Kitabı oxu: «Wenn Liebe schweigt»
Liane Sanden
Wenn Liebe schweigt
Roman
Saga
Wenn Liebe schweigt
© 1934 Liane Sanden
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711593394
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
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Erstes Kapitel
Nordwest sauste über die Insel. Brüllend warf er die Wellen an das Bollwerk. Hochauf bäumten sich ihre glasgrünen, durchsichtigen Leiber, schlugen mit wildem Anprall gegen die Steinmauern der Uferbefestigungen. Bis zum Horizont hin wogte es grau, unermesslich, mit weissen Schaumköpfen, die sich immer neu aufreckten, zusammenduckten und wieder emporkamen, als warteten die grossen graugrünen Wellentiere auf Beute.
Unaufhörlich schrillte das Nebelhorn vom Leuchtturm auf dem Nordende, denn über der See lag ein tückischer grauer Schleier, der die Sicht hinwegnahm.
Der Strand war menschenleer. Die meisten Badegäste sassen in den Hotels der Insel und wagten sich bei dem Sturm nicht heraus. Nur einige vermummte Gestalten in Mänteln und Wetterkapuzen schritten, gegen den Wind ankämpfend, über die Wiesen. Ein einsames junges Mädchen allein ging mit festen, gleichmässigen Schritten am Strande entlang. Der Ölmantel stand schwer und unförmig um die schlanke Gestalt. Der Südwester war, wie der eines der Schiffer, braun und verwittert, ohne Rücksicht auf Schönheit und Eleganz tief in das Gesicht gezogen. Aber das Gesicht darunter war von so unendlichem Reize, dass der Mann, der dort als einziger am Strande in einem Strandkorb sass, überrascht das Zeichenblatt sinken liess, um diesem jungen, seltsamen Menschenwesen nachzuschauen. Gerade ging sie auf ihrer einsamen Wanderung wieder an ihm vorbei — ihre Füsse, die in schweren, derben Wetterstiefeln steckten, gingen in kraftvollem Takte. Tiefblaue Augen, blau wie die See an Sommertagen, blickten weit offen und klar hinaus in die graue Weite des Meeres und des Himmels; durch die eigentümliche Umsäumung von tiefschwarzen Wimpern bekamen sie ein intensiveres und tieferes Leuchten, das Haar, welches sich unter dem Regenhut hervorstahl, war von einem samtigen Braun, spielte ins Gold hinüber und hatte die Farbe eben aufgesprungener Kastanienfrüchte. Der Wind wehte eine Strähne dieses goldigen Braungespinstes dem Mädchen in die Stirn — energisch strich sie es beiseite. Mit Entzücken sah Rupert Sartorius dabei die schön modellierte Stirn, die rein und klug war. Zu dieser Stirn, zu diesen Augen passte die schmale, aristokratische Nase mit den leicht bebenden Flügeln — passte der holde Mund, weich und schwellend in seiner keuschen Unberührtheit — und doch lag in der Buchtung der Lippen Energie und Willen. Unwillkürlich, fast ohne dass er es wusste, hatte Rupert Sartorius eine neue Seite in seinem Zeichenblock aufgeschlagen und mit hastigen Strichen eine Skizze des unbekannten jungen Mädchens begonnen. Wer mochte sie sein? Sicherlich kein Badegast. Kein weibliches Wesen hier in den Hotels würde so ohne Rücksicht auf äussere Reize in einem alten Schiffermantel und Südwester umherlaufen. Alle die jungen Damen, die aus den Städten hier in der Sommerfrische auf der Insel angekommen waren, fürchteten Sturm und Regen, der die mühsame Malerei auf ihren zurechtgemachten Gesichtern erbarmungslos zerstörte. Hier dies unbekannte Mädchen aber hatte die unzerstörbaren Farben der Natur und der Gesundheit — ihre Wangen trugen den weichen Bronzeton von Sonne und Wind und einen Hauch, wie reife Pfirsiche im Süden ihn bergen.
Wer sie auch war, sie war es wert, dass man dies süsse und stolze Mädchengesicht für die Skizzenmappe stahl. Erneut setzte er den Bleistift an, um die Profillinie noch einmal nachzuziehen.
Die Unbekannte, die bisher, ohne einen Blick auf den zeichnenden Mann im Strandkorb geworfen zu haben, unermüdlich ihren einsamen Spaziergang gemacht, schien den aufmerksamen Blick des Mannes zu fühlen. Sie wandte einmal flüchtig den Kopf zu ihm herüber. Der Blick ihrer leuchtendblauen Augen ging von seinem gebräunten, dunklen Gesicht auf das Zeichenblatt in seinen Händen. Rot floss über das schöne, noch kindliche Mädchengesicht, dann ging sie weiter.
Mit leisem Bedauern blickte Rupert der Davonschreitenden nach. Schade, er hätte gern noch eine Zeichnung gemacht, um alles von diesem Gesicht zu erfassen, was der Südwester nur enthüllte. Aber diese unbekannte Schöne schien über seine Aufmerksamkeit beinahe erschrocken. Mit leisem Seufzen nahm Rupert seine angefangene Wellenstudie wieder vor, um derentwillen er sich bei diesem Sturm hier in dem Strandkorb festgesetzt. — Unwillkürlich blickte er noch einmal in die Richtung rechts, dort ging das Mädchen mit den eigentümlich entschlossenen Schritten. Einen Augenblick überlegte er, ob er ihr nachgehen, sie ansprechen, sich entschuldigen sollte. Auf diese Weise hätte er am besten die Bekanntschaft dieses schönen Naturkindes gemacht.
