Kitabı oxu: «Tugenden für eine bessere Welt»
Leonardo Boff
Tugenden für eine bessere Welt
Leonardo Boff
Tugenden für eine bessere Welt
Aus dem Portugiesischen übersetzt von Bruno Kern
Butzon & Bercker
Publik-Forum Edition
Originalausgabe:
Leonardo Boff
Virtudes para um mundo possível
Vol. I: Hospitalidade: Direitos e deveres de todos
Vol. II: Convivência, Respeito e Tolerância
Vol. III: Comer e Beber Juntos e Viver em Paz
Petrópolis 2006
© Leonardo Boff
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ISBN 978-3-7666-1285-4
E-BOOK ISBN 978-3-7666-4107-6
EPUB ISBN 978-3-7666-4108-3
© 2009 Butzon & Bercker GmbH, 47623 Kevelaer, Deutschland, www.bube.de
www.religioeses-sachbuch.de
In Gemeinschaft mit Publik-Forum Verlagsgesellschaft mbH, Oberusel
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Christoph Kemkes, Geldern
Umschlagfoto: © Doug Olson – Fotolia.com
Satz: Schröder Media GbR, Dernbach
Inhalt
Einleitung
ERSTER TEIL GASTFREUNDSCHAFT: RECHT UND PFLICHT ALLER
I. Die planetarische Phase der Erde und der Menschheit
1. Der Blick zurück: das Paradigma des Feindes und der Konfrontation
2. Der Blick nach vorn: das Paradigma des Gastes und des Bundes
3. Der leidenschaftliche Ruf der Propheten und Visionäre
II. Die Rückkehr aus der großen Zerstreuung
1. Ein Stern stirbt, und die Erde entsteht
2. Bruchstücke vereinigen und trennen sich
3. Das schönste Kind: das Leben
4. Die Trockenheit: Geburtsstätte des Menschen
5. Die Zerstreuung der Menschen und die Entstehung der Zivilisationen
6. Die Rückkehr aus dem Exil: die Globalisierung
III. Der Mythos der Gastfreundschaft
IV. Auslegung des Mythos von der Gastfreundschaft
1. Ursprüngliche Erfahrungen und Mythos
2. Menschliche Existenz und Mythos
3. Gastfreundschaft, Zusammenleben, Tischgemeinschaft und Mythos
4. Die Dimensionen der Gastfreundschaft
V. Die Gastfreundschaft in den modernen Gesellschaften
1. Unbedingte und bedingte Gastfreundschaft
2. Grenzen der Nationalstaaten – Grenzen der Gastfreundschaft?
VI. Der Mangel an Gastfreundschaft in der Geschichte
1. Die vielen Anderen
2. Die Vernichtung der kulturell Anderen
3. Die neuen Anderen
VII. Die Befreiung des Anderen: Grundlage für die Gastfreundschaft
1. Die zentrale Stellung des Anderen in der jüdisch-christlichen Tradition
2. Die Menschenrechte und die Kultur des Friedens
3. Die uneingeschränkte Demokratie als Integration des Anderen
VIII. Die Gastfreundschaft im Kontext der Globalisierung
1. Grundhaltungen und Verhaltensweisen im Sinne der Gastfreundschaft
2. Politik möglicher Formen von Gastfreundschaft
Zusammenfassung
ZWEITER TEIL ZUSAMMENLEBEN, RESPEKT UND TOLERANZ
Einleitung
I. Das Zusammenleben
1. Geburtshelfer eines Volkes
2. Wie lebt man mit den Anderen zusammen, die völlig anders sind?
3. Was ist das Zusammenleben?
4. Zusammenleben: psychosoziale und kosmische Dimension
II. Der Respekt
1. Ein Gleichnis für den unbedingten Respekt
2. Was ist der Respekt?
3. Eine Ethik des Respekts allem Sein gegenüber
III. Die Toleranz
1. Ein Gleichnis zum Thema Toleranz
2. Chaos und Kosmos, Unordnung und Ordnung vermengen sich
3. Was ist die Toleranz?
4. Toleranz angesichts von Fundamentalismus und Terrorismus?
5. Toleranz und interreligiöser Dialog
Zusammenfassung
DRITTER TEIL GEMEINSAM ESSEN UND TRINKEN UND IN FRIEDEN LEBEN
Einleitung
I. Zusammen essen und trinken: die Tischgemeinschaft
1. Erzählungen rund um die Tischgemeinschaft
2. Tischgemeinschaft: Beginn der Menschwerdung
3. Der Hunger als ethisches und politisches Problem
4. Das Geschäft mit dem Hunger: Nahrungsmittel als Ware
5. Ökologische Landwirtschaft als möglicher Ausweg
6. Gentechnik: Markt, Ethik und Weltanschauung
7. Wasser: lebensnotwendig oder Wirtschaftsgut?
8. Die Voraussetzungen für die Tischgemeinschaft
9. Solidarisch und verantwortungsvoll konsumieren
10. Die letzte Wirklichkeit: Tischgemeinschaft Jesu und im Reich Gottes
II. Kultur des Friedens in einer Welt im Konflikt
1. Einstein und Freud: Ist es möglich, die Aggression einzudämmen?
2. Zeichen für eine friedliebende Menschheit
3. Hindernisse auf dem Weg zum Frieden und ihre Überwindung
4. Ein verantwortlicher Realismus
5. Der unmögliche Friede
6. Ein Friede, der möglich ist
7. Der Friede Gottes
Schluss: Die Seligpreisungen der Tugenden
Anmerkungen
Literatur
Einleitung
Welche Tugenden sind unbedingt erforderlich, wenn wir gewährleisten wollen, dass die Globalisierung ein menschliches Antlitz bekommt?
Wir gehen von der Voraussetzung aus, dass wir uns in einer Situation der Krise, nicht aber der Tragödie befinden. Krise bedeutet immer Läuterung, und sie setzt konstruktive Energien frei. Krise heißt Übergang und Überschreitung. Wir vollziehen gerade den Übergang von einer Geschichtsauffassung, die mit Nationalstaaten, sozialen Klassen und einzelnen Persönlichkeiten verbunden ist, hin zu einer Geschichte der planetarischen Gemeinschaft der Gattung Mensch. Um diesen Übergang angemessen zu verstehen, müssen wir ihn in die Evolutionsgeschichte, die Entstehungsgeschichte des Lebens, des Menschen und des Planeten (Biogenese, Anthropogenese, Planetogenese) einordnen.
Jeder Übergang birgt Risiken, aber ebenso Chancen in sich. Es gibt die echte Chance, dass – als eine verheißungsvolle Zukunft für alle – eine erdumspannende menschliche Gesellschaft entsteht, die in ihrem Wesen eins ist, aber eine Vielfalt von Ausdrucksformen kennt. Es gibt aber auch das Risiko, dass jedes Volk nur für sich selbst lebt und sich in sich selbst abkapselt und dabei aus dem Auge verliert, dass wir alle eine einzige große Familie bilden – die Menschheitsfamilie innerhalb der Familie des Lebens, der wir – als ein Glied einer Kette – angehören. Die Gefahr ist noch nicht gebannt, dass die bereits existierenden Massenvernichtungswaffen der Biosphäre schweren Schaden zufügen können und das Projekt einer planetarischen Menschheit scheitern lassen.
Abgesehen von den Risiken und Chancen hat jeder Übergang zwei Seiten: Kontinuität und Erneuerung. Er setzt etwas fort, was von früher herstammt, und darin ist er mit der Tradition verbunden, mit all ihren Werten und Unwerten, die sie in sich trägt. Doch der Übergang bedeutet auch einen Bruch mit der Tradition und einen Neubeginn. Kontinuität und Erneuerung sind immer zugleich vorhanden, und das macht die Dramatik der Überganssituation aus. Was wird letztlich überwiegen: die Kontinuität oder die Erneuerung? Wenn die Kontinuität die Oberhand gewinnt, dann verschärft sich die Krise und es entstehen zerstörerische Kräfte. Wenn sich dagegen die Erneuerung durchsetzt, dann entsteht Hoffnung und es erschließt sich ein neuer Weg.
Konkret gesprochen: Wir befinden uns schon inmitten einer neuen Situation, der planetarischen Phase. Es kommt nun darauf an, ihr Beständigkeit zu verleihen, damit sie die Vergangenheit hinter sich lassen kann und tatsächlich das Neue ins Werk setzt, den Sprung nach vorne und nach oben vollzieht und damit den Prozess unumkehrbar macht.
Wir müssen uns an die Vorstellung gewöhnen, dass wir Passagiere eines besonderen Raumschiffes sind, eines weißen und blauen Raumschiffes, das unser gemeinsames Haus, die Erde, bildet. Sie ist mit begrenzten Ressourcen ausgestattet, sie ist überbevölkert und sie ist bedrohlichen Gefahren ausgesetzt. Diese Gefahren werden nur dann gebannt, wenn wir unser Handeln an Tugenden orientieren, die wir in diesem Buch unter den Stichworten Gastfreundschaft, Zusammenleben, Toleranz, Respekt vor dem Anderen, Tischgemeinschaft und Kultur des Friedens behandeln werden. Sie müssen einhergehen mit den Tugenden des ökologischen Zeitalters: der Fürsorge, der gemeinsamen Verantwortung, der Kooperation und der Ehrfurcht. Auf diese Weise werden die Bedingungen dafür geschaffen, dass das Neue entstehen kann.
Andererseits wächst das Bewusstsein dafür, dass Wissenschaft, Technik, Ökonomie und Finanzmärkte, so unverzichtbar sie auch sind, nicht genügen, um der Globalisierung ein menschliches Antlitz zu verleihen. Der Prozess der Globalisierung selbst verlangt nach einer spirituellen, ethischen und ästhetischen Dimension, die den übrigen Dimensionen die Richtung weist und Sinn verleiht. Diese Dimensionen sind einander nicht entgegengesetzt, sondern vielmehr miteinander verflochten und voneinander abhängig. Unsere ökologischen, ökonomischen, politischen, sozialen, ethischen und spirituellen Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind unauflösbar miteinander verbunden. Deshalb wird nur eine ganzheitliche Sichtweise und werden nur umfassende Lösungsvorschläge dieser komplexen planetarischen Realität gerecht.
Wir wissen, dass wir mit dieser Komplexität nur richtig umgehen können, wenn wir die folgende Ordnung berücksichtigen: Das Wohl des Einzelnen ordnet sich dem Gemeinwohl unter, die Wirtschaft ordnet sich der Politik unter, die Politik orientiert sich an der Ethik und die Ethik bezieht ihre Inspiration aus einer Spiritualität, das heißt aus einer neuen Sichtweise des Universums von dem Standort aus, den der Mensch in ihm einnimmt, und vom Geheimnis des Lebens aus.
Seit Jahrhunderten schon haben wir die Bereiche der Wirtschaft und der Politik überbetont, während die Sphären der Ethik und Spiritualität blass und blutleer blieben. Dieses Ungleichgewicht ist eine der Ursachen für die zivilisatorische Krise und für den Verlust der utopischen Sinngebung und des utopischen Horizontes der menschlichen Geschichte.
Unser Engagement in Theorie und Praxis will die Ethik und die Spiritualität als das Fundament wiedergewinnen, auf dem eine planetarische Zivilisation errichtet werden kann, die nachhaltig ist und für die Biosphäre, die Gemeinschaft des Lebens, und die gesamte Menschheit eine wirklich lebenswerte Zukunft bereithält.
Wir rücken vier Tugenden in das Blickfeld, ohne die unserer Meinung nach kein Zusammenleben wirklich menschlich und keine Globalisierung wirklich gemeinwohlfördernd und verheißungsvoll ist: die Gastfreundschaft, das Zusammenleben, die Toleranz und die Tischgemeinschaft.
Der erste Teil behandelt die Gastfreundschaft im dramatischen Kontext der weltweiten Migrationsbewegungen: Die geographischen Grenzen von Nationalstaaten geraten unter Druck von Seiten der Menschen, die im Allgemeinen bessere Lebensbedingungen suchen oder denen es bloß um das nackte Überleben geht.
Der zweite Teil wird sich den Fragen des Zusammenlebens und der Toleranz widmen und dabei die verschiedenen zeitgenössischen Theorien besprechen, die sich der veränderten weltweiten Situation stellen, die von Angst, Bedrohung durch den Fundamentalismus und Terrorismus gekennzeichnet ist.
Der dritte Teil behandelt die beunruhigende Situation der Tischgemeinschaft: Dazu gehören die Themen des weltweiten Hungers, der kommerziellen Kontrolle des Saatgutes und der gentechnischen Manipulation des Lebens.
Das Ziel dieser drei Kardinaltugenden ist die Errichtung der ersehnten Kultur der aktiven Gewaltlosigkeit und des Friedens.
Die Tugenden bilden die Welt der Vorbilder und Werte. Als solche beinhalten sie unübersehbar ein utopisches Element. Es liegt im Wesen der Utopie, dass sie uns vor immer weitere und offenere Horizonte stellt. Wie schon gesagt, besteht ihre Aufgabe darin, uns dazuzuveranlassen, uns vom Fleck zu bewegen und vorwärtszuschreiten. Die Tugenden gleichen den Sternen: Wir erreichen sie niemals, doch sie geben den Steuermännern Orientierung und erleuchten unsere Nächte. Sie können uns zu immer neuen schöpferischen Handlungsweisen inspirieren, damit die Utopie nicht nur Utopie bleibt. Wir können stets wachsen und besser werden.
Die Herausforderung besteht nun darin, inspiriert von diesen Tugenden die historischen Vermittlungen und die besten gesellschaftlichen und juridischen Voraussetzungen dafür zu finden, dass sie innerhalb der von der gegebenen Situation vorgegebenen Grenzen und Bedingungen nicht verleugnet und verraten, sondern auf die bestmögliche Weise in die Tat umgesetzt werden.
In diesem Sinne werden wir uns sehr bemühen, dass unser ethisch-spiritueller Diskurs stets konkrete Vermittlungsschritte, Haltungen und klare Positionen thematisiert, damit aus dem Traum ein Prozess der stetigen Veränderung wird.
Diese Kardinaltugenden für eine Globalisierung mit ethischen Mindeststandards stellen nicht nur eine Sehnsucht und ein Projekt dar. Sie werden von Gruppen reflektiert und in die Tat umgesetzt, die nach Alternativen zur herrschenden Weltordnung suchen, von internationalen Bewegungen, denen es um die Ökologie, die Erhaltung der Natur, die Verteidigung und Förderung der sozialen und ökologischen Menschenrechte geht, von Bewegungen, die von den Grundsätzen der Erdcharta inspiriert sind, von weltweiten Bewegungen wie etwa dem Weltsozialforum und dem Bündnis für eine verantwortliche, plurale und vereinte Welt.
Innerhalb dieser Bewegungen entsteht – bei all ihren Grenzen und Widersprüchen – ein Ethos der Fürsorge, der Akzeptanz von Unterschieden, der Toleranz, des Teilens und der solidarischen Produktionsformen sowie des solidarischen Konsumverhaltens. Die Werte nehmen historische Gestalt an und vermitteln uns die Hoffnung, dass tatsächlich ein anderes Modell der Welt und der Globalisierung möglich ist. In Anlehnung an den Dichter Fernando Pessoa können wir sagen: „Wir wollen uns die Welt so vorstellen können, wie sie niemals war.“
Wir alle müssen die Gastfreundschaft füreinander pflegen, denn wir sind alle Gäste auf dieser Erde und haben hier keine ständige Bleibe, wie es die jüdisch-christlichen Schriften zum Ausdruck bringen. Wir müssen verstärkt das Zusammenleben pflegen, weil wir dasselbe gemeinsame Haus bewohnen und kein anderes haben. Wir müssen die Toleranz füreinander gerade hinsichtlich der Dinge pflegen, die wir schwer verstehen und ertragen können. Es kommt darauf an, Respekt vor der Andersheit der Anderen zu haben. Es ist notwendig, dass es Tischgemeinschaft gibt, das heißt, dass wir uns gemeinsam zu Tisch setzen und miteinander die Freude teilen, dass wir als Familie, als Geschwister, zusammen sind und die Großzügigkeit der Mutter Erde genießen. Was wären denn Gastfreundschaft, Zusammenleben, Respekt und Toleranz wert ohne Tischgemeinschaft, wenn wir vor Hunger und Durst sterben würden und keinen gemeinsamen Tisch hätten, an dem wir in Solidarität miteinander satt werden könnten?
Wenn aus diesen Tugenden Grundhaltungen werden und daraus eine kulturelle Atmosphäre entsteht, dann schafft dies die Bedingungen für eine notwendige und heilsame Globalisierung, für eine Globalisierung, die die zerstreuten Stämme vereint, die verlorenen Söhne zurückbringt, die Mutter Erde auf die beste Weise bewahrt und uns die Quelle erschließt, aus der alle Gaben für uns entspringen, aus der die Seligkeit und das Glück des Lebens selbst, das kein Ende haben will, hervorgehen.
Petrópolis, Ostern 2005
Erster Teil
Gastfreundschaft: Recht und Pflicht aller
I. Die planetarische Phase der Erde und der Menschheit
Wir treten gerade in eine neue Phase des Evolutionsprozesses der Erde und der Menschheit ein, in die planetarische Phase. Die auf die Kontinente zerstreuten und auf ihre jeweiligen Nationalstaaten begrenzten Völker beginnen sich nun innerhalb des Gemeinsamen Hauses, des Planeten Erde, zu bewegen.
Es wächst das Bewusstsein, dass wir nur diesen einen, kleinen und mit begrenzten Ressourcen ausgestatteten Planeten haben, auf dem wir leben können. Wir müssen ihn mit Sorgfalt behandeln, damit er alle Menschen, die gesamte Kette des Lebens und aller Lebewesen beherbergen kann. Wir möchten, dass er noch einer langen Geschichte entgegensieht.
Wir entdecken auch etwas, was uns zutiefst bewegen kann: die Perspektive der Astronauten von ihrem Raumschiff aus. Aus dieser Perspektive ist es nicht mehr möglich, Erde und Menschheit, Erde und Biosphäre zu unterscheiden. Sie bilden eine einzige, große und komplexe Wirklichkeit. Wir haben denselben Ursprung und dasselbe Schicksal. Deshalb begreifen wir uns als ein einziges Subjekt angesichts der Zukunft.
Dieses Faktum führt nach und nach zu einem neuen Bewusstsein. Vom ethnisch und durch soziale Klassen bestimmten Bewusstsein gelangen wir zum Bewusstsein der Gattung homo sapiens et demens. Wir entdecken uns selbst als Mitglieder der großen Menschheitsfamilie und der Gemeinschaft des Lebens, Brüder und Schwestern, Cousins und Cousinen anderer Vertreter der immensen Vielfalt des Lebens: von Pflanzen und Tieren, aus denen die Biosphäre besteht – jene feine Schicht, die die Erde umhüllt und das System Leben bildet. Sie ist nur der am deutlichsten sichtbare Teil des Planeten Erde selbst, der als lebendiger Großorganismus verstanden werden muss, als Große Mutter, Pachamama und Gaia.
