Kitabı oxu: «Die Mätresse aus dem Hurenhaus»
Die Mätresse aus dem Hurenhaus
Teufelskind
Clara
Weggefährten
Abschied
Ingrid
Begegnungen
Rache
Regensburg
Der Handel
Überraschungen
Gerichtstag
Berta und Gunda
Erkenntnisse
Gäste
Ankunft
Clara und der Kaiser
Geweihte Erde
Die erste Nacht
Bruder Sebastian
Der Burggraf
Maria
Offenbarung
Zwischen Freud und Leid
Gefunden und doch verloren
Gerichtstag
Todeskampf
Vorbereitungen
Heimliche Liebesnacht
Regensburger Gespräche
Neue Wege
Reisevorbereitungen
Tödliches Geschenk
Die Botschaft
Besuch
Kaiser Karl V
Die Trosshuren
Michael von Freistein
Unsichere Zeiten
Der Versuch
Die Bitte
Begegnungen
Die Falle
Kaiser Karl V.
Impressum neobooks
Lea Sörensen
Die Mätresse aus dem Hurenhaus
Der Weg zum Kaiser - Teil 1
Die Mätresse aus dem Hurenhaus – Teil 1
Konfetti Verlag, Neuenburg
Urwaldstr. 2
Coverbild: stock.adobe.com
Teufelskind
Regensburg 1527. Es war ein regnerischer Tag. Mühsam zogen zwei Braune einen mit Töpferwaren und Fellen hoch beladenen Wagen über das nasse Kopfsteinpflaster, es herrschte reger Betrieb.
Fast unbeachtet hetzte eine vermummte Frau mit einem Bündel in den Armen, wie von wilden Hunden verfolgt, durch die Gassen. Ihr Atem ging keuchend, ängstlich schaute sie sich immer wieder um und sah dann auf das greinende Kind in ihrem Arm. Ein Neugeborenes, doch zu groß. Dieses Ding hatte die Gerbersfrau in den Tod gerissen.
Es war kein Kind, sondern ein Ungetüm. Sie musste es entsorgen, bestimmt würden die Kirchenmänner sie der Hexerei beschuldigen, wenn sie es sahen. Man würde ihr allein die Schuld geben. Das würde ihren sicheren Tod bedeuten. Der Gerber wollte mit diesem Problem nichts zu tun haben. Obwohl es sein Kind war, stritt er die Vaterschaft energisch ab. Der Mann war ihr keine Hilfe, sie hoffte nur, dass er sie nicht der Hexerei bezichtigen würde.
In der schmalen Gasse schwirrten die Menschen durcheinander. Heute war Markttag auf dem Domplatz, überall boten Händler und alte Weiber durch lautes Rufen ihre Waren an, doch die Wehfrau hörte von alledem nichts. Schwankend wich sie schweren Fuhrwerken aus. Es kostete sie alle Mühe, auf den Beinen zu bleiben. Die Geburt hatte fast zwei Tage gedauert und ihr alle Kraft geraubt. Umsonst. Die Gerberin war tot und sie hatte dieses greinende Ungetüm am Hals.
Am liebsten hätte sie das Kind weggeworfen, doch hier waren zu viele Menschen. Spielende Nachbarskinder kamen näher. Verzweifelt wischte sie sich den Schweiß mit dem Ärmel von der Stirn. Der Regen wurde stärker, sie hielt einen Moment inne und blickte in den Himmel.
„Ist das Kind der Gerberin da?“ Die Bälger versuchten, einen Blick auf das große Bündel im Arm der Hebamme zu erhaschen. Mit dem freien Arm stieß sie die Kinder grob beiseite, so dass diese schreiend nach allen Seiten flüchteten.
„Nein, sie sind beide tot“, schrie sie ihnen wütend hinterher. Jetzt bloß keine Mitwisser. Diese Missgeburt war gefährlich für sie, für ihr ganzes weiteres Leben.
Warum hatte der Herr so ein Wesen auf die Erde geschickt? War es die Ausgeburt des Teufels? Ja, es musste ein Teufelskind sein. Und Zigeuner waren doch mit dem Teufel im Bunde. Dort würde man sich dieses Wesens annehmen.
Die Hebamme hastete mit dem Bündel auf dem Arm durch das große Stadttor, vorbei an den Bütteln. Am heutigen Markttag waren diese aufmerksam.
„Bleib stehen, Vettel! Was trägst du da auf deinem Arm?“ Ein grauhaariger Wachmann versperrte ihr den Weg und blickte sie missmutig von oben bis unten an. Er hatte gegessen und wischte seine fettigen Finger an seinem Wams ab.
„Eine Totgeburt, nicht getauft. Es kann nicht in geweihter Erde begraben werden. Lasst mich lieber vorbei, bevor euch der Fluch auch noch trifft.“
Der verfluchte Säugling in ihrem Arm war einen kurzen Moment eingeschlafen und gab keinen Ton von sich. Anscheinend hatte Gott doch ein wenig Erbarmen mit ihr und verriet sie nicht.
Entsetzt trat der Mann beiseite.
„Dann beeilt euch, Alte. Die Stadttore werden pünktlich geschlossen.“ Ohne die Wehfrau noch eines Blickes zu würdigen, drehte der Mann sich um und widmete sich wieder seinem Essen.
Die Frau ließ sich das nicht zweimal sagen und hetzte durch das große Tor. Außerhalb der Stadtmauern fühlte sie sich gleich ein bisschen besser. Jetzt waren es nur wenige Schritte zu den Zigeunern. Mit zusammengekniffenen Augen suchte sie nach den bunten Wagen. Die Müdigkeit machte ihr zu schaffen; die Angst, als Hexe auf einem Scheiterhaufen zu landen, hielt sie wach und gab ihr Kraft.
Ihr Blick fiel auf das Neugeborene. Scheinbar fragend sah das Kind sie an.
„Teufelskind, Teufelskind“, keuchte die entsetzte Frau. Am liebsten hätte sie dieses Bündel weit von sich geworfen und wilden Tieren überlassen. Der Blick des Kindes bereitete ihr große Angst. Er war so durchdringend - für einen Moment stockte ihr der Atem. Dann nahm sie ihre ganze Kraft zusammen.
Eine alte Zigeunerin in bunten Kleidern saß im hohen Gras vor ihrem Wagen und verarbeitete Tierfelle. Sie schaute der Hebamme scheinbar wissend entgegen. Wurde sie etwa erwartet? Dieses Teufelsvolk war mit schwarzer Magie im Bunde, dessen war sie sich sicher. Einige Meter vor der alten Frau stoppte sie und legte das hilflose Bündel auf den Boden.
„Es ist ein Teufelskind, macht mit ihm was ihr wollt“, kreischte die Wehfrau im Wegrennen. Die Angst ließ sie ihre letzten Kräfte zusammenraffen. Je weiter sie sich von den Zigeunern entfernte, umso sicherer konnte sie sein, dass sie einem schlimmen Schicksal entgangen war.
Schwerfällig raffte Esmeralda, die Älteste der Sippe, ihre langen Röcke und schaute genauer hin.
„Hölle und Verdammnis. Ein Neugeborenes. Oh, meine Güte. Ein Riese …“ Mit zittrigen Fingern tastete die Alte die schrumpelige, feuchte Haut des Säuglings ab. Sie kniff ihre Augen zu Schlitzen zusammen, um das Kind sehen zu können. Sie war fast blind, doch an manchen Tagen sah sie besser als an anderen Tagen. Heute war einer ihrer guten Tage.
„Was ist los, Mutter?“ Eine raue Männerstimme erklang aus dem Wagen; der Säugling in ihren Armen zuckte zusammen. Dann tauchte ihr Sohn Ricardo vor ihr auf.
„Ein Kind. Hier wurde gerade ein Kind einfach abgelegt. Von einer alten Vettel. Sie ist fortgelaufen.“ Kopfschüttelnd und klagend zeigte sie auf den verschmierten Säugling vor ihren Füßen. Esmeralda bückte sich erneut, um das Kind genauer zu betrachten.
„Lass das Gör hier liegen, das gibt nur Ärger mit den Bütteln. Die wollen uns sowieso nicht hier haben.“ Hektisch riss Ricardo seine Mutter am Arm, den Säugling beachtete der junge Mann nicht. Ricardo war außergewöhnlich hübsch, groß und sein Haar glänzte lackschwarz in der Sonne. Mit funkelnden Augen starrte er seine Mutter auffordernd an,
seine Finger gruben sich schmerzhaft in ihren Arm.
Doch Esmeralda ließ sich nicht beirren und nahm das mittlerweile schreiende Kind an sich. Mit einem wütenden Zischen ließ Ricardo ihren Arm los.
Jetzt kam Leben in das Lager. Jeder hatte mitbekommen, dass irgendetwas nicht stimmte.
Ein kleiner Tumult brach los. Ratlos standen die Zigeuner um Esmeralda herum und versuchten, einen Blick auf das Neugeborene zu erhaschen.
