Kitabı oxu: «Herzen im Kampf»
Liane Sanden
Herzen im Kampf
Roman
Saga
Herzen im Kampf
© 1934 Liane Sanden
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711593424
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
I.
„Stürmchen, machen Sie Ihrem Namen und unserer Zeitung Ehre, und stürmen Sie davon! Wenn Sie hören, was man von Ihnen erwartet, werden Sie vor Begeisterung gleich den Kopf verlieren!“
Unwillig fuhr ein blondes Geschöpf von der Arbeit auf. Ein nicht allzu freundlicher Blick traf den hünenhaften Christians, den Chef vom Feuilleton, Hanna Sturms direkten Vorgesetzten. Wäre er es nicht gewesen, sie hätte wohl in ihrer temperamentvollen Art ihrer Wut in ein paar energischen Ausdrücken Luft gemacht.
Das war nun ungefähr die sechste Unterbrechung während der letzten halben Stunde. Und dabei sollte man die Post sichten, Korrekturen lesen und dem Falter, der kleinen buckligen Sekretärin mit dem lieblichen Namen, das Interview mit dem berühmten Wirtschaftsführer diktieren, das Hannas Tüchtigkeit früher als ihre Konkurrenz ergattert hatte.
„Sie scheinen es heute besonders auf mich abgesehen zu haben, Chef!“ brummte sie halb lachend, halb ärgerlich. „Ich habe doch heute Umbruch der Frauenseite, die Atelierbesichtigung in Staaken und abends die Uraufführung ...“
„... und dass morgen Sonntag ist, weiss ich auch! Da können Sie ja stundenlang in Ihrem neuen Auto spazierenfahren. Heute müssen Sie noch einmal fort. Und zwar zu Ihrem alten Freunde, Geheimrat Schrombeck.“
Ein schneller Schatten flog über Hanna Sturms Gesicht. Doch schon hatte sie sich wieder in der Gewalt.
„Was soll ich bei Schrombeck?“
„Durch Ihre journalistische Gewandtheit herausbekommen, wie es um sein neues, narbenloses Transplantationsverfahren steht. Wetten, dass Sie bei diesem Auftrag nicht streiken?“
Hanna Sturm ging ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit diesmal nicht auf den freundschaftlichen Neckten des Chefredakteurs Christians ein. Sehr knapp kam ihre Gegenantwort:
„Sie sind mit Wetten voreilig, verehrter Chef. Natürlich streike ich nicht. Aber ich sehe nicht ein, warum gerade ich ausgerechnet zu diesem Interview angespannt werden soll. Da sind doch noch andere, die das auch können.“
„Nee, können sie eben nicht. Ich habe schon den kleinen Fischer hingeschickt. Aber Schrombeck hat erklärt, es wäre ihm unmöglich, sich mit einem Laien so schnell zu verständigen, wie seine beschränkte Zeit das fordert. Wenn wir nicht jemand hätten, der einigermassen mit ihm Fach reden könnte, bedauert er. Und das war doch ein Wink mit dem Zaunpfahl, Stürmchen; damit meinte Schrombeck doch natürlich Sie ehemalige Medizinerin. Vermutlich tat er Sehnsucht, Sie zu sehen.“
Hanna Sturm antwortete nicht.
Sie sprach zu dem ältlichen Mädchen hinüber, das von seiner Schreibmaschine her verzückt den stattlichen Christians anstarrte.
„Falterchen, du wirst’s schon ohne mich schaffen, gelt? Alles, was mir der schwedische Nobelpreisträger im ‚Adlon‘ gesagt hat, habe ich gleich so mitstenographiert, dass es nur übertragen zu werden braucht. War keine Kleinigkeit; denn entweder er überlegte sich jedes Wort stundenlang, oder er sprach ohne die geringste Atempause. Und wenn du alles fein säuberlich zu Papier gebracht hast, bringst du’s dem Chef! Aber nicht kürzen, und die Autorin nicht vergessen, mein Lieber!“ Ein lachend drohender Blick traf den Hünen, ehe Hanna Sturm fortfuhr, zu reden: „Sie wissen doch, dass ich es vertraglich habe, bei grossen Artikeln mit Namen herauszukommen!“
„Weiss schon, werde nichts vergessen!“ knurrte es unzufrieden zurück. Unsanft flog eine Tür ins Schloss — der Feuilletonchef liebte es nicht, an Schlappen irgendwelcher Art erinnert zu werden.
Draussen stand Hanna Sturm einen Augenblick still. Nun sie allein war, flog die Maske der munteren Forschheit gleichsam von ihrem Gesicht ab. Unruhe, Schmerz und Beherrschenwollen dieser Empfindungen gingen wie Licht und Schatten wechselnd über ihre strengen, schönen Züge.
„Herrgott, immer noch diese Torheit“, dachte sie dann. Energisch warf sie den Kopf zurück. Sie hatte sich wieder in der Gewalt. Fünf Minuten später sauste ein roter Sportzweisitzer, von Hanna gesteuert, die Strasse entlang. Geschickt wand er sich durch alle Lücken, jeden zwangsläufigen Aufenthalt auf das geringste Minimum beschränkend.
An einer Kreuzung musste sie ein wenig länger warten. Ein paar Lastwagen sperrten den Übergang. Diesen Augenblick der Musse benutzte Hanna Sturm, um die Passanten zu mustern. Ihr lebhafter Geist nahm das Strassenbild in sich auf wie eine Reihe von Momentphotographien. Jeder Mensch hier, selbst der gleichgültigste, war ja ein Lebensschicksal für sich. Sie hatte es geradezu zu einem Sport ausgebildet, aus Gang, Haltung, Gesichtsausdruck das Milieu und das Erleben des Menschen in sich zu konstruieren. Dieser ältliche Herr, der da mit kurzen pedantischen Schritten gleichsam abgehackt die Strasse überquerte, drei abgezählte Stengel Goldlack in den mageren Händen, war sicher ein pedantischer Angestellter, der daheim eine Frau und jetzt hier irgendwo ein Rendezvous mit einem kleinen Mädchen hatte. Er sah geradezu nach schlechtem Gewissen aus, und das kümmerliche Bündelchen Blumen in seiner Hand nach abgezirkeltem Geiz. Der junge Mann dort, in dem etwas zu knappen, modischen Anzug, der sich in jeder Spiegelscheibe musterte, war sicherlich ein Jüngling aus der Konfektion. Sie musste lächeln über die eitle Gebärde, mit der er sich immer wieder das Jackett zurechtzog. Aber nun wurde ihr Blick ernst. Gerade ehe das grüne Licht die Freifahrt anzeigte, ging ein junges Mädchen über den Damm. Es sah Hanna Sturm au. Das heisst, eigentlich sah es durch sie hindurch mit einem Ausdruck der vollkommenen Verzweiflung. Dies völlig Gebrochene war zu der zarten Schönheit des jungen Gesichts ein so erschütternder Kontrast, dass Hanna Sturm geradezu einen Ruck am Herzen spürte. Es war eine jener Begegnungen, an denen man nicht so achtlos hätte vorübergehen sollen. Bei denen man das unabweisbare Bedürfnis spürte, ein verzweifeltes Menschenkind anzuhalten, zu fragen: „Was ist dir, wer bist du? Woher kommst du? Wohin gehst du? Kann man dir helfen?“
Aber ehe noch Hanna Sturm diesen jähen Anruf ihres Herzens richtig ins Bewusstsein dringen fühlte, flammte das Freifahrtzeichen auf. Ganz mechanisch schalteten ihre Hände den Wagen ein. Schon fuhr er an. Nun war es zu spät. Hinter ihr kamen schon die anderen Fahrzeuge. Das blasse junge Gesicht war bereits auf der anderen Strassenseite im Gewühl verschwunden.
*
Hanna Sturm durchfuhr schon die Vorortsstrassen, da ging Marlene Hagen noch ganz mechanisch den Weg an der Universität entlang. Die Sonne schien heisser, als es an Maitagen üblich war — Marlene hatte das pelzbesetzte Jäckchen über der blauen Bluse geöffnet und das schwarze Mützchen in die Hand genommen. Ab und zu hob ein Luftzug ihre rötlichbraunen, lockigen Haare. Dann sah das ganze schlanke, grauäugige Mädel aus, als ob eine Wolke von gesponnenem Golde es umwehte.
Verzweifelt blickte Marlene Hagen vor sich hin. Wieder war der Gang nach Arbeit, den sie so hoffnungsvoll angetreten hatte, ein vergeblicher gewesen. Am Morgen hatte sie das Inserat in der Zeitung gefunden, durch das eine Übersetzerin gesucht wurde, die das Argot, jene südfranzösische, heute fast ausgestorbene Mundart ins Deutsche zu übertragen verstand; da hatte sie aufgeatmet. Ihre verstorbene Mutter war in Arles geboren und erzogen worden. Sie hatte der kleinen Marlene schon in ihrer frühesten Kinderzeit Märchen in jener weichen Sprache erzählt und vorgelesen, deren Kenntnis jetzt durch das Inserat verlangt wurde.
Wie gerufen kam das Angebot; denn Marlene wusste nicht mehr aus noch ein. Augenblicklich waren die beiden Fünfmarkstücke in ihrer Handtasche das letzte Geld, das sie noch besass. Die Wirtin der Fremdenpension, in der Marlene lebte, sah sie von Tag zu Tag unfreundlicher an. Sie hatte ja seit Wochen keine Zahlung mehr für Essen und Unterkunft bekommen. Dabei wohnte man bei Frau Reschke sowieso nur geduldet. Ohne das Machtwort von Marlenes Rechtsanwalt, des berühmten Strafverteidigers Lerch, den Frau Reschke gut kannte und ausserordentlich schätzte, hätte sie niemals eine „Vorbestrafte“ bei sich aufgenommen. Das bekam das junge Mädchen täglich von ihr zu hören.
Als ob sie selber nicht die Schande und den Schmerz immer wieder in sich aufbrennen fühlte! Immer wieder bäumte sie sich auf gegen die Ungerechtigkeit dieses Urteilsspruchs. Die Justiz, in deren Maschen sie geraten, hatte nur die Tat und nicht die Motive gesehen. Aber die Tat hatte nun eben für ihre Schuld gesprochen. Es war ihr nicht möglich gewesen, den Beweis für den guten Glunben, aus dem heraus sie gehandelt, zu geben. Keinen Menschen hatte sie mehr auf der Welt, der zu ihr stand. Der einzige wäre der Pflegevater gewesen. Trotz und allem hätte er vielleicht an sie geglaubt, doch er war ja plötzlich gestorben. Wäre nicht der Verteidiger, Dr. Lerch, so menschenfreundlich gewesen, die ersten Tage nach ihrer Entlassung sich ihrer anzunehmen, sie hätte auf der Strasse gelegen. Doch er hatte Marlene in seine Obhut genommen und sie zu Frau Reschke gebracht. Als er sich dann kurz von ihr verabschiedete, lag eine kleine Geldsumme auf dem Tisch des bescheidenen Stübchens, das ihr eingeräumt worden war. Zum Schlusse hatte er ihr noch gesagt, sie möchte sich wieder einmal bei ihm melden, um ihm zu sagen, was sie unternehmen wolle und ob er ihr irgendwie behilflich sein könne. Aber in ihrem übertriebenen Feingefühl, durch die furchtbaren Erlebnisse geradezu krankhaft empfindlich geworden, konnte sich Marlene nicht entschliessen, den vielbeschäftigten Anwalt nochmals aufzusuchen. Sie wollte nicht ein zweitesmal ein Almosen von ihm in die Hand gedrückt bekommen. Und Dr. Lerch, der arbeitsüberlastete, vergass im Drange der Geschäfte seine junge Klientin. In seinen Akten wie in seinen Gedanken hatte die Tragödie „Marlene Hagen“ ihren vorläufigen Abschluss gefunden ...
