Kitabı oxu: «Touched: Süchtig nach dir»

Şrift:

Lea Mayance

Touched – Süchtig nach dir

© 2020 Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels

www.plaisirdamour.de

info@plaisirdamourbooks.com

Covergestaltung: Sabrina Dahlenburg (www.art-for-your-book.de)

ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-419-1

ISBN eBook: 978-3-86495-420-7

Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses Buch darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Epilog

Autorin

Für Frank Furtner

und Herrn von Bülow

Kapitel 1

In vielen schlaflosen Nächten hat sie sich vorgestellt, wie der Tag ablaufen würde, an dem sie ihren Mann verlässt – und nun ist alles ganz anders.

Mit einem leisen Surren schließt Greta den Reißverschluss des großen schwarzen Koffers und schaut sich um, ob sie etwas vergessen hat einzupacken. Das war’s also. Außer ihrem Gepäck, ihrer Jacke und ihrer Handtasche ist nichts mehr von ihr in dem Raum, der einmal ihr Schlafzimmer gewesen ist.

Die Traurigkeit kommt scheinbar aus dem Nichts. Sie beißt sich auf die Unterlippe, um die Tränen zu unterdrücken. Sie gelten nicht ihrem Mann, sondern Tom, ihrem fünfzehnjährigen Sohn, der bei seinem Vater bleiben wird, bis sie in ihrem neuen Leben Fuß gefasst hat. Der Gedanke, ihn wochen- oder sogar monatelang nicht zu sehen und Tausende Kilometer von ihm entfernt zu sein, ist kaum zu ertragen und weckt bei ihr jedes Mal ein Gefühl, als ob eine Faust ihr Herz umklammern würde. Aber Tom hat sich nach langen Gesprächen, die sie miteinander geführt haben, so entschieden, und es ist objektiv betrachtet die beste Lösung – vorerst.

Sie kann Tom verstehen. Er ist in einem Alter, in dem die Kumpels oft wichtiger sind als die Eltern. Er will weder die Schule wechseln, noch sein geliebtes Fußballtraining bei Mainz 05 aufgeben, und schon gar nicht in ein fremdes Land ziehen. Und wenn Greta realistisch ist, hat sie auch keine Ahnung, wie es bei ihr in drei Monaten aussehen wird. Vielleicht wäre sie dann längst zurück in Deutschland, weil es nicht gepasst hat?

Nach einem Augenblick schüttelt Greta den Kopf, um diese Gedanken zu verdrängen. Reflexartig streicht sie ihre Haare zurück, wuchtet den Koffer vom Bett, trägt ihn in den Flur und die Treppe hinunter. Ihre restlichen Habseligkeiten, verpackt in zwei große Koffer, hat sie schon vor Tagen von einem Versandservice abholen lassen. Sie haben ihr Ziel bereits erreicht und warten dort auf sie.

Während sie unruhig in der Wohnung herumläuft, dabei noch einmal nachschaut, ob die Kaffeemaschine aus und die Terrassentür zu ist, fragt sie sich zum x-ten Mal, ob sie wirklich das Richtige tut.

Es klingelt. Greta zuckt zusammen und schaut aus dem Fenster. Das Taxi. Sie öffnet dem Fahrer die Tür und übergibt ihm den Koffer.

»Einen kleinen Moment noch, ich komme gleich«, sagt sie.

Er nickt und geht zum Auto.

Sie schaut sich noch einmal um, sieht die Fotos an der Wand und ihr Blick bleibt an einem Bild von Tom hängen. Es ist vor ein paar Jahren im Urlaub in der Karibik entstanden. Seine damals ziemlich langen Haare wehen im Wind. Ein Bild aus glücklicheren Tagen. So viel ist seitdem passiert. Auch Tom ist kein Kind mehr, aus ihm ist ein junger Mann geworden. Entschlossen geht sie zur Wand, hängt das Bild ab und steckt es in ihren Rucksack. Sie greift nach ihrer Jacke, zieht die Tür hinter sich zu und geht zum Taxi.

Im Auto muss sie sich beherrschen, nicht zurückzublicken. Ihr Augenmerk sollte jetzt dem gelten, was vor ihr liegt. Trotzdem schleicht sich Tom wieder in ihren Kopf. Sie hat das Abschiedsszenario vom Morgen vor Augen.

Wortlos haben sie sich im Flur gegenübergestanden. Tom hat ihr in die Augen geschaut und heftig geschluckt.

»Tom … ich werde dich unglaublich vermissen«, hat sie gestammelt und ihn umarmt, während ihr die Tränen über die Wangen gelaufen sind.

Nach einem kurzen Zögern legte Tom die Arme um sie. »Ich dich auch«, sagte er mit rauer Stimme.

»Du musst mich unbedingt bald besuchen kommen, ja? Und wir müssen oft telefonieren … nicht nur über WhatsApp schreiben!«

»Okay, machen wir.« Tom versuchte, sich aus ihrer Umarmung zu lösen. »Mama, ich muss zur Schule.«

Widerwillig ließ sie ihn los. »Wir können auch skypen …«

»Klar. Ist doch heutzutage gar kein Problem.« Tom lächelte gequält.

Er umarmte sie noch einmal und sie sog den Geruch seines frisch gewaschenen Haares ein.

»Ich muss los«, murmelte Tom, trat einen Schritt zurück und ging zur Tür. Als er bereits auf dem Gehweg war, drehte er sich noch einmal um und winkte ihr zu.

Sie blieb an der Tür stehen, bis er um die nächste Ecke gebogen war und sie ihn nicht mehr sehen konnte. Mit Mühe unterdrückte sie ein Schluchzen. Sie musste jetzt stark sein, sonst würde sie noch in letzter Sekunde alles rückgängig machen. Doch das war keine Option. Sie war fest davon überzeugt, dass dies ihre einzige Chance war, aus ihrem eingefahrenen Leben auszubrechen und noch einmal von vorn anzufangen. Die musste sie einfach ergreifen.

Auch andere Eltern trennen sich und ziehen um, hat sie sich eingeredet.

Aber nicht unbedingt in ein anderes Land, hat sich im nächsten Augenblick ihr Gewissen gemeldet.

Als das Taxi zügig aus der Ortschaft in Richtung Autobahn fährt, schaut sie mit leerem Blick aus dem Fenster und nimmt kaum die vertraute Umgebung wahr. Ihre Gedanken kreisen stattdessen um ihn.

Gestern Abend hat er ein allerletztes Mal angerufen, um ihr zu sagen, wie sehr er sich auf sie freue. Kaum hat sie seine Stimme am anderen Ende der Leitung – achttausend Kilometer entfernt – gehört, waren alle Zweifel wie weggewischt.

In ein paar Stunden werde ich bei ihm sein, denkt sie aufgeregt, während das Taxi über die Autobahn Richtung Flughafen rast. Sie ist froh, dass der Tag X endlich gekommen ist, an dem es keine Umkehr mehr gibt, kein Zaudern und kein Gedankenkarussell.

Bilder von ihrer ersten Begegnung mit ihm schießen ihr durch den Kopf, und sie muss unwillkürlich lächeln, als sie an ihr ungeplantes Aufeinandertreffen zurückdenkt.

***

Es war der erste richtig warme Frühlingstag des Jahres. Die Luft war noch kühl, aber in der Sonne war es schon herrlich warm. Überall war frisches Grün zu sehen, die Natur explodierte, und die Menschen schienen aufzuatmen, weil der Winter endlich vorüber war. Greta war in die Stadt gefahren, um sich mit einer Shoppingtour durch ihre Lieblingsboutiquen aus der alltäglichen Routine und Langeweile herausreißen zu lassen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es in der Stadt so voll sein würde. Das gute Wetter hatte viele Menschen angelockt, die die ersten Sonnenstrahlen genießen wollten.

Shoppen kann fast so befriedigend sein wie Sex, dachte sie, als sie mit ihren Einkaufstüten bepackt Richtung Dom schlenderte. Und davon hatte ich in letzter Zeit nicht allzu viel. Aber jetzt brauche ich erst einmal dringend einen Kaffee.

Am Marktplatz, wo einige Cafés Tische draußen stehen hatten, hielt sie nach einem Platz Ausschau. Ein aussichtsloses Unterfangen: Bei dem herrlichen Wetter waren alle Stühle besetzt, weit und breit war kein freier Tisch in Sicht. Fast wollte sie aufgeben, als sie vor ihrem Lieblingscafé Milk and Coffee einen Tisch entdeckte, an dem nur ein Mann saß. Der Typ chillte lässig mit ausgestreckten Beinen, geschlossenen Augen und verschränkten Armen auf dem Stuhl in der Frühlingssonne, beinahe sah es aus, als wäre er eingenickt. Sie zögerte, doch sie wollte unbedingt einen Kaffee trinken. Hier und da eine Entschuldigung murmelnd, zwängte sie sich mit den Tüten an den anderen Tischen vorbei und fragte den Mann mit einem gewinnenden Lächeln: »Entschuldigen Sie bitte, ist hier noch ein Platz frei?«

Er schaute erstaunt auf und runzelte die Stirn. »Excuse me?«

Greta war über seine Antwort überrascht, ließ sich jedoch nichts anmerken. »Ähm … darf ich mich zu Ihnen setzen?«, fragte sie ihn auf Englisch und deutete auf den freien Platz.

Der Mann zögerte.

»Oh, no problem«, sagte sie schnell, »wenn Sie für sich bleiben wollen … kann ich mich woanders hinsetzen.«

Er überlegte einen Augenblick und schaute sich um. »Hm, das könnte schwierig werden. … Setzen Sie sich und machen Sie es sich bequem«, sagte er mit eindeutig amerikanischem Akzent. Seine Stimme war tief, sonor und klang, als hätte er in seinem Leben schon einige Zigaretten inhaliert. Mit seiner linken Hand deutete er beiläufig auf einen freien Stuhl an dem kleinen Tisch.

»Vielen Dank! Das ist sehr freundlich«, entgegnete sie und befürchtete, dass ihr Oxford-Englisch in seinen Ohren schrecklich klingen musste. Sie setzte sich und verstaute umständlich ihre Tüten unter dem Bistrotisch.

»Darf ich Ihnen etwas bestellen?«, fragte der Fremde, als sie sich endlich seufzend zurücklehnte.

Zu ihrer Überraschung sprach er langsam und deutlich. Sie hatte mit Amerikanern schon ganz andere Erfahrungen gemacht. »Das wäre nett. Einen Café au Lait … oder nein … lieber einen Latte macchiato, bitte.«

»Gibt es da einen Unterschied? Ich dachte, das wäre dasselbe … Kaffee mit Milch«, entgegnete er mit einem ironischen Unterton.

»Oh nein, es gibt tatsächlich Unterschiede.«

»Na, dann bin ich gespannt«, sagte er und lehnte seinen Oberkörper ein wenig nach vorn.

Na prima, dachte Greta. Und das nur, weil ich mich wie so oft nicht entscheiden konnte. Sie seufzte leise.

»Also«, fing sie an und holte tief Luft, »ein Café au Lait ist Espresso oder Kaffee mit der gleichen Menge an Milch und ein bisschen Milchschaum. Ein Latte macchiato hingegen besteht aus viel Milchschaum, in den vorsichtig ein Espresso eingefüllt wird. Und dann bilden sich diese … diese …« Sie überlegte, wie sie das Kunstwerk umschreiben könnte. »… nun, diese verschiedenen Farben, die Sie gleich bei meinem Latte macchiato sehen können. Deswegen wird er im Glas serviert.«

»Danke für die Erläuterung. Und übrigens – Sie haben einen wirklich netten Akzent«, sagte er mit einem Grinsen.

Sie wusste nicht, ob sie sich geschmeichelt oder auf den Arm genommen fühlen sollte. »Thank you«, sagte sie und zog einen Mundwinkel nach oben.

Während er den Kellner herbeirief und bestellte, ließ sie ihren Blick über den Marktplatz schweifen und registrierte die vielen Menschen, die herumschlenderten, die spielenden Kinder und die Straßenmusiker. Von ihrem Platz aus hatte man einen grandiosen Blick auf den Mainzer Dom. Sie war gern in der Stadt, die überschaubar und gemütlich war.

Der Amerikaner hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt und schien das bunte Treiben ebenfalls zu beobachten. Aus den Augenwinkeln musterte sie ihn. Baseballkappe, dunkle Sonnenbrille, weißes T-Shirt, ausgewaschene Jeans, keine Socken, Sneaker. Vielleicht eins fünfundachtzig, recht muskulös. Man sieht, dass er trainiert, dachte sie mit Blick auf seine Oberarme. Unter dem linken Ärmel des T-Shirts blitzte ein Tattoo hervor, ein Tribal, das sich rund um den Arm schlang. In ihrem Bekanntenkreis hatte niemand ein Tattoo, jedenfalls kein offensichtliches. Insgeheim musste sie zugeben, dass es zu ihm passte – und ziemlich sexy war.

»Und, gefällt Ihnen, was Sie sehen?«, fragte der Fremde mit ironischem Unterton in der Stimme.

Sie lachte verlegen. »Oh, es tut mir leid. Mein Blick fiel nur gerade auf Ihr Tattoo«, beeilte sie sich, zu sagen, und merkte, wie sie errötete.

»Es braucht Ihnen nicht leidzutun. Männer checken Frauen ständig ab, warum soll es nicht auch umgekehrt so sein?«

»Na ja, normalerweise tue ich so etwas nicht – abchecken, wie Sie es nennen.«

»Soso! Wenn Sie da mal nichts verpassen«, lachte er.

Sie zog die Augenbrauen hoch, aber entgegnete nichts. Sie würde einen Teufel tun, mit ihm darüber zu diskutieren. Natürlich schaute sie, wenn sie einen interessanten Mann sah, sie ließ sich nur nicht gern ertappen. Aber keine Frage: Ein wohlgeformter Hintern oder ein gut gebauter Oberkörper erregten ebenso ihre Aufmerksamkeit wie ein sympathisches Lächeln oder schöne Hände.

Greta wusste nicht, was sie sagen sollte, und kramte stattdessen in ihrer Tasche nach ihrer Sonnenbrille. Sie setzte sie auf, schaute kurz auf ihr Handy und zog einen Lipgloss hervor, um sich die Lippen nachzuziehen. Sie fühlte sich von ihm beobachtet, konnte jedoch wegen seiner Sonnenbrille nicht einschätzen, wo er tatsächlich hinschaute.

Der Kellner brachte die Getränke – zwei Latte macchiato. Beide schauten zu, wie der Mann die Getränke von seinem Tablett auf den Tisch stellte, und bedankten sich.

Der Amerikaner nippte an dem Glas. »Wirklich gut, der Kaffee«, sagte er.

»Ja, ich weiß.«

»Also kommen Sie öfter hierher?«

»Ja, es ist mein Lieblingscafé.«

Er nickte und schaute weg. Gespräch beendet.

Es war nicht ihre Art, einem Fremden ein Gespräch aufzudrängen, und er schien seine Ruhe haben zu wollen und rührte abwesend in seinem Latte macchiato herum, sodass sich die Milch und der Espresso zu einer hellbraunen Flüssigkeit vermischt hatten. Aber tatsächlich fand sie ihn interessant und war neugierig, ob sie noch mehr über ihn in Erfahrung bringen konnte. Leicht nervös und mit kratziger Stimme fragte sie: »Sind sie schon lange in der Stadt?«

»Bin gestern angekommen«, antwortete er einsilbig, ohne sie dabei anzuschauen.

»Und wie lange bleiben Sie?«

»Bin morgen wieder weg.«

»Hm, kurzer Besuch für einen so weiten Weg. Sie kommen doch aus Amerika, oder?«

»Ja, ich lebe in den Staaten. Ich habe aber noch etwas hier in Deutschland zu erledigen.«

»Beruflich?«

»M-hm«, brummte er zustimmend und ließ den Blick über den Platz schweifen.

»Was ist Ihr Beruf?« Nach seinem Outfit zu urteilen, war er kein Geschäftsmann, aber man konnte nie wissen. Sie registrierte, wie er zögerte.

»Ich bin Schauspieler.«

»Oh, Schauspieler! Tatsächlich? Sollte ich Sie kennen?«

»Kommt drauf an.«

»Worauf?«

»Ob Sie mal einen Film oder eine Serie mit mir gesehen haben.«

»Wie ist denn Ihr Name?«

Er zögerte erneut. »Connor O’Bannion.«

Beinahe hätte sie sich an ihrem Latte macchiato verschluckt, an dem sie gerade genippt hatte. »Connor O’Bannion? Sorry, aber … Sie sehen ihm gar nicht ähnlich. Ich habe kürzlich in die neue Serie reingeschaut, in der er mitspielt …«

»Nun ja, ich bin es aber. Glauben Sie, was Sie wollen«, sagte er und zuckte mit den Schultern.

»Sicher, und Connor O’Bannion sitzt hier mit mir und trinkt Kaffee.« Sie schüttelte den Kopf.

»So ist es.«

»Ach, kommen Sie. Sie nehmen mich auf den Arm. Was um Himmels willen sollte Connor O’Bannion hier machen? In Berlin, Hamburg, Köln – ja, vielleicht, aber doch nicht in Mainz.«

Zum ersten Mal wandte er sich ihr direkt zu und schaute sie durch seine dunkle Sonnenbrille an. »Warum denken bloß alle Leute, Schauspieler, Sänger oder Politiker hätten kein Privatleben? Könnte es denn nicht sein, dass Connor O’Bannion einen Freund hat, der auf der Airbase in Wiesbaden stationiert ist? Könnte es nicht sein, dass die beiden sich nach drei Jahren mal wieder treffen wollten, der Freund aber kurzfristig abkommandiert wurde? Ist das so unwahrscheinlich?«

»Ähm … nein, natürlich nicht«, meinte sie schnell. Bis jetzt hatte sie noch alles als einen Scherz aufgefasst, aber sein ernster Gesichtsausdruck, sein ärgerlicher Ton und die Tatsache, dass er den amerikanischen Flugplatz kannte, ließen ihre Zweifel schwinden. Sie runzelte die Stirn. Kann das sein? So etwas passiert doch nur in kitschigen Filmen. »Dann nehmen Sie doch einfach mal Ihre Kappe und Ihre Brille ab und zeigen Sie Ihr Gesicht«, schlug sie vor.

»Ich bin doch nicht verrückt, dann habe ich hier keine ruhige Minute mehr.«

»Ist das nicht ein bisschen übertrieben? Schließlich sind Sie nicht der amerikanische Präsident. Kommen Sie, nur ganz kurz. Sonst glaube ich Ihnen nicht, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen habe.«

Betont langsam setzte er seine Ray-Ban ab.

Sie schaute in zwei blaue Augen … oder waren sie eher grün? Er nahm die Baseballkappe vom Kopf. Die dunkelblonden Haare waren plattgedrückt, aber vor ihr saß leibhaftig Connor O’Bannion. Er sah anders aus als in der Serie, die sie kürzlich gesehen hatte, was sicher daran lag, dass er die Haare jetzt länger trug, aber die Gesichtszüge waren unbestritten die Gleichen. Sie schluckte und war sprachlos, was selten vorkam.

Offenbar war sie nicht die Einzige, deren Aufmerksamkeit geweckt war. Eine Frau vom Nachbartisch, die die ganze Zeit verstohlen zu ihnen herübergeschielt hatte, stand auf und ging zielstrebig auf das Objekt ihrer Begierde zu.

Er setzte schnell wieder seine Tarnung auf und sagte: »Sehen Sie, habe ich es nicht gesagt?«

»Entschuldigen Sie die Störung. Ich habe die ganze Zeit überlegt, woher ich Sie kenne. Sind Sie möglicherweise Connor O’Bannion?«, fragte die Frau.

Er schaute zu ihr auf, zögerte einen Moment und sagte dann leise: »Sieht so aus.«

»Oh mein Gott!« Sie drehte sich zu ihren Freundinnen um und rief: »Er ist es!«

»Pscht!«, machten Connor und Greta nahezu gleichzeitig.

»Ach ja, Sie wollen bestimmt nicht erkannt werden. Meine Güte, habe ich ein Glück. Würden Sie mir ein Autogramm geben?« Sie setzte sich, ohne zu fragen, auf einen freien Stuhl und schaute ihn erwartungsvoll an.

Connor lächelte die Frau an und zeigte ihr seine perfekten weißen Zähne. Greta lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und beobachtete die Szene.

»Aber natürlich. Wie heißen Sie?«, fragte Connor betont freundlich.

»Sabine«, sagte sie und hielt ihm einen Kuli hin. »Bitte unterschreiben Sie auf der Speisekarte, ich habe leider keinen Zettel.«

Connor nahm die dreifach gefaltete Speisekarte und schrieb auf die Rückseite: For Sabine. Connor O’Bannion.

Die Fremde nahm sie mit Ehrfurcht entgegen und presste sie an die Brust. »Können wir vielleicht noch ein Foto machen?«, fragte sie zaghaft.

Connor nickte.

Sie zog ihr Handy hervor, fummelte auf dem Display herum, bis sie die Kamera aktiviert hatte, und wollte ein Selfie mit ihrem Idol schießen.

»Soll ich das Bild machen? Das wird besser«, bot Greta an.

Sabine gab ihr das Handy, und Greta machte mehrere Fotos von ihr und Connor. Überglücklich nahm die Frau das Mobiltelefon wieder an sich und blieb noch ein paar Sekunden sitzen, wusste aber scheinbar nicht, was sie sagen sollte.

Connor sagte schließlich: »War schön, Sie kennenzulernen, Sabine.«

Sie verstand den Wink, stand auf, hauchte »Goodbye, Connor!« und ging zurück zu ihren drei Freundinnen, die die Szene neugierig beobachtet hatten. Dort fand die Frau offenbar ihre Worte wieder und erzählte gestenreich von ihrem nicht alltäglichen Erlebnis, wie Greta vermutete.

»Das war aber ein großer Fan von Ihnen«, sagte Greta. Sie schaute zu dem Tisch hinüber und sah, wie eine andere Frau aufstand.

»Ein zu großer Fan. Ich muss leider gehen, bevor noch mehr kommen. Sie sind eingeladen.« Er hatte es plötzlich ziemlich eilig. Aus der Hosentasche zog er ein paar Geldscheine, warf zwanzig Euro auf den Tisch, sprang auf und zwängte sich durch die Stuhlreihen.

Greta schaute ihm verdutzt hinterher, wie er in dem Getümmel verschwand. Weg ist er. Schade eigentlich, dachte sie bedauernd, trank ihren Latte macchiato aus und rief dann den Kellner, um zu bezahlen und sich auf den Heimweg zu machen.

»Haben Sie heute noch etwas vor?«, fragte jemand hinter ihr auf Englisch, als sie in die enge Gasse hinter dem Dom einbog. Erstaunt drehte sie sich um. Da stand er und grinste sie an.

»Sind Sie mir gefolgt?«, fragte Greta irritiert.

»Ich habe auf der anderen Seite des Platzes gewartet, bis Sie gegangen sind. Ich wollte Ihnen sagen, dass es mir leidtut, dass ich so schnell abgehauen bin. Aber ich finde es immer sehr unangenehm, wenn ich plötzlich von Fans umringt bin.«

»Kann ich verstehen. Ab und zu will man mal privat unterwegs sein.«

Er nickte. »Zum Beispiel, wenn ich eine nette Frau kennengelernt habe. Also, haben Sie noch was vor?«

Nette Frau … er meinte sie. Greta fühlte sich geschmeichelt. Sie überlegte einen kurzen Augenblick. Tom übernachtete bei einem Kumpel und sie hatte es sich mit einem Gläschen Rotwein auf der Couch gemütlich machen wollen. Im Fernsehen lief Vier Hochzeiten und ein Todesfall, einer ihrer Lieblingsfilme.

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf.

»Haben Sie Lust, mir die Stadt zu zeigen? Und anschließend würde ich Sie gerne zum Essen einladen. Gibt es hier einen guten Italiener?«

Greta zögerte. »Ja, den gibt es, hinten in der Altstadt. Aber man muss einen Tisch reservieren, da ist es immer voll.«

»Dann sollten wir das tun.«

»Okay, machen wir. Was würden Sie sich gerne anschauen? Den Dom, die Römerschiffe, die Chagall-Fenster? Und übrigens … ich heiße Greta.« Sie streckte ihm ihre Hand hin.

»Freut mich, Greta. Wie ich heiße, weißt du ja schon.« Er nahm ihre Hand und lächelte.

Kapitel 2

Sie blickt aus dem Fenster des Taxis auf einen riesigen Jumbo, der gerade über die Autobahn schwebt. Faszinierend, wie leicht und elegant sie aussehen, denkt sie. Nicht mehr lange, dann wird sie selbst in solch einem Flieger sitzen. Wie immer, kurz bevor sie in ein Flugzeug steigt, ist ihr mulmig zu Mute und ihr Bauch krampft sich in regelmäßigen Abständen zusammen. Wird schon gut gehen, denkt sie und ist sich nicht sicher, ob sie den Flug meint oder das, was danach kommt.

Am Flughafen lässt der Fahrer sie aussteigen, kassiert, holt ihr Gepäck aus dem Kofferraum und rauscht ohne ein weiteres Wort davon. Für ihn war es nur eine von zahlreichen Fahrten, die er täglich macht. Für sie ist es ein Abschied von ihrem alten Leben. Und es endet mit einer langen Warteschlange vor dem Check-in-Schalter. Greta seufzt, stellt sich hinten an und versucht, an etwas Schönes zu denken. An ihr erstes Date mit Connor, auch wenn es gänzlich ungeplant war.

***

Sie liefen nebeneinander durch die Mainzer Altstadt, und Greta erzählte Connor, was ihr zur Mainzer Geschichte einfiel. Zum ersten Mal seit Langem fiel ihr auf, wie malerisch die engen Gässchen, kleinen Plätze, Brunnen und Fachwerkhäuser waren. Sie kamen an kleinen Geschäften vorbei, die viele unnötige Dinge verkauften, die dafür umso schöner waren. In den Schaufenstern stapelten sich kitschige Dekorationsgegenstände neben teuren Bilderalben, edlen Küchenutensilien, allen Zutaten für ein perfektes toskanisches Ambiente und mattem Silberschmuck.

Am Parkplatz legten sie einen kurzen Stopp ein, um Gretas Einkaufstüten in ihrem Auto zu verstauen. Anschließend machten sie einen Abstecher zum Al Cortile, dem angesagten Italiener in einer kleinen Seitenstraße unweit des Doms. Connor schaute sich im Restaurant um, deutete auf einen Tisch in einer Nische und bat den Kellner, diesen für neunzehn Uhr zu reservieren.

Sie schlenderten weiter durch die Altstadt bis zum Römerschiffmuseum. Greta kaufte die Eintrittskarten und führte Connor durch das lichtdurchflutete Museum.

Connor betrachtete interessiert die Überreste der Römerschiffe, die vor einigen Jahren beim Bau des Hilton Hotels ausgegraben worden waren. Die uralten dunklen Holzplanken und die dazugehörigen großen Schiffe, die Archäologen aus diesen wenigen Überbleibseln und vielen Abbildungen aus der Römerzeit rekonstruiert hatten, schienen ihn zu beeindrucken. Für Greta, die schon zweimal in dem Museum gewesen war, gab es im Grunde nichts Neues zu sehen. Doch Connor wies sie mehrmals auf kleine Details hin, die er entdeckt hatte und die ihr bislang verborgen geblieben waren.

