Kitabı oxu: «Schiffbruch der Liebe»
Liane Sanden
Schiffbruch der Liebe
Saga
Schiffbruch der LiebeCopyright © 1930, 2019 Liane Sanden und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711593356
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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1.
„Schwester Christine!“ klang eine scharfe, harte Frauenstimme von der Tür.
„O weh!“ Die kleine Lehrschwester Gertrud verschwand blitzschnell im Verbandzimmer, das neben der Station gelegen war.
Schwester Christine hatte sich hastig von dem Kinderbett erhoben, das in der letzten Reihe an der hellgrünen Wand stand.
„Frau Oberin?“
„Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, Sie haben sich jetzt nicht hier aufzuhalten, die Kinder sollen chlafen.“
„Frikchen hat so geweint, Frau Oberin, er scheint sich schwer einzugewöhnen.“
„Je mehr man ein Kind verzieht, um so schwerer gewöhnt es sich ein! Wenn wir hier einem jeden Kinde eine Extrawurst braten wollten, wo kämen wir da hin!“
Schwester Christine erhob sich mit blutrotem Gesicht, aber die kleine Kinderhand, die ihre fest umklammert hielt, gab sie nicht frei.
„Hierbleiben, hierbleiben!“ schrie es in jammernder Bitte.
Aus den Betten nebenan erhoben sich schlaftrunkene Kindergesichter, die Kleinsten fingen an, mitzuweinen.
„Was ist denn das für ein Geschrei?“ fragte die Oberin streng. „Werdet ihr wohl still sein!“ Sie ging rasch zu Schwester Christine an das Kinderbett:
„Sofort bist du vernünftig, legst dich auf die Seite und schläfst. Du hast keinen Grund, zu schreien. Also, was willst du?“
Streng sah die Oberin Hartung aus ihren Brillengläsern auf das bleiche magere Kerlchen, das da in dem weissen Anstaltsbett lag. Aber es war, als hätte der Blick der Oberin das Kind nur noch mehr erregt, es schrie gellender und klammerte sich mit aller Kraft seiner durchsichtigen Händchen an Schwester Christine.
„Er hat Angst, Frau Oberin. Es ist noch die Erinnerung an all das, was er daheim durchgemacht hat.“
„Unsinn! Er muss lernen, sich zusammenzunehmen. Das ist doch alles längst vorbei. Hier tut ihm kein Mensch etwas. Er macht mir die anderen Kinder, die vernünftig sind, noch rebellisch.“
„Was gibt es denn hier, Frau Oberin?“
Eine ruhige, energische Männerstimme klang von der Tür. Doktor Malte Rasmussen kam schnell durch den grossen Raum.
„Der kleine Fritz, Herr Doktor.“ Schwester Christine sah bittend zu dem jungen Arzt.
„Ich bin gefragt, Schwester Christine. Seien Sie nicht immer so vordringlich!“
Ärger und eine gewisse Feindseligkeit sprachen aus den tadelnden Worten der Oberin.
„Nichts gibt es. Ungezogen ist der Junge, schreit ohne Grund und lässt mir die anderen Kinder nicht zur Nachmittagsruhe kommen.“
Doktor Rasmussen sah mit einem Blick die Angst die hinter der Ungebärdigkeit des kleinen Kranken steckte.
„Auch Unart hat ihre tieferen Gründe, Frau Oberin. Wenn wir die klarlegen, ist es gewöhnlich auch mit der Unart vorbei.“
„Also Sie sind der Meinung, dass man jedem Eigensinn eines Kindes nachgeben muss, Herr Doktor? Da käme ich weit in meinem Krankenhause.“
„Nicht dem Eigensinn im allgemeinen, aber in einem besonderen Falle, und der scheint mir hier vorzuliegen.“
„Haben Sie sonst noch etwas für mich, Herr Doktor?“ fragte die Oberin knapp.
Sie wartete die Antwort des jungen Arztes nicht ab, sondern ging mit ihren kurzen, harten Schritten hinaus.
Christine Storm sah ihr angstvoll nach. Diese Auseinandersetzung, deren unschuldige Ursache sie war, würde sie wieder büssen müssen. Der kleine Kranke aber hatte sich in dem Augenblick, in dem die Oberin sich entfernte, schon beruhigt. Ein letztes Aufschluchzen endete das wütende Schreien. Er legte sich auf die Seite, Schwester Christines Hand dabei nicht loslassend.
Doktor Rasmussen setzte sich auf das Bett:
„Sag mal, mein Kerlchen“, meinte er und strich über das dünne blonde Haar, das wirr in die bläulichweisse Stirn hing, „willst du die arme Schwester Christine nicht loslassen? Sieh einmal, die hat noch anderes zu tun, als nur bei dir zu stehen. Und du wirst ja jetzt sicher ruhiger sein. Schön schlafen!“
„Nicht weggehen, nicht weggehen!“ flüsterte der kleine Fritz, und die Tränen kamen schon wieder in seine hübschen braunen Augen.
„Vollkommen überreizt“, meinte Doktor Rasmussen zu Schwester Christine. „Wissen Sie Näheres, Schwester Christine?“
„Ja, Herr Doktor.“ Aber sie zögerte, warf einen Blick auf das Kind. Sie wollte offenbar vor diesem nervösen kleinen Kerlchen hier nicht sprechen.
„Lassen Sie nur, wir reden später darüber.“
„Darf ich noch ein Weilchen bei Fritz bleiben? Er schläft mir sonst nicht ein.“
Rasmussen nickte:
„Schön, für ein paar Tage wollen wir ihn noch ein bisschen verwöhnen. Ich denke, es wird dann schon gelingen, ihn allmählich in die Ordnung hier hineinzubekommen.“
„Sicherlich, Herr Doktor. Wenn er nur ein bisschen Mut gefasst hat und glaubt, dass man ihm hier nichts tut.“
Rasmussen nickte freundlich, ging hinaus, hier und dort an einem Kinderbett stehen bleibend. Die kleinen Gesichter leuchteten, schmerzverzerrte Münder lächelten dem jungen Arzt entgegen. Der kleine Fritz lag ganz still, und seine Hände hielten immer noch die der Schwester Christine. Aber seine Augen folgten aufmerksam dem jungen Doktor Rasmussen.
„Der soll auch hierbleiben“, sagte er plötzlich, „den mag ich. Magst du ihn auch?“
Seine helle Kinderstimme trompetete durch den Raum. Rasmussen drehte sich in der Tür um und sah belustigt hinüber:
„Eine Gewissensfrage, nicht wahr, Schwester Christine?“
Schwester Christine beugte sich tiefer über das Kinderbett:
„Du sollst jetzt nicht immerfort schwatzen, Fritz. Schwester Christine bleibt nur bei dir, wenn du dich ganz brav auf die Seite legst und schläfst. Das könnte dir so passen, kleiner Frechdachs, alle Leute um dich herum zu haben!“
„Nein, bloss du und der dort“, sagte Fritz noch einmal entschieden. Dann drehte er sich auf die Seite und schloss die Augen.
Die helle Morgensonne lag in den Korridoren des Krankenhauses. Sie blitzte auf den schneeweiss gestrichenen Wänden, legte sich zärtlich auf die blühenden rosa und weissen Hyazinthen, die zwischen den Blattpflanzen auf den breiten Fensterbrettern standen. Schwester Christine hielt einen Augenblick still, beugte sich über das duftende Rosa und Weiss der kleinen Blumenglöckchen, atmete tief den süssen Duft ein. So zart er war, er drang doch durch diese Krankenhausatmosphäre mit ihrem Geruch nach Äther und Seife.
Doktor Rasmussen kam im weissen Kittel eilig von der Station. Er sah die zarte Biegung des hellen Nackens, der aus dem Schwesternkleide herausstieg.