Wäre Marlene etwas leichtsinniger oder weniger stolz gewesen, es hätte sich vielleicht eine schnelle Verdienstmöglichkeit für sie gefunden. Aber keines der verlockenden Angebote, die ihr bereits am Morgen des zweiten Prozesstages zugegangen waren, kamen für sie in Betracht. Sie wollte weder in einem Film, der ihre traurigen Erlebnisse auf die Leinwand brachte, die Hauptrolle übernehmen, also sich selbst spielen, noch über ihr Schicksal, in Gestalt von „Lebenserinnerungen“, schreiben, oder andere schreiben lassen. Sie wollte Arbeit, Verdienst, um an ihrem früheren Brotgeber das gutzumachen, worum sie ihn geschädigt hatte.
„Setzen Sie sich doch einmal mit Hanna Sturm von der ‚Zeit‘ in Verbindung, und beziehen Sie sich auf mich!“ hatte ihr Dr. Lerch wiederholt geraten. „Leute von der Presse wissen meistens einen Rat!“
„Niemals würde ich in meiner Lage die Bekanntschaft einer Journalistin suchen!“ wehrte Marlene angstvoll ab. „Ebensogut könnte ich ja filmen oder das, was ich erlebte, selbst in die Blätter bringen. Für Fräulein Sturm wäre ich sicherlich nichts anderes, als ein interessantes Objekt für Zeitungsartikel!“
Wie war sie doch plötzlich auf Hanna Sturm gekommen? Ach, vermutlich, weil sie jetzt die neueste Ausgabe der Zeitung „Die Zeit“ ausrufen hörte, bei der diese Hanna Sturm Redakteurin war.
Nur um sich abzulenken, kaufte sie ein Blatt und ging mit ihrem Handköfferchen, das sie seit dem Morgen bei sich trug, in eine nahgelegene Konditorei. Dort wollte sie überlegen, wo sie unterschlüpfen konnte, Mädchenheim oder Heilsarmee? Haus für alleinstehende junge Mädchen? Unterkunft für arbeitende Frauen? Gehört hatte sie im Gefängnis von allen. Vielleicht liess sich durchs Telephon feststellen, wo noch ein Winkel für Marlene Hagen frei sei. —
Was es heisst, mit einem Makel belastet, ganz auf sich selbst angewiesen zu sein, war Marlene erst heute wieder klargeworden, als sie vor dem Leiter des grossen Buchverlags gestanden, der die südfranzösische Übersetzerin gesucht. Sie sollte im Hause selbst beschäftigt werden, um ständig zur Verfügung zu sein. Nach einer längeren Unterhaltung mit dem jungen Mädchen hatte der Verleger erkannt, dass sie die richtige Kraft für sein Unternehmen wäre. Beglückt atmete sie auf, als man ihr den Vorschlag machte, ihre Arbeit bereits am kommenden Tage zu beginnen. Er liess sich ihre Papiere geben, um den Anstellungsvertrag, der sie zunächst auf einen Probemonat verpflichten sollte, im Sekretariat ausstellen zu lassen. Dann verliess er das Zimmer. Als er nach einer Weile es wieder betrat, Marlenes Schul- und Lehrzeugnisse in der Hand, sah sie an seinem Gesichtsausdruck, dass ihre Aussicht auf Tätigkeit und Verdienst wiederum vernichtet war. —
„Es tut mir leid, mein liebes Kind, dass ich Sie enttäuschen muss“, sagte der alte Herr. „Ich irre mich doch nicht in meiner Annahme, in Ihnen die Hauptperson eines Prozesses zu sehen, der vor nicht allzu langer Zeit die Öffentlichkeit auf das lebhafteste bewegte?“
Blutrot vor Scham senkte Marlene den Kopf.
„Fräulein Hagen“, es kam nun sehr kühl, „ich kann Sie auf Grund dieser Tatsachen unmöglich bei uns einstellen! Bedenken Sie die vielen wertvollen Sammlungen, die Ihnen hier anvertraut werden müssten!“
Marlene stiess einen schluchzenden Laut aus.
„Aber Fräulein Hagen, wenn ich Ihnen sonst vielleicht irgendwie behilflich sein darf?“
Seine Hand fuhr in der Richtung der Brieftasche, doch schon hatte Marlene fluchtartig das Zimmer verlossen.
Nun hatte sie, völlig entmutigt, auf einer Bank im Tiergarten vor sich hingestarrt, bis es Mittag geworden war und sie todmüde und verzweifelt in die Pension zurückkehrte. Sie überlegte, was ihr nun noch zu tun übrigblieb, welche Hilfsquellen ihr offenstanden und wie sie zu einer gesicherten Existenz käme, ohne sich dem Film oder der Zeitung, durch Preisgabe ihres eigenen Schicksals, zu verschreiben.
Frau Reschke öffnete ihr und sah sie forschend von der Seite an. „Na, erfolgreich gewesen, heute morgen?“ erkundigte sie sich neugierig. „Ich wünsche es in Ihrem Interesse ebenso, Fräulein, wie in dem meinen, denn jetzt sind gute Zimmer in dieser Gegend rar. Übrigens, was ich Ihnen noch sagen wollte, Marie hat heute Besuch aus der Heimat. Ich selbst habe gleichfalls etwas Wichtiges vor und möchte Sie daher bitten, doch das Mittagessen für die Herrschaften von Zimmer drei, vier und fünf zu servieren und nachmittags Tee und Mokka zu brühen. Sie können sich dann ja auch eine Tasse nehmen. Ich kann mich doch wohl auf Sie verlassen, wenn ich Sie um diese kleine Gefälligkeit bitte, nicht wahr?“
Gequält lächelnd sagte Marlene ihre Bereitwilligkeit zu, die Stütze zu vertreten. Müde schlich sie ihrem kärglichen kleinen Hinterzimmer zu, seelisch und körperlich gleichermassen erledigt. Ein eigentümlicher Schwindel liess sie taumeln, aber sie hatte keine Zeit, um sich auszuruhen. Sie musste ja für heute abend noch etwas richten, wenn sie servieren sollte.
Sie besass ein einfaches schwarzes Kleidchen mit einem weissen Krägelchen. Es verlangte nach einer Reinigung, und so trennte sie den Kragen ab, griff nach einer Flasche Benzin und suchte das Badezimmer auf. Achtsam setzte sie ihre Last auf den kleinen Tisch neben den brennenden Gasbadeofen. Sie wollte schnell noch ein heisses Bad nehmen, um sich zu erfrischen. Nun entkorkte sie die Flasche, tränkte das Krägelchen gründlich mit Benzin, schloss die Flasche wieder und begann den feinen Stoff vorsichtig zu reiben.
Plötzlich fuhr sie schreiend zurück — eine mächtige Stichflamme loderte vor ihr auf, schlug ihr ins Gesicht und frass sich durch ihre Kleider. Gleichzeitig ertönte das Geräusch einer schweren Explosion, Fensterscheiben barsten, und Kalk und Mauersteine stürzten zu Boden. Wahnsinnig vor Schmerzen raste Marlene den Korridor entlang in die Küche, wo sie besinnungslos zusammenbrach, während Frau Reschke schleunigst nasse Tücher über die Unglückliche warf, die sofort die Flammen erstickten ...
II.
Eine halbe Stunde, nachdem Hanna das Redaktionsgebäude verlassen, hielt ihr Wagen vor einem grossen, weissen Gebäudekomplex draussen in einer Villenvorstadt. Dieses Haus schien den ganzen Zauber des Frühlings hier gleichsam eingefangen zu haben. Eine grüne Birke beugte sich über die Eingangspforte. Auf dem Rasen blühte es gelb und lila von Krokus. Weiterhin nach dem Garten zu sah man Blumenbeete blau, weiss und rötlich aufleuchten, überall war Werden und Blühen.
Geheimrat Schrombeck, Besitzer des Parksanatoriums und der grossen Klinik, gab auf die gärtnerische Ausgestaltung seines Anstaltsparks mehr, als sparsame Kollegen seiner Fakultät verstanden. Aber Schrombeck kannte nicht nur die Körper seiner Patienten. Er kannte ebensogut ihre Seelen. Er wusste, wie gerade leidende Menschen von ihrem eigenen Elend abgelenkt und zur Schönheit der Natur hingeführt werden müssen, um wenigstens zeitweise zu vergessen. Er hatte überhaupt so seine eigene Art der Menschenbehandlung. Er beschränkte sich nicht auf die täglichen, offiziellen Chefvisiten, bei denen er, gefolgt von einem Schwarm von Assistenten und Schwestern, durch tadellos vorbereitete Räume zu tadellos zurechtgemachten Patienten ging. Er erschien zu den unerwartetsten Zeiten in den Klinikzimmern, im Laboratorium, in allen Räumen genau so, wie im Park der Anstalt. Er wusste genau, dass er auf diese Weise vieles zu sehen bekam, was ihm sonst vielleicht verborgen geblieben wäre. Ein witziger Patient hatte dem vergötterten Professor den Namen: „Harun Al Raschid“ gegeben. Schrombeck hatte herzlich darüber gelacht und bezeichnet sich selbst gelegentlich gleichfalls so. Auch heute mittag ging der Geheimrat, nachdem er mit der Visite durch war, noch einmal in den Park.
Hier und dort tauchte seine elastische, hohe Gestalt in dem weissen Arztkittel auf, einmal bei einem Liegestuhl stehenbleibend, um ein paar freundliche Worte mit einem Patienten zu sprechen, dann einer der Schwestern zunickend, die mit beladenem Tablett, Geräten oder Zeitungen durch den Park eilten. Und wo Schrombeck erschien, mit seinem scharfgeschnittenen, leicht angegrauten Gelehrtenkopf und den jugendlichen, hellen Augen, da ging es wie eine Welle von Mut und Gesundung durch den kranken Menschen.
„Na, also, Herr Schröder —“, er blieb einen Augenblick stehen, nickte einem älteren Manne zu, der mühsam an zwei Stöcken den Weg entlanghumpelte, „das geht ja schon wieder mit dem Laufen. Und wer hat mir noch vor acht Tagen erzählt, dass er überhaupt nicht mehr in die schöne Welt hinaus könnte? Sehen Sie, was man ernstlich will, das erreicht man auch!“
„Das hab’ ich mir auch gedacht, Herr Geheimrat!“ sagte eine energische Stimme hinter Schrombeck. „Der Arzt vom Dienst hat Stein und Bein geschworen, dass Sie schon längst über alle Berge wären. Aber ich hab’ geschworen, dass ich Sie noch erwischen müsste. Und ich hab’ Sie erwischt!“ Hanna Sturm stand vor dem erstaunten Schrombeck.
„Der Kollege vom Dienst ist ein Esel“, erklärte Schrombeck überzeugt, „aber verraten Sie’s ihm nicht, Stürmchen. Allmählich könnte er schon kapiert haben, dass Sie trotz unserer ewigen Kabbelei die einzige Frau sind, von der ich mich gern erwischen lasse!“
Unwillkürlich musste sie lachen.
„Was möchten Sie also von mir wissen?“
„Das Neueste, Herr Geheimrat, immer das Neueste. Also in diesem Falle Ihre neueste Behandlungsmethode der schmerz- und narbenlosen Transplantation.“
„Ach so, das wollen Sie? Ich glaubte schon, Sie wollten etwas über mein neues Drüsenpräparat wissen. Aber das kann ich sogar Ihrem Reporterspürsinn nicht ausliefern. Das ist nämlich das Neueste!“
„Und auch mir werden Sie es nicht sagen?“
„Nein, auch Ihnen nicht.“ In aller Liebenswürdigkeit lag etwas Bestimmtes. „Sie wissen, ich gehöre nicht zu den Medizinern, die von einigen erfolgreichen Versuchen auf ein endgültiges Resultat schliessen. Ich bin nicht eitel genug, um mich dauernd in der Presse wiederfinden zu wollen.“
„Oder zu eitel“, stellte Hanna Sturm fest.
