir uns weiter ausstrecken. Wer hier an das Bild vom Esel denkt, dessen Reiter ihm eine Mohrrübe am Band vor dem Maul baumeln lässt, um ihn zum Weitergehen zu bewegen, der liegt nicht ganz falsch.
Damit ist aber noch lange nicht gesagt, dass andere Hoffnungsbilder besser sind. Zum Beispiel solche, wo »Gott« draufsteht. Im Laufe der Geschichte hat es jede Menge Versuche gegeben, Bilder vom »Reich Gottes« zu entwerfen, die dem Leben eine Richtung geben. Nicht immer mit gleichem Erfolg. Das mittelalterliche Vertrösten auf ein Leben nach dem Tod wird heute viel kritisiert – die meisten wollen zumindest zusätzlich an ein Leben vor dem Tod glauben. Auch solche Bilder-Versionen gibt es viele. Schreckliche, wie das brutale Täuferreich zu Münster in den 1530er-Jahren, wo die Idee der Gleichheit vor Gott in einem Albtraum endete. Bewundernswerte, wie die lateinamerikanische Befreiungsbewegung seit 1968, wo gepredigt wird, dass Gott sich den Armen zuwendet, um sie aus der Unterdrückung zu befreien.

Das Täuferreich zu Münster
In den wilden Jahren nach der Reformation war im ursprünglich katholischen Münster (Westfalen) eine radikale evangelische Gruppe an die Macht gekommen, die in der Erwartung der baldigen Wiederkunft Christi eine Gemeinschaft der Heiligen errichten und durchsetzen wollte. Das war ein starkes Hoffnungsbild und anfangs sicher gut gemeint, endete aber in Machtmissbrauch, Unterdrückung und schließlich offener Gewalt. Die Gruppe verschanzte sich. Die Stadt wurde belagert und militärisch zurückerobert. Noch heute hängen die Käfige am Turm der Lambertikirche, in denen die Leichen der hingerichteten Anführer zur Schau gestellt wurden.

Tausende Kirchen und Gemeinden von heute haben Ideen, Visionen und Pläne. Ob diese Hoffnungsbilder im Sinne Gottes sind, lässt sich theologisch vortrefflich diskutieren – letztlich müssen wir ein Urteil darüber wohl Gott selbst überlassen. Was wir aber tun können, ist zu prüfen, ob sie der Gesundheit der Menschen dienen, die ihnen folgen. Und damit ist sowohl die körperliche als auch die seelische Gesundheit gemeint.
Hier bietet die Psychologie gute Möglichkeiten, um die Qualität von Hoffnungsbildern zu untersuchen. Die Psychologie fragt nach dem Verhalten, Erleben und Empfinden von Menschen. Wir können also fragen, wie sich bestimmte Hoffnungsbilder auf den einzelnen Menschen auswirken.
Wie denkt eine Person, die diesen Bildern folgt, über sich selbst und andere?
Wie denkt sie über die Welt?
Welche Gefühle lösen diese Bilder aus?
Was ist die Grundstimmung?
Wie sieht die Motivation aus?
Und dann können wir vor allem fragen, was diese Bilder für soziale Effekte haben, was sie zwischen Menschen auslösen:
Wie beeinflussen sie die Art, miteinander zu reden?
Worüber wird gesprochen?
Was tun Menschen gemeinsam, und was vermeiden sie?
Das sind die Fragen, die dieses Buch stellt. Psychologische Fragen an eine geistliche Haltung. Psychologische Fragen an die Hoffnung, der wir folgen. Das Bullerbü-Familienbild ist in vielen Köpfen so etwas wie ein heiliges Bild geworden, fast so als hätte Gott sich diese Familien als Vorbilder ausgedacht und nicht Astrid Lindgren. Dieses Bild ist ein Hoffnungsbild, das es zu prüfen gilt.
Ein christlicher Blick auf die Dinge: Gnade
Es gibt, wie gesagt, jede Menge Blickwinkel auf Gott und die Welt. Und wir können uns kaum vorstellen, wie die Welt aus einem komplett anderen Blickwinkel aussieht. Allein die Unterschiedlichkeiten zu akzeptieren, ist ein wichtiger Schritt.
Dabei ist es eigentlich einleuchtend: Stellen wir uns eine Näherin aus Bangladesch vor. Sie ist vielleicht Teil der buddhistischen Minderheit in dem größtenteils islamischen Land. Arbeitet täglich 10 Stunden für weniger als 100 Euro im Monat. Sie muss die Strafen des Fabrikbesitzers fürchten, weiß, dass die Arbeit ihrer Gesundheit schaden kann. Und trotzdem ist sie froh, Arbeit zu haben. Sie liebt ihre Familie.
Stellen wir uns nun einen weißen Mann im Süden der Vereinigten Staaten vor. Er ist vielleicht Vorstandsmitglied in einer Baptistengemeinde. Er besitzt ein Haus mit Pool und ein großes Auto. Er spendet für eine Hilfsorganisation, die den Obdachlosen in der Stadt hilft. Mit seiner Frau und den beiden Kindern fährt er regelmäßig in den Urlaub. Er liebt seine Familie.
Eine arme Frau aus Bangladesch, ein reicher Amerikaner. Was denken diese beiden über die Rolle von Mann und Frau in der Familie? Was fühlen sie, wenn sie das Wort »Erfolg« hören? Oder »Gerechtigkeit«? In welchem Glauben sind sie erzogen worden? Welche Rituale berühren sie? Wer ist Gott für sie? Es ist vorstellbar, dass die Liebe zu ihren Kindern etwas ist, was sie gemeinsam haben. Aber auch die werden sie auf verschiedene Weise zum Ausdruck bringen. Schon aufgrund dieses kleinen Beispiels verbietet es sich, die eigene Wahrheit als die einzig wahre anzusehen. Auch nicht das eigene Bild von Familie. Und schon gar nicht das eigene Gottesbild.
Und doch geht es nicht ohne. Niemand kann ohne Blickwinkel sehen. Sich eine Meinung bilden. Entscheidungen treffen. Ein Buch lesen oder schreiben. Deshalb ist es gut, auch den religiös-kulturellen Blickwinkel dieses Buches zu kennen. Er ist – kurz gesagt: christlich, psychologisch, evangelisch, männlich, (west)deutsch, mittelalt und mittelreich.
Damit ist erst einmal viel über die unvermeidliche Inkompetenz des Autors gesagt. Ich habe keine Ahnung, wie es ist, eine Frau zu sein, nur vage Ideen von anderen Kulturen und Religionen. Manche würden sogar sagen: Das ist eine Herrschaftsposition. Jemand, der weiß, westlich und männlich ist, ist von vornherein verdächtig. Nicht zu Unrecht. Und wenn es dann noch in einer christlichen Tradition steht, bekommt es noch dazu einen fast mittelalterlichen Grusel-Charme.
Wenn man all diese möglichen blinden Flecken in Betracht zieht, bleibt aber immerhin ein Blickwinkel übrig, mit dem Sie sich gern auseinandersetzen können, ob Sie sich nun christlich nennen oder nicht oder nur ein bisschen. Im dritten Teil des Buches (»Von Menschenbildern und Gottesbildern«) wird es noch mal stärker um die grundlegenden Gedanken gehen, aber eine Andeutung möchte ich hier schon vorwegnehmen: Es geht um Gnade. Die Themen dieses Buches werden von der Idee der Gnade getragen wie Blätter, die auf einem Fluss treiben. Alle, die christliche Wurzeln haben, lesen an dieser Stelle vielleicht sehr entspannt weiter, während andere, die mit der Kirche als Institution oder mit manchen (scheinheiligen) Christenmenschen schlechte Erfahrungen gemacht haben, vielleicht misstrauisch werden und Missionseifer oder kleinkarierte Moral wittern. Was soll also »Gnade« in diesem Buch? Geht es nicht eigentlich um Familien?
Gnade ist, in klassischen kirchlichen Worten, die Idee, dass es einen Gott gibt, dessen Wesen die Liebe ist, der das Kleine, das Unvollkommene, das Werdende in sein Herz schließt. Jesus Christus ist das Bild dieser Gnade, das uns leiten kann: in Armut geboren, mit Freunden auf dem Weg, mit Leiden und Sterben vertraut, zur Hoffnung für alle auferstanden.
Das klingt in manchen Ohren gewiss nach leeren kirchlichen Formeln, in anderen wiederum nach Seelenschätzen. Es bleiben leere Formeln, wenn wir sie nicht so mit unserem Leben verbinden können, dass sie einen Unterschied machen. Hier geht es um den Versuch, den lebendigen Kern in diesen Worten zu finden, wenn es um das Leben als Familie geht. Es sollen Fragen aus dem Alltag beantwortet werden – von diesem christlichen Blickwinkel aus, der gar nicht alltäglich ist und hoffentlich nicht nur für christliche Ohren Sinn ergibt.
Etwa so: Wenn das Konzept »Gnade« in einer Familie gelten soll, geht es um bedingungslose Liebe als Ideal. »Ich liebe dich nicht erst, wenn du dieses mehr und jenes weniger tust.« Es geht dann nicht darum, vollkommene Kinder und den perfekten Partner zu haben. Es geht nicht darum, alle Energie in die Optimierung zu stecken – die eigene und die der anderen. Vielmehr ist dann die Liebe die Grundlage, auf der alles andere geschieht. Reden über Bedürfnisse und Wünsche, verhandeln um ein gutes Gleichgewicht, gute Wege suchen für die Kinder. All das, nicht damit die Liebe endlich Einzug hält, sondern weil sie schon längst da ist. Als Grundlage für alles Weitere. Das klingt leichter, als es ist. Gnädig zu sein mit sich selbst und mit anderen ist (immer wieder!) eine Kunst. Es geht in diesem Buch um die Kunst, es gut sein zu lassen.