„Morgen, Schwester Christine.“
Sie fuhr herum.
„Na nu, so schreckhaft? Ist doch nicht verboten, schnell eine Portion Frühling mitzunehmen.“
„Ich dachte, die Frau Oberin“, stammelte Christine.
„Na und wenn?“ sagte Doktor Rasmussen seelenruhig. „Selbst die Frau Oberin kann keinem Menschen verbieten, sich über die schönen Blumen hier zu freuen. Sie mögen wohl Blumen gern?“
„O ja.“ Schwester Christines Blick streichelte förmlich die zarten Hyazinthen. Wie aus Wachs gebildet waren ihre eben aufgebrochenen Glockenkelche.
„Wir hatten viel schöne Blumen daheim, als wir noch das Haus hatten. Ich habe viele selber gezogen und gepflegt.“
„Gute Vorbereitung auf Ihren Beruf, Schwester Christine. Wer Kinder pflegen will, muss eigentlich verstehen, mit Blumen umzugehen. Klingt sehr sentimental, hängt aber wirklich miteinander zusammen. Für Kinder und Blumen sind die zartesten Hände gerade gut genug.“
Christine sah den jungen Arzt an. Er war erst acht Tage auf der Station. Aber sie hatte das Gefühl, als müsste sie ihn schon seit Jahren kennen. Es war etwas von Wärme und Klarheit in ihm, was ihr vertraut war. Wie er am Krankenbett war, bestimmt und doch zart, das war die gleiche Art, in der der Vater Kranke behandelt hatte. In jedem Kranken nicht den Kranken, sondern den kranken Menschen zu sehen, das war der Lebensgrundsatz des Vaters gewesen. Ein Grundsatz, den manche Ärzte nicht zu teilen schienen und auch manche der Schwestern nicht. In ihrer kurzen Lehrzeit jetzt hatte sie das schon erfahren. Besonders die Oberin kannte nichts als Pflichterfüllung. Aber diese Pflichterfüllung war hart und kalt. Darum befand sie sich selbst auch ewig in Widerspruch zu ihr. Die Oberin schien das zu fühlen. Vom ersten Tage an war sie ihr mit einer ausgesprochenen Feindseligkeit entgegengekommen. Der gestrige Zusammenstoss, bei dem Doktor Rasmussen ihre Partei genommen, würde die Sache nicht besser gemacht haben. Aber Doktor Rasmussen wusste, wie man zu Kindern sein musste.
Er wusste wohl überhaupt sehr viel. Sie sah das an der sicheren Art, mit der er seine Anordnungen traf. Auch an der Art, wie der Chef, Professor Möller, sich ihm gegenüber stellte. Es war ungewöhnlich, dass ein so junger Arzt schon Privatassistent des Chefs wurde.
Die erste Frühlingssonne legte einen schmalen Lichtkreis um sie und den jungen Arzt.
„Na, woran denken Sie denn, Schwester Christine?“ fragte Doktor Rasmussen lächelnd. Er hatte ihre innerliche Abwesenheit wohl gespürt.
Christine erwachte, wurde sehr rot.
„Verzeihung, Herr Doktor, ich muss nun aber wirklich weiter. Ich bin ja auf 3b mit dem Aufräumen nicht fertig.“
Sie sah erschrocken auf ihre Armbanduhr:
„Mein Gott, um neun Uhr ist ja Visite!“
„Na“, lachte Doktor Rasmussen, „ich beisse ja schliesslich nicht. Lassen Sie schon mal einen Stuhl einen Zentimeter weiter links stehen, als es Anstaltsvorschrift ist.“
„Um Gottes willen, was würde dann Frau Oberin —“
„Die soll uns gern haben, Schwester Christine. Herrgott, das ist ja hier eine Angst, nicht zu sagen. Übrigens, halt, laufen Sie mir doch nicht weg. Sie wollten mir doch noch von dem kleinen Fritz erzählen. Also, was ist mit ihm los?“
„Misshandlung zu Hause, Herr Doktor, schwerster Art“, sagte Schwester Christine und sah unruhig den Korridor hinunter, ob die Oberin nicht irgendwoher auftauchen würde. „Das Fürsorgeamt hat ihn uns hier eingeliefert. Nun ist er vollkommen verstört. Wittert überall Gefahr. Darum denke ich, man müsste erst einmal die Seele in Ordnung bekommen, sonst wird es auch körperlich nichts. Und darum habe ich —“ Sie brach ab — nein, sie konnte doch als kleine Lehrschwester nichts von ihrem Konflikt mit der Oberin sagen. Taktlos wäre das gewesen und hätte ausgesehen, als wollte sie sich einen Bundesgenossen in Doktor Rasmussen suchen.
„Ich muss nun wirklich gehen, Herr Doktor. Verzeihen Sie.“
„Na, gehen Sie schon, Schwester Christine, und falls es Sie beruhigt, ich werde heute auf Station 3a aller Voraussicht nach länger zu tun haben.“
„Wieso?“ fragte Schwester Christine ganz verwundert. „Da sind doch keine neuen Fälle eingeliefert.“
„Nein, das gerade nicht. Aber ich möchte verhindern, dass eine gewisse Schwester Christine mit ihrer Station noch nicht fertig ist.“
Er nickte ihr lächelnd zu, sah ihr nach, wie sie schnell in ihrem gestreiften Schwesternkleide den Gang hinablief. Ihre schwarzen Schuhe klapperten, dann klappte die Tür zu Station 3b.
Doktor Rasmussen ging rasch, ein kleines Lächeln auf dem Gesicht, in sein Zimmer. Da waren noch ein paar Berichte fertig zu machen, bis der Chef erschien. Aber, es war merkwürdig. So konzentriert er sonst arbeitete, heute drängte sich immer die Erinnerung an das Gespräch mit Schwester Christine dazwischen. Immer wieder sah er den blonden zarten Nacken, die sehnsüchtige weiche Gebärde, mit der sie sich über die Blüten gebeugt. Zum ersten Male musste Doktor Rasmussen denken, wie ungemäss das Leben einer Krankenschwester für ein blühendes junges Mädchenwesen doch war. Dass ihm das noch niemals in den Sinn gekommen war! Da war man jahrelang durch Krankenhäuser gegangen. Jahrelang hatte man mit Schwestern zusammengearbeitet. Mit alten und jungen, mürrischen und freundlichen. Aber nie war einem der Widerspruch zwischen Jungsein und Krankenhausarbeit so ins Bewusstsein gedrungen. Zu allen Schwestern hatte er bisher sachlich gestanden. Sie gehörten zum Krankenhaus wie er selbst und die anderen Ärzte. Er hasste es, die Liebeleien anderer Kollegen mit Schwestern und Laborantinnen mitzumachen. Privates war bisher für ihn vom Beruflichen streng getrennt gewesen. Aber heute, diese junge zarte Mädchengestalt, das helle Licht der Sonne auf ihrem Gesicht, das zarte Rosa und Weiss der Blüten. Alles war ein Bild gewesen, zu dem eigentlich nur Sommer und Freude gehörte. Nicht dies hier. Er schüttelte den Kopf. Da hatte er weiss Gott eine falsche Bescheinigung für Krankenbogen 25c, Rosina Schmidt, geborene Werner, geschrieben.
Ärgerlich machte er einen dicken Strich durch die Notiz links oben. Als striche er damit auch seine Gedanken hinweg.