„Ein guter Menschenkenner sind Sie. Muss man Ihnen lassen. Ihnen kann man nichts vormachen. Gnade dem Mann, der Ihnen einmal in die Hände fällt.“ Es sollte scherzhaft klingen, aber ein bitterer Unterton war deutlich herauszuhören.
Hanna Sturm schwieg. Eine plötzliche Stille lag zwischen den beiden Menschen. Gerade wollte Schrombeck etwas sagen, da wandte er sein Gesicht gespannt dem Laboratoriumseingang zu. Von dort aus kam ein Assistenzarzt sehr eilig über den grünen Rasen ihnen entgegen. Von weitem hob er schon die Hand. Nun hörte man auch, wie er „Herr Geheimrat, Herr Geheimrat!“ rief.
„Aha, da brennt’s schon wieder einmal“, seufzte Schrombeck. „Na sehen Sie, Stürmchen, mit meinem Privatkolleg Ihnen gegenüber ist’s schon wieder aus. Ja, was gibt’s denn, Kollege?“ fragte er, als Dr. Winkler heran war.
„Herr Geheimrat, eben ist eine Patientin eingeliefert worden, schwere Brandwunden nach einer Explosion. Man wird operieren müssen. Oberarzt Schmidts ist bereits fort.“
„Ich komme schon. Also auf Wiedersehen, Fräulein Sturm.“
„Kann ich nicht mit?“ fragte Hanna Sturm. „Vielleicht, dass da etwas für mich ist.“
„Immer wissensdurstig? Na also, kommen Sie mit! Vielleicht ist es wirklich etwas, was Sie interessieren könnte.“
Hanna Sturm ging neben den beiden dem Hauseingang zu. Der Assistent erläuterte schon den Fall. Der Polizeibericht, den man mit der Patientin zusammen erhalten hatte, lautete wie folgt:
„Ein junges Mädchen hat durch Reinigen von Handschuhen mit Benzin in der Nähe einer Flamme eine Explosion durch Benzingase hervorgerufen und dadurch schwere Verbrennungen im Gesicht, an den Händen und Oberarm davongetragen.“
Der Assistent gab die ungefähre Grösse der Verbrennungsfläche an.
„Sechs Zoll?“ fragte Schrombeck. „Da werden wir wohl ohne Transplantation schwer auskommen. Sehen Sie, Fräulein Sturm, da hätten Sie gleich den Fall in praxi. Wollen Sie Näheres hören? Sie sind ja eine halbe Kollegin — haben wohl Ihre medizinischen Studien noch nicht vergessen.“
„Gern“, sagte Hanna Sturm heiss. Wenn sie in die ärztliche Atmosphäre kam, war es ihr immer noch eine vertraute Luft. Sie hatte damals das Studium aufgegeben, weil die Journalistik sie unrettbar anzog. Sicher war sie da auch besser am Platze. Aber ihre alte Liebe zur Medizin lebte doch noch in ihr. Sie sah Schrombeck von der Seite an, sah sein angespanntes, klares Arztgesicht — die gesammelte Energie in den klaren Augen — so musste ein Arzt aussehen, zu dem man Vertrauen haben konnte.
„In welchem Zustande ist die Patientin?“ erkundigte sich Schrombeck.
„In denkbar schlechtestem Ernährungszustande, Herr Geheimrat, sieht aus, als ob sie seit Monaten kaum gegessen hätte. Selbstverständlich habe ich ihr sofort eine tüchtige Spritze gegeben, sie fühlt im Augenblick nichts.“
„Sechs Zoll Verbrennungsfläche“, dachte Hanna Sturm. Sie stellte sich das vor. Schon als Kind hatte sie vor nichts eine so rasende Furcht empfunden, wie vor Verbrennen.
Vielleicht hing das mit einem Bild aus einem Kinderbuch zusammen, auf dem sie ein brennendes Mädchen gesehen, vielleicht auch damit, dass sie selbst einmal mit Kleid und Händen an den Weihnachtsbaum geraten war. Es blieb ihre einzige Erinnerung aus ihrer frühesten Jugendzeit. Sie konnte damals zwei Jahre alt gewesen sein. Aber immer wieder tauchte bei dem Wort „Feuer“, bei dem Anblick eines Brandes, ja bei jeder Gedankenverbindung diese furchtbare Erinnerung in ihr auf — der wahnwitzige Schmerz, das helle Lohen, die Schreie der Eltern, bis alles in einem wimmernden Dunkel der Bewusstlosigkeit unterging.
Sie war sehr blass, als sie jetzt Geheimrat Schrombeck durch die Korridore folgte. Vor der Tür eines Krankenzimmers hielten die Ärzte an und Schrombeck meinte:
„Wenn Sie hier warten wollen, Fräulein Sturm? Ich kann Sie natürlich nicht mit hineinnehmen. Wenn es zur Transplantation kommen sollte, werde ich Ihnen Nachricht geben.“
Er nickte ihr kurz zu. Eilig ging er mit dem Assistenten in das Krankenzimmer: durch den Türspalt konnte Hanna Sturm gerade noch das Bild eines grünlich blassen, leblosen Gesichts in sich aufnehmen, das aus dicken Bandagen und dem Weiss der Bahre geisterhaft hervorschaute.
Woher kannte sie dies Gesicht? Sie musste es schon einmal gesehen haben. Aber wann?
Der grosse, langgestreckte Operationssaal lag nach dem Park zu. Zahlreiche hohe Fenster mit matten Glasscheiben liessen Helligkeit bis in den letzten Winkel fallen, unterstützt von starkkerzigen elektrischen Birnen und Scheinwerfern. Der ganze Raum blitzte und funkelte von Glas, Porzellan und Nickel. Alles strahlte in Weiss. Die Wände waren abwaschbar, die Operationsgeräte lagen zu Dutzenden hinter Glas oder wurden in den grossen Nickelkesseln, die man durch Elektrizität erhitzte, im kochenden Wasser steril gemacht. Schneeweiss gekleidete Assistenzärzte und Operationsschwestern waren in anhaltender Tätigkeit. Wattevorräte wurden sortiert, Verbandszeug herausgegeben, Instrumente vorbereitet. Alles arbeitete fieberhaft. Wenn der Chef selbst operierte, war sein Personal, das für ihn durchs Feuer ging, mit noch stärkerem Arbeitseifer bei der Sache als sonst, wo es sich schon keine Ruhe gönnte.
„Zunächst möchte ich die Patientin doch noch einmal sprechen, sobald sie wieder erwacht ist“, meinte der Geheimrat nachdenklich, als er wieder auf den Gang heraustrat und auf Hanna zuging. „Wenn sie nicht allzu schwach ist, können wir sie vielleicht mit ihrer eigenen Haut ausflicken. Das wäre natürlich das angenehmste. Wenn man es nicht riskieren kann, ja, dann muss man sehen, wer für das arme Wurm seine Haut zu Markte tragen will!“ schloss er mit dem Versuche, den Ernst der Situation abzubiegen. „Vielleicht hat die Kleine irgendwelche Menschen, die sich dafür opfern. Sonst ist sie entstellt auf Lebenszeit, wäre schade um das schöne junge Geschöpf.“
„Entstellt auf Lebenszeit?“ Es ging wieder wie ein Schauer durch Hanna Sturm.
„Missen Sie, wer das arme Ding ist, Geheimrat?“
„Journalistenneugier?“
Schrombeck war im Augenblick beinahe etwas ärgerlich auf seine Freundin Hanna Sturm. „Wollen Sie vielleicht ein stimmungsvolles Essay aus der Sache machen? Für ewig entstellt, oder so?“
Mit blitzenden Augen sah ihn die Journalistin an:
„Auch in meinem Beruf kann man Privatmensch sein, Herr Geheimrat, das scheinen Sie immer noch nicht begriffen zu haben.“
„Nein, Sie haben mir bisher dazu wirklich keine Veranlassung gegeben.“
„Ich dachte nur, ob man für das arme Mädel irgend etwas tun könnte?“
„Im Augenblick nichts, es sei denn, Sie hätten ein paar Quadratzentimeter eigene Haut übrig, — Ihre würde übrigens im Ton schön passen“, Schrombeck schaute sehr genau auf Hannas gepflegte, weisse Hände.
„Kollege, wie heisst doch die Patientin da drinnen?“ fragte er den jungen Assistenzarzt, der jetzt aus dem Zimmer der Verunglückten herauskam.
„Hagen, Herr Geheimrat.“
„Vorname?“ fragte Hanna atemlos, „vielleicht Marlene?“
Der Assistenzarzt sah Hanna Sturm erstaunt an. „Ich glaube ja, gnädiges Fräulein, kennen Sie sie denn?“
„Nein, nein“, Hanna rief es beinahe unhöflich, „mir war nur, als hätte ich den Namen schon einmal gehört. — Herr Geheimrat, ich darf mich heute noch einmal erkundigen, was aus der Patientin geworden ist? Wann denken Sie die Operation vorzunehmen?“
„Sobald als möglich; denn man darf bei einer Hautverpflanzung nicht zögern. Aber zwei Stunden dürften doch noch darüber hingehen. Erstens muss ich die Verunglückte untersuchen, zweitens muss ich, wenn irgend möglich, ihre Einwilligung resp. die ihrer Angehörigen haben und — last not least — den gütigen Spender. Nun auf Wiedersehen, ich habe noch allerhand zu tun.“
„Ich auch!“ war Hanna Sturms Antwort.
Schrombeck sah ihr noch einen Augenblick nach, wie sie da mit ihrem sportlich entschiedenen Schritt durch den sonnenhellen Korridor ging. Dem Gange nach hätte man sie für einen Jungen halten können. Auch im Wesen hatte sie dies knappe, selbstsichere, männliche. Typ der modernen Berufsfrau, stellte er bei sich fest, prachtvoller Kamerad vielleicht, wenn nicht die Selbständigkeit und der unerschütterliche Wille zur Selbstgeltung in der Ehe störend sein könnten für einen Mann mit ausgeprägtem Willen. Wäre sie nur ein wenig weiblicher, ein wenig schmiegsamer gewesen, diese prachtvolle Hanna Sturm. Aber für einen Mann wie er war so eine Frau wohl indiskutabel. Es würde Kampf und immer wieder Kampf geben. Schade — er fühlte, er war doch noch nicht ganz über diese Liebe hinweg. — Der junge Dr. Winkler sah seinen Chef von der Seite an — da hatte er ihn doch schon zum zweiten Male gefragt, ob man bei der Patientin aus 56 heute die Fäden ziehen, oder noch ein paar Tage warten sollte. Aber der Chef schien heute mit seinen Gedanken nicht ganz bei der Sache zu sein.
Hanna Sturm fuhr inzwischen in rasendem Tempo vom Krankenhause in Zehlendorf über die Kronprinzenallee, Roseneck, der inneren Stadt zu. In einer eleganten Strasse des Westens hatte Justizrat Lerch seine Büroräume.
„Herr Justizrat ist jetzt stark beschäftigt!“ erklärte der junge Mann in der ersten Kanzlei auf Hannas Frage.
„Bitte, bringen Sie ihm meine Karte, vielleicht ist er dennoch zu sprechen.“
Der junge Kanzlist zuckte die Achseln und ging. Erstaunt kehrte er gleich darauf zurück; denn der Justizrat hatte nach einem kurzen Blick auf diese Karte entschieden:
„Ich lasse Fräulein Sturm bitten.“
„Wissen Sie, wer das ist?“ fragte der kleine Kanzlist den Registrator, der gerade mit einem Aktenbündel aus der Registratur kam, „Sturm heisst sie.“
„Mensch“, meinte der Registrator und schaute über seine Brillengläser Hanna Sturms Gestalt nach, „das ist doch die bekannte Journalistin, die hat doch vor einem Jahr in dem Schiebungsprozess Klapper und Genossen den Haupttäter entdeckt. Die Kriminaler sollen schön geschimpft haben, dass ihnen ein Frauenzimmer bei der Entdeckung zuvorgekommen ist. Ein fixer Kerl, die Sturm“, schloss er anerkennend und schoss mit seinem Aktenbündel weiter.
