Kitabı oxu: «Das Apfelsinenmädchen»
Lena Kallenberg
Das Apfelsinenmädchen
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Das Apfelsinenmädchen
Schwedisch Angelika Kutsch
Apelsinflickan: en berättelse från åren 1882-1883 © 1997 Lena Kallenberg
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711493724
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Eine Erzählung aus den Jahren 1882-1883
Für die Armen, die keinen Anwalt haben
Dann also adé, Magd
Alices Finger streicheln Signes Haare, drehen die hellen Ringel zu einem luftigen Wulst oben auf dem Kopf. Ziehen die dünnen Haare über den Ohren zu sich kringelnden Locken. Sie berührt Signe mit dem Kinn an der Schulter. Ihre Augen begegnen sich im bauchigen Spiegelglas.
„Du bist jetzt erwachsen und das ist die neueste Mode“, sagt Alice energisch. Ihr herzförmiges und Signes schmales Gesicht scheinen ineinander zu gleiten. Werden zu einem Spiegelbild. Täuscht der Schleier von Tränen das Auge?
Signes hohe Wangenknochen und die gerade Nase treten durch die neue Frisur deutlicher hervor, lassen sie sichtbar werden. Sie rutscht auf dem Stuhl hin und her.
„Das ist doch unpassend für eine Magd“, flüstert sie.
Alices Finger greifen fester zu, reißen an den Haarsträhnen und flechten sie mit ruckartigen Bewegungen zu einem strammen Zopf auf dem Rücken.
Die Hand wird kalt von der Eisenklinke, als Signe die Holztür hinter sich schließt. Sie bindet die Zipfel des weißen Kopftuchs unterm Kinn zusammen und richtet den langen Zopf.
Nur nicht anfangen zu weinen wie ein kleines Kind, das hat sie sich geschworen. Aber in ihrem Zwerchfell wütet Traurigkeit nach dem Abschied von Alice.
Alice hat ihre Hand steif in die ihre genommen.
„Dann also adé, Magd“, hat sie gesagt, sich auf den Fersen umgedreht und den Kopf verächtlich in den Nacken geworfen.
Alice und sie, die so unzertrennlich gewesen sind.
Sie sind zur selben Zeit in das Kinderheim der Bibelfrauen gekommen. Haben Brotkanten geteilt, Zucker gestohlen, vor den Schenken am „Säuferhügel“ gebettelt. Im selben Bett geschlafen. In den letzten Jahren haben sie sich allerdings für unterschiedliche Dinge interessiert. Alice stand gern vorm Spiegel und probierte neue Frisuren aus. Machte sich über Signe lustig, die dasaß und Schönschreiben mit dem Federhalter übte. Aber Freundinnen waren sie immer gewesen. Doch als sie sich eben in dem niedrigen Holzhaus verabschiedeten, hat Alice nicht einmal traurig ausgesehen, obwohl sie nicht wissen, wann sie sich wiedersehen werden.
Signe steht im Schnee. Sie zieht sich das Umschlagtuch über das Kopftuch und schaut zu den windschiefen Hütten und Schuppen von Vitabergen hinauf, die sich auf den Felsen drängen, dort, wo sich Schneematsch mit Spülwasser mischt. Kinder laufen barfuß durch den Schmutz und Frauen schleppen Wassereimer vom Neuen Marktplatz herauf. Einen Brunnen gibt es nicht in den Vitabergen, obwohl hier so viele Leute wohnen. Arme Leute, denkt Signe.
Die Märzluft ist rau und duftet nach Erde, Schneeflocken taumeln vom Himmel. Ein Schneestern legt sich auf Signes Fäustling. Sein Muster zeichnet sich einen Augenblick gegen die graue Wolle ab, ehe er sich in einen dunklen Fleck verwandelt.
Tränen sickern bis zu ihren Mundwinkeln. Sie schmecken salzig und Signe wischt sich rasch über die Wange. Die Haut brennt von der derben Wolle.
Das halbe Leben ist vergangen, seit Vater mich bei den Bibelfrauen in den Vitabergen abgegeben hat, denkt sie.
Damals war sie acht Jahre alt, als eine magere Bibelfrau sie in der Garderobe des Kinderheims einzufangen, sie festzuhalten versuchte.
„Kleine Kratzbürste“, wurde sie genannt. Gespuckt und gekratzt hat sie wie eine Katze. Sich an Vaters Bein festgeklammert. Aber Vater hat sich gelöst und ist hinausgelaufen ohne sich umzusehen.
Sie hat die Frau in den Arm gebissen. Ist hin und her gelaufen in dem Raum und hat mit ihren schmutzigen Fäusten gegen die Wände gehämmert. Erst gegen Abend hat sie sich beruhigt. Sie erinnert sich, dass Fräulein Åberg sie auf den Schoß genommen und sie mit Brei gefüttert hat wie ein kleines Kind.
Signe schüttelt sich den Schnee ab. Sie – Signe Gustavsdotter – ist jetzt erwachsen und auf dem Weg zu ihrer ersten Stellung als Magd, um eigenes Geld zu verdienen. Niemand soll ihr mehr „Waisenhausbalg“ nachrufen. Niemals mehr.
Sie zieht das Tuch enger um sich. Wühlt in ihrem Bündel. Unter dem Leibchen und den Wollstrümpfen berührt sie die glatte Seide mit den Fingern. Die rosa Seidenschleife, die Vater ihr zur Konfirmation im letzten Jahr geschickt hat. Wenn sie genügend Geld gespart hat, will sie nach ihm suchen. Sie will, dass er stolz auf sie ist.
„Sieh, Vater, was ich ehrlich verdient habe“, wird sie sagen.
Von der Hammarbybucht weht ein scharfer Wind. Signe zittert. Hält nach einem Schlitten unten am Winterzoll Ausschau. Der Bauer hat sich verspätet. Meint wohl, sie könne warten. Sie wird eine rote Nase haben und jämmerlich aussehen. Die neuen schwarzen Stiefel sind zu groß und wirken bestimmt plump an ihrem mageren Körper. Aber um so etwas darf man sich nicht kümmern. Man muss dankbar sein, dass man überhaupt Kleider am Körper hat. Den grauen Rock hat sie mit schwarzen Bändern oberhalb der Säume aufzuputzen versucht.
An der Ecke einer Gasse stehen ein paar alte Frauen und reden. Die eine zeigt mit dem Finger auf sie und gluckst laut. Signe beißt die Zähne zusammen. Sie ist es gewöhnt, begafft zu werden.
Sonntags, wenn die Kinder aus dem Heim in einer Reihe hintereinander zur Katharinakirche gingen, sind die Leute stehen geblieben und haben neugierig geguckt. Die Kinder haben zu Boden geschaut und sich geschämt, unehelich oder verlassen zu sein. Außer Alice. Sie hat allen frech ins Gesicht gestarrt.
„Brrrr!“, mahnt eine Männerstimme.
Ein kräftiges Zugtier schüttelt den Kopf, dass die helle Mähne flattert.
Signe hat das Pferd nicht gehört. War ganz und gar versunken in ihren Gedanken wie gewöhnlich, und der Schnee hat die Hufschläge gedämpft.
Das Pferd schnaubt, hebt den Schwanz und lässt Pferdeäpfel in den weißen Schnee plumpsen. Der Kutscher strafft die Zügel.
„Komm her, du bist wohl die Magd, die ich gedungen habe?“, ruft er.
Signe läuft auf das Fuhrwerk zu, hofft, dass die alten Weiber es sehen.
Ein Lächeln breitet sich unter dem dicken Schnurrbart des Mannes aus.
„Einar Karlsson aus Fredriksberg.“
Er reicht ihr die Hand und zieht sie neben sich auf den Schlitten. Das Gesicht ist viereckig und seine hellblauen Augen schauen einen Augenblick geradewegs durch sie hindurch.
„Willkommen.“
Er schnalzt und das Pferd zieht an.
„Ist das dein ganzes Gepäck?“
Signe nickt schüchtern.
„Jaha, dann geht es jetzt nach Värmdö!“
Gute Nacht, kleiner Ludde
Das Pferd trottet mit dem Schlitten davon und kehrt um zum Winterzoll. Signe muss den Kopf drehen und zum hohen Holzzaun des Kinderheims zurückschauen. Vielleicht zum letzten Mal.
Dahinter ist Alice zurückgeblieben. Die kampfeslustige, waghalsige Alice. Und Fräulein Åberg, die Lieblingslehrerin aller Mädchen. Sie, die Signe einmal auf den Schoß genommen hat.
„Es war nicht meine Absicht, dass du so lange warten solltest. Bestimmt bist ganz durchgefroren. Aber Grålle hat es langsam angehen lassen, wahrscheinlich hatte er Angst, auf dem Eis auszurutschen. Kälte macht mir sonst nichts, aber heute muss ich wohl einen Kaffee mit Schuss trinken, wenn wir nach Hause kommen. Ja, du kriegst natürlich Kaffee ohne Schuss.“
Einar Karlssons blaue Augen gleiten über sie hin. Die Anspannung lässt nach. Sie versucht zurückzulächeln. Der Bauer wirkt nett und fröhlich. Sie hat Glück gehabt, jetzt muss sie versuchen, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Sich nicht in Träumereien verlieren. Aber ihr fällt nichts ein, was sie sagen könnte, da öffnet der Bauer schon wieder den Mund.
„Das Handgeld muss ja beim Bauern abgeliefert werden, aber das nehmen wir nicht so ernst. Du bist doch froh, aufs Land zu kommen und dir ein bisschen Fett anzufuttern, was? Bist du schon sechzehn?“
Signe schüttelt den Kopf. „Das werde ich in diesem Jahr.“
Endlich sagt sie etwas.
„Aha, dann habe ich also noch das Züchtigungsrecht.“
Signe schaudert, guckt zu ihm. Aber er sieht ihren besorgten Blick und lacht auf.
„Ich hab nur Spaß gemacht, nur ein bisschen Spaß, Signe. Wir beide werden schon miteinander auskommen. Du bist ja wohl vom Kinderheim daran gewöhnt zu gehorchen?“
„Ja.“
„Und weißt, was die Gesindeordnung über die Magd sagt“, fährt er fort. „Sie soll fleißig, nüchtern, sittsam sein und sich nicht den Aufgaben entziehen, die der Hausherr ihr aufträgt. Ja, gottesfürchtig auch, aber mit der Gottesfürchtigkeit nehmen wir es nicht so genau in Fredriksberg. Davon hast du vielleicht ein gehöriges Teil bei den Bibelfrauen bekommen?“
Signe weiß nicht, was sie antworten soll. Nickt nur. Sie glaubt wohl daran, dass es Gott gibt, aber die ewigen Gebete und Danksagungen wird sie nicht vermissen. Es stört sie also nicht, dass der Bauer nicht besonders religiös ist. Jedes Mal, wenn jemand dem Kinderheim etwas spendete, und seien es nur fünf Öre gewesen, dann mussten sie beten und Gott für seine Gnade danken. Die meisten, die etwas spenden, haben vermutlich ein gutes Auskommen, hatte Signe manchmal gedacht. Und sich im selben Augenblick gefürchtet. Vielleicht konnte Gott geradewegs in sie hineinschauen. Sah alle Gedanken und würde sie bestrafen.
