Kitabı oxu: «Der Grieche»
Lasse Holm
Der Grieche
Lust
Der Grieche Übersetzt von Kirsten Krause Originaltitel Grækeren Copyright © 2015, 2019 Lasse Holm und LUST
All rights reserved
ISBN: 9788711587423
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von LUST gestattet.
PERSONENVERZEICHNIS
Römische Familien – besonders die adeligen – konnten nur zwischen einer Handvoll Vornamen (Pränomen) wählen, wenn sie einen männlichen Nachkommen benennen sollten. Jede Familie hatte ihre Favoriten, aber Marcus, Quintus und Titus waren sehr populär. Überdies wurde der erstgeborene Sohn traditionellerweise nach seinem Vater benannt, der wiederum nach seinem Vater benannt worden war, usw.
Was weibliche Nachkommen betraf, waren die Möglichkeiten noch beschränkter. Eine Tochter erhielt – unabhängig von der Anzahl ihrer Schwestern – die weibliche Form des Familiennamens des Vaters (Nomen). So hießen alle Töchter der Familie Julius Julia. Einen Nachnamen im eigentlichen Sinn bekam die Frau erst, wenn sie verheiratet wurde. Bis dahin trug sie den Beinamen (Cognomen) ihres Vaters.
Das nachstehende Personenverzeichnis soll Missverständnissen vorbeugen. Die Namen sind in alphabetischer Reihenfolge und in Großbuchstaben aufgeführt unter dem/den Namen, unter dem/denen die Personen erstmals auftreten. Personen mit nur einem Namen sind Sklaven. Griechen – für die bei der Namensgebung andere Regeln galten – gehören zu den Plebejern, dem niedrigsten Stand in der römischen Republik.
1
2 AELIA. Mit Demetrios verheiratet. Mutter Philomelas (gemeinsame Tochter mit Demetrios) und Tiros (gemeinsamer Sohn mit einem verstorbenen Soldaten).
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4 AMASTHOS. Koch und Gastwirt in den Bergen über Megara.
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6 ANTONIUS HYBRIDA, Gaius. Römischer Juniorkonsul.
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8 ATTICUS, Titus Pomponius. Reicher Römer mit einer Vorliebe für alles Griechische. Bester Freund Ciceros.
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10 CAESAR, Gaius Julius. Römischer Adeliger.
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12 CATILINA, Lucius Sergius. Römischer Senator aus einem uralten Adelsgeschlecht. Verlor gegen Cicero bei den Konsulwahlen.
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14 CATO, Marcus Porcius. Römische Senator, der die Realität nicht seiner stoischen Lebensanschauung in die Quere kommen lässt.
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16 CHRYSES. Hohepriester im Athene-Tempel.
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18 CICERO, Marcus Tullius. Berühmter römischer Senator, Redner, Advokat und nun Konsul von Rom.
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20 CLODIA Metelli. Verheiratet mit Metellus Celer. Lucretius’ Muse.
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22 DEMETRIANUS. Sohn von Demetrios.
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24 DEMETRIOS, Lucius Cornelius. Verheiratet mit Aelia. Medicus, Chirurg und römischer Bürger.
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26 KHITAIDES. Richter am Areopag (Areiopagos), Gerichtshof in Athen (das Gericht für Tötungsdelikte).
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28 KRITO. Sklave in Orthoboulos’ Bordell.
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30 LENTULUS SURA, Publius Cornelius. Römischer Adeliger, Senator und Stadtprätor.
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32 LUCRETIUS CARUS, Titus. Philosoph und Dichter mit einem epischen Werk in Arbeit.
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34 LYDIA. Haushälterin bei Demetrios und Aelia.
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36 MARCUS PETREIUS. Legat im Römische Heer.
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38 METELLUS CELER, Quintus Caecilius. Römischer Heerführer.
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40 ORTHOBOULOS. Bordellbesitzer und König der Athener Unterwelt.
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42 PHILOMELA. Demetrios’ und Aelias aufgeweckte und neugierige 13-jährige Tochter.
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44 POMPEIUS Magnus, Gnaeus. Römischer Heerführer.
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46 QUINTUS Tullius Cicero. Jüngerer Bruder von Konsul Cicero.
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48 SARPEDON. Lehrer und Pädagoge aus Lykien.
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50 SKYROS. Ehemaliger Sklave. Nun Hauptmann des Athener Polizeikorps.
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52 SULLA, Lucius Cornelius. Diktator, starb vor zwanzig Jahren, aber dennoch sehr präsent in der römischen Politik.
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54 TERENTIA. Ciceros Ehefrau.
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56 TIRO. Aelias Sohn und Ciceros treuer Sekretär.
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58 TITUS AELIUS Volturcius. Aelias Onkel mütterlicherseits. Witwer und Vater eines Sohnes.
RÖMISCHE MONATE
UND ZEITANGABEN
Januar: Ianuarius
Februar: Februarius
März: Martius
April: Aprilis
Mai: Maius
Juni: Iunius
Juli: Quintilis
August: Sextilis
September: September
Oktober: October
November: November
Dezember: December
Kalendae: Der erste Tag des Monats
Nonae: Der fünfte bzw. siebte (im März, Mai, Juli, Oktober) Tag des Monats
Idus: Der dreizehnte bzw. fünfzehnte (im März, Mai, Juli, Oktober) Tag des Monats
PROLOG
Athen, Kalenden des Martius, im Jahre 63 v. Chr.
Mein lieber Sohn, deine Mutter wurde ermordet. Ich fand sie in den Ruinen, bis zur Unkenntlichkeit entstellt durch den Brand, der dein Elternhaus verzehrt hat. Ihre Leiche lag festgeklemmt unter dem Türpfosten. In dem verbrannten Holz war es noch möglich, Striche und Daten zu erkennen, die wir über die Jahre eingeschnitzt hatten, um deine Größe und dein Alter festzuhalten.
Nie wieder werde ich die Liebe in ihrem Gesicht sehen, um die ich mich während mehr als zwanzig Jahren Ehe versucht habe verdient zu machen. Die Haut war schwarzverbrannt und klebte an der kantigen Form des Schädels. Die Augen waren geschmolzen und am Boden der Höhlen wie Wachs festgebrannt, die Lippen zu einer unheimlichen, verzerrten Grimasse erstarrt.
Als ich ihren Körper aus der Asche hob, bemerkte ich eine Wunde an ihrer rechten Schläfe; eine Läsion von einem harten Schlag mit einem spitzen Gegenstand. Der Mörder hat deine Mutter tot oder sterbend in der Türöffnung zurückgelassen und versucht, die Spuren seiner Untat zu kaschieren, indem er das Haus anzündete.
Ich weiß, dass du Aelia nicht länger als deine Mutter anerkennst. Doch obwohl sie dich nicht selbst geboren hat, hat sie dich immer wie ihr eigenes Kind geliebt. Ich bitte dich, unsere Unstimmigkeiten zu vergessen, nach Hause nach Athen zurückzukehren und mir zu helfen, das Verbrechen aufzuklären.
Ich erwarte deine Antwort bei Sarpedon im Piräus.
Grüße von deinem Vater Demetrios
ERSTES BUCH
Athen, der 10. Tag des Martius, im Jahre 63 v. Chr.
I
Der Junge konnte nicht älter als vierzehn sein. Seine Haut war wachsartig weiß und schien halb durchsichtig zu sein. Am Hals hatte er Spuren eines Sklavenhalsrings. Auf der linken Seite seines Brustkorbs war ein griechisches ρ tätowiert, das dem lateinischen R entspricht.
Auf dem gesamten, dürren, nackten Körper befand sich nur eine einzige Wunde. Sie zog sich durchgängig vom Brustbein bis zum Schritt. Die langen, geraden Wundränder der Bauchhaut fielen nach innen. Um die Knöchel verlief eine bläuliche Verfärbung.
»Habt ihr die Eingeweide gefunden?«, fragte ich. Die hochgewachsenen Männer wandten mir ihre bleichen Gesichter zu und konnten nur mit einem Kopfschütteln antworten.
Ich war bei Sarpedon in seinem kleinen Häuschen im Piräus zu Besuch gewesen. Wir hatten auf der Bank in der Essecke der gemütlichen, niedrigen Stube gesessen, jeder seinen Becher Wein vor sich, als ein beharrliches Klopfen meinen alten Freund an die Tür gerufen hatte. Ein Mann, dem das Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand, hatte berichtet, dass ihm von den Ortsansässigen geraten worden war, mich aufzusuchen. Er hatte uns gebeten, ihm hinunter zum Hafen zu folgen, wo man – so formulierte er es – einen menschlichen Körper gefunden habe. Ich habe oft dabei geholfen, die Betrunkenen, Verwundeten und Armen aus den Hafentavernen zu betreuen. Damals hatte ich auch nichts Verkehrtes darin gesehen, ihnen zu helfen.
Wir waren dem Mann den Kai entlang gefolgt, wo Sklaven und Seeleute unter der Sonne schwitzten, während sie Kisten und Amphoren zwischen den Schiffen und den länglichen Säulenhallen der Stoa hin- und hertrugen.
Die Hafengeräusche und das Möwengeschrei verstummten, als wir durch die offene Pforte in das kühle Innere eines Lagerhauses traten. Eine kleine Gruppe von Männern umringte ein Segeltuch in der Mitte des Fußbodens.
»Wo ist die Leiche?«
Alle zeigten auf das Segeltuch. Keiner machte Anstalten, es zu entfernen. Ich verstand sie, als ich es persönlich wegzog.
»Wer hat ihn gefunden?«, fragte ich jetzt.
Ein bärtiger Riese meldete sich.
»Lag er hier, unter dem Segeltuch? Habt ihr ihn angefasst?«
Der Mund des Riesen bewegte sich. Ihm versagte die Stimme.
»Das Segel haben wir über ihn gelegt«, flüsterte ein anderer. »Aber ansonsten haben wir ihn nicht angerührt. Er lag hier. Mitten auf dem Boden.«
»Was habt ihr hier drinnen gemacht?«
Ein kleinerer, dunkel gekleideter Mann ergriff das Wort.
»Ich bin der Kapitän des Schiffes Melpomene. Ich soll all das hier nach Rom verschiffen, sobald der Wind günstig ist.«
Er sah auf die vielen Kisten, große und kleine, längliche und quadratische, die sich im Halbdunkel des Lagerhauses stapelten. Die Deckel saßen locker oder waren an die Seiten der Kisten gelehnt, auf dem Boden war Sägemehl verteilt.
»Es sieht aus, als hätte man die Ladung auf den Kopf gestellt. Wie lange ist es her, dass jemand hier drinnen war?«
Alle sahen zu einem kleinen Mann mit krummem Rücken. Es war der Lagerhausverwalter. »Die Tür war verschlossen, seit die Fracht vor fünf Tagen aus Athen hierhergebracht wurde«, berichtete er. »Der Besitzer hat sich für mein Lagerhaus entschieden, weil man es abschließen kann. Aber obwohl die Kisten geöffnet wurden, fehlt nichts. Ich habe die Frachtliste zwei Mal kontrolliert.«
»Also ist jemand eingebrochen, hat die Ladung untersucht, ohne etwas mitzunehmen, und eine Leiche hinterlassen?«
Der kleine Lagerhausverwalter zuckte die Schultern. Er verstand es auch nicht.
»Wem gehören all die Kisten?«
Er zögerte, schaute sich um und flüsterte: »Pomponius Atticus.«
Die Reaktion der Seeleute zeugte davon, dass Atticus vermutlich der einzige beliebte Römer in Griechenland war, aber auch von der Diskretion, mit der er seine Ladung behandelt wissen wollte. Nur der Kapitän grunzte bestätigend.
»Was lässt Atticus nach Rom schicken?«, erkundigte ich mich.
»Das darf ich nicht verraten. Das ist ein Bestandteil des Vertrags.«
»Und hat Atticus selbst Schlüssel hierfür?«
»Nein«, antwortete der Lagerhausverwalter, »den habe ich zurück an seinen Platz in meinem Kontor gehängt.«
Das Kontor erwies sich als ein baufälliger Außenanbau auf der Rückseite des Lagerhauses. Der Schlüssel hing an einem Nagel an der Innenseite der Tür.
»Und das ist der einzige Schlüssel?«
»So wahr, wie ich dieses Lagerhaus seit fünfzehn Jahren verwalte. Es gibt keinen Zweitschlüssel und er hängt immer hier im Kontor. Bei mir kommt kein Unbefugter rein!«
Hier hätte ich darauf hinweisen können, dass jedenfalls ein Unbefugter hineingekommen war. Doch die Erfahrung hatte mich gelehrt, dass die Piräer keinen Sinn für Sarkasmus hatten.
Wir kehrten zu der Leiche zurück.
»Sarpedon, hast du etwas zum Schreiben?«
Ich sah mich um. Mein alter Freund war verschwunden. Einer der Seemänner fand ihn in einer Ecke, wo er seinen Mageninhalt über den gestampften Lehmboden entleert hatte.
»Entschuldigung.« Sarpedon wischte sich den Mund trocken und reichte mir die Wachstafel und den Stylus, die er immer dabeihatte. »Schreib los. Wenn ich nur diesen armen Jungen nicht nochmal anschauen muss.«
»Darf ich den Stylus benutzen, um eine Läsion an der linken Schläfe der Leiche zu untersuchen? Es sieht so aus, als hätte man ihn mit einem spitzen Gegenstand niedergeschlagen, bevor er aufgeschlitzt wurde.«
Sarpedon verzog sich schnell wieder in seine Ecke.
II
Wenn du den Brief erhalten hast, in dem ich von Aelias Tod berichtet habe, bitte ich dich, von dessen Inhalt abzusehen, mein Sohn. Er wurde kurz nach dem Brand vor zehn Tagen geschrieben. Mittlerweile habe ich vieles erfahren, das meine Auffassung der Ereignisse fundamental verändert hat.
Ich verstehe nun, dass die ganze Misere ihren Anfang mit dem unheimlichen Fund nahm, den ich gerade beschrieben habe. Er wurde an dem Tag gemacht, als du unser Haus im Zorn verlassen hast. Soll ich Klarheit über den komplizierten Vorgang schaffen, der zu dieser Katastrophe führte, die unser Heim zerstörte, muss ich dies als Ausgangspunkt nehmen. Ich bitte dich, getreulich weiter zu lesen, auch wenn du vielleicht über scheinbar bedeutungslose Details im Text verwirrt sein magst. Ich versichere dir, alles, was in diesen hektischen Tagen passiert ist, sollte große Bedeutung für unsere gesamte kleine Familie bekommen.
Nach der Leichenschau im Lagerhaus folgte Sarpedon mir durch die rechtwinklige Gassen des Piräus und an den Überresten der alten Schiffshangars des Kriegshafens Zea vorbei, die um das ramponierte Hafenbecken herumlagen wie entblößte Rippen eines abgenagten Kadavers. Die wenigen Menschen, die wir trafen, strebten von uns weg in den Schatten.
»Jetzt wissen es alle«, flüsterte Sarpedon. »Wir sind durch das Blut unrein.«
Einer nach dem anderen waren die Zeugen verschwunden, während ich meine Untersuchung abschloss. Zuletzt hatte nur der Lagerhausverwalter, der die Türen nicht unverschlossen hinterlassen konnte, uns und der Jungenleiche widerwillig Gesellschaft geleistet. Die Seeleute hatten das Gerücht darüber, was passiert war, im Rest der Hafenstadt verbreitet.
»An der Leiche war nicht ein Tropfen Blut«, sagte ich. »Der Rigor mortis hatte schon nachgelassen. Der Junge ist vor mehr als vierundzwanzig Stunden gestorben. Niemand kann uns unrein nennen.« Sarpedon hielt inne. Seine hagere Gestalt krümmte sich über dem kleinen Spitzbauch. Die Verfärbung durch die Verbrühung, wegen der ich ihn einmal in Rom behandelt hatte, glühte unter dem zottigen Bart.
»Ich glaube trotzdem, dass ich mit dir nach Athen komme. Dann kann ich mich einem Reinigungsritual in der Akropolis unterziehen. Wenn ich ein paar Tage damit warte heimzukommen, wissen meine Nachbarn, dass sie wieder mit mir sprechen können.« Mit einem verklärten Gesichtsausdruck richtete er sich auf. »Diese furchtbare Geschichte wird mich vielleicht endlich zur Heimkehr bewegen.«
Die Möglichkeit, jederzeit an Bord eines Schiffes gehen zu können, war immer ein wichtiger Fixpunkt in Sarpedons Leben gewesen. Im letzten Winter hatte eine Woche Schneefall das Heimweh ausgelöst. Im Sommer war es die Hitze. Im Herbst die Stürme. Seit zehn Jahren hatte Sarpedon davon gesprochen, heim nach Lykien zu reisen.
»Aelia und ich werden dich vermissen«, sagte ich.
»Ich werde euch auch vermissen. Und Demetrianus.«
Dein Name war Salz in einer unverheilten Wunde, die das Gespräch abrupt beendete. Schweigend passierten wir das Kronos-Tor und gingen zwischen den verwitterten Mauerresten weiter zum Athener Weg. Sarpedon wechselte das Thema.
»Was willst du für den ermordeten Jungen tun?«
»Ich kann ihm nicht helfen. Er ist mausetot.«
»Aber du hast doch den Tatort so gründlich untersucht.«
Meine Gründlichkeit hatte ihren Grund. Ich wollte sichergehen.
»Das Lagerhaus war nicht der Tatort. Die Zerstückelung hätte eine Blutspur hinterlassen, die man nicht vom Erdboden hätte abwaschen können – genau wie der Fleck, den du in der Ecke hinterlassen hast.«
Sarpedon nahm das zur Kenntnis, ohne beleidigt zu sein.
»Also hat der Mörder den Jungen im Lagerhaus zurückgelassen, weil er keine andere Stelle hatte, um ihn loszuwerden?«
Man hätte die Leiche in einen Sack mit Steinen stecken und sie in tiefem Wasser versenken können. Sie in einer Schiffsladung verstecken können, wo sie erst auf offener See oder bei der Ankunft entdeckt worden wäre und die Besatzung sie hätte verschwinden lassen, um nicht selbst verdächtigt zu werden. Die Möglichkeiten, im Piräus eine Leiche loszuwerden, waren unzählig.
»Nein«, widersprach ich. »Jemand sollte ihn finden.«
»Wieso?«
»Wenn ich das wüsste, könnte ich dir sicher auch sagen, wer der Mörder war. Eines ist sicher: Er wusste, wo der Schlüssel zum Lagerhaus hing. Niemand hätte in diesem kleinen, baufälligen Schuppen danach gesucht.«
»Also war es der Besitzer der Ladung? Pomponius Atticus?«
»Das glaube ich nicht. Eine Reinigungszeremonie durchführen zu lassen wird ihn ein kleines Vermögen kosten. Und wenn er das Geld nicht opfert, wird kein einziger Schiffer seine Ladung an Bord nehmen.«
»Vielleicht hat der Mörder versucht, Atticus zu schaden, indem er seine Ladung mit Blut besudelt hat?«, schlug Sarpedon vor.
»Warum? Alle mögen Atticus.«
»Reichtum weckt immer Neid.«
Wir gingen schweigend weiter, während uns die Nachmittagssonne den Rücken wärmte. Vier Meilen weiter im Landesinneren leuchtete die farbenprächtige Zitadelle der Akropolis in der staubig-grünen Landschaft auf. Zikaden sangen zwischen den überwucherten Ruinen der Mauern, die einst Athen mit dem Piräus zu einer zusammenhängenden, uneinnehmbaren Festung verbunden hatten, die nicht einmal die Spartaner hatten einnehmen können. Schließlich fand Sarpedon den Mut, nach dem zu fragen, was ihn wirklich interessierte.
»Du hast eine Wunde an der Schläfe des Jungen erwähnt?«
Ich zeigte ihm, wo die kleine Vertiefung gesessen hatte: Zwei Finger breit über dem Ohr, direkt hinter dem Haaransatz.
»Die Spitze deines Stylus stieß an die Seiten der Wunde, bevor sie den Boden erreichte«, erklärte ich. »Die Mordwaffe war geformt wie ein gekrümmter Finger. Der Eintrittswinkel deutet darauf hin, dass der Mörder hinter seinem Opfer gestanden hat. Und dass er einen Kopf größer war als ich. Es sei denn, der Junge hätte gekniet. Übrigens war er noch am Leben, als er kopfüber aufgehängt wurde. Wie ein Schlachtschwein. Er hatte Schürfungen an den Knöcheln, um die das Seil gewickelt war.«
Sarpedon musste sich nach meiner forensischen Ausführung sammeln. Wir hatten uns der Stadt eine halbe Meile weiter genähert, bevor er wieder sprach.
»Der Mörder ist also ein Feind von Atticus und sechs Fuß groß. Das kann auf kaum mehr als etwa zwanzig Menschen in Athen und im Piräus zutreffen.«
»Niemand sagt, dass der Mörder immer noch hier ist. Er hatte schon einen ganzen Tag, um sich aus dem Staub zu machen.«
»Willst du versuchen herauszufinden, wer es getan hat?«
»Athen hat ein Polizeikorps«, entgegnete ich. »Ich gebe ihnen meine Notizen. Der Rest ist ihre Sache.«
Seine stumme Missbilligung ließ mich weiter ausholen.
»Hast du etwa vergessen, wie es das letzte Mal lief, als ich versucht habe, einen Mord aufzuklären?«
»Es hat doch geklappt. Du hast den Mörder des Volkstribunen Marcus Livius Drusus entlarvt.«
»Dafür wurde ich lebenslänglich ins Exil geschickt. Ich kann nie wieder nach Rom zurückkehren.«
Sarpedons bärtiges Gesicht öffnete sich wie ein Fächer. Wenigstens in einem Punkt fand er meine Bitterkeit übertrieben.
»Du kannst doch ohne Weiteres nach Hause gehen. Das ist mehr als zwanzig Jahre her. Keiner erinnert sich mehr an die Exilstrafe.«
»Dass ich hier nach Athen gekommen bin, ist das Beste, was mir je im Leben passiert ist«, erwiderte ich zornig. »Ich bin kein Römer mehr. Mein Vater stammte aus Mazedonien. Also bin ich Grieche.«
III
Sarpedon und ich erreichten das Haus in Koile bei Sonnenuntergang. Der kleine Garten hinter dem Lattenzaun der niedrigen Mauer, von wo sich die Pflanzen über das Pergola-Vordach wanden, war in die letzten Strahlen goldenen Lichts getaucht. Die Blätter des Oleanders raschelten in der Brise, die rotvioletten Blüten nickten mir zu. Mit einem Kloß im Hals nahm ich den Anblick in mich auf. Vielleicht ahnte ich damals bereits die Katastrophe, die unser Zuhause zerstören und unser Leben vernichten sollte.
Philomela saß auf der Bank. Ich rief ihr zu, sie solle hineinlaufen und euch erzählen, dass wir beim Abendessen einen Gast hätten. Sie erhob sich, blieb jedoch stehen.
»Freust du dich nicht, Sarpedon zu sehen, Philo?«
»Vater, nun hör doch mal auf, mich Philo zu nennen. Das ist ein Jungenname.«
Ich hatte mich noch nicht an diese fixe Idee gewöhnt, die deine Schwester seit weniger als einem Monat dazu veranlasst hatte, gegen den Kosenamen zu protestieren, den sie seit ihrer Geburt trug. Wenn Mädchen sich dem heiratsfähigen Alter nähern, durchlaufen sie seelische und körperliche Veränderungen, bei denen man als Vater nur schwer mitkommt. Eine Unsicherheit, die andere als Trotz gedeutet hätten, ließ sie die nussbraunen Haare zurückwerfen, die kleine, sommersprossige Nase rümpfen und die blauen Augen zusammenkneifen.
»Nun hol deine Mutter«, sagte ich.
»Das kannst du selbst machen. Mama spricht nicht mit mir.«
»Was hast du denn diesmal angestellt?«
»Sie ist auf dich sauer.«
»Was habe ich getan?«
»Woher soll ich das wissen? Mir erzählt ja keiner was.«
Ich schaute zu Sarpedon. Er nickte und wartete draußen mit Philomela, während ich über die Türschwelle trat.
Im Halbdunkel der Stube traf ich jedoch nicht auf die wütenden Vorwürfe deine Mutter, sondern auf ihr tränennasses Gesicht. Aelia warf sich mir an den Hals und erklärte, dass wir dich nun endgültig verloren hätten, du uns niemals vergeben würdest und es ihr Fehler sei, weil sie die Bücher behalten und versteckt hätte, anstelle sie zu verbrennen.
»Welche Bücher?«, fragte ich und legte die Wachstafel mit meinen Notizen auf den Tisch.
Du musst verstehen, mein Sohn, es war Jahre her, seit ich zuletzt an die vier Bücher gedacht hatte, die ich im Laufe des halben Jahres meiner Gefangenschaft in Rom geschrieben hatte. Die Anklage gegen mich war falsch gewesen. Die Beweise erfunden. Und wie Sarpedon mich gerade erinnert hatte, war ich nicht zum Tode verurteilt, sondern nur ins Exil geschickt worden. Es war mit anderen Worten nicht die Scham, die mich dazu gebracht hatte Aelia zu bitten, die Pergamentrollen zu verbrennen, die ich dir während meiner Gefangenschaft sorgfältig geschrieben hatte, sondern die Erkenntnis, dass sie jegliche Relevanz verloren hatten. Das Bedürfnis, dir von den Umständen zu erzählen, die uns getrennt hatten, existierte nicht länger. Ich war am Leben und hielt dich in meinen Armen. Die Vergangenheit erschien mir bedeutungslos. Ich hatte sie seelenruhig den Flammen überlassen.
»Ich habe es nicht übers Herz gebracht, die Bücher zu verbrennen«, fuhr deine Mutter fort. »Es war zu viel von dir darin. Zu viel von unserer gemeinsamen Geschichte. Ich habe sie hinter einer Abdeckung in meinem Schminkschränkchen versteckt. Demetrianus hat wohl nach irgendetwas gesucht, um den Kater zu bekämpfen, und dann hat sich die Holzverkleidung gelockert.«
Man sagt, dass niemand Geheimnisse vor einem durstigen Trinker hat. Sokrates war keine Ausnahme von dieser Regel. Diogenes wohnte in einem Weinfass. Du befindest dich in guter Gesellschaft, mein Sohn.
Das Gemüt zögert damit, Aussagen aufzunehmen, die die Welt in ein neues Licht rücken. Unglaube erzeugt Leugnung. War das möglich? Konnten die Bücher, deren Existenz ich seit Langem abgeschrieben hatte, wirklich noch vorhanden sein?
Meine erste Frage galt der Zeugenaussage meines Vaters über die Gracchus-Brüder. All die Jahre war meine einzige Reue gewesen, dass Vaters Buch über die beiden Reformatoren, die der Senat als Aufrührer ausgerufen hatte, mit den übrigen in Flammen aufgegangen war. Daran hättest du Freude haben können. Es hätte dich etwas über Prinzipientreue und Ehre lehren können. Ich bekam nun einen widersinnigen Drang, es erneut zu lesen.
»Demetrianus hat alle Rollen mitgenommen«, erwiderte Aelia.
»Hätte er mir doch nur Zeit gegeben, es zu erklären. Aber er ist zur Tür hinausgestürmt. Er wollte nicht auf mich hören.«
Ihre dunklen Augen betrachteten mich mit diesem Blick, der mir Atemnot und kalte Zehen verursachte. Sie merkte, dass sie etwas weiter ausholen musste.
Nicht alles in unserer Vergangenheit erträgt genauere Forschung. Das weißt du besser als jeder andere, mein Sohn. Als ich dir vor zweiundzwanzig Jahren schrieb, war ich der festen Überzeugung, dass du und ich uns nie wiedersehen würden. Sonst wäre ich vermutlich etwas weniger offenherzig gewesen. Sowohl was mein Verhältnis mit dem jungen Adelsfräulein Servilia Drusa als auch meinen Aufenthalt bei Volumnia als ihr unfreiwilliger Sexsklave betrifft. Meine Absicht war damals, dass du deinen Vater im Guten wie im Schlechten kennenlernen solltest.