Justizrat Lerch erhob sich lebhaft. Er ging mit ausgestreckten Händen Hanna Sturm entgegen.
„Störe ich Sie sehr, Herr Justizrat?“
Hanna sah den Aktenberg neben seinem Schreibtisch und seine verarbeitete Miene.
„Solche Störung, liebes Fräulein Sturm, lasse ich mir gern gefallen. Wie geht es Ihnen? Worin kann ich Ihnen helfen? Oder sind Sie es wieder einmal, die mir helfen will?“ fragte er lächelnd in Anspielung auf die Sache „Klapper und Genossen“.
„Nein, Herr Justizrat. Diesmal habe ich etwas von Ihnen zu erbitten.“
„Und das wäre? Aber nehmen Sie doch Platz.
„Lieber Herr Justizrat, ich habe soeben etwas erlebt, was mich tief erschüttert hat.“
Sie erzählte kurz von der Einlieferung der Patientin ins Krankenhaus, von Geheimrat Schrombeck und den knappen Tatsachen, welche der Polizeibericht für das Krankenhaus mitgegeben.
„Denken Sie, es handelt sich um Marlene Hagen. Sie haben sie doch seinerzeit verteidigt, Herr Justizrat?“
„Du lieber Gott, das arme Mädel. Hat auch nichts wie Unglück. Dabei bin ich der festen Überzeugung, dass sie unschuldig gewesen ist.“
„Derselben Meinung war ich damals auch. Leider habe ich ja den Prozess nur aus den Zeitungen verfolgen können. Ich war ja damals, wie Sie wissen, auf meiner südamerikanischen Redaktionsreise. Sonst hätte ich mich in den Fall schon hineingekniet. Das steht fest.“
„An Ihnen ist auch ein Kriminalkommissar verlorengegangen, Fräulein Sturm.“
„Mein Gott, wie viele Berufe wollen Sie denn noch für mich reklamieren, Herr Justizrat? Schrombeck wirft mir immer noch etwas von meiner Fahnenflucht vor der Medizin vor. Aber nun zu der kleinen Hagen. Es muss da etwas geschehen. Sie scheint in jämmerlichen Verhältnissen zu sein. Schrombecks Untersuchung hat völlige Unterernährung ergeben. Doppelt schlimm bei ihrem Zustande jetzt.“
Lerch war ehrlich erschüttert. Selten war ihm ein Fall aus seiner Praxis so nahegegangen wie der Marlene Hagens.
„Aber warum sie sich nicht ein einziges Mal mehr an mich gewandt hat, ich hab’ ihr doch ausdrücklich gesagt, sowie sie in Not ist — scheint ein sehr stolzes Kerlchen zu sein.“
„Darum muss man eingreifen, auch ohne dass sie was dazu tut, Herr Justizrat. Und das möchte ich.“
„Es ist doch merkwürdig, Fräulein Sturm, wie die Dinge zusammenkommen. Wissen Sie, dass ich selbst der kleinen Hagen damals geraten habe, sich an Sie zu wenden? Ich habe ihr sogar Ihre Adresse in Rio gegeben. Sie sollte Ihnen schreiben. Denn Sie haben bisher immer noch einen Rat gewusst, besonders für so ein armes Menschenkind.“
„Der Brief ist nie angekommen.“
„Vermutlich nie geschrieben worden. Fräulein Hagen hatte eine geradezu panische Angst vor allem, was Zeitung und Zeitungsleute hiess. Sie witterte darin nur eine Zurschaustellung ihres schweren Schicksals.“
„Wenn ich an Marlene Hagens Stelle gewesen wäre, hätte ich vermutlich damals das gleiche Misstrauen gegen eine Journalistin gehabt.“
Hanna Sturm musste plötzlich an das Gespräch heute morgen mit Geheimrat Schrombeck denken. Etwas bitter war ihr aber doch zumute, warum traute man ihr nur Sensationsinteresse und kein rein menschliches zu?
„Also wollen wir dieser kleinen Hagen einmal beweisen, dass wir doch bessere Manschen sind als sie denkt“, meinte sie leicht lächelnd. „Ich kam, um Sie nach der Adresse der Armen zu fragen, vielleicht, dass sie aus Ihren Akten noch zu ermitteln ist. Dann würde ich mir den Weg über das Einwohnermeldeamt sparen.“
Lerch griff nach dem Telephonhörer und gab die Anfrage nach Marlenes Wohnung an seine Kanzlei durch. „Wenn sie noch dort ist“, meinte er zwischendurch zu Hanna Sturm, „ich habe sie damals in eine leidliche Pension zu einer Frau Reschke gebracht. Eben sagt man mir durch, dass bei uns keine Wohnungsänderung bekannt geworden sei. Wollen wir mal anrufen?“
„Lieber fahre ich selbst hin, Herr Justizrat. Bitte, wie lautet die Adresse? Lützowstrasse 24?“ Sie notierte eifrig. „Ehe wir Anschluss bekommen, bin ich auch schon da; ich habe nämlich den Wagen unten.“
„Und mit wieviel Strafmandaten? Gut, dass Sie den armen Anwälten durch Ihr rasendes Fahren auch mal was zu verdienen geben“, neckte Lerch, Hanna Sturm zur Tür begleitend. „Und wenn Sie etwas über die kleine Hagen erfahren haben, bitte, geben Sie mir Nachricht, ich beteilige mich auch an der Hilfsaktion, wenn es mir möglich ist.“
III.
Diese drittklassigen Pensionen sind doch eine wie die andere, dachte Hanna Sturm, als sie sich in dem „Salon“ der Pensionsinhaberin Reschke umsah. Da waren die gleichen, etwas abgewetzten Samtmöbel, denen man an diesen Orten immer wieder begegnete, da war der Tisch mit der unvermeidlichen Batikdecke. Da gab es den sogenannten Damenschreibtisch, an dem man niemals einen vernünftigen Brief zu Papier bringen konnte, so vollgestellt war er mit verblassten Photographien und allerlei Krimskrams. Da war auch Frau Reschke mit dem ge schäftsmässig krampfhaften Lächeln all derer, die heute vermieten müssen, um jeden Preis vermieten. Sie vermutete in Hanna Sturm zunächst auch einen sehr zahlungskräftigen Gast, sie hatte von ihrem Wohnzimmerfenster aus den eleganten Sportwagen ihrer Besucherin gesehen und taxierte die elegante junge Frau sofort auf Reichtum ab.
Aber sie wurde enttäuscht und misstrauisch, als sie hörte, dass Hanna, die ihren Namen nicht nannte, nur in Sachen Marlene Hagens hierhergekommen sei.
„Da kann ich Ihnen gar nichts sagen, Fräulein“, erklärte sie. Unter dem konventionellen Lächeln kam die Härte ihres Wesens für Hanna deutlich erkennbar zum Vorschein. „Ich habe schon genug Aufregung und Kosten durch die Person gehabt. Wer kommt mir für die Schäden der Explosion auf? Die Versicherung macht jetzt schon Sperenzien. Offenbare Fahrlässigkeit, hat mir der Mensch von der ‚Allemannia‘ gleich am Telephon gesagt. Wenn einer mit der Benzinflasche neben dem offenen Gasofen hantiert, da muss ja etwas passieren. Und das zu allem andern, was mir die Hagen noch schuldig ist. Das werde ich auch nie wiedersehen. Das kommt davon, wenn man solche Leute aus Mitleid bei sich aufnimmt!“
„Nun, das Mitleid scheint bei Ihnen nicht allzu ausgebildet zu sein, verehrte Frau Reschke.“ Hannas Empörung über die Hartherzigkeit der Frau ging mit ihr durch. „Im übrigen beruhigen Sie sich. Für die Schulden von Fräulein Hagen wird man aufkommen. Bitte, stellen Sie mir in den nächsten Tagen die Abrechnung zusammen. Ich lasse sie mir abholen und sorge für Begleichung.“
Frau Emma Reschke war im Augenblick wie umgewandelt:
„Das ist schön von Ihnen, Fräuleinchen, das ist wirklich schön. Sie müssen mir meine Worte nicht krumm nehmen; aber ich muss heute auch auf mein Geld schauen. Wenn ich am Ersten nicht pünktlich meine Miete zahle und Gas und Elektrisch, dann geht’s mir auch schlecht. Die Abgaben sind zu gross heute, sie erdrücken einen ja!“
Frau Reschke begann in längerer Rede, Hanna die Schwierigkeiten des Vermieterinnenberufs zu schildern. Hanna hörte sich das alles ruhig an. Sie wollte die Frau gefügig haben, um Näheres über Marlenes Leben hier zu erfahren.
Bald hatte sie denn auch aus Frau Reschkes Erzählung ein klares Bild gewonnen von Marlenes verzweifeltem Kampf, wieder festen Boden unter den Füssen zu erringen.
Wie Frau Reschke dazwischen immer wieder sagte:
„Man kann’s ja den Arbeitgebern auch nicht verdenken, Fräulein, wo so viele Kräfte mit tadelloser Vergangenheit auf der Strasse liegen, da nimmt man doch nicht gerade eine Diebin“, wurde ihr Gesicht hart.
Auch immer wieder dasselbe, sann Hanna, immer wieder diese unbegreifliche Härte der Gesellschaft. Der Vorbestrafte war gebrandmarkt. Wie er auch kämpfen mochte, wieder eingereiht zu werden in die Gemeinschaft der Unbelasteten, seine Verfehlung war ein Stein, der ihm immer wieder in den Weg geworfen wurde. Aber Hanna wollte nicht, dass dieses Mädchen, das durch einen Zufall mit ihr in Verbindung gekommen, untergehen sollte.
„Ich danke Ihnen, Frau Reschke“, sagte sie abschliessend. „Ich habe nun ein ungefähres Bild. Also die Abrechnung lass ich abholen.“
„Könnte der Bote dann vielleicht gleich das Geld mitbringen, Fräulein?“ fragte Frau Reschke liebenswürdig.
Hanna lächelte ebenso liebenswürdig:
„Damit wollen wir doch noch warten, bis Fräulein Hagen in der Lage sein wird, Ihre Abrechnung durchzusehen, Frau Reschke. So ganz aufs Geratewohl möchte ich das Geld ja nun auch nicht ausgeben.“
Frau Reschke wollte etwas sagen, aber Hanna Sturm hatte schon mit einem energischen Ruck die Korridortür hinter sich geschlossen. Mitten in ihrem Ärger über die Habgier dieser Frau musste sie doch lachen. Der Wandel von Liebenswürdigkeit zu Wut in Frau Reschkes Gesicht war wirklich komisch gewesen.
*
Unter furchtbaren Schmerzen war Marlene Hagen aus der schweren, ohnmachtähnlichen Betäubung erwacht, in die die schmerzlindernde Spritze Dr. Winklers sie versetzt hatte. Matt und stöhnend schlug sie die grossen, grauen Augen auf und gab, nur zögernd und schwerverständlich für den vorsichtig forschenden Geheimrat, Bescheid auf die von ihr erbetenen Auskünfte. Sie war allein und hatte keinen Menschen, der ihr nahestand. „Bitte, nur keine Berichte an die Zeitungen!“ bat sie wiederholt, bis abermals eine barmherzige Morphiumspritze, die ihr diesmal der Geheimrat gab, der Ärmsten Ruhe verschaffte.
Am Bett der Bewusstlosen hielt Schrombeck mit dem ersten Assistenten eine Beratung ab.