Was auf Sie zukommt, wenn Sie weiterlesen
Erst mal wird es unangenehm. Ich beschreibe die Wirklichkeit heutiger Familien als Kontrast zu unseren Wunschbildern. Die Übertreibung dient dabei der Verdeutlichung. Vielleicht fühlt es sich manchmal so an, als wollte ich die Welt und unsere Hoffnungen schlechtreden. Doch lassen Sie sich nicht entmutigen: Im mittleren Teil des Buches wird es um realistische Ziele gehen, um Hoffnungen, die auf den christlichen Werten Gnade und Liebe gründen, um Bilder, mit denen wir wirklich leben können. Um jedoch Platz zu schaffen für diese Bilder, müssen wir erst einmal die alten genauer anschauen. Das ist vielleicht unangenehm, aber es lohnt sich.

DIE BRIEFE IN DIESEM BUCH
Zwischendurch werden Sie in diesem Buch immer wieder Briefe finden. Zum Beispiel einen an Astrid Lindgren – wenn ich mir schon ihr geliebtes Bullerbü vornehme, wollte ich zumindest versuchen, etwas über meine Bewunderung für ihr Werk zum Ausdruck zu bringen.

Mehr über Astrid Lindgren
Wer mehr über Astrid Lindgrens Leben erfahren möchte, dem sei der Film »Astrid« (2018) empfohlen, der ein wunderbares Porträt zeigt. Im Internet finden sich außerdem viele Interviews und Dokumentationen.

Die restlichen Briefe richten sich an biblische Personen. An Maria und Josef, Jona (den Vater von Petrus), Ismael und Isaak, Elia und andere. Der Bezug zwischen den Themen des Buches und den so weit in der Vergangenheit zurückliegenden biblischen Geschichten wird schnell deutlich werden, denn auch hier haben Menschen gute Orientierung für ihr Leben gesucht und gefunden. Mir ist es wichtig zu zeigen, dass diese Geschichten nicht voll von unerreichbaren Heiligen sind, sondern im Gegenteil voller Alltag und menschlicher Zerbrechlichkeit und Lebendigkeit. Dort nämlich, im zerbrechlichen, lebendigen Alltag, wächst die Gnade.
Teil 1 Un-heil
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Kurztest
Nehmen Sie sich ein Blatt Papier und einen Stift und zeichnen Sie in 10 Sekunden eine Familie und ihr Zuhause. Denken Sie dabei möglichst nicht nach!
Nehmen Sie es, bevor Sie mit dem Abschnitt »Die heile Familie« starten, wieder hervor – was sehen Sie?