Von diesem neuen Moment unserer gemeinsamen Geschichte fühlen sich alle berührt. Wir alle beginnen uns zu fragen: Worin besteht die Rolle einer jeden einzelnen menschlichen Person, der Kulturen, der Nationen und Religionen? Konkret gesprochen: Werden unsere Traditionen, unsere regionalen Kulturen, unsere Überzeugungen, unsere Künste und unsere Religionen, mit einem Wort: all das, was unsere Identität ausmacht, noch in irgendeiner Weise zählen? In welcher Weise müssen wir uns verändern, um auf der Höhe der Zeit zu sein und mit dieser neuen Phase mithalten zu können, die jetzt heraufkommt? Was müssen wir sein?
Der immer schneller werdende Prozess der Globalisierung kann eine dramatische Weichenstellung für die Menschheit bedeuten. Er kann die Gelegenheit für eine Begegnung aller mit allen aus den unterschiedlichsten Kulturen und Traditionen schaffen. Dabei handelt es sich um die erfreuliche Erfahrung der Entdeckung von Unterschieden, die uns neue Formen der Teilhabe und des Zusammenlebens ermöglichen.
Auf der anderen Seite kann diese Globalisierung zu einer Erfahrung der Fremdheit führen, die Misstrauen, Ressentiment, ja sogar Angst vor dem Anderen weckt. Und das Näher-Zusammenrücken kann alten Hass, Spannungen, Verbitterungen und Vorurteile, die sich über die Jahrhunderte angesammelt haben, zwischen Regionen und Völkern neu entflammen.
Jetzt ist die Gastfreundschaft, die gegenseitige Annahme, die großzügige Offenheit als Voraussetzung für die Beseitigung von Verurteilungen und Vorurteilen dringlicher denn je. Nur auf diese Weise können wir die Andersheit als Andersheit und nicht als Ungleichheit und Unterlegenheit bzw. als bloße Verlängerung dessen, was uns selbst eignet, begreifen. Und dann bedarf es des Willens, im selben Gemeinsamen Haus zusammenleben zu wollen. Wir haben keine Alternative. Wir bedürfen auch der Toleranz, ohne die sich das Freund-Feind-Schema, die Logik des Krieges und der Ausgrenzung fortsetzen. Am Ende steht die Tischgemeinschaft als letzter Sinn der Globalisierung, wenn wir alle, endlich vereint, am selben Tisch Platz nehmen, um miteinander zu essen und die Großzügigkeit der Gaben der Natur zu feiern. Es gibt also vier Tugenden einer wohlverstandenen Globalisierung: Gastfreundschaft, Zusammenleben, Toleranz und Tischgemeinschaft. Diesen werden wir uns im Folgenden widmen.
Dieser ganze Prozess, in dem es unvermeidlich ein Auf und Ab, Erfolg und Irrtum gibt, wird die Grundlage der Übereinstimmungen festigen und erweitern und so eine gemeinsame Basis schaffen. Diese bietet die Bedingungen für ein neues kollektives Bewusstsein und eine neue Erdenbürgerschaft. Daraus erwächst eine gemeinsame Identität, die Identität der Gattung Mensch. Die nationalen und regionalen Identitäten der Vergangenheit, die so viele Spannungen und Konflikte hervorgebracht haben, werden weiter bestehen, aber sie werden nicht für sich die Zukunft bestimmen. Die Zukunft wird von allen und aus den gemeinsamen Elementen geschaffen, die man entdecken und sich aneignen wird.
Wir werden als Erdenbürger neu entstehen: unterschiedlich, aber alle zusammen in der einen gemeinsamen Menschheit verankert. Wie niemals zuvor wird dieser alte und grundlegende Gedanke der humanitas zentrale Bedeutung als der gemeinsame Wert, auf den man sich bezieht, gewinnen. Von nun an werden wir als Gäste und Tischgenossen auf der Erde, unserem gemeinsamen Vater- und Mutterland, zusammenleben.
Um diesen komplexen Prozess mit all seinen Übergängen, die er voraussetzt, zu verstehen, müssen wir zwei Grundhaltungen innerhalb der Globalisierung in den Blick nehmen und beurteilen: eine, die sich an der Vergangenheit orientiert, und eine, die sich der Zukunft zuwendet. Sie stellen zwei unterschiedliche Paradigmen dar. Jedes von ihnen gestaltet den Prozess der Globalisierung je auf seine Weise und bringt eine je andere Zukunft hervor.
1. Der Blick zurück: das Paradigma des Feindes und der Konfrontation
Um angesichts der neu entstehenden Wirklichkeiten Orientierung zu finden, richtet ein großer Teil der Gesellschaften und Personen den Blick zurück auf die Vergangenheit ihres Volkes. Um ihre Identität neu zu definieren, nehmen sie Zuflucht bei den Traditionen, der Sprache, den Religionen, den Sitten, den Ruhmestaten ihrer Kultur, den Nationalhelden, den typischen Werten und Festen, den literarischen und aus Stein und Metall bestehenden Denkmälern, den die Zeiten überdauernden Institutionen und den Ökosystemen in ihrer Einmaligkeit und Schönheit. Gleichzeitig beziehen sie sich auf ihnen nahestehende Völker und Kulturen, deren Schicksal sie teilen, und andere, denen gegenüber sie ein spannungsreiches, ja sogar feindliches Verhältnis haben.
Wenn man sich der eigenen Identität mit Hilfe der Vergangenheit vergewissert, dann betont man den Unterschied zu anderen Identitäten. Freund und Feind sind hier klar definiert. Einer der modernen politischen Philosophen, Carl Schmitt (1888 – 1985), analysierte diesen Prozess in seiner berühmten Arbeit Der Begriff des Politischen:
„Solange ein Volk in der Sphäre des Politischen existiert, muss es . . . die Unterscheidung von Freund und Feind . . . bestimmen. Darin liegt das Wesen seiner politischen Existenz.“ (Schmitt 1933, 32)
Wer ist ein Feind?
„Der Feind ist in einem besonders intensiven Sinne existentiell ein Anderer und Fremder, mit dem im extremem Fall existentielle Konflikte möglich sind. . . . Den extremen Konfliktsfall können daher nur die Beteiligten selbst unter sich ausmachen; insbesondere kann jeder von ihnen nur selbst entscheiden, ob das Anderssein des Fremden im konkret vorliegenden Konfliktsfall die Negation der eigenen Art Existenz bedeutet und deshalb abgewehrt oder bekämpft werden muss, um die eigene, seinsmäßige Art von Leben zu retten. In der psychologischen Wirklichkeit wird der Feind leicht als böse und hässlich behandelt . . .“ (Schmitt 1933, 8).
Ein anderer bekannter zeitgenössischer politischer Philosoph, der sich dem Thema der Globalisierung widmet, Samuel P. Huntington, behauptet in seinem Buch Der Kampf der Kulturen Ähnliches: „Für Menschen, die ihre Identität suchen und ihre Ethnizität neu erfinden, sind Feinde unabdingbar . . . Wir wissen, wer wir sind, wenn wir wissen, wer wir nicht sind und gegen wen wir sind.“ (Huntington, 1996, 19 und 21).
Diese Sichtweise ist, wie man unschwer erkennen kann, mit Risiken behaftet. Sie orientiert sich nämlich am Paradigma des Feindes und an der Bereitschaft zum Konflikt bis hin zum Krieg. Die Zeit nach dem Kalten Krieg ist tatsächlich durch viele Kriege in den verschiedenen Teilen der Welt geprägt. Sie gingen von Gruppierungen aus, die ihre jeweilige Identität verteidigen wollten – entweder, weil sie diese von traditionellen Feinden oder vom herrschenden gleichmacherischen Globalisierungsprozess bedroht sahen. Dieser ist durch eine Verwestlichung der Welt, die viele als Vergiftung durch den Westen anprangern, durch Vereinheitlichung der Wirtschaftsräume und durch das Monopol eines einzigen politischen Denkens geprägt, welches die Hegemonie des Westens zum Ausdruck bringt. Zeitgleich zum Prozess der Globalisierung muss man bedauernswerterweise einen Prozess der Balkanisierung und der Fragmentierung des sozialen Zusammenhaltes der Menschheit feststellen.
Wir müssen ernsthaft bedenken: Wie können wir die anderen als Feinde betrachten, gegen die man Krieg führen muss, wenn wir nun gezwungen sind, auf dem kleinen Raum, den unser Planet darstellt, zusammenzuleben? Für wie realistisch dieses Freund-Feind-Schema sich auch immer selbst darstellen mag: Wir müssen uns seiner entledigen, wenn wir den einzigen Lebensraum miteinander teilen wollen, denn wir haben keinen anderen Ort als unser Gemeinsames Haus, die Erde. Das Freund-Feind-Denken ist das Fortbestehen von etwas, das der Vergangenheit angehört und keine Zukunft hat. Die Behauptung der ethnischen Identität in Abgrenzung von anderen, die es unterlässt, gemeinsame Brücken zu suchen, ist eine von vornherein verlorene Schlacht angesichts der einzigen gemeinsamen Identität, die zwangsläufig aus der Globalisierung der Gattung Mensch hervorgeht. Ein Krieg mit den Mitteln der modernen Technik könnte die biologische Zukunft der Gattung Mensch aufs Spiel setzen.
Genau diese reduktionistische Sichtweise ist es, die die Weltpolitik nach dem traurigen Anschlag vom 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten bestimmt. Man hält mit den Worten nicht hinter den Berg: Es handle sich um einen Krieg zwischen „den Ländern der Ordnung und des Chaos“, um einen Krieg gegen Länder, die als „Schurkenstaaten“ beschimpft werden, um einen Krieg zwischen der „Achse des Bösen“ und der „Achse des Guten“. Präsident George W. Bush wollte in seinem politisch-religiösen Fundamentalismus einen unerbittlichen, einen „Krieg ohne Grenzen“ gegen den Terrorismus und gegen alle, die ihn strategisch unterstützen, führen. Die hegemoniale Supermacht stellt alle Länder vor folgende düstere Alternative: Entweder sie sind für die USA und damit für die Zivilisation, oder sie sind für die Terroristen und damit für die Barbarei. Es gibt keine Ausflucht. Eigenartigerweise folgen die muslimischen Fundamentalisten derselben Logik, sie tauschen nur die Begriffe aus: Man muss das Reich des Bösen, die westliche Überheblichkeit, den Atheismus, den Materialismus der westlichen Kultur bekämpfen, die unter der Vorherrschaft der USA steht, und man muss sich für das Reich des Guten entscheiden, das heißt für die Religion und Kultur des Islam. Diese stellt alles unter die Herrschaft des einzigen und wahren Gottes, Allahs, und deshalb ist die Trennung zwischen Politik und Religion und zwischen Heilig und Profan hinfällig. Er stiftet die Brüderlichkeit zwischen allen Völkern.
Wie man leicht erkennen kann, sind wir hier mit zwei Formen des Fundamentalismus konfrontiert, die beide gleichermaßen auf Krieg bedacht sind und eine menschliche Globalisierung bedrohen.
Aufgrund dieser neuen Konfliktkonstellation vertreten Analytiker des Weltgeschehens wie Thomas L. Friedmann, ein Kolumnist der New York Times, oder Ephraim Halevi, der ehemalige Chef des israelischen Geheimdienstes Mossad und jetzt Präsident des nationalen Sicherheitsrates, die These, dass der 11. September 2001 der Beginn des Dritten Weltkriegs war – eines Krieges, der zwischen der Welt der Ordnung und des Chaos entfesselt wurde. Die Frage lautet: Um welche Art von Krieg handelt es sich? Werden darin alle Zerstörungspotentiale, über die man verfügt, genutzt, oder kommt es auf eine bewusste Selbstbegrenzung an? Denn wenn der Westen tatsächlich eine militärische Offensive mit Massenvernichtungswaffen startet, dann wird das Ergebnis so furchtbar sein, dass die zivilen Opfer, die einem Völkermord gleichkommen, in krassem Widerspruch zu den Werten genau dieser westlichen und demokratischen Zivilisation stehen, deretwegen man Krieg geführt hat. Wie man sieht, besteht das Paradigma des Feindes und der Konfrontation fort.
Wenn wir mit der Menschheitsfamilie weiterhin im Sinne dieses alten Paradigmas umgehen wollen, dann werden wir mit dramatischen Szenarien, wie etwa der ernsthaften Gefahr der Zerstörung des Projektes Mensch auf dem Planeten, konfrontiert werden. Was dieses Paradigma am Leben erhält, ist die zerstörerische Dialektik von Freund und Feind, die die Vergangenheit für die meisten Völker in so dramatischer Weise geprägt hat.
Innerhalb der Koordinaten der neuen planetarischen Phase, in der wir uns befinden, erscheint dieses Paradigma umso mehr simplifizierend, eindimensional und reduktionistisch. Es enthält nichts, was für die Zukunft einen Horizont der Hoffnung erschließen könnte. Deshalb ist die scharfe Ermahnung von Eric Hobsbawm am Platz, der am Ende seiner Bilanz des 20. Jahrhunderts in seinem Buch Das Zeitalter der Extreme sagt: „Unsere Welt riskiert sowohl eine Explosion als auch eine Implosion. Sie muss sich ändern . . . die Alternative zu einer umgewandelten Gesellschaft ist Finsternis.“ (Hobsbawm 1998, 720) Eine ähnliche Auffassung äußerte der große Historiker Arnold Toynbee (gest. 1975) am Ende seines Lebens, nachdem er zwölf Bände über die großen Zivilisationen der Geschichte verfasst hatte. In seinem autobiographischen Buch Erlebnisse und Erfahrungen sagt er in düsterer Weise: „Ich habe zu meinen Lebzeiten mitangesehen, dass die Gewissheit über das Kommen der ,Letzten Dinge‘ in der Welt des Westens verblasste und das Ende der Menschheitsgeschichte in den Bereich der irdischen Möglichkeiten rückte, die nicht von der Hand Gottes, sondern von Menschenhand herbeigeführt werden.“ (Toynbee 1970, 373 – 374)
Das Äußerste, was dieses Modell zustande bringt, ist eine unipolare Welt, entworfen von der Herrschermentalität einer einzigen Hegemonialmacht, die mit allen Mitteln ihre Vorherrschaft sichert. Es ist eine Macht, die nicht zögert, konventionelle Kriege und Präventivkriege zu führen und im Zweifelsfall Massenvernichtungswaffen einzusetzen. Sie unterwirft die Märkte und die Geldwirtschaft ihrer Kontrolle und zwingt die Länder ins Korsett einer einzigen weltweiten Strategie, die unter anderem die Produktion von Information durch einige wenige weltweite Konzerne beinhaltet, die mit der politisch-ökonomisch-militärischen Macht verbunden sind. Diese Macht rechtfertigt die Kultur der materiellen Güter, fördert eine verarmte Sichtweise der Realität, zielt auf die Gleichschaltung der bewusst erzeugten mentalen Vorstellungen und sorgt für die Durchsetzung standardisierter Verhaltensweisen und die künstliche Erzeugung von Geschmäckern.
Dies ist kein gangbarer Weg. Wir müssen dringend neue Durchbrüche finden.
2. Der Blick nach vorn: das Paradigma des Gastes und des Bundes
Eine andere Haltung angesichts der Globalisierung wendet sich der Zukunft und den Chancen zu, die sie in sich birgt. Dabei müssen wir uns dessen bewusst sein, dass wir es mit einzigartigen und neuen Phänomenen zu tun haben. Ein neuer Wein bedarf auch neuer Schläuche, eine andere Musik erfordert auch ein anderes Gehör. Die Protagonisten eines neuen Weltverständnisses wie Albert Einstein, Max Planck, Werner Heisenberg, Mme. Curie, Ilya Prigogine, D. Zohar, Edgar Morin, Sigmund Freud, Carl Gustav Jung, Pierre Teilhard de Chardin, Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela und Dom Hélder Câmara brachten jeweils zu ihrer Zeit klar das Bewusstsein zum Ausdruck, dass die verfügbaren Denkraster die neu auftauchenden Fakten nicht erfassen konnten. Sie brauchten neue wissenschaftliche Theorien oder neue soziale Kategorien, um die der Realität entspringenden neuen Fakten verstehen zu können. Mit imaginärer Kraft und Anstrengung des Denkens schufen sie bessere Instrumente der Erkenntnis und der sozialen Beziehung. Sie bereicherten unser Weltbild mit Theorien, von denen wir heute noch zehren.
Der Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn und der Quantenphysiker Fritjhof Capra reflektierten diesen schöpferischen Prozess und warfen die Frage nach dem Paradigmenwechsel auf. Grundlegende Veränderungen im Bewusstsein und in der Gesellschaft setzen einen Paradigmenwechsel voraus. Damit wollen wir sagen (und auf diese Weise erklären wir bereits den Begriff „Paradigma“), dass eine neue Weise der Wahrnehmung der Wirklichkeit entsteht, die neue Werte, neue Träume, eine neue Weise, das Wissen in ein organisches Gebäude zu integrieren, eine neue Art gesellschaftlicher Verhältnisse, eine neue Form der Beziehung zur Natur, eine neue Weise, die letzte Wirklichkeit schlechthin zu verstehen, ein neues Selbstverständnis und eine neue Verortung innerhalb der Welt des Lebendigen mit sich bringt.
Das neu entstehende Paradigma entfaltet sich in aufeinander folgenden Übergängen: Wir gehen vom Teil zum Ganzen über, vom Einfachen zum Komplexen, vom Lokalen zum Globalen, von Nationalen zum Planetarischen, vom Planetarischen zum Kosmos und vom Kosmos zum Mysterium und schließlich vom Mysterium zu Gott.
Dieses neue Paradigma begreift die Erde nicht mehr als bloß äußerliche Addition der Bereiche des Physischen, des Lebendigen, des Geistigen und des Spirituellen. Es verwirklicht vielmehr zugleich all diese Dimensionen und bildet so eine komplexe Ganzheit und ein System, das offen ist, Neues zu integrieren. Alle Lebewesen sind miteinander in Netzwerken innerhalb dieser komplexen kosmischen, irdischen, biologischen, anthropologischen und spirituellen Ganzheit nach allen Richtungen verbunden. Weder die Erde noch der Mensch sind einfach fertig. Sie entwickeln sich weiter und befinden sich in Prozessen ständiger Ausdehnung und Neuwerdung.
Für die Entstehung und Etablierung dieses neuen Paradigmas ist der auf die Zukunft gerichtete Blick entscheidend. Es kommt darauf an, eine in sich abgeschlossene Metaphysik zu überwinden, die unsere Sicht der Wirklichkeit mit dieser selbst gleichsetzt. Die Wirklichkeit übersteigt unsere Vorstellungen von ihr, denn sie steckt voller Möglichkeiten und Verheißungen, die ans Licht drängen. Deshalb gibt es inmitten dieser Übergangssituation und Krise unendlich viele Chancen. Für uns besteht die Herausforderung darin, ihnen Gestalt zu geben.
Hier treten die Visionäre, die Idealisten, die Propheten und die Theoretiker neuer Utopien auf den Plan. Ihre Vorstellungen sind zwar idealistisch, aber keineswegs in die Irre führend. Sie geben das wieder, was sein soll oder was wir tatsächlich brauchen. Doch es kommt darauf an, das, was sie sagen, angemessen zu verstehen. Es geht um Leitbilder und Landkarten, die uns auf unserer Suche Orientierung anbieten, uns zu klaren Entscheidungen verhelfen und ein neues Bewusstsein entstehen lassen.