„Also ohne Transplantation kommen wir nicht aus. Aber wen nehmen wir dazu?“
„Ja wen, Herr Geheimrat?“ überlegte der Assistenzarzt, „es haben sich zwar schon ein paar Schwestern, und zwar Schwester Charlotte und Schwester Marianne zur Verfügung gestellt, um das erforderliche Hautmaterial abzugeben. Es sind die einzigen, die nach der ganzen Struktur des Hautgewebes eine gewisse Ähnlichkeit mit der Patientin zeigen.“
„Aber Schwester Charlotte ist mir nach ihrer Grippe doch noch reichlich labil“, Schrombeck schüttelte den Kopf, „geht nicht. Wäre allenfalls Schwester Marianne. Eigentlich tüchtig von den beiden. Rufen Sie mir mal Schwester Marianne. Wir wollen Sie uns mal ansehen.“
„Aber Schwester Marianne hat die Einzelpflege bei dem kleinen Sohn vom Gesandten von Rustiano. Der Gesandte hat ausdrücklich gewünscht, dass in der kritischen Zeit kein Wechsel im Pflegepersonal eintritt, Herr Geheimrat“, wandte der Assistenzarzt ein, „er hat ja auch die Kosten für die Privatpflege sofort im voraus beglichen.“
„Das kann in diesem Falle kein Hinderungsgrund sein, Kollege. Der kleine Rustiano ist über das Schlimmste hinweg. Die Patientin Hagen dagegen kann nur durch Hautüberpflanzung mit gleich aussehender Haut vor dauernder Entstellung bewahrt bleiben.“
„Aber der Gesandte wird das sehr übel vermerken, Herr Geheimrat. Der kleine Mario ist für ihn offenbar das Zentrum der ganzen Welt.“
Schrombeck sagte kurz:
„Für mich aber nicht. Für mich ist jeweils der gefährdetste Mensch das Zentrum der Welt, Kollege. Wir werden in der Botschaft anrufen und mitteilen, dass wir die Schwester Marianne ablösen müssen.“
„Guten Tag, Geheimrat“, sagte es hinter ihm, „da bin ich wieder!“ Hanna Sturm war von der anderen Seite des Ganges schnell herangekommen. „Wie geht es unserer Patientin, der kleinen Hagen?“
„Wieso unserer?“ Schrombeck sagte es etwas kurz, er hatte sich über die Art geärgert, in der der Assistent diesen Gesandtensohn so sehr wichtig nahm.
„Beissen Sie nur nicht, Herr Geheimrat“, entgegnete Hanna Sturm ebenso kurz. „Ich habe mich inzwischen ein bisschen nach den persönlichen Angelegenheiten der Verunglückten erkundigt.“
„Die sehen voraussichtlich schlecht genug aus.“
„Ja. Man wird finanziell eingreifen müssen.“
„Vorderhand muss man medizinisch eingreifen. Wir haben gerade beredet, wer die Haut für das arme Wurm hergibt.“
„Und haben Sie jemand gefunden?“
„Ja. Wenn auch unter Schwierigkeiten, aber —“
Geheimrat Schrombeck unterbrach sich, die Oberschwester war herangekommen und wollte offenbar eine Auskunft von ihm. Der Assistenzarzt vollendete Schrombecks unterbrochenen Satz. Er erzählte Hanna Sturm von Schwester Marianne.
„Der Chef vergisst in seiner Humanität immer, dass man auch die Rücksichten auf die prominenten Patienten nicht ganz ausser acht lassen darf. Es gibt heutzutage wirklich nicht mehr sehr viel zahlungsfähige. Und schliesslich sind die doch die einzige Basis, auf der sich heute eine Klinik erhalten kann. Nur wenn ein paar zahlungsfähige Patienten kommen, kann man so vielen Hunderten unentgeltlich helfen, wie der Geheimrat es tut. Wenn der Gesandte verärgert wird, kann es ausserordentlich weittragende Konsequenzen haben. Wir bekommen gerade aus seiner Heimat sehr viel gutes Publikum.“
Hanna Sturm überlegte einen Augenblick. Aber diese Überlegung war sehr kurz. Sie sah eine Schwester jetzt in das Zimmer von Marlene Hagen hineingehen, die inzwischen umgebettet worden war. Wieder erblickte sie durch den Türspalt das blasse Gesicht, jetzt mit schmerzerfüllten Augen, und horte ein lautes, jammervolles Stöhnen.
„Lassen Sie die Schwester Marianne ruhig, wo sie ist“, sagte sie knapp. „Nehmen Sie mich zu der Transplantation.“
Der Assistenzarzt starrte Hanna Sturm fassungslos an:
„Wie kommen Sie denn dazu, gnädiges Fräulein? Sie haben doch keinerlei menschliche Verpflichtung der Patientin gegenüber?“
Hanna Sturm lächelte. Dies Lächeln machte das herbe, kühle Gesicht plötzlich unendlich weich.
„Jeder Mensch hat jedem Menschen gegenüber Verpflichtungen, Doktor. Nur, dass uns das leider sehr selten bewusst wird.“
Geheimrat Schrombeck, der trotz seiner Unterhaltung mit der Oberschwester von Hannas Anerbieten gehört hatte, wandte sich ihr zu:
„Also Sie wollen wirklich?“
„Ich will wirklich.“
Sie sagte es sehr energisch.
„Denken Sie nur, Herr Geheimrat, Fräulein Sturm will doch die sechs Zoll Haut für die Patientin Hagen hergeben.“
Der Assistenzarzt sah geradezu aufgeregt aus.
Schrombeck schaute Hanna Sturm an:
„Aber das ist ja geradezu — also das finde ich geradezu grossartig von Ihnen, Fräulein Sturm.“
„Sagen Sie mir lieber, ob Sie mich wirklich dazu für geeignet halten. Das ist mir im Augenblick viel wichtiger.“
Die Weichheit auf Hanna Sturms Gesicht war schon wieder fort. Sie sagte es kühl, beinahe unhöflich, schien die ausgestreckten Hände Schrombecks nicht zu sehen. In dessen Bewunderung für ihren Entschluss kam sofort wieder dieser abwehrende Widerstand gegen ihre betont sachliche Art. Dies Mädchen blieb sich doch immer gleich. Er schämte sich beinahe seines Enthusiasmus.
„Ich muss natürlich noch einmal genau untersuchen, Fräulein Sturm“, er sprach jetzt nicht anders wie ein Arzt, den man konsultiert, zu einem völlig fremden Patienten, „aber ich glaube, ich kann meine Ansicht aufrecht erhalten.“
„Wann wollen Sie die Untersuchung vornehmen?“
„Sofort. Wenn wir die Transplantation bei der Patientin Hagen mit einem sicheren Erfolg vornehmen wollen, dann muss es schleunigst geschehen. Am besten heute noch, spätestens morgen früh. Sonst laufen wir Gefahr, dass die Wunden nicht mehr frisch genug sind, um das neue Hautgewebe in sich aufzunehmen. Vorhin wollte ich ja schon binnen zwei Stunden operieren! Darf ich also bitten?“
Ohne ein Wort ging Hanna Sturm zwischen Schrombeck und seinem Assistenzarzt dem Untersuchungszimmer zu.
Der Geheimrat sah von der Seite her Hannas unbewegtes, helles Gesicht. Ihr Entschluss beschäftigte ihn innerlich stark.
Als ob sie seine Gedanken erraten hätte, meinte sie jetzt plötzlich mit einem spöttischen Lächeln:
„Ja, ja, Herr Geheimrat Schrombeck, was tut eine Journalistin nicht alles aus Berufsinteresse? Meinen Sie nicht, dass meine Reportage über Transplantation viel lebendiger werden wird, wenn ich sie wirklich am eigenen Leibe verspürt habe?“
Der Assistenzarzt machte erschreckte Augen. Das klang ja wie Ironie? So schien es auch auf Schrombeck zu wirken. Der war dunkelrot geworden und schien etwas Heftiges entgegnen zu wollen. Aber Hanna Sturm schnitt ihm eine Entgegnung ab mit den Worten:
„Ich darf wohl zunächst bei Ihnen einmal telephonieren, Herr Geheimrat? Mein guter Chefredakteur Christians meldet mich sonst noch als vermisst an, wenn ich ihm keine Nachricht gebe. Wie lange werde ich durch die Transplantation an der Arbeit gehindert sein?“
Schrombeck antwortete kurz:
„Zwei Tage vermutlich. Sie müssten sich für zweimal vierundzwanzig Stunden hier aufhalten. Bitte, telephonieren Sie, ich bin mit dem Kollegen nebenan.“
Chefredakteur Christians war schon sehr verärgert. Da hatte man extra eineinhalb Spalten für den Bericht Hanna Sturms freigehalten, und nun gab sie diesen Bericht weder telephonisch noch persönlich.
„Wo stecken Sie denn nur?“ schrie er wütend ins Telephon hinein, als sie sich endlich meldete, „sollen wir mit der Zeitung vielleicht Ihretwegen einen Tag später herauskommen? Sie halten ja den ganzen Betrieb auf, Sturm. Die Setzerei rennt mir schon die Bude ein. Was — was“, sagte er dann, als er Hannas Antwort gehört hatte, „Sie wollen sich selbst einer Transplantation unterziehen, um einer Schwerverunglückten zu helfen? Ist ja alles schön und gut! Dazu kann man natürlich nicht nein sagen, aber ist denn kein anderer Mensch da, der der Verbrannten näher steht? Geheimrat Schrombeck meint, Ihre Haut sei zu der Verpflanzung besonders geeignet? Na, wenn Sie sie durchaus zu Markte tragen wollen — viel Vergnügen! Ist die Betreffende, der Sie so selbstlos helfen wollen, es denn auch wert? Können Sie uns nicht einen Bericht über den Unfall schicken?“
„Kommt nicht in Frage!“ rief Hanna zurück. „Erstens mal soll die ganze Angelegenheit nicht bekannt werden, und zweitens, Chef, betrachten Sie meinen plötzlichen Urlaub bitte endlich als einen Wink des Himmels und erfüllen Sie mir den Wunsch nach einer jungen Hilfskraft. Denken Sie nur, wie nützlich die uns jetzt sein könnte! Na, nur nicht jammern, und den Kopf hübsch oben behalten. Es wird auch mal ohne mich gehen! Wollen Sie übrigens den Geheimrat noch selber sprechen? Sie sehen, wie sehr mir das Wohlergehen unserer Zeitung am Herzen liegt. Denn ich schicke Ihnen nicht nur den Bericht über das neueste, narben- und schmerzlose Transplantationsverfahren — ich probiere es auch schleunigst persönlich aus. Sind Sie nicht gerührt von so viel Berufsfanatismus?“
Versöhnt brummte Christians einige „gute Wünsche“ in den Apparat und murmelte anerkennend: „Tüchtiges Mädel“, während sich der Falter schnell die aufsteigenden Tränen aus den Augen wischte und sich geräuschvoll in ein hellgrünseidenes Taschentüchlein schnäuzte.
Nach dieser Unterhaltung mit ihrem direkten Vorgesetzten ging Hanna in das Untersuchungszimmer des Geheimrats. Schrombeck stand an dem grossen Waschbecken und bürstete sich bereits mit heissem Wasser und Desinfektionsmitteln die Hände.
Der Assistent stand schon bereit.
„Wo nehmen Sie die Haut her?“ fragte Hanna interessiert.
„Vom Oberschenkel, gnädiges Fräulein“, sagte er, „wenn Sie bitte ein Stück freimachen wollen?“
„Eins leuchtet mir dabei nicht ein“, meinte Hanna Sturm, während nun der junge Arzt mit einem alkoholgetränkten Wattebausch ein Stück der Haut des Oberschenkels betupfte, „warum nimmt man dann die Haut nicht von dem Körper des Verunglückten selbst? Der Oberschenkel ist doch bei Fräulein Hagen unverletzt? Nicht etwa, dass ich mich drücken will, mich interessiert nur die Tatsache.“
Vom Hintergrund her sagte Schrombeck:
„Wäre die Patientin an sich sehr kräftig, so würde ich die Transplantation auch mit ihrer eigenen Haut vorgenommen haben, so aber ist sie zu schwach, um sechs Zoll Gewebe, die bereits an Gesicht und Hals zerstört sind, selbst herzugeben.“
„Ach so, die Hautatmung wäre dadurch gefährdet?“
„Richtig, Fräulein Sturm, das ist der Grund.“
Schrombeck hatte nun eine Lupe genommen und untersuchte sorgfältig. Die Haut Hanna Sturms hatte nicht nur im Pigment, sondern auch in der ganzen Zusammensetzung eine verblüffende Ähnlichkeit mit der der Patientin. „Ich bin froh, dass wir eine gute Prognose für die Heilung stellen können“, rief der Geheimrat über ihrem Kopf dem Assistenzarzt zu. „Sagten Sie etwas, Fräulein Sturm?“
„Nein, nichts!“
Hanna wurde ein bisschen rot. Natürlich hatte sie etwas gesagt, und zwar: „Ich bin auch froh!“
Gut, dass Schrombeck es nicht verstanden hatte. Er sollte ja weiter glauben, dass alles bei ihr nur das journalistische Interesse wäre. Es war besser für ihre Ruhe und ihre Arbeit.