Bullerbü ist eine heile Welt für Kinder. Drei Höfe mitten in der Natur, gesunde und fröhliche Menschen, Arbeit und Freizeit fließen friedlich ineinander. Die Mütter versorgen lächelnd die Familien, die Männer kümmern sich kraftvoll und klar um Land und Tiere. Und für die Kinder: viel, viel Raum zum Spielen und Entdecken.
Für all diejenigen, die die Bücher schon lange nicht mehr in der Hand hatten: In dem schwedischen Örtchen Bullerbü gibt es drei Höfe, die nebeneinander an einem Weg liegen – den Nordhof, den Mittelhof und den Südhof. Im Nordhof wohnen Britta und Inga, im ersten Bullerbü-Buch 9 und 7 Jahre alt, zusammen mit ihren Eltern Erik und Greta und dem Knecht Kalle. Außerdem noch der blinde Großvater. Im Mittelhof wohnt Lisa, 7 Jahre, die die Erzählerin der Bullerbü-Geschichten ist. Ihre Brüder sind Lasse (9 Jahre) und Bosse (8 Jahre). Dann gibt es noch Vater und Mutter sowie die Magd Agda. Auf dem Südhof schließlich lebt Ole (8 Jahre) mit seinen Eltern Nils und Lisa, seiner kleinen Schwester Kerstin, die noch nicht sprechen kann, und dem Knecht Oskar. Weitere Figuren in der kleinen Welt von Bullerbü sind die Lehrerin, die im Schulgebäude wohnt, der garstige Schuster Nett, die alte, freundliche Kristin in ihrem Waldhaus, andere Kinder in der Schule und ein Lumpensammler. Lisa schildert aus unschuldiger, heiterer Kinderperspektive ein Leben auf dem Land am Anfang des 20. Jahrhunderts. Es gibt keine Autos, die Väter fahren mit Pferd und Wagen und betreiben Landwirtschaft, zusammen mit den Knechten wird gesät, geerntet und das Vieh versorgt. Die Mütter und Mägde kümmern sich um das Haus, um Wäsche, Essen und Feste, es wird genäht, gebacken und Marmelade eingekocht. Die Kinder sind mittendrin und genießen das friedliche, vielfältige Leben. Die Schilderungen passen gut in die Kindheitstage von Astrid Lindgren, die 1907 geboren wurde. Die Geschichten aus Bullerbü sind märchenhaft schön, es geht um Kinderthemen wie Geheimverstecke, das Versorgen kleiner Tiere, Streiche und schöne Feste. »Mir tun alle Menschen leid, die nicht in Bullerbü wohnen«, sagt Inga zu Lisa.7
Das ist natürlich ausgedacht, ein Kinderbuch. Keine dieser Familien gab es wirklich. Aber nicht nur das: Es ist auch völlig von gestern, ein romantisches, altes Bild. Es ist ein Teil des »Bullerbü-Syndroms«, das Berthold Franke 2007 als »den sehr speziellen deutschen Traum von Schweden« beschrieben hat, den »Traum einer verlorenen, dafür umso intensiver ausgemalten Kindheit«.8 Die deutschen Schweden-Bilder sind eng verwoben mit der unheilvollen deutschen Geschichte. Das Bild von Bullerbü ist schön, aber auch gefährlich.
BULLERBÜ HEUTE
Bullerbü heute, das könnte sehr anders aussehen. Zum Beispiel so: Der Vater von Lasse, Bosse und Lisa hält sich mit Kurzzeitverträgen in der nächsten Großstadt über Wasser und ist tageweise nicht zu Hause. Ihre Mutter ist damit sehr unzufrieden. Sie versucht, von zu Hause aus Aufträge als freiberufliche Architektin zu übernehmen. Das ist aber schwer vereinbar mit den Aufgaben, die Haus und Kinder mit sich bringen. Selbst gekocht wird nur zweimal in der Woche. Eigentlich hatten sich die Eltern vorgenommen, sich Arbeit und Familie zu teilen, fünfzig-fünfzig. Es gibt oft Streit: um die Arbeit, um die Verantwortung zu Hause, darum, wer es am schwersten hat und mehr Zeit für sich braucht. Und weil die Stimmung vom Streiten nicht besser wird, gibt es mehr und mehr Streit um alles Mögliche.
Oder so: Britta und Inga haben es im schwedischen Jugendreitsport weit gebracht. Sie sind viel unterwegs zum Training und auf Turnieren und Messen. Ihre Mutter fördert das sehr und nimmt die langen Fahrten auf sich. Der Vater hat auf dem Hof jede Menge zu tun, probiert ökologische Futtermittel aus und engagiert sich in der lokalen Politik. Gemeinsame Familienzeit gibt es dadurch immer seltener. Die Eltern reden nur noch wenig miteinander. Irgendwie fehlt dafür die Kraft, vielleicht auch die Lust. Alles läuft – nebeneinander her. Das Leben ist voll und leer zugleich.
Oder noch einmal ganz anders: Oles Mutter (zusammen mit der kleinen Kerstin) ist mit dem Vater von Britta und Inga in den Südhof gezogen. Nach einer heftigen Krisenzeit und vielen, vielen Gesprächen haben die Eltern sich auf ein Modell geeinigt, mit dem sie es erst einmal versuchen wollen: Oles Vater lebt weiterhin im Nordhof, seine neue Partnerin und ihre zwei Kinder aus erster Ehe (Sinan und Laila) sind oft da. Ole und Kerstin haben zwei Zimmer, eins in jedem Hof. Im Grunde läuft das Miteinander einigermaßen gut, Absprachen um Geld haben sie gefunden. Es gibt immer mal Konflikte, zum Beispiel um das Thema »Handy und Hausaufgaben«: Ole kann sich nämlich auch vom Nordhof aus in das WLAN des Südhofs einloggen, aber Oles Vater würde die Sache gern strenger handhaben.

Hoffnungsschimmer
Brauchen Sie jetzt schon ein Happy End? Dann können Sie am Schluss des Buches eine kurze Szene aus »Bullerbü morgen« lesen. Das ist eine hoffnungsvollere Variante als diese drei möglichen Bullerbü-heute-Familien …

Kann so Glück aussehen? Die Erfahrung in der Familienberatung sagt: Viele Eltern haben diese Frage schon mit »Nein« beantwortet, bevor sie es überhaupt probiert haben. Weil Lebensglück eben so aussehen muss wie in den Bullerbü-Büchern von Astrid Lindgren. Und es muss rund um die Uhr stattfinden, Glück 24/7. Wenn das Leben dann irgendwie aus dem Rahmen fällt, wenn es anders läuft als erwartet, dann wird es extra kompliziert. Dieses Bullerbü-Glücksbild ist dann eine zusätzliche Belastung. Ehen werden dann als »gescheitert« betitelt, Familien als »zerbrochen« oder zumindest als »schwierig«. Eltern versuchen schamhaft, ihre Lebensumstände zu verstecken, und spielen heile Welt. Insgeheim fühlen sie sich aber schuldig, weil sie ihren Kindern kein Bullerbü bieten können. Diese »Schuld« laden sie dann meistens beieinander ab.
Natürlich – und zum Glück! – erleben viele Menschen heute immer wieder schöne Momente. Etlichen Familien geht es gut. Hier und da und dann und wann ist es immer wieder so lustig wie in Bullerbü, und die Welt ist schön. Ich stelle hier bewusst Kontraste zwischen Bullerbü als der schönen heilen Welt und unseren heutigen Lebensumständen her, die oft kompliziert und bedrohlich sind. Das soll nicht die vielen Zwischentöne überdecken, die das Leben zu bieten hat, und auch nicht das Glück vieler Menschen kleinreden. Dennoch: Auch Menschen, denen es heute gut geht, sind umgeben von solchen, denen es anders geht. Kein Tag ohne schlechte Nachrichten und besorgniserregende Berichte über Kinder und Familien in unserer Gesellschaft. Wir leben nicht in Bullerbü, aber viele Menschen träumen nach wie vor davon.
Es lohnt sich, ein paar Hauptunterschiede zwischen dem alten Bullerbü-Traum und unserer Wirklichkeit unter die Lupe zu nehmen. Aber keine Sorge: In den Winkeln und Brüchen unserer Lebenswelt versteckt sich doch mehr Glück, als wir vermuten.