Als er nach einer Weile mit den Akten herauskam, war der Vormittagsbetrieb des grossen Krankenhauses schon in vollem Gange. Esswagen rollten in die Küche zurück. Tassen und Teller klapperten leise. Aufräumefrauen mit Eimern, in denen es nach Lysoform und Seife roch, schlürften an ihm vorüber. Ein paar Krankenwagen wurden zum Fahrstuhl geschoben, um in den Operationssaal hinaufbefördert zu werden. Bleiche, angstvolle Gesichter sahen ihm entgegen. Die erste Operation oben bei Professor Dönnis schien schon vorbei zu sein. Auf einem Wagen kam eine Frau heruntergefahren. Ihr Gesicht war grünlich-bleich in der Erstarrung der Narkose. Ein betäubender Duft von Äther ging von ihr aus. Die weissen Kittel der Ärzte wehten durch die Gänge. Schwestern gingen grüssend vorüber, trugen Gefässe mit Thermometern, Instrumenten, Verbandzeug.
Ein paar junge Ärzte kamen im Gespräch aus dem Seitenkorridor.
„Schade, dass Sie nicht oben waren, Rasmussen“, meinte ein blonder Untersetzter, „Dönnis hat eine Rippenresektion gemacht, fabelhaft, sag ich Ihnen.“
Während er sich Rasmussen anschloss, erzählte er lebhaft vom Verlauf des Eingriffs.
2.
Schwester Christine hatte Pech. Als sie eilig in die Station hineinkam, prallte sie schon in der Tür auf die Oberin. An der Art, wie die ihren Gruss übersah, merkte sie, die Oberin hatte den Zusammenstoss an dem Krankenbett des kleinen Fritz Dumke nicht vergessen.
„Vielleicht kommen Sie das nächste Mal erst nach der Visite, Schwester Christine“, sagte sie spitz. „Warum waren Sie so lange von der Station weg?“
„Verzeihung, Frau Oberin, Herr Doktor Rasmussen hatte mich etwas zu fragen.“
Die Oberin lächelte eigentümlich:
„Aha. Und das war so wichtig, dass Sie hier Ihre Arbeit versäumen. Sie haben mit den Ärzten nur dienstlich zu sprechen, Schwester Christine. Das könnten Sie eigentlich bereits wissen.“
Christine war das Blut ins Gesicht gestiegen. Sie wollte etwas sagen, aber die Oberin schnitt ihr das Wort ab:
„Ich wünsche keine Widerrede. Sie haben sich nach den Dienstvorschriften zu richten. Sie haben bis zur Visite Ihre Station fertig zu machen und nicht irgendwo herumzuflirten.“
„Sie müssen sich nichts daraus machen, Schwester Christine“, tröstete Schwester Elisabeth leise, nachdem die Oberin das Zimmer verlassen. „Sie ist nun einmal so. Versucht uns zu ducken, damit wir nicht übermütig werden. Man gewöhnt sich auch daran.“
Christines Gesicht war sehr bleich. Sie warf den Kopf zurück. Eine kleine steile Falte stand zwischen ihren hellen Brauen:
„Nie gewöhne ich mich daran, niemals“, sagte sie leidenschaftlich. „Sie kann streng sein, sie kann von uns Arbeit verlangen, soviel sie will. Aber sie muss gerecht sein.“
Schwester Elisabeth zuckte die Adseln und rieb heftiger an dem Nickel des Hahns über dem Waschtisch: „Du lieber Gott, Gerechtigkeit? Das gibt’s doch gar nicht.“
Christine sah die junge Schwester Elisabeth an:
„Wenn’s das nicht gäbe, möchte ich nicht leben.“
Eine ältere Schwester mit blassem, übermüdetem Gesicht, die einen Schwung frischer Bettwäsche über dem Arm trug, kam herein und hörte Christines leidenschaftliche Worte:
„Es gibt viele Dinge“, sagte sie so halb zu Chrisstine, halb zu sich, „ohne die man nicht leben möchte, und man lebt doch ohne sie. Das legt sich alles, Schwester Christine. Seien Sie erst mal zehn Jahre hier, dann wundert man sich über nichts mehr.“
Christine sah das verblühte graue Gesicht, die Müdigkeit in den schmalen Schultern, in der ganzen Haltung des Körpers.
„Zehn Jahre“, dachte sie, „hier?“ Das Herz schlug ihr plötzlich schwer und angstvoll.
Ein Tag ging wie der andere. Eine Woche wie die andere. Man wachte auf in dem nüchternen Schwesternzimmer. Drei Betten standen nebeneinander. Dazu drei Schränke, drei Kommoden und ein kleiner Tisch. Mehr brauchte man auch nicht. Denn vom Augenblick des Anziehens an, wenn die steife Schwesternhaube feindlich knitternd den Kopf umschloss, war die eigene Persönlichkeit ausgelöscht. Frühstück unten in dem grossen Schwesternsaal. Es ging alles nach der Uhr. Dann fing der Dienst den Menschen ein, nahm ihm die eigene Persönlichkeit, die eigenen Gedanken. Man war nicht mehr Christine Storm, ein Mensch für sich mit eigenem Hoffen, eigenen Träumen, eigenen Wünschen. Man war die Schwester Christine, die auf Station 3b früh um fünf Uhr die Fieberthermometer einzulegen hatte, dann die Kinder zu waschen, die Unsauberen frisch zu betten, das Frühstück hereinzufahren, zu füttern, zu ermahnen, zu beschwichtigen. Man hatte die Station aufzuräumen; alles in fliegender Eile, um ja nur fertig zu sein; und doch peinlichst genau. Man hatte in Reihe und Glied zu stehen, wenn der Chef, das Gefolge der Assistenzärzte und Praktikanten hinter sich, Visite machte. Man hatte die tausend Anordnungen im Kopf zu behalten, die oft nur so im Vorübergehen gegeben wurden, und diese Anordnungen dann auszuführen. Bett 24 bekam einen Alkoholumschlag, 26 einen Öleinlauf, 34 und 35 lagen unter der Höhensonne. Man durfte das Klingeln der Alarmglocke nicht überhören, obgleich das Kind im Bett 32 gerade einen Asthmaanfall bekam und die feindlichen Brüder in 42 und 43 sich trok ihrer Krankheit wilde Kissenschlachten lieferten, bei der Wassergläser und Arzneiflaschen klirrend ihr Leben lassen mussten. Man war nichts mehr als gehetztes Denken, zusammengeraffter Wille. Aber alles wäre nicht schlimm gewesen. Alles hätte man geschafft. Denn man war ja gewöhnt, sich zusammenzuraffen und zu arbeiten. Wäre nur das Verhältnis zu der Oberin anders gewesen. Gefürchtet von allen Schwestern, liess sie an niemand ihre Launenhaftigkeit so aus wie an Schwester Christine. Obwohl Schwester Christine sich bemühte, durch sorgfältigste Arbeit keinen Anlass zum Tadel zu geben, fand sich doch immer irgend ein Grund zu einer spitzen oder feindseligen Bemerkung der Oberin. Es ging wirklich nicht nach Gerechtigkeit bei dieser Oberin. Das hatte Christine längst eingesehen. Es ging nur nach Laune. Es war wie ein Kampf, den die Oberin gegen die Lehrschwester Christine Storm führte. Ein Kampf, der von vornherein entschieden war. Denn was konnte eine kleine Lehrschwester der Oberin entgegensetzen? Nichts als das innerliche und unerschütterliche Bewusstsein, dass sie auf dem rechten Wege war, wenn sie versuchte, jeden der Kranken als einen Menschen für sich, als ein Wesen mit eigenen Wünschen und eigenem Kummer zu betrachtert. Vermutlich war es diese innere Einstellung, die die Oberin unbewusst spürte und gegen die sie den Kampf führte. Christine konnte es sich nicht anders erklären. Sie wusste nichts von dem Zwang herrischer alternder Menschen, junge mutige Seelen so lange zu unterdrücken, bis sie unterlegen waren. Es