Kitabı oxu: «Praxisguide Fahrtensegeln»
LEON SCHULZ
PRAXISGUIDE
FAHRTEN SEGELN
VOM TRAUM ZUM TÖRN


Für Gaby, die sich zu jedem Segel-Saisonstart einen kompakten Refresher wünscht. Mögen wir noch viele Jahre gemeinsam, sicher, komfortabel und gemütlich die Welt mit unserem Segelboot bereisen und erkunden.
INHALT
Einleitung
Das Segelrevier
Das Fahrtenschiff
Konstruktion und Ausbau
Innenausstattung
Sicherheit des Schiffes
Gebrauchtboote
Sicherheits- und Notfallausrüstung
Kompetenz
Ausrüstung
Die Rettungsweste
Die Rettungsinsel
Notsender
Blitzeinschlag
Feuer und Gas
Wartung, Pflege und Zustand
Vor dem Ablegen
Der Bootscheck
Der Motor
Planung
Der Crewcheck
Kleidung
Seekrankheit
Wachen, Aufgaben und Regeln
Der Wettercheck
Das globale Wetter
Mittelmeerwetter
Atlantische Küste
Ost- und Nordseewetter
Wellen
Nebel
Wetter-Apps, Wetterbesprechung und Planung
Der Navigationscheck
Grobe Abschätzung des Törns
Gefahren und Funkfrequenzen
Gezeitenhöhen
Gezeitenströmung
Der zu steuernde Kurs – Course to Steer (CTS)
Geschätzte Position – Estimated Position (EP)
Pilotage- und Passageplan
Der Törn
Hafenmanöver
Anlegen
Ablegen
Segeln
Segel setzen und trimmen
Segel reffen
Navigieren
Ausguck und Kollisionsverhütung (KVR)
Nachtsegeln
Nebel und Radar
Aufstoppen und MOB
Ankern
Der Sundowner
Danksagung
Register
EINLEITUNG
Was bedeutet eigentlich das Wort »Fahrtensegeln«?
Das aus »Fahrt« und »Segeln« zusammengesetzte Wort will viel mehr zum Ausdruck bringen als Boot fahren oder einfach nur segeln. Es steckt so viel Dynamik darin, so viel Abenteuer und so viel Freiheit.
Ein Leben in harmonischer Verbundenheit mit der Natur lässt uns echter, ehrlicher und aufmerksamer leben. Wir spüren die natürlichen Wurzeln unserer Existenz. Prioritäten verschieben sich wie selbstverständlich von materiellen und existenziellen Aspekten hin zur Freude an der Natur und allem Lebendigen. Damit kommen wir – vielleicht für manche überraschend – auch unserem eigenen Selbst näher. Wer die Natur und das Leben um sich herum wertschätzend wahrnimmt, wird auch sich selbst gegenüber eine akzeptierende, wohlwollende und liebevolle Haltung einnehmen. Vielleicht ist es das, was einen großen Teil der Faszination des Fahrtensegelns ausmacht und der Grund dafür ist, warum man nicht selten auch schwer kranke Fahrtensegler antrifft, die mit dem Wissen ihrer eigenen prognostizierten Endlichkeit noch extrem wertvolle Erfahrungen suchen.
Fahrtensegeln riecht nach aktiver Selbstbestimmung, aber ohne zu viel Anstrengung. Der Wind generiert die Fahrt, wir selbst die Erlebnisse. Fahrtensegeln kann für manche auch nach Schönwettersegeln klingen. Auf jeden Fall steckt Bewegung dahinter, die lebensbejahende Fantasien weckt. Diese können nicht nur während kommenden kalten Winterabenden, sondern vielleicht auch an unserem eigenen Winterabend des Lebens noch lange in Erinnerung gerufen werden, um so wunderschön auf eigene Freizeiterlebnisse zurückzublicken. Fahrtensegeln kann zur eigenen Entwicklung und vielleicht sogar zur Selbstverwirklichung führen. Es riecht nach Entdeckungslust und Achtsamkeit. Zurück zur Natur und individuellen Gestaltung des Lebens oder zumindest der Freizeit! Allein, mit seinem Partner, der Familie oder mit besten Freunden.
Was charakterisiert einen Fahrtensegler?
Fahrtensegler sind im Gegensatz zu Regattaseglern eher gemütlich unterwegs und vor allem das: unterwegs. Unterwegs mit einer Einschränkung: temporär, also auf Zeit. Genauer: auf eher kurze Zeit, also mal über Nacht, mal im Rahmen eines (normalen) Urlaubs. Das Überqueren von Ozeanen wird lieber den Blauwasserseglern überlassen, die zum Aussteigen oder zumindest für ein Sabbatical auf lange Zeit ihren Lebensstil verändern wollen.
Fahrtensegler wollen weder aussteigen noch sich großartig verändern. Sie möchten nur ab und zu dem Alltag entrinnen und genussvoll reisen. Das Ganze gern versehen mit einem Hauch von Abenteuer: aber bitte ohne jegliche Angst! »Abenteuer ohne Schiss« eben, das heißt beispielsweise auch, möglichst ohne Wetterüberraschungen oder Stürme!
Es geht um eine Art von Urlaub, der für einige wie eine kleine Zeitreise in die eigene Kindheit oder Jugend wirken kann. Wieder darf man erfahren, dass man noch einiges zu lernen hat. Aber statt Mathe, Erdkunde, Physik oder Fremdsprachen in der Schule zu büffeln, geht es nun um praktisches Wissen und dessen alltägliche Anwendung. Erneut darf man wieder von Zielen träumen. Neue Freundschaften mit anderen Seglern werden geknüpft, wobei die gegenseitige Unterstützung ein Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit schenkt. Herausforderungen werden überwunden, Grenzen verschoben, Ängste bewältigt, Reparaturen am eigenen Schiff vorgenommen. All dies führt zu einer tiefen inneren Befriedigung.
Warum ist es so reizvoll, ein eigenes Boot zu besitzen?
Mit einem Schiff unterwegs zu sein oder es sogar selbst zu besitzen, ist etwas ganz anderes, als auf vier Rädern zu reisen oder mit dem Flugzeug kurzerhand an einen neuen Ort hingeworfen zu werden. Ein Schiff bekommt einen Namen (traditionell einen weiblichen), man spricht von »ihr«, sie wird gepflegt, um sie dann aktiv entweder allein, mit dem Partner oder mit Freunden so oft wie möglich zu nutzen. Statt sich bei seiner Familie für eine Woche »Männerchartertörn« zu verabschieden, will der Fahrtensegler den Partner und die Familie wortwörtlich mit an Bord nehmen, um möglichst viel Zeit zusammen auf dem Boot zu verbringen. Die Unterschiede zwischen einem Wochenendsegler, Chartersegler, Fahrtensegler und Blauwassersegler sind natürlich fließend1.
Ein eigenes Boot zu besitzen, ist ein großer und gleichzeitig wunderschöner Schritt. Die Konsequenzen sind jedoch nicht zu unterschätzen, denn natürlich ist es praktisch, alles Komplizierte dem Vercharterer zu überlassen und nur mit einem Segelsack mit persönlichen Utensilien für eine Woche an Bord zu steigen. Ein Charterskipper übernimmt für eine kurze Zeit die Verantwortung für das Charterschiff. Ein Bootseigner hingegen ist ganzjährig für sein Schiff, dessen Ausrüstung, Pflege, Wartung und für die Planung der nächsten Segelsaison verantwortlich.
Und wem der Schritt zum eigenen Schiff noch zu groß erscheint, der kann gern erst einmal mit anderen Schiffsbesitzern reden, um von ihnen inspiriert zu werden, zu lernen und Tipps über Bootswahl und -pflege zu erhalten. Hierfür eignen sich insbesondere Segelclubs und Vereine wie auch ein Gespräch mit Bootseignern beim Spaziergang in der Marina. Segler sind oft sehr gesprächig und reden gern über ihre Boote. Hat man Glück, wird man vielleicht sogar zu einem Probetörn eingeladen. Auf diese Weise sammelt man immer mehr unterschiedliche Erfahrungen, die hilfreich sind, um die persönlichen Vorlieben bzw. das individuell zu einem passende Boot zu finden.
Muss ich viel lernen, um mit dem eigenen Schiff auf Fahrt zu gehen?
Die komplexen Kompetenzen, die nötig sind, um dem eigenen Schiff gerecht zu werden, entwickeln sich langsam aus der Summe der über die Jahre gemachten Erfahrungen – und eigenen Fehler! – sowie des theoretisch angeeigneten Wissens aus Büchern, Seminaren und Kursen.
Fahrtensegeln ist vielschichtig, grenzenverschiebend und ein fortlaufender Prozess, in dem man stetig dazulernt. Mit anderen Worten: Es wird nie langweilig!
So ist beispielsweise die Beurteilung des Wetters Erfahrungssache. Für den einen mag ein Gegenankreuzen bei 1,5 m Welle und 15 kn wahrem Wind schon abenteuerlich sein, während es dem Erfahrenen höchstens unbequem erscheinen mag.
Es gibt viele Tricks, sich aus einer ungünstigen Situation herauszuhelfen, sei es ab- oder beizudrehen, zu reffen oder schlicht in den Hafen zurückzukehren und das nächste Mal den Wettercheck genauer durchzuführen. Hauptsache, alle an Bord haben Spaß und keine Angst!
Beim Fahrtensegeln geht es nämlich gerade nicht um die Maximierung der Meilen oder der Geschwindigkeit. Vielmehr geht es um Entdeckung, Freude an der Natur und am Reisen sowie um den Mut, als Skipper unbekannte Häfen und Reviere anzulaufen und gegebenenfalls auch ursprüngliche Pläne zu verändern.
Das Können muss nicht perfekt sein, das Wissen nicht allumfänglich. Man braucht auch keinen fetten Geldbeutel, um sich ein Boot zu kaufen, denn streng genommen gibt es für jedes Budget ein Boot. Es geht generell beim Segeln, ganz besonders aber beim Fahrtensegeln, in erster Linie darum, seine eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu erkennen und verantwortungsbewusst zu handeln.
Reicht es, nur dieses Buch zu lesen?
Dieses Buch soll eine Übersicht über relevante Aspekte des Reisens mit einem Schiff vermitteln: vereinfacht, praxisnah und verkürzt dargestellt.
Wenn der Wunsch nach Vertiefung in die verschiedenen Themenbereiche ausgelöst werden sollte, gibt es viele gute und spannende Bücher über Navigation, Technik, Bootspflege, Kochen, Crewmanagement oder einfach nur das Segeln an sich.
Dieses Buch ist in der chronologischen Reihenfolge geschrieben, in der man einen Fahrtensegeltörn angehen würde: Nach der Revier- und Bootswahl wird das Boot ausgerüstet. Der Törn wird geplant und vorbereitet, bevor es dann schließlich zum eigentlichen Segeln geht – von Hafenmanövern über Segeltrimmen bis hin zum Ankermanöver. Das Buch gibt damit eine gute Übersicht über relevante Aspekte und Kompetenzen, die notwendig sind, um auf einen Fahrtentörn gehen zu können.
Durch den Aufbau des Buches im FAQ-Stil ist es nicht zwingend notwendig, das gesamte Buch auf einmal zu lesen, sondern es ist ebenso zum Querlesen oder auch Auffrischen wesentlicher Aspekte vor der neuen Segelsaison geeignet. Darüber hinaus helfen Infokästen und Eselsbrücken dem Segler, wesentliche Informationen auf einen Blick parat zu haben. Tipps und Hinweise auf typische Fehlerquellen zeigen hilfreiche Bewältigungsmöglichkeiten und warnen vor Fallen, um möglichst stressfrei zu segeln.
In diesem Buch werden an einigen Stellen englische Ausdrücke verwendet. Der pragmatische Hintergrund hierfür ist, dass viele Segler – insbesondere solche, die in Gezeitengewässern segeln – einen englischsprachigen Almanach oder Revierführer benutzen möchten. Dazu ist es hilfreich, bereits mit den wichtigsten englischen Begriffen vertraut zu sein.
Und nun: Leinen los!
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1 An dieser Stelle soll noch darauf hingewiesen werden, dass dies selbstverständlich ein Unisex-Buch ist. Wenn von »dem Skipper« oder »dem Segler« die Rede ist, ist natürlich auch jedes andere Geschlecht damit gemeint.
DAS SEGELREVIER
Was ist das Huhn und was ist das Ei? Erst das Boot oder erst das Revier entscheiden?
Der angehende Fahrtensegler tut gut daran, sich erst einmal zu überlegen, wo er sein Boot hinlegen möchte und welches Revier er bereisen will. Davon abhängig ist dann oft die Wahl des Bootstyps und der für das Revier notwendigen Ausrüstung. Natürlich ist es streng genommen sehr gut möglich, mit einem für das Mittelmeer konstruierten Schiff auch um die Britischen Inseln zu segeln oder mit einer alten, britischen, hochseetauglichen Fahrtenyacht im Mittelmeer zu schippern. Aber es ist kein Zufall, dass sich die verschiedenen Schiffstypen in den entsprechenden Revieren ansammeln.
Fahrtensegler wechseln natürlich auch ab und zu ihr Revier und kaufen deswegen nicht unbedingt gleich ein anderes Boot. Trotzdem gilt: Es gibt plausible Gründe, warum Boote in den verschiedenen Revieren oft unterschiedlich aussehen, und deshalb ist es gut – bevor sich der Fahrtensegler ein Boot kauft –, zu überlegen, wo man in den nächsten Jahren vor allem segeln möchte. Ein Kimmkieler, der im Watt wunderbar bei Niedrigwasser auf den Sandboden gesetzt werden kann, macht weniger Sinn, wenn damit in der Ostsee gesegelt werden soll, wo eher gute Kreuzeigenschaften am Wind von Bedeutung wären. Eine riesige Genua und ein kleines Großsegel sind dort besonders sinnvoll, wo meist raumschots gesegelt wird, während kleine Vorsegel oder sogar eine selbstwendende Fock, die beim Wenden rasch die Seite wechselt, vor allem in engen Sunden, wo man viel kreuzen muss (z. B. in den schwedischen Schären), die bessere Wahl sind.
Ein Boot mit kleinem, geschütztem Cockpit, vielleicht sogar mit einer Glasscheibe oder einem Hardtop zu versehen, ist im rauen Wetter des Nordens eher zielführend als bei einem typischen Mittelmeer-Boot mit riesigem (ungeschütztem) Cockpit. Dort wird besser ein festes Sonnendach (Bimini) gespannt, das eher für warme Hafentage passt.
Welches Boot und welche Ausrüstung Sinn ergeben, ist also sehr individuell. Dabei macht es natürlich einen Unterschied, ob man mit einer fahrtensegeltauglichen Jolle mit Zelt unterwegs ist oder ob eine ozeantaugliche Yacht zum Fahrtensegeln genutzt werden soll. Beides hat seinen Reiz, denn dasselbe Revier wird ganz unterschiedlich erlebt. Der gesunde Menschenverstand ist immer gefragt, und die persönlichen Bedürfnisse an Sicherheit und Bequemlichkeit sollten in jedem Fall immer berücksichtigt werden.
Wenn das Revier festgelegt ist, kann als Folgeschritt viel einfacher auf das passende Boot, dessen Ausrüstung und die Kompetenz der Crew eingegangen werden.
Was ist besser: Ein Revier in nächster Nähe oder lieber ein passenderes Revier weiter entfernt?
Für Segler Süddeutschlands, der Schweiz oder Österreichs könnte das nächste Revier im Mittelmeer liegen. Für Mittel- und Norddeutsche wären eher die Ostsee, die friesischen Küsten oder die Niederlande in nächster Nähe und mit dem Auto erreichbar. Auch Wochenendtörns sind hier denkbar.
Andere nehmen das Flugzeug, um zum Boot zu gelangen, und beginnen dort ihre Törns. Wieder andere haben die Idee mit dem festen Liegeplatz aufgegeben, segeln von Jahr zu Jahr im Urlaub zu immer neuen Winterlagern und überspringen die Wochenendtörns. Es kommt einfach darauf an, wo man im Verhältnis zum nächsten Meer wohnt, ob die Wochenenden zum Segeln genutzt werden sollen oder ob man alles auf einen oder zwei Urlaube im Jahr verlegt und keinen festen Liegeplatz haben möchte. Liegeplätze in populären Revieren sind nämlich in letzter Zeit rar und teuer geworden.
Es gibt unzählige spannende und wunderschöne Segelreviere, die ein Fahrtensegler bereisen kann. Dabei öffnet eine einzige Nachtfahrt das Tor zu weiteren, völlig neuen Revieren. Wenn man beispielsweise an einem Morgen startet und nur durch eine einzige Nacht segelt, kommt man bereits am nächsten Abend schnell an einem Ziel an, das gut und gern 200 sm entfernt liegen kann.
Beispiel:
Das Boot segelt mit 5,5 kn. Es wird morgens um 08:00 Uhr abgelegt. Nach 35 Stunden kommt man am folgenden Abend um 19:00 Uhr an und ist 35 x 5,5 = 192 sm gesegelt.
In einem Schlag – oder besser dank nur einer durchsegelten Nacht – kann man die deutsche Ostseeküste verlassen und ist schon in den Schären Schwedens. Eine weitere Nacht, und man ist bereits an der Südspitze Norwegens. Fast muss der Fahrtensegler aufpassen, nicht plötzlich zum Blauwassersegler zu mutieren!
Der Gedanke ist hierbei aber nicht, in kurzer Zeit möglichst viele Meilen zu schrubben – ganz im Gegenteil: Ist man erst in einem Revier angekommen, kann nun viel Zeit für gemütliches »Cruising« aufgewendet werden.
Was begrenzt das Segelrevier eines Fahrtenseglers?
Streng genommen eigentlich nichts! Wenn ein Fahrtensegelgebiet doch irgendwie definiert werden soll, hilft es, auf die IMO-Aufteilung der Meere zu schauen, die das Gebiet eines Küstenseglers klar festgelegt hat. Nach GMDSS-Definition (Global Maritime Distress and Safety System) bewegt man sich in Gebieten, die von der IMO (International Maritime Organisation) als »Area 1« definiert werden, oder kurz »A1«. Das sind jene Gebiete, die noch über UKW-Funk abgedeckt werden können, d. h. der nächste Seenotrettungskreuzer ist im Notfall nicht weit entfernt. Selbst, wenn dieser nie gebraucht werden sollte, ist es doch ein gutes Gefühl, zu wissen, dass eine rettende Hand, eine beruhigende Stimme oder ein anderes Schiff nie weiter entfernt erscheint als der Sendeknopf der UKW-Anlage.
Die A1-Gebiete sind neben (fast) der gesamten Ostsee, die Küstengebiete des Mittelmeeres und der Nordsee. Nicht dazugehörig ist das Überqueren der Nordsee beispielsweise von Deutschland nonstop nach Schottland, und streng genommen führt auch die Überquerung von Norwegen nach Shetland kurzzeitig aus dem A1-Gebiet heraus. Die für Fahrtensegler interessanteren Überquerungen von der deutschen Ostseeküste direkt nach Schweden, von England nach Frankreich oder Irland, von Südfrankreich oder Italien nach Korsika sowie die Strecke zwischen den Balearen und dem spanischen Festland sind hingegen vollständig inbegriffen.
Jedem privaten Skipper ist es natürlich freigestellt, das persönliche Risiko abzuschätzen und sich kurzzeitig bei schönem Wetter auch außerhalb der Grenzen zu bewegen, denn illegal ist es nicht. Man sollte sich aber dessen bewusst sein, dass man sich dann außerhalb der garantierten Reichweite von UKW an Küstenstationen befindet und der DSC-Notknopf am Gerät nicht notwendigerweise bis an Land reicht. Je weiter man sich vom sicheren Hafen entfernt, desto genauer sollte man über die Großwetterlage Bescheid wissen und desto penibler sollte die mitgenommene Ausrüstung geplant werden und entsprechende Vorbereitungen getroffen sein. Wird in A1-Küstennähe gesegelt, bedeutet das nicht nur eine bestehende Kommunikationsmöglichkeit, sondern auch, dass der nächste Hafen oft in nicht mehr als maximal sechs Stunden erreicht werden kann (z. B. 36 sm bei 6 kn Fahrt). Wettervorhersagen sind heute für so kurze Schläge wie 12 bis 18 Stunden äußerst zuverlässig, und ein Rettungshubschrauber hat auch im schlimmsten Fall kein Problem, den Notgestellten zu erreichen. Wenn es der Crew unwohl werden sollte, sei es durch Seekrankheit, Angst oder medizinische Notfälle, ist es auch schön, zu wissen, dass man sich selten weiter als ein paar Stunden vom Land entfernt befindet.