Während Connor einige ausgestellte Grabsteine anschaute, ging Greta in eine Ecke des Saals und gab vor, eine plastische Abbildung der Trajanssäule in Rom zu inspizieren. Tatsächlich beobachtete sie jedoch unauffällig Connor, wie er lässig, die Hände in den Hosentaschen, zwischen den archäologischen Exponaten herumlief. Wenn sie nicht gewusst hätte, dass es sich bei dem Mann um einen bekannten Schauspieler handelte – sie hätte ihn niemals im Leben erkannt. Er sah einfach normal aus.

Connor drehte sich zu ihr um, ihre Blicke trafen sich kurz und schon wieder fühlte Greta sich ertappt. Schnell wandte sie den Kopf ab und richtete ihr Augenmerk auf die Säule.

Connor kam zu ihr herübergeschlendert. »Du lernst schnell«, meinte er süffisant.

»Wie meinst du das?« Sie merkte, wie sie schon wieder rot wurde.

»Denk mal drüber nach.« Er zwinkerte ihr zu, drehte sich um und ging zum nächsten Exponat.

Ich weiß genau, auf was du anspielst, Connor O’Bannion, dachte sie. Ja, stell dir vor, ich gucke dir hinterher.

Weil sie bis zum Abendessen noch genügend Zeit hatten, liefen sie zurück zum Dom, damit Connor einen Blick in das Innere des romanisch-gotischen Bauwerks werfen konnte. Greta bemerkte verwundert, wie Connor beim Betreten seine Finger in das Weihwasser tauchte und sich bekreuzigte. Er nahm sogar seine Baseballkappe ab, ließ aber die Sonnenbrille auf.

Ich hätte nicht gedacht, dass er gläubig ist, wunderte sich Greta. Sie hatte mit dem Thema Kirche lange abgeschlossen. Was sie allerdings beeindruckte, war das Können der Erbauer der großen Kathedralen. Es war bewundernswert, was die Menschen früher ohne technische Hilfsmittel geschaffen hatten.

Connor schien ebenfalls fasziniert zu sein, denn er schaute sich alles genau an, blieb vor jeder Statue, jedem Altar und Grab stehen. Greta setzte sich in der Zwischenzeit auf eine der Kirchenbänke und wartete auf ihn.

Nach einiger Zeit wurde sie ungeduldig und blickte auf die Uhr. Es war höchste Zeit zu gehen. Nicht nur, dass ihr Magen das signalisierte … das Al Cortile war in der Regel gut besucht, und es war ratsam, pünktlich zu erscheinen, damit der Platz nicht anderweitig vergeben wurde. Sie suchte Connor in dem riesigen Gebäude und fand ihn in einer Nische vor einer Madonna. Er wandte ihr den Rücken zu, also berührte sie ihn leicht am Arm, als sie ihn ansprach.

»Connor, es wird Zeit, zum Restaurant zu gehen.«

Er zuckte kurz zusammen, drehte sich zu ihr um und schaute sie an, als wüsste er im Moment nicht, wer sie war und dass er sich in ihrer Begleitung befand. Fahrig fuhr er sich durch die Haare und nickte. »Okay, ich komme. Einen Moment noch.« Er nahm eine Kerze, entzündete sie an einer brennenden und stellte sie in den vorgesehenen Ständer neben die anderen.

Als sie aus dem Dom traten, verschwand die Sonne gerade hinter den Dächern und es schien plötzlich zehn Grad kälter zu sein als noch eine Stunde zuvor.

»Ist dir kühl?«, fragte sie mit Blick auf sein T-Shirt.

Er rieb sich die Arme. »Ist schon okay. Ich dachte, ich esse heute Abend im Hotel, deswegen habe ich keine Jacke mitgenommen. Machen wir, dass wir zum Restaurant kommen.«

Im Al Cortile herrschte eine angenehme Atmosphäre. Kerzen und schwache Lampen erhellten den Raum gerade so viel wie nötig. Sie wurden zu ihrem reservierten Tisch in der Nische geführt. Connor setzte sich mit dem Rücken zum Raum und nahm erst dann seine Sonnenbrille und die Kappe ab.

Wie anstrengend das wohl ist, wenn man dauernd befürchten muss, erkannt und belästigt zu werden?, dachte sie. Viele Menschen träumten davon, berühmt zu sein, aber die hatten sicherlich keine Ahnung, welche Einschränkungen man dafür hinnehmen musste.

Er nahm die weiße Stoffserviette vom Tisch und legte sie sich auf den Schoß. Dann blickte er auf und sah sie aus seinen blaugrünen Augen an.

Mein Gott, er hat wunderschöne Augen. Was für eine ungewöhnliche Farbe. Und um die langen Wimpern würde ihn jede Frau beneiden, dachte Greta fasziniert.

»Ich möchte dir für den netten Nachmittag danken«, sagte er, und wie schon einige Male in den vergangenen Stunden bekam sie eine Gänsehaut, als sie seine tiefe Stimme hörte.

»Es war mir eine Freude«, entgegnete sie und merkte erstaunt, dass es nicht nur dahergesagt war, sondern dass sie es genauso meinte.

Der Kellner brachte die Speisekarten, und Greta bat ihn, noch eine Karte auf Englisch zu bringen. Wie üblich studierte sie minutenlang die Karte. Doch diesmal war nicht die Entscheidung zwischen Nudeln oder Pizza der Grund. Ging das nur ihr so oder hatte das Ganze auf einmal mehr den Charakter eines Dates? Greta merkte, wie ihre Wangen bei dem Gedanken heiß wurden.

Der Kellner kam und nahm ihre Bestellungen auf. Sie entschied sich für Nudeln mit Lachs und ein Glas Rotwein, Connor bestellte eine Pizza und ein Bier. Greta hörte nur mit halbem Ohr zu und überlegte, über was sie sich mit Connor unterhalten könnte.

»Wie ist es eigentlich, Sohn eines berühmten Schauspielers zu sein?«, fragte sie ihn, als sie wieder allein waren. Wie sie sich erinnerte, war Connors Vater ebenfalls ein bekannter Schauspieler, der in seiner Glanzzeit in vielen Western mitgespielt hatte. Viel mehr wusste sie allerdings nicht über ihn, da sie sich solche alten Filme nicht anschaute.

»Hm, ich weiß es nicht«, sagte er und zuckte mit den Schultern.

»Wie meinst du das?«

»Nun, ich bin mit meiner Schwester bei meiner Mutter in Kanada aufgewachsen. Mein Vater hatte nie Zeit für mich. Natürlich haben wir uns ab und zu gesehen, aber er war immer nur ein Besucher. Besser kennengelernt habe ich ihn erst, als ich sechzehn war. Da habe ich es zu Hause nicht mehr ausgehalten und bin nach Amerika abgehauen. Er hat mir ein paarmal unter die Arme gegriffen und mir Jobs bei Filmproduktionen besorgt. Ich war dort Mädchen für alles. Er hätte mich ohne Probleme ins Filmgeschäft bringen können, aber ich wollte es ohne seine Hilfe schaffen.«

»Und, hast du es alleine geschafft?«

»Sicher nicht.« Er schüttelte den Kopf und kniff die Augen zusammen. »Mein Vater hat seine Hände im Spiel gehabt, auch wenn er es nicht zugeben will, und mein Familienname ist sicherlich mit ausschlaggebend dafür gewesen, dass man mir eine Chance gegeben hat.«

»Woher stammt dein Name? Connor hört man nicht oft, und O’Bannion klingt irgendwie irisch.«

»Richtig geraten. Mein Großvater stammte aus Irland. Connor ist auch ein irischer Name, er geht auf die Kelten zurück und bedeutet starker Wille.« Er lächelte und zum ersten Mal fielen ihr die kleinen Lachfältchen um seine Augenwinkel herum auf. Sie schätzte, dass er ein bisschen älter als sie selbst war, also um die vierzig.

»Und, hast du ihn, einen starken Willen?«

»Ich glaube schon. Ich kann ganz schön dickköpfig sein.«

»Das kann ich auch.«

»Kann ich mir vorstellen«, sagte er und zwinkerte ihr zu.

Der Kellner brachte die Getränke und stellte sie auf den Tisch. Greta nahm ihr Glas Rotwein, prostete ihm zu, nippte an dem dunkelroten, trockenen Wein und schaute ihn über den Glasrand hinweg an. Connor nahm einen großen Schluck von seinem Bier und erwiderte ihren Blick.

Das Essen kam nur wenig später und war wie immer vorzüglich. Greta bereute es nicht, sich für Nudeln entschieden zu haben, obwohl Connors Pizza köstlich aussah.

»Viel besser als amerikanische Pizza«, meinte er begeistert. »Der Teig ist viel dünner und knuspriger.«

»Da kann ich dir nur zustimmen«, nickte Greta.

»Deswegen bin ich wirklich gerne in Italien unterwegs. Es gibt dort definitiv den besten Espresso, die beste Pizza und die beste Pasta.«

»Du kennst dich also in Europa aus?«

»Ich bin früher ein bisschen rumgekommen, aber es gibt so viel zu sehen. Irgendwann werde ich mal eine Rundreise durch Italien machen.«

»Ein guter Plan«, sagte Greta.

Als sie fertig gegessen hatten und der Kellner die Teller abräumte, verlangte Connor zeitgleich nach der Rechnung.

Greta schaute ihn überrascht an. »Ähm … ich wollte eigentlich noch etwas bestellen«, sagte sie irritiert.

»Ich wollte nur den Tisch frei machen und mit dir noch einen Drink an der Hotelbar nehmen«, entgegnete Connor. »Aber klar, wir können gerne hierbleiben«, beeilte er sich zu sagen.

In Gretas Kopf überschlugen sich die Gedanken. Von der Hotelbar ist es nicht mehr weit zu seinem Zimmer. Nein, so leicht bin ich nicht zu haben.

»Was möchtest du noch haben?«, unterbrach er ihr Gedankenkarussell.

»Ich nehme noch einen Espresso und ein kleines Glas Rotwein.«

»Und ich einen Whisky.«

Als Greta dem Kellner erklärte, dass sie es sich anders überlegt hätten, war er ein wenig ungehalten, weil er den Tisch offenbar schon an ein wartendes Paar vergeben hatte, nahm dann aber die Bestellung auf.

Das Gespräch verlief weiterhin locker und unterhaltsam. Connor hatte viel aus der Filmbranche zu erzählen und Greta konnte nicht genug von den Anekdoten bekommen. Er war ein guter Erzähler, der wusste, wie man eine Story rüberbringt, um seinen Zuhörer in seinen Bann zu ziehen. Um das Gesagte zu untermalen, gestikulierte er dazu. Dabei fiel Greta auf, dass er schöne männliche Hände, schlanke Finger und gepflegte Fingernägel hatte.

Einige Male lachte sie laut auf, wenn er Storys von seiner Arbeit zum Besten gab. Etwa, als er von einer berühmten Kollegin erzählte, die beim Dreh einer Abschiedsszene im Hafen einen unbedachten Schritt machte und rückwärts ins Hafenbecken fiel.

»Ich musste so lachen, als sie prustend auftauchte, dass ich nicht daran dachte, ihr hinterherzuspringen. Glücklicherweise waren aber genug Männer am Set, die dies bereitwillig taten. Meine Kollegin hat daraufhin drei Wochen nicht mehr mit mir geredet«, grinste Connor, und seine Augen blitzten vor Schadenfreude.

Greta fragte sich, ob zwischen Connor und ihr einmal etwas gelaufen war. Sie meinte, vor Jahren in einer Illustrierten über eine angebliche Beziehung der beiden gelesen zu haben. Aber sie traute sich nicht, ihn direkt danach zu fragen. Deshalb sagte sie: »Joanna Richards macht einen netten Eindruck. Wie ist sie denn so außerhalb des Rampenlichts?«

Es entging Greta nicht, dass Connor kurz zögerte, bevor er antwortete. »Nun … sie ist der Traum vieler Männer und weiß das auch. Sie kokettiert damit. Es ist wie ein Spiel mit dem Feuer. Man verbrennt sich, wenn man ihr zu nahe kommt.«

»Hm … klingt, als hättest du dir auch mal die Finger verbrannt«, sagte sie, ohne zu überlegen, und bereute im nächsten Moment ihre Dreistigkeit.

»Du bist aber gar nicht neugierig, oder? Na, jedenfalls scheinst du die Klatschpresse nicht zu lesen.« Er schaute sie direkt an, trank dabei von seinem Whisky, behielt ihn eine Weile im Mund, schluckte dann und schloss für einen Moment genießerisch die Augen.

Verunsichert stammelte Greta: »Entschuldigung, das ist wirklich nicht meine Angelegenheit …«

»Ja, ich habe mir die Finger verbrannt«, unterbrach Connor sie schnell. »Die Fingerspitzen zumindest. Aber ich habe meine Hand schnell genug weggezogen.«

»Verstehe. Und nein, ich lese die Klatschpresse wirklich nicht. Deswegen weiß ich auch nicht, ob du verheiratet bist oder …« Sie stockte.

Er presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. »Nicht mehr. Ich war zweimal verheiratet, aber es hat nicht funktioniert. Ich glaube, ich bin kein Typ, der es lange mit ein und demselben Menschen aushält … oder andere Menschen mit mir. Und du?«

»Ich bin verheiratet.« Sie flüsterte die Worte.

Er zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts.

»Mein Mann und ich haben uns getrennt, aber wir leben noch zusammen und tun so, als ob alles okay wäre.«

»Warum ziehst du nicht aus?«

»Wir haben einen Sohn. Er soll nicht merken, dass etwas nicht stimmt. Auch unsere Familie ahnt nichts.«

»Aber das muss doch furchtbar für dich sein.«

»Nein, wir verstehen uns eigentlich ganz gut, aber wir lieben uns nicht mehr.« Sie zuckte mit den Schultern und schaute auf ihr Glas.

Er hatte recht, manchmal war es wirklich unerträglich, zusammenzuleben, sich aber nichts mehr zu sagen zu haben. Felix schlief seit einem halben Jahr im Souterrain des Hauses. Tom hatten sie als Begründung erzählt, dass sein Vater zu laut schnarche. Er hatte es mit einem Lachen hingenommen. Glücklicherweise war er wie viele Teenager ziemlich auf sich selbst fokussiert, sodass er nicht allzu viel Augenmerk auf sein Umfeld legte.

Sex hatten Greta und Felix schon Monate vor der Trennung kaum noch gehabt. Greta hatte dann eines Tages in seinem Jackett, das sie in die Reinigung geben wollte, zwei Kondome gefunden. Sie hatte ihren Mann daraufhin zur Rede gestellt. Schließlich hatte er zugegeben, dass er eine Affäre mit seiner Sekretärin habe.

Für Greta brach keine Welt zusammen. Im Grunde genommen war es ihr egal. Erst da wurde ihr bewusst, dass ihr gar nichts mehr an ihm lag. Sie beschlossen, sich inoffiziell zu trennen. Aber keiner von beiden wusste, wie es weitergehen sollte.

Greta erzählte minutenlang, ohne Connor einmal direkt anzusehen. Es tat gut, einem Fremden, jemandem, der nicht zur Familie oder zum Bekanntenkreis gehörte, ihre Situation zu schildern. Mit jedem Wort realisierte Greta mehr, wie furchtbar sie sich eigentlich fühlte und wie sehr sie sich wünschte, die Gegebenheiten ändern zu können.

Connor hörte sich die Geschichte wortlos an und unterbrach sie nicht, wenn sie beim Erzählen ins Stocken kam und nach den richtigen Vokabeln suchte. Dann fragte er leise: »Wie alt ist dein Sohn?«

»Tom ist fünfzehn.«

»Ich habe eine Tochter. Sie ist schon zweiundzwanzig.«

»Wow, da bist du aber früh Vater geworden«, staunte Greta.

»Ja, ich war neunzehn und eigentlich viel zu jung. Ihre Mutter und ich haben geheiratet, als wir wussten, dass sie schwanger war, aber es ging schief. Chloé ist bei ihrer Mutter aufgewachsen. Ich habe den gleichen Fehler gemacht wie mein Vater damals, denn ich war für sie auch immer nur ein Besucher.«

»Und wie ist euer Verhältnis heute?«

»Wir sind mehr Freunde als Vater und Tochter. Aber wir sehen uns nicht sehr häufig. Ich bin meistens am Arbeiten und sie am Feiern. Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und manche Dinge anders machen.«

»Ja, es wäre schön, wenn das manchmal möglich wäre. Aber du kannst ja heute an eurer Beziehung arbeiten.«

Er nickte und schaute auf seine Hände. Offenbar machte ihm das Ganze zu schaffen. Greta wurde das Gespräch jetzt zu ernst und zu persönlich. Zeit für einen Themenwechsel.

»Und was machst du sonst noch so, außer Filme zu drehen?«

»Ach, jede Menge: ein bisschen Gitarre spielen, Stampede …«

»Stampede? Du meinst, Rodeo?«, unterbrach sie ihn.

»Calf roping im Speziellen. Kälber mit dem Lasso fangen.«

»Willst du mich auf den Arm nehmen?«, lachte sie.

»Nein, keineswegs. Ich habe mit neunzehn einen Film gedreht, bei dem ich acht Stunden am Tag im Sattel sitzen musste. Nach Drehende habe ich das Pferd gekauft. So fing alles an. Als ich vor ein paar Jahren die Nase vom Filmen erst einmal voll hatte, bin ich zum Rodeo gekommen. Du kannst dir nicht vorstellen, was für einen Spaß das macht.«

»Nein, kann ich wirklich nicht. Ich bin zwar früher geritten, aber auf einem Rodeo war ich noch nie. Ich glaube nicht, dass mir das gefallen würde.« Sie runzelte skeptisch die Stirn.

»Doch, ganz bestimmt. Schon das Zuschauen ist spannend. Ich würde dir allerdings nicht raten, es selbst zu versuchen. Es ist kein Sport für Frauen. Ich habe mir dabei schon alle möglichen Knochen gebrochen.«

»Kein Sport für Frauen? Das hättest du nicht sagen sollen. Ich werde es bestimmt bei der nächsten Gelegenheit ausprobieren«, lachte sie.

»Lass lieber die Finger davon«, meinte er noch einmal lachend und schaute auf seine Uhr. »Schon zehn Uhr, wir sollten zahlen. Ich muss morgen früh raus, weil ich schon um sieben Uhr am Flughafen sein muss.«

»Wo geht’s hin?«

»Berlin. Zur Deutschlandpremiere meines neuen Films. Ich habe da einige Pressetermine, danach geht die Promo-Tour in anderen Städten weiter und dann komme ich zum Abschluss noch mal nach Berlin.«

»Du hast einen neuen Film gemacht?«

»Ja, er heißt Bodycheck. Es geht um einen Eishockeyspieler. Eishockey spiele ich nämlich auch noch ein bisschen, und da hatte ich natürlich große Lust, einen Film darüber zu machen.«

»Ach, Eishockey spielst du auch.« Sie schüttelte in gespielter Verzweiflung den Kopf.

»Ja … ich stecke voller Überraschungen«, lachte er.

Er rief den Kellner und bezahlte für sie beide. Als sie durch das Lokal gingen, drehten einige Leute die Köpfe nach ihnen um, manche tuschelten, aber keiner sprach sie an.

»Ist das normal, dass man dich ständig anstarrt?«, fragte Greta ihn vor dem Lokal.

»Absolut normal«, antwortete Connor lakonisch. »Man gewöhnt sich dran.«

Sie liefen nebeneinander durch die engen Gassen der Altstadt zu seinem Hotel. Er war im Hyatt abgestiegen, in bester Lage direkt am Rhein.

Greta hatte an diesem Abend so viel über das Filmbusiness erfahren, aber eine – eher pikante – Sache wollte sie gern noch wissen, bevor sie sich verabschieden mussten. Schließlich bekam man nicht jeden Tag die Gelegenheit, sich mit jemandem zu unterhalten, der aus dem Nähkästchen plaudern konnte. Sie nahm all ihren Mut zusammen. »Connor?«

»Ja?«

»Entschuldige die Frage, aber … ich habe mich schon oft gefragt, wie das ist, vor der Kamera Liebesszenen zu spielen. Kann man da immer seine Gefühle beherrschen?« Sie lachte verlegen.

Er antwortete nicht direkt, und sie war sich plötzlich unsicher, ob sie mit ihrer Frage nicht eine Grenze überschritten hatte.

»Nun … nein, kann man nicht. Manchmal ist man schon erregt, vor allem, wenn man eine Filmpartnerin hat, die man attraktiv findet. Und Filmpartnerinnen in Liebesszenen sind meistens attraktiv«, grinste er.

»Und dann?«

»Hofft man, dass es niemand mitbekommt. Es vor der Filmpartnerin zu verbergen, ist manchmal schwierig, aber die meisten sind diskret. Manche Schauspieler masturbieren einfach vor einer Liebesszene. Dann ist schon mal Druck aus dem Kessel. Und manch eine Schauspielerin genehmigt sich vorher einen Drink.«

»Kann ich gut verstehen.«

»Normalerweise werden diese Aufnahmen ans Ende der Dreharbeiten verlegt, damit sich die Schauspieler schon besser kennenlernen konnten. Es wird nur mit einer kleinen Crew gedreht, also nur mit den Leuten, die wirklich da sein müssen. Aber du glaubst nicht, wer auf einmal alles einen Scheinwerfer an die richtige Stelle rücken muss.« Sie lachten beide.

»Und ist das merkwürdig, sich vor der Kamera auszuziehen?«, fragte Greta.

»Das eigentlich nicht. Nackt zu sein ist etwas Natürliches. Außerdem gibt es Hilfsmittel, hautfarbene Strings für die Frauen und kleine Beutelchen, in denen die Männer alles drin verstauen können.« Er musste grinsen. »Aber trotzdem fühle ich mich bei ausführlichen Sexszenen oft unwohl, besonders, wenn mir die Kollegin unsympathisch ist, weil es mir dann schwerfällt, die Szene authentisch darzustellen. Noch schwieriger ist es, wenn man sich zu einer Kollegin hingezogen fühlt, weil man nicht möchte, dass das irgendjemand mitbekommt, und weil man sich immer unter Kontrolle haben muss. Und wenn ich privat eine Partnerin habe, bekomme ich zudem ein schlechtes Gewissen, wenn ich beim Drehen angetörnt bin. Aber es lässt sich nicht immer verhindern. Mein Agent versucht deshalb, zu freizügige Szenen in den Verträgen zu blockieren. Aber manchmal bekommt man eine Rolle nur, wenn man dazu bereit ist. Und dann muss man überlegen, was einem wichtiger ist. Erotik im Film ist insbesondere bei den DVDs ein Verkaufsargument. Im Kino wird ja meistens weniger gezeigt, weil der Film sonst eine Altersfreigabe ab achtzehn Jahren bekommt, was man auf jeden Fall verhindern will, weil dann die Kasse weniger klingelt.«

»Na ja, kommt drauf an, oder? Bei Fifty Shades of Grey scheint es gerade umgekehrt gewesen zu sein. Die Altersbeschränkung und die Sexszenen haben noch mehr Leute ins Kino rennen lassen. Ich finde, die beiden Hauptdarsteller sind sehr mutig gewesen, sich darauf einzulassen. Ich könnte niemals solche Sexszenen spielen.«

»Soso, du hast den Film also gesehen«, schmunzelte er. »Ja, man kann über die Story streiten, aber das war eine Riesenleistung von Dakota Johnson und Jamie Dornan. Ich weiß nicht, ob ich seine Rolle angenommen hätte – also, als ich noch jünger war«, lachte er. »Übrigens stimmen die Gerüchte, dass Schauspieler vor laufender Kamera wirklich miteinander geschlafen hätten, eigentlich nie. Die kommen immer nur bei Filmen auf, die Publicity dringend nötig haben.«

»Ja, das hätte ich auch nicht geglaubt. Aber weißt du was? Mich wundert es, dass du so offen über dieses Thema redest.«

»Weißt du was? Mich auch«, grinste er. »Eigentlich habe ich noch nie wirklich mit jemandem darüber geredet. Ich meine … klar, man macht seine Witzchen mit Kollegen oder streitet sich mit seiner Freundin wegen einer allzu intimen Liebesszene, aber jeder Schauspieler versucht, das Thema möglichst unter den Tisch zu kehren.«

Sie waren am Hyatt angekommen und blieben vor dem Eingang stehen. Connor rieb über seine Arme, denn mittlerweile war es empfindlich kalt geworden.

»Greta, ich wollte dich noch etwas fragen.« Er schaute kurz auf den Boden, hob dann erneut den Blick und schaute ihr direkt in die Augen.

»Ja?« Ihr Herz schlug bis zum Hals, und ihr Nacken prickelte.

»Also, das kommt jetzt vielleicht unerwartet … Könntest du dir vorstellen, übernächstes Wochenende mit mir in Berlin zu einer Veranstaltung zu gehen? Ich bekomme einen Preis verliehen, anschließend findet noch eine VIP-Party statt. Aber ich habe keine Lust, alleine dorthin zu gehen.«

»Aber …« Sie schüttelte leicht den Kopf. »Wie … wie stellst du dir das denn vor? Ich kenne dich doch gar nicht. Mit dir essen zu gehen, ist eine Sache, aber das ist etwas ganz anderes.«

Er nickte. »Du hast wahrscheinlich recht, das war unüberlegt von mir«, sagte er leise und seine Stimme klang noch tiefer als zuvor. »Hör zu, mein Manager hat mir eine deutsche Handykarte besorgt, ich gebe dir mal die Nummer, falls du es dir anders überlegst. Das Angebot steht. Hast du einen Stift?«

Das Kramen in ihrer Tasche gab ihr einen kurzen Moment Zeit, nachzudenken. Ich kann doch nicht einen wildfremden Mann nach Berlin begleiten. Ausgeschlossen. Obwohl es mich schon reizen würde. Man bekommt nicht jeden Tag das Angebot, zu einer Preisverleihung und auf eine VIP-Party zu gehen, noch dazu mit Connor O’Bannion.

Sie reichte ihm einen kleinen Block und einen Stift. Er notierte die Zahlen, und sie bemerkte, dass er Linkshänder war. Als sie den Block wieder in der Tasche verstaut hatte, nahm er ihre rechte Hand, beugte sich zu ihr hinüber und küsste sie auf die Wange.

Greta hielt die Luft an. Ihr wurde heiß und kalt zugleich, als sie ihn so nahe bei sich spürte und einen Hauch seines Eau de Toilette roch.

Er sah ihr in die Augen, als überlegte er einen Moment. »Ich muss gehen. Pass auf dich auf«, sagte er dann schnell.

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, und nickte nur. Er drehte sich um und ging zum Eingang des Hotels. Sie sah ihn durch Glasdrehtür verschwinden. Drinnen drehte er sich noch einmal kurz um, hob die Hand und ging zum Aufzug.

Greta stand da wie betäubt. Sie schüttelte den Kopf, um aufzuwachen. Aber es war kein Traum gewesen.

Kapitel 3

»Ist hier eine Frau Rosenbaum?«, ruft ein Mitarbeiter der Fluggesellschaft und geht die Schlange entlang, in der sich Greta zum Aufgeben des Koffers angestellt hat. Viele Köpfe wenden sich ihm zu.