„Ich weiß, dass es dir gefallen wird“, sagt der Bauer lächelnd und treibt das Pferd an. „Ich brauche also kaum hinzuzufügen, dass ich und die Polizei dich holen können, wenn du vor dem Ziehtag im Oktober davonläufst. Du wirst auf Fredriksberg bleiben, wie die Tochter im Haus sein. Eine arbeitende Tochter natürlich. Die Frau ist kränklich, weißt du. Deshalb musst du auch Kindermädchen sein. Aber dagegen hast du wohl nichts.“ Er lächelt sie an.
Das versetzt ihr einen Stich in den Bauch. Wie die Tochter im Haus sein, hat er gesagt. Laut antwortet sie:
„Nein, Herr, ich mag Kinder.“
„Wenn du tüchtig bist, stehst du in einem Jahr an meinem Tisch und ich bezahle dir die einhundert Kronen.“
Einhundert Kronen! Signe schnappt nach Luft. So viel Geld hat sie ihr ganzes Leben noch nicht besessen. Natürlich kann sie zupacken. Der Bauer soll es nicht bereuen. Im Kinderheim haben sich die Mädchen bei allen Hausarbeiten abgewechselt. Sie hat Brot backen gelernt und einfache Mahlzeiten zuzubereiten. Waschen und mangeln. Die Vorsteherin hat mit ihrer schönen Handschrift ins Zeugnis geschrieben, dass „Signe Gustavsdotter gute Voraussetzungen hat, eine ordentliche Magd zu werden“.
Sie haben den Winterzoll erreicht. Die ausgefahrenen Schlittenspuren führen hinaus aufs Eis. Einige Besen kennzeichnen Löcher. Obwohl es Sonntag ist, knien zwei Wäscherinnen auf dem Steg und spülen Laken im Eisbrei. Der Himmel über Värmdöland bezieht sich immer mehr.
„Ja, ja, es gibt noch mehr Leute, die nicht gottesfürchtig sind und am Ruhetag waschen“, sagt der Bauer schmunzelnd.
Aber er sieht nicht böse aus.
Signe ist noch nie in einem Schlitten übers Eis gefahren. Sie ist davon in Anspruch genommen, die Ufer zu betrachten und nach Morsholm hinüberzuschauen. Dorthin, haben sie vom Kinderheim einmal einen Sommerausflug im Ruderboot unternommen. Der Bauer nickt hin und wieder ein. Verlässt sich darauf, dass Grålle den Weg findet. Und Grålle trottet voran, er kennt den Winterweg der Bauern von Värmdö.
Signe dreht den Kopf. Hinter dem Fåfänganhügel verbirgt sich der Hafen von Tegelvik. Dorthin hat sie Vater einmal begleitet, als er Arbeit suchte. Zwar durfte er einen Salzkahn entladen, aber ein paar Tage nur. Vater. Entfernt sie sich jetzt für alle Ewigkeit von ihm? Er hat sie nie im Kinderheim besucht, aber sie glaubt, dass er noch in der Stadt ist. Und Mutter, wenn sie ein Engel ist, kann sie Signe dann jetzt sehen? Signe erinnert sich nicht an sie. Doch, vielleicht an einen süßlichen Duft. Die Schwindsucht hat sie geholt, als Signe ungefähr ein Jahr alt war. Sie trägt den Namen ihrer Mutter und glaubt, dass sie ihr auch ähnlich sieht.
Signe denkt an die rote Seidenschleife. Die Vorsteherin, Fräulein Märta Qvennerstedt, hat sie ihr gezeigt und dabei den Mund zu einem schmalen Strich zusammengepresst.
„Das ist wahrhaftig echte Seide. Dafür also hat dein Vater Geld.“
Signe hat die Schleife nicht einmal berühren dürfen. Fräulein Qvennerstedt hat sie an sich genommen und weggelegt. Gesagt, das sei kein passendes Geschenk zur Konfirmation.
In der Nacht hat Signe sich in den Schlaf geweint und Alice mit ihrem Schluchzen geweckt. Alice hat ihren roten Lockenkopf geschüttelt und verächtlich geschnaubt.
„Heul doch nicht, nur weil die Qvennerstedtsche gemein ist! Sie ist eine alte Elster, das weiß doch jeder. Und von alten Elstern muss man sich den Silberlöffel einfach wieder holen.“
Ohne Zögern war Alice mitten in der Nacht in das Zimmer der Qvennerstedt geschlichen, hatte die Kommodenschubladen durchwühlt und die Seidenschleife gefunden. Signe hatte starr in ihrem Bett gelegen, sich in die Fingerknöchel gebissen und gehofft, dass Gott nichts sah.
„Jetzt versteck sie aber ordentlich, du Zimperliese“, hatte Alice gesagt, als sie die Schleife zurückbrachte und in das gemeinsame Bett kroch.
Es war das letzte Mal, dass sie einander richtig nah waren, Alice und sie.
„Danke, allerliebste Alice“, flüsterte Signe und streichelte ihr über die Wange. Alice hatte sich ihr zugewandt und Signe fand, dass sie für einen Augenblick kindlich und unsicher aussah. In einem der energischen Mundwinkel zuckte es. Die selbstbewusste Alice, die ein Jahr älter war.
Signe hatte sich nicht getraut, sich an der breiten Seidenschleife zu erfreuen. Hatte sie in einer Blechschachtel versteckt, die sie hinterm Abtritt vergrub. Jetzt lag sie zuunterst im Bündel, eingewickelt in den Unterrock. Dies eine Mal hatte Vater an sie gedacht. Wusste sogar von ihrer Konfirmation. Aber wie sollte er erfahren, dass sie bei Bauer Einar Karlsson auf Fredriksberg als Magd gedungen war? Auf Fräulein Qvennerstedt konnte man sich nicht verlassen. Vielleicht wollte sie gar nicht erzählen, wo Signe war. Wenn Vater es wirklich wissen wollte?
„Ich habe deiner Mutter auf dem Totenbett versprochen für dich zu sorgen, aber ich weiß mir keinen Rat mehr“, hatte er gesagt, als sie acht war, und auf das Zeugnis des Pfarrers mit dem roten Stempel der Armenpflege gepocht.
„Dieser verdammte Armenstempel!“, hatte er geschrien.
Vater mit seinen langen Armen, die Jackenärmel waren immer zu kurz, die großen Hände baumelten herunter. Vater, ein großer, kräftiger Arbeiter, wirkte hilflos. Er hatte getrunken, aber richtig betrunken war er nicht. Signe, die auf dem Küchenfußboden zu Hause in der Bergsprängargasse gesessen und mit ein paar Holzscheiten gespielt hatte, guckte zu ihm auf.
„Ich geh jetzt los und such mir eine Arbeit“, hatte er gebrummt, redete wie mit sich selbst: „Vielleicht muss ich weit weggehen, das Mädchen kann sich nicht auf den Straßen herumtreiben. Für dich ist es am besten, wenn du zu den Bibelfrauen kommst. Deine Mutter war religiös. Und du sollst mir kein Apfelsinenmädchen werden.“
Das waren seine letzten Worte an sie. Die Worte, an die sie sich erinnert. Damals hat sie nicht verstanden, was er meinte. Aber jetzt weiß sie es. „Apfelsinenmädchen“ ist eine andere Bezeichnung für „so eine“. Sie schaudert. Die Mädchen halten sich oft an der Stora Glasbruksgatan auf. Tragen breitrandige Hüte mit Krimskrams drauf und lachen den Männern frech ins Gesicht. Sind häufig betrunken. Nein, so eine will sie nie werden. Was für eine Schande, seinen Körper für einige Kronen oder ein paar Schnäpse zu verkaufen.
„Jetzt sind wir auf Värmdölandet“, sagt der Bauer gähnend und wird wieder munter.
Signe lässt ihre Blicke über die schneebedeckten Felder und Waldränder gleiten. Auf einem Hügel thront ein prächtiges gelbes Haus mit einer großen Glasveranda, umgeben von Pferdekoppeln und Äckern. Die Sonne ist hervorgekommen und lässt das gelb gestrichene Haus in ihrem Licht glänzen.
„Oh, was für ein schöner Hof“, ruft sie aus.
„Das ist Tuna. Auf ganz Värmdö gibt es keinen prächtigeren Hof. Von seinem Besitzer hab ich Fredriksberg gepachtet. Vor ihm müssen sich neue Mägde in Acht nehmen. Du verstehst doch, was ich meine?“
Macht der Bauer wieder Scherze mit ihr? Unsicher sieht sie ihn von der Seite an. Seine hellblauen Augen haben einen strengen Ausdruck angenommen.
„Der Gutsbesitzer von Tuna hält es mit den alten Sitten, wenn neue Frauen kommen. Ist schon in den Jahren, aber immer noch ein strammer Kerl.“
Signe starrt ihn an. Hat sie den Bauern richtig verstanden?
„Wenn nötig, nimmt er sie mit Gewalt“, fährt der fort. Sieht ihre Angst und fügt hinzu: „Nu, nu, mach dir keine Sorgen. Du wohnst ja nicht unterm selben Dach mit ihm, sondern eine Viertelmeile entfernt. Und ich verspreche dir, ich werde auf dich aufpassen.“
Der Weg macht eine starke Biegung und sie wirft einen letzten Blick auf das gelbe Haus. Eine Sonnenspiegelung in den großen Fenstern blendet sie, dann schließt sie der Wald ein. In der Dämmerung sieht sie den mächtigen Gutsbesitzer von Tuna vor sich. Er reitet einen dunklen wilden Hengst und vor ihm her läuft eine Gruppe fliehender Frauen. Sie selbst ist eine von ihnen. Die Frauen versuchen schneller zu laufen, aber ihre langen Röcke wickeln sich um ihre Beine und der Gutsbesitzer holt sie bald ein. Er schwingt sich vom Pferd und knallt mit der Peitsche gegen seine schwarzen Lederstiefel. Die Frauen stehen still, wagen sich nicht vom Fleck zu rühren. Der Gutsbesitzer nähert sich ihnen mit einem unheimlichen Lächeln. Leckt sich gierig die Lippen und wirft seinen Zylinder weg. Die Frauen schreien schrill und Signe schreit am lautesten von allen.
Der Schlitten schlingert. Signe atmet auf, sie darf ihrer Fantasie keinen freien Lauf lassen. Der Bauer hat versprochen auf sie aufzupassen. Mit breitem Rücken sitzt er neben ihr auf dem Kutschbock. Zeigt auf einen kleinen eisbedeckten See mit Schilfröhricht.
„Hier kannst du im Sommer baden, wenn du ordentlich sauber sein willst. Denn sauber soll ein junges Mädchen sein.“
„Ja, ich bade sehr gern“, antwortet sie rasch.
Sauber sein, das hat sie im Kinderheim gelernt. Ist mit Bürste und grüner Seife im Bottich geschrubbt worden, bis die Haut brannte.
Arm, aber sauber. Und: „Die Haut muss brennen, das vertreibt das Ungeziefer“, pflegte Fräulein Qvennerstedt zu sagen.
Und was Ungeziefer ist, Kopfläuse und Wanzen, das weiß Signe. Sie war voller roter Flecken, als man sie das erste Mal in den Waschzuber steckte. Aber damals kannte sie nichts anderes, so sahen die meisten Kinder von Vitabergen aus.
Der Bauer biegt in einen kleineren Weg ab. Sie nähern sich einem ungestrichenen Holzhaus. Ein struppiger Hund hat ihre Witterung aufgenommen, er bellt ungestüm und reißt an der Leine. Der Bauer brüllt ihn an und der Hund krümmt sich winselnd.