„Wir brechen sofort auf. Überlass das Kind seinem Schicksal.“ Ricardo gestikulierte wild mit den Armen herum. Die anderen Lagerbewohner standen auf seiner Seite, was er genüsslich auskostete. Wenn seine Mutter einmal nicht mehr leben würde, wollte er die Führung der Kolonne übernehmen. Ihr Tod sollte jedoch ruhig noch warten. Er liebte seine Mutter, auch wenn er es ihr so gut wie nie zeigte. Schließlich war er ein Mann. Esmeralda blickte dem Kind tief in die Augen.
„Nein! Wir bleiben oder nehmen dieses Geschöpf mit.“ Als Älteste hatte sie immer das letzte Wort. Eine wilde Diskussion brach aus. „Mutter! Was sagst du da? Sieh dieses Monster an. Es ist kein Kind, es ist ein Monster.
Dieser dicke Kopf, dieser große Körper. Das soll ein Neugeborenes sein?“
Vorsichtig zog die alte Zigeunerin das blutige Laken auseinander. Nun lag das Kind nackt da, schreiend. Es fror. Die Nabelschnur war schlecht abgebunden.
„Gerade erst auf dieser Welt und schon solche Probleme.“ Mit diesen Worten machte die alte Zigeunerin eine Brust frei und legte das Kind zärtlich an. Sofort fing das Mädchen kräftig an zu saugen. Milch floss.
„Oh Mutter! Was tust du nur? Du bist viel zu alt für so was.“
„Hör auf, Sohn. Es ist ein Wunder, dass ich Milch habe. Das ist ein Zeichen. Ich werde dieses Kind großziehen.“
Einige Zigeuner protestierten laut, andere kehrten kopfschüttelnd zu ihren Wagen zurück. Sie kannten die Alte zu gut und wussten, dass jede Diskussion mit ihr sinnlos war.
Esmeralda zog sich auf den Platz vor ihrem Wagen zurück und setzte sich. Sie beobachtete das Mädchen genau.
„Du hast dunkle Haare, doch die werden sicherlich noch einmal blond.“ Die Stimme der Frau beruhigte das Kind.
„Clara, du sollst Clara heißen. Wie meine Mutter. Ich hatte nie eine Tochter. Alles nur Söhne, von denen nur noch einer lebt. Du bist für mich wie eine Tochter.“ Sanft strich sie dem mittlerweile eingeschlafenen Kind über den Kopf.
Clara
„Heute ist dein vierzehnter Geburtstag.“ Mit zittrigen Händen reichte Esmeralda ihrer Ziehtochter ein Stoffbündel.
„Ein neues Kleid“, jubelte das Mädchen und tanzte durch den Wagen, so dass dieser heftig ins Schwanken geriet.
„Hör sofort auf damit. Wir kippen gleich noch um“, schimpfte Esmeralda. Die alte Zigeunerin war in den letzten Jahren erblindet, doch mit ihren Händen konnte sie gut sehen.
Clara war groß gewachsen und hübsch. Aus dem hässlichen Baby war eine wunderschöne junge Frau geworden. Oft dachte Esmeralda an den Tag zurück, an dem ihre Tochter in ihr Leben getreten war.
Die anderen Lagerbewohner trauten ihr immer nicht über den Weg. „Sie gehört hier nicht hin. Sieh dir ihr Haar an. Du musst sie verstecken, die Leute glauben, dass wir Kinderdiebe sind. Wegen ihr haben wir nur Scherereien. Sie muss weg!“, sagten sie oft. Esmeralda musste das Mädchen häufig verteidigen.
Clara war eine gute Tochter, sie half der alten Zigeunerin fleißig. Das war der einzige Grund, warum sie von den anderen nicht aus dem Lager gejagt worden war.
Sie setzte sich auf einen kleinen Schemel und betrachtete nachdenklich ihr Geschenk näher. Das Kleid war wunderschön, aus dunkelblauem grobem Leinen. Gedankenverloren strich Clara mit ihrer Hand über den Stoff, fast als wolle sie ihn streicheln.
„Warum bin ich so anders als ihr? Meine Haare sind hell, meine Augen blau und ich könnte jedem hier auf den Kopf spucken, ohne mich zu mühen.“
„Das würde ich an deiner Stelle nicht tun. Du gehörst zu uns, auch wenn du ein wenig anders aussiehst. Wir fahren morgen nach Regensburg, dort bist du zu uns gekommen. Es war für mich der wundervollste Tag, meine Tochter.“ Mit diesen Worten konnte Clara nicht viel anfangen. Die anderen wichen im Lager vor ihr zurück, mieden sie sogar. Die Jungs ärgerten sie häufig und spielten üble Streiche. Doch die blinde Esmeralda überschüttete sie mit Liebe und das tat ihr gut.
„Ach, Mama …“
Esmeralda spürte, dass es Zeit war, das Thema zu wechseln. Sie schaffte es nicht, Clara die ganze Wahrheit zu sagen. Kummervoll strich sie eine Haarsträhne unter ihr Kopftuch, dann tastete sie sich zu ihrer Ziehtochter und nahm sie fest in den Arm.
„Wir müssen noch in den Wald und Vorräte sammeln. Du weißt doch, dass ich es alleine nicht schaffe.“
Clara ging gerne mit Esmeralda in den Wald. Sie sammelten Pilze, Beeren und Wurzeln.
Nicht selten fingen sie Hasen und Ratten mit ihrer selbstgebauten Falle. Mit einem kräftigen Ruck brach Clara ihnen dann das Genick, brach sie auf und zog ihnen das Fell über die Ohren. Mit Rattenfell konnten sie nichts anfangen, es war zu klein. Es fühlte sich zwar angenehm weich an, doch daraus Kleidung zu nähen, wäre zu anstrengend gewesen. Die Hasenfelle waren da schon besser. Aus diesem Fell fertigte ihre Mutter trotz ihrer Blindheit wunderschöne Westen und Jacken an. Für den Winter gab es dann auch Mützen. Es fehlte ihnen wirklich an nichts.
Das Mädchen griff nach einem Beutel und fasste Esmeralda behutsam am Arm.
„Komm, Mutter.“
Die beiden liefen über den Platz, während die anderen Zigeuner sie beobachteten. Auch Ricardo schaute einen kurzen Augenblick missmutig auf. Dieses Mädchen hatte ihm die Mutterliebe gestohlen. Eifersucht stieg in ihm auf. Verächtlich spuckte er in den Staub, als die beiden Frauen langsam vorbeiliefen. Esmeralda blieb unvermittelt stehen und horchte einen Moment auf.
„Reiß dich zusammen, Ricardo“, grollte Roma hinter ihm. Seine Frau war froh, dass es dieses Mädchen gab, denn sonst hätte sie Esmeralda helfen müssen und die Alte war nicht gerade einfach.
„Ich weiß auch nicht. Dieses Riesenkind ist mir unheimlich. Schau sie dir doch einmal an.
Wir müssen ja alle an ihr hochschauen. Dabei ist sie gerade mal 14 Jahre alt. Das ist doch nicht normal. Wenn sie so weiter wächst, bekommen wir eines Tages Ärger mit den Bütteln. Sie wird ihnen genauso unheimlich sein wie uns, dann brauchen wir uns nirgendwo mehr blicken zu lassen.“ Der Zigeuner schlug ärgerlich mit einer Axt einen dicken Holzklotz in zwei Teile. Roma schaute ihren Mann fragend an.
„Was willst du tun?“
„Ich weiß es nicht.“
„Du kannst ihr nichts tun. Deine Mutter würde dir die Augen auskratzen. Auch wenn sie blind ist, so bekommt sie doch noch alles mit.“
Clara und Esmeralda hatten unterdessen Glück. Zwei Hasen waren ihnen in die Falle gegangen und sie hatten viele Pilze gefunden.
„Heute Abend gibt es ein Festmahl, dein Geburtstagsessen.“
Mit einem Strick band das Mädchen die Hasen an den Beinen zusammen und warf sie sich über den Rücken, um den Beutel mit den Pilzen besser tragen zu können. Mit der freien Hand stützte sie ihre Mutter. Mühsam kämpften die beiden sich mit ihren langen Röcken durchs Unterholz, Äste knackten und Clara musste gut aufpassen, damit sie ihre Kleidung nicht zerrissen.
Zurück im Lager zeigte sie voller Stolz ihre Beute.
„Schau mal, Ricardo, du bist heute Abend zu meinem Geburtstagsessen eingeladen.“
Der Mann reagierte nicht. Roma stieß ihn wütend an.
„Lass mich“, fauchte er und drehte demonstrativ Clara und seiner Mutter den Rücken zu. Er verschränkte die Arme vor seiner Brust. In diesem Moment spürte Roma, dass es besser war, zu schweigen. Wütend raffte sie ihre bunten Röcke und drehte sich zum Gehen um. Esmeralda entging die Feindseligkeit ihres Sohnes ebenfalls nicht. Sie musste mit ihm reden, doch ohne Clara und Roma.