Diese notwendigen Visionen vermitteln uns das Bewusstsein von der Besonderheit unserer historischen Situation. Unsere Wahrnehmung hat sich grundlegend verändert. Wir sind alle abhängig voneinander. Wir können nicht allein für uns leben und überleben, nicht ohne die Gemeinschaft des Lebens und die übrigen Kräfte des Universums. Das gemeinsame Geschick wurde globalisiert. Entweder wir gehen fürsorglich mit der Menschheit und dem Planeten Erde um, oder wir haben überhaupt keine Zukunft. Wir sind endgültig aneinander gebunden.
Bis heute konnten wir konsumieren, ohne uns um die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen zu kümmern. Wir konnten Trinkwasser benutzen, ohne uns dessen extreme Knappheit bewusst zu machen. Wir konnten Kinder haben, ohne an die Überbevölkerung zu denken. Wir konnten Kriege führen, ohne Angst vor einer Katastrophe haben zu müssen, die die gesamte Biosphäre und die Zukunft der Gattung Mensch betrifft. Heute können wir uns diese Naivität und Unbekümmertheit nicht mehr leisten. Wir müssen unsere Gewohnheiten ändern, damit wir nicht für schwerwiegende Krisen und beklagenswerte Katastrophen verantwortlich werden. Wir müssen uns ändern, und das ist die Bedingung für unser Überleben und die Erhaltung der Biosphäre.
Andererseits kann eine solche Gefahr sowohl eine totale Katastrophe als auch eine einzigartige Chance für die Menschen bedeuten. Wir sind dringend dazu aufgefordert, als Einzelne und als Gemeinschaft, die Verantwortung für die gemeinsame Zukunft der Menschheit und der Erde zu übernehmen, ein neues Paradigma für die Zivilisation zu erfinden. Wir müssen schöpferisch sein. Die Kreativität ist in unserem genetischen und kulturellen Code verankert, denn wir wurden als Schöpfer und Mitgestalter des Evolutionsprozesses geschaffen. Deshalb entfalten wir unsere Kreativität nur, wenn wir eher nach vorn als nach hinten schauen. Wir lernen aus der Vergangenheit, aber es ist uns nicht gestattet, sie zu wiederholen.
Dem Paradigma des Feindes und der Konfrontation müssen wir das Paradigma des Bündnispartners, des Gastes und des Tischgenossen entgegensetzen. Von der Konfrontation müssen wir zur Versöhnung gelangen, von der Versöhnung müssen wir zum Zusammenleben weiterschreiten, vom Zusammenleben zur Gemeinschaft und von der Gemeinschaft zur Tischgemeinschaft. Die Völker, die aus dem großen Exil zurückkehren, finden sich im selben Gemeinsamen Haus, auf dem Planeten Erde, wieder. Wie miteinander umgehen? Wie eine gemeinsame Zukunft aufbauen? Wie auf poetische und prosaische Weise dieselbe Welt bewohnen? Was ist die gemeinsame Basis, die das gegenseitige Verstehen und die Realisierung gemeinsamer globaler Ziele möglich macht?
Hier erweisen sich die Tugenden der Gastfreundschaft, des Zusammenlebens, der Toleranz und der Tischgemeinschaft, die wir bereits weiter oben ansprachen, als unverzichtbar. Die Praktizierung dieser Tugenden wird uns den Boden für eine hoffnungsvolle Zukunft für alle bereiten.
3. Der leidenschaftliche Ruf der Propheten und Visionäre
Es gab Propheten und Visionäre, die die Vorzeichen dieser Art von Globalisierung erkannt haben. Einer von ihnen ist ohne Zweifel Dom Hélder Câmara, der größte Prophet der Dritten Welt. Voller Mitleid und voller Entrüstung angesichts der arm gemachten Bevölkerungsmassen der Dritten Welt forderte er eine weltweite ethische Mobilisierung auf der Grundlage der Verwirklichung des Minimums an Gerechtigkeit und der natürlichen Großzügigkeit der Menschen, um eine Welt zu schaffen, in der nicht der Reichtum dominiert, der auf Kosten der Armen entstanden ist, sondern in der die Solidarität uneingeschränkt gedeihen kann und in der alle all das aktiv mitbestimmen können, was für alle wichtig ist, wo die gesellschaftliche Gerechtigkeit herrscht und die universale Geschwisterlichkeit gedeiht. Dieser Traum müsste von der Hölle der Armut aus, von den Söhnen und Töchtern des Chaos aus, in Angriff genommen werden, um dann alle am Aufbau des Himmels auf Erden zu beteiligen, der den Menschen möglich ist. Zu diesem Pantheon zählen Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Paulo Freire, Desmond Tutu, Nelson Mandela, Mutter Teresa von Kalkutta und Robert Müller.
Ein anderer Prophet und Visionär war ohne Zweifel Pierre Teilhard de Chardin (gest. 1955). Er beobachtete den Evolutionsprozess und die Tendenzen der gegenseitigen Verständigung zwischen den Völkern und ihres entsprechenden Bewusstseins. Noch in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts entdeckte er die Samenkörner der neuen Epoche, von ihm Noosphäre genannt. Ihm zufolge bewegen wir uns auf eine neue Phase der Geschichte der Erde und der Menschheit zu, in der es Möglichkeiten der Konvergenz von Verstand und Herz (das bedeutet das griechische Wort nous/noos) im Sinne einer größeren Harmonie innerhalb des einen großen Bogens einer einzigen Geschichte der Gattung Mensch unter dem Dach eines einzigen Gemeinsamen Hauses gibt.
In jüngerer Zeit träumte Robert Müller, der älteste Beamte der UNO und Gründer der Universität des Friedens in Costa Rica (deren Rektor er ist) von der „Geburt einer globalen Zivilisation“ (so lautet auch der Titel seines 1993 erschienenen Hauptwerkes) auf der Grundlage einer spirituellen und ökokosmischen Vision, einer Verschwisterung unter allen Völkern, die wie eine einzige Familie das Gemeinsame Haus, die Erde bewohnen. Nach dem Vorbild von Paulo Freire entwickelte er eine Pädagogik und ein Netzwerk von Schulen auf der ganzen Welt. Dieser Pädagogik zufolge beginnen die Erzieher und Schüler von Kindheit an auf das Universum, auf die Erde und den Menschen im Sinne von Globalisierung und Ökologie als Ausdruck eines gewaltigen Prozesses, der bereits 15 Milliarden Jahre in Gang ist, zu schauen.
Und in jüngster Zeit wurde nach Jahren intensiver Arbeit, an der sich eine Vielfalt von Völkern beteiligte, die (von der Unesco angenommene) Erdcharta formuliert, eines der wichtigsten Dokumente innerhalb des neuen Paradigmas der gegenseitigen Integration und Verbindung von allem mit allem. Ihr Ziel ist es, die notwendige Sorgfalt im Umgang mit dem Planeten und eine neue nachhaltige Lebensweise zu fördern.
Vor diesem Hintergrund wollen wir die Frage nach Gastfreundschaft, Zusammenleben, Toleranz und Tischgemeinschaft stellen. Entweder fühlen wir uns, wie es der Psalmist ausdrückt, als Gäste auf dieser Welt, gewähren uns deshalb gegenseitig Gastfreundschaft und lernen, wie Bundesgenossen, die ein gemeinsames Anliegen teilen, zusammenzuleben und am selben Tisch zu essen, oder wir können uns wie Feinde benehmen und verheerende Konflikte miteinander austragen, wie man sie auf Erden noch nicht erlebt hat.
Es wird eine Erde geben, die eine Vielfalt von Zivilisationen vereint, die bunt ist, weil sie alle möglichen kulturellen Werte, verschiedene Produktionsweisen, Gesellschaftsformen, unzählige Musikstile, unterschiedlichste kulinarische Geschmäcker und symbolische Ausdrucksformen, Religionen und spirituelle Wege kennt. Doch sie alle werden als legitime Ausdrucksformen des Menschseins akzeptiert und innerhalb der großen Konföderation von Stämmen und Völkern der Erde ihre Berechtigung haben.
Deshalb müssen wir kreativ sein, nach vorne schauen und aufmerksam auf alle Zeichen achten, die auf einen glücklichen Ausgang unseres gefährlichen Übergangs verweisen, und eine Atmosphäre des Wohlwollens und der geschwisterlichen Verbundenheit schaffen, die uns ein bescheidenes Maß an Lebensglück auf diesem kleinen Planeten ermöglicht, eines Planeten, der in einem abgelegenen Winkel einer mittelgroßen Galaxie innerhalb eines Sonnensystems, das nur einen winzigen Bruchteil ihrer Größe hat, verborgen liegt, der aber unter dem Regenbogen des guten Willens des Menschen und der göttlichen Güte steht.
Unser Traum findet seine Bestätigung in den erleuchteten Worten des Präsidenten der tschechischen Republik, Václav Havel, eines Schriftstellers und Menschenrechtsaktivisten, die er in Philadelphia anlässlich der Verleihung der Freiheitsmedaille gesprochen hat: „Die zentrale politische Aufgabe der nächsten Jahre ist die Schaffung eines neuen Modells des Zusammenlebens der verschiedenen Kulturen, Völker, Ethnien und Religionen, die alle eine einzige Zivilisation in gegenseitiger Verknüpfung bilden.“ Diese Zivilisation wird ohne die Tugenden der Gastfreundschaft, des Zusammenlebens, der Toleranz und der Tischgemeinschaft nicht entstehen.
Diese Tugenden könnten nach und nach eine gemeinsame Basis für eine einige Zivilisation schaffen, die Zivilisation der Gattung Mensch. Es wird weiterhin unzählige Unterschiede in ihrem Inneren geben, doch alle werden sie auf dem von allen geteilten Konsens aufruhen, sich gegenseitig jederzeit als Menschheit zu behandeln, mit den Geschwistern friedlich zusammenzuleben, mit der Erde fürsorglich umzugehen und die Integrität und Schönheit der Natur zu bewahren, das Notwendige für alle zu garantieren und die Bedingungen dafür zu schaffen, dass sich alle menschlich und spirituell immer mehr entwickeln können.
So wird sich die Flamme in lohendes Feuer verwandeln, das sein Licht ausstrahlt und Wärme spendet.
II. Die Rückkehr aus der großen Zerstreuung
Der zentrale Kern der neuen Phase der Geschichte ist die unauflösliche Einheit von Erde und Menschheit. Um diese Einheit zu begreifen, kommt es darauf an, die Erde neu zu entdecken, unsere gemeinsamen Wurzeln – kosmische, planetarische, biologische, anthropologische, soziale und spirituelle – zu identifizieren. Es sind Wurzeln, die im Reden und Handeln der vorgeblichen Lenker der heutigen Welt in Vergessenheit geraten sind. Ihr Reden und Tun dreht sich nur um Macht, die als Beherrschung der Anderen und der Natur ausgeübt wird. Sie sind die Geiseln einer Art von reduktionistischem und verarmtem Verständnis vom Menschen, von der Kultur, der Produktionsweise und dem Verhältnis zur Natur.
Unsere wirkliche Lage stellt sich folgendermaßen dar: Ob wir wollen oder nicht, wir sind Teil eines universalen Prozesses, der schon viele Milliarden Jahre im Gange ist. Die aktuelle Globalisierung hat ihre Grundlagen in dieser vorgängigen Dynamik, in der wir uns alle entwickeln: Universum, Erde und Menschheit. Wir sind und waren niemals einander entgegengesetzt. Wir waren immer miteinander verknüpft und bildeten einen einzigen, komplexen, in sich spannungsreichen und einander ergänzende Elemente in sich bergenden Organismus. Rufen wir uns die wichtigsten Schritte in Erinnerung, die den Weg aus der Vergangenheit bis in unsere Gegenwart markieren.
Alles hat seinen Ursprung in einem grundlegenden energetischen Zustand, der von den Quantenphysikern und zeitgenössischen Astronomen Quantenvakuum genannt wird. Dies ist ein Vakuum, das nichts mit Leere schlechthin zu tun hat. Es ist die Quelle von allem, was existiert. Denn es ist von einer ursprünglichen, geheimnisvollen und schöpferischen Energie geprägt. Deshalb nennen es einige vorzugsweise fruchtbares Vakuum, leere Fülle oder erfüllte Leere oder einfach ursprüngliche Quelle, aus der alles hervorgeht.
Plötzlich, ohne dass wir wissen, warum, dehnt sich dieser kleinste Punkt bis zur Größe eines Apfels aus. Und er explodiert mit einem unvorstellbaren Knall. Energien und Elementarteilchen werden nach allen Seiten hin geschleudert. Das ist der Urknall, der Big Bang, wie er sich vor etwa 15 Milliarden Jahren ereignet hat.
Nun beginnt der Prozess der Ausdehnung, wobei sich alle Faktoren in einem fein austarierten Gleichgewicht befinden. Wenn die Gravitation (Anziehungskraft) etwas stärker gewesen wäre, dann hätte sie die Ausdehnung verhindert, und es hätte eine Folge von Explosionen gegeben. Wenn sie etwas schwächer gewesen wäre, dann hätte sich alles verflüchtigt, ohne dass sich Körper mit einer bestimmten Dichte gebildet hätten, aus denen das Universum entstand. Unmittelbar nach der großen Explosion bildeten sich Gaswolken voller Elementarteilchen, besonders Wasserstoff und Helium, die einfachsten und häufigsten Elemente des Universums.
Dann verdichtete sich das Gas. Es entstanden die großen roten Sterne. Sie funktionierten wie riesige Atomreaktoren, die in ihrem Inneren im Laufe von Milliarden Jahren die 92 chemischen Elemente herstellten, aus denen das Universum bis hin zum Menschen selbst besteht, z. B. Silizium, Stickstoff, Kalium, Magnesium, Eisen, Phosphor, Uran und später Kohlenstoff.
Die atomaren Reaktionen im Inneren waren so heftig, dass sie diese Sterne zur Explosion brachten. Gott sei Dank passierte das, denn ohne die Selbstaufopferung dieser Sterne wären wir nicht hier und lebendig und könnten über diese Sache nicht sprechen. Materie breitete sich über das ganze Universum aus. Aus diesen Materialien – kosmischem Abfall, könnte man sagen – entstanden die Nebel, die Konglomerate von Galaxien, die Galaxien selbst wie etwa unsere Milchstraße, die Sterne wie die Sonne, die Planeten wie unsere Erde und unser körperliches Leben. Aber wie entstand nun genau die Erde, unser Gemeinsames Haus?
1. Ein Stern stirbt, und die Erde entsteht
Die Erde entstand nicht in dem fertigen Zustand, wie wir sie heute kennen. Sie hat eine Vorgeschichte von Millionen Jahren, bis sie zur Erde wurde, zum dritten Planeten der Sonne. Die Astronomen haben die Ereigniskette folgendermaßen rekonstruiert:
Zunächst war der „Großvater“ der Erde ein Stern, der vor fünf Milliarden Jahren zu einer Supernova wurde und explodierte. Eine Supernova ist ein Stern, dessen Glanz plötzlich unheimlich stark wird. Dies geht auf Explosionen in seinem Inneren zurück, die Teilchen herausschleudern und so einen Nebel und Sternentrümmer erzeugen. Die Wissenschaftler nennen diesen Stern Tiamat. Dies ist der Name jener Gottheit aus dem Mittleren Osten, aus deren Teilen dem Mythos zufolge Himmel und Erde entstanden. Dieser Vorfahr Tiamat starb also in einer großen Abschiedsvorstellung voller Glanz und Schönheit, und aus seinem Tod ging ein riesiger Nebel hervor. Elemente aus dem Inneren des Sterns breiteten sich im Raum aus und bildeten die Basis unserer Welt und unseres Lebens.
Diese Elemente waren bei den ersten Verdichtungsprozessen der Gase und Elementarteilchen ausgehend vom Higgs-Feld (das sind die ersten Kristallisationen von Energie in Form von Materieteilchen wie etwa den Top-Quarks) noch nicht vorhanden. Es war Tiamat, der sie in seinem Inneren erzeugte. Unter vielen anderen war auch Phosphor darunter, das Element, das die Photosynthese ermöglichte. Tiamat schleuderte Sauerstoff und Schwefel heraus, die zur Grundlage des Lebens gehören. Bei seinem Tod setzte er Kohlenstoff und Stickstoff frei. Beide Elemente sind grundlegend für die Verbindungen, die das Leben, den genetischen Code, das Gedächtnis und das Selbstbewusstsein formten. Ohne seine Selbstaufopferung in einer unvorstellbaren Explosion wäre nichts von der Geschichte unserer Intelligenz, Schöpferkraft, unserer Liebe und Ehrfurcht vor der Wirklichkeit entstanden.
Neben diesen ersten Elementen gingen aus Tiamat auch Bruchstücke hervor, aus denen sich die künftigen Planeten bildeten (Planetoiden). Sie sind von unterschiedlicher Größe: Ihr Radius kann von zehn Metern bis zu zweitausend Kilometern groß sein. Diese Planeten im Embryonalzustand befinden sich mitten im Nebel; sie stoßen aufeinander und bilden durch die Schwerkraft und die Rotation Anhäufungen. Während eines Zeitraums von einer Million Jahren hat sich der Nebel verdichtet, bis in seinem Zentrum plötzlich ein strahlender Stern, die Sonne, entstand. Nun beginnt eine neue Geschichte. Die Mutter oder – wenn man so will – der Vater der Erde betritt die Szene: Es ist ein Stern, die Sonne. Dank ihrer Gravitation organisierte die Sonne die Bewegung der Planetoiden in Umlaufbahnen um sie selbst. Die überaus heißen Sonnenstrahlen erhitzten uns und ließen die flüchtigen Elemente verdampfen. Dieser von den Solarwinden ausgehende Prozess führte zur Entstehung der größeren Planeten wie Jupiter, der massenreich genug war, um diese Gase um sich anzuhäufen. Im Laufe von hundert Millionen Jahren bildeten sich die übrigen Planeten als Ergebnis der zunehmenden Anhäufung (Aggregation) der Planetoiden. Zuerst entstand der Merkur, dann entstanden der Mars und die Venus. In der Folge ballten sich andere große Planetoiden zusammen. Aus ihnen entstand im Verlauf eines Prozesses, der noch einmal hundert Millionen Jahre dauerte, schließlich die Erde – unsere Erde, unser kosmisches Haus.
Die Erde stellt im Vergleich zu den übrigen Planeten des Sonnensystems eine Besonderheit dar. Sie weist optimale Bedingungen dafür auf, das zu sein, was sie heute ist. Sie hat einen idealen Abstand zur Sonne, der es ihr ermöglicht, viele flüchtige chemische Elemente festzuhalten und zu bewahren und zu verhindern, dass das Wasser verdampft. Wenn sie, wie die Venus, der Sonne sehr nahe wäre, dann hätten sie die Solarwinde verbrannt. Wenn sie, wie der Jupiter und der Saturn, sehr weit entfernt von der Sonne wäre, dann würde sie im Wesentlichen aus Gasen wie Wasserstoff und Helium bestehen. Es gäbe nicht die für die Bildung einer Atmosphäre, der Ozeane, der Flüsse und schließlich des Lebens notwendige Dichte von physikalisch-chemischen Elementen. Aber um so weit zu kommen, machte die Erde dramatische Entwicklungen durch. 800 Millionen Jahre lang blieb ihre Oberfläche aufgrund der immensen Hitze, die auf ihren stellaren Ursprung zurückging, aber auch aufgrund des Einflusses von Asteroiden und Meteoriten in einem Schmelzzustand. Als sich die Erdkruste abkühlte, entwickelten sich dank dem richtigen Abstand zur Sonne die Bedingungen, die einen herrlichen Garten entstehen ließen – die behagliche Wiege für das Leben in seiner immensen Vielfalt.