war der ewige Kampf zwischen Alter und Jugend. Zwischen Skepsis und Glauben. Dazu kam noch die Erbitterung der Oberin darüber, dass Schwester Christine offensichtlich von dem neuen Stationsarzt bevorzugt wurde. Der alte Stationsarzt, der vor Rasmussen die Station gehabt, war der Oberin ähnlich gewesen. Pflichtgetreu bis zum letzten, hatte er doch die Kranken als eine Sache betrachtet. Als eine Sache, die man nach allen Regeln der ärztlichen Kunst in Ordnung zu bringen hatte, weil das Pflicht war, aber nicht als Menschen, für die das menschliche Interesse wach sein musste. Die Oberin liebte es nicht, wenn allzuviel Wärme und persönliches Mitempfinden auf ihrer Station sich einbürgerte. Das gab nur Schwierigkeiten und machte das sichere Gefüge der Ordnung unruhig. Man war dazu da, um Kranke gesund zu machen, Aber nicht, um die Seele einzelner zu betreuen. Das war Sache der Anstaltsgeistlichen und der Fürsorgerinnen, die in regelmässigen Abständen die Kranken aufsüchten. Sehr zum geheimen Ärger der Oberin. Sie hasste überhaupt alles, was nicht in die harte Sachlichkeit der Krankenarbeit hineinpasste. Diese Fürsorgerinnen, die für die Kranken persönliche Angelegenheiten erledigten, waren eine neumodische Einrichtung. Es war früher auch ohne sie gegangen. Man verwöhnte jetzt den einzelnen Menschen viel zu sehr. Wer hatte je etwas mit ihr hergemacht? Ihre eigene Jugend als Älteste in einem grossen Geschwisterkreise war ja auch hart und karg verlaufen. Man konnte mit einem Mindestmass an Empfindungen auskommen. Man tat seine Pflicht. Weiter war nichts nötig. Und dieses „Mehr“ der leidenschaftlichen Menschenliebe, das war es, was die Oberin unbewusst in Schwester Christine Storm empfand und bekämpfte. Sie war sich über die tiefsten Gründe ihrer Abneigung gegen Schwester Christine vielleicht gar nicht klar. Aber gerade dies Unklare verstärkte ihren Hass. Diesen Hass bekam Christine bei allen möglichen Gelegenheiten zu spüren. Er lähmte alle ihre Freudigkeit. Er dersetzte sie in einen Zustand dauernder Angst. Doch man musste aushalten, bis die Lehrzeit vorüber war. Denn don dem Urteil der Oberin hing es entscheidend mit ab, was aus einem wurde.
Oft, wenn Christine abends schlaflos vor Übermüdung nach dem gehetzten Arbeitstage in ihr Bett fiel, dachte sie: „Einmal sich aussprechen können mit der Oberin, ihr einmal sagen, wie weh es tat, wenn man für alle Mühe nur immer diese verletzende Kälte oder diese tadelnde Ironie fand.“ Es war ja ohnehin soviel Schweres gewesen in dem letzten Jahr. Der plötzliche Tod des Vaters. Er hatte eine gute Praxis gehabt dort oben an der Küste. Aber er hatte nie gelernt, dass eine Praxis ausser Arbeit noch etwas anderes bringen musste, nämlich Geld. Wenn ihn ein Patient zahlte, war es gut gewesen. Wenn er nicht zahlte, war es ihm peinlich, zu mahnen. Und von den Armen hatte er niemals etwas nehmen mögen. Das war so lange gegangen, als ein grosses Privatvermögen einen Rückhalt gegeben. Aber dieses Vermögen ging wie die meisten in den wirtschaftlichen Katastrophenzeiten verloren. Als der Vater starb, war kaum so viel da, dass die Mutter das Haus halten und mit Hilfe von Pensionären ihr Leben fristen konnte. Christine war in die Schwesternlehranstalt gegangen, um sich auszubilden. Sie war bereit, zu arbeiten und sich durchzukämpfen. Sie hatte auch Kraft. Aber gegenüber Böswilligkeit erlahmte diese Kraft. Immer schmaler und blasser wurde Schwester Christine. Das Strahlende, Leuchtende, das von ihr ausgegangen, welkte förmlich. Die warmen braunen Augen bekamen einen angst vollen Ausdruck.
Doktor Rasmussen hatte schon ein paarmal etwas sagen wollen. Es stand ja alles deutlich in diesen braunen angstvollen Augen geschrieben. Aber Schwester Christine war eigentümlich scheu geworden. Wenn er sie in den Korridoren traf, so lief sie wie gehetzt an ihm vorbei. Auf der Station traf er sie nur noch, wenn dieser Wachtmeister, wie er bei sich selbst die Oberin respektlos nannte, dabei war.
Malte Rasmussen brauchte nicht lange Zeit, um einen Betrieb ganz zu durchschauen. Er hatte es sehr bald heraus, dass hier alle Schwestern und sogar die jungen Ärzte vor der Oberin zitterten. Die Oberin war die rechte Hand des Chefs und hatte das Krankenhaus im Zuge wie kaum jemand anders. Aber Malte Rasmussen fand, dass das nicht genug wäre. Er hatte sich gar nicht gescheut, der Oberin ein paarmal sehr energisch die Meinung zu sagen, weil der „Kasernenton“, wie er ihn im geheimen nannte, ihm im Krankenhaus nicht angezeigt erschien.
„Ich glaube, dass ich etwas länger im Krankenhausbetrieb bin, Herr Doktor“, hatte die Oberin scharf erklärt, „um mehr Erfahrung zu besitzen.“
„Vermutlich sind Sie eben schon zu lange drin, Frau Oberin“, war Malte Rasmussens Entgegnung gewesen, „es gibt Leute, bei denen die Länge der Zeit nur schädigend wirkt.“
„Ob meine Methode für das Krankenhaus schädigend ist oder nicht, Herr Doktor, diese Entscheidung wollen Sie bitte Herrn Geheimrat überlassen“, hatte die Oberin darauf erklärt.
Aber auch vor dieser Beschwörung duckte sich Malte Rasmussen nicht, wie er sich nie im Leben vor etwas duckte, wenn er es für nötig hält, eine Sache durchzukämpfen.
„Falls Sie die Entscheidung des Geheimrats wünschen, Frau Oberin, steht dem nichts im Wege. Es geht mich auch nichts an, wie Sie andere Stationen leiten. Das untersteht meinen Kollegen. Für die Station, für die ich verantwortlich bin, erkläre ich Ihnen, dass ich einen humaneren Ton meinen Kranken gegenüber verlange. Falls Sie sonst etwas wünschen, bitte, der Beschwerdeweg steht Ihnen offent.“
Trotz seiner Wut musste er innerlich lachen. Die Geschichte von der zur Salzsäule erstarrten Frau Lot kam ihm unwillkürlich in den Sinn, wie er die erstarrte Gestalt, das versteinerte Gesicht der Oberin sah. Die Schwestern ringsum standen wie verschüchterte Hühner, wenn der Habicht unter sie fährt. Einen Augenblick machte sich Malte Vorwürfe, dass er diese Auseinandersetzung mit der Oberin in Gegenwart der Schwestern geführt hatte. Aber schliesslich war ja sie es gewesen, die versucht hatte, ihn auch vor den Schwestern zu ducken. Das war eine Frau, die man nicht mit Glacéhandschuhen anfassen konnte. Und Malte Rasmussen lag es viel mehr, mit den Fäusten anzupacken als mit Glacéhandschuhen. Das heisst nur, wenn es sich um gesunde Menschen handelte. Seinen Kranken gegenüber war er trotz aller ärztlichen Bestimmtheit von zartester Behutsamkeit. Aber mit dem „Wachtmeister“ hier musste der Gang einmal gewagt werden.
Als Rasmussen abends ins Ärztezimmer kam, hatte der Krach mit der Oberin das ganze Krankenhaus durchlaufen und in der Phantasie der andern ungeheure Dimensionen angenommen.