»Dazu ist er dann auch gekommen«, bemerkte Aelia trocken. »Er will niemanden von uns wiedersehen. So lange er lebt. Er wird nie wieder einen Fuß in dieses Haus setzen.«
Ihre Parodie deines jugendlichen Melodramas, dass wir beide so gut kannten, ließ uns trotz allem lächeln. Sobald ein Säugling das erste Mal die Brustwarze im Mund hat, arbeitet er unbewusst daran sich loszureißen. Diese grundlegenden Lebensbedingungen kannten wir beide.
»Ich verstehe nicht, wie das mein Fehler gewesen sein kann.«
Wir kannten uns schon zu lange, als dass ich so leicht aufgegeben hätte. Ihr Gesicht war wieder ernst, ihr Blick scharf wie ein Skalpell. Ich wartete auf das Donnerwetter.
»Ihr wart beide gleich dumm und starrköpfig«, hielt Aelia fest. »Er ist jung und rebellisch, aber du solltest es besser wissen. In den letzten Jahren hast du seine Trinkerei als Entschuldigung benutzt, um ihn auf Abstand zu halten, damit du nicht einsehen musstest, wie unglücklich er war.«
Die Diskussion war genauso alt wie du – oder annähernd.
In der ersten Zeit in Athen waren wir beide gute Freunde, obwohl du dich nicht daran erinnerst. Du hast mich nicht enttäuscht, bis du etwa sechs bis sieben Jahre als warst und ich ernstlich die Verantwortung für deine Erziehung übernahm. Bis dahin warst du ein wunderbares Kind.
»Ich habe nur versucht ihm zu helfen«, verteidigte ich mich. »Es ist nicht meine Schuld, dass Demetrianus einen schwachen Charakter hat.«
Sie fuhr hoch, verletzt und verteidigungsbereit.
»Meine ganz gewiss auch nicht. Das machen deine Bücher sehr deutlich. Was glaubst du eigentlich, ist in Demetrianus vorgegangen, als er herausfand, dass ich nicht seine Mutter bin?«
Du musst wissen, dass Aelia dich immer wie ihren eigenen Sohn betrachtet hat. Nichtsdestotrotz ist es wahr, dass du das unerwartete Resultat einer einzigen Nacht bist, die ich mit einer Sklavin namens Rachel verbracht habe. Und dass deine Mutter dich adoptierte, als Rachel zum Haus des Diktators Sulla bei Cumae weggebracht wurde. Es ist auch wahr, dass der Mann, den ich bis zu meinem Tod Vater nennen werde, nicht mein biologischer Vater war. Dass ich selbst das Ergebnis einer illegitimen Verbindung zwischen dem großen Kriegsheld General Marius, der als Einziger sieben Mal Konsul von Rom war, und seiner Geliebten Sempronia bin, die nach der Geburt ihren Arztsklaven darum bat, sich um mich zu kümmern. Um Gerede und Skandale zu vermeiden. Und bestimmt auch, um den Verpflichtungen zu entgehen, die die Mutterschaft mit sich bringt. Das sind Tatsachen. Es ist verblüffend, wie wenig sie darüber erzählen, wie sich die Dinge wirklich verhalten.
»Was hat Demetrianus zu dir gesagt, bevor er weggelaufen ist?« Meine Stimme klang belegt und fremdartig.
»Eine Menge Dinge, die er wohl bereuen wird. Aber in einem Punkt hat er Recht: Wir hätten es ihm längst sagen müssen. Doch vielleicht ist es nicht zu spät. Wenn du nur einmal vernünftig mit ihm sprechen könntest, kannst du ihn vielleicht dazu bringen, nach Hause zu kommen.«
Unsere Vorgeschichte in Betracht gezogen war das äußerst zweifelhaft. Ich hatte außerdem keine Ahnung, wo ich suchen sollte. Das übernahm Aelia. Dafür hattest du Sorge getragen.
»Er sagte, er würde Atticus um ein Darlehen bitten, um nach Rom zu reisen.«
»Wieso Atticus? Und warum ausgerechnet Rom?«
»Was glaubst du denn?«, sagte sie und stemmte die Hände in die Hüften.
»Demetrianus will natürlich versuchen, seine biologische Mutter zu finden. Und seinen Stiefbruder Tiro, von dem er durch deine Bücher zum ersten Mal gehört hat. Tiro, der Sekretär des berühmten Advokaten Cicero ist. Cicero, der ein Jugendfreund von Pomponius Atticus ist.«
IV
Atticus’ Heim war in der Abenddämmerung von unzähligen Lampen erleuchtet. Man hätte auf die Idee kommen können, dass der Mäzen nicht nur eine Abendgesellschaft, sondern ein großartiges Fest abhielt.
Du hast es geschafft, zehn Tage bei Atticus zu wohnen, mein Sohn. Du kennst besser als ich die Größe des Hauses, seinen prachtvollen Garten und die Aussicht auf die Akropolis. Von dem Platz vor der Haustür aus konnte man den Halbkreis der Sitzplätze des Dionysostheaters erahnen, die bis zu dem Urgestein der rauen Felsen reichten. Ganz oben glühten die Farben des Parthenonfrieses im letzten Licht des Tages.
»Es ist peinlich, mit einem solchen Anliegen zu einem derart vornehmen Mann zu kommen«, fand ich, und bereitete mich darauf vor, wieder zu gehen.
»Unsinn. Atticus ist der nobelste Mann Athens.« Das Einzige, was Sarpedon wahrnahm, war seine eigene, brodelnde, kitzelnde Neugierde. »Alle, die ihn besucht haben, berichten, dass sein Zuhause das eleganteste in Griechenland ist.«
»Glaubst du nicht, er hat Demetrianus abgewiesen? Einen armen Jungen, den er noch nie getroffen hat?«
Für einen Augenblick kamen Sarpedon Zweifel. Dann fand er zu seiner Überzeugung zurück, die ihm mit größter Wahrscheinlichkeit Zutritt zu Pomponius Atticus’ elegantem Heim verschaffen würde.
»Man sagt, dass kein Athener vergeblich zu Atticus geht mit einem Wunsch, den zu erfüllen in seiner Macht steht.«
Es hieß ganz richtig, dass Atticus’ Freigebigkeit außergewöhnlich groß gewesen war, seit er im Herbst von einem seiner Aufenthalte in Rom zurückgekehrt war. Deine Bitte um Reisehilfe war sicher bescheiden im Vergleich zu den Forderungen, die er im Laufe des Winters erhalten hatte.
Den Nachnamen Atticus hatte er selbst gewählt, als er im Alter von 27 Jahren nach Athen gezogen war. Seine früheste Kindheit und das erste Schuljahr hatte er hier verbracht, und nachdem er das gewaltige Vermögen seiner Familie geerbt hatte, wünschte er sich nichts anderes als das unruhige Italien hinter sich zu lassen und sich in die Lehre, die Philosophie und das reiche Geistesleben zu vertiefen. Die harte Realität in einer Stadt, die halb aus Ruinen bestand, musste ein jähes Erwachen gewesen sein. Zu Atticus’ Lob muss gesagt werden, dass er trotz allem hier wohnen blieb und mithalf, den Wiederaufbau zu finanzieren.
Der Türsklave, gut gekleidet und höflich, ließ uns nicht auf der Bank drinnen warten, sondern führte uns sofort durch den großen, nach Süden gelegenen Garten zum Prothyron des Hauses. Sarpedon war überwältigt von den farbenprächtigen Statuen in der Vorhalle. Ich selbst wurde von einem anderen Wunder angezogen.
Wie um den unerhörten Reichtum des Hausherrn zu unterstreichen, hing an der Wand ein Spiegel, der groß genug war, um das Gesicht und die Schultern des Betrachters zu zeigen. Von seiner blankpolieren Silberfläche starrte mir ein blauäugiger Mann mittleren Alters mit einem grauen Stich in dem rotblonden Haar und Sonnenfalten in den Augenwinkeln entgegen. Wie gebannt blieb ich vor dem Spiegel stehen, außerstande mich loszureißen.
Atticus kam persönlich nach draußen und nahm uns in Empfang. Er war Ende vierzig und einen halben Kopf größer als wir beide. Ein blonder Vollbart lag wie ein Schleier auf seinen Wangen. Er strahlte freundliches Entgegenkommen aus, das signalisierte, dass wir in keiner Weise ungelegen kamen.
»Nun treffen wir uns endlich, Demetrios«, begrüßte er mich herzlich. »Ich habe viel von dir gehört.«
Schlagartig wurde mir klar, woher Athens Wohltäter von meiner Existenz wusste. »Ich bitte um Verzeihung«, begann ich, »falls mein Sohn den Herrn mit seinen Klagen belästigt hat.«
Atticus verneinte mit einer abwehrenden Geste, dass du auch nur im Geringsten eine Last gewesen wärest.
»Ich habe von dem Arzt Demetrios gehört, lange bevor dein Junge an meine Tür klopfte. Und das hier ist wohl Sarpedon, der Pädagoge vom Piräus? Meine Freunde loben euch in den höchsten Tönen. Ich habe weder Kinder noch gesundheitliche Probleme, daher habe ich eure Expertise nie benötigt.«
Atticus meisterte die schwere Kunst, alle zufriedenzustellen.
In seinen tadellosen weißen Chiton gekleidet führte er uns in den hübsch dekorierten Andron hinein, wo sieben Abendgäste lagen, jeder auf einem eigenen Diwan, hufeisenförmig um einen Tisch aus dunklem Holz verteilt, mit Essen im Überfluss, angerichtet in Schüsseln und auf feinen Silberplatten. Das Schweigen in diesem hohen Speisezimmer war auffallend. Zu der Versammlung zählte eine Handvoll der Spitzen der Stadt – außer zweien, die ich vorher noch nicht gesehen hatte. Auf einer Wandmalerei war Apoll zu sehen, der die Gäste mit einem milden Blick bedachte.
»Leider kommt ihr zu spät, um die Gedichtrezitation zu hören«, bedauerte Atticus. »Aber eine Mahlzeit kann ich noch anbieten.«
Ich versicherte, dass wir nicht beabsichtigten, seine Gastfreundschaft zu strapazieren, sondern nur gekommen waren, um meinen Sohn zur Heimkehr zu überreden.
»Ein kleiner Happen wäre doch nicht übel«, wandte Sarpedon ein. »Wir sind den ganzen Weg vom Piräus gelaufen ohne etwas zu essen oder zu trinken zu bekommen.«
»Das ist aber auch wahr.« Atticus klatschte in die Hände, als ob Sarpedon ihn an eine Frage erinnert hätte, mit der er sich lange herumgeschlagen hatte. »Wir sprachen gerade über diesen schrecklichen Todesfall, der sich am Hafen ereignet hat. Meine Gäste und ich sind erpicht darauf, etwas Neues zu hören. Legt euch nun zu Tisch, ihr beiden. Dein Sohn läuft nicht weg, Demetrios.«
V
Sarpedon und ich legten uns auf einen Diwan zur Rechten unseres Gastgebers. Dessen vorherigen Inhabern bot er stattdessen einen Platz am anderen Ende des Tisches an. Sie beklagten sich nicht über diese Degradierung, aber der größere, dessen kurzgeschnittene, schwarze Haare und Bart ein ebenmäßiges Gesicht einrahmten, musterte mich, als ob ich der neue Geliebte seiner geschiedenen Frau wäre. Die Augen, durchscheinend hellgrau, waren von dunklen Wimpern umkränzt. Der Blick schien wie eine Fackel in einer Höhle zu brennen. Der Körper war stark und markant. Er war eine beinahe überirdische, maskuline Schönheit.
»Nun erzähl, Demetrios«, forderte Atticus mich auf.
»Dieses Thema eignet sich nicht für eine Abendgesellschaft. Die Leiche war fürchterlich zugerichtet.«
»Wir haben uns allesamt satt gegessen«, sagte der Schwarzbärtige von seinem neuen Platz. Seinem ansonsten perfekten Griechisch war ein deutlicher lateinischer Akzent anzumerken. »Und wie du sehen kannst, sind keine Frauen anwesend. Zumindest keine, die sich rein physisch identifizieren lassen.«
Für einen Moment genoss er die Verärgerung der Einheimischen über seine beleidigende Spitze. Dann fuhr er fort: »Wie lange willst du Atticus noch im Ungewissen lassen, Demetrios? Er wird vor Nervosität wegen seiner Schiffsladung noch vergehen.«
Atticus zuckte mit den Schultern und lächelte entschuldigend. Auch wenn er es vorgezogen hätte, dass das ungesagt geblieben wäre, galt seine größte Sorge der Schiffsladung. Ich berichtete von dem Einbruch, den Beteuerungen des Lagerhausverwalters und danach vom Zustand der Leiche.
»Das klingt mehr nach einem Opferritual als nach einem Mord«, bemerkte ein Immobilienspekulant, der ein Vermögen mit dem Vermieten von Bruchbuden in Skambonidai verdiente. Letzten Monat hatte ich ihn wegen eines lästigen Ausschlags im Schritt behandelt.
Ein anderer Gast räusperte sich und wechselte die Position.
»Die Eingeweide herausgenommen. Die Leiche gründlich gereinigt. Das klingt ganz richtig danach, dass der Junge das Opfer bei einer Lykaia-Zeremonie gewesen ist.«
Die tiefe Stimme mit der sorgfältigen Diktion gehörte Chryses, einem meiner Stammpatienten und Hohepriester des Tempels der Pallas Athene in der Akropolis. Während meiner Konsultationen klagte er routinemäßig über die vielen Festessen, an denen teilzunehmen er durch sein hohes Amt verpflichtet war. In einer Stadt, die sich oft am Rande der Hungersnot befand, dienten diese häufigen Klagen dazu, seine privilegierte Position zu unterstreichen. Doch nun arbeitete er auf eine andere Pointe hin.
»Jeder Grieche, der mit dieser Art von Abscheulichkeiten in Verbindung gewesen ist, tut klug daran, eine Reinigung zu durchlaufen, damit andere keine Verunreinigung durch das Blut zu befürchten haben. Ich nehme mich dieser Aufgabe für eine ganz bescheidene Summe an.« Er räusperte sich erneut. »30 Drachmen pro Mann.«
Ein Jahreslohn war ein hoher Preis für eine Zeremonie, die nicht nur aufgrund des gesunden Menschenverstandes, sondern auch der modernen Gesetzeslage zufolge überflüssig war.
»Das wird nicht nötig sein«, meinte ich. »Der Junge war seit mindestens vierundzwanzig Stunden tot.«
Dieses Angebot kam dem am nächsten, was Chryses unter Entgegenkommen verstand – doch eher von Notwendigkeit als Freundlichkeit diktiert. Die Mixturen anderer Ärzte halfen nicht gegen seine Verstopfungen. Er überspielte seine Verunsicherung mit einem plötzlichen Themenwechsel.
»Die Lykaia war ein Ritual, das in der Vorgeschichte auf dem südlichen Gipfel des Lykaion Oros stattfand. Oder dem Wolfsberg, für unsere römischen Gäste.«
Chryses musterte den Schwarzhaarigen und dessen Freund am Tischende und rümpfte seine Habichtsnase. Für einen Moment schien er abzuwägen, ob es weise war, Geschichten aus Griechenlands primitiver Vorzeit zum Besten zu geben. Der Gelegenheit, seine Umgebung über ein Thema zu belehren, von dem seine Wissensspeicher nur so überfloss, konnte er jedoch nicht widerstehen.
»Der Gott des Berges forderte ein Menschenopfer in Form eines Epheben, hrm-hrm.« Wenn Chryses sich räusperte, war es eher dem Bedürfnis geschuldet, eine Pointe zu unterstreichen als den Hals zu freizumachen.
»Also ein Junge an der Schwelle zum Mannesalter. Der Geograph Theophrastos meinte, das Ritual sei mit dem Opfer der Karthager an ihren Gott Moloch verwandt. Aber die Lykaia hatte auch einen Hauch von Kannibalismus.«
Zufrieden stellte er fest, dass er die ungeteilte Aufmerksamkeit der Gesellschaft genoss. Nur die Schmatzgeräusche von Sarpedons Platz an meiner Seite unterbrachen die gespannte Stille im Speisezimmer.
»Platon berichtet, wie sich ein Stamm, der in der Nähe des Berges wohnte, jedes neunte Jahr versammelte, um das Fleisch eines Wolfes mit den Eingeweiden eines Jungen zu mischen. Derjenige, der von dieser Mischung aß, wurde ganz buchstäblich selbst zu einem Wolf. Der berühmte Faustkämpfer Damarchus durchlief diese Zeremonie und wurde erst neun Jahre später wieder zu einem Menschen. Hrm-hrm. Platon meinte jedoch, dass dies ein Märchen sei.«
»Natürlich ist das ein Märchen«, mischte sich ein reicher Kaufmann vom Piräus ein und erschauderte. »Es wird wohl niemanden geben, der seinen Sohn solchen Göttern opfern will.«
»Es besteht kein Zweifel daran, dass diese Zeremonien stattfanden«, widersprach der Hohepriester. »Platon zweifelte lediglich an der Wirkung. Hrm-hrm. Aber das Opfer war in der Regel ein Sklave, kein Bürgersohn. Die Familie des Besitzers war in den neun Jahren, die bis zur nächsten Zeremonie vergingen, vor Krankheiten und Tod geschützt. Das Glück würde ihnen für den Rest des Lebens hold sein.«
»Deine gute Gesundheit ist allgemein bekannt, Atticus«, lächelte der schwarzbärtige Römer. »Und niemand zweifelt daran, dass das Glück hier in Athen auf deiner Seite war. Vielleicht warst du ja da draußen mit dem Messer?«
An dem Schweigen der anderen erkannte ich, dass die subtilen Beleidigungen des Römers ein wiederkehrender Zug bei den Gesprächen des Abends gewesen waren. Selbst jetzt, als er den Gastgeber herausgefordert hatte und den Gastregeln zufolge nur weggeschickt werden konnte, blieb Atticus die Freundlichkeit in Person.
»Das Wohlwollen, das die Götter mir geschenkt haben«, sagte er, »ist sicher der Tatsache geschuldet, dass sie mehr Gefallen an dem, der auf seine Gesundheit achtet, finden, als an einem Fresssack, der sie unaufhörlich mit Gebeten belästigt. Außerdem behandele ich meine Geschäftspartner gut. Das können sicherlich alle hier bezeugen.«
Der Kaufmann vom Piräus bestätigte Atticus’ Rechtschaffenheit. Chryses pries den Gastgeber für seinen generösen Beitrag zu der Restaurierung des Pantheon-Frieses. Der führende Getreidehändler der Stadt, dessen Fußwarzen ich behandelt hatte, erzählte anschließend, wie das Volk hätte hungern müssen, wenn nicht Atticus während der Hungersnot Brot verteilt hätte. Der Römische Staat hatte jedenfalls nichts getan, um die Prüfungen der Athener zu erleichtern.
»Aber dafür gab es doch einen Grund, liebe Freunde.« Der schwarzbärtige Römer hatte sich aufgesetzt und lächelte in die Runde. »Ihr habt den Feind hineingelassen, während Rom von einem Bürgerkrieg in Atem gehalten wurde, der uns hätte auslöschen können.«
Als Rom 150 Jahre zuvor nach dem Niedergang des mazedonischen Königshauses die Macht in Griechenland übernommen hatte, hatte Athen einen Sonderstatus als Freistaat erhalten. Das Talent der Einwohner für politische Inkompetenz hatte das gute Verhältnis zerstört, das über Generationen hinweg zu einer angestrengten Waffenruhe degeneriert war. Zuletzt hatte Athen dann Mithridates’ Aufstand gegen Rom unterstützt und war zur Strafe mit Katapulten bombardiert worden. Seitdem war ganz unverhohlen die Rede von einer Besetzung gewesen.
»Die Besetzten sind selten loyal den Besatzern gegenüber«, wandte Chryses ein und räusperte sich wieder.
»Ihr Köter seid ja nicht mal euch selbst gegenüber loyal.« Mit dem vorgetäuscht freundlichen Ton des schwarzhaarigen Römers war nun endgültig Schluss. »Wenn wir euch nicht in Zucht halten würden, würdet ihr fortwährend miteinander im Krieg liegen.«
»Erklär mir«, sagte Chryses, »wie wir diese Aussage ernst nehmen sollen, wenn sie von einem Mann kommt, der sich gerade über den Bürgerkrieg in Italien beklagt hat.«
Der Römer kam auf die Beine und lehnte sich über den Tisch. Sein großer, muskulöser Körper strahlte die Form von Brutalität aus, die sowohl erschreckend als auch anziehend auf wurzellose junge Männer und Frauen jeden Alters wirkt. In der gegenwärtigen Gesellschaft kam sie nicht an.
»Das war ein Überlebenskampf gegen einen Feind, der uns auszulöschen versuchte«, entgegnete der Römer. »Ihr Griechen seid Kinder, die sich um Spielsachen prügeln statt zu teilen.«
»In dem Fall ist Rom wohl der gierige große Bruder, der alles für sich haben will?« Chryses fixierte den Römer mit seinen schmalen Augen. »Wenn die Unterdrückten zahlreich genug werden, sind sie stark. Selbst wenn Aufruhr das Einzige ist, worauf sie sich einigen können.«
Ein schneller Blick in die Runde im Speisezimmer überzeugte den Römer davon, dass der Hohepriester für die meisten der kleinen Versammlung sprach. Unter den schwarzen Augenbrauen leuchtete ein wilder Blick in den hellgrauen Augen. Der Mann an seiner Seite legte eine Hand auf seinen Arm. Er war Ende dreißig, groß und hager mit einem markanten Gesicht und blonden Haaren, die am Haaransatz etwas lichter wurden. Seine wachen, dunkelbraunen Augen hatten die Diskussion aufmerksam verfolgt.
»Atticus, du musst Catilina vergeben«, sagte er mit einer Stimme wie eine schnurrende Katze. »Du warst viel zu geduldig mit ihm. Hier hast du uns Obdach und Essen gegeben und dann kommen wir und beleidigen deine Gäste. Ich hoffe, du wirst diese vorbehaltlose Entschuldigung annehmen. Nun ziehen wir uns lieber zurück. Gute Nacht, meine Herren. Danke für die gute Gesellschaft.«
Alle schwiegen, bis die Tür des Gästehauses auf der anderen Seite des Hofes ins Schloss gefallen war.
VI
»Jetzt, da deine römischen Gäste gegangen sind«, bemerkte der Getreidehändler und manövrierte seinen runden Körper vom Diwan hoch, »ist es vielleicht möglich, einen ordentlichen Stuhl zu bekommen, Atticus?«
Der Gastgeber hatte diesen Wunsch vorausgesehen. Auf sein Signal hin begannen zwei Sklaven, die Liegen an die Wand zu schieben. Auch Sarpedon und mir wurden Stühle angeboten.
»Wir sind wie gesagt nur gekommen, um meinen Sohn zu holen«, sagte ich und blieb stehen. »Wir wollen uns nicht länger aufdrängen.«
Atticus sah die übrigen Gäste an, die eben noch von den Sklaven platziert wurden. Er fasste einen schnellen Entschluss.
»Wenn ihr mich entschuldigen wollt, liebe Freunde. Ich bin sofort zurück.«
Er geleitete uns durch einen Flur zum hintersten Zimmer des Hauses. Wo du, mein einziger Sohn, dich weigertest, mich einzulassen, sodass ich durch die Tür mit dir sprechen musste. Ich glaube doch immer noch daran, dass das Gespräch in einer Art Versöhnung hätte enden können, wenn du etwas weniger respektlos aufgetreten wärest und ich selbst den Rat der stoischen Philosophen bezüglich erhabener Ruhe und Selbstbeherrschung beherzigt hätte. Aber wie du weißt, ließ ich die Gefühle mit mir durchgehen, und obwohl ich es seitdem mehrfach bereut habe, bin ich immer noch wütend darüber, dass du mir in Gegenwart von Zeugen die Irrtümer vorgeworfen hast, die deine Mutter und ich in unserer Jugend begangen haben, und die du selbst hundertfach überboten hast. Ich muss hinnehmen, dass du mich hasst, aber du kannst Aelia nicht vorwerfen, dass sie eine Wahrheit verborgen hielt, die zu erzählen ihr das Herz gebrochen hätte.
Zuletzt mussten Atticus und Sarpedon mich fortziehen, denn da war ich bereit, die Tür mit meinen bloßen Fäusten niederzureißen. Nach einem Becher Wein unter einem der Bäume im Garten fragte Sarpedon, ob es nicht doch eine gute Idee wäre, dich nach Rom ziehen zu lassen.
»Wie kannst du das vorschlagen?«, rief ich. »Mein Sohn soll nicht um die Welt reisen und sich in Lebensgefahr begeben!«
»Einem jungen Mann seines Alters tut ein Abenteuer nur gut«, wandte Atticus ein. »Und es muss ihn nicht in Gefahr bringen. Die Piraterie, die das Mittelmeer vor zehn Jahren zu einem unsicheren Gewässer gemacht hat, ist so gut wie ausgerottet. Demetrianus kann mit dem gleichen Schiff wie meine Ladung fahren. Der Schiffer ist ein grundehrlicher Mann. Ich werde ein Empfehlungsschreiben an Cicero verfassen, sodass dein Sohn seinen Stiefbruder treffen kann.«
Sein tiefer, aufrichtiger Blick traf meinen. Ich verstand, wie viel du ihm bereits anvertraut hattest. Und weshalb.
»Ich muss sagen, ich war verblüfft von dieser Verbindung zu hören«, fuhr er fort. »Sich vorzustellen, dass du, ein mazedonischer Arzt, der Stiefvater des Sekretärs meines besten Freundes bist. Wie kann es sein, dass Cicero dich nie erwähnt hat?«
Ich trank aus und betrachtete den Boden des Bechers, während ich überlegte, wie viel ich erzählen sollte.
»Es ist bald eine halbe Ewigkeit her, seit wir uns gesehen haben«, bemerkte ich nur. Man konnte sich vorstellen, dass ein schlechtes Gewissen den berühmten Advokaten davon abgehalten hatte, mich zu erwähnen. Seine Freundschaft hatte nämlich nicht für den Versuch gereicht, meine Exilstrafe zu verhindern. In seinen Augen hatte er jedoch sicher längst sein Versagen wiedergutgemacht. Hatte er vielleicht nicht meine lebensgefährlichen Nachforschungen unterstützt, weit über die Grenzen des Zumutbaren hinaus? Hatte ich nicht seine zukünftige Karriere in Gefahr gebracht, indem ich ihn zu dem Versuch überredet hatte, den Mörder des Volkstribunen zu entlarven? War es nicht mein eigener Übermut, der mich zu Fall gebracht hatte? Der Meister der Argumente hatte mit knapper Not seinen eigenen Freispruch erwirken können.
»Wer sagt im Übrigen, dass er sich nach zweiundzwanzig Jahren noch an mich erinnert?«, fragte ich.
Atticus zuckte die Achseln in einer umfassenden Geste.
»Cicero vergisst nie einen Freund. Wir kennen uns, seit wir Philosophie bei dem Akademiker Philon und Jurisprudenz bei dem Auguren Scaevola studiert haben. Meine Schiffsladung ist gerade an Cicero adressiert. Sie enthält meine besten Möbel und alle meine Bücher. Die würde ich nicht an jemanden schicken, dem ich nicht vertraue.«
»Wie kannst du deine Bücher entbehren?« Der Schullehrer Sarpedon war schockiert. »Und wieso deine Möbel nach Rom schicken?«
Atticus ärgerte sich einen Moment über seinen Versprecher. Dann fasste er einen Entschluss. Die Wahrheit würde ohnehin bald bekannt werden.
»Ich gebe mein Leben hier in Athen auf. Ich kehre in meine Geburtsstadt zurück.«
»Aber das kannst du nicht«, unterbrach Sarpedon, als ob die Abreise des Mäzens eine persönliche Beleidigung wäre.
Für einen Augenblick umgab den freundlichen Mann eine Aura aus Müdigkeit. Dann nahm er sich zusammen und lächelte wieder.
»Genau diese Reaktion ist der Grund dafür, dass ich die Reise geheim gehalten habe. Die Athener werden sicher versuchen, mich zum Bleiben zu überreden. Aber die Umstände zwingen mich. Cicero braucht alle Hilfe, die er kriegen kann.«
»Wofür?«, erkundigte ich mich.