Aber da, was war das? Die Fremde, die von ihm abgewandt am Strande entlanggegangen, hob plötzlich, von irgend etwas erschreckt, die Arme. Und nun setzte sich die ferne Gestalt in eine jähe Bewegung. Sie flog wie ein Pfeil am Strande entlang in der Richtung auf Rupert zu. Er sah gespannt und ohne etwas zu begreifen, ihr entgegen. Jetzt riss sie, immer im Laufen, den schweren Ölmantel ab, den Südwester vom Kopf, das weiche Haar, vom Winde erfasst, flog wie eine glänzend braune Mähne um das Gesicht. Nun war das Mädchen in dem rasenden Laufe nähergekommen, sie bewegte die Lippen und schien Rupert irgend etwas zuzurufen, aber der brausende Sturm verschlang ihre Worte. Rupert war unwillkürlich aufgesprungen und machte eine fragende Gebärde ihr entgegen. Da deutete sie mit einer wilden Bewegung der Angst geradeaus auf den Seesteg hinaus — Rupert wandte sich um. Da schrie auch er auf — nun hatte er begriffen: Auf dem einsamen Seesteg bewegte sich ein kleines Wesen — ein Kind, noch sehr klein, zwei, drei Jahre vielleicht — weiss Gott, wie es in diesem Wetter aus der sicheren Hut seiner Eltern hierher auf den sturmumbrausten Seesteg gekommen war. Nun versuchte es, mit seinen kleinen, unsicheren Beinchen auf das Geländer des Seestegs zu klettern. Schreckgelähmt stand Rupert, indes das unbekannte Mädchen schon wie ein vom Winde getriebener Pfeil an ihm vorüberschnellte — er sah Augen, in deren blauem Feuer eine eiserne Entschlossenheit brannte, und nun schrie auch er auf — das kleine Wesen da oben zog ein Beinchen über das Geländer, nun noch eins — man sah einen Augenblick den weichen runden Umriss des kleinen hellen Kinderköpfchens — da — der kleine Körper schwankte — zwei Ärmchen ruderten wild verzweifelt durch die Luft — wie von spielender Hand geschleudert, fiel das Kind wie eine Puppe hinunter in die haushoch aufschäumenden, gierigen Meereswogen. Der Wind, vom Seesteg kommend, trug einen schrillenden, dünnen Kinderschrei herüber — dann war alles vorbei. Nur der Sturm brüllte, und die Wellen leckten mit glasigen Zungen gieriger an dem Steg empor, als warteten sie auf ein neues Opfer.
Da riss sich Rupert aus seiner Erstarrung los — sein Wettermantel flog, von den Schultern geschleudert, rücksichtslos in den Strandkorb auf den aufgeschlagenen Skizzenblock, auch er rannte los, so schnell er konnte.
Aber das unbekannte Mädchen war schon weit vor ihm — im Laufen sah er, wie sie den Rock, der ihr eng um die Glieder lag, einfach abriss, schon war sie mit einem Sprung in die Wellen hinein, und nun tauchte ihr Kopf schon inmitten der gläsernen Wellenleiber auf. Rupert stand einen Augenblick spähend — dort hinten tanzte der kleine Kinderkörper hilflos auf den Wellen — und da war auch das Mädchen — mit wilden Stössen kämpfte es sich vorwärts — dem unglücklichen Kinde entgegen — aber sie verlor in dem Toben der sich überstürzenden Wasser augenscheinlich die Sicht. Sonst hätte sie sehen müssen, dass das Kind aus der Richtung abgetrieben wurde.
Auch Rupert sprang ins Wasser. Eiskalt stürzten die Wellen über ihm zusammen, peitschten seinen Körper durch die Kleider hindurch, wollten ihn ersticken in ihren würgenden Armen. Aber er zwang sich; sollte er sich beschämen lassen von jenem tapferen Mädchen, dessen lichter Kopf hin und wieder vor ihm aus dem glasigen Grün der Wellen auftauchte? Ach was, beschämen lassen? Hier ging es um mehr, ging es um ein Menschenleben, vielleicht um zwei. Denn wie lange das tapfere Mädel das Schwimmen in diesen mörderischen Wellen noch aushalten würde, war die Frage. — Gewaltsam zwang er sich, die Tempi ruhig zu nehmen; „gleichmässig atmen“ befahl er sich selbst — und nun ging es. So gut er konnte, hielt er Richtung links vom Seesteg, denn dorthin war die Gefahr des Abgetriebenwerdens am grössten. Und nun sah er, das Mädchen hatte das dunkle, auf den Wellen tanzende Menschenbündel erreicht — er hob eine Hand und winkte — und nun schwamm sie zurück, den kleinen Körper vor sich herschiebend. Aber die Kräfte hatten das tapfere Menschenkind doch verlassen, zu stark war die Gewalt der Wellen, die sich hochgetürmt immer erneut dem menschlichen Willen entgegenwarfen. Da schwamm Rupert der Unbekannten entgegen. Wie gut es war, dass er sich noch nicht ganz verausgabt hatte. Im Gegenteil, jetzt, da er die Unbekannte schwach werden sah, verdoppelten sich seine Kräfte in geheimnisvoller Weise. Noch ein paar Stösse, er war neben dem Mädchen, ergriff das bewusstlose Kind, welches sie mit letzter Energie durch die Wasser vor sich herschob, und stiess es vor sich her an Land. Das Mädchen, von seiner Last befreit, gewann nun auch wieder Mut. Kaum hatte Rupert das Kind an Land geschoben, kam auch sie mit einigen Tempi heran. Aber nun war es mit ihrer Kraft zu Ende. In dem seichten Wasser des Strandes blieb sie liegen und schloss erschöpft die Augen.
„Um des Himmels willen“, sagte Rupert erschreckt und legte das bewusstlose Kind vorsichtig in den Sand, um dem Mädchen beizuspringen.