„Du brauchst keine Angst vor Ludde zu haben“, sagt er.
Sie hofft, dass Ludde immer angebunden ist und niemals ins Haus kommt. Findet, er sieht einem Wolf ähnlich. Aber sie wird sich verhalten, wie der Bauer es ihr empfohlen hat. Niemals Angst vorm Hund zeigen. Sie überqueren einen ausgetretenen Pfad, der in den Wald führt, und fahren auf den Hof, der von Wacholder- und Birkenhainen umgeben ist.
Die Haustür wird von einer alten Frau mit Kopftuch und einer riesigen Schürze geöffnet. Sie schlägt die Hände zusammen und kommt auf die Vortreppe gehumpelt.
„Oh, oh, oh“, jammert sie.
Signe spürt, wie ihr das Blut in die steif gefrorenen Wangen steigt. Weswegen jammert die Alte? Taugt sie, Signe, nicht? Ist die Alte etwa die Hausfrau?
Signe bleibt wie festgewachsen sitzen und wirft dem Bauern, der Grålle von den Schlittendeichseln losbindet, einen erschrockenen Blick zu. Er lacht so sehr, dass man die Schuppen vom Kautabak zwischen seinen Zähnen sieht.
„Kümmre dich nicht um die alte Kata. Sie ist nicht an Fremde gewöhnt.“ Rasch packt er sie um die Taille und hebt sie vom Schlitten. Seine Hände sind klebrig. Zwei kleine Mädchen spähen hinter der jammernden Kata hervor. Das Kleinste kann sich nicht beherrschen und stürmt in Strümpfen auf den Bauern zu.
„Vaters kleiner Wildfang!“, sagt er lachend und schwenkt sie durch die Luft. „Das ist Signe, die schöne Signe.“
Die „schöne Signe“ hat sie noch nie jemand genannt. Sie versucht zu lächeln, aber ihre Mundwinkel widerstreben und das Lächeln wird zu einer Grimasse. Die Kleine tippt gegen die Westentasche des Bauern. Signe versetzt es einen Stich, als sie das Kind so selbstverständlich auf dem Arm des Vatrs sieht. Sie – Signe – ist jetzt erwachsen. Hier, beim Kleinbauern Einar Karlsson, wird sie wohnen und arbeiten. Unterm selben Dach schlafen mit Menschen, die sie noch nie gesehen hat. Niemand weiß etwas über sie. Sie ist das Mädchen aus dem Kinderheim, das hier als Magd dienen soll.
Wie wird es auf Fredriksberg? Bei Fräulein Qvennerstedt hatte das Leben seinen gewohnten Ablauf. Dort hatte jeder seine Aufgabe. Alles spielte sich nach dem Datum ab, an dem sie ins Heim gekommen waren. Sie saßen nach der Datumordnung am Esstisch, sie stellten sich nach der Datumordnung in Reihen auf. Sein Datum konnte man nie vergessen. Nie konnte man vergessen, dass man ein Kinderheim-Kind war. Manchmal hatte sie sich eingesperrt gefühlt. Aber das Heim bedeutete Geborgenheit und die Sicherheit, Kleidung und Essen zu bekommen. Eine Lehrerin hatte sie im Katechismus, in Rechnèn, Schreiben und Nähen unterrichtet.
Jetzt beginnt ein neues Leben, und die Sehnsucht nach der gewohnten Geborgenheit brennt in ihrer Magengrube.
Signe drückt das Bündel an ihren Körper. Spürt die Hand des Bauern in ihrem Rücken. Wie eine Schlafwandlerin bewegt sie sich auf ihr neues Zuhause zu.
Schon am ersten Abend hat Signe ein Stück Speck von ihrem Abendbrot versteckt. Sie schleicht sich hinaus in den hellen Märzabend. Der Wind raschelt in Espen und Birken. Ludde knurrt, als er ihre Schritte hört, doch der Duft nach dem Speck bringt ihn zum Schweigen. Er ist an seiner Hütte festgebunden. Wittert mit gespitzten Ohren in der Luft.
Signe hat noch nie einen Hund gekannt. Die Bibelfrauen hielten sich nur ein Küchenschwein. Mit dem konnte man sich einfach nicht anfreunden, wie viele Kartoffelschalen und Reste es auch bekam. Es grunzte bösartig und konnte beißen. Signe hat begriffen, dass es am besten ist, sich von Anfang an gut mit Ludde zu stellen. Sonst wird sie immer Angst haben, wenn sie an ihm vorbei muss.
Sie hält das Stück Speck gut sichtbar in der Hand. Versucht sanft zu sprechen:
„Luuudde!“
Er frisst ihr aus der Hand. Leckt ihr die Fettreste von den Fingern. Schnuppert an ihren Kleidern. Dann darf sie ihn im Nacken kraulen. Und als sie sich aufrichtet, winselt er ein bisschen.
„Gute Nacht, Ludde, kleiner Ludde“, flüstert sie.
Bückt sich und bohrt ihre Nase in sein dichtes Fell. Sie spürt, dass sie ihren ersten Freund auf Fredriksberg gefunden hat.
Ihr wart doch Freundinnen
Das ältere Mädchen, Kristina, stiehlt Zucker aus dem Zuckerschrank und leugnet es hinterher ab. Das macht sie, damit Signe die Schuld bekommt. Die Hausfrau hat keine Kraft, sich um die Kinder zu kümmern. Ihr Magen bereitet ihr Schmerzen. Sie liegt mager und blass in der Kammer und bekommt kaum Essen hinunter. Aber Kaffee kann sie trinken. Süßen Kaffee. Signe schlägt gerade Stücke vom Zuckerhut, der durch Kristina immer weniger wird, als die Hausfrau nach einem Schluck Kaffee ruft.
„Na, hat sich die Zuckermagd mal wieder selbst bedient?“, gluckst die alte Kata.
Signe schüttelt den Kopf. Die Hausfrau seufzt, ist zu schwach, um zu schimpfen. Kristina ist wie vom Erdboden verschluckt. Signe hat sie mehrere Male mit großen Zuckerstücken im Mund erwischt.
Die kleine Lisa ist flink wie ein Eichhörnchen und krabbelt gern auf Signes Schoß. Der kleine Körper wärmt so schön. Signe genießt die kurzen Augenblicke, wenn Lisa auf ihrem Schoß sitzt. Steckt ihre Nase in Lisas Haar und atmet den süßen Kleinkind-Duft ein.
Es ist Samstag. Samstags findet großer Hausputz statt. Signe gießt Wasser auf die Holzdielen des Hauses: Küche, Wohnraum und Schlafplatz für sie und die alte Kata. Die Flickerlteppiche hat sie schon auf die Vortreppe hinausgetragen. Sie streut Scheuersand auf die Nässe und fängt an zu scheuern.
Signe ist barfuß, den einen Fuß auf dem Birkenbesen, scheuert und scheuert sie. Sie spielt, dass sie übers Eis rutscht. Dann geht es leichter. Manchmal ist es schwer, das Gleichgewicht zu halten, und sie muss sich am Schrank oder einer Wand festhalten. Dann scheuert sie weiter.
„Aua!“ Sie schreit vor Schmerz auf.
In ihrem rechten Fuß brennt es wie Feuer. Sie muss sich auf einen Schemel setzen und ihre Fußsohle untersuchen. Ein langer Splitter ist in den Fuß gedrungen.
Kristina hat den Schrei gehört und kommt aus der Kammer gestürzt, in der sie sich aufhalten sollte, während Signe putzt. „Faule, faule Signe!“, schreit sie begeistert.
Der Fuß tut zu weh, als dass Signe sich jetzt um sie kümmern könnte.
Auf der Vortreppe poltert es. Die alte Kata kommt aus dem Schuppen mit dem Arm voller Weißmoos. Aber sie lässt es fallen, als sie Kristina herumhüpfen sieht.
„Raus mit dir in die Kammer, Mädchen!“, schimpft sie.
Und Kristina hat es eilig. Die alte Kata kneift, und sie kann man nicht mit Petzen beeindrucken.
„Der Fußboden wird auch nicht sauberer, wenn du dahockst und glotzt“, sagt die Alte im selben Atemzug.
Signe richtet sich auf, kann aber nicht aufhören mit Jammern. Ohne ein Wort drückt die alte Kata sie auf den Schemel und legt sich ihren Fuß auf den Schoß. Ihre Hände sind sanft, obwohl die Haut rau wie Kiefernrinde ist. Sie legt die Lippen an die Fußsohle und saugt. Kata saugt und knabbert, bis der blutige Splitter zwischen ihren Lippen steckt. „Pfui, was für ein hässliches Ding!“ Sie spuckt es in den Scheuersand und legt Weißmoos auf den Klapptisch. Und Signe scheuert weiter mit dem Besen.
Die alte Kata hat zu fast allem eine Meinung. Außerdem kennt sie Heilmittel gegen viele Krankheiten. Aber sie hält es für gefährlich, sich zu waschen.
„Man friert sich Zehen und Finger ab“, sagt sie, „kriegt den Brand oder alle möglichen Krankheiten“, wenn Signe Waschwasser fürs Bad wärmen will.
Signe schaut auf den schmutzigen Fußboden, wo sich Essensreste, Asche, Rattendreck und Speichel vom Bauern mischen. Während sie mit dem Birkenbesen herumfährt, schielt sie zu König Oskar. Sein Porträt hängt als Öldruck über der Ausziehbank, die heute hoch beladen ist mit Matratzen und Bettzeug. König Oskar folgt Signe mit dem Blick. Er sieht sie an der Tür und er sieht sie, wenn sie hinterm Herd vorguckt. Der Blick des Königs ist herrisch, er möchte, dass sie ihr Bestes gibt. Glitzernde Orden schmücken seine Brust, und die Schulterklappen sind mit Gold verziert. Ob das richtiges Gold ist? Wie das in der Sonne glänzen muss! Manchmal hat sie Angst, der König könnte aus dem ovalen Rahmen an der Wand steigen, so intensiv verfolgt er ihre Tätigkeiten.
Majestät ist streng. Das rabenschwarze Haar und die aufgezwirbelten Schnurrbartspitzen deuten darauf hin. Bestimmt gefällt es ihm nicht, dass sie Rutschbahn spielt.
Signe versucht mit ihrem nackten Fuß auf dem Besen würdiger zu schrubben. Schiebt eine Haarsträhne zurück, die sich aus dem Zopf gelöst hat. Eine fleißige Untertanin will sie sein. Kann dem König sogar zeigen, wie hübsch sie knicksen kann. Signe stellt den einen Fuß hinter den anderen und verneigt sich tief vor König Oskar, den Blick auf den Scheuerboden gerichtet.
Auf der Vortreppe poltert es. Die alte Kata steht wieder auf der Schwelle und tut so, als würde sie besonders an einem Kaffeefleck reiben.
„Oh, oh!“, jammert sie. „Lass fallen, was du in den Händen hast. Such nach dem Hund. Er hat sich losgerissen. Und du wirst doch so gut mit ihm fertig.“
Signe wischt sich die Hände an der Schürze ab, zieht eilig Strümpfe und Stiefel an. Der Bauer ist draußen zum Fischen und Ludde gehorcht nur ihm und Signe.
„Ludde!“, ruft sie in den Wald.
