Kitabı oxu: «Im Schatten einer Frau»
Liane Sanden
Im Schatten einer Frau
Roman
Saga
Im Schatten einer Frau
© 1935 Liane Sanden
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711593349
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Erstes Kapitel
„Achtung, Aufnahme!“
Peters rief durch das Mikrophon. Wie abgeschnitten war sofort jeder Laut. In der Tonkamera sass Meersmann, schaltete die Apparatur ein. Die Jupiterlampen flammten auf. Nichts mehr war im ganzen Raum als dies ganz leise Zischen und der hastige Schritt der Stella Hollmers, die von der Seite her ins Bild kam. Mit einer sehnsüchtigen Gebärde wandte sie sich um, sah nach der Tür. Schon kam schnell Gregor Schuwaroff, ihr Partner, auf sie zu. Ein leidenschaftlicher Dialog der beiden Helden begann, den Peters mit angespannten Sinnen und losen Gesten leitete, dirigierte, entwickelte. Nun lagen sich Stella Hollmers und Schuwaroff in dem Arm. Die grosse Szene des dritten Aktes ging dem Höhepunkt zu. In dem Seitengang stand Michael Heinsigk. Sein kantiges Gesicht sah mit dem Ausdruck äusserster Spannung auf die Szene, die sich da vorn im Jupiterlicht abspielte. Herrlich, wie Stella diese Liebesszene aufbaute! Immer aufs neue war er hingerissen von der unmittelbaren Kraft ihrer Gestaltung. Immer wieder, wenn er sie sah, so hingegeben an ihre Kunst, rückte sie ihm fern, war sie etwas, was über ihm stand ganz hoch auf einem Gipfel, auf den er niemals emporklimmen würde. Dann konnte er es immer wieder nicht glauben, dass sie sein war, seine Frau, die ihn liebte und ihm gehörte. Dann fühlte er so ganz den unendlichen Abstand zwischen ihnen beiden. In seiner Entzückung schattete immer erneuter Schmerz. Noch gelang es ihm, durch seine Liebe diesen Abstand zu überbrücken. Aber wie lange?
Immer wieder klang diese Frage in ihm.
In einer Ecke des grossen Atelierraums stand Madelen Reddinghaus. Ihre Augen lagen mit spöttischer Feindseligkeit bald auf Stella Hollmers, bald auf Michael. Diese Hollmers war ihr ein Dorn im Auge. Sie hatte alles, was sie wollte, den Ruhm, den Reichtum, die Schönheit — und alle Männer, die sie nur haben wollte. Da war Michael, mit dem Malen in der kleinen Provinzstadt zusammen am Stadttheater engagiert gewesen war. Sie hatte damals versucht, Michael für sich zu gewinnen. In der Reihe der aus aller Herren Länder zusammengewürfelten Kollegen war er etwas Besonderes gewesen. Immer höflich, immer tadellos in den Manieren, hatte er nichts von der Saloppheit vieler anderer gehabt. Es hatte sie gereizt, diesen scheuen und vornehm wirkenden Menschen mit dem leidenschaftlichschönen Kopfe für sich zu gewinnen. Aber Michael war nur einigemal mit ihr zusammen gewesen — auf Spaziergängen und einmal beim Tee in ihrer kleinen Wohnung. Da aber hatte er sich so steif und zurückhaltend benommen, als ob er nicht gemerkt hätte, was sie wollte. Er war auf keinen zärtlichen Blick, auf kein versteckt lockendes Wort eingegangen. Schliesslich hatte sie es aufgegeben. Sie hatte keine Lust gehabt, über Gott und die Welt mit ihm zu philosophieren. Wenn er nicht wusste, was er einer jungen schönen Frau schuldig war, sie hatte keine Ursache ihm nachzulaufen. Aber sie hatte es ihm nicht verziehen, dass er als Einziger ihre Schönheit nicht zu sehen schien.
Es war ihr wie ein persönlicher Triumph, dass er in seiner künstlerischen Laufbahn nicht vorwärtskam. Sie hatte es ja gewusst, jemand, der Fischblut in den Adern hatte, wie konnte der ein Künstler werden, der die anderen Menschen entflammte? Der musste ja unbekannt und im Dunkel enden.
Madelen in ihrer Oberflächlichkeit wusste nicht, dass die künstlerische Leidenschaft nichts zu tun zu haben brauchte mit der Leidenschaft der Sinne. So beurteilte sie Michael Heinsigk völlig falsch. Er war kein temperamentloser Mensch. Aber er hasste mit dem Abscheu des seelisch feinfühligen Menschen Frauen, die ihrer Leidenschaft hemmungslos Ausdruck verliehen. Er hatte in sich tief verborgen ein Idealbild der Frau — und es war in nichts Frauen wie Madelen ähnlich. So übersah er ihre spöttische Nichtachtung, ja er bemerkte sie wohl nicht einmal. Seine Seele war erfüllt von Träumen, die einen ganz anderen Inhalt hatten. Als er später Stella Hollmers kennenlernte, wusste er, wofür er sich so lange aufbewahrt hatte. In Stella Hollmers fand er jenes reine Ideal der wirklichen Frau verkörpert, das er mit der ganzen Inbrunst seiner scheuen Seele gesucht. Dass dieses Frauenideal als ein lebender und ihn liebender Mensch ihn zum Lebensgefährten erwählen würde, hätte er niemals zu hoffen gewagt. Stella Hollmers, eine der grössten Künstlerinnen — und er, ein unbedeutender kleiner Schauspieler? Aber das Wunder geschah. Stella Hollmers erwählte ihn vor allen andern Bewerbern um ihre Hand. Glück und Angst waren in seiner Seele seltsam gemischt, als sie beide vor dem Altar in Stella Hollmers Heimat, der schönen Hansastadt standen. Glück, weil er die schönste, edelste Frau sein eigen nennen durfte. Angst, weil er alle die Konflikte vorausfühlte, die sein Leben beschatten mussten. Hier in Berlin sah er unerwartet Madelen wieder. Sie war von der Bühne ganz zum Film übergegangen und war nun an der gleichen Filmgesellschaft wie Stella Hollmers engagiert. So kam sie wieder in Berührung mit Michael. Ihr Groll gegen ihn war nicht geschwunden. Im Gegenteil, dem Manne der Stella Hollmers galt ihre besondere Abneigung. Stella Hollmers stand ja ihrer eigenen Karriere im Wege. Sie hatte beim Engagementsabschluss die Hoffnung gehegt, die grossen Starrollen bei der neuen Gesellschaft spielen zu können. Da war im letzten Augenblick ein Vertrag mit Stella Hollmers zustande gekommen, die bis dahin bei einer anderen Gesellschaft tätig gewesen. Mit den stolzen Träumen Madelens war es vorbei. Sie konnte noch so viel intrigieren, noch so liebenswürdig gegen die gewaltigen Direktoren des Films sein, man konnte gegen Stella Hollmers nicht ankommen.
„Was wollen Sie, Kind“, hatte einer der Direktoren achselzuckend gesagt, „das Publikum frisst jeden Stella-Hollmers-Film wie der Feinschmecker den Kaviar.“
„Oder wie der Esel die Heubündel“, war Madelens boshafte Erwiderung gewesen. Da hatte der Direktor nur milde lächelnd geschlossen:
„Schön, auch das, wenn Sie wollen. Wenn Sie das Publikum als Esel bezeichnen, kann man nichts machen. Obwohl im Falle Stella Hollmers ich das Publikum gar nicht dumm finde. Das eine aber ist sicher, wenn wir die Beliebtheit der Hollmers nicht ausmünzen würden, wären wir wahrhaftig die Esel. Was wollen Sie übrigens? Sie sind in jedem Film unserer Produktion in einer Rolle beschäftigt. Sie könnten also zufrieden sein.“
Er hatte ihr begütigend die Wange streicheln wollen, aber sie hatte sich mit blitzenden Augen losgerissen:
„Tragende Rolle — immer neben der Hollmers. Immer im Schatten dieser Frau.“
Spottend hatte der Direktor gemeint, „dann trösten sie sich mit dem guten Michael. Der steht immer im Schatten seiner Frau.“
Dies Wort hatte Madelen sofort kolportiert. Michael hiess seitdem nur noch „Der Mann im Schatten.“
Der Direktor hatte nicht gewusst, dass er mit seinen nur spöttisch gemeinten Worten Madelen doppelt getroffen. Denn dass Michael, der sie verschmäht hatte, nun Stella Hollmers Mann war, war ein erneuter Grund für Madelens Wut. Wenn sie diese beiden Menschen nur auseinander bringen könnte! Daran dachte sie jetzt, wie sie seitlich an eine Kulisse gelehnt stand und das Spiel der Stella Hollmers betrachtete. Sie stellte wieder einmal mit brennendem Neide fest, wie alle hier, soweit sie nicht beschäftigt waren, mit Begeisterung diesem Spiel folgten. Sogar Schuwaroff, der einen Augenblick aus dem Bilde zu gehen hatte, sagte leise zu einem Kollegen: „Geradezu unvergleichlich, wie diese Frau spielt.“
Madelen biss sich auf die Lippen. Schuwaroff, auch er! Auch er im Banne dieser hochmütigen Person. Schuwaroff, der ihr hätte nützen können, der neben Stella Hollmers als berühmtester Star selbst mit den Direktoren umspringen konnte, wie er wollte. Ein paar Tage hatte es den Anschein gehabt, als ob er ihr Werben bemerkte. Aber dann war Stella Hollmers erschienen. Und mit Schuwaroffs Interesse schien es genau so vorüber, wie damals mit Michaels. Alles riss sie an sich, diese Hollmers — und man stand mit all seiner Schönheit, seinem Talent und seiner Gier nach Ruhm doch immer in der zweiten Reihe.
Wenn man es ihr doch einmal eintränken könnte, der Rivalin. Aber dazu war vorderhand nicht die geringste Aussicht; vom kleinen Laufjungen bis zum Kulissenschieber, vom Hilfsregisseur bis zu dem gewaltigen Peters, dem Regisseur, von dem kleinsten kaufmännischen Angestellten bis zum Generaldirektor hinauf, alles lag in Verzückung gleichsam auf den Knien vor Stella Hollmers.
Einen einzigen Triumph hatte Madelen bis jetzt — und das war die Gewissheit, dass Michael Heinsigk in der Ehe mit Stella Hollmers nicht glücklich war. Sie sah es ja jetzt seinem Gesicht an, mit welch verzweifelter Miene schaute er Stella und Schuwaroff zu. Vermutlich glaubte er, dass Schuwaroff ihn bei Stella verdrängen könnte. Und das würde ihm auch ganz recht geschehen, diesem Träumer, diesem Toggenburger, der Limonade in den Adern zu haben schien statt warmem, heissem Blut. Ob die Stella wirklich was mit dem Schuwaroff hatte? Nun, was nicht war, konnte ja noch werden. Da konnte Michael Heinsigk einmal am eigenen Leibe spüren, was es hiess, wenn man verschmäht wurde.
In ihrem eifersüchtigen Neide auf Stella vergass Madelen beinahe, dass sie sich ja auch für Schuwaroff interessiert hatte. Aber Schuwaroff war ein Mensch, der die Abwechslung liebte. Er war noch keiner Frau treu geblieben. Auch die Hollmers würde ihn nicht halten, wenn sie ihm erst einmal ihre Gunst geschenkt hatte. Dann war er sehr schnell übersättigt und sah sich nach einer neuen Liebe um. Dann war vielleicht ihre Zeit gekommen. Dann war Michael unglücklich und Stella Hollmers vielleicht auch. Dann würde sie, Madelen, triumphieren. Es war noch nicht aller Tage Abend. Die Beliebtheit eines Filmsterns wechselte so schnell wie die Jahreszeiten. Eigentlich sah die Hollmers doch oft schon recht alt aus. Zum Beispiel heute! Aber wie konnte man auch ohne alles Make up, ohne alle Schminke und allen Puder sich in der Öffentlichkeit zeigen? Auch auf der Probe musste man doch tadellos zurechtgemacht erscheinen. Sie zog ihren flachen Spiegel mit der Puderdose heraus und besah sich liebevoll. Nein, einmal würden auch die andern sehen, dass sie es mit Stella Hollmers aufnehmen konnte!
„Dritter Akt, vierte Szene“, rief das Mikrophon am Munde von Peters durch den ungeheuren Atelierraum.
Stella löste sich von Schuwaroff, ging mit einem Nicken durch das Atelier, stand neben Michael.
„Wie war’s“, fragte sie leise.
„Wunderbar, Stella, ganz wunderbar.“
Stella wurde rot:
„Ach, du lobst mich immer“, sagte sie. Sie sagte es wie ein ganz kleines Mädchen, das sich schämt. In ihren Augen stand tiefe Liebe.