Da öffnete die Unbekannte die Augen: „Lassen Sie“, flüsterte sie, „erst das Kind — — —.“ Sie schwieg.
Unschlüssig stand Rupert. Aber ein Blick auf das anscheinend leblose Kind zeigte ihm, wo die höchste Gefahr lag. Er achtete nicht darauf, dass der Wind seinen nassen Körper eisig durchschauerte, dass die triefenden Kleider wie ein Panzer aus Eis um die erschöpften Glieder lagen. Er trug keuchend das bewusslose Kind in den Schutz des Strandkorbes, riss die nassen Sachen von dem fühllosen kleinen Körper, mit fliegenden Händen schlug er seinen weichen Lodenmantel um den weissen kalten Kinderleib, und dann begann er langsam und gleichmässig die Ärmchen auf und nieder zu bewegen, immer auf und nieder, wie er es gelernt, um das Leben in den fühllosen kleinen Körper zurückzupumpen. Da hörte er ein leises Gehen im Sande. Das Mädchen kam auf ihn zu. „Sie werden sich auf den Tod erkälten“, sagte Rupert angstvoll, aber er konnte kaum zu Ende sprechen, denn auch ihm schlugen die Zähne aufeinander. Er fühlte einen Fieberschauer durch seine Glieder jagen. Wortlos kniete die Fremde in ihren triefenden Unterkleidern bei dem immer noch bewusstlosen Kinde — nahm Rupert die willenlosen Kinderärmchen aus der Hand — „laufen Sie bitte ins Dorf, holen Sie einen Wagen.“ So schnell seine fieberschauernden Glieder ihn tragen wollten, lief er davon. — Im Gehen hörte er noch, wie das Mädchen, das dort bei dem kleinen Kinde kauerte, plötzlich einen schluchzenden Laut der Freude ausstiess. „Es lebt“, hörte er sie rufen — er wandte sich um, das Mädchen hob das Kind mit einer unendlich mütterlichen Bewegung empor, schritt langsam und sorglich mit seiner Last über das dünne Gras des Deiches, kam Rupert nach. Wer mag sie sein? dachte Rupert, aber dann vermochte er nicht weiterzudenken. Gerade, dass er noch an die erste Hütte des Dorfes kam und dem erschreckten Fischer mit mühsamen Worten von dem Vorgefallenen berichten konnte. Er sah nicht mehr, wie ein kleiner Fischerwagen mit einem mageren Pferde hastig nach dem Deiche rollte. Er sank fieberglühend zusammen.
Zweites Kapitel
Erst nach einigen Tagen fand sich Rupert wieder bei Bewusstsein, und zwar in dem kleinen Krankenhause der Insel. Von der freundlichen Schwester Martha erfuhr er endlich, wer die Unbekannte war. Eine Nichte des Fräuleins von Hilversen, der Gutsherrin der kleinen Insel Seehöft. Das gerettete Kind gehörte einer jungen Schifferwitwe, die allein im letzten Hause von Venndorf wohnte. — „Und das junge Mädchen, ist es auch erkrankt?“ forschte Rupert besorgt. Schwester Martha lachte über ihr ganzes freundliches, rotbäckiges Gesicht: „Die Elke erkrankt? Die ist wie Eisen, Herr Sartorius, die ist von Kind an gewohnt, in jedem Wind und Wetter draussen zu sein, so ein kaltes Bad macht der ebensowenig wie einem Fisch.“ — „Wer ist eigentlich die junge Dame, Sie nannten sie Elke?“ fragte Rupert interessiert und richtete sich in seinen Kissen auf. „Erzählen Sie mir doch etwas Näheres darüber, wie kommt sie zu der Gutsherrin von Seehöft, von deren Schrullen man doch Wunderdinge erzählt.“
„Sie ist eine entfernte Verwandte des Fräuleins von Hilversen, sie wird dort erzogen.“
„Diese Gutsherrin von Seehöft soll doch die Landungsstellen ihrer kleinen Inselbesitzung mit Stacheldraht gegen unerwünschte Besucher gesichert haben und mit der Schrotflinte schiessen, wenn sich jemand Unbefugtes ihrem Grund und Boden nähern will!“
Schwester Martha lächelte: „Allerdings, sie schliesst sich gegen alle Fremden ab — ist von Jugend an hart und ungütig gewesen. Das hat sich mit den Jahren noch verstärkt.“
„Aber das junge Mädchen, diese Nichte Elke, wird die auch so hermetisch abgeschlossen? Sieht man die nicht einmal wenigstens hier bei den Veranstaltungen des Kurbetriebes?“
„Ach nein, das Fräulein von Seehöft hält ihre junge Verwandte genau so von den Badegästen abgeschlossen, wie ihren eigenen Besitz.“
„Aber ein junges Mädchen“, beharrte Rupert mit eigentümlicher Eindringlichkeit, „kann doch nicht leben wie eine alte menschenfeindliche Dame — das braucht doch ein wenig Lebensfreude.“
„Sie sollen doch nicht soviel sprechen, Herr Sartorius“, mahnte Schwester Martha energisch und schob ihrem Patienten das Thermometer unter die Achsel. „Fieberfrei“, sagte sie befriedigt nach zehn Minuten, „das ist also nun der dritte Tag ohne Temperatur, na, dann wird ja unser guter Doktor ein Einsehen haben und Sie herauslassen.“
„Gott sei Dank“, sagte Rupert mit einem Aufatmen. — Schwester Martha sah ihn mit komischer Entrüstung an: „Ich bin ja ganz gekränkt, haben Sie es denn so schlimm bei uns gehabt?“
„Liebe Schwester Martha“, erwiderte Rupert Sartorius herzlich, „was hätte ich wohl ohne Ihr Krankenhaus angefangen und ohne Ihre treue Pflege? Aber schliesslich bin ich ja doch nicht zum Kranksein hergekommen.“
Aber warum er sich so sehr heraussehnte, das verriet Rupert Schwester Martha nicht; das Bild dieser jungen Elke hatte ihn während seiner ganzen Krankheit nicht verlassen, nicht im Wachen und nicht im Traum. Er musste sie wiedersehen. Bald! Um jeden Preis.