Sie biegt in den Pfad ab, den der Hund und der Bauer gehen, wenn sie Hasen oder Waldvögel jagen. Vom Himmel fällt mit Schnee gemischter Regen und sie zieht Katas verschlissenen Lodenmantel enger um sich.
„Lieber Ludde!“
Nur Signe nennt ihn so. Die anderen lachen über den Kosenamen. Für sie ist Ludde ein Wachhund, dem sie sich nicht zu nähern wagen. Aber Ludde ist Signes Trost geworden. Ihm hat sie von ihrer Sehnsucht nach Alice erzählt. Und von ihrem geheimen Plan, ihren Vater zu suchen. Ludde versteht sie. Er wackelt mit seinem spitzen Kopf und winselt ein bisschen. Die grauen Augen sehen in sie hinein. Und er sagt niemandem etwas weiter.
Bei einer großen krummen Kiefer bleibt sie stehen. Legt die Hände wie einen Trichter um den Mund und ruft über die Heidelichtung. Sie wartet mucksmäuschenstill und lauscht. Es tropft von den Bäumen und ein Rabe schreit. Bald darauf antwortet der Rabenpartner und der schwarze Vogel fliegt über die Tannenwipfel zu einem Felsen. Sie verfolgt seinen Flug mit dem Blick.
„Unserm Herr gefällt der Ruf der Raben nicht“, pflegt Kata zu sagen, wenn der Rabe ruft. Sie ist der Meinung, es sei der Vogel des Teufels und dass der Rabe Unheil ankündige. Signe schaudert. Will jetzt nicht an Schreckliches denken.
Wasser dringt ihr in den einen Stiefel. Ihre Zehen werden starr vor Kälte. Sie bückt sich und sieht einen Spalt zwischen Leder und Schuhsohle. Dort, im Blaubeerreisig, hängt ein graues Haarbüschel. Sie nimmt es und schnuppert daran. Doch, die derben Strähnen riechen streng und bekannt. Von irgendwo kommt ein winselnder Laut und sie späht in alle Richtungen. Der Wind hat zugenommen und das Tropfen von den Bäumen wird stärker. Die Haare kleben ihr in nassen Strähnen im Gesicht und ihre Nase läuft. Hat nur der Wind geheult?
„Lieber Ludde!“
Signe wendet sich ab und schnäuzt sich in die Schürze. Für so eine Sünde hat Fräulein Qvennerstedt sie im Kinderheim an den Haaren gerissen. Aber jetzt ist sie erwachsen und wird nicht mehr von einem Kinderheimfräulein überwacht. Sie spuckt in den Schneematsch. Das hätte sie sich früher nie getraut. Im Schnee leuchtet ein Blutfleck. Und noch einer. Sie macht einen Schritt hierhin und dahin. Und dort hinten beim Rabenberg sieht sie eine kleine Figur herumschnüffeln.
„Ludde!“
Signe stürmt auf ihn zu und er kommt ihr hinkend entgegen. Sein graues Fell ist zerrauft und eine Vorderpfote ist verletzt. Sie legt die Arme um seinen Hals und er leckt ihr begeistert über die Nase.
„Der Rabe hat nicht Recht bekommen. Wenn du etwas erzählen könntest, Ludde! Hast du mit einem Fuchs gekämpft oder …“ Sie schaudert und klaubt ein paar lose Haarbüschel aus seinem Fell. „War es der Wolf?“
Ludde heult glücklich als Antwort, er will nach Hause und etwas zu fressen haben.
Überm Rabenberg wird es dunkel. Und darüber stößt das Rabenpaar laute Schreie aus, während Signe und Ludde den Pfad zurück nach Fredriksberg wandern.
Obwohl Signe erschöpft ist nach den Strapazen im Wald, muss sie Wasser aus dem Brunnen holen. Nachdem sie den Fußboden gespült hat, fegt sie den Sand mit dem Besen zusammen. Als Letztes bleibt der lustige Teil, das trockene Weißmoos über den ganzen Fußboden zu verstreuen. Das wird dort liegen bleiben bis zum Sonntagmorgen und die Feuchtigkeit aufsaugen.
Wasser holen, den Spüleimer hinter der Hausecke ausgießen, in der kleinen Blechwanne abwaschen, Kata beim Essenkochen helfen und auf die Kinder aufpassen, das sind ihre sich wiederholenden Aufgaben. Abgesehen davon, dass sie immer bereit sein muss zu helfen, wenn jemand sie darum bittet. Ein Monat ist vergangen, seit sie nach Fredriksberg gekommen ist und die alltäglichen Arbeiten gelernt hat. Jeden Tag dasselbe.
Signe teilt die schmale Ausziehbank mit Kata und wird oft von Knüffen in den Rücken wach. In den ersten Nächten meint sie überhaupt kein Auge zugetan zu haben. Kata schnarcht laut und die Unebenheiten der Strohmatratze schaben am Körper. Aber die größte Plage sind die Flöhe. Am schlimmsten beißen sie in der Nacht. Am Körper flammen rote Stellen auf, obwohl sie beide jeden Abend Flöhe fangen, bevor sie zu Bett gehen. Die Begleiter des Bösen, nennt die alte Kata sie. Und Signe seufzt. Als sie kam, war sie frei von Floh- und Läusebissen.
Jeden Morgen um halb sechs kocht Signe Kaffee. Der Hausherr trinkt den Kaffee in der Küche. Signe muss der Hausfrau die volle Kaffeetasse bringen und die volle Spucktasse wieder hinaustragen. Die Hausfrau ist groß und hat dunkle Ringe unter den Augen. Sie sagt nicht viel, aber sie kann starren mit ihren grauen Augen. So sehr starren, dass Signe nervös wird und fallen lässt, was sie in der Hand hält. Die Hausfrau sitzt mit ausgebreitetem langem Haar über den Schultern aufrecht im Bett. Wärmt ihre Hände an der Kaffeetasse. Signe bückt sich nach der Spucktasse. Versucht nicht hinzugucken, aber der Blick wird von dem gelbschaumigen Inhalt angezogen. Die Hausfrau beobachtet ihre Bewegungen genau. Am meisten fürchtet Signe sich davor zu stolpern und den Auswurf der Hausfrau aufwischen zu müssen. Die Krankheit schwappt in dieser Tasse, die Krankheit, die die Frau von innen her auffrisst.
Gegen acht bereiten Signe und die alte Kata das Frühstück. Es besteht genau wie das Mittag- und das Abendbrot aus gesalzenem Hering, Kartoffeln und manchmal aus Grütze. Am Abend kocht die alte Kata immer Grütze. Bleibt welche übrig, wird sie am nächsten Tag gebraten. Es riecht angebrannt, und obwohl Signes Magen nach Essen schreit, kriegt sie die braun angebrannten Grützreste nur schwer hinunter.
Der Frühling ist unterwegs und Signe lässt sich Zeit auf dem Weg zum Vorratshaus. Die Meisen läuten in den Birkenhainen. Stellenweise ist der Schnee geschmolzen und die duftende Erde ist zu sehen. Sehnsuchtsvoll schaut sie zur Landstraße. Versucht einen Blick auf den Badesee zu erhaschen. In einigen Monaten kann sie durch den Wald gehen und sich einen schönen Badeplatz suchen. Sie sehnt sich danach, sich am ganzen Körper zu waschen. Seit sie nach Fredriksberg gekommen ist, hat sie keine Zeit für eine richtige Wäsche gehabt. Hände, Hals und Gesicht müssen reichen, findet die alte Kata, die das Waschen von Signe und den Kindern beaufsichtigt.
Nein, jetzt muss sie sich beeilen und Mehl holen. Heute will Kata Pfannkuchen backen.
Signe löst den Holzpflock des Eisenbeschlages, der die Schuppentür geschlossen hält. Die Dunkelheit springt sie an. Hier ist eine Petroleumlampe zu teuer und überflüssig, findet der Hausherr. Durch die Türritzen fällt ein wenig Tageslicht herein, aber Signe muss trotzdem einen Augenblick stillstehen, damit sich ihre Augen an das Dunkel gewöhnen.
Dann muss sie die Mehlkiste finden. Im Vorratsschuppen stehen mehrere Kisten und Behälter mit Mehl, gesalzenem Hering, gepökeltem Fleisch und Speck. Im Dunkeln kann wer weiß was geschehen. Wenn es wirklich böse Wesen gibt, dann verstecken sie sich in dunklen Schuppen und Kellern. Niemand, nicht einmal Fräulein Qvennerstedt, hat Signe dazu bringen können, allein in einen dunklen Raum zu gehen. In der Dunkelheit verändern sich die Laute, niemand kann ganz genau wissen, ob das Rascheln aus der Baumkrone, von einem Vogel oder vom Wind kommt. Es könnte das Böse sein, das da lauert, sie verlocken will, dem Säuseln und Rascheln zu folgen, sie im Wald in die Irre locken will. Dort wartet etwas Entsetzliches, was sie sich nicht recht vorstellen kann. Plötzlich sieht sie den Gutsherrn von Tuna vor sich. Er lacht dröhnend …
Signe fährt herum. Ein Kasten mit Butter ist auf dem Erdboden gelandet. Sie bückt sich rasch danach, macht ein paar Schritte ins Schuppeninnere und stellt den Kasten ins Regal zurück. Ein schriller Pfiff lässt sie zusammenzucken. Unter dem Butterregal sitzt eine große Ratte auf der Mehlkiste. Die Ratte faucht und stemmt ihre Krallen in den Holzdeckel. Ihr Schwanz ist kräftig wie ein Seil. Signe begegnet dem Blick der Ratte. Sie hat schon viele Ratten gesehen. Einmal ist eine Maus in der Ausziehbank über das Gesicht der alten Kata gesprungen, aber schnell hinter dem Herd verschwunden. Diese Ratte bleibt sitzen. Duckt sich zum Sprung. Signe kommt zur Besinnung. Macht ein paar vorsichtige Schritte zur Seite, dreht sich hastig um und stürzt zur Tür hinaus. Sie kann das Entsetzen nicht mehr zurückhalten, schreit wie ein Schwein vor der Schlachtung, läuft, stolpert durch die Schneeflecken aufs Wohnhaus zu ohne aufzusehen. Bis ein Paar starke Fäuste sie bei den Schultern packen.
„Was ist los, zum Teufel!“
Sie starrt auf die behaarte Brust des Hausherrn, die unter dem offenen Arbeitshemd bloßliegt.
Nachts wirft sie sich auf der Ausziehbank hin und her und kann nicht zur Ruhe kommen. Die Wanzen quälen sie mehr denn je und sie schämt sich so sehr vorm Hausherrn. Sie hat sich wie ein kleines dummes Mädchen benommen. Aber er ist nicht böse geworden. Hat nur etwas gesagt, dass man sich auf dem Lande eben an Ratten und Dunkelheit gewöhnen müsse. Ist er der Meinung, sie sei eine Gans aus der Stadt, zu weich fürs Landleben? Aber sie hat Ludde gefunden. Das hat der Hausherr von Lillan erfahren und er hat zufrieden genickt.
Signe kratzt sich am Rücken. Stößt aus Versehen die alte Kata an, die sie mit ihren trüben Altfrauenaugen anblinzelt.
„Einmal hab ich eine Schöpfkelle voll Wasser über eine Standuhr gegossen, die war so voller Wanzen, dass sie falsch ging“, erzählt sie.