»Ja, hier«, ruft Greta und hebt die Hand. Alle Augen richten sich auf sie.

»Würden Sie bitte mitkommen?«, sagt der Mann.

»Aber ich stehe schon so lange in der Schlange und bin bald dran. Worum geht es denn?« Greta runzelt die Stirn.

»Keine Sorge, ich bringe Sie nur zu einem anderen Schalter«, entgegnet er. »Darf ich Ihr Gepäck nehmen?«

Greta reicht ihm den Koffer und folgt ihm widerwillig. Was soll das denn?, grummelt sie.

»Frau Rosenbaum, Sie wurden upgegradet«, sagt die Delta-Mitarbeiterin am Schalter.

»Wirklich? Das ist ja prima.« Ihre Laune wird augenblicklich besser. »Ich bin noch nie upgegradet worden«, freut sich Greta.

»Ja, Sie fliegen jetzt erster Klasse«, lächelt die Mitarbeiterin.

»Moment mal, von Economy auf erste Klasse?«

»Ja, da hat Ihnen wohl jemand ein Geschenk gemacht und ein paar Meilen von seinem Konto springen lassen.«

»Oh, okay.« Keine Frage, wer der Jemand war. Deswegen wollte er, dass ich unbedingt mit Delta in die USA fliege.

»Sie können bis zu Ihrem Abflug in den Delta Sky Club gehen. Dort gibt es kostenlose Drinks und Snacks.«

Ein verlockendes Angebot, das Greta gerne nutzt, nachdem sie die Sicherheits- und die Passkontrolle passiert hat. Die Zeit vergeht in der komfortablen Lounge wie im Flug. Als es Zeit zum Boarden ist, kann sie dank ihres First-Class-Tickets an der Warteschlange vorbeigehen, direkt ihren Boarding-Pass vorzeigen und über die Gangway zum Flugzeug laufen. Die Sitze in der First Class sind schräg angeordnet und jeder Gast hat einen kleinen abgetrennten Bereich mit viel Platz und Komfort. Eine Flugbegleiterin zeigt Greta ihren Sitzplatz und erklärt ihr, dass sie ihn später komplett zum Bett umlegen könne. Dann hilft sie Greta, ihren Trolley zu verstauen.

Als Greta sich hingesetzt hat, holt sie ihr Handy aus der Tasche und schickt Connor eine Nachricht: Danke :-*. Anschließend versetzt sie das iPhone in den Flugmodus, weil sie keine Antwort erwartet, denn bei ihm ist es noch früher Morgen. Jetzt freut sie sich auf den Start, obwohl das flaue Gefühl im Magen noch sehr präsent ist.

Als das Boarden abgeschlossen ist, rollt der Flieger zügig Richtung Startbahn. Nun gibt es kein Zurück mehr, denkt Greta aufgeregt und schaut aus dem Fenster. Nach einem kurzen Stopp heulen die Turbinen auf und der Koloss setzt sich erneut in Bewegung, nimmt immer mehr an Fahrt auf und hebt schließlich ab. Schnell werden der Flughafen, die Straßen und die Autos kleiner.

Gretas Augen füllen sich mit Tränen, als sie an Tom, ihre restliche Familie und ihre wenigen Freunde denken muss. Wann werde ich sie wiedersehen?

Nach dem geglückten Start fängt sie langsam an, sich zu entspannen. Sie hat den Countdown eingeleitet. Noch zehn, fünf, drei … Stunden, und sie wird für ihn und ihr neues Leben bereit sein. Sie hofft, dass er es auch ist.

Was, wenn die scheinbar große Liebe nur eine Sternschnuppe ist, die so schnell, wie sie gekommen ist, am Himmel verglüht? Wir kennen uns ja eigentlich kaum. Was sind schon vier, fünf Monate? Wie oft haben wir uns in dieser Zeit tatsächlich gesehen?

Sie muss verrückt sein, auf diesem wackeligen Fundament ein neues Leben aufbauen zu wollen. Aber es gibt keinen anderen Weg, um herauszufinden, ob es funktioniert. Eine Beziehung mit achttausend Kilometern Entfernung dazwischen ist nicht zu realisieren. Sie muss den Schritt über den großen Teich wagen, um ihnen beiden eine Chance zu geben.

***

Nachdem Connor sich vor dem Hyatt von Greta verabschiedet hatte, war Greta mit gemischten Gefühlen nach Hause gefahren. Einerseits fühlte sie sich beschwingt und attraktiv – schließlich hatte sie, so lange sie zurückdenken konnte, kein Date mehr gehabt –, andererseits war sie frustriert, dass diese außergewöhnliche Bekanntschaft nach wenigen schönen gemeinsamen Stunden zu Ende gehen sollte.

Greta wollte den Abend noch irgendwie ausklingen lassen. Bei dem ganzen Chaos, das in ihrem Kopf herrschte, war es undenkbar, ins Bett zu gehen, und so entschied sie sich erst mal für ein heißes Bad.

Eine Viertelstunde später lag sie mit einem Glas Rotwein in der Wanne. In kleinen bunten Gläsern flackerten Teelichte und malten Schatten, die sich tanzend zu bewegen schienen, an die Wände. Das warme Wasser streichelte ihre Haut. Sie stellte das Glas ab und ließ die Hände über ihren Körper wandern. Seit Monaten hatte sie kein Bedürfnis nach Sex gehabt, aber heute Abend war es neu geweckt worden. Es schien in ihrem Innersten geschlummert zu haben und ein glücklicher Umstand hatte es wach geküsst. Vielleicht war es Connors Kuss auf die Wange gewesen, vielleicht ihr Blick in seine viel zu blaugrünen Augen, vielleicht seine alles durchdringende Stimme.

Sie legte die Hände auf ihre Brüste, zwirbelte eine Weile sanft ihre Nippel zwischen ihren Fingern und streichelte sich anschließend zart und ruhig zwischen den Beinen. Als sie immer erregter wurde und spürte, dass es nicht mehr lange bis zum entspannenden Höhepunkt dauern konnte, konzentrierte sich ihr Finger auf ihre Klitoris. Mit sanftem Druck massierte sie die empfindsame Stelle. Ihr Atem ging schneller und ein Seufzen kam über ihre Lippen. Das Wasser schaukelte in der Wanne, als sie leise stöhnend zum Höhepunkt kam. Sie ließ die Welle kurz verebben, bevor sie das Streicheln wieder aufnahm. Während ein Mittelfinger in sie hineinglitt und ihr zweiter ihre Lustperle umgarnte, dachte sie an Connor. Die Art und Weise, wie er den Blick senkte, um dann von unten aufzuschauen, seine wundervollen Augen und die tiefe Stimme. Sie stellte sich vor, wie er sie küsste, zärtlich und zugleich fordernd. Wie er ihren Kopf zwischen seinen Händen hielt und sie leidenschaftlich miteinander knutschten. Wie seine Hände unter ihr weites Top schlüpften, ihre nackte Haut streichelten und ihre Brüste durch den dünnen Stoff des BHs berührten. Wie sie die Hand auf seine Hose legte und seine Erregung fühlte. Es war aufregend, sich vorzustellen, wie sie den Reißverschluss seiner Hose öffnete und seinen harten Schwanz herausholte, um ihn in den Mund zu nehmen. Und wie er daraufhin ihren Rock hochschob, unter dem sie nackt war, um sie mit seiner Zunge ausgiebig zu verwöhnen. Die Gedanken in ihrem Kopf und die Bilder vor ihrem geistigen Auge heizten ihre Erregung weiter an. Sie kam heftiger als zuvor.

Als sie schließlich entspannt und ein wenig erschöpft in der Wanne lag, schwirrten die Gedanken in ihrem Kopf. Wie wäre es wohl gewesen, mit ihm Sex zu haben? Er hat kurz gezögert, als er sich verabschiedet hat. Hat er überlegt, mich zu fragen, ob ich mit auf sein Zimmer kommen will? Sie hatte keine Ahnung, wie sich ein One-Night-Stand anfühlte, sie hatte in ihrem nun achtunddreißig Jahre dauernden Leben nur mit ihren drei festen Freunden und mit Felix geschlafen. Eine ziemlich magere Bilanz, musste sie sich eingestehen. Es gab einiges nachzuholen, jetzt, wo es mit Felix endgültig aus war.

Vielleicht hätte sie mit Connor flirten sollen, um Interesse zu signalisieren. Jetzt bereute sie, die Gelegenheit verpasst zu haben. Sie hatte aber noch eine Chance: Berlin! Es gab viele Gründe, nach Berlin zu fahren. Die VIP-Party, die Preisverleihung, die Aussicht auf Sex mit Connor …

Bestimmt wäre er nicht abgeneigt, überlegte sie.

Aber du kannst dich nicht mit einem wildfremden Mann in Berlin treffen, meldete sich ihr Gewissen.

Und warum nicht? Habe ich nicht das Recht auf ein bisschen Spaß?

Bisher war es immer sie gewesen, die sich um Tom und alle zu Hause anfallenden Arbeiten gekümmert hatte, wenn Felix, der erfolgreiche Unternehmensberater, mal wieder on Tour war. Aber das war jetzt vorbei. Sie wollte mehr vom Leben! Sollte Felix sich doch mal um die täglichen Angelegenheiten kümmern. Einkauf, Wäsche, Elternabend, dazu noch Handwerker … alles blieb an ihr hängen. Sie hatte wirklich ein bisschen Abwechslung verdient, versuchte sie sich vor sich selbst zu rechtfertigen.

Greta beschloss, gleich am nächsten Morgen ihre Freundin anzurufen und sie zu fragen, was sie von der Sache hielt. Sie brauchte dringend eine zweite Meinung. Gut gelaunt, befriedigt und entspannt stieg sie aus dem mittlerweile kalt gewordenen Wasser, fiel wenig später todmüde ins Bett und wachte am nächsten Morgen mit dem Gefühl auf, etwas Interessantes geträumt zu haben.

Ungeduldig hielt Greta das Handy ans Ohr. Es klingelte jetzt schon zum zehnten Mal. Mist! Bestimmt geht gleich die Mailbox dran!

Endlich hörte sie Jeanettes schlaftrunkene Stimme. »Ja?«

»Jeanette, ich bin’s, Greta.«

»Weißt du, wie viel Uhr es ist?«

»Ja, zehn nach acht.«

»Toll, das habe ich gesehen«, sagte Jeanette lakonisch.

»Oh, entschuldige, habe ich dich geweckt?« Greta grinste, denn sie wusste genau, dass Jeanette keine Frühaufsteherin war.

»Schon gut«, brummte Jeanette, »was liegt an?«

»Ich hatte ein Date«, platzte Greta heraus.

»Nein!«, sagte ihre Freundin ungläubig und klang plötzlich hellwach.

»Doch. Aber das sind nicht die News, sondern die, mit wem ich es hatte.«

»Kenne ich ihn?«

»Eher flüchtig aus der Ferne«, lachte Greta.

»Hm, dein gut aussehender Nachbar?«

»Nils? Der ist erst dreißig.« Greta runzelte die Stirn.

»Na und? Ich finde, er ist ein echt Süßer. Und du weißt doch: Der Trend geht zum jüngeren Mann.«

»Ist das so oder hast du das gerade erfunden? Aber du hast recht, Nils ist wirklich ein Sahneschnittchen, aber zu jung. Außerdem schleppt er ständig neue Frauen an.«

»Dann weiß er wenigstens, was wir wollen. Der wäre vielleicht mal genau das Richtige für dich. Einer, der es dir richtig besorgt.«

»Mann, Jeanette, denkst du mal an etwas anderes als Sex?«

»Nein, warum auch? Hättest du öfter mal Sex, wärst du jedenfalls entspannter. Aber jetzt erzähl mal endlich … wer war dein Date?«

»Sitzt du?«

»Nein, ich liege immer noch im Bett.«

»Auch gut. Also, ich bin gestern mit Connor O’Bannion durch Mainz gezogen.«

»Mit wem? Muss ich den kennen?«

»Natürlich, Jeanette. Connor O’Bannion, der Schauspieler.«

»Wie bitte? Ist heute der erste April?«

»Keineswegs«, lachte Greta. Sie konnte sich förmlich vorstellen, wie Jeanette mittlerweile im Bett saß und mit fliegenden Fingern auf ihrem iPad den Namen Connor O’Bannion ins Suchfeld eingab. Sie erzählte Jeanette in allen Facetten vom vergangenen Tag sowie von ihren Überlegungen, nach Berlin zu fahren. Ihre Freundin hatte tausend Fragen, und Greta versuchte, sie alle zu beantworten.

»Na ja, ein bisschen verrückt ist es schon«, meinte Jeanette schließlich, als ihr Wissensdurst weitgehend gestillt war, »aber ich würde es an deiner Stelle machen.«

»Meinst du wirklich?«

»Klar. Was hast du schon zu verlieren? Du machst dir ein schönes Wochenende mit einem netten Mann und verbringst tolle Tage und noch bessere Nächte. Wenn du heimkommst, fühlst du dich wahrscheinlich wie neugeboren.«

»Es geht hier nicht um das, was du wieder denkst. Er will nur nicht alleine zu der Veranstaltung gehen«, warf Greta ein.

»Ja, ja, und der Teufel ist ein Eichhörnchen. Bist du eigentlich so naiv oder tust du nur so? Natürlich will er mit dir ins Bett.«

»Aha, und woher willst du das wissen?«

»Ähm, warte kurz … Wer hat hier mehr Männerbekanntschaften und Erfahrungen, wie Männer ticken? Er will definitiv mit dir vögeln!«

»Puh, wenn das so klar ist, kann ich auf keinen Fall fahren.«

»Und warum nicht? Das ist doch ideal … du kannst dich völlig gehen lassen und siehst den Typen nie wieder. Außerdem ist es eine gute Übung für den Fall, dass du mal einen aussichtsreichen Kandidaten kennenlernst.«

»Danke, du bist ja wieder nett zu mir. Was soll ich jetzt machen?«

»Natürlich fährst du. Das wirst du ansonsten bis ans Ende deines Lebens bereuen.«

»Ich befürchte, dass ich mich unter Druck gesetzt fühle, falls er tatsächlich diese Erwartungshaltung hat.«

»Ja, das Risiko besteht. Aber hey, du kannst jederzeit Nein sagen. Du hast doch eh nichts zu verlieren«, bestärkte Jeanette sie. »Bist du nicht neugierig, was passieren wird? Und wie es ist, nach jahrelangem langweiligen Sex mit Felix einen heißen Typen im Bett zu haben?«

»So schlimm war es jetzt auch nicht«, wiegelte Greta ab. »Aber vielleicht hast du recht, ich sollte mir ein bisschen Spaß gönnen. Doch was soll ich Felix sagen?«

»Die Wahrheit? Du schuldest ihm nichts.« Jeanette war die Einzige, die wusste, dass die Ehe von Greta und Felix eine reine Farce war.

»Ach, ich weiß nicht …«

»Da wird uns schon noch was einfallen. Jetzt mach nicht schon wieder gleich einen Rückzieher.«

»Also gut«, lenkte Greta ein, weil sie wusste, dass Jeanette sonst keine Ruhe geben würde, »ich denke, ich werde Connor anrufen. Aber ich muss alles noch mal in Ruhe abwägen.«

»Mach das, aber sei offen für alles«, meinte Jeanette.

Schließlich verabredeten sie sich für Donnerstag. Ein neuer Film war im Kino angelaufen, den beide gern sehen wollten. Greta legte auf, atmete tief durch und widmete sich ihren Aufgaben. Den Gedanken an Berlin verdrängte sie. Sie wollte jetzt nicht darüber nachdenken. Sie musste noch einkaufen und kochen, denn um zwei Uhr kam Tom von der Schule.

Als Tom sich an seine Hausaufgaben setzte, nutzte sie die Gelegenheit, um im Internet einiges über Connor in Erfahrung zu bringen. Er war einundvierzig und offiziell Single. Sie fand zwar einige Fotos, auf denen er mit verschiedenen Frauen abgelichtet war, aber keinen Hinweis auf eine derzeitige Freundin. Das ist schon mal gut! Neben seiner Arbeit als Schauspieler war er Mitinhaber eines kleineren Musiklabels, das unbekannte Bands und Sänger förderte. Er selbst besaß mehrere Gitarren, trat aber nicht auf. Was das Rodeo-Reiten anging, hatte er die Wahrheit gesagt. Greta fand einige Bilder, die ihn in Aktion zeigten. Besonders angetan hatte es ihr ein Bild, auf dem er im gestreckten Galopp über eine weite Ebene ritt. Das Cowboy-Image stand ihm wirklich gut, entschied sie.

Am Donnerstag fuhr sie gegen sechs Uhr in die Stadt. Felix war auf ihre Bitte hin pünktlich zu Hause gewesen, um Tom zum Training zu bringen. Das hatte er früher, als ihre Ehe nicht nur auf dem Papier existierte, selten geschafft. Häufig saß sie abends mit ihrer gepackten Sporttasche zu Hause und wartete auf ihn oder rief die Freunde an, mit denen sie sich treffen wollte, um ihnen mitzuteilen, dass sie sich verspäten werde.

Greta schlenderte gemütlich durch die Altstadt. Sie hatte noch Zeit, um ein paar Besorgungen zu machen, und erinnerte sich daran, wie sie vor ein paar Tagen mit Connor hier entlanggegangen war. Es erschien ihr so unrealistisch. So, als wäre es nie passiert.

Eine halbe Stunde kam sie am Kino an. Jeanette wartete schon und umarmte Greta, wie sie es immer tat, wenn sie sich sahen.

»Und, hast du ihn angerufen?«, fragte Jeanette als Allererstes.

Greta schüttelte den Kopf.

»Warum denn nicht?«

»Keine Ahnung.«

»Also echt, du bist ein kleiner Feigling«, seufzte Jeanette enttäuscht.

»Eigentlich will ich ja, aber ich habe mich einfach nicht getraut.«

»Sollen wir ihn zusammen anrufen?«, schlug Jeanette vor.

»Auf gar keinen Fall.« Greta hob abwehrend die Hände. »Lass mich das mal lieber alleine machen.«

»Okay«, lachte Jeanette, und Greta meinte, den Schalk in ihren Augen aufblitzen zu sehen.

Kleines Luder, du weißt schon, wie du mich am besten manipulieren kannst, dachte sie und war ihrer Freundin dabei kein bisschen böse. Schließlich wollte Jeanette nur das Beste für sie.

An der Kinokasse gab es eine unliebsame Überraschung, denn der Film, den sie sich anschauen wollten, war so gut wie ausverkauft und dicht vor der Leinwand wollten sie nicht sitzen. Ratlos standen sie in der großen Eingangshalle des Kinos, als Jeanettes Blick über Gretas Schulter hinweg etwas entdeckte und sich ihr Gesicht aufhellte. Greta drehte sich um, um zu sehen, was Jeanette gerade erblickt hatte, und schaute direkt in Connors Augen, groß und blaugrün auf einem Kinoplakat, das ihr vorher in dem vollen Verkaufsraum gar nicht aufgefallen war.

»Hey, wie wär’s, wenn wir uns einen Film mit deinem neuen Freund anschauen? Bodycheck … hm … klingt vielversprechend. Ich hoffe, er hat möglichst wenig an, damit wir mal sehen, wie er gebaut ist und ob es sich lohnt. Der Film läuft erst seit heute und kommt wie gerufen.« Jeanette lachte verschmitzt.

»Er ist nicht mein Freund«, entgegnete Greta in einem harscheren Ton, als sie eigentlich wollte. »Und übrigens … es geht um Eishockey, nicht, was du schon wieder denkst. Willst du dir das wirklich anschauen?«

»Na klar. Los!«, sagte Jeanette mit Nachdruck und Greta folgte ihr gespannt zum Kartenschalter.

Es war seltsam, Connor in überdimensionaler Größe auf der Leinwand zu sehen. Er hatte eine tolle Ausstrahlung, in der etwas Ungezähmtes und Rebellisches mitschwang. Für den Film trug er die Haare ziemlich kurz geschoren, wodurch er tougher wirkte.

Die Story des Films war gut, und selbst wenn Greta das Thema Eishockey eigentlich nicht interessierte, war sie von Connors schauspielerischen Fähigkeiten gefangen. Besonders ergriffen war sie von einer Szene, in der er am Telefon mit den Tränen kämpfte. Es wirkte so real, und doch war es nur gespielt. Wenn Schauspieler in Filmen oder im Theater in der Lage waren, dem Publikum eine Figur authentisch rüberzubringen, was konnten sie dann wohl in der Realität mit diesem Können anfangen? War das der echte Connor, den ich kennengelernt habe, oder hat er mir vielleicht eine andere Person vorgespielt?

Jeanette lehnte sich zu Greta hinüber und flüsterte: »Und das willst du dir entgehen lassen? Ich würde fahren. Ich würde ihn nicht von der Bettkante stoßen.«

Typisch Jeanette. Sie war nicht verheiratet und hatte ständig neue Männerbekanntschaften. Mit One-Night-Stands hatte sie kein Problem. Eher mit zu festen Beziehungen, die sie einengten.

»Dann fahr du doch hin«, meinte Greta leise.

»Okay, mach ich. Ruf ihn an. Ich wollte sowieso schon immer mal auf so eine VIP-Party, mit den Promis schwätzen und so tun, als wäre ich eine von ihnen. Sag ihm, dass ich ihn begleiten werde.«

»Vergiss es. Entweder fahre ich oder niemand.«

»Weißt du jetzt bald, was du willst? Dann mach aber auch!«, sagte Jeanette nicht gerade leise und mit Nachdruck.

Hinter ihnen machte jemand Pscht. Sie schauten sich an, lachten leise und wandten sich wieder dem Film zu, in dem Connor gerade gekonnt über das Eis raste.

Zwei Tage später fasste Greta den Entschluss: Sie würde fahren! Am liebsten hätte sie Connor sofort angerufen, damit sie ihre Entscheidung nicht wieder revidieren konnte, aber sie saß gerade auf dem Fußballplatz, wo Tom sein Training absolvierte. Weil es so umständlich war, mit dem Bus dorthin zu kommen, fuhren Greta oder Felix Tom häufig mit dem Auto zum Training. Felix hatte seine Pflicht mal wieder auf sie abgewälzt, denn eigentlich wäre er heute mit Fahren dran gewesen. Morgens war ihm eingefallen, dass er dringend noch etwas Geschäftliches zu erledigen hatte. Sie glaubte ihm kein Wort. Vermutlich traf er sich an diesem Samstag mit seiner Geliebten.

Gegen halb zehn abends, als Tom in seinem Zimmer verschwunden war, fand sie endlich eine ruhige Minute, um bei Connor anzurufen. Mit klopfendem Herzen wählte sie die Nummer, die Connor ihr gegeben hatte. Nach dem dritten Klingeln wurde abgenommen.

»Yes?«, erklang es barsch.

Sie hörte sofort, dass es nicht Connor war, die Tonlage war viel höher.

»Ich möchte gerne mit Mr. O’Bannion sprechen«, sagte sie auf Englisch.

»Tut mir leid, das ist im Moment nicht möglich. Rufen Sie bitte später wieder an«, antwortete der andere.

Klick. Aufgelegt. Sie schaute verdutzt das Telefon an. Wer war das gewesen? Vielleicht sein Manager? Sie ließ sich frustriert auf die Couch fallen, nahm die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein. Beim Zappen blieb ihr fast das Herz stehen. Da war er. Lässig saß er auf der Couch eines bekannten deutschen Fernsehmoderators und ließ sich interviewen. Er hatte einen dunklen Anzug mit feinen Nadelstreifen an, dazu ein weißes Hemd, das bis zum dritten Knopf geöffnet war. Er sah umwerfend aus, schien extrem gut gelaunt zu sein, lachte viel und scherzte mit seiner Nachbarin auf der Couch, einer bekannten, gut aussehenden Sängerin aus den USA.

Greta spürte, wie ein Anflug von Eifersucht in ihr aufstieg. Es schien ihr nicht unüblich, dass nach der Show noch etwas zusammen getrunken wurde. Und dann war alles denkbar …

Sie schaute sich die Sendung bis zum Schluss an, wartete noch fünf Minuten und wählte dann erneut seine Nummer.

Es war wieder der andere Mann, der abnahm. »Yes?«

»Mein Name ist Greta Rosenbaum. Kann ich bitte mit Mr. O’Bannion sprechen?«, sagte sie mit klopfendem Herzen.

»Das ist leider nicht möglich. Kann ich ihm etwas ausrichten?«

»Ja! Dass ich ihn gerne sprechen möchte«, sagte sie, diesmal mit Nachdruck.

»Wer ist dran?«, hörte sie eine dunkle Stimme im Hintergrund.

Das Mikrofon des Handys wurde zugehalten und sie vernahm nur noch leises Gemurmel.

»Mr. O’Bannion wird Sie zurückrufen«, sagte der Mann wenige Sekunden später.

Zurückrufen? Sie glaubte nicht an einen Rückruf. Wahrscheinlich hält er das Ganze zwischenzeitlich für eine verrückte Idee und weiß nicht, wie er mich wieder loswerden soll.

Sie gab dem Mann zusätzlich zu ihrer Handynummer, die er ja auf dem Display sah, für alle Fälle ihre Festnetznummer und legte auf.

Desillusioniert saß sie auf dem Sofa, als zehn Minuten später das Telefon klingelte. Mit zitternden Fingern drückte sie auf den grünen Telefonhörer auf dem Bildschirm und nahm das Handy ans Ohr.

»Hi, Greta!« Die Stimme mit Gänsehautfaktor …

»Hi, Connor. Ich … es tut mir leid, dass ich so spät noch angerufen habe, aber ich habe dich im Fernsehen gesehen und dachte, es würde dir nichts ausmachen … Vielleicht sollten wir morgen …«

»Ist schon okay«, unterbrach er ihren Redefluss. »Was kann ich für dich tun?« Er klang distanziert; zwar freundlich, aber anders, als sie erwartet hatte.

Greta war verunsichert. Shit, was soll ich sagen?

»Nun, ich wollte fragen, ob dein Angebot noch steht.« Gespannt hielt sie die Luft an.

»Du meinst Berlin? Natürlich!«, sagte er, als stünde das außer Frage und wäre das Normalste von der Welt.

Greta ließ erleichtert die Luft aus ihrer Lunge strömen. »Ich hatte mir überlegt, dass ich dich doch gerne begleiten würde, wenn du es noch möchtest.«

»Ja, das ist toll.«

Sie hatte keine überschwängliche Freude erwartet, aber ein bisschen mehr als toll hätte es schon sein dürfen.

»Hör zu«, meinte er schnell, »ich rufe dich morgen wieder an. Dann können wir alles Weitere besprechen. Bye.«

Sie hatte noch nicht einmal mehr Zeit, sich zu verabschieden. Er hatte bereits aufgelegt. Was sollte das denn jetzt wieder? Er verhielt sich extrem merkwürdig.

Sie runzelte die Stirn und beschloss, ins Bett zu gehen. Aber an Einschlafen war nicht zu denken. Sie grübelte weiter über sein merkwürdiges Verhalten nach. Vielleicht ist gerade jemand bei ihm gewesen. Die gut aussehende Sängerin womöglich? Hat er deshalb so abrupt aufgelegt? Das ging sie wirklich nichts an, aber es wurmte sie, dass er so kurz angebunden gewesen war.