„Du“, flüsterte sie leise und rührte heimlich an Michaels Hand.
Das Mikrophon rief.
„Mein Auftritt“, sagte Michael hastig.
Auf der Szene dröhnte es noch von Umbauten. Arbeiter in blauen Blusen schleppten Möbeldekorationen. Peters in seiner Lebhaftigkeit rannte dazwischen, legte selbst mit Hand an. Der Hilfsregisseur kam mit dem Buch. Der Maler Sternau sprach aufgeregt und offenbar wütend auf Peters ein.
„Lassen Sie mich in Frieden“, schrie Peters, „die Dekoration bleibt, wie sie ist. Wenn es Ihnen nicht passt“ — das letzte verlor sich in einem wütenden Murmeln.
Inzwischen stand Michael wartend mit ein paar anderen Schauspielern auf der Szene. Es war eine kleine Ensemblesache. Er hatte eine Charge zu spielen, wie immer eine kleine Rolle.
„Wollen Sie sich nicht ausruhen, Stella“, fragte Schuwaroff — er hatte noch ein paar Worte mit dem Hilfsregisseur gesprochen, der ehrerbietig vor dem Star der Welt-Film-A.-G. stand —, „oder wollen Sie den Auftritt Ihres Mannes mit sehen?“
Es klang ganz harmlos. Aber in Schuwaroffs Zügen war ein kleiner Ausdruck von Bosheit. Stella mit ihren feinen Nerven fühlte es sofort.
Ein heftiges Rot lief über ihr bleiches Gesicht. Hastig sah sie zu Michael herüber. Hatte der etwas gehört? Ein eigentümlicher Blick kam zu ihr. Was alles lag in diesem Blick? Sicher, wenn er auch nichts gehört hatte, dann fühlte er doch Schuwaroffs Bemerkung.
Sie nickte ihrem Mann zu. All ihre Zärtlichkeit, all ihre Güte legte sie hinein in diesen Blick.
„Lass sie reden“, sagte dieser Blick, „was kümmert’s dich? Ist denn das alles so wichtig? Die Hauptsache sind doch wir beide: du und ich.“
Aber Michaels Gesicht verlor nicht das Bedrückte. Er wandte sich seinem Partner zu. Schon kam auch Peters aus irgendeiner Ecke des Riesenateliers hervorgeschossen. Hinter ihm die unvermeidliche Suite der Hilfsregisseure, des Requisiteurs.
Peters schien zehn Münder, zwanzig Hände und viele Gehirne auf einmal zu haben, wie er jedem von seinen Begleitern antwortete, ihnen befahl, abwehrte, zustimmte.
„Grosse Gesellschaftsszene, Heinsigk“, rief er jetzt, „Sie sehen aber gar nicht aus wie einer, der in fünf Minuten die Dollarerbin vor dem Pistolenschuss retten will. Nehmen Sie es mir nicht übel, Sie sehen aus, als wären Sie selber erschossen.“
Stella drehte sich um, ging hastig ihrer Garderobe zu. Sie konnte es nicht mehr ertragen. Sie hatte es nicht für so schwer gehalten. Da stand nun Michael, der Mann, den sie liebte; dem sie gehörte bis in die letzte Faser ihres Seins, stand da und musste sich von einem Regisseur wie Peters alles mögliche gefallen lassen. Im allgemeinen wurde er ja ein bisschen besser behandelt als die meisten der anderen kleinen Schauspieler. Aber auch das tat man ihr, Stella Hollmers, zuliebe. Sie wusste es ganz genau. Alles tat man ihr zuliebe. Sie war der Star, und Michael ein kleiner Chargenspieler. Sie wusste, er litt darunter. Schweigend. Nie hätte er etwas gesagt. Aber wie oft kam es in den Stunden ihrer Liebe, in den Stunden der Zärtlichkeit, dass er sie an sich riss und mit einer angstvollen Glut fragte:
„Liebst du mich? Liebst du mich wirklich, Stella? Bin ich dir nicht zu wenig?“
Dann überschüttete sie ihn mit Zärtlichkeiten, mit der ganzen Güte ihres Herzens. Immer wieder sagte sie es ihm, dass er der einzige Mann für sie wäre. Aber ob er es glaubte? In seiner Leidenschaft war etwas wie verzweifelte Angst. Dann umschlang er sie, als fürchtete er, sie verlieren zu müssen.
Stella sass in ihrer Garderobe. Nebenan hörte sie Schuwaroff mit dem Friseur reden. Irgend jemand schien einen Witz zu erzählen.
Jetzt lachte Schuwaroff auf. Deutlich meinte sie die Worte zu hören. Sprach man nicht von ihr und Michael? Sie presste die Hände an die Ohren. Schloss die Augen. Sie wollte nichts sehen, nichts hören. Es war schrecklich, dass der Mann, den sie so liebte, vor den anderen nur „der Mann seiner Frau“ war.
Draussen stand Michael auf der Szene, spielte seine Rolle.
„Menschenskind, so geht das doch nicht“, jammerte Peters, spielte ihm die Szene vor, „Herrgott, Mann, wenn Sie doch nur einen Funken von dem Talent gewisser anderer Leute hätten.“
Michael erbleichte.
„Na ja, schon gut“, sagte Peters einlenkend. Er wollte den Mann der Stella Hollmers nicht kränken. Man musste auf den Star der Weltfilm-A.-G. Rücksicht nehmen. Wäre das nicht gewesen, nie im Leben hätte man Michael Heinsigk engagiert. Für ganz kleine Aufgaben mochte er gehen. Aber eigentlich hätte man schon die heutige Rolle nicht mit ihm besetzen dürfen. Doch die Stella Hollmers hatte es ja kontraktlich, dass in jedem ihrer Filme ihr Mann beschäftigt sein musste. Wenn es nach ihr gegangen wäre, würde Michael Heinsigk am Ende gar noch ein männlicher Star bei der Weltfilm sein sollen!
Merkwürdig, wie blind Frauen waren, wenn es um die Liebe ging! Peters breiter Mund lächelte zynisch. Was hiess schon Liebe? Ein Mann war wie der andere. Eine Frau wie die andere. Die Hollmers verpatzte sich durch ihre blöde Heirat die besten Chancen. Holywood hätte sie schon längst engagiert. Sie tat es ja nicht ohne ein Doppelengagement. Und Dadson, der allmächtige Beherrscher des amerikanischen Filmmarktes hatte es schliesslich nicht nötig, solche Bedingungen anzunehmen. Immerhin hatte die Hollmers ja noch einige Rivalinnen, die klüger waren und sich nicht mit einem solchen Ballast von Mann beschwerten. Für die Weltfilm-A.-G. war das allerdings noch ein Glück, denn sonst wäre die Hollmers schon längst in Dollarien gelandet. Dieser Gedanke beruhigte Peters etwas.
„Nochmal die Szene“, sagte er, „Herr Heinsigk, so war’s schon besser. Nur mehr aus sich herausgehen! Mehr Feuer, mein Lieber, inneres Feuer!“
Michael versuchte, inneres Feuer zu zeigen. Er wusste ganz genau, wie er seine Rolle spielen musste. Er sah sie vor sich, er hörte sie.
Wie ausserhalb von sich sah er einen Michael Heinsigk stehen, der alles so gestalten konnte, wie er es selbst fühlte. Aber zwischen dieser Phantasiegestalt und seinem wirklichen Ich stand die grosse Hemmung. Immer wieder, wenn er seine innerliche Empfindung vor den fremden Menschen zeigen wollte, war es wie eine innere Fesselung, eine Scham. Das, was er fühlte, vor tausenden Menschen zu enthüllen, war es, was ihn nie weiterkommen liess. Hätte er eine Kunst gehabt, auf der nicht die Augen von Tausenden lagen, das wäre etwas anderes gewesen. Aber wie gross diese Hemmung war, hatte er nicht gewusst, als er in den Beruf hineinging. Anstatt sich zu lockern, schien er sich mit der Zeit immer mehr in sich zu verkapseln. Und deswegen würde er nie etwas erreichen. Schuwaroff zum Beispiel, man brauchte den nur anzusehen, der Mann explodierte förmlich, wenn er auf die Szene kam. Es war oft schon beinahe grandiose Schamlosigkeit, wie er in seinem Spiel alle Triebe enthüllte, aber bewundernswert. Und doch um alles in der Welt hätte Michael nicht dastehen mögen, wo Schuwaroff stand, selbst wenn er dadurch der grosse Star geworden wäre. Es war eben etwas Verpfuschtes in seinem Beruf. Hätte er nur etwas anderes gekonnt, gewusst, aber wenn er ihn aufgab, dann war er noch mehr der Mann seiner Frau.
Wie oft hatte Stella es ihm schon gesagt, wenn er eine förmliche Angst vor dem Sich-zur-Schau-Stellen überkam.
„Lass es doch, Michael. Löse den Vertrag, du musst doch nicht. Ich verdiene doch genug.“
Da hatte er sie gequält gebeten, nicht weiter zu sprechen. Dieses bisschen Verdienst, dies bisschen selbständige Stellung, mochte sie auch weit unter ihr sein, gab ihm ein wenig Selbstbewusstsein. Da hatte sie nicht weiter gedrängt. Sie hatte ihn wohlverstanden.
Aber auch dieses schweigende Verstehen in seiner verzweifelten, zerrissenen Stimmung war eine Last. Auch Güte konnte Last sein. Alles empfing er von ihr. Sein ganzes Leben war überstrahlt von ihrem Glanz. Auch äusserlich. Er gönnte ihr alles, alles. Kein Mensch konnte ihren Ruhm leidenschaftlicher wünschen als er. Aber er war hellsichtig genug, zu wissen: Die Stellung, die sie zueinander hatten, war falsch. Die Zeiten waren vorbei, wo der Mann hoch oben stand als Gebieter, Herrscher, Entscheidung über das Leben der Frau brachte. Und es war gut, dass sie vorbei waren. Von jeher war er ein leidenschaftlicher Verfechter der Frauenrechte und Frauenentwicklung gewesen. Aber so, wie es zwischen ihm und Stella war, war es unheilvoll. Neben einander mussten Mann und Frau stehen, nicht die Frau hoch oben und der Mann tief unten. All ihre Liebe konnte ihn darüber nicht hinwegtäuschen. Er war der Mann der berühmten Schauspielerin Stella Hollmers. Ohne sie war er ein Nichts. Ohne sie hätte er nicht einmal diese Stellung hier. Das war es, was ihn lähmte, immer mehr, statt ihn vorwärts zu bringen. Als er Stella noch nicht gekannt, hatte er die Hemmung gegen die Entblössung seiner Gefühle auf der Szene überwinden können. Seitdem er sie liebte, wurde ihm das aber immer schwerer und schwerer.
Er litt in seinem Stolze als Mann und im Stolze für sie. Er wusste, wie man ihr beider Verhältnis beurteilte. Und sie selbst, Stella, war Weib genug, war so ganz Weib. Mochte sie nicht oft im stillen wünschen, einen gleichwertigen Menschen neben sich zu sehen? So konnte sich die Natur einer Frau nicht verleugnen, dass sie nicht wünschte, auf den geliebten Mann stolz zu sein. Wenn sie auch jetzt die Augen davor verschloss. Einmal würde der Tag kommen, da dieses Urgefühl des Weibes durch alle Liebe hindurchbrechen würde. An diesem Tage würde er verloren sein.