Signe seufzt. Die alte Kata hat zu fast allem etwas zu sagen, scheint alles zu wissen. Aber von Signes innersten Gedanken weiß sie nicht das Geringste. Nein, es muss ein gut gehütetes Geheimnis bleiben, dass Signe ihre Magdstelle kündigen will. Sie muss bis Oktober warten, dann bekommt sie ihre hundert Kronen. Im Herbst geht sie in die Stadt und macht sich auf die Suche nach ihrem Vater.
Sie sieht ihn auf dem Schemel in der Küche sitzen. Erinnert sich, wie er die Holzpuppe Stina für sie geschnitzt hat, dass die Holzspäne nur so über den Fußboden flogen. Hat ihr Mund und Hals gegeben und mit Ruß aus dem Herd ein Paar Augen verpasst. Keins der Kinder in den Schuppen von Vitabergen hat von seinem Vater eine Puppe bekommen, davon ist Signe überzeugt. Vater und sie gehören zusammen. Aber die Armut hat sie getrennt.
„Dieser verdammte Stempel der Armut“, hallt Vaters Stimme in ihr wider.
Schließlich muss sie doch eingeschlafen sein. Gegen Morgen wird sie wach, das Kissen hat sie gegen das Herz gedrückt.
„Du hast Besuch! Glotz nicht, sondern beeil dich!“
Die Hausfrau steht im Frühlingswind auf der Vortreppe und schreit mit ihrer piepsigen Stimme. Signe hört das Rufen am Waldrand, wo sie kleine Tannenzweige für Spülbürsten und Birkenzweige für Scheuerbürsten schneidet. Sie hebt den großen Korb hoch, in dem sie die Zweige sammelt.
Wer könnte sie besuchen? Aber am Trippeln der Hausfrau sieht sie, dass es ein wichtiger Besuch ist.
Im Dunkeln am Klapptisch sitzt eine Dame mit Hut und einem Mantel mit Pelzkragen. Signe bleibt auf der Schwelle stehen. Die Dame nippt an einer Kaffeetasse, stellt die Tasse auf den Unterteller und schaut auf. Die vollen Lippen öffnen sich zu einem Lächeln.
„Signe! Komm her, damit ich dich ansehen kann!“
Da weiß Signe, wer die Besucherin ist, und vergisst den strengen Blick der Hausfrau. Tränen laufen ihr die Wangen herunter, und mit wenigen Schritten ist sie bei der Dame und wirft sich ihr in die Arme.
„Beruhige dich“, sagt die Dame lachend und löst ihre Arme.
„Fräulein Åberg!“, schluchzt Signe.
In ihrer Aufregung stößt sie aus Versehen gegen Fräulein Åbergs Hut. Er fliegt der Dame auf den Schoß und entblößt das braun gelockte, aufgesteckte Haar. Einige Locken haben sich gelöst und ringeln sich über den Ohren. Das macht nichts, denkt Signe. Nichts lässt Fräulein Åberg unordentlich aussehen, wenn sie ihre braunen Augen zusammenkneift und lacht.
„Signe, steh nicht herum, setz dich!“
Fräulein Åberg wirft der Hausfrau ein blitzendes Lächeln zu, die so tut, als suche sie etwas im Büfett.
„Ich hoffe, es ist möglich, dass ich mich eine Weile mit Signe unterhalte?“
Die Hausfrau macht nur „hm“ als Antwort, traut sich vermutlich nicht, einer Dame aus der Stadt zu widersprechen.
Signe schüttelt leicht den Kopf. Sie muss aufhören das fröhliche herzförmige Gesicht anzustarren.
„Ich habe große Neuigkeiten, Signe …“, beginnt Fräulein Åberg.
„Hat Vater …“ Signe presst die Hand an den Mund.
„Wir werden auswandern.“
„Wir?“ Das ist ihr so herausgerutscht, und Signe fühlt sich dumm.
„Ja, mein Mann und ich. Ich bin frisch verheiratet.“
Fräulein Åberg streckt Signe ihre Hand hin, an der ein Goldring blitzt.
„Oh, wie schön!“, presst Signe hervor. Aber es hat ihr einen Stich versetzt. Sie darf nicht zeigen, dass sie sich nicht für Fräulein Åberg freuen kann.
„In einer Woche fahren wir mit dem Auswandererschiff Orlando von Göteborg ab. Ich wollte mich von dir verabschieden. Und dann habe ich dir die Bibel mitgebracht, die du vergessen hast.“
Fräulein Åberg wickelt die schwarze Konfirmationsbibel aus dem Papier und legt sie auf den Tisch.
„Dann bleiben Sie also nicht im Kinderheim, Fräulein Åberg?“
„Frau Jansson, Frau Jansson“, sagt Fräulein Åberg seufzend. Sie schüttelt den Kopf, dass die Locken tanzen. „Mein Mann hat eine kleine Druckerei, er hofft sie in Amerika ausbauen zu können. Sein Bruder ist schon drüben und hat uns auch schon eine Wohnung besorgt. Am meisten Sorgen mache ich mir wegen der Reise“, fährt Fräulein Åberg fort und zieht die Schultern hoch.
Signe hört zu, aber die Worte erreichen sie nicht. Sie will nicht verstehen. Fräulein Åberg erzählt ein Märchen und gleich wird sie lachen und sich ein neues ausdenken. Ihre liebste Lehrerin darf nicht verschwinden.
„Emil sagt, die Staatsbeamten haben dieses Land zerstört. Hunderttausende Schweden sind schon emigriert, denn in Amerika gibt es Arbeit für alle, die arbeiten wollen.“
Fräulein Åberg neigt sich zu Signe und fügt hinzu: „Er sagt, es ist besser für ein Land, wenn es keinen König hat.“
Signe schielt zu König Oskar und hofft, dass er es nicht gehört hat. Unbekümmert fährt Fräulein Åberg fort:
„In Amerika haben sie einen Präsidenten gehabt, der ist Holzfäller gewesen, und niemand hat ihn deswegen verachtet. Lincoln hat er geheißen.“
„Warum, Fräulein Åberg, haben Sie … Entschuldigung.“ Signe kann den fremden Namen nicht in den Mund nehmen.
„Für dich bleibe ich wohl immer Fräulein Åberg.“
Signe nickt steif und beendet ihre Frage:
„Eine Reise mit dem Schiff, ist die gefährlich?“
„Es ist wegen der Seekrankheit, Signe. Ich bete zu Gott, dass ich sie nicht bekomme. Und es kann auch Diebe an Bord geben. Wir haben den Rat erhalten, kein Geld in unser Gepäck zu tun und es deutlich zu kennzeichnen. Besonders vorsichtig muss man wohl sein, wenn Iren an Bord kommen. Die sollen wie die Raben stehlen.“
Signe hört mit offenem Mund zu. Begibt sich mit Fräulein Åberg in das Amerikamärchen. Sieht ein grünes Land mit wogenden Hügeln, auf denen es von fröhlich arbeitenden Menschen wimmelt. Mitten unter ihnen steht Präsident Lincoln mit Zylinder und weißem Bart. Er hebt eine Axt und teilt einen riesigen Holzkloben mittendurch.
Die Hausfrau klappert mit der Feuerzange am Herd. Fräulein Åberg versteht das Zeichen und setzt ihren Hut auf.
„Ein Knecht von Tuna wird mich bald abholen.“
„Müssen Sie schon gehen?“, fragt Signe traurig.
Das Lachen ist aus Fräulein Åbergs Augen verschwunden. Sie senkt die Stimme.
„Da ist noch etwas anderes, Signe …“
Der ernste Ton erschreckt Signe. Sie erhebt sich und greift wie eine Schlafwandlerin nach der leeren Tasse. Sie will nichts mehr hören. Jetzt ist es genug.
„Es geht um Alice. Ihr wart doch Freundinnen. Deswegen musst du es wissen, finde ich. Alice ist von uns fortgegangen.“
Die Tasse gleitet aus Signes Hand und zerschellt auf dem Fußboden.
„Die Tasse muss sie bezahlen! Dieses faule Mädchen! Sie müssen entschuldigen, aber jetzt muss Signe Feuerholz holen, damit heute Abend ein warmes Essen auf den Tisch kommt“, zischt die Hausfrau. Sie hat die Gelegenheit gesehen, endlich ihrer Magd Arbeit anzuschaffen.
„Natürlich, aber die Tasse bezahle ich.“
Energisch nimmt Fräulein Åberg ihre Geldbörse aus der Handtasche. Die Hausfrau wirft Signe einen bösen Blick zu, wagt aber nicht zu widersprechen. Nimmt die Münze entgegen und neigt den Kopf vor der Dame aus der Stadt.
Signe ist erstarrt. Alice, ihre Alice ist fort. Tot? Sie kann es nicht mehr fragen, stiert immer noch auf den Fleck auf dem Dielenboden, wo eben noch Fräulein Åberg gestanden hat. Wie in einem Traum sieht sie sie durchs Fenster über den Hof dem Fuhrwerk von Tuna entgegenlaufen. Fräulein Åberg winkt mit einem Taschentuch. Aber Signe kann nicht zurückwinken, ihre Arme gehorchen ihr nicht. Sie hockt sich hin und greift nach den Scherben. Schließt ihre Hand fest darum. Ein roter Tropfen Blut quillt zwischen ihren Fingern hervor.
Billige Apfelsinen!
Der Wind zerrt an den roten Locken und der Korb hüpft an ihrem Arm, als sie sich bergan die Götgatan hinaufkämpft. Der Wind pfeift von Saltsjön, dem meerseitigen Salzsee mit der Hafenbucht, und die Menschen schieben sich an den Hauswänden entlang.
Ob sie zu Romdals am Hügel gehen soll? In Romdals Schenke sitzen Droschkenkutscher und Fuhrleute. Sie genehmigen sich eine Pause auf dem Weg die Götgatan hinauf. Ein Bier und ein Schnaps mit einem Stück Knäckebrot dazu. Sie wirft einen hastigen Blick in den Korb, in dem die beiden Apfelsinen herumrollen. Für die hat sie ihr letztes Geld ausgegeben, jetzt müssen sie ihr auch etwas einbringen.
Nach einem raschen Besuch in der dunklen Schenke ist sie wieder unterwegs. Es ist später Nachmittag und Stockholms blaue Dämmerung senkt sich über Straßen und Gassen.
„Du da mit dem Korb!“, ruft ein Bierkutscher.
Er bremst seine Fuhre oben auf dem Hügel, dass die Flaschen klirren, aber das Mädchen antwortet nicht.
An der Ecke zur Högberggatan steht Lieder-Olle. Wie gewöhnlich ist er von einem Haufen Kinder umgeben, die ihn anbetteln ein Lied zu singen.
Sie überquert schnell die Straße, er darf sie nicht entdecken. Lieder-Olle ist zwar als freundliche Seele in ganz Söder, dem südlichen Teil von Stockholm, bekannt, aber er ist Polizist.
Einige kleine Jungen lösen sich aus dem Haufen um den Polizisten und laufen zur Apotheke.
„Feine Schlänglein!“, grölen sie.
Ein barfüßiger Junge in einer grauen ausgefransten Jacke trägt eine Blechdose. Er lüftet den Deckel und wedelt ein paar Frauen mit einer Schlange vor der Nase herum.
„Verflixte Racker!“, schimpfen sie und wenden sich ab.
Die Straßenjungen warten auf die Korbträgerin.