Liebe Frau Lindgren,
ich liebe Ihre Bücher. Als Kind habe ich sie selbst gelesen, und meinen Kindern habe ich sie vorgelesen. Rasmus und der Landstreicher, Die Brüder Löwenherz, Mio, mein Mio, Ronja Räubertochter, Kalle Blomquist, Die Kinder aus der Krachmacherstraße – wundervolle Geschichten! Mit Pippi Langstrumpf und Karlsson vom Dach konnte ich nicht so viel anfangen, die waren mir als Kind wohl zu frech. Mit den Kindern aus Bullerbü umso mehr.
Es ist, als würde eine Grenze durch Ihre Bücher laufen. Eine Grenze zwischen einer heilen Welt voller Glück und Spiel und einer bedrohten Welt voller Angst und Trauer. Manche der Bücher finden sich auf der einen, manche auf der anderen Seite. »Mio, mein Mio« ist ein Buch voller Angst und Dunkelheit. In dem dunklen Ritter Kato zeigt sich das Böse, so wie Sie es auch gesehen haben, als Adolf Hitler die Welt in den Krieg stürzte. »Die Brüder Löwenherz« sind voller Trauer und Kampf, die Sie auch kennenlernen mussten. In der Krachmacherstraße aber und in Bullerbü gibt es das Böse nicht, keine Zweifel und keine Trauer.
Was ist das für eine Grenze? Sie haben berichtet, dass Ihre eigene, glückliche Kindheit früh zu Ende war. Sie waren schwanger geworden, ohne verheiratet zu sein, und mussten aus Ihrem Heimatdorf verschwinden, um Ihren Eltern die Schande zu ersparen. Ihren Sohn (Lars, genannt Lasse) haben Sie in Kopenhagen anonym geboren, ihn dort bei einer Pflegemutter gelassen, dann bei Ihren Eltern, weil Sie ihn in Stockholm selbst kaum versorgen konnten. Erst später hat sich Ihr Leben wieder etwas sortiert mit der Heirat und Ihrer zweiten Tochter. Aber auch das war nicht leicht. Ihr Mann war nicht immer treu, hat getrunken und ist früh gestorben. Es gab viel Schweres in Ihrem Leben, und das spiegelt sich in etlichen Ihrer Bücher wider. Nicht aber in Bullerbü. Als wollten Sie die Welt der Kindheit vor dem Erwachsenwerden schützen.
In einem Interview wurden Sie einmal gefragt, ob es Bullerbü wirklich gibt. Viele Kinder haben Ihnen geschrieben, um zu erfahren, wo es liegt. Sie haben geantwortet, dass es in Ihrem Herzen zu finden sei. Ein Sehnsuchtsort.
Ich glaube, dass viele Menschen diese Sehnsucht mit Ihnen teilen. Viele wünschen sich einen Ort, wo sie unzerbrochen und zweifel-los leben können. Manche zerbrechen fast auf der Suche danach.
In dem Buch »Ronja Räubertochter« springt Ronja über den Höllenschlund. Stolz und Streit, Gefahr und Engherzigkeit sind dort versammelt und sie muss den Bruch mit ihrem Vater in Kauf nehmen. Sie beschreiben das Ringen der verschiedenen Kräfte in einer schönen und doch auch gefährlichen Welt. Und die Versöhnung. Das gute Ende von Ronja Räubertochter ist kein »Entweder-Oder«, kein »heile Welt oder finstere Welt«, sondern ein »Sowohl-als-Auch«, eine Welt mit Versöhnung und Veränderung. Ich danke Ihnen für alle Ihre Bücher, besonders aber für dieses. Ich glaube, es zeigt einen Weg, mit dieser Sehnsucht nach dem Heilen in einer Welt voller Unheil zu leben, ohne sich zu verausgaben. Unser Leben muss nicht sein wie in Bullerbü, damit wir vor Ritter Kato sicher sind. Es kann sein wie die Mattisburg: mit einem Riss, der mittendurch geht, aber überwunden werden kann.9
Mit herzlichen Grüßen,
Lars Mandelkow
Die heile Familie
Das Grundmodell des Glücks heißt nach wie vor »Vater, Mutter, Kinder«. Das ist der Kern unserer Idee von »Familie«.

Zweifel an dieser Behauptung?
Bitte geben Sie einmal »glückliche Familie« in die Google-Bildersuche ein und bestaunen Sie die Ergebnisse. 95 Prozent aller Google-Treffer entsprechen dem Bullerbü-Klischee. Schauen Sie sich nun auch Ihre eigene Zeichnung von vorhin an. Gehören Sie zur Mehrheit?

In Bullerbü gibt es nur solche »intakten« Familien. Die Kinderzahl pendelt zwischen zwei und drei. Getrennte Paare gibt es nicht, alleinerziehende Eltern auch nicht, kinderlose Paare schon gar nicht. Wie bedürfnislose Satelliten umkreisen die Eltern die Spielräume der Kinder. Sie sorgen für gemeinsame Mahlzeiten, saubere Kleidung und schöne Feste, sind verlässlich und stabil. Sie brauchen keine Ferien und keine »Zeit für sich«. Große Konflikte gibt es genauso wenig wie große Veränderungen. Dieses Grundmodell des Glücks gibt es natürlich nicht nur in Bullerbü – vom Kinderbuch bis zum Familienfilm ziehen sich diese Bilder durch unseren Alltag und prägen unser Gefühl von dem, wie eine gute Familie sein soll.
Die Wirkung dieser Bilder ist nicht zu unterschätzen. Bullerbü-Bilder können motivieren, können inspirieren. Sie können Leitbilder sein, wenn es darum geht, die Zukunft zu planen. Zu Astrid Lindgrens Zeiten waren es notwendige Bilder, um den Blick auf die Bedürfnisse der Kinder zu richten. Astrid Lindgren hat ihre Bücher in einer Zeit geschrieben, in der Kinder oft als »noch nicht fertige Erwachsene« betrachtet wurden, sie hatten einen Platz am Rande der Gesellschaft. Sie waren Eigentum der Eltern (vor allem des Vaters), der über ihr Leben bestimmte. Viele Kinder mussten früh arbeiten, die Schule diente dazu, ihnen mithilfe von Strafe und Disziplin Wissen beizubringen. Gehorsam war eine selbstverständliche Erwartung.