Doch vergeblich schaute Rupert in den kommenden Tagen nach der schönen Unbekannten aus — nie wieder war sie am Strande zu sehen. Wie oft war es, dass er in der Schar der Badegäste von weitem eine Mädchensilhouette erblickte, in der er Elke wiederzuerkennen glaubte. Eilte er dann nach, so hatte eine flüchtige Ähnlichkeit ihn genarrt. Nach acht Tagen hielt es ihn nicht mehr. An einem strahlenden Sommermorgen mietete er sich ein Segelboot von Fischer Gau und fuhr nach Seehöft, der Besitzung des Fräuleins von Hilversen, hinüber.
Die hohen Pappeln, die das Ufer säumten, schlossen die kleine Insel in einen undurchdringlich dichten Laubwall. Einsam träumte ein kleiner Kahn an dem Bollwerk. Die Bootskette schlug leise gegen das Holz des Pfahles. Eine dichte Mauer von Stacheldraht schloss den ganzen Uferrand der kleinen Insel ab. Die Pforte, die von dem Landungssteg hineinführte in die kleine Sommerwildnis, war mit einem schweren, altmodischen Vorhängeschloss versperrt.
Rupert trieb sein Boot dicht ans Ufer, zog die Segel ein und spähte vergebens, wo man hier an Land gehen könnte. Endlich entschloss er sich, an der alten verrosteten Klingel zu ziehen. Ein dünnes, jämmerliches Läuten ertönte. Na, mit dieser Glocke weckt man noch nicht einmal eine Katze, musste Rupert denken. Aber er hatte sich geirrt. Nach einer Weile schlürften Schritte aus dem sommergrünen Laubdickicht — ein alter Mann in einer verschlossenen Livree kam hervor. „Sie wünschen?“ fragte er und sah mit unverhohlenem Misstrauen auf die elegante Gestalt Ruperts in dem hellen Segeldress.
„Kann ich Fräulein Elke Hilversen sprechen?“ Rupert reichte aus dem Segelboot seine Karte dem Alten hinauf. Der nahm die Karte gar nicht.
„Unser Fräulein ist überhaupt nicht zu sprechen“, war seine mürrische Antwort.
„Hören Sie“, sagte Rupert scharf, „wenn Sie jetzt nicht augenblicklich meine Karte nehmen“, er tat einen Sprung aus dem Segelboot und hatte bereits die Hand an dem Griff, mit dem der Alte die kleine Tür geöffnet hatte, „dann gehe ich allein, um zu sehen, ob Fräulein Elke Hilversen für mich zu sprechen ist. Wir haben neulich zusammen einen kleinen Jungen aus dem Wasser gezogen, und ich möchte nur hören, wie es ihr nach diesem kalten Bade ergangen.“
Der Alte sah mit einem erschrockenen Gesicht auf Rupert: „Dann kann ich ja die Karte hineintragen“, sagte er, „aber viel nützen wird’s nicht, und ich würde Ihnen nicht raten, mein Herr, mir nachzukommen, wir haben Hunde, die auf den Mann dressiert sind.“
Das scheint hier ja ein reizendes Paradies zu sein, musste Rupert denken, als der alte Diener wieder abschlürfte. Stacheldraht, scharfe Hunde, möcht’ wissen, ob’s hier denn noch andere Kostbarkeiten zu bewachen gibt, ausser der reizenden jungen Elke.
Doch er kam nicht dazu, weiter nachzudenken. Schon nahten sich wieder Schritte, aber diesmal andere, feste, dazwischen ein taktmässiges Aufschlagen eines Stockes — die Zweige der tief herabhängenden Bäume teilten sich — vor ihm stand eine eigentümliche Gestalt — in hohen Stulpenstiefeln und einer Art Hose, die aber zugleich ein Rock war, darüber eine alte Joppe. — Diese erstaunliche Erscheinung, sehr lang und unglaublich dürr, hatte ein verwittertes, scharfes Vogelgesicht unter einer männlichen Schirmmütze. Zwei dunkle Augen, scharf und feindlich, spähten hinter einer enormen Hornbrille hervor. Rupert unterdrückte mühsam ein Lächeln. Also das war dies sagenhafte Fräulein von Hilversen, das mit Schrotflinte auf unliebsame Gäste zu schiessen gewohnt war. Nun, heute hatte sie zwar keine Waffe bei sich, aber der Blick, mit dem sie den vor ihr stehenden Mann musterte, verhiess nichts Gutes.
„Sind Sie noch immer hier, mein Herr?“ fragte sie mit einer knarrenden männlichen Stimme. „Der alte Lars hat Ihnen doch deutlich genug erklärt, dass wir keine Besuche auf Seehöft wünschen.“
„Verzeihen Sie“, erwiderte Rupert so ruhig er konnte, „ich glaubte, dass Sie in einem Falle eine Ausnahme machen würden, mein gnädiges Fräulein.“
„Der Teufel hole Ihr gnädiges Fräulein“, grollte die Angeredete. „Wer sind Sie eigentlich, Herr, dass Sie sich erlauben, hier an meinem Bollwerk zu landen.“
„Ach, hat der Diener verabsäumt, meine Karte abzugeben?“ fragte Rupert, und tat, als verstände er die Worte der wütenden Dame falsch, „dann gestatten Sie mir, dass ich mich vorstelle.“
„Ich gestatte nichts.“ Das alte Fräulein stiess wütend seinen Stock auf die Holzdecke des Stegs. „Ich bin nur selbst gekommen, um Ihnen klarzumachen, dass wir Ihre Annäherung hier auf Seehöft durchaus nicht wünschen.“
„Sprechen Sie auch im Namen Ihrer Nichte, gnädiges Fräulein?“ fragte Rupert ruhig.