Gegen zwölf Uhr klingelte am Sonntag das Telefon. Als Greta endlich das Mobilteil auf der Couch unter einem Kissen gefunden hatte, nahm sie leicht außer Atem das Gespräch an.

»Hi! Ich bin’s.« Connor begrüßte Greta, als ob sie sich schon seit Jahren kennen würden.

»Hi!«, meinte sie nur kühl, um ihm nicht das Gefühl zu geben, auf den Anruf gewartet zu haben.

»Wie geht es dir? Hast du gut geschlafen?« Es klang fast zärtlich, wie er das sagte, und ihr Ärger verflog augenblicklich.

»Ja, habe ich. Es geht mir gut.« Das war eine glatte Lüge. Sie hatte bis drei Uhr wach gelegen und war bereits gegen acht wieder aufgewacht.

»Das ist schön. Ich hatte es auf deiner Handynummer versucht, aber du bist nicht rangegangen.«

Greta überlegte kurz, wo sie ihr iPhone hingelegt hatte. Na klar, es hing noch im Büro am Ladekabel. Sie hätte sich am liebsten mit der flachen Hand gegen die Stirn gehauen. »Tut mir leid, ich habe es nicht gehört.«

»Kein Ding. Wegen nächstem Wochenende … Ich freue mich sehr, dass du dich dazu entschieden hast, mitzukommen. Wie wäre es, wenn du schon Freitag nach Berlin kommen würdest? Wir könnten uns die Stadt ein bisschen anschauen. Und Samstag schlafen wir aus, machen es uns im Spa gemütlich und gehen dann zur Preisverleihung. Am Sonntag muss ich nachmittags nach Schottland fliegen.«

Ihr Herz schlug bis zum Hals. Das klang nun wirklich nach einem Rendezvous mit allem, was dazugehörte. »Mmh, das klingt perfekt.«

»Gut. Ich buche ein Zimmer für dich im Adlon. Melde dich einfach an der Rezeption. Wie ist noch mal dein Nachname?«

»Rosenbaum.«

»Okay, notiert.«

»Connor?«

»Ja?«

»Es war wohl gestern ein ziemlich ungünstiger Zeitpunkt, um anzurufen, oder?«

»Ach was, alles gut. Ich konnte nur nicht so reden, wie ich wollte, weil nach der Sendung Backstage die Hölle los war. Ich stand irgendwo in der Nähe des Büfetts herum, und der Moderator kam gerade auf mich zu, um mit mir zu plaudern, deshalb musste ich Schluss machen.«

»Ach so.« Keine gut aussehende Sängerin … »Wo bist du jetzt?«, fragte sie.

»Noch hier im Hotel in Köln, aber ich reise bald ab.«

»Dieses ständige Herumreisen ist ganz schön anstrengend, oder?«

»Es geht, ich bin es ja gewohnt. Nächste Woche ist es glücklicherweise vorbei. Aber bis dahin habe ich noch einige Pressetermine, Fernsehinterviews und Fotoshootings. Ich muss jetzt Schluss machen. Mein Flug nach München geht bald. Wir sehen uns Freitag. Ich freue mich.«

Sie grinste über das ganze Gesicht. Er hatte tatsächlich angerufen, es war unglaublich. Sie würde ihn wiedersehen … in Berlin … ein ganzes Wochenende lang.

Im nächsten Moment traf sie ein Gedanke wie ein Blitzschlag. Mist, ich habe nichts Schickes anzuziehen. Im Kopf ging sie ihren Kleiderschrank durch. Da war noch ein cremefarbenes Kleid, das sie vor fünf Jahren für eine Hochzeit gekauft hatte. Nein, das war inzwischen unmodern. Sonst fiel ihr nichts aus ihrem Fundus ein, was man auf einer Gala tragen konnte. Abendkleider besaß sie sowieso nicht, weil sie und Felix nie zu Bällen oder festlichen Events gegangen waren.

Also fuhr Greta Dienstagmittag nach Wiesbaden, weil es dort exklusivere Boutiquen gab als in Mainz und sie sicher sein konnte, ein passendes Outfit zu finden. Nach zwei Stunden und etlichen Kleidern, die sie anprobiert hatte, entschied sie sich für ein schlichtes schwarzes Kleid aus glänzendem Satin. Die breiten Träger wurden im Nacken geschlossen und ließen Rücken und Schultern frei. Es war knöchellang, an der Hüfte schmal geschnitten und hatte einen schwingenden Rock.

Es ist perfekt, dachte sie, als sie an der Kasse eine stolze Summe bezahlte.

Die passenden Schuhe dazu auszusuchen, war die nächste Herausforderung. Schließlich fand sie ein paar schwarze Pumps mit hohem Absatz.

Zu Hause probierte sie das Kleid noch einmal mit den Schuhen zusammen an. Es setzte ihre Rundungen gekonnt in Szene, wie sie beim Blick in den Spiegel zufrieden feststellte. Jetzt fiel ihr auf, dass sie einen Mantel oder etwas zum Überziehen brauchte, weil es während der Hin- und Rückfahrt sicherlich zu kühl sein würde. Sie ging zur Kommode, zog einen roten Pashmina-Schal aus der Schublade und legte ihn sich um die Schultern. Als sie sich erneut kritisch im Spiegel betrachtete, sah sie plötzlich Tom in der Tür stehen.

»Hallo, Mama. Wow, du siehst echt toll aus. Wo gehst du hin?«

»Hi, Tom, schon zurück? Ich bin am Wochenende zu einer Veranstaltung in Berlin eingeladen.«

»Mit Papa?«

»Nein, er ist auf Dienstreise und kommt erst am Samstag zurück. Wenn du hier nicht alleine bleiben möchtest, kannst du bestimmt bei Oma und Opa schlafen.«

»Das wäre super, dann könnte ich mit Opa weiter am Mofa schrauben.«

Gretas Vater hatte kürzlich von einem Freund eine alte Zündapp geschenkt bekommen, die jahrelang bei ihm in der Scheune gestanden hatte. Tom war sofort Feuer und Flamme gewesen und wollte den Oldtimer wieder fahrtüchtig machen.

»Ich wollte Oma sowieso gerade anrufen. Ich frage sie, okay?«, sagte Greta. Selbst wenn Tom schon fünfzehn war, war es ihr lieber, wenn er nicht die ganze Zeit allein zu Hause war und sich von Pizza ernährte und stundenlang vor dem Fernseher oder dem Computer saß.

Zögernd wählte sie die Nummer, nachdem sie sich wieder umgezogen hatte.

»Hallo, Mama!«

»Dass du dich mal wieder meldest …«, antwortete ihre Mutter und klang dabei verärgert.

Tolle Begrüßung, schließlich hätte sie auch anrufen können. Trotzdem bekam Greta auf der Stelle ein schlechtes Gewissen.

»Wie geht’s dir so?«, fragte sie.

»Gut, aber seit wann interessiert dich das?«

»Mama, was soll das denn?«

»Na, ist doch wahr. Du warst vor zwei Wochen das letzte Mal zu Hause.«

»Ich habe halt viel um die Ohren, aber das heißt doch nicht, dass es mich nicht interessiert, wie es euch geht. Tut mir leid, ich komme demnächst öfter vorbei. Versprochen.«

»Versprechen hast du selten gehalten.«

Greta seufzte leise. Es war sinnlos. Zwischen ihr und ihrer Mutter würde das Verhältnis nie warmherzig werden. Sie beschloss, nicht weiter darauf einzugehen. »Du, ich wollte fragen, ob Tom am Freitag von der Schule aus zu euch kommen könnte.«

»Und wo bist du?«, fragte ihre Mutter.

Keine Chance, Greta musste ihr eine Erklärung liefern. »Ich bin zu einer Veranstaltung nach Berlin eingeladen und komme Sonntag wieder zurück. Und Felix ist bis Samstag auf Dienstreise.«

»Was denn für eine Veranstaltung?«

»Ach, das ist so eine Gala.«

»Und von wem bist du eingeladen?«

»Von einem Kollegen, den ich noch von früher kenne«, log Greta.

»Und was sagt dein Mann dazu?«

Der weiß noch gar nichts davon, dachte Greta. »Was soll er sagen? Ist doch okay, wenn ich etwas unternehme. Schließlich ist er ja die ganze Zeit unterwegs«, sagte sie stattdessen.

»Deswegen solltest du zu Hause sein, wenn er es ist. Und nicht noch draußen herumziehen.«

»Herumziehen … wie sich das anhört. Als ob ich was Schlimmes machen würde.«

Ihre Mutter hatte keine Ahnung, wie es zwischen Felix und ihr stand. Bei Familienfesten oder anderen Gelegenheiten, bei denen sie mal zusammen auftauchten, heuchelten sie Harmonie. Eigentlich bin ich auch eine gute Schauspielerin, dachte sie, während sie dem Redeschwall ihrer Mutter nur mit halbem Ohr zuhörte.

»Mach, was du denkst. Am Freitag kann Tom gerne kommen, aber am Samstag sind wir unterwegs – im Tennisclub.«

»Das ist kein Problem, er kommt ja gut alleine zurecht und Felix ist ja dann wieder da. Danke, Mutti. Ich schaffe es diese Woche nicht mehr, aber ich komme gleich Montag oder Dienstag vorbei.«

»Dann kannst du ja mal erzählen, wie es in Berlin war«, meinte ihre Mutter in versöhnlichem Ton.

»Klar, mach ich. Grüß Papa«, beendete Greta das Gespräch und atmete auf. Das war geschafft. Jetzt musste sie nur noch mit Felix reden.

Felix nahm die Ankündigung keineswegs so gleichgültig hin, wie sie gedacht hatte.

»Nach Berlin willst du? Darf ich fragen, mit wem?«, wollte Felix wissen, als sie ihn abends mit ihrem Vorhaben konfrontierte.

»Ich wüsste nicht, was dich das angeht. Ich frage ja auch nicht, wenn du mit deiner Sekretärin verreist bist.«

»Heißt das, du hast jemanden kennengelernt? Tinder? Oder eine andere Dating-Seite?«, fragte er abfällig. Er brannte anscheinend vor Neugierde, aber sie sah keine Veranlassung, ihn genauer aufzuklären.

»Das geht dich nichts an. Ich will nur, dass du am Samstag und Sonntag endlich einmal deine Vaterrolle übernimmst und dich um Tom kümmerst. Bekommst du das hin? Er hat am Samstag ein Fußballturnier, zu dem du ihn fahren müsstest. Wenn du nichts kochen willst, könnt ihr ja essen gehen.«

»Das ist mein geringstes Problem. Ich hatte aber eigentlich etwas vor.«

»Dann musst du eben umplanen. Ich fahre am Freitag.«

Ohne auf eine Fortsetzung der Diskussion zu warten, drehte sie sich um und verließ den Raum.

Kapitel 4

Mit quietschenden Bremsen hielt der Zug am Freitag am Berliner Hauptbahnhof an. Greta hatte einen sehr frühen Zug genommen, um möglichst viel von dem Tag zu haben. Ein Taxi brachte sie zum Hotel.

Als sie den Mann in Livree vor der Tür stehen sah, war ihr erster Impuls, auf dem Absatz kehrtzumachen und wieder in das Taxi zu steigen. Sie hatte hier wirklich nichts verloren. Das war ganz und gar nicht ihre Welt. Aber der hochgewachsene Mann ignorierte ihr Zögern und öffnete ihr die messingfarbene Tür. Also trat sie ein und erlebte eine Zeitreise. Mit einem Schlag fühlte sie sich siebzig, achtzig Jahre in der Zeit zurückversetzt. Das Adlon war vor einigen Jahren an dem Platz neu errichtet worden, an dem es früher einmal gestanden hatte, nur wenige Meter vom Brandenburger Tor entfernt. Dabei hatte man seinen ursprünglichen Charme und Glanz erhalten.

Sie sah sich in der großen Eingangshalle um. Ihre Blicke schweiften nach oben zu der riesigen Glaskuppel, die alles in ein angenehmes Licht tauchte. Mehrere quaderförmige Säulen aus weißem Marmor trugen die Galerie, von der aus man nach unten in die Lobby blicken konnte. Glänzende Marmorböden, ein Brunnen, dazu gemütliche Sitzmöbel, die aus einer anderen Zeit zu stammen schienen, rundeten das Bild ab. Hier also hatte schon die Crème de la Crème, von Caruso über Thomas Mann bis zum Kaiser persönlich, ihren Kaffee getrunken, wie Greta aus einer TV-Dokumentation über das berühmte Hotel wusste, die sie vor einer Weile zufällig angeschaut hatte. Niemals hätte sie es für möglich gehalten, einmal selbst hier einzuchecken. Sie war beeindruckt und fragte sich, ob sie sich wirklich ein Zimmer für zwei Nächte in diesem Nobelhotel leisten könnte. Aber für einen Rückzieher war es jetzt zu spät, und außerdem nahm sie an, dass Connor die Hotelrechnung übernehmen würde.

An der Rezeption nannte sie ihren Namen und ergänzte, dass ein Zimmer für sie reserviert sei.

»Mr. O’Bannion erwartet Sie schon in seiner Suite«, meinte der Hotelangestellte leise und beugte sich dabei über den Tresen. Offenbar wollte er verhindern, dass jemand den Namen mitbekam. »Einen kleinen Augenblick, ich rufe jemanden, der Sie nach oben begleitet.«

Sie sah sich um und registrierte, dass die Gäste durchweg gut gekleidet waren, auch wenn sich scheinbar ein paar Touristen in Outdoor-Klamotten daruntergemischt hatten, die einmal einen Blick in das Nobelhotel werfen wollten. Greta hatte das Gefühl, dass man ihr ebenfalls ansah, dass sie eigentlich nicht hierher gehörte.

Ein Page kam, nahm ihr Gepäck und bat sie, ihm zu folgen. Sie fuhren mit dem Aufzug in den fünften Stock und gingen dann einen Gang entlang. Der Page öffnete eine der vielen Türen und ließ ihr den Vortritt. Das Zimmer war luxuriös und im charmanten Stil der 1920er-Jahre gehalten. Eine wundervolle Stuckdecke harmonierte mit einer gelb-in-gelb gestreiften Tapete. Kleine grüne Sessel verliehen dem Ganzen Gemütlichkeit und passten hervorragend zu den Möbeln und Türen, die in dunklem Holz gehalten waren. Ja, hier wird es sich die nächsten zwei Tage aushalten lassen, dachte Greta.

»Mr. O’Bannion ist nebenan«, sagte der Page und deutete auf eine Verbindungstür zum Nachbarzimmer. Sie gab ihm fünf Euro und dankte ihm. Der Mann ging hinaus und ließ sie allein.

Ihr Herz begann schneller zu schlagen, sie war aufgeregt. Sie rieb die feuchten Hände aneinander und überlegte, ob sie anklopfen sollte. In diesem Moment hörte sie jedoch bereits ein leises Klopfen an der Zwischentür.

Sie öffnete … und da stand er … in verwaschenen Jeans und T-Shirt. Er passte in seinem Outfit überhaupt nicht in diese noblen Räume. Irgendwie erleichterte sie das.

»Da bist du ja«, sagte er leise und lächelte sie an.

Sie lächelte ebenfalls, nickte und schaute verlegen zur Seite. Ein wenig hatte sie Angst vor dieser Begegnung gehabt, denn eigentlich waren sie Fremde. Wie sollte sie ihn begrüßen?

Aber Connor fasste sie einfach an den Händen und küsste sie wie selbstverständlich auf die Wange, wie er es beim Abschied vor dem Hyatt getan hatte. »Gefällt dir dein Zimmer?«

»Es ist grandios.« Sie schaute sich um.

»Es freut mich, dass es dir gefällt. Hattest du eine gute Reise?«

»Ja, es hat alles prima geklappt.«

»Wenn du dich erst ein bisschen ausruhen willst …«

»Nein, nein«, beeilte sie sich zu sagen, »ich möchte etwas von der Stadt sehen.«

»Gut, dann gehen wir los, wenn du so weit bist.«

Als Greta mit dem Auspacken ihres Koffers begann, ließ er sie allein.

Nach einer Weile kam er mit seiner Jacke über dem Arm, seiner Kappe und der Ray-Ban in der Hand zurück. Er setzte sich auf das Bett und schaute ihr dabei zu, wie sie die letzten Teile im Schrank aufhängte. Sie spürte seine Blicke im Rücken und fühlte sich dabei nicht gerade wohl. Sie musste an ihr Gespräch im Café denken. Männer schauen Frauen ständig an … Wo schaute er jetzt hin?

Sie drehte sich um und sah ihm direkt in die blaugrünen Augen. Er zog die Augenbrauen hoch und setzte einen unschuldigen Blick auf.

»Äh, ich bin so gut wie fertig. Wo wollen wir als Erstes hingehen?«, fragte sie, um ihn von sich abzulenken.

»Zuerst zum Brandenburger Tor, das ist hier gleich vor der Tür.« Es klang lustig, wie er mit seinem amerikanischen Akzent Brandenburger Tor aussprach.

»Ist mir nicht entgangen«, antwortete Greta und zog einen Mundwinkel nach oben.

»Dann dachte ich an den Reichstag, das Charlottenburger Schloss und die Ruine der Gedächtniskirche. Wir können den Fernsehturm hinauffahren und Berlin von oben betrachten. Und die Museumsinsel soll sehr interessant sein.«

»Stopp! Das schaffen wir niemals alles«, stöhnte sie und lachte.

»Ich möchte aber noch zur East Side Gallery. Da steht noch ein Teil der alten Berliner Mauer mit vielen Graffiti.«

»Das klingt ja nach Stress.« Greta seufzte.

»Was dachtest du denn?«, entgegnete Connor lachend. »Wir wollen hier doch kein gemütliches Wochenende verbringen.«

»Eigentlich hatte ich mir genau das vorgestellt.«

Sie beschlossen, die Gegend zunächst zu Fuß zu erkunden. Das Wetter spielte mit: Es war sonnig und für das Berliner Klima ziemlich warm für die Jahreszeit. Sie traten aus dem Hotel und mussten nur ein paar Schritte gehen, bis sie vor dem Brandenburger Tor standen.

»Es handelt sich um ein klassizistisches Bauwerk, das Ende des achtzehnten Jahrhunderts erbaut worden ist«, las Connor aus einem englischen Reiseführer vor, den er im Hotel ausgeliehen hatte.

»Was hältst du davon, eine Stadtrundfahrt zu machen?«, schlug sie vor und zeigte auf einen Touristenbus, der direkt hinter dem Brandenburger Tor angehalten hatte.

»Gute Idee«, stimmte Connor zu.

Sie stiegen in den roten Hop-on/Hop-off-Bus und setzten sich im oberen offenen Deck in die letzte Reihe. Connor überließ Greta den äußeren Platz, lehnte sich entspannt zurück und legte den Arm auf Gretas Sitzlehne. Ihn so nah neben sich zu spüren, machte sie nervös.

Die englischsprachige Bustour brachte sie zu einem Teil der vielen Highlights, die Berlin zu bieten hatte. Greta liebte es eigentlich, Städte zu Fuß zu erkunden, ihren Puls zu spüren, in sie einzutauchen. Aber mit Connor war die Bustour genau das Richtige. So konnte sie sich einerseits auf die Sehenswürdigkeiten konzentrieren, die sie das erste Mal live sah, und gleichzeitig Connor ihre Aufmerksamkeit schenken. Während sie durch das Regierungsviertel und Berlin-Mitte gefahren wurden, diskutierten sie eine Weile darüber, ob die Melange aus alten und modernen Gebäuden wirklich gelungen war. Dann bog der Bus auf die beliebteste Flaniermeile der Berliner ab, den dreieinhalb Kilometer langen Kurfürstendamm, und fuhr langsam an den prachtvollen Gebäuden vorbei. Der Ku’damm war die Hauptschlagader der Stadt, hier hatten einst die Superreichen des Kaiserreiches gelebt, erfuhren Connor und Greta aus dem Lautsprecher. Im Kontrast dazu zeigte sich der Potsdamer Platz mit seinen markanten Hochhäusern, den sie anschließend ansteuerten. Als der Bus stoppte, stiegen Connor und Greta aus, um sich die futuristische Architektur des Sony Centers mit dem spektakulären Dach, das an eine Blume erinnert, anzuschauen, in einem der Cafés einen Espresso zu trinken und sich die Füße zu vertreten.

Sie nahmen einen der nächsten Hop-on/Hop-off-Busse und fuhren am Checkpoint Charlie vorbei zum Gendarmenmarkt. Greta merkte, dass Connor nicht mehr bei der Sache war, und ihr ging es ähnlich. Außerdem drehte sich eine Frau immer wieder zu ihnen um und musterte sie neugierig, was Greta unangenehm fand. Connor schien es ähnlich zu gehen.

Als sie schließlich zum Alexanderplatz kamen, stand Greta die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Er präsentierte sich als urbaner Ort, der offensichtlich alle Bausünden der Nachkriegszeit in sich vereinte. Der Bus hielt am Fernsehturm und Connor schlug vor, nochmals auszusteigen. Greta nickte zustimmend.

Als sie auf der Straße standen, zeigte er auf den Aussichtsturm und sagte: »Lass uns hochfahren und den Ausblick genießen.«

Sie mussten nicht allzu lange anstehen und niemand in der Menge nahm Notiz von ihnen. Als sie an der Reihe waren, fuhren sie die über zweihundert Meter mit dem Aufzug in nur vierzig Sekunden nach oben. Auf der Panoramaplattform liefen sie einmal rundherum und schauten hinunter auf die Stadt, die sich unendlich auszudehnen schien. Der Ausblick war magisch.

»Komm, ich mache ein paar Fotos von dir«, sagte Connor und zückte sein Handy.

»Oh nein, bitte nicht!«, lachte Greta.

»Na los, stell dich da hin«, dirigierte er sie in die richtige Position.

Er knipste sie ein paarmal und kam dann zu ihr, um sich neben sie zu stellen. Dann schoss er ein paar Selfies von ihnen zusammen. Er neigte sich zu ihr und Greta erkannte den Duft seines Eau de Toilette wieder. Sie atmete tief ein, um ihn besser in sich aufzunehmen, und genoss den männlichen Duft. Wie gut er riecht, dachte sie insgeheim.

Nach einer Weile in zugiger Höhe wollte Greta gern etwas trinken. Sie hatten Glück und bekamen in dem Restaurant, das eine Etage über der Panoramaplattform lag, einen Fensterplatz. Sie bestellten zwei Espresso und Wasser und hatten zum ersten Mal die Gelegenheit, völlig ungestört miteinander zu reden.

»Und, wie war deine Woche?«, begann Greta unverfänglich ein Gespräch.

»Viele anstrengende Interviews mit den immer gleichen Fragen. Die Fernsehshow war lustig. Der Moderator ist ja ein verrückter Typ.«

»Ja, er ist ein bisschen crazy, aber das kommt bei den Leuten gut an. Kanntest du irgendjemand von den anderen Gästen?«

»Nur Belinda, die Sängerin. Alle weiteren Talkgäste kamen aus Europa, ihre Namen hatte ich noch nie gehört. Ich bin einfach viel zu selten hier. Das sollte ich unbedingt ändern«, sagte Connor und zwinkerte ihr zu.

Greta wusste nicht, wie sie das verstehen sollte, und lachte verlegen. »Wer war eigentlich der Kerl, der nach der Show an dein Telefon gegangen ist?«

»Das war Carl, mein Manager und Freund.«

»Er hatte es anscheinend ziemlich eilig, denn er hat beim ersten Mal einfach aufgelegt.«

»Ehrlich? Wahrscheinlich hatte er gerade Stress. Er ist immer überbesorgt, dass alles klappt, und manchmal ist er ziemlich hektisch.«

»Wo ist er jetzt?«

»Schaut sich die Stadt an und trifft sich noch mit ein paar Leuten. Ich musste ihn überreden, mich aus den Augen zu lassen. Weil er irgendwann einmal bei einem Sicherheitsdienst gearbeitet hat, spielt er sich gerne als mein Bodyguard auf.« Connor sagte das offensichtlich im Spaß, denn Greta hatte das Gefühl, dass er viel von Carl hielt.

»Werde ich ihn kennenlernen?«

»Klar. Morgen hat er dir erst einmal seinen Platz für die Preisverleihung überlassen.«

»Wirklich? Heißt das, er kann nicht mitgehen?«

»Doch, er wird Backstage sein. Er hat nur keinen Platz im Publikum.«

»Und … ist das okay für ihn?«

»Sicher.«

»Hat er gar nichts dazu gesagt, dass du einfach eine fremde Frau als Begleitung einlädst?«

»Das sage ich dir jetzt lieber nicht«, lachte Connor. »Aber er kennt mich und weiß, dass ich manchmal verrückte Sachen mache.«

»Ach, du lädst also öfter fremde Frauen ein«, stichelte Greta.

»Zumindest was Preisverleihungen angeht, bist du die erste«, grinste er.

Vom Fernsehturm aus nahmen sie ein Taxi zum Hotel. Sie wollten beide noch unter die Dusche und sich dann für das Abendessen umziehen. Connor wollte vorher noch an seiner Dankesrede für die Preisverleihung feilen, und Greta nutzte die Zeit, um sich auf ihr Bett zu legen und auszuruhen. Connor hatte einen Tisch für zwanzig Uhr im Restaurant des Adlon reserviert, bis dahin hatte sie noch zwei Stunden Zeit.

Verdammter Mist!, dachte sie, als sie schlaftrunken auf ihr Handy schaute. Nicht nur, dass sie fünf neue Nachrichten von Jeanette hatte, die digitale Anzeige zeigte zudem 19:17 Uhr. Hektisch sprang sie aus dem Bett und stürmte ins Bad. Jeanette musste leider warten.

Kurz vor acht Uhr klopfte es an der Tür. Greta, die sich mittlerweile geduscht, geschminkt und umgezogen hatte, öffnete. Connor sah perfekt aus, er hatte den gleichen Anzug an, den er in der Fernsehshow getragen hatte. Sie war völlig baff, dass der simple Tausch einer Jeans gegen eine Anzughose einen völlig anderen Typ aus ihm machte. Zudem hatte er seinen Dreitagebart abrasiert. Fast wäre ihr ein Wow herausgerutscht, als sie ihn so vor sich stehen sah. Sie hatte sich für einen schokobraunen Hosenanzug und eine champagnerfarbene Bluse entschieden und war plötzlich verunsichert, ob sie wirklich angemessen gekleidet war.

»Du siehst toll aus.« Connor musterte sie von oben bis unten.

»Danke, du ebenso. Du solltest öfter einen Anzug tragen.«

»Nur, wenn ich muss«, grinste er.

»Von mir aus hättest du in alten Jeans kommen können«, sagte Greta und zwinkerte ihm zu. »Wollen wir los?«

Als sie das Restaurant betraten, war es bereits gut besucht. Greta und Connor wurden zu ihrem Tisch geleitet. Sie war gespannt, wie die Leute auf ihn reagieren würden, aber keiner drehte sich nach ihm um oder starrte ihn an. Es schien, als würde ihn niemand erkennen.

»Wollen wir uns ein Überraschungsmenü zusammenstellen lassen?«, fragte Connor sie, als der Kellner ihnen die Speisekarte reichte.