Perspektivwechsel
Sagte die Mutter zu ihrem Kind 1915 noch: »Warte, bis der Vater nach Hause kommt. Der wird dir Gehorsam beibringen!«, hört man heute im Jahr 2020 das Kind zum Lehrer sagen: »Dazu haben Sie kein Recht. Mein Vater ist Anwalt, der wird Ihnen das gern erklären.«

Fachrichtungen wie Erziehungswissenschaften oder Entwicklungspsychologie waren noch nicht etabliert. Die Charta der Kinderrechte wurde erst 1924 bzw. 1948 verabschiedet10 – auch durch das Engagement von Personen wie Astrid Lindgren. Natürlich hat es zu allen Zeiten Menschen gegeben, die Kinder geliebt, geschützt und gefördert haben. Die Gesellschaft war aber nicht darauf ausgerichtet. Um die Kinder zu ihrem Recht zu bringen, war es nötig, die Erwachsenen in den Hintergrund zu rücken wie in den Bullerbü-Büchern – ein Mädchen als Ich-Erzählerin war eine Revolution – oder sich über sie lustig zu machen wie bei »Pippi Langstrumpf«. Astrid Lindgren hat ihr Leben lang für die Anerkennung der Bedürfnisse von Kindern gekämpft. Für heutige Familien meist eine Selbstverständlichkeit. Das »Kindeswohl« ist in aller Munde und in der öffentlichen Diskussion gesetzlich verankert. Aufgabe von Eltern und Institutionen ist es, Kindern eine optimale Entwicklungsumgebung zu schaffen. Nicht wenige Pädagoginnen und Pädagogen klagen sogar darüber, dass im Zuge der Entwicklung die Kinder derart in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt sind, dass Werte wie Respekt gegenüber Älteren oder ein Sinn für Ordnung verloren gehen. In jedem Fall aber ist die Lage der Kinder in weiten Kreisen unserer Gesellschaft viel freier und zugleich viel geschützter als vor 100 Jahren. Zum Glück. Man könnte also sagen, dass die Kindheits-Bilder wie die von Astrid Lindgren einen guten, verändernden Effekt hatten. Und dass sie heute so nicht mehr nötig sind.
Und doch schweben die Bilder der heilen Bullerbü-Familie als Maßstab über vielen Familien. Und je mehr diese Bilder veralten und zu heiligen Bildern werden, desto mehr können sie auch schaden: Wann immer es schwierig wird in der Familie, wann immer etwas nicht klappt, wirken diese Bilder. Wenn etwas nur halb gelingt und wenn das Leben wieder mal nicht so einfach ist, scheitern wir doppelt: Wir scheitern an der aktuellen Aufgabe und zusätzlich an unseren Idealbildern. Dann geht es nicht einfach darum, dass ein Plan nicht gelungen ist und wir einen anderen brauchen. Dann kommt das Gefühl auf, etwas grundsätzlich falsch zu machen. Etwas Heiliges zerstört zu haben. Denn in St. Bullerbü sieht alles so einfach aus.

Bibelquiz
Wie viele Bibelstellen gibt es, die Familien aus Vater, Mutter und ein bis drei Kindern beschreiben? Und wenn wir schon dabei sind: Wie oft äußert sich Jesus zum Thema »Mobiltelefone und moderne Medien«?

Aber selbst wenn man einmal alle Statistik außer Acht lässt und nur die Familien betrachtet, die heute tatsächlich in solchen Bullerbü-Konstellationen zusammenleben, sind diese Bilder von gestern. Das Glück in diesen Lebensgemeinschaften ist viel dynamischer und fordert viel mehr Aufmerksamkeit, als Bullerbü es zeigen kann und will. Das gemeinsame Glück lässt sich eben nicht planen oder gar schmieden. Es gibt immer Aufs und Abs, bessere und schlechtere Phasen. Es gibt Sorgen, Trauer und Krankheit. Es gibt unvereinbare Bedürfnisse und gegenläufige Entwicklungen, die in Krisen führen. Der Umgang mit dieser lebendigen Dynamik ist entscheidend, nicht das Bild, das Vater-Mutter-Kind nach außen abgeben.
Wir hören überall, dass das Leben planbar, optimierbar ist. Jeder ist seines Glückes Schmied. Jede ist die Designerin ihrer Träume. Das ist mindestens zur Hälfte eine Lüge. Das Glück ist immer nur zur Hälfte Tat – zur anderen Hälfte ist es Geschenk. Ein lebendiges, dynamisches, zerbrechliches Geschenk.
Die Realität von Familien heute ist vielfältig. Es gibt klassische Familien im Bullerbü-Stil und Patchworkfamilien. Kinderlose Familien leben neben kinderreichen, andere leben mit Pflege- oder Adoptivkindern. Erwachsene und Kinder mit verschiedensten Einschränkungen und Begabungen leben zusammen. Von der kulturellen Vielfalt und den Unterschieden zwischen Nordfriesinnen, Bayern, Türkinnen und Syrern sprechen wir hier noch gar nicht. Wenn eine »heile Familie« nur so eine ist, die in die Bullerbü-Schablone passt, sind alle diese Familienmöglichkeiten Abweichungen von der Heile-Familie-Norm.
Manche Zeitgenossen, die Offenheit und Toleranz predigen, klingen allerdings so, als würden sie sich von dieser Norm lieber doch nicht verabschieden wollen. Sie reden von Familien, die »trotzdem« ein gutes Miteinander pflegen, oder die »auf andere Weise« so etwas wie eine Familie darstellen. Die Variationen sind dann so etwas wie Mutationen, die durch die Verstrahlung mit dem Zeitgeist zustande kommen und mit denen man eben freundlich umgehen muss. Ich glaube, das greift zu kurz, weil »das Heile« dann trotzdem mit der äußeren Form der Bullerbü-Familie verknüpft bleibt. Natürlich kann man »das Heile« in der Bullerbü-Familie finden, aber es hat dort nicht seinen Ursprung. »Das Heile« in einer heilen Familie findet sich in der liebevollen Aufmerksamkeit, die zwischen ihren Mitgliedern spürbar wird, nicht in ihrer äußeren Form.
Das ist der Kern-Irrtum: Eine Bullerbü-Konstellation ist nicht automatisch die bessere Familie. Ob eine Familie heil ist oder nicht, zeigt sich daran, wie sie mit Veränderungen und Brüchen umgeht, ob es Vergebung gibt und ob Scheitern und Lernen erlaubt sind. Ob es inmitten des Alltags auch bedingungslose Liebe gibt. In solchen Familien, welche Form sie auch haben, findet sich auch Platz für die Sehnsüchte der Kinder (wenn es denn Kinder gibt) nach freiem Spiel und Abenteuer, nach lebendigem Kontakt zu Eltern und Freunden. Da passiert ein bisschen heile Welt nebenbei.
Und: Die »heile Familie« ist kein Dauerzustand. Sie ist auch kein Ziel, bei dem wir ankommen, wenn wir genug Ratgeber gelesen haben, genug Ehe- und Erziehungsseminare besuchen und unseren Kindern genug Gemüse zu essen geben.
»Das Heile« in einer Familie ist ein Immunsystem der Beziehungen, ein Kompass der Emotionen, ein Gleichgewichtssinn der Generationen. »Das Heile« zeigt sich gerade nicht unter Bullerbü-Bedingungen, sondern beim Navigieren durch die Stürme und Flauten des Lebens. Viele Familien heute erleben genau das: dass es irgendwie gut geht. Statt etwas verschämt zu meinen, dass man wohl irgendwie Glück gehabt hat, kann man aber etwas anderes tun: Genauer hinsehen, wie »das Heile« in Familien wachsen kann. Oft hat es damit zu tun, das gut sein zu lassen, was nicht perfekt ist.
So betrachtet, erscheinen die verschiedenen Familien-Versionen im »heutigen Bullerbü«, die ich oben geschildert habe, in einem anderen Licht: Ganz »heil« ist keine. Am gesündesten ist das Miteinander vielleicht im dritten Beispiel mit der Patchworkfamilie, die verteilt auf zwei Höfen wohnt. Dort allerdings gibt es auch am meisten täglichen Abstimmungsbedarf, vielleicht geht es dort am unruhigsten zu. Die Konflikte in den anderen Varianten sind unterschiedlich – unterschwellig bei den Eltern von Britta und Inga im zweiten Beispiel, sichtbarer bei Lasse, Bosse und Lisa. Und das, obwohl diese Familien noch am ehesten dem klassischen Bild entsprechen. In beiden Fällen scheint es an Beweglichkeit zu fehlen. Die Situationen sind ungünstig, und die Eltern kreisen um ihre Probleme, statt eine passendere Haltung zu finden.
Was es braucht, ist ein Maßstab für ein gutes Miteinander unter wechselnden Umständen. Das starre Bild von der heilen Familie taugt dazu nicht.