Dies erhöht streng genommen allerdings nicht die Sicherheit, sondern eher das persönliche Wohlbefinden. Denn bekanntlich ist ja das gefährlichste auf See gerade Land. Blauwassersegler empfinden Küstennähe oft als viel anstrengender und aufregender als den offenen Ozean, denn plötzlich muss dem regen Schiffsverkehr ausgewichen und Untiefen müssen umfahren werden. Sich den wegen der geringen Wassertiefe in Küstennähe aufbauenden kurzen, steilen Wellen auszusetzen, empfinden viele Segler ebenfalls als unangenehmer als die lange Dünung des Ozeans.
Andererseits fühlen sich viele Segler, insbesondere Familien mit Kindern, in Küstennähe sehr wohl. Kurzfristige Landgänge sind hier jederzeit möglich. Pläne können den aktuellen Bedürfnissen spontan angepasst werden, die Tagesstrecken sind kurz, und Küstennähe ist landschaftlich reizvoll und abwechslungsreich. Nachtfahrten sind nicht notwendig, eine ständige Handy- und Internetverbindung bleibt bestehen, es gibt attraktive Ankerbuchten, die spontan zum Baden angesteuert werden können, und man muss nicht auf die Infrastruktur des Festlandes verzichten (z. B. Restaurants, Ärzte, Supermärkte).
Welche Reviere eignen sich für den Anfänger?
Die Reviere, die unter A1 fallen, unterscheiden sich natürlich erheblich, und nicht alle sind für angehende Fahrtensegler als Primärgebiete geeignet. Die Küstennähe allein macht ein Gebiet nicht automatisch zum geeigneten Anfängerrevier, was jeder weiß, der die unangenehm anrollenden Wellen der offenen Nordsee bei ablaufender Tide (Ebbe) mit dem lieblichen Wasserspiegel in der Kieler Förde oder der Lübecker Bucht vergleicht. Einige Reviere liegen in sonnenträchtigen Gebieten, wo das Meer so warm ist wie die UV-Strahlen stark sind. Andere wiederum zeichnen sich durch kaltes Wasser und kühle Lufttemperaturen aus.
Auch die Großwetterlagen unterscheiden sich: Nördlich von ca. 40–45 °N (z. B. Nord- und Ostsee) wird das Wetter primär von den Tiefdruckgebieten des Nordatlantiks beeinflusst. Südlich davon (ab der südlichen Biskaya und im gesamten Mittelmeer) finden sich im Sommer stabilere Wetterlagen, die, insbesondere im Mittelmeer, an lokale Bedingungen geknüpft sind wie Gebirge und Sunde.
Schließlich muss man auch die unterschiedlichen Wellenbildungen berücksichtigen: Fahrtensegler an der atlantischen Küste Europas von Schottland und Irland im Norden bis Frankreich, Spanien und Portugal im Süden müssen mit der vom Atlantik anrollenden Dünung rechnen, während Segler an der Ostsee oder im Mittelmeer oft mit kurzen, steilen Wellen zu kämpfen haben. Wind über Gezeitenstrom, was auf Englisch »Wind over Tide« genannt wird, ist besonders unbequem: Kaum kentert die Strömung, gehen die Wellen von angenehmen langen Bewegungen in kurze Schlaglöcher über – oder umgekehrt –, und das alle sechs Stunden im Wechsel.
Wie warm und angenehm das Wetter im Mittelmeer zur Sommerzeit auch sein mag, so launisch kann es sich ohne sichtliche Vorwarnung verändern. Der Ruf, im Mittelmeer gäbe es entweder zu wenig oder zu viel Wind, entspricht sicher nicht immer der Realität, hat aber dennoch seine Berechtigung. Auch wenn es im Hochsommer im Mittelmeer oft windarm und sehr heiß ist, sind doch die Winter kühl und zeichnen sich durch unsichere Wetterlagen aus, sodass auch im Mittelmeer von einer Segelsaison die Rede sein muss. Und diese ist oft kürzer als angenommen.
Reviere müssen aus navigatorischer Sicht auch in Gebiete mit bzw. ohne Tide unterschieden werden. Segler der Ostsee oder des Mittelmeeres haben es hier etwas leichter, kommen dafür aber langsamer voran. Wenn die Vorteile der Gezeiten ausgenutzt werden, sind die Wellen oft angenehmer (Wind und Strömung in gleicher Richtung), und die Reisegeschwindigkeit nimmt dank der Gratismeilen durch die Strömung beachtlich zu. In Tidengewässern können also viel größere Distanzen zurückgelegt werden, wenn man sich der Natur anpasst. »Playing the Tides« nennen die Engländer dieses Phänomen.
Welche Reviere stehen in Europa zur Auswahl?
Reviere haben Vor- und Nachteile, und was für den einen ein perfektes Anfängerrevier ist, mag für den anderen unattraktiv sein. Im Folgenden findet sich eine kleine Übersicht verschiedener Aspekte potenzieller Segelreviere in Europa. Dabei sollte jeder Segler die einzelnen Vorzüge und Kehrseiten der Reviere nach eigenen Vorlieben selbst gewichten.
Deutsche Ostseeküste
Mögliche Vorteile:
–Mit dem Auto gut erreichbar
–Keine Gezeiten
–Einfache Navigation
–Wenig Untiefen
–Oft ein mildes Klima im Sommer
–Selten hohe Wellen
–Besonders in der Kieler Förde, der Lübecker Bucht, der Schlei und um Rügen (Greifswalder Bodden, Hiddensee) geschützt
–Gute Infrastruktur (Häfen, Sanitäranlagen, Supermärkte, Schiffshändler etc.)
–Gute Ausgangslage für Segeln in Dänemark (»Dänische Südsee«) und skandinavische Schären
–Kinder- und familienfreundlich
–Ideales Anfängergebiet
Mögliche Nachteile:
–Oft kurze, unbequeme Wellen
–Teilweise lange Distanzen zwischen den Häfen im Osten Deutschlands
–Zum Teil untiefes Revier zwischen Rügen und Hiddensee
–Wenig Ankerplätze (Ausnahme: um Rügen)
–Im Sommer oft überlaufen
–Hafenliegeplätze oftmals ausgebucht
Dänemark
Mögliche Vorteile:
–Mit dem Auto von Norddeutschland aus gut erreichbar
–Hafenplätze und Winterlager oft günstiger als in Deutschland
–Sehr geschütztes Gewässer
–Weniger überlaufen als die deutsche Ostseeküste
–Kurze Strecken zwischen pittoresken Häfen in unmittelbarer Nähe zueinander
–Keine Tide
–Sehr gut für kleinere (besonders schmalere) Boote geeignet
–Kinder- und familienfreundlich
–Gutes Anfängergebiet
Mögliche Nachteile:
–Strömung in den Sunden ist nicht unerheblich
–Wenig Ankerplätze
–Oft sehr untief
–Bei schlechtem Wetter mit viel Wind gibt das flache Land wenig Windschutz im Hafen
–Häfen sind oft klein mit schmalen pfahlbestückten Boxen und abseits von Ortschaften
–Infrastruktur nicht sehr ausgebaut
Schwedische Schären
Mögliche Vorteile:
–Sehr geschützt vor Wind und Wellen (besonders die Ostküste Schwedens)
–Weitgehend wetterunabhängig (besonders die Ostküste Schwedens)
–Wunderschöne Ankerplätze in den Schären
–Viele Anlege- und Entdeckungsmöglichkeiten
–Größere Städte wie beispielweise Stockholm oder Göteborg sind direkt auf dem Seeweg erreichbar
–Gute Kennzeichnung der Fahrrinnen
–Revierführer geben eine gute Darstellung, wo mit dem Bug zur Insel und Heckanker angelegt werden kann
–Kurze Distanzen möglich; Inseln und Häfen in unmittelbarer Nähe
–Perfekt auch für kleine Boote
–Besonders kinder- und familienfreundlich
–Günstige Sommer- und Winterliegeplätze
–Die Ostküste Schwedens ist sogar im Sommer nicht überlaufen
–Schären an der Westküste Schwedens sind frei von Mücken
–Wenn die Westküste Schwedens im Juli überlaufen ist: Die unweit gelegenen Schären Norwegens sind oft leer
–Sehr gutes Anfängergebiet
Mögliche Nachteile:
–Längere Autoanreise zum Schiff oder längere Anreise (z. B. Nachttörn) z. B. von der deutschen Ostseeküste
–Westküste Schwedens ist im Juli oft überlaufen
–Mücken an der Ostküste Schwedens bei Dämmerung, wenn an Inseln angelegt wird (Tipp: Mücken fliegen selten weiter als 200–300 m von Land und sind beim Schwojankern viel weniger ein Problem)
–Bugleiter und Heckanker notwendig, um zu Inseln zu gelangen
–Viele ungekennzeichnete Unterwassersteine außerhalb der Fahrrinnen erfordern ständiges Mitlesen der Seekarte und allerhöchste Aufmerksamkeit
Deutsche Nordseeküste
Mögliche Vorteile:
–Mit dem Auto gut erreichbar
–Oft weniger Schiffe als in der Ostsee
–Friesische Inseln mit watttauglichem Boot erreichbar
–Dank der Gezeiten sind große Distanzen machbar
–Inselflair: geeignet für Radtouren und Wanderungen
–Salzwasserfeeling
Mögliche Nachrteile:
–Ungeschützt und rau
–Einschränkungen, wann und wohin gesegelt werden kann, aufgrund der Gezeitenströme
–Zeitweise unangenehmer Wind über Strom
–Untiefen verschieben sich (Sandbänke!)
–Neueste Seekarten sind Voraussetzung
–Eher kein Anfängerrevier
Niederlande (Binnen- und Randmeere)
Mögliche Vorteile:
–Mit dem Auto von vielen Orten sehr gut erreichbar
–Binnenmeer mit geschütztem Gewässer
–Keine Gezeiten im IJsselmeer
–Schöne zentrale Stadthäfen
–Kurze Abstände zwischen den einzelnen Häfen
–Äußerst seglerfreundlich/maritime Atmosphäre
–Kinder- und familienfreundlich
–Perfekte Infrastruktur
–Nordsee vor der Haustür für kurzzeitige größere Abenteuer
–Mögliches Anfängerrevier
Mögliche Nachteile:
–Im Sommer oft überlaufen
–Oft kurze, unbequeme Wellen
–Wenig Ankermöglichkeiten
–Braunes, untiefes Wasser
–Viel Schiffsverkehr
–Wartezeiten vor Schleusen
–Kanäle (z. B. Friesland) sind recht anspruchsvoll, da eng und windig
–Gute Manövrierfähigkeit des eigenen Schiffes ist notwendig (enge Kanäle!)
–UKW-Anmeldung bei Schleusen und Häfen notwendig
–Durch stellenweise sehr flaches Wasser nur für Boote mit geringem Tiefgang geeignet
–Anspruchsvolleres Revier als z. B. die Ostsee
Englischer Kanal
Mögliche Vorteile:
–Abwechslungsreiches Tidenrevier
–Kurze Wege zwischen unterschiedlichen und interessanten Ländern (z. B. Frankreich, UK, Kanalinseln, Belgien)
–Oft ausgezeichnete Infrastruktur
–Große Distanzen machbar dank der Gezeitenströme
–Perfektes Revier, um Theoriekenntnisse umzusetzen
–Interessantes Revier für fortgeschrittene Segler
Mögliche Nachteile:
–Längere Anreise per Auto, Zug oder Flug (z. B. in die Niederlande oder nach Belgien)
–Reger Frachtschiffverkehr
–Bedarf umfassender theoretischer Vorkenntnisse (z. B. Gezeiten, Wetter, Kollissionsverhütungsregeln, UKW-Anwendung etc.)
–Wenig Ankermöglichkeiten
–Teilweise außerhalb der EU (UK)
–Als Anfängerrevier ohne viel theoretisches Vorwissen weniger geeignet
Schottland
Mögliche Vorteile:
–Abwechslungsreiches Tidenrevier (besonders Westküste/Hebriden)
–Geschützes Revier mit vielen Inseln (besonders Firth of Clyde)
–Äußerst viele geschützte Ankerplätze
–Große Distanzen machbar dank der Gezeiten
–Gutes Anfängerrevier (besonders Clyde) für Gezeitensegeln
–Für Fortgeschrittene sind Orkney und Shetland nicht weit weg
–Wenig Schiffsverkehr
–Sehr gute Revierführer und elektronische Spezial-Seekarten zum Ankern für Tablet/Handy verfügbar (»Antares-Charts«)
–Viele gemütliche und sehr gute Restaurants/Whisky-Destillerien
Mögliche Nachteile:
–Bedarf einer längeren Anreise (Flug nach Edinburgh oder Glasgow)
–Beiboot mit Motor notwendig
–Wenige Marinas mit begrenzter Infrastruktur in den Hebriden
–Anspruchsvolle Wetterbedingungen
–Sehr kaltes Wasser
–Ostküste Schottlands ist wenig attraktiv (Industriehäfen)
–Bedarf einiger theoretischer Vorkenntnisse (Gezeiten, Wetter)
–Außerhalb der EU
Galicien
Mögliche Vorteile:
–Geheimtipp Europas und daher auch im Hochsommer noch relativ leer
–Perfekte Flugverbindung mit drei Flughäfen (La Coruña, Santiago de Compostela, Vigo) aufgrund des Jakobswegs
–Kaum Reisetourismus an den Küsten trotz des Jakobswegs (der in Santiago endet)
–Geschützte Rías (Buchten) mit Atlantik-Feeling
–Leichte Navigation
–Kaum Gezeitenströme (nur Tidenhub)
–ein wunderschönes Sommerklima (25–28 °C in der Luft und nachts angenehm kühl)
–Viele Sonnenstunden
–Gemütliche kleine und ursprüngliche Fischerdörfer
–Viele Marinas
–Viele Ankerplätze (auch direkt vor den Marinas/Häfen)
–Ausgezeichnete Infrastruktur
–Sehr gutes Winterlager (ausgezeichnetes Preis-Leistungs-Verhältnis, z. B. in La Coruña)
–Viele interessante Blauwassersegler passieren Galicien
–Strategisch gute Ausgangslage für interessante Segelziele (Portugal, Frankreich/Biskaya vor der Haustür)
–Kinder- und familienfreundlich mit wunderschönen, leeren Stränden
–Gutes Anfängergebiet (trotz atlantischer Dünung außerhalb der Rías)
Mögliche Nachteile:
–Bedarf längerer Anreise per Flugzeug oder Pkw
–Kein sehr großes Revier
–Atlantische Dünung außerhalb der Rías mit teilweise hohen Wellen
–Wind im Sommer meist nur von Nord, d. h., nach Norden muss gekreuzt werden
–Kaltes Wasser (nur ab und zu über 20 °C)
–Von Oktober bis März ist Segeln nicht zu empfehlen (viel Regen und Wind)
Balearen
Mögliche Vorteile:
–Vielen Deutschen vertraut
–Flugverbindungen zu anderen Orten in Europa sind äußerst gut
–Abwechslungsreiche und wunderschöne Natur
–Einfaches Revier mit vielen Ankerbuchten (»Calas«)
–Viel Seebrise im Sommer, d. h. angenehme Winde (kaum Mistral)
–Türkises, glasklares Wasser
–Angenehme Badetemperaturen
–Kinder- und familienfreundlich
–Sehr gutes Anfängergebiet
Mögliche Nachteile:
–Bedarf längerer Anreise per Flugzeug
–Ausbau von Häfen seit Jahren gestoppt
–Liegeplätze sind kaum zu bekommen, und wenn, dann sind sie sehr teuer
–Im Sommer oft überlaufen
Kroatien
Mögliche Vorteile:
–Besonders von Süddeutschland, der Schweiz und Österreich aus sehr gut mit dem Pkw erreichbar
–Für viele der schönste Teil des Mittelmeeres
–Viele kleinere und größere Inseln; die Schären des Mittelmeeres
–Oft Seebrise im Sommer mit angenehmen Nachmittagswinden und nachts schwach windig
–Leicht zu navigieren
–Keine Gezeiten
–Viele Ankerplätze (obwohl mancherorts durch kostenpflichtige Bojenfelder ersetzt)
–Sehr gute Infrastruktur
–Kinder- und familienfreundlich
–Sehr gutes Anfängergebiet
Mögliche Nachteile:
–Das Revier wird mit ca. 4.500 Charteryachten geteilt
–Hafengebühren sind in den populären Häfen sehr teuer
–Bojenfelder sind nicht unbedingt preisgünstig
–Im Juli und August oft überlaufen
–Oft lokale Starkwinde (plötzliche, kalte, aber gut prognostizierte Bora aus Nord und der feuchtwarme, länger andauernde Jugo aus Süd)
Griechenland
Mögliche Vorteile:
–Ionisches Meer ist sehr lieblich
–Gute Flugverbindungen nach Korfu (Ionisches Meer)
–Viele attraktive Inseln
–Leicht zu navigieren
–Keine Gezeiten
–Ionisches Meer: windarm mit Seebrise und wenig lokalen Winderscheinungen
–Ionisches Meer: sehr gutes Anfängergebiet
Mögliche Nachteile:
–Wenige und teure Marinas
–Kommunalhäfen sind zwar oft gratis, haben aber keine Infrastruktur (eigener Buganker mit Heck zur Pier)
–Viele Ankerplätze
–Ägäis: von Mitte Juni bis Ende August von teilweise starkem Meltemi-Wind beeinflusst
–Ägäis: kein ideales Anfängergebiet im Sommer aufgrund des Meltemi
Türkei
Mögliche Vorteile:
–Wunderbares Segelrevier
–Hochwertige Marinas mit sehr gutem Service
–Klares, tiefes Wasser
–Leicht zu navigieren
–Keine Gezeiten
–Mit langer Leine an Land und Buganker ist Ankern möglich
–Kinder- und familienfreundlich
–Gutes Anfängergebiet
Mögliche Nachteile:
–Nicht Mitglied der EU
–Nur mit Flug (oder sehr weiter Pkw-Strecke) erreichbar
–Schwojankern nicht möglich, da der Meeresboden sehr schnell zu großen Tiefen abfällt
Sardinien
Mögliche Vorteile:
–Wunderbares Segelrevier
–Keine Gezeiten
–Gute Marinas
–Viele Naturschutzgebiete
–Klares Wasser
–Viele Ankerplätze
–Korsika (Frankreich) nicht weit entfernt: besonders die wild zerklüftete Westküste Korsikas und die Halbinsel Cap Corse
Mögliche Nachteile:
–Nur mit Flug oder Fähre erreichbar
–Anspruchsvolle Navigation aufgrund vieler Untiefen (Steine)
–Vielerorts teuer
–Oft starke lokale Winde in der Straße von Bonifacio (zwischen Korsika und Sardinien)
–Korsika (besonders die Nordseite) wird vom Mistral heimgesucht und hat nicht viele Häfen
–Kein primäres Anfängergebiet
Malta
Mögliche Vorteile:
–Flugverbindungen mit restlichem Europa äußerst gut
–Englischsprachig
–Sehr einfaches Segeln und Navigieren
–Keine Gezeiten
–Schöne Ankerplätze auf allen drei Inseln
–Gute Ausgangslage für Sizilien-Törns
–Aufgrund der Lage südlich von Tunis ist eine ganzjährige Segelsaison möglich
–Für Überwinterung geeignet (an Land oder im Wasser)
–Gutes Anfängergebiet
Mögliche Nachteile:
–Nur mit Flugzeug oder Fähre erreichbar
–Sehr kleines Revier (nur drei Inseln: Malta, Gozo und Comino mit einem halben Dutzend nahe gelegener Marinas)
–An Wochenenden sind die Ankerplätze tagsüber mit maltesischen Tagessegler gefüllt
Segelrevier
–Bevor man sich für ein Boot entscheidet, macht es Sinn, sich das Revier zu überlegen
–Für die Revierwahl sollten einige individuelle Faktoren wie Erreichbarkeit, Segelerfahrung und Törnplanung (Wochenendtörns oder ausschließlich längere Urlaubstörns?) einbezogen werden
–Küstensegeln bedeutet, sich im GMDSS A1-Gebiet zu befinden
–Nicht alle Reviere eignen sich für Anfänger
DAS FAHRTENSCHIFF
KONSTRUKTION UND AUSBAU
Muss ich die gesamte Komplexität einer Yacht verstehen?