„Ich spreche immer im Namen meiner Nichte, die zu tun und zu lassen hat, was ich wünsche. — Und nun ein für allemal, nur weil Sie mit meiner Nichte zusammen dies dumme kleine Balg aus dem Wasser gezogen haben, darum wünschen wir doch durchaus nicht, irgend etwas mit Ihnen zu tun zu haben. Und nun werden Sie sich wohl entfernen.“
Rupert machte eine stumme Verbeugung und sprang ins Boot zurück. Fürs erste war hier nichts zu machen. Dies Mannweib von Tante schien tatsächlich von einem geradezu krankhaften Menschenhass besessen. Aber man würde ja sehen, ob man diesen Drachen nicht überlisten konnte. Er war nicht der Mann, etwas aufzugeben, das er sich ernstlich vorgenommen. Und dass er seine kleine Wasserjungfrau mit den meerblauen Augen und dem samtigen Goldbraun des Haares wiedersehen würde, das lag fest in seiner Seele beschlossen. Er wandte das Segel und fuhr aus der kleinen Bucht von Seehöft — noch von fern sah er, wie das alte Fräulein, auf den Stock gestützt, ihm mit einem misstrauischen und empörten Gesicht nachblickte. —
Als Rupert ins Hotel zurückkam, war sein erster Gang zu dem Wirt.
„Hören Sie, Herr Kruse“, sagte er harmlos, „können Sie mir nicht sagen, wo der kleine Junge wohnt, den ich mit dem Fräulein vom Seehöft zusammen aus dem Wasser geholt habe? Ich möchte mal nach ihm sehen und ihm etwas bringen.“
„Gewiss, Herr Sartorius, gerade im letzten Hause drüben in Vendorf wohnt der kleine Malte. Recht verwöhnt wird der kleine Bengel seit seinem Unfall, auch das junge Fräulein von Hilversen kommt oft zu ihm.“
„So, das Fräulein von Hilversen — kommt öfters hier herüber, Herr Kruse?“
„Alle Montag, doch, Herr Sartorius, wenn sie drüben in Vendorf Besorgungen für die Woche macht. Früher kam das alte Fräulein, aber das kann wegen der Gicht nicht mehr auf den Wagen klettern, und so macht’s das Fräulein Elke.“
Rupert ging sehr befriedigt dem Strande zu — noch zwei Tage, dann war Montag, und trotz Teufel und alten Tanten würde er Elke wiedersehen. In den nächsten beiden Tagen arbeitete er eifrig an der Skizze, die er von ihr gemacht. Bald war ein Pastellgemälde fertig, aus dem Elkes süsses, reines Gesicht wie lebend herausblickte.
Drittes Kapitel
Am Montag morgen war Rupert schon frühzeitig von seinem Hotel in Klosters aus nach Vendorf gewandert. — Das Haus, in dem Malte mit seiner Mutter wohnte, lag ganz am Ende, dort, wo das Dorf in den Sand der Heide überging. Rupert postierte sich mit seinem Malbuch dicht vor dem Haus, das mit seinem tief herabgezogenen Strohdach, dem blühenden Holunder und dem kleinen, sommerbunten Gärtchen davor wohl ein Malerauge anlocken konnte. Er sass kaum eine halbe Stunde, als der kleine Malte, blondschöpfig und rotbäckig auf seinen dicken Beinchen aus der niedrigen Kate herauskam und mit neugierigen Blicken den fremden Malersmann betrachtete.
Er erkannte natürlich seinen Retter nicht. Aber Rupert wusste sich bald bekannt zu machen. Aus seiner Tasche holte er eine Tüte mit Schokoladenstückchen hervor und hielt sie dem kleinen Blondkopf hin. Mit aufleuchtenden Augen griff der Junge zu. Dann nahm Rupert ein paar abgebrochene Farbstifte, riss aus seinem Skizzenblock ein Stück Zeichenpapier. „Da“, sagte er aufmunternd, „nun darf sich Malte hinsetzen und auch so schöne Bilder malen wie der Onkel.“
Der Kleine starrte ihn erst einen Augenblick misstrauisch an. Rupert legte das Zeichenpapier und die bunten Stifte nebst der Tüte in einiger Entfernung von sich auf das Gras und fuhr in seiner Arbeit fort, ohne den kleinen Blondkopf zu beachten. Da rückte er näher und näher. Nach einer Weile hob Rupert einen schnellen Blick von seiner Arbeit auf. Der kleine Kerl malte seelenvergnügt und vertieft Linien auf das Papier, die nicht nur von den Pastellstiften herzustammen schienen, sondern auch von den schokoladebeschmutzten kleinen Fingerchen.
Rupert lächelte gerührt. Dies Bild des versunken spielenden Kindes war reizend. Schnell entschlossen fing er eine neue Zeichnung an. Mit ein paar sicheren Strichen hatte er den kleinen spielenden Wicht auf das Papier gezaubert, genau wie er da sass, mit dem ernsthaften Gesichtchen, dem Braun und Blau — und den dicken, ungeschickten Händchen. Als nach etwa einer halben Stunde eine junge, blonde Frau in der Haustür erschien und besorgt nach dem kleinen Jungen ausspähte, war Rupert mit seiner Zeichnung fertig geworden. Er nickte dem Kinde lächelnd zu, dann schlenderte er mit seinen Sachen wie von ungefähr weiter. Die junge Frau beachtete ihn nicht, man war es hier gewohnt, dass viele Künstler kamen, um diesen oder jenen malerischen Fleck der schönen Insel aufzunehmen.