»Das würde mir sehr entgegenkommen«, lächelte Greta. Wenn sie früher mal in einem Feinschmecker-Restaurant gegessen hatte, hatte sie es oft schwierig gefunden, sich unter den Kreationen etwas vorzustellen und dann eine Auswahl zu treffen.

Der Kellner nickte und fragte sie, was sie trinken wollten. Connor bestellte für beide ein Glas Champagner und außerdem eine Flasche argentinischen Rotwein.

»Connor, wie kommt es, dass dich hier scheinbar niemand erkennt?«, fragte sie ihn erstaunt, als der Kellner sie allein gelassen hatte.

»Es wird schon der eine oder andere darunter sein, der weiß, wer ich bin. Aber in solch einem Ambiente würde sich das kaum jemand anmerken lassen. Außerdem sind diese Leute oft daran gewöhnt, dass ihnen mal ein bekanntes Gesicht über den Weg läuft.«

»Das heißt, wenn du mehr zahlst, hast du deine Ruhe?«

»Ja, kann man so sagen. Deswegen fliege ich meistens erster Klasse. Hin und wieder sprechen mich schon mal Leute im Hotel, im Flugzeug oder im Taxi an: Hey, ich habe Sie in ihrem letzten Film gesehen. Hat mir gut gefallen. Oder so ähnlich. Da habe ich nichts dagegen. Und wenn sie mir eine konkrete Frage stellen, bekommen sie in der Regel eine Antwort. Wenn jemand zu mir sagt: Hi, wie geht es Ihnen?, antworte ich: Gut, danke! Einen schönen Tag noch. Die meisten Leute ziehen dann zufrieden ab. Ich hasse es allerdings, wenn ich beim Essen angesprochen werde oder wenn Fans zudringlich werden. Das passiert öfter, wenn ich in normale Restaurants gehe. Da kann ich wirklich sauer werden. Manche Leute haben keine Hemmungen und keinen Anstand. Kürzlich fragte mich sogar jemand in der Sauna nach einem Autogramm. Wir waren beide nackt. Unglaublich.« Er schüttelte den Kopf.

Greta hatte das Bild vor Augen und musste lachen. »Ich stelle mir das schon anstrengend vor, wenn man ständig befürchten muss, dass man belästigt wird.«

»Und nicht nur das. Manche Leute starren einfach nur. Sie starren dich an, als ob du von einem anderen Planeten kommst. Sie denken, du wärst besonders. Dabei fühle ich mich völlig normal. Das einzig Besondere ist, dass ich Schauspieler bin und mein Gesicht deshalb bekannt ist.«

»Aber mal ehrlich: Wenn sich nie jemand nach dir umdrehen oder dich ansprechen würde, wäre das nicht komisch?«, hakte Greta nach.

»Sicher. Wir Schauspieler sind exhibitionistisch veranlagt, jedenfalls die meisten von uns. Wir wollen gesehen werden, brauchen die Zuneigung des Publikums und seine Bestätigung. Es kommt halt immer auf das Wie und Wann an. Manchmal wollen wir einfach nur eine private Person sein. Doch das sind wir nie. … Aber erzähl doch mal was von dir. Ich weiß eigentlich kaum etwas über dich.«

»Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich führe ein ziemlich langweiliges Leben, was ich mir ein bisschen anders vorgestellt hatte.« Jeanette würde jetzt sicher die Augen verdrehen. Aber Greta wollte ihm nichts vormachen.

»Und wie?«

»Eigentlich wollte ich Übersetzerin oder Dolmetscherin werden. Ich habe zunächst Anglistik studiert, aber nach sechs Semestern abgebrochen, weil ich die Chance bekam, bei einer Zeitung zu arbeiten und dort zu volontieren.«

»Ach, deswegen sprichst du so gut Englisch«, unterbrach er sie.

»Ja, ich war zudem ein Semester an einer englischen Uni. Na ja, jedenfalls bin ich dann zur Zeitung gewechselt und habe es nie bereut. Es hat mir unheimlich Spaß gemacht, mich mit Menschen zu unterhalten oder für eine Geschichte zu recherchieren. Irgendwann lernte ich Felix kennen. Es dauerte nicht lange, bis Tom unterwegs war. Mit seiner Geburt änderte sich alles. Ich wurde hauptsächlich Hausfrau und Mutter. Ich schreibe freiberuflich Artikel für Kinderzeitschriften und manchmal für Zeitungen. Aber ich habe den richtigen Zeitpunkt verpasst, um wieder voll ins Berufsleben zurückzugehen. Außerdem wollte Felix das nicht.«

»Es ist nie zu spät«, sagte Connor und schaute sie eindringlich an.

Greta zuckte mit den Schultern. Eigentlich dachte sie nicht gern über ihre Situation nach, denn sie hatte oft das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Als sie damals ungeplant schwanger geworden war, war sie sich noch gar nicht sicher gewesen, ob sie Kinder haben wollte. Sie hatte kurzzeitig über eine Abtreibung nachgedacht, aber Felix war ausgerastet, als sie mit ihm darüber hatte sprechen wollen. Er hatte ihre Eltern eingeweiht und sie so unter Druck gesetzt. Also hatte sie sich dafür entschieden, das Kind zu bekommen. Rückblickend die beste Entscheidung ihres Lebens, und dafür war sie Felix heute dankbar. Zudem hatte sie zum damaligen Zeitpunkt geglaubt, dass er der Richtige für sie wäre und sie bis in alle Ewigkeit zusammenbleiben würden. Wie hatte sie sich nur so täuschen können?

Das Sechs-Gänge-Menü, das ihnen serviert wurde, war vorzüglich und so ziemlich das Beste, was Greta je gegessen hatte. Sie liebte die Vielfalt: ein bisschen Fisch, eine Scheibe Entenbrust, ein Stückchen Rinderlende – für ihren Geschmack war es perfekt ausgewogen.

Nach dem Essen fragte Connor süffisant: »Noch einen Espresso?«

»Selbstverständlich!«, lachte sie über die Anspielung auf ihren ersten Abend in Mainz.

Anschließend gingen sie an die Bar. Connor orderte wieder Whisky, Greta einen Baileys auf Eis. Sie unterhielten sich, als ob sie sich seit Jahren kennen würden, redeten über alles Mögliche: von aktuellem Zeitgeschehen über amerikanische Politik bis hin zu moderner Kunst und Musik.

Gegen Mitternacht gingen sie gemeinsam nach oben ins Wohnzimmer der Suite.

»Möchtest du noch etwas trinken?«, fragte Connor und zog das Jackett aus.

»Oh nein, danke, mir reicht’s.«

Connor sah sie an. Es lag eine gewisse Spannung in der Luft, die man förmlich spüren konnte.

Was wird jetzt passieren?, überlegte Greta aufgeregt. Wird er mich küssen? Es war keine Frage, dass sie sich sympathisch waren und dass eine gewisse sexuelle Spannung zwischen ihnen lag.

Connor zögerte einen Moment und meinte dann: »Gut, dann gehe ich jetzt wohl besser ins Bett.«

Oh … Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit. »Ja, sicher. Gute Nacht«, sagte sie irritiert, wollte sich aber nicht anmerken lassen, dass sie ein kleines bisschen enttäuscht war.

Er küsste sie wieder auf die Wange, schaute sie noch einen kurzen Augenblick an und sagte dann ebenfalls »Gute Nacht«.

Als Greta im Bett lag, grübelte sie, woran es gelegen hatte, dass der Abend so abrupt zu Ende gegangen war. Hätte ich offensiver sein müssen? Sie war so wenig geübt darin, mit Männern zu flirten. Vielleicht hätte ich mal seine Hand nehmen oder ihn einfach küssen sollen? Möglicherweise hatte sie sich aber auch völlig getäuscht und Connor wollte gar nicht mit ihr ins Bett. War das denkbar? So, wie er sie ansah, hätte sie auf jeden Fall getippt, dass sie ihm gefiel. Vielleicht stimmte es nicht, was im Internet stand, und in Wahrheit wartete in Amerika doch eine Frau auf ihn, weshalb er im letzten Moment die Notbremse gezogen hatte, bevor noch etwas passierte, das er hinterher bereuen würde.

Greta war ratlos, nahm sich aber vor, am nächsten Abend nicht die Initiative zu ergreifen. Wenn er sie wollte, sollte er den ersten Schritt machen. Ansonsten würde eben nichts passieren und sie würden sich nach diesem Wochenende einfach Goodbye sagen.

Greta und Connor hatten Sex, zumindest in ihren Träumen. Sie liebten sich gerade voller Hingabe, als Felix plötzlich auf einem Pferd angeritten kam. Er zog einen Revolver und erschoss Connor. Dann legte er sie, obwohl sie sich heftig wehrte, vorn über den Sattel und ritt mit ihr davon.

Greta wachte schweißgebadet auf und setzte sich im Bett auf. Connor stand in der Tür.

Gott sei Dank, er ist nicht tot, dachte sie erleichtert.

»Greta, bist du okay? Du hast geschrien.«

»Wirklich? Ich habe wohl schlecht geträumt. Tut mir leid. Es ist alles okay.«

Er schaute sie besorgt an.

Wenn der wüsste, was ich geträumt habe, dachte sie. Glücklicherweise war es im Zimmer dunkel, sodass er nicht sah, dass sie rot wurde.

»Okay, dann gehe ich mal wieder. Schlaf gut«, sagte er und schloss die Tür.

Kapitel 5

Schlaftrunken setzte sich Greta im Bett auf. Hat es nicht gerade geklopft? Sie tastete nach dem Handy und sah, dass es kurz nach neun war.

»Darf ich reinkommen?«, ertönte es dumpf von der anderen Seite der Tür.

Sie konnte die Frage gerade noch bejahen, da wurde die Tür schon geöffnet. Connor trat mit einem Tablett in den Händen ein, stellte es auf ein Tischchen und blieb dann vor dem Bett stehen. Verlegen zog Greta die Decke bis zum Kinn. Sie hatte nur ein seidenes Nachthemd an, unter dem sich alle Konturen abzeichneten.

»Guten Morgen, wie geht es dir?«

»Gut, danke.«

»Aufregende Nacht, hm? Ich dachte, ein Frühstück im Bett würde dir vielleicht gefallen. Möchtest du einen Kaffee?«

»Oh ja, gerne. Gibst du mir bitte mal meinen Morgenmantel? Er liegt da über dem Stuhl.«

Er reichte ihn ihr und wandte ihr den Rücken zu, während sie ihn überzog.

Sie brauchte sich um nichts zu kümmern. Er schmierte für sie das Brötchen, goss ihr Kaffee und Orangensaft ein. Greta sah ihm dabei zu und wunderte sich darüber, dass Connor sich verhielt, als würden sie sich bereits eine Ewigkeit kennen.

»Was hast du denn heute Nacht geträumt, das dich so erschreckt hat?«

»Ach … nichts weiter. Ich weiß es gar nicht mehr«, schwindelte sie und biss in ihr Brötchen.

Connor schaute sie skeptisch an, zog die Augenbrauen hoch und nippte an seinem Kaffee. »Bist du bereit, dich verwöhnen zu lassen?«, fragte Connor.

»Verwöhnen lassen?«, stotterte Greta und lief vor Verlegenheit rot an. Was hat er vor?

»Ja, wir wollten doch ins Spa gehen, weißt du nicht mehr?«

»Ach so … das … Doch, natürlich weiß ich das noch«, sagte Greta erleichtert.

Connor sah sie an und lachte schelmisch. »Sobald du bereit bist, können wir los.«

Greta musterte sich im Spiegel der Umkleidekabine im Spa-Bereich des Hotels. Das Deckenlicht war weiß und verlieh ihrer Hautfarbe einen schrecklichen Farbton.

Ich hätte mir einen neuen Bikini kaufen sollen, überlegte sie und runzelte die Stirn. Der Zweiteiler, den sie trug, war schon ein wenig ausgeleiert und das Schwarz verblasst. Aber jetzt war es zu spät. Sie schlang sich eines der flauschigen Handtücher um, die auf einem Stapel bereitlagen, und öffnete die Tür.

Connor saß auf einer Liege und blickte lächelnd auf. Er trug Badeshorts und sonst nichts. Greta versuchte, nicht auf seinen Oberkörper zu starren, der sonnengebräunt und durchtrainiert war. Nun konnte sie die Tattoos an seinen Oberarmen gänzlich unbedeckt sehen. Und … verdammt noch mal … die sehen echt gut aus.

»Es hat einige Vorteile, wenn man in Kalifornien wohnt«, sagte sie und blickte an sich herunter.

»Das hat es ohne Zweifel«, antwortete Connor. »Dann stecken wir dich mal unters Solarium.«

Es wurde ein toller Wellnesstag, ganz nach Gretas Geschmack. Nach dem Solarium nahmen sie ein Dampfbad, ließen sich massieren, eine Gesichtsmaske auftragen und schwammen im hoteleigenen Pool. Luxus pur! Sie genoss das Verwöhnprogramm und das Zusammensein mit Connor. Alles war easy, und zum ersten Mal konnte sie nachempfinden, wie das Leben der Schönen und Reichen ablief.

Die Stimmung zwischen ihnen war meistens locker, aber von Zeit zu Zeit schien die Luft zwischen ihnen zu knistern. Sie neckten sich wie Teenager gegenseitig im Wasser, und wenn Connor versuchte, Greta unterzutauchen, klammerte sie sich an seine Schultern, um ihm keine Chance zu lassen.

Ausgepowert gingen sie zum Abschluss noch einmal in den Whirlpool, um ein wenig zu entspannen. Greta saß Connor gegenüber, der die Augen geschlossen hatte und das Blubbern um ihn herum genoss. Greta musterte seine Gesichtszüge, von denen jegliche Anspannung abgefallen war. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig, wie sie an seinem definierten Brustkorb sah.

Er sieht unglaublich gut aus, sinnierte sie und ließ ihre Blicke über seinen Körper wandern. Ich könnte zu ihm rüberrutschen und ihn küssen, überlegte sie.

Plötzlich öffnete Connor die Augen und sah sie direkt an. Greta zuckte zusammen, fühlte sich wieder einmal ertappt und ihr ganzer Mut war verflogen.

»Jetzt bist du dran, die Augen zuzumachen«, sagte Connor.

Was hat er vor? Nervös schloss Greta die Augen und versuchte, ruhig zu atmen. Aber das Wissen, dass Connor sie beobachtete, und gleichzeitig nicht zu wissen, was er tat, ließ ihr keine Ruhe. Sie öffnete ein Auge einen Spalt und spähte durch die Wimpern, um zu sehen, was er machte. Connor fuhr sich gerade mit dem Daumen über die Unterlippe.

»Ich wusste, dass du das nicht durchhalten würdest«, sagte er grinsend.

»Ich kann das nicht, wenn ich weiß, dass du mich anschaust.«

»Komm her, setz dich neben mich. Dann schaue ich dich nicht an und wir können beide relaxen«, entgegnete er.

Greta setzte sich neben ihn und schloss die Augen, aber an Entspannung war nicht zu denken. Ihre Arme berührten sich leicht, was Gretas Haut mehr prickeln ließ als die Luftblasen im Wasser.

Connor hatte die Augen wieder geschlossen und summte leise vor sich hin.

»Was ist das für ein Lied?«, fragte Greta.

»Es heißt Song for Mary-Lou«, entgegnete Connor.

»Mary-Lou? Eine Ex?«

»Nein«, schmunzelte Connor, »es gab keine Mary-Lou. Der Name hat einfach zur Melodie gepasst.«

»Hast du es geschrieben?«

»M-hm.«

»Kannst du es mir später mal vorsingen?«

»Ich habe meine Gitarre nicht mit.«

»Schade, ich hätte dich gerne singen gehört«, sagte Greta bedauernd.

Connor zögerte kurz und begann schließlich, leise zu singen:

Mary-Lou was a girl,

who came to my world,

with nothing but love

and hope.

But I made her cry,

and told her Good-bye,

she left with nothing but grief

and pain.

Oh Mary-Lou,

what have I done?

What have I done

to you?

You gave me your heart,

you gave me your soul,

but I did hurt you,

Mary-Lou.

Der letzte Ton verklang. Greta wartete, ob das Lied noch eine weitere Strophe hatte, aber Connor schien nicht die Absicht zu haben, weiterzusingen.

»Das ist ein sehr trauriges Lied«, sagte sie.

»Das ist es. Es bringt mein Verhältnis zu Frauen sehr gut auf den Punkt.«

Okay! Er hält sich also für einen beziehungsunfähigen Kerl, der Frauen immer wieder verjagt. Was soll ich darauf antworten?, fragte sich Greta. Nichts, entschied sie. Und Connor schien keine Antwort zu erwarten.

Gegen vier Uhr waren sie wieder auf dem Zimmer. Sie bestellten noch eine Kleinigkeit zu essen und wollten sich dann für den großen Abend fertig machen. Greta hatte noch einen Termin beim hotelansässigen Friseur, der ihre Lockenpracht mit unzähligen Haarnadeln kunstvoll hochsteckte.

Als sie zurückkam, saß Connors Manager auf dem Sofa der Suite. Connor stellte sie einander vor, aber Carl schien mit seinen Gedanken woanders zu sein und sagte nur flüchtig Hallo. Zeit für ein Gespräch blieb keine, denn Carls Handy klingelte einen Augenblick später. Connor raunte ihr zu, sie solle das nicht persönlich nehmen, aber Greta hatte das unbestimmte Gefühl, dass Carl sie nicht mochte.

Sie ließ die beiden allein, ging in ihr Zimmer, zog das neue schwarze Kleid und ihre zarte goldene Halskette an, legte die rote Stola über die Schultern und blickte in den Spiegel. Dort stand eine Frau, die ihr fremd war. Sie war erstaunt, wie hübsch sie aussah. Greta fühlte sich, als wäre sie in eine andere Rolle geschlüpft – und es gefiel ihr sogar. So, wie sie jetzt aussah, hatte sie keine Bedenken mehr, Connor zu dem Event zu begleiten. Er brauchte sich ihrer sicher nicht zu schämen.

Connor sagte diesmal nichts, als sie in sein Zimmer kam, aber die bewundernden Blicke, die Greta nicht entgingen, sprachen für sich. Er trug dieses Mal einen anderen Anzug, schwarz mit Weste, dazu ein schneeweißes Hemd und eine dezent gestreifte silberne Krawatte. Er sieht wie immer umwerfend aus.

Eine Limousine brachte sie zu der Preisverleihung. Carl und Connor redeten leise miteinander, während Greta nervös aus dem Fenster sah und ihnen kaum zuhörte. Als der Wagen hielt, spürte sie leichte Panik in sich aufsteigen. Rund um den roten Teppich tummelten sich jede Menge Menschen – Fans der anwesenden Stars, Reporter und Fotografen. Einige Leute liefen sogar mit Filmkameras herum. Greta wäre am liebsten immer tiefer in den Ledersitzen der Limousine versunken.

Connor drückte ihre Hand. »Keine Sorge. Ich steige als Erstes aus und zeige mich den Fotografen. Du und Carl wartet noch einen Moment, bis ihr aussteigt, dann stellt ihr euch einfach an die Seite. Wenn ich an den Fotografen vorbei bin und zu den Fans gehe, kommt zu mir. Carl weiß Bescheid, bleib einfach bei ihm.«

Greta nickte. Bestimmt sehe ich aus wie ein verängstigtes Kaninchen.

Es ging los. Connor nickte Carl zu und öffnete die Tür. Unter Blitzlichtgewitter stieg er aus. Mehrere Fotografen hinter einer Absperrung riefen Connors Namen, um ihn dazu zu bringen, sich ihnen zuzuwenden. Ein Mann mit Kamera auf der Schulter sprang auf Connor zu. Einige Leute in der Menge jubelten und riefen: »Connor! Connor!«

Ein Reporter, der mit einem Kamerateam unterwegs war, stellte Connor einige Fragen. Jetzt blieb Greta und Carl genügend Zeit, um unbeachtet aus dem Wagen zu kommen, denn alle hatten nur noch Augen für Connor. Greta stieg nach Carl aus, bekam vor lauter Aufregung so gut wie nichts um sich herum mit und lächelte verkrampft. Sie war froh, dass Connor alle Aufmerksamkeit auf sich zog, sodass sie nicht weiter auffiel.

Nachdem Connor geduldig posiert und die Fotografen ihre Fotos geschossen hatten – es mussten Hunderte, wenn nicht gar Tausende sein –, ging er zu den Fans, die ebenfalls hinter der Absperrung standen. Greta und Carl folgten ihm über den roten Teppich und stellten sich in seine Nähe. Geduldig schrieb Connor ein Autogramm nach dem anderen, immer lächelnd und freundlich. Die Leute drängelten, schrien und wedelten mit Zetteln und Stiften. Eine Frau rief sogar: »Connor, ich will ein Kind von dir!« Greta schaute die Frau an und fand die Aktion peinlich, aber Connor blieb cool und rief zurück: »Klar, sag mir, wann du Zeit hast.« Die Umstehenden johlten und klatschten.

Eine gute Viertelstunde stand Connor bei seinen Fans, die ihm alles Mögliche zum Unterschreiben über die Absperrgitter hinhielten: liebevoll gestaltete Alben mit Fotos von ihm, DVDs von seinen Filmen, Zeitschriften mit Connors Konterfei auf dem Titelblatt. Selbst auf Dekolletés oder Armen sollte er unterschreiben, und so dauerte es eine Weile, bis alle ihre Autogramme bekommen hatten. Connor winkte noch einmal und schob Greta in Richtung Eingang des Festsaals. Carl hatte Connor die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen und dicht neben ihm gestanden. Er erweckte den Eindruck, dass er niemanden zu nahe an Connor heranlassen würde.

Drinnen wurde Connor von vielen Leuten begrüßt, darunter jede Menge deutsche Prominente, die die Gelegenheit nutzen wollten, einem Star aus Hollywood die Hand zu schütteln. Greta war dabei Nebensache, niemand beachtete sie weiter. Nur Connor griff hin und wieder versteckt nach ihrer Hand und drückte sie leicht, als wollte er sagen: Alles gut!

Greta war froh, als sie sich endlich zu ihren Plätzen im Saal durchgekämpft hatten und sie wieder durchatmen konnte.

»Und, alles klar?«, fragte Connor, als sie neben ihm Platz nahm.

»Na ja, geht so«, entgegnete sie und zog einen Mundwinkel nach oben.

»Du hast dich prima gehalten«, sagte Connor und ließ einen Moment seinen Blick auf ihr ruhen. »Genieße es einfach.«

Die Show lief ähnlich ab wie die vielen Preisverleihungen, die Greta schon im Fernsehen verfolgt hatte. Der Laudator hielt die Lobrede, dann lief ein kurzer Filmeinspieler mit dem Geehrten, der daraufhin die Bühne betrat und den Preis in Empfang nahm. Trotzdem war es etwas anderes, mittendrin zu sein. Und sie genoss es. Im Grunde genommen war die gesamte deutsche Prominenz vertreten, Schauspieler, Sänger, Sportler und natürlich B- und C-Sternchen. Greta spähte immer mal wieder zu dem einen oder anderen und konnte kaum glauben, dass sie gemeinsam mit ihnen in einem Raum saß.

Als die Show bereits zwei Stunden lief, wurde Connor von einem Mitarbeiter des Organisationsteams informiert, dass er gleich auf die Bühne müsse. Mirco Schüttke, der beliebte Schauspieler, betrat die Bühne und hielt eine kurze Ansprache, in der er Connors Engagement für das schwierige Thema, das in dem Film Flashback aufgegriffen wurde, lobte. In dem Film, so erklärte Schüttke dem Publikum, gehe es um einen Psychiater, der einen Jungen behandelt, der von seinem Vater missbraucht worden ist. Die Therapie nimmt den Psychiater sehr mit, und er realisiert schließlich, dass er als Kind selbst missbraucht worden ist, aber die schrecklichen Erlebnisse tief in seinem Inneren vergraben hat. Dies wirft ihn völlig aus der Bahn und er steht schließlich am Rande des Selbstmordes, bis er Hilfe bei einer Kollegin findet.

Greta hatte das Drama zwar nicht gesehen, erinnerte sich aber gut daran, dass es kurz vor dem Kinostart zu einem Skandal in Deutschland gekommen war. Als die erwachsene Tochter eines Bundestagsabgeordneten öffentlich gemacht hatte, dass ihr Vater sich jahrelang an ihr vergangen hatte hatte, wurde wochenlang darüber in den Medien berichtet. Viele Menschen gingen auf die Straße und demonstrierten für ein härteres Vorgehen gegen Kindesmissbrauch und ein höheres Strafmaß. Flashback hatte durch die aktuellen Ereignisse mehr Aufmerksamkeit bekommen, als unter anderen Umständen zu erwarten gewesen wäre.

Connor hörte die Übersetzung der Rede in seinem Kopfhörer mit. Immer wieder schwenkte die Kamera auf ihn. Ein Ausschnitt von Flashback, in dem Connor nicht nur die Hauptrolle gespielt, sondern zudem Regie geführt hatte, wurde gezeigt.

»Dieser Film hat dazu beigetragen, dass ein wichtiges Thema, nämlich der Missbrauch von Schutzbefohlenen, diskutiert und enttabuisiert wurde. Ich freue mich deshalb sehr, Connor O’Bannion diese Auszeichnung zu überreichen«, endete Mirco Schüttke.

Als Connor aufstand, brandete Applaus auf. Die Kameras wurden wieder auf ihn gerichtet, und Greta hoffte inständig, dass sie nicht ins Bild kam. Connor stieg die Treppen zur Bühne hinauf und bekam den Preis von dem Laudator überreicht. Er trat an das Pult, holte aber seinen Zettel, den er vorbereitet hatte, nicht aus dem Jackett. Er schaute ins Publikum und wartete, bis der Applaus abgenommen hatte.

»Meine Damen und Herren, heute habe ich einen Preis verliehen bekommen, der mir persönlich sehr viel bedeutet. Ich möchte mich beim deutschen Publikum und der Jury hierfür bedanken. Ebenso danke ich meinen Mitarbeitern und Mitstreitern. Ich möchte aber auch die Gelegenheit wahrnehmen, hier, heute Abend, zu einem Kampf aufzurufen. Zu einem Kampf gegen sexuellen Missbrauch, Kinderprostitution und Gewalt gegen Kinder. Und ich bitte Sie gleichzeitig, den Opfern Ihre Unterstützung zu gewähren. Damit betroffene Kinder ein lebenswertes Leben führen können, müssen sie psychiatrisch behandelt und intensiv betreut werden. Aber oft fehlen die Mittel. Ich werde deshalb mit der Hälfte meiner Gage aus diesem Film einen Fonds gründen, der diesen Kindern zugutekommen soll. Bitte unterstützen Sie mich gerne mit einer Spende dabei. Vielen Dank.«

Er senkte den Kopf und ging von der Bühne. Tosender Applaus begleitete ihn. Die Gäste erhoben sich von ihren Plätzen und klatschten, bis er wieder auf seinem Platz saß.