Liebe Maria, lieber Josef,
Ihr seid die Eltern in der »heiligen Familie«. Tausende Bilder gibt es von Euch, wie Ihr andächtig und gottergeben an der Krippe im Stall von Bethlehem steht, voller Liebe für Euer und Gottes Kind. Unendlich beschenkt seht Ihr aus, in der ersten Reihe des Weihnachtswunders, erste Ansprechpartner für die Weisen aus dem Morgenland, für die Hirten mit der Engelsbotschaft.
Heilige Familie seid Ihr. Aber ich frage mich, ob Ihr auch eine »heile Familie« gewesen seid. Wie das Herz wohl aussah, in dem Du, Maria, all diese rätselhaften Worte bewegt hast. Wie es in Deinen Träumen aussah, Josef, wenn Dir nicht gerade ein Engel erschienen ist. Und wie Ihr beide miteinander gesprochen habt über all das Unaussprechliche. Oder eben geschwiegen. Ich beneide Euch nicht.
Das Kind war nicht von Euch beiden, wenn man der Geschichte folgt. Oder war es das doch, oder war der Vater jemand anderes und Gott hat eben seine Heilsgeschichte in Eure sehr menschliche Geschichte hineingelegt? Ist das nicht furchtbar kompliziert? Für Dich, Josef, immer wieder zu glauben, dass Maria zugleich Deine Frau und so etwas wie eine göttliche Leihmutter ist? Jesus Dein Sohn und doch nicht Dein Sohn? Für Dich, Maria, vielleicht zu sehen, wie Josef mit Euren anderen Kindern so viel selbstverständlicher umgeht? Was ist durch Dich in Eure Familie gekommen, ohne dass Du es verhindern konntest? Ist nicht alles aus dem Gleichgewicht?
Gleich nach der Geburt musstet Ihr fliehen. Aus einem stinkenden Stall in ein Leben als Flüchtlinge. Und später das Gerede der Leute ertragen. Über das Kind, über den eigensinnigen Jugendlichen, später über den extremen jungen Mann. Wie war das für Euch, als Jesus Euch in aller Öffentlichkeit zurückgewiesen hat? Wie haben seine Geschwister reagiert auf all diesen Trubel? Und später die Kreuzigung und alles Weitere. Voller Wunder, so heißt es, aber doch eigentlich kaum zu ertragen für ein menschliches Herz, nicht zu begreifen, für einen menschlichen Verstand. »Mutter der Schmerzen – Stabat Mater« wurdest Du genannt in der Kirchengeschichte. Es gibt Altäre für »die sieben Schmerzen Marias«. Hattest Du das Gefühl, eine gute Mutter zu sein?
Etwas Trost gab es vielleicht, wenn Ihr Euch mit Elisabeth und Zacharias getroffen habt – denn die hatten es auch nicht leicht. Haben einen Propheten bekommen. Ein Kind, dass Zacharias die Sprache verschlagen hat.
Ich glaube, Ihr wart keine heile Familie. Aber dennoch glaube ich, dass Ihr eine gesegnete Familie wart. Dass es gerade die Risse und Brüche waren, die Ihr ertragen musstet, in denen das Licht Gottes geleuchtet hat. Ich glaube, dass Ihr Trost gefunden habt, bei Gott und beieinander. Dass Ihr einander vergeben lernen konntet, wenn Euch zwischendurch das Vertrauen verloren gegangen war. Dass Ihr es ausgehalten habt, einen Sohn zu haben, der doch nicht der Eure ist. Dass Ihr Euch irgendwie damit abfinden konntet, auf unterschiedliche Weise, dass Ihr eine besondere Familie seid, obwohl Ihr vielleicht oft genug lieber einfach eine ganz normale Familie gewesen wärt. Aber was ist das überhaupt – normal? »Unauffällig« trifft es wohl besser.
Vielleicht ist das gerade das Heilige bei Euch, dass Zerbrochenes und Rätselhaftes neben dem Göttlichen und Wunderbaren bestehen kann. Eine heilige nicht-heile Familie seid Ihr. An Gott zerbrochen, von Gott geheiligt und bei Gott aufgehoben. Eben keine Bilderbuch-Familie. Keine Form, in die ich meine Familie zu pressen versuchen muss. Eher eine Familie, die Gott am Herzen liegt und sich immer wieder der Form dieses Herzens anpassen kann.11
Danke! Ave Maria! Ave Josef!
Euer Lars
Die gute Arbeit
Zu den Bildern von der heilen Familie in der heilen Welt gehören auch Berufsbilder für die Erwachsenen. Lange Zeit betraf die Frage nach der Erwerbsarbeit vor allem den Mann, da die Aufgabe der Frau in erster Linie zu Hause gesehen wurde. Doch auch wenn es hier einen Wandel gab und viele Frauen heute ebenfalls erwerbstätig sind, so heißt das nicht, dass die Sehnsucht nach einer Bullerbü-Arbeit heute nicht präsent wäre: die Sehnsucht nach einer verlässlichen Arbeit, die Sinn gibt.
Das klassische Bild der Jahrhundertwende, das nach dem Zweiten Weltkrieg vorherrschte, sah so aus, dass der Vater irgendeinen Beruf hatte, welchen, war eigentlich egal. Es wurde ohnehin nicht viel davon gesprochen. Wichtig war nur, dass die Arbeit verlässlich war. Arbeitslosigkeit oder Neuorientierung waren nicht vorgesehen. Der Mann ging morgens aus dem Haus und kam am späten Nachmittag zurück, in ein Heim mit lachenden Kindern und zur besten Kaffeezeit. Dieses Bild hat allerdings seine Haken, manche halten es auch für politisch verdächtig:12 Es riecht zu sehr nach dem Trauma des abwesenden Vaters und dem Mangel an Selbstbestimmung und Entwicklung für die Frau. Die allermeisten Menschen halten dieses klassische Bild für veraltet. So beschreiben Umfragen die Idee vom Mann als Ernährer der Familie als »Auslaufmodell«. Dieses Ergebnis erhält man, wenn man Menschen nach ihrer Meinung fragt.13 Seltsamerweise ist in fast ebenso vielen Familien dennoch nach wie vor der Mann der Hauptverdiener.