Schuwaroff hatte in den Ensembleszenen nichts zu tun. Hinterher aber wurde noch ein Stück des Films mit ihm gedreht. So beschloss er, in der Kantine sich zu erholen. Er hatte erst gehofft, mit Stella Hollmers noch ein Weilchen plaudern zu können. Aber sie war ja so betont schnell in ihrer Garderobe verschwunden, dass er genau gemerkt hatte, sie wollte nicht. Immer stellte sie ihre ganze Beziehung nur auf die gemeinsame Arbeit, war freundlich, liebenswürdig — aber nicht um einen Grad mehr als es die gemeinsamen Arbeitsinteressen erlaubten. Der Frau in ihr kam er auch nicht um einen Schritt näher. Und gerade das reizte den verwöhnten Frauenliebling. Er war gewöhnt, dass die Frauen ihm beim ersten Blick entgegenkamen. Dass sie seine Gunst suchten — dass der Mann und der grosse Star gleicherweise anziehend für sie waren. Vielleicht taten es manche auch aus Berechnung, wie die kleine Madelen — aber das machte nichts. Der Film war das Kampffeld des Ruhms, auf dem erbittert um jeden Zoll Boden gerungen wurde. Schuwaroff wusste selbst genau genug, dass Protektion und Beziehungen hier oft mehr bedeuten konnten als Talent. Und so nahm er es niemandem übel, der Gefühle mit Geschäften verquickte. Gerade darum reizte ihn wohl Stella Hollmers Verhalten besonders. Sie hatte niemals die geringsten Konzessionen gemacht — und sie war trotz dessen auf die Höhe gekommen, auf der sie jetzt stand. Er musste sich zugeben, sie war das Vollkommenste, was er je gesehen. Ihre Schönheit war ebenso makellos wie ihre Kunst. Gerade das machte sie ja so begehrenswert. Die erste Frau, die sein Werben nicht verstand — oder nicht verstehen wollte. Und warum eigentlich? Doch nicht etwa wegen dieser Null, dieses Michael! Es war schon unbegreiflich genug, dass sie ihn überhaupt geheiratet hatte. Aber lieben konnte sie ihn doch unmöglich heute noch! Damals war es vielleicht eine Laune, damals war sie ja auch noch nicht so berühmt. Aber jetzt? Was konnte ihr ein unbedeutender kleiner Filmschauspieler sein? Das Ganze war unbegreiflich und beinahe ein wenig lächerlich. Mit spöttischem Lächeln sah er der Szene zu, in der Michael jetzt spielte. Wie schwunglos das alles war, ohne die grosse Linie, die man auch in die kleinste Rolle hineinbringen konnte. Schuwaroff war einer jener Schauspieler, die mit einer beinahe nachtwandlerischen Sicherheit die Linie für eine jede darzustellende Figur fanden. Die Schauspielkunst war bei ihm etwas so Naturgegebenes, dass er kaum nachdenken brauchte, wie er diese und jene Rolle zu gestalten hatte. Das gab seiner Darstellung das Fortreissende und Wahrhaftige. Diesem naturgewachsenen Talent verdankte er seinen Ruhm. Darum aber begriff er ganz einfach nicht, wie jemand ein schlechter Schauspieler sein konnte. Er verachtete schlechte Schauspielkunst geradezu. Entweder man hatte den göttlichen Funken, oder man hatte ihn nicht, pflegte er zu sagen. Michael Heinsigk hatte ihn nicht. Wäre er nicht der Mann der Hollmers gewesen, keine Filmgesellschaft von Rang hätte ihn beschäftigt. Und ein Mann, der nur durch eine Frau gemanagt worden, sollte die Liebe dieser Frau auf die Dauer bewahren? Das war nach seiner Ansicht unmöglich.
Er zuckte hochmütig die Achseln und sagte leise zu Madelen, die neben ihm stand:
„Schauderhaft, so etwas. Man bekommt direkt Magenschmerzen.“
„Wollen wir lieber frühstücken gehen, Boris?“
Schuwaroff nickte. Er hatte die kleine blonde Madelen ganz gerne. Sie hatte sowas wie von einem hübschen kleinen Angorakätzchen, sicher, wenn man sie streicheln würde, würde sie schnurren. Wenn die Hollmers ihn abfallen liess, nun warum sollte er nicht inzwischen einen kleinen Flirt mit der kleinen Madelen haben.
„Also kommen Sie“, er fasste sie vertraulich unter den Arm und ging mit ihr der Kantine zu. Madelen war innerlich glücklich. Dass man sie so vertraut mit Boris Schuwaroff hereinkommen sehen würde, schmeichelte ihrer Eitelkeit. Schuwaroff zum Freunde zu haben, bedeutete viel für eine Schauspielerin, die noch um den Platz an der Sonne kämpfte. Und sie wollte diesen Platz erobern, sie wollte eine Filmdiva werden, so gross wie diese hochmütige Hollmers. Vielleicht konnte Schuwaroff ihr dazu verhelfen. Schliesslich würde er es doch satt bekommen, Stella Hollmers nachzulaufen. Sie kannte seine Eitelkeit. Hoffnungslose Bemühungen um eine Frau, das konnte er schon um seiner Selbstgeltung willen sich nicht lange gestatten.
Im Vorübergehen warf Madelen durch eine offenstehende Tür schnell einen Blick in den Spiegel eines Schminkzimmers. Nun, sie brauchte sich vor der Hollmers wirklich nicht zu verstecken. Sie hatte ebenso schönes, leuchtendes Haar — ihre Augen waren zwar nicht goldbraun wie die der Hollmers, sondern blau — aber strahlend und von jener lichten Kindlichkeit, wie sie jetzt so beliebt war. Ihre zierliche, schlanke Gestalt reckte sich wohlgefällig — und nun traf sie im Spiegel Schuwaroffs Gesicht —
„Na, kleine Madelen, Sie finden sich gewiss sehr hübsch?“ fragte er leise und mit einem zärtlichen Unterton.
„Aber Sie finden mich noch viel, viel hübscher“, gab sie schlagfertig zurück. Er lachte amüsiert, die kleine kecke Person machte ihm Spass.
„Woher wissen Sie?“
„Weil Sie nur schöne Frauen auffordern, Sie zum Frühstück zu begleiten.“
Nun musste er doch laut auflachen:
„Eigentlich waren Sie es ja, die mich aufgefordert hat, mit ihr zu frühstücken, kleine Madelen.“
„Pfui.“
Madelen machte ein heiter strafendes Gesicht, „wo bleibt Ihre slawische Galanterie, mein Herr? Seit wann widerspricht man, wenn eine Dame etwas behauptet?“
„Oh, Pardon“, Schuwaroff zog die kleine rosige Hand, die auf seinem Arme lag, an die Lippen und hielt sie einen Augenblick an seinem Munde, „ich gelobe Besserung, meine Gnädige. Also ich habe Sie zum Frühstück eingeladen. Darf ich um die Ehre bitten?“
Sie raffte ihr Kleid, dass die schlanken Beine in den hellgrauseidenen Strümpfen zum Vorschein kamen, „Sie dürfen, mein Herr“.
Dabei machte sie eine tiefe, zeremonielle Hofverbeugung. Ihre Augen sahen mit einem schillernden, übermütigen Blick in die Schuwaroffs. Und da — wie er auf sie niederschaute, die sich da spielerisch vor ihm verneigte, sah sie in seinen Augen ein Aufglimmen — sie kannte es von andern Männeraugen her —. Da wusste sie, der Funke war von ihr zu Schuwaroff übergesprungen. —
Triumphierend ging sie an seiner Seite, fühlte, wie sein Arm sie unmerklich an sich drückte. An den Blikken der vorübereilenden Komparsen und Tanzmädchen merkte sie, alle dachten das gleiche:
Der mächtige Schuwaroff interessierte sich für sie. Damit stieg sie gewaltig im Werte — auch für die Filmgesellschaft. Wenn sie es nur ein wenig klug anfing — Schuwaroff hatte sich gerade von Lia de Vernand getrennt, mit der man ihn ein paar Wochen verlobt gesagt. Vielleicht verliebte er sich ernstlich in sie. Sie sah sich schon als Partnerin Schuwaroffs in einem grossen Film — sah ihrer beide Namen nebeneinander an erster Stelle der Programme und Filmzeitschriften — ein heftiger Atemzug hob ihre Brust — der Ehrgeiz brannte stärker denn je in ihr auf. Sie wusste nicht, ob sie Schuwaroff liebte oder den Ruhm in ihm. Das war wohl alles eins. Und nur wer so hoch oben stand wie diese hochmütige Hollmers brauchte sich um so etwas nicht zu kümmern.
In der Kantine der Filmgesellschaft war ein buntes Durcheinander. Ein Fremder, der hier hereingekommen wäre, hätte sicherlich geglaubt, in ein Faschingsvergnügen hineingeraten zu sein. Alle Kostüme und Masken aller Zeiten waren hier bunt durcheinander gewürfelt. Denn in dem riesenhaften Ateliergebäude wurde ja nicht nur der eine moderne Film mit Stella Hollmers und Schuwaroff als Hauptspieler gedreht. Der Atelierkomplex bestand aus zehn grossen und mehreren kleinen Ateliers — es war eine ganze kleine Filmstadt, die hier draussen auf dem freien Gelände aufgebaut war. Und in einem jeden Raum wurde etwas anderes gearbeitet. Die Gesellschaft war in mehrere Untergesellschaften aufgeteilt — und sie alle drehten grössere und kleinere Filme. Infolgedessen sah man auch in den Arbeitspausen hier in der Kantine die verschiedensten Zeit- und Stilepochen durch die verschiedenen Kostüme vertreten. Da waren Grenadiere aus der Zeit des Alten Fritz, da sassen ein paar Römerinnen aus der Zeit des römischen Kaiserreiches. Ein paar Cowboys, die geradezu aus Wildwest hierher importiert zu sein schienen, sassen einträchtig am Tische mit ein paar jungen Mädels in koketter, moderner Zofentracht. In einem der Ateliers wurden Szenen zu einem phantastischen Film gedreht, ein Mann in enganliegendem schwarzem Wams, mit einem Mephistobart und einer Kappe mit aufgesetzten Teufelshörnern teilte behaglich ein grosses Schnitzel und sah durchaus nicht teuflisch aus.
Lachen und Scherzen flog von einem Tische zum andern. Alles sass durcheinander. Es gab keinen Rangunterschied. Unaufhörlich liefen die Kellner mit den gefüllten Tabletts voll Speisen und Getränken umher. Die Arbeit im Atelier war eine sehr anstrengende Tätigkeit — von der sich ein Laie keine Vorstellung machen konnte. Die Hitze der tausendkerzigen Jupiterlampen, die Wärme von Schminke, Perücken, Kostümen, das allein genügte schon, um die Kräfte der Menschen zu verbrauchen. Dazu kam die immerwährende Anspannung der Nerven, denn manche Szene wurde fünf-, zehn-, zwanzigmal geprobt, ehe sie für die Aufnahme „sass“. Viele kleine Schauspieler mussten ganze Tage im Atelier zubringen, nur um eine Szene von einer halben Stunde zu spielen. Denn anders wie beim Theater wird ja beim Film nicht Szene nach Szene in der aufeinanderfolgenden Anordnung gespielt — sondern man spielt alle Szenen, die in ein und derselben Dekoration spielen, um nicht immer wieder neue Umbauten vornehmen zu müssen. Diese fortwährende Dienstbereitschaft, dies Warten von Stunde zu Stunde zehrte an den Nerven. Dazu kam, dass die Finanzabteilung der Gesellschaft das Tempo der Arbeit immer schneller gestaltet wissen wollte. Denn jeder Tag Atelierarbeit kostete Tausende. So arbeitete man in den Zeiten der Filmherstellung von morgens bis abends. Oft mussten alle, Hauptdarsteller wie Komparsen, schon um sieben Uhr zur Aufnahme da sein. — Kein Wunder, dass in den Frühstückspausen der Körper gebieterisch sein Recht verlangte.
Schuwaroff bahnte sich, Madelen am Arme, seinen Weg bis zu einem Ecktisch, an dem einer der Produktionsleiter mit ein paar Regisseuren und einem jungen Dichter sass. Es wurde gerade über die Ausgestaltung eines neuen Drehbuches verhandelt.
„Heda, Schuwaroff“, rief man dem Schauspieler zu, „kommen Sie mal her, eine Bombenrolle für Sie, die unser junger Dichter da anbringt.“
Schuwaroff machte eine abwehrende Handbewegung, „lassen Sie mich mit Bombenrollen unbekannter Leute zufrieden, schliesslich wird es wieder ein Reinfall, wie der letzte Film von Lorenzius-Kinder, wenn ihr wieder solch einen Unfug macht, dann habt ihr mich und die Hollmers zum letzten Male gesehen.“
„Na, schön“, lachte der eine Regisseur, „wenn Sie’s nicht mal hören wollen, müssen wir halt den Mathies fragen, ich sage Ihnen, das ist ein Schlager, ein ganz grosser. Freilich, wir müssen ihn erst drehreif machen“, fügte er schnell hinzu, als er das glückliche Gesicht des jungen Schriftstellers sah, er war der Meinung, dass man das Selbstbewusstsein der Dichter nicht aufkommen lassen dürfte. Die Leute verlangten dann womöglich, genau soviel zu verdienen wie man selbst. Dabei war das schönste Dichtwerk nichts ohne die formende Hand der Regisseure. Dass die Dichter sich wiederum beklagten, weil von ihren Werken beinahe nichts mehr übrigblieb, war eine andere Sache und rührte den Regisseur nicht.
„Bitte, bitte, Herr Schuwaroff“, sagte leise Madelen, „wir wollen doch einmal hören. Denken Sie, wenn man wirklich Mathies hier engagierte —“
Schuwaroff machte ein finsteres Gesicht. Das durfte nicht sein. Dieser junge Friese war plötzlich aufgetaucht und hatte gleich in einem Film einen ungeheuren Erfolg gehabt. Er war der richtige Typ für die grossen deutschen Filme, die man nun drehte. Schuwaroff liebte es nicht, wenn ein anderer Typ Erfolge hatte. Die Filmgewaltigen waren immer geneigt, die Beliebtheit und die Art eines bestimmten Schauspielers für eine bestimmte Sorte Filme auszunützen. Es konnte ihm nicht daran gelegen sein, dass sein exotisches Aussehen plötzlich an Interesse verlor.