„Willst du die im Korb haben?“, fragen sie grinsend.
Aber sie ist schnell und lässt den Korb auf den anderen Arm gleiten. Die Schlange wäre fast über den Blechdosenrand entwischt. Die Jungen kreischen erregt. Der größte von ihnen übernimmt das Kommando:
„Denk an das Geld, Klein-Oskar!“
Klein-Oskar legt den Deckel auf die Dose, und zusammen mit den anderen Jungen betritt er die Apotheke.
Die Schlange haben sie mit Astgabeln in den Tjurbergen gefangen, ein gewöhnlicher Aufenthalt für Kreuzottern, Ringelnattern und die armen Jungen von Söder. Wenn sie Glück haben, bekommen sie 40 Öre für die Schlange, denkt das Mädchen. Vielleicht sind sie welche von den Tausenden von Kindern, die allein zurechtkommen müssen, so, wie sie das auch einmal musste.
Auf der Straße ist es am sichersten, wenn man schnell geht und so auszusehen versucht, als hätte man etwas zu erledigen. Nicht antworten, wenn man angesprochen wird, nicht auf der Straße. Sie hat beschlossen, sich an die Schenken zu halten, die liegen an der Götgatan dicht an dicht.
Sie kann es nicht lassen einen Blick in die „Traube“ zu werfen. Dort prangen glänzend weiß gedeckte Tische und auf dem Büffet eine versilberte Branntweinterrine. Die Stuhlsitze sind gepolstert, keine harten Holzschemel wie in den meisten Schenken an der Götgatan.
Aber sie traut sich nicht hinein. Die Herren dort drinnen sind Großhändler. Die „Traube“ ist zu fein für sie.
Ein leichter Regen trommelt auf das Kopfsteinpflaster und macht es schlüpfrig. Das Mädchen verliert die Balance und hätte fast den Korb fallen lassen. Späht zum Zoll hinunter, wo das Blechschild der Schenke „Zum Anker“ im Wind schwingt.
„Zum Anker“ nur im Notfall, falls keiner der Bauern im „Goldenen Bett“ anbeißt, beschließt sie.
Diese Schenke nahe beim Skanstull ist bekannt als die übelste Säuferhöhle der Götgatan. Dort sitzen die Schlachterknechte aus den Schlachtereien am Hammarbysjö. Die beschaffen sich durch Fuchsjagd Geld zum Saufen, locken die Füchse mit dem Schlachtabfall an. Die Knechte legen Fallen aus und verkaufen Fuchsfelle. Die wärmen im Winter die Hälse der Frauen. Aber sie möchte keinen Pelz der armen Leute haben, wie die Fuchsfelle genannt werden. Nein, eines Tages wird sie einen richtig feinen Zobelpelz besitzen.
Das Mädchen drückt die Tür zum „Goldenen Bett“ auf.
„Billige Apfelsinen!“, ruft sie durch den Raum.
Einige der Gesellen, Droschkenkutscher und Fuhrleute, schnalzen anzüglich. Ein großer Bauer stellt sein Bierglas mit einem Knall auf den Tisch und spuckt den Kautabak auf den mit Sägespänen bedeckten Fußboden.
„Ihre Haare haben dieselbe Farbe wie die Apfelsinen!“, beantwortet er ihren Ruf.
Die junge Frau fährt herum. Ihre grünen Augen blitzen den Mann an.
„Hoppla! Sie hat wohl Feuer. Das gefällt uns Bauern von Södertörn“, dröhnt er.
Das Mädchen findet sich ab. Verwandelt den Zorn in Lachen. Drängt sich zwischen den groben, gelb gestrichenen Tischen durch, deren einziger Schmuck aus Ringen von unzähligen Biergläsern besteht.
„Möchte er vielleicht mal probieren?“, fragt sie einschmeichelnd.
Der Bauer zieht sie auf seinen Schoß. Die Männer rundherum lachen erregt. Treiben weiter ihre Späße über ihre Haarfarbe. Die Hand des Bauern tastet sich unter ihre Jacke. Kneift in ihre Hüften. Die Männer nennen sie Rotkäppchen, wollen unbedingt ihren richtigen Namen wissen. Aber das Mädchen gibt freche Antworten.
Der Bauer von Södertörn trinkt eilig sein Glas aus. Er nimmt sie am Arm und sie achtet darauf, dass sie ihren Apfelsinenkorb nicht verliert.
Der Bauer wechselt ein paar Worte mit dem Wirt, der an der zinkverkleideten Theke im hinteren Teil des Raumes steht. Das Mädchen zeigt auf das große Branntweinfass, das hinter der Theke aufgebockt ist.
„Gib mir einen randvollen und einen kleinen für das Apfelsinenmädchen!“, sagt der Bauer und wirft eine 10-Öre-Münze auf die Theke. Der Wirt schiebt ihnen die Schnäpse zu, einen vollen und einen kleineren. Sie streckt rasch die Hand aus und kippt den Schnaps hinunter. Im Dunkel hinter der Theke öffnet der Wirt dem Paar eine Tür und schließt sie hastig hinter ihnen.
Alice stopft den Stoffbeutel in den Rockbund. Die Münzen drücken sie an der Seite, aber das dürfen sie gern.
Der Bauer von Södertörn ist großzügig gewesen. Ganze zehn Kronen liegen in dem Beutel, nachdem der Wirt sich die Hälfte genommen hat, außerdem hat sie einen Schnaps bekommen. Sie braucht ein wenig Branntwein, damit die Veranstaltung gelingt. Um die dummen Kerle glauben zu lassen, dass ihr Lachen und die verliebten Blicke echt sind.
Sie ist allein in dem engen, zugigen Zimmer auf der Stora Glasbruksgatan. Die Wände sind nackt, mit Leim bestrichen. Nur eine ist mit alten Zeitungen tapeziert. In einer Ecke steht ein qualmender Kamin. Unter der Decke hängen Rußflecken.
Das Zimmer wird der Schuhkarton genannt. Sie teilt es mit zwei Mädchen aus dem südschwedischen Småland. Sie sind alle Untermieterinnen der Witwe Svensson. Sie wohnt mit ihren kleinen Kindern und einigen Arbeitern, die sich bei ihr eingemietet haben, in der Küche. Tagsüber sind die Mädchen aus Småland bettelnd auf den Straßen unterwegs. Sie hätten in Småland bleiben können, findet Alice. Allzu viele Landpomeranzen sind in die Stadt gekommen.
Alice ist zufrieden mit dem Schuhkarton. Es ist ihr erstes eigenes Zuhause. Sie sitzt auf einer zerlumpten Strohmatratze und tastet den Geldbeutel ab.
Genießt die Einsamkeit. Heute will sie Kleider kaufen. Neue Kleider. Die alten, von den Strümpfen, die nur noch durch die Stopfstellen zusammenhalten, bis zum Schal, sind gründlich abgenutzt. Sachen, die die Bibelfrauen als Almosen für die Kinder im Kinderheim bekommen haben. Neue, saubere Kleider werden ihre Einkünfte erhöhen.
Sie streckt sich auf der Matratze aus. Spannt ihren kleinen Körper zu einem Bogen. Lächelt über ihre Schlauheit. Etwas Dunkelgrünes will sie haben. Die Farbe passt gut zu ihren Haaren. Und der Rock soll die Hüften betonen. Feine Herren verstehen etwas von guter Kleidung, und feine Herren haben genug Geld, das sie gut gekleideten properen Mädchen spendieren können.
Sie schaut zu den Apfelsinen im Korb. Die müssen noch oft an die frische Luft, aber heute Abend erspart sie es sich. Nach Schlag elf nimmt es die Polizei besonders genau mit einsamen Frauen. Nach dieser Uhrzeit dürfen sich die Registrierten gar nicht mehr draußen zeigen. Zu denen gehört sie nicht. Doch wird sie erwischt, ist sie gezwungen, sich an die Regeln zu halten, die die Behörde für Prostituierte festgesetzt hat. Alice schleudert die Stiefel von ihren Füßen. Von Regeln hat sie im Kinderheim genug bekommen. Sie muss vorsichtig sein, sich an zuverlässige Wirte halten, solche, die nicht mit der Polizei zusammenarbeiten. Hunderte von Frauen in Stockholm leben davon, dass sie ihre Körper verkaufen. Sie sind bei der Prostituiertenbehörde registriert und müssen zweimal in der Woche beim Amtsarzt erscheinen und sich untersuchen lassen.
In dem widerlichen Kurhaus will sie nicht landen. Hat man sich angesteckt, kann man eingelocht werden. Das hat sie von erfahrenen Mädchen gehört. Nein, sie lässt sich nicht registrieren. Sie will ihr Gewerbe wie so viele andere verschwiegen betreiben. Draußen anständig gekleidet erscheinen. Den Herren nicht nachrufen. Keine Bordelle betreten. Viele Mädchen halten sich so über Wasser wie sie, ohne das Wissen der Polizei. Apfelsinenmädchen und Seifenverkäuferinnen gehören schon zum alltäglichen Bild in Schenken und an Straßenecken.
Alice nimmt eine Apfelsine in die Hand, kontrolliert, dass sie noch nicht verfault ist. Der würzige Duft sticht ihr in die Nase. Die Apfelsinen sind für etwas anderes nötig, als für eine Weile den Hunger zu stillen. Sie verleihen ihr die Rolle als Straßenverkäuferin und sind die Eintrittskarte in die Schenken. Die Apfelsinen wechseln selten ihren Besitzer. Sie sind ihr Schutz.
Die Matratze ist feucht. Sie bibbert, obwohl sie schon alle Kleider trägt, die sie hat. Ein Schluck Schnaps wäre jetzt gut. Er würde im Hals brennen und in den Magen laufen, den Körper wärmen wie eine Schmusekatze. Den einen oder anderen Schluck hat sie genommen. Aber eine Säuferin wie ihre Mutter, Hut-Klara, will sie nicht werden.
Hut-Klara trägt immer einen großen Hut mit getrockneten Blumen. Alice hat von den anderen Straßenmädchen gehört, dass ihre Mutter im Zuchthaus sitzt.
Ein Schutzmann, der in der Nähe von Slussen, der Schleuse unten beim Hafen, patroullierte, hatte einen Mordslärm von einer Mietdroschke gehört. Das Pferd mit Wagen stand an einer Straßenecke, ein Kutscher war nicht zu sehen. Deshalb schlich sich der Schutzmann an und riss die Tür auf.
Drinnen zankte sich Hut-Klara mit einem Fuhrknecht. Der Knecht hatte ihr einen Schuh an den Kopf geknallt und ihren Hut zerknautscht. Aber Hut-Klara wusste sich zu wehren. Sie hatte ihm eins übers Auge gegeben wie der übelste Hafenschläger.
Der Fuhrknecht hatte seine Arbeit verloren und Hut-Klara wurde wegen Hurerei verurteilt. Der Wagen war nicht nur Hut-Klaras Heim, sie hatte den Knecht damit durch die Straßen kutschieren lassen und Kunden hereingelockt. Während sie die Kunden bediente, musste der Fuhrknecht ruhig in den Parkanlangen auf Djurgården und in anderen menschenleeren Straßen herumfahren. „Porzellan fahren“, nannte man das. Aber Hut-Klara ist nicht gerade aus zartem Material, denkt Alice verächtlich.