Der kleine Doktor Benfag, ein unglückseliges verschüchtertes Kerlchen; das ewig für seine Existenz um Entschuldigung zu bitten schien, meinte, den langen Doktor Rasmussen halb erschrocken, halb bewundernd von unten her anschauend:
„Na, wissen Sie, Rasmussen, Mut haben Sie, sich der Oberin entgegenzustellen. Ich würde es nicht wagen.“
„Würde Ihnen auch schlecht stehen“, spottete Doktor Weber vom oberen Ende des Tisches her.
„Na, und Sie? Würden Sie es vielleicht riskieren?“ Doktor Benfang war gekränkt. Er liebte es nicht, an seine körperliche Unzulänglichkeit erinnert zu werden.
Weber säbelte ein grosses Stück Leberwurst von seinem Deputat ab:
„Riskieren vielleicht“, meinte er, aber tun nicht. Man sollte niemals mit der hohen Regierung kämpfen.“
Rasmussen, der zwischen Weber und einem andern Kollegen sass, musste lachen:
„Ich versteh euch nicht, Herrschaften. Da redet ihr immer alle grossen Töne gegen die Überschätzung der Weiblichkeit und fühlt euch, bloss weil ihr Männer seid, als kleine Herrgötter. Und auf einmal kriecht ihr vor der Hartung alle ins Mauseloch. Zum Donnerwetter, ist sie der chef?“
„Sie sind noch sehr jung, Rasmussen.“ Weber besah sich kritisch die Leberwurst. „Natürlich wieder Sorte zwei“, sagte er missbilligend, „der Ausschank hier wird auch immer schlechter; wenn es nicht freie Station wäre, würde ich meinen Abendbrottisch hier schon längst gekündigt haben. — Aber was die Hartung anlangt, so verstehen Sie nichts von der Politik. In der Politik ist die Nebenregierung doch oft genug einflussreicher als die wirkliche. Gerade so ist es bei der guten Hartung. Ohne die ist der Chef doch ein verlorener Mann. Sie ist die einzige, die ihm den Laden schmeisst. Na, und darum also.“
„Und darum kümmere ich mich den Dreck“, erklärte Doktor Rasmussen entschieden. „Wenn ich eine Kaserne wollte, hätt’ ich ja können Soldat werden. Da ich aber Arzt geworden bin und eine Krankenhausstation leite, verlange ich Menschlichkeit.“
Doktor Weber lächelte spöttisch: „Vorläufig sind Sie noch der Schillersche Jüngling, der mit tausend Segeln der Hoffnung hinausgeht. Sie werden auch noch mal still und resigniert in den Hafen zurückkehren.“
„Nie, niemals resigniert, was meine Auffassung vom Arztsein anlangt. Arztsein verpflichtet, Kollege Weber.“
Weber kaute mit vollen Backen: „Na schön, mag’s verpflichten. Ich bin mehr dafür, dass es zu guten Einnahmen verpflichtet. Aber ich will mich mit Ihnen nicht streiten. Sie sind mir zu forsch. Toben Sie sich ruhig gegenüber der guten Hartung aus. Sie werden ja sehen, wer den Kürzeren zieht, wenn die erst den Chef gegen Sie scharfmacht.“
„Wenn der Chef einen Menschen, den er für tüchtig hält, fallen lässt, nur weil dieser Mensch eine berechtigte Auseinandersetzung mit einem andern hatte, dann pfeife ich auf die Stellung hier.“
Rasmussens bis jetzt gleichmütiges Gesicht war finster geworden. Er stand auf, schob den Stuhl zurück: „Mahlzeit!“
„Nanu, schon fertig?“ fragte Doktor Weber kauend. „Sie haben ja noch kaum die Hände zum lecker bereiteten Mahl erhoben.“
„Nee, danke. Der Appetit ist mir vergangen.“
„Komisch“, meinte Doktor Weber, „wie einem der Appetit vergehen kann. Ist doch schliesslich noch das einzige, was im Leben Spass macht. Na, geben Sie mir noch einmal den Käse her, Herr Benfag.“
3.
Die Abendvisite war vorbei. Rasmussen kam eilig aus Station 3b. Ihm entgegen Schwester Christine.
„Also, Schwester Christine, die kleine Grete bekommt zur Nacht einen Ölumschlag, sollte sie sehr unruhig sein, dann ein halbes Luminal.“
„Verzeihung, Herr Doktor, ich bin heute dienstfrei“, sagte Schwester Christine.
„Na schön. Wer vertritt Sie?“
„Schwester Helene.“
Rasmussen sah Christine scharf an:
„Wie sehen Sie denn aus, Schwester Christine? Haben Sie Schnupfen oder haben Sie geweint?“
Schwester Christine schüttelte heftig den Kopf. Aber Rasmussen sah doch, wie sie mit den Tränen kämpfte.
„Hat’s wieder einen Kampf mit der Oberin gegeben?“ fragte er lächelnd. „Na, hören Sie, Schwester Christine, wie kann man sich darüber noch aufregen? Sie sollten lieber Ihren freien Tag geniessen.“
Christine zuckte die Achseln:
„Geniessen — ach, du lieber Gott!“
Etwas sehr Verlassenes, sehr Einsames war in den paar Worten. Wärme stieg in Rasmussen auf.
„Nun seien Sie einmal vergnügt“, sagte er energisch. „Machen Sie sich fertig, wir gehen zusammen aus.“
„Aber, Herr Doktor, das ist doch unmöglich.“
Seelenruhig fragte er zurück:
„Wieso unmöglich? Glauben Sie, dass uns die elektrische Bahn nicht zusammen befördern wird, oder glauben Sie vielleicht, dass unser schätzenswertes Krankenhaus hier einstürzt, wenn wir beide irgendwo im Freien zusammen ein Butterbrot essen oder in einen Kientopp gehen oder so?“
„Wenn Sie meinen“, sagte sie, immer noch zögernd.