Clara schlief längst, als ihre Mutter spätabends leise tastend den Wagen verließ. Esmeralda hörte die Stimme ihres Sohnes und ging mit unsicheren Schritten in die Richtung. Ihre Hände weit von sich gestreckt. Den dicken Stein am Boden spürte sie zu spät. Sie stolperte, ein ängstlicher Aufschrei entfuhr ihr, bevor sie mit dem Kopf auf das am Mittag frisch gehackte Holz ihres Sohnes schlug. Ein hässliches Knacken war deutlich zu hören, ihr Genick war gebrochen. Esmeralda war tot.
Fassungslos brüllte Ricardo auf. Ein Tumult brach los.
Clara schrak von ihrer Bettstatt hoch. Mit zittrigen Händen griff sie in der Dunkelheit nach ihrer Mutter. Der Platz war leer. Ängstlich wickelte sie sich in ihren Umhang und lief aus dem Wagen. Was sie dort sah, ließ ihr den Atem stocken.
„Mutter, Mutter.“
Ricardo blickte voller Trauer und Wut auf.
„Warum hast du nicht besser auf sie aufgepasst?“
„Ich dachte, sie schläft“, weinte Clara hilflos.
„Pah, du hast sie auf dem Gewissen“, schrie der Zigeuner hasserfüllt auf.
„Aber nein, ich habe doch gar nichts gemacht.“ Das Mädchen stürzte sich schluchzend auf ihre Mutter und schüttelte sie. Der Kopf der Alten schlackerte, wie an einem Faden hängend, hin und her. Clara hatte genug Hasen getötet, um zu wissen, was das bedeutete. Ein unmenschlicher Schrei entfuhr ihrer Kehle. Selbst die Zigeuner erschauderten.
„Sie war gar nicht deine Mutter.“ Ricardo schrie die ganze Wut der letzten Jahre heraus. „Du bist ein Balg des Teufels! Sterben hättest sollen. Sie haben dich hier einfach abgelegt. Wir hätten dich deinem Schicksal überlassen sollen!“
Wortlos starrte Clara auf Ricardo herab. Ohne einen Ton von sich zu geben, sackte der Mann weinend zusammen. Mechanisch drehte sie sich um und ging in den Wagen.
Hinter ihr erklang das Gemurmel der anderen. Die ganzen Jahre hatte sie gespürt, dass irgendetwas nicht stimmte. Nun wusste sie endlich, was. Musste Esmeralda erst sterben, damit sie die Wahrheit erfuhr? Weinend legte sie sich wieder auf ihr Lager und zog sich die Decke über den Kopf. Sie schrie und weinte, bis sie in den frühen Morgenstunden erschöpft einschlief.
Die Herbstsonne schien mit goldenem Licht über den Wald, als Clara erwachte.
Sie hatte starke Kopfschmerzen und musste wieder weinen. Schwach torkelte sie aus dem kleinen Wagen und blieb wie angewurzelt stehen. Wo waren die anderen?
Fassungslos schaute sie sich um. Das Pony vor ihrem Wagen war verschwunden, der Platz wie leergefegt. Erschrocken lief sie umher. Ricardos Holzstapel, der ihrer Mutter das Leben gekostet hatte, lag immer noch an seinem Platz. Von Esmeralda keine Spur.
Claras Herz raste. Noch nie im Leben war sie ganz allein auf sich gestellt gewesen. Was sollte sie nur tun? Ohne Pony kam sie mit dem Wagen hier nicht mehr weg. Sie würde sich zu Fuß aufmachen müssen. Angestrengt versuchte das Mädchen, seine Gedanken zu ordnen.
Dann stand ihr Entschluss fest. Sie würde sich auf nach Regensburg machen.
Weggefährten
Sie wartete bis zum nächsten Morgen. Ihre Habseligkeiten hatte sie bereits am Vorabend in ein Bündel verpackt. Schweren Herzens trennte sie sich von dem kleinen bunten Wagen, der ihr ganzes bisheriges Leben lang ihr Zuhause gewesen war. Mit schweren Schritten lief sie ein kleines Stück, ohne sich noch einmal umzudrehen. Sie kam nur langsam voran, doch sie war zufrieden. Gegen Mittag hatte sie ein wenig Glück. Eine kleine Gruppe Kaufleute rastete am Wegesrand. Als die Männer Clara bemerkten, brach ein erstauntes Gemurmel aus. Die Frauen bekreuzigten sich und zogen sich in ihre Wagen zurück.
„Seid gegrüßt“, rief Clara den Leuten zu und hielt unmittelbar neben der kleinen Kolonne an.
„Meine Güte, wer seid Ihr?“ Ein rundlicher Mann trat vor und musterte das Mädchen neugierig.
„Mein Name ist Clara und ich möchte nach Regensburg.“
„Aha, dann guten Weg, Frau Clara“, blockte der Mann ab.
„Wohin geht Euer Weg?“
Der Mann schaute unsicher seine Mitreisenden an. Sie mussten auch nach Regensburg. Doch auf gar keinen Fall wollten sie die Unbekannte mit auf die Reise nehmen. Das Mädchen sah aus wie eine Gauklerin. Was hatte so ein junges Ding hier alleine zu suchen? War es vielleicht eine Falle? Misstrauisch sah er sich um. Irgendetwas stimmte nicht.
„Dort wollen wir auch hin, aber du kannst uns nicht begleiten.“
Clara begriff sofort, doch sie beschloss, der Gruppe einfach mit einigem Abstand zu folgen. Auf diese Weise würde sie wenigstens nach Regensburg kommen, ohne sich zu verlaufen. Trotzig machte sie es sich im hohen Gras bequem.
Die kleine Gruppe der Kaufleute wurde unruhig. Was wollte dieses Mädchen? Hatte sie nicht begriffen, dass man nichts mit ihr zu tun haben wollte? Mürrisch brachen sie das Lager ab. Hier würden sie auf gar keinen Fall mehr rasten. Clara wartete, bis die Kaufleute losgezogen waren. Dann folgte sie ihnen in einiger Entfernung. Das konnten sie ihr nicht verbieten.
Die Strecke wurde immer unwegsamer. Tiefe Löcher waren mitten auf dem Weg und Clara hatte mit ihren langen Röcken alle Mühe, den Abstand zur Gruppe nicht größer werden zu lassen. Angestrengt keuchte sie, Schweiß rann ihr von der Stirn. Dann hörte sie plötzlich ein Krachen und einen entsetzten Aufschrei. Clara stockte und sah, dass das Rad des vordersten Wagens gebrochen war. Das Gefährt kippte und begrub einen Mann unter sich. Sofort kam der Zug zum Stehen. Die Kaufleute versuchten, den Wagen anzuheben, um den Eingeklemmten zu befreien. Doch es fehlte ihnen die Kraft. Schmerzensschreie und lautes Stöhnen, dann wurde es plötzlich still. Die Frau des Verletzten schrie hysterisch.
„Helft ihm doch. Er stirbt, so tut doch etwas.“
Schnell hetzte Clara zu der Unglücksstelle.
„Lasst es uns noch einmal versuchen.“ Beherzt griff sie zu und versuchte gemeinsam mit den anderen Männern, den Wagen ein Stück zu heben. Diesmal klappte es. Die Frauen taten sofort das Richtige und zogen den eingequetschten Mann unter dem Wagen hervor. Dieser war längst ohnmächtig geworden. Mit einem Blick erkannte Clara, dass sein Bein gebrochen war.
„Wir müssen das Bein richten und schienen, solange er noch ohnmächtig ist. Ich brauche ein Brett oder gerade Äste, auch Seile. Beeilt euch.“ Sie hatte viel von Esmeralda und den Zigeunern gelernt und das kam ihr jetzt zugute.
Mit geübten Händen richtete sie das Bein. Ab und zu kam ein Stöhnen über die Lippen des Ohnmächtigen.
„Haltet ihn gut fest. Er wird sich wehren, falls er aufwacht.“
Zwei kräftige Männer taten, was Clara befahl. Neugierig schaute ihr der Rest der Gruppe zu.
„Bist du eine Baderin?“
„Nein, aber ich kenne mich ein wenig aus.“
Nach getaner Arbeit reichte eine der Frauen Clara ein Stück Brot und einen Becher dünnen Wein. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie eine Ewigkeit nichts mehr gegessen hatte.
Gierig schlang sie das karge Mahl hinunter. Leicht angewidert schauten ihr die Frauen zu.
„Danke, dass du uns geholfen hast, Frau Clara.“ Ein Mann streckte ihr die Hand entgegen.
Clara sah ihn bittend an. Sie hatte nur einen Wunsch und den kannte jeder aus der Gruppe.
„Lasst sie mit uns reisen“, forderte eine kleine rundliche Frau.