Nur den besten Konstrukteuren ist es vorbehalten, die komplexen Zusammenhänge in Einklang zu bringen und für ihr Kundensegment den besten Kompromiss zu finden. Ein Bootsdesign ist so komplex, dass der Käufer eines Fahrtenschiffes sich wohl besser nicht in sämtlichen Details verzettelt, denn sonst wird es viel zu kompliziert. Das muss und soll nicht sein! Selbst für erfahrene Schiffskonstrukteure besteht oft eine lebenslange Suche nach der richtigen Balance. Es ist wie in einer nie enden wollenden Ewigkeitsschleife: Sobald man denkt, einen Vorteil gefunden zu haben, finden sich daraus resultierend direkt wieder Nachteile. Die optimale Lösung gibt es einfach nicht – nur mehr oder weniger passende Kompromisse für den individuellen Bedarf.
Nur wenigen Designern und Werften ist es wirklich gelungen, eine eierlegende Wollmilchsau zu konstruieren, also ein gut segelndes und gleichzeitig bequemes und wohnliches Schiff, das zusätzlich auch noch ansprechend aussieht.
Bei der Komplexität eines Schiffsdesigns denkt der angehende Käufer vielleicht, er müsse nun alle Aspekte wie ein Konstrukteur in Betracht ziehen: z. B. Größe, Geschwindigkeit, Seetüchtigkeit, Preis, Alter, Anzahl der Kojen, Masten, Ruderblätter, Steuerstände, Toiletten und noch vieles mehr, um abwägen zu können, welches von all den Schiffen für ihn geeignet sei. Das ist glücklicherweise überhaupt nicht notwendig, denn letztendlich kommt es bei der Wahl des Schiffes hauptsächlich auf die persönlichen Vorlieben und Präferenzen des Fahrtenseglers an.
Soll ich also einfach nur irgendein Schiff kaufen, das mir gefällt?
Man kann nicht davon absehen, dass Schiffe tatsächlich meist mit dem Auge und dem Gefühl gekauft werden, egal, wie viel Vernunft der Käufer sich einzureden versucht.
Der berühmte schwedische Konstrukteur Olle Enderlein sagte einmal: »Hübsche Boote segeln gut«, was so viel heißen soll wie: Ein Boot darf gern ein Augenschmaus für den Eigner sein. Das Boot ist viel mehr als ein Gebrauchsgegenstand. Warum sonst gibt man ihm einen Namen, der mit viel Sorgfalt ausgewählt wird? Es hat ein Wesen, möchte gepflegt und gehegt werden und freut sich über ein gelegentliches Geschenk, wie neue Segel oder neue Fender.
Wer nicht gerade einhand unterwegs sein möchte, tut gut daran, bei der Bootswahl und der nicht minder bedeutungsvollen Wahl der entsprechenden Ausrüstung mit dem Partner zu reden. Der Einbezug des Partners oder der Crew, mit der man zusammen segeln möchte, ist so wichtig wie kein anderer Aspekt bei der Bootswahl.
Aber einfach nur irgendein Schiff zu kaufen, weil es ästhetisch ansprechend ist oder zufällig wenig Geld kostet, ist vielleicht doch ein wenig zu einfach. Ein paar Gedankengänge und Fragen, die bei der Auswahl von Interesse sein könnten, mögen doch beantwortet werden, bevor es in die engere Wahl geht.
Eines vorausgeschickt: Wer schon ein Boot besitzt und damit zufrieden ist, kann die Gedanken zu einem geeigneten Boot gern überspringen, sodass keine teuren neuen Ideen geweckt werden oder der Eindruck entsteht, man müsse unbedingt ein anderes Boot kaufen, um damit auf Fahrt gehen zu können. Prinzipiell kann man mit fast jedem Schiffstyp unterwegs zu sein, so lange die Sicherheit gewährleistet ist und man sein Boot mag.
Was macht ein Boot zum Fahrtenschiff?
In erster Linie unterscheiden sich Fahrtenschiffe von Tagesseglern oder Regattabooten durch die Bewohnbarkeit. Während der Tagessegler auch mal für kurze Törns Übernachtungen ermöglichen kann, geht es beim Fahrtensegeln darum, bis zu mehreren Wochen bequem auf dem Boot zu leben. Das ist nicht vergleichbar mit einem Wochen-Chartertörn, bei dem die Siebensachen in eine Tasche passen und per Flugzeug für eine Woche in einem sonst recht leeren Boot in ein paar wenige Schapps einsortiert werden müssen. Eine Blauwasseryacht hingegen ist ein Schiff, auf dem man Monate, wenn nicht sogar Jahre, unter Umständen auch weit weg von der gewohnten Zivilisation, verbringen möchte. Es ist vollgestopft mit Ersatzteilen, Werkzeugen und Technik für Strom- und Wassererzeugung. Das Schiff soll tage- und wochenlang ohne Land in Sicht autonom funktionieren.
Ein Fahrtenschiff liegt irgendwo dazwischen. Die meisten Chartersegler kennen oft nicht viel mehr Bootstypen als die angebotenen Charteryachten. Es liegt dann nahe, die während der Chartertörns erprobten Schiffe auch als eigenes Fahrtenschiff zu kaufen. Das muss auch nicht schlecht sein. Nicht wenige vertreten die Auffassung, dass ausgediente Charterschiffe erschwinglich als Fahrtenschiffe umgerüstet werden können. Aber nur, weil ein gewisser Bootstyp immer und überall als Charterschiff zu finden ist, muss dieses Modell nicht notwendigerweise auch das geeignetste Fahrtenschiff sein.
Es gibt so viele andere Schiffstypen, die als private Fahrtenschiffe infrage kommen können.
Charterschiffe sind oft jüngeren Datums und dafür ausgelegt, vielen Menschen in einer kurzen Zeit einen angenehmen Aufenthalt und viel Segelspaß zu gewährleisten. Auf einem Fahrtenschiff hingegen besteht die Crew meistens aus nicht mehr als einem Einhandsegler, einem Paar oder einer Familie – mit gelegentlich einigen Freunden an Bord. Immer wieder kommt der gleiche Eigner an Bord und lässt seine Habseligkeiten für den nächsten Törn auf dem Boot zurück. Hinzu kommen Ersatzteile, Lebensmittel und Wechselkleidung. Schnell leuchtet ein, warum Fahrtenschiffe viel mehr Stauraum bieten sollten als Charterschiffe, die im Gegensatz möglichst viele Kojen und Nasszellen benötigen.
Der Stauraum eines Fahrtenschiffes ist vergleichbar mit dem Speicherplatz eines Computers oder Smartphones. Es kommt im Lauf der Zeit immer mehr dazu, und bevor man sich’s versieht, quillt er über. Deshalb bedarf es auch einiger Disziplin an Bord, um nur die Dinge herumzuschippern, die wirklich gebraucht werden oder als Notausrüstung bzw. Ersatzteile Sinn ergeben. Regelmäßiges Ausmisten ist angesagt, was vielen Bootseignern schwerzufallen scheint. Je länger man ein Schiff besitzt, desto größer sind die in Vergessenheit geratenen Schätze an Bord.
Wie sollten Rumpf und Kiel eines Fahrtenschiffes aussehen?
Streng genommen kann mit jedem seetauglichen Schiff auf Fahrt gegangen werden: von der Fahrtenjolle mit Schwert über Performance-Racer, alte Stahlschiffe mit Schwenkkiel, Kimmkieler mit zwei Kielen oder Katamarane mit zwei Rümpfen. Ein Schwert, Schwenkkiel oder Kimmkiel ermöglicht das Trockenfallen für Reviere wie beispielsweise das Wattenmeer; ein Katamaran bietet eine enorm große Wohnfläche – doch nur die wenigsten Doppelkieler oder Zweirümpfer strahlen mit guten Amwindeigenschaften. Daher sind die meisten Fahrtenschiffe in Europa sogenannte »Monohulls« (Einrumpfboote) mit einem festem Kiel. Sie werden primär in zwei Grundformen unterschieden:

Die erste Grundform könnte man den »Klassiker« nennen, der von kleineren Werften für Liebhaber immer noch gebaut wird und ansonsten vor allem gebraucht zu kaufen ist. Dieser Typ zeichnet sich durch einen V-förmigen Rumpf, einen oft längeren, jedoch nicht so tiefen Kiel mit dem Ruder direkt am Kiel (»Langkieler«) oder, falls vom Kiel getrennt, zumindest eine mehr oder minder lange Skegge vor dem Ruderblatt aus. Ein großer Teil des Rumpfes befindet sich wegen der tiefen V-Form typischerweise unter der Wasseroberfläche. Daher schwimmen diese Schiffe eher im als auf dem Wasser.
Klassiker
–Oft schmaler, besonders am Heck
–Kursstabil
–Bei nicht ganz optimaler Segeltrimmung eher verzeihend
–Oft toppgetakelt
–Gutmütiges, aber eher langsames Schiff, besonders bei wenig Wind
–Geringer Tiefgang für Ankern und Segeln in flachen Gewässern
–Kann eine Grundberührung evtl. ein wenig besser aushalten
–Im Hafen auch bei langsamer Fahrt manövrierbar
–Gemütlicher Segelspaß
Moderne Finnkieler
–Breiter, besonders am Heck
–Auch für unerfahrene Segler: bei genügend Fahrt durchs Wasser sehr wendig im Hafen, sogar rückwärts
–Oft gute Amwind- und Kreuzeigenschaften
–Oft ein ⅞-Rigg
–Großer Tiefgang, was einige Gewässer und Ankerplätze ausschließt
–Grundberührung kann relativ schnell zum Totalschaden führen
–Oft ein größerer Spielraum für das Segeltrimmen
–Hohe Geschwindigkeit
–Sportlicher Segelspaß
Die zweite Grundform könnte man den »Finnkieler« nennen, dessen Rumpfform einem Surfbrett ähnelt: ein breites Heck, ein kurzer, tiefer, flossenähnlicher Kiel und ein oder zwei finnenähnliche, freihängende Spartenruder. Diese Schiffe zeichnen sich durch hohe Freibords aus, d. h. sie haben viel Schiff über statt unter der Wasseroberfläche. Im Hafen sehen sie durch die Rumpfhöhe über Wasser hoch und imposant aus, was durch ihre große Breite an achtern noch verstärkt wird. Durch die U-Form des Rumpfes ist die Bodenfläche deutlich breiter als bei den V-Rümpfen der Klassiker.
Viele bekannte Werften bauen diese breiten Finnkieler in großer Stückzahl, da sie einige Vorteile bieten, insbesondere für den Chartermarkt. Sie zeichnen sich durch viel Platz unter Deck aus, achtern sind sogar mittelgroße Modelle (deutlich unter 40 Fuß) so breit, dass unter dem Cockpit mindestens eine, manchmal sogar zwei Doppelkojen zu finden sind. Nicht selten gibt es sogar zwei Nasszellen. Diese Boote segeln sich wendig und schnell, d. h. sie bieten viel Segelgefühl und Spaß. Zudem lassen sie sich im Hafen – sogar rückwärts! – leicht manövrieren: vorausgesetzt, genügend Fahrt durchs Wasser gibt dem Ruder den notwendigen Biss.
Finnkieler verlangen aber eine etwas aktivere Crew, denn lässt der Segler das Ruder aus der Hand, kommt das Boot schnell vom Kurs ab und stolpert dabei vielleicht sogar noch über seinen eigenen Kiel. Denn: Nur das hocheffiziente und daher ununterbrochen zu kontrollierende (Sparten-) Ruder stellt die Kursstabilität her, die bei einem »Klassiker« automatisch durch die Rumpfform gegeben ist.
Auf flachem Wasser macht es besonders viel Spaß, mit diesen schnell segelnden Booten aktiv zu segeln. Bei höherem Wellengang wird das Limit der Finnkieler durch das harte Aufklatschen des flachen Unterwasserschiffes nach jeder größeren Welle jedoch unangenehm spürbar.
Im Gegensatz dazu segeln sich Klassiker anders: Statt flach auf dem Wasser zu surfen, schneiden klassische Fahrtenschiffe gemächlich, gutmütig und weich wie ein Buttermesser durch die Wellen.
Welche Segel soll ich kaufen?
Das Segel ist der Motor eines Segelbootes. Meistens haben Fahrtenschiffe ein Großsegel und ein Vorsegel. Das Vorsegel kann entweder eine kleinere Fock sein, die am hinteren Ende (Achterliek) nur bis zum Mast reicht, oder eine große Genua, die noch ein Stück hinter den Mast reicht und somit teilweise das Großsegel überlappt. Manche Segler führen auch beide Vorsegel: die kleinere Fock bei stärkerem Wind im Herbst oder in den Schären, wo wendig gekreuzt werden soll, und die Genua bei längeren Schlägen oder in den Sommermonaten. Beide passen auf die Rollanlage am Bug und müssen nur ausgewechselt werden.
Fock:
–Keine Überlappung mit Großsegel, daher als ≤ 100 % benannt
–Für einen Amwindkurs ist die Fock meist groß genug
–Besonders bei Schiffen mit ⅞-Rigg geeignet
–Wendiger zum Kreuzen
–Steht viel besser bei stärkerem Wind als eine gereffte Genua
–Weniger Tuch zum Aus- und Einrollen
–Günstiger, da kleiner als eine Genua
–Bei wenig Wind oft nicht groß genug
Genua:
–Überlappung mit Großsegel, daher als > 100 % eingestuft (z. B. 110 %, 125 %, 140 %)
–Mehr Segelfläche, was besonders bei tieferen Kursen (nicht am Wind) hilfreich ist
–Meist bei toppgetakelten Schiffen zu finden
–Kann zu Fockgröße gerefft werden (halb eingerollt)
–Aus einer Genua kann aber nie eine Fock gezaubert werden, denn eine halb eingerollte Genua steht deutlich schlechter als eine voll ausgerollte Fock
–Kann vor dem Wind sehr schön zum Schmetterlingssegeln ausgebaumt werden
Egal, ob Fock oder Genua: Sobald damit auch halb eingerollt (gerefft) gesegelt werden soll, muss das Segel einen »Reffkompensator« haben. Das ist eine vorn am Vorliek eingenähte »Schaumwurst«, die den eingerollten Bauch mittig im Segel kompensieren soll. Somit behält das gereffte Vorsegel zumindest noch einigermaßen eine akzeptable Form. Je weiter eingerollt, desto schlechter die Form – trotz eines Kompensators. Deshalb gilt die Faustregel: Um die Segeleigenschaften am Wind nicht ganz zu verlieren, sollte man ein Vorsegel maximal so weit einrollen, dass noch 70–75 % der Fläche bleiben (bei raumen Winden kann noch etwas mehr gerefft werden). Ab dann sollte man eher ein kleineres Segel wählen. Gute Segelmacher nähen hierfür eine Markierung am Unterliek an.
Wer nicht zwei Segel mitführen möchte, kann einen Kompromiss suchen: Zum Allround-Familiensegeln kann eine kleinere Genua von ca. 120 % gewählt werden. Diese kann dann mit einem Reffkompensator zu Fockgröße (100 %) gerefft werden. Da die Segelwahl sehr von Bootstyp und Segler abhängt, ist es auf jeden Fall sinnvoll, mit einem Segelmacher zu sprechen.
Wichtig ist, seine vom Segelmacher einst sorgfältig eingenähte gewölbte Form so lange und exakt wie möglich unverändert beizubehalten. Jedes Segel hat eine begrenzte Lebensdauer. Wann in neues Tuch investiert werden sollte, ist in erster Linie von der Tuchwahl abhängig.
Ein Segel ist ein Gebrauchsgegenstand, der nach einer Zeit seine Form verliert oder auf lange Sicht zerreißen wird. Gute Segel auf dem Gebrauchtmarkt zu finden, ist schwer, denn die meisten Segler behalten ihre Segel viel zu lang, bis sie eben gar nicht mehr gut stehen bei Starkwind. Eine Ausnahme wäre, hochwertige Segel von einem Regattasegler zu übernehmen, der zum Gewinnen immer neue Segel braucht. Leider passen diese Segel selten auf ein Fahrtensegelboot.
Ein wachsames Auge und die jährliche Inspektion aller Nähte und Scheuerstellen können das Leben eines Segels um ein Vielfaches verlängern, denn etwaige Schwachstellen können so vorzeitig behoben werden. Auch – und besonders – neue Segel sollten nach der ersten Saison sorgfältig auf Scheuerstellen untersucht werden, um sie eventuell zu verstärken oder Scheuerstellen am Rigg zum Schutz zu bedecken.
Es gibt (Laminat-)Segel, die ihre wunderbare Form während ihrer gesamten Lebenszeit behalten und dann plötzlich von jetzt auf gleich kaputtgehen. Diese Segel eignen sich in erster Linie für Regattasegler, da sie hier auf jeden Fall und bei jeder Windstärke ihre optimale Form behalten müssen.
Als Alternative gibt es die viel günstigeren, traditionellen Dacron-Segel aus Polyester, die eine gefühlte Ewigkeit nicht zerreißen, so lange sie – bei Nichtbenutzung – vor den schädlichen UV-Strahlen der Sonne geschützt werden. Hier steckt das grundlegende Problem: in der langsamen, jährlich zunächst kaum bemerkbaren und doch unaufhaltsamen Materialermüdung der Segel. Obwohl ein Dacron-Segel nicht zerrissen ist, ist es über die Zeit hinweg vielleicht doch so bauchig geworden, dass es viel Krängung und wenig Fahrt schenkt. Ein langsames, krängendes Boot, das in den Wellen dümpelt, ist alles andere als bequem oder spaßig. Der Krängung kann zwar durch eine Verkleinerung der Segelfläche (»reffen«) entgegengewirkt werden, was allerdings noch mehr Geschwindigkeit aus dem Boot nimmt.
Als dritte Variante gibt es hochwertige Dacron-Tücher mit eingewebten Ultra-PE-Fasern (Spectra/Dynema), z. B. »Hydranet«. Diese zeichnen sich durch Formstabilität der Laminatsegel und Lebensdauer der Dacron-Segel aus. Sie sind zwar teurer, können sich aber trotzdem lohnen.
Welche Reffsysteme gibt es für das Großsegel?
So mancher alte Seebär mag sich vielleicht noch an die Debatte der 80er-Jahre erinnern, als viele der Rollgenua gegenüber noch sehr skeptisch waren. Es wurde behauptet, die Genua würde nicht richtig stehen, es sei unsportlich, das Segel einfach wie einen Rollladen auszuziehen, und zudem sähe es hässlich aus, wenn die Genua als dicke Rolle um das Vorstag gewickelt würde. Zusätzlich sei sie technisch anfällig, denn wie solle man eine halb aufgerollte Genua bergen, wenn der Rollmechanismus klemmen würde oder sich das Fall um die Vorstag gewickelt habe.
Ihr Ruf war damals nicht der beste. Heute, gut 30 Jahre später, sind Rollreffanlagen der Genua auf fast allen Fahrtenschiffen Standard. Bei schlechtem Wetter und mit schweren Segelsäcken bewaffnet auf dem Vordeck herumzuklettern, gehört auf Fahrtenschiffen inzwischen zum Glück der Vergangenheit an.
Rollgroßsegel hingegen werden von einigen Seglern noch immer skeptisch betrachtet. Das ist eigentlich schade, denn mit vertikalen Latten versehen, stehen sie kaum der Segelfläche von traditionellen Großsegeln nach und sind äußerst bequem zu handhaben. Und: Sie sind sicher! Denn mit ihnen muss keiner mehr zum Mast turnen oder sich zum Binden des Reffs halb an den Großbaum hängen.
Gehört man zu der Kategorie Segler, die sowieso meist mit dem Wind segelt statt gegenan zu kämpfen (wie Weltumsegler und Blauwassersegler typischerweise), sind vertikale Latten am Rollgroßsegel von untergeordneter Bedeutung. Soll aber effektiv hoch am Wind gesegelt werden können, sind genau die Quadratmeter am hinteren Ende des Großsegels von großer Bedeutung. Diese Fläche optimal zu nutzen, ist nur mit Latten möglich.