Connor schaute Greta an, blinzelte ihr zu und nahm ihre Hand. Sie war beeindruckt. Und überrascht. Nach allem, was sie in der vergangenen Woche im Internet über ihn in Erfahrung gebracht hatte, hatte sie ihn eher für jemanden gehalten, der Spaß im Leben haben wollte und gern mal über die Stränge schlug. Connor war Medienberichten zufolge öfter wegen Alkohol am Steuer aufgefallen und feierte bei allen Gelegenheiten kräftig mit. Angeblich hatte er sogar mal auf einer Party in volltrunkenem Zustand seinen Hintern entblößt. Jedenfalls schrieben das die Klatschblätter. Irgendwie passte das alles nicht so recht zusammen. Das hier zeigte eine völlig andere Seite von ihm.

Vielleicht sind viele Sachen einfach von den Medien erfunden. Ich habe jedenfalls einen anderen Connor O’Bannion kennengelernt.

Nach der Preisverleihung leerte sich der Saal zusehends. Viele wollten offenbar schnell zur After-Show-Party.

»Wie sieht’s aus, möchtest du noch auf die Party gehen?«, fragte Connor Greta.

»Das waren bis jetzt schon so viele neue Eindrücke und ich bin ziemlich erschöpft. Aber das kann ich mir natürlich nicht entgehen lassen.«

»Das stimmt, das solltest du dir wirklich anschauen«, lächelte Connor.

»Aber wenn du zurück ins Hotel möchtest, können wir das natürlich machen«, beeilte sie sich, zu sagen.

»Nein, schon gut, wir schauen da vorbei, es ist ja in der Nähe.«

Greta hatte sich darauf gefreut, die VIPs einmal hautnah zu erleben, und die Preisverleihung hatte ihr schon einige Einblicke gewährt. Auf der Damentoilette hatte Greta ein interessantes Gespräch zwischen zwei Schauspielerinnen mitbekommen. Die beiden Damen lästerten über eine Kollegin, weil diese sich offensichtlich hatte liften lassen. Dabei sahen die beiden Frauen ebenfalls so aus, als wären einige Körperteile jünger als der Rest.

Greta empfand vieles innerhalb dieser Promiwelt als aufgesetzt und scheinheilig. So viele Menschen, die miteinander wetteiferten, um im Vordergrund zu stehen. Jeder warf sich in Pose und wollte sich von seiner besten Seite zeigen, insbesondere, wenn Kameras in der Nähe waren. Möglicherweise traf das nicht auf alle Anwesenden zu, aber ein Großteil liebte es offensichtlich, sich in Szene zu setzen. Connor ließ sich ebenfalls bereitwillig mit seinem Preis fotografieren. Er hatte kein Problem damit, allein vor der Werbewand zu stehen, dem Blitzlichtgewitter ausgesetzt zu sein und charmant in die Kameras zu lächeln.

Greta stand drei Meter entfernt und schaute sich das Spektakel an. Ist das tatsächlich derjenige, mit dem ich heute Mittag noch im Schwimmbad herumgealbert habe?

Die Musik wummerte, als sie den großen Raum betraten, in dem die Party stieg. Es wurde ausgelassen getanzt, geredet, gelacht, geflirtet und Champagner floss in Strömen. Connor, Carl und Greta schlängelten sich durch die Massen. Connor wurde dabei ständig angesprochen und musste viele Hände schütteln oder für Selfies in Handykameras lächeln. Er blieb stets freundlich und antwortete jedem.

Greta registrierte die neugierigen, manchmal abschätzigen Seitenblicke auf sich. Sicherlich fragten sich viele, wen er da mitgebracht hatte. Connor ließ ihre Hand nicht los, als wollte er sie in dem Getümmel nicht verlieren. Greta kam sich wie ein Anhängsel vor und fühlte sich nicht sonderlich wohl in ihrer Haut. Trotzdem versuchte sie, die ganze Zeit zu lächeln, und hatte nach einer Weile das Gefühl, dass ihr Gesicht zu einer Maske erstarrt war. Außerdem schmerzten ihre Füße unerträglich in den hohen Pumps, und sie hoffte, dass sie das Spektakel bald überstanden hätte.

Nach Mitternacht brachte die Limousine sie zurück zum Hotel. Connor hielt während der Fahrt noch immer ihre Hand. Es war ihm offenbar egal, dass Carl dies mitbekam.

Greta hatte das Gefühl, als ob die Wärme, die von seiner Hand ausging, in ihre floss, was ein schönes Gefühl war. Sie wurde viel ruhiger und schüttelte die Anspannung des Abends von sich ab. Erschöpft ließ sie ihren Kopf auf seine Schulter sinken.

Connor streichelte mit dem Daumen über ihren Handrücken, während er mit Carl die Bilanz des Abends zog. Carl war zufrieden. Er hatte schon die einschlägigen sozialen Medien gecheckt und erzählte Connor von den positiven Resonanzen auf seine Rede. Greta hörte nur mit halbem Ohr zu. Sie fühlte sich wohlig und geborgen an Connors Schulter.

Im Hotel machte Carl sich noch zur Bar auf, aber Greta und Connor lehnten dankend ab, ihn zu begleiten. Carl flüsterte Connor etwas zu, aber Connor klopfte ihm nur auf die Schulter und lachte.

Ich will bestimmt nicht wissen, was er gesagt hat, dachte Greta. Gemeinsam fuhren sie mit dem Aufzug nach oben. Greta war auf einmal wieder angespannt und knetete ihre Hände.

»Wie hat dir der Abend gefallen?«, fragte Connor sie, während sie den Hotelflur entlanggingen.

»Ich bin mir nicht sicher. Ich weiß, ich sollte jetzt sagen, dass es total toll und spannend war. Aber es ist einfach nicht meine Welt«, entgegnete Greta zögernd.

»Genau das denke ich bei solchen Gelegenheiten auch manchmal. Und im Übrigen musst du nichts sagen, was du nicht so empfindest. Im Gegenteil … ich möchte, dass du ehrlich zu mir bist.«

Sie waren vor der Suite angekommen und Connor öffnete mit der Schlüsselkarte die Tür. Dann traten sie in das Wohnzimmer ein.

»Lass bitte das große Licht aus«, meinte Greta zu Connor. Sie wollte den Blick von den raumhohen Fenstern auf das erleuchtete Brandenburger Tor genießen. Er tat es, ohne nach dem Grund zu fragen. Sie legte ihren Schal über den Sessel, trat an das Fenster und genoss das Panorama, während er sein Jackett auszog und die kleine Tischlampe auf dem Beistelltisch neben der Couch anknipste.

»Ist das nicht ein wirklich toller Blick?«, fragte sie, ohne sich umzudrehen. Sie spürte, wie er hinter sie trat, erfasste seine Wärme, roch sein angenehm duftendes Rasierwasser und nahm seinen Atem auf ihren unbedeckten Schultern wahr.

»Umwerfend«, murmelte er. »Dein Anblick ist umwerfend.«

Greta stockte der Atem. Sie wusste nicht, was sie sagen oder tun sollte.

Connor kam noch ein Stück näher, legte ihr von hinten seine Arme um die Taille und berührte mit seinem Oberkörper ihren Rücken. Sie lehnte sich leicht gegen ihn. Eine Weile blieben sie schweigend so stehen, und Greta fand nichts Unangenehmes an der Stille, obwohl ihr Herz laut pochte. So mit ihm hier zusammen zu sein, hatte etwas Vertrautes und war gleichzeitig ganz und gar fremd.

Nach einer Weile küsste er sie zärtlich auf die Schulter. Es war mehr ein Hauch als ein Kuss. Sie erschauerte. In ihrem Hinterkopf ging eine gelbe Warnlampe an, die ihr Gefahr signalisierte. Ja, sie hatte es in Erwägung gezogen, Sex mit Connor zu haben. Aber da hatte sie noch keine Ahnung gehabt, dass Gefühle mit im Spiel sein könnten. Sie mochte ihn … sehr sogar, und sie hatte Angst davor, was diese anstehende gemeinsame Nacht noch bei ihr auslösen könnte. Und das alles ohne Aussicht auf eine Fortsetzung. Ihr würde nur eine bittersüße Erinnerung bleiben.

Aber Greta verdrängte die Gedanken. Sie wollte jetzt nicht an das Nachher denken. Nur an das Jetzt. Alles, was sie jetzt noch wollte, war mit Connor zu schlafen.

Connor küsste sie wieder auf die Schulter, schob ihre Haare ein wenig zur Seite und ließ seine Lippen ihren Hals hinauf wandern. Greta legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Sie hatte am ganzen Körper Gänsehaut und genoss seine zarten Berührungen. Doch dann merkte sie, wie Connor einen Schritt zurücktrat und sie losließ.

Greta nahm all ihren Mut zusammen und drehte sich langsam zu ihm um. Ihre Augen hatten sich an das Halbdunkel im Zimmer gewöhnt und ihre Blicke trafen sich. Er schien in ihren Augen lesen zu wollen, was sie dachte.

Sie schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, das seine Wirkung offenbar nicht verfehlte, denn er trat wieder einen Schritt auf sie zu, nahm ihren Kopf in seine Hände und flüsterte: »Darauf freue ich mich schon den ganzen Abend.«

Mit einer Sanftheit, die sie bei ihm nicht für möglich gehalten hätte, küsste er sie. Es fühlte sich neu an, ungewohnt, wie der allererste Kuss in ihrem Leben. Gretas Lippen prickelten und ihr wurde heiß und kalt. Sie erwiderte den Kuss, öffnete ihre Lippen und gewährte seiner Zunge Einlass.

Ihr Atem wurde schneller und Connor schien ebenfalls erregt zu sein. Er löste sich von ihr, blickte sie wieder an und fragte leise: »Möchtest du das wirklich?«

Sie nickte. Ja, sie wollte. Sie wollte ihn küssen, seine warme Haut fühlen, ihn berühren. Sie wollte erleben, wie es war, mit einem anderen Mann zu schlafen. Nein, nicht mit einem anderen Mann, mit genau diesem Mann.

Connor öffnete den Nackenverschluss ihres Kleides und den Reißverschluss an der Seite. Er tat es mit einer Langsamkeit, die sie ganz kribbelig machte. Das Kleid glitt mit einem leisen Rascheln zu Boden.

Greta öffnete mit zitternden Fingern die Knöpfe seiner Weste und seines Hemdes. Als sie beim Abstreifen des Stoffes die nackte Haut an seiner Brust berührte, zuckte sie kurz zurück, als hätte sie eine heiße Herdplatte angefasst.

»Komm!«, flüsterte er und streckte seine Hand aus. Greta zögerte nur einen Moment, bevor sie diese ergriff. Er führte sie in sein Schlafzimmer, machte die kleine Nachttischlampe an und schlug die Tagesdecke zurück, die auf dem Bett lag.

»Leg dich hin«, sagte er leise.

Langsam ging Greta zum Bett und tat, wie ihr geheißen. Sie spürte ihren Puls, der so schnell raste, als hätte sie gerade einen Hundertmeterlauf hinter sich. Der Stoff unter ihr fühlte sich kühl an und ließ sie erschauern. Oder war es vielleicht eher das Gefühl, halb nackt vor einem ihr eigentlich fremden Mann zu liegen?

Er stand vor ihr und betrachtete sie. Seine blaugrünen Augen blickten sie erwartungsvoll an und ein Lächeln umspielte seinen Mund. »Du bist schön«, sagte er und streichelte über ihr aufgestelltes Bein.

Greta fielen augenblicklich all die Makel ein, die ihr Körper aufwies. Seit der Geburt von Tom war ihr Bauch nicht mehr so straff wie vor der Schwangerschaft, ihre Oberschenkel waren für ihren Geschmack zu prall und ihre Brüste waren die einer achtunddreißigjährigen Mutter.

Ihn schienen ihre kleinen Makel aber nicht zu stören. Ohne den Blick von ihren Augen abzuwenden, zog er ihr ohne Eile ihre Pumps aus, stellte sie ordentlich neben das Bett und ließ seine Hände über ihre seidigen, halterlosen Strümpfe gleiten. Als er an ihrem Oberschenkel ankam, fuhr er mit einem Finger vorsichtig unter das dünne Material und schob es langsam nach unten. Ihre Haut prickelte herrlich dort, wo er sie berührte. Dann nahm er sich im gleichen Tempo das andere Bein vor, während Greta die Luft anhielt.

Connor zog ein Kondom aus seiner Hosentasche und legte es auf den Nachttisch, streifte sich seine Hose ab, zog seine Socken aus und setzte sich neben sie aufs Bett. Er trug nur noch eng anliegende Pants, die absolut nichts verbargen, wie sie feststellte, als sie einen Blick riskierte.

Connor beugte sich über sie und küsste sie erneut. Greta spürte seine Zunge und öffnete bereitwillig die Lippen. Als er ihren Mund erkundete, erinnerte sie das an den Flügelschlag eines zarten Schmetterlings. Gleichzeitig streifte er mit seinen Fingerkuppen über ihre linke Flanke. Jede seiner Berührungen fühlte sich wie ein elektrischer Schlag auf ihrer Haut an, und ihr Körper begann, vor Aufregung zu zittern.

Connor bemerkte ihre Nervosität und hielt inne. »Hey, ganz ruhig … entspann dich«, sagte er.

»Ich versuche es ja. Aber das ist das erste Mal, dass ich mit jemandem Sex habe, den ich so gut wie gar nicht kenne. Ich hatte noch nie einen One-Night-Stand.« Es war ihr peinlich, das zuzugeben. Wer hat denn heutzutage noch nie Gelegenheitssex gehabt? Er muss mich für total prüde halten. Und vielleicht hat er ja recht.

»Es gibt immer ein erstes Mal. Kein Grund, nervös zu werden«, sagte er und lächelte. »Schließ die Augen und lass dich einfach fallen.«

Sie atmete tief durch und nahm sich vor, sich nicht wie ein unerfahrener Teenager zu verhalten. Er bedeckte ihren Hals mit zarten Küssen, die sie erschauern ließen, wanderte weiter nach oben bis zu ihrem Mundwinkel und ließ seine Zunge erneut zwischen ihre Lippen schlüpfen, voller Begierde und erregender Lust. Gretas Finger fuhren in seine Haare und kraulten ihn zärtlich im Nacken. In der Stille des Raums war nur ihr heftiges Atmen und die leidenschaftlichen Geräusche ihrer Küsse zu hören.

Atemlos löste er sich von ihr und ließ seine Hände über ihren angespannten Körper wandern. Wie die Hände eines Künstlers, der eine Statue modelliert, glitten sie über die warme Haut, formten jede Erhebung und Kuhle nach. Als er über den zarten Stoff streichelte, der ihre Brüste bedeckte, stöhnte Greta leise auf. Es fühlte sich einfach herrlich an, nach so langer Zeit wieder die fordernden Hände eines Mannes auf ihrem Körper zu spüren.

Connor schob seine Hand unter den trägerlosen BH und fuhr mit dem Finger sanft über ihre Brustwarze. Greta musste sich auf die Lippe beißen, um nicht laut aufzustöhnen. Er lächelte zufrieden, als er ihre Reaktionen wahrnahm. Mit dem Daumen liebkoste er ihre Spitze aufs Neue, die sich erregt aufrichtete. Er ließ seine Hand über ihren Bauch nach unten wandern, streifte kurz den dünnen Stoff ihres Slips über dem Schamhügel und fuhr dann zwischen ihre Oberschenkel. Sie öffnete die Beine ein wenig und gab ihm so die Möglichkeit, die zarte Haut auf den Innenseiten zu streicheln. Immer höher wanderten seine Finger, bis sie die Mitte zwischen ihren Beinen erreichten und sie dort sanft berührten.

Greta schnappte nach Luft, als sie die Wärme seiner Hand an ihrer Vulva spürte. Er ließ sie nur kurz dort liegen, als wollte er sie nicht zu Beginn überfordern, und streichelte dann wieder die Innenseite ihres Schenkels. Sie nahm allen Mut zusammen, setzte sich auf und begann nun ebenfalls zaghaft, seine muskulösen Arme, Schultern und seine Brust zu streicheln und zu küssen. Es fühlte sich fremd an. Bei Felix kannte sie jeden Zentimeter seines Körpers in- und auswendig. Hier erkundete sie absolutes Neuland.

Connor setzte sich in die Mitte des Bettes und zog sie auf seinen Schoß, sodass sie rittlings auf ihm saß. Gekonnt öffnete er ihren schwarzen Spitzen-BH und legte ihn zur Seite, küsste sinnlich ihren Brustansatz, ihre Brüste und deren Spitzen, legte dann die Hand um eine Brust und knetete sie sanft. Seine feuchten Lippen saugten fest an ihren aufgerichteten Nippeln, um sie im nächsten Moment wieder lustvoll mit der Zunge zu liebkosen. Sie erschauerte und ihr Unterleib zog sich vor Erregung zusammen. Greta hatte eher erwartet, dass ein One-Night-Stand eine schnelle Sache wäre, bei der es nur um das Ziel, aber nicht um den Weg dorthin ging, doch Connor ließ sich alle Zeit der Welt, um ihre Sinnlichkeit zu wecken. Und Greta genoss es und erforschte ihrerseits neugierig seinen Körper. Schließlich packte er ihren Po und zog sie näher an sich. Durch den feuchten Stoff ihres Slips konnte sie deutlich seine Erektion spüren, die er gegen ihren Schamhügel presste. Zwischen seinem Oberkörper und ihren vollen Brüsten war kein Raum mehr für ein einziges Molekül, als er mit einem hungrigen Kuss ihren Mund eroberte.

»Du hast zu viel an«, murmelte Connor, als er sie freigab, und schien es mehr zu sich selbst zu sagen.

Greta rutschte von seinem Schoß, damit er ihren Slip abstreifen konnte, und half ihm dann, die Pants loszuwerden. Im schummrigen Licht war nicht zu übersehen, dass Connor erregt war, aber Greta vermied es, zu seinem beachtlichen, erigierten Penis zu schauen. Sie legten sich einander gegenüber und nahmen wieder Kontakt auf, suchten den Blick des anderen, vergewisserten sich kurz und wortlos, dass sie an diesem Punkt weitermachen wollten.

Connor streichelte Greta federleicht am Bauch und den Oberschenkeln und ließ schließlich seine Hand zwischen ihre Beine gleiten, die sich ihm bereitwillig öffneten. Greta erbebte und ihr Verlangen nach ihm wuchs. Seine Finger liebkosten sanft ihre vor Feuchtigkeit glänzenden Schamlippen, teilten sie und glitten schließlich in ihre Öffnung hinein. Sie schnappte nach Luft und stieß sie sofort wieder aus. Er bewegte den Finger mit leicht kreisenden Bewegungen in ihrer Vagina. Greta hatte die Augen geschlossen, aber sie spürte, wie er mit einem weiteren Finger ihre Klitoris umkreiste und sie dann mit genau dem richtigen Druck massierte. Sie stöhnte, krallte ihre Finger ins Laken und genoss die erregenden Berührungen eine Weile, bis sie es nicht mehr aushielt. Keine Frage, Connor wusste genau, was er tat.

»Ich will dich in mir spüren«, presste sie hervor.

Connor griff nach dem Kondom, holte es aus der Verpackung heraus, und Greta schaute ihm zu, wie er es geübt über sein steifes Glied rollte. Dann packte er ihren Hintern und zog sie näher an sich heran. Greta spürte seine Schwanzspitze sanft an ihren Schamlippen und er rieb sich eine Weile an ihr. Sein Schwanz massierte dabei ihre Klitoris, mit dem Ergebnis, dass ihre schon feuchte Vagina klatschnass wurde. Er rollte sich auf den Rücken und zog Greta auf sich. Im nächsten Moment schob sich seine Eichel langsam in ihre bereite Möse.

Connor drückte Greta fest an sich und hielt sie eng umschlungen. Sie wollte sich bewegen, aber er hielt ihre Hüften fest. »Warte einen kleinen Augenblick«, flüsterte er.

Kurz darauf lockerte sich sein Griff, und sie setzte sich rittlings auf ihn und fing an, ihr Becken vor- und zurückzubewegen. Connor bewegte sich unter ihr im gleichen Rhythmus. Gretas Brüste wippten dabei im Takt und Connor griff nach ihnen und knetete sie sanft. Greta keuchte vor Wollust und stöhnte mit jedem Stoß, der die Erregung ins Unermessliche zu steigern schien, ein bisschen lauter. Das Gefühl war grandios: Sie fühlte sich wie in Trance, über der Erde schwebend, wo sie die Realität zurückgelassen hatte.

Plötzlich hielt er in der Bewegung inne und zog ihren Oberkörper zu sich herunter, um sie verlangend zu küssen. Dann begann er wieder, mit behutsamen, langsamen und tiefen Stößen, die immer schneller wurden, ihre Erregung aufs Neue aufzubauen. Greta wollte jetzt nur noch eins und richtete sich auf, um mit der Hand ihren Kitzler zu reiben.

»Lass mich das machen«, murmelte Connor, schob ihre Hand beiseite, legte seinen Daumen auf ihre Lustperle und massierte sie mit leichtem Druck.

Greta stützte sich mit den Händen hinter ihrem Rücken ab, um ihm mehr Raum zu geben, und schloss die Augen, um sich dem überwältigenden Gefühl hinzugeben. Als sie merkte, dass sie kurz vor dem Höhepunkt stand, schob sie ihr Becken immer energischer vor und zurück, warf den Kopf nach hinten und stöhnte laut auf. Tief in ihrem Bauch konzentrierte sich alle Energie und wartete darauf, sich endlich zu entladen. Connor stieß noch einmal fest zu, und Greta spürte in ihrem Unterleib ein pulsierendes Beben, das immer mehr an Fahrt aufnahm und sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete. Jetzt …

Als die Eruption abebbte, sank sie heftig atmend nach vorn und legte den Kopf auf Connors Schulter. Benommen nahm sie wahr, dass seine Hand ihren Rücken sanft streichelte und er sie auf ihre Haare küsste.

»Hey, alles klar?«, flüsterte er leise.

Sie nickte langsam und versuchte, wieder in die Realität zurückzugelangen.

Connor ließ ihr Zeit, um wieder zu Atem zu kommen, und schob sie schließlich sanft von seinem Schoß. Sein Schwanz war noch steif und reckte sich ihr erwartungsvoll entgegen.

»Bist du noch nicht gekommen?«, fragte sie ihn und er schüttelte den Kopf.

»Nein, ich wollte nicht, dass es schon zu Ende ist«, sagte er mit rauer Stimme.

Greta legte sich auf den Rücken, packte ihn an den Armen und wollte ihn zu sich ziehen. Sie war noch immer sehr erregt und wollte seinen Schwanz gleich noch einmal in sich spüren, aber Connor hatte es nicht eilig. Er kniete neben ihr und küsste ihren Bauch, ihre Brüste, ihren Hals, ihren Mund und ihr Gesicht. Seine seidenweiche Zunge und seine Hände schienen überall gleichzeitig zu sein.

»Nimm mich«, stöhnte sie, als sie die erregende Tortur nach einer Weile nicht mehr aushielt. Und sie wollte, dass er ebenfalls endlich zum Orgasmus kam.

»Nichts lieber als das«, entgegnete er und kniete sich zwischen ihre weit geöffneten Beine. Sein steifes Glied schlüpfte ohne Mühe in sie hinein und er übernahm dieses Mal den aktiveren Part.

Greta verschränkte ihre Beine hinter seinem Rücken, damit er so tief wie möglich in sie eindringen konnte. Ihre verschwitzten Körper prallten im Rhythmus der Stöße zusammen, in dem Connor seinen Schwanz immer wieder in sie hineintrieb.

Als Greta den herannahenden Tsunami der Lust erneut im Unterleib verspürte, schlug sie die Augen auf und schaute Connor an. Sie wollte jetzt nicht mit sich allein sein, sondern eins mit ihm.

Connor schaute ihr in die Augen und spürte offenbar, dass sie kurz vor dem Zenit stand. »Komm für mich!«, stieß er aus, und sie kam ein zweites Mal zum Höhepunkt, so heftig wie schon seit Langem nicht mehr vor dieser Nacht. Connor sah sie an und nach zwei weiteren Stößen ejakulierte er mit einem lauten Stöhnen.

Schwer atmend lag er danach eine Weile auf ihr, sodass Greta sein Gewicht spürte. Es fühlte sich gut an. Er küsste sie flüchtig, zog sich aus ihr zurück und legte sich neben sie. Dann zog er das Kondom von seinem schlaffer werdenden Penis, stand auf und ging damit in Richtung Badezimmer. Greta schaute ihm hinterher und kostete den Blick auf seine muskulösen Oberschenkel, seinen definierten Hintern und sein breites Kreuz aus.

Als er aus dem Bad zurückkam, legte er sich wieder neben Greta, die sich in seinen Arm schmiegte und das zarte Streicheln seiner Fingerspitzen auf ihrem Rücken genoss. So müsste es immer sein, dachte sie mit Wehmut. Sie lagen eine Zeit lang schweigend Arm in Arm und streichelten sich. Greta war erschöpft und nickte kurz ein.

Nach einer Weile wurde sie wach, schlug die Augen auf und sah, dass Connor sie anschaute.

»Alles okay?«, fragte Greta, die sich beobachtet fühlte.

»Ja«, nickte Connor. »Ich könnte dir die ganze Nacht beim Schlafen zusehen.«

»Das könnte auf die Dauer langweilig werden«, murmelte Greta, aber Connor schüttelte den Kopf.

»Das glaube ich nicht. Aber noch lieber würde ich jetzt noch mal mit dir vögeln.«

»Schon wieder? Sie sind unersättlich, Mr. O’Bannion.«

»Das bin ich«, flüsterte er, zog sie näher zu sich und küsste sie verlangend.

Greta spürte, wie seine Hand zwischen ihre Schenkel glitt, und stellte ein Bein auf, damit er besser zu ihrem Schoß vordringen konnte.

»Mhm … so feucht. Wie ich sehe, geht es Ihnen ähnlich, Mrs. Rosenbaum«, sagte Connor leise und streichelte sanft über ihren Venushügel und ihre Schamlippen.

»Das ist wunderschön, was du da gerade machst, aber jetzt bin ich dran, dich zu verwöhnen«, sagte Greta und kniete sich neben ihn. Sie konnte nicht genug davon bekommen, seinen Körper, der sich mittlerweile schon viel vertrauter anfühlte, zu streicheln und zu berühren. Seine muskulöse Brust, seine kräftigen Oberarme, die Tattoos, die sich darum schlangen, seinen Nacken und seinen Bauch mit dem zarten blonden Flaum. Greta ließ ihre Zungenspitze über seinen Körper wandern, umschloss seine harten Brustwarzen mit ihren Lippen und verwöhnte sie mit ihrer Zunge. Dann wanderte sie abwärts und umkreiste mit der Zungenspitze Connors Bauchnabel. Connor ließ sie gewähren und schloss die Augen, um sich dem Genuss hinzugeben, den Greta ihm bereitete.

»Nimm meinen Schwanz in die Hand … bitte«, stöhnte Connor erregt, nahm ihre Hand, schob sie nach unten, legte sie um seinen Phallus und bewegte sie leicht auf und ab. Er war heiß und pulsierte in ihrer Hand. Dass Connor die sanften Bewegungen genoss, zeigte er durch ein Brummen, das tief aus seiner Kehle kam. Seine Hand schloss sich fester um ihre und erhöhte so den Druck.