„Aber sie kann doch nicht den ganzen Weg laufen!“, keifte eine andere Frau dazwischen.
„Ich habe einen Wagen, er steht am Weg da herunter.“ Claras Herz schlug schneller. Die Kaufleute mussten sie mitnehmen, das wäre ihre Rettung.
„Bitte lasst mich mit euch reisen. Ich wäre euch sicherlich eine Hilfe.“
Die Kaufleute waren sich schnell einig.
„Wir werden auf jeden Fall heute Nacht hier bleiben. Wir holen deinen Wagen und werden das Lager aufschlagen.“
Clara bedankte sich. Endlich hatte sie wieder ein wenig Glück. „Ich werde in den Wald gehen und versuchen, ein paar Hasen zu fangen“, bot sie bereitwillig an.
Schließlich wollte sie ihren Teil beitragen. Allerdings beschloss sie, sich nicht allzu weit vom Lager zu entfernen. Die Angst, dass sie erneut allein gelassen wurde, war zu groß.
Es dauerte Stunden, bis die Männer mit dem kleinen bunten Wagen zurückkamen.
„Hättest uns ruhig sagen können, dass der Weg doch so weit ist. Wegen dir haben wir einen halben Tag verloren. Mein Name ist übrigens Josef und ich bin der Anführer dieser Gruppe.“ Der Mann streckte ihr eine schmutzige Hand entgegen. Clara nickte knapp. So viel Freundlichkeit kannte sie von den Zigeunern nicht.
Sie holte zwei Fallen aus ihrem kleinen Wagen und machte sich, nicht ohne vorher noch einmal nach dem Verletzten gesehen zu haben, auf den Weg.
Zur Überraschung der Frauen kehrte Clara gegen Abend mit einigen Hasen zurück, die dankbar in Empfang genommen wurden. Zusätzlich hatte das Mädchen Moos und einige Kräuter und Blüten gesammelt.
„Wofür das Grünzeug?“ Johanna, die Frau des Verletzten, schaute zweifelnd auf die Mitbringsel.
„Ich werde einen Sud kochen, der deinem Mann die Schmerzen nimmt. Das Moos brauche ich zum Kühlen des Bruches und falls er Fieber bekommt.“
„Woher hast du dieses Wissen?“
„Meine Familie, nein … Die Menschen, bei denen ich aufwuchs, haben mir viel über Heilkunde beigebracht. Zigeuner können sich keinen Bader leisten, darum wird das Heilwissen von den Alten an die Jungen weitergegeben.“ „Und warum sprichst du von Menschen, bei denen du aufgewachsen bist?“
„Ich weiß es selbst nicht so genau, nur dass ich nicht die Tochter der Frau war, die mich wie eine Mutter großzog. Jetzt ist sie tot und die anderen ließen mich einfach zurück.“
Johanna beschlich Mitleid. Dieses arme Mädchen war auf sich allein gestellt. Hübsch sah sie aus. Das blonde Haar trug es offen, was sich natürlich nicht gehörte. Die
Kleidung konnte mal wieder eine Wäsche vertragen, aber dass wollte sie jetzt nicht ansprechen, schließlich hatte sie andere Sorgen.
„Wird mein Mann den Unfall überleben?“
Clara stand auf und schaute der Frau tief in die Augen.
„Ich weiß es nicht. Wenn kein Fieber dazukommt, denke ich schon. Wir müssen hoffen.“
„Hoffen und beten“, verbesserte Johanna sie.
„Beten?“
„Ja, beten. Der Herr wird entscheiden, was mit meinem Mann wird.“ Johanna blickte in den wolkenverhangenen Himmel. Clara spürte, wie sich Tränen in ihren Augen sammelten. Sie schluckte hart.
„Dann werde ich dir etwas über unseren Herrgott erzählen. Wir werden ja noch einige Zeit miteinander verbringen.“
Clara war froh, dass die Frau von einiger Zeit sprach. Vielleicht durfte sie vorerst bei den Kaufmannsleuten bleiben.
Der Verletzte stöhnte und öffnete leicht die Augen.
„Georg?“ Johanna strich ihrem Mann fürsorglich das schweißnasse Haar aus der Stirn.
„Er kommt zu sich. Das ist ein gutes Zeichen“, stellte Clara erleichtert fest. Sie befühlte die Stirn.
„Leichtes Fieber, aber das wird wohl völlig normal sein.“
„Was ist passiert?“ Georg versuchte, sich zu bewegen. Langsam kam die Erinnerung zurück. Erschrocken schaute er auf sein gebrochenes Bein.
„Das Zigeunermädchen hat dich gerettet. Du hast ihr eine Menge zu verdanken.“ Johanna zeigte auf Clara, der eine leichte Röte ins Gesicht schoss. Danken? Sie schämte sich etwas.
„Ich danke dir, Kind“, stöhnte Georg.
„Das müsst ihr nicht. Ich bin froh, bei euch sein zu dürfen“, wehrte Clara ab. Sie war sich nun sicher, dass sie Regensburg erreichen würde. Die Kaufmannsleute hatten sie in ihrer Reisegruppe aufgenommen.
Abschied
Am nächsten Morgen hatte sich Georgs Zustand verschlechtert. Der Verletzte war nicht in der Lage, die Reise weiter fortzusetzen.
„Es wird sicherlich einige Tage dauern.“ Clara untersuchte das Bein. Die Schwellung ließ langsam nach. Die anderen Reisenden murrten.
„Wir können nicht länger warten. Jeder Tag kostet uns Geld. Wir müssen weiter.“ Einer der Männer regte sich auf, die anderen stimmten ein.
„Aber Georg kann noch nicht reisen. Habt doch ein bisschen Geduld“, bettelte Johanna.
„Wir werden wahrscheinlich noch drei bis vier Tage abwarten müssen“, warf Clara ein. Das Mädchen hoffte inständig auf die Anteilnahme der Mitreisenden.
„Nein, es reicht. Wir können nicht weiter warten. Habt Verständnis, aber wir reisen weiter.“
„Wir müssen versuchen, weiterzukommen“, keuchte Georg.
Innerhalb kurzer Zeit war die Gruppe reisefertig. Johanna führte das Pferd über den matschigen Weg, Georg lag im Wagen. Bei jedem Schlagloch ertönte ein ohrenbetäubender Schmerzensschrei. Clara war die Letzte der Wagengruppe. Mühselig trieb sie den alten Ochsen an. Johanna keuchte und glitt einige Male mit ihren durchnässten Kleidern auf dem glitschigen Boden aus. Die Frau riss sich zusammen, doch hatte sie kaum noch Kraft. Sie durchquerten einen Wald.
„Ich kann nicht mehr“, keuchte sie erschöpft.
„Dann bleibt hier und folgt uns später“, schlug Josef, der Anführer der Gruppe, kalt vor.
„Aber du kannst uns doch nicht zurücklassen.“ Johanna erschrak. Die Gefahren des Waldes waren groß, wilde Tiere und Diebe keine Seltenheit.
„Der Herrgott wirdʼs verstehen. Wir wollen unsere Waren in Regensburg verkaufen. Da können wir nicht noch länger warten. Auf jeden Fall setzen wir die Reise fort. Bleibt ihr mit dem Zigeunerkind hier. Wir müssen etwas verdienen und hungrige Mäuler stopfen.“
„Nein, bitte helft uns“, flehte Johanna ein weiteres Mal. Doch sie wusste, dass dieses Flehen nichts half.
Josef schaute sie kalt, aber auch mitleidig an. Er fühlte sich sichtbar unwohl. Dann gab er den anderen Kaufleuten einen Wink zum Weiterfahren.
„Ihr werdet es auch ohne uns schaffen“, waren seine letzten Worte.
Johanna brach in Tränen aus und klagte lauthals. Clara war sprachlos. So eine Kaltherzigkeit hatte sie bei den Zigeunern nie erlebt. Diese hielten zu ihresgleichen, egal was passierte.
„Beruhige dich, wir werden es auch ohne sie schaffen.“ Tröstend legte sie den Arm um die Schultern der erschöpften Frau.
„Ich werde mich jetzt erst einmal nach einem geeigneten Rastplatz umschauen. Allein sind wir eine leichte Beute von Dieben und Schändern.“
Johanna nickte enttäuscht und schaute das Mädchen ängstlich an. Erst jetzt wurde ihr bewusst, in welcher Gefahr sie sich befanden. Zwei wehrlose Frauen und einen Verletzten konnte man leicht überfallen. Zudem hatten sie einige Ballen Wollstoffe geladen, welche einen Überfall nur noch reizvoller machten.
Clara blickte der Reisegruppe leise fluchend nach.
„Der Teufel soll euch holen“, zischte sie wütend.
„Clara!“ Johanna erschrak bei den Worten.
Wortlos machte Clara sich auf den Weg. Der Wald war dicht mit Tannen bewachsen.