Unangefochten sind ein traditionelles Großsegel und eine angehängte Genua die sportlich bessere Lösung. Das ist vergleichbar damit, dass sportliche Autofahrer es sich nicht nehmen lassen wollen, von Hand zu schalten. Ein Regattaboot hätte nie ein Rollgroßsegel! Aber, es hat schon etwas Attraktives, wenn der Skipper bequem und einfach stets die adäquate Segelfläche wählen kann, auf größeren Fahrtenschiffen sogar per Knopfdruck, auf kleineren mit einer Kurbel. Die Segelfläche lässt sich durch ein bisschen Kurbeln schnell und einfach vergrößern oder verkleinern – ohne dass dafür das sichere Cockpit verlassen werden muss.
Die meisten Fahrtenschiffe werden ohne Rollgroßsegel angeboten, und sie funktionieren natürlich auch mit traditionellem Großsegel sehr gut. Die traditionelle Methode, das Segel an einem Fall zu setzen und dann mithilfe von nach unten ziehenden Reffleinen zu verkleinern, ist übersichtlich und genial einfach.
Trotzdem gilt es, sich auch bei traditionellen Großsegeln das Reffsystem vor dem Kauf genau anzusehen, denn Reffsysteme können recht unterschiedlich bedient werden. Auf manchen Schiffen muss erst zum Mast gekrochen werden, um die Segelfläche anzupassen, auf anderen sind die Reffleinen ins Cockpit geführt.
Was ist der Unterschied zwischen Topptakelung und ⅞-Takelung? Und ist das wichtig?
Bei einem toppgetakelten Schiff wird die Mastspitze, und zwar am obersten Punkt, sowohl nach achtern durch das Achterstag als auch nach vorn durch das Vorstag so gehalten, dass sie weder nach hinten noch nach vorn kippt. Damit der Mast nicht seitlich fällt, gibt es noch die Wanten, welche ihn in Querrichtung in Position halten.
Bei einem Partialrigg oder auch einem ⅞-Rigg geht das Vorstag vom Bug aus nicht ganz in die Mastspitze.
Es endet an einem Punkt am Mast, der ursprünglich ca. ⅞ der Mastlänge entsprach. Heute gibt es noch viele andere Quotienten, und daher ist der Begriff Partialrigg allgemeingültiger.
Generell löst sich die Frage nach der Takelung von selbst, denn die meisten kaufen ihr Schiff nicht nach dem Riggtyp, der eher eine Konsequenz des Bootmodelles ist. Traditionelle Fahrtenschiffe und Blauwasseryachten, die auf maximale Sicherheit gehen wollen und meist mit dem Wind segeln, sind eher toppgetakelt. Moderne Regattayachten oder Boote von Seglern, die gern oder gezwungenermaßen oft kreuzen, haben eher ein tiefer angesetztes Vorstag vom Typ ⅞.
Nun, was passt am besten auf ein Fahrtenschiff? Kurze Antwort: die Takelung, die auf dem gewünschten Schiff zu finden ist.
Topp- und 7/8-Takelung
–Schiff und Takelung gehen Hand in Hand
–Traditionelle Fahrtenschiffe haben ein toppgetakeltes Rigg: stabil und geeignet für Raumschotssegeln
–Sportliche Segelboote haben ein ⅞-Rigg: ein krümmbarer Mast ergibt ein trimmbares Großsegel; mit einem kleineren Vorsegel eignet es sich besonders für Amwindkurse
–Käufer wählen selten den Riggtyp, denn der resultiert zumeist aus dem Bootstyp
INNENAUSSTATTUNG
Worauf sollte beim Bootskauf unter Deck besonders geachtet werden?
Große freie Bodenflächen sind bei traditionellen Fahrtenschiffen eher selten zu finden und auch nicht unbedingt notwendig oder erwünscht. Anders verhält es sich bei der Stehhöhe, die nicht zu gering ausgelegt sein sollte. Was während eines Wochenendtörns durchaus akzeptabel erscheinen mag, wird für das längere Wohnen auf dem Schiff zur Qual: Mit dem Kopf zur Seite geneigt stehen zu müssen, ist nicht nur beim Kochen auf Dauer wenig angenehm. Sofern eine passende Stehhöhe nicht im ganzen Boot möglich ist, wünscht sich der Eigner doch zumindest an einigen Stellen des Bootes, den Rücken ausstrecken zu können. Einige kurz gewachsene Menschen haben hier das große Glück, auch in kleineren Booten bequem unter Deck leben zu können. Der eine oder andere lang gewachsene Segler muss hier leider tiefer in die Tasche greifen, um sich ein Boot mit Stehhöhe leisten zu können.
Auf Charterschiffen und bei Wochenendtörns sitzt oft die gesamte Crew im Cockpit, denn alle wollen ja beim Segeln dabei sein. Fahrtensegler hingegen gehen auch gern mal unter Deck, um sich auszuruhen, zu kochen oder sich während eines längeren Schlages aufzuwärmen. Eine große Schiffsbreite ist unter Deck bei einem schaukelnden Schiff nicht unbedingt günstig. Um sich auch unter Deck beim Segeln sicher und bequem bewegen zu können, sind strategisch platzierte Handläufe oder vom Boden bis zur Decke reichende Pfähle sehr geschätzt, um nicht bei jeder unerwarteten Welle quer durchs Schiff zu fliegen.
Unabhängig davon, ob nur im Hafen bzw. am Ankerplatz gekocht werden soll oder gelegentlich auch unterwegs auf See, gehört die Pantry zu den wichtigsten Teilen eines Fahrtenschiffes. Astronautennahrung, Konservendosen und Stullen gehören heute selten zu den Hauptnahrungsmitteln auf Fahrtenschiffen. Ein Kühlschrank und ein Gasherd, manchmal mit Ofen versehen, sollten neben der passenden Stehhöhe in der Pantry nicht fehlen. Groß muss die Pantry nicht sein. Gut organisiert kann auch in einer 30 Jahre alten 30-Fuß-Yacht wunderbar gekocht werden. Der Koch ist oft das meist geschätzte Crewmitglied des Abends, wenn der kalten, hungrigen Crew ein heißer Eintopf oder Auflauf gereicht wird.
Ein weiterer wichtiger Platz im Schiff ist die Koje. Erholsamer Schlaf ist nicht nur angenehm, sondern auch wichtig. Matratzen, die mittlerweile von Profis für Boote maßgeschneidert angeboten werden, lassen inzwischen wenig zu wünschen übrig. Für eine gute Matratze lohnt es sich, Geld zu investieren, insbesondere weil sie auf jedem Schiff nachrüstbar ist und mit angemessener Dicke auf jedem noch so kleinen Boot Platz findet. Wem eine neue Matratze zu teuer ist, dem könnte zumindest eine günstigere Matratzenauflage zusätzlichen Komfort schenken.
Geht es nur auf einen Wochen- oder Chartertörn, werden gern die Hafensanitäranlagen benutzt. Solange Fahrtensegler in Häfen und Marinas übernachten, spricht auch nichts gegen den morgendlichen, mit Handtuch und Kulturbeutel bestückten Spaziergang. Wer aber als Fahrtensegler das Ankern für sich entdeckt, in entlegenen Gebieten segelt oder zur Nebensaison sein Schiff nutzen möchte, findet nicht immer (geöffnete) Sanitäranlagen. Hier wird die Nasszelle an Bord zum Badezimmer. Wie auch zu Hause, wünscht man sich, dass es gut riecht, der Hintern auf die Toilettenschüssel passt und eine Dusche Platz findet. Wer sein Wasser während des Motorens sowieso heizen kann, bekommt nicht nur warmes Wasser zum Spülen, sondern ebenfalls zum Duschen.
Selbstverständlich ist eine Dusche in der Nasszelle aber kein Muss. Oft bietet sich eine Außendusche an, wenn es die Nasszelle unter Deck nicht hergibt. Mit einem Duschkopf im Cockpit kann das gesamte Cockpit unter der Kuchenbude in eine Innendusche verwandelt werden. Alternativ wird der Duschkopf einfach am Heck eingebaut und die Badeplattform, die übrigens leicht nachzurüsten ist, wird zum Duschplatz. Der Vorteil: Die Plattform muss nach dem Benutzen nicht einmal gereinigt oder getrocknet werden. Ankern gibt die notwendige Intimsphäre, und einem Sprung ins Meer für den Kaltblütigen im Norden oder den Überhitzten im Süden steht nichts mehr im Weg.
Warum riecht es auf manchen Schiffen in der Nasszelle so schlecht?
Zu Hause würde man den Geruch nie akzeptieren, der sich in manchen Schiffen aus der Nasszelle im ganzen Schiff verbreitet. Die Tür zu schließen hilft nur bedingt, denn dann staut sich der muffige Geruch weiterhin in der Nasszelle, die zudem oft schlecht belüftet ist. Ein nachgerüstetes Decksventil, das durch das Kajütendach Luft nach außen, aber kein Wasser nach innen leitet, sorgt zumindest für frische Luft in der Nasszelle. Das Geruchsproblem wird dadurch leider nicht behoben.
Der schlechte Geruch entsteht durch Gase, die langsam und kontinuierlich durch die alten, billigen Fäkalienschläuche diffundieren, die ihre Gasdichtigkeit im Lauf der Jahre verlieren. Wann es an der Zeit ist, die Schläuche auszutauschen, ist einfach zu beantworten: spätestens, wenn es anfängt zu stinken, oder wenn der Skipper beginnt, davon zu sprechen, dass man kein Toilettenpapier in die Toilette werfen soll. Denn die Bordtoiletten sind sehr wohl auch für Toilettenpapier konstruiert.
Zusätzlich zum Verlust der Gasdichtigkeit bekommen die Schläuche im Lauf der Zeit auch einen immer geringeren Durchmesser. Salzwasser reagiert nämlich mit Urin und bildet Kristalle als Ablagerungen auf der Innenseite der Schläuche, die dann immer weniger durchlassen, was schließlich zur Verstopfung führt. Die kurzfristige Notlösung heißt: »Kein Toilettenpapier mehr« – aber längerfristig sollte das eigentliche Problem angegangen werden. Wenn die Schläuche getauscht werden, sollten unbedingt die leider sehr teuren, dafür aber völlig gasundurchlässigen Schläuche gewählt werden. Auch wenn es in der Geldbörse schmerzt, sind es ja nicht viele Meter, die verbaut werden.
Wer gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen möchte und in Zukunft sowohl Verstopfung als auch Geruch vermeiden will, kann gleich auf süßwassergespülte elektrische Toiletten umrüsten. Diese sind erstaunlich zuverlässig, verbrauchen viel weniger Wasser als angenommen und kosten nicht einmal die Welt.
Bei Salzwasserspülungen wird immer mit sehr viel Wasser gespült, damit möglichst kein Urin in den Schläuchen stehen bleibt. Auch der letzte Tropfen sollte über Bord oder in den Fäkalientank gespült werden. Leider wird dabei auch der Fäkalientank schneller voll. Der gleiche Fäkalientank kann also erheblich mehr Toilettenbesuche fassen, wenn mit Süßwasser statt mit Salzwasser gespült wird, da jede Süßwasserspülung deutlich weniger Wasser verbraucht.
Wie kann ich in meinem Fahrtenschiff eine gemütliche Atmosphäre schaffen?
Es dauert ein bisschen, bis ein Boot seine Seele gefunden hat. Einige Schiffe werden so stiefmütterlich behandelt, dass sie auch nach Jahren immer noch so aussehen, als seien sie gerade erst von der Werft ausgeliefert worden.
Funkelnagelneue Schiffe sind auf einer Bootsmesse immer besonders schön zu bewundern, trotzdem haben sie einiges mit Charterschiffen großer Firmen gemein: Sie sehen alle gleich und unpersönlich aus. Das ist ja auch die Absicht auf einer Messe: Ein neues Schiff bekommt erst durch seinen Eigner und dessen Engagement eine Persönlichkeit und einen Charakter. Charterschiffe sollen ähnlich wie Hotelzimmer möglichst viele Gäste ansprechen, ohne durch zu viel persönliche Ausschmückung abschreckend zu wirken. Einige Hotels haben inzwischen aber verstanden, dass Menschen sehr wohl Zimmer mit Charakter zu schätzen wissen, und so gibt es selbstverständlich auch Charterschiffe, die mit persönlichem Stil ausgeschmückt sind. Auch Ausstellungsboote werden inzwischen oft mit Kissen, Handtüchern oder einer Obstschale hier und da ausgeschmückt.
Ein kleines Fahrtenschiff bietet natürlich nicht ganz so viel Gestaltungsspielraum wie ein Haus, doch die bestehenden Möglichkeiten sollte der Eigner umso dringlicher nutzen, um sein Schiff persönlich zu prägen und den Wohlfühlfaktor zu steigern. Das Fahrtenschiff verwandelt sich im Nu vom sterilen Ausstellungsobjekt zum gemütlichen Zuhause. Für geringes Geld lassen sich die Stoffbezüge im Salon auswechseln (wobei sich vielleicht herausstellt, dass auch die Polster mit ausgetauscht werden sollten), um maximale Gemütlichkeit zu gewährleisten. Es lohnt sich, in sein Boot zu investieren; nicht zuletzt auch, um den Partner und die Familie für das Wohnen auf dem Schiff zu begeistern.
Von den vielen Möglichkeiten, wie dem Schiff eine Persönlichkeit geschenkt werden kann, sind hier ein paar Ideen und Inspirationen skizziert. Es gibt aber natürlich noch unzählige weitere Möglichkeiten und viel Raum, um seiner gestalterischen Fantasie freien Lauf zu lassen.
Das mittig im Salon angebrachte Hauptschott wirkt oft wie eine riesige dominante Wand. Dem kann man leicht entgegenwirken, indem man sie mit einem Bild, einem persönlichen Erinnerungsstück oder einer Seekarte dekoriert.
Die breit streuenden Deckenleuchten, die wahrscheinlich aus Stromspargründen auf LED umgerüstet wurden, haben oft einen hässlichen Schein, denn sie geben ein viel zu kontrastloses Licht, das sich gleichförmig im ganzen Salon verbreitet. Die Gemütlichkeit kann schnell um ein Vielfaches erhöht werden, wenn stattdessen viele kleine Lichtquellen sowie indirektes Licht mit LED-Tapes eingesetzt werden. Empfehlenswert sind hier Hochqualitäts-LEDs, die ein ansprechendes Licht ausstrahlen, und nicht die billigeren Varianten aus dem Baumarkt. Dimmer ermöglichen eine individuelle Lichtgestaltung und können je nach gewünschter Atmosphäre situationsbedingt eingestellt werden.
Zusätzlich geht nichts über eine traditionelle Petroleumlampe, die zu besonders gemütlichen Abenden gezündet werden kann und im Cockpit aufgehängt den Abend im wahrsten Sinn des Wortes vergoldet. Der verregnete, graue Tag oder die blaue Stunde lädt zu gemütlichem Beisammensein oder eigener Achtsamkeit im Cockpit vor Anker oder im Hafen ein.
Kontrovers diskutiert wird häufig, ob ein Teppich auf einem Boot die Gemütlichkeit erhöht oder kategorisch als unschiffig und unpraktisch zu betrachten ist. Wenn man mit nass triefenden Regenkleidern in die Kajüte stapft, ist ein Teppich natürlich schnell problematisch. Für andere schafft der Teppich hingegen nicht nur Wärme für die Füße, sondern gibt vor allem einen wunderbaren Studiosound, indem die hohen Reflexionen der Tonwellen einfach vom Material des Teppichs verschluckt werden. Wer sich also für das Ambiente einen Teppich wünscht, kann die Regenkleider und Stiefel einfach schon unter der geschützten Sprayhood im Cockpit ausziehen. Das hilft übrigens auch gut gegen Seekrankheit! In südlicheren Revieren gilt zu beachten: Gerade in Salzwasser gebadete oder sandige Füße lassen den Teppich zum unappetitlichen Schmutzfänger werden. Zum Glück bieten Teppiche die Option, sie zu gewissen Segeltörns einfach an Land zu lassen – viele müssen nicht verklebt werden, sondern lassen sich durch Druckknöpfe rutschfest montieren und sind waschbar.
Viele verbringen die nächtlichen Stunden in einem Schlafsack und verschlafen so ein Drittel ihrer Bootszeit als Single in einem Nylon-Kokon. Aber warum nicht genauso gemütlich wie zu Hause gemeinsam unter einer Steppdecke kuscheln? Viele Decken sind heute aus feuchtigkeitsabweisender Kunstfaser, und wenn die Bettwäsche statt aus 100 % Baumwolle aus einem Mischgewebe mit 50 % Nylon besteht, ist ein komfortabler Kompromiss zwischen Trockenheit und Kuschelfaktor gewährleistet.
Plastikgeschirr ist ohne Zweifel sehr praktisch für Mahlzeiten unterwegs im Cockpit. Doch auch hier gibt es große Qualitätsunterschiede zwischen billigem Campinggeschirr und hochwertigem Kunststoff. Für gemütliche wie stilvolle Stunden am Ankerplatz oder im Hafen spricht außerdem absolut nichts gegen Teller und Tassen aus Porzellan sowie Weingläser aus richtigem Glas. Individuell in Kartons verpackt oder durch kleine Papiereinlagen voneinander getrennt, lassen sie sich sogar im Schapp sicher verstauen. Wer gern selber werkelt, kann sich auch den Bau einer Vitrine für die Gläser als Projekt für den nächsten Winter vornehmen.
Unter Deck
–Die Breite des Schiffes ist weniger wichtig als die individuelle Stehhöhe
–Viele Handläufe, eine attraktive Pantry und bequeme Kojen sind wichtig
–Die Nasszelle wird bei längeren Törns viel benutzt
–Eine (Not-)Dusche lässt sich auch in kleinen Schiffen einrichten (ggf. im Außenbereich)
–Viele Nasszellen riechen aufgrund von gasundichten Schläuchen nicht gut
–Eine nachgerüstete, süßwassergespülte elektrische Toilette kann viele Probleme auf einmal lösen
–Die Gemütlichkeit kann durch kleine Details und persönliche Gestaltung sehr gesteigert werden
So könnte die Liste über Zierkissen, Stoffe, Haushaltsgeschirr und Dekorationen noch lange weitergeführt werden. Das Wichtigste ist immer, dass die Crew sich wohlfühlt.
Was ist beim Cockpit zu beachten?
An kaum einem anderen Ort verbringt der Fahrtensegler so viel Zeit wie im Cockpit, und zwar nicht nur, wenn gesegelt wird. Im Cockpit sitzt die Crew auch vor Anker oder im Hafen gern, denn von dort aus hat man fast immer die schönste Aussicht.
Vor Anker kommt der Wind meist von vorn, und so ist das Cockpit zudem in der Regel windgeschützt. Ein Bimini für das Mittelmeer oder eine Kuchenbude mit großen Fenstern im Norden machen aus dem Cockpit wahlweise eine Terrasse oder ein Wohnzimmer. Die Petroleumlampe oder einige Kerzen schaffen Gemütlichkeit, Sitzkissen bieten jede Menge Komfort, die Weinflasche sorgt für gute Laune und die Crew für gute Gespräche und Freude.
Das Cockpit ist das Zentrum des Lebens, des Abenteuers und der Entspannung. Wie es designt sein sollte, ist sowohl von der eigenen Segelvorliebe als auch vom Revier abhängig. Große Cockpits sind für Hafenpartys perfekt, bei Schräglage in Wellen entpuppen sich kleinere, geschütztere Cockpits oft als viel bequemer. Offene, höher platzierte Cockpits sind von Vorteil, wenn an heißen Tagen und Abenden Zugluft gewünscht ist, und zusätzlich hat man von dort aus einen guten Rundumblick. Ein tief platziertes Cockpit bietet mehr Schutz vor spritzendem Wasser, und zugleich werden hier die Schiffsbewegungen oft angenehmer aufgefasst, da die Crew näher am Bewegungszentrum sitzt, statt über einer Achterkoje wie auf der Spitze eines Metronoms hin- und hergeschaukelt zu werden.
Grundlegend gibt es zwei unterschiedliche Arten von Cockpits: das Achtercockpit und das Mittelcockpit. Achtercockpits sind generell größer und sportlicher und geben eine gute Sicht nach vorn, um die Segel optimal trimmen zu können. Ein Mittelcockpit dagegen schenkt Geborgenheit durch einen gefühlten deutlichen Abstand zum Wasser, ist generell kleiner und birgt damit einige gute Möglichkeiten, um sich bei lebhaftem Wellengang sicher abzustützen oder festzuhalten. Da ein Mittelcockpit mitten im Schiff angebracht ist, bedeutet dies oft zwangsläufig einen kleineren Salon, dafür aber eine Achterkabine hinter dem Cockpit, was ebenfalls seine Vorteile hat.