Greta beobachtete Connor, der sich mit geschlossenen Augen von ihr stimulieren ließ, fasziniert. Nach einer Weile löste er seine Hand und überließ Greta die Regie. Sie schob die Vorhaut zurück, sodass seine feuchte, rosa Eichel zum Vorschein kam. Der Anblick war berauschend und machte sie unglaublich geil. Greta steckte ihren Daumen in den Mund, um ihn zu befeuchten, legte dann die Finger um seinen Schaft und den Daumen auf seine empfindliche Spitze. Mit kreisenden Bewegungen massierte sie die seidenweiche Schwanzspitze, aus deren Öffnung einige Lusttropfen hervortraten.

Connor kniff die Augen zusammen und hielt die Luft an. Plötzlich griff er nach ihrem Handgelenk und hielt es fest. »Stopp!«, presste er hervor. »Sonst komme ich.«

Greta ließ von ihm ab, nahm stattdessen seine Hand und rieb sie an ihrer Muschi. Connor verstand die Aufforderung und streichelte sie erneut. Immer wieder schlüpften dabei seine Finger in ihre feuchte Möse, und wenn er sie wieder herauszog, gab es ein leises, schmatzendes Geräusch. Greta biss sich auf die Lippen, um nicht laut aufzustöhnen.

»Hast du noch ein Kondom?«, fragte sie, als die Erregung kaum noch auszuhalten war.

Er zog eine Augenbraue nach oben, öffnete die Nachttischschublade und holte eines heraus.

Greta sah, dass noch mehr darin lagen, und grinste. »Du hast wohl vorgesorgt?«

»Allzeit bereit«, grinste Connor zurück.

Mit den Zähnen öffnete sie das Päckchen, entnahm das Kondom und streifte es über seinen Penis. Connor stützte sich auf die Unterarme und sah ihr dabei zu. Sie wandte ihm den Rücken zu, kniete sich über ihn, hielt seinen Schwanz fest in der Hand und ließ ihn mit der Spitze in sich hineingleiten. Dabei nutzte sie ihre Hand als Hindernis, damit er nicht gänzlich in sie vorstoßen konnte, und beugte den Oberkörper nach vorn, sodass er einen freien Blick darauf hatte, wie sein Schwanz in ihrer Möse verschwand und wieder zum Vorschein kam.

»Das ist heiß, Baby«, sagte Connor, der seinen Blick auf seinen Schwanz fixiert hatte.

Immer wieder zog Greta die Spitze heraus, ließ sie über ihren Venushügel, die Schamlippen und die Klitoris gleiten, um sie dann wieder in sich aufzunehmen. Plötzlich nahm sie ihre Hand weg und setzte sich, sodass sein Glied ganz von ihr aufgenommen wurde. Als sie ihn tief in sich spürte, stöhnte sie laut auf. Auch Connor, der von der Aktion überrascht worden war, entfuhr ein lustvoller Laut. Er setzte sich auf, legte seinen Arm um ihre Taille und ließ seine Hand zwischen ihre Beine wandern. Greta lehnte sich mit ihrem Rücken gegen seine Brust, legte den Kopf in den Nacken und konzentrierte sich auf die süße Tortur, die Connor ihrer Lustperle zukommen ließ. Gretas Becken begann, unkontrolliert zu zucken, und ihre Beine zitterten.

»Ich möchte, dass du jetzt für mich kommst, Greta«, sagte er mit seiner sonoren Stimme.

Greta atmete heftig und spürte, wie sich ein ekstatisches Gefühl wellenartig in ihrem Körper ausbreitete. Sie bewegte ihren Körper wild auf und ab und kam zu einem erlösenden Höhepunkt. Connor drückte sein Becken fest gegen sie, als er mit Wucht den Gipfel seiner Lust erreichte. Greta sank auf seinen Beinen zusammen, und Connor legte den Oberkörper auf ihren schweißgebadeten Rücken und hielt sie fest, bis ihr Atem sich wieder beruhigt hatte.

Sie lagen beide wach, eng umschlungen. Es war mittlerweile vier Uhr morgens. Greta hatte ihr Gesicht an Connors Hals geschmiegt und roch den letzten Rest seines Aftershaves, das sich mit seinem individuellen Duft mischte. Sie hing ihren Gedanken nach und ließ die vergangenen beiden Tage noch mal Revue passieren. Nein, sie bereute es nicht, nach Berlin gefahren zu sein. Sie hatte die Zeit mit Connor sehr genossen und tat es noch immer. Sie war froh über die Erfahrung – auch was den Sex anging –, und hatte nicht im Geringsten das Gefühl, etwas Verwerfliches getan zu haben oder von ihm benutzt worden zu sein. Sie hatten einvernehmlichen Sex gehabt und beide hatten Spaß dabei. Jeanette hatte recht: Man konnte Sex ohne große Gefühle genießen. Und Greta war sich ziemlich sicher, dass es für sie nicht das letzte Mal gewesen sein würde, dass sie aus Lust mit einem Mann ins Bett geht … jetzt, da alle Dämme gebrochen waren.

»Machst du das öfter?«, fragte Greta in die Stille hinein und sprach unbeabsichtigt das aus, was ihr gerade durch den Kopf ging.

»Was meinst du?«, murmelte Connor.

»Na ja, ich meine so was wie das hier … Gelegenheitssex.«

Er zögerte. »Ja, kommt schon vor. Aber ich mag das Wort nicht.«

Sie stützte den Ellenbogen auf, legte ihren Kopf auf ihrer Hand ab und sah ihn an. »Hast du keine Beziehungen? Frauen, die du datest?«, fragte sie interessiert.

Connor atmete tief ein und aus. »Das funktioniert bei mir nicht. Ich bin nicht der Typ dafür. Und wie schon gesagt … die meisten halten es nicht besonders lange mit mir aus«, fügte er hinzu.

»Ist das so?«, entgegnete sie und fuhr fort, als er nicht antwortete: »Versteh mich nicht falsch, ich verurteile das nicht. Nicht im Geringsten. Ich denke, dass es in der Filmbranche normal ist. Scheinbar funktionieren normale Beziehungen da nicht. Man liest dauernd von irgendwelchen Stars, die geheiratet haben oder liiert sind, und kaum ein Jahr später sind sie schon wieder getrennt und haben einen neuen Partner.«

»Es gibt auch andere. Die sind dann zehn, zwanzig Jahre miteinander verheiratet, aber das ist ja unspektakulär, darüber berichtet keine Zeitung. Kurt Russell und Goldie Hawn sind beispielsweise schon ewig zusammen. Oder Pierce Brosnan und seine Frau.«

»Aber das sind eher die Ausnahmen.«

»Es ist aber auch verdammt schwer in unserer Branche. Das Leben ist chaotisch, und so ist es dann häufig auch mit den Beziehungen und Freundschaften. Als Schauspieler ist man viel unterwegs, hat unregelmäßige Arbeitszeiten, verbringt mal mehrere Wochen in anderen Ländern, wenn dort gedreht wird, ohne vielleicht den Partner einmal sehen zu können. Und immer nur telefonieren oder skypen ist dann manchmal echt anstrengend. Wenn noch Kinder im Spiel sind, ist das nahezu unmöglich. Ich will mich nicht beschweren, aber als Single lebt es sich da häufig leichter.«

»Kann ich mir gut vorstellen, dass es schwierig ist.«

»Es ist nicht so, dass ich mir das nicht anders gewünscht hätte …«

»Na ja, wenn man ein geregeltes Leben führt, ist das keine Garantie, dass Beziehungen halten.«

»Das stimmt.«

»Wo lernst du Frauen normalerweise kennen? Das ist doch als Prominenter bestimmt nicht einfach.«

»In Bars, auf Partys, in Clubs. Überall, wo attraktive Frauen sind.«

»Hm … erinnerst du dich noch an alle Frauen, mit denen du im Bett warst?«

Er schüttelte den Kopf. »Die meisten vergesse ich schnell wieder. Aber es sind schon viel weniger geworden. Ich gehe nur noch selten aus, vor allem, wenn ich viel Zeit in Montana verbringe. Bis vor ein paar Jahren habe ich aber ziemlich über die Stränge geschlagen.«

»Und was ist dann passiert?«

»Ich habe einen wirklich blöden Fehler gemacht und dadurch meine damalige Beziehung ruiniert.«

»War sie deine große Liebe?«

Es dauerte eine Weile, bis Connor antwortete. »Nein … wenn es so etwas gab, dann war es die Mutter meiner Tochter. Aber das ist schon sehr lange her.«

»Warum hat es nicht funktioniert?«

»Ich weiß nicht genau. Wir waren jung und zu verschieden. Sie liebte Partys, während ich lieber zu Hause blieb oder nett essen oder ein Bier trinken ging. Sie lief in schicken Klamotten herum, ich in Jeans und T-Shirt. Als wir noch nicht viel Geld hatten, funktionierte es, aber als die Angebote für Filme reinkamen und Hollywood zu unserem Lebensmittelpunkt wurde, lief es aus dem Ruder.«

Das Thema schien ihn traurig zu machen und sie wollte nicht weiterbohren. Sie legte ihre Hand an seine Wange und streichelte sein Gesicht. Flüchtig küsste er ihre Handfläche.

»Darf ich dich jetzt was fragen?«, sagte Connor.

»Hm … kommt drauf an.«

»Warum bist du nach Berlin gekommen?«

Greta musste heftig schlucken. »Ich weiß es selbst nicht so genau. Es war ein Bauchgefühl. Lust auf ein Abenteuer … sich begehrt zu fühlen … auf eine Promi-Party zu gehen … nach der Trennung wieder einmal Sex zu haben …«

»Ich hoffe, du hast es genossen«, sagte Connor und kniff sie leicht in den Po.

Sie nickte. »Sehr sogar. Und jetzt weiß ich, was mir in letzter Zeit alles gefehlt hat.«

»Nun weißt du ja, wie es funktioniert«, neckte er sie. »Du wirst noch einige Männer kennenlernen und sicher ganz viel Sex haben.«

Ja, aber nicht mit dir, dachte sie wehmütig.

»Wirst du dich an mich erinnern?«, fragte sie mühsam lächelnd und spürte einen Kloß im Hals.

»Ich denke schon«, murmelte er und küsste sie. »An Frauen, die mir Löcher in den Bauch fragen, erinnere ich mich immer. Komm, wir schlafen jetzt noch ein bisschen.«

Kapitel 6

»Greta, aufwachen«, flüsterte jemand in ihr Ohr.

Sie blinzelte zaghaft. Ihre Haare, die ihr über das Gesicht gefallen waren, wurden zurückgestrichen. Schlaftrunken öffnete sie die Augen. Connor saß auf der Bettkante und schaute sie an. Er trug ein schwarzes, enges T-Shirt und eine zerrissene Jeans.

»Aufstehen, Schlafmütze, ich habe Hunger!«, kommandierte er lachend.

»Oh nein«, stöhnte Greta und zog sich die Decke über den Kopf. Keine Sekunde später packte er ihre Füße und kitzelte sie erbarmungslos. Greta wand sich unter seinen Händen und schrie laut auf, aber sie hatte keine Chance, ihm zu entkommen.

»Nicht so laut, sonst denken die Zimmernachbarn noch, wir hätten ekstatischen Sex.«

»Sollen sie doch! Lass mich sofort los!«, forderte Greta.

»Nur wenn du versprichst, aufzustehen.«

»Okay, ich versprech’s, ich versprech’s.«

Connor ließ von ihr ab und ging ins Nebenzimmer.

»Gehst du in diesem Outfit frühstücken?«, rief Greta.

»Ja, warum nicht? Gefällt es dir nicht?« Connor streckte den Kopf zur Tür herein und sah sie an.

»Doch, doch, sehr gut sogar. Ich dachte nur, hier im vornehmen Adlon …«

»Ach was. Ich bezahle hier viel Geld, da kann ich zum Frühstück gehen, wie ich es möchte.«

»Alles klar. Ich beeile mich.«

Als sie am Eingang des Frühstücksraums nach ihrer Zimmernummer gefragt wurden, schaute der Hotelangestellte ein wenig erstaunt auf Connors lässige Kleidung, sagte aber nichts. Höflich brachte er sie zu einem Tisch am Fenster.

»Zum Glück hat er dich nicht hinausgeworfen«, grinste Greta.

»Das würde er sich nicht trauen. Außerdem habe ich ihm gestern schon zwanzig Euro Trinkgeld zugesteckt«, entgegnete Connor und zwinkerte ihr zu.

Eine Kellnerin kam und fragte nach ihren Wünschen. Connor orderte ein Frühstück Royal mit allem, was dazugehört.

»Was möchtest du trinken, Liebes?«, fragte er spöttisch. »Cappuccino, Latte Macchiato, Café au Lait …?«

»Ich nehme einen Cappuccino«, lachte Greta kopfschüttelnd. Er hatte also ihre erste Begegnung noch gut in Erinnerung.

»Zwei dann bitte. Und zweimal frisch gepressten Orangensaft und zwei Champagner«, sagte Connor zu der Bedienung.

Die Kellnerin lächelte ihn an und sagte: »Sehr gerne.«

»Ich glaube, du kommst ziemlich gut bei Frauen an«, bemerkte Greta, als sie wieder allein waren.

»Ja, es erstaunt mich auch immer wieder«, grinste Connor und Greta rollte mit den Augen.

»Was genau machst du eigentlich in Schottland?«, wechselte sie das Thema.

»Wir drehen eine Neuverfilmung über das Leben von Mary Stuart.«

»Oh, wie interessant. Ich habe mal ein Buch über sie gelesen. Und welche Rolle hast du in dem Film?«

»Ich spiele Mary Stuarts Halbbruder Lord Moray.«

»Ach ja, an den Bruder kann ich mich dunkel erinnern. Hat er nicht die Strippen gezogen und großen Einfluss auf Mary gehabt?«

»Ganz genau. Als Bastard hatte er zwar keinen Anspruch auf die Krone, aber er hat Mary geschickt manipuliert und sich dadurch Macht verschafft.«

»Mit Manipulieren kennst du dich ja aus«, sagte Greta ironisch.

»Wie meinst du das?«

Da gerade der Cappuccino gebracht wurde, blieb sie ihm die Antwort schuldig und grinste nur.

Nach dem Frühstück packten beide ihre Koffer. So blieb Greta noch ein wenig Zeit, über das Wochenende nachzudenken. Ich werde ihn vermissen, gestand sie sich ehrlich ein. Warum sollte sie es leugnen? Er traf bei ihr sowohl mit seinem Äußeren als auch mit seinem Humor und seiner Persönlichkeit, die eine interessante Mischung aus Draufgänger und Gentleman war, genau ins Schwarze. Und dazu kam noch guter Sex. Der perfekte Mix.

Connor kam in ihr Zimmer geschlendert und riss sie aus ihren Gedanken. »Weißt du, was ich jetzt am liebsten tun würde?«, fragte er, schlug ein Bein unter und setzte sich auf ihr Bett.

Greta schüttelte den Kopf und legte einen Pulli in den Koffer.

»Dich noch einmal spüren.«

Wow! Sie blickte erstaunt auf und sah, dass er es ernst meinte. Er hatte die Augen leicht zusammengekniffen und sah sie prüfend an.

»Mein Taxi kommt in einer halben Stunde«, sagte Greta bedauernd.

»Dann müssen wir uns beeilen.«

»Connor, ich weiß nicht …«, gab sie zurück. Sie war niedergeschlagen und einfach nicht in der Stimmung für Sex. Connor stand auf und kam zu ihr. Er stand dicht vor ihr und fuhr ihr mit dem Daumen über die Lippen. Die Berührung elektrisierte Greta.

»Was ist los, Greta?«

»Ich weiß auch nicht.«

»Komm, sag’s mir.«

»Ich … ich bin einfach kein Typ für One-Night-Stands. Ich habe mich jetzt schon so auf dich eingelassen, dass es mir schwerfällt, zu akzeptieren, dass es das jetzt gewesen ist, verstehst du?«

»Ja, verstehe ich.« Connor küsste sie sanft auf den Mund, und Greta spürte, wie sich eine Gänsehaut über ihrem ganzen Körper ausbreitete.

Was macht er nur mit mir? Connor beendete den Kuss und schaute sie wieder an. Aber Greta wollte nicht, dass er aufhörte. Sie zog ihn zu sich, küsste ihn verlangend und Connors Hände packten fest ihren Hintern.

»Okay, fick mich noch einmal«, stieß sie hervor und war selbst ein wenig erstaunt über ihre Wortwahl.

Connor lächelte, fasste sie am Handgelenk und zog sie ins Wohnzimmer. »Beug dich über die Sofalehne«, befahl er.

Greta zögerte einen Moment, beugte sich über die Lehne und stützte sich auf der Sitzfläche ab. Er griff um ihre Hüften herum, öffnete den Knopf und den Reißverschluss ihrer Jeans und schob sie mit ihrem Slip nach unten. Seine Hand glitt zwischen ihre Schenkel und streichelte sie fordernd. Es war eng, weil die Jeans, die noch an ihren Waden hing, es ihr nicht ermöglichte, die Beine weiter auseinanderzustellen. Als sein Finger in sie eindrang, warf sie den Kopf nach hinten und schrie überrascht auf.

»Mhm, ich liebe es, wie schnell du erregt bist«, murmelte Connor hinter ihr und zog seine Hand zurück. Einen Augenblick hörte sie ein leises Rascheln, weil er offenbar ein Kondom auspackte, und spürte schon kurz darauf, wie sein harter Penis sich unbeirrt seinen Weg in ihr Innerstes bahnte.

Greta stöhnte lustvoll, als Connor sich zurückzog, ein weiteres Mal mit einer sinnlichen, kontrollierten Bewegung tief in sie eindrang und dann regungslos in ihr verharrte. Er wiederholte das erregende Manöver mehrere Male, bis seine Stöße kürzer und schneller wurden und seine Hoden im Takt gegen ihren Schenkel prallten. Er packte Gretas Zopf und zog ihren Kopf nach hinten. Sie schaute aus den hohen Fenstern direkt auf das Brandenburger Tor, während sie den Rausch des Höhepunkts zusammen erlebten.

Als sie sich wenig später voneinander verabschiedeten, verrieten Gretas gerötete Wangen noch die körperliche Lust, die sie gerade empfunden hatte.

»Okay, Mr. O’Bannion, ich mache mich dann mal auf den Weg. Alles Gute für den Dreh.«

»Ich wünsche dir nur das Beste, Greta«, entgegnete Connor, nahm sie in den Arm und küsste sie noch einmal zärtlich. »Es war wunderbar mit dir. Und ich würde mich wirklich freuen, wenn wir uns irgendwann wiedersehen.«

Greta schaute ihn verblüfft an und versuchte, den Kloß in ihrem Hals loszuwerden. Ich darf nicht heulen, sagte sie sich immer wieder, aber es nutzte nichts. Die Tränen kullerten ihr über die Wangen. Entschieden wischte sie sie fort und zwang sich zu einem Lächeln. Sie griff nach ihrem Koffer, ging zur Tür und drehte sich noch einmal kurz um.

Connor rührte sich nicht. Er stand in seiner zerrissenen Jeans mit leicht gespreizten Beinen da, die Arme locker an der Seite herabhängend. Greta blinzelte ihm zu und ging schnell aus dem Zimmer.

Kapitel 7

Im Taxi ließ Greta ihren Gefühlen freien Lauf und die Tränen flossen ihr die Wangen hinunter. Es war ihr egal, was der Taxifahrer dachte. Als sie am Hauptbahnhof bezahlte und ausstieg, schaute er sie zwar ein wenig mitleidig an, sagte aber nichts. Endlich auf ihrem Platz im Zug angelangt, lehnte sie ihren Kopf an die Scheibe und schloss die Augen.

Die letzten Tage zogen in Gedanken an ihr vorbei, kurze Augenblicke tauchten immer wieder in ihrer Erinnerung auf: Connor, wie er verschmitzt lachte; Connor, wie er sie zärtlich küsste; Connor, wie er sie leidenschaftlich liebte. Gleichzeitig überlegte Greta, ob sie ihn nicht zu sehr idealisierte. Er ist nicht der Märchenprinz, auf den jede Frau hofft!, versuchte sie, sich einzureden. Sie war realistisch genug, um zu wissen, dass Connors Fehler, die er zweifellos hatte, an die Oberfläche kämen, wenn sie sich besser kennenlernen würden. Es gab keinen perfekten Menschen und Connor war gewiss auch keiner. Greta hatte schon einmal bei Felix erkennen müssen, dass nach der ersten Verliebtheit, während der man negative Eigenschaften noch mit einem Augenzwinkern als Spleens abtat, die Ernüchterung kam. Aber warum machte sie sich Gedanken darüber? Dieses Zusammentreffen mit Connor war eine kurze, wenn auch intensive Episode in ihrem Leben, und diese sollte sie als solche akzeptieren und sich nicht an etwas klammern, das sowieso nie real werden würde.

Ihr Handy klingelte, als sie gerade durch einen Tunnel fuhren. Es war Jeanette, aber Greta konnte nur noch »… wie war’s?« verstehen, bevor die Verbindung abriss. So ein Mist!, fluchte Greta innerlich. Bei all ihrer Grübelei hatte sie ihre Freundin glatt vergessen, die natürlich unbedingt einen Lagebericht wollte. Als sie wieder ein Netz hatte, rief sie sie sofort zurück.

»Hi, Jeanette. Sorry, ich war gerade in einem Tunnel.«

»Greta, ich sitze hier und platze vor Neugierde – und du meldest dich nicht. Am liebsten hätte ich dich gestern schon mal angerufen, nachdem du auf meine Nachrichten nur so knapp geantwortet hast. Wie war’s? Erzähl!«

»Es war sehr aufregend. Auf dem roten Teppich war die Hölle los. Du kannst dir nicht vorstellen, wie Connor von den Fans bestürmt wurde. Er hat Hunderte Autogramme gegeben und Selfies mit ihnen geschossen. Und seine Rede bei der Preisverleihung ist total gut angekommen. Die Leute sind aufgesprungen und haben applaudiert. Auf der After-Show-Party wollte jeder ein paar Worte mit ihm wechseln und Fotos mit ihm machen.«

»Das klingt nach megaviel Spaß. Das nächste Mal musst du mich unbedingt mitnehmen. Wer war denn von den Promis da?«

Greta zählte eine Reihe von Namen auf, die ihr gerade einfielen.

»Wow, sozusagen die High Society. Und wie war es sonst so mit Connor?«

Greta schaute sich um. Sie saß im Großraumwagen, aber die ältere Dame vor ihr schlief scheinbar und die Reihe hinter ihr war frei.

»Es war schon nicht schlecht«, sagte sie leise und musste insgeheim grinsen, weil sie ahnte, wie Jeanettes Gedanken sich gerade überschlugen.

»Wie, nicht schlecht? Was heißt das?«, fragte Jeanette aufgeregt.

»Na ja, genau genommen war es das Beste, was ich je im Bett erlebt habe. Ich konnte gar nicht genug kriegen.«

Der Mann, der auf der anderen Seite des Gangs mit dem Rücken zur Fahrtrichtung an einem Tisch saß, schaute sie interessiert an. Greta lächelte ihm freundlich zu.

»Ist das dein Ernst? Du warst mit Connor O’Bannion im Bett?«

»Ja doch! Ich hoffe, du bist alleine im Raum, wenn du so rumschreist.«

»Ja, ja … wie war er?«

»Wie du weißt, hatte ich noch nicht allzu viele Männer, jedenfalls nicht genug, um das objektiv beurteilen zu können, aber …« Sie machte eine Pause, um Jeanette noch mehr auf die Folter zu spannen.

»Jetzt sag schon!«

»Ich fand es großartig.«

»Wirklich? Was genau?«

»Er hat mir die Zeit gelassen, die ich brauchte, um mich fallen zu lassen, war einfühlsam und hat mich nicht spüren lassen, dass ich nur eine von vielen bin – im Gegenteil. Und natürlich weiß er genau, worauf Frauen abfahren.«

»Ich dachte mir schon, dass er gut im Bett ist. Das freut mich echt für dich, dass du mal einen richtigen Kerl hattest. Obwohl ich ein bisschen neidisch bin.«

»Ja, das erlebt man nicht alle Tage.«

»Und jeder andere Mann, der dir über den Weg läuft, wird sich an ihm messen lassen müssen. Apropos messen, wie viel Zentimeter schätzt du so?«

»Du meinst seinen besten Freund?«

»Natürlich meine ich seinen Schwanz.«

»Ich habe keine Ahnung. Was ist denn der Durchschnitt?«

»Dreizehn Zentimeter.«

»Er war zumindest nicht klein.«

»Hat er noch sein Mützchen auf? In Amerika sind doch unheimlich viele Männer beschnitten.«

»Was du alles wissen willst«, seufzte Greta.

»Komm, sag schon!«

»Noch alles dran.«

»Ich liebe es, wenn Männer nicht beschnitten sind. Das ist immer wie Geschenke auspacken.«

»Jeanette, du bist echt unfassbar!«

»Und werdet ihr euch wiedersehen?«, wechselte die Freundin das Thema.

»Ich glaube nicht. Er hat zwar gesagt, er würde sich freuen, wenn wir uns irgendwann wiedersehen würden, aber das klang jetzt nicht so, als ob er es darauf anlegt«, sagte Greta.

»Du hast doch seine Nummer, oder? Du meldest dich in ein paar Tagen einfach mal bei ihm. Mensch Greta, das ist der Wahnsinn. Oh Mann, warum kann mir so was nicht passieren?«

»Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist, bei ihm anzurufen. Und dass mehr daraus werden könnte, bezweifele ich.«

»Aber wieso denn?«

»Jeanette, kennst du einen einzigen Schauspieler, der mit einer gewöhnlichen Frau zusammen ist? Fällt dir einer ein? Mir nicht. Die suchen immer ihresgleichen. Du weißt doch: gleich und gleich und so weiter. Schauspieler sind meistens entweder mit Schauspielerinnen, Produzentinnen oder Models zusammen, manchmal auch mit Sängerinnen. Deswegen halte ich das nicht für realistisch. Außerdem sagt er, dass er kein Typ für eine Beziehung ist. Und noch dazu lebt er in Amerika.«

»Aber warum sollte er dann sagen, dass er sich freuen würde, dich wiederzusehen?«

»Wir hatten gerade Sex, es war romantisch, da sagt man schnell mal solche Sachen.«

»Nein … ich glaube an das Märchen vom Aschenputtel. Warum sollte es nicht bei dir wahr werden?«

Greta musste lachen. Jeanette war eine unverbesserliche Optimistin. »Weil Märchen nie wahr werden. Wir werden sehen, ob er sich mal meldet.«

»Ich wette, dass er das tut«, rief Jeanette ins Telefon.

»Wir werden sehen.«

Greta war sich da nicht so sicher, aber sie wollte sich ihre schönen Erinnerungen jetzt nicht durch ihre Zweifel kaputtmachen lassen. Also lehnte sie sich nach dem Gespräch wieder in ihren Sitz zurück, schloss die Augen und ließ den gestrigen Abend noch einmal Revue passieren. Als sie im Geiste noch einmal durchlebte, wie Connor mit ihr schlief, bemerkte sie ein angenehmes Ziehen zwischen ihren Schenkeln. Angesichts der Fahrgäste um sie herum widerstand sie dem Verlangen, ihre Hand genau an diese Stelle zu legen.