»Weißt du nicht, dass er Konsul geworden ist?«
Sarpedon hatte das frische Gerücht vom Kai im Piräus im Herbst serviert. Mir war es schwergefallen zu verstehen, wieso ein erfolgreicher Advokat eine lukrative Karriere für die Fallgruben des Senats aufgeben wollte.
»Catilina, den du hier heute Abend getroffen hast, war letzten Sommer Ciceros Gegenkandidat«, erklärte Atticus. »Dieses Jahr lässt er sich wieder aufstellen. Sein einziges Wahlversprechen ist eine universelle Schuldensanierung. An verschuldeten Armen mangelt es nicht, daher ist es möglich, dass er dieses Mal gewinnt. Cicero ist davon überzeugt, dass es eine Katastrophe werden würde, wenn Catilina den mächtigsten Posten Roms bekommt. Man sagt, dass er sowohl seine Frau als auch seinen Sohn und seinen Schwager ermordet hat. Er soll sogar seine eigene Tochter vergewaltigt haben.«
Atticus ließ die Hand über den blonden Vollbart gleiten. Er starrte hinaus ins Nichts mit einem Blick, als ob er die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern trüge.
»Wie kannst du einen solchen Mann unter deinem Dach beherbergen?«, fragte Sarpedon.
Atticus lächelte und schüttelte den Kopf.
»Von hier aus ist es schwer zu entscheiden, wie viel Wahrheit in den Gerüchten aus Rom liegt. Unter allen Umständen habe ich es zu einer Regel gemacht, meine Gäste mit der gleichen Freundlichkeit zu behandeln, wie sie mir die Athener entgegengebracht haben.«
Das war eine einstudierte Phrase, die er tausende Male zuvor aufgesagt hatte. Ich verspürte ein widersinniges Bedürfnis, sie zu ergänzen.
»Und das hat dir die Möglichkeit gegeben, dir selbst eine Meinung über den Rivalen deines Freundes zu bilden.«
Atticus betrachtete mich mit einem neuen Blick, der gleichermaßen Überraschung wie Respekt beinhaltete.
»Wenn ihr keine weiteren Fragen habt«, sagte er, »würde ich gerne zu meinen Gästen zurückkehren.«
»Ich habe eine«, sagte ich.
»Was weißt du über Catilinas blonden Kameraden mit den braunen Augen?«
»Nichts, außer dass er einer der vornehmsten Adelsfamilien Roms entstammt. Sein Name ist Julius Caesar.«
VII
Wir bereuten es, Atticus’ Angebot ausgeschlagen zu haben, uns von einem seiner Sklaven mit einer Fackel eskortieren zu lassen. Obwohl Sarpedon und ich die schmalen Gassen kannten, mussten wir uns durch die Nacht tasten. Als wir nach Hause kamen, begegnete uns ein kopfloser Daimon, der zwanzig Zoll über der Erde schwebte, wenige Schritte von meiner Haustür entfernt. Bei näherem Hinsehen entpuppte sich der Geist als die weiße Amtstracht eines breitschultrigen Polizisten. Die Dunkelheit hatte für einen Moment sein sonnengebräuntes Gesicht und seine Gliedmaßen mit der Hausmauer verschmelzen lassen.
»Wer von euch ist der Arzt Demetrios?«
Der breite skythische Akzent des Polizisten war unüberhörbar. Das Mondlicht enthüllte eine breite, unförmige Nase, die wie ein Klumpen Lehm von einem talentlosen Bildhauer in das sonst wohlproportionierte Gesicht einer Statue gepflanzt worden war.
»Ich bin Polizeihauptmann Skyros«, fuhr er fort, »die Eskorte für Richter Khitaides vom Areopag. Stimmt es, dass du heute einen ermordeten Jungen in einem Lagerhaus am Hafen untersucht hast?«
»Woher kannst du das wissen?«, erkundigte ich mich.
»Die Gerüchte haben den Areopag am frühen Abend erreicht. Richter Khitaides begab sich umgehend hierhin.«
Die Klatschlust meiner Mitbürger verblüffte mich nach wie vor. Ich griff nach der Türklinke. Der Polizeihauptmann legte die Hand darüber, um mich zu stoppen. Für einen Augenblick wirkte er unentschlossen, als überlegte er, mich zu warnen. Schließlich öffnete er die Tür für uns.
»Der Richter wartet.«
Im Schein der Öllampe hatte ein übergewichtiger Mann seinen schweren Körper meinem besten Stuhl anvertraut. Die farbenprächtigen Falten seines plissierten Chitons fielen in Wellen über die Armlehnen. Die Mundwinkel schoben die rotbackigen Wangen zu einem kühlen Lächeln, als er uns erblickte. Aelia und Philomela hatten anscheinend den vornehmen Gast Lydias Obhut überlassen und waren in die Küche verschwunden.
»Na, da bist du ja.« Lydia betrachtete mich mit einem höhnischen Lächeln. »Das wurde auch Zeit. Aber du kommst und gehst ja, wie du willst. Ich hatte dem Richter überhaupt nichts anzubieten. Wir haben ja nichts im Haus. Aber jetzt, wo du endlich zurück bist, werde ich ins Bett gehen.«
»Schlaf gut, Lydia.«
Der Richter verfolgte ihren Rückzug mit einer überraschten Grimasse. »Wie kannst du es zulassen, dass deine Sklavin so mit dir spricht? Und dann auch noch auf Latein!«
»Lydia ist keine Sklavin«, begann Sarpedon, »und sie stammt tatsächlich aus Rom.«
Der Richter ignorierte ihn demonstrativ.
»Dieses hässliche Weib ist doch wohl nicht deine Geliebte?«, fragte er mich.
»Lydia ist seit über zwanzig Jahren ein Teil unserer Familie«, entgegnete ich. »Sowohl meine Frau als auch mein Sohn verdanken ihr ihr Leben. Wir erlauben ihr, hier im Haus ihre Muttersprache zu sprechen. Ansonsten sprechen wir alle griechisch.«
Der Richter schüttelte den Kopf über diesen überflüssigen Strom an Auskünften und kam auf sein Anliegen zurück.
»Ich bin gekommen, um zu hören, wo ich den Verbrecher finden kann.«
»Was meinst du?«, fragte ich.
»Nicht so vertraulich. Du vergisst mein hohes Amt.«
Seine hochmütige Miene ließ keinen Zweifel daran, dass er das ernst meinte.
»Vergebt mir meine Ruchlosigkeit. Womit kann ich der Gerechtigkeit dienen, Euer Ehren?«
Ironie war an Richter Khitaides vergeudet.
»Das habe ich doch gesagt. Ich weiß bereits, dass du diese Jungenleiche untersucht hast, die heute im Piräus gefunden wurde.« Der Richter schien mir kein feinfühliger Mann zu sein. Trotzdem dämpfte er abrupt die Stimme, damit die Frauen in der Küche nicht die blutigen Details hören mussten. »Ich weiß, dass du die schreckliche Wunde des Opfers nicht für die Todesursache hältst, sondern einen Schlag gegen die Schläfe mit einem spitzen Gegenstand. Ich weiß, dass der Tatort nicht das Lagerhaus war, wo er gefunden wurde. Und ich weiß, dass der Mörder ein sechs Fuß großer Mann war. Nicht wahr?«
Einen Augenblick lang hatte er mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Hinter mir schnappte Sarpedon überrascht nach Luft.
»Woher kann der Richter das wissen?«
Khitaides lächelte selbstzufrieden und wechselte die Position. Der Stuhl knarrte unter seinem Gewicht. Er wedelte mit der Wachstafel, die ich auf dem Tisch liegen gelassen hatte.
»Wenn du nicht willst, dass Fremde deine Gedanken kennen, ist es unklug, sie aufzuschreiben, nicht wahr? Wie lautet der Name des Mörders?«
Die Informationen waren am nächsten Morgen auf seinem Tisch gelandet. Für meine Verunsicherung gab es keinen Grund. Trotzdem ließ sie mich nicht los.
»Keine Ahnung«, erwiderte ich.
»Lass die Polizei ihn finden.«
»Du hast dir doch wohl nicht vorgestellt, dass die Polizei einen Mord aufklären soll?« Richter Khitaides ließ diesen widersinnigen Satz einen Moment in der Luft hängen, bevor er fortfuhr: »Wir können doch nicht einen Haufen Ex-Sklaven Nachforschungen bezüglich guter athenischer Bürger anstellen lassen.«
Der Richter belehrte mich darüber, dass das Polizeikorps, das aus freigelassenen, ausgeschlossenen Existenzen bestand, um Ruhe und Ordnung zu sichern, verbannte Verbrecher zur Stadtgrenze brachte und die zum Tode Verurteilten bewachte. Einmal war ihre wichtigste Aufgabe gewesen, widerwillige Bürger zu Volksversammlungen in der Pnyx zu zwingen, aber diese Zeit war längst vorbei.
»Dann will der Richter die Nachforschungen also persönlich leiten?«
Er schüttelte den Kopf, sodass sein Doppelkinn bebte.
»Ich bin viel zu beschäftigt, um mich mit so etwas zu befassen. Jeden Monat werden etliche Gerichtsverhandlungen abgehalten. Diese Arbeit übersteigt bereits die Zeit, die ich zur Verfügung habe, nicht wahr? Soll ich das so verstehen, dass du die Identität des Mörders nicht kennst?«
»Die Leiche wurde erst heute Morgen gefunden. Es war Zufall, dass ich dazugerufen wurde.«
»Warum befandest du dich im Piräus?«
»Ich habe meinen Freund Sarpedon besucht.«
»Das ist vermutlich er dort?«
»Ich bin Pädagoge aus Lykien«, antwortete Sarpedon, »und Eigentümer der besten Schulstuben der Hafenstadt.«
Es erleichterte mich, dass Khitaides seine Aufmerksamkeit auf ihn richtete.
»Du bist Ausländer? Und du kanntest den Ermordeten? War er einer deiner Schüler?«
»Ich habe den Jungen noch nie zuvor gesehen, Euer Ehren.«
»Das Opfer stammt nicht unbedingt vom Piräus«, unterbrach ich.
»Außerdem nimmt Sarpedon nur die Söhne freier Bürger als Schüler an. Der Junge im Lagerhaus war ein Sklave.«
»Wie kannst du das wissen?« Die schmalen Augen des Richters musterten mich aufmerksam.
»Das Opfer trug Spuren von einem Sklavenhalsring, der sicher entfernt wurde, um seine Identität zu verbergen. Das konnte der Richter nicht wissen, da ich vergaß, es in meine Notizen zu schreiben.«
Khitaides fegte die Wachstafel mit einem Knall vom Tisch. Seine Geduld war erschöpft.
»Nachdem es deutlich ist, dass du ein einfacher Mann ohne die geringste Ahnung von allgemeinen Rechtsprinzipien bist, werde ich Gnade vor Recht ergehen lassen. Dieses Mal. Aber wenn du meine Zeit nochmals mit Bagatellen vergeuden solltest, werde ich meine Polizisten bitten, sich liebevoll um dich zu kümmern.«
»Bagatellen?«, wiederholte ich. »Jemand hat den Jungen aufgeschlitzt und seine Eingeweide ausgeräumt.«
»Das kann der Besitzer gewesen sein, der es für angemessen hielt, seinen Sklaven auf diese Weise zu bestrafen. Was sein gutes Recht ist, nicht wahr? Falls ein anderer den Jungen totgeschlagen hat, ist die Rede von einer Verletzung des Eigentumsrechts. In diesem Fall ist das Heliaia-Gericht dafür zuständig, über die Schadensersatzklage zu befinden. Aber für einen Sklavenmord kann nie das heilige Blutgericht des Areopags zuständig sein.«
VIII
Mit einem Schlag klatschte die Gerstengrütze in meinen Teller.
Aelia hatte meine Unterhaltung mit Richter Khitaides am Abend zuvor mit angehört und war immer noch verärgert. Darüber hinaus hatte die Mitteilung, dass es mir nicht gelungen war, dich zu überreden in Athen zu bleiben, sie hart getroffen. Lydias Ansage, dass sie sich einen halben Tag frei nehmen müsse, um sich von dieser unzumutbaren Nachtwache zu erholen, hatte auch dem letzten Rest der guten Laune deiner Mutter den Garaus gemacht.
Ich sah die Frau an, mit der ich seit über zwanzig Jahren zusammenlebte. Die Nase zeichnete immer noch einen anmutigen Bogen, wie eine Brücke zwischen Gedanken und Lippen. Die Lachfalten in den Wangen waren zu länglichen Furchen geworden, während die Gesichtshaut nach den vielen Jahren Hausarbeit drinnen blass und dünn wie Pergament schien. Das dicke, dunkle Haar, durch das mit den Fingern zu fahren ein Vergnügen gewesen war, war nun grausträhnig und im Nacken zu einem strammen Zopf geflochten.
»Wo ist Sarpedon?«, fragte ich.
»Er ist bei Tagesanbruch zur Akropolis gegangen«, antwortete sie. »Er wollte eine Reinigung kaufen.«
Ich hatte ihr von dem Angebot des Hohepriesters Chryses berichtet, als wir am Abend zueinandergekrochen waren. Es sah Sarpedon gar nicht ähnlich, das Angebot anzunehmen, wenn andere Priester ein Zehntel verlangten.
»Du müsstest das Gleiche tun.« Ihr Ratschlag klang wie ein Befehl.
»Ich habe diesen toten Jungen kaum angerührt«, widersprach ich.
»Das spielt keine Rolle, wenn die Leute glauben, dass du unrein bist. Es ist dumm, sich gegen die Bräuche der Athener zu stellen. Das weiß ich nur zu gut.« Sie wechselte das Thema, bevor ich dazu kam, ihre Erfahrungen zu kommentieren. »Du hast übrigens einen Patienten.«
»Nur einen?«
Ihr Blick sprach Bände. »Er ist Römer. Und er ist neugierig. Ich hatte ihn gerade erst in den Hofgarten gebeten, da begann er schon, Konversation zu betreiben. Das ist gewiss das beste Wort dafür. Eine lange Zeit verging, bis ich merkte, dass er mich ausfragte. Er wirkt auch nicht weiter krank. Und nun sitzt er dort draußen mit unserer Tochter.«
»Wieso hast du ihn nicht reingerufen?«
»Es wäre unhöflich gewesen, ihn allein sitzen zu lassen.«
Durch das Guckloch konnte ich sie auf der Bank unter der Pergola sehen. Der Gast saß mit dem Rücken zu mir. Er und Philomela waren in ein Gespräch über den Diktator Sulla und seine Belagerung der Stadt vor zweiundzwanzig Jahren vertieft.
»Alle hier hassen Sulla«, meinte sie. »Sie sagen, er sei die schlimmste aller Plagen Athens.«
»Ach, ich weiß ja nicht.« Nun erkannte ich die Stimme des Gastes vom Abend zuvor. »Sulla war einfach ein alter Mann mit mehr Macht, als er handhaben konnte.«
»Bist du ihm begegnet?«
»Nur ein paar Mal. Er wollte, dass meine Frau und ich uns scheiden lassen, damit er mich in seine Familie einheiraten lassen konnte. Aber das hätte meine Freunde zu meinen Feinden gemacht. Daher habe ich abgelehnt. Zu guter Letzt musste er aufgeben.«
»Also bist du immer noch verheiratet?«
Die Enttäuschung in der Stimme meiner Tochter ließ mich den Griff um den Riegel auf der Innenseite verstärken. Bevor ich das Gespräch in dem kleinen Garten unterbrach, wollte ich jedoch verstehen, was der Gast zu erreichen versuchte.
»Meine erste Frau ist leider im Wochenbett gestorben«, sagte er. »Aber ich habe erneut geheiratet. Pompeia, Sullas Enkelin.«
»Also hat der Diktator trotzdem seinen Willen bekommen?«
»Kann man so sagen. Aber erst zu einem Zeitpunkt, als es für mich günstig war. Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?« Die Stimme des Mannes wurde zu einem vertraulichen Flüstern. »Ich traue Pompeia nicht. Sie hat den gleichen schwachen Charakter wie ihr Großvater. Vielleicht ist sie gerade jetzt, zu Hause in Rom, mit einem anderen Mann zusammen.«
»Dann musst du doch die Scheidung fordern!«
»Das würde mich zu viele Unterstützer im Senat kosten. Es ist praktischer so zu tun, als ob nichts wäre.«
Philomela legte den Kopf schräg und kniff die Augen zusammen.
»Du hast dich also geweigert, in die Familie des Diktators einzuheiraten, solange er am Leben war. Aber nach seinem Tod hast du seine Enkelin geheiratet, weil es deiner Karriere dienlich war. Und jetzt bist du an sie gebunden.«
»So etwas in dieser Richtung«, bestätigte er, überrascht über diese scharfe Analyse. »Du bist doch ein kluges Kind.«
»Ich bin kein Kind. Ich werde im Herbst vierzehn. Mein Vater sagt, dass ich für mein Alter sehr vernünftig bin. Viel zu vernünftig, um mir von Fremden eine Menge Blödsinn aufschwatzen zu lassen.«
Der Mann beugte sich vor. Als die Morgensonne ihn traf, war durch das dünne, blonde Haar deutlich die braungebrannte Kopfhaut zu sehen. Innerhalb von zehn Jahren würde er der Inhaber einer hübschen kleinen Glatze sein. Er legte eine breite, sehnige Hand auf Philomelas Wange. Unwillkürlich schmiegte sie sich hinein.
»Ich bin kein Fremder«, schnurrte er. »Wir beide haben uns jeweils ein Geheimnis erzählt. Du kannst ruhig glauben, was ich sage. Weil du mir doch vertraust. Oder?«
»Philomela, hilfst du deiner Mutter bitte, den Tisch abzuräumen?«
Deine Schwester zuckte, als sie mich in der Tür erblickte. Ich schloss sie heftig hinter ihr. Der Gast betrachtete mich einen Augenblick mit schräggelegtem Kopf, bevor er aufstand, die rechte Hand gegen die Brust schlug und sie zu einem römischen Gruß hob.
»Welches Geheimnis hat meine Tochter dir erzählt, Caesar?«, fragte ich auf Latein.
Die Kiefermuskeln spannten sich in dem scharfgezeichneten Gesicht an. Er verbarg seine Überraschung mit einem Husten.
»Deine Tochter hat mir nichts gesagt, was ich nicht schon wusste, Demetrios. Nur, dass ihr Bruder von zu Hause weggelaufen ist und sich bei Atticus versteckt hat und dass du ihn nicht verhauen und nach Hause gezwungen hast, wie es ein römischer Pater familias getan hätte. Ihr Griechen seid ein Quell steter Verwunderung. Ich bin auch überrascht von dem Aussehen der Stadt. Ich habe mir immer vorgestellt, dass Athen eine pulsierende Metropole wäre. Aber keines der Häuser ist mehr als zwei Stockwerke hoch und die berühmte Agora erinnert an einen Baugrund.«
»Die Erdbebengefahr hindert uns daran hoch zu bauen. Und mit deiner Bekanntschaft zu Sulla weißt du sicher, dass er das ganze Viertel um den Marktplatz zerstört hat, als er die Stadt eingenommen hat. Du würdest weniger Zeit vergeuden, wenn du dich damit begnügen würdest, die Fragen zu stellen, auf die du in Wirklichkeit eine Antwort haben möchtest, Caesar.«
Sein warmes Lächeln machte es mir schwer, meinen Widerwillen aufrecht zu erhalten.
»Mein Kamerad Catilina und ich hätten heute mit Atticus’ Schiff nach Hause reisen sollen. Der tote Junge im Piräus hat unsere Abreise verzögert. Wer wohl diese Untat begangen haben kann? Und weshalb?«
Ich betrachtete ihn schweigend, während ich über eine Antwort nachdachte.
»Vom Motiv mal abgesehen ist der Mörder sicher längst über alle Berge.«
»Warum glaubst du das?«
»Weil es dumm wäre, hier zu bleiben, nachdem man so ein Verbrechen begangen hat.«
Caesar nickte langsam und streckte schließlich die Hand zum Abschied aus.
»Du hast zweifelsohne Recht, Demetrios. Du musst entschuldigen, dass ich dich und deine Familie behelligt habe. Pace.«
»Komm gerne wieder, wenn deine Gesundheit zu schwächeln beginnt, Caesar. Aber so lange du gesund und munter bist, würden wir Wert darauf legen, in Frieden gelassen zu werden.«
Es klopfte an der Gartentür. Als ich öffnete, starrte mir Sarpedon mit einem wilden Blick in die Augen.
»Sie haben noch einen toten Jungen gefunden«, keuchte er atemlos. »In Kerameikos.«
IX
Du würdest es kaum glauben, mein Sohn, aber Kerameikos war einmal eine der beliebtesten Wohngegenden der Stadt. Durch das Viertel läuft der heilige Weg, wo die jährlichen Prozessionen für Eleusis ihren Ausgangspunkt nehmen. Hier wohnten Töpfer, deren Export von Amphoren und Vasen in die ganze Welt die ökonomische Grundlage für Athens große Zeit vor fast vierhundert Jahre ausmachte. Der gegenwärtige Zustand von Kerameikos ist der Tatsache geschuldet, dass es härter als andere Viertel unter dem Beschuss der Römer gelitten und niemand die Mittel oder die Lust gehabt hatte, die Häuser wiederaufzubauen, die fast vollständig dem Erdboden gleichgemacht worden waren.
Meine erste Begegnung mit Kerameikos und seinen Einwohnern habe ich dir zu verdanken. Wenige Monate nachdem wir in das Haus in Koile eingezogen waren, lerntest du, mit einem Schieberiegel umzugehen. Das entdeckte ich eines Nachmittags, als die Tür zwischen dem kleinen Hinterhof und der Gasse hinter dem Haus angelehnt war.
Aelia war damit beschäftigt, im Vorgarten Gemüse zu säen und wähnte dich sicher in dem geschlossenen Hof. Lydia, die dich vom Küchenfenster aus im Auge hätte behalten sollen, warf mir vor, dass ich nicht imstande sei, auf meinen eigenen Sohn aufzupassen, aber ihr Blick war schuldbewusst. Sie wachte sonst immer wie eine Löwenmutter über dich.
Von der Gasse kam ich auf die Straße, die durch Melite zur Agora führt. Immer weiter fort führte mich der ausgestreckte Zeigefinger der Fußgänger, wenn ich fragte, ob sie einen kleinen, vierjährigen Jungen mit dunklen, lockigen Haaren hätten vorbeiflitzen sehen. Auf der anderen Seite des offenen Platzes änderte die Stadt jäh ihren Charakter.
Ich war nie ein Anhänger des Vorurteils, dass arme Verhältnisse schlechte Menschen erschaffen. Ich habe Bettler gesehen, die großzügig ihre letzten Brotkrumen miteinander teilten. Selbst in den ärmlichsten Behausungen habe ich die Liebe und Wärme blühen sehen. Meine Erfahrungen dämpften jedoch nicht meine Panik, während ich zwischen den baufälligen Schuppen und behelfsmäßigen Hütten hindurch eilte, aus denen mir der Gestank von Menschen, die viel zu dicht auf viel zu wenig Platz zusammenlebten, entgegenschlug. Am Wegesrand spielten die schmutzigen, nackten Kinder, während die Mütter über Töpfe und Feuer gebeugt dastanden oder den heißen Vormittag im Schatten mit einem leeren Blick verbrachten. Mehrfach wäre ich beinahe über entkräftete Arme gefallen, die unter den halb eingestürzten Mauern Schutz vor der Sonne gesucht hatten.
Endlich fand ich dich auf einem Bauplatz, wo du mit ein paar Gleichaltrigen spieltest. Überwacht von einer alten Frau rolltet ihr euch im Dreck gegenseitig kleine Steine zu.
»Das ist also dein Junge«, stellte sie fest und musterte mit zufriedener Erwartung meine saubere Tunika, die von ordentlicher Qualität war.
Ich nickte und hob dich hoch. Wütend darüber, unterbrochen zu werden, hast du angefangen zu schreien.
»Der Herr hat vielleicht eine Münze?« Die Frau streckte die Hand aus.
»Leider bin ich ohne Geld losgegangen.«
Ihr runzeliges Gesicht änderte seinen Ausdruck. Hatte sie sich nun für nichts die Mühe gemacht, den ganzen Nachmittag meinen Rotzbengel zu hüten?
Ich dankte ihr und wandte mich zum Gehen.
»Ich hätte ihn an ein Knabenhaus verkaufen können«, tönte es hinter mir.
Bereits damals waren die Bordelle in Kerameikos eine letzte Einnahmemöglichkeit für die vielen Familien, die nichts anderes zu verkaufen hatten.
»Bist du denn sicher, dass das deiner ist?«, fuhr sie fort. »Er wirkt nicht besonders glücklich darüber, dich zu sehen.«
Instinktiv beschleunigte ich meine Schritte. Du hast mir noch lauter ins Ohr gebrüllt.
»Entführer! Haltet ihn!«, rief sie. »Er hat meinen kleinen Jungen mitgenommen.«
Jetzt rannte ich.
Das, was mich erschreckte, war nicht die Reaktion der übrigen Bewohner. Die fehlte. Die toten Augen folgten mir mit völliger Gleichgültigkeit. In der Not des Armenviertels war ein Menschenleben in einem solchen Grade abgewertet, dass es niemanden interessierte, ob ein Kind entführt wurde oder nicht.
Auf dem Rückweg über den offenen Bauplatz der Agora kam ich zu dem Schluss, dass Kerameikos ein Ort war, den ich in Zukunft, wenn irgend möglich, meiden würde. Mit einer einzigen Ausnahme habe ich diesen Vorsatz eingehalten, bis Sarpedon mich durch die Ruinen führte, um mir eine weitere Jungenleiche zu zeigen.
Caesar war mitgekommen. Dafür sollte ich später noch dankbar sein.
Eine Gruppe Männer strömte um einen Brunnen zusammen, der nichts anderes als ein gemauertes Loch in der Erde war. Eine laue Brise fegte über das Elendsviertel. Der Gestank schlug uns ins Gesicht.
Die ruhige blaue Wasserfläche des Brunnens, die weit unten unsere neugierigen Gesichter reflektierte, wurde nur von einem einzelnen, bleichen Fuß durchbrochen, der an der Brunnenmauer herausragte. Er hatte einen Silberring um den großen Zeh.
»Die Trockenheit hat den Wasserspiegel sinken lassen«, sagte ich. »Sonst hätte er noch lange da unten liegen können.«
»Glaubst du nicht, der Gestank hätte Misstrauen erweckt?«
Caesars wache, dunkelbraune Augen schauten sich um.
»Nicht in diesem Viertel.«
»Jemand hätte davon krank werden können, von diesem Wasser zu trinken. Warum hat niemand etwas unternommen?«
Die Umstände hatten seiner Fragelust keinen Abbruch getan.
»Das hier ist Kerameikos. Hier mischt man sich nicht in die Angelegenheiten anderer ein. Das ist gefährlicher für die Gesundheit als vergiftetes Wasser.«
»Wie bekommen wir ihn da raus?«
Ich fand ein Seil, band eine Schlinge und ließ sie in den Brunnen sinken. Caesar beugte sich vor.
»Es wird wohl schwer, die Schlinge um diesen schmalen Knöchel befestigt zu bekommen, Demetrios. Hör mal, wann bist du eigentlich von Rom hierhergekommen?«
»Meine Frau Aelia ist in dem Jahr, in dem Sulla Diktator wurde, hierhergereist. Sie hat unseren Sohn Demetrianus mitgenommen. Ich bin ihnen im Jahr darauf gefolgt. Glücklicherweise konnte uns meine Praxis von Anfang an ernähren.«
»Das ist auch mein Eindruck, dass Ärzte hier mehr wertgeschätzt werden als zu Hause. Ist deine Frau mit ihrem Leben in Athen zufrieden? Mir scheint, dass Frauen hier nicht ganz so frei sind wie zu Hause. Wenn man sie hier auf der Straße sieht, tragen sie immer Schleier und Mantel.«
Seine Wissbegierde war in keiner Weise unangenehm. Sein Interesse wirkte eher schmeichelhaft. Ich verstand, was Aelia gemeint hatte.