IV.
Marlene lag in tiefster Betäubung, als sie am nächsten Morgen in den Operationssaal gefahren wurde. Er war im vierten Stockwerk des grossen Gebäudes untergebracht, und ein mächtiger Elevator nahm die Bahre mit den Krankenschwestern auf, die sie begleiteten.
Hanna hatte sich in dem behaglichen Zimmer, das der Geheimrat ihr anweisen liess — es war eines der besten seiner Klinik —, vorbereitet. Sie packte die wenigen Sachen aus, die sie sich mitgebracht hatte, und legte auf ihren Nachttisch die paar Gegenstände, die sie benötigte. Dann warf sie über ihr Pyjama einen Kimono und war in Begleitung einer Pflegerin gleichfalls im Operationssaal erschienen. Vorher hatte sie nochmals Schrombeck gesprochen, auf dessen Anordnung Marlene in einem anderen Flügel des Hauses untergebracht worden war als Hanna.
Nun lagen sie beide nebeneinander auf dem Operationstisch. Mit geschickten Fingern löste der berühmte Arzt von Hannas Oberschenkel, den er vorher örtlich betäubte, ein Stück Haut los. Die Journalistin liess ihn nicht aus den Augen, da sie gern sehen wollte, was er dann an Marlenes Gesicht und Hals vornahm und wie er seine neue, narbenlose Methode zur Anwendung brachte. Während Assistenzarzt und Schwestern sich bereits um Hannas Verband bemühten, wandte sie den Kopf zu der Unglücklichen, um sich nichts entgehen zu lassen.
Sie konnte genau beobachten, wie vorsichtig das von ihr entnommene Hautstück behandelt ward und wie der Geheimrat es mit der Sorgfalt eines Wachsbildners auf das arme, zerstörte Antlitz Marlene Hagens verpflanzte. Sie atmete auf, als sie die schrecklichen, roten Brandwunden verschwinden und wieder mit dem zarten Gewebe bedeckt sah.
Dann aber kam doch der Moment, wo auch sie zusammenklappte. Der Saal begann sich plötzlich um sie zu drehen, Ärzte und Pflegerinnen schienen als Zerrbilder vor ihr umherzutanzen, und plötzlich sah sie überhaupt nichts mehr. Sie vernahm nur noch den Ruf: „Nun wird sie uns doch noch ohnmächtig“, und fand sich dann im Bett ihres Krankenzimmers wieder.
Sie erwachte nach kurzer Zeit. Es war wie ein leichtes Brausen um sie herum. Dann irgendwo ein Stimmengewirr, das auf- und abschwankte. Nun brach eine Helle durch die noch halb geschlossenen Lider in ihre Augen und ihr Bewusstsein. Was war denn mit ihr? Mühsam hob sie die schweren Augenlider. Sie sah gerade hinein in das Gesicht Schrombecks, das mit einem sonderbaren Ausdruck auf sie gerichtet war — aber sie war viel zu müde und benommen, um sich das klarzumachen. Nur irgend etwas sehr Schönes und Wohltuendes empfand sie. Unbewusst lächelte sie.
„Puls gut, 76“, hörte sie sagen. Nun fühlte sie auch eine Hand an ihrem Handgelenk. Aha, das war der Assistenzarzt. Nun löste sich die Hand. „Lassen Sie mal sehen!“ Ein wunderbares Gefühl der Geborgenheit überkam Hanna. Sie spürte die feste, warme und doch so behutsame Hand Schrombecks ihr Gelenk umfassend.
„Na, Gott sei Dank, Fräulein Sturm, da sind Sie ja wieder.“
In Schrombecks Stimme war etwas Weiches.
„Wie geht es Ihnen?“
„Wie geht es vor allem Fräulein Hagen?“ fragte Hanna.
„Ich denke, gut. Wir kriegen sie hoffentlich tadellos in Ordnung. Das hat sie Ihnen zu verdanken.“
Hanna richtete sich schnell auf.
„Um Gottes willen, Herr Geheimrat, bloss keinen Dank von der armen Kleinen. Ich habe Ihr Wort, dass Sie mich nicht verraten.“
*
Zwei Tage später war Hanna Sturm aus dem Sanatorium Schrombecks gegangen. Sie hatte die Zeit benutzt, in der er gerade zwischen zwei verantwortungsvollen Operationen abgespannt und mit seinen Gedanken vom Alltag abwesend war.
Hanna hatte plötzlich geradezu eine Scheu, mit Schrombeck noch länger über den Fall Hagen zu sprechen. Eine Unruhe war in ihr, wenn sie sich Schrombecks Gesicht und den Ausdruck seiner Stimme in die Erinnerung zurückrief. Das alles war doch seit Jahren unterdrückt und vergessen. Wollte es etwa wieder hochkommen? Nein, es durfte nicht. Sie wollte nicht zum zweiten Male eine Zeit der inneren Zerrissenheit erleben. Sie hatte ihren Beruf und damit genug.
Schrombeck schien etwas verwundert.
„Ich dachte, Sie wollten erst heute nachmittag gehen, Fräulein Sturm. Warum so eilig? Ich wollte mir die Wunde bei Ihnen doch noch einmal ansehen.“
„Hat Ihr Assistent schon getan, Herr Geheimrat. Sieht alles wunderschön aus. Sie waren ja gestern auch sehr zufrieden. Die Arbeit drängt.“
„Ja, die Arbeit?“ Schrombeck war mit seinen Gedanken schon wieder bei dem Patienten, der in einer halben Stunde unters Messer kam. Es ging um Leben und Tod da.
„Nun, ich sehe Sie ja bald wieder zum Verbinden, Fräulein Sturm.“ Wieder war das eigentümlich Warme in seinem Blick.
„Gewiss, gewiss, Herr Geheimrat.“ Hanna legte ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit ihre Hand beinahe fliehend und ohne Druck in die des Geheimrats. Sie war ganz entschlossen, immer zu einer Zeit zum Nachsehen der Wunde zu kommen, in der sie nur den Assistenzarzt antraf.
*
Marlene Hagen hatte vergeblich versucht, zu erfahren, wessen Opferwilligkeit sie vor lebenslänglicher Entstellung bewahrt hatte. Sie bat den Chirurgen aufs neue, ihr doch den Menschen zu nennen, in dessen Schuld sie noch mehr stehe, als in der seinen. „Zwar wird es Jahre dauern, bis ich Ihnen die Kosten meiner Operation und meines Aufenthalts hier bezahlt haben werde!“ klagte sie. „Aber immerhin, es wird möglich sein. Wie jedoch kann ich der Frau danken, die mir half?“
„Machen Sie sich keine Sorgen, weder um das eine noch um das andere“, tröstete Schrombeck. Dann wies er die Pflegerin an, Marlenes Bett ans offene Fenster zu rollen, damit sie den Blick in den blühenden Park geniessen könne. „Seien Sie zufrieden, dass Ihr Leichtsinn einen so verhältnismässig glimpflichen Abschluss für Sie genommen hat! In zwei Wochen wird Ihrem Antlitz nur noch wenig anzusehen sein; ein paar schmale Narben, die aber so glücklich sitzen, dass Haar- und Halsansatz sie fast verdecken. Und was Ihre Wohltäterin anbelangt, wie Sie die Dame nennen, respektieren Sie deren Wunsch, für Sie eine Unbekannte zu bleiben. Sie möchte das, damit Sie niemals das Gefühl haben, noch einem Menschen mehr verpflichtet zu sein!“
Dann war er gegangen, und die Genesende hatte stundenlang Zeit, über die geheimnisvolle Persönlichkeit nachzudenken, deren Inkognito so streng gewahrt wurde. Da Hanna Sturm kaum zwei Tage, in der Klinik geblieben war, bot das keine Schwierigkeiten. Schwester Anna wäre lieber gestorben, als einem Befehl ihres Geheimrats, mit dem sie bald zwanzig Jahre zusammenarbeitete, ungehorsam zu sein. Sie hatte über den Namen der Patientin von Nr. 22, deren Zimmer ausser ihr nur eine zuverlässige Privatpflegerin der Journalistin betreten durfte, strengstes Stillschweigen zu bewahren, und das geschah. Da Marlene in einem anderen Flügel der geräumigen Klinik untergebracht war als Hanna Sturm, konnte niemand auch nur den geringsten Zusammenhang zwischen den Patientinnen annehmen. Also blieb für Marlene kein Weg, herauszubekommen, wer so selbstlos für sie eingetreten war. Aber dies Grübeln war für einen einsamen Menschen, wie Marlene, Gift. Ihre unnütze Existenz kam ihr wieder schmerzvoll zum Bewusstsein. Solange sie noch in der friedlichen Hut des Sanatoriums hier war, hatte sie ja keine unmittelbare Sorge. Aber diese Zeit war ja nun bald zu Ende. Was sollte sie dann beginnen? Die Arbeitsmöglichkeiten waren für die Zukunft genau so trostlos wie in der Vergangenheit. Sie stand in wenigen Tagen ebenso vor dem Nichts, wie zur Zeit ihres Unfalls.
Zaghaft hatte sie den Geheimrat gefragt, ob er nicht irgendeine Arbeit für sie wüsste. Vielleicht, dass er sie in seinem Sanatorium als Helferin aufnehmen konnte. Aber Schrombeck hatte ihr diese kleine Hoffnung sofort zerstören müssen. „So gern ich Ihnen persönlich helfen würde, Fräulein Hagen, das ist ganz unmöglich. Krankenpflegerinnen bedürfen einer jahrelangen Ausbildung für ihren schweren Beruf. Ausserdem müssen sie auch die seelische Eignung dafür haben, dürfen nicht zart und weich sein wie Sie. Alles, was mit Kranken zu tun hat, muss eine gewisse Robustheit besitzen. Ohne die ist man dem Mitleid hilflos ausgeliefert. Damit ist auch den Kranken nicht gedient. Aber ich verspreche Ihnen, wenn Sie erst ganz wieder hergestellt sind, werde ich sehen, wo ich Sie unterbringen kann. Ich habe einen grossen Kreis und viele Menschen, die mir verpflichtet sind. Es müsste doch merkwürdig zugehen, wenn ich für so ein kleines verschüchtertes Hühnchen, wie Sie, kein Unterkommen fände.“
Doch es schien, als hätte sich alles gegen Marlene Hagen verschworen. Geheimrat Schrombeck bekam plötzlich einen Kabelruf nach Neuyork. Ein amerikanischer Wirtschaftsführer, der in Schrombecks Sanatorium von einer tückischen Krankheit gerettet worden war, rief ihn zur Behandlung seines einzigen Sohnes herüber. Zugleich bat das Carnegie-Institut Schrombeck um eine Gastvorlesung.