Rupert hatte sich in einiger Entfernung von dem Hause in eine Bodensenke gelegt und die Augen geschlossen. Vor sich sah er wie greifbar deutlich ein stolzes, süsses Mädchenantlitz mit wehendem, goldbraunem Haar, einem herben, unerweckten Munde, Augen klar und rein wie die blaue nordische See. Ein leichtes Räderschlürfen auf weichem Sande riss ihn aus seinen Träumereien. Er richtete sich auf den Ellenbogen auf. Sein Herz tat einen heissen, glücklichen Schlag — dort kam ein kleiner Jagdwagen — gelenkt von einem schlanken Mädchen in einfachem lichtblauen Leinenkleidchen. Vor der Tür hielt der Wagen, das Mädchen sprang leichtfüssig hinab und schlug die Zügel des Pferdes um den Holunderbaum vor dem Hause. Die junge Frau von vorhin kam eilig heraus — hinter ihr rannte Malte, so schnell er auf seinen kleinen dicken Beinchen konnte. — „Guten Tag, Stine“, hörte Rupert Elke Hilversen mit ihrer tiefen, reinen Stimme sagen, „guten Tag, mein kleiner Malte; nehmen Sie doch die Pakete vom Wagen, Stine, ich habe Ihnen und dem kleinen Wildfang vom Gut einiges mitgebracht.“ Nun wurde es still — die drei schienen in dem Häuschen verschwunden zu sein. — Vorsichtig kam Rupert aus der Bodensenke hervor. Eilig schrieb er ein paar Worte auf einen Zettel, schlich zu dem Wagen, legte zwei Zeichenblätter und den Zettel vorsichtig in den Fond des Wagens und schritt dann schnell aus dem Dorfe heraus, der hohen Düne zu, die sich eine Viertelstunde entfernt am Uferrande aus dem Flachland emporhob. Wenige Minuten später kam Elke, begleitet von der jungen Fischersfrau und dem kleinen Malte, heraus. — Nach herzlicher Begrüssung bestieg sie den Vordersitz des Wagens und fuhr davon. Der Weg wurde, je näher sie dem Dorfe kam, holpriger. Besorgt sah Elke sich nach den Paketen um, die im Fond des Wagens verstaut waren. Da stutzte sie — was war denn das für ein sorglich eingewickeltes flaches Etwas, das kannte sie doch nicht? Sollte der Krämer etwas verwechselt haben? Sie hielt an, um nachzusehen. Da errötete sie jäh, vor ihr lag ein Zeichenblatt, aus dem ihr eigenes Gesicht ihr entgegenblickte. Das war sie, wie sie lebte, ihre Nase, ihr Mund, ihr Haar und ihre Augen — nur dass der Unbekannte, der es gemacht, sie viel schöner gesehen, als sie sich in ihrer Bescheidenheit jemals glaubte. Wer konnte das sein, der ihr Wesen so liebevoll verschönt von diesem Papier widerstrahlen liess?! Darunter lag aber noch ein Blatt — und als sie es mit zitternden Händen ergriff, lächelte sie Maltes rundes, süsses Kindergesichtchen wie lebend an. Am Rande der Zeichnung hing ein kleiner Zettel: „Mein sehr verehrtes, gnädiges Fräulein, ich bitte Sie, diese Bilder als kleine Erinnerung anzunehmen an den Tag, der uns bei der Rettung des kleinen Malte zusammenführte. Ich habe seither, während ich krank lag, immer an jene Stunden denken müssen, die trotz ihrer Schrecken für mich das grösste Erlebnis meines Daseins sind. Ich wage nicht, mich Ihnen zu nähern, es sei denn, dass Sie es mir gestatten. Wenn ich Ihnen mit den Bildern eine kleine Freude bereiten könnte, wäre ich glücklich. Und noch glücklicher, wenn ich diese Gewissheit und die Zuversicht, dass es Ihnen gut geht, aus Ihrem Munde empfangen dürfte. Ich bin heute zur Arbeit an der hohen Düne und warte den ganzen Tag. Rupert Sartorius.“ Mit glühenden Wangen sah Elke auf diese beiden Bilder von Künstlerhand. Denn dass nur die Hand eines begnadeten Künstlers in diese wenigen Linien das ganze Sein einfangen konnte, das erkannte sie auf den ersten Blick. Und nun blickte sie nochmals auf die energischen Schriftzüge des Briefes. „Rupert Sartorius?“ Hiess nicht so der junge Maler, der im vorigen Jahr in der Kunstausstellung Berlins solches Aufsehen gemacht? Sie hatte seinen Namen und die Abbildungen seiner Werke in den Kunstzeitschriften gesehen, die im Winter den Hunger des Geistes stillen mussten in der Einsamkeit von Seehöft. Er war es gewesen, der zu der Rettung ihres kleinen Lieblings beigetragen. Aber was schrieb er da: er war krank gewesen?! Sicherlich hatte er sich diese Erkrankung zugezogen, als er, sein Leben nicht achtend, ihr ins Wasser nachgesprungen. Ob er ganz wieder hergestellt war? Musste sie nicht danach fragen, musste sie ihm nicht danken für diese Bilder? Unschlüssig sah sie auf die Gaben, die Rupert ihr in den Wagen gelegt, „ich warte den ganzen Tag“, las sie noch einmal — ein glühendes Rot stieg in ihre Wangen —, dann gab sie dem Braunen einen leichten Schlag mit der Peitsche und fuhr schnell quer über das Weideland.