»Meine Frau hat mir erzählt, dass du versucht hast, sie heute Morgen auszufragen, Caesar. Das hast du auch bei meiner Tochter versucht. Und jetzt bei mir. Wieso bist du so neugierig?«
»Wieso nicht? Du wirkst wie eine interessante Person.« Er schaute in den Brunnen hinunter. »Vielleicht solltest du versuchen, die Schlinge um den Fuß zu bringen und sie anschließend festzuziehen.«
»Du darfst es herzlich gerne versuchen.«
Einen Moment später war die Schlinge an dem dünnen Knöchel befestigt. Ohne sich anzustrengen zog Caesar die Leiche hinauf und legte sie auf die Erde neben den unebenen Steinrand des Brunnens. Sarpedon starrte auf das kleine, geschwollene Gesicht und schlug die Hand vor den Mund. Lautlos fing er an zu weinen. Caesar beugte sich über den nackten Körper wie über die Landkarte einer unbekannten Region.
»Was kannst du uns über ihn sagen, Demetrios?«
»Es ist ganz richtig ein Junge«, seufzte ich. »Dreizehn oder vierzehn Jahre alt. Ihm wurde der Bauch aufgeschlitzt und er hat eine Wunde durch einen spitzen Gegenstand an der Schläfe. Der Zustand der Leiche deutet darauf hin, dass er sieben bis acht Tage im Brunnen gelegen hat. Wann bist du nach Athen gekommen, Caesar?«
Seine Verhörtechnik mit ihrem plötzlichen Themenwechsel wirkte auch umkehrt.
»Vor zehn Tagen«, antwortete er.
»Und wann hättest du wieder nach Hause reisen sollen?«
»Heute.«
Ich ließ die Stille zwischen uns wachsen, bis ich es passend fand, sie zu brechen.
»Mit ein bisschen Glück kannst du bald abreisen. Es segeln ja noch andere Schiffe nach Rom. Nicht nur das, welches Atticus angeheuert hat. Da haben wir tatsächlich die Polizei.«
Die Menge teilte sich für einen Augenblick. Caesar, Sarpedon und ich blieben allein mit der Leiche zurück, als uns der vorderste der drei weiß gekleideten Polizisten erreichte. Obwohl er die Klumpennase mit einem Zipfel seiner roten Schärpe verbarg, erkannte ich ihn als den Polizeihauptmann, der am Abend zuvor die Eskorte für Richter Khitaides abgegeben hatte. In der grellen Frühlingssonne sah man deutlich, dass er ungefähr fünfzig Jahre alt war – ein ungewöhnlich hohes Alter für einen Polizisten.
»Was geht hier vor?«, fragte er und kniff die Augen wegen des Gestanks zusammen.
»Nichts von Interesse für die Polizei«, entgegnete ich. »Nur eine weitere Jungenleiche.«
Sein Blick verbot sich weiteren Sarkasmus.
»Ist er ein Sklave?«
»Vermutlich. Aber wie du siehst, ist der Leichnam schon zu zersetzt, um ihn zu erkennen. Das einzige Kennzeichen ist der Silberring um den großen Zeh. Der ist nicht billig gewesen. Sicher von einem der Verkaufsstände in der Agora.«
»Warum hat der Mörder ihn nicht abgenommen?«
»Vielleicht wurde er unterbrochen. Die Reste der Eingeweide deuten darauf hin. Oder auch, weil es kein Raubmord war.«
»Kann es derselbe Täter gewesen sein?«
»In dem Fall wäre das hier sein erstes Opfer. Dieser Junge ist mindestens fünf Tage vor dem im Piräus gestorben.«
Der Polizeihauptmann umkreiste die Leiche wie ein Geier, der überlegt, wo er den Schnabel ansetzen soll.
»Wir bringen ihn zur Agora«, entschied er und nickte seinen Kollegen zu, die einige Schritte entfernt stehen geblieben waren. »Findet etwas, womit wir ihn tragen können.«
Während die Kollegen mit einem Bordellbesitzer um ein Laken feilschten, winkte mich der Polizeihauptmann außer Hörweite.
»Gibt es zwischen den beiden Morden viele Gemeinsamkeiten?«
Die dunklen, zusammengekniffenen Augen stachen wie Messer.
»Es gibt keine Unterschiede«, sagte ich. »Das Opfer wurde der gleichen Behandlung ausgesetzt und hat ungefähr das gleiche Alter. Aber jemand hat versucht, ihn zu verstecken. Der Junge im Piräus war gezielt platziert, sodass er mit Sicherheit gefunden werden würde.«
»Und das Opfer hat eine Wunde an der Schläfe? Genau wie die anderen?«
»Welche anderen? Gibt es viele Jungs hier in Athen, die so gestorben sind?«
Der Polizeihauptmann wich meinem Blick aus.
»Nicht in den letzten zweiundzwanzig Jahren.«
X
»Bist du wahnsinnig geworden, Skyros?« Richter Khitaides’ Doppelkinn bebte. »Eine Leiche in der Agora zur Schau zu stellen, als ob es ein geschlagener Feind wäre. Was hast du dir dabei gedacht?«
»Dem Gesetz zufolge muss eine unbekannte Leiche, die innerhalb der Stadtgrenzen gefunden wurde, öffentlich identifiziert werden«, antwortete der Polizeihauptmann seinem Chef.
»Identifiziert werden? Er war doch vollständig unkenntlich, nicht wahr? Hättest du dir nicht selbst sagen können, dass dieser schreckliche Gestank Panik auslösen würde? Lass diese Leiche so schnell wie möglich verbrennen. Das hier lässt mich daran zweifeln, ob du deiner Stellung gewachsen bist, Skyros.«
»Ich hoffe, eines Tages das Vertrauen des Richters wiedererlangen zu können.«
Die Luft in dem kleinen Kontor war schwer und stand. Richter Khitaides wischte sich den Schweiß von der Stirn und sah Sarpedon und mich an, als ob wir Dreck auf einem frischgeputzten Boden wären.
»Waren wir nicht gestern Abend mit diesen beiden fertig, Skyros?«
»Der Arzt Demetrios und der Lehrer Sarpedon befanden sich am Tatort, als ich dort ankam«, erwiderte Skyros.
»Ach ja?« Das runde Gesicht des Richters veränderte seinen Ausdruck. »Dass ihr beide jedes Mal auftaucht, wenn ein junger Bursche gestorben ist, ist höchst verdächtig. Was habt ihr zu eurer Verteidigung zu sagen?«
»Euer Ehren«, begann Sarpedon.
»Schweig!«, unterbrach Khitaides und konzentrierte all seine Aufmerksamkeit auf mich. »Ich habe mich über dich erkundigt. Nicht nur deine Haushälterin stammt aus Rom. Deine Frau ist ja ebenfalls Römerin.«
Normalerweise gab es für mich keinen Grund, diese Tatsache zu entschuldigen. Jetzt war das Bedürfnis allerdings akut.
»Ich habe viele Jahre in Rom gewohnt und gearbeitet. Ich habe Aelia während der Ausführung meiner Arbeit getroffen. Die Wege der Liebe sind unergründlich, Euer Ehren.«
»Das kann man wohl sagen.« Khitaides Blick stellte fest, dass diese Sache noch nicht zu Ende diskutiert, sondern lediglich vertagt war. »Wer ist der Dritte, Skyros?«
Caesar stellte sich vor und hob die Hand zum Gruß. An seinem Mittelfinger blinkte ein römischer Bürgerring aus Gold. Khitaides schaute von diesem in das markante Gesicht.
»Dem Herrn sei für die Mühe gedankt. Wir haben keine Auseinandersetzung mit ihm. Er kann gehen. Die beiden anderen bleiben.«
Sarpedon wimmerte. Selbst die Verfärbung in seinem Gesicht war blass geworden. Richter Khitaides lächelte.
»Aber, aber, kleiner Pädagoge. Hast du Angst, enttarnt zu werden? Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Schulmeister an seinen Schülern herumgefummelt und versucht hätte, die Spuren zu verwischen. Aber dieses Mal ist die Polizei eingetroffen, bevor du abhauen konntest. Jetzt haben wir dich, nicht wahr? Und wir werden dich nicht wieder entwischen lassen!«
»Mit Verlaub«, unterbrach Caesar. »Ich verbürge mich für die Unschuld dieser beiden Herren.«
Der Richter hegte nicht den Wunsch, sich mit einem Repräsentanten der Besatzungsmacht anzulegen. Er betrachtete seine feuchte Handfläche, außerstande, eine Entscheidung zu treffen.
»Was sagst du, Skyros?«, fragte er.
»Ich habe ihre Zeugenaussagen, Euer Ehren. Wir wissen, wo sie wohnen. Es gibt keinen Grund, sie festzuhalten.«
Mit einer verärgerten Grimasse sah Khitaides ein, dass eine schnelle Aufklärung mit einem Ausländer als Schuldigen nicht möglich war.
»Gut, ihr könnt gehen.«
Draußen in dem quadratischen Hof, wo das Heliaia-Gericht seinen Versammlungsort hat, trafen die atemlosen Polizisten ein, nachdem sie die Menge in der Agora zerstreut hatten. Der Gestank des toten Jungen, der auf die Erde geworfen worden war, war überwältigend. Die Augen der halb aufgelösten Leiche schienen uns mit einem leicht verwirrten Ausdruck zu verfolgen.
»Macht ein Feuer und verbrennt diese Leiche«, befahl Skyros. »Und bringt dann diese Herren nach Hause.«
»Wenn es keine zu großen Umstände macht«, bemerkte ich, »würde ich Wert darauf legen, vom Polizeihauptmann persönlich nach Hause geleitet zu werden.«
Skyros musterte mich, schickte seinen Kollegen weg und nahm Kurs auf das Tor des Gerichtsgebäudes. Sarpedon folgte ihm.
Hinter dem Tor lag die zerstörte Agora. Umgeworfene Verkaufsstände, Handelsware und zurückgelassene Habseligkeiten lagen verstreut auf dem festgestampften Kies. Am entferntesten Ende des Marktplatzes ragten die eingestürzten Säulen der Stoa Poikile machtlos gen Himmel. Das Untergeschoss der Stoa des Attalos lag im Schatten der halb eingesunkenen Mauern des Obergeschosses. Links davon erhob sich der frisch restaurierte Hephaistostempel auf seinem Hügel über den kleinen Apollotempel, der sich zwischen dem Trümmerhaufen des Zeus-Säulengangs und den dachlosen, kreisrunden Mauern des Bouleuterions duckte. Caesar lehnte sich gegen einen der mannshohen Sockel, dessen Statuen nach der Belagerung auf Sullas Schiffen nach Rom verfrachtet worden waren, und schüttelte den Kopf über den jämmerlichen Zustand des Marktplatzes.
»Danke, Caesar«, sagte ich. »Du hast Sarpedon wahrscheinlich gerade das Leben gerettet.«
»Er schien mir nun auch nicht gerade wie jemand, der einen Mord begehen könnte. Darf ich dich etwas fragen?«
»Warum jetzt damit aufhören?«
»Wie kann es eigentlich sein, dass du und Sarpedon Freunde seid? Wenn ich grob sein darf, dann wirkt es nicht direkt so, als ob er mit irgendetwas dazu beiträgt.«
Wer kann die Tiefe einer mehr als zwanzigjährigen Freundschaft ausloten? Wer kann entscheiden, ob sie der Mühe wert ist? Caesar begriff das Dilemma.
»Nichts für ungut, Demetrios. Was hältst du von der Theorie, die der Athenepriester Chryses beim Abendessen bei Atticus aufgestellt hat? Waren die Jungen Opfer eines Rituals?«
Darauf schuldete ich ihm eine ehrliche Antwort. Allein schon, um die moderne griechische Zivilisation zu verteidigen.
»Der Lykaios-Kult hat vor mehreren hundert Jahren existiert. Wieso sollte jemand ein archaisches Ritual gegen Wölfe wiederbeleben, die schon längst ausgerottet sind?«
»Altertümliche Religionen üben eine besondere Anziehungskraft auf Leute in Krisenzeiten aus«, entgegnete er. »Während des Bürgerkriegs gab es auch in Italien Gerüchte über Menschenopfer.«
»Bei allem Respekt, Caesar, als der Bürgerkrieg endete, kannst du nicht mehr als dreizehn bis vierzehn Jahre alt gewesen sein. Ich habe selbst daran teilgenommen. So etwas ist mir nicht zu Ohren gekommen.«
Sein Lächeln gefror nur ein ganz kleines bisschen. Wir sahen einander schweigend an.
»Ich wünsche dir eine gute Heimreise nach Rom«, sagte ich.
»Danke, Demetrios. Pass auf dich auf. Und halt dich fern, falls weitere Jungenleichen auftauchen sollten.«
»Das ist zweifelsohne ein guter Rat, Caesar.«
XI
Erst als ich am Buckel des Areopagfelsens vorbei war und das Tor zur Akropolis erreicht hatte, holte ich den Polizeihauptmann und Sarpedon ein.
»Was ist vor zweiundzwanzig Jahren passiert?«, fragte ich.
»Vergiss es«, erwiderte Skyros. »Zu deinem eigenen Besten.«
»Du hast es nicht vergessen.«
Er seufzte und schaute weg.
»Niemand, der sich damals in Athen befunden hat, hat Sullas Belagerung vergessen.«
»Ich bin ein Jahr später angekommen«, sagte ich. »Ich habe die Zerstörungen gesehen.«
»Dann verstehst du auch, dass es mitten in der Hungersnot mit dem Gesetz und der Ordnung nicht so genau genommen wurde.«
Der Polizeihauptmann überlegte, wie er fortfahren sollte. Er entschloss sich, noch weiter zurückzugehen.
»Ich bin als Junge von Skythien hierhergekommen. Mein Stamm hatte einen Aufstand gegen Rom angezettelt. Zur Strafe wurden die Männer getötet und die Frauen und Kinder in die umliegenden Kolonien verkauft. Ich habe meine Mutter und meine Schwester nicht mehr gesehen. Ich habe immer gebetet, dass sie so ein Glück hatten wie ich. Mein Herr Telemon war ein rechtschaffener Geschäftsmann.«
Schweigend wartete ich die Fortsetzung ab. Mit Diskretion kann man weit kommen. Ich kannte Telemons Ruf nur zu gut. Du auch, mein Sohn. Skyros’ Herr war weder Geschäftsmann noch rechtschaffen gewesen.
»Zuerst habe ich auf seinem Bauernhof gearbeitet«, fuhr Skyros fort. »Aber Telemon sah etwas in mir und holte mich in die Stadt zurück. Ich sollte für seine und die Sicherheit seiner Familie sorgen. Auf irgendeine Weise bin ich immer Polizist gewesen.«
Skyros berichtete nun von der Zeit, wo der Tyrann Aristion die Stimmung in der Stadt gegen Rom aufgehetzt und den Hafen von Piräus Mithridates’ Aufstandsflotte übergeben hatte. Den Athenern war es wie ein Traum erschienen, den Herrn zu wechseln. Die Belagerung Sullas kam wie ein harter Schlag in die Seite des Schlafenden. Es hatte nur wie eine weitere Strafe der Götter gewirkt, als eine Reihe Jungenleichen aufzutauchen begann.
»Die Opfer waren Sklaven, die ihre Herren verloren hatten. Oder Obdachlose, um die sich niemand scherte.«
»Hatten sie ebenfalls Wunden an der Schläfe?«, wollte ich wissen.
Er kaute einen Augenblick an der Antwort.
»Hatten sie. Aber ihre anderen Verletzungen waren Aufsehen erregender. Es sah aus, als ob sie tagelang gefoltert worden wären.«
»Die neuen Opfer wurden nicht misshandelt«, wandte Sarpedon ein. »Jedenfalls nicht, bevor sie gestorben sind.«
»Deswegen kann es doch trotzdem derselbe Mörder sein«, meinte Skyros. »Alles andere gleicht sich.«
Wir passierten das Tor der Akropolis in nachdenklichem Schweigen. Der Polizeihauptmann fuhr mit seinem Bericht fort.
»Das Haus Telemons lag in Diomea. Es sah nicht so aus, als ob ein paar verschwundene Sklaven aus dem Armenviertel von Bedeutung wären. Nicht bis sein eigener Sohn verschwand.«
Das dunkle Gesicht wurde von einer jahrzehntelangen Trauer überschattet.
»Dieser Junge war schön wie ein junger Gott und unschuldig wie ein Lamm. Telemon war außer sich. Vierzehn Tage später wurden unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Die Leiche wurde am Ufer des Flusses Eridanos gefunden, in der Nähe des zerstörten Dipylon-Tores. Nicht weit von der Stelle, wo ihr heute Morgen das neue Opfer gefunden habt. Telemon gründete Milizen, die in den Straßen und Trümmerhaufen patrouillierten. Er ernannte mich zum Anführer von einer davon.«
Die Bevölkerung Athens hatte das Elend des Hungers verdrängt, indem sie mit Leib und Seele in der Jagd aufging. Aufgrund der Fundstelle, auf halben Weg zwischen der Agora und Sullas Lager an den Feldern hinter dem Philosophenhain, waren Gerüchte entstanden, dass der Mörder im römischen Heer zu finden sei. Aber es war nicht ungefährlich, die siegenden Truppen des Diktators eines Verbrechens zu beschuldigen. Es war für alle eine Erleichterung gewesen, als ein Steinmetz mit einem jungen Burschen, den er aus der Stadt zu führen versuchte, gefasst wurde.
»Ein Steinmetz?«, unterbrach ich. »Hatte er sein Werkzeug dabei?«
Wir verstanden beide, dass der Hammer eines Steinmetzen mit seinem krummen, spitzen Ende eindeutig die Mordwaffe war. Skyros nickte.
»Ich war beim Verhör dabei«, fuhr er fort. »Der Steinmetz sagte, dass der Junge ein Sklave sei, den er gekauft habe. Wir waren von der Schuld des Mannes überzeugt, daher hat das niemand untersucht. Der Junge verschwand in dem Durcheinander.«
Ich musste am Arm des Polizeihauptmanns rütteln, bevor er weitermachen konnte.
»Wir haben den armen Mann mehrere Tage lang gefoltert. Zum Schluss hat mein Herr ihm die Kehle durchgeschnitten und seinen Kopf auf einer Stange durch die Stadt getragen, während die römischen Soldaten zuschauten. Erst ein Jahr später brach das Heer auf und hinterließ eine geplünderte Stadt mit einer gebrochenen Bevölkerung. Als Dank für meinen Einsatz hat Telemon mich ans Polizeikorps freigegeben. Und es sind keine weiteren Jungenmorde mehr passiert.«
»Bis jetzt?«
Die Frage war überflüssig und bedeutungslos. Sie ließ eine andere und weit wichtigere unbeantwortet. Nach einer weiteren Zeit des Schweigens formulierte Skyros sie selbst:
»Warum hat er so lange gewartet?«
XII
Der Polizeihauptmann hatte sich vor meinem Haus verabschiedet. Ich hatte gewartet, bis er am Ende der Straße um die Ecke verschwunden war, bevor ich Sarpedon die Frage stellte, die bereits am Rande des Brunnens in Kerameikos aufgekommen war.
»Erzähl mir mal, wer der tote Junge im Brunnen war.«
Das bärtige, verschwitzte Gesicht meines Freundes leuchtete vor Angst.
»Nur sein Fuß hat aus dem Wasser geguckt«, fuhr ich fort, »und nur wenn man den Silberring am großen Zeh kannte, konnte man wissen, wer das war. Du wusstest, dass es ein Junge war.«
»Das war geraten. Nach diesem furchtbaren Fund im Piräus.« Sein Blick enthielt eine Bitte, die ich mich zu ignorieren zwang.
»Wer war er?«
Sarpedons Gesicht verwandelte sich ohne Vorwarnung in die verzerrte Maske eines Tragödien-Schauspielers. Er beugte sich vornüber, als hätte er starke Bauchschmerzen, der Rotz aus der großen Nase lief mit den Tränen aus seinen Augen um die Wette.
»Aelia hat gesagt, dass du das Haus im Alleingang verlassen hast«, fuhr ich fort. »Du wolltest eine Reinigung in der Akropolis kaufen. Aber die öffnet die Pforte zur Zitadelle erst am späten Vormittag. Wo musstest du so früh hin?«
»Kerameikos«, schluchzte er und verbarg das Gesicht.
»Was glaubst du, würden die Eltern deiner Schüler im Piräus sagen, wenn sie herausfänden, was du in Kerameikos machst?«
»Deswegen gehe ich doch nur in die Knabenhäuser hier in Athen. Verstehst du …«
Er verlor sich in der Erinnerung.
»Erspar mir die Details. Mir wird schlecht.«
So legal und universell anerkannt Sarpedons Gelüste auch waren, konnte ich nicht anders, als ihn wissen zu lassen, was ich davon hielt.
»Wer war der Junge? Kanntest du seinen Namen? Oder war er einfach nur eine flüchtige Bekanntschaft?«
»Der Ring war ein Liebespfand von mir an Getos.«
»Also hieß der Junge im Brunnen Getos? Kanntest du ihn lange?«
Wie ein Ertrinkender, der die Wasseroberfläche durchbricht, japste Sarpedon die Worte hervor.
»Ungefähr ein Jahr. Ich hatte es abgesprochen. Mit seinem Besitzer. Dass ich ihn freikaufen wollte. Im Herbst. Wenn ich genug gespart hatte. Ach, armer Getos.«
»Hast du Papiere von dieser Vereinbarung?«
»Nein, aber es stand schon fest. Getos’ Herr ließ ihn mit der Arbeit im Bordell weitermachen. Das machte mich schrecklich eifersüchtig. Ich wollte mich fernhalten, bis ich es mir leisten könnte, ihn zu kaufen. Aber nach dem, was wir im Piräus gesehen hatten, musste ich meinen lieben Jungen besuchen. Und mich versichern, dass es ihm gut ging. Kannst du dir meinen Schrecken vorstellen als ich erfuhr, dass er seit neun Tagen verschwunden war? Ich bin im Viertel umhergestreift und habe nach ihm gesucht. Der Geruch hat mich zum Brunnen geführt. Ich habe hineingeschaut und den Ring an seinem kleinen Fuß wiedererkannt. Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich an deine Tür geklopft habe.«
Ich kam dem plötzlichen Bedürfnis meiner Schläfen nach einer Massage nach.
»Hast du Zeugen dafür, dass du an dem Tag, an dem Getos verschwand, nicht in Athen warst?«, fragte ich.
»Nein, weil ich in Athen war. Da habe ich ihn zum letzten Mal gesehen. Am Morgen, am gleichen Tag, an dem er starb. Ach, bei allen Göttern, das ist furchtbar.«
Lydia steckte ihren grauen Kopf durch die Haustür nach draußen. Aelia hatte sie gebeten zu fragen, ob Sarpedon zum Abendessen bliebe.
»Sprechen wir jetzt nur noch durch unsere Dienstboten miteinander?«, rief ich aufgebracht.
»Dienstboten?«, höhnte sie. »Soweit ich weiß, bin ich die einzige.«
»Sarpedon und ich müssen sofort wieder los. Hau schon ab.«
»Wieso sprichst du in diesem Ton mit Lydia?«, fragte Sarpedon. »Und wo sollen wir hin?«
»Nach Kerameikos. Du musst einen Vertrag für Getos bekommen. Und eine Anzahlung leisten.«
»Wozu? Getos ist doch …«
Er biss sich auf den Knöchel, um die Tränen zurückzuhalten. Ich fragte, was seiner Meinung nach passieren würde, wenn jemandem einfiel, wie schrecklicheifersüchtig er gewesen war?
Ein Schauder heißen Schreckens durchlief ihn, als er verstand.
»Kann ich für den Mord hingerichtet werden?«
»Natürlich nicht. Der Junge war ein Sklave. Aber der Schadenersatz wird dich ruinieren. Warte hier auf mich, ich muss etwas aus meinem Schlafzimmer holen.«
»Du glaubst doch nicht, dass ich mich um Geld sorge, wenn mein kleiner Getos tot ist?«
»Wenn du nicht bezahlen kannst, endest du als Schuldensklave.«
XIII
Die Identität von Getos’ Eigentümer wurde offenbart, lange bevor wir das lange, barackenähnliche Gebäude erreichten, das sich gegen eine der zurückgebliebenen Sektionen der nördlichen Stadtmauer lehnte. Der Name ließ mich vorsichtig werden. Ich begann zu bereuen.
»Denk dran, wir sind nur hier, um einen Vertrag abzuschließen und eine Anzahlung zu leisten.« Ich betrachtete Sarpedons aufgelöstes Gesicht. »Es ist sicher am besten, wenn du das Reden mir überlässt.«
Von den Polstern im Prothyron des Knabenhauses betrachteten uns die halbwüchsigen Jünglinge träge mit ihren geschminkten Augen. Einem Räuchergefäß in der Mitte des Bodens entstieg eine dünne, weiße Rauchfahne und füllte die hohe Vorhalle mit einem schweren Duft. Ein kleiner, runder Mann, dessen einzige Kleidung ein Lendenschurz war, kam hinter einem Vorhang zum Vorschein.
»Wir würden gerne mit Orthoboulos sprechen«, sagte ich.
Ich hatte diesen Mann, der der König von Athens Unterwelt genannt wurde, noch nie zuvor getroffen und wusste nicht, wie er aussah.
»Ich bin Orthoboulos, werte Herren. Womit kann ich zu Diensten sein?«
Die dünnen Arme und Beine schienen an seinen runden Oberkörper geheftet zu sein wie die übrig gebliebenen Extremitäten eines anderen, dürreren Mannes. Warum Orthoboulos in einer Stadt, die den perfekten Körper als göttliches Ideal verehrte, seinen seltsam unförmigen Körper nicht mit weiten Gewändern kaschierte, war ein Rätsel. Er war jedoch liebenswürdig und umgänglicher als selbst Atticus.
»Mein Freund Sarpedon wünscht zu handeln«, erklärte ich. »Ich bin als Zeuge dabei.«
»Ach, ich habe den Pädagogen vom Piräus gar nicht erkannt. Einer meiner liebsten Kunden.« Orthoboulos verbeugte sich tief. »Willkommen, lieber Freund. Handeln, sagst du?«
»Ich habe gehört, dass du und Sarpedon den Kauf von Getos vereinbart habt. Nun will er dir gerne eine verbindliche Anzahlung geben.«
Bei dem Wort ›verbindlich‹ bildeten sich Lachfalten um die Augen des Bordellbesitzers. Er entblößte eine Reihe kleiner Zähne und verbeugte sich wiederholt auf dem Weg zurück durch den Vorhang, den er für uns offengehalten hatte.
Wir folgten ihm eine schlecht beleuchtete Treppe hinauf. Sie führte zum einem Kontor im zweiten Stock des Hauses mit Aussicht über die unregelmäßige Ruinenlandschaft Kerameikos’. Der Bordellbesitzer gestikulierte mit einer gekünstelten Bewegung in Richtung zweier Stühle und nahm selbst hinter einem Tisch Platz.
»Was hattet ihr euch vorgestellt, liebe Freunde?«
»Sarpedon würde gerne 20 Drachmen anzahlen«, antwortete ich.
Eine bemerkenswerte Veränderung ging mit dem runden Gesicht vor sich. All seine Bestandteile, die Wangen, das Kinn und die dünnen Lippen, die von dem breiten Grinsen des Mundes oben gehalten worden waren, schienen für einen Augenblick zu hängen wie die Zitzen bei einer Sau.
»Meine liebsten Freunde, ich bedauere zutiefst. Leider kann ich nicht weniger als ein Viertel der gesamten Kaufsumme annehmen. Ich hoffe, ihr versteht meine Situation, wenn ich gezwungen bin, um 80 Drachmen zu bitten.«
»Du willst insgesamt 320 Drachmen für einen Sklavenjungen?«
Orthoboulos zuckte betrübt die schmalen Schultern.
»Getos ist sowohl jung als auch hübsch«, meinte er. »Der Preis gleicht meinen Verlust zukünftiger Einnahmen aus. Der Junge ist die beliebteste Einlage meines Etablissements. Ich weiß gar nicht, was ich ohne ihn anfangen soll.«
Wie um die Lobpreisungen des kleinen Mannes zu bestätigen, nickte Sarpedon melancholisch. Orthoboulos missverstand die Reaktion absichtlich. Der breite Mund zwang wieder, wie bei einem Zauberkunststück, die Wangen unter die Augen.