Cockpit
–Als Zentrum des Schiffes ist das Cockpit ein wichtiger Aufenthaltsort
–Es muss bequem sein, sowohl im Hafen als auch bei Schräglage auf dem Wasser
–Es gibt unterschiedliche Cockpitdesigns, die jeweils zu verschiedenen Revieren und Jahreszeiten passen
Der Süll, der »Rand« um das Cockpit herum, sollte hoch genug sein, um eine bequeme Rückenlehne zu bilden, die gern eine leichte und damit angenehme Neigung haben darf. Bequeme Sitzkissen können den Komfort hier erheblich steigern.
Sich während des Segelns auch bei Schräglage gut festhalten zu können bzw. sich sicher mit den Füßen abstützen zu können, sollte eine Selbstverständlichkeit sein, ist es aber leider nicht auf allen Schiffen. Ebenfalls sollten die Schoten vom Cockpit aus leicht zu erreichen sein. Wenn außerdem auch noch die Segel vom Cockpit aus gerefft werden können, ist sehr viel an Sicherheit und damit Wohlgefühl gewonnen.
Das ideale Cockpit gibt es nicht, es gibt nur ein Cockpit, indem die jeweilige Crew sich wohlfühlen kann. Langes Probesitzen (und vor allem auch -liegen) macht beim Schiffskauf viel Sinn. Hierbei sollte man sich die Welt in Schräglage vorstellen, wenn Spritzer und Wind im Cockpit mitmischen, die Crew seekrank ist und die Winschen zum Segeltrimmen nicht zu weit weg sein sollten.
Warum wirken Fahrtenyachten im Vergleich zu Charterschiffen oft viel enger?
Streng genommen kann jedes Schiff zur Fahrtenyacht werden: Das zeitweise Leben auf dem Wasser reicht vom Camping auf dem offenen Jollenkreuzer bis zur »Hotelreise« mit der Luxusyacht mit Wassermacher und Generator. Oft wirken typische Fahrtenschiffe jedoch bei gleicher Gesamtlänge im Vergleich zu breiten Charterschiffen mit ihren vielen Kojen und Nasszellen deutlich enger.
Eine mit tiefer Bilge versehene V-förmige Rumpfform gehört zu den Wahrzeichen vieler Fahrtenyachten. Diese setzt nicht nur angenehm weich in die Wellen ein, sondern sieht zu, dass das Schlagwasser in der tiefen Bilge bleibt, und verhindert somit, dass bei der kleinsten Wellenbewegung das Wasser unter sämtlichen Bodenbrettern herumschwappt und dort verstaute Utensilien durchnässt. Auch Tanks werden aus Stabilitätsgründen bei Fahrtenschiffen so weit unten wie möglich unter den Bodenbrettern verbaut. Mehr »Schiff« ist also unter der Wasserlinie wiederzufinden, und die Yachten sind generell oft schmaler und tiefer und wirken daher enger.
SICHERHEIT DES SCHIFFES
Wenn ein Schiff die CE-Markierung »A« für grenzenloses Segeln hat, ist es dann auch grenzenlos sicher?
Jedes nach 1998 in der EU verkaufte neue Schiff muss eine CE-Markierung tragen. Diese soll dem Konsumenten die Sicherheit geben, dass sowohl Stabilität als auch eine grundsätzliche Sicherheit gewährleistet sind. Erstaunlich viele Schiffe erreichen die höchste Klassifizierung »A«. Das bedeutet per Definition, dass sie in über 4 m hohen Monsterwellen und Stürmen mit über 8 Windstärken (40 kn) noch sicher segelbar sein sollen. Die Skala ist hier nach oben hin offen, was durchaus als problematisch zu betrachten ist, denn der potenzielle Käufer könnte hier dazu verleitet werden, zu denken, dass diese Boote allen Stürmen dieser Welt gewachsen sind und zudem alle notwendigen Sicherheitsvorkehrungen aufweisen. Leider ist dem nicht so! Vielmehr ist jedem Eigner selbst überlassen, inwiefern sich sein persönliches Sicherheitsstreben auch auf die Wahl der Ausstattung seines Bootes auswirkt.
Zudem können Wellenhöhe und Windstärke sehr unterschiedlich auf ein Schiff einwirken und damit Einfluss auf die Sicherheit nehmen. Zu guter Letzt beeinflusst die Zuladung des Schiffes erheblich die Seetüchtigkeit. Daran denken viele nicht, die sich durch das »A« blenden lassen.
Jede nicht serienmäßige Ausrüstung spielt bei der Zuladung eine Rolle: Zusatztanks, Beiboot, Außenborder, Ersatzteile, Lebensmittel, Getränke, Bücher, die Crew an sich … Alles zusammengezählt, wird aus dem einst so sicher klingenden Kategorie-»A«-Schiff plötzlich ein Boot, welches so nur für geschützte Gewässer geeignet ist. Ein und dieselbe Schiffskonstruktion rutscht so unerwartet schnell die Sicherheitsleiter hinab. Aus »A« wird durch Überladung plötzlich ein »B« (nur für unter 4 m Wellen und maximal 8 Beaufort geeignet) oder sogar ein »C« (nur für küstennahes Segeln, Seen und größere Buchten mit unter 2 m Wellen und maximal 6 Beaufort geeignet).
Es gehört zur guten Seemannschaft, die maximale Ladeleistung seines Schiff nicht nur zu kennen, sondern auch zu beachten bzw. diese beim Kauf sehr sorgfältig zu prüfen. Sie ist aus der am Schiff angebrachten CE-Plakette zu entnehmen und wird oft als eine Gruppe Menschen dargestellt, gefolgt von einem Pluszeichen und einer Anzahl Koffer. Achtung: Hiermit ist aber keinesfalls nur das für den Törn mitgebrachte Gepäck gemeint, sondern einfach alles, was nicht serienmäßig aus der Broschüre des neuen Bootes hervorgeht! Ein Blick auf die Wasserlinie verrät, wie viel schon an Bord geschleppt oder installiert wurde. Vergleicht der Hafenspaziergänger mehrere Boote des gleichen Modells, kann er leicht den deutlichen Unterschied erkennen, wie viel vom Antifouling jeweils noch über der Wasseroberfläche zu sehen ist.
Der Bootseigner muss die Zuladung selbst schätzen. Wie viele Umzugskartons sind bereits an Bord geschleppt worden? Welche Ausrüstung ist nicht serienmäßig installiert? Gewicht sammelt sich schneller an, als man denkt, und regelmäßiges Ausmisten ist somit auch aus Stabilitäts- und Sicherheitsgründen wichtig.
Zusätzlich ist zu beachten: Je höher etwas am Schiff installiert oder verstaut ist, desto schlechter ist dies für die Stabilität.
Muss ich unbedingt ein »A-Schiff« haben?
Jeder Bootseigner sollte sich bewusst sein, wie seetauglich sein Schiff eigentlich ist und dessen Grenzen kennen. Vorsicht ist geboten, denn Schiffe sind nicht für alle Gewässer perfekt geeignet. Damit ist man wieder am Anfang: erst das Revier, dann das Schiff aussuchen.
Wenn man sich aber der Grenzen bewusst ist, kann man sich bei günstigen Bedingungen und einer guten Seemannschaft vorsichtig in Gewässer wagen, für die das Schiff eigentlich nicht gedacht ist. Auch ältere Schiffe, die vor der Einführung der CE-Markierung im Jahr 1998 gebaut wurden, können sehr wohl sicher sein. Es gibt viele Boote, mit denen um die Welt gesegelt wurde, die heute keinesfalls ein »A« bekommen würden. Selbst mit einer Segeljolle und Zelt ist es möglich, bei schönem Wetter über große Strecken zu segeln, denn die Sicherheit eines Schiffes hängt insgesamt viel mehr von der Seemannschaft, d. h. von Vorsicht, Geduld, Kenntnis und Erfahrung der Crew ab, als von der Konstruktion des Bootes.
CE-Markierung
–Die CE-Markierung »A« kann leicht ein trügerisches Sicherheitsgefühl geben
–Einige Schiffe verlieren durch erstaunlich wenig Zuladung schnell ihre Seetüchtigkeit; deshalb unbedingt die zugelassene Zuladung verschiedener Schiffe vergleichen
–Die im Kapitel Crewcheck näher beschriebene Seemannschaft ist mindestens so wichtig wie die CE-Kategorie
–Auch alte Schiffe ohne CE-Norm können sicher sein
Letztlich entwickeln sich auch die Ansprüche an ein Kategorie-»A«-Schiff über die Jahre hinweg. So ist ein »A«-Schiff eines Baujahres nicht unbedingt entsprechend einem »A« eines späteren Datums. 2019 wurden z. B. die Ansprüche an die Badeleitern angepasst, sodass nun sämtliche neuen Schiffe eine Sicherheitsleiter installiert haben müssen, die nicht nur weit genug unter Wasser reicht, sondern vor allem von einem Menschen über Bord (MOB) eigenständig heruntergeklappt werden kann. Bei vielen älteren Modellen muss, trotz einer CE-Markierung »A«, zuerst eine Badeplattform heruntergeklappt werden, damit im Anschluss eine zweite Person an Bord die Badeleiter ins Wasser lassen kann.
Ist Geschwindigkeit beim Fahrtensegeln wichtig?
Geschwindigkeit ist auch bei Fahrtenschiffen ein nicht zu vernachlässigender Faktor, denn Geschwindigkeit hat viel mit Sicherheit und Bequemlichkeit zu tun. Je schneller das Schiff, desto weniger dümpelt es in den Wellen, die Crew wird weniger seekrank, und besonders moderne Kielkonstruktionen werden um ein Vielfaches stabiler, wenn sie mehr Fahrt durchs Wasser haben. Segelt das Boot schneller, kann auch schlechtem Wetter besser ausgewichen werden, bzw. das Schiff liegt schon sicher im Hafen, bevor das Wetter zuschlägt.
Ein schnelleres Schiff bedeutet, dass der Tagestörn weniger Zeit braucht oder umgekehrt bei gleicher Segelzeit mehr Distanz gemacht werden kann. Ist ein Boot nur 10 % schneller, bedeutet dies bei einem ansonsten zehnstündigen Segeltag die Option, eine ganze Stunde früher anzukommen. Vielleicht ist man damit dann schon aufkommendem Regen oder Starkwind entkommen, erreicht den Hafen noch vor Dunkelheit oder schafft es noch rechtzeitig, bevor der örtliche Pub schließt.
Die maximal zu erreichende Geschwindigkeit eines Bootes wird Rumpfgeschwindigkeit genannt. Diese hat direkt mit der Länge des Schiffes in der Wasserlinie zu tun: Je länger die Wasserlinie, desto schneller das Boot – bei genügend Wind. Um an die Rumpfgeschwindigkeit eines neueren Bootes heranzukommen, muss beim Kauf eines älteren Modells mehr Deckslänge in Kauf genommen werden, da die klassischen Boote typischerweise viel größere Überhänge haben: Das Deck ragt am Bug und Heck ein Stück über die Wasserlinie hinaus. Bei modernen Schiffen sind Deckslänge (LOA = »Length Over All«) und Wasserlinienlänge (LWL = »Loaded Waterline Length«) fast identisch.
Grundsätzlich stellt ein längeres Deck keinen Nachteil dar, abgesehen von den Hafengebühren, die oft die gesamte Schiffslänge als Basis haben.
Geschwindigkeit
–Eine gute Geschwindigkeit hat sehr wohl Bedeutung für die Sicherheit
–Gute Geschwindigkeit macht Spaß!
–Die Rumpfgeschwindigkeit wird von der Wasserlinienlänge beeinflusst
–Alte Schiffe haben bei gleicher Deckslänge oft eine kürzere Wasserlinie
»ZUM MITSCHNACKEN«
Wieso heißt es »Länge läuft«?
Kaum eine halbe Stunde an Bord, fällt der Satz »Länge läuft!« zum ersten Mal. Da kann der Neuling noch problemlos über die fehlende Kenntnis der Bedeutung hinwegsehen. Spätestens beim zweiten Mal aber möchte man dann doch wissen, was es mit dieser mysteriösen Aussage auf sich hat.
Bei vorgegebener Gesamtlänge sind moderne Schiffe nicht nur breiter geworden, sondern die Wasserlinie ist auch deutlich länger als früher. Dies wird dadurch erreicht, dass sowohl Bug als auch Heck fast senkrecht vom Deck ins Wasser abfallen.
Die stilvollen sogenannten »Überhänge«, bei denen das Deck viel länger ist als die Wasserlinie, gehören heute zur Geschichte der Yachtkonstruktion und finden sich – abgesehen von wenigen sehr noblen Retrodesigns – nur noch auf dem Gebrauchtbootmarkt.
Die Länge des Schiffs längs der Wassserlinie korrespondiert rein physikalisch direkt mit der maximalen Geschwindigkeit des Bootes. Man spricht hier von Rumpfgeschwindigkeit. Um mehr Rumpfgeschwindigkeit zu erhalten, muss also die Wasserlinie verlängert werden. Nur sehr leichte Schiffe können durch »gleiten« die Rumpfgeschwindigkeit doch übertreffen, indem sie quasi über das Wasser fliegen. Kleine Motorboote sind typische »Gleiter«. Schwere Segelboote gehören aber zur Kategorie »Verdränger« und können nicht gleiten.
Um die maximale Rumpfgeschwindigkeit zu erreichen, gilt: »Länge läuft!« Schiffe mit einer längeren Wasserlinie sind proportional zur Wurzel ihrer Länge in der Wasserlinie schneller.
Maximale Rumpfgeschwindigkeit ≈ 2.43 x √LWL
wobei:
LWL = Länge des Schiffes in der Wasserlinie
Ein Schiff mit einer 7 m langen Wasserlinie hat somit eine ungefähre maximale Geschwindigkeit von 6,4 kn, bei 10 m Länge sind es schon 7,7 kn (20 % schneller), wohingegen 12 m Wasserlinie ganze 8,4 kn (31 % schneller) bedeuten.
Erlaubt die Windstärke das Erreichen der Rumpfgeschwindigkeit nicht, spielen noch andere Aspekte, wie zum Beispiel die Rumpfform, die Segelfläche oder das Gewicht des Bootes, eine Rolle. Aber ist genügend Wind gegeben, zählt in erster Linie die Länge der Wasserlinie für die erreichbare Geschwindigkeit des Bootes.
Ist die Anschaffung eines Fahrtenschiffes Konsum oder kann es auch eine Investition sein?
Viele strecken sich beim Bootskauf bis an ihr finanzielles Limit. Was ein Schiff am Ende wirklich gekostet hat, eröffnet sich allerdings erst viele Jahre später, d. h. im Nachhinein beim Verkauf. So können Boote, die anfangs zunächst viel Geld gekostet haben, sich tatsächlich beim Verkauf als günstiger entpuppen, wenn der Wert sich gut gehalten hat.
Das Geld, das ein Boot jedes Jahr verschlingt, ist dabei nur ein Aspekt. Der Nutzen ist nämlich nicht nur in monetärer Währung zu beziffern. Das eigene Schiff kann durchaus eine Investition in den Partner, in den Umgang mit der Familie, in die engsten Freunde oder auch in die eigene Lebensqualität sein. Was der Eigner erwirbt, ist nicht nur ein Gegenstand, sondern von weit größerem individuellem Wert: ein umfassendes Freiheitsgefühl, die Möglichkeit, für eine gewisse Zeit dem Alltag zu entfliehen. Wer jederzeit (selbst in Pandemiezeiten) flexibel unterwegs sein können möchte, besitzt durch ein Fahrtenschiff einen omnipräsenten Rückzugsort mit Reiseoption – weitab vom hektischen Alltagsleben.
Von dem individuellen Wert abgesehen, sollte schon beim Kauf eines Bootes darauf geachtet werden, dass es gegebenenfalls auch leicht wieder zu verkaufen ist. Damit wird der Bootskauf zu einer pfiffigen Investition mit Rückgabeoption. Es ist fast sicher: Ein gepflegtes, gut ausgerüstetes, populäres Bootsmodell behält seinen Wert auf dem Markt.
Warum kosten Schiffe gleicher Größe so unterschiedlich viel?
Ein neues Boot zu bestellen, es bauen zu lassen und dann ungebraucht ausgeliefert zu bekommen, ist zweifelsohne ein unschlagbares Gefühl. Branchenüblich ist, der Werft eine erhebliche Summe direkt bei Vertragsunterzeichnung zu überweisen, und nur die finanzstärksten Werften können für die Vorauszahlung eine Bankgarantie anbieten. Ein neues Boot steht für neueste Technik und Entwicklung, innovatives Design und ein dem jeweiligen Zeitgeist entsprechendes kundenorientiertes Angebot. Aktuell sind dies oft geräumige, helle Schiffe mit einer Vielzahl von Luken und Fenstern sowie beeindruckenden Segelgeschwindigkeiten. Reparaturen sollten in den ersten Jahren kaum anfallen. Kein Wunder also, dass neue Schiffe viel Geld kosten! Aber warum so unterschiedlich viel? Was unterscheidet die Schiffe?
Die unterschiedliche Materialwahl und Ausrüstung spiegeln nur einen Teil der Antwort wider. Der Hauptgrund für den erheblichen Preisunterschied zwischen den Yachten ist in der Entstehungsweise zu finden. Werften stehen für sehr unterschiedliche Produktionsmethoden. Diese sind mit bloßem Auge auf Messen nicht immer einfach ersichtlich.
Hocheffiziente Werften brauchen oft nur wenige Tage, um aus vorgefertigten Modulen ein komplettes Boot zusammenzusetzen. Fertige Nasszellen mit vorinstallierten Toiletten und Waschbecken, Möbel mit bereits verlegten Kabeln und Beleuchtungssystemen sowie Tanks werden computergesteuert von oben zu den entsprechenden offenen Rümpfen geführt und herabgesenkt. Ist der Innenausbau komplett, kommt zuletzt das Deck wie ein Deckel oben drauf – und fertig ist das Schiff!
Für viele Eigner, die bei schönem Wetter ein paar Wochen Urlaub im Hochsommer machen wollen, sind diese Schiffe wirklich sehr gut geeignet. Sie bieten oft viel Raum zu einem verhältnismäßig günstigen Preis, sind somit sogar neu erschwinglich und gebraucht oft günstig zu haben. Wer nur selten im Frühling oder im späten Herbst unterwegs ist, vermisst wohl kaum einen isolierten Rumpf, der Kondenswasser und Feuchtigkeit vermeidet. Wer nur im Sommer oder im Mittelmeer unterwegs ist, braucht weder ein geschütztes Cockpit mit Glasscheibe oder Hardtop noch eine Dieselheizung; wer nicht bei hohen, steilen Wellen segeln wird, benötigt keinen besonderen Rumpftyp.
Es gibt jedoch auch Käufer, die von Emotionen geleitet sind, die von weiteren Zielen träumen, die das Gefühl haben wollen, dass sie auch bei Sturm sicher segeln könnten. Und wenn es sich um ein älteres Schiff handelt, wünschen sie sich, dass es nach wie vor so stark ist wie am ersten Tag. Für solche Käufer ist zum Beispiel eine gute Steifheit des Schiffes relevant. Es gibt Boote, die ächzen und quietschen in jeder Welle. Es gibt Boote, denen sagt man nach, sie würden sich biegen wie eine Banane, wenn das Rigg zu sehr angespannt wird. Es gibt Boote, die nach ein paar Jahren Ermüdungserscheinungen und Risse aufweisen, dass man Angst bekommt. Und dann wieder andere, teure traditionelle Schiffe, die sich keinen Millimeter verdrehen oder verbiegen, egal, wie alt sie sind oder wie stark das Rigg angespannt ist. Diese sogenannte Steifheit ist vor allem bei Gebrauchtbooten ein wichtiger Kostenfaktor, der vielen nicht bewusst ist.
Einige Segler wollen möglichst eine lange Saison genießen und sich dennoch in ein möglichst wohlig warmes und trockenes Boot zurückziehen können. Ein Wohnschiff für viele Monate des Jahres eben. Diese Kunden suchen Fahrtenschiffe, die oft von kleineren Werften gebaut werden, da die Nachfrage hier im Vergleich zu massenproduzierten Schiffen für den Chartermarkt eher begrenzt ist. Auch hier werden Schiffe nach Tradition produziert, was mehr Zeit in Anspruch nimmt und daher trotz gleicher Größe mehr Geld kostet.