Abseits des Weges drang kaum Licht in ihn hinein. Hier konnte man sich gut verstecken.
Nur die Wagen müsste sie noch unterbringen. Clara eilte zurück.
„Ich brauche eine Axt.“
Johanna kramte im Wagen und hielt ihr eine entgegen. Mühselig schlug Clara eine kleine Schneise in den Tannenwald und trieb die Tiere mit den Wagen hinein. Dann stellte sie einige Bäume notdürftig am Wegesrand wieder auf, deckte die Wagen mit Tannenzweigen ab. Sie kämpfte sich durch das Gestrüpp und begutachtete ihr Werk vom Weg aus. Wer nicht genau wusste, dass sie dort ein Versteck gebaut hatte, der würde sie auch niemals entdecken. Nur die Tiere würde sie tiefer in den Wald bringen müssen. Durch sie konnte das Versteck doch noch aufliegen.
Sie spannte das Pferd ab und führte es mühsam durch das Unterholz, danach holte sie den Ochsen. Johanna kümmerte sich unterdessen um Georg.
„Es tut mir so leid“, keuchte dieser, als Clara zu ihm in den Wagen hineinsah.
„Gar nichts muss Euch leidtun. Wir haben nun ein sicheres Versteck, die Tiere sind gut untergebracht. Wir brauchen jetzt nur noch Futter. Vor einiger Zeit sind wir an einer Waldwiese vorbeigekommen. Dort müssen wir Gras holen.“
Schweren Herzens ließ Johanna ihren Mann im Wagen zurück und machte sich mit Clara auf den Weg. Die beiden Frauen kämpften sich über den aufgeweichten Boden. Es regnete immer noch.
„Wir werden heute Nacht kein Feuer machen können. Solche Wälder werden gerne von Dieben und Vogelfreien aufgesucht.“ Clara hatte wirklich viel bei den Zigeunern gelernt. Trotz der Ungewissheit fühlte Johanna sich in ihrer Gegenwart sicher.
Die Lichtung war nicht so weit entfernt, wie sie dachten. Sofort machten die beiden Frauen sich an die Arbeit. Clara stapfte am Rand der Wiese entlang. Johann wollte mitten durch.
„Nicht! Du machst so Spuren. Dann kann jeder sehen, dass wir hier waren.“ Clara ging weiter. Johanna verstand das Mädchen nicht, tat es ihr jedoch nach. Keuchend rissen sie an dem nassen Gras, bis Clara plötzlich den Kopf hob und lauschte.
„Reiter. Versteck dich.“
Ängstlich hockten die beiden Frauen sich hin. Vorsichtig spähte das Mädchen auf den Weg. Eine Gruppe von fünf schwer bewaffneten Männern preschte an ihnen vorbei. Der Schlamm spritzte zu allen Seiten. Abrupt stoppten sie ihren wilden Ritt und starrten auf den Waldboden.
„Hier sind Wagen entlanggefahren“, johlte ein Reiter.
„Die Spuren sind frisch, die kriegen wir noch.“ Ein schmutziger Kerl mit einem Auge schien der Anführer der Gruppe zu sein.
„Hoffentlich sind ein paar Weibsleute dabei“, lachte ein anderer und machte dabei eine anzügliche Bewegung.
Johanna war schreckensbleich. Gerade noch konnte Clara ihr den Mund zuhalten. Entsetzt keuchte die Frau auf.
„Georg.“
„Sie werden ihn nicht finden“, beruhigte Clara sie. Sie hoffte inständig, dass sie recht behalten würde.
„Weiter“, schrie der Anführer. Er schien angetrunken zu sein. Mit halsbrecherischem Galopp stoben die Männer davon.
„Wir müssen sofort zurück“, jammerte Johanna.
„Warte, lass uns das Gras mitnehmen. Die Tiere müssen zu Kräften kommen.“ Beide Frauen sammelten so viel auf, wie sie tragen konnten.
„Bitte Herrgott, lass sie nicht meinen Georg gefunden haben. Bitte, bitte …“
Clara konzentrierte sich auf die Umgebung. Sie befürchtete, dass die Männer auch ihre Spuren entdecken und zurückkehren würden.
Erst als Clara ihr gut getarntes Versteck entdeckte, erkannte sie, dass sie in Sicherheit waren.
„Pass auf! Mach keine Spuren“, warnte sie Johanna. Die Frau kämpfte sich mit ihrer schweren Last durchs Unterholz, warf das Gras hin und verschwand im Wagen. Clara schleppte, so viel sie tragen konnte, zu den Tieren, die sich sofort dankbar darüber hermachten.
Als sie in den Wagen zu Georg und Johanna kroch, schauten diese sie ängstlich an.
„Danke, Kind.“ Der Mann sah sie mit fiebrigen Augen an. Besorgt betrachtete sie ihn. Sein Zustand hatte sich durch die Reise erheblich verschlechtert. Unbemerkt gab sie Johanna ein Zeichen, ihr nach draußen zu folgen.
„Sein Zustand ist sehr bedenklich. Ich mache mir Sorgen“, flüsterte sie. Johanna brach in Tränen aus.
„Hoffentlich überlebt er. Wie sollen wir die Reise sonst fortsetzen?“
Zum ersten Mal seit Tagen kamen Clara Zweifel. Sie kroch wieder in den Wagen und fühlte an Georgs Stirn. Schweiß tropfte aus seinen Haaren. Mit zittrigen Fingern schaute sie nach seinem gebrochenen Bein und erschrak. Das Bein war dick geschwollen und zeigte schwarze Flecken. Dass diese Flecken nichts Gutes bedeuteten, wusste sie von Esmeralda. Der Tod hatte seine gierigen Klauen ausgestreckt. Es würde nicht mehr lange dauern. Doch damit wollte sich das Mädchen nicht abfinden. Eilig deckte sie das Bein mit einigen Decken wieder ab.
„Ich brauche frisches Moos zum Kühlen“, rief sie Johanna zu. Diese machte sich sofort auf die Suche.
Georg schaute Clara erschöpft an.
„Bitte kümmere dich um sie, wenn ich nicht mehr bin.“
„Du musst gesund werden.“
„Ach, du weißt genau, dass ich sterbe, Kind.“
„Nein, du darfst nicht sterben.“
„Doch, du weißt es genau. Bitte versprich mir, dass du dich um sie kümmerst“, flehte er erneut.
Sie nickte langsam. Ihr war klar, dass der Mann sterben musste. Alles, was sie tat, würde ihm nicht mehr helfen. Sein Kopf fiel zur Seite, er hatte das Bewusstsein verloren.
„Was ist mit ihm?“, heulte Johanna leise auf, als sie in den Wagen zurückkehrte.
„Er schläft“, log Clara.
Wieder machte sie sich am verletzten Bein zu schaffen, wechselte Verbände und legte das kalte Moos darauf.
Die Nacht brach herein, ohne dass Georg wieder zu Bewusstsein gekommen war. Johanna murmelte Gebete vor sich hin, während Clara ihm immer wieder den Schweiß von der Stirn wischte. Im Morgengrauen erlag der Mann seinen Verletzungen, Johanna schrie wie von Sinnen. Clara musste ihr einige Male ins Gesicht schlagen, bis sie endlich schluchzend in ihre Arme sank. Lange saßen die beiden Frauen neben dem Toten. Das Mädchen summte die Melodie eines Kinderliedes, welches Esmeralda ihr immer vorgesungen hatte. Seltsamerweise beruhigte es ungemein.
„Wir müssen ihm ein ordentliches Grab verschaffen“, raffte Johanna sich auf.
Gemeinsam liefen sie ein Stück in den Wald, bis dieser sich etwas lichtete. Sie fanden eine geeignete Stelle und gruben.
„Tief genug, sonst holen ihn die Tiere“, befahl Clara.
Still gingen sie der schweren Arbeit nach. Dann holten sie den in Decken gewickelten Leichnam und ließen ihn vorsichtig herab.
Erneut weinte Johanna. Jetzt war die Zeit gekommen, um Abschied zu nehmen. Sie betete wieder und Clara stand wortlos neben ihr. Dann schütteten sie Erde auf die Leiche und legten noch Steine zum Schutz gegen Tiere auf das Grab.
Die Nacht verbrachten die beiden Frauen gemeinsam in Johannas Wagen. Clara quälten starke Unterbauchschmerzen, doch sie sagte nichts. Wird schon wieder weggehen, dachte sie sich still. Aber als sie am nächsten Tag Blut in ihren Unterröcken sah, war es dann doch um sie geschehen. Erschrocken zeigte sie Johanna die Misere.
„Du bist jetzt eine erwachsene Frau“, erklärte diese ihr mit einem beruhigenden, leichten Lächeln.
„Das verstehe ich nicht.“
„Diese Blutung wird dir zukünftig einmal im Monat widerfahren. Es ist ganz natürlich. Hier
hast du Leinen, leg es dir vor den Unterleib.“
Clara nahm das Leinen und verschwand damit aus dem Wagen. Nun sollte sie plötzlich eine Frau sein? Nur weil sie blutete?