„Sie sollen meinen, Schwester Christine. Ich glaube, Ihr ganzes Unglück ist, dass Sie immer glauben, die andern müssen meinen.“
Ein schüchternes Lächeln:
„Vielleicht. Aber Frau Oberin würde es vielleicht nicht richtig finden.“
„Die Frau Oberin findet überhaupt nichts richtig, was wir tun, Schwester Christine, Wenn wir darauf warten wollen, dann könnten wir uns sogar das Atmen abgewöhnen. Sie sollten sich darum ebensowenig kümmern wie ich. Also, was ist es? Treffpunkt Haltestelle drüben.“
„Ach, nicht drüben“, sagte sie schnell und erschrocken. Rasmussen lächelte:
„Schön. Dann genehmige ich Ihnen eine Haltestelle weiter zur Stadt zu. Sie sind doch ein ängstliches Menschenkind. Lassen Sie doch die andern denken und reden, was sie wollen!“
Als sie sich zum erstenmal trafen, war Schwester Christine dem Doktor Rasmussen zuerst ganz fremd erschienen. Er hatte sie ja nur in der Anstaltstracht gekannt. Nun war sie ein junges Mädchen in einem hellen weichen Kleide, mit einem kleinen Hütchen, unter dem das Blond des Haares wie ein zartes weiches Tuch sich um die schmalen Schläfen legte. Wenn Rasmussen auf dieses Haar sah, kamen ihm in einer unbewussten Gedankenverbindung immer die letzten Blüten des Sommers in Erinnerung, die Linde mit ihrem süssen, etwas schwermütigen Duft. Irgend etwas von diesem süssen, unendlich zarten, etwas Schwermütigen der Lindenblüte hing mit Christine zusammen. Das gleiche Haar wie seine Schwester Dorothee! Bald wurde ihm Christine vertraut. Vertraut in der ganzen weichen und gelösten Art, die sie auf einmal hatte. Als wäre das Schwesternkleid eine Uniform, unter der man sich nicht entfalten konnte. Wieso sie Schwester geworden wäre, hatte er sie gefragt. Da hatte sie ihm ihre Geschichte erzählt, vertrauensvoll aufgeschlossen, wie junge Menschen sein können, wenn sie Teilnahme spüren. In ihren Worten erstand für ihn das Bild ihres Lebens; die Heimat, das Vaterhaus, das glückliche Leben mit den Eltern. Ihr Interesse für Menschen, von dem klugen menschlichen Vater zeitig geweckt. Wäre der Vater nicht so zeitig gestorben, sie hätte vielleicht Medizin studiert, gestand sie. Aber so musste sie möglichst schnell zum Beruf und Verdienen kommen. Die Mutter daheim hatte es schwer und wartete sehr darauf, von ihr entlastet zu werden. Es war ein einfaches, eng begrenztes Lebensbild, das sich vor Malte Rasmussen entrollte. Aber erfüllt von Wärme. Und es hatte die Kristallhelle, das um diese ganze Christine war. Dann hatte er von sich erzählt, offener als je seit Jahren. Er wollte nicht allzulange in der grossen Stadt bleiben. Grossstadt war nichts für ihn:
„Man kommt von sich weg, statt zu sich“, sagte er, „es gibt zuviel Möglichkeiten hier, auch im Geistigen. Man gerät so leicht in die Gefahr, immer in sich hineinzufüllen, anstatt zu versuchen, aus sich herauszuschöpfen.“ Er wollte später eine Praxis aufmachen, irgendwo in einem kleinen Ort, am liebsten an der See, wo auch Bade- oder Kurbetrieb war. „Dann konnte man im Winter immer noch reisen, sich weiterbilden, seinen Spezialforschungen leben, in den Kliniken der Grossstadt arbeiten. Und war doch mit seinem wahren Leben mit wirklichem Boden verwachsen, nicht wurzellos auf dem Asphalt der Grossstädte.“
Christines Augen hatten geleuchtet:
„Geht es Ihnen auch so?“ hatte sie gefragt. „Ich habe immer das Gefühl, dass man in der grossen Stadt wie abgeschnitten ist. Vielleicht hängt das allerdings auch damit zusammen, dass ich im Krankenhaus nicht recht Fuss fassen kann.“
Ihr Lächeln wurde von einem Schatten getrübt. Er wusste, woran sie dachte. Die unerquicklichen Verhältnisse mit der Oberin standen vor ihren Gedanken. Aber sie sollte jetzt nicht daran denken. Sie sollte fröhlich sein. Er war auch fröhlich. Es war schon lange her, dass er mit einem Mädchen wie Christine Storm zusammengewesen. Nach der schweren Liebesenttäuschung, die er endlich überwunden, war er lieber für sich. Es gab Etappen im Leben eines Mannes, die sehr einsam gelebt sein wollten. Erst Christine hatte ihn wieder seelisch angerührt. Wie schön sie war in dieser weichen, zarten Mädchenhaftigkeit, die doch nichts Weichliches hatte. Er wusste, was für eine Energie sich unter dieser zarten Hülle barg. Er kannte es von Dorothee, an die Christine ihn immer mehr erinnerte. Alles, was Christine sagte, und wie sie es sagte, es klang so ganz einfach — und doch, er überlegte es sich, ja, das war wohl ihr eigentümlicher Reiz: alles, was sie tat, war nicht banal. Sie redete nicht wie andere Frauen, nur um zu reden. Selbst das Unbedeutendste und Kleinste empfing Wärme und Besonderheit von ihrer Person. Er hätte stundenlang mit ihr hier sitzen mögen und sprechen. Es gab so viel Gemeinsames. Denn die Arbeit im Krankenhaus, wenn sie auch jetzt in ihren Gesprächen ziemlich ausgeschaltet war, war doch ein gemeinsames Band.
Aber um neun Uhr schon war Christine unruhig geworden. Sie hatte nur bis zehn Uhr Ausgang. Und wer auch nur eine Minute später heimkam, hatte Unannehmlichkeiten.
„Aber wir gehen bald wieder zusammen aus, Schwester, nicht wahr?“ hatte Doktor Rasmussen gesagt, als sie sich an der Haltestelle hastig von ihm verabschiedete. Sie hatte nicht erlaubt, dass er sie bis an das Mutterhaus begleitete. Wie sie wieder in den Umkreis der Anstalt kam, war dies Gelöste, Freie wieder unter dem Druck der Angst. Mit einer leisen Zärtlichkeit sah Malte Rasmussen Christine Storm nach. Dass es ihm gelungen war, sie für ein paar Stunden sorglos und fröhlich zu machen, erhöhte das Glücksgefühl, das in ihm schwang.
Eine Woche später war es schon selbstverständlich, dass er ihren freien Nachmittag und Abend mit ihr verbrachte. Sie fuhren ins Freie, wanderten durch einen lichten Buchenwald. Dann mieteten sie in einem kleinen Restaurant ein Boot. Er ruderte sie hinaus. Jung und schön sass sie ihm gegenüber am Steuer. Ihr feines Profil mit dem weichen Blond des Haares stand gegen den tief erblassten Frühlingshimmel. Sie sprachen nicht viel in dieser Stunde. Es war so schön, nichts zu wissen, als dass man jung war, dass es Frühling war und dass man ein paar Stunden der Freiheit hatte.
Als Schwester Christine an diesem Tage heimkam, war es eine Viertelstunde über die Urlaubszeit. Sie hatte Glück. Die Oberin, die sonst die Heimkommenden zu kontrollieren pflegte, schien schon zu schlafen. Unbehelligt gelangte Christine in das Schwesternzimmer. Noch lange konnte sie keinen Schlaf finden. Das Gesicht brannte von der warmen Sonne. Diese Glut schien sich dem ganzen Menschen mitzuteilen. Immer wieder sah Christine das Gesicht Malte Rasmussens in seiner festgefügten energischen Klarheit, hörte sie seine fröhliche und mutige Stimme.
4.
Das Leben ging weiter wie gewöhnlich. Täglich neue Kranke, neue Verantwortung. Das ewige Gleichmass der Arbeit. Aber etwas war verändert für Christine. Sie hatte hier einen Menschen, sie hatte Malte Rasmussen. Nichts im Dienst deutete darauf hin, dass die beiden irgend etwas Persönliches verband. Er war als Arzt und Vorgesetzter genau lo sachlich wie zuvor. Aber dennoch, mitten in der gehetzten Arbeit von Krankenbett zu Krankenbett war es ein Blick von ihm zu ihr herüber, der ihr frische Kraft gab, Mut und Freude. Plötzlich war alles leicht zu ertragen. Man war ja so wenig verwöhnt worden in dem letzten Jahr. Schwester Christine entwickelte in diesen Wochen doppelte Kräfte. Treppauf, treppab lief ihre schnelle, helle Gestalt. Sie schien ihre Augen und ihre Hände überall zu haben. Ihre sanfte dunkle Stimme, die ein so merkwürdiger Gegensatz zu der Lichtheit ihres Gesichts war, wurde noch wärmer. Ein Strom von Beruhigung und Menschlichkeit ging von ihr zu den weissen Betten, in denen Schmerz und Angst war. Kam Malte Rasmussen frühmorgens aus seinem Zimmer, um den Dienst aufzunehmen, war sein erster Blick immer den Korridor entlang, ob irgendwo Christines helles, klares Gesicht auftauchte. Der Tag begann gut, wenn er mit ihr begann. Er rechnete schon von einem Ausgang zum andern auf das gemeinsame Beisammensein. Ab und zu dachte er wohl: Wohin würde dies führen? Denn er war sich klar darüber, dass seine Gedanken sich mehr und mehr in Christine verankerten. Sie würde ihm fehlen, wenn er hier fort sein würde. Er ertappte sich dabei, dass er mehr und mehr erwog, hier sesshaft zu werden.