So ging er denn mit Madelen zusammen an den Platz, von dem aus man ihn gerufen hatte.
„Na, Madelen“, fragte der Produktionsleiter, „wie fühlen Sie sich denn so mitten unter den Stars?“
„Genau so, wie man sich fühlt, wenn man bald dazugehören wird“, gab sie keck und schlagfertig zur Antwort.
Alles lachte. Der Regisseur klemmte sein Monokel ein und sah Madelen prüfend an:
„Alle Achtung, Witz haben Sie, Kerlchen. Und an krankhafter Bescheidenheit scheinen Sie auch nicht zu leiden.“
Da sah Madelen den Regisseur mit einem koketten Blick an:
„Habe ich das nötig, Herr Doktor? Bescheiden braucht man nur zu sein, wenn man hässlich oder untalentiert ist.“
„Na, hässlich, dass kann man Ihnen nun ja nicht nachsagen. Und untalentiert — na?“
„Wenn ich untalentiert wäre, dann hätten Sie mich sicher nicht engagiert! Im übrigen, Sie brauchen es ja nur einmal mit einer grösseren Rolle versuchen, da werden Sie ja sehen, was ich in Wahrheit leisten kann!“
„Auf den Mund gefallen ist sie wirklich nicht, die kleine Madelen“, brummte der Produktionsleiter, „wäre ja auch schade um den hübschen Mund.“
„Ob die Dame nicht sehr geeignet wäre für die Hauptrolle in meinem neuen Stück“, flüsterte der Dichter dem Regisseur zu, „gerade so habe ich mir die Anneliese vorgestellt, so eine Mischung von Kindlichkeit und Koketterie.“
Der Regisseur überlegte — „vielleicht“, gab er leise zurück.
Dann wandte er sich an Schuwaroff, der eben für sich und Madelen ein paar Gerichte von der Speisekarte gewählt hatte. „Hören Sie, Schuwaroff, können Sie heute abend mal zu mir kommen? Wir könnten dann mal wegen des neuen Stücks unseres jungen Goethe hier“, er klopfte den Dichter gutmütig-ironisch auf die Schulter, „sprechen.“
Schuwaroff nickte.
„Können wir machen.“
Ein flehender Blick Madelens traf ihn. Er nickte ihr zu.
„Werd schon an dich denken, Kleine“, flüsterte er in ihr sehr hübsches kleines Ohr, das rosig unter der tiefen blonden Haarwelle hervorkam.
„Und ich werde Ihnen immer dankbar sein“, war Madelens heisse Antwort. Sie fühlte, Schuwaroff interessierte sich für sie. Nun durfte sie nicht locker lassen. Er musste über ihr alle anderen Frauen und diese Hollmers vergessen.
Während Madelen in der Kantine an der Seite Schuwaroffs ihren ehrgeizigen Zukunftsträumen nachhing, waren die Aufnahmen der Gesellschaftsszenen endlich vorüber. Der Regisseur hatte sich nach immer neuen Proben endlich einigermassen befriedigt gezeigt und man hatte die endgültige Fassung gedreht.
Michael klopfte an Stellas Garderobe. Niemand antwortete.
„Gnädige Frau sind bereits nach Hause gefahren“, sagte die Garderobiere, die den Schminktisch aufräumte, „gnädige Frau haben das Auto für Herrn Heinsigk wieder zurückgeschickt.“
„Danke“, sagte er kurz.
Warum hatte sie nicht auf ihn gewartet? Zum ersten Male nicht. Vielleicht hatte sie es nicht ertragen können, dass ein und dieselbe Szene fünf, sechsmal geprobt wurde. Sie, bei der alles auf Anhieb sass! Sie, die die Regisseure lenkte, statt von ihnen gelenkt zu werden. Er hatte Schuwaroffs Blick wohl gesehen, als er vorhin neben Stella stand. Auch den Zorn, die Verlegenheit auf Stellas Gesicht. Was mochte Schuwaroff ihr gesagt haben? Gutes konnt’s nicht sein. Mit dem sicheren Instinkt eines Mannes, der seine Frau sehr liebt, empfand er Schuwaroffs Begehren für Stella. Der Russe war ja auch Stellas Partner in allen grossen Filmen der Weltfilm-A.-G. Und so sehr er ihn in diesem Augenblick hasste, Michael musste es sich zugeben, er war der ebenbürtige Partner auch in der Kunst. Einmal würde es kommen. Dann würde der Funke von Schuwaroff zu Stella überspringen müssen. Mochte sie sich tausendmal wehren. Sie war eine Frau und den Gesetzen der Natur unterworfen.
Michaels Leben war ein verzweifeltes Warten auf diesen Augenblick. Es überschattete alles. Die glücklichen Stunden mit Stella und den Glauben an ihre Liebe. Er hätte es nicht ertragen, hätte er nicht etwas gehabt, was ihm immer wieder Stunden der Sammlung und des Vergessens geschenkt hätte. Aber das wusste ausser ihm niemand.
In seinem Schreibtisch ruhten verborgen Manuskripte. Schon in seiner Schauspielerzeit an den kleinen Wandertheatern und Schmieren hatte er begonnen zu schreiben. Getrieben von seinem inneren Gesicht hatten sich ihm Worte geformt, Verse, Novellen. Wäre er damals nicht Stella begegnet, die ein Gastspiel auf der Schauspielbühne von S. absolvierte, vielleicht hätte er weiter gearbeitet. Aber da hatte er das Wunder von Stellas Kunst und ihrer Liebe erlebt. Da war es ihm so ganz klar geworden, wie wenig er war und wie hoch oben sie stand. Die Liebe zu ihr hatte ihn als Mann beseligt, aber der Mensch in ihm fühlte zu stark den Abstand von ihr, wurde immer mutloser. Wenn Michael jetzt zurückdachte, erkannte er, die Begegnung mit Stella, das war der Augenblick gewesen, da er in seiner Kunst gehemmt wurde. Denn niemals konnte er das erreichen, was Stella war.
Und warum hatte er niemals zu ihr von diesen Arbeiten gesprochen? Er war ein mittelmässiger Schauspieler. Gut, damit hatte er sich abgefunden. Aber er mochte nicht noch in einer anderen Kunst wie ein Nichtskönner vor ihr stehen. Diese Aufzeichnungen, die er in einsamen Stunden machte, waren ein Geheimnis seiner Seele. Er hütete es schamhaft.
Er hatte den Wagen, den Stella ihm geschickt, zurückgesandt. Nach der überhitzten staubigen Atelierluft war ihm ein Stück Wanderung Befreiung. Ausserdem, immer wieder hatte er ein peinliches Gefühl, wenn er ohne Stella in dem weissen Rolls Royce durch die Strassen fuhr. Man kannte ihren Wagen, den ein filmbegeisterter Autokönig ihr nach der Premiere eines Grossfilms geschenkt hatte. „Der Wagen der Hollmers“, hiess er überall. Ja, es war ihr Wagen. Alles gehörte ihr. Und er war in den Augen der Menschen ein etwas lächerliches Anhängsel. Weiter nichts. Andere hätten vielleicht skrupellos all den Glanz, den Reichtum und die Ehrungen mit für sich in Anspruch genommen, welche Stella Hollmers zuflossen. Er vermochte es nicht. Immer wieder drückte ihn das alles nur um so tiefer in seiner Selbstachtung. Freilich, vor den andern versuchte er die Maske des glücklichen Menschen zu tragen. Aber dahinter war Verzweiflung.
Zweites Kapitel
Er wurde aus seinen trüben Sinnen aufgestört. In einer der Haustüren stand ein halbwüchsiger Junge. Aus dem mageren Gesicht sahen zwei Augen mit krankem Glanz. Es war ein Glanz, wie ihn Fieberkranke haben, oder, es flog Michael durch den Sinn, Hungrige.
Der Junge in einem fadenscheinigen, aber sehr sauberen Anzug streckte eine magere Hand aus, flüsterte etwas. Es war die gewohnte Gebärde des Bettelns. Michael kannte sie von all den vielen her, die in einer Zeit der Not und Arbeitslosigkeit an den Strassenecken standen. Aber etwas so Schamhaftes war in dieser Gebärde, dass er stehenblieb und sagte:
„Hast du zu mir gesprochen, mein Junge? Willst du etwas?“
Die Lippen des Jungen formten ein paar Worte, wollten etwas sagen. Aber es war nur ein Flüstern, das Michael nicht verstand.
Hatte es geklungen wie Hunger? Schon zog Michael seine Geldtasche.
Da sah er, wie der Junge zusammenschrak. Seine angstvollen, glänzenden Augen schauten dem Schupo entgegen, der da langsamen Schrittes die Strasse herabkam, nun vor den beiden stand.
„Hier wird nicht gebettelt“, sagte er barsch, mass den Knaben. Der schlug die Augen nieder, murmelte wieder etwas und ging vorwärts. Schon schritt der Schupo weiter mit seinen breiten, gleichmässigen Schritten.
Michael schaute dem Jungen nach. Wie eigentümlich er ging. So locker im ganzen Körper, als hätten die Knochen nicht rechte Kraft. Und nun wirklich: er schwankte, taumelte, lehnte sich kraftlos an die Wand eines Hauses.
Michael eilte nach, stand vor den Jungen. Der hatte die Augen geschlossen. Grünlich-bleich waren seine Züge. Dunkle Schatten gingen von der Nase zu Mund.
„Holla“, sagte Michael Heinsigk, „nicht schlapp machen, mein Junge. Hunger?“
Der Knabe vermochte nicht zu sprechen. Er nickte nur.
Michael überlegte einen Augenblick. Dann winkte er eine Autotaxe heran, die gemächlich vorüberfuhr.
„So, nun komm erst einmal mit. Ich sorge dafür, dass du etwas in den Magen bekommst, armer Kerl. Und dann reden wir weiter.“
Er fasste den Jungen, der nur mit aller Gewalt die Augen öffnete, unter den Arm, schob ihn in die Droschke, gab die Adresse eines kleinen stillen Lokals an, in dem er ab und zu zwischen zwei Proben einen Imbiss zu sich zu nehmen pflegte.
Der Junge sass neben ihm zusammengesunken. Er sprach nichts. Nur ab und zu klirrten seine Zähne wie im Frost aufeinander. Michael fasste besorgt nach seiner Hand. Nein, Fieber hatte er nicht. Die Hand war kühl. Es war offenbar nur der Hunger, der diesen scheinbaren Fieberzustand in ihm erzeugte.
Nun öffnete der Junge die Augen, versuchte zu sprechen. Aber Michael wehrte ab.
„Jetzt wird erst gegessen und dann geredet, erzählen kannst du mir später noch genug.“
Sie hielten vor dem kleinen Restaurant. Michael half dem Taumelnden aussteigen. Schon sassen sie in der kleinen Nische des Lokals. Es war in dieser Stunde ganz menschenleer. Die Büfettdamen hinter der Theke und die Kellner sahen erstaunt auf Michael, den sie kannten, und auf den eigentümlichen Gast, den er da mehr hereintrug, als dass er neben ihm ging.
„Eine Bouillon mit Ei“, sagte Michael zu dem Kellner, noch ehe er sass, „aber etwas schnell. Für mich suche ich dann noch aus.“
Der Junge sass in der Ecke. Seine Augen waren auf einmal mit einem beinahe wilden Glanz auf den Brötchenkorb gerichtet. Michael sah, wie er den Mund öffnete, wie die Zähne sich zusammenbissen, wie die Hand eine unwillkürliche Bewegung nach dem Brötchenkorb machte, um dann erschreckt wieder zurückzugleiten.
So viel Feinheit und Beherrschung lag darin, dass Michael wusste, er brauchte nicht mehr viel zu fragen. Dieser Junge war arm, war unglücklich, aber die Atmosphäre des Elends war nur äusserlich. Die seelische Atmosphäre war eine andere.
„Gedulde dich einen Augenblick“, beruhigte er, „es ist besser, erst die Bouillon für einen hungrigen Magen als Brot.“
„Bringen Sie doch schon endlich“, rief er ungeduldig zu dem Kellner herüber, der gaffend an der Theke lehnte.
Schon kam auch die Bouillon aus der Küche. Der Kellner flog mit ihr heran.
„Eine zweite Tasse“, befahl Michael, „sehen Sie denn nicht, dass das viel zu heiss ist?“
Die Nasenflügel des Knaben weiteten sich. Er atmete den Duft der Bouillon sehnsüchtig ein.