Mit spähenden Augen sass Rupert Sartorius auf der hohen Düne. Da — ein Schatten bewegte sich schnell auf den weiten Wiesen, nun wurde er grösser — Rupert stiess einen leichten Jubellaut aus — er erkannte den Wagen und darauf die lichte Gestalt Elkes. Da richtete er sich hoch auf, damit sie ihn gleich sähe, und ein helles Jauchzen drang bis an den Fuss der Düne. Mit ein paar grossen Sprüngen, halb rutschend im Sande, raste Rupert Elke entgegen.
„Gnädiges Fräulein“, sagte er, noch etwas atemlos von dem schnellen Hinab, dann schwieg er — die konventionellen Worte versagten ihm vor diesem holden, reinen und verwirrten Mädchengesicht.
„Ich bin gekommen“, sagte Elke hilflos unter dem leidenschaftlich zwingenden Blick des Mannes.
„Ja, Sie sind gekommen“, wiederholte er. Dann schwieg auch er. Ihre Worte schienen eine ganz andere und viel tiefere Bedeutung zu haben in dieser Stunde hier oben, in der Verzauberung des sonnenstillen Sommertages. Er fühlte, wie das Mädchen leise zitterte, da nahm er sie einfach bei der Hand. Behutsam seinen Schritt dem ihren anpassend, führte er sie um die hohe Düne herum, dorthin, wo der Blick aufs Meer frei wurde. Als müsste es so sein, ging sie an dieser fremden Männerhand, fühlte das kräftige Pochen des Blutes in seiner Hand — und auch ihr eigenes Blut wie beschwingt und befeuert. Auf dem weichen Rasen liessen sie sich nieder. Gelb wehten die Blüten der grossen Ginstersträucher im Winde, schienen wie eine Gloriole von Gold hinter dem zarten Oval des Mädchenkopfes. Mit heissem Entzücken sah Rupert diese jungstrahlende Schönheit, die sich ihrer nicht bewusst war. Ein Schweigen war zwischen ihnen, in das nur die Lerchen oben am Himmel ihr jubelndes Lied hineingleiten liessen.
Endlich fasste Elke sich: „Ich muss Ihnen danken, Herr Sartorius“, sagte sie leise, „das sind so kostbare Bilder, die Sie mir da schenken wollen, ich weiss nicht, ob ich sie annehmen darf.“
„Gefallen Sie Ihnen?“ fragte Rupert schnell.
„Ob sie mir gefallen? Ach, ich bin nicht so ein dummes Kind vom Lande, um nicht zu wissen, was ein Bild von Ihrer Hand bedeutet — ich bin beschämt, und ich weiss nicht, wie ich eine solche Gabe verdient habe.“
Rupert Satorius beugte sich vor. Mit einem flehenden und doch zwingenden Blick sah er in Elkes blaue Augen. „Verdient?“ fragte er mit einer verdunkelten Stimme zurück. „Alles Glück und alle Schätze der Erde möchte ich in Ihre Hände legen, mich selbst — Fräulein Elke“, er ergriff wieder ihre Hände mit einem heissen, herrischen Druck, der fast schmerzte, — „ich kenne Sie kaum, Sie kennen mich nicht, aber ich muss Ihnen sagen, seit ich Sie damals an dem stürmischen Morgen allein am Strande erblickte, habe ich Sie nicht mehr vergessen können. Mir ist, als wäre zum ersten Male mein Herz erwacht — alles, was vorher war, ist versunken, seitdem ich Sie gesehen habe — Elke, ich liebe Sie.“ Mit Erschauern hatte das Mädchen seinen stürmischen Worten gelauscht, sie vermochte nicht zu antworten, ihre blauen Augen hingen wie gebannt in seinen dunklen. Da zog er sie leise, mit unendlicher Zärtlichkeit an sich — und ihre Lippen erschlossen sich seinem ersten Kusse.
Ein nie gekanntes Glücksgefühl überkam auch Rupert. Die Berührung dieses keuschen, reinen Mädchenmundes nahm alle Erinnerung an frühere Erlebnisse in ihm fort. Mit unendlicher Zärtlichkeit sah er auf dies Gesicht, um dessen Lippen ein Zug von Glück lag, das in seinem Übermass fast schmerzhaft erschien.
Lange sassen die beiden wortlos, und das Lied der Lerche hoch über ihnen schien jubelnd das stumme Glück zweier junger Menschenherzen wiederzutönen. Endlich löste sich Elke gewaltsam aus der süssen Verzauberung und sah mit verträumter Seligkeit dem Geliebten in das dunkle, energisch geschnittene Gesicht. „Du“, flüsterte sie scheu und strich mit unendlicher Zartheit über sein dichtes, dunkles Haar — er hielt die kleine Hand fest und drückte einen sanften Kuss auf die schlanken, sonnengebräunten Finger. — „Meine Elke“, sagte er glückstrahlend, „mein Sommerglück, habe ich dich errungen — ach, du geliebtes Kind, wüsstest du, wie sehnsüchtig ich seit unserer ersten Begegnung immer an dich gedacht habe. Vom ersten Augenblick an, da ich dich sah, hast du von meinem Herzen Besitz ergriffen — und nun schlägt es nur noch für dich.“
„Vom ersten Augenblick an?“ fragte Elke mit einem süssen, schelmischen Lächeln zurück — „als ich aus dem Wasser kam? Ach, da sah ich doch recht unvorteilhaft aus —“
„Ich habe dich schon früher erblickt, meine Elke, ich sass doch in dem Strandkorb und sah dich vorübergehen — weisst du, viel gab ja diese feindliche Regenkleidung nicht frei. Aber ich sah doch deine Augen, deine Stirn und deinen Mund — ich sah deinen Gang, und da wusste ich, hier ist ein Mensch, schön und klar wie euer Heimatland — und wer diesen Menschen zu eigen gewinnt, der darf glücklich sein. Und als du dann noch so ohne Besinnen dich selbst in Gefahr brachtest, um den kleinen Jungen zu retten —“
„Du beschämst mich.“ Elke hielt ihm mit ihrer kleinen Mädchenhand bittend den Mund zu. — „Wie hätte ich denn anders handeln sollen?“
„Ja, wie hattest du anders handeln sollen, kleine, tapfere Elke“, wiederholte Rupert und atmete tief den Duft ein, der aus der braunen Hand strömte, es war ein Duft von frischen Blumen, von See und Sonne. Elke schien andere Frauen nicht zu kennen; plötzlich dachte er, was zum Beispiel Blanche in solch einem Fall — oder all die anderen, die er kannte, getan hätten. Ein Gefühl der Verachtung krümmte in Erinnerung seine Mundwinkel nach unten.