Johanna nahm sich vor, mit dem Mädchen darüber in den nächsten Tagen zu reden. Doch erst mussten sie sich besprechen, was nun ohne Georg passieren sollte. Würden sie den Weg auch alleine nach Regensburg schaffen? Könnte sie den Stoffhandel weiterführen?
Sie musste es versuchen. Hoffentlich blieb Clara noch eine Weile bei ihr. Gemeinsam waren sie auf jeden Fall stärker.
Als Clara nach kurzer Weile zurück in den Wagen kam, nahm Johanna sie in den Arm.
„Ist nicht schlimm, Kleines.“
„Was passiert jetzt? Wollen wir weiter nach Regensburg reisen?“ Dem Mädchen war die Situation sehr unangenehm, doch Johanna erinnerte sie mit ihrer mütterlichen Art ein wenig an Esmeralda.
„Wir müssen und ich würde mir wünschen, dass du bei mir bleibst.“
Clara machte sich sofort an die Arbeit und brach das Lager ab. Den alten Ochsen band sie hinten an Johannas Gespann, ihren kleinen Wagen schob sie tiefer in den Wald und deckte ihn mit Tannenzweigen ab. Ab sofort würde ein Wagen ausreichen müssen. Schweren Herzens ließ sie die Erinnerung aus Kindertagen im tiefen Wald zurück.
„Eines Tages komme ich wieder und dann hole ich dich“, flüsterte sie leise.
Johanna nahm auf dem Wagen Platz und Clara führte den Braunen, der sich mit seinen tellergroßen Hufen durch den Schlamm kämpfte. Der Regen hatte bereits am Vortage aufgehört, was die Reise etwas erleichterte.
Ingrid
Johanna war froh, dass Clara bei ihr war. Ohne sie wäre jetzt alles verloren. Clara würde bald im heiratsfähigen Alter sein, dachte Johanna bedrückt. Allerdings würde das aufgrund ihrer Herkunft nicht leicht werden. Wer wollte schon ein Mädchen ohne Mitgift heiraten? Johanna hing ihren schweren Gedanken nach, als der Wagen abrupt stoppte. Neugierig sah sie nach vorne. Was sie dort zu sehen bekam, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
Die Wagen ihrer ehemaligen Reisegruppe lagen am Wegesrand. Umgekippt, das Vieh verschwunden.
„Lass mich alleine vorlaufen, warte hier“, flüsterte Clara aufgebracht mit einer Handbewegung, die keine Widerworte zuließ. Vorsichtig stapfte das Mädchen los. Als Erstes sah sie eine leblose Hand unter einem der Wagen. Je näher sie kam, desto mehr Leichen sah sie. Die Frauen waren teilweise völlig entkleidet und geschändet. Die Gesichter der Toten ließen auf schreckliche Qualen schließen. Clara übergab sich.
„Was ist los?“ Johanna stand auf ihrem Wagen, um besser sehen zu können.
„Nein, bitte nicht! Bleib, wo du bist“, rief Clara schrill. In diesem Moment war es ihr egal, ob die Mörder vielleicht wieder zurückkommen würden. Sie dachte nicht einmal darüber nach. Die Wagen waren geplündert worden, doch anscheinend hatten die Mörder Angst vor Zeugen gehabt und die Kaufleute deshalb auch noch allesamt gefoltert und umgebracht.
Clara traten Tränen in die Augen. Sie untersuchte die Leichen und hoffte auf ein Lebenszeichen. Erst bei Ingrid, Josefs ältester Tochter, hörte sie ein leises Wimmern.
Auch sie trug nichts mehr am Leibe und man hatte ihr in Brust und Bauch geschnitten. Die Blutungen hatten längst aufgehört, dicke Blutkrusten bedeckten ihren Körper.
„Ingrid, hörst du mich?“ Die Verletzte weinte leise und fing an zu zittern.
„Beweg dich nicht, ich helfe dir.“ Hastig raffte Clara die Röcke und rannte ein Stück zu Johanna.
„Komm her, treib den Braunen an. Ingrid lebt! Sie ist schwer verletzt.“ Johanna tat sofort, was Clara befahl. Mühsam trieb sie das erschöpfte Pferd an. Als sie näher an die Unglücksstelle kam, stockte ihr der Atem. Alle waren tot. Sie versuchte, nicht genauer hinzusehen, doch auch sie musste sich übergeben.
„Bitte, Johanna. Hilf mir! Ich schaffe es nicht alleine.“
Eilig suchte die Frau einige Decken in ihrem Wagen zusammen und stürzte damit zu Clara. Als sie Ingrid sah, musste sie sich erneut übergeben. Auch vor dem Mädchen hatte man nicht Halt gemacht. Angestrengt halfen die beiden Frauen Ingrid in den Wagen.
„Du bist jetzt in Sicherheit, beruhige dich.“ Johanna legte Ingrids Kopf auf ihren Schoß und strich ihr über das verklebte Haar.
„Wir werden noch ein Stück des Weges gehen, dann machen wir Rast für die Nacht“, rief Clara, während sie an dem Pferd zog, das ihr mit einem matten Schnauben folgte.
Der Weg wurde langsam besser und die Frauen kamen etwas leichter voran. Ingrid war erschöpft eingeschlafen, schreckte jedoch einige Male hoch. Der Schock über das Erlebte steckte ihr tief in den Knochen. Johanna hatte die Wunden versorgt und war sich sicher, dass Ingrid zumindest die körperlichen Verletzungen überstehen würde.
Clara brachte das Pferd zum Stehen und schaute in den Wagen.
„Wie geht es ihr?“
„Sie schläft, doch ihre Seele kommt nicht zur Ruh“, antwortete Johanna sorgenvoll. Ingrid stöhnte qualvoll im Schlaf.
„Wir werden heute noch ein ganzes Stück schaffen müssen, der Weg ist besser geworden.“ Clara drehte sich um und gab dem Pferd einen Klaps. Der Gaul verstand sofort und setzte sich in Bewegung. Als sie den Wald hinter sich brachten, sahen sie einige ärmliche Hütten.
„Ein Dorf“, freute Johanna sich.
Begegnungen
„Hier sind wir in Sicherheit und werden die Nacht verbringen.“ Clara befreite das Pferd von seinem Geschirr und band den Ochsen los. Zweifelnd schaute sie das alte Tier an.
„Vielleicht sollten wir versuchen, den Ochsen zu verkaufen“, schlug sie Johanna vor. Diese überlegte nur kurz und nickte. Das Geld würden sie gut gebrauchen können.
„Dort ist eine Herberge.“ Johanna zeigte auf ein Haus. Sicherlich wäre es für Ingrid besser, wenn sie die Nacht in einem Bett und nicht wie vorgesehen im Wagen verbringen würde. Sie raffte die Röcke und stieg vom Wagen. Erstaunt sah Clara, wie Johanna energisch an die schwere Holztür klopfte.
„Ja, ja … Wer ist dort zu so später Stunde?“ Eine Frauenstimme erklang leicht verärgert.
„Wir sind ehrsame, brave Frauen und suchen ein Quartier für die Nacht.“
„Ehrsame, brave Frauen? Wo sind eure Ehemänner?“
„Das ist eine etwas längere Geschichte. Bitte öffnet die Tür und lasst uns hinein in Eure Stube.“ Ein schwerer Riegel wurde beiseitegeschoben und die Tür einen Spalt geöffnet.
Misstrauisch musterte ein altes Mütterlein Johanna von oben bis unten, dann öffnete sie vollständig die Tür. Johanna trat ein und schaute sich neugierig im Gasthaus um. Es schien hier sauber zu sein, nach den Wochen im Wagen freute sie sich darüber.
„Könnt Ihr uns eine warme Stube für die Nacht anbieten? Wir sind drei Frauen auf dem
Weg nach Regensburg.“
„Gar nicht ungefährlich. Wie seid ihr durch den Wald gekommen? Seit einiger Zeit treiben dort Mörder ihr Unwesen“, schnarrte die Alte mit schiefem Blick. In kurzen Sätzen berichtete Johanna über das Geschehene. „Gut, die Übernachtung macht drei Pfennig.“
Johanna kramte in ihrem Geldbeutel, der gut versteckt am Innenbund ihres Rockes befestigt war, und beförderte einige Münzen hervor. „Könnt ihr uns auch ein gutes Mahl anbieten?“
„So setzt euch“, wies die Frau auf eine Bank. Während sie ein Talglicht entfachte, machte Johanna sich auf, um Clara und Ingrid zu holen. Leicht gebückt und unter starken Schmerzen ließ Ingrid sich von den beiden Frauen stützen. Schweiß lief ihr von der Stirn, sie keuchte. Erschrocken blickte die Gastwirtin auf, als sie die junge Frau im Türrahmen erblickte.