So werden immer noch einige Boote auf die traditionelle Weise gebaut. Hierbei werden das Deck und die Schotten erst am Rumpf festlaminiert, und erst danach wird alles durch den Niedergang reingebracht. Diese Bauweise hat den weiteren Vorteil, dass das Austauschen von Material und Innenausbau deutlich einfacher möglich ist, denn alles, was durch den Niedergang hereingekommen ist, kommt auch dort wieder hinaus. Anders bei den günstiger produzierten Booten, die erst die Innenausstattung erhalten und bei denen zum Schluss das Deck aufgesetzt wird. Zusätzlich haben traditionell gebaute Boote häufig isolierte Rümpfe, die für eine ganzjährige Nutzung des Bootes wichtig und notwendig sind. Die traditionelle Bauweise kostet natürlich in der Produktion mehr als ein seriell produziertes Boot. Allerdings ist zu bedenken, dass ein einfach zu refittendes und traditionell gebautes Boot gleichzeitig eine deutlich bessere Anlage bietet, da es in den meisten Fällen seinen Wert auf dem Gebrauchtbootmarkt behält.
Preisunterschiede
–Die eigentlichen Kosten sieht man erst nach vielen Jahren, wenn die Refitkosten und der Verkaufserlös das Gesamtbild zeigen
–Für wenig Geld erstandene Schiffe können sich durch die über die Jahre anfallenden Reparaturkosten am Ende doch als sehr teuer erweisen
–Populäre Modelle können leichter wieder verkauft werden als weniger bekannte Modelle
–Schiffe kosten sehr unterschiedlich viel, sowohl neu als auch gebraucht
–Schiffe werden sehr unterschiedlich produziert (von Massenanfertigung bis Einzelstückherstellung)
–Ein Schiff auf traditionelle, stabile Art und Weise mit isoliertem Rumpf zu bauen, ist sehr teuer
GEBRAUCHTBOOTE
Die vielen Gebrauchtboote mit so unterschiedlichen Baujahren verunsichern mich! Werden denn Schiffe nie verschrottet?
Ein kurzer Hafenspaziergang ist wie die maritimen Zeitepochen des letzten halben Jahrhunderts auf einen Blick einzufangen: Da liegen sie nun, die Zeitzeugen des Bootsbaus der letzten 50 Jahre. So mancher kann sich bestimmt noch gut an die verschiedenen Fahrtenschiffe vergangener Zeiten erinnern, die wunderschön – aber damals für Otto Normalverbraucher unerreichbar – als Luxusyachten auf den Messen zu bewundern waren. Heute erscheinen sie als Gebrauchtboote sehr erschwinglich. Wie schön, denn oftmals sind sie liebevoll gepflegt, aufgewertet und sehr gut ausgerüstet. Wer das Alter des GFKs, des Aluminiums im Mast, des Mahagoniholzes unter Deck oder des Bleis im Kiel nicht scheut, kann heute eine echte Luxusyacht von damals kaufen! Wo ist das sonst im Leben möglich?
Je mehr es sich damals um eine gelungene, starke und ästhetisch zeitlose Konstruktion gehandelt hat, desto begeisterter werden diese Schiffe heute noch geliebt und gesegelt. Ein altes Fahrtenschiff aus den 70ern, 80ern, 90ern oder dem Beginn des 21. Jahrhunderts kann heute noch genauso viel Freude bereiten wie damals.
Dank der fast unendlichen Vielzahl angebotener Schiffe ist Fahrtensegeln nicht mehr wie früher in erster Linie den Besserbetuchten vorbehalten. Zum Glück! Heute gibt es so viele Fahrtenschiffe auf dem Markt, dass sich so gut wie jeder ein Schiff leisten kann, der es wirklich möchte. Dies eröffnet selbst jungen Menschen die Möglichkeit, einen spannenden, individuellen Abenteuerurlaub zu erleben – ohne dass es die Welt kosten muss.
Ältere Schiffe, die heute noch segeln, sind sehr unterschiedlich, bieten eine große Vielfalt und werden tatsächlich selten verschrottet. Den Vorteil dieser großen Auswahlmöglichkeit kann der Käufer für sich nutzen.
Wie haben sich die Schiffe über die Jahre hinweg entwickelt? Was ist der Trend?
Die Bewohnbarkeit stand wohl schon immer an erster Stelle bei Fahrtenschiffen, nur haben sich die Ansprüche daran über die Jahrzehnte verändert. Wir Menschen sind bequemer und anspruchsvoller, die Schiffe immer größer geworden. Wer ein älteres und aus heutiger Sicht eher »kleines Schiff« als Einsteigermodell kauft, übernimmt nicht selten das Flaggschiff der Werft vergangener Zeiten. Der pure Luxus von damals kann heute für verhältnismäßig erschwingliches Geld gekauft werden. Ein 40-Fuß-Schiff aus den ersten Jahrzehnten nach der GFK-Revolution war fast schon ein Größenmonster und benötigte damals nicht selten zwei Masten, um von einer kleinen Crew bedient werden zu können. Jahr für Jahr verschob sich die Marge, und heute lohnt es sich für eine Werft kaum mehr, kleinere Fahrtenschiffe zu bauen, da sie in der Herstellung nicht wesentlich günstiger zu produzieren sind als größere Schiffe. Moderne Ausrüstung, wie beispielsweise eine Rollgenua oder elektrische Winschen, erlaubt es heute, selbst große Schiffe mit nur einem langen Mast (statt zwei kurzen) mit einer kleinen Crew bequem zu handhaben.
Abgesehen von der wachsenden Größe der Boote hat sich vor allem die Performance weiterentwickelt. Im Regattabereich zunächst gewagte, experimentell erprobte Lösungen wurden nach bestandener Bewährungsprobe oftmals für Fahrtenschiffe übernommen, vorsichtig angepasst und langsam von den Fahrtenseglern akzeptiert: immer tiefere und kürzere Kiele, freihängende Ruder, flache Unterwasserschiffe und eine leichte Sandwichbauweise, die auch für Isolation sorgt. Ein tief unter die Wasseroberfläche reichender Kiel eines modernen Kurzkielers, der manchmal auch am untersten Ende mit einer schweren »Bleibombe« versehen ist, gibt ein enormes Gegengewicht zu den immer größeren Segeln an immer höheren Masten. Viel Segelfläche und ein tief liegender Schwerpunkt eines kurzen Kiels sorgen zunehmend für mehr Dynamik, Fahrt und Segelspaß, aber auch für Einschränkungen beim Ankern und Segeln in flachem Gewässer.
Schiffe bekommen auch immer mehr Volumen unter Deck und zudem deutlich mehr natürliches Licht durch Luken und Fenster. Lautete der Slogan für Fahrtenschiffe früher oftmals noch »Bewohnbarkeit statt Performance« – da Fahrtensegler viel Zeit hätten und nicht über das Meer hetzen müssten –, geht der Trend aktuell immer mehr hin zu »Performance trotz Bewohnbarkeit«.
Ein weiterer wichtiger Trend bei Fahrtenyachten ist die enorme Entwicklung der Bootsausrüstung. Sie hat eindeutig einen positiven Einfluss auf das Segeln, besonders wenn es um Komfort und Sicherheit geht. Die Zuverlässigkeit der modernen Ausrüstung ist enorm gestiegen. Früher gaben der Dieselmotor oder die Bordelektronik auf einem Schiff gern mal ihren Geist auf; heute ist die Stromversorgung an Bord fast genauso gut wie zu Hause, und die elektronische Navigation segelt das Schiff scheinbar schon fast von allein ans Ziel. Ein weiterer Vorteil: Moderne Bootsausrüstung lässt sich selbst in ältere Schiffe jederzeit refitten – und sie wiegt dabei nicht einmal mehr besonders viel.
Mit dem Einzug der Smartphones und Tablets in unseren Alltag ist heutzutage auch das Internet selbst auf See oft nicht weit entfernt: Die Netzabdeckung erstreckt sich – länderabhängig – ca. 10 sm von der Küste hinaus aufs Meer. Durch das Internet ist nahezu die gesamte Welt kommunikativ verbunden, und in vielen Bereichen ist durch Homeoffice sogar das Arbeiten vom Boot aus möglich.
Dennoch ist das gute alte Funkgerät durch ein Handy nicht zu ersetzen.
Ein weiterer Unterschied zwischen älterem und neuerem Design ist oftmals die Akzeptanz einer Grundberührung, die in neueren Schöpfungen mehr oder weniger abhandengekommen ist. Bei neueren Schiffen scheint es einfach vorausgesetzt zu sein, dass der moderne Skipper nie auf Grund läuft. Genauste Satellitennavigation lässt keinen Zweifel über die Position, und ein selbst navigierender Plotter zeigt den Weg an, der mit perfekten Seekarten bestückt bei der Routenwahl automatisch Untiefen umfährt. Wer läuft denn da noch auf Grund? Versicherungsgesellschaften und die Seerettung können diese Frage für Wissbegierige gern beantworten.
Früher wurden Schiffe nach dem Motto »Wer noch nicht auf Grund gelaufen ist, ist noch nicht lang genug gesegelt« konstruiert. Das bedeutet, jeder Skipper hat sich und sein Schiff mal auf eine Untiefe gesetzt, und die Fahrtenschiffe wurden entsprechend konstruiert, damit sie auch die eine oder andere Grundberührung aushalten konnten, ohne gleich zu delaminieren, also sich stellenweise in die einzelnen Glasfaserschichten zu zerlegen. Heute sollte jeder Segler es tunlichst vermeiden – schon der hohen Geschwindigkeit wegen –, mit einem modernen Schiff mit kurzem Kiel und großem Tiefgang gegen einen Stein zu prallen.
Warum ist es imVergleich zum klassischen Langkieler so schlimm, mit einem modernen Finnkieler auf Grund zu laufen?
Die Montagefläche eines Kiels am Rumpf eines Finnkielers ist deutlich kürzer als bei einem Klassiker. Der kurze Kiel ragt, oft zusätzlich noch mit einem großen Gewicht am untersten Ende versehen, tief unter die Wasseroberfläche. Es besteht somit ein großer Abstand zwischen der Unterseite des Rumpfes und dem unteren Ende des Kiels. Der Kiel wirkt beim Aufprall wie ein Brecheisen (oder ein langer Hebel) auf den Rumpf. Er drückt am hinteren Ende nach oben und kann Teile des Rumpfes mit sich reißen.
Anders die Klassiker: Wenn ein Langkieler auf Grund läuft, wird die Kraft auf viele Kielbolzen entlang des gesamten, langen Kiels verteilt. Ein geringerer Tiefgang bewirkt zudem einen kürzeren Hebel am Rumpf, d. h. weniger Krafteinwirkung. Beides führt zu einer Schubkraft (»Schärung«), die von dem oft starken Rumpf aufgefangen werden kann. So entstehen bei Langkielern die Schäden nicht hinten an der Befestigung Rumpf/Kiel, sondern, direkt vorn am Berührungspunkt.
Hat ein Boot zudem noch einen von außen angebrachten Bleikiel, wird ein Großteil der Energie durch die Verformung des Bleis beim Aufprall aufgenommen (ähnlich einer Knautschzone beim Pkw). Vorteil: Der Bleikiel kann meistens ohne größere Schäden nach einem leichteren Aufsetzen einfach wieder zurechtgehämmert werden.
Warum empfinden viele gerade ältere Schiffe als so gutmütig?
Für viele Fahrtensegler ist die Gutmütigkeit eines Schiffes wichtig. Ein »liebes Schiff« wird gefühlt auch eine unerfahrene Crew durch unheimliche Winde und haushohe Wellen sicher ans Ziel segeln. Die Crew muss weniger aktiv segeln, fühlt sich gut aufgehoben und sicher. Dadurch bewahrt sie Ruhe und kann bessere Entscheidungen treffen. Ein gutmütiges Schiff verzeiht Anfängerfehler leichter, die noch unerfahrene Segler beispielsweise beim Segeltrimmen öfter machen. Sportliches Segeln ist bei den alten, gutmütigen Schiffen hingegen weniger ein Thema. Segler moderner Schiffe empfinden sie eher als träge und langweilig und bevorzugen den dynamischen Segelsport, bei dem es Freude bereitet, aktiv die eher ungezähmten, fast nervösen Boote elegant zu beherrschen. Dazwischen gibt es jede Menge Kompromisse von Racer-Cruisern, Performance-Cruisern oder wie auch immer sie genannt werden. Der jeweilige Eigner wird sein Schiff immer besser kennenlernen und es auf seine Weise segeln.
Die Vorteile der gutmütigen Schiffe gegenüber den modernen Segelyachten sollten allerdings nicht missachtet werden: Denn wer bequem unterwegs ist, den stören die längeren Segeltage weniger. Durch gute Planung und Ausnutzung der Gezeitenströme lassen sich mit so manchem gutmütigen Schiff, trotz der langsameren Grundgeschwindigkeit des Bootes, doch beeindruckende Distanzen zurücklegen.
Wird ein traditionelles Schiff mit längerem Kiel im Hafenbecken gestoppt, bleibt es brav liegen und treibt dank der großen Unterwasserfläche nicht einfach im Wind davon wie eine Luftmatratze. Die große, im Wasser liegende Fläche des Unterwasserschiffes ist zwar für die Performance von Nachteil, hat dafür aber andere Vorteile. Ein sogenanntes »Dickschiff« manövriert sich im Vergleich zu modernen Schiffen völlig anders, und beides will geübt sein. Ein modernes, flaches Unterwasserschiff mit kurzem Kiel und Spartenruder braucht Fahrt durchs Wasser, um seinem Ruf eines wendigen und einfach anzulegenden Schiffes gerecht zu werden. Ohne Bug- oder Heckstrahlruder gilt: Erst durch die Fahrt durchs Wasser bekommt das moderne Boot seine gute Manövrierbarkeit. Das Hafenkino bezeugt: Ältere Schiffe werden eher langsam angelegt, moderne Schiffe dampfen (manchmal sogar rückwärts) mit höherer Geschwindigkeit in die Box hinein, um dann in letzter Sekunde gekonnt eine Vollbremsung zu machen.
Ein kursstabiles Schiff, also ein Schiff, das durch seine Bauweise fast automatisch den Kurs hält und die Fahrt weiter geradeaus fortsetzt, wird ebenfalls als gutmütig empfunden. Und genau die kursstabilen Schiffe sind oft ältere Konstruktionen. Neuere Schiffe benötigen für eine vergleichbare Kursstabilität den Einsatz eines Autopiloten. Solche elektronischen Steuerhilfsmittel gab es früher jedoch nicht auf Knopfdruck, deswegen sollte das Schiff schon durch seine Eigenkonstruktion nicht aus dem Kurs laufen. Perfekt, um die Schoten nachzutrimmen oder auch mal den Kaffee aus der Kombüse zu holen.
Trend Fahrtenschiffe
–Fahrtenschiffe werdem immer größer, bequemer, heller, schneller und wendiger
–Die Ausrüstung wird immer besser, zuverlässiger und komplexer
–Schiffe werden immer mehr mit nutzvoller Technik ausgestattet
–Dank des Internets ist mittlerweile Arbeiten von Bord (Bord-Office) möglich
–Moderne Schiffe sind immer weniger für Grundberührungen geeignet
–Moderne Boote sind oft nervöser, sportlicher und weniger gutmütig
Kann aus einem alten Boot durch Refit ein quasi neues Schiff gezaubert werden?
Boote werden immer schlauer gebaut. Die Werften haben gelernt, geschickt mit neuen Materialien umzugehen, und so muss zum Beispiel nicht ganz so viel Kunststoff für den Rumpfbau eingesetzt werden wie früher. Obwohl heute zum Teil an Material gespart wird, werden die Schiffe durch eine intelligente Auslegung der Glasfasern immer leichter und sind trotz dünnerer Rümpfe ähnlich stark und fest. Die Konstruktionen werden zudem gewagter: Großzügige Fenster werden in den Rumpf eingebaut, obwohl diese früher als Schwachstellen gesehen wurden.
Ältere Schiffe müssen den modernen Modellen bezüglich der Sicherheit nicht zwangsläufig nachstehen. Vielleicht sind sie nicht so leicht, nicht so breit, nicht so schnell und weniger wendig, und doch können sie bei adäquater Pflege und Ausrüstung genauso seetüchtig sein. Vieles kann tatsächlich nachgerüstet werden, und so stehen refittete Yachten dank modernster Technik den neueren Schwestern ausrüstungsmäßig selten nach.
Eines sollte man jedoch bedenken: Das Grundkonzept bleibt, wie es ist, und kann auch beim größten Refit-Willen nicht verändert werden. Die Form des Rumpfes, das Layout der Inneneinrichtung, die Möbel, das Cockpit, die Kielform, der Mast, die Ruderanlage, die Anzahl an Fenstern und Luken, die Stehhöhe und die Segeleigenschaften sind so, wie der Designer sie einst konstruiert hat. Hier behält das Boot seinen jeweiligen Charakter und für Liebhaber seinen besonderen Charme und Wert.
Refit
–Nostalgie, Attraktion, Eleganz, Klassik, Retro … einige Schiffe bleiben durch Liebhaber ewig jung!
–Sehr vieles kann durch Eigenarbeit kostengünstig refittet werden
–Spezielle Refitwerften können (fast) alles refitten, allerdings kostet es am Ende oft mehr, als anfangs kalkuliert
–Alte Schiffe können durch moderne, refittete Ausstattung auf den Stand eines neuen Bootes gebracht werden, aber es bleibt zu beachten: Altes Design bleibt immer alt; das Design lässt sich nicht nachträglich ändern
Gebrauchte und neue Boote haben beide ihr berechtigtes Dasein. Egal, wie viel Geld in ein Refit-Projekt gesteckt wird und wie viel moderne Technik eingebaut wird, man wird nur die klassische Dame wieder in ihre Ursprungsschönheit zurückversetzen können, jedoch nie die Eigenschaften eines modernen Designs erreichen.
Wenn ich ein richtig altes Schiff kaufe, was sollte ich auf jeden Fall austauschen?
Alte Schiffe müssen nicht schlecht sein – aber sie sind eben alt. Was auf jeden Fall nicht passieren darf: Der Mast sollte der Crew nicht auf den Kopf fallen und das Schiff nicht sinken.
Zu ersetzen bei alten Schiffen
–Das Rigg sollte alle 10–15 Jahre oder alle 30.000 Seemeilen ersetzt werden
–Rumpfdurchlässe und Seeventile aus Bronze oder Komposit-Kunststoff können sehr lange halten, wenn sie hochwertig hergestellt sind
–Unter ungünstigen Bedingungen halten Rumpfdurchlässe aus Messing nur 5–10 Jahre
–Wenn sich Seeventile und Rumpfdurchlässe nicht mehr bewegen lassen, dann sollten sie unbedingt ausgetauscht werden
Die Drahtseile, die den Mast halten – das sogenannte Rigg, bestehend aus Wanten und Stagen – haben am jeweiligen Ende gepresste Stahlendhülsen. Genau dort, wo der Stahldraht in der Hülse verschwindet, entstehen über die Zeit durch Materialermüdung Risse im Draht. Somit ist das Rigg ein Verschleißobjekt. Nicht der Mast, nicht der Baum, nicht die Salinge – sondern, wie der Rigger sagt: das stehende und laufende Gut. Es muss regelmäßig ausgetauscht werden: Da gibt es nichts zu verhandeln! Wie oft sie ausgetauscht werden sollen, kann natürlich diskutiert werden. Nach zehn Jahren sollte in jedem Fall darüber nachgedacht werden, nach 15 Jahren ist ein Austauschen eigentlich ein Muss.
Rumpfdurchlässe, an denen Seeventile angeschraubt sind, modern ebenfalls häufig unbeachtet vor sich hin. Sie können aus verschiedenen Materialien bestehen, wobei die meisten aus Messing, Bronze oder Komposit-Kunststoff hergestellt sind. Dass sich sämtliche Seeventile leicht öffnen und ebenfalls wieder schließen lassen, sollte alle paar Wochen kontrolliert werden. Dadurch erhalten sie nicht nur ihre notwendige Beweglichkeit, sondern es ist äußerst wichtig, dass Seeventile rasch geschlossen werden können, wenn ein daran angeschlossener Schlauch, Pumpe, Toilette oder ähnliches undicht sein sollte.