Das Leben ist ein Bestandteil der Evolution des Kosmos, und es fügt sich in die Gesetzmäßigkeiten der Physik und Chemie ein. Wenn es dieses Gleichgewicht der Gravitation, von der wir weiter oben bereits sprachen, nicht gegeben hätte und die Gesetze der Physik und Chemie nur ein wenig anders wären, hätte diese Form von Leben niemals entstehen können. Computersimulationen sprechen für die Wahrscheinlichkeit, dass das Leben spontan entsteht, wenn eine gewisse Anhäufung von Aminosäuren, Proteinen und phosphorisierten Basen ein gewisses Maß an Interaktion und einen gewissen Grad an Komplexität erreicht.
Sobald nun das Leben entstanden war, schuf es die am besten geeigneten Bedingungen für seine Entwicklung. So können wir entsprechend der Gaia-Hypothese von James Lovelock sagen, dass die Biosphäre eine Schöpfung des Lebens selbst ist. Das Leben entwickelte sich vorwärts, es erreichte immer höhere Stufen der Komplexität, und so brach innerhalb unserer Galaxie, innerhalb unseres Sonnensystems und auf unserem Planeten Erde das Leben als menschliches, mit Bewusstsein ausgestattetes, zur Liebe, Fürsorge, Synergie und Wahrnehmung Gottes fähiges Leben hervor.
Vor 4,44 Milliarden Jahren bildete sich die Erde als ein ganzer Körper mit den Ausmaßen von heute: mit einem Radius von 6400 Kilometern und einem Umfang von 40.000 Kilometern. Ihr Aufbau weist eine Reihe von Schichten auf, die in konzentrischen Kreisen angeordnet sind. Die äußere Schicht bildet die Atmosphäre; sie ist dünn und voller Gase. Auf der Oberfläche stoßen wir auf die Hydrosphäre, die von den Ozeanen, Meeren und kontinentalen Flüssen gebildet wird. Dann folgen die oberen Erdschichten, die aus der kontinentalen und ozeanischen Erdkruste gebildet werden. Dann kommt der Erdmantel, der 70 % des Gesamtvolumens der Erde ausmacht. 2900 Kilometer unter uns beginnt der Erdkern, der hauptsächlich aus flüssigem Eisen und festem Nickel besteht.
Im Lauf ihrer gesamten langen Geschichte war die Erde geologisch sehr aktiv. Von Zeit zu Zeit brachen Vulkane aus, oder die Erde war Meteoriteneinschlägen ausgesetzt, die riesige Krater hinterließen, die ihr aber auch beträchtliche Mengen an Wasser und an Metallen lieferten, und einige meinen auch, dass auf sie die Basismoleküle zurückgehen, aus denen sich das Leben formte.
2. Bruchstücke vereinigen und trennen sich
Die Geologen und Paläontologen sagen uns, dass es während der Epoche des Archaikums, die von der Entstehung der Erde vor 4,44 Milliarden Jahren 2,7 Milliarden Jahre dauerte, noch keine Kontinente gab. Wasser bedeckte den gesamten Erdball, und aus ihm tauchten immer wieder riesige Vulkaninseln auf.
Nach etwa 3,8 Milliarden Jahren tauchten große Landflächen auf, da und dort verstreut und immer in Bewegung. Sie vereinigten sich, was immer mit großen Reibungen, Seebeben und Verheerungen verbunden war, so dass sich eine Milliarde Jahre später bereits die Kontinente bildeten. Sie trieben auf einer Basaltschicht und veränderten ihre Lage, bis sie sich zu einem einzigen großen Kontinent vereinigten, der Pangäa genannt wird. Fünfzig Millionen Jahre lang bewegte sich dieser Urkontinent über den Erdball. Millionen Jahre später spaltete sich Pangäa in Bruchstücke auf, und langsam entstanden die Kontinente, wie wir sie heute kennen.
Unter ihnen sind die tektonischen Platten ständig aktiv; sie stoßen aufeinander (und erzeugen so die Gebirge), sie überlagern sich oder rücken voneinander ab – diese Bewegung nennt man Kontinentalverschiebung oder Kontinentaldrift. Immer, wenn sie aufeinanderstoßen, erzeugen sie ungeheure Katastrophen (Kataklysmen), wie es vor 245 Millionen Jahren der Fall war, als Pangäa auseinanderbrach. Dieses Ereignis war so verheerend, dass 75 – 99 % der damals existierenden Lebewesen vernichtet wurden.
Die Erde erlebte fünfzehn große massenhafte Auslöschungen von Leben. Zwei davon zeichnen sich dadurch aus, dass sie zu einer völligen Neuorganisation der Ökosysteme auf dem Land und im Wasser führten.
Die erste ist die oben bereits erwähnte. Die zweite geschah vor 65 Millionen Jahren. Ihre Ursachen waren Klimaveränderungen, Veränderungen des Meeresspiegels und der Einschlag eines Meteoriten von 9,6 km Durchmesser in Zentralamerika. Er löste infernalische Brände und ungeheure Seebeben aus, produzierte viele giftige Gase und verursachte eine lang andauernde Verdunkelung des Sonnenlichts. Pflanzen und Tiere, die von ihm lebten, starben. Die Dinosaurier, die 130 Millionen Jahre lang die Erde unangefochten beherrscht hatten, verschwanden völlig, genauso wie insgesamt die Hälfte aller lebendigen Arten. Die Erde brauchte zehn Millionen Jahre, um sich in ihrer unüberschaubaren Vielfalt der Arten zu erholen.
Geologen und Biologen behaupten, dass nun eine dritte große Dezimierung im Gange ist. Sie begann vor 2,5 Millionen Jahren, als ausgedehnte Eisflächen einen Teil des Planeten zu bedecken begannen. Genau zu dieser Zeit tauchte auch der homo habilis auf, der den Werkzeuggebrauch erfand (ein Stein, ein Stück Holz), um effizienter in das Naturgeschehen einzugreifen. Später, als er sich schon zum homo sapiens sapiens entwickelt hatte, legte er eine solche Zerstörungskraft an den Tag, dass man ihn mit einem Meteoriten vergleichen könnte. Heutzutage hat er um eines unverantwortlichen Konsums willen und ohne jede Rücksicht eine Praxis des systematischen Raubbaus an den Ökosystemen etabliert. Als Konsequenz davon setzt sich der Prozess der massenhaften Auslöschung von Arten beschleunigt fort, in einem Tempo, das die Natur selbst bei Weitem übertrifft.
Wir sind also von Kräften abhängig, die wir nicht kontrollieren können und die unsere Gattung vernichten können, so wie sie so viele vor uns ausgelöscht haben. Das Leben selbst hingegen wurde niemals vernichtet. Nach jeder Auslöschung kam es zu einer Neuentstehung. Da die Intelligenz zuerst im Universum vorhanden ist und erst dann in uns, können wir annehmen, dass sie in anderen Lebewesen fortleben wird – Lebewesen, die hoffentlich ein besseres Verhalten an den Tag legen als wir. Peter Ward, der Geologe von der Universität Washington, hat bereits festgestellt: „Was spricht dagegen, dass einige Arten, die heute unbedeutend sind, zu Vorläufern irgendeiner großen Intelligenz werden, die Größeres vollbringt und mehr Weisheit und Weitsicht an den Tag legt als wir? Wer hätte es denn vorhergesehen, dass die kleinen auf Bäumen lebenden Säugetiere, die vor 75 Millionen Jahren vor den Dinosauriern aus Furcht zitterten, eines Tages uns hervorbringen würden?“ (Ward, 289). Hier liegt ein Grund dafür, warum wir alle Arten erhalten sollten: nicht, weil sie wirtschaftlich, medizinisch und wissenschaftlich für uns wertvoll sind, sondern wegen ihres evolutiven Potentials, das sie möglicherweise enthalten. Die Zukunft der Intelligenz und des Bewusstseins kann anfanghaft in ihnen vorhanden sein.
Schließlich haben wir hier unsere bereits zur Reife gelangte Erde vor uns, wie wir sie heute kennen – mit ihren Ozeanen, Flüssen, Vulkanen, ihrer Atmosphäre, ihrer Flora und Fauna und der immensen Artenvielfalt. Die verschiedenen Elemente, Felsen, Berge, Wasser, Pflanzen, Tiere, Menschen und Mikroorganismen sind hier nicht – wie wir bereits sagten – einander entgegengesetzt, sondern sie sind miteinander verbunden und voneinander abhängig, sodass sie gemeinsam ein höchst komplexes lebendiges System bilden. Es ist das System Gaia, die Erde als lebendiger Superorganismus, das mit einem so fein austarierten Gleichgewicht der einzelnen Elemente ausgestattet ist – des Sauerstoffs in der Luft, des Stickstoffs in den Böden, des Salzes in den Ozeanen –, wie es nur einem lebendigen Wesen zugesprochen werden kann. Innerhalb dieses komplexen und sich vorwärtsentwickelnden Prozesses ist das Leben das spektakulärste Phänomen auf unserem Planeten.
3. Das schönste Kind: das Leben
Bis vor einiger Zeit hat man sich das Leben als etwas außerhalb des Entstehungsprozesses des Kosmos vorgestellt, als etwas Mirakulöses, das direkt von Gott kommt. Doch seit 1950, als man den genetischen Code entdeckte, wie er in der DNA von Zellen lebendiger Organismen vorhanden ist, änderte sich unsere Auffassung von der Entstehung des Lebens radikal. Es befindet sich nicht außerhalb des universalen Prozesses der Entstehung des Kosmos. Ganz im Gegenteil, es ist seine höchste Ausdrucksform. Die Forschung hat gezeigt, dass das Leben aus denselben physikalisch-chemischen Elementen besteht wie alle anderen Entitäten des Universums; sie organisieren sich in hochkomplexen Beziehungen zueinander. Alle lebenden Organismen verfügen über dasselbe grundlegende Alphabet: zwanzig Aminosäuren und vier in den „Nukleotiden“ enthaltenen Basen als Grundstoffe: Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin. Wir alle sind Brüder und Schwestern, Cousins und Cousinen. Wir unterscheiden uns jedoch durch unterschiedliche Silbenkombinationen dieses lebendigen Alphabets.
Zu Beginn der 1970er-Jahre begriff man im Zuge der thermodynamischen und physikalischen Chaosforschung (wir erinnern an dieser Stelle nur an einen bedeutenden Wissenschaftler dieser Richtung, an den im Jahr 2003 verstorbenen russisch-belgischen Wissenschaftler Ilya Prigogine), dass das Leben auf einer sehr hohen Komplexitätsstufe der Materie und im Zusammenhang mit Turbulenzen und chaotischen Verhältnissen der Erde selbst entsteht. Das Chaos ist niemals nur chaotisch. Von Anfang an erweist es sich als produktiv. Das Leben ist eine Ausdrucksform dieser Organisation des Chaos. Es stellt die Selbstorganisation der Materie dar, wenn diese sich in einem Zustand außerhalb ihres Gleichgewichts befindet. Durch das Leben überwindet die Materie das Chaos, findet zu einem neuen dynamischen, sich selbst organisierenden und sich selbst regenerierenden Gleichgewicht. Sobald ein bestimmter Grad an Komplexität erreicht ist, entsteht das Leben als kosmischer Imperativ. Dies geschieht überall im Universum, wo diese Komplexitätsstufe erreicht ist. Das Leben ist die schönste uns bekannte Kreatur des Universums, das entzückendste Kind, das die Evolution jemals hervorgebracht hat, es ist stark und zärtlich zugleich, zerbrechlich und dennoch bis heute unzerstörbar.
Es geschah vor ungefähr 3,8 Millionen Jahren, möglicherweise in den Tiefen eines Urozeans oder in einem der alten Sümpfe auf diesem winzigen Planeten Erde innerhalb eines Sonnensystems von nur einem winzigen Bruchteil der Größe in einem Winkel der Galaxie (29.000 Lichtjahre von seinem Zentrum entfernt, im Inneren des Orion-Spiralnebels): Die erste lebendige Zelle brach hervor, ein Urbakterium, das Aries genannt wurde. Es ist die Mutter aller Lebenden, die wahre Eva, denn von ihm ausgehend entwickelten sich alle Lebewesen, auch die Menschen.
Mit dem Entstehen dieses Neuen beginnt ein äußerst intensiver Dialog zwischen dem Leben, der Sonne, der Erde mit all ihren Elementen und mit dem ganzen Universum. Die Erde arbeitet ebenso mit dem Leben zusammen wie umgekehrt. Wie James Lovelock mit seiner Gaia-Theorie aufzeigte, ist die Atmosphäre zum großen Teil eine Schöpfung des Lebens selbst, das sich die geeigneten Bedingungen dafür schuf, dass sich sein Umfeld reproduzieren und erweitern kann. Langsam hörte die Erde auf, Erde zu sein, und wurde zu Gaia. James Lovelock definiert sie folgendermaßen:
„Gaia ist ein evolvierendes System, bestehend aus allem Lebendigen und seiner Oberflächenumwelt, den Meeren, der Atmosphäre, dem Krustengestein . . . ein System, das aus der gemeinsamen und wechselseitigen Evolution der Organismen und ihrer Umwelt im Laufe der Entwicklungszeitalter des Lebens auf der Erde hervorgegangen ist. In diesem System geschieht die Regulation von Klima und chemischer Zusammensetzung völlig selbsttätig. Die Selbstregulation bildet sich mit der Evolution des Systems heraus . . . Das Leben oder die Biosphäre regelt oder stabilisiert das Klima und die Zusammensetzung der Atmosphäre so, wie sie für den eigenen Bestand optimal sind.“ (Lovelock 1991, 11).
Ausgehend von den Studien des deutschen Physikers Winfried Otto Schumann stellte man auch fest, dass die Erde von einem komplexen System elektromagnetischer Wellen umgeben ist. Es entsteht aus der Interaktion zwischen der Sonne, der Erde (ihren Böden, dem Magma, den Gewässern, den Ökosystemen) und dem unteren Teil der Ionosphäre in etwa 55 km Höhe. Sie produziert – von einigen Abweichungen abgesehen – eine mehr oder weniger konstante Resonanz von 7,8 Hertz, die auch Schumann-Resonanz genannt wird. Dies entspricht der Frequenz, die vom Gehirn von Säugetieren, auch des Menschen, ausgeht. Es ist, als würde der Herzschlag der Erde als Schrittmacher alle Verhältnisse ins Gleichgewicht bringen, die das Leben aufrechterhält. Dieses Gleichgewicht ist von grundlegender Bedeutung für die Meteorologie, für die Folge der Jahreszeiten, das Leben der Vulkane, den Rhythmus der Ozeane und die Bewegung der tektonischen Platten. Es gibt nicht wenige Wissenschaftler, die in Übereinstimmung mit diesen Tatsachen behaupten, dass das Gleichgewicht der Herztätigkeit und das emotionale Gleichgewicht der Lebewesen, besonders der Menschen, von der Schumann-Resonanz abhängig wäre. Wir haben es hier jedenfalls mit einem Hinweis mehr darauf zu tun, dass die Erde tatsächlich einen lebenden Gesamtorganismus bildet: Gaia. Doch zu Beginn der 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts passierte es, dass sich dieser Rhythmus änderte. Von 7,8 Hertz beschleunigte er sich auf 11 und bis zu 13 Hertz. Das Herz der Erde begann zu rasen. Möglicherweise ist die Veränderung der Magnetresonanz eine der Ursachen für Naturkatastrophen, Klimaveränderungen, ja sogar der Zunahme von gesellschaftlichen Konflikten auf der ganzen Welt.
Innerhalb von mehr als drei Milliarden Jahren brachte die Erde eine riesige Vielzahl von Viren, Bakterien, Protozoen, Pilzen, Pflanzen und Tieren hervor. Aufgrund der zahlreichen Krisen, die sie durchmachte und die zu Massenvernichtungen führten, verschwand der größere Teil dieser Arten wieder. Vielleicht blieb nur 1 % erhalten. Und selbst das ist noch viel. Man schätzt, dass es 5000 Arten von Bakterien, 100.000 Arten von Pilzen, 300.000 verschiedene Baumarten und 850.000 verschiedene Arten von Insekten gibt. Niemand weiß das genau. Die Biologen vermuten 30 Millionen verschiedener Arten insgesamt.
Mit dem Auftreten des Menschen nach dem Verschwinden der Dinosaurier gab es eine Vermehrung der Arten wie niemals zuvor in der Evolutionsgeschichte. Die Erde glich tatsächlich einem Paradies und einer wunderbaren Wiege. Plötzlich, ohne dass wir wissen, warum, wurde der Planet, der durch das Chlorophyll völlig grün war, bunt. Ein Frühling voller bunter Blüten brach herein.
Genau zu diesem Zeitpunkt erschien auf der Welt das komplexeste, das zerbrechlichste, das am stärksten auf andere bezogene und deshalb das Lebewesen, das mit der größten Fähigkeit zu widerstehen ausgestattet ist: der Mensch, Mann und Frau. Niemand fasste dieses Wunder des Universums besser in Worte als die alte Weisheit der Mayas, eines der Ursprungsvölker Mexikos: „Dass es hell werde, dass das Morgenrot erstrahle im Himmel und auf Erden! Es wird weder Ruhm noch Größe geben, bis die menschliche Kreatur, der gestaltete Mensch ins Leben tritt.“ (Popol Vuh)
4. Die Trockenheit: Geburtsstätte des Menschen
Gleichsam als ein Unterkapitel des Lebens tauchten vor etwa 75 Millionen Jahren, als Nordamerika, Grönland und Europa noch einen einzigen Kontinent bildeten, die ersten Affen auf, entfernte Vorfahren des Menschen. Diese kleinen Tiere, die etwa so groß waren wie Ratten, ernährten sich von Blütenpflanzen, und nicht mehr nur von Insekten wie ihre Vorfahren. Da sie die Bäume hinauf- und hinunterklettern mussten, entwickelten sie die oberen Gliedmaßen. Die Pfote wies einen Finger auf, der in Opposition zu den anderen stand (den Daumen), was es diesen Tieren ermöglichte, etwas zu ergreifen, zum Beispiel eine Frucht oder einen Stein.
Als sich diese Affen weiterentwickelten, tauchten vor etwa 35 Millionen Jahren die ersten Primaten auf, die gemeinsamen Vorfahren der Menschen und der großen Menschenaffen. Sie sind immer noch recht klein und haben etwa die Größe einer Katze. Sie lebten isoliert in Afrika, wo sie sich den klimatischen Veränderungen – zum einen der großen Trockenheit und zum anderen den vermehrten Niederschlägen und der Ausdehnung der Wälder – anpassten.