»Glücklicherweise sieht es so aus, als ob der Käufer den Preis gutheißt. Dann kann der Mittelsmann wohl nicht protestieren, mein lieber Freund?«
Wir handelten ihn auf eine Anzahlung von 50 Drachmen herunter – was alles war, was ich besaß, gegen eine schriftliche Vereinbarung. Wir einigten uns auf die Bedingungen und unterschrieben das Dokument. Orthoboulos verschwand lächelnd und sich verbeugend die Treppe hinunter mit dem Geld und dem Versprechen, mit einem guten Becher Wein zurückzukommen, um den Handel zu feiern.
»Es ist alles falsch gelaufen, Demetrios«, sagte Sarpedon, als wir allein in dem Kontor zurückblieben. »Du sollst nicht all deine Ersparnisse dafür verwenden, mich zu retten.«
»Denk nicht an das Geld«, erwiderte ich. »Das wird er dir zurückzahlen müssen, wenn feststeht, dass der Junge tot ist. Und jetzt hast du ein Alibi. Wer käme auf die Idee, einen toten Sklaven zu kaufen?«
Die Erleichterung hatte meine Stimme eine Oktave ansteigen lassen. Orthoboulos hatte sich als ein harter, aber gerechter Händler erwiesen. Sein Ruf als der größte Schurke der Stadt hatte sich als stark übertrieben herausgestellt. Seine Rückkehr zog sich jedoch hinaus, und als endlich wieder Schritte auf der Treppe ertönten, war der kleine Bordellbesitzer nicht allein. Er hatte drei große Sklaven dabei.
»Ich bin untröstlich, liebe Freunde.« Orthoboulos zeigte wieder sein Hängegesicht. »Eine Delegation von Bürgern hat sich eingefunden. Sie wünschen nichts mehr, als ein paar Worte mit euch zu sprechen. Ich hoffe so sehr, dass ihr diesen drei freundlichen Herren folgen wollt, die euch zum Tribunal der Miliz bringen werden.«
»Welche Miliz?«
»Es handelt sich um eine Bürgermiliz, die in aller Eile zusammengeschlossen wurde, um einen Mord aufzuklären. Stellt euch nur vor, der Junge, für den die Herren gerade eine Anzahlung geleistet haben, wurde heute Morgen tot in einem Brunnen gefunden. Leider kann ich den Betrag nicht zurückzahlen. Ich war ja in gutem Glauben, als der Handel abgeschlossen wurde.«
XIV
Auf dem Weg durch das Elendsviertel schlossen sich uns weitere Menschen an. Bis wir die alte Nekropolis innerhalb der Mauern erreichten, war aus dem Gefolge ein regelrechter Umzug geworden. Vor einem baufälligen, ovalen Mausoleum machten wir Halt. Das verwitterte Relief auf seiner gewölbten Front stellte eine Person dar, die einer Volksmenge vor einer Stadt im Hintergrund einige Tafeln reichte. Nur der Name Solon war lesbar.
»Unter dem Antlitz des großen Gesetzgebers«, verkündete ein bärtiger Mann feierlich, »soll der Gerechtigkeit Genüge getan werden.« Eine schmale Treppe endete in einer Krypta mit niedriger Decke. An der Rückwand stand ein abgenutzter Sarkophag. Dahinter wartete eine Gruppe Männer. Die Neuankömmlinge teilten die Fackeln unter sich auf. Als das Geräusch scharrender Füße erstarb, hatten nur die Vordersten Platz, sich zu bewegen.
»Freunde und Bürger«, leitete der Bärtige ein und gab dann bekannt, dass es die Aufgabe der Versammlung sei, aufzuklären, was Sarpedon und ich mit den Morden zu tun hatten, die die Stadt in Angst und Schrecken versetzten; denn obwohl die Rede noch nur von Sklaven war, erinnerten sich alle Anwesenden, wie es vor zweiundzwanzig Jahren damit geendet hatte, dass der Sohn eines Bürgers Opfer gewesen war.
»Dieser Mordserie muss Einhalt geboten werden, bevor es wieder passiert«, schloss er.
»Wir haben nichts damit zu tun«, fing ich an.
Ein harter Schlag von einem der drei Sklaven zwang mich in die Knie. Sarpedon zitterte unkontrolliert, als er mir aufhalf.
»Die Verdächtigen werden sich damit begnügen, auf die Fragen des Tribunals zu antworten«, sagte der Bärtige, den eine unbekannte Instanz zum Ankläger ernannt hatte. »Der Arzt Demetrios und der Pädagoge Sarpedon waren anwesend, als die erste Leiche im Piräus gefunden wurde. Sie tauchten wieder auf, als der Sklave Getos heute Morgen tot aufgefunden wurde. Sarpedon hatte über längere Zeit hinweg ein Verhältnis mit diesem Jungen. Der Bordellbesitzer Orthoboulos hat das bezeugt. Am Morgen, bevor der Sklave verschwand, traf sich der Angeklagte mit seinem dreißig Jahre jüngeren Liebhaber. Auch dafür gibt es Zeugen.«
Die vielen Gesichter, von denen ich einen Teil erkannte, wandten sich einander in dem Halbdunkel zu. Der Klang von Stimmen lief durch die Krypta wie das Plätschern eines Baches.
»Heute haben Demetrios und Sarpedon eine Anzahlung für den Jungen geleistet«, endete der Ankläger. »Auf diese Weise versuchten sie, den Verdacht von sich abzulenken.«
Die Mitglieder des Tribunals betrachteten uns mit zusammengekniffenen Augen.
»Dürfen wir auf die Anklagen antworten?«, fragte ich.
Der Bärtige nickte kurz.
»Es war reiner Zufall, dass Sarpedon und ich im Piräus hinzugerufen wurden. Das können die Seeleute, die die Leiche gefunden haben, und der Verwalter des Lagerhauses bezeugen. Als Sarpedon erfuhr, dass Getos verschwunden war, suchte er nach dem Jungen. Andere müssen die Leiche gesehen oder gerochen haben, ohne es zu melden. Wieso soll es uns zum Vorwurf gemacht werden, dass wir, als Einzige, etwas getan haben?«
Ich hatte der Versammlung die göttliche Gabe des Zweifels vorgestellt. Jetzt war es an der Zeit, sie an den Preis der Dankbarkeit zu erinnern.
»Wie könnt ihr nur auf den Gedanken kommen, mich zu verdächtigen, der so vielen von euch geholfen hat? Euboulos, erinnerst du dich nicht, dass ich dich letztes Jahr vom Fieber kuriert habe? Und du, Epiphos, wärest heute Witwer, wenn du nicht zu mir gekommen wärest, als deine Frau Nierensteine hatte.«
Mein Gedächtnis hat mich nie das Gesicht eines Patienten vergessen lassen. In dem Punkt habe ich Glück. Euboulos bestätigte widerstrebend, dass ihm meine Behandlung wohl das Leben gerettet habe. Epiphos murmelte, dass sein Heim ohne die scharfe Zunge seiner Frau trotz allem friedlicher gewesen wäre, als er es mochte.
»Sarpedon und ich sind unschuldig, was die Verbrechen angeht, deren ihr uns anklagt. Das hat auch Richter Khitaides erkannt, als er uns früher am Tag verhört hat.«
»Nur, weil euch ein Römer verteidigt hat«, rief ein Mann an der Rückwand der Krypta. Dieser Umstand war schon eine Anklage für sich.
»Nieder mit den Besetzern!«, wurde gerufen. »Ab mit ihren Köpfen!«
»RUHE!«, brüllte der Vorsitzende des Tribunals. »Das Tribunal wird nun Stellung zu den Anklagen nehmen.«
Die Mitglieder des Richterkollegiums befragten den bärtigen Ankläger, der sich gründlich vorbereitet hatte.
Ja, es sei wahr, dass wir nur durch einen Zufall im Piräus hinzugerufen worden waren. Aber gerade das gab uns die Gelegenheit, Beweise für das Verbrechen verschwinden zu lassen. Der Verdacht wurde von Sarpedons Wissen, wo sich die zweite Leiche befand, verstärkt. Als das Schuldgefühl zu stark wurde, sei er zum Tatort zurückgekehrt, wie es alle Verbrecher früher oder später tun. Die Stimmung wurde mit jedem Wort hasserfüllter.
Der Lärm übertönte beinahe die Schlussfolgerung des Anklägers: »Diese beiden Männer haben sich mehr als verdächtig aufgeführt. Selbst wenn sie unschuldig sein sollten, muss das Rechtsempfinden des Volkes schwerer wiegen als die Rücksicht auf einen Lykier und einen Mazedonier, die nicht einmal athenische Bürger sind.«
»Das stimmt«, wurde gerufen. »Wir brennen die Haut von ihren Füßen. Das hat bisher noch jeden dazu gebracht zu gestehen.«
Mitten in dem Aufstand erhob sich der Vorsitzende des Tribunals und klopfte wiederholt seine Sandale gegen den Deckel des Sarkophags. Der hohle, rhythmische Klang setzte der Unruhe kurzfristig einen Dämpfer auf.
»Der Arzt Demetrios und der Pädagoge Sarpedon werden ins Hauptquartier der Miliz gebracht, wo sie peinlichen Verhören ausgesetzt werden, bis sie Details enthüllen, die zur Aufklärung der Sache führen können. Das Recht hat gesprochen.«
Der Lärm stieg zu einem Brüllen an. Die Sklaven hakten Sarpedon, der auf die Knie gesunken war, unter. Ich steckte die Hand in meinen Gürtelbeutel und fand den kleinen unansehnlichen Eisenring, den ich aus der Schublade neben meinem Bett geholt hatte, bevor wir uns nach Kerameikos begeben hatten. Ich streifte ihn über den Mittelfinger der rechten Hand und streckte meine geballte Faust aus.
»Ich bin ein römischer Bürger«, rief ich, »Und Sarpedon steht unter meinen Schutz.«
In der Stille, die folgte, konnte ich nur ein schwaches Pfeifen in den Ohren hören.
XV
Der bärtige Ankläger betrachtete meine Hand.
»Du lebst hier seit zwanzig Jahren«, sagte er. »Willst du uns nun glauben machen, dass du Römer bist, bloß weil du einen Bürgerring aufgetrieben hast?«
»Ich bin als Opfer von Sullas Proskriptionen hierhergekommen«, erwiderte ich. »Ich habe meine Bürgerschaft geheim gehalten, weil sich kein Athener von einem römischen Arzt hätte behandeln lassen.«
»Das ist wahr«, rief Epiphos. »Meine Frau hätte die Erlaubnis bekommen zu sterben, wenn ich gewusst hätte, dass du Römer bist.«
»Mein Vater stammte aus Mazedonien«, antwortete ich. »Sein griechisches Blut fließt durch meine Adern. Welchen Unterschied macht es, dass ich auch römischer Bürger bin?«
Die Frage wurde von dem Hass in den Blicken beantwortet, die mich trafen. Der Unterschied lag in zweiundzwanzig Jahren rücksichtsloser Unterdrückung, in der täglichen Erinnerung an die Niederlage, verkörpert in den Trümmerhaufen der Agora.
»Hättet ihr einen Mitbürger vor ein Standgericht gestellt? Hättet ihr einen der euren der Folter ausgesetzt?« Das hätten sie kaum, aber diese Frage war, wie ich einsah, ohne Bedeutung. »Ihr habt mich selbst dazu gezwungen, mein Bürgerrecht zu enthüllen, indem ihr mich wie einen Ausländer, einen Metöken, behandelt habt. Hat jemand von euch den Mut, die Hand gegen einen Römer zu erheben und selbst Folter und die Todesstrafe zu riskieren? Wir werden sehen.«
Ich zog Sarpedon mit mir zur Treppe. Die Menge wich vor dem kleinen Eisenring zur Seite wie vor einer brennenden Fackel. Die ausgetretenen Steinstufen endeten in der frischen Abendluft. Im Westen lag der rötliche Schimmer der Dämmerung über dem Himmel. Die, die in der Grabkammer keinen Platz gefunden hatten, warteten hier draußen, um das Urteil des Tribunals zu hören. Wir versuchten ihren verwunderten Blicken zu entkommen.
»Was für ein Glück, dass du den Ring dabei hattest«, sagte Sarpedon. »Ich wollte dem Bordellbesitzer damit drohen, wenn wir keine Vereinbarung hätten erzielen können. Da wusste ich noch nicht, wer er ist.«
Sarpedon hielt jäh inne.
»Orthoboulos! Er muss etwas über Getos’ Tod wissen. Wieso hätte er sonst versuchen sollen, uns aus dem Weg zu räumen?«
Ausnahmsweise übertraf Sarpedons Klarblick meinen. Ich nickte und eilte weiter.
»Jetzt gilt es erst einmal, hier wegzukommen. Mein Bürgerrecht beschützt uns vor einem Volksgericht. Nicht vor einem Haufen namenloser Angreifer.«
Hinter uns wuchsen die Stimmen aus der Dunkelheit. Die Anonymität gab den aufgebrachten Mitgliedern der Bürgermiliz neuen Mut. Bald würden sie die Verfolgung aufnehmen.
Die unregelmäßige Landschaft der Grabstelen bildete ein unüberschaubares Labyrinth. Ich hatte Kurs auf die Agora genommen, hielt aber nun an der zerklüfteten alten Stadtmauer an, die sich als Silhouette vor dem Sternenhimmel abzeichnete. Hinter den Ruinen erstreckten sich die Ziegeldächer der außerhalb der Stadt liegenden Nekropolis, ihre Steinaltäre und Figuren zu den Bergen hin. Der Lärm hinter uns stieg an und fiel dann plötzlich wieder ab. Die Dunkelheit verstärkte die Geräusche.
»Wir schütteln sie draußen zwischen den Gräbern ab«, flüsterte ich.
Die größten Grüfte ähnelten kleinen Häusern, vor denen die Familien Essen und Becher mit Wein an den Türpfosten hinterlassen hatten. Trotz ihres elenden Alltags und ihrer Not hielten die Menschen an der Verpflegung der Vorväter fest.
Sarpedon schnappte nach Luft wie ein löchriger Blasebalg.
»Du musst mich zurücklassen«, flüsterte er.
»Still. Sie sind in der Nähe.«
Die Nacht schien sich auszudehnen, die Stille unendlich zu dauern, bis weniger als zwanzig Schritte entfernt eine Stimme erklang.
»Hier sind sie, hier drüben!«
Eilige Schritte und Fackelschein näherten sich.
Wir zwängten uns durch die scharfen Klauen eines dichten Gebüschs, krabbelten auf den Knien um einen halb eingestürzten Tempel, dessen Türöffnung so breit wie ein Tor war und in dessen tiefem Schatten wir uns versteckten, bis die Stimmen sich in Richtung Norden entfernten. Nicht, dass die Himmelsrichtungen länger von Bedeutung gewesen wären. Ich winkte Sarpedon den gleichen Weg zurück, den wir gekommen waren, er gestikulierte. Was soll das bringen, schien seine Gestik zu sagen. Ihm entfuhr ein überraschter Laut, als ich ihn fest von hinten trat.
Bald tauchten die Überreste der Stadtmauer wieder auf, wir rissen uns die Hände und Knie an ihrem unregelmäßigen Fundament blutig und fanden endlich einen Abschnitt, der niedrig genug war, um darüber zu klettern. Wir hielten inne und lauschten in die Dunkelheit.
»Sie sind immer noch draußen bei den Gräbern«, flüsterte er.
»Nicht mehr lange. Sie haben Hunde geholt.«
Das Hundegebell hallte von den Steinfassaden der Gräber wider. Die Rufe der Verfolger wurden lauter. Wir näherten uns wieder Solons Mausoleum.
Zu spät bemerkten wir den Trupp von Männern, der im Gras saß. Wir liefen aus der Dunkelheit und ihnen direkt in die Arme. Sie versuchten uns festzuhalten, ich schlug dem Hartnäckigsten mit meinem Ring auf den Nasenrücken, er fiel hin und fluchte in einer Fremdsprache. Ich zog Sarpedon mit mir, die Hunde waren nun links zu hören, wir änderten die Richtung.
»Dieser Mann«, flüsterte Sarpedon«, »er hat geflucht …«
»Ich habe ihn so fest geschlagen wie ich konnte.«
»… auf Skythisch.«
Die Bedeutung der Worte ging mir nur langsam auf. Bei Solons Mausoleum fanden wir den Polizeihauptmann vornübergebeugt. Sein Gesicht schien ins Gras zu tropfen. Mit seiner Schärpe versuchte er das Blut zurückzuhalten.
»Entschuldigung«, sagte ich.
Er schaute auf.
»Was macht ihr hier? Wieso seid ihr nicht zu Hause in Sicherheit?«
Ich erklärte die Situation und versprach, seine Nase zu behandeln, wenn er unsere Verfolger aufhalten würde.
»Wen?«, schaffte er zu sagen, bevor drei Hunde aus der Dunkelheit sprangen, mit Blutdurst im Blick und Schaum um die Zähne. Skyros’ Kollegen schlugen den einen mit den Knüppeln zu Boden und hielten die anderen beiden auf Abstand. Der Fackelschein näherte sich uns. Die Bürgermiliz hielt zehn Schritte entfernt an.
»Wer seid ihr?«, rief der bärtige Ankläger. »Warum helft ihr Flüchtigen, die unsere Jungen ermordet haben?«
»Ich bin Polizeihauptmann«, brüllte Skyros. »Das hier sind meine Männer.«
Die Bürgermiliz fing an, sich unter Verbeugungen zu entschuldigen und Erklärungen abzugeben. Skyros fertigte sie kurz ab.
»Demetrios und Sarpedon haben niemanden ermordet. Ich danke euch für euren Einsatz. Nun dürft ihr nach Hause gehen, die Polizei wird sich um den Rest kümmern.«
»Es ist so gut wie bewiesen«, protestierte der Ankläger, »dass der Pädagoge die Jungen ermordet und der Arzt ihn beschützt hat. Orthoboulos’ Zeugenaussage hat sie zur Strecke gebracht.«
»Orthoboulos?« Skyros sah sie der Reihe nach an. »Der König von Athens Unterwelt? Wie könnt ihr so naiv sein?«
Die Mitglieder der Bürgermiliz sahen sich an. Ihre Blicke wiederholten die Frage wortlos.
»Orthoboulos ist ein athenischer Bürger«, fing einer an. »Diese beiden da sind bloß Metöken.«
Diese beiden kurzen Sätze ließen den Skythen mit den Zähnen knirschen. Tief aus seinem Inneren holte er die Worte, die die Situation lösten.
»Ihr habt sicher verstanden, dass der Steinmetz vor zweiundzwanzig Jahren unschuldig war. Haltet ihr es wirklich für eine gute Idee, diesen Fehler zu wiederholen? Mit einem römischen Bürger?«
Die Männer murmelten und scharrten mit den Füßen im Gras.
Kurz darauf waren sowohl sie als auch die Hunde weg.
»Ich glaube, du hattest etwas davon gesagt, dass du dir meine Nase anschauen wolltest«, meinte Skyros.
»Wenn du mit mir nach Hause kommst, wird sie so gut wie neu sein.«
Er zog das Angebot in Erwägung.
»Das ist die Mühe nicht wert. Und wir haben viel zu tun.«
»Hat sich Richter Khitaides im Hinblick auf die Nachforschungen umentschieden?«
Skyros fasste die Frage wie einen Witz auf.
»Was ist ein Polizeikorps wert, das keine Verbrecher aufhalten kann? Der Mörder muss gefunden werden. Richter Khitaides und seine Vorbehalte können mich mal.«
XVI
Der Rauchgeruch, der schwer im Prothyron des Bordells hing, war nun auf geschmackvolle Weise mit Männerschweiß und Erbrochenem gewürzt. Auf den Kissen in der Ecke waren sich zwei Betrunkene in die Arme gefallen. Jeder von ihnen grölte ein Sauflied. Aus den angrenzenden Räumen waren andere Laute weniger unschuldiger Art zu hören. Es dauerte einige Zeit, bis unsere Anwesenheit registriert und Orthoboulos gerufen wurde. Während er sich vor dem Polizeihauptmann verbeugte, blinzelte er uns zu, als ob wir alte Freunde wären, die einen Witz teilten.
»Ich habe gehört, dass du die beiden heute am frühen Abend dem Gewahrsam der Miliz übergeben hast«, sagte Skyros.
»Das war meine simple Bürgerpflicht.« Orthoboulos schlug die Augen nieder. »Man hatte sie im Verdacht, etwas mit dem Tod meines Sklaven Getos zu tun zu haben.«
»Dieser Verdacht ist unbegründet.«
»Ich kann überhaupt nicht ausdrücken, wie sehr mich das freut. Kann mir der Polizeihauptmann in diesem Falle erzählen, wer der Verantwortliche ist?«
»Ich hatte gehofft, du könntest uns damit helfen.«
»Wie das, liebe Freunde?«
»Du kannst damit anfangen uns zu erzählen, wann du Getos’ Verschwinden bemerkt hast.«
Orthoboulos sagte, er habe Getos am Morgen acht Tage zuvor vermisst, als die letzten Kunden gegangen waren.
»Mit wem hatte er die Nacht verbracht?«
Die Stirn des Bordellbesitzers bekam Falten vor Bedauern.
»Selbst wenn ich denjenigen kennen würde, versteht der Polizeihauptmann wohl, dass ein Etablissement wie das meinige seinen Klienten volle Diskretion gewähren muss.«
»Wie sieht er aus?«
»Hierher kommen so viele verschiedene Menschen. Es ist leider unmöglich, sich an alle zu erinnern.«
»Wie lief die … Transaktion … ab?«
»Ich verstehe die Absicht des Polizeihauptmanns nicht.«
Skyros seufzte und massierte seine Schläfen. Er hatte genug. Mit einem drohenden Ausdruck beugte er sich über den kleinen, rundlichen Mann.
»Zeig mir das Zimmer und das Bett.«
Orthoboulos wirkte nicht länger so zuvorkommend, als er auf eine Tür zeigte. Der Polizeihauptmann rief einen Sklaven herbei und fragte, wo Getos gewohnt habe. Der Sklave richtete seinen Zeigefinger auf eine andere Tür.
Skyros starrte den König von Athens Unterwelt scharf an.
»Ach, ich dachte, das wäre egal«, lächelte Orthoboulos. »Die Zimmer sehen alle gleich aus. Dieses dort ist momentan leider belegt.«
Bevor er zu Ende gesprochen hatte, war Skyros fünf Schritte weitergegangen und hatte die Tür aufgetreten. In der kleinen Kammer kniete ein Mann mittleren Alters auf einem Bett. Auf dem Laken vor ihm ein nackter Junge, dessen Alter ich auf ungefähr zehn Jahre schätzte, auf allen vieren. Die kleinen Fäuste des Jungen waren in Erwartung des Schmerzes, der kommen würde, geballt. Sie sahen beide gleichzeitig auf. Ihre Blicke drückten völlig verschiedene Gefühle aus.
»Was bildet ihr euch ein«, schaffte der nackte Mann zu sagen, bevor Skyros ihn auf den Boden schlug und wie eine Stoffpuppe auf den Flur hinauswarf. Der Polizeihauptmann ließ uns andere hinein, schloss die Tür und hieß den Jungen, sich zu bedecken.
»Kanntest du Getos, der hier vorher gewohnt hat?«
Der Blick des Jungen suchte Orthoboulos. Mit Daumen und Zeigefinger griff Skyros nach seinem Kiefer und drehte das junge, glatte Gesicht zu seinem.
»Dein Herr kann dir nicht helfen, wenn du die Polizei anlügst«, sagte er. »Dann muss ich dich mit zum Gerichtsgebäude nehmen. Willst du das?«
Der Junge schüttelte den Kopf.
»Dann beantworte meine Frage. Kanntest du Getos und weißt du, was mit ihm passiert ist?«
»Du machst dem armen Jungen ja Angst«, mischte sich Sarpedon ein. »Lass mich mal. Hör zu, mein Freund, du hast nichts falsch gemacht. Wir wollen bloß wissen, was mit Getos passiert ist, damit wir verhindern können, dass es erneut geschieht.«
Der Pädagoge sprach eine Weile mit dem Jungen, der mit jedem Wort ruhiger wurde.
»Getos ist hier drinnen gestorben«, erzählte er schließlich. »Danach wollte keiner der anderen Jungen das Zimmer haben, daher hat mein Herr es mir gegeben. Ich habe sonst in der Küche gearbeitet. Aber ich bin ein hübscher Knabe geworden und wenn Getos’ Kunden mit mir zufrieden wären, könnte ich sie übernehmen. Das hat mein Herr versprochen.«
Skyros ignorierte Orthoboulos’ Versuch, sich in das Gespräch einzumischen.
»Woher wusstest du, dass Getos tot war?«
»Das wussten wir doch alle«, antwortete der Junge. »Wir haben seine Leiche gesehen.«
»Wo habt ihr sie gesehen?«
Der Junge deutete auf eine Ecke des Zimmers, wo eine hässliche Vase auf einem primitiven Tisch stand. Skyros fegte beide Teile weg und ließ die Fingerspitzen über die Fugen des Steinbodens gleiten.
»Du musst deine Waschfrau auspeitschen, Orthoboulos. In den Ritzen zwischen den Steinen ist immer noch Blut.«
Orthoboulos’ Gesicht durchlief eine seltsame Verwandlung. Die Brauen bewegten sich hoch zur Stirn, die Augenumgebungen schienen auf einmal wie Säcke die Wangen herunter zu hängen.
»Ach, das war das Schrecklichste, dessen ich in meinem Leben je Zeuge war. Der arme Getos hing mit dem Kopf nach unten, aufgeschlitzt wie ein Schlachtschwein. Seine Eingeweide lagen in einem Haufen auf dem Boden, überall war Blut.«
»Wieso hast du das nicht angezeigt?«
»Meine liebsten Freunde, ihr seht doch wohl ein, dass mich das meiner ganzen Kundschaft berauben könnte. Oder eine neue Klientel mit unpassenden Neigungen anziehen. Ich würde mein schönes Etablissement doch lieber nicht in ein Schlachthaus verwandelt sehen.«
»Wer war Getos’ letzter Kunde?«
»Glaubt mir, ich würde es sagen, wenn ich es wüsste. Aber ich kannte ihn nicht. Er hatte seinen Mantel über den Kopf gezogen. Er kam spät in der Nacht an. Er wählte Getos aus, bezahlte und ging wortlos hier hinein. Niemand hat gesehen, wie er das Haus wieder verließ.«
»Und du hast die Leiche in einem Brunnen verschwinden lassen, weil niemand wissen sollte, dass dein Bordell blutbesudelt war.«
Skyros ging eine Runde in der kleinen Kammer und blieb bei mir stehen.
»Was glaubst du?«, fragte er mich. »Lügt er?«
»Orthoboulos hat versucht, seinen Verlust zu ersetzen, indem er uns der Miliz überlassen hat. Er hätte den Schuldigen sicher längst verklagt, wenn er wüsste, wer er ist.«
Skyros musterte den kleinen, runden Bordellbesitzer, der auf der Bettkante zusammengesunken war. Ich selbst konnte den Blick nicht von dem Jungen wenden, der versuchte, seinen dürren, nackten Körper mit dem schmutzigen Kissen zu bedecken.
Er würde kaum überleben, bis er in dein Alter käme, mein Sohn. Der Tod würde wie eine Befreiung sein. Wenn ich Wunden und Schrammen behandelt habe wie die, die Kinder bei der Ausführung ihrer Pflichten bekommen haben, bin ich erschüttert nach Hause zu meiner Familie gegangen und habe den Göttern für die Gnade gedankt, die sie uns geschenkt haben.
»Lass uns einfach sagen, dass ich dir bis auf Weiteres glaube, Orthoboulos«, sagte Skyros. »Wenn du gelogen hast, wird es für dich selbst am schlimmsten.«
»Ich kaufe den Jungen«, sagte ich.
Skyros und Sarpedon starrten mich verständnislos an.
Orthoboulos’ Hängemaske verwandelte sich langsam in ein Lächeln.
»Das wird leider nicht billig. Er hat gerade erst angefangen zu arbeiten. Die zukünftigen Einnahmen müssen in Betracht gezogen werden.«
»Du kannst die fünfzig Drachmen behalten, die du mir abgeschwindelt hast. Der Rest der Bezahlung wird mein Schweigen darüber, was sich hier abgespielt hat.«
Orthoboulos bebte vor gerechter Empörung.