Professor Möller, einigermasser genesen, hatte es ihm neulich schon nahegelegt. Man war mit der Art, wie er den Chef vertrat, zufrieden gewesen. Und sogar ein Versuch der Oberin, nach Geheimrat Möllers Rückkehr ins Krankenhaus die Stellung Rasmussens zu unterminieren, war an dem unerwarteten Widerstand Möllers gescheitert. Malte hatte hier Aussichten. Der erste Oberarzt, der Kollege Brandmann, stand ziemlich sicher vor der Berufung nach Bonn. Nach Geheimrat Möllers Worten war es ziemlich sicher, dass man Rasmussens Bewerbung um diese Stelle befürworten würde Aber Malte hatte sich ja seine eigenen Lebenspläne zurechtgelegt Auf die Dauer passte er nicht in den schematischen Betrieb eines Krankenhauses. Er musste selbständig sein und, unbeschwert durch bürokratische Vorschriften, seine Tätigkeit persönlicher gestalten. In den letzten Wochen waren ihm ein paar Praxisangebote gemacht worden, darunter eins auf einer grossen Insel an der Ostsee. Ein schönes Arzthaus war vorhanden. Im Sommer gut zu tun durch den Zustrom der Kurgäste. Im Winter konnte man sich vielleicht einen Vertreter halten, um die eigene wissenschaftliche Fortbildung in der Grossstadt zu vollenden. Rasmussen hatte bereits an den Gemeindevorstand, sowie an den Kollegen, der aus Gesundheitsgründen seinen Wohnsitz dort aufgeben wollte, geschrieben. Nun war die Antwort gekommen. Es hing nur noch an seiner eigenen Entscheidung. Als er am nächsten Tage wieder einen heftigen Zusammenstoss mit der Oberin hatte, war diese Entscheidung gefallen. All diese Störungen der Arbeit fielen weg, wenn er selbständig war. Bereits am Mittag meldete er sich bei Geheimrat Möller an und teilte ihm seinen Entschluss mit. Zugleich bat er um einen kurzen Urlaub, um selbst an Ort und Stelle mit dem Kollegen und den zuständigen Instanzen zu verhandeln.
Die Nachricht, dass Doktor Rasmussen das Krankenhaus hier verlassen würde, war sehr schnell überall durchgedrungen. Auch zu Christine. Beim Mittagessen erzählte es Schwester Helene beiläufig. Christine senkte ihr Gesicht tief auf den Teller, als wäre die Betrachtung des Stücks Suppenfleisch inmitten der wässerigen Brühe von ungeheurer Wichtigkeit. „Nichts merken lassen“, dachte sie, „nichts zeigen.“ Niemand brauchte etwas zu wissen. Es war genug, dass sie es wusste, jetzt in diesem Augenblick, jäh wie ein Schlag gegen ihr aufzuckendes Herz: Malte Rasmussen ging also fort von hier. Damit ging alles, was Freude hiess und Kraft. Damit ging alles, was die Einsamkeit von einem genommen hatte. Aber man musste sich fügen. Das Leben forderte immer von einem, dass man sich fügte.
„Also hat die Oberin doch gesiegt“, sagte Schwester Helene. „War auch schön dumm von dem Rasmussen, sich mit ihr zu verkrachen.“
Der Hass gegen Rasmussen, aus Angst und Feigheit mit von der Oberin her übernommen, sprach aus ihren Worten. Nichts Gutes liess Schwester Helene an Doktor Rasmussen. Christine sass dabei. Schliesslich konnte sie nicht an sich halten. Mochten sie von ihr denken, was sie wollten. Sie liess hier nicht so von Malte Rasmussen reden.
„Hässlich ist das von Ihnen“, tönte ihre Stimme plötzlich sehr laut und entschieden, ihr Gesicht flammte. „Sie wissen ganz genau, dass Doktor Rasmussen sehr tüchtig ist und ein guter Arzt. Und ein guter Mensch. Ich finde es unanständig, jetzt, wo er fortgeht, so von ihm zu reden.“
Schwester Helene war empört:
„Na, hören Sie, was fällt Ihnen eigentlich ein? Sie vergessen wohl ganz, dass Sie noch Lehrschwester sind. Ja? Und Ihre leidenschaftliche Begeisterung für Doktor Rasmussen, damit stehen Sie nun ja ziemlich allein. Lassen Sie das nur nicht die Oberin hören. Das dürfte Ihnen schlecht bekommen.“
„Und wenn es mir schlecht bekommt, man greift einen Menschen, der sich nicht verteidigen kann, nicht so an.“
„Na, er hat ja in Ihnen Verteidigung genug. Vielleicht werden Sie auch wissen warum.“
„Was meinen Sie damit?“ sagte Christine und sah der Schwester Helene in die Augen. Die lächelte feige:
„Ach, gar nichts Bestimmtes. Im übrigen ist Herr Doktor Rasmussen für mich viel zu uninteressant.“
Es war am Tage vor der Abreise Doktor Rasmussens nach Swanhöh. Dieser Abend fiel mit einem dienstfreien Tage Christines zusammen. Sie hatten ihn in schweigender Verabredung zusammen verbracht. Es war ein Abend gewesen voll unbeschreiblicher Süsse und Wehmut. Man hatte nicht viel gesprochen. Man war nur beieinander gewesen in einem kleinen Restaurant der Stadt. Draussen ging ein kalter Landregen nieder. Dort drin aber war es warm gewesen und gedämpft. Wenige Menschen nur an den kleinen Tischen mit den gelblichen Seidenschirmlampen. Wie Christine jetzt dem Mutterhause zuging, war es, als wäre die ganze Zeit mit Rasmussen nur ein Traum, zusammengedrängt in die schwermütige Süsse dieses letzten Abends. Rasmussen hatte von seinen Zukunftsplänen erzählt. Sie hatte zugehört, dankbar, dass sie nicht zu sprechen brauchte. Denn jedes Wort hätte ein Verräter sein können. Es war eine Gnade, nicht sprechen zu müssen, ihn nur ansehen zu dürfen, wie er dasass und ihr das Bild seines zukünftigen Lebens zeichnete. Sein geliebtes Gesicht, Zug um Zug hatte sie es sich einprägen können, von dem eigensinnigen Ansatz des Haares über der Stirn mit den Denkbuckeln über der ausgearbeiteten Stirn, Zug um Zug abwärts von den sehr durchscheinenden, sehr wachen Augen zu der kräftigen Nase und dem Munde, der jetzt etwas Zusammengepresstes, Strenges hatte. „So ist ein Mann“, musste sie denken. Noch in der Gegenwart, war er in Gedanken schon ganz bei der kommenden Arbeit. Sie war für ihn nur eine Art Resonanz dessen, was er selbst wollte und plante. Für ihn war die Gegenwart hier schon Vergangenheit. Für sie selbst aber würde dies alles ewig Gegenwart sein. Zukunft war nur noch Einsamkeit. Dankbar war sie gewesen, dass sie hatte schweigen dürfen und nur ab und zu ein Wort dazwischenwerfen musste. Sie wusste ja nicht, was in Rasmussen vorging. Seine Gesprächigkeit war zum Teil gewollt. Er wollte nicht schweigen. Denn im Schweigen würde leicht etwas zutage treten, was unausgesprochen bleiben musste. Christine war ihm etwas geworden. Wieviel jedoch, wagte er jetzt nicht zu entscheiden. Es war ja erst eine kurze Spanne her, seit er geglaubt, in einer anderen Frau Lebenserfüllung zu finden. Man musste vorsichtig sein, misstrauisch gegen Gefühle und vor allem gegen sich selbst. Dies Mädchen hier war keine von vielen. Sie war etwas Besonderes. Man war es nicht nur sich schuldig, sondern auch ihr, sich zu prüfert, ehe man sie beunruhigte. Die grösste Gefahr im Leben war, aus einer sentimentalen Stimmung heraus zu handeln. So hatte er sich, wie üblich, freundschaftlich und herzlich an der bekannten Haltestelle don Christine getrennt. Christines Hand hatte eigentümlich kalt in der seinen gelegen:
„Frieren Sie, Schwester Christine?“ hatte er gefragt. Es war gut, dass der Weg dunkel war und er Christines Lächeln nicht sehen konnte:
„Ein wenig“, war ihre Antwort gewesen, „es ist ja auch wie Herbst heute.“
Dann hatte sie ihm schnell zugenickt und war schon in dem stiebenden Regen verschwunden. Er sah ihr noch einen Augenblick nach; er hatte das Gefühl, er müsste ihr nach. War da nicht in dem Klang ihrer Stimme irgend etwas gewesen? Ein Schwanken? Trauer? Irgend etwas Verändertes? Aber vielleicht bildete er sich das nur ein. Er wandte sich um und ging seinem Zimmer im Seitenflügel des Krankenhauses zu.