Diese Primaten entwickelten sich und wurden größer. Es tauchten die großen afrikanischen Affen auf, die Schimpansen und Gorillas. Vor etwa 7 Millionen Jahren vollzog sich eine Aufspaltung von entscheidender Konsequenz: Auf der einen Seite gab es weiterhin die Schimpansen (sie haben mit uns 99 % der Gene gemeinsam), und auf der anderen Seite entstand der Australopithecus, ein Primat auf dem Weg zur Menschwerdung. Diese Aufspaltung verdankt sich einem geologischen Unfall. Das Gebiet des heutigen ostafrikanischen Grabensystems (Great Rift Valley) stürzte ein: Es entstand ein riesiger Spalt von 6000 Kilometern. Auf der einen Seite befanden sich die tropischen Regenwälder, die gut bewässert waren und wo die höheren Primaten einen angenehmen Lebensraum hatten. Auf der anderen Seite regierten die Trockenheit und die Savanne, und dort befand sich der Australopithecus.
Diese Veränderung der Umwelt bewirkte zwei Evolutionstypen. Im Regenwald existierten nach wie vor die Primaten, Gorillas und Schimpansen. Sie mussten sich kaum anpassen, denn sie lebten in ihrer Umwelt in einer biologischen Siesta. Die anderen waren zur Trockenheit verdammt und mussten Fertigkeiten für das Überleben entwickeln. Sie bedurften der Intelligenz und der Strategie. Die biologische Basis ihrer Arterhaltung war ein höher entwickeltes Gehirn. Sie gingen auf ihren Füßen, um weiter sehen zu können, und sie zwangen sich, alles zu essen, was sich ihnen darbot (sie sind Allesfresser). Wie man aus den Knochen von Lucy, einer jungen Frau, die 1974 in Äthiopien entdeckt wurde, ersehen kann, wiesen sie bereits vor drei bis vier Millionen Jahren die Merkmale der Humanoiden auf.
Im Verlauf der Evolution fand ein in höchstem Maß beschleunigter Prozess der Entwicklung des Gehirns statt. Ab einem Zeitpunkt von vor 2,2 Millionen Jahren tauchten nach und nach der homo habilis, erectus und sapiens auf, der bereits in vollem Sinne Mensch war. Es handelte sich um soziale Lebewesen, die sich kooperativ verhielten und sprachen. Wenn sie jagten, aßen sie die Beute nie allein, sondern teilten sie mit Ihresgleichen. Im Verlauf von einer Million Jahren verdoppelte sich die Gehirnmasse dieser drei Menschentypen. In den darauf folgenden eine Million Jahren, in denen der homo sapiens herrschte, wuchs das Gehirn nicht mehr. Das war nicht mehr nötig, denn es wuchs das äußere Gehirn, die künstliche Intelligenz, das heißt die Fähigkeit, zu wissen, Werkzeuge und Kunstgegenstände herzustellen, die Welt zu verändern und Kultur zu schaffen: Dieses Merkmal zeichnet einzig und allein den homo sapiens aus. Er besitzt kein spezialisiertes Organ. Er muss den Austausch mit der Natur vollziehen und in diese eingreifen, um sein Überleben zu gewährleisten. Er verlängert seine Sinne mit Hilfe von Techniken, selbst wenn es sich um die rudimentärste handelt, und auf diese Weise entsteht die Sphäre der Kultur. Die Kultur ist das Ergebnis der Aktivität des Menschen in Bezug auf die Natur und in Bezug auf sich selbst, entweder, indem er sich ihr anpasst, oder, indem er die Natur seinen Bedürfnissen entsprechend gestaltet. Dies vollzieht sich immer in einem spannungsreichen Dialog, der nicht immer ausgewogen ist.
5. Die Zerstreuung der Menschen und die Entstehung der Zivilisationen
Kaum waren die Menschen aus der Evolutionsgeschichte hervorgegangen, begann ihre Zerstreuung. Von Afrika aus breiteten sie sich über Eurasien, in den Orient und nach Amerika aus und kamen schließlich nach Ozeanien und Polynesien. Zu Ende der Altsteinzeit vor etwa 40.000 Jahren bewohnten sie bereits den gesamten Planeten. Die Bevölkerung erreichte eine Größe von einer Million Menschen.
In der Jungsteinzeit, zwischen 10.000 und 5000 v. Chr., fand die Revolution des Ackerbaus statt, eine der größten Umwälzungen in der Geschichte der Menschheit. Die Menschen zähmten Tiere, züchteten Saatgut, führten Bewässerungen durch und schufen die ersten Siedlungen. Zu dieser Zeit gab es etwa fünf bis zehn Millionen Menschen auf dem Planeten.
Seit etwa 3500 v. Chr. entstanden die großen klassischen Zivilisationen der Sumerer in Mesopotamien und zur gleichen Zeit am Nil in Ägypten und der Hindus in Indien. Es entstanden die Kulturen Chinas, der Olmeken und Tolteken in Mittelamerika, der Griechen und Römer in Europa und viele andere. Um 1500 v. Chr., als diese Periode zu einem Abschluss kam, gab es 500 bis 600 Millionen Menschen auf der Welt.
Ab dem 15. Jahrhundert unserer Zeitrechnung bildeten sich die modernen Nationalstaaten, die mittels Grenzen voneinander getrennt sind und sich häufig bekriegen. Es beginnt die industrielle Revolution, die das Verhältnis des Menschen zur Natur veränderte, denn nun unterwirft er sie seinen Interessen ohne Rücksicht auf den Eigenwert der unterschiedlichen Lebewesen und deren Verhältnis zueinander. Die industrielle Revolution findet ihren Höhepunkt in der Informationsgesellschaft mit ihrer technischen Durchdringung der gesellschaftlichen Beziehungen, mit der atomaren und kybernetischen Revolution und mit der Eroberung des Weltraums zur Erforschung unseres Sonnensystems und der Weiten des Kosmos.
In dieser Phase brachte der Mensch das Prinzip der Selbstzerstörung hervor. Er erweist sich nicht nur als homo sapiens sapiens. Er kommt einem ebenso wie ein demens demens vor. Er besitzt bereits 83 % der Erdoberfläche, bedroht alle Gleichgewichte und alle Arten und führt sich in einigen Fällen wie der Satan des Lebens auf. Er verschaffte sich die Mittel, um die Biosphäre schwer zu verletzen und sich selbst zu zerstören.
Zur gleichen Zeit aber setzt er dieser Unvernunft das Prinzip der Fürsorge, der Mitverantwortlichkeit und des Mitleids entgegen. Mit Hilfe dieser Qualitäten nimmt er sein eigenes Geschick, das mit dem der Erde untrennbar verbunden ist, in einer Perspektive der Selbstbeschränkung und der Kontrolle der Zerstörungsmechanismen an. Vom möglichen Satan der Erde verwandelt er sich in deren Schutzengel, einem dem Leben gegenüber guten und wohltuenden Engel. Seine Aufgabe ist es, der Hüter der Natur und der Gärtner des irdischen Paradiesgartens Eden zu sein.
Zum Schluss dieses Abschnittes möchten wir folgende Grunddaten festhalten:
Der Evolutionsprozess ist ein dynamisches, organisches, sich in Gegensätzen vollziehendes (mit Ordnung und Unordnung) und aus sich ergänzenden Elementen bestehendes Ganzes, und der Mensch ist ein Teil davon. Es dauerte 15 Milliarden Jahre, bis schließlich der Mensch (als Mann und Frau) entstand. Vermittels des Menschen, seines Gehirns, seines Auges, seines Denkens, seiner Schwingung, seiner Spiritualität und seiner Ehrfurcht sieht sich das Universum selbst, bewundert es seine strahlende Schönheit, liebt es seine eigene Wirklichkeit und verehrt es das Mysterium, das es in sich birgt und zugleich offenbart. Der Mensch als ein Teil des Ganzen macht es möglich, dass das Ganze zum reflexiven Bewusstsein seiner selbst und zu seiner wesenhaften Liebe gelangt. Er entstammt der Erde, dem fruchtbaren Humus. Deshalb nennt er sich Homo/Mensch. Doch sein Horizont übersteigt die Erde, denn er ist auf die Sterne hin ausgerichtet, von wo er herkommt und wohin er stets zurückkehren will.
6. Die Rückkehr aus dem Exil: die Globalisierung
Trotz ihrer irdischen Verwurzelung in ihren jeweiligen Kulturen und Nationalstaaten unternahmen die Menschen unablässig Expeditionen über den gesamten Planeten. Und mit ihnen zogen ihre Bazillen, ihre Krankheiten, ihr Saatgut, ihre Tiere, ihre Bräuche und Weltanschauungen. Unter den Menschen fand immer eine große Vermischung statt. Es gibt keine Rassen, schon gar keine reinen Rassen. Die Gene jeglicher Herkunft vermischten sich, ohne zu verschmelzen. Alle Menschen sind Mischlinge. Dies ist das ständige Ferment einer Globalisierung, wie sie immer stattfindet.
a) Das Eisenzeitalter der Globalisierung
Doch von 1492 an begann ausgehend vom Westen ein überaus großer Expansionsprozess. Columbus (1492) brachte den Europäern Kenntnis von der Existenz anderer bewohnter Kontinente mit völlig anderen Kulturen. Fernaõ de Magalhães trat den Beweis dafür an, dass die Erde tatsächlich rund ist und dass jeder beliebige Ort von jedem beliebigen anderen Ort aus erreicht werden kann. Die Hegemonialmächte des 16. Jahrhunderts, Spanien und Portugal, entwickelten zum ersten Mal ein Projekt von weltweiter Dimension. Sie streckten sich nach Afrika, Asien und Amerika aus. Sie verwestlichten die Welt.
Dieser Prozess fand seine Fortsetzung im 19. Jahrhundert mit dem westlichen Kolonialismus, der mit Feuer und Schwert die gesamte bekannte Welt den kulturellen, religiösen und vor allem kommerziellen Interessen der Kolonialmächte unterwarf. Dies alles wurde unter extremer Gewaltausübung und unter Verbreitung von Terror unter den unterlegenen Völkern vorangetrieben. Das Gewehr und die Kanone sprachen lauter als Vernunft und Religion. Der europäische Westen erwies sich als die Hyäne der Völker. Wir, die wir im äußersten Westen leben, sind schon in einer globalisierten Welt geboren und wissen aus eigener Erfahrung, was Globalisierung bedeutet, die als Globokolonialisierung empfunden und erlitten wird.
Dieser Prozess erreichte seinen Höhepunkt in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit der hegemonialen Ausbreitung der USA. Technik und Wissenschaft, die so viele Erleichterungen mit sich brachten, werden nun als Instrument der Beherrschung und Bereicherung eingesetzt. Die transnationalen Konzerne kontrollieren die nationalen Märkte. Eine westliche Einheitskultur löst die regionalen Kulturen auf. Eine einzige Produktionsweise, nämlich die kapitalistische, gewinnt die Oberhand. Ihre Grundlage ist das Konkurrenzprinzip, und so zerstört sie die gesellschaftlichen Bindungen und die Formen der Kooperation. Das einzig gültige, neoliberale Denken breitet sich über alle Teile der Welt aus. Das Schlimmste daran ist, dass aus der Erde eine Handelsbank gemacht wird, die alles zur Ware macht. Metalle, Pflanzen, Saatgut, Wasser, Gene – alles wird verkauft und zu etwas gemacht, aus dem man Profit schlagen kann. Die Eigenständigkeit und Subjektivität Gaias wird nicht respektiert. Unsere eigenen irdischen Wurzeln und unser Ursprung werden verleugnet, denn als Menschen kommen wir aus der Erde, aus dem Humus, der fruchtbaren Erde. Als Söhne und Töchter Adams (der Name Adam bedeutet Sohn der Erde) entstammen wir dem fruchtbaren Ackerboden (auf hebräisch adamah).
Dies ist das Eisenzeitalter der Globalisierung, das wir auch nach dem Tyrannosaurus benennen können. Wir bezeichnen es als solches, weil es in seiner Vernichtungstendenz eine Analogie zum Tyrannosaurus aufweist, dem gefräßigsten aller Dinosaurier. Tatsächlich prägt die Wettbewerbslogik des Marktes ohne jede Spur von Kooperation dem herrschenden Globalisierungsprozess den Stempel der Gnadenlosigkeit auf. Sie grenzt etwa die Hälfte der Menschheit aus. Sie saugt das Blut der Ökonomien der schwachen und rückständigen Länder aus und gibt Abermillionen von Menschen dem Hunger und der Kraftlosigkeit preis. Sie richtet ökologischen Schaden in solchem Maße an, dass sie die Biosphäre gefährdet, denn sie verschmutzt die Luft, vergiftet die Böden, kontaminiert die Gewässer und durchsetzt die Lebensmittel mit Chemikalien. Sie legt ihrer dinosauriergleichen Gefräßigkeit keine Zügel an und stellt sich nicht der realistischen Möglichkeit, dass das Projekt Mensch auf dem Planeten nicht mehr möglich sein wird. Sie nimmt lieber das Risiko des Todes in Kauf als den Rückgang ihres materiellen Gewinns. Der französische Genetiker Albert Jaquard hat dies treffend angeprangert: „Das Ziel einer Gesellschaft ist der Austausch. Eine Gesellschaft, deren Hauptantriebskraft der Wettbewerb ist, ist eine Gesellschaft, die mir den Selbstmord nahelegt. Wenn ich gegen den anderen in Wettbewerb trete, kann ich mich mit ihm nicht austauschen, ich muss ihn eliminieren, zerstören.“ (2004).
Dieses auf Ausgrenzung beruhende Modell von Globalisierung läuft Gefahr, die Menschen in zwei Teile aufzuspalten: Auf der einen Seite sind die Nationen, die im Überfluss leben, im materiellen Konsum ersticken und gleichzeitig im spirituellen und menschlichen Sinne erschreckend arm sind. Sie nehmen alle Wohltaten der Technik und Wissenschaft für sich in Anspruch. Auf der anderen Seite gibt es die großen Massen, die ihrem eigenen Schicksal überlassen und der Barbarei ausgeliefert werden. Sie dienen der Produktionsmaschine als Brennstoff, sind zu einem Tod vor der Zeit verdammt, leiden unter chronischem Hunger, unter den Krankheiten der Armen und unter der allgemeinen Verschlechterung des Zustandes der Erde. Es gibt tausend Gründe, uns dieser Art von Globalisierung zu widersetzen. Sie darf nicht von Dauer sein, wenn es uns um die Zukunft der Gattung Mensch geht.
b) Das menschliche Zeitalter der Globalisierung
Trotz der aufgezeigten Widersprüche leistet die Globalisierung des Eisenzeitalters einen unverzichtbaren Beitrag zur Globalisierung in einem weiteren Sinne. Sie schafft die Infrastruktur und die materiellen Voraussetzungen für die anderen Formen der Globalisierung: Sie hat die großen weltweiten Kommunikationskanäle hervorgebracht, sie hat das Netz von Handels- und Finanzbeziehungen geschaffen, sie hat den Austausch zwischen allen Völkern, Kontinenten und Nationen gefördert. Ohne diese Voraussetzungen wäre es unmöglich, von Globalisierungen ganz anderer Art zu träumen. Sie gingen immer mit der Ökonomie einher, ohne jedoch die Hegemonie zu haben.
Nun, nachdem die materielle Globalisierung vollendet ist, muss sich die menschliche Globalisierung ihrer innerhalb eines größeren und umfassenderen Rahmens bedienen und die Vorherrschaft anstreben. Sie vollzieht sich gleichzeitig auf mehreren Ebenen: der anthropologischen, der politischen, der ethischen und der spirituellen.
Die Einheit der menschlichen Gattung, des homo sapiens et demens, verankert sich mehr und mehr im kollektiven Bewusstsein. Wie groß die kulturellen Unterschiede auch immer sein mögen: Bestimmend bleibt eine grundlegende genetische Einheit. Wir haben dieselben anatomischen Voraussetzungen, wir verfügen über dieselben psychischen Mechanismen, dieselben spirituellen Impulse, dieselben archetypischen Sehnsüchte. Wenn auch die Ausdrucksweisen unterschiedlich sind, so verfügen wir doch alle über Emotionalität, Intelligenz, Freiheit, Kreativität, die Fähigkeit zur Fürsorge, zum Mitleid, zur Liebe, über Witz, Humor und Musikalität, über künstlerische Ausdrucksfähigkeit und spirituelle Erfahrung. Zugleich zeichnen uns auch Kleinlichkeit, die Tendenz zur Ausgrenzung des Anderen, Gewalt gegen die Natur, Zerstörung, Rache und Tod aus. Wir sind die komplexe Einheit dieser Widersprüche.
Immer mehr breitet sich die – vom Westen ausgehende, aber keineswegs ausschließlich westliche – Überzeugung aus, dass jede Person, sofern sie Mensch ist, heilig und mit Würde ausgestattet ist (res sacra homo). Sie ist ein Zweck an sich und kann niemals zum bloßen Mittel für irgendetwas degradiert werden. Sie stellt ein unendliches Projekt dar, das sichtbare Antlitz des Mysteriums der Welt, Sohn und Tochter Gottes. Im Namen dieser Würde wurden die grundlegenden Menschenrechte, die Rechte der Person und die sozialen Rechte, kodifiziert. Sie wurden präziser gefasst als Rechte der Völker, der Minderheiten, der Frauen, der Homosexuellen, der Kinder, der Alten und der Kranken. Zuletzt wurde die dignitas terrae explizit ausformuliert. Sie umfasst die Rechte der Erde als eines lebendigen Superorganismus, der Ökosysteme, der Tiere und alles dessen, was lebt.
Die Demokratie als universaler gelebter Wert auf allen Ebenen – in den Familien, den Schulen, den Gemeinden, den sozialen Bewegungen und Regierungsformen – durchdringt nach und nach die politischen Vorstellungen weltweit. Das heißt, jeder Mensch hat das Recht zur Teilhabe an der gesellschaftlichen Wirklichkeit, der er angehört und die er mit seiner Persönlichkeit und Arbeitskraft mitzugestalten hilft. Die Macht muss der Kontrolle unterworfen werden, damit sie nicht zur Tyrannei verkommt. Der Weg zu dauerhaften Lösungen ist der unermüdliche Dialog, die beständige Toleranz und die permanente Suche nach Übereinstimmungen in den Unterschieden, und nicht die Gewalt. Der Friede ist zugleich Methode (der Imperativ, stets friedliche oder die am wenigsten zerstörerischen Mittel zu gebrauchen) als auch Ziel. Er ist die Frucht der Fürsorge eines jeden für alle, für das Gemeinsame Haus und für die unverzichtbare gesellschaftliche Gerechtigkeit. Die Institutionen, so sehr sie sich auch voneinander unterscheiden mögen, müssen ein Mindestmaß an Gerechtigkeit, Gleichheit und Transparenz verwirklichen.
Ein Minimalkonsens für eine globale Ethik konzentriert sich auf die humanitas (Humanität); wir alle und jeder Einzelne von uns sind deren Träger. Die humanitas ist mehr als ein Begriff; sie ist das tiefe Empfinden dessen, dass wir Brüder und Schwestern sind, denselben Ursprung haben, dieselbe natürliche Ausstattung in physikalisch-chemischer, biologischer, soziokultureller und spiritueller Hinsicht haben und dasselbe Schicksal miteinander teilen. Wir müssen alle der Goldenen Regel entsprechend menschlich behandeln: „Handle am anderen so, wie du selbst von ihm behandelt werden willst.“
Die Ehrfurcht vor dem Leben, die unbedingte Achtung den Unschuldigen gegenüber, die Wahrung der physischen und psychischen Integrität der Personen und aller Schöpfung, die Anerkennung des Rechtes des Anderen, in seiner jeweiligen Besonderheit zu leben – das sind die Grundpfeiler, auf denen die Gesellschaftsfähigkeit des Menschen, die Werte und der Sinn unserer kurzen Reise auf diesem Planeten ruhen.