Schrombeck hatte ohnehin seinen Urlaub jetzt nehmen wollen. Die amerikanische Reise passte ihm gut in seine Dispositionen. So sagte er zu. In aller Eile wurden die Vorbereitungen zu der Amerikafahrt getroffen. Schrombeck hatte natürlich noch unendlich viel zu tun, um die wichtigsten Fälle in seiner Praxis selbst zu erledigen. So wurden die beinahe geheilten Patienten den Assistenzärzten überlassen. Zu ihnen gehörte auch Marlene. Der Geheimrat hatte zwar die Absicht gehabt, sich von Marlene noch persönlich zu verabschieden. Im letzten Augenblick jedoch, einen Abend vor der Abreise, kam noch eine schwere Operation für ihn. Mit Mühe und Not erreichte er noch seinen Zug nach Bremen.
Marlene war von tiefer Mutlosigkeit ergriffen, als sie am nächsten Tage von Schwester Marianne Schrombecks Abreise erfuhr. Wieder war eine Hoffnung vernichtet worden. Sicherlich hatte der Geheimrat in seiner überhasteten Abfahrt keine Zeit mehr gefunden, an die Empfehlungen für sie zu denken. Wie sollte er auch? Sie war ja so ein kleines unbedeutendes Etwas. Überdies, sie wusste nur zu genau, wie es im Leben zuging. Justizrat Lerch hatte damals auch sich für sie verwenden wollen. Da sie sich nicht getraut hatte, ihn an sein Versprechen zu erinnern, hatte er sie vergessen. Ein Mann wie Lerch, und noch mehr ein Mann wie Geheimrat Schrombeck hatten an anderes zu denken als an ein armes vorbestraftes Menschenkind.
Sie wagte gar nicht, den Assistenzarzt zu fragen, ob Schrombeck eine Botschaft für sie hinterlassen hätte. Sicherlich würde er sie erstaunt ansehen und ihre Frage geradezu für grössenwahnsinnig halten.
So lag Marlene heute, das fast geheilte Gesicht nur von leichten Mullbinden bedeckt, auf einer Wiese des Klinikgartens und grübelte vor sich hin. Um sie herrschte lautlose Stille, die nur durch das Summen einer Biene, durch das Zwitschern eines Vogels unterbrochen wurde. Marlenes Oberkörper lag im Schatten, auf dem leichten Kleide spielten Sonnenkringel hin und her. Neben ihr, auf einem niedrigen Hocker, lagen Bücher. Obst, Schokolade und ein Glas Sahne verlangte gebieterisch, genossen zu werden. Sogar Zigaretten und Feuerzeug standen der Patientin zur Verfügung, aber nichts von all den guten Dingen lockte sie.
„In einer Woche werden Sie wieder mobil sein, gnädiges Fräulein!“ hatte der Assistenzarzt bei seiner heutigen Morgenvisite zu ihr gesagt. Er stammte aus Süddeutschland, und Marlenes Vergangenheit und ihr verzweifelter Existenzkampf waren ihm völlig fremd. Was ahnte er von den Sorgen und Nöten dieses jungen Mädchens, das verzweifelt versuchte, Arbeit zu bekommen, und das in seinen Bemühungen immer wieder Rückschläge erlebt hatte.
„Für wen lebe ich denn eigentlich?“ sagte sie sich trostlos. „Keiner kümmert sich um mich, und es gibt niemand, dem meine Gegenwart auch nur das geringste bisschen Freude bereitet ...“ Das Surren eines Flugzeugs unterbrach Marlenes Grübeln. Es zog seine grossen Kreise in der Luft und liess Marlene emporschauen und heiss erröten; sie wusste, wer da oben über ihr war. Es war Walter Jansen. Der waghalsige Pilot flog mit seiner Maschine auffallend niedrig. Deutlich erkannte Marlene das grellgelbe Sportflugzeug wieder, das ihr selbst seinen poetischen Namen verdankte. Die „Libelle“, deren graziöse Form durch den schimmernden Sonnenglast noch unterstrichen wurde, machte ihrem Namen alle Ehre. Die halsbrecherischen Rücken- und Sturzflüge, die ihr Lenker ausführte, würde ihm bestimmt so leicht kein Konkurrent nachmachen. — Wie oft hatte sie ihn früher am Zeichentisch gesehen und gesprochen, ehe sie das Vertrauen seines Vaters täuschte, dessen Sekretärin sie damals war. Stets, wenn sie das Büro des alten Herrn verliess, der die grosse amerikanische Rohfilmniederlage in Deutschland hatte, musste sie den Saal passieren, in dem der Sohn immer neue, flugtechnische Probleme erdachte und an winzigen Modellen zu lösen versuchte. Das Interesse des jungen Mädchens an seiner Arbeit hatte Walter erfreut. Als er an einem schönen, klaren Herbstnachmittag seine erste, selbstkonstruierte Sportmaschine in Auftrag gab, hatte er Marlene aufgefordert, ihn zu begleiten.
Eine neue Welt erschloss sich ihr an diesem Tage. Der „Flughof“, den Walter besuchte, lag an der Peripherie von Europas grösstem Landungshafen. Marlene bedeutete Berlins Tempelhofer Feld mit seinen umfangreichen Baulichkeiten, den Ankermasten und Flugzeichen, die dem internationalen Luftverkehr dienten, völliges Neuland.
Nachdem Jansen seinen Auftrag erteilt hatte, führte er seine Begleiterin dort umher, wo er seit Jahren heimisch war. Sie staunte das buntgehaltene Mitropa-Flughafen-Hotel an, in dem Fremde aller Herren Länder wohnten. Der Dachgarten entzückte sie ebenso wie die geräumige Glashalle, der „Bahnhof“ der Fluggäste.
Noch lag das schönste Erlebnis vor ihr. Walter Jansen war plötzlich von ihrer Seite verschwunden, um einige Minuten später wieder aufzutauchen.
„Fräulein Hagen, haben Sie Lust, mit mir eine Fahrt ins Blaue zu machen? Eine Kollegin von der Fliegerschule stellt mir ihr Sportmaschinchen zu einem Aufstieg mit Ihnen zur Verfügung! Würden Sie sich mir wohl anvertrauen?“
Jedes Gefühl von Furcht war Marlene fremd, selig nickte sie. Marlene nahm ihren Platz im Flugzeug ein und wurde festgeschnallt. Jansen setzte sich hinter sie, der Motor brummte und langsam setzte sich das Flugzeug in Bewegung. „Glück ab!“ schrien die Zurückbleibenden.
Zuerst glaubte Marlene im Auto zu sitzen, denn sie merkte nichts davon, dass sich die Maschine in die Lüfte hob. Der Zement war sanftem Grün gewichen, von dem sich allerlei Bojen und Signalzeichen abhoben. Dann hatte auch das ein Ende und ganz, ganz vorsichtig schien das Flugzeug empor zu schweben.
In sanften Kurven ging es aufwärts. Ein leichtes Gefühl des Schwindels hatte das Mädchen erfasst, das unter der Brille aus Kunstglas nervös die Augen schloss. Aber als es merkte, dass ihr Herz ruhiger zu schlagen begann und die Schwankungen aufgehört hatten, nahm sie sich zusammen und blickte gespannt umher. Doch schon liess Marlene schaudernd die Lider wieder sinken. Denn sie sah in die Unendlichkeit; nichts als der blaue Himmel lag vor ihr. Gewaltsam riss sie sich zusammen und wandte den Kopf. Da sass hinter ihr, mit festen, braungebrannten Zügen und sicheren Bewegungen, Walter Jansen und handhabte den Steuerknüppel ebenso gelassen wie sonst das Lenkrad des Autos. Ein Lächeln grüsste Marlene, und eine Bewegung von ihm liess sie abwärts sehen.
Mit einem Schlage hatte sie sich jetzt wieder in der Gewalt. In vollen Zügen nahm sie das bunte Bild, das in dreihundert Meter Tiefe zu ihren Füssen lag, in sich auf. Die kaleidoskopartig wechselnde Landschaft war bezaubernd. Als sie eine Stunde später in sanftem Gleitflug wieder in Tempelhof niedergingen, war Marlene immer noch wie in einem Rausche der Begeisterung.
V.
Dieser Flug an der Seite Walter Jansens war wirklich ein geradezu überirdisches Erlebnis gewesen.
Marlene fand sich aus ihrer Träumerei wieder zur Gegenwart zurück. Mit Tränen in den Augen schaute sie dem Flugzeug nach, das sich jetzt höher und höher schraubte und nun in westlicher Richtung verschwand. Wenn Walter Jansen ahnen würde, wer hier unten seinem kühnen Fluge gefolgt war! Vielleicht wäre sie heute neben ihm gewesen als Kameradin, als die glückseligste Frau an seiner Seite. Sie hatte wohl gefühlt, warum er sie damals mit herausgenommen hatte, warum er sie beinahe leidenschaftlich gebeten, mit zu fliegen. Er wollte, auch sie sollte kennenlernen, was ihm das höchste Glücksgefühl im Leben bedeutete, und sie hatte mit ihm gefühlt aus vollem jubelndem Herzen.
Als sie gelandet waren, hatten sie sich nur angeschaut. Aber in ihren Augen hatte er wohl alles gelesen, was sie sich zu sagen gescheut. Denn er hatte ihre Hände ganz fest ergriffen und nur gesagt:
„Zufrieden mit mir, Fräulein Hagen?“
Dann waren sie zusammen heimgefahren in seinem kleinen Sportwagen. Es war ein wundervoller Vorsommertag gewesen. Ja, er war ähnlich gewesen diesem Tage heute. — Walter Jansen, der sonst auch im Autofahren einen Schnelligkeitswahnsinn hatte, wie er es selbst nannte, war damals fast im Schneckentempo gefahren. „Will Ihr Wagen nicht mehr?“ hatte Marlene gefragt. Aber sie war feuerrot geworden, als Walter Jansen geantwortet: „Der Wagen will schon, bloss ich will nicht schneller. Ich möchte nämlich die Zeit des Zusammenseins mit Ihnen mit List und Tücke ein wenig verlängern, Fräulein Hagen.“
Sie vermochte nichts zu sagen. Sie widersprach auch nicht, als er sie bat:
„Lassen Sie uns doch den schönen Tag draussen zu Ende verbringen, Fräulein Hagen. Jetzt nach dem herrlichen Erlebnis des Fliegens an diesem schönen Sommerabend schon hinein in die stickige Stadt? Brrr — es schüttelt mich richtig. Wissen Sie was, wir fahren noch irgendwo hinaus und essen zusammen Abendbrot.“
Zögernd hatte sie gesagt:
„Ja, aber ich weiss doch nicht recht, mein Vormund ist krank. Ich weiss nicht, ob ich ihn allein lassen kann. Wüsste ich, dass er gut schläft, dann würde ich es vielleicht machen. Ich bin schon lange nicht mehr so richtig an die frische Luft gekommen.“ Ach, noch in der Erinnerung fühlte sie den guten warmen Blick Jansens, mit dem er sie angeschaut hatte. Dann hatte er gemeint: „Glauben Sie denn, Fräulein Hagen, ich habe nicht meine Absicht dabei gehabt, dass ich Sie heute auf den Flugplatz mitnahm? Verdammt schmal und blass sind Sie geworden in der letzten Zeit. Die paar Stunden draussen in der frischen Luft haben Wunder gewirkt. Sie schauen schon wieder ganz anders aus.“ Damit hielt er Marlene einen Taschenspiegel vor die Nase. Marlene, die sich im Spiegel sah, musste konstatieren, Walter Jansen hatte recht gehabt. Ihre Wangen zeigten ein zartes Rot, ihre Augen hatten wieder Glanz. Scherzend meinte sie, es wäre wirklich eine richtige kleine Erholungskur, die man heute mit ihr gemacht hätte. Walter Jansen hatte energisch erklärt, dass man eine gut begonnene Kur auf keinen Fall so schnell abbrechen dürfte. Dann hatte er Marlene veranlasst, mit der Pflegerin ihres Vormunds und Pflegevaters zu telephonieren. Marlene erfuhr, dass er gut und ruhig schliefe. Die Pflegerin selbst, eine freundliche ältere Diakonissin, hatte ihr zugeredet, den schönen Sommerabend draussen zu verbringen.