Jede Form von Messing beinhaltet mehr oder weniger Zink, während teurere Bronze ohne dieses unedle Metall als Bestandteil der Legierung auskommt. Das Problem bei Zink: Es wird mit der Zeit durch Elektrolyse regelrecht vom Meer »aufgefressen«. Rumpfdurchlässe und Seeventile aus Messing werden daher mit der Zeit gefährlich dünn, was leider von außen nicht erkennbar ist. Sogenanntes DZR-Messing (»Dezincification Resistant«) ist besser und hält länger, aber eben auch nur begrenzt.
Deshalb: bei älteren Schiffen unbedingt die Seeventile überprüfen und gegebenenfalls austauschen. Am besten gleich durch richtige Bronzeventile ersetzen oder alternativ die hochwertigen, modernen Seeventile aus Komposit-Kunststoff, die 30 und mehr Jahre halten können, wählen.
Wenn ich zwei ähnliche Boote gefunden habe, wie soll ich zwischen diesen beiden wählen?
Nicht nur das Boot selbst, sondern auch der Vorbesitzer als Person sollte beim Kauf eines Gebrauchtbootes unter die Lupe genommen werden, denn dieser hat ja das Boot durch seinen Umgang mit ihm geprägt, d. h. verschlissen oder gepflegt. Hat er sein Boot geliebt, gehegt und gepflegt oder einfach nur als Gebrauchsgegenstand und Transportmittel benutzt? Scheint er erleichtert, sein Boot loszuwerden, oder stehen ihm die Tränen beim Verkaufsgespräch in den Augen? Der Abschied vom geliebten Boot fällt manchem nicht leicht. Wer sein Boot offensichtlich gut behandelt hat und zudem noch sympathisch, kooperativ und hilfsbereit erscheint, wird vielleicht auch noch nach dem Kauf für Fragen zu Verfügung stehen und eine reibunglose Übergabe des Schiffes gewährleisten.
Was soll ich also kaufen? Ein neueres oder ein älteres Modell?
Nach all diesen Überlegungen, wäre dies die Frage der Fragen, die sich so einfach überhaupt nicht beantworten lässt. Durch sorgfältiges Abwägen der individuellen Bedürfnisse sollte jeder zu einer für ihn passenden Entscheidung kommen. Der Kompromissbereite kann bei gleichem Geld durch den Kauf eines älteren Schiffes durchaus ein größeres Modell wählen. Sogar die oft dunklere Atmosphäre unter Deck bei älteren Modellen kann durch strahlend helle und stromsparende LED-Beleuchtung kompensiert werden. Schiffe, die früher aufgrund ihrer Größe notwendigerweise von einer großen Crew gesegelt werden mussten, können heute durch moderne Ausrüstung wie Bugstrahler, elektrische Winschen und Rollanlagen auch für kleinere Crews geeignet sein.
Fahrtensegeln ist heute vielen Menschen zugänglich: Alte Schiffe können von jungen Menschen oder mit kleinerem Geldbeutel gekauft und durch Eigenarbeit relativ kostengünstig mit moderner Ausrüstung aufgerüstet werden.
Es lohnt sich durchaus, sich etwas länger mit dem Bootsmarkt zu beschäftigen, denn nicht alles, was günstig ist, ist ein Schnäppchen, und nicht alles was neu ist, wird in zehn Jahren noch attraktiv und funktionsfähig sein.
SICHERHEITS- UND NOTAUSRÜSTUNG
Wie kann ich mich vor allen furchterregenden Gefahren auf See schützen?
Wikinger nahmen gern spezielle Menschen auf ihren Reisen mit, die ihnen Glück bringen sollten. Sie glaubten nämlich, dass Glück und Pech persönliche menschliche Eigenschaften seien: so, wie Menschen auch klug oder musikalisch sein können. Ohne Sven Glückspilz an Bord muss der moderne Skipper sich sein eigenes Sicherheitssystem schaffen, das sich aus mehreren Aspekten zusammensetzt.
Der erste wesentliche Teil des Systems ist sozusagen in der Hardware zu finden: das Boot, bestehend aus Rumpf, Rigg, Aufbau, Kiel und Ruder sowie die gesamte mitgeführte Sicherheitsund Notausrüstung. Der zweite Teil, die Sicherheitssoftware, wird gebildet durch Seemannschaft des Skippers und der Crew, inklusive bestehender Erfahrung, Kompetenz, Planung, Sicherheitsbewusstsein und Risikobereitschaft.
Jeder einzelne Aspekt muss und kann letztendlich nicht perfekt sein, denn Perfektion ist nur ein in unseren Köpfen bestehendes, utopisches Konstrukt. Viel wichtiger ist, dass das gesamte Sicherheitssystem aufeinander abgestimmt ist, sodass Schwachstellen möglichst nicht zeitgleich auftreten. Anders ausgedrückt: Eine seemännisch sehr erfahrene Crew kann mit Vorsicht, Geduld und Geschick ein mehr oder minder schlimmes Wrack über einen Ozean segeln. Im Gegenzug kann eine unerfahrene Crew mit einem durchdachten und gewarteten Schiff durch Planung und Vorsicht gleichwohl in einem geeigneten Revier sehr sicher segeln, obwohl die Erfahrung noch in den Anfängen steckt. Im Lauf der Jahre wächst häufig beides: ein sicherheitsmäßig immer besser ausgestattetes Schiff sowie eine immer erfahrenere Crew. Und mit ein bisschen Wikingerglück geht meistens sowieso alles gut!
Wie gefährlich ist denn eigentlich Fahrtensegeln?
Wer noch wenig Erfahrung hat, kann allein durch Betrachtung der umfangreichen Sicherheitsausrüstung der meisten Schiffe vorschnell zu dem Schluss kommen, Segeln sei äußerst gefährlich. Wer in Deutschland seinen SRC-Funkschein gemacht hat, durfte sicher auch schon kräftig üben: Alle erdenklichen Horrorszenarien, von Mensch über Bord (MOB) über Feuer, Explosion bis hin zu Leckschlagen, Kollision und Sinken sollen über Funk korrekt durch den Äther gesendet werden – und das auch noch auf Englisch!
Im Gegensatz zu Unfällen auf anderen Wasserfahrzeugen passieren auf Fahrtenschiffen jedoch recht selten Unfälle – vielleicht gerade weil Segler oft sehr sicherheitsbewusst sind. Fahrtensegeln ist tatsächlich eine der sichersten Aktivitäten, der man nachgehen kann. Einen Hinweis hierauf liefern die Kosten für die Kaskoversicherung, die bei Booten längst nicht so hoch sind wie bei einem Auto, obwohl der Wert eines Schiffes häufig um ein Vielfaches höher ist als der eines Pkws. Die Anzahl an Menschen, die beispielsweise von Fahrtenyachten über Bord gegangen sind, hält sich in sehr überschaubaren Grenzen und liegt weit unter den vielen tragischen Unglücken mit offenen kleinen Motorbooten.
Interessant sind hier auch die Top Ten der Haverieursachen in Deutschland. Die Einsätze für 2019 waren wie folgt, wobei zu beachten ist, dass nicht nach Bootstyp unterschieden wurde, und somit sind in der Statistik sämtliche Wasserfahrzeuge, von Jollen über Motorboote bis hin zu Segelyachten, eingeschlossen:
1.Motorprobleme (391)
2.Grundberührungen (357)
3.Abgetrieben (87)
4.Kentern von Jollen und Sportkats (61)
5.Ruderschäden (51)
6.Orientierungslos (41)
7.Leinen im Netz (41)
8.Wassereinbruch (29)
9.Mastbruch (15)
10.Mensch über Bord (15)
Auch genauere Statistiken aus anderen Ländern belegen: Die meisten fatalen Unfälle sind im Binnenland zu beklagen: an Flüssen, Seen, Schwimmbädern oder, in nordischen Ländern, durch Einbruch einer zugefrorenen Eisfläche. Die größte Gefahr am oder auf dem Meer ist, statistisch gesehen, als Mann allein in einem kleinen Motorboot zum Angeln zu fahren. In den absolut seltensten Fällen passieren Unfälle auf einem Fahrtenschiff, und wenn, dann meist wenn ein Crewmitglied (unter Alkoholeinfluss) von Bord an Land oder umgekehrt steigt.
Das Ziel eines jeden bedachten Fahrtensegler ist es, diese positive Statistik fortzuführen.
KOMPETENZ
Welchen Führerschein benötige ich zum Segeln eines Fahrtenschiffes?
Für Segelschiffe mit deutscher Flagge im Küstenbereich (nicht im Binnenbereich!) ist ein Führerschein keine Pflicht, es sei denn, das Segelboot hat einen Hilfsmotor von über 15 PS. Der Sportbootführerschein See ist also nur des Motors wegen Vorschrift – das Segeln mit einem noch so großen motorlosen Segelboot ist in Deutschland streng genommen (wie übrigens in vielen anderen Ländern auch) für nicht gewerbliche Privatzwecke führerscheinfrei.
Da sich in den meisten Segelbooten heutzutage ein Motor von über 15 PS befindet, machen viele Segler trotz allem einen Sportbootführerschein See. In der theoretischen Prüfung werden im Multiple-Choice-Verfahren zentrale Kenntnisse über Navigation, Wetter und Kollisionsverhütung abgefragt. Ein kurzer Ausbildungstörn mit einem Sportmotorboot und eine praktische Prüfung gehören ebenfalls zum Kurs. Segeln lernt man hier allerdings nicht, und die meisten fühlen sich trotz erfolgreich bestandener Führerscheinprüfung noch lange nicht genügend ausgebildet, um ein Fahrtenschiff selbstverantwortlich zu beherrschen. In vielen anderen Ländern ist nicht einmal ein Führerschein für ein mit Motor versehenes, privat genutztes Fahrtenschiff Pflicht. Der Grund liegt auf der Hand: Die Anforderungen an die Kompetenz bzw. »Seetauglichkeit« (analog zur Fahrtauglichkeit beim Führen eines Pkws) sind so komplex und zusätzlich von Revier, Wetter, Boot, Törn und Besatzung abhängig, dass ein Amt gar keine allgemeingültige Berechtigung zum privaten Führen eines Schiffes ausgeben kann. Die Verantwortung hierfür liegt und bleibt allein beim Skipper selbst. Entsprechend sind auch alle anderen deutschen Segelscheine wie der SKS, SHS oder SSS sowie die Kurse der Royal Yachting Association (RYA) freiwillig, d. h. der erhaltene Schein ist lediglich ein Zertifikat eines bestandenen Kurses – jedoch kein Führerschein im konventionellen Sinn. Es soll zum Ausdruck gebracht werden, dass zu den im Kurs erworbenen Fähigkeiten weiterhin Erfahrung durch praktische Anwendung des Gelernten hinzukommen sollte. Ein Skipper ist somit praktisch nie auslernt und befindet sich in einem sich kontinuierlich verändernden Entwicklungs- und Lernprozess.
Kompetenz
–Der Hauptgrund für die wenigen Unfälle auf Fahrtenschiffen ist das gewissenhafte Sicherheitsbewusstsein der meisten Segler
–Sicherheit besteht aus der Hardware (Schiff und Ausrüstung) sowie der Software (Seemannschaft)
–Die einzelnen Sicherheitssysteme müssen nicht perfekt sein, sollten sich aber gegenseitig abdecken, damit das Gesamtsystem ein sicheres Segeln gewährt
–Die meisten Segelscheine beinhalten keine Berechtigung, sondern sind der Beweis einer gewissen Kompetenz
Was ist eigentlich die immer wieder erwähnte Seemannschaft?
Seemannschaft ist so alt wie die Seefahrt selbst und der Inbegriff eines sicheren, souveränen, ruhigen und angenehmen Seglers. Sie beschreibt das genaue Gegenteil eines hektischen, unsicheren, schreienden, schimpfenden, besserwissenden Alleskönner-Skippers, der sich und seine Mitsegler durch Selbstüberschätzung in Gefahr bringen kann.
Seemannschaft beschreibt außerdem die Kunst, einen Überblick über alle wesentlichen Kompetenzen, Systeme und Einflussfaktoren beim Segeln zu haben und jedem einzelnen Aspekt in sich gerecht zu werden, um dann alle Aspekte so miteinander zu kombinieren, dass sie sich harmonisch ergänzen und als komplexes System funktionieren. Seemannschaft bedeutet auch, seine eigenen Grenzen in Bezug auf die Natur und ihre Kräfte zu erkennen.
Es geht hier praktisch um die Integration der eben genannten Hard- und Software-Aspekte. Vor allem gute Seemannschaft macht das Fahrtensegeln sicher – gleichzeitig lernt ein Fahrtensegler nie aus.
AUSRÜSTUNG
Wer schreibt mir vor, was ich an Bord mitführen muss?
Wer privat unterwegs ist, unterliegt in den meisten Ländern keinerlei Verpflichtung, gewisse Sicherheitsoder Notausrüstung mitzuführen. In einigen Ländern gibt es Empfehlungen oder Mindestansprüche ab einer gewissen Schiffsgröße, die aber so niedrig sind, dass sie vielen vorsichtigen Seglern fast lächerlich erscheinen. Schiffe, die in der EU nach 1998 ausgeliefert wurden, müssen noch die CE-Vorschriften erfüllen. Doch inwiefern die ursprünglich ausgelieferten Sicherheitsdetails noch nach Jahren funktionsfähig sind, kontrolliert niemand.
Am Ende muss jeder für sich selbst überlegen, wo er seine persönliche Sicherheitsmarge sieht, und gesunder Menschenverstand zählt hier ebenso viel wie die Summe aller Tipps aus Büchern, Vorträgen, Seminaren und Kursen. Ein Blick in die eigene Versicherungspolice macht zudem Sinn, um zu verstehen, was hier gefordert wird. Zusätzlich gilt es auch, die richtige Handhabung der Ausstattung zu trainieren, einzuüben und aufrechtzuerhalten.
Wenn Kontrollen, Wartungen und Pflege nicht selbst regelmäßig angeordnet oder durchgeführt werden, kann es im Fall eines Unfalls passieren, dass die Handlung des Skippers von der Versicherung als fahrlässig eingestuft wird und in der Folge eine Zahlung zumindest teilweise verweigert wird. Einige Versicherer schreiben regelmäßige Kontrollen am Schiff vor, wie beispielsweise die Wartung der Gasanlage, das Austauschen alter Riggs oder Ähnliches. Hier gilt es, das Kleingedruckte der Versicherungen genau durchzulesen. Meist sind die Anforderungen der Versicherung sinnvoll, denn der oberste Wunsch einer Versicherung ist ja gerade, dass einem nichts passieren soll. Auch sind Werften oft erfahren und geben für das Winterlager gern Tipps, was gewartet oder kontrolliert werden sollte. Viele Hersteller schreiben ebenfalls eine regelmäßige Wartung ihrer Ausrüstung vor, wie z. B. vom Motor, den Feuerlöschern, den Rettungswesten oder der Rettungsinsel. Häufig geben sie auch ein Ablaufdatum an (Batterien der Notsender, pyrotechnische Notsignale etc.).
In letzter Konsequenz sollte sich der Skipper bewusst sein, dass er für die Funktionsfähigkeit bzw. Sicherheit von Schiff und Crew verantwortlich ist, denn es gibt bei Schiffen für private Nutzer nicht so etwas wie einen »TÜV«.
Was ist der Unterschied zwischen Sicherheitsausrüstung und Notausrüstung?
Im Gegensatz zur Notausrüstung, die nur im Notfall eingesetzt werden soll, ist die Sicherheitsausrüstung täglich im Einsatz, nämlich gerade um das Eintreten einer Notsituation von vornherein zu verhindern. Erst wenn tatsächlich eine nicht zu verhindernde Notsituation eingetroffen ist, kommt die Notausrüstung zum Einsatz.
Es gilt, beide Systeme auseinanderzuhalten und sich bewusst zu sein, welche Ausrüstung zur Unfallverhinderung und welche nur im Notfall eingesetzt werden soll. Ein Beispiel: Sicherheitsleinen, die in dafür vorgesehene Spannbänder an Deck oder in stabile D-Ringe im Cockpit eingeklinkt werden, sollten bei schlechtem Wetter grundsätzlich eingesetzt werden und gehören somit zur Sicherheitsausrüstung. Der Umgang damit wird regelmäßig trainiert, um eine MOB-Situation zu verhindern. Die Rettungsweste hingegen, die sich automatisch aufbläst, wenn ein Crewmitglied über Bord gegangen ist, gehört zur entsprechenden Notausrüstung. Eine Katastrophe tritt erst dann ein, wenn beide Systeme versagen.
Wenn die Notausrüstung nie zum Einsatz kommt, wie weiß ich dann, damit umzugehen?
Die ausschließlich in Notfällen einzusetzende Notausrüstung sollte durchdacht, aufeinander abgestimmt und die Handhabung allen Crewmitgliedern bekannt sein, sonst stellt sie im Ernstfall keine Hilfe dar. Um mit der Notausrüstung kompetent und sicher umgehen zu können, ist die Teilnahme an einem Sicherheitstrainingskurs sehr zu empfehlen. Manche Trainingskurse benutzen Wellenbäder und Schulungsräume, die normalerweise zur Schulung der professionellen Seefahrt benutzt werden.
Hier werden unterschiedlichste Worst-Case-Szenarien realitätsnah durchgespielt und wertvolle Fähigkeiten vermittelt, die man sonst kaum üben kann – wie z. B. das Abbergen von Menschen durch einen Hubschrauber oder das Hineinklettern in eine Rettungsinsel bei Dunkelheit und hohem Wellengang. Bereichernde Erfahrungen und Einsichten werden hier vermittelt und verstärken nicht nur den sinnvollen Respekt vor den Naturgewalten beim Segeln, sondern auch den Wunsch, Notfälle unbedingt aktiv vermeiden zu wollen.
Warum macht ein Sicherheitskurs Sinn, wenn die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls doch so gering ist?
Im Risikomanagement wird nicht nur auf die Wahrscheinlichkeit eines möglicherweise eintretenden Ereignisses, sondern auch auf die Konsequenzen geschaut. Dieses Verhältnis kann in einer Matrix anschaulich dargestellt werden. Auf der einen Achse wird die Wahrscheinlichkeit in »unwahrscheinlich«, »mittelwahrscheinlich« und »sehr wahrscheinlich« unterteilt. Auf der anderen Achse sind die Konsequenzen dargestellt: »geringe Konsequenzen«, »einige Konsequenzen« und »gravierende Konsequenzen«. Jede Situation, die auf einem Schiff eintreten könnte, kann hier den entsprechenden Feldern zugeordnet werden. Wenn z. B. eine Notsituation äußerst unwahrscheinlich ist, die Konsequenzen aber gravierend wären, sollte ein Notfallplan erstellt werden. Mit anderen Worten: Selbst wenn die Notausrüstung an Bord eines Fahrtenschiffes höchstwahrscheinlich nie zum Einsatz kommen wird, sollte es einen Plan geben, wann und wie die entsprechende Notausrüstung zu benutzen ist, wenn die Konsequenzen gravierend wären. Deshalb gehört zu einem Notfallplan auch dazu, diese Szenarien regelmäßig durch Rollenspiele zu trainieren.
Ausrüstung
–Jeder Skipper ist für die Wartung und Kontrolle seiner Ausrüstung selbst verantwortlich
–Versicherer, Werften und Hersteller von Sicherheitsausrüstung geben wichtige Hinweise, was wie oft gewartet oder ausgetauscht werden muss
–Es gilt, sich mit der Sicherheits- und Notausrüstung vertraut zu machen
–Es gibt gute Kurse, wo auch mit der Notausrüstung, die normalerweise nie zum Einsatz kommt, geübt wird
Für Fahrtensegler sind unwahrscheinliche Notfallsituationen mit gravierenden Konsequenzen beispielsweise Feuer, Gasexplosion, Lecks, Kollision, Mensch über Bord (MOB), Umstieg in die Rettungsinsel und medizinische Unfälle.
DIE RETTUNGSWESTE
Was ist eine gute Rettungsweste?
Grundsätzlich gilt: diejenige, die getragen wird!