Es begegnen einander die spirituellen Erfahrungen aus Ost und West, der Ureinwohner und der heutigen Kulturen, und es kommt zu einem gegenseitigen Austausch der jeweiligen Weltsichten. Durch sie macht sich der Mensch von Neuem fest an der ursprünglichen Quelle allen Seins, er knüpft ein geheimnisvolles Band, das das gesamte Universum durchläuft und alle untereinander verbundenen Dinge wieder vereint in einem dynamischen, nach oben und vorne offenen Ganzen. Diese spirituellen Erfahrungen, die sich in unterschiedlichen Religionen und Wegen konkretisieren, sind es, die des Menschen Innerlichkeit bilden und die weitesten Horizonte entwerfen, die dieses Universum überschreiten und sich dem Unendlichen öffnen. Nur in dieser Dimension der Überschreitung und Überwindung eines jeden Maßes, von aller Raum-Zeit und aller Sehnsucht empfindet sich der Mensch wahrhaft als Mensch. Diese Lektion haben uns bereits die griechischen Meister gelehrt, als sie sagten, dass der Mensch nur im Raum des Göttlichen in vollem Sinne Mensch sei.
Das menschliche Zeitalter der Globalisierung hat sich noch nicht durchgesetzt. Doch man kann bereits seine Elemente erkennen, die bereits wie ein Sauerteig Geschichte und Bewusstsein durchdringen. Dieses Zeitalter wird eines Tages ruhmreich anbrechen. Es wird die neue Geschichte der Menschheitsfamilie einleiten, die so lange ihre gemeinsamen Ursprünge und ihr Mutterhaus gesucht hat.
c) Das ökologische Zeitalter der Globalisierung
Zeitgenössische Kosmologen und Anthropologen wie Brian Swimm und Thomas Berry bezeichnen unsere Zeit als das Ökozoikum. Es ist das Zeitalter, das dem Känozoikum folgt, das vor 65 Millionen Jahren begann, nachdem die Dinosaurier durch eine Katastrophe ausgerottet worden waren und die Säugetiere eine bis dahin einmalige Entwicklung durchmachten. Wir, die Menschen, tauchten als komplexe und hoch entwickelte Säugetiere im Verlauf des Känozoikums auf.
Nach und nach bricht eine neue Ära an, die sich durch eine neue gemeinsame Hochachtung, Verehrung und Zusammenarbeit zwischen Erde und Mensch auszeichnet. Es handelt sich um die Ära der ganzheitlichen Ökologie: daher auch der Name Ökozoikum. Die Menschen nehmen die Tatsache ernst, ein Moment innerhalb eines Gesamtprozesses von Abermilliarden anderen Momenten zu sein. Sie werden sich dessen bewusst, dass sie ein Netz von lebendigen Beziehungen bilden, für welche sie mitverantwortlich sind. Sie können das Leben, die Ökosysteme und die Zukunft Gaias entweder stärken oder sie weiterhin bedrohen, sie können das Scheitern heraufbeschwören und die Biosphäre vernichten.
Nach so vielen Eingriffen in die Rhythmen der Natur werden wir uns dessen bewusst, dass wir das, was von der Natur noch übrig ist, erhalten müssen und dass wir sie von den Wunden heilen müssen, die wir ihr zugefügt haben.
Diese Sorge muss alle betreffen und die neue Ära der Globalisierung begründen. Der utopische Traum dieser Phase ist es, den Menschen zu humanisieren zu versuchen – den Menschen, der vor der Herausforderung steht, ausgehend von seiner Besonderheit als gemeinschaftsfähiges, kooperatives, zum Mitleid fähiges und ethisches Wesen zu leben, das in seinem Handeln die Verantwortung dafür übernimmt, dass es dem Ganzen zum Wohl gereicht. Diese Utopie muss innerhalb der Widersprüche, wie sie für jeden historischen Prozess unvermeidlich sind oder wie sie aus Interessenskonflikten hervorgehen, konkrete Gestalt annehmen. Doch sie wird einen neuen Horizont der Hoffnung erschließen, der den Weg der Menschheit in die Zukunft ermöglicht.
Aus dieser Sichtweise geht eine neue Ethik hervor. Von allen Richtungen her werden anfanghaft Kräfte sichtbar, die ein neues menschliches und ökologisches Verhaltensmuster anstreben oder bereits ausprobieren. So groß die Schwierigkeiten auch sein mögen: Es wird immer stärker werden und schließlich die Oberhand gewinnen. Es wird das werden, was Teilhard de Chardin die Noosphäre nannte. Es wird jene Sphäre sein, innerhalb derer das Denken und die Herzen der Menschen eine neue, fein abgestimmte Harmonie bilden, die sich durch zunehmende Durchdringung von Liebe, durch Fürsorge, durch gegenseitige Anerkennung aller, durch eine zunehmende spirituelle Sinngebung der gemeinsamen Vorhaben auszeichnen wird. Die Menschen werden in ihrem Planen zusammenwirken, um den Frieden sicherzustellen, um die Integrität der Schöpfung zu gewährleisten und um die ausreichende und sogar im Überfluss vorhandene materielle Basis für die gesamte Gemeinschaft des Lebens zu sichern. Befreit von den Fesseln unserer konsumistischen und überheblichen Zivilisation, können wir in wahrhaft menschlicher Weise als Brüder und Schwestern zusammenleben, und wir werden imstande sein, das Lokale mit dem Globalen, die Teile mit dem Ganzen zu verknüpfen, Arbeit mit Poesie zu verbinden, Effizienz mit Großzügigkeit in Einklang zu bringen und die Subjektivität wiederherzustellen; wir werden als Söhne und Töchter zusammen im Hause zu spielen und zu loben verstehen.
Dieses Bewusstsein von der Zusammengehörigkeit von Erde und Menschheit wird auf eindrucksvolle Weise von jenem Blick auf den Planeten gestärkt, den uns die Astronauten ermöglicht haben. Von ihren Raumschiffen oder vom Mond aus teilten sie uns ihren tief empfundenen Eindruck mit, wie wir es der Aussage des Astronauten Gene Cernan entnehmen können:
„Ich war im Dezember 1972 der letzte Mensch, der den Mond betrat. Von der Oberfläche des Mondes aus schaute ich mit ehrfurchtsvollem Schauder auf die Erde in einem sehr dunklen Blau. Was ich sah, war zu schön, als dass man es begreifen könnte, zu logisch, sinnerfüllt, als dass es bloß das Ergebnis eines kosmischen Unfalls sein könnte. Man fühlte sich innerlich dazu gedrängt, Gott zu loben. Gott muss existieren, weil er das geschaffen hat, was ich betrachten durfte.“ Sigmund Jähn, ein anderer Astronaut (der erste Deutsche, aus der damaligen DDR, im Weltraum, im Jahr 1978; d. Übers.), brachte nach seiner Rückkehr zur Erde den Bewusstseinswandel, den er vollzogen hat, folgendermaßen zum Ausdruck: „Die politischen Grenzen sind in gewisser Weise bereits überwunden. Auch die Grenzen zwischen den Staaten sind überwunden. Wir bilden ein einziges Volk, und jeder Einzelne trägt Verantwortung für die Erhaltung des fragilen Gleichgewichts der Erde. Wir sind ihre Hüter und müssen für die gemeinsame Zukunft Sorge tragen.“
Diese Wahrnehmung der Erde von außerhalb der Erde lässt eine neue Sakralität entstehen. Das Gefühl der Ehrfurcht und des Respekts wird erweckt. Vielleicht war das der geheime, tiefere Sinn der Reisen ins Weltall, was mit einem feinen Gespür von J. P. Allen zum Ausdruck gebracht wurde:
„Das Für und Wider der Expeditionen zum Mond wurde heftig diskutiert. Ich habe dabei niemanden sagen hören, dass wir zum Mond aufbrechen müssen, um die Erde von dort aus sehen zu können. Alles in allem war dies sicherlich der wahre Grund dafür, dass wir die Reise zum Mond unternommen haben.“
Und vom Mond aus betrachtet gibt es keinen Unterschied zwischen Erde und Menschheit, zwischen Schwarzen und Weißen, Einfältigen und Klugen. Wir alle bilden eine Einheit, die Menschheitsfamilie. Die Menschheit befindet sich nicht nur auf der Erde, sie ist vielmehr selbst Erde, die, wie wir bereits sagten, empfindet, die sich um sich selbst bewegt, die liebt, die sich sorgt und die verehrt.
Wenn dieses Bewusstsein Dauerhaftigkeit gewinnt, stets vorhanden ist, ohne dass wir explizit daran denken müssen, dann bedeutet das, dass wir bereits im Ökozoikum leben. Wir müssen uns noch sehr entwickeln, damit dieses Bewusstsein zum Allgemeingut wird. Doch die ersten Schritte sind bereits getan. Allmählich, nach und nach, wird es uns durchdringen und alles erfüllen. Dann werden wir eine neue Stufe unserer Entwicklung erklommen haben.
Die Erdcharta ist von der Sichtweise des Ökozoikums geprägt. In der Einleitung heißt es: „Die Menschheit ist Teil eines sich ständig fortentwickelnden Universums. Unsere Heimat Erde bietet Lebensraum für eine einzigartige und vielfältige Gemeinschaft von Lebewesen . . . Der Geist menschlicher Solidarität und die Einsicht in die Verwandtschaft alles Lebendigen werden gestärkt, wenn wir in Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Seins, in Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens und in Bescheidenheit hinsichtlich des Platzes der Menschen in der Natur leben . . . Unsere ökologischen, sozialen und spirituellen Herausforderungen sind miteinander verknüpft, und nur zusammen können wir umfassende Lösungen entwickeln . . . Wir haben die Wahl: Entweder bilden wir eine globale Partnerschaft, um für die Erde und füreinander zu sorgen, oder wir riskieren, uns selbst und die Vielfalt des Lebens zugrunde zu richten. Notwendig sind grundlegende Änderungen unserer Werte, Institutionen und Lebensweise.“ (Erdcharta 2001, 7 – 8)
Trotz aller Hindernisse aus dem Eisenzeitalter der Globalisierung vollziehen sich diese Veränderungen im Schoß der Menschheit, unter den Jugendlichen, bei den Studenten, bei den Arbeitern, Technikern, Forschern, Ordensleuten und schließlich bei so vielen Menschen, die nicht länger die Geiseln eines entmenschlichenden und den Horizont des Glücks zerstörenden Paradigmas sein wollen. In alternativer Weise engagieren sie sich dafür, ausgehend von sich selbst, Revolutionen im Kleinen anzuzetteln, die auf die Gesamtentwicklung der Gesellschaft ausstrahlen.
Damit diese menschliche Globalisierung, diese Globalisierung des Ökozoikums sich durchsetzen und Fuß fassen kann, brauchen wir einige grundlegende Tugenden, die alle mit der Gastfreundschaft, dem Zusammenleben, der Toleranz und der Tischgemeinschaft mit den Anderen, dem Andersartigen und Fremden, zu tun haben. Darum geht es uns in unseren Überlegungen.
Die Zeit des Exils ist nun vorbei. Jetzt finden sich alle Stämme der Erde in der großen Gemeinschaft zusammen, unter einem gemeinsamen Dach, im Schoß der großen und großzügigen Mutter Erde. Endlich . . .
III. Der Mythos der Gastfreundschaft
In den bisherigen Kapiteln haben wir die kosmologischen, biologischen, anthropologischen und historischen Grundlagen des aktuellen Globalisierungsprozesses erörtert. Wir haben die Sackgassen gesehen, in die er führt, und haben die wahrhaften Dramen und Tragödien gesehen, die bestimmte Entwicklungen darstellen könnten. Doch wir haben auch auf die Chancen hingewiesen, die nicht verpasst werden dürfen, wenn uns der Sprung auf eine höhere Ebene des Menschseins und des Planeten Erde selbst gelingen soll.
Damit sich eine Globalisierung im wohlverstandenen Sinne ereignen kann, bedarf es einiger Tugenden als Impulsgeber. Sie allein reichen nicht aus. Sie bedürfen technischer und politisch-sozialer Vermittlungen. Es verhält sich wie mit einem Flugzeug, das nach dem neuesten Stand der Technik konstruiert ist. Wenn sich die Antriebsturbinen nicht in perfektem Zustand befinden, wird das Flugzeug nicht abheben können. Diese Tugenden sind wie der steuernde Antrieb für das neue Paradigma der Globalisierung. Ohne sie würde der jetzige Kurs beibehalten und könnte zu einem tragischen Ende von Menschheit und Planet führen. Deshalb ist es so wichtig, jede einzelne dieser Tugenden genau zu studieren und dafür zu sorgen, dass sie schon jetzt als die bestimmenden Prinzipien der Zukunft gelebt werden, und zwar auf persönlicher, gemeinschaftlicher und kollektiver Ebene.
Wir beginnen mit der ersten dieser Tugenden, mit der Gastfreundschaft als Grundhabitus. Wir werden sie im Lichte eines Mythos aus der griechischen Tradition betrachten, dem Mythos von Philemon und Baukis. Dieser Mythos wurde uns vom römischen Dichter Publius Ovidius Naso (43 – 34 v. Chr.) überliefert. Er schrieb ein Werk, das fünfzehn Bücher umfasst, die Metamorphosen. Hier behandelt er die Verwandlung von Menschen in Tiere, Pflanzen, Felsen und, wie wir noch sehen werden, in Tempel. Darin erzählt er auch den Mythos von Philemon und Baukis. Wir geben ihn hier in freier Form wieder, um ihn für heute besser verständlich zu machen:
Eines Tages beschlossen Jupiter, der Vater und Schöpfer von Himmel und Erde, und sein Sohn Hermes, der Ursprung aller Kommunikation (von ihm kommt das Wort „Hermeneutik“), sich als arme Leute zu verkleiden. Sie wollten in diesem Aufzug ins Reich der Sterblichen gehen, um zu sehen, wie es mit der Schöpfung bestellt sei, die sie in Gang gesetzt hatten. Jupiter legte all seine Herrlichkeit ab, und Hermes entledigte sich seiner beiden Flügel (seines wichtigsten Symbols) und all seines übrigen Schmucks. Sie sahen tatsächlich wie arme Wanderer aus.
Sie durchstreiften weite Landstriche und trafen viele Leute. Die einen oder anderen baten sie um Hilfe. Niemand streckte ihnen die Hand entgegen. Sie wurden schlecht behandelt und bekamen Beleidigungen zu hören. Des Öfteren wurden sie mit Gewalt von der Schwelle gewiesen. Viele sahen sie nicht einmal an. Was sie am meisten schmerzte: nicht einmal angeschaut zu werden, als wären sie räudige Hunde aus verlassenen Häusern. Deshalb litten sie Hunger und ertrugen allerlei Entbehrungen.
Nachdem sie schon viel gewandert waren und sich von allen verlassen fühlten, ersehnten sie nichts so sehr wie frisches Wasser zum Trinken, eine warme Mahlzeit, ein lauwarmes Bad für die Füße und ein Bett zum Ausruhen. Sie träumten von einem Mindestmaß an Gastfreundschaft!
Eines Tages kamen sie nach Phrygien, eine der entlegensten und ärmsten Provinzen des Römischen Reiches, wohin man Aufrührer und Verbrecher verbannte. Dort lebte ein sehr armes Ehepaar. Er hieß Philemon, was auf Griechisch so viel bedeutet wie „Freund und liebenswert“, und sie hieß Baukis, das heißt „empfindsam und zärtlich“.
Auf einer kleinen Anhöhe hatten sie ihre Hütte erbaut, in ländlichem Stil, aber dennoch sehr sauber. Hier hatten ihre Herzen, als sie noch jung waren, zueinandergefunden. Die innige Liebe machte das Leid leicht. Sie lebten in großem Frieden und in Harmonie, denn sie machten alles gemeinsam, und stets halfen sie einander. Der befahl, war gleichzeitig der, der gehorchte. Sie waren schon in die Jahre gekommen und müde von der Arbeit und der Last des Tages.
Jupiter und Hermes, als arme Sterbliche verkleidet, kamen also zu dieser Hütte. Sie klopften an die Tür. Der gute alte Philemon erschien – zu ihrer Überraschung – lachend an der Tür, und ohne lange nachzufragen, sagte er: „Ihr Fremden müsst sehr müde und hungrig sein. Kommt herein in unser Haus. Es ist armselig, aber es ist alles da, um euch aufzunehmen.“
Die Unsterblichen mussten sich bücken, um einzutreten. Drinnen spürten sie die wohltuende Ausstrahlung der herzlichen Aufnahme und der Gastfreundschaft. Baukis, die „empfindsame und zärtliche“, beeilte sich, ihnen zwei Stühle anzubieten, das heißt vielmehr zwei Hocker aus rustikalem Holz. Und sie holte frisches Wasser von der Quelle hinter der Hütte.
Philemon seinerseits schickte sich an, das fast erloschene Feuer für die Nacht wieder zu entfachen. Er blies in die Asche. Er nahm dünne Zweige und größere Holzscheite, schichtete sie über der Glut auf und setzte den Topf mit Wasser auf, um ihn zu erwärmen. Binnen kurzer Zeit schon war das Wasser lauwarm.
Baukis legte ihre geflickte Schürze an und begann, Jupiter und Hermes die Füße zu waschen, indem sie lauwarmes Wasser über ihre Beine bis fast zum Knie hoch goss, damit sie sich wirklich erholen konnten.
Philemon ging in den Garten hinter der Hütte und sammelte einige Blätter und Gemüse ein, während Baukis ins Obergeschoss ging, wo auf einer Stange das letzte Stück Speck hing, das noch übrig war. Sie dachten sogar daran, die einzige Gans, die sie besaßen, zu opfern – die Gans, die auch die Hütte bewachte. Doch die Unsterblichen hinderten sie mit Entschlossenheit daran. Ihre Augen füllten sich indessen mit Tränen der Rührung.
In einem recht alten irdenen Topf kochten sie das Gemüse mit dem Speck. Ein guter Duft von Hausmannskost breitete sich in der Hütte aus und ließ Jupiter und Hermes, die großen Hunger hatten, das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Baukis nahm von dem trüben und fetten Öl, das sie selbst herstellten, und träufelte es auf die Suppe. Große Fettaugen bildeten sich an der Oberfläche. Nachdem sie den Topf von der Feuerstelle genommen hatte, nahm sie einige Eier und legte sie auf die heiße Asche. Philemon erinnerte sich an den Wein, den er in einer dunklen und verstaubten Flasche in einem Winkel des Hauses als Medizin aufbewahrte. Es waren auch noch einige Stücke Brot vom Vortag übrig. Sie wärmten sie am Feuer auf.
Die Gastfreundschaft und die Atmosphäre des Wohlwollens, die von den beiden Alten ausging, ließ die Wartezeit vergessen. Und plötzlich stand alles auf sauberen Tellern auf dem Tisch.