Michael nahm einen Löffel und löffelte vorsichtig ein Teilchen der Flüssigkeit in eine leere Tasse.
„Langsam“, mahnte er, „sonst verbrennst du dich.“
Mit einer nie gekannten Freude sah er, wie der Junge das kräftige heisse Getränk schlürfte, wie schon nach den ersten paar Schluck das grünlich-bleiche Antlitz sich belebte, ein seliger Ausdruck der Befriedigung in die verzweifelten Augen kam. Michael hatte sich auch etwas bestellt, schob die Tasse nun seinem Schützling hin, „jetzt kannst du schon trinken“, ermunterte er und begann selbst zu essen, um den Jungen nicht in Verlegenheit zu bringen.
Der Knabe trank bis zum letzten Rest. „Ich danke“, sagte er dann. Ein Lächeln erhellte das ganze Gesicht, machte es kindlich und aufgeschlossen.
„Na, und was nun? Worauf haben wir nun Appetit“, fragte Michael freundlich.
„Ich glaube, ich bin schon satt“, meinte der Junge.
„Das meine ich nicht“, lächelte Michael, „wir haben ja Zeit. Wie wär’s mit einem schönen Filet-Beefsteak?“
„Fleisch“, fragte der Junge. Es war etwas in seinem Ton, was Michael erschütterte.
„Also bringen Sie“, sagte er dem Kellner und bestellte.
„So, mein Junge, und nun bist du wohl so weit und kannst mir ein bisschen erzählen, ja? Hast du Vertrauen zu mir?“
Wieder sah ihn der Junge an. Aufgeschlossenheit, Glaube und Dankbarkeit stand in seinen Zügen.
Als der Kellner die bestellten Speisen brachte, erzählte er. Stockend, leise, von Scham erfüllt. Oft musste Michael eingreifen und mit einem aufmunternden Wort die verschüchterte Seele des Jungen wieder aufschliessen. Aber endlich wusste er Bescheid. Zu dreien waren sie: der Junge, Frieder Heuschner, die verwitwete Mutter und eine Schwester. Sie hatten eine kleine Buchbinderei vom Vater übernommen. Die Schwester Lena hatte das Buchbinderhandwerk richtig gelernt. Zusammen mit der Mutter hatte sie den kleinen Laden fortgeführt. Die Kundschaft des Vaters war ihnen treu geblieben, bis die allgemeine Wirtschaftsnot einsetzte. Da waren der Kunden immer weniger geworden. Man hatte nicht rationell einkaufen können. Die Lieferanten hatten gestundet, dann Zahlung verlangt, schliesslich gepfändet. Zum Schluss wurde der Laden versteigert. Es war ein Schicksal, alltäglich fast in der jetzigen Zeit der Not. In den Zeitungen, dachte Michael, las man über so etwas hinweg. Aber was sich hinter diesen Alltagsnachrichten verbarg an persönlichem Jammer, elender Verzweiflung, das fühlte er jetzt in diesem Augenblick. Der Junge hatte die Schule besucht und dann keine Lehrstelle gefunden.
Nun war die Mutter krank, das Mädchen auf die geringe Wohlfahrtsunterstützung angewiesen, er selbst ohne Arbeit.
Die paar Pfennige Unterstützung reichten nicht hin und her. Der Hauswirt drohte, sie zu exmittieren. Der Junge war herumgelaufen Tag für Tag, um irgendeine Gelegenheitsarbeit zu suchen. Seit gestern hatte er nichts mehr gegessen. So hatte Michael ihn gefunden. Das war der kurze Bericht Frieder Heuschners. Und er war gerade damit fertig, als der Kellner die Fleischspeise brachte.
„Nun machen wir erst einmal wieder mit der Unterhaltung Schluss. Es war Michael ganz lieb, dass der Junge in die Gegenwart zurückgeführt wurde und er selbst seine eigene Erschütterung in sich verarbeiten konnte.
„Also nun zugelangt, mein Herr.“
„Ich trau mich gar nicht“, sagte Frieder und legte Gabel und Messer wieder hin.
„Ja und warum nicht?“
Frieders Lippen zuckten.
„Die Mutter“, sagte er hilflos, „und Lena, vorhin Herr, Herr —“
„Heinsigk. Ach so, ich habe mich dir noch nicht vorgestellt“, sagte Michael schnell, „also was ist mit der Mutter und mit Lena?“
„Vorhin, wie die Suppe kam, Herr Heinsigk, da habe ich nichts denken können. Da hatte ich nur schrecklich Hunger. Aber jetzt, wo der vorbei ist, kann ich denken. Die Mutter und Lena haben nichts. Nicht einmal ein paar Kartoffeln waren im Hause. Und wir hätten sie ja auch nicht kochen können. Das Gas ist ja abgesperrt. Und ich soll hier so was Schönes —“
Er sprach nicht weiter. Seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Du bist ein anständiger Kerl“, Michael fuhr schnell mit der Hand über den dunklen Schopf des Jungen, „aber du kannst getrost essen. Ich verspreche dir, wenn sich alles so verhält, wie du mir erzählt hast —“
„Jawohl, es verhält sich so, Herr Heinsigk.“
Blutrot war Frieder geworden. Der Herr, der da, wie vom lieben Gott geschickt, zu ihm gekommen war, schien ihm nicht zu glauben.
Freilich, wie viele mochten den anderen etwas vorschwindeln.
„Ich habe nicht geschwindelt, wirklich nicht.“
„Das weiss ich ja“, beruhigte Michael, „also ich verspreche dir, deine Mutter und deine Schwester werden auch zu essen bekommen. Jetzt musst du erst einmal zu Kräften kommen. Wenn du arbeiten willst, musst du auch kräftig sein.“
„Es gibt ja keine Arbeit“, wollte Frieder sagen. Aber er tat es nicht. Er hatte auf einmal den Glauben, es müsste alles gut werden. Und überdies, das Stück Fleisch, das da braun und glänzend in der goldgelben Buttersauce vor ihm lag, war eine zu grosse Verlockung. Bald hatte er alles vergessen, die Not, die Angst. Er sass da und ass.
„Fühlst du dich nun frisch genug, um nach Hause gehen zu können?“ fragte Michael.
Der Junge nickte mit glänzenden Augen. Aber es war nun nicht mehr der Glanz des Hungers wie vorher.
„Nun schön“ — Michael entnahm seiner Geldtasche einen Zehnmarkschein —, „jetzt fährst du nach Hause. Gib mir deine Adresse. Ihr werdet von mir hören.“
Er stand auf, gab dem Jungen die Hand.
Der beugte sich plötzlich. Michael fühlte ein paar heisse Lippen, die sich in seine Hand pressten.
Michael ging allein durch die frühlingshellen Strassen. Das Erlebnis mit Frieder Heuschner hatte ihn von seinem eigenen Schicksal und seinen eigenen trüben Gedanken abgelenkt. Wieviel Elend gab es doch auf der Welt! Und wie wenig beachtete man es, weil man in seinem eigenen Leben befangen war! Freilich, keinem Menschen mochte es möglich sein, überall zu lindern, so viel auch jetzt von seiten einer endlich zielbewussten Regierung auch in dieser Hinsicht getan wurde. Aber wenn die Not einem einmal in den Weg lief, so erschütternd wie in dem Schicksal des jungen Frieder, dann konnte man helfen. Ganz erfüllt von seinem Erlebnis, kam Michael zu Hause an. Natürlich, der Sicherheit wegen musste man noch nachforschen. Er wusste genau, wie oft gerade sein mitfühlendes Herz getäuscht worden war. An den Mann der Stella Hollmers wie an Stella selbst kamen täglich Hunderte von Bittbriefen, Gesuchen, Verlangen. Noch nicht ein Viertel von all den Schilderungen der Not hielt bei genauen Prüfungen stand. Also konnte man nicht vorsichtig genug sein. Obwohl eine innere Stimme ihm sagte, dieses junge Knabengesicht hatte nicht gelogen. Er fuhr eilig im Fahrstuhl herauf. Er wollte gleich mit Stella beraten, wie man da am besten eingreifen konnte. Mit Geld allein war es nicht getan. Es hatte keinen Sinn, einem Menschen Geld zu geben ohne Gegenleistung. Der junge Frieder schien intelligent und anständig zu sein. Vielleicht dass Stella ihm irgendwo im Filmbüro oder -atelier eine kleine Botenstelle verschaffen konnte. Da stutzte er. Wieder stand er mit seiner Hilfsbereitschaft da und war auf Stella angewiesen. Er selbst, ohne Stella, hätte nicht die kleinste Hilfe gewusst. Ja, sein Gehalt als Schauspieler hätte wohl kaum für ihn selbst gereicht. Wieder war es Stella. Immer Stella. Nicht einmal in solchem Falle war er Manns genug.
Die glückliche Vorfreude auf die Hilfe für die Familie Heuschner wurde schon wieder getrübt! Als Michael jetzt in die grosse Diele der eleganten Wohnung kam, sah er in der Garderobe zwei fremde Mäntel hängen. Selbst wenn er gewollt hätte, hätte er Stella jetzt nicht von seinem Schützling sprechen können.
In dem grossen Salon mit den kostbaren Chippendale-Möbeln sass Stella Hollmers auf einem niedrigen Sofa. Vor ihr ein grosser breitschultriger Mann mit einem mächtigen dunklen Kopf und der ausgearbeiteten Kieferpartie der Angelsachsen. In einem zerkauten nachlässigen Englisch sprach er auf Stella Hollmers ein. Neben ihm sass ein fixer, schmaler Mensch, der ein Notizbuch gezückt hielt. Sein Bleistift schwebte erwartungsvoll in der Luft. Er schien jeden Moment bereit, auf das Papier niederzustossen.
„Tag, Micha“, sagte Stella Hollmers. Sie unterbrach sich mitten im Gespräch mit dem grossen, dunklen Mann, stand auf und ging ihrem Mann entgegen.
„Gut, dass du kommst“, sagte sie, „erlauben Sie, Mr. Dadson, dass ich Ihnen meinen Mann, Michael Heinsigk, vorstelle, Micha, das ist Mr. George Dadson, Direktor der North-South-Film-Korporation. — Dies sein Sekretär, Mr. Edgers.“
„Aha, der Mann der berühmten Frau“, sagte der amerikanische Filmgewaltige mit einem etwas herablassenden Lächeln. In dem Blick, mit dem er und auch sein fixer Sekretär Michael mass, lag etwas überlegenes.
Michael fühlte es sofort. Er erbleichte. Diese Worte von Mr. Dadson mochten vielleicht harmlos gemeint sein. Aber bei ihm trafen sie auf die immer brennende Wunde seines Selbstgefühls.
So fiel seine Begrüssung steifer aus, als er vielleicht gewollt. Er spürte ganz genau, dass er in diesem Augenblick wieder eine hilflose Figur machte, und das erhöhte seine Unsicherheit.
Stella tat, als bemerkte sie dies nicht. Aber die Bewegung, mit der sie Michael neben sich auf das Sofa zog, schien um eine Nuance zu betont.
„Gut, dass du kommst, Liebling“, wiederholte sie. „Mr. Dadson macht mir ein Angebot für drüben. Er will in Holywood eine Stella-Hollmers-Produktion machen. Wie denkst du darüber?“
„Aber ich bitte Sie, darüber ist doch gar nichts weiter zu denken“, sagte Dadson entschieden und schnitt Michael das Wort einfach ab, als wäre dessen Ansicht vollkommen unwichtig.
„Ich mache Ihnen mein Angebot zum letzten Male, Mrs. Hollmers. Die amerikanischen Stars, die ich bis jetzt hatte, haben ein bisschen abgewirtschaftet. Gerade Ihre Stimme ist für die Tonfilme ausserordentlich gut. Ich kann mich aber nicht auf allzu lange Verhandlungen einlassen. Ich will in wenigen Wochen mit der Produktion beginnen. Wollen Sie nicht, nun, dann muss ich eben mit jemand anders abschliessen.“
„Aber, das solltest du doch annehmen, Stella“, sagte Michael.
Er zwang sich, ruhig zu bleiben. Er wollte nur an Stella denken, an ihr Fortkommen, an ihren Ruhm. Solange sie noch nicht in Holywood gefilmt hatte, fehlte das letzte zu ihrer Weltgeltung.
„Warum willst du es nicht annehmen, Stella, wenn die Bedingungen von Mr. Dadson so sind, dass sie dir annehmbar erscheinen?“
Stella schwieg. Und Michael fühlte aus diesem Schweigen ganz genau, es ging Stella um ihn. Er wusste, dass Stella bisher nur Kontrakte abgeschlossen hatte unter der Bedingung, dass auch er beschäftigt würde. Wie, wenn der amerikanische Filmmann nicht darein einwilligte?