Zeitmaschine
Eine Freundin von mir ist Hebamme und betreut Familien. Sie hat einmal gesagt, dass ein Kreißsaal eigentlich so etwas wie eine Zeitmaschine sei: »Die Paare, die reingehen, sind modern, aus der heutigen Zeit. Wenn sie wieder rauskommen, verhalten sie sich, als wären wir im Jahr 1950.«

Doch auch wenn dieses klassische Bild der Nachkriegszeit abgelöst wurde und heutzutage die meisten Frauen auch erwerbstätig sind, so sind es nach wie vor die Frauen, die ihre Berufstätigkeit nicht nur in der Kleinkinderphase einschränken, sondern auch später viel eher in Teilzeit arbeiten als Männer. Dieses Ergebnis tritt zutage, wenn man Menschen fragt, wie sie tatsächlich leben.14
Doch viele sind unzufrieden mit der Aufteilung von Arbeit und Familie zwischen Mann und Frau und mit dem »Gleichgewicht von Arbeit und Leben« – wie es so schön heißt. So als wären »arbeiten« und »leben« zwei verschiedene Dinge – wenn man arbeitet, lebt man nicht, und umgekehrt.

Realitätscheck
Schauen Sie sich mal in Ihrem Umfeld, Ihrem Freundeskreis um. Wie sieht es dort aus? Wer arbeitet Vollzeit, wer Teilzeit? Wer kümmert sich in erster Linie um die Kinder? Machen Sie gern eine kleine statistische Auswertung in Prozentzahlen, dann lässt es sich leichter weitererzählen.

Viel beliebter – und verführerischer – ist daher das geradezu heilige Bild, wie wir es in Bullerbü finden. Da gibt es auch verlässliche Arbeit und klare Rollen, aber es gibt keine Entfremdung: Der Hof, auf dem die Familie lebt, ist zugleich der Arbeitsplatz der Eltern. Die Arbeit ist ständig sichtbar und spielt eine Rolle im Alltag. Leben und Arbeit sind ineinander verwoben. Daraus resultiert eine besondere Form der Erdverbundenheit, alles wirkt so natürlich. Die Jahreszeiten und Feste haben einen klaren Platz im Familienleben, die Erntezeit kommt mit klaren Aufgaben für alle und führt direkt zum Wohlstand der Familie. Das ist dann nicht Geld auf dem Konto, sondern eingemachte Früchte und eine Scheune voller Heu. Die Früchte kommen auf den Tisch und im Heu wird gespielt. Der Vater hat eine Aufgabe, die alle verstehen und sinnvoll finden – welcher Vater kann das heute von sich sagen? Haben Sie schon einmal versucht, Kindern den Sinn einer Arbeit als Versicherungsmakler oder Verwaltungsangestellter zu vermitteln?
Die Frau verwaltet und gestaltet den Wohlstand der Familie, indem sie die Produkte des täglichen Lebens herstellt. Sie backt das Brot und näht die Kleider. Nur dass sie das Material nicht im Internet bestellt oder aus dem Supermarkt holt, sondern direkt vom Vater bekommt. Ein paar Umwege gibt es natürlich, aber auch die sind sichtbar und verständlich: Das Korn wird zuerst zum Müller gebracht, dann kommt das Mehl nach Hause, die Wolle von den Schafen wird erst gesponnen, dann wird daraus der neue Pullover gestrickt. Aber die Äpfel, die die ganze Familie vom Baum gepflückt hat, und die Kartoffeln, die sie gemeinsam aus der Erde geholt haben, landen doch direkt auf dem Tisch. In der heilen Arbeitswelt lernen die Kinder ganz natürlich die sinnvollen Arbeitsschritte von den Erwachsenen, weil sie ihnen täglich dabei zusehen und mithelfen. Familie und Arbeit fließen ineinander, die Eltern sind immer da. Und es gibt nicht einen Tag, an dem Vater und Mutter am Sinn ihrer Arbeit zweifeln müssen, sie müssen zu keinem Meeting und haben keinen anderen Chef als den Schöpfer, der die Jahreszeiten steuert.
Dieses Bild von der guten Arbeit entspricht so gar nicht dem, was die meisten Menschen heute erleben. Dabei ist es gar nicht einmal so, dass die Arbeitsplätze, die es heute gibt, schlecht wären. Viele Menschen mögen, was sie tun. Etliche engagieren sich, manche leben geradezu für ihre Arbeit. Kreative, Pflegende, Lehrende, Handwerker, Leitungskräfte – viele antworten auf die Frage »Wer bist du?« zunächst einmal, indem sie ihren Beruf nennen. Aber diese Berufe passen meist nicht in das Bild der heilen Familien einer heilen Welt. Die Tätigkeiten der meisten Berufe finden eben nicht zu Hause statt. Und wenn doch, ist Home-office oft eher ein Problem als eine Lösung. Häufig geraten »Leben« und »Arbeit« dann in ständige Konkurrenz oder in ein dauerndes Durcheinander. In den meisten Fällen hat das Berufsleben nicht viel mit dem Leben zu Hause zu tun, viele arbeiten eingebunden in größere Institutionen und Systeme, die sich zum Beispiel Kindern kaum erklären lassen (Was genau ist eigentlich die Personalverwaltung einer gesetzlichen Krankenkasse?).
Im Bullerbü-Bild haben die Erwachsenen außerdem genau einen Beruf, und den üben sie zudem ihr ganzes Leben lang aus. Neben den drei Vätern auf Nord-, Mittel- und Südhof gibt es ja auch noch ein paar Randfiguren wie »den Schuster«, »den Schmied« oder (eine Frau mit Berufsbezeichnung!) »die Lehrerin« (Karrieredauer: bis zur ersten Schwangerschaft). Kein Wort von Beförderung, Umschulung, Weiterentwicklung, Berufswechsel. Kein Wort von flexibler Arbeit, Mobilität, Bereitschaftsdienst oder Teilzeitverträgen. Heutige Karrieren sind von ständigem Wechsel geprägt. Akademiker haben standardmäßig zeitlich begrenzte Stellen, müssen von einem Arbeitsplatz aus schon den nächsten anvisieren, in einer anderen Stadt, vielleicht auch im Ausland. Ob die Familie mitkommt, hängt natürlich von den Möglichkeiten der Partnerin bzw. des Partners ab. Etliche Familien entwickeln sich von einem Provisorium in das nächste. Viele Arbeitnehmer in größeren Wirtschaftsbetrieben haben sich an »Umstrukturierung« als Dauerzustand schon gewöhnt. Abteilungen werden geteilt oder zusammengelegt, Firmen fusionieren. Und wenn gerade nicht umstrukturiert wird, wird ein neues Computerprogramm eingeführt oder es gibt einen neuen Leitbildprozess, dem dann wieder Umstellungen folgen. Das wachsende Tempo der Veränderungen führt nicht nur dazu, dass Arbeitnehmer zunehmend verunsichert sind, es führt auch zu einer fortschreitenden Gleichgültigkeit gegenüber dem Sinn solcher Veränderungsprozesse. Die Inflation an Umstellungen und Umstrukturierungen entfremdet Menschen weiter von dem, was sie tun – obwohl oft das Gegenteil bezweckt werden soll. Ein erfahrener Sozialarbeiter, der in einer meiner Supervisionsgruppen war, antwortete mir einmal auf die Frage, wie er denn mit den beständigen Veränderungen umgehe: »Man muss einfach cool bleiben und abwarten, wenn sie wieder die nächste Sau durchs Dorf jagen. Das meiste regelt sich mit der Zeit von allein.«
Was Menschen heute bei der Arbeit erleben, ist nicht nur ein Mangel an Eindeutigkeit à la Bullerbü, es ist das Gegenteil davon: Sie erleben unklare Veränderungen und überfordernde Komplexität. Und so kommt es, dass die Arbeit sich zuweilen nicht nur wie ein Hindernis anfühlt, sondern wie ein Verrat am guten Leben.
Eine andere Gefahr, die von der Idee der »guten Arbeit« ausgeht, hat mit der übersteigerten Bedeutung zu tun, die der Arbeit oft beigemessen wird. Zwar wünscht sich wohl niemand auf seinem Sterbebett, im Leben noch mehr gearbeitet zu haben, und doch arbeiten viele, als ginge es um Leben und Tod. Auf Kosten der eigenen Gesundheit, auf Kosten der Partnerschaft und der Beziehung zu den Kindern, sozusagen auf Teufel komm raus wird geschuftet, werden Überstunden gemacht, wird der Firma gehorcht und gedient. Zum Teil aus geerbtem Pflichtbewusstsein (»Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!«), zum Teil aber auch in der Hoffnung, eines Tages eine unsichtbare Grenze zu überschreiten, auf deren anderer Seite das gute Leben liegt. Dort gibt es dann genug Geld und Zeit, um all das zu tun, was der aufreibende Arbeitsalltag heute nicht zulässt. »Wenn ich erst … dann …« ist der typische Satz für diese Haltung. »Wenn ich erst die Beförderung bekommen habe, dann …«, »Wenn ich erst verbeamtet bin, dann …«, »Wenn ich erst dieses Projekt abgeschlossen habe, dann …«, »Wenn erst die Umstrukturierung in der Firma abgeschlossen ist, dann …«. Frustrierend ist nur, dass sich diese Grenze verhält wie die berühmte Karotte vor der Nase des Esels – sie ist und bleibt immer nur fast erreichbar.
Darüber hinaus nimmt in vielen Familien die Frage, welchen Beruf die Kinder einmal haben werden, viel Platz ein! Schon die ganz Kleinen werden gefragt: »Was willst du werden, wenn du groß bist?« Und auch wenn die Frage der Nachfolge im väterlichen Betrieb heute eher die Ausnahme ist, können Kinder ihren Eltern doch kaum größeres Leid zufügen, als beruflich zu scheitern.