„Liebe Gäste, lasst uns essen, denn nach all den Mühen habt ihr es verdient. Entschuldigt die schlichte und armselige Kost.“
Und obwohl Philemon und Baukis schon gegessen hatten, setzten auch sie sich an den Tisch, um mit ihnen Mahl zu halten und sie nicht zu beschämen. Alle aßen sich satt bei einem angeregten Gespräch voller gegenseitiger Hochachtung.
Dann erhoben sich Philemon und Baukis und holten Nüsse, trockene Feigen und Datteln aus einer Truhe hervor, wo sie die Teller und Kerzen aufbewahrten, und servierten sie als Nachtisch.
Schließlich boten die beiden alten Leute den Gästen ihr eigenes Bett an, das einzige, das es in der Hütte gab. Zusammen machten sie sich daran, es vorzubereiten. Sie bezogen es mit frischen, wenn auch sichtlich abgenutzten Laken. Über das Bett breiteten sie eine besondere Decke, einen alten Teppich, den sie für die Feste aufbewahrten. Jupiter und Hermes konnten ihre Rührung nicht verbergen. Tränen stiegen in ihre Augen.
Jupiter und Hermes wollten sich zur Ruhe begeben und gingen auf das Bett zu. Da plötzlich brach ein schweres, überraschendes Gewitter los. Blitze erleuchteten die Hütte, und Donner rollte durch das Tal draußen. Mit einem Mal stieg das Wasser an und bedrohte Mensch und Tier.
Philemon und Baukis entschuldigten sich bei den Unsterblichen und erhoben sich schnell, um den Nachbarn zu Hilfe zu eilen.
Und genau da vollzog sich nun die große Verwandlung. Das Gewitter war auf einmal vorbei. Und in einem Augenblick wurde die Hütte in einen leuchtenden Tempel aus Marmor verwandelt. Säulen in ionischem Baustil schmückten den Eingang. Das Dach aus Gold glänzte in der Sonne, die gerade erst die Wolkendecke durchbrochen hatte. Schließlich offenbarten Jupiter und Hermes, wer sie waren, und zeigten sich als Götter im vollen Glanze ihrer Herrlichkeit.
Philemon und Baukis erstarrten; sie waren voller Freude und zugleich von ehrfurchtsvollem Schauder erfüllt. Sie warfen sich auf die Knie und neigten das Haupt bis zum Boden zum Zeichen der Anbetung.
Jupiter, der Herr des Himmels und der Erde, der Sonne und der Winde, sagte, nachdem er das Gewitter besänftigt hatte, voller Güte:
„Freund und Liebenswerter, Philemon, und du, seine Frau, Empfindsame und Zärtliche, Baukis, sprecht eine Bitte aus, die ich, Jupiter, euch zum Dank gewähren kann.“
Baukis neigte sich zu Philemon und legte ihr ergrautes Haupt an seine Brust. Und als ob sie es vorher abgesprochen hätten, sagten sie gleichzeitig:
„Unser Wunsch ist es, euch in diesem Tempel für den Rest unserer Tage zu dienen.“
Und Hermes fügte hinzu:
„Auch ich will, dass ihr eine Bitte äußert, dass ich, Hermes, sie euch erfüllen kann.“
Und wieder flüsterten sie gemeinsam, als hätten sie es zuvor abgesprochen:
„Nachdem wir so lange in Liebe und so großer Eintracht verbunden waren, möchten wir gerne zusammen sterben. Auf diese Weise muss sich der eine nicht um das Grab des anderen kümmern.“
Ihre Wünsche wurden gehört, und sie erhielten das Versprechen, dass sie erfüllt würden.
Tatsächlich dienten Philemon und Baukis, das gastfreundliche Ehepaar, viele Jahre lang im Tempel, solange sie am Leben waren.
Eines Tages saßen sie am frühen Abend im Hof, dachten an die Geschichte jenes Ortes und daran, wie sie, ohne es zu wissen, die Götter in ihrer Hütte als Gäste beherbergt hatten. In diesem Augenblick sah Philemon, wie sich der Leib von Baukis mit Zweigen und Blüten schmückte, vom Kopf bis zu den Füßen. Und auch Baukis sah, dass der Leib Philemons ganz und gar von grünen Blättern bedeckt wurde. Sie konnten kaum zusammen den letzten Abschiedsgruß hervorstammeln, denn die große Verwandlung wurde vollendet. Philemon wurde in eine riesige Eiche verwandelt, und Baukis in eine Linde mit dichtem Blätterschmuck. Ihre Kronen und Zweige umschlangen sich in der Höhe. Und in dieser Umarmung blieben sie für immer vereint.
Wer in diese Gegend (Phrygien, in der heutigen Türkei gelegen) kommt, wird auch heute noch diese phantastische Geschichte hören, die von Generation zu Generation weitererzählt wird. Man kann die beiden jahrhundertealten Bäume Seite an Seite mit ineinander verschlungenen Kronen und Zweigen sehen. Sie erinnern an Philemon und Baukis, dieses gastfreundliche Paar, und die Verwandlung, die ihnen aufgrund ihrer Gastfreundschaft zuteil wurde.
Und die ganz Alten wiederholen die daraus zu ziehende Lehre bis auf den heutigen Tag: Wer den Pilger, den Fremden und den Armen aufnimmt, der nimmt Gott selbst auf. Wer Gott aufnimmt, der wird zum Tempel Gottes. Wer die Fremden zu seinen Tischgenossen macht, dessen Erbe wird selige Unsterblichkeit sein.
IV. Auslegung des Mythos von der Gastfreundschaft
Nachdem wir nun den Mythos nacherzählt haben, müssen wir ihn deuten, damit seine Lehren unsere Suche nach einer neuen Art von Globalisierung orientieren können. Doch zuvor noch ist es notwendig, sich über die Natur des Mythos selbst vertieft Gedanken zu machen. Was ist ein Mythos, was macht seine Sprache aus und was will er vermitteln? Bis heute hilft er uns, tiefe Dimensionen des menschlichen Lebens, sowohl der Einzelnen als auch der Menschheit insgesamt, zu verstehen.
1. Ursprüngliche Erfahrungen und Mythos
Im Griechischen bedeutet Mythos Erzählung und Handlung. Die Erzählung ist normalerweise lebendig und voller Emotionen. Sie weist eine Handlung auf, die den Sinn der erzählten Ereignisse offenbart. Sie ist nicht einfach in Begriffen zu fassen, obwohl sie auch Begriffe benutzt. Sie ist affektiv und folgt der Logik der Gefühle.
Warum werden Erzählungen erfunden? Weil die Menschen im Lauf ihres Lebens grundlegende Erfahrungen durchmachen, die die Struktur und den Sinn des Lebens bestimmen. Sie erweisen sich als so bedeutsam, dass sie in einfachen Worten oder abstrakten Begriffen nicht angemessen zum Ausdruck gebracht werden können. Deshalb erzählt man Geschichten. Sie enthalten das ganze Spektrum der ursprünglichen Erfahrungen. Wenn sie immer wieder von Neuem erzählt oder gelesen werden – Mythos und Literatur sind eng miteinander verbunden –, dann entdeckt man an ihnen immer mehr Facetten und Bedeutungen, die den Weg zu ständigen Aktualisierungen öffnen. Mit einem Wort: Die Mythen sind die Auskristallisierung dieser ursprünglichen Erfahrungen. Deshalb sind sie zeitlos und zugleich für alle Zeiten gültig, vor allem für unsere Zeit.
Mircea Eliade, einer der großen Mythenforscher, sagte in einem seiner Bücher (Eliade, 1963), dass der Mythos im Wesentlichen drei Funktionen erfülle: erzählen, erklären und offenbaren.
Der Mythos erzählt.
Die grundlegenden Fragen, die unserer Erfahrung entspringen, werden im Mythos weder in einer Abhandlung noch in einer rationalen Diskussion behandelt. Er bedient sich nicht der begrifflichen Logik, sondern vielmehr der Logik der Bilder. Mehr als bloße Gedanken bringt er das Herz zum Schwingen. In den Mythen wird das erzählt, was uns zutiefst betrifft und von großer Bedeutung für das Leben ist. Deshalb gelingt es allen Mythen, zu bewegen, mitzureißen und jeden Hörer oder Leser in seinem tiefsten Inneren anzusprechen.
Der Mythos erklärt.
Was von Bedeutung ist, ist auch die Antwort auf Fragen, die uns ständig umtreiben. Woher kommt dieser unergründliche Himmel mit seinen unzähligen Sternen über uns? Welche Beziehung haben wir zur Erde, aus der wir kommen und zu der wir zurückkehren? Wie können wir in Beziehung treten zu den Anderen und zu den Fremden? Wer ist imstande, die ekstatische Anziehung zwischen zwei Liebenden zu deuten? Warum trüben das Leid und die Angst um die geliebte Person unsere Lebensfreude? Warum sind wir untröstlich und versinken im Leid angesichts des Todes eines geliebten Menschen? Was bedeutet das personale Ich innerhalb der Gesamtheit der Lebewesen? Und schließlich: Wohin gehen wir?
Diese Fragen sind bei uns Menschen ständig auf der Tagesordnung. Wie soll man über diese uns so persönlich angehenden und tiefen Fragen sprechen? Theorien und rationale Sätze, so wichtig sie auch immer sind, erfassen die Dimensionen nicht, die in diesen existentiellen Fragen mit enthalten sind. Alles in allem sind wir darauf angewiesen, Lebensgeschichten zu erzählen, die Gefühle wecken, welche in der Lage sind, uns den Zugang zu Erklärungen zu verschaffen, die uns erleuchten und die Geschichte nach oben und nach vorne öffnen.
Der Mythos offenbart.
Die mythische Erzählung enthüllt tiefe Dimensionen des Menschseins und des Geheimnisses des Universums. Wir haben nicht nur einen objektiven und wissenschaftlichen Blick auf die Dinge. Wir verfügen auch über einen subjektiven und symbolischen Blick für die Resonanz, die die Dinge in uns auslösen. Die Sonne zum Beispiel ist nicht nur etwas am empirisch wahrnehmbaren Himmel. Sie bewohnt auch unsere Seele und erfüllt diese mit Licht und Wärme. Mit Recht schrieb einst der nordamerikanische Psychoanalytiker James Hollis, der über die Funktion der Mythen im heutigen Leben forscht:
„Der Mythos bringt uns bis zum Grund der psychischen Reserven der Menschheit. Was immer unsere kulturellen und religiösen Wurzeln oder unsere persönliche psychische Verfasstheit sein mag: Die Vertrautheit mit dem Mythos stellt ein lebendiges Verbindungsglied zum Sinn dar. In vielen Fällen ist das Fehlen dieser Vertrautheit der Hintergrund für individuelle und kollektive Neurosen unserer Zeit. Alles in allem: Wenn wir uns mit dem Mythos beschäftigen, dann suchen wir nach dem, was uns auf die tiefste Weise mit unserer eigenen Natur und unserem Ort im Kosmos verbindet.“ (Hollis, 1988, 10)
Diese geheimnisvolle Tiefe unserer Psyche verlangt nach den Kategorien des Göttlichen, nach den heiligsten, die uns in allen Kulturen zur Verfügung stehen. Sie allein erweisen sich als den Erfahrungen im innersten Mark unseres Seins als angemessen und sachgemäß. Dies ist der Grund, warum die Götter und Göttinnen unablässig auf der Bühne unserer Geschichte erschienen.
Wir müssen jedoch gut verstehen, welche Funktion diese in den Mythen vorkommenden Gottheiten haben. Sonst entgeht uns ihre geheime Botschaft.
Die traditionelle Auslegung ist substantialistisch. Sie begreift die Götter als Wesen an sich, die tatsächlich, außerhalb unseres Verstandes, existieren. Das wurde Polytheismus genannt, als ob es tatsächlich eine Fülle verschiedener Götter gäbe.
Die moderne und anthropologische Interpretation dagegen ist transpersonal. Bei den Gottheiten handelt es sich um Ausdrucksformen, sprachliche Mittel, um die in uns wirkenden Energien konkret darzustellen, besonders jene in den tiefen Schichten des menschlichen Wesens. Deshalb sind die Götter psychische Realitäten und stellen einen allgemeinen grundlegenden anthropologischen Befund dar. Sie sind die fleischgewordene Gestalt und die Übersetzung von mächtigen Energien in uns, aber auch außerhalb von uns, die ans Universum heranreichen. In uns bilden sich psychische Zentren von großer Ausstrahlungskraft, die für den Sinn unserer Existenz verantwortlich sind. In der Sprache C. G. Jungs sind die Götter gleichbedeutend mit Archetypen, das heißt mit dynamischen Verhaltensmustern, deren Wurzeln sich ins kollektive und transkulturelle Unbewusste der Menschheit erstrecken und mit deren Hilfe wir unsere bedeutendsten Erfahrungen strukturieren können.
Da es viele dieser Archetypen und Zentren gibt, stellen wir sie uns mittels einer Vielzahl von göttlichen Gestalten vor, was den Eindruck des Polytheismus hervorruft. Doch in Wahrheit geht es nicht darum, das Göttliche zu vervielfachen, sondern nur darum, seine vielen Erscheinungsformen in der Geschichte der Menschheit, der Natur und des Kosmos zu betonen.
Jennifer und Roger Woolger, das Forscherehepaar, das sich den weiblichen Mythen widmet, stellen mit Recht fest:
„Mit Göttin bezeichnen wir einen komplexen weiblichen Charaktertypus, den wir intuitiv in uns selbst und in den Frauen unserer unmittelbaren Umgebung erkennen sowie in den Bildern und Zeichen, die uns in unserer Kultur in Hülle und Fülle begegnen. So ist die schick gekleidete, intelligente junge Karrierefrau, der wir allerorten in unseren Städten begegnen, der Inbegriff des Göttinnen-Typus, den wir als Athene-Frau bezeichnen. Den Namen hat ihr die griechische Göttin verliehen, die Schutzherrin des antiken Athens. Gerade weil der Figur der Athene heute eine so große Bedeutung zukommt, wird sie in unseren Zeitschriften, Filmen und Romanen stereotyp reproduziert. Dennoch ist ein Göttinnen-Typus wie Athene weit mehr als nur ein von den Medien geschaffenes Stereotyp oder Klischee. Athene verkörpert auch ein komplexes, hoch entwickeltes Bewusstsein, das alles Denken, Fühlen und Handeln dieses Frauentypus kennzeichnet.“ (Woolger/Woolger, 14)
Im Mythos von der Gastfreundschaft, den wir hier analysieren, stehen Jupiter und Hermes für diese transzendente Energie, die in den Gestalten armer Wanderer verborgen liegt. Doch es kommt der Augenblick, an dem sie die Masken fallen lassen und sich diese Energie in ihrer Fülle zeigt. Das Göttliche bricht herein. Und bei Philemon und Baukis weckt es das Gefühl der Verehrung, der Hochachtung und des Willens, für den Rest ihrer Tage im Tempel dieser Gottheiten zu dienen. Der Mythos offenbart diese tiefen Dimensionen des Menschseins.
2. Menschliche Existenz und Mythos
Es versteht sich also, dass dem Mythos eine anthropologische Dichte von universaler Dimension eignet. Der nordamerikanische Anthropologe Joseph Campbell, ein bedeutender Erforscher der kulturübergreifenden Mythen der Menschheit, zeigte, wie diese Mythen konkret am Aufbau der menschlichen Existenz im individuellen und im kollektiven Sinne beteiligt sind. Campbell unterscheidet vier Funktionen des Mythos:
„Die erste Funktion nenne ich die mystische. Sie erweckt und erhält im Individuum einen Sinn für Ehrfurcht und Dankbarkeit angesichts der geheimnisvollen Seite des Universums, nicht, damit es in Angst davor lebe, sondern damit es seine Teilhabe daran erkenne, da das Geheimnis des Universums gleichzeitig auch das Geheimnis seines eigenen Seins ausmacht.
Die zweite Funktion des Mythos besteht darin, eine Kosmologie bereitzustellen, ein Bild vom Universum, das mit den Erkenntnissen der jeweiligen Zeit, den Wissenschaften und den Handlungsfeldern der Menschen, an die sich der Mythos wendet, in Einklang steht.
Die dritte Funkion des Mythos ist eine ethische. Er stärkt und rechtfertigt die moralischen Normen einer bestimmten Gesellschaft, in der der Einzelne lebt.
Schließlich ist die vierte Dimension zu nennen, die pädagogische. Er inspiriert und lenkt Schritt für Schritt die Wege der Gesundheit, der Kraft und der spirituellen Harmonie im Verlauf der gesamten vorhersehbaren Entwicklung eines gelungenen Lebens.“ (Campbell 1972, 214 – 215)
Um so hochgesteckte Ziele im Zusammenhang mit dem Sinn des Lebens, der Gesellschaft und dem Universum zu erreichen, gibt es nichts Besseres, als auf den Mythos in seiner unvergleichlichen Anschaulichkeit zurückzugreifen. Die Zivilisationen verdanken sich in viel höherem Maße Gründungsmythen, als sie historisch verbürgt sind. Selbst die historischen Fakten und Personen behalten nur dann ihre Ausstrahlungskraft, wenn sie zu Helden und somit zu kollektiven Mythen gemacht werden. So war es zum Beispiel bei den Gründungsvätern der USA, Lincoln, Jefferson und anderen, und so war es auch bei unseren Rebellen wie Tiradentes, Tomás Antonio Gonzaga und seinen Gefährten, die von der Unabhängigkeit Brasiliens träumten.
Die wichtigsten Tugenden für die Gesellschaftsfähigkeit des Menschen wie etwa die der Gastfreundschaft, des Zusammenlebens und der Tischgemeinschaft, die auf archetypische Weise bei Philemon und Baukis verwirklicht sind, wurden mit Hilfe des Mythos formuliert.
3. Gastfreundschaft, Zusammenleben, Tischgemeinschaft und Mythos
Wenden wir nun die gewonnenen Erkenntnisse auf den Mythos von Philemon und Baukis an, um ihn zu verstehen.
In erster Linie erzählt der Mythos eine wunderschöne und bewegende Geschichte, ganz abgesehen von der präzisen und stilistisch gewählten Sprache Ovids. Wir haben diese Geschichte etwas vereinfacht, damit der heutige Leser Zugang zu ihr findet. Die Erzählung weist ganz deutlich ein Crescendo auf, das sich bis hin zum großen Finale steigert. Dieses Finale ist überraschend, wunderbar und glücklich: die Offenbarung der Gottheit.
Der Mythos erklärt die Geschichte der Gastfreundschaft, des Zusammenlebens und der Tischgemeinschaft. Darin folgt sie einer klaren Linie, deren einzelne Momente wir hier herausarbeiten wollen.
Zunächst erklärt der Mythos, wo sich Gastfreundschaft, Zusammenleben und Tischgemeinschaft ereignen: in den widrigsten Verhältnissen. Deshalb spielt die Geschichte in Phrygien, einer abgelegenen römischen Provinz, die berüchtigt war wegen der Grobheit und Wildheit ihrer Bewohner. Diese Gegend liegt im Nordwesten Kleinasiens zwischen dem ägäischen Meer und dem Hellespont (den Dardanellen) in der heutigen Türkei. Vor diesem dunklen und menschenfeindlichen Hintergrund ereignet sich diese zutiefst menschliche Geste, den Notleidenden aufzunehmen.