„Was hast du?“ fragte Elke erschrocken, sie fühlte mit dem feinen Instinkt der liebenden Frau die leiseste Veränderung in dem Wesen des geliebten Mannes. — „Hab’ ich dich mit irgend etwas verletzt?“
„Liebe süsse Elke“, flüsterte er gerührt, „nie, nie kannst du mir mit irgend etwas wehe tun — ich weiss gar nicht, womit ich das Glück verdient habe, dein Herz gewonnen zu haben.“
„Was bin ich denn?“ fragte sie bang. „Ein kleines, unbedeutendes Landmädel, und du ein grosser, berühmter Mann.“
„Halt! Was sind das für Torheiten“, neckte er, „ich ein grosser, berühmter Mann. Wer hat dir denn solch ein Märchen aufgebunden?“
„Rupert Sartorius“, sagte sie, in ihre ernsten, leuchtenden Augen kam ein Lachen, es funkelte darin wie von tausend lustigen Gedanken, „Preisträger der grossen internationalen Kunstausstellung vom vergangenen Jahre, für ein Bild, ‚die Theaterprobe‘.“
„Donnerwetter, bist du aber gelehrt, nun, da bekenne ich mich geschlagen. Aber mit dem grossen Mann hat das noch gute Weile — ich bin noch lange nicht fertig, muss noch viel, viel lernen, kleine Elke, ehe ich wirklich mit mir zufrieden bin.“
Sie sah ihn beinahe ehrfürchtig an: „Ich glaube, du kannst alles, oder du wirst alles erreichen, was du ernstlich willst.“
Das übermütige Lächeln war aus seinem Gesicht gewichen und auch die Stimme wurde ernst: „Seitdem ich dich gefunden habe, meine Elke, glaube ich, dass ich alles erreichen werde. Ein Blick in deine Augen, die Gewissheit deiner Liebe wird für mich eine Kraftquelle sein, aus der ich immer neu schöpfen werde. Wirst du immer bei mir bleiben, immer, Elke?“
Ein angstvoller Schatten flog über ihr Gesicht: „Ach, Rupert, könnte ich immer bei dir bleiben! Immer! Immer! — Vom ersten Augenblick, als ich dich sah, liess mich dein Bild nicht mehr los — wie oft habe ich in heisser Angst daran gedacht, wie unser Seeabenteuer dir bekommen sein mochte — aber ich wagte ja nicht, irgend jemanden danach zu fragen, Tante hätte es nicht gelitten, sie mag es nicht, wenn ich mit irgendeinem von den Badegästen in Berührung komme.“
Rupert lachte: „Das habe ich gemerkt, ich habe nämlich schon versucht, deiner Tante meine Aufwartung zu machen, doch ich bin kläglich abgeblitzt.“ In kurzen Worten erzählte er von seiner Fahrt nach Seehöft und der Begegnung mit Elkes Tante, wobei er die Komik der Situation drastisch ausmalte.
Aber wider Erwarten entlockte seine Schilderung Elke kein Lächeln. Der sorgenvolle Schatten vertiefte sich vielmehr. „Ich bin so bange, Rupert, dass Tante gegen dich sein wird, sie hat einen Hass gegen alle Menschen — vor allem gegen die Männer.“
„Hat deine Tante denn in ihrem Leben so schlechte Erfahrungen gemacht, dass sie keine Männer gelten lassen will?“
„Ich weiss es nicht, Rupert, sie spricht nie über sich. Man hat mich von Kindheit an von allen Fremden ferngehalten, ich durfte nur mit den Kindern vom Pastor, lauter Mädchen, und den Töchtern vom Inspektor zusammen sein. Sonst kenne ich wirklich ausser dem Pastor und meinem alten Hauslehrer keinen einzigen Mann.“
„Arme kleine Elke, und der erste, der dir in den Weg läuft, ist ein solch schrecklicher Mensch wie ich, der dich gleich mit Haut und Haar verschlingen möchte.“
„Ich glaube, von dir liesse ich mich wirklich mit Haut und Haar verschlingen“, sagte Elke mit bebender Stimme; „mir ist, als hätte ich keinen anderen Willen mehr als den deinen — ich fürchte, ich liebe dich zu sehr —.“ Sie konnte nicht weitersprechen, denn plötzlich riss Rupert Elke in seine Arme und erstickte alle Worte in einem heissen Kuss.
Als sich die beiden nach einer langen Weile trennten, um den Heimweg einzuschlagen, war es beschlossen, dass Elke heute abend noch der Tante von ihrer Begegnung mit Rupert erzählen und sie bitten sollte, seinen Besuch am kommenden Tage anzunehmen.
Lange stand Rupert noch an der hohen Düne und sah Elke nach. — „Elke, meine Elke“, sagte er vor sich hin und breitete die Arme aus, als wollte er die ganze blühende, strahlende Welt zu seinen Füssen umarmen.
Viertes Kapitel
Elke Hilversen stand mit einem schneeblassen Gesicht mitten im Zimmer von ihrer Tante, dem alten