»Das ist Erpressung. Das muss ich mir nicht bieten lassen!«
»Ich fürchte doch«, erklärte Skyros. »Der Pädagoge und ich sind Zeuge des Handels. Zieh dich an, Junge. Du gehst mit deinem neuen Herrn nach Hause.«
Draußen vor dem Bordell wandte sich der Polizeihauptmann an mich und den Jungen, der sich unter meinem Arm zusammenkauerte.
»Dein gutes Herz wird dich in den Ruin treiben, Demetrios«, meinte er und lächelte.
»Ich weiß nicht, was du meinst. Ich habe die Chance gesehen, mir billig einen jungen Sklaven zuzulegen, und sie ergriffen.«
»So war es wohl. Tust du mir einen Gefallen und hältst dich aus den Nachforschungen raus? Es sei denn, ich bitte dich um Hilfe?«
»Ich verspreche es, Skyros. Die sind gewiss in guten Händen.«
XVII
Selbst intelligente Menschen sind imstande, sich selbst zu belügen. Sarpedon hatte sein Sexualleben immer damit verteidigt, dass die jungen Männer, die er verehrte, eine Wahl hätten. Niemand zwang sie dazu, sich selbst zu verkaufen. Auf dem Heimweg nach Koile konnte er mich nicht ansehen. Aelia hingegen konnte das sehr wohl, als sie von meiner Neuanschaffung hörte.
»Ich habe ihn billig bekommen«, verteidigte ich mich. »Er kann Lydia in der Küche zur Hand gehen.«
»Glaubst du, sie wird dir dafür danken?«
»Lydia hat mir nie für irgendetwas gedankt. Es würde mich wundern, wenn sie jetzt damit anfinge.«
Aelia stemmte die Hände in die Hüfte und holte Luft für weitere Proteste. Das rotbraune Haar umgab Philomelas Gesicht wie eine Wolke, als sie den Kopf aus der Kammer steckte.
»Streitet ihr euch?«
»Natürlich nicht«, widersprach ich. »Komm und triff unseren neuen Sklaven.«
Sie musterte den Jungen, der auf der Stuhlkante saß.
»Wie heißt er?«
Mir war gar nicht in den Sinn gekommen, ihn danach zu fragen. Der Junge saß mit verschränkten Armen da und studierte den Fußboden. Sarpedon rückte die Öllampe näher, ging in die Hocke und legte ihm die Hand aufs Knie.
»Du kannst ganz ruhig sein«, sagte er. »Demetrios und Aelia werden sich gut um dich kümmern. Philomela wird wie eine Schwester für dich sein. Du sollst bloß in der Küche helfen.«
»Aber ich hatte es gerade aus der Küche rausgeschafft!« Der weinerliche Junge presste das Kinn auf den Brustkorb. »Orthoboulos hatte mir versprochen, dass ich mein eigenes Geld verdienen würde. Sodass ich mich eines Tages freikaufen könnte.«
»Dieser Schuft hätte dich nicht einen Obolus behalten lassen«, sagte ich. »Und überleg mal, was du für das Geld hättest tun müssen.«
»Ich sollte doch nichts anderes machen als die anderen Jungen auch. Ich hatte Glück, die Erlaubnis zu bekommen, so früh anfangen zu dürfen. Das hat Orthoboulos selbst gesagt. Und es gab viele, die neidisch darauf waren, dass ich mein eigenes Zimmer bekommen habe.«
»Wo einer deiner Kameraden ermordet wurde?«
Der Junge nickte langsam.
»Das stimmt schon. Aber ich habe dort drinnen nie seinen Daimon gesehen. Nach den ersten Nächten hatte ich überhaupt keine Angst. Und Orthoboulos hat dafür gesorgt, dass ich die ganze Zeit Gesellschaft hatte. Man bekommt bei Orthoboulos die Erlaubnis, sich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, das kann ich dir versichern.«
»So eine Art von Arbeit wirst du in diesem Haus nicht machen«, betonte Aelia und schielte zu Philomela, die glücklicherweise nicht zu verstehen schien. »Geh jetzt zu Lydia. Da entlang.«
Der Junge drehte sich in der Küchentür um und sagte, er heiße Krito. Aelia betrachtete Sarpedon, der den Boden mit auffallender Intensität studierte.
»Es ist spät«, sagte sie schließlich. »Philomela, ins Bett mit dir.«
Deine Schwester ließ sich unter Protest zurück in die Kammer jagen. Ich folgte Aelia ins Schlafzimmer. Als die Tür geschlossen war, schlang sie die Arme um mich und drückte sich lange an mich. Ich war klug genug, nicht mit Reden anzufangen.
»Du bist ein guter Mann«, sagte sie endlich. »Aber unser Sohn ist immer noch auf dem Weg nach Rom. Keiner von uns weiß, ob wir ihn wiedersehen. Das ist ein schlechter Zeitpunkt für einen solchen Kauf.«
»Wäre Krito in diesem Bordell geblieben, wäre er verloren gewesen.«
Das war eine Wahrheit, die nicht zur Debatte stand. Sie wechselte das Thema.
»Hast du mal darüber nachgedacht, warum du heute Morgen keine Patienten hattest?«
»Es hat schon andere Tage ohne Patienten gegeben.«
»Nicht in den vielen letzten Jahren.«
Ohne das Vertrauen der Athener hatte ich keine Patienten. Ohne Patienten verdiente ich kein Geld. Verdiente ich kein Geld, würden wir in der Gosse enden.
»Morgen früh musst du dich einer Reinigung in der Akropolis unterziehen«, stellte sie fest.
Ich konnte ihr nicht erzählen, dass es vermutlich schlimmer stand, als eine Reinigung in Ordnung bringen könnte. Ich begnügte mich mit einem Nicken.
»Und danach kannst du mit einem frischgebackenen Laib Weißbrot, einem Käse und ein paar Honigkuchen zu Demetrianus gehen. Das sollte ihn dazu bringen, diese Reise zu überdenken.«
XVIII
Die Arbeiten in der Küche begannen vor Sonnenaufgang, während ich noch im Bett lag. Lydias Widerwillen gegenüber Morgenroutinen konnte man an Aelias Stimmlage ablesen, die im Maß ihrer Verärgerung anstieg. Der Nutzwert unserer Haushälterin war eine Illusion, die längst verschlissen war.
Das Gewicht, das die Matratze niederdrückte, ließ mich die Augen öffnen. Krito saß am Fußende, halb abgewandt, seine Beine baumelten von der Bettkante.
»Was machst du hier?«, fragte ich.
»Ich beginne den Tag immer im Schlafzimmer.«
»Womit?«
Die Antwort kam in Form eines unterdrückten Seufzers. Er zog die abgenutzte Tunika über den Kopf. Nackt hob er die Decke an und begann zu mir zu krabbeln. Sein halbgeöffneter Mund suchte meinen Schoß.
Die Brutalität, mit der ich ihn wegschubste, überrumpelte ihn. Sie war von meiner Abscheu gegen Orthoboulos’ morgendliche Gewohnheiten genährt.
Krito erhob sich und rieb sich den Ellbogen, den er sich auf dem gestampften Lehmboden angeschlagen hatte. Obwohl er erst vor Kurzem aus der Küche herausgekommen war, musste er Zeuge von fast allem geworden sein. Seiner Erfahrung nach musste er mit jeder Laune rechnen. Keine Perversion würde ihn überraschen. Er wartete gleichmütig meinen nächsten Zug ab.
»Ich habe dir doch gesagt, dass es hier keine von dieser Art Pflichten gibt«, sagte ich.
»Aber wie soll ich dann jemals freikommen?«
Seine Enttäuschung war greifbar. Die Möglichkeit, die Freiheit zu erhalten, hing unlöslich mit der Bereitwilligkeit zusammen, alle Arten von sexuellen Wünschen zu erfüllen. Orthoboulos’ Weise Sklaven zu halten erfüllte mich mit einem Hass, den Krito in meinen Augen las und der ihn zurückweichen ließ wie einen geprügelten Hund.
»Hör mal, Krito.« Ich bemühte mich, Sarpedons ruhigen Tonfall nachzuahmen. »In einem normalen Zuhause werden Sklaven freigelassen, wenn ihr Herr der Meinung ist, dass sie den Preis aufgewogen haben, den er für sie ausgegeben hat.«
»Wirklich?«
»Es gibt immer welche, die ihre Sklaven lieber behalten wollen als ihnen die Chance auf ein selbstständiges Leben zu geben. So ein Dominus bin ich nicht.« Die Stirn des Jungen spannte sich in kindlicher Konzentration. Der Mund wurde zu einem Strich in dem kleinen, runden Gesicht. Die Frage war sofort aufgekommen, aber es war ein Kampf für ihn, sie zu formulieren.
»Wie lange soll ich für 50 Drachmen arbeiten?«
»Fünf bis sechs Jahre, wenn du fleißig bist.«
Die Überraschung war so groß, dass seine Beine nachgaben. Die nackten Fußballen klatschten auf den Fußboden. Nach einer Pause hatte er eine neue Frage.
»Es wirkt nicht so, als ob Lydia so viel wert wäre. Wieso hast du sie so lange behalten?«
Meine und Lydias gegenseitige Dankbarkeit ließ sich für Außenstehende nicht ohne Weiteres erklären. Ich begnügte mich damit zu erzählen, dass sie sich dafür entschieden hatte, bei uns zu bleiben und uns zur Hand zu gehen.
»Wäre sie nicht lieber frei?«, wollte er wissen.
»In Athen kann es für eine Frau ziemlich schwer sein, zurechtzukommen.«
»Ich wäre ganz sicher lieber frei.«
Die Sicherheit des Jungen brachte mich zum Lächeln.
»Das ist leider nicht mit dem Wunsch allein getan. Wenn man kein Geld verdienen kann, muss man es leihen. Und je ärmer man ist, desto höhere Zinsen muss man dem Verleiher bezahlen. Wenn man seine Zinsen und Raten nicht bezahlt, wird man ganz schnell wieder Sklave.« Diese vereinfachte Auslegung des Lebens in einer Stadt gab ihm zu denken.
»Lydia kann nur den Haushalt besorgen«, fuhr ich fort. »Was sollte aus ihr werden, wenn wir sie rausschmeißen würden? Und was soll aus dir werden, wenn du einmal frei sein wirst?«
Es kostete ihn weitere Augenblicke der Denktätigkeit, um die Antwort in Form einer weiteren Frage zu stellen.
»Vielleicht könntest du mir beibringen, Arzt zu werden?«
Schlechte Erfahrungen haben mich vorsichtig damit werden lassen, anderen Hoffnungen zu machen. Das Talent für die Medizin ist nicht jedem vergönnt.
Du erinnerst dich sicher selbst an das erste Mal, als ich dich zu einem Krankenbesuch mitnahm, mein Sohn. Ich hatte einen Patienten mit einem Geschwür am Fuß ausgewählt. Die Behandlung war einfach, die Anforderungen an dein Mitwirken minimal. Du warst kaum älter als acht Jahre – im gleichen Alter wie ich, als ich anfing bei den Konsultationen meines Vaters zu helfen.
Schon während ich Wasser über dem Feuer im Kohlenbecken erhitzte, bemerkte ich, dass du dich unwohl fühltest. Trotzdem bestand ich darauf, dass du das Messer führen solltest und tat die Zweifel des Patienten ab. Du hast seinen Fuß mit Essigwasser gewaschen. Ich habe dich ermutigt weiterzumachen, obwohl die Spitze des Skalpells in deinen Händen gezittert hat. Als du das Loch geschnitten hast und der Eiter herausströmte, in das Leintuch, das ich hinhielt, hast du ohne Zögern reagiert: Du hast dich über den Tisch, den Patienten und sein Geschwür erbrochen.
Um uns die Schande zu ersparen, schickte ich dich fort. Ich denke, das hast du bereits damals verstanden. Der Patient verlangte, dass ich dir eine Tracht Prügel verpasste. Ich bin seiner Forderung nie nachgekommen.
»Kannst du es ertragen, Blut zu sehen?«, fragte ich nun Krito. »Was hast du gefühlt, als du Getos’ Leiche gesehen hast?«
Der Junge wagte noch nicht, sich sicher zu fühlen. Der plötzliche Themenwechsel machte ihn unruhig.
»Falls dir schlecht wird, wenn du Blut siehst«, erklärte ich »solltest du nicht damit rechnen, dass du Arzt werden kannst.«
Die Logik der Erklärung ließ ihn sich entspannen.
»Getos war nicht immer nett zu mir«, sagte er. »Eigentlich war er ziemlich fies. Aber ich finde nicht, dass er es verdient hat, so zu sterben. Das Blut hat mir nichts ausgemacht. Ich habe oft Erbrochenes und alles Mögliche sonst vom Boden aufgewischt.«
Zweifelsohne hatte sein Heranwachsen zu einer gewissen Verrohung geführt. Trotz allem hatte er nicht die Fähigkeit verloren, Mitgefühl zu empfinden. Empathie ist eine ebenso wichtige Eigenschaft für einen Arzt wie Dickfelligkeit.
»Krito, ich kann mir gut vorstellen, dass du Arzt werden kannst.«
Die großen Augen leuchteten vor Eifer.
»Wann kann ich anfangen?«, fragte er.
»Nicht heute. Ich habe einige Aufträge. Und du musst übrigens damit rechnen, dass es viele Jahre dauern wird.«
Falls ich nie wieder einen Patienten kriegen würde, könnte er ein ganzes Leben warten. Aber in diesem Augenblick fand ich Trost in der Erwartung des Kindes an die Zukunft. Vielleicht war die heller, als ich es mir vorstellte.
»Ich habe dem Polizisten übrigens nicht alles erzählt.« Kritos Gesicht verriet ein schlechtes Gewissen. »An dem Abend, als Getos gestorben ist.«
»Hast du doch das Gesicht des Mörders gesehen?«
»Nein, aber gleichzeitig mit ihm ist ein anderer Mann angekommen. Er hat mit Orthoboulos geredet und ist ihm dann nach oben ins Kontor gefolgt.«
»Würdest du ihn wiedererkennen?«
Der Junge nickte und holte Luft, um fortzufahren. Er wurde von Aelia unterbrochen, deren Gesicht noch von der Hitze des Ofens glänzte. Sie berichtete, dass Sarpedon früh aufgewacht sei und sich heim zum Piräus begeben habe. Die Ereignisse der letzten Tage hatten ihn etwas nachdenklich werden lassen.
Ein Geschirrtuch, das nachlässig über den Korb an ihrem Arm gelegt war, verbarg nur zur Hälfte den frischen Brotlaib, der seinen Duft im Schlafzimmer verbreitete. Sie hielt inne, als sie den nackten Jungen vor dem Bett erblickte.
»Ich habe Krito gerade gesagt«, erklärte ich, »dass er nicht in diesem Fetzen rumrennen wird. Wenn du den Schrank öffnest, Krito, und im untersten Fach schaust, findest du eine Tunika, von der ich glaube, dass sie dir passen könnte. Die blaue mit der roten Borte am Hals.«
Der Junge hielt die Tunika vor sich hoch.
»Ich hab noch nie so etwas Feines besessen«, sagte er leise.
»Dann rechne ich damit, dass du darauf aufpasst. Und jetzt ab mit dir zu Lydia.«
Voller Ehrfurcht verschwand Krito lautlos.
Aelia warf mir einen unergründlichen Blick zu.
»Diese Tunika hat deinem Sohn gehört«, sagte sie.
»Ist es nicht besser, dass jemand Freude daran hat?«
XIX
Hinter dem Tor der Akropolis führt eine steile Treppe vom Vorhof zu dem schmalen, gewundenen Pfad in Richtung des Säulenportals der Propyläen hinauf. Statuen von Helden und Göttern starren mit ihren bemalten Augen auf einen hernieder, während man sie passiert.
Auf dem Platz im Inneren erhebt sich die vierzig Fuß hohe Bronzestatue von Pallas Athene über die Dächer der Gebäude. Ihr vergoldeter Helm und die Lanzenspitze, die man bis zum
Kap Sounion sehen kann, haben seit Jahrhunderten Seefahrer aus der ganzen Welt zum Piräus geleitet.
Vor dem Parthenon bleibt man unwillkürlich stehen, um die einzigartige Schönheit des Tempels zu bewundern. Obwohl er die römischen nicht an Größe übertrifft, ist er ihnen künstlerisch und architektonisch weit überlegen. Auf dem Giebelfries über dem Eingang thronen die Götter des Olymps, aus attischem Stein gehauen und so lebensecht bemalt, dass man eine Gänsehaut bekommt. Die Darstellung des panathenäischen Umzugs auf dem Fries zwischen den inneren Säulen verblüfft immer mit seiner Echtheit, als ob es ein Abbild eines Festes zur Ehre der Göttin vom letzten Sommer wäre und nicht der Eindruck des Künstlers Phidias von den Ereignissen, die vor mehr als 400 Jahren stattfanden.
Du wunderst dich vielleicht darüber, mein Sohn, dass ich Zeit darauf verwende, dir diese einzigartigen Kunstwerke zu beschreiben, die du immer mit provozierender Gleichgültigkeit betrachtet hast. Aber ich bin dazu verdammt, sie mir wieder in Erinnerung zu rufen. Diese Worte sind als Prolog meiner Abreise geschrieben. Es ist zweifelhaft, ob ich den Tempel wiedersehen werde.
Im Saal des Parthenons scheint der Kopfschmuck der goldgekleideten Statue der Beschützerin der Stadt die ausgeschnittenen Reliefs der Decke zu berühren. Jadeschlangen, die Schutz unter Athenes Schild suchten, streckten ihre zweigeteilten Zungen in meine Richtung, wie um vor kommenden Enttäuschungen zu warnen. Ein Tempelsklave gab mir die Auskunft, dass sich der Hohepriester im Opisthodomos-Saal auf der Rückseite des Tempels befände.
Chryses beurteilte die Restauration der Wandmalereien, die immer noch halb verborgen hinter den Gerüsten der Maler lagen. Über uns trafen sich Götter und Titanen in furchtbaren Kämpfen, Welten brachen zusammen, Himmel fielen herab. Chryses räusperte sich und nickte leutselig.
»Die Handwerker haben ein schönes Stück Arbeit geleistet«, stellte er fest.
»Prächtig. Aber nun gibt es wohl keine weiteren Restaurationen mit Atticus’ Mitteln?«
Die Frage weckte seine Erinnerung an die Abendgesellschaft des Mäzens.
»Hrm-hrm! Was willst du?«
»Ich komme, um dich zu bitten, meine Reinigung auszuführen.«
Der Hohepriester raffte sein langes, weißes Gewand hoch und winkte mich mit nach draußen. Schnell schritt er voran, die Brustwehr entlang. Unter uns lagen die halbkreisförmigen Zuschauerreihen des Dionysostheaters und die südlichen Viertel der Stadt in der Vormittagssonne. Außer Hörweite gestikulierte Chryses in Richtung der fernen Küstenlinie.
»Bring deine Familienmitglieder dazu, dir Wasser aus der Bucht von Zea zu holen. Dann musst du ein Schwein schlachten, das Blut mit dem Meerwasser vermischen und darin baden. Wenn du danach den Kadaver zu Asche verbrennst, sodass die Götter das ganze Opfer bekommen, bist du so rein wie ein Neugeborenes. Als Arzt musst du eine solche Zeremonie doch schon hunderte Male ausgeführt haben.«
Nachdem er mich gründlich instruiert und darauf angespielt hatte, dass mangelndes Wissen über die obligatorischen Rituale und ihre Ausführung meine Verdammnis umso verdienter machte, räusperte Chryses sich zufrieden und begann in Richtung Tempel zurückzugehen.
»Das Ritual hätte sicher mehr Gewicht«, sagte ich zu seinem Rücken, »wenn es von Athenes Hohepriester durchgeführt würde.«
Er drehte sich nur halb um, als er antwortete. »Was du meinst, ist, dass du eine Reinigung in aller Öffentlichkeit brauchst, damit deine Patienten das Gefühl haben, sich wieder an dich wenden zu können?«
Eine Kunstpause gab mir die Gelegenheit, bestätigend zu antworten. Als meine Reaktion ausblieb, fuhr er mit einer gut vorbereiteten Zurechtweisung fort.
»Du musst größere Demut gegenüber dem Willen der Schicksalsgöttin Tyche zeigen. Unterwirf dich deinen Prüfungen, Demetrios. Hrm-hrm. Ich bin ein öffentlicher Beamter. Ich kann nicht Einzelpersonen Dienste erweisen, die über meine staatlichen Verpflichtungen hinausgehen.«
»Vor ein paar Tagen bei Atticus wirkte es nicht so, als ob du diese Art Vorbehalte hättest.«
Chryses zögerte nur einen Augenblick. Das war genug. Wohl um mir zu erzählen, dass dieser Verzicht nicht seine eigene Idee war. Er räusperte sich kräftig und anhaltend.
»Was ich im privaten Rahmen gesagt habe, geht die Öffentlichkeit nichts an. Es soll nicht heißen, dass ein Quacksalber, der in Verbindung mit mehreren gewaltsamen Todesfällen gebracht wird, sich beim Priester des Staates den Ablass kaufen kann.«
»Quacksalber? Ich bin der fähigste Arzt der Stadt.«
»Viele würden sagen, dass diese Äußerung Hybris ist. Und deine Probleme Nemesis.«
Die Tür zwischen uns war definitiv geschlossen. Es spielte keine Rolle, ob ich dagegentrat.
»Du hast mich sonst oft genug deine schlechte Verdauung behandeln lassen. Zu einem sehr angemessenen Preis, wenn du in seltenen Fällen mal bezahlt hast.«
»Daran erinnere ich mich nicht. Hrm-hrm. Du tust auch klug daran, es zu vergessen, wenn du weitere Schwierigkeiten vermeiden willst.«
XX
Eine Stunde später bot mir Atticus in seinem üppigen Garten einen Becher verdünnten Wein an, während ich ihm von dem Gespräch in der Akropolis erzählte.
»Leider ist das überhaupt nicht überraschend.« Er strich sich mit der Hand über den blonden Vollbart. »Chryses hat sein Amt zu lange innegehabt. In alten Zeiten wurden jedes Jahr neue Priester gewählt. Das hat ihrer Machtvollkommenheit einen Dämpfer aufgesetzt.«
»Das war keine Machtvollkommenheit. Das war Angst. Jemand hat gewünscht, dass ich weiterhin ausgestoßen bleiben sollte. Jemand mit genügend Macht, um Athenes Hohepriester unter Druck zu setzen.«
»Jemand, der wusste«, machte Atticus ruhig weiter, »was bei meinem Abendessen gesagt wurde.«
Das Haus schien vor Aktivität zu vibrieren. Alle Sklaven waren damit beschäftigt, den letzten Hausrat in große Kisten zu packen. Von unserem Platz unter einem der Bäume des Gartens hörte man den Lärm nur schwach.
»Ich bin nicht gekommen, um mich zu beklagen«, sagte ich endlich. »Ich habe einen Korb mit Leckereien von meiner Frau dabei. Sie hofft, er kann Demetrianus’ Reiselust mäßigen.«
Atticus runzelte die Stirn.
»Ich fürchte, sie wird enttäuscht. Dein Sohn ist versessener denn je darauf, Rom zu sehen. Sobald er einen Becher Wein intus hat, spricht er von nichts anderem.« Er betrachtete den Boden seines eigenen Bechers. »Ich bin ehrlich gesagt überrascht darüber, dass ein so junger Mann so kräftig zulangen kann.«
Das Blut wärmte mein Gesicht. Nicht vor Stolz.
»Wenn mein Sohn dir Kosten verursacht, werde ich sie dir selbstverständlich erstatten, Atticus.«
»Unsinn. Ich kann all diese Amphoren ohnehin nicht mitnehmen. Lass ihn eben den Kummer ertränken. Das macht den Abschied hoffentlich ein bisschen leichter.«
Er unterbrach meine gestammelten Dankesworte.
»Ich wünschte, ich könnte mehr tun. Ich habe nicht vergessen, dass deine Probleme an dem Tag begannen, an dem du hinzugerufen wurdest, um eine Leiche zu studieren, die in meinem Lagerhaus lag.«
»Es war kein Zufall, dass sie dort lag«, meinte ich. »Vielleicht wollte dich jemand an der Abreise hindern?«
Seine milden Augen trafen meine.
»Wirkt es nicht ein kleines bisschen übertrieben, ein Kind auf diese bestialische Weise totzuschlagen, nur um meine Abreise zu verzögern? Denn es ist nur die Rede von einer Verzögerung. Die Melpomene läuft in drei Tagen aus. Nichts kann das verhindern.« Atticus lehnte sich zurück, wie in einer unbekümmerten Konversation. »Ich habe Chryses gebeten, an den Kai im Piräus zu kommen. Er soll eine Reinigungszeremonie abhalten. Sowohl für die Ladung als auch für die Seeleute, die die Leiche gefunden haben. Wenn du und Sarpedon euch nun darunter befändet, würde es euch mit einschließen. Chryses kann sich nicht weigern.«
»Wieso nicht?«
»Weil ich dann stattdessen einem Priester aus Piräus diese Ehre anbiete.«
Der Prestigeverlust, den Wohltäter Athens mit dem Segen eines anderen auf See geschickt zu haben, wäre für Chryses untragbar.
»Ich danke dir, Atticus, aber viel schlimmer ist, dass ich meine römische Bürgerschaft enthüllt habe. Der Hass der Leute gegenüber den Römern lässt sie vergessen, dass ich seit zwanzig Jahren ihre Krankheiten und Gebrechen geheilt habe.«
»Nicht alle Römer sind verhasst.«
»Du bist eine Ausnahme.«
»Genau deswegen kann es sein, dass deine Patienten zurückkehren, wenn ich öffentlich auftrete und dich empfehle. Du könntest sogar neue Patienten unter der römischen Bevölkerung der Stadt in Agrai bekommen.«
Trotz des generellen Misstrauens der Römer gegenüber Ärzten könnte Atticus’ Empfehlung die weniger Verbohrten dazu bringen, mich aufzusuchen. Hätte ich einen Assistenten, der zweifelsfrei Grieche war, könnten auch die Athener zurückkommen – so lange es hieße, dass ich nur die Aufsicht führte. Überdies würde es die Möglichkeiten meines Schülers verbessern, selbst Karriere zu machen. Weitere Überredungen waren unnötig.
»Wenn du mir diesen Gefallen tätest, wüsste ich nicht, wie ich dir danken soll, Atticus.«
Ohne zu antworten stand er auf und ging nach drinnen. Kurz darauf kehrte er mit einem Stapel Wachstafeln und Papyrusrollen zurück, den er mir reichte.
»Das ist meine Korrespondenz mit Cicero in Rom. Ich würde dich bitten, sie für mich aufzubewahren.« Mein Blick sagte ihm, dass er etwas weiter ausholen musste. »Wie ich dir letztens erklärt habe, kandidiert Catilina dieses Jahr bei der Konsulwahl. Er und Caesar reisen mit an Bord der Melpomene. Es wäre eine Katastrophe, wenn ihnen die Geheimnisse, die diese Briefe hier beinhalten, in die Hände fielen. Ich glaube mittlerweile, dass derjenige, der in das Lagerhaus eingebrochen ist und meine Ladung durchsucht hat, nach diesen Briefen gesucht hat.«
»Hast du auch eine Theorie darüber, warum er eine Leiche hinterlassen hat?«
Zum ersten Mal an diesem Tag verließ das freundliche Lächeln Atticus’ bärtiges Gesicht. In einer Mischung aus Kummer und physischem Unbehagen schüttelte er den Kopf.
»Wenn du Caesar und Catilina nicht traust«, fuhr ich fort, »wieso nimmst du sie dann mit an Bord?«
Er zögerte, beschloss jedoch, mir zu vertrauen.