„Bringt sie am besten schon in die Stube und wechselt die Kleidung. Hinter dem Haus ist eine Waschstelle, dort könnt ihr waschen. Hängt die Röcke dann dort neben die Feuerstelle. Bis morgen in der Früh müsste dann alles wieder trocken sein.“
Während Clara sich um die Verletzte kümmerte, schrubbte Johanna die Kleidung. Mühselig entfernte sie die getrockneten Blutflecken. Die Mörder hatten Ingrid übel mitgespielt. Wahrscheinlich hatten sie nicht damit gerechnet, dass die junge Frau diese Verletzungen an Brust und Schoß überleben würde. Ingrid stöhnte unter Schmerzen und versuchte, ihre Scham zu bedecken. Clara zog ihre Hände beiseite.
„Lass mich dir helfen.“
Die Augen starr an die Zimmerwand gerichtet, ließ Ingrid nun alles wehrlos mit sich geschehen. Als Clara fertig war, deckte sie die zitternde Frau mit mehreren Decken zu und legte ihr einen feuchten Leinenstreifen auf die Stirn. Als sie sich wenig später in die Gaststube begab, wurde sie bereits von Johanna erwartet.
Der Tisch war mit Haferschleim gefüllten Schüsseln, Brot und Krügen mit verdünntem Wein gedeckt. Die Gastwirtin setzte sich ungefragt zu ihren Gästen und griff ebenfalls zu. Selten hatte sie in ihrer Herberge Gesellschaft.
„Mein Mann ist ebenfalls tot und mein Sohn ein Tunichtgut. Ich bekomme ihn kaum zu Gesicht. Darum führe ich den Gasthof hier mehr oder weniger alleine. Seit die Mörder im Wald ihr Unwesen treiben, steht es auch hier im Dorf um uns schlechter …“
Durch ein Gepolter von draußen wurde die Frau in ihrem Redeschwall unterbrochen. „Mein Sohn …“
In diesem Moment wurde die Gasthaustür grob aufgestoßen und ein ungepflegter Mann trat ein.
„Mutter, ich habe Hunger.“
Johanna und Clara saßen wie vom Blitz getroffen. Es war einer der Mörder! Der Sohn der Gastwirtin gehörte zur Mordsbande aus dem Wald! Clara fasste sich als Erste und stieß Johanna unter dem Tisch an.
„Lass dir nichts anmerken“, zischte sie leise.
Im Moment war es für sie nicht gefährlich, der Mann erkannte sie nicht. Hart schluckte Johanna ihren Brocken Brot hinunter und spülte verdünnten Wein hinterher.
„Ich werde Ingrid etwas Essbares bringen.“ Schnell klaubte sie etwas Essen zusammen, nahm einen Becher Wein und verschwand. Sie musste Ingrid warnen. Clara aß unterdessen seelenruhig weiter. Unauffällig beobachtete sie den Mann mit wachsamen Augen.
„Mutter, was für ein hübscher Gast“, lachte dieser, als er Clara entdeckte.
„Sei still! Du vergraulst mir noch meine einzigen Gäste, drei Frauen. Sie sind den Mördern im Wald entkommen, die eine ist grausam entstellt …“
Clara verfluchte die Redseligkeit der Wirtin. Misstrauisch blickte der Mann sie an. Er versuchte, aus ihrem Blick etwas zu lesen, doch Clara gab sich scheinbar unwissend.
Nach einigen Minuten ließ der Mann zufrieden von ihr ab. Erleichtert atmete sie auf.
Gefasst verließ sie die Gaststube, um nach Ingrid zu sehen. Offenbar hatte Johanna ihr bereits alles berichtet. Mit aufgerissenen Augen sah sie Clara an, als diese die kleine Stube betrat.
„Keine Angst, ich bin es nur.“
„Wir, wir sind hier nicht mehr sicher. Wir sind im Mörderhaus“, keuchte Ingrid aufgebracht.
„Du brauchst dich wirklich nicht zu fürchten“, flüsterte Clara beruhigend. Sie hatte selbst Angst, wollte sich aber nichts anmerken lassen. Johanna streichelte Ingrid beruhigend übers Haar. Wie eine Mutter, dachte Clara wehmütig. Esmeraldas Gesicht erschien vor ihrem inneren Augen, eine wohltuende Ruhe breitete sich in ihrem Körper aus. Fast schien es so, als würde ihr die alte Zigeunerin beruhigend über das Haar streichen.
„Schlaft ihr, ich halte die erste Nachthälfte Wache. Danach löst Johanna mich ab.“ Clara setzte sich auf einen kleinen Hocker und schaute aus dem Fenster in die Nacht.
Rache
Während die anderen Frauen tief und fest schliefen, kämpfte Clara gegen die aufsteigende Müdigkeit an. Immer wieder rieb sie ihre brennenden Augen. Der Tag war anstrengend und Erschöpfung überfiel sie. Sie fror und legte sich eine Decke um die Schultern. Wieder schaute aus dem Fenster, in die Dunkelheit. Doch was war das? Machte sich da jemand an ihrem Wagen zu schaffen? Clara kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Gespannt hielt sie den Atem an. Ja, da war zweifellos ein Fremder an ihren Sachen. Leise glitt Clara aus der Stube und schlich auf den Hof. Beiläufig griff sie an der Feuerstelle zum schmiedeeisernen Schürharken. Prüfend tastete sie ihn ab. Das war eine gute Waffe. Der Wagen rumpelte und sie hörte leises Fluchen.
„Verdammt, verdammte Stoffballen. Verdammte Weiber.“ Stoff riss, der Fremde durchwühlte anscheinend alles bis in die kleinsten Ecken. Clara verschränkte ihre Arme hinter dem Rücken. Mit festem Griff hielt sie ihre Waffe.
„Wer ist da?“ Halblaut rief sie in den Wagen. Plötzlich war es totenstill. Vor Aufregung hörte sie das Blut in ihren Ohren rauschen. Dann sprang der Sohn der Wirtin mit einem Satz aus dem Wagen.
„Na, wen haben wir denn da?“ Er lachte schmierig.
„Was macht Ihr euch an unserem Eigentum zu schaffen?“ Clara bebte, der Zorn siegte über ihre Angst.
„Nur ein wenig schauen, mein riesiges Täubchen. Möchtest Du mal einen echten Mann
spüren?“ Lüstern blickte er sie von oben bis unten an. Trotz Dunkelheit konnte Clara sehen, wie er sich die Lippen leckte. Er kam langsam näher und starrte auf ihre Brüste.
„Nun sollst du meinen Pfahl in dir spüren. Ich will dir zeigen, welch Kerl ich bin.“ Seine Stimme klang äußerst erregt.
Clara dachte an Ingrid. Hatte dieser Widerling ihr das angetan? Als könne er ihre Gedanken lesen, wandte er sich erneut an sie.
„Deine kleine Freundin durfte ihn auch schon spüren. Leider war ich nicht der Erste, ich kam erst an dritter Stelle. Da hat sie schon nicht mehr mitgemacht. War einfach ohnmächtig. Selbst die Kitzeleien mit dem Messer konnten ihre Lebensgeister nicht zurückbringen. Dafür werde ich jetzt bei dir der Erste sein und du wirst schön brav mitmachen. Dafür bekommt ihr euer Leben.“
Clara stockte. Jetzt wusste sie genau, was die Kerle der armen Ingrid angetan hatten. Ihre Hand umklammerte den Schürharken fester. Doch eine plötzlich aufsteigende Angst hielt sie davon ab, zuzuschlagen. Keuchend atmete sie und wich zurück. Dies sah der Wirtssohn als Einladung. Schmerzhaft kniff er ihr in die Brust, mit der anderen Hand versuchte er, ihre Röcke hochzuschieben. Endlich löste Clara sich aus ihrer Erstarrung.
Sie stieß ihn wütend von sich und schlug zu. Einmal, zweimal und immer wieder. Erst als ihr Blut ins Gesicht spritzte, kam sie zu Verstand. Eine Hand fasste ihr von hinten an die Schulter, sie erschrak. Johanna schaute entsetzt auf den leblosen Körper auf dem Boden. Stockend erzählte Clara, was geschehen war.
„Du hast das Richtige getan.“
„Wohin mit dem Toten?“ Clara konnte noch keinen klaren Gedanken fassen.
„Dort in den Schweinestall. Da gehört er hin.“
Mühsam schleppten die beiden Frauen den Leichnam über den Hof und warfen in kopfüber in den Stall. Die Schweine machten kurz einen ohrenbetäubenden Lärm, dann schmatzten sie. Schaudernd verließen die Frauen den Stall.
„Ich werde die Spuren hier beseitigen. Im Wagen findest du neue Kleidung, lass deine Sachen verschwinden.“
Erst in den frühen Morgenstunden nickte Clara traumlos ein. Für Johanna war seit dem Zwischenfall nicht mehr an Schlaf zu denken. Sie lugte vorsichtig aus dem Fenster in den Hof. Spuren waren dort nicht mehr zu sehen, ihre Arbeit hatte sie gründlich getan. Die Hintertür der Gaststube flog auf.