So hatte Marlene leichteren Herzens Walter Jansens Vorschlag annehmen können. Wie weh wurde ihr ums Herz, als sie jetzt an jenen Abend dachte. Sie hatten in einem kleinen Restaurant am Wasser gesessen. Ihr Platz war überdacht gewesen von einer grossen Kastanie, die ihre schattigen Zweige tief herabhängen liess. Die Zweige waren bestickt gewesen mit tausend Blütenkerzen; wenn der Wind ging, so glitt hin und wieder eine der weissrosa Blüten wie ein verträumter Falter durch die Luft auf ihren Tisch.
Walter Jansen hatte an diesem Abend mit Marlene noch kein Wort von Liebe gesprochen. Aber, wie er hier seine Zukunftspläne darlegte und immer wieder dazwischen sagte: „Ich will ja nicht nur für mich etwas erreichen aus Ehrgeiz, Fräulein Marlene, ich will auch, dass ein liebes Mädel einmal stolz auf mich sein kann und wissen soll: Bei dem Walter Jansen, da ist man gut aufgehoben. Glauben Sie, Fräulein Marlene, dass es einmal so etwas geben wird?“
Er hatte sie so bittend angeschaut mit seinen aufrichtigen, hellen Augen. Er hatte ihr seine Hand mit einer so ehrlichen Bewegung entgegengehalten, dass sie nicht anders gekonnt hatte, als einzuschlagen und zu sagen: „Das glaube ich schon, Herr Jansen ...“
Da hatte er sich über ihre Hand gebeugt und sie leise geküsst.
Sich wieder aufrichtend, hatte er mit einem tiefen Atemzug gesagt: „An dies Wort, Fräulein Hagen, will ich Sie erinnern, wenn ich glücklich von meinem Ostasienflug zurück bin. Ich soll dann erster Flugzeugkonstrukteur bei den Phönixwerken werden. Dann bin ich nicht mehr nur der Sohn meines Vaters, sondern ein Mann, der einer Frau Heim und Haus bieten kann. Bis dahin, Fräulein Marlene!“
„Bis dahin“, hatte sie leise erwidert.
Dann waren sie heimgefahren durch den duftenden Wald, durch die warme Nacht mit ihren vielen Sternen.
Leise ging der Sommerwind in Büschen und Bäumen, aus den kleinen Gärten der Bauernhäuser duftete es süss. Die Nacht war so zauberhaft, so erfüllt von Blühen und Werden. Sie war wie ein einziger Traum von Sehnsucht und Glück. Sehnsucht und Glück waren auch in Marlenes Herz gewesen.
Am nächsten Tage war Walter Jansen zu seinem grossen Ostasienfluge gestartet. Marlene hatte sich selbst gewundert, mit welcher Ruhe sie ihm vor seinem Vater und vielen anderen Menschen „Lebewohl“ sagen konnte. Aber die Zuversicht auf ihr gemeinsames Glück, das feste Vertrauen auf ihn liess keinen Abschiedsschmerz aufkommen. Er kam ja wieder, er kehrte ja zurück. Zurück zu ihr.
Und dann war alles anders gekommen! All dies Furchtbare. Sie war ganz allein gewesen. Sie hatte keinen Menschen neben sich, als Walter Jansens Vater sie mit Schimpf und Schande aus dem Hause jagte. Sie musste den Passionsweg allein gehen, der zu der Anklagebank und ins Gefängnis führte. Als sie aus dem Gefängnis herauskam, war der geliebte Vormund gestorben. Walter Jansen war drüben in Ostasien. Er schien keine Zeitungen gelesen zu haben. Erst nach vielen Wochen erreichte sie der erste Brief von ihm. Sein Vater musste ihm wohl Mitteilung von ihrer Verurteilung gemacht haben. Fragend, verzweifelnd waren seine Worte. Und immer wieder kehrte der eine Satz zurück:
„Erklären Sie es mir, Marlene. Erklären Sie es mir um Gottes willen. Ich möchte das alles nicht glauben. Und doch angesichts der unumstösslichen Tatsachen sage ich mir immer wieder, es muss doch Wahrheit sein. Marlene, warum haben Sie das getan? Wenn Sie in Not waren, obwohl ich das nicht begreife, wie das eintreten konnte, warum haben Sie sich nicht mir anvertraut? Warum musste es so weit kommen? Antworten Sie mir, Marlene. Wenn es nur ein Wort gibt, das Sie mir zur Entschuldigung Ihrer Handlungsweise anführen können, schreiben Sie es mir. Ich will es ja glauben, ich will es von Herzen glauben, denn ich kann mein Empfinden für Sie immer noch nicht aus meinem Herzen reissen. Wenn Sie mir nicht antworten, so komme ich zunächst nicht zurück. Ich habe ein glänzendes Angebot bei einer englischen Firma in Schanghai. Ich will nur wiederkommen, wenn ich Sie, von diesem furchtbaren Verdacht gereinigt, wiedersehen kann.“
Diesen Brief hatte Marlene nie vergessen. Wort für Wort war er in ihrem Gedächtnis eingebrannt. Er war schlimmer als alles, was sie seit dieser furchtbaren Katastrophe im Hause des Generaldirektors Jansen erlebt hatte. Also auch Walter glaubte an ihre Schuld! Er war bereit, diese Schuld zu vergessen. Aber dennoch, er hielt sie für schuldig. Damit hatte er ein härteres Urteil über sie gefällt als der Urteilsspruch der Richter. Damit hatte er aber über seine und ihre Liebe entschieden. Nie konnte sie einem Mann angehören, der so von ihr denken konnte. Niemals hätte sie einem Manne zumuten können, ein Mädchen mit einem solchen Makel als Frau heimzuführen. Und dennoch, mochten alle andern sie für schuldig halten: der Mann, der sie wirklich liebte, musste an sie glauben. Trotz allem.
Marlenes Stolz hatte sich in der Leidenszeit der Untersuchungshaft nur verschärft. Sie sah nur noch von sich, nicht mehr von anderen Menschen aus. Sie war zu stolz, irgend etwas aufzuklären oder an Walter Jansens Liebe zu appellieren. Sie schwieg. Als er in der Folgezeit noch zwei-, dreimal schrieb, sandte sie seine Briefe ungeöffnet zurück.
Da war Walter Jansen verstummt. Und nun lag sie hier unten in der Klinik von Geheimrat Schrombeck und weinte ihrer verlorenen Liebe nach.
*
Bei Hanna Sturm lief schon längst wieder alles im alten Gleise. Redaktionsarbeiten, Interviews und Reportagen wechselten miteinander ab. Die lebhafte Frau war trotzdem schlechter Laune. „Kinder, das ewige Einerlei! Stellt mich doch einmal vor eine wirkliche Arbeit! Vor eine Aufgabe!“
Chefredakteur Christians war über Hanna Sturms Unrast etwas verwundert. Temperament hatte sie ja immer, das Stürmchen. Aber eine solche Arbeitswut wie jetzt war denn doch noch nicht an ihr zu konstatieren gewesen. Es war geradezu wie eine nervöse Unrast. Und alles, seitdem sie diese verrückte Kliniksache gemacht hatte.
„Aufgabe — Aufgabe“, brummte er in seiner poltrig humoristischen Art, „haben Sie nicht eben erst Lebensretter gespielt, Verehrteste? War das noch nicht Aufgabe genug? Was macht übrigens Ihr Schützling?“
„Ich habe mich acht Tage lang nicht um ihn gekümmert. Vorderhand ist die Kleine ja noch im Sanatorium Schrombecks gut aufgehoben. Ehe sie nicht arbeitsfähig ist, möchte ich nicht eingreifen. Am besten, sie geht erst noch einmal ein paar Tage in ihre alte Umgebung zurück. Dann wird man weitersehen. Also, Sie sehen, Chef, mit dieser Aufgabe ist vorderhand meine Zeit noch nicht ausgefüllt. Ich brenne auf viel Arbeit.“
„Sie sind das komischste Menschenkind, das mir je vor die Augen gekommen ist. Ich, wenn ich nicht müsste, den Deubel scherte ich mich drum, so zu arbeiten. Gönnen Sie sich denn niemals ein bisschen Musse?“
„Musse bringt nur auf sentimentale Gedanken.“ Es war Hanna Sturm so entfahren, ohne dass sie es wollte.
Christians sah seine beste Mitarbeiterin vergnügt zwinkernd an:
„Wissen Sie was, Stürmchen, wenn ich das einmal sehen würde, dass Sie sentimentale Gedanken haben, dafür würde ich gleich hundert Mark zahlen. Sie und sentimentale Gedanken? Eher stürzt die Welt ein.“
Hanna Sturm hatte das Gespräch schnell auf etwas anderes gelenkt. Wie konnte sie sich auch so verraten? Wenn Christians, wenn alle hier, mit denen sie zusammen arbeitete und strebte, ahnten, wie es jetzt manchmal in ihrem Innern aussah! Seit jener Stunde, in der Schrombeck an ihrem Bett gestanden, in der sie aus ihrer Ohnmacht erwacht war, seitdem konnte und konnte sie sich nicht wiederfinden. Immer wieder musste sie an die frühere Zeit denken und an das, was sie damals ausgeschlagen hatte. Darum brannte sie auf Arbeit. Sie wollte nicht sentimental werden. Sie wollte nicht zurückdenken.
*
Aber auch andere Leute wie Christians konnten Hanna Sturms Arbeitswut immer weniger begreifen. Unter diesen anderen war Falter, die kleine Sekretärin. Das schüchterne, durch seinen verkrüppelten Körper oft behinderte Wesen stand bei der Beurteilung Hannas vor einem Rätsel. Hin und wieder Gast in dem schönen Landhause Hannas, kam ihr immer wieder der Gedanke, warum wohl eine Frau, die ein gütiges Schicksal vor der Not des Lebens bewahrt hatte, arbeitete? Der ältlichen Stenotypistin, die froh war, bei der Redaktion der „Zeit“ so etwas wie eine Lebensstellung gefunden zu haben, wollte es nicht in den Sinn, dass eine pekuniär sichergestellte Persönlichkeit schlechtergestellten das Brot nahm ...
Als der Falter sich einmal nicht in der Gewalt hatte und diese Ideen in der Setzerei laut werden liess, kam sie aber an die unrichtige Adresse. Von drei Seiten zugleich schrie man sie an, und am lautesten der junge Setzer Polenz: „Na, nu halten Sie aber den Mund! Hatten Sie denn keine Ahnung davon, dass Gehalt und Honorare restlos unserer Unterstützungskasse zufliessen? Was sie sich monatlich auszahlen lässt, deckt gerade die Spesen, die sie verbraucht! Flattern Sie also nur zurück an Ihre Klappermaschine, und schämen Sie sich!“
Diese rauhe, aber herzliche Aufforderung befolgte Falterchen so intensiv, dass Hanna ein aufgelöstes, heulendes Etwas vorfand, als sie auf die Redaktion kam.
Heute endlich war Hanna Sturm einigermassen zufrieden. Sie sollte ein Interview mit Walter Jansen, dem berühmten Ostasienflieger, aufnehmen, der für kurze Zeit nach Deutschland zurückgekehrt war. Sie kannte ihn persönlich gut. So hatte er ihr als einzige die Informationen zugesagt, um die sich die Reporter aller Blätter leidenschaftlich bemühten. Als Hanna Sturm jetzt in ihrem kleinen roten Wagen hinausfuhr nach Tempelhof, wurde ihr endlich wieder einmal freier zumute. Durch Jansen würde man endlich einmal wieder etwas von der grossen Welt da draussen hören, nach der man sich sehnte und in die man schon lange nicht hinausgekommen war. Hanna Sturm war es jetzt, als müsste sie einmal alles Gewohnte hinter sich lassen, einmal fliehen von all dem, was hier allzu nahe und allzu bekannt war. Fliehen auch vor sich selbst.
Pulsuz fraqment bitdi.