Wenn ein MOB über Wasser gehalten werden soll, muss sie vor allem Auftrieb im Brustbereich schenken, damit der MOB so gedreht wird, dass die Atemwege frei bleiben. Rettungswesten sollten mindestens 150 N Auftrieb bieten, noch besser sind 170 N. Es gibt auch SOLAS-Rettungwesten, die ganze 275 N Auftrieb geben, die aber nur Sinn machen, wenn man einen Trockenanzug trägt. 275 N Westen sind sonst viel zu sperrig und auch hinderlich, um vom Wasser in eine Rettungsinsel klettern zu können.
Es gibt Schwimmhilfen, die nur 50 N Auftrieb geben, sich dafür aber wie eine leichte Daunenweste anfühlen und sehr bequem sind. Der große Vorteil: Bequeme Westen werden getragen. Eine getragene Schwimmhilfe ist immer sicherer als eine vermeintlich bessere Rettungsweste, die in der Backskiste bleibt. Technisch gesehen ist eine 50 N Schwimmhilfe selbstverständlich nicht mit einer 150–170 N automatisch aufblasbaren Rettungsweste vergleichbar, sofern diese regelmäßig professionell gewartet wird.
150–170 N Rettungswesten gibt es in verschiedenen Ausführungen: angefangen bei äußerst leichten Varianten für Schönwettersegeln bis hin zu schweren Offshore-Modellen mit integriertem Gurt, Spray-Cap, Trillerpfeife, Messer, Licht und gegebenenfalls einem PLB-Notsender und einer MOB-Lifesaver-Hebeschlaufe versehen.
Da die sicherste und wichtigste Eigenschaft einer Rettungsweste das Tragen ist, sollte jedes Crewmitglied seinen eigenen Favoriten wählen dürfen, der als sicher und bequem aufgefasst wird. Hier gibt es nichts Wichtigeres als individuelles Anprobieren und Testen!
Rettungswesten
–Besonders auf Bequemlichkeit achten
–150–170 N Rettungswesten in leichter Ausführung passen für Küstensegeln bei schönem Wetter
–150–170 N Offshore-Rettungwesten mit Spray-Cap, Licht, PLB etc. passen für Schwerwettersegeln
–275 N SOLAS-Westen sind zu sperrig
DIE RETTUNGSINSEL
Muss ich unbedingt eine teure und wartungsintensive Rettungsinsel mitführen?
Es ist nachvollziehbar, warum nicht alle Fahrtensegler eine Rettungsinsel mitführen, denn sie ist schwer, nimmt viel Platz weg und ist nicht nur in der Anschaffung, sondern auch aufgrund der regelmäßigen Wartungskosten teuer. Auffällig ist, dass es geografisch gesehen ein höchst unterschiedliches Sicherheitsdenken zu geben scheint. In Großbritannien wird beispielsweise kaum ein Fahrtensegelboot ohne Rettungsinsel gesichtet, während an der deutschen Ostseeküste nur die wenigsten Schiffe davon geziert werden. Es ist vor allem Ausbildungs- und Mentalitätssache, ob im Katastrophenfall noch die letzte Hoffnung auf ein schnell einzusetzendes Notfloß gesetzt werden kann oder ob nur der Sprung ins Meer als letzte Rettung gegeben ist.
Statistisch betrachtet wird eine Rettungsinsel so selten eingesetzt, dass die Frage nach ihrer Notwendigkeit berechtigt ist. Die Fragestellung ist der Frage nach einer Lebensversicherung nicht unähnlich. Zwar ist es – versicherungstechnisch – sehr unwahrscheinlich, dass man vorzeitig stirbt, aber wenn es doch geschieht, könnte eine entsprechende Lebensversicherung eine große finanzielle Not der Hinterbliebenen verhindern.
Wer sich für die Anschaffung einer Rettungsinsel entscheidet, muss für Küstensegeln in warmen Regionen sicher nicht die teuerste Blauwasserinsel wählen, die die Crew für lange Zeit am Leben erhalten soll. Beim Fahrtensegeln in Küstennähe und mit einem guten Kommunikationsmittel (UKW-Handfunkgerät) darf durchaus damit gerechnet werden, dass die Zeit in einer Rettungsinsel begrenzt sein dürfte. Beim Segeln in kälteren Gewässern ist ein isolierter Boden jedoch immens wichtig.
Eine Rettungsinsel kann nicht nur bei Sinken, Explosion, Feuer oder Kollision eingesetzt werden. Sie erweist sich ebenfalls als hilfreich, wenn vom eigenen Boot auf einen Frachter übergesetzt werden muss, bei einer Hubschrauberrettung oder bei Mensch-über-Bord-Rettungsaktionen. Oftmals ist nämlich das Bergen aus einer Rettungsinsel für professionelle Helfer viel einfacher als von einem wild rollenden, mit langem Mast versehenen Segelboot.
Hinauf oder hinab – wie steigt man in eine Rettungsinsel?
Hin und wieder passiert es, dass eine Besatzung in die Rettungsinsel steigt, obwohl das Schiff noch munter schwimmt. Zu groß ist der Wunsch nach Rettung! Der Spruch, man solle stets in eine Rettungsinsel hinauf- statt hinabsteigen, soll folgendes aussagen: Solange das Schiff noch schwimmend gehalten werden kann (z. B. durch Leckbekämpfung), ist das eigene Boot die beste Rettungsinsel – die zudem viel einfacher von der Seenotrettung gesichtet werden kann.
Die einzige Ausnahme, von einem schwimmenden Schiff in die Insel zu steigen, wäre, wenn dies von professionellen Rettern in unmittelbarer Nähe angeordnet wird oder wenn die Besatzung keine andere Möglichkeit sieht, einen MOB an Bord zu hieven. Ab dann segelt das Boot ohne Rettungsinsel weiter, denn sie lässt sich auf See nicht einfach wieder in ihrem Container verstauen und sollte nach einem echten Einsatz auch nicht mehr als Rettungsmittel geführt werden.
Zudem erscheint das Wort »Rettungsinsel« beinahe paradiesischeuphemistisch. »Rettung« klingt so positiv und die Bezeichnung »Insel« weckt zudem schnell die Assoziation von Palmen, Sandstränden und einem Cocktail. Ein fataler Kontrast zur Wirklichkeit, sollte die Rettungsinsel tatsächlich benötigt werden! Da ist das englische Wort »life-raft« schon viel zutreffender: Es geht ums Leben/Überleben (»life«), und hierfür wird ein Floß (»raft«) eingesetzt. Wer sein Leben – als letzten Ausweg – retten möchte, überlegt zuvor noch einmal kurz, ob er dazu wirklich in ein Floß steigen möchte. Vielleicht zunächst doch noch mal lieber alles daransetzen, um das Schiff vor dem Untergehen zu bewahren, ein Feuer zu löschen oder eine Kollision zu verhindern? Wer zum Training einmal in einem Wellenbad in eine Rettungsinsel geklettert ist, weiß, welche Kraftanstrengung dafür benötigt wird und wie unangenehm und notdürftig es sich anfühlt, dort auf Hilfe warten zu müssen.
Wo und wie sollte eine Rettungsinsel an Bord verstaut werden?
Wenn die Entscheidung zum Mitführen dieses finalen Hoffnungsträgers getroffen ist, ergibt sich unweigerlich die Frage: Wohin mit dem Ungetüm? Auf dem Kajütendach behindert es die Sicht nach vorn; am Heckkorb belastet es die Stabilität, und achtern nimmt es den schönen Platz für den Außenborder oder den Grill weg.
Rettungsinsel
–Eine Rettungsinsel bietet die letzte Hoffnung im Katastrophenfall, kommt aber nur äußerst selten zum Einsatz
–Solange das Schiff noch schwimmt, sollte man immer auf dem Schiff bleiben
–Ausnahme: Im MOB-Fall oder zum Bergen unter Anweisung von Rettern kann sie zum Einsatz kommen
–Rettungsinsel so verstauen, dass sie schnell und einfach eingesetzt werden kann (auf dem Kajütendach oder am Heckkorb – gern mit automatischen Auslöser)
Auf dem Kajütendach oder am Heckkorb lässt sich die Insel mit einem automatischen Auslöser versehen, der sich beim raschen Sinken des Schiffes, z. B. bei Kollision, selbstständig vom Schiff löst und sich aufbläst. Am Heckkorb angebracht, muss die Crew bei manueller Betätigung den schweren Container auch nicht heben, sondern die Rettungsinsel kann selbstständig ins Wasser fallen.
Einige Segler verstecken die Rettungsinsel unter Deck oder in der Backskiste, in der Hoffnung, das körpereigene Adrenalin spendiere plötzlich genügend Superkräfte, um die äußerst schwere Rettungsinsel aus ihrem tiefen Versteck zu zerren, um sie anschließend über Bord zu werfen – ohne sie dadurch zu verlieren (anbinden niemals vergessen!). Es ist kein Geheimnis, dass das insbesondere unter erfahrenen Seglern zwar die ästhetischste, aber im Ernstfall auch die schlechteste Lösung ist; wenngleich es natürlich besser ist, als gar keine Rettungsinsel mitzuführen.
NOTSENDER
Wie kann ich um Hilfe rufen, wenn ich sie benötige?
Es gibt zwei Typen von elektronischen Notsendern. Der erste Typ ist das Zwei-Wege-Kommunikationssystem. Dazu gehören beispielsweise das Handy oder das UKW. Der zweite Typ sind Ein-Weg-Notsender. Hier kann nur um Hilfe gerufen werden, ohne eine Bestätigung am anderen Ende zu erhalten. Ein-Weg-Systeme sind zwar oft sehr effektiv, psychologisch aber eine Herausforderung, denn man weiß nie, ob man wirklich gehört wurde.
Zusätzlich gibt es unzählige Notzeichen, angefangen bei Rauchsignalen und Pyrotechnik bis hin zum Hissen gewisser Symbole wie beispielsweise Flagge N (blau-weiß kariert) über C (blau-weiß-rot-weiß-blau) oder irgendetwas Rundes (z. B. den Ankerball) über oder unter etwas Eckiges (z. B. eine Flagge) zu hissen, sowie das Winken mit beiden Armen (gleichzeitiges langsames Heben und Senken beider ausgestreckter Arme). Auch das SOS-Signal, bestehend aus drei kurzen, drei langen und wieder drei kurzen Licht- oder Tonsignalen, kann mit einem Nebelhorn, einer Trillerpfeife, einer Taschenlampe oder einem Spiegel eingesetzt werden. Selbst das ununterbrochene Ertönen des Nebelhorns ist ein Notsignal. Diese Notzeichen gilt es zu kennen und zu erkennen, um auch anderen Seglern Hilfeleistung geben zu können.
Pyrotechnik = Signalraketen der letzten Hoffnung
–Funktionieren immer, wenn sie richtig gelagert werden und nicht abgelaufen sind
–Wenn sie abgelaufen sind, zünden sie zwar oft noch, steigen aber nicht so hoch und leuchten nicht nach Spezifikation
–Achtung: Verschiedene Anbieter haben unterschiedliche Startmechanismen
–Handhabung muss vorher geübt werden, um Unfälle zu vermeiden (Sicherheitstrainingskurs!)
–Am besten nur MED-SOLAS zugelassene Produkte einsetzen (»Maritime Equipment Directive, SOLAS based requirements«, kleines Steuerrad als Markenzeichen), um gewisse Mindestansprüche der Leuchtdauer (40 Sekunden), Steighöhe (300 m) und Leuchtstärke (30.000 Candela) sicherzustellen
–(Nur) in Deutschland benötigt man gemäß der Sprengstoffverordnung einen besonderen »Pyroschein«, um diese wichtige Sicherheitsausrüstung erwerben zu dürfen
–LED-Signalleuchtmittel sind kein Ersatz für Pyrotechnik, gegebenenfalls eine Ergänzung
Pyrotechnik: Fallschirmraketen
–Hilfreich, um auf weite Distanzen gesehen zu werden
–Tagsüber und nachts einsetzbar
–bei Dämmerung und nachts besonders gut sichtbar
–Steigen 300 m in die Höhe (wenn innerhalb des Verfallsdatums verwendet)
–Brennen mit 30.000 Candela mindestens 40 Sekunden lang (wenn sie MED-SOLAS erfüllen)
–Sehen aus wie ein sehr heller, roter, langsam sinkender Ball
–Mit dem Wind etwas geneigt abfeuern (nicht gegen den Wind)
–Bei Bewölkung schräg abfeuern; in Wolken sind sie unsichtbar
TIPP
Immer zwei Raketen direkt nacheinander abschießen, um Missverständnisse zu vermeiden
–Nie feuern, wenn Rettungshubschrauber in der Nähe sind
–Abgelaufene Pyrotechnik startet zwar oft, steigt aber nicht so hoch und brennt noch beim Landen
–Nach dem Verfallsdatum nie an Land einsetzen (z. B. Silvester), da sie mit noch weit über 1.000 °C beim Landen brennen können (Feuergefahr!). Innerhalb des Verfallsdatums erlöschen sie, wie vorgesehen, kurz vor der Landung
Pyrotechnik: Handfackeln
–Hilfreich, um auf kurze Distanzen gesehen zu werden
–Rot = Notsignal, weiß = Aufmerksamkeit/Kollision
–Brennen als heiße Fackel in der Hand
–Handhabung muss geübt werden, um sich nicht zu verbrennen
–Leuchten mit 10.000 Candela mindestens 60 Sekunden (wenn sie MED-SOLAS erfüllen)
–Sehr gut, um Rettungsbooten oder Hubschraubern den Weg zu zeigen
Pyrotechnik: Rauchsignal
–Dose, die gezündet ins Meer geworfen wird
–Entwickelt orangefarbigen Rauch während mindestens drei Minuten
–In erster Linie tagsüber einsetzbar
–Wird von Flugzeugen und Hubschrauber besonders gut erkannt
Ich habe ein Handy und an Land würde ich 112 wählen. Ist das nicht ausreichend?
Dass ein Handy ein Zwei-Wege-Kommunikationssystem ist und man damit im Alltag fleißig übt, kann jeder bestätigen. Daher liegt es nahe, dieses Tor zur Welt auch auf dem Meer weiter benutzen zu wollen. Immer erreichbar, mit der entsprechenden Einstellung jederzeit zu orten und Antworten auf jede erdenkliche Frage sind aus dem Internet sofort vorhanden.
Das Handy ist ein wunderbares Tool – auch auf einem Boot. Tatsächlich kann es sowohl Trost als auch Gewissheit schenken, dass dort an Land Menschen sind, die sich um einen kümmern, wenn man sie braucht. Die eingebaute Kamera gewährt neue Möglichkeiten für Hilfeleistungen auf Distanz, angefangen von technischen Problemstellungen und Ersatzteilbestellungen bishin zu ärztlicher Konsultation. Mit einem Foto des Problems kann der Empfänger deutlich einfacher bei der Lösungsfindung behilflich sein. Das Handy kann sogar für die Navigation eingesetzt werden, Wetterdaten können heruntergeladen werden und – man mag es fast vergessen haben – das Handy funktioniert auch als Telefon, um mit Menschen an Land zu reden und um Rat zu fragen.
Folgende Argumente zeigen jedoch, dass es als Notsender nur bedingt funktioniert. Probleme könnten in folgenden Situationen auftreten:
–Das eigene Schiff befindet sich weiter als ca. 10 sm vom nächsten Sendemast entfernt
–Das Handy ist nicht genügend aufgeladen (bei schwachen Signalen oder weiterem Abstand zum Sendemast hält der Akku deutlich kürzer)
–Nässe behindert die Bedienung des Touchscreens
–Das Handy kann im Eifer des Gefechts aus der Hand fallen, beschädigt werden oder über Bord fallen
–Die anzurufende Telefonnummer ist oft nicht bekannt (von der Seenotrettung bis zum Schiff in der Nähe)
–Offene Gruppengespräche sind nur sehr bedingt möglich, besonders nicht mit potenziell rettenden Schiffen in der Nähe
–Gesprächsabbruch kann plötzlich auftreten
Warum ist ein UKW-Gerät so viel besser als ein Handy?
Ein UKW-Gerät erfüllt all die erwünschten und notwendigen Kriterien für küstennahe Kommunikation.
–Viel größere Reichweite als ein Handy (ca. 20–30 sm)
–Die Antenne in der Mastspitze kann auch über Hindernisse hinweg funken
–Das UKW ist an das Hauptstromnetz des Schiffes angeschlossen und hat »immer« Strom
–Hardware-Knöpfe funktionieren auch bei Nässe und Kälte und mit Handschuhen
–Mit einem Knopf hat man direkt den richtigen Notkanal 16 gewählt
–Das UKW ist entweder fest installiert oder das Handfunkgerät schwimmt oft wasserdicht an der Oberfläche, wenn es über Bord fällt
–Es gibt keine Telefonnummern: Ist das Gerät eingeschaltet, hat man sofort alle mithörenden Schiffe sowie die Seenotrettung in der Leitung (Kanal 16)
–Mit einem einzigen DSC-Knopf werden bei richtiger Registratur sämtliche wichtige Daten digital übermittelt (Schiffsname, Kontaktadressen, Position, Uhrzeit etc.)
–Offene Gruppengespräche sind für Rettungsaktionen absolut notwendig und möglich
–Gesprächsabbruch kann kaum stattfinden
–Jeder in eine Rettungsaktion involvierte Helfer, inklusive dem Hubschrauber, ist auf Kanal 16 mit allen anderen, einschließlich dem Notgestellten, in Verbindung
Das UKW-Gerät ist extrem vielseitig einsetzbar. In vielen Ländern gehört das Mithören von Kanal 16 zur seemännischen Selbstverständlichkeit. Auch wird es fleißig benutzt, um schnell und unkompliziert selbst eine einfache Frage zu stellen. Die Küstenwache Großbritanniens, die UK Coastguard, beantwortet unermüdlich alle Fragen mit dem Hintergedanken, dass jede Benutzung des UKWs eine gute Übung ist und im Ernstfall lebenswichtig sein kann. Nicht immer muss auf Kanal 16 angerufen werden: Marinas und Häfen werden direkt auf speziellen, im Almanach oder im Hafenführer veröffentlichten Kanälen angerufen, manche Pubs in Schottland haben ihren Arbeitskanal vom Ankerplatz aus sichtbar an die Hauswand gemalt, Schleusen und Brücken benutzen spezifische Kanäle etc. Viele Küstenwachen dieser Welt sind nie weiter entfernt als der UKW-Hörer. Kanal 16 als Anrufkanal gilt immer und überall, und die Küstenwache informiert stetig über Wetter, Wind und andere Gefahren.
Wer häufig das Funkgerät benutzt, um Häfen, Brücken, Marinas oder andere Segler direkt auf dem bekannten Arbeitskanal anzurufen, wird mit dem Umgang dieser sehr wesentlichen Sicherheitsausrüstung vertraut. Man kann Schiffe auch direkt anwählen, wie beim Telefon an Land. Die schiffseigene Telefonnummer nennt sich MMSI (»Maritime Mobile Service Identity«), die übrigens als AIS-Information auf dem Plotter aller sich in Reichweite befindenden Schiffe abzulesen ist. Werden Schiffe direkt und digital über MMSI angerufen, wird Kanal 16 nicht belastet, und man geht nach Kontaktherstellung sofort gemeinsam auf einen der Arbeitskanäle (z. B. 77 oder 72).
In einer Notsituation reicht ein einziger Knopfdruck: der DSC-Notknopf, der rot markiert hinter einer transparenten Sicherheitsklappe versteckt ist. Er stellt den direkten digitalen Draht zur Seenotrettung her. Nach den binnen eines Bruchteils einer Sekunde automatisch übermittelten wichtigsten Schiffsdaten, schaltet das Gerät automatisch auf Kanal 16, und die Küstenwache kann den Notruf sowohl digital im Display ablesbar als auch mündlich über Kanal 16 bestätigen. Es ist gut zu wissen, dass die digitale Reichweite des DSC-Notrufes viel weiter reicht als die Reichweite der Sprachmitteilung, sodass ein Notruf bzw. eine digitale Bestätigung oft durchgeht, selbst wenn keine beruhigende Stimme zu hören ist.
Zu bedenken wäre das Mitführen einer Reserveantenne, denn wenn man den Mast verliert, ist auch die in der Mastspitze montierte UKW-Antenne nicht mehr vorhanden.
Ein zweites, portables UKW-Gerät zu haben, macht viel Sinn. Es kann flexibel im Cockpit benutzt werden, im Dingi als Notsender oder zur Kommunikation mit dem Mutterschiff mitgenommen werden oder als Ersatzgerät im Grabbag für die Rettungsinsel bereit sein.
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