Christine stand mit dem Schlüssel in der Hand vor dem schmiedeeisernen Gitter, das den Garten des Mutterhauses abschloss. Sie hörte den letzten Hall von Rasmussens Schritten, dann den dumpfen Ton, mit dem die schwere Krankenhaustür geöffnet wurde. Sie stand still. Der Schlüssel war kalt in ihrer Hand. Sie fühlte diese Kälte bis in ihre Seele hineindringen. Vom Turm der Kirche nebenan schlug es zehn. Sie war gerade zur rechten Zeit nach Hause gekommen. Aber nun tat sie etwas Merkwürdiges. Sie drehte sich um und ging wieder hinein in die Nacht. Es war unmöglich, jetzt heimzugehen. Hätte man ein Zimmer für sich allein gehabt, nur vier Wände, in denen einen niemand sehen und hören konnte, dann hätte man sich auf sein Bett werfen können und weinen. Hätte die ganze Qual des Abschieds herausschreien können, einmal nicht beherrscht zu sein brauchen. Aber in dem Zimmer zusammen mit Schwester Helene und Schwester Grete? Man würde heut abend jede Miene von ihr belauern. Jede Bewegung beachten und aus jedem Wort seine Schlüsse ziehen. Das war das Furchtbarste, dass man niemals allein war. Eine Tortur war das! Heute konnte sie es nicht ertragen. Die Nacht hier war still. Und man war in ihr allein.
Schwester Christine vergass alles. Sie vergass die Hausordnung des Mutterhauses. Sie hatte die zehn Schläge von der Kirche her einfach nicht gehört. Sie wusste nur das eine: Die Nacht war in ihrer Einsamkeit barmherzig. So ging sie weiter hinaus in die Dunkelheit. Schon war das Anstaltsgebäude im Dunkel zurückgeblieben. Da war die Strasse; Laternen flackerten im Winde. Ihre Scheiben waren vom Regen beschlagen. Eine Elektrische sauste an ihr vorüber. Nun ein Auto. Hinter erhellten Scheiben sah sie Menschen sitzen. Ziellos ging sie weiter. Als sie endlich durchnässt und wie in einer Lähmung der Willenlosigkeit wieder vor der Anstalt ankam, war es elf Uhr. Sie öffnete die Gartenpforte. Aber als sie an die Haustür kam, ging das Schloss nicht auf. Der Riegel war vorgeschoben. Jetzt erst erwachte Christine zum Bewusstsein der Gegenwart. Schred ergriff sie. Nun musste sie klingeln. Denn sie wusste, um halb elf wurde die Haustür abgesperrt. Wer dann kam, musste den Pförtner wecken. Und der hatte die Weisung, jeden Zuspätkommenden der Oberin zu melden.
Zaghaft zog sie an der Klingel. Man würde wohl eine Weile warten müssen, Grauert pflegte ziemlich tief zu schlafen. Aber ganz gegen ihr Erwarten wurde sehr bald im Treppenhause Licht gemacht. Die Haustür wurde von innen aufgeschlossen. In dem hellen Lichtviereck stand die Oberin. Schwester Christine fühlte, wie ihr Herz einen unvorschriftsmässigen Sprung tat wie ein erschrecktes Tier, um dann in einem wilden Galopp loszujagen. Sie wollte sprechen, erklären. Aber die Stimme gehorchte ihr nicht. Und ehe sie das erste Wort herausgebracht hatte, sagte die Oberin schneidend:
„Jetzt kommen Sie, Schwester Christine? Zum zweiten Male verspäten Sie sich. Sie kennen die Hausordnung. Bis uni zehn Uhr haben die Lehrschwestern im Hause zu sein. Lehrschwestern, die sich des Nachts herumtreiben, kann ich in der Anstalt nicht dulden. Gehen Sie nur dorthin, wo Sie hergekommen sind.“
Die Tür knallte zu. Es gab einen dumpfen Hall, der noch eine Weile nachzitterte.
Christine stand vor der verschlossenen Tür. Das war doch unmöglich. Dies war nicht Wirklichkeit. Sie hatte nur geträumt. Irgendwie schwer und furchtbar geträumt. Vielleicht war sie auch krank. Erst jetzt merkte sie die eisige Kälte durch die nassen Kleider hindurch, die ihren Körper erstarren liess. Sicher war es eine Halluzination, die sie gehabt. Sie hatte ja überhaupt noch nicht geklingelt. Gleich würde sie es tun. Dann würde die Tür aufgehen. Sie würde oben sein in ihrem Zimmer, sich ins Bett legen, nichts mehr denken, nichts mehr wissen. Das kahle kleine Zimmer war ihr plötzlich wie glückliches Geborgensein. Nur die Glieder ausstrecken dürfen! Sonst nichts mehr. Sie streckte die Hand zum zweiten Male nach dem Klingelknopf aus. Und jetzt, da sie die Kühle des Metalls in ihrer zitternden Hand spürte, wusste sie es auf einmal, sie hatte nicht geträumt. Sie stand hier draussen vor der verschlossenen Tür. Drinner war ja noch Licht. Sie stand ausgestossen. Man hatte sie fortgejagt. Ganz allein war sie. Nur ein paar Mark hatte sie in der Tasche, nicht einmal genug, um die Fahrkarte nach Hause zu bezahlen. Überdies, der erste Zug ging erst morgen früh. Wo sollte sie heute bleiben? Und selbst, wenn die heutige Nacht vergangen war was dann? Die Mutter setzte alle Hoffnung auf sie. Was sollte sie ihr sagen? Wie ihr erklären? Was konnte aus ihr werden, wenn man sie mitten in der Lehrzeit hier mit Schimpf und Schande fortgeschict hatte? Verzweiflung erfasste sie masslos. Nun erst war das Unglück vollkommen. Sie wandte sich. Es war ja gleich, wohin sie ging. Irgendwohin musste sie ja. Hier im Regen konnte sie nicht stehen bleiben. Wie eigentümlich schwer ihre Füsse waren! War der Boden des Vorgartens immer so uneben gewesen? Alle Augenblicke stolperte sie. Es war, als ob die Muskeln und Sehnen ihr nicht mehr gehorchten. Was für ein grelles Licht war auf einmal um die Laternen herum? Feuerräder drehten sich schneller und schneller. War das ein Feuerwerk, wie sie es in der Kindheit so oft daheim bewundert? Aber nun schossen diese Feuerräder auf sie zu, umkreisten sie näher und näher. Schon fühlte sie sengende Hitze sich entgegenwehen. Sie schrie auf, streckte abwehrend die Hände von sich, lief taumelnd.
Pulsuz fraqment bitdi.