»Das Schiff ist klein. Catilina ist schwatzhaft. Vielleicht höre ich unterwegs etwas, das für Cicero von Vorteil sein kann.«
»Aber wieso vertraust du mir die Briefe an? Du hast mich erst zwei Mal getroffen.«
»Das werden alle anderen auch denken. Und ich kann die Briefe nicht hierlassen. Das Haus wird vermietet. Ich weiß noch nicht an wen. Ich hatte eine Vereinbarung mit einem Römer, er ist jedoch abgesprungen.«
Atticus’ Blick war fest und überzeugt. »Du bist heute zufällig hierhergezogen mit einem Korb Brot und Kuchen für deinen Sohn. Niemand kann sich vorstellen, dass du eine Handvoll Briefe mit nach Hause nimmst. Und du würdest mir wie gesagt einen großen Gefallen tun. Einen Gefallen, der das, was ich für dich tue, reichlich aufwiegt.«
Ich prüfte das Gesicht des freundlichen Mannes, entdeckte darin aber nichts anderes als den aufrichtigen Eifer, sowohl seine eigenen als auch meine Probleme zu lösen. Ich ließ ihn die Briefe auf den Korbboden legen, das Tuch, in dem das Brot gelegen hatte, nachlässig darüber geworfen.
XXI
Eine kleine, blaugekleidete Gestalt sprang von der Gartenmauer, auf der sie gehockt hatte, und lief mir entgegen. Krito blieb stehen und wartete zehn Schritte entfernt. Er folgte mir zurück zum Haus, ein schweigender Ausdruck der Vertrautheit zwischen uns. Er lief das letzte Stück und hielt mir die Tür zum Innengarten auf.
»Ich brauche keinen Türsklaven. Ich brauche einen Assistenten.«
Der barsche Ton ließ ihn sich ducken. Dann ging ihm die Bedeutung der Worte auf und er strahlte vor Stolz.
Drinnen saß Philomela in der Hocke zwischen dem Gemüse.
»Wie lief es heute mit Krito?«, erkundigte ich mich.
Sie sah zu dem Jungen, der die Tür zum Haus hinter sich hatte offenstehen lassen.
»Er hat sich jedenfalls schon mit Lydia angefreundet.«
Wenn das der Fall war, musste es als ein großer Sieg für das soziale Talent des Jungen angesehen werden.
»Wie?«
»Er hat sich in die Küche gesetzt, nachdem du gegangen warst. Als Lydia fragte, was er dort mache, sagte er, er wolle zusehen, was sie tue, damit er lernen könne, tüchtig zu werden. Es ist lange her, dass ich Lydia habe lächeln sehen. Es war beinahe erschreckend.«
Lydia hatte nie von irgendwem Lob bekommen, obwohl sie es verdient hätte. Man könnte sagen, sie war seit zwanzig Jahren geduldet worden. Das hatte kaum als Ansporn gewirkt.
»Und dann hat sie einen Kuchen gebacken«, fuhr Philomela fort.
»Lydia hat gebacken? Für Krito?«
»Kann doch sein, dass sie heute Morgen von Mama inspiriert wurde. Ich habe ihn probiert. Ich hätte lieber einen Stein verschluckt. Aber Krito hat gesagt, dass er ihn mag.«
Der Junge hatte instinktiv das Bedürfnis unserer Haushälterin für Bestätigung erfasst und es erfüllt. Empathie war eine Eigenschaft, die ihn weit bringen konnte. Ich sah meine Tochter an und fühlte den Drang, seinem Beispiel zu folgen.
»Was ist mit dir? Wie war dein Tag?«
Sie schaut auf und pustete eine rotbraune Strähne zur Seite.
»Interessiert dich das?«
Bevor ich antworten konnte, klopfte es an der Haustür. Ich ging hin und öffnete.
Ein Mann, den ich auf Mitte dreißig schätzte, hob die Hand zum römischen Gruß. Seine dunklen Haare waren kurz geschnitten und grau meliert. Seine Tunika war aus rot- und braungestreiftem Leinen in einer ausgesuchten Qualität genäht. An seinem Mittelfinger glänzte ein vergoldeter Bürgerring. Sein Lächeln erreichte die Augen nicht, die mich einer Leibesvisitation unterzogen. Er war groß und breit, und offenbar war mit ihm nicht zu spaßen.
»Salve. Mein Name ist Titus Aelius Volturcius.«
»Lucius Cornelius Demetrios«, stellte ich mich nach einem Augenblick des Überlegens vor. War er auf Atticus’ Empfehlung hingekommen, war es am besten, sich an Latein zu halten.
»Du stammst doch wohl nicht aus der Familie Cornelius?«
Die Augen des Mannes lächelten nun auch, allerdings nicht aus Freude. Eher war es eine Art Erwartung, die mir entgegenströmte.
»Ich wurde vor zwanzig Jahren von Lucius Cornelius Sulla freigelassen.«
»Also bist du der, den ich suche. Mein Vater kannte Sulla ebenfalls. Es ist ganz unglaublich, einen römischen Medicus hier in Athen zu treffen.«
Genauso unglaublich war es in Rom gewesen, wo alle im Arztberuf – selbst die Römer – einen griechischen Akzent imitierten, um das Misstrauen der Patienten zu überwinden.
»Was sind die Symptome des Herrn?«, fragte ich. »Ich werde mein Bestes tun, um zu helfen.«
Er sah mich einen Augenblick mit gespielter Überraschung an, bevor er sich zu einer Erklärung herabließ, die zu gut vorbereitet war, um spontan zu sein.
»Ich habe dich nicht aufgesucht, um ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Mein Besuch ist gemeinsamen Bekannten geschuldet. Du hast doch sowohl Caesar als auch Catilina getroffen, und ebendieser Caesar hat mir von dir und deiner Familie erzählt. Deswegen bin ich nun gekommen, damit ich meine Nichte treffen kann.«
Langsam verstand ich, ohne ganz zu verstehen. Die Ausschlussmethode half mir. Es gab nur eine Person unter meinem Dach, deren Namen eine Verwandtschaft mit einem Römer der Familie Aelius vermuten ließ.
»Du meinst Aelia?«
Titus Aelius schwieg, während er versuchte herauszubekommen, wie viel mir meine Frau erzählt hatte. Als er zu seiner Schlussfolgerung gelangt war, lächelte er wieder.
»Leider ist es sehr lange her, dass ich den Kontakt mit meiner großen Schwester, Aelias Mutter, verloren habe. Sie hat unter ihrem Stand geheiratet. Unser Vater war ein Stoiker der alten Schule. Er verbot mir, meine Schwester zu sehen. Aber als ich hörte, dass ihr Mann gestorben sei und sie in tiefer Armut zurückgelassen hatte, versuchte ich alles, um sie aufzuspüren. Du weißt sicher selbst, wie schwer es sein kann, jemanden in den Elendsvierteln Roms zu finden.«
Schleppende Stimmführung. Selbstbestätigendes Nicken. Nach unten gezogene Mundwinkel. Schnelle, ausweichende Augenbewegungen. Titus Aelius hatte während seines kurzen Berichtes sämtliche kleine Anzeichen einer Lüge demonstriert. Darüber hinaus wurde seine Glaubwürdigkeit davon belastet, dass er zehn Jahre jünger als seine angebliche Nichte sein musste.
»Als ich die Nachricht erhielt«, fuhr er fort, »dass meine Schwester tot und ihre Tochter nach Athen gereist sei, war es leider zu spät.«
Der Goldring und die vornehme Kleidung zeigten, dass es ihm nicht an Geld mangelte. Seine Anwesenheit machte es offensichtlich, dass die Reise für ihn in keiner Weise unerschwinglich gewesen war. Titus Aelius kratzte sich an der Nase und räusperte sich demonstrativ.
»Ich habe Durst.« Das war möglicherweise die erste Wahrheit, die er äußerte.
»Komm rein.«
Im Halbdunkel der Stube stand Aelia. Ihre Augen, die an mir vorbeischauten, waren von einer Mischung aus Wut und Angst erfüllt.
»Aelia. Endlich!«
Der Römer breitete die Arme aus und legte den Kopf schräg in der Erwartung, dass sie ihm entgegenlaufen würde. Nach einem peinlichen Augenblick machte er selbst drei Schritte vor.
Aelia ließ sich umarmen, als ob sie mit eiskaltem Wasser übergossen worden wäre. Es gab keinen Zweifel, dass sie ihn kannte. Genauso sicher war es, dass sie lieber auf das Wiedersehen verzichtet hätte.
»Krito«, rief ich in Richtung der Küche. »Einen Krug Posca für unseren Gast.«
»Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie phantastisch es für mich ist, meine Nichte zu treffen.«
Titus Aelius wandte sich wieder an mich.
»Nein, das kann ich nicht«, gab ich zu. »Bist du sicher, dass du dich nicht irrst? Sie hat dich nie erwähnt.«
Wir schauten beide deine Mutter an. Sie betrachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen. Die Stille zwischen uns wuchs. Philomelas Stimme brach das Eis.
»Was hast du da, Vater?«
Sie nahm mir den Korb ab und wog ihn in der Hand, zog das Tuch weg und enthüllte den Stapel von Wachstafeln und Papyrus.
»Willst du deinen Onkel nicht begrüßen?«, fragte ich Aelia.
Anstelle zu antworten begab sie sich zur Küchentür, wo Krito nun mit einem Krug zum Vorschein kam. Titus Aelius, dessen Aufmerksamkeit nicht länger auf seine lange vermisste Nichte, sondern auf den Korb in Philomelas Hand konzentriert war, sah den Jungen nicht, bis der Krug auf dem Fliesenboden mit einem Knall zerbrach.
Krito stand festgefroren mitten in dem See aus Essigwasser und Scherben. In seinen Augen las ich Entsetzen. Als sein Blick von dem Gast zu mir wanderte, drückte er tiefe Kränkung aus. Als ob man ihm etwas versprochen hätte, das nirgendwo festgeschrieben war, und er nun verstünde, dass niemand sich daran zu halten gedacht hatte. Er lief zurück in die Küche.
Aelia schaute kurz zu dem Mann, der behauptete ihr Onkel zu sein, bevor sie Philomela mit sich zog und uns der dröhnenden Stille der Stube überließ.
»Ich werde nicht mehr stören«, sagte Titus Aelius. »Ich sehe, dass ich ungelegen komme.«
Ich begleitete ihn nach draußen. Er blieb unter dem Oleander stehen. Sein inszeniertes Selbstvertrauen war verschwunden. Nun schwitzte und stammelte er.
»Falls Aelia Lust hat, mich zu sehen, ich wohne in der Herberge am Itonia-Tor.«
»Nicht bei Atticus? Er ist sonst so gastfreundlich.«
»Wir haben tatsächlich alle bei Atticus gewohnt, als wir ankamen. Caesar, Catilina und ich. Aber mein Gefolge war zu groß. Es wurde zu eng.« Weitere Lügen. Es war ein Wunder, dass er Lust hatte weiterzumachen. »In drei Tagen reise ich nach Hause. Gemeinsam mit den anderen.«
»Es wird eng an Bord der Melpomene.«
Er nickte und grunzte einen Abschiedsgruß.
Drinnen war die Stube immer noch menschenleer. Das gleiche galt für die Küche. Ich schaffte es, Aelia, Philomela, Lydia und Krito zu rufen, bevor ich die offene Hintertür entdeckte. Im Hof standen drei von ihnen. Philomela zeigte auf den obersten Mauerrand.
»Er ist geflohen«, sagte sie.
»Krito ist über die Mauer gesprungen«, ergänzte Lydia.
Die Abdrücke der nassen, nackten Füße bestätigten, dass Krito die zehn Fuß hohe Mauer überwunden hatte.
Ich war klug genug, dem Blick nicht zu trotzen, den Aelia mir zuwarf. Sie auszufragen, würde nichts bringen.
XXII
Kritos Flucht ging mir näher, als ich geglaubt hatte. Besonders beschäftigte mich die Frage, was sie provoziert hatte. Die Ereignisse in Orthoboulos’ Bordell kamen mir wie die einleuchtende Antwort vor. Dass es eine Verbindung zu Titus Aelius gab, war genauso klar. Darüber hinaus wollte ich nicht mutmaßen, bevor ich den Jungen selbst fragen konnte.
Wie ich einst durch die Straßen gerannt war, das Herz bis zum Hals schlagend, auf der Jagd nach dir, mein Sohn, suchte ich nun in einem unruhigen Fieberzustand Krito. Aber er war sechs Jahre älter, als du es gewesen warst, und besser imstande, sich zu verstecken. Nach zweitägiger ergebnisloser Suche gab ich auf. Für den Moment, redete ich mir ein. Ein anderer Aspekt wog schwerer.
Während ich durch den Morgen fort zum Piräus ging, war es wieder Sarpedon, der mich aufnahm.
Ich habe nie einen besseren Pädagogen als Sarpedon getroffen. Es war zu seiner Zeit naheliegend gewesen ihn zu bitten, sich um deine Ausbildung zu kümmern, nachdem es zur Genüge bestätigt worden war, dass dir der Arztberuf nicht lag. Er übernahm die Aufgabe mit Freude.
Zu keinem Zeitpunkt überlegte ich, ob ihn seine Neigungen ungeeignet machten. In Rom hatte er meinen Adoptivsohn Tiro unterrichtet und, trotz meines anfänglichen Widerwillens, mit guten Ergebnissen. Jahrelang hatte er die Kinder anderer unterrichtet ohne die geringste Andeutung eines Skandals. Die Frage nach Sarpedons Eignung als Lehrer kam nicht zur Sprache.
Mit dir unternahm er mehr Versuche, als er es selbst mit einem reichen, römischen Adelsspross getan hätte. Nachdem er eingesehen hatte, dass dich weder Philosophie noch Literatur interessierten, hatte er es mit Mathematik versucht. Danach Biologie. Physik. Geographie. Und sogar Astronomie. Die Berichte aus der Schulstube im Piräus waren nicht ermutigend. Aber jedes Mal, wenn er auf Widerstand stieß, stürzte er sich mit Feuereifer auf ein neues Fach. Eines späten Abends hatte er sich jedoch zu einer ernsten Unterhaltung zusammengenommen.
»Ich fürchte, dass Demetrianus nicht für die literarischen Fächer geschaffen ist.«
Nach dieser Einleitung hatte er mein Gesicht gemustert und sich beeilt hinzuzufügen: »Das ist keine Schande. Der Junge hat geschickte Hände. Er kann ein ausgezeichneter Zimmermann werden. Oder Bäcker. Wieso immer weiter versuchen, ihn in eine Form zu pressen, in die er nicht gehört? Ich habe viel zu viele Kinder gesehen, die von dem Ehrgeiz der Eltern erdrückt wurden. Ich kann dir nicht raten, ihn weiterhin in die Schule zu schicken. Gib ihm ein bisschen Zeit. Er findet sicher selbst heraus, worauf er Lust hat. Früher oder später wird er darum bitten, bei einem Schiffsbauer im Piräus in die Lehre gehen zu dürfen. Oder bei einem Töpfer. Wart’s nur ab, du wirst schon sehen.«
Ich wartete. Und danach wartete ich ein bisschen länger. Im Prinzip wartete ich immer noch an dem Tag, an dem deine Mutter mir erzählte, dass du meine Bücher hinter der falschen Wand in ihrem Schminkschrank gefunden hattest. In der Praxis hatte ich die Hoffnung aufgegeben.
»Hast du irgendeine Idee, wo Krito sein könnte?«
Sarpedons Frage riss mich aus den Erinnerungen. Er klang, als ob er aus reiner Höflichkeit fragte. Die Antwort interessierte ihn nicht.
»Ich habe nicht aufgegeben«, antwortete ich, »aber ich musste heute zum Piräus kommen.«
Sarpedon sah sich in der Stube mit der niedrigen Decke um, als ob es ihn wunderte, dass ich es der Mühe wert fand, den langen Weg für so wenig auf mich zu nehmen.
»Atticus hat mir angeboten, an der öffentlichen Reinigung am Kai teilzunehmen.«
»Was soll das bringen?«
Seine Stimme war tonlos. Das Gesicht blass und verweint.
»Zum Beispiel könnte es meine Patienten dazu bewegen, zurückzukommen.«
»Jetzt, wo sie wissen, dass du Römer bist?«
»Ich kann neue Patienten finden«, sagte ich wie ein Echo von Atticus. »Unter den Römern in Agrai.«
»Die Römer glauben nicht an persönliche Verunreinigung durch Blut. Die glauben übrigens auch nicht an Ärzte.«
Die Mutlosigkeit meines alten Freundes war ansteckend. Plötzlich kam es mir vor, als ob es näher an der Wahrheit lag, als ich zugeben wollte.
»Atticus’ Angebot gilt auch für dich«, sagte ich.
Er seufzte tief und legte das Kinn in die Hände. Tränen des Selbstmitleids stiegen ihm in die Augen.
»Ich habe mich bereits einer Reinigung unterzogen. Und ein paar Stunden später stand ich mit einer neuen Leiche in den Händen da.«
Die persönlichen Schwächen der Menschen können einen manchmal den Wert von selbst langjährigen Freundschaften vergessen lassen. Ich mache die Umstände für meine Reaktion verantwortlich. Genau wie Lydia hatte ich mich schnell an Krito gewöhnt.
Sie war untröstlich. Ich war eher von einem zitternden Schmerz ergriffen wie nach einem Schlag, der einen riesigen blauen Fleck hinterlässt.
»Diese Reinigung muss ja schnell überstanden gewesen sein«, stichelte ich. »Sonst hättest du keine Zeit gehabt, Kerameikos zu durchsuchen.«
Seine Reaktion, ein verärgertes Schnauben, reizte mich.
»Du solltest froh sein, dass du Getos rechtzeitig losgeworden bist«, machte ich weiter. »Wie viel hat dieser Zehenring aus Silber gekostet? Einen Monatslohn? Wie lange hätte er sich damit abgefunden, hier in diesem kleinen Haus zu wohnen, bis er nach etwas Besserem gesucht hätte? Oder einfach zurück zu Orthoboulos gegangen wäre, damit er Bezahlung fordern könnte für das, von dem du glaubtest, du würdest es gratis bekommen? Ehrlich gesagt finde ich, dass du billig davongekommen bist.«
»Und du nennst dich meinen Freund?«, zischelte Sarpedon.
»Man soll von seinen Freunden die Wahrheit hören.«
»Ist das denn die Wahrheit, wie du sie siehst?«
»Nicht die ganze Wahrheit. Was würden zum Beispiel die Eltern deiner Schüler von einem Pädagogen halten, der mit einem Jungen im Alter ihrer eigenen Kinder zusammenwohnt? Erzähl mir die Wahrheit darüber.«
Der Feind war nicht länger das harte Schicksal, das ihn der Liebe beraubt hatte, oder Orthoboulos, der versucht hatte ihn zu schröpfen, auch nicht die Bürgermiliz Athens, die ihn für einen Mord, den er nicht begangen hatte, durch die Nacht gejagt hatte. Der Feind befand sich nun vor ihm als Gast in seinem Zimmer.
»Raus aus meinem Haus«, zischte er.
Ich merkte, dass ich zu weit gegangen war.
»Lass doch dich doch von Athenes Hohepriester vor den Augen deiner Nachbarn reinigen«, sagte ich. »Schlimmstenfalls wird es eine Unterhaltung für Schaulustige.«
Sarpedon hörte nicht zu. Er schnappte sich einen Becher und warf ihn nach mir. Er flog dicht an meinem Ohr vorbei und zerschellte an der Wand.
XXIII
Chryses’ Zeremonie an Bord der Melpomene war nicht nur unterhaltsam. Es wurde das Ereignis des Jahres im Piräus, über das man noch lange sprechen würde. Man würde sich gegenseitig daran erinnern, wie der Hohepriester des Parthenontempels in seinem schneeweißen Gewand das Schiffsdeck abgeschritten war und Meerwasser entlang der Reling geschöpft hatte, während er mit lauter Stimme seine Gebete sprach. Man würde sich daran erinnern, wie er die Arme gen Himmel gehoben und Pallas Athene und Zeus gebeten hatte, das Schiff und dessen Ladung zu segnen. Man würde diskutieren, ob die Besatzung der Melpomene die Ehre verdient hatte, die er ihr danach am Kai erwies, als er den Göttern ein ganzes Schwein opferte, und ob es überhaupt angemessen war, dass Atticus, außer allem anderen, den Priester dafür bezahlt hatte, eine eilige Reinigung des Lagerhausverwalters und der anderen einfachen Personen, die mit der Jungenleiche zu tun hatten, auszuführen, darunter ein Arzt aus Athen, der, so viel man wusste, vor Kurzem als Römer enthüllt worden war. Auf der anderen Seite war Atticus’ Großzügigkeit so weithin bekannt und gerühmt, dass diese letzte Geste auf griechischem Boden niemanden überraschte.
Worüber hingegen kaum geredet werden würde, war Chryses’ Gesichtsausdruck, als er mich erblickte. Der Zorn wurde so schnell von routinierter Heiligkeit abgelöst, dass es von anderen kaum bemerkt wurde. Sein Blick, als er mich als Letzten salbte, war ebenfalls einem einzigen Empfänger vorbehalten. Er enthielt eine stumme Warnung, ihm nicht noch einmal zu trotzen. Das würde nicht wie dieses Mal aus Respekt vor Atticus toleriert werden.
Der Athenepriester verschwand in der Menge und ließ uns Gesalbte mit erleichterten Herzen und breitem Lächeln zurück.
»Das lief ja gut«, meinte Atticus. »Dann können wir endlich auslaufen.«
In der ausgelassenen Stimmung war es schwer auszumachen, ob es der Segen der Götter oder der Abschied von Athen war, der ihn am meisten erleichterte.
»Was ist mit deinem Freund, dem Lehrer?«, erkundigte er sich.
»Sarpedon ist in Trauer versunken über den Tod eines guten Freundes.«
»Der Junge aus dem Bordell?«
Ich nickte. Atticus wirkte aufrichtig berührt.
»Hoffentlich bleibt es der letzte Vorfall dieser Art, den Athen zu sehen bekommt. Tatsächlich bin ich davon überzeugt, dass es so ist. Jetzt muss ich gehen. Grüß Aelia von mir.«
Er war verschwunden, ehe ich dazu kam ihn zu fragen, woher er meine Frau gut genug kannte, um sie persönlich grüßen zu lassen. An seiner Stelle tauchte eine sehnige Gestalt auf. Ein freundliches Lächeln überzog das markante Gesicht, die Hand fuhr durch die dünnen, blonden Haare. »Das war aber wirklich interessant«, sagte Caesar. »Es muss mehrere Jahrhunderte her sein, dass wir in Rom solche Zeremonien hatten. Das ist etwas ganz anderes als das Fächeln der Auguren mit Olivenzweigen.«
»Dann bist du auch gereinigt worden?«, fragte ich.
»Atticus meinte, das wäre das Beste. Ich hatte ja den Jungen im Brunnen berührt. Glücklicherweise brauchst du wohl keine weiteren Jungenleichen zu obduzieren.«
»Atticus hat etwas Ähnliches gesagt. Wie kann es sein, dass ihr beide glaubt, die Abreise der Melpomene würde dem Sterben der Sklavenjungen ein Ende bereiten?«
Caesars Hand hielt mitten auf dem Scheitel inne, als ob er die Haare, die ihm noch geblieben waren, festhalten wollte.
»Ein Bekannter aus dem Polizeikorps«, fuhr ich fort, »erzählte mir von dem letzten Mal, als die Stadt von Morden dieser Art heimgesucht wurde. Es hörte damit auf, als die Römer abreisten. Es wird spannend zu sehen, ob jetzt das Gleiche geschieht.«
Catilina kam den Kai entlang geschlendert, als ob ihm alle Zeit der Welt zur Verfügung stünde.
»Salve, Demetrios.« Das einnehmende Lächeln überrumpelte mich, ebenso wie seine nächsten Worte: »Ich will mich gerne für mein Benehmen von neulich entschuldigen.«
Dieser große, finstere Mann mit kurzgeschnittenem, schwarzen Bart, der bei Atticus’ Abendessen mit subtilen Beleidigungen um sich geworfen hatte, strahlte jetzt nur überschwängliche Freundlichkeit aus. Dieser Wandel überraschte mich derart, dass ich mich plötzlich unbehaglich fühlte.
»Das solltest du lieber zu Atticus sagen«, meinte ich.
»Ach, Atticus hat mir schon vergeben. Atticus vergibt allen. Atticus ist ein prachtvoller Mensch.«
Catilina seufzte und lächelte überzeugt. In den hellgrauen Augen brannte ein Funken von Heiterkeit. Er betrachtete die Welt um sich herum, als ob jemand ihm ein wertvolles Geschenk gemacht hätte.
»Ich habe mitbekommen, dass du römischer Bürger bist«, fuhr er fort. »Ich wünschte, ich hätte das neulich gewusst.«
»Was wäre dann passiert?«
Er zuckte die Schultern und schaute zu seinem Kameraden.
»Dann wären Caesar und ich uns darüber im Klaren gewesen, dass wir einen Verbündeten im Raum hätten.«
»Und dann hättest du die übrigen Anwesenden nicht ganz so sehr beleidigt?«
Sein Lachen war nur ein bisschen gezwungen.
»Ich kann mich nicht erinnern, dich beleidigt zu haben. Nur die Griechen.«
»Mein Vater stammt aus Mazedonien. Ich bin Grieche.«
Catilina seufzte und lächelte noch breiter: »Unter allen Umständen schiebe ich die Schuld auf den Wein. Griechischer Wein ist stärker als italienischer. Das liegt am Klima. Und den Traubensorten. Habe ich nicht Recht?«
»Meine Erfahrung mit Wein ist, dass er nur die Charakterzüge verstärkt, die man ohnehin hat.«
Nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen. Vielleicht war dieser freundliche, leutselige Mann Catilinas wirkliches Ich. Caesar, der mit seltsamer Intensität die Sonnenstrahlen im Meerwasser betrachtet hatte, brach das Schweigen.
»Aus Catilina wird man schwer klug. Ich kenne ihn schon lange, aber mich überrascht er ebenfalls von Zeit zu Zeit.«
»Mit einem Anfall plötzlicher Freundlichkeit?«
Die Zeremonie allein hatte mich nicht zum Piräus gelockt. Ihre Wirkung war zweifelhaft. Ich hatte hingegen gehofft dich zu sehen, mein Sohn. In diesem Punkt war der Tag enttäuschend gewesen. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass das Einfluss auf meinen Gemütszustand hatte.
Catilina lehnte sich zurück und sog die Luft durch die Nase ein.
»Wie lange sollen wir uns noch mit deiner schlechten Laune abfinden, Demetrios?«, meinte er. »An so einem herrlichen Tag.«
»Catilina ist ein Gefühlsmensch.« Caesars Lächeln hätte ein Heer entwaffnen können. »Das hier ist ein Teil seines Charmes. Wenn er froh ist, ist er glücklich. Wenn er zornig ist, kann er es nicht verbergen.«
»Das, was ich nicht ganz verstehe«, sagte ich, »ist, wie ein Mann mit einem solchen Schwachpunkt hoffen kann, zum Konsul von Rom gewählt zu werden.«
Die beiden Kameraden wechselten einen unergründlichen Blick.
»Sowohl das Volk als auch der Senat erwarten von einem Konsul in Kriegszeiten etwas anderes als in Friedenszeiten«, sagte Catilina.
»Also ist Rom auf dem Weg in den Krieg? Das letzte Mal, als ich Neuigkeiten dieser Art gehört habe, hatte fast ununterbrochen zwei Jahrzehnte Frieden geherrscht. Aber ihr seid vielleicht besser unterrichtet?«
Einen Augenblick standen die beiden wie angewurzelt. Dann lehnte Caesar sich zurück und lachte laut. In seinen dunkelbraunen Augen blitzte unverhohlene Freude auf. Möglicherweise darüber, dass bald Hunderte von Seemeilen zwischen uns liegen würden.
»Catilina«, sagte er, »brauchst du nicht einen Krug von Atticus’ herrlichem Wein? Aber denk daran: Nur einen.«
Catilina grinste. Sein Wohlwollen kannte keine Grenzen. Fünf Schritte weiter drehte er sich einer Eingebung folgend um. »Grüß deine schöne Frau von mir«, sagte er.
Die Welt schien sich zu verengen. Der Puls bearbeitete meine Schläfen. Um mich herum entstand ein Vakuum, das die Hafengeräusche verschluckte. Catilinas breiter Rücken verschwand in der Menge. Caesars Stimme drang nur stufenweise zu mir durch.