„Berthold, wo bist du nur wieder, du Taugenichts“, schimpfte die Wirtin lauthals in den Hof.
Keine Antwort.
„Dein Berthold wird wohl nie wiederkommen“, wisperte Johanna genüsslich. Ingrid stöhnte unruhig und erwachte.
„Du brauchst keine Angst mehr zu haben, er ist tot“, flüsterte sie der Verletzten ihr leise ins Ohr.
Fragend schaute Ingrid sie an. Ihr Blick sagte alles, auch ohne Worte. Clara schlief immer noch. Verbrachte sie doch das erste Mal in ihrem Leben in einem richtigen Haus und einem richtigen Bett. Es schien, als wollte sie diesen Moment auskosten. Johanna lächelte selig. Jetzt würde alles gut werden, hoffte sie inständig.
Regensburg
Die Frauen ließen sich von der Wirtin in der Gaststube ein Frühmahl servieren. Sie versuchten, sich so unbeschwert wie möglich zu geben. Selbst Ingrid schien es heute ein wenig besser zu gehen, die Schmerzen ihrer Verletzungen waren einigermaßen erträglich geworden. Sie lächelte scheu.
„So gefällst du mir schon besser“, lachte die Wirtin, als sie das bemerkte, und schenkte noch etwas verdünnten Wein nach. Ingrid griff zu, ohne die Wirtin aus den Augen zu lassen.
„Wann soll die Reise denn weitergehen?“
Clara und Ingrid sahen Johanna an. Sie war die Älteste und hatte somit das Sagen.
„Gerne würden wir noch eine Nacht bleiben. Dieses gastliche Haus hat uns sehr gefallen, doch leider müssen wir weiter nach Regensburg. Die Zeit drängt, das Wetter ist trocken, wir müssten somit gut vorankommen.“
„Von hier ist es eine halbe Tagesreise und nicht mehr so gefährlich. Die Gegend ist bewohnt …“
„… und dein Sohn, der Mörder, ist tot“, dachte Clara mit Genugtuung. Wenig später spannte sie das Pferd ein und band den Ochsen hinten an den Wagen. Ingrid und Johanna nahmen auf der Kutschbank Platz.
Die Wirtin lief mit einem Eimer Essensreste ächzend über den Hof. Den Frauen war sofort klar, was nun geschehen würde. Angestrengt versuchte Clara, sich nichts anmerken zu lassen. Nervös kontrollierte sie noch einmal das Zuggeschirr des Pferdes.
„Dieser Taugenichts ist mal wieder abgehauen. Ich alte Frau muss noch die Schweine füttern.“ Wütend trat sie die Tür zum Schweinestall auf und verschwand. Totenstille.
Fragend schauten die Frauen sich an.
„Gleich wird sie ihren Taugenichts finden“, sagte Clara sorgenvoll. Kaum ausgesprochen tönte ein markerschütternder Schrei aus dem Stall. Der Eimer fiel zu Boden.
„Geh hin“, raunte Johanna Clara zu.
„Was ist passiert, werte Frau?“ Johanna spielte die Ahnungslose.
Mit stockenden Schritten ging Clara in den Stall. Was sie dort sah, verschlug ihr die Sprache. Die Schweine hatten das Gesicht sowie einen Teil des Oberkörpers gefressen. Nur an der Kleidung konnte die Wirtin ihren Sohn noch erkennen.
„Berthold, Berthold, wie konnte das passieren? Mein Berthold. Nun ist er auch noch tot.“ Durch die Schreie der Frau wurden die ersten Nachbarn aufmerksam und liefen zusammen. Der Anblick des Toten ließ dem einen oder anderen übel werden. Nur die Schweine schienen die ganze Aufregung nicht zu verstehen. Satt gefressen lagen sie mit dicken Bäuchen in der Ecke des Stalls und suhlten sich wohlig im Dreck. Erst als die Frauen der Nachbarschaft sich um die verstörte Wirtin kümmerten, traten Johanna, Clara und Ingrid ihre Reise nach Regensburg an.
Die Wegstrecke wurde zusehends besser, so dass Clara ebenfalls auf dem Wagen Platz nehmen konnte. Das Pferd trottete ruhig des Weges, sie zogen an einigen Hütten und Höfen vorbei. Erst als Clara die großen Stadtmauern von Regensburg in der Ferne sah, wurde sie langsam aufgeregter. Was würde sie dort erwarten? Hier war sie damals zu den Zigeunern gekommen.
Clara wurde ungeduldig. Nur langsam näherten sie sich den imposanten Stadtmauern. Am liebsten wäre sie vom Wagen gesprungen und vorausgerannt. Dann war es endlich so weit.
„Halt, habt ihr etwas zu verzollen?“ Ein rundlicher Mann, mit feistem rotem Gesicht und speckigen Haaren, hob die Hand. Johanna schaute aus dem Wagen.
„Mein Herr, wir möchten einige Stoffe auf dem Markt anbieten. Wir sind spät dran. Mein Mann starb vor wenigen Tagen und wir wurden überfallen.“ Sie hoffte auf ein bisschen Mitleid, doch sie hoffte umsonst. Nur die Neugierde des Mannes wurde geweckt. Mit strammen Schritten ging er um den Wagen und schaute hinein. Ingrid wimmerte leise. Der Schmerz stand ihr ins Gesicht geschrieben.
„Was ist mit ihr?“ Entsetzt wich der Soldat zurück.
„Man hat ihr schlimme Dinge angetan“, antwortete Johanna und nestelte in ihrem Münzbeutel.
Mit angewidertem Gesichtsausdruck drehte der Mann sich weg.
„Wir haben nicht viel Geld. Was bekommt Ihr von uns armen Weibern, guter Mann?“
Der Soldat nannte den Preis des Wegezolls und Johanna zahlte wortlos die geforderte Summe. Nur wenige Meter entfernt stand eine vermummte Gestalt und beobachtete die Szene wortlos.
Clara sprang übermütig vom Wagen und führte das Pferd. Endlich waren sie in Regensburg. Das geschäftige Treiben raubte ihr fast den Atem. Regensburg war die erste richtige Stadt, die sie in ihrem Leben sah. Sie kamen am Dom vorbei. Ärmliche Gestalten saßen hier und bettelten um Almosen. Johanna beachtete sie jedoch kaum.
„Wir müssen zum Markt“, trieb sie Clara ungeduldig an.
Beschwerlich kämpften sie sich mit ihrem Wagen durch das Treiben, dann kamen sie endlich an den Marktplatz. Der Platz war bereits ziemlich voll und keiner der anwesenden Händler dachte nur im Entferntesten daran, ein wenig Platz zu machen.
„Lasst uns hier am Rande einen Verkaufsstand herrichten und auf zahlungskräftige Kundschaft hoffen.“
Johanna machte sich sofort an die Arbeit. Clara half, so gut sie konnte. Ingrid blieb im Wagen. Das Treiben auf dem großen Platz faszinierte Johanna. So viele Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten trafen hier aufeinander. Lautstark boten die Marktschreier von allen Seiten ihre Waren an.
Ein dicker Mann jagte mit einem Knüppel ein kleines Mädchen, das ein ganzes Brot ergattert hatte. Doch die Kleine war flink wie ein Hase, schlug einige Haken und Bogen und schaffte es, den wütenden Kerl abzuhängen. Clara lachte.
Der Markttag ging zu Ende und die Frauen hatten kein bisschen verkauft.
„Gerade jetzt, wo wir das Geld bitter nötig haben“, klagte Johanna. Clara war sich keiner Not bewusst und Ingrid verschlief den gesamten Markttag im Wagen. Enttäuscht baute Johanna den Stand ab.
„Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“, vertraute sie Clara sorgenvoll an. Die junge Frau konnte die Sorgen nicht verstehen. Der Wald gab doch genug zum Leben her. Wofür brauchten sie Geld?
Johanna machte sich in der kommenden Nacht viele Gedanken um die Zukunft.
Während die beiden jungen Frauen fest schliefen, faltete sie die Hände und betete zu Gott. „Herr im Himmel, bitte hab Erbarmen, hilf uns. Wie soll es nur weitergehen? Bitte
hab Gnade mit uns …“ Sie fiel in einen traumlosen Schlaf.
Auch der nächste Tag sollte nicht besser werden. Johanna und Clara versuchten erfolglos, ihre Stoffe anzubieten, doch niemand kaufte. Dass sie dabei wieder beobachtet wurden, bemerkten sie nicht. Madame Elisa, mit bürgerlichem Namen Waldburg, freute sich über den Misserfolg der Frauen. Das würde es ihr um einiges leichter machen. Sie musste nur noch etwas abwarten.
Der Handel
Pulsuz fraqment bitdi.