Sie denkt an die eingesperrte Frau als Hut-Klara. Eine richtige Mutter hat sie nie gehabt. Hut-Klara hat sie als Siebzehnjährige in einem elenden Loch, nicht größer als ein Schuhkarton, geboren. Unter Huren und Säufern hat Alice ihre ersten Lebensjahre verbracht. Als sie drei Jahre alt war, wurde sie von der Polizei beim Betteln geschnappt und zu den Bibelfrauen gebracht. Eine Freundin von Hut-Klara gab an, die Mutter habe sich auf Wanderschaft begeben, um ihren Beruf in der Gegend von Uppsala auszuüben, und ihr Kind zurückgelassen.
„Uneheliches Kind der Herumtreiberin Klara Johansson“, schrieb Fräulein Qvennerstedt in ihr Journal.
Alice grinst zufrieden. Für ihren Teil hat die Choralsingerei ein Ende und auch das Scheuern von stickigen Holzfußböden auf Knien. Kein Schimpfen und Meckern mehr, wie faul und unbeherrscht sie ist.
„Niemand kann sich so verstellen wie Alice, sie ist ein richtiges Theateräffchen“, pflegte die Qvennerstedtsche zu sagen. Sie beherrscht wahrhaftig die Kunst, den Männern den Kopf zu verdrehen. Neckt sie, das reizt die Männer. Lacht über ihre Scherze, tritt fröhlich und keck auf. Bringt ihre schmale Taille zur Geltung und zwinkert mit den grünen Augen.
Sie atmet den Duft nach dem frisch gebackenen Brot ein, das sie auf dem Heimweg gekauft hat, um ihren Erfolg zu feiern. Beißt ein Stück ab. Frisches Weißbrot, das darf man sich heute gönnen. Genießt. Wenn die alte Qvennerstedt sehen könnte, wie sie Gottes Brot isst, das sie für Hurengeld gekauft hat, würden ihr die Augen aus dem Kopf fallen. Aber die alte Schachtel hat nicht mehr über sie zu bestimmen. Magd wird sie nie werden. Sie soll kein Witwer gratis betatschen dürfen. Wenn die Kerle tatschen wollen, müssen sie bezahlen. Und niemand soll je wieder über sie bestimmen, das gelobt sie sich.
Signes weiches Gesicht tritt in der Abenddunkelheit hervor. Signe, die sich angestrengt hat, die immer ihr Bestes tut. Wie dumm von ihr. Rackert sich jetzt vermutlich das Leben aus dem Leib beim Kleinbauern auf Värmdö. Signe und sie sind beste Freundinnen gewesen. Aber sie, Alice, ist die Stärkere. Hat Rat für sie beide gewusst, wenn das Regiment der Qvennerstedtschen zu hart wurde. Signe hat sie gebraucht.
Alice schüttelt ihre Locken. Nein, es ist am besten, man sorgt für sich selbst und hängt sich an niemanden.
Du hast ja Hunger, Kleine!
Das entfernte Hufeklappern treibt Signe in den Graben. Am Wegrand wachsen ein paar dichte Espen, und Signe wirft sich dahinter, kauert sich hin. Lauscht. Ja, die Pferde kommen näher. Die Angst vor der Dunkelheit klumpt sich in ihrer Magengrube. Aber immer noch kann sie die Umrisse der Baumwipfel in der Frühlingsnacht erkennen. Die Angst vor der Dunkelheit darf jetzt nicht Oberhand gewinnen, sie muss es aushalten.
Die Innenseiten ihrer Schenkel sind klebrig und sie streicht mit der Hand darüber. Es ist zu dunkel, um etwas zu erkennen. Strenger Blutgeruch sticht ihr in die Nase, gemischt mit etwas Säuerlichem. Die Grimasse des Bauern taucht wieder vor ihr auf. Seine Hände, die sie festhalten.
„Die schöne Signe braucht keine Angst zu haben“, keuchte er, während Baumwurzeln und Tannennadeln sie am Rücken kratzten, wie eine Eisenstange der Schmerz in ihr. Und das Säuerliche, Klebrige, das immer noch ihre Haut verschmiert. Sie hatte nicht gewagt sich zu rühren, als der Bauer sich über sie hermachte. Er hatte ihr nicht einmal den Mund zugehalten, war sicher gewesen, dass sie sich nicht trauen würde zu schreien. Jetzt kann sie die Übelkeit nicht mehr zurückhalten. Sie übergibt sich, ein Glück, dass sie schon am Boden liegt, so sind ihre Kleider geschützt.
Er hatte sich angeschlichen, als sie Birkenreisig auf einer Waldlichtung sammelte. Hatte sie mit einem Handgriff umgeworfen. Zuerst hatte sie geglaubt, er wolle mir ihr scherzen, wie er mit den kleinen Mädchen scherzte. Lachte, wenn sie durch das alte Laub vom letzten Jahr rollten. Sie mochte den Bauern ja. Aber sein roher Griff lehrte sie etwas anderes.
Nach ein paar Minuten ist die Übelkeit vorbei und ihr Körper fühlt sich leichter. Wie eine Tochter sein, hatte er gesagt. Zorn, Verwunderung und Ekel mischen sich in ihr, werden zu Entsetzen. Niemals mehr im Leben will sie Einar Karlsson wiedersehen.
Wind raschelt in den Büschen und Zweigen, in ihr singt die Stimme der alten Kata:
„Die Espe ruft, sucht, sucht,
die Linde flüstert, ruh dich aus …“
Wann darf sie sich ausruhen? Ihr scheint, die Reiter sind näher gekommen. Männer zu Pferde, die die Jagd nach dem verschwundenen Mädchen aufgenommen haben. Der Hausherr, der Gutsherr, die Polizei? Leise wie eine Maus drückt sie sich auf die Erde und klammert sich am Vorjahrsgras fest.
Hinter der Mühle von Danvikstull fällt der erste Sonnenstrahl auf eine Lichtung. Signe läuft hin, aber die Morgensonne wärmt noch nicht. Sie klappert mit den Zähnen und reibt ihre Arme, dass die Wolljacke über die Gänsehaut kratzt. Kein Mensch ist zu sehen. Auch keine Wohnhäuser, nur ein paar windschiefe Schuppen bei der Mühle. Sie muss sich ausruhen trotz der Morgenkühle. Streckt sich im Gras aus. Hunger nagt in ihrem Magen. Trotzdem ist sie wenigstens ein bisschen zufrieden. Sie hat Danviken erreicht, den Stadtrand, nachdem sie Tage und Nächte gewandert ist. Endlich kann sie für einen kurzen Augenblick die Augen schließen.
Die Feuchtigkeit der Erde dringt durch ihre Kleider, aber sie achtet nicht darauf, streckt die Beine aus. Hinter ihren Augenlidern flimmert es schwarz und rot. In ihrem Kopf hämmert es: angekommen in Stockholm, angekommen in der Stadt.
Die Stadt kennt sie wie ihre eigene Schürzentasche. Jedenfalls den südlichen Stadtteil Söder. Bald muss sie etwas zu essen auftreiben, aber zuerst muss sie Arme und Beine ausruhen.
Ein Wiehern und ein dumpfes Geräusch schrecken sie auf. Sie robbt ein Stück vorwärts auf dem Bauch, kann aber keinen Reiter entdecken. Da wieder dies Geräusch wie gegen eine Holzwand. In den Schuppen scheinen Pferde untergebracht zu sein. Das Morgenlicht, das durch die Ritzen hereinsickert, hat die Pferde geweckt. Sie muss hier weg! Bald kommt der erste Kutscher und spannt sein Pferd vor den Wagen. Signe friert noch mehr und sie braucht etwas zu essen. Sie tastet in ihrer Schürzentasche und findet ein Stück Wurzel vom Tüpfelfarn. Gierig kaut sie auf dem süßlichen Sehnigen. Während ihrer Wanderung haben Wurzeln und Tannenharz sie am Leben erhalten. Sie hat kein Geld und nichts zu verkaufen.
Signe hockt sich hin, um ihr Wasser zu lassen, denn Wasser hat sie getrunken. Regenwasser, Tümpelwasser, mit aller Arten Wasser hat sie ihren Magen gefüllt, um die schlimmste Hungerpein zu bannen.
An einem Südhang schwanken im hellen Frühlingsgras Knospen. Signe stößt einen kleinen Freudenschrei aus. Endlich hat Gott ihre Lage erkannt! Mit zitternden Händen pflückt sie alle aufgeblühten Maiglöckchen. Die wird sie verkaufen und sich für das Geld Brot kaufen. Richtiges Brot. „Nein, noch nicht an Brot denken“, murmelt sie wie einen Choral vor sich hin. Es wird noch furchtbar lange dauern, ehe sie eine der Schenken erreicht, wo die Blumenmädchen ihre Sträuße anbieten. Jetzt kommt es darauf an, dafür zu sorgen, dass sich die Maiglöckchen halten. Sie bindet den Strauß mit einem Grashalm zusammen und wickelt die Stängel in feuchte Blätter vom Wegerich ein.
Die Hand mit dem Blumenstrauß fängt an zu schwitzen. Sie beißt sich in die Unterlippe. Möchte jemand unaufgeblühte, duftlose Maiglöckchen kaufen? Aber sie sind ihre einzige Möglichkeit an Brot zu kommen. Weiches, duftendes Brot. Sie kann sich den Brotgeruch nicht einmal mehr vorstellen, es scheint Ewigkeiten her zu sein, seit sie zuletzt vom Roggenbrot der alten Kata gegessen hat.
Die Menschen sind erwacht und unterwegs zu ihren Arbeitsstellen. Zigarrenmacherinnen, Handelsgehilfen und Schlachterknechte zu Fuß. Viele haben einen weiten Weg und müssen in aller Herrgottsfrühe aufstehen, um andere Stadtteile rechtzeitig zu erreichen. Denn arme Leute können es sich nicht leisten, jeden Morgen eine Pferdedroschke zu nehmen.
Signe traut sich nicht, Söder auf einer der größeren Straßen zu durchqueren. In der Nähe der Zollstation hat die Polizei vielleicht besonders ein Auge auf Entflohene. Sie schleicht Barnängen hinunter und geht am Hammarbysjö entlang. Begegnet einer Schar Mädchen aus Dalarna, der ländlichen Gegend nordwestlich von Stockholm, die auf dem Weg zu den Webstühlen der Weberei Gavelius sind. Die hübschen Trachten der Mädchen lassen Signe sich wie eine armselige dreckige Ratte fühlen.
Der Wind trägt einen scharfen Geruch über den See. Auf einem Steg stehen ein paar Jungen und angeln. In der Sonne liegt ein Haufen glänzender Fische.
„Möchtest du eine große Plötze kaufen?“, schreit einer der Jungen. Er kommt mit einem zappelnden Fisch in der Faust auf sie zugelaufen.
Signe schüttelt den Kopf. Selbst wenn sie Geld hätte, würde sie lieber hungern, als in die stinkenden Plötzen aus dem Hammarbysjö zu beißen. Es heißt, die Plötzen werden so groß, weil das Kloakenwasser von den Vororten direkt in den See fließt.
„Gib’s den Katzen“, antwortet sie.
Der Junge knallt den Fisch in eine Pfütze, sodass Wasser bis auf Signes Rock spritzt. „Die Lumpenziege bildet sich wohl ein, sie ist ein feines Fräulein!“, grölt er, füllt die Lungen erneut und grölt weiter: „Hast du heute Nacht nicht genug verdient, dass du dir eine Plötze leisten kannst?“
Signe geht schneller, hat keine Kraft, dem Jungen zu antworten. Seine Kumpane haben sich zu ihm gesellt.