»Krieg. Politik. Warum sprechen wir über diese langweiligen Themen?«
»Du hast Recht. Ich würde lieber hören, woher Atticus und Catilina meine Frau kennen.«
Caesars markantes Gesicht zeigte echte Verwunderung.
»Aelia hat vorgestern an Atticus’ Tür geklopft.«
»Und Catilina?«
»Vielleicht hat er sie auf dem Weg durch den Garten gesehen.«
»Wie oft war sie zu Besuch?«
Die Unruhe brannte ihn meinem Bauch. Zusammen mit etlichen anderen Gefühlen.
»Nur dieses eine Mal. Aber nicht, um Atticus oder Catilina zu treffen. Sie hat mit eurem Jungen gesprochen.«
Diese Information traf mich wie ein Faustschlag. Aelia hatte Erfolg gehabt, wo ich mich geirrt hatte. Caesar verstand, was ich dachte.
»Dein Sohn ist an Bord der Melpomene gegangen, sobald wir den Hafen erreicht haben. Er hat nicht die Absicht gehabt, wieder an Land zu kommen. Ich habe gefragt, ob ich Grüße ausrichten soll. Er hat mich ignoriert.«
»Dann hast du auch mit ihm gesprochen?«
Ich hätte es wissen müssen. Caesars Interesse an allem und jedem um sich herum mutete ebenso aufrichtig wie beharrlich an.
»Ich wusste doch nicht, was zwischen euch vorgefallen ist«, entgegnete er. »Für mich sieht er eher enttäuscht als wütend aus. Er führt sich wie einer auf, der von jemandem, für den er großen Respekt empfindet, ungerecht behandelt wurde.«
Caesars Analyse war so scharf, dass ich ihr folgen musste.
»Wenn mein Sohn mich nicht sehen will, habe ich hier nichts mehr verloren«, sagte ich. »Pace.«
Auf dem Heimweg stieß ich auf eine kleine Gesellschaft von Römern, die versuchten, sich in der entgegengesetzten Richtung durch die Menge zu drängeln.
»Lucius Cornelius Demetrios«, rief Titus Aelius aus. »Salve, mein Freund.«
Der Mann, der sich Aelias Onkel nannte, breitete die Arme aus und neigte den Kopf zur Seite. Diese Geste schien bei ihm nicht richtig zu funktionieren. Sein Blick suchte die Umgebung ab.
»Aelia ist nicht hier«, sagte ich.
Dieser kurze Bescheid hatte einen überraschenden Effekt. Das Leuchten in seinen Augen erlosch.
»Hast du eine Nachricht von ihr dabei?«
Meine Antwort kam wie ein weiterer Schlag. Ich musste mich fragen, was er erwartet hatte.
Er ermannte sich und schaute zu seinen Begleitern.
»Das ist mein Sohn.« Titus Aelius deutete auf eine zwanzig Jahre jüngere Kopie seiner selbst, dunkelhaarig und aufrecht mit einer Pfirsichhaut. »Ich wünschte, er hätte Aelia kennengelernt. Ich bin mir sicher, wären wir wie geplant in Athen geblieben, wäre das passiert. Nun zwingen uns die Umstände leider abzureisen.«
Der Anblick von Aelius junior neben seinem Vater ließ die Magensäure in meinen Hals steigen. Neid ist ein irrationales Gefühl. Es lässt uns Dinge tun und sagen, die wir anschließend bereuen.
»Du hast sicher keine Lust«, wandte ich mich an den jungen Mann, »in einer Stadt zu bleiben, in der kleine Jungs ermordet werden.«
Das hübsche, glatte Gesicht blieb ausdruckslos. Nur die Augen waren in Bewegung. Sie sahen hilfesuchend von mir zum Vater.
»Als du mich vor Kurzem besucht hast«, sagte ich zu Titus Aelius, »hast du erzählt, dass dein Vater Sulla kannte. Damals musst du alt genug gewesen sein, um Unteroffizier im Heer zu werden. Vielleicht warst du an der Belagerung Athens beteiligt?«
XXIV
Aelia hatte die Bedingung gestellt, dass ihr Onkel griechischen Boden verlassen haben sollte, bevor sie über ihre gemeinsame Vergangenheit sprechen würde. Ich hatte ihn und seine ganze Gesellschaft an Bord der Melpomene gehen sehen. Ich hatte gesehen, wie die Vertäuungen zur Abfahrt gelöst worden waren. Ich hatte das Schiff auslaufen und Kurs auf Süden nehmen sehen. Ich war stehen geblieben, bis es am Horizont verschwunden war. Das sagte ich zu ihr, als ich nach Hause kam.
Was ich nicht erwähnte, war Titus Aelius’ Reaktion auf meine letzte Frage. Flucht ist ein starkes Wort. Aber er selbst, sein Sohn und ihr Gefolge hatten sich, so schnell es ihre Würde zuließ, auf die Landungsbrücke begeben. Zwei vornehme Römer und zehn Sklaven, alle in die feinsten Tuniken gekleidet, die man für Geld kaufen konnte, trabten zum Kai hin, schubsten die Zuschauer zur Seite, als ob sie Schafe wären. Dieser Anblick war deprimierend und zum Nachdenken gewesen.
»Ich kann nicht behaupten, dass ich Titus Aelius kenne«, begann sie nun. »Er war nur der Halbbruder meiner Mutter. Er war fast ein Vierteljahrhundert jünger als sie. Als das Ganze passierte, war er noch ein Kind.«
Sie musste ihre Gedanken sammeln, um fortzufahren. Ich ließ sie das in Ruhe tun.
»An seinen Vater, meinen Großvater, kann ich mich dagegen gut erinnern. Er war ein Haustyrann, der seine einzige Tochter an der kurzen Leine hielt. Den Mann würde ich gerne sehen, der ohne Großvaters Erlaubnis Kontakt mit meiner Mutter gehabt haben könnte.«
Sie machte eine Pause, als ob ihr etwas einfiele.
»Meine Mutter hat nicht unter ihrem Stand geheiratet. Es gab keinen Skandal. Sie wurde im Alter von vierzehn Jahren an den einzigen Sohn eines reichen Verwandten verheiratet. Ganz so, wie man es zu tun pflegt. Deswegen heiße ich Aelia. Das war nämlich auch der Familienname meines Vaters. Ich bin nicht unehelich geboren.«
»Warum hat Titus Aelius deswegen gelogen?«, wollte ich wissen.
»Diese Familie lebt und atmet Lügen. Als meine Mutter zu meinem Vater in sein großes Haus gezogen war, rannte Großvater ihnen die Türen ein. Die Eltern meines Vaters waren einige Jahre zuvor gestorben. Nun meinte Großvater, er sei der Pater familias. Mein Vater hätte ihn hinauswerfen können, aber es war nicht leicht, sich mit Großvater und seinem eisernen Willen zu messen. Er richtete ein Kontor im Tablinum meines Vaters ein. Kommandierte Sklaven herum, als ob es seine eigenen wären. Führte sich auf, als ob ihm das Ganze gehörte.«
Aelias Stimme bebte vor Wut, als ob sie diese Demütigungen selbst miterlebt hätte.
»Kurz bevor ich geboren wurde, hat mein Vater endlich abgerechnet. Er bat Großvater, nach Hause zu verschwinden. Der Alte weigerte sich natürlich. Er war nicht der Meinung, etwas an sich gerissen zu haben, das nicht seins war. Vater ließ ihn von Sklaven hinauswerfen. Großvater rief von der Straße aus seine Verwünschungen gegen das Haus, während meine Eltern drinnen vor Schreck zitterten. Zuletzt verschwand er. Wäre ich ein Junge gewesen, hätte dies das Ende der Geschichte sein können. Aber ich war ein Mädchen.«
Die Geheimnisse einer römischen Familie kommen selten vollständig ans Licht. Hinter den Mauern der Patrizierhäuser können sich herzzerreißende Tragödien abspielen, von der Außenwelt unbemerkt. Vielleicht ist es deswegen, dass ich Athen trotz allem mag mit seinem Gerede, seiner hemmungslosen Neugier und seinem gnadenlosen Volksgericht.
»Dann erkrankte mein Vater schwer, und Großvater fand sich wieder ein. Dieses Mal hatte er eine kluge Ehefrau dabei. Sie stellte eine Medizin her. Er bestand darauf, sie meinem Vater regelmäßig zu geben. Meine Mutter war nach der Geburt schwach und im Übrigen war sie erst sechzehn. Sie hielt sich an die Kinderstube, wo sie sich um mich kümmerte. Ich glaube auch, sie wollte gar nicht wissen, was da eigentlich vor sich ging. Mein Vater starb nach einem halben Jahr. Und dann ist Großvater richtig eingezogen. Mit seiner neuen, jungen Frau. Meine Großmutter war ein Jahr zuvor gestorben. Großvater hatte die Trauerzeit eingehalten, bevor er wieder geheiratet hat. Man kann vieles sagen, aber er war immer korrekt. Ein Militär durch und durch. Diese neue Frau war eher ein kleines, verzagtes Mädchen. Jünger als seine eigene Tochter. Ich glaube, ich habe sie nie mehr als ein einsilbiges Wort sagen hören. Sie übernahmen das Haus meines Vaters, die Sklaven und das Vermögen. Formell war meine Mutter Alleinerbin. Aber eine junge Witwe muss einen Nachlassverwalter haben. Großvater hatte das Gesetz auf seiner Seite. Und das Geld blieb ja in der Familie.«
»Was ist mit dir und deiner Mutter geschehen?«, fragte ich.
»Wir bekamen die Erlaubnis, dort wohnen zu bleiben. In einem Seitenflügel, zusammen mit den Sklaven. Es hätte schlimmer sein können. Hätten wir mit Großvater in einem Haus gelebt, wären wir seinen Launen ausgeliefert gewesen. Wie die Dinge standen, konnten Monate vergehen, ohne dass wir ihn sahen.«
Du musst wissen, dass deine Mutter immer auf ihrem Recht bestanden hat, ihre Geheimnisse für sich behalten zu dürfen, mein Sohn. Dass sie nun zum ersten Mal über ihre Kindheit sprach, sollte nicht als Zeichen gewertet werden, dass sie etwas ernstlich geändert hatte. Sie wartete auf Einspruch, der ihr erlauben würde, die Jahre im Haus bei dem Mann, der ihr Leben gestohlen hatte, zu überspringen.
»Als mein Vater und ich dich und deine Mutter trafen«, sagte ich, »habt ihr nicht im Sklavenflügel einer Patriziervilla gewohnt.«
»Nein, weil meine Mutter Großvater um Erlaubnis bat, umziehen zu dürfen. Zu diesem Zeitpunkt passte ihm das gut. Die neue Frau hatte ihm nämlich endlich den Sohn geboren, den er sich immer gewünscht hatte. Ich war zehn Jahre alt geworden und sicher nicht ganz so leicht zu lenken wie früher. Großvater quartierte uns in der Wohnung ein, in der er und Großmutter gewohnt hatten. Ich glaube zwar, dass er uns in der ersten Zeit versorgt hat. Das hatte er aber schnell satt. Meine Mutter fand eine Arbeit bei einer Wäscherei. Wir versorgten uns selbst.«
Über den Brand, dem Aelia die Narbe verdankte, die sich ihr ganzes Bein entlang zog, gingen wir stillschweigend hinweg.
»Wir hörten nichts von Großvater. Manchmal sprachen wir darüber, ihn zu kontaktieren. Aber wir waren uns immer einig, ein bisschen länger zu warten. Als meine Mutter zuletzt krank wurde, riss ich mich zusammen und ging dorthin. Ich wagte nicht zu klopfen. So stand ich vor dem Haus und wartete, während die Sklaven kamen und gingen. Als ich ihn endlich entdeckte, auf dem Rückweg von einer Besorgung, war ich überrascht, wie klein und alt er war. Ich hatte ihn als gigantisch und erschreckend in Erinnerung, aber er war nicht viel größer als ich. Sein Gesicht war faltig, beinahe eingesunken. Er ging gebeugt, als ob sein ganzer Körper schmerzte. Es war sechs Jahre her, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Ich verstand nicht, wovor ich solche Angst gehabt hatte. Ich stellte mich ihm in den Weg. Zuerst erkannte er mich nicht. Dann trat ein kalter Blick in seine Augen.«
Aelias Stimme begann zu zittern. Dieses Mal nicht vor Wut, sondern aus reiner, unverhüllter, wieder erinnerter Angst.
»Das Nächste, woran ich mich erinnere ist, dass ich vor ihm liege. Er hat mich mit einem einzigen Faustschlag zu Boden geschlagen. Er tritt mich in den Bauch. Auf die Beine. Ins Gesicht. Er ruft, dass ich verschwinden soll. Abhauen. Und nie wiederkommen. Er zieht mich an den Haaren hoch und schleudert mich nach unten auf die Straße. Ich komme auf die Beine und fange an zu laufen.«
Sie wischte sich die Augen trocken und riss sich zusammen.
»Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe. Einen Monat danach starb meine Mutter an einem Fieber, das auch viele unserer Nachbarn dahinraffte. Es verging nicht viel Zeit, bis ich den Soldaten traf, der Tiros Vater wurde. Den Rest kennst du.«
Auch du kennst den Rest, mein Sohn, aus den Büchern, die ich im Gefängnis schrieb, und die du eigentlich nicht lesen solltest. Jetzt, wo du die ganze Wahrheit kennst, siehst du hoffentlich ein, wieso deine Mutter und ich einen Neuanfang in einer anderen Stadt geschaffen haben. Warum wir über eine Vergangenheit geschwiegen haben, die nicht länger von Bedeutung war. Wieso wir dir eine Wahrheit vorenthalten haben, die so viel schlimmer als die Lüge war.
»Ich habe meinen Großvater übrigens noch ein weiteres Mal gesehen«, fiel Aelia ein. »Viele Jahre später. Auf dem Markt beim Forum Boarium. Das war, während du im Gefängnis warst. Ein paar Sklaven schleppten seine Einkäufe. Jetzt sah er genauso aus, wie ich ihn aus meiner Kindheit in Erinnerung hatte. Als ich endlich begriff, dass es sein erwachsener Sohn – mein Onkel Titus – war, war er längst weitergegangen. Und ich hatte mich entschieden. Meine Zukunft lag in Athen.«
XXV
Skyros sprang die drei Treppen nach oben und ging durch die niedrige Tür. Am Ende des Prothyrons mit der hohen Decke wurde der dort postierte Sklave sichtlich nervös, als der Polizeihauptmann rasch näherkam.
»Ich muss mit Orthoboulos sprechen.«
Der Sklave breitete die Arme aus, um die Türöffnung zu versperren. Skyros schubste ihn mit der gleichen Leichtigkeit weg, mit der er den Vorhang zur Seite zog.
Es war keiner da, um die Aussicht über Kerameikos’ Bruchbuden zu bewundern. Orthoboulos’ Kontor war leer. Skyros untersuchte den Inhalt des kleinen Regals auf Schriftrollen, schritt den Raum ab und hob den Deckel eines Kästchens an, das vorn auf dem Tisch stand. Er fand nichts von Interesse. Danach stieß er die Tür am anderen Ende des Raumes auf.
Auf einer schmalen Pritsche lag Orthoboulos. Der Bauch hob und senkte sich gleichmäßig unter der Decke. Skyros setzte sich auf einen Schemel am Kopfende und studierte ihn.
»Ist es nicht merkwürdig, dass selbst die größten Schurken wie Kinder aussehen, wenn sie schlafen?«
Der Bordellbesitzer bot unseren Augen ein Bild der Unschuld. Seine grotesken Gesichtszüge, die sonst nie zu ruhen schienen, hatten zu einem friedvollen Ganzen zusammengefunden. Wir betrachteten ihn schweigend.
»Herr, wach auf. Du hast Besuch.« Die flüsternde Stimme kam von der Türöffnung, wo der Sklave, der den Mut aufgebracht hatte uns zu folgen, aufgetaucht war. Orthoboulos rümpfte die Nase und schmatzte.
»WACH SCHON AUF!«
Skyros’ Befehl hallte zwischen den kahlen Mauern. Der Körper zuckte unter der Decke. Orthoboulos’ Gesicht war eine Maske des Bösen in dem Augenblick, in dem er den Sklaven erblickte – ein Versprechen von grenzenlosen Schmerzen und Strafe jenseits von Grausamkeit. Dann bemerkte er unsere Anwesenheit. Die Mundwinkel rutschten zu den Ohren hoch und verwandelten die Augen in Schlitze.
»Liebe Freunde«, begann er.
»Ich habe gerade herausgefunden«, unterbrach Skyros ihn, »dass der Sklavenjunge, den Demetrios vor Kurzem von dir gekauft hat, verschwunden ist. Hast du ihn gesehen?«
Der Polizeihauptmann hatte auf der Bank unter dem Oleander gesessen, als ich am selben Morgen die Tür zum Garten geöffnet hatte. Über seinem Gesicht hatte der Schlaf wie eine dünne Haut gelegen. Sie hatte sich verflüchtigt, während ich von den Ereignissen der letzten Tage berichtete.
»Der kleine Krito?« Orthoboulos’ Augenbrauen formten die Stirn zu einer Landschaft von Falten, die bis unter den Haaransatz reichten. »Ist er fortgelaufen? Es tut mir leid, das zu hören.«
»Dann hast du ihn nicht gesehen?«
Ein nachdenklicher Ausdruck eroberte das Gesicht des Bordellbesitzers.
»Ich verstehe, was der Polizeihauptmann meint. Wenn der Junge nun seinen neuen Herren nicht mochte – es könnte ja sein, dass er misshandelt wurde oder Schlimmeres –, dann könnte er natürlich Zuflucht bei mir gesucht haben, wo er gut behandelt wurde. Aber ich muss euch leider enttäuschen. Er ist nicht hier gewesen.«
»Krito ist nicht aus Unzufriedenheit weggelaufen«, widersprach ich. »Es war der Anblick eines Römers mit dem Namen Titus Aelius.«
Orthoboulos machte ein Gesicht, als hätte er plötzlich einen harten Schlag erhalten.
»Du kennst Aelius«, stellte Skyros fest.
»Ich kann dem Polizeihauptmann garantieren, dass ich das nicht tue«, widersprach der kleine Mann ärgerlich.
»Wie kannst du das garantieren? Kommen hier nicht alle möglichen Männer her? Zu allen Tageszeiten? Hat sich das vielleicht geändert? Denn ansonsten würde ich gerne deine Sklaven über diesen Römer verhören. Und besonders deine ›hübschen Jungs‹.«
»Das möchte der Polizeihauptmann sicher. In diesem Fall muss ich den Richter Khitaides darüber in Kenntnis setzen. Ich kann mir vorstellen, dass er darüber verwundert wäre, dass du dich mit etwas anderem beschäftigst, als die Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten.«
Orthoboulos’ Ton war immer noch höflich. Die Drohung war nicht zu überhören.
»Er wäre sprachlos«, meinte Skyros. »Es könnte sogar sein, dass er mich aus dem Korps werfen würde. Dann könnte ich die Bürgermiliz nicht länger daran hindern, ihre eigenen Untersuchungen hier in deinem Etablissement anzustellen.«
Für einen langen Augenblick stand Drohung gegen Drohung, bevor sich das Gesicht des Bordellbesitzers wieder in Lachfalten auflöste.
»Es wäre natürlich in aller Interesse, so etwas zu vermeiden. Aber bei allem Respekt, dann würde der Polizeihauptmann meine Untergebenen verschrecken. Ihr seht selbst, wie mein Türsklave zittert. Wie wäre es, wenn ich selbst eine diskrete Umfrage vornähme und dem Polizeihauptmann die Antworten gebe?«
Skyros akzeptierte den Vorschlag des Bordellbesitzers, vereinbarte, bei Sonnenuntergang zurückzukommen, und hakte mich unter.
»Wie weit wäre er auf seiner Flucht gekommen?«, fragte ich auf dem Rückweg durch das Elendsviertel von Kerameikos.
»Soviel ich weiß, ist Orthoboulos nie außerhalb der Stadtmauern gewesen«, antwortete der Polizeihauptmann. »Er flüchtet nicht, wenn es die geringste Chance gibt, einen anderen als Schuldigen zu benennen. Diese Chance bekommt er heute Abend. Dann werden wir sehen, ob ich ihm glaube.«
»Und was ist mit Titus Aelius?«
»Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Römer auf Besuch die örtlichen Sehenswürdigkeiten beschnuppern wollen. Für diese Art von Orten ist Athen leider bekannt.« Der Polizeihauptmann nickte in Richtung des Bordells zurück. »Wenn es Titus Aelius war, den Krito gesehen hat, kann Neugierde seine Anwesenheit erklären.«
»Er ist gleichzeitig mit dem Mörder angekommen.«
»Aber waren sie zusammen? Titus Aelius ist doch mit Orthoboulos hoch in sein Kontor gegangen, sagtest du. Was wollten sie dort? Sind sie danach zu Getos hineingegangen? Was war ihre Reaktion auf den Mord? Ich wünschte, du hättest dem Jungen mehr Informationen entlockt, bevor er weggelaufen ist. Du bist dir sicher, dass er nicht das Gesicht des Mörders gesehen hat? Unter den Römern, die gerade Athen verlassen haben, gibt es reichlich Verdächtige.«
»Und wenn es keiner von ihnen war?«
Skyros blieb stehen. Die Energie, die ihn über Wasser gehalten hatte, war verbraucht. »Dann werden die Morde weitergehen. Weitere tote Jungen werden auftauchen. Die ganze Stadt wird in Panik geraten. Unschuldige werden sterben. Und wenn es ein Verrückter ist, der frei herumläuft, kann nur das Glück ihn entlarven.«
»Skyros!«
Der Ruf ließ uns aufsehen. Ein weiß gekleideter Polizist näherte sich im Laufschritt. Als er uns erreicht hatte, flüsterte er dem Polizeihauptmann eine Nachricht ins Ohr: »Bei Atticus wurde eingebrochen«, sagte er mit einem finsteren Blick. »Alles im Haus wurde durchwühlt.«
»Aber niemand hat eine Jungenleiche hinterlassen?«, fragte ich.
»Dieses Mal nicht.«
Wir schauten uns an, während die Sonne langsam die Stadt zu schmoren begann.
»Vielleicht kann Orthoboulos heute Abend etwas erzählen, das dem Ganzen Sinn gibt. Ich verspreche, dir danach Bescheid zu geben. Aber bis dahin halte dich von Kerameikos fern.«
XXVI
Mein lieber Sohn, du erinnerst dich sicher an den Tag, an dem wir den geflochtenen Zaun oben auf der Mauer zwischen dem Vorgarten und der Straße errichtet haben. Ich erinnere mich an den Tag mit Freude, obwohl er viele Jahre zurückliegt. Wir haben zusammen gearbeitet, konzentriert und mit einem gemeinsamen Ziel. Ich auf der einen Seite der Mauer, die mir bis zur Brust ging, du auf der anderen, auf der Bank stehend, sodass alles in deiner Reichweite war. Zwischendurch trafen sich unsere Augen in stiller Anerkennung der Arbeit des anderen, während die Weidenzweige zu einer Barriere zusammenwuchsen, die uns vor neugierigen Blicken schützen sollte. Der Zaun war dein Vorschlag, aber wir erstellten ihn gemeinsam. An dem Tag war etwas Neues zwischen uns entstanden.
Die Erinnerung traf mich, als ich zurück beim Haus angekommen war und durch die Latten undeutlich eine Gestalt auf der Bank sah. Vielleicht hatte Chryses’ Reinigung dennoch ihre Wirkung getan. Philomela las die Enttäuschung in meinem Gesicht, als ich durch die Gartentür trat.
»Entschuldigung«, sagte sie. »Du dachtest, ich wäre ein Patient.«
»Dafür sollst du dich nicht entschuldigen.«
Sie nickte gedankenvoll auf ihre eigene zurückhaltende Art und kniff die Augen zusammen wegen eines Sonnenstrahls, der durch den Oleander fiel.
»Aber es wäre gut, wenn du wieder Patienten hättest, oder?«
Das konnte ich nicht leugnen.
»Was passiert, wenn in den nächsten paar Tagen keine kommen?«
»Dann passiert nichts.«
»Und nächsten Monat?«
»Das ist schon ernster.«
»Und nächstes Jahr?«
Sie deutete mein Schweigen und nickte.
»Dann bin ich wohl damit dran, uns zu versorgen«, schlussfolgerte sie.
»Wie solltest du das tun?«
Die Antwort kam so prompt, dass sie schon lange darüber nachgedacht haben musste.
»Ich könnte Küchenmädchen in einem der großen Häuser werden. Ich bin eine ausgezeichnete Köchin. Jedenfalls besser als Lydia. Ich würde es bevorzugen, wenn ihr mich nicht verkaufen würdet. Aber falls das notwendig wird, dann dürft ihr das tun.«
»Das würden wir nie tun.«
»Aber es könnte sein, dass ihr es müsst. Demetrianus kommt nicht zurück. Also gibt es nur mich. Ihr habt mich viele Jahre versorgt. Das ist nur angemessen.«
»Es ist nichts Angemessenes daran, ein Kind zu verkaufen.«
»Ich bin kein Kind«, sagte sie mit einer plötzlichen Heftigkeit. Die dünnen Waden baumelten von der Kante der Bank. Die Fußsohlen schabten gegen den fest gestampften Untergrund. Auf dem Brustkorb hoben sich unter der Tunika zwei kleine Rundungen ab.
»Übrigens«, fuhr sie fort, »hast du gerade selbst ein Kind gekauft.«
»Das mit Krito war etwas anderes.«
»Weil er in einem Bordell gearbeitet hat?«
Der Kloß in meinem Hals hinderte mich daran, gleich zu antworten.
»Ich hoffe, ihr verkauft mich nicht an ein Bordell.«
»Wir verkaufen dich nicht, Philo!«
Die Verzweiflung in meiner Stimme war Wut zum Verwechseln ähnlich. Sie tätschelte mir die Hand.
»Vater, wärst du so nett, mich nicht mehr Philo zu nennen? Dann reden wir nicht mehr darüber.«
Diese Entscheidung duldete keinen Widerspruch. Einen Augenblick lang saßen wir schweigend da, bis sie das nächste Thema aufgriff.
»Hast du deshalb keine Patienten mehr, weil du etwas mit diesen toten Jungen zu tun hattest?«
Ich klärte Philomela so schonend wie möglich über die Umstände der beiden Leichenfunde auf.
»Glaubst du, Titus Aelius hat sie getötet?«
Mein Zögern sagte ihr mehr als jede Antwort.
»Nur weil er gelogen hat, kann er doch trotzdem unschuldig sein«, meinte sie. »Und obwohl er Mama im Stich gelassen hat, muss er kein Mörder sein. Vielleicht hat sein Vater ihm nie erzählt, dass er eine Nichte hat.«
»Was weißt du über deinen Großvater?«
Wenn Aelia mir gegenüber zwanzig Jahre lang geschwiegen hatte, war es nicht wahrscheinlich, dass sie sich ihrer minderjährigen Tochter anvertraut hatte. Das erkannte Philomela und schob in stillem Schmollen über ihren Versprecher die Unterlippe vor.
»Ich habe dich nicht dazu erzogen, die Gespräche anderer zu belauschen«, sagte ich.
»Du hast mich überhaupt nicht erzogen. Das hat Mama gemacht. Du warst immer zu beschäftigt damit, meinen Bruder zu erziehen.« Die über Jahre angestaute Kränkung ließ ihre Stimme schrill werden. »Und wie sollte ich übrigens irgendetwas wissen, was hier im Haus vor sich geht, wenn ich es nicht selbst herausfinde? Mir erzählt nie jemand was. Ich muss die Punkte selbst verbinden.«
Einmal hatte ich selbst diesen Ausdruck verwendet – die Punkte verbinden –, um die Methode der Diagnose zu beschreiben. In einer dunklen, nur halbbewussten Erkenntnis, dass er zu meinem Vater, meiner Vergangenheit in Rom und all den nachfolgenden Unannehmlichkeiten gehörte, habe ich ihn mit Sicherheit nicht zu Philomelas Lebzeiten verwendet.
Während ich auf die Tür zur Stube starrte, die meine Tochter, die nicht länger ein Kind war, halb offen gelassen hatte, begann ich zu verstehen.
Pulsuz fraqment bitdi.