Dann erklärt der Mythos, wer die Gastgeber sind: ein altes und armes Ehepaar, das in einer Hütte lebt. Es handelt sich um arme Landarbeiter, die jedoch nicht im Elend leben, weil sie das Nötige zum Leben haben. Und sie leben in großer Harmonie zusammen, ohne die patriarchalische Herrschaft, die die Beziehungen asymmetrisch und deshalb strukturell spannungsreich macht. Ovid kommentiert: „Derjenige, der befahl, war zugleich derjenige, der gehorchte (idem parentque iubentque).“ Arme nehmen andere Arme auf.
Drittens erklärt der Mythos, wer um Gastfreundschaft bittet. Unbekannte, Wanderer, Arme, Müde und Ausgehungerte. Die Gastfreundschaft wird immer ausgehend vom Anderen definiert. Wie wir später genauer sehen werden, gibt es viele Andere. Wir können das hier schon teilweise vorwegnehmen und feststellen, dass hier verschiedene Kategorien von Anderen auftauchen: 1. Der Andere als Unbekannter, der an die Tür klopft; 2. der Andere als Fremder von auswärts, aus einem anderen Land mit einer anderen Sprache, anderen Sitten und einer anderen Kultur; 3. der Andere im Sinne der sozialen Klasse, ein im wirtschaftlichen Sinne Armer; 4. der Andere, der vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen ist, jemand in extremer Not, müde und hungrig; 5. der Andere im Sinne des radikal Anderen des in der Gestalt zweier Wanderer verborgenen Gottes. Die Gastfreundschaft gilt unbedingt und erstreckt sich auf all diese Anderen.
Viertens erklärt der Mythos die Haltung der Wanderer: Geduldig mussten sie den Mangel an Solidarität und Mitleid ertragen; das ging sogar so weit, dass sie mit verbaler Gewalt und entsprechenden Gesten hinausgeworfen wurden. Was sie am meisten schmerzte, war die Tatsache, dass sie nicht einmal angesehen wurden. Der Blick bedeutet immer eine Anerkennung der Gegenwart des Anderen und von Seiten des Armen die stumme Bitte um eine mögliche Begegnung.
Niemand widersteht dem bittenden Blick, ohne in seinem Menschsein betroffen zu sein. Den Blick zu leugnen bedeutet, so zu tun, als ob der, der existiert und schreit, nicht da wäre. Es heißt zuzulassen, dass der Andere in seiner Not untergeht. Die beiden Wanderer ertrugen demütig, dass man sich ihnen verschloss und sie nicht als bedürftige und ausgegrenzte Menschen anerkannte. Sie wurden zu räudigen, herumstreunenden Hunden herabgestuft. Diese Haltung ruft stets ein nach Innen gekehrtes, stummes Leid hervor, das umso stärker schmerzt, je weniger Mitleid es findet.
Fünftens erklärt der Mythos die Haltung derer, die Gastfreundschaft gewähren, die Haltung von Philemon und Baukis also. Gastfreundschaft und Zusammenleben setzen von ihrem Wesen her Großzügigkeit, herzliche Offenheit, ein Gespür für die Schutzbedürftigkeit des Anderen voraus. Das bedeutet auch die Überwindung einer Einstellung, die voller Vorbehalte und Vorurteile ist, wie man sie bei Leuten findet, die allzu vorsichtig und misstrauisch sind: „Wer sind diese Leute? Könnten es nicht Räuber, Gelegenheitsdiebe, schlecht beleumdete Leute sein?“ Wer so urteilt, der wird sich nur schwer der Gastfreundschaft und dem Zusammenleben öffnen. Er findet immer irgendwelche Rechtfertigungen oder Ausreden dafür, Bedürftige nicht aufzunehmen. Die Gastfreundschaft setzt die Überwindung von Vorurteilen und ein fast naives Vertrauen voraus – naiv, aber doch unabdingbar, damit die Gastfreundschaft und das Zusammenleben tatsächlich diesen Namen verdienen und ohne Einschränkungen gewährt werden. Wie wir noch sehen werden, muss die Gastfreundschaft bedingungslos und ohne Vorbehalte gelten. Genau das haben Philemon und Baukis unter Beweis gestellt. Sie stellen keine Fragen und holen keine Erkundungen ein. Sie zeigen einfach eine herzliche Aufnahmebereitschaft ohne Ansehen der äußeren Erscheinung. Sie haben ein Gespür für die Bedürftigkeit der Wanderer. Sie sind darauf bedacht, Aufnahme zu gewähren und alles anzubieten, was sie haben.
Eine hohe Beamtin der peruanischen Regierung, die früher im von Indios bewohnten Amazonasgebiet als Sozialassistentin gearbeitet hatte, besuchte eine Gemeinde des Volkes der Achuar und wurde mit folgendem Lied der Gastfreundschaft empfangen, das sie mir persönlich wiedergegeben hat:
„Taube, die du dein Nest verlassen hast und von so weit her kommst, sei nicht traurig. Unsere Gemeinschaft ist ein großer Baum, der seine Äste ausbreitet und dich in seinem Nest aufnimmt. Taube, bleib bei uns.“ Sie war gerührt und blieb länger, als eigentlich nötig gewesen wäre, und kehrte, sooft sie konnte, in diese Gemeinde zurück. Und jedes Mal hörte sie dasselbe bewegende Lied.
Sechstens erklärt der Mythos, wie die Gastfreundschaft, das Zusammenleben und die Tischgemeinschaft konkret aussehen. In dieser Hinsicht ist die Erzählung überaus reichhaltig und detailfreudig.
Die Erzählung des Mythos stellt klar, dass die Gastfreundschaft mit den bescheidensten und grundlegendsten menschlichen Ansprüchen zu tun hat: ohne Vorbehalte aufgenommen zu werden, ein Dach über dem Kopf zu haben, zu essen, zu trinken und auszuruhen. Ohne diese Mindestvoraussetzungen kann niemand leben und überleben. Aber die materiellen Mindestvoraussetzungen verweisen in tieferem Sinne auf ein spirituelles Minimum, das mit dem zu tun hat, was uns im eigentlichen Sinne zu Menschen macht: auf die Fähigkeit, bedingungslos aufzunehmen, solidarisch, kooperativ und zum Zusammenleben fähig zu sein. Genau diese Haltung war es, die uns am Anfang des Humanisierungsprozesses den Sprung vom Tierreich zum Menschsein ermöglichte. Dort waren Konkurrenz und Unterwerfung bestimmend, im Reich des Menschen sind es gegenseitige Fürsorge, Kooperation, Gleichheit und Durchdringung der gegenseitigen Beziehungen mit Liebe.
Die gastfreundliche Aufnahme erhellt die grundlegende Struktur des Menschseins. Wir existieren, weil wir ohne Vorbehalte von der Mutter Erde aufgenommen wurden, deren Söhne und Töchter wir sind, weil wir vom Strom des Lebens aufgenommen wurden, der uns Anteil an ihm gab, weil wir von der Natur aufgenommen wurden, die sich uns gegenüber als wohlwollend erwies, weil wir von den Eltern angenommen wurden, die wir uns nicht ausgesucht haben, vor allem von der Mutter, die uns in ihrer Großzügigkeit ohne Vorbehalte in ihre Arme nahm, weil wir von den Verwandten und Freunden aufgenommen wurden, die uns eine Familie gaben, weil wir von der Gesellschaft aufgenommen wurden, die uns als ihre Mitglieder akzeptierte. Wir existieren, weil wir auf die eine oder andere Weise aufgenommen wurden. Das schlimmste Gefühl ist es, sich als zurückgewiesen und ausgegrenzt zu empfinden, wie es die beiden Wanderer waren. In diesem Fall macht man psychologisch die Erfahrung des Todes. Die Aufnahme durch Baukis und Philemon bedeutete für die Wanderer die Garantie des Lebens.
4. Die Dimensionen der Gastfreundschaft
Und nun wird die Gastfreundschaft konkret. Sie weist viele Dimensionen auf, die in der Erzählung des Mythos sehr klar dargestellt werden.
Das Gespür, die Sensibilität, für das, was den Wanderern fehlt und was sie ertragen, kommt in den Worten zum Ausdruck: „Ihr müsst sehr müde und hungrig sein.“ Ohne dieses Gespür gibt es keinen Anstoß, um auf den Anderen zuzugehen und ihm zu Hilfe zu kommen. Diese Sensibilität entstammt nicht der Struktur des Logos, das heißt, der Fähigkeit des Menschen, rational zu denken und zu rechnen. Das ist nachrangig. Sie leitet sich aus etwas Vorgängigem und Ursprünglicherem her: der Fähigkeit, den Anderen in seiner Bedürftigkeit unmittelbar zu empfinden und wahrzunehmen. Es ist das Pathos, das den Logos in Dienst nimmt. Das Pathos oder die Affektivität ist die grundlegende Erfahrung des Menschen; es wird in moderner Sprache auch emotionale Intelligenz genannt.
Mitleid, das ist die Fähigkeit, sich selbst zu vergessen und dem Anderen zu begegnen, mit dem Impuls, ihn anzunehmen und für ihn zu sorgen. Philemon erscheint sehr bald an der Tür und wendet sich lächelnd den Wanderern zu. Das Mitleid ist die höchste Tugend im Buddhismus. Es meint nicht das geringe Gefühl, am anderen Schmerz zu empfinden. Es ist vielmehr die Fähigkeit, von sich selbst abzusehen, um den Anderen in seiner konkreten Situation wahrzunehmen und sich anzuschicken, ihm beizustehen, sich mit ihm zu freuen, mit ihm zu leiden und ihn in seinem Schmerz niemals allein zu lassen. Mit einem Wort: Mitleid haben bedeutet, das Leid des Anderen zu teilen.
Die Aufnahme ist die Frucht der Sensibilität und des Mitleids. Philemon spricht dies unmittelbar aus: „Kommt herein ins Haus.“ Diese einladende Haltung durchdringt die Hütte und schafft eine Atmosphäre des Wohlwollens, die die beiden Wanderer sehr schnell bemerken. Diese Haltung der Aufnahme konkretisiert sich in einer großen Folge von einzelnen Gesten.
Einladung, sich zu setzen: Wenn wir müde sind, ist das Erste, was wir suchen, ein Platz, um uns zu setzen oder uns anzulehnen. Baukis bietet gleich die beiden Hocker aus Holz an. Nun leben sie auf menschliche Art zusammen.
Frisches Wasser anbieten: Wasser ist Leben. Frisches Wasser stillt den Durst, steigert das Wohlbefinden und erinnert an das Sprudeln der Quelle – ein mit dem Haus verbundener Archetyp.
Feuer machen: Das Feuer ist nicht nur ein Hilfsmittel für uns, um unsere Speisen zuzubereiten. Es hat etwas Intimes, Behagliches an sich, denn es steht für Licht und Wärme: typische Charakterzüge des Hauses, das zum Heim wird. Deshalb stellt es einen der ältesten Archetypen der Menschheit dar. Wo das Feuer brennt und die Lampe leuchtet, da wird signalisiert, dass es Leben im Haus gibt und dass man aufgenommen werden kann. Es versteht sich deshalb, dass Philemon, nachdem er es den Fremden bequem gemacht hat, als erstes die Glut entfacht und Feuer macht.
Die Füße waschen: Nach einem langen Marsch gibt es nichts Wohltuenderes, als die schmerzenden Füße in frischem Wasser zu kühlen oder sie über Nacht in lauwarmes Wasser zu tauchen. Die Füße des Anderen zu waschen stellt die höchste Form der Aufnahme und des Dienstes dar. Es ist ein Sklavendienst. Jesus wollte, bevor er aus dieser Welt zum Vater heimging, seinen Jüngern die Füße waschen. Diese waren verwirrt. Es war der höchste Ausdruck der „Liebe bis um Ende“ (Joh 13,1). Und er gab ihnen die Erklärung für diese archetypische Geste: „Wenn ich als Meister und Herr euch die Füße wasche, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen.“ (Joh 13,14) Baukis wäscht zwei Leuten die Füße, die sie nicht kennt. Ich erinnere mich an meine Kindheit, als wir Kinder reihum unseren Eltern die Füße waschen mussten. Und wir machten das mit Ehrfurcht, als ob es eine heilige Handlung wäre. Wenn hoher Besuch kam, wuschen wir ihm auch die Füße. Es war ein Zeichen der völligen Gastfreundschaft und der Einladung zu offenem Zusammenleben.
Zu essen geben: Gastfreundschaft und Zusammenleben nehmen die konkreteste Gestalt in der Tischgemeinschaft an. Baukis und Philemon bereiten das Mahl mit dem Besten, was sie haben, vor: dem Brot, dem Gemüse, den Eiern, dem Öl, dem Wein und dem letzten Stück Speck für die Suppe, und schließlich mit den getrockneten Datteln und Feigen als Nachtisch. Die Zubereitung ist keine mechanische Angelegenheit. Es ist ein Ritual, denn in unserem Unterbewusstsein ist uns klar, dass essen mehr ist als essen. Es ist Teilhabe an den Energien, die dem Universum und uns allen Leben verleihen, und es ist Gemeinschaft der Tischgenossen. Es ist niemals bloß Nahrungsaufnahme, sondern das Genießen von Beziehung und Zusammenleben.
Wein zu trinken geben ist eine andere grundlegende, mit der Tischgemeinschaft verbundene Geste. Sie nehmen den alten und als Medizin vorgesehenen Wein. Der Wein ist ein anderes starkes Symbol für das Leben, das Fest und die Freude, zusammen zu sein.
Einen reichlich gedeckten Tisch anbieten: Die Armen wollen nicht, dass ihre Gäste ärmlich bewirtet werden. Der Tisch muss reichlich gedeckt sein. Der Nachtisch steht für dieses Übermaß. Er ist etwas Besonderes, das es nicht jeden Tag gibt. Er verleiht dem Mahl eine besondere Note. Baukis und Philemon bieten trockene Datteln und Feigen an, die sie für besondere Gelegenheiten wie diese beiseitegelegt hatten.
Alles anbieten: Der Prüfstein der Gastfreundschaft ist die Unbedingtheit. Die Gastfreundschaft muss bedingungslos sein, um wahrhaft menschlich zu sein. Baukis und Philemon hatten bereits das letzte Stück Speck hergegeben. Nun waren sie auch bereit, die einzige Gans zu opfern, die sie hatten – eine Gans, die nach antikem Brauch als Wache für das Haus diente. Dies ist dieselbe Bereitschaft, die Abraham an den Tag legte, der befahl, das einzige Lamm, das er hatte, zu schlachten, um es seinen Gästen anzubieten.
Alles wird vorbehaltlos den Gästen zur Verfügung gestellt, nichts wird für später zurückbehalten. Dies ist die höchstmögliche Loslösung vom eigenen Ich und die höchstmögliche Hinwendung zum Anderen. Es ist die unbegrenzte und vorbehaltlose Gastfreundschaft. Die beiden Wanderer wehren entschlossen ab. Aber sie sind voller Bewunderung, denn die guten alten Leute haben den entscheidenden Test der Gastfreundschaft bestanden. Ihre Augen fließen über vor Rührung.
Tischgemeinschaft miteinander halten: Als die Fremden eingeladen werden, sich an denselben Tisch zu setzen wie die Gastgeber, entsteht Tischgemeinschaft. Sie ist der höchste Ausdruck des Zusammenlebens. Sie stellt die Überwindung jeglicher Distanz, jeglichen Verdachts und jeglicher Feindseligkeit dar. Nur wirkliche Freunde oder solche, die Freundschaft geschlossen haben, können wirklich Tischgenossen sein. Dies ist Ausdruck der Gemeinschaft, des Zusammenlebens, des Teilens nicht nur der Speisen allein, sondern auch der Seelen und Herzen. Obwohl Baukis und Philemon schon gegessen haben, setzen sie sich mit an den Tisch und essen zusammen mit ihren Gästen, um sie nicht zu beschämen. Eine solche Geste ruft uns die schöne Tradition des Franziskanerordens, das geheiligte Erbe des Franziskus von Assisi in Erinnerung. Dieser Tradition zufolge darf man den Gast nie allein essen lassen. Selbst wenn man schon gegessen hat, isst der für die Gäste zuständige Bruder oder der Guardian (Hausoberer eines Franziskanerklosters) selbst zusammen mit dem Gast, damit er sich völlig willkommen, zu Hause und ungezwungen fühlt.
Das eigene Bett anbieten: Ebenso ausdrucksstark wie das Waschen der Füße sowie das reichliche Essen und Trinken ist das Anbieten des eigenen Bettes für die Nachtruhe der Fremden. Und es handelte sich um das einzige Bett, das sie besaßen. Das eigene Bett anbieten bedeutet, sich in seiner eigenen Privatsphäre völlig zu öffnen. Es bedeutet, sich zum Zeichen des Wohlwollens und des Vertrauens dem Anderen gegenüber voll zu entblößen. Hier erreichen Gastfreundschaft und Zusammenleben ihren unüberbietbaren Höhepunkt.
Schließlich offenbart der Mythos. Wenn Gastfreundschaft und Zusammenleben in ihrem vollen Sinn verwirklicht werden, dann offenbaren sie etwas, was in ihnen verborgen liegt: die Logik des Universums und des Lebens. Die Fremden und Bedürftigen aufzunehmen und – wenn auch nur für kurze Zeit – mit ihnen zusammenzuleben heißt, die grundlegende Struktur des Universums darzustellen. Sie setzt sich aus Netzwerken gegenseitiger Beziehungen nach allen Richtungen und Banden der integrierenden Solidarität zusammen. Weil alle Lebewesen füreinander Gastgeber waren, konnten alle so weit kommen. Das Universum dehnt sich weiter aus und schafft immer komplexere, schönere und sinnerfülltere Ordnungen, weil sich alle wie Gastgeber verhalten, koexistieren, zusammenleben und kooperativ zu diesem Ergebnis beitragen.
Hier ist Gott am Werk, die Quelle, aus der alles Sein und Werden entspringt. In den armen, müden und hungrigen Wanderern war Gott verborgen, der sich nun in all seiner Herrlichkeit vollkommen offenbart. Er zeigte seine Macht, die nicht erdrückt, sondern wohltuend wirkt. Er veränderte die Wirklichkeit. Die guten Gastgeber wurden in Priester für den Tempeldienst verwandelt.
Alles, was von der Gottheit berührt wird, wird auch verewigt. Damit sie der Geschichte als Archetypen der Gastfreundschaft, des Zusammenlebens und der Tischgemeinschaft erhalten blieben, wurden Baukis und Philemon in kräftige Bäume verwandelt, deren Zweige und Kronen sich in unendlicher Zärtlichkeit, in einer Liebe, die für immer bleibt, ineinander verschlangen.
Weil das so ist und weil es die Wahrheit ist, spricht dieser Mythos bis heute zu uns und inspiriert uns mit Ideen und grundlegenden Werten, damit wir das Gemeinsame Haus errichten, in dem alle Platz haben können, auch die Natur, in der sich alle als Gäste der jeweils anderen fühlen können und sich als Brüder und Schwestern einer unvorstellbar großen Familie, der einen Menschheitsfamilie, betrachten können.
Pulsuz fraqment bitdi.