Ihr Handy summte leise. Wahrscheinlich noch mal Jeanette, dachte sie. Greta blickte auf das Display und ihr stockte der Atem. Eine Nachricht von Connor wurde auf dem Homescreen angezeigt. Mit zitternden Fingern entsperrte Greta das iPhone und öffnete die Nachrichten-App.

Connor:

Ich habe unter dem Bett einen sexy schwarzen Spitzenslip gefunden. Könnte der vielleicht Ihnen gehören, Mrs. Rosenbaum? ;-)

Oh mein Gott, wie peinlich. Greta überlegte einen Moment, wie sie passend darauf antworten könnte.

Greta:

Wäre denkbar, es sei denn, Sie hatten noch andere Frauen mit auf Ihrem Zimmer, Mr. O’Bannion, was mich nicht wundern würde … Oder die Reinigungskräfte haben echt schlampig gearbeitet. :-D

Connor:

Nein, dann muss er wohl Ihnen gehören. Moment … hm, ja, er duftet herrlich nach Ihnen.

Oh nein, das hat er jetzt nicht wirklich getan!

Greta:

OMG, das mag ich mir jetzt nicht vorstellen, wie Sie daran schnüffeln. Aber wenn Sie ihn so mögen, dürfen Sie ihn gerne als Souvenir behalten. Damit Sie sich immer an mich erinnern.

Connor:

Das ist wirklich großzügig von Ihnen. Ob ich noch ein passendes Bild dazu bekommen könnte?

Greta:

Ich kann Ihnen gerne alle Bilder zukommen lassen, die ich am Wochenende gemacht habe.

Connor:

Danke für das Angebot, das ich gerne annehme. Ich glaube allerdings nicht, dass sich darunter ein Nacktfoto von Ihnen befindet.

Ein Nacktfoto??? Was soll das denn?

Greta:

Ach, darum geht es Ihnen, Mr. O’Bannion. Möchten Sie das in Ihr Poesiealbum einkleben, wo Sie Ihre Eroberungen sammeln, damit Sie den Überblick nicht verlieren? ;-)

Connor:

Nicht ganz. Aber Spitzenslip und Nacktfoto würden mir doch helfen, mich sehr lebhaft an das vergangene Wochenende zu erinnern, das – wenn ich so sagen darf – wirklich exquisit und sehr aufregend war.

Exquisit und sehr aufregend … Oh ja, das war es gewesen. Greta schmolz dahin. Der Mann wusste einfach, wie man Frauen Komplimente machte. Aber so leicht wollte sie es ihm nicht machen.

Greta:

Tut mir leid, Mr. O’Bannion. Mit der Weitergabe meiner Nacktfotos bin ich sehr zurückhaltend.

Connor:

Dachte ich mir doch, dass Sie eine ehrenhafte Frau sind. Dann werde ich Sie mir eben nackt vorstellen.

Greta:

Tun Sie, was Sie nicht lassen können. ;-) ;-) ;-)

Connor:

Ich würde gerne noch länger mit Ihnen plaudern, aber ich muss mich jetzt leider verabschieden. Wir starten gleich.

Greta:

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Reise. :-*

Connor:

;-)

Was war das denn gewesen? Greta schüttelte ungläubig den Kopf. Sie schrieb Jeanette eine Nachricht:

Du hast gewonnen, er hat sich gemeldet. :-)

Es war schon nach vier Uhr, als sie aus dem Taxi stieg, das sie am Bahnhof genommen hatte, und die Haustür öffnete. Tom stand im Flur und fischte gerade sein Handy aus seiner Jackentasche.

»Hallo, Mama. Du warst im Fernsehen«, war das Erste, was er zu ihr sagte.

Greta erschrak. Wenn Tom es weiß, weiß Felix es auch.

»Hallo, Tom.« Sie umarmte ihn und gab ihm einen Kuss auf sein braunes Haar. »Hast du mich selbst im Fernsehen gesehen?«

»Nein, Papa hat’s erzählt. Er war ziemlich sauer.«

»Oh, okay, ich rede mit ihm.«

»Sorry, ich bin mit Alex auf eine Runde Minecraft verabredet«, rief er, während er schon wieder die Treppe nach oben rannte, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.

»Hast du nichts mehr für die Schule zu machen?«, rief Greta ihm hinterher. Sie mochte es nicht, wenn er zu viel Zeit mit Computerspielen verbrachte.

»Mach ich später. Ich muss erst mal chillen. Außerdem ist Sonntag.«

Sie ließ ihn ziehen und im nächsten Moment überkam sie ein mulmiges Gefühl. Während sie noch im Flur ihre Jacke auszog, kam Felix die Treppe aus dem Souterrain herauf.

»Es wird ja auch Zeit, dass du endlich kommst«, fuhr er sie an.

»Tut mir leid, der Zug braucht nun mal fünf Stunden von Berlin bis Mainz.«

»Du warst im Fernsehen zu sehen … mit diesem … Hollywood-Statisten.« Verachtung lag in seiner Stimme. »Marco und Julia haben angerufen und gefragt, was du denn mit dem Möchtegern-Schauspieler in Berlin tust. Ich war völlig irritiert und wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich habe irgendeine Ausrede erfunden, dass du das Treffen bei einer Zeitschrift gewonnen hättest. Aber ich weiß nicht, ob sie mir geglaubt haben.«

»Und wenn schon … ist doch unwichtig, was sie glauben«, entgegnete Greta. Sie hatte jetzt keine Lust auf diese Diskussion. Für Felix war immer nur wichtig, was andere von ihm dachten.

»Mir ist das aber nicht gleichgültig. Wo hast du den nur aufgegabelt?«

Greta zuckte mit den Schultern und antwortete nicht.

»Sieh mich an! Hast du etwa mit ihm gevögelt?« Seine Augen waren dunkel vor Aufregung.

Greta kniff die Augen zusammen und schaute ihn innerlich kochend an. Als wenn ich dir Rechenschaft ablegen müsste …

»Los, sag schon … hat er dich mal so richtig rangenommen und deine Muschi geleckt, wie du es brauchst?«

»Hör auf! Lass mich einfach in Ruhe, Felix!«, fauchte Greta empört.

»Ist ja auch egal. Jedenfalls wirst du ihn nicht mehr sehen.« Er stand mit erhobenem Zeigefinger und zusammengebissenen Zähnen vor ihr.

»Bist du jetzt total durchgeknallt?«, rief sie außer sich. »Ich lasse mir von dir gar nichts verbieten. Ich treffe mich, mit wem ich will.« Was bildet er sich denn ein?

»Du kannst dich von mir aus mit deinem Lover treffen, wenn es niemand mitbekommt. Aber nicht in aller Öffentlichkeit. Schließlich sind wir immer noch verheiratet und müssen wenigstens nach außen den Anschein aufrechterhalten, dass wir Mann und Frau sind. Wenigstens für Tom.«

»Tom … der ist dir doch völlig egal. Du denkst doch nur an deinen guten Ruf. Wenn herauskommen würde, dass du deine Sekretärin vögelst, wäre der nämlich dahin. Aber ich sage dir was … ich mache dieses Spiel nicht mehr mit! Vorbei! Ich will die Scheidung!« Sie schrie ihn an. Schrie ihre ganze Wut heraus, die sich in den vergangenen Monaten aufgestaut hatte.

»Wenn ihr euch scheiden lasst, bleibe ich bei Papa!«, brüllte es vom Treppenabsatz vom oberen Stockwerk herunter. Tom rannte in sein Zimmer und knallte die Tür zu.

Oh Gott, hat Tom etwa alles mitgehört?, fuhr es ihr durch den Kopf. Sie hatte nicht gewollt, dass er es auf diese Art und Weise erfuhr.

»Da siehst du, was du angerichtet hast«, schrie Felix sie an. Er holte aus und schlug ihr mit aller Kraft ins Gesicht.

Sie hatte das Gefühl, ihr Kopf würde gleich explodieren. Beim Aufprall auf den Schrank, der neben ihr stand, spürte sie einen stechenden Schmerz in der Schulter, bevor sie auf den Boden fiel. Es herrschte unerträgliche Stille. Felix rührte sich nicht, er war wie zur Salzsäule erstarrt. Zum ersten Mal hatte er sie geschlagen. Greta lag auf dem Boden, schaute zu ihm auf und kniff ihre Augen zusammen. Falls sie noch einen Rest von Zuneigung für ihren Mann in sich getragen haben sollte, dann hatte er sie mit diesem Schlag für immer ausgelöscht. Sie hatte sich noch nie so gedemütigt gefühlt.

Felix bewegte sich schließlich und streckte ihr die Hand hin. »Komm, ich helfe dir hoch.«

Sie schlug die Hand weg und krabbelte auf die Knie. Ihr war schwindlig. Als sie endlich stand, hob sie ihre Jacke auf und verließ wortlos das Haus. Sie beide wussten, dass dies das Ende war.

Im Auto brach sie in Tränen aus. Warum muss alles Schöne im Leben immer wieder gleich kaputtgemacht werden?, dachte sie verzweifelt. Es war nicht einmal eine Stunde her, dass sie im Zug das Wochenende in all seinen Facetten noch einmal durchlebt hatte. Da hatte sie sich jung und begehrt gefühlt. Und nun das! Es war wie so oft: Der Dämpfer ließ nie lange auf sich warten.

Ihr Handy klingelte. Sie zog es aus der Jackentasche und schaute auf das Display. Es war Connor. Connor! Unter normalen Umständen hätte sie sich unglaublich gefreut, dass er sich bei ihr meldete. Aber sie konnte jetzt unmöglich mit ihm sprechen, sie war nicht in der Verfassung dazu. Sie drückte das Gespräch weg und warf das Mobiltelefon auf den Beifahrersitz.

Mit steifen Fingern startete sie den Wagen und fuhr die paar Straßen weiter zum Haus ihrer Eltern. Das iPhone klingelte erneut, aber Greta ignorierte es. Sie parkte das Auto, ging zur Tür, klingelte und war froh, dass ihr Vater öffnete.

»Mein Gott, Greta. Wie siehst du denn aus?«

Sie stammelte etwas zusammen, was für ihren Vater wohl ziemlich wirr klingen musste.

Er brachte sie erst einmal in die Wohnung. Ihre Mutter kam sofort angelaufen und überschüttete sie mit Fragen.

»Jetzt lass sie sich doch erst einmal setzen«, herrschte ihr Vater seine Frau an. Er holte ihr ein Glas Wasser und ein Kühlpack für die geschwollene Gesichtshälfte. »Komm, erzähl mal, was passiert ist.«

»Felix und ich lassen uns scheiden«, berichtete sie unter Tränen.

»Ich habe ja gewusst, dass es zu Problemen führt, wenn du alleine wegfährst«, legte ihre Mutter los.

»Damit hat das gar nichts zu tun. Wir haben schon die ganze Zeit getrennt gelebt. Felix hat ein Verhältnis.«

»Das glaube ich nicht. Ihr wart doch immer so glücklich.« Ihre Mutter konnte es nicht fassen.

»Nach außen hin, ja«, meinte Greta bitter. Ihr wurde klar, welchen Fehler sie gemacht hatte, allen um sie herum diese Scheinwelt vorzuspielen.

»Hat er dich geschlagen?«, fragte ihr Vater.

Greta nickte.

»Dieser Mistkerl«, fluchte er. »Ich würde am liebsten …«

»Paps, lass gut sein.«

»Sie wird ihn bis aufs Blut gereizt haben. Das kann sie ja gut«, warf ihre Mutter ein.

Greta hasste es, wenn sie in ihrem Beisein in der dritten Person von ihr sprach.

»Anne, jetzt reiß dich zusammen. Er hat nicht das Recht, unsere Tochter zu schlagen.«

»Da ist noch etwas«, sagte Greta schnell, um ein Ausufern des Streits zwischen den beiden zu verhindern. »Ich habe einen Mann kennengelernt.« Greta wollte es ihren Eltern lieber selbst sagen, bevor sie es von Felix erfuhren.

»So ganz unschuldig bist du also doch nicht«, keifte ihre Mutter schon wieder.

»Mama … bitte … steh doch ein Mal auf meiner Seite«, flehte Greta. »Felix hat seit Monaten ein Verhältnis mit seiner Sekretärin. Er schläft im Souterrain. Was habe ich also Schlimmes getan?«

»Meistens ist nicht nur einer schuldig, wenn eine Ehe in die Brüche geht. Du hast zum Beispiel dauernd vor dem Computer gehangen. Vielleicht hat Felix sich deshalb eine andere gesucht.«

Gretas Handy vibrierte. Sie warf einen kurzen Blick darauf, um zu sehen, ob es vielleicht noch mal Connor war, sah aber Felix’ Namen im Display. Er besaß wirklich die Unverschämtheit, sie jetzt anzurufen.

»Anne, entweder du bist jetzt ruhig und lässt Greta erzählen, oder du kannst rausgehen«, sagte ihr Vater in einem gefährlich ruhigen Tonfall.

Greta kannte diesen sehr gut. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Seine Frau wusste ebenfalls, dass sie den Bogen nicht weiter überspannen durfte. Sie stieß geräuschvoll die Luft aus und lehnte sich eingeschnappt auf ihrem Stuhl zurück.

Greta erzählte ihnen die ganze Geschichte mit Connor, erwähnte allerdings nicht, dass sie bereits miteinander geschlafen hatten. Aber das konnten ihre Eltern sich sicherlich denken.

»Ein Ami aus Hollywood? Und wie soll es jetzt weitergehen?«, fragte ihre Mutter.

»Ich habe keine Ahnung. Aber Felix wird auf jeden Fall ausziehen.« Greta hatte das Haus, in dem sie wohnten, von ihrer Patentante geerbt. Sie konnte Felix also hinauswerfen und sie würde es tun, ohne mit der Wimper zu zucken. Wieder vibrierte ihr Handy. Ein kurzer Blick genügte: Felix.

»Na ja, schlaf mal drüber. Vielleicht lässt es sich ja wieder einrenken«, meinte ihre Mutter.

»Du hast es immer noch nicht kapiert! Da gibt es nichts mehr einzurenken. Es ist vorbei. Ich würde ihn am liebsten nie wiedersehen«, schrie Greta erregt.

»Das mit dem Schauspieler wird doch bestimmt nichts. Wenn der wieder in Amerika ist, kannst du das sowieso vergessen. Der wollte eine schöne Nacht – und die hat er gekriegt.«

Es bestürzte Greta, wie kalt ihre Mutter manchmal sein konnte, und sie hatte Angst, selbst so zu werden. Sie erschrak jedes Mal, wenn sie Tom einmal heftiger zurechtwies, weil sie dann dachte: Oh Gott, ich bin schon wie sie. Das Gefühl war immer präsent, egal, ob sie ihn anmeckerte, weil er mit einem Keks krümelnd durchs Treppenhaus lief oder weil er sein schmutziges Geschirr nicht wegräumte. Und jetzt hatte Tom alles mitbekommen und sie fühlte sich noch mieser. Ich muss heim zu ihm, dachte Greta und merkte, wie sich Panik in ihr ausbreitete.

Sie zuckte zusammen, als das Festnetztelefon klingelte. Ihr Vater nahm das Gespräch entgegen.

»Was willst du?«, hörte Greta ihn in grimmigem Ton sagen, und es war ihr sofort klar, dass Felix am anderen Ende der Leitung war. »Lass dich hier nicht blicken. Sie bleibt über Nacht hier.« Einen Moment lang hörte er offenbar Felix zu, dann entgegnete er: »Sie will jetzt aber nicht mit dir sprechen. Jetzt lass sie gefälligst mal zur Ruhe kommen.«

Greta war ihrem Vater dankbar, dass er ihr Felix vom Hals hielt. Ihr Handy hatte mittlerweile so oft vibriert, dass sie sicherlich zehn Anrufe von ihm auf der Mailbox hatte. Aber Tom war noch zu Hause und bestimmt war er total verstört. Wenn sie über Nacht bei ihren Eltern blieb, musste sie sich schnell etwas einfallen lassen. Sie bedeutete ihrem Vater, dass sie ihm etwas sagen müsse. Er umklammerte die Sprechmuschel mit seiner Hand, damit Felix nicht mithören konnte.

»Paps, kannst du Tom bitte abholen?«, flüsterte sie.

Er nickte. »Hör zu, Felix, ich glaube, es wäre gut, wenn Tom für den Moment zu uns kommen würde. Kannst du ihn fragen, ob er das gerne möchte?«

Wieder hörte ihr Vater Felix zu und sagte dann zu Greta: »Felix fragt Tom, ob ich ihn holen soll.«

Gespannt wartete Greta auf die Antwort. Würde Tom zu ihr kommen wollen? Oder würde Felix versuchen, ihn dahingehend zu beeinflussen, dass er bei ihm blieb?

»Okay, dann komme ich so in zwanzig Minuten vorbei«, sagte ihr Vater, nachdem einige Zeit verstrichen war, und legte auf.

Sie atmete erleichtert durch.

Greta hatte gerade einen frischen Kühlpack für ihre Schwellung aus dem Eisfach geholt, als ihr Vater mit Tom zurückkam. Er sah durcheinander aus und ließ sich bereitwillig von ihr in den Arm nehmen. Ihr Vater schob seine Frau aus dem Zimmer und ließ sie beide allein.

»Mein Schatz, es tut mir leid. Alles wird gut«, murmelte Greta und merkte, dass er weinte. Sie musste daran denken, wie sie ihn früher als kleinen Jungen getröstet hatte, wenn er sich wehgetan hatte, und selbst wenn er jetzt keine körperlichen Schmerzen hatte, so war doch seine Seele verletzt. Es hat keinen Zweck, jetzt mit ihm zu sprechen. Er ist viel zu aufgewühlt.

Als er sich nach einer Weile beruhigte, wischte sie ihm mit dem Daumen die Tränen von der Wange und schlug vor, Pfannkuchen für alle zu machen. Tom nickte und schluchzte noch einmal. Aber wenigstens hellte sich sein Gesicht ein wenig auf.

Greta war froh über die Ablenkung: Sie bat ihre Mutter um Zucker, Eier, Milch und Mehl und rührte dann, ohne groß nachdenken zu müssen, den Teig zusammen. Tom schälte währenddessen zwei Äpfel, damit sie Apfelringe in den dicken, sämigen Teig geben und mitbacken konnten. So hatte schon Gretas Uroma die Äppelplätzchen gemacht und so mochten sie sie alle am liebsten.

Greta stand am Herd und backte die kleinen runden Pfannkuchen, während ihre Eltern und Tom schon die erste Fuhre aßen. Sie hatte keinen Appetit, ihre Wange schmerzte immer noch höllisch und sie fühlte sich wie ein geschundener Hund. Zudem hatte sie keine Ahnung, wie ihr zukünftiges Leben aussehen würde. Greta hatte Angst vor einer Scheidungsschlacht, denn Felix würde sicherlich alle Register ziehen, um ihr keinen Unterhalt zahlen zu müssen. Aber wenigstens gehörte ihr das Haus allein. Doch sie und Felix hatten einiges an Zeit und Geld in die Renovierung investiert, und darüber würden sie reden müssen. Da Felix gut verdiente, hatten sie eine ordentliche Summe gespart, und Greta ging deshalb davon aus, dass sie Felix mit ihrem Anteil ausbezahlen konnte. Was sie als freie Autorin monatlich verdiente, würde zum Leben reichen, aber große Sprünge würde sie nicht damit machen können. Sie musste dringend einen Anwalt suchen, um ihre Rechte abzuklären.

»Komm, ich backe mal weiter. Jetzt setz dich doch mal hin und iss was«, riss Gretas Mutter sie aus ihren Gedanken.

Sie setzte sich zu Tom und aß ihm zuliebe mit Mühe zwei Äppelplätzchen.

Nachdem die Küche wieder in Ordnung gebracht war, spielten sie und Tom Mühle gegeneinander. Greta war nicht bei der Sache, und so gelang es Tom, sie mehrmals zu schlagen.

»Mama, so macht das keinen Spaß. Du musst dir mehr Mühe geben«, motzte er.

»Tut mir leid, Tom. Ich kann mich nicht richtig konzentrieren.«

»Schon gut. Wenn ich ehrlich bin, ich mich auch nicht.«

Sie schenkte ihm einen liebevollen Blick.

Nach dem Abendbrot schaute Greta mit Tom und ihren Eltern noch einen älteren Tatort, der im Dritten ausgestrahlt wurde. Sie war so müde, dass sie im Sitzen auf der Couch einschlief und erst wach wurde, als ihr Kopf zur Seite kippte.

»Ich glaube, ich muss ins Bett«, murmelte sie und stand auf.

Schlaftrunken putzte sie ihre Zähne, wusch ihr Gesicht und ließ sich von ihrer Mutter Bettwäsche und ein T-Shirt zum Schlafen geben. »Gute Nacht, Tom. Soll ich dich morgen früh zur Schule fahren?«

»Nein, ist schon okay, ich fahre mit dem Bus.«

»Okay.« Greta nickte. »Aber ich stehe auf und frühstücke mit dir. Sieben Uhr?«

»Passt«, sagte Tom knapp, der jetzt wissen wollte, wer der Mörder war.

»Gute Nacht, Mama und Papa.«

»Schlaf gut«, sagten ihre Eltern unisono.

Während sie gerade ihr Bett im Gästezimmer bezog, klingelte ihr Handy erneut. Entnervt schaute Greta auf den Bildschirm, aber es war nicht Felix, der anrief. Sie nahm das Gespräch mit zitternden Fingern an.

»Hallo, Greta. Ich bin’s, Connor. Ich habe mir schon Sorgen gemacht, weil du vorhin nicht geantwortet hast«, sagte er. »Ich wollte wissen, ob du gut heimgekommen bist.«

»Ja, bin ich, lieb, dass du fragst. Tut mir leid, dass ich nicht drangegangen bin. Es gab einen … Vorfall.«

»Was ist passiert?« Connor klang alarmiert.

Sie erzählte ihm in Kürze, was passiert war. Kurz überlegte sie, ob sie den Schlag verschweigen sollte, aber sie wollte ihm gegenüber ehrlich sein.

»Son of a bitch!«, fluchte Connor. »Ich habe nächstes Wochenende zwei Tage drehfrei und werde nach Deutschland kommen. Ich werde mir diesen Feigling vorknöpfen.«

Wieso kümmert ihn das? »Nein. Das würde alles nur noch schlimmer machen. Er wird mich nicht mehr schlagen, ganz sicher.« In Wirklichkeit war sie sich jedoch gar nicht so sicher. Felix konnte ziemlich jähzornig werden, und sie hatte sogar ein wenig Angst, ihm wieder gegenüberzutreten. Sie hatte keine Lust, die Hauptrolle in einem dieser Familiendramen zu spielen, von denen man immer wieder in der Zeitung las.

»Versprich mir, dass du auf dich aufpasst und ihm aus dem Weg gehst.«

»Ich verspreche es. Aber du … wieso kommst du schon wieder nach Deutschland?«, fragte sie erstaunt.

»Ich habe ein Fotoshooting in Frankfurt. Aber ich werde in Wiesbaden wohnen.«

Gretas Herz hüpfte. Heißt das etwa, dass wir uns vielleicht sehen werden?

»Du sagst ja gar nichts«, meinte Connor.

»Sorry. Ich bin ein bisschen überrascht.«

»Positiv, hoffe ich?«

»Natürlich. Ich freue mich, dass du schon so bald wieder hier bist.«

»Dann sehen wir uns?«, fragte er.

»Ja, das wäre wirklich schön.«

»Prima, ich schreibe dir, wo ich wohnen werde und wann ich ankomme. Ich freue mich auf dich. Gute Nacht, Greta. Und lass mich wissen, wenn ich irgendetwas für dich tun kann.«

»Mache ich. Ich freue mich auch. Gute Nacht, Connor.«

Greta saß eine Weile auf dem Bett und überlegte. Ihre Affäre mit Connor war scheinbar noch nicht zu Ende. Sie spürte, wie ein Glücksgefühl durch ihren Körper floss.

Als Greta am nächsten Morgen vom Weckton des iPhones wach wurde, brauchte sie einen Moment, um zu realisieren, warum sie im Gästebett ihrer Eltern lag. Aber dann fiel ihr schlagartig alles wieder ein. Wäre ich nur zu Hause geblieben! Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie war nicht bereit für den Kampf mit Felix, die Auseinandersetzungen, die es unzweifelhaft geben würde. Gleichzeitig musste sie noch für Tom da sein, ihn trösten, Erklärungen liefern, Lösungen finden. Und dann war da noch Connor. Ihr gingen so viele Gedanken durch den Kopf, dass sie sich gar nicht richtig darüber freuen konnte, dass sie ihn wiedersehen würde.

Greta quälte sich aus dem Bett. Es war schon kurz nach sieben und sie wollte ja mit Tom frühstücken. Sie schlüpfte in ihre Jeans und trottete barfuß in die Küche.

»Guten Morgen zusammen«, sagte sie und versuchte, gut gelaunt zu klingen.

»Moin«, sagte Tom und biss in seinen Nutellatoast.

»Guten Morgen, Greta«, sagte auch ihr Vater und blickte von seiner Zeitung auf.

»Guten Morgen. Zieh dir doch mal ein paar Socken an, du erkältest dich noch«, sagte ihre Mutter mit Blick auf ihre Füße.

»Ja, Mama«, antwortete Greta und seufzte. Für diesen Kampf hatte sie derzeit keine Muße. Also ging sie zurück ins Gästezimmer und zog ihre Socken an.

»Kaffee?«, fragte ihre Mutter, als Greta sich an den Tisch setzte.

»Unbedingt.«

»Was möchtest du frühstücken? Ich kann dir ein paar Rühreier machen …«

»Danke, aber ich habe gar keinen Hunger.«

»Du musst was essen! Wenigstens einen Toast.«

»Okay, dann einen Toast.«

Greta wunderte sich, dass ihre Mutter so zuvorkommend war. Entweder hatte sie eingesehen, dass jetzt nicht der rechte Zeitpunkt war, um ihr Vorhaltungen zu machen, oder aber, und das war ihre Vermutung, ihr Vater hatte mit ihrer Mutter geredet.

Tom schien sich gefangen zu haben, worüber sie sehr froh war, auch wenn sie nicht in seinen Kopf hineinschauen konnte. Er diskutierte mit seinem Opa über das letzte Spiel von Mainz 05, während er den nächsten Toast in sich hineinstopfte.

»Was willst du jetzt machen mit der ganzen Misere?«, fragte ihre Mutter.

»Nicht jetzt, Mama«, entgegnete Greta und blickte vielsagend zu Tom.

Als Tom sich auf den Weg zur Schule gemacht hatte, ging Greta zurück ins Gästezimmer, setzte sich auf das Bett und rief Jeanette an. Während sie ihr alles berichtete, brach sie in Tränen aus. Jeanette ließ sie erzählen und sich ausheulen. Sie pflichtete Greta bei, dass Felix der größte Mistkerl sei, den sie kenne, und dass es ja wohl das Letzte sei, seine Frau oder überhaupt irgendjemanden zu schlagen.

»Hör zu, Süße, ich habe heute Spätdienst und muss erst um zwei in der Redaktion sein. Ich kann also mit dir nach Hause kommen, wenn du nicht alleine gehen willst«, sagte Jeanette schließlich.

Pulsuz fraqment bitdi.

15,22 ₼
Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
05 noyabr 2024
Həcm:
530 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9783864954207
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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Oxşar kitablar