„Lumpenziege, Säuferliese!“, brüllt der kleine Schreihals und seine Kameraden fallen ein: „Lumpenliese, Hurenziege!“ Sie zeigen mit den Fingern auf sie und laufen ihr ein Stück nach. Sie schaudert. Die Wörter hämmern hinter ihrer Stirn und sie streicht sich mit der Hand über die Haare. Sieht sie so entsetzlich aus? Aber der Zopf hält immer noch zusammen, und wie „so eine“ kann sie doch wohl nicht aussehen.
„Guter Gott im Himmel“, flüstert sie vor sich hin.
Die Möwen haben die Plötze entdeckt und tauchen kreischend im Sturzflug nach ihr. Die Jungen stürzen hin, um ihren Fang zu verteidigen.
Signe versucht Atem zu schöpfen, geht langsamer. Aber sie muss zu den Schenken beim Skanstull. Damit sie Geld für die Blumen bekommt.
Das Tor zum „Goldenen Bett“ steht offen, und eine kleine Menschenmenge, meistens Frauen, hat sich davor versammelt. Eine kräftige Männerstimme klingt über den Platz. Signe stellt sich neben eine alte Frau, die einen Korb mit Reisigbesen auf dem Arm trägt. Der Sänger zieht die Töne in die Länge. Seine Stimme vibriert, ist aber sicher und kräftig.
Signe seufzt so laut, dass die Alte mit den Besen ihr auf den Arm klopft. „Du brauchst wegen der ‚Schönen Rose‘ nicht zu seufzen, davon hast du nichts. Er lebt endlich in geregelten Verhältnissen mit einer ordentlichen Frau.“
Die freundliche Stimme wirkt entspannend auf Signe. Tränen brennen in ihren Augen. Sie versucht wegzugucken.
„Du hast ja Hunger, Kleine.“
Die Alte gräbt unter den Reisigbesen und holt einen halben Brotlaib hervor, den sie Signe in die Hand drückt. Da kommt Signe zu sich und macht einen tiefen Knicks.
„Gott segne Sie.“
Die Alte blinzelt verschmitzt und sagt schmunzelnd: „Hunger kennt unsereins wahrhaftig.“
Signe beißt in das Brot, stopft sich den Mund voll. Es ist zäh und sie muss lange kauen. Bald widerstrebt es ihr, der Magen scheint voll zu sein.
„Wenn du ausgehungert bist, reicht nur wenig. Steck dir den Rest in die Tasche!“, ermahnt sie die Alte. Signe gehorcht automatisch. „Und mach dir keine Hoffnungen auf den großen Sänger!“
Die Alte hat gesagt, was sie zu sagen hatte, und trabt davon in Richtung Marktplatz.
Von der „Schönen Rose“ hat Signe schon gehört. Er tritt in einem richtigen Theater auf und es geht das Gerücht, dass er ein Frauenliebhaber ist. Zwei junge Schwestern, heißt es, haben sich aus unglücklicher Liebe zu ihm ertränkt.
Signe seufzt. Sich wegen eines Mannes zu ertränken! Frauen können ganz schön dumm sein. Nein, glückliche Liebe gibt es nicht. Aber ein freundliches Wort erwärmt das Herz. Niemand außer Fräulein Åberg hat so freundlich mit ihr gesprochen wie eben die Alte. Und das scheint schon Ewigkeiten her zu sein.
Signe späht die lange Straße hinunter, aber der graue Schal der alten Frau ist verschwunden. Der Sänger ist verstummt und die Menschenansammlung löst sich auf. Frauen mit kleinen Kindern auf den Armen machen sich auf den Weg zum täglichen Einkauf. Und wer keine Münzen hat, um sich etwas dafür zu kaufen, bettelt vor den Schenken des Säuferhügels. Signe steht wie festgewachsen da. Weiß nicht, was sie machen soll. Die Maiglöckchen kleben in ihrer Hand, ihre Knospen hängen schlaff herunter. Niemand will sie jetzt mehr haben, aber wegwerfen kann sie sie auch nicht.
Einige Bierfahrer sind auf dem Weg in die Schenke und werfen ihr anzügliche Blicke zu.
„Möchte das Fräulein ein bisschen Spaß haben?“, fragt einer und versetzt ihr einen Stoß in die Seite.
Wie ein Pferd, dessen Kutscher an den Zügeln geruckt hat, stürmt sie davon in Richtung Norden. Sie muss weg vom Säuferhügel, weg von den Lotterkerlen. Bis zur Katharinakirche kann sie gehen, dort nach Alices Grab suchen und die Blumen darauf legen. Wenn Alice denn bei ihrer Konfirmationskirche begraben liegt? Fräulein Åberg ist gar nicht dazu gekommen zu erzählen, wo Alice ruht.
Gedanken wirbeln ihr durch den Kopf: Alice, die Polizei, dazu die Stadt mit ihren vertrauten Geräuschen, Hufgeklapper, Menschenstimmen. Irgendwo in diesem Gewimmel ist ihr Vater. Aber ihm will sie am allerwenigsten begegnen in ihrem miserablen Zustand.
Die Glocken der Katharinakirche schlagen. Unter einem der großen Laubbäume, die ihre knorrigen Äste in den Abendhimmel strecken, schaut ein Paar abgetretener Stiefel hervor.
„Wir teilen zu gleichen Teilen, aber das Stück Wurst gehört mir!“
„Dann teilen wir ja gar nicht, Anna!“
Die beiden Stimmen tönen über den Friedhof.
„Aber ich kriege immer mehr zusammen als du. Guck in mein Bündel!“
„Das ist nicht gerecht. Wir wollten doch zu gleichen Teilen teilen, das hast du selbst gesagt.“
Die Stimmen sind wie aus einem Traum, sie gehen sie nichts an. Die Glockenschläge nehmen sie mit sich.
Ein durchdringender Schmerz am Fußknöchel holt sie in die Wirklichkeit zurück. Sie wimmert, jemand tritt sie gegen den anderen Zeh.
„Sie bewegt sich!“
„Herr im Himmel, hier kann sie nicht liegen bleiben.“
Wieder schweben die Stimmen über ihr.
„Hilf mal, Beda, wir müssen das Mädchen auf die Beine stellen!“
Hände packen ihren Körper, schleifen ihn, lehnen ihn gegen den Baumstamm. Sie lässt es geschehen.
„Kneif sie! Kneif!“
Eifrige, warme Finger zwicken in ihre Wangen. Sie blinzelt durch die Augenwimpern, kann aber nichts deutlich erkennen. Sie sind ganz nah über ihrem Körper. Klopfen ihr den Rücken, kneten ihre Schultern und Arme. Vielleicht will die Qvennerstedtsche etwas von ihr? Oder ist es Alice … Erst als jemand versucht ihr die Nase umzudrehen, schreit sie laut. Da hört die unsanfte Behandlung auf.
Erschrocken starrt Signe auf zwei Mädchen in ihrem Alter. Beide haben lange braune Zöpfe, die ihnen über die Brust hängen. Das eine Mädchen greift nach einem Bündel und starrt sie an, als hätte es einen Geist gesehen.
„Geh nach Hause, sonst wirst du von einem Totengräber vergraben“, sagt sie langsam.
„Wir haben gedacht, du bist tot“, sagt das andere Mädchen.
Ihre Stimmen klingen verärgert. Sie sprechen einen Dialekt, den Signe kennt.
„Was hab ich denn getan? Wo bin ich?“, stammelt sie.
Arme und Beine sind steif und schmerzen.
„Auf dem Friedhof“, antworten die Mädchen im Chor.
Glotzen sie an, als ob sie verrückt wäre.
Wieso ist sie auf dem Friedhof? Ist sie tot gewesen und wieder zum Leben erwacht?
Signe beißt sich auf die Fingerknöchel. Aus dem Magen steigt ihr dicker Schleim in den Hals. Sie fällt über eine Baumwurzel und lässt das Eklige hervorquellen. Tränen und Rotz mischen sich unter lautem Schluchzen.
Es hat angefangen zu regnen. Die Tropfen fallen klatschend auf die Grabsteine.
„Wir müssen sie mit in den Schuhkarton nehmen“, sagt das Mädchen mit dem Bündel leise, „bis sie sich beruhigt hat.“
Die Hände klammern sich um den Becher mit dem warmen Brei. Signes steife Finger tauen auf, der körnige Brei sickert die Kehle hinunter und legt sich wie Watte um ihre Magenwände. Sie nimmt kleine Schlucke, möchte, dass die Leben spendende Nahrung lange reicht.
In einer Ecke steht ein eiserner Kamin. Die Luke ist halb offen. Signe würde viel für ein knisterndes Feuer geben. Aber die Mädchen können sich wahrscheinlich kein Feuerholz leisten. Trotz des Breis schaudert sie vor Kälte. Sie kneift sich in die Haut, aber die Kälte sitzt tief im Körper wie das Eis im Frühling an einem Nordhang. Wortkarg hat sie von ihrer Flucht in die Stadt erzählt, aber nicht, was der widerliche Hausherr getan hat. Er hat mich sehr geschlagen, hat sie nur gesagt. Die Mädchen haben genickt und gemurmelt, dass es bei ihnen zu Hause genauso war.
Anna und Beda haben das Bündel geöffnet und das Tuch wie eine Decke auf dem aufgerauten Holzfußboden ausgebreitet.
„Eine Krone und fünfundsiebzieg Öre“, zählt Anna.
Sie ist die ältere der beiden Schwestern. Man könnte sie fast für Zwillinge halten, denkt Signe. Sie sitzt zusammengekauert auf einer Strohmatratze in dem engen Zimmer. Ein Jahr trennt sie. Anna, die Kräftigere, ist die Redegewandtere. Sie bestimmt, was zu tun ist, und macht es. Beda, die ein wenig weinerlich wirkt, fügt sich den Beschlüssen der Schwester.
„Wie schön ihr es hier habt“, sagt Signe.
„Na, endlich wirkt der Brei“, sagt Anna lächelnd.
Auch über Bedas spitznasiges Gesicht breitet sich ein Lächeln.
Anna fährt fort: „Es ist wahrhaftig himmlisch in unserem Schuhkarton. Als wir nach Stockholm kamen, haben wir erst in einer Reisighütte im Stadtwald gewohnt.“
„Wir haben sie selbst gebaut. Aber es gibt so teuflische Menschen, die …“, unterbricht Beda sie.
„Nimm seinen Namen nicht in den Mund! Wenn Mutter dich hören könnte!“, weist Anna sie zurecht.
Beda wirft ihr einen giftigen Blick zu.
„Viele sind aus Småland gekommen wie wir. Auch aus Dalarna und von andernorts, viele Kinder haben sie mitgebracht.“
Anna redet weiter. Sie spricht das R kratzig aus und erzählt sehr langsam, damit Signe Zeit hat, sich das Durcheinander im Stadtwald vorzustellen.
„Manche hatten Zeltplanen dabei und haben sich daraus ein Dach gebaut. Oder haben Reisig im Wald gesammelt wie wir.“
„Wie man eine Höhle baut, haben wir von unserem Bruder gelernt. Wald gibt es genug in Småland. Ich sehne mich danach.“
Pulsuz fraqment bitdi.