Lieber Jona!
Ich könnte verstehen, wenn Du diesem Jesus den Rücken gekehrt hättest. Du hast Dein Leben lang hart gearbeitet, warst Fischer wie Dein Vater und Dein Großvater. Einer von denen, die mit ihrer Hände Arbeit eine Familie über Wasser halten. Früh raus, bei jedem Wetter, stundenlang Netze flicken und säubern. Natürlich gab es viele schöne Momente – der Sonnenaufgang über dem See Genezareth, ein guter Fang, reden mit den anderen Fischern.
Vor allem aber war die Arbeit notwendig. Die Familie musste etwas zu essen haben. Und eine Fischerfamilie seid ihr nun mal gewesen. Bestimmt warst Du stolz auf Deine Söhne, Simon und Andreas, die hineingewachsen waren in dieses Leben, in diesen Beruf, die mit Dir auf den See fuhren. Von Dir haben sie gelernt, das Wetter einzuschätzen, mit Boot und Netzen umzugehen und den Fang nach Hause zu bringen. Sie waren die Zukunft der Familie.
Und dann kam Jesus und brachte alles durcheinander, an einem einzigen Tag. »Kommt mit mir, ich will euch zu Menschenfischern machen!« – was für ein Humbug. Aber ins Herz dieser jungen Männer gesprochen. Alle jungen Leute haben ja solch eine Phase von Idealismus und Aufbruch. Eine Zeit, in der sie empfänglich sind für große Ideen. Aber normalerweise geht die vorbei, wenn die Verantwortung kommt für die eigenen Kinder. Hätte dieser Jesus nicht ein paar Jahre später vorbeikommen können?
Nicht mal die Netze eingeholt haben sie noch, sind einfach losgezogen. Und da saßt Du, allein mit der Arbeit wie früher, als die Jungs noch zu klein waren. Nur warst Du nicht mehr so jung wie früher. Der Rücken tat schon weh und Du warst froh gewesen über die beiden starken jungen Männer, die mit angefasst haben.
Er hat Dir Deine Söhne genommen, hat sie umgarnt mit seinen Ideen von einer besseren Welt. Sie sind ihm ins Netz gegangen. Das kann doch nicht gut gehen. »Menschenfischer« – was soll das denn sein? »Jünger« – das ist doch kein Beruf. Davon wird doch keiner satt.
Ich frage mich, ob Du später Kontakt hattest zu Deinen Söhnen. Ob dieser Bruch geheilt ist. Was Du wohl gedacht hast, als die anderen Fischer am See erzählt haben, dass dieser Jesus Tausenden von Menschen zu essen gegeben hat, obwohl es eigentlich nur zwei Fische waren und fünf Brote, die er zur Verfügung hatte. Und Deine Söhne sind dabei gewesen, haben sie gesagt. Hast Du Dich abgewendet?
Oder bist Du stolz gewesen auf die beiden, die nicht der Arbeit gefolgt sind, sondern der Idee von einer besseren Welt? Hast Du Dich gefragt, ob es vielleicht doch geht, ganz anders zu leben als Du und Dein Vater und Dein Großvater? Ob man davon satt werden kann – oder vielleicht sogar noch etwas anderes als nur satt? Konntet ihr die Knoten in der Familie lösen? Ich wünsche es Dir. Ich erlebe es heute: Wie unsere Kinder ein anderes Leben suchen als das geplante. In unseren Zeiten lässt sich ein Berufsleben fast nicht mehr planen. Die Arbeit und das gute Leben und eine bessere Welt sind ineinander verwickelt wie ein altes Fischernetz, viele sind darin gefangen. Ich hoffe es für Dich und ich hoffe es für uns, dass wir die Knoten lösen können. Damit die Arbeit einen guten Platz bekommen kann. Ich glaube aber, es ist nicht der erste Platz.15
Petri Heil.
Lars
Pulsuz fraqment bitdi.