„Handel es sich etwa da um meine Person?“ fragte er plötzlich entschlossen, „darauf solltest du keine Rücksicht nehmen, Stella. Es geht hier um dich.“
„Das ist ein vernünftiges Wort, Mr. Heinsigk.“
Der amerikanische Filmmagnat sah Michael zum ersten Male mit einer gewissen Achtung an.
„Tatsächlich sind Sie, wenn ich offen sein darf, der Haken. Etwas komischer Vergleich“, lachte er kurz auf, „aber es ist so. Mrs. Hollmers besteht darauf. Sie mit engagiert zu wissen. Aber sehen Sie, das ist ganz unmöglich.“
„Warum unmöglich?“ fragte Stella, ihr schönes zartes Gesicht wurde unmutig, „was in Deutschland möglich ist, Mr. Dadson, müsste in Amerika auch möglich sein.“
Dadson schüttelte energisch den Kopf. Das wäre es eben nicht. Mrs. Hollmers wüsste zu wenig von der seelischen Mentalität der Amerikaner. Wenn Mr. Heinsigk ein Star wäre, so wie sie selbst, ausgezeichnet! Aber dass der Mann der Stella Hollmers nur kleine Rollen zu spielen bekäme, und bei aller Wertschätzung für Mr. Heinsigk wüsste er doch, dass das nicht anders sein könnte, das würde auch Mrs. Stella Hollmers im Kurs drücken. Auf keinen Fall könnte er es geschäftlich verantworten, sie beide zusammen herauszustellen.
Stella war sehr blass geworden. Sie legte schnell ihre Hand auf Michaels Arm. Sie sah ja das Zerquälte in seinem Gesicht. Die ganze Unterhaltung war ihr unendlich peinlich. Sie hätte gewünscht, es wäre nicht dazu gekommen. Schon sagte Michael aber gepresst:
„Stella, du musst nicht uneinsichtig sein. Ich verstehe die Beweggründe Mr. Dadsons vollkommen. Schliesslich kann ja kein Mensch dafür, wie gross oder wie klein sein Talent ist. Nun, mein Talent ist eben klein. Ich muss mich damit abfinden. Aber du machst es mir nur schwerer, wenn du meinetwegen auf ein solches Angebot verzichtest.“
Er stand auf:
„Erlaube, Stella, dass ich mich zurückziehe. Bei dem weiteren Verlauf eurer geschäftlichen Besprechungen bin ich ja wohl nicht mehr nötig.“
Er küsste Stella die Hand und verabschiedete sich von den beiden Amerikanern.
„Famoser Boy“, sagte Mr. Dadson als sich die Tür hinter Michael geschlossen hatte, es wär schade, dass er nichts weiter war als der Mann der Stella Hollmers.
Drittes Kapitel
Die Verhandlungen zwischen Stella Hollmers und Mr. Dadson zogen sich noch in die Länge. Einmal schickte Stella zu Michael herüber, ob er nicht mit ihr und den Amerikanern essen wollte. Aber er liess sich entschuldigen, er wäre müde und hätte sich auch noch auf die morgige Filmrolle vorzubereiten.
In Wahrheit sass Michael in seinem Zimmer. Die Dämmerung kam. Es war dunkel. Er sass regungslos. Nun war es also so weit. Nun kam an Stella die Entscheidung: Liebe oder Ruhm? Damit kam auch die Entscheidung über sein Leben. Er war an Stella gebunden wie noch nie ein Mann an seine Frau. Wenn er jetzt an sie dachte, ihr Gesicht vor sich sah, dies schmale, unendlich schön geformte Antlitz mit diesem tiefen Leuchten der blauen Augen, dann ergriff ihn verzehrende Sehnsucht. Noch niemals hatte er eine Frau gesehen, deren schönes Gesicht so der Widerschein einer noch schöneren Seele war. Der vollkommene Adel ihrer Züge wie ihres Körpers war nur die Bestätigung eines adligen, harmonischen Menschen. Noch nie, solange sie zusammenlebten, hatte Michael Stella auf irgendeiner Regung ertappt, die unnobel oder kleinlich gewesen wäre. Ihr ganzes Wesen war so vollkommene Güte, dass sie im Leben hätte scheitern müssen, wäre nicht ein beinahe männlicher Geist Beherrscher und Lenker ihrer Empfindungen gewesen. Er liebte sie wie nichts auf der Welt. Aber gerade weil er sie liebte, durfte er ihren Flug zum Ruhme nicht hemmen. Wie würde sie entscheiden? Würde sie sich endlich entschliessen, sich einmal für einige Monate von ihm zu trennen? Und wie würde er ohne sie leben? Er war ja ein Nichts ohne sie. Zu niemandem konnte er von sich sprechen. Nur zu ihr. Todeseinsam war er, war sie nicht bei ihm!
„Todeseinsam?“ fragte eine Stimme in ihm. Hatte er nicht noch etwas, was er vor ihr verborgen gehalten, selbst vor ihr, die seine Seele bis in die letzte Regung kannte?
Mechanisch fast, ohne es zu wissen, schaltete er die Lampe ein, öffnete die Schreibtischschublade, zog das Manuskript einer Arbeit herbei. In Nächten der Stille hatte er geschrieben. Der Schaffensrausch hatte ihn vorwärtsgetrieben, weiter und immer weiter. Kaum hatte er gespürt, wie die Feder über das Papier glitt. Er blätterte in dem Manuskript. Da standen nun die Buchstaben auf dem weissen Grunde. Und aus ihnen heraus stiegen die Gestalten seiner Sehnsucht und seiner Träume. Sie lebten, litten und freuten sich. Sie waren von ihm geschaffen, aus seinem Geiste geboren. Durch ihn hatten sie Leben, Blut und Körper erhalten. Seine eigenen Schicksale klangen wider in diesem Roman. Aber sie waren verwandelt und umgeformt durch die lenkende Hand des Künstlers. Er überlas den zuletzt geschriebenen Teil. Ihm war es, als wäre es ihm gelungen, was ihm vorgeschwebt. Aber nie würde er den Mut haben, diese Gestalten seiner Phantasie anderen Menschen zu zeigen. Wo er auch hinkommen würde, überall würde er „der Mann der Stella Hollmers“ sein. Um ihretwillen vermutlich würde man das Buch lesen. Man würde es vielleicht auch drucken. Man würde gierig zwischen den Zeilen nach irgendwelchen Enthüllungen suchen über sein und Stellas Leben. Alles würde man tun, nur nicht den künstlerischen Wert und seine eigene Persönlichkeit beurteilen.
Es liess ihm keine Ruhe. Er musste hinaus. Die Wände schienen ihm erdrückend wie seine eigenen Gedanken. Er musste von sich fort. Da fiel ihm Frieder ein. Er sah auf die Uhr. Es war halb neun. Spät für einen Besuch, aber es mochte einmal sein.
Kurz nach ihm verliess Mr. Dadson mit seinem Sekretär Mr. Edgers das Haus. Man hatte mit Stella Hollmers zu Abend gegessen, nur schnell ein paar Sandwichs und einen Porter zwischen der Unterhaltung serviert. Mr. Dadson hatte Stella durch seinen Sekretär einen vorläufigen Kontrakt entwerfen lassen, hatte geglaubt, sie durch die Fixierung der sehr hohen Engagementssumme wie des Anteils am Vertrieb der Filme zu ködern. Er hatte ihr in lockenden Farben ausgemalt, was es für sie bedeuten würde, wenn er, Mr. Dadson, eine Filmproduktionsreihe für Stella Hollmers herausbringen würde. Sie war in den USA. noch nicht bekannt. Zwei, drei deutsche Filme waren von ihr gelaufen. Aber sie entsprachen nicht dem Geschmack der hundertprozentigen Amerikaner. Erst wenn sie drüben gefilmt haben würde, würde sie der Star der Welt sein!
Aber zu seinem Erstaunen und Ärger hatte Mr. Dadson nichts Entscheidendes erreicht. „Es war nicht zu glauben“, sagte er draussen beim Heimfahren ärgerlich zu dem fixen Mr. Edgers, „was für eine Sentimentalität in diesen deutschen Frauen steckte. Da war nun diese Hollmers, begabt wie kein anderer der jetzt lebenden Filmstars. Aber hol’s der Teufel, da hatte sie diesen Klotz von Mann am Bein und wollte den partout bis hinüber in die USA. schleifen. Nein, nein, auf so was konnte er sich nicht einlassen. Er wusste schon, wie das ging. Die Dorothy Lanton, sein verflossener Star, hatte auch so einen unglückseligen Mann und den hatte sie auch mit tausend Listen und Künsten versucht, in eine grosse Rolle hineinzubringen. Es war ihr natürlich nicht gelungen. Denn schliesslich ging es ja immer noch nach dem, was er, George Dadson, wollte. Aber es hatte tausend Geschichten gegeben, Tränen, Auseinandersetzungen, Ohnmachten, hysterische Schreikrämpfe. Einmal hatte Dorothy einen Revolver auf sich angelegt. Glücklicherweise verstand sie absolut nicht, mit so etwas umzugehen. Aber das waren alles Dinge, die einen Geschäftsbetrieb nur störten. Das war der Grund, weswegen er nicht daran dachte, diesen sonst sehr schätzenswerten Michael Heinsigk mit herüberzunehmen. Entweder die Hollmers ging ohne ihren Mann oder sie blieb hier mit ihm.
„Begreifen Sie so etwas?“ fragte George Dadson ingrimmig, denn er hatte seine ganzen zukünftigen Pläne auf den neuen Stern Stella Hollmers aufgebaut.
Der fixe Mr. Edgers begriff nicht. Dieser Heinsigk: schwerfällig und ungeschickt. Nein, die Sentimentalität der Deutschen war irgendeine Art Geisteskrankheit. Ein normaler Mensch konnte da nicht mit.
„Na, schön“, sagte George Dadson abschliessend, „telegraphieren Sie auf jeden Fall an die Ninon Dailmont, ich möchte sie morgen im Claridge in Paris sprechen. Wenn die Hollmers nicht anbeisst, müssen wir eben auf die Ninon zurückkommen.“
„Da fällt mir ein, Mr. Dadson, mich hat Schuwaroff auf eine vielversprechende junge Künstlerin aufmerksam gemacht, die Sie sich vielleicht ansehen sollten.“
„Wer ist das?“ fragte Dadson, während er sich seine Importe neu ansteckte.
„Eine gewisse Madelen Reddinghaus, eine hübsche Blondine, Schuwaroff hat mir von ihr gesprochen, ob wir sie nicht für drüben engagieren wollen.“
„Aber wir haben doch die Ninon. Wir können uns doch nicht einen ganzen Harem zulegen.“
„Die Ninon ist eine unzuverlässige Person, dass wissen Sie, Mr. Dadson. Sie hat eben erst in Paris den Skandal mit dem Regisseur Dulong gehabt. Dulong hat sie einfach aus dem Atelier herausgewiesen, weil sie mit ihren Starlaunen jede ordentliche Arbeit unmöglich gemacht hat. Diese kleine Madelen dagegen, Schuwaroff verbürgt sich für sie.“
Dadson lachte ironisch.
„Also die neueste Flamme Schuwaroffs. Sagen wir es doch deutlich. Darum will er sie mit rüber haben. Ich dachte, er schwärmt immer noch die Hollmers an. Aber die scheint ein hoffnungsloser Fall zu sein.“
„Glaube ich auch. Diese Frau ist wirklich unnahbar. Und da hat sich der Schuwaroff wohl gedacht, dass er sich mit einer andern trösten will. Jedenfalls, wenn Sie ihn bei guter Laune erhalten wollen, rate ich Ihnen, sich die kleine Madelen mal anzuschauen. Schuwaroff gibt heute abend im Splendid ein kleines Abendbrot für ein paar Bekannte. Er lässt Sie bitten, teilzunehmen. Da können Sie die Madelen sich anschauen. Gefällt sie Ihnen, so lassen wir morgen ein paar Probeaufnahmen von ihr machen.“
Dadson überlegte. Vielleicht war es nicht unklug einen Protegé von Schuwaroff zu engagieren. Erstens erhielt man sich dadurch Schuwaroff in guter Laune. Zweitens waren die deutschen Schauspielerinnen noch nicht so launisch wie die amerikanischen Filmstars. Sie liessen sich besser dirigieren und waren auch in ihren Gageansprüchen bescheidener. Wenn die Ninon einem wirklich Ungelegenheiten machte, war man nicht so auf sie angewiesen.
„Sie ist doch aber nicht ein Typ, der dem der Hollmers irgendwie ähnlich ist“, fragte er, „denn dann verzichte ich. Die Hollmers ist so unerreichbar, dass wir uns mit einer Art Kopie von ihr nur lächerlich machen würden.“
„Nein, nein, ganz anders“, gab der Sekretär eifrig zurück. „Die Hollmers ist wie eine Königin, die kleine Madelen wie ein Kammerkätzchen. Aber sie wird sehr gut in Rollen neben der Hollmers zu brauchen sein, ich glaube, die beiden ergänzen sich gut.“
So nahm denn Dadson die Abendeinladung bei Schuwaroff an. Er hoffte Stella Hollmers doch noch zu bewegen, das Engagement nach Hollywood ohne ihren Mann anzunehmen. Schuwaroff würde ihn sicher bei diesen Bemühungen unterstützen. So ein Abend, bei dem man zwanglos gesellig zusammenkam, war mitunter für Verhandlungen vorteilhafter als direkte Besprechungen.
Inzwischen stand Stella Hollmers in ihrem Zimmer, sah nachdenklich auf die Strasse hinaus. Drüben bog gerade der grosse schwarze Wagen Mr. Dadsons um die Ecke. Sie hatte sich Bedenkzeit ausgebeten. Sie wollte Dadson nicht ohne weiteres absagen. Er hatte ihr acht Tage Zeit gegeben. Dann wollte er nach Amerika zurück, und die Entscheidung über den zukünftigen Star der North-South-Film-Corporation musste gefallen sein.
Aber Stella wusste schon, wie sie sich entscheiden würde. Sie ging nicht ohne Michael. Sie liess ihn nicht allein. Ganz genau wusste sie, wie er litt, weil er immer in ihrem Schatten stand. Sie konnte nichts dafür. Gott war ihr Zeuge, der die Talente ungleich verteilt hatte. Wie oft hatte sie Michael angefleht, einen Beruf aufzugeben, in dem er nichts werden konnte. Er konnte es sich ja leisten. Und er hätte nur einzusehen brauchen, wie unwichtig das Geld war, das sie verdiente. Gab er ihr nicht alles an Güte, Liebe und Verstehen, was sie bisher so schmerzlich entbehrt? In dem rastlosen Getriebe ihrer Arbeit war er die Heimat und der Frieden. Sie hätte gewünscht, er hätte sich entschliessen können, seinen geistigen Neigungen zu leben.
Sie kam ja so wenig zu all dem, was jenseits ihres Berufs lag. Kein Mensch, der die fröhlichen und leidenschaftlichen Bilder des Films auf der Leinwand sich abrollen sah, sah ja hinter die Kulissen. Kaum einer wusste von der nervenzermürbenden Arbeit im Filmatelier: Hitze, Staub, das Grell der tausendkerzigen Lampen, das Probieren einer einzigen Szene immer wieder und immer wieder, die Ermüdung des Gesichts unter der Schminke und der steifen Tusche der Augenbrauen, das Schmerzen der Nerven in dem Lärm, Rufen, Sprechen, das sich immer wieder neu Umstellenmüssen des Geistes.
Es blieb nicht viel Kraft für andere Dinge ausserhalb des Ateliers. Wenn Stella von den Aufnahmen nach Hause kam, fiel sie förmlich zusammen. Dann hatte sie nur noch die Kraft, still zu liegen, Georgs Hand in der ihren zu fühlen, das in sich aufzunehmen, was er ihr von geistigen und seelischen Dingen entgegenbrachte. Durch ihn blieb sie in Verbindung mit der Kunst der Gegenwart, durch ihn hörte sie von den tausend Ereignissen, welche die Welt von heute formte. Und durch ihn gewann sie immer wieder neue Kraft, sich mit all dem zu beschäftigen.
Wenn er doch einsehen wollte, was er ihr war: ein Kräftequell, aus dem sie immer wieder neu schöpfte. War das nicht viel? Wichtiger, als für sich selbst ein grosser Schauspieler zu sein? Aber da schien der Unterschied zu stecken. Eine Frau konnte sich in dieser Rolle bescheiden, ein Mann nicht.
Oh, sie fühlte genau, wie das alles in ihm schmerzte. Er beherrschte sich meisterhaft. Aber sie kannte ihn bis in den letzten Winkel seines Seins. Was sollte sie tun, um ihn einmal zur Erkenntnis zu bringen, wie unersetzlich er für sie selbst war?
Wie weh der Ausdruck seines lieben Gesichts gewesen, als er sich von ihr und den Amerikanern verabschiedete. Überhaupt, jetzt fiel es ihr erst nachträglich auf; immer schmaler war er in der letzten Zeit geworden. Der leidvolle, vergeistigte Ausdruck seiner Züge der letzten Zeit trat immer mehr hervor. Er litt neben ihr trotz ihrer Liebe. Er würde leiden, bis er den Glauben an sich selbst wiederbekommen hatte. Sie hatte gehofft, ihm diesen Glauben wiedergeben zu können.
Aber hier scheiterte sogar ihre Liebe. Sie empfand plötzlich eine quälende Sehnsucht nach ihm, nach seinen Augen, seinen Lippen, der ganzen Zärtlichkeit, mit der er sie immer wieder so beglückend überströmte. Schnell ging sie durch die lange Reihe der Räume bis zu Michaels Zimmer.
Sie öffnete die Tür. Das Zimmer lag im Dunkel.
„Ist mein Mann fortgegangen?“ fragte sie den Diener, der mit ein paar Mänteln über dem Arm zum Garderobenzimmer ging.
„Ich weiss nicht, gnädige Frau, ich habe Herrn Heinsigk seit heute Nachmittag nicht mehr gesehen.“
Stella schloss die Tür zum Korridor. Sie setzte sich in den Sessel vor Michaels Schreibtisch. Ihre Sehnsucht nach ihm war so heftig, dass sie wenigstens das Gefühl haben musste, in seiner Atmosphäre zu sein. Im Zimmer lag ganz leicht der Rauch der englischen Zigaretten, die Michael rauchte. Mit geschlossenen Augen atmete sie den Duft ein. Wie sie Michael liebte! Nein, er musste es einsehen, dass er in ihrem Leben das Unersetzliche war. Zärtlich strich sie mit der Hand über die Tischplatte des Schreibtisches. Ein Papier lag da mit Michaels Schriftzügen. Halb mechanisch blickten ihre Augen darüber, wurden grösser, starrten entsetzt auf das Blatt. Dann beugte sie sich vor. Und nun las sie. Ein leidenschaftlicher Liebesbrief war es, schnell hingeschrieben, wie wenn jemand aus dem Überschwang seiner Gefühle heraus die Worte über das Papier hätte jagen lassen.
Stella Hollmers stöhnte auf wie ein todwunder Mensch. Wer war diese Frau, an die Michael hier schrieb? Und wie war sie, diese Frau, der es gelungen, seine Liebe zu gewinnen? Schmerzerfüllt stellte sie sich diese Fragen. Michael war ihr untreu. Eher hätte sie geglaubt, der Himmel könnte einstürzen. Eine furchtbare Bitterkeit ergriff sie. Das war der Dank für alles, was sie ihm gegeben! Der Dank dafür, dass sie niemals darauf gesehen hatte, was er in den Augen der Welt war, sondern nur darauf, was er für sie war. Zorn wallte masslos in ihr auf, wie sie nie im Leben gefühlt. Aber sofort war ihr Verstand wach. Vorsicht! sagte sie sich. Könnte es nicht anders sein? Vielleicht war er nicht so voll Schuld, wie sie jetzt in der ersten Verzweiflung ihrer Entdeckung geglaubt? Wie, wenn er sich verliebt hätte in eine Frau, der gegenüber er etwas war? Vielleicht hatte er es nicht mehr ertragen, immer in ihrem Schatten zu stehen. Ein Mann brauchte Anbetung. Ein Mann musste sich über der Frau stehend fühlen. Sie wusste, wie Michael darunter gelitten, immer nur „der Mann seiner Frau“ zu sein. Leicht war es möglich, dass diese Verzweiflung übermächtig in ihm geworden, ihn in etwas hineingetrieben, was er selbst nicht gewollt. Und dann war es vielleicht über ihn zusammengeschlagen.
„Sei gerecht“, sagte Stella Hollmers zu sich selber, „sei gerecht, auch wenn du tödlich getroffen bist. Denke daran, wie selbst dich einmal eine jähe Leidenschaft zu einem andern Mann gefasst und wie schwer es gewesen, trotz aller Liebe zu Michael diese sinnlose Leidenschaft zu überwinden, ehe sie die Ehe zerstört hatte.“
Schuwaroff, er hatte damals wohl geglaubt, schon am Ziele zu sein. Und vielleicht hätte sie in seinem Augen damals, als er sie küssen wollte, nicht diesen Funken des kalten Triumphes gesehen, vielleicht war sie heute nicht mehr bei Michael. Sie hatte niemals zu Michael gesprochen von dieser Episode. Sie war vergessen, abgetan. Sie existierte nicht mehr. Aber jetzt in dieser Stunde des Schmerzes stand sie vor ihr mahnend und die Verzeihung ihres Herzens aufrufend.
Lange sass Stella Hollmers so vor dem Schreibtisch Michaels. Sie hatte das Papier sorglich zusammengefaltet in seine Mappe geschoben. Keiner der Diener durfte es finden. Auch Michael sollte nicht wissen, was sie entdeckt. Sie musste erst mit sich ins reine kommen. Erst Klarheit gewinnen, vor allem wissen, wer diese Frau war. War sie so, dass Michael in ihr etwas fand, was sie ihm nicht geben konnte, nämlich die Erhöhung seines niedergedrückten Selbstgefühls, so musste sie weichen. Wenn man so tief liebte wie sie, vermochte man nicht die Entwicklung des geliebten Mannes zu hemmen. Sie hatte geglaubt, dass ihre Liebe und die tiefe Verbundenheit ihrer Herzen wie ihres Geistes Lebensinhalt genug für Michael sein würde. Aber das war nicht der Fall. Sie hatte die männliche Natur falsch gesehen, die es nicht ertrug, an zweiter Stelle zu stehen neben einer Frau. Der Abgrund zwischen Mann und Weib tat sich ganz vor ihr auf.
Lange sass sie so in verzweifeltem Grübeln. Sie wusste nicht, wie lange, wie die Zeit vergangen war. Es war dunkel geworden, sie spürte nichts. Denn in ihr selbst war ja alles dunkel und lichtlos geworden.
Sie schrak auf, als die Tür geöffnet wurde. Jemand drehte am Schalter der elektrischen Deckenlampe. Sie fuhr auf: War das Michael? Nur das nicht. Dann würde er sofort ihre Verstörtheit bemerken, die Spuren der Tränen auf ihrem Gesicht. Sie wandte sich von der Tür ab, als blendete sie das aufflammende Licht.
„Verzeihung, gnädige Frau“, klang die erschreckte Stimme des Stubenmädchens an ihr Ohr, „ich wusste nicht, dass die gnädige Frau hier sitzen.“
„Ich wollte etwas schreiben, aber ich hatte so starke Kopfschmerzen, Grete“, sagte Stella hastig, „gehen Sie, schalten Sie das Licht aus, ich komme gleich.“
„Ich wollte gnädige Frau nur an den heutigen Abend im Splendid erinnern, Herr Schuwaroff haben extra noch einmal telephoniert, die gnädige Frau möchten doch bitte nicht vergessen.“
Stella erschrak. Der heutige Abend im Splendid! Sie hatte wirklich nicht mehr an diese Einladung Schuwaroffs gedacht. Erst heute war der Rohrpostbrief von ihm gekommen mit der Bitte, an diesem improvisierten kleinen Abend teilzunehmen. Er hätte ihr Mr. Dadson als Tischherren zugedacht.
Stella war erst entschlossen gewesen abzulehnen, wenn nicht auch Michael eingeladen wäre. Schuwaroff schrieb in seinem Briefe nichts darüber. Sie wusste ja, er benutzte jede Möglichkeit Michael auszuschalten. Sie aber schob Michael immer wieder in den Vordergrund. Auch heute hatte sie das tun wollen. Schuwaroff und all die andern mussten lernen, dass sie ohne Michael nicht sein wollte. Sie alle sollten und mussten lernen, dass sie sich Michaels nicht schämte. Der Wert eines Menschen wie Michael hing nicht davon ab, ob er als Schauspieler den gleichen Ruhm ernten konnte wie sie oder Schuwaroff. Michaels wirklicher Wert lag in seinem wundervollen Menschentum. Und darum liebte sie ihn, darum war sie stolz auf ihn, allen Unverständigen zum Trotz. So hatte sie gefühlt noch vor ein paar Stunden. Aber nun? Nun war alles, alles anders geworden. — Eine Minute, ein paar Zeilen hatten über ihr ganzes Leben entschieden. Wie ein Taifun über eine blühende Landschaft dahinrast, alles Leben zerstörend, so war es ihr geschehen. Ihre Ehe mit Michael, sie war das stille, glückliche Land, in das sie sich nach all den Anstrengungen und Aufregungen ihres Künstlerdaseins immer wieder zurückflüchten konnte. Wo sie Stille, Frieden und Sonne fand. Und nun war das alles, alles verloren. Er liebte sie nicht mehr, ja schlimmer, er betrog sie. Wie giftige Nebelschwaden den blauen Himmel verhängen mochten, so verhing dieser Betrug alles, was sie an lichtem Glück in der Vergangenheit mit Michael erlebt hatte. Zurück blieb nur Öde und hoffnungsloser Gram.
Und nun sollte sie heute abend unter Menschen gehen? Sollte allen ein lächelndes Gesicht zeigen? Sie wusste wie Neid und Eifersucht immer bereit waren, das Leben eines berühmten Künstlers zu beobachten, zu durchspüren. Wer so hoch gestiegen war wie sie, der war für viele nur ein Objekt des Neides und der Missgunst. Man wartete nur darauf, dass auch sie, die Beneidete, Kummer und Unglück kennenlernten. Alles war ja ein willkommenes Gespräch für die ewig wache Sensationssucht.
Stella kannte die Menschen. Sie kannte auch die Neugier, die sich an sie selbst heftete. Gerade, weil sie niemals Anlass zu Klatsch gegeben, zürnte ihr so mancher. Eine Filmdiva durfte nicht so bürgerlich, so einwandfrei leben, sie musste die Welt in Atem halten durch exzentrische Gewohnheiten, durch Skandal, durch Liebesgeschichten aller Art. Wer das nicht tat, der war verdächtig. — Wenn man nun an ihr irgendwelche Spuren des Kummers entdecken würde, die ganze Meute der Sensationshungrigen würde sich auf sie stürzen. Das durfte nicht sein. Lieber wollte sie absagen. Schon erhob sie sich, um ihrer Sekretärin telephonisch die Ablehnung der Einladung durchzugeben. Aber sie liess die Hand wieder von dem Telephonapparat sinken. Nein, eine Absage jetzt in letzter Minute, das war ebenso unmöglich. Das Stubenmädchen hatte ja gesagt, dass Schuwaroff noch einmal angerufen und sie ausdrücklich an den Abend im Splendid erinnert hätte. Sie konnte also nicht irgendeine plötzliche Erkrankung vortäuschen. Von der hätte das Mädchen doch schon beim Anruf Schuwaroffs wissen müssen. — Man musste also annehmen. Der einzige Trost war, dass sie nun ohne Michael gehen konnte. Den Abend heute neben ihm zu verbringen, fröhlich und unbefangen in seiner Nähe, das wäre eine zu grosse Qual gewesen. Diese Komödie hätte sogar ihre schauspielerische Kunst überstiegen. Bisher war ja Michael der einzige Mensch gewesen, dem gegenüber sie sich immer hatte so geben können, wie sie wirklich war. Jede ihrer Empfindungen hatte in ihm klar und rein wiedergeklungen. Nun zum ersten Male sollte sie auch ihm gegenüber eine Rolle spielen müssen — die schwerste ihres Lebens. Sie unterdrückte ein Aufschluchzen. Sie musste sich fassen. Es war höchste Zeit, sich zu dem Abend umzukleiden. Müde stand sie auf. Ihre Glieder waren ihr schwer, wie nach einer Krankheit. Ihr Kopf schmerzte — oder war es ihr Herz, ihr armes, getäuschtes Herz?
Madelen war überglücklich, als ihr Schuwaroff sagte, wer heute abend alles bei seinem kleinen Feste zugegen sein würde. Stürmisch umarmte und küsste sie ihn.
„Boris, o Boris, wie dankbar bin ich dir! Du sollst sehen, wenn mich Dadson erst kennengelernt hat, dann habe ich das Engagement für Holywood schon in der Tasche. Und wenn man mich erst einmal in einer grossen Rolle herausgestellt hat, dann weiss ich, mein Ruhm ist gemacht.“
Ihre Augen blitzten, ihre Wangen glühten, die ganze junge schöne kleine Person glühte förmlich vor Glück.
Schuwaroff hätte kein Mann sein müssen, wenn ihn diese Freude der schönen kleinen Madelen nicht berührt hätte. Er erwiderte ihren Kuss und zog ihren schlanken Körper an sich. Die hemmungslose Ergebenheit der Kleinen tat ihm nach Stellas Kühle wohl. Ausserdem hatte er seine Pläne. Stella war drüben noch nicht bekannt. Man konnte nicht wissen, worauf das amerikanische Publikum „flog“. Vielleicht war Stellas edle Schönheit ihnen nicht spritzig, nicht schmissig genug. Da konnte man Madelen in den Vordergrund schieben. Vielleicht konnte man die eine gegen die andere ausspielen.
„Also mach dich recht hübsch, Kleines“, sagte er gönnerhaft, „damit ich heute abend bei Dadson mit dir Ehre einlege. Du weisst, wieviel davon abhängt.“
„Du wirst mit mir zufrieden sein“, gab Madelen lächelnd zur Antwort.
Stella Hollmers sass vor dem Ankleidespiegel in ihrem Toilettenzimmer. Er reichte bis zum Fussboden hinab und liess sich nach allen Seiten drehen. Strahlende Kerzen erhellten ihn. Stellas Zofe stand neben ihrer Herrin und reichte ihr die Schmucksachen zu. Sie sah bewundernd auf Stella. Sie war schon bei vielen reichen und schönen Frauen der Gesellschaft in Stellung gewesen, aber keine hatte sich mit Stella Hollmers messen können. Wie eine Märchenkönigin sah sie heute wieder aus. Ihre schlanke, gestreckte Gestalt war in ein. Gewand von silberschimmernder Seide gehüllt, die in weichen Falten an ihr niederglitt. Das Kleid fiel nach unten zu ein wenig weiter und hatte einen breiten Saum von kostbarem Blaufuchs. Der kragenartige Schal, der die herrlichen Schultern bedeckte, war gleichfalls mit schmalen Streifen von Blaufuchs verziert, aus dessen dunkler Umrahmung sich der blonde Kopf plastisch abhob. Als einzigen Schmuck trug Stella an einem feinen Platinkettchen eine grosse graue Perle, die in ihrem vornehmen Glanze zu dem weichen Tone des Pelzes passte. Ein einziger Ring gleichfalls mit einer grossen grauen Perle geziert, schmückte ihre Hand.
„Wollen gnädige Frau nicht noch ein paar Armbänder nehmen“, fragte die Zofe. Aber Stella wehrte ab. Sie hasste es, sich von oben bis unten mit Schmuck zu bedecken, obwohl die jetzige Mode das vorschrieb. Es entsprach ihrem im Grunde schlichten Wesen, sich von dem Allzuviel der Mode fernzuhalten. Viele legten ihr diese bewusste Zurückhaltung als eine raffinierte Form der Eitelkeit aus. Sie lächelte darüber und liess sich nicht beirren. Auch künstliche Mittel, Schminke und dergleichen, verwandte sie sehr sparsam. So war die Zofe erstaunt, als Stella nun noch mehr Rot auflegte. Freilich, die Herrin war heute sehr blass, aber sie hatte ja vorhin von starken Kopfschmerzen gesprochen.
Nun war Stella fertig. Sie überprüfte sich noch einmal im Spiegel und liess sich den hellen Zobelmantel reichen.
„Kommen Herr Heinsigk auch hin, gnädige Frau oder sollen wir für ihn hier Abendbrot richten“, fragte in diesem Augenblick der Diener, der nach kurzem Klopfen hereingekommen war.
„Nein, nein“, gab Stella hastig zur Antwort, „sagen Sie bitte Herrn Heinsigk Bescheid, die Einladung kam ja schon, nachdem er fort war. Ich würde sehen, nicht spät heimzukommen. Richten Sie für meinen Mann ein Abendbrot.“
Stella atmete auf, als sie endlich in ihrem Wagen sass und dem Hotel Splendid entgegenfuhr. Sie hatte bis zur letzten Minute gefürchtet, Michael doch noch begegnen zu müssen. Und sie musste wenigstens eine Spanne Zeit haben bis zum Wiedersehen mit ihm. Sie musste sich erst wiederfinden. — Er durfte nicht ahnen, dass sie hinter sein Geheimnis gekommen war. Ihr Stolz litt das nicht und nicht ihre Liebe zu ihm. Ihn beschämt und nach Ausflüchten suchend vor sich stehen zu sehen, nein, das wäre das schlimmste gewesen. — Sie musste Schuwaroff beinahe dankbar sein für die heutige Abendeinladung. Durch sie entging sie doch dem qualvollen Beisammensein mit Michael.
Das grosse Hotel Splendid war voll erleuchtet. Jetzt zur Zeit der abendlichen Diners kehrten viele Gäste des Hotels zurück. Auch viel elegantes Publikum, das das elegante Restaurant des Hotels zum Essen bevorzugte, fand sich ein. In langer Reihe rollten die elegantesten Autos vor die erhöhte Rampe der Einfahrt. Auch viele Diplomatenwagen sah man. Luden doch die auswärtigen Diplomaten sehr gern gerade in dies Hotel ein.
Als Stellas Wagen vorfuhr, eilte der Portier und ein kleiner Boy eilfertig herzu. Man kannte hier im Splendid wie überall Stellas schneeweissen Fiat-Wagen.
Den hellen Zobelmantel eng zusammengerafft, entstieg Stella dem Wagen. Niemand hätte ihrem lächelnden, strahlenden Gesicht den Seelenkummer angesehen. Sie war jetzt ganz grosse Diva, wie sie so einen Augenblick am Wagen stand und einem eifrig kurbelnden Kameramann lächelnd ihr Gesicht zuwandte.
„Also um elf Uhr“, befahl sie dann dem Chauffeur, der mit abgezogener Mütze am Wagen stand. Ehrerbietig von dem Portier begrüsst, ging sie schnell und graziös über den roten Läufer, der vom Bürgersteig bis in den Hoteleingang gebreitet war.
Die Hotelhalle des Splendid war jetzt um die Abendzeit sehr belebt. In den tiefen Klubsesseln sassen zurückgekehrte Gäste. Besucher warteten und vertrieben sich die Zeit mit der Lektüre der neuesten Abendblätter. Ankommende und abreisende Hotelinsassen standen an der Schranke, hinter der Geschäftsführer und Sekretäre mit Rechnungen, Kursbüchern, Theaterkarten und dergleichen hantierten. Unaufhörlich schrillte das Telephon. Boten von verschiedenen Geschäften kamen durch die Drehtür und gingen nach Meldung beim Portier auf den Lift für die Angestellten und Boten zu, um ihre Pakete in die Zimmer der Gäste zu schaffen. An einer Seite der grossen Halle war ein kleiner Blumenladen aufgebaut. Einige Herren in korrektem schwarzem Abendanzug oder Smoking standen davor und wählten entweder eine Knopflochblume für sich oder einen kostbaren Strauss für ihre Dame aus. Die Verkäuferin von Konfitüren neben dem Blumenstand machte gleichfalls gute Geschäfte, kurzum, für den unbefangenen Zuschauer schienen alle Menschen hier reich, sorglos und bestrebt, das Leben nur von der angenehmsten Seite zu nehmen.
Stellas Erscheinen machte wie immer Aufsehen. Diskrete aber auch neugierige Blicke folgten ihr, wie sie rasch die Halle durchquerte. Schuwaroff hatte für seine Festlichkeit den kleinen japanischen Saal reservieren lassen, wie er ihr geschrieben.
„Sehen Sie mal, die Hollmers“, sagte ein Herr ganz aufgeregt zu seiner Begleiterin, „schön sieht die Frau aus — unerhört.“
„Na, ich finde sie gar nicht so schön“, gab die angeredete Dame spitz zur Antwort, „so ein Marmorbild ohne Wärme, ohne sex appeal.“
Aber ihre neidische Miene verriet, dass sie viel darum gegeben hätte, mit Stellas vornehmer Schönheit konkurrieren zu können.
Der gleiche Neid prägte sich in den Gesichtern der Frauen aus, die als Schuwaroffs Gäste bereits in dem japanischen Saal versammelt waren. Wie Stella Hollmers eintrat, verblassten alle anderen vor ihr. Es war ja nicht nur ihre äussere Schönheit allein, die makellos und unerreichbar war. Es war der seelische Adel, die innere Reinheit, die ihre Schönheit mit einem überirdischen Zauber umgab. Und diese innere Schönheit konnte niemand ihr nachahmen.
Schuwaroff, der in einem Gespräch mit ein paar Herren von der Presse gestanden, unterbrach dies sofort.
Pulsuz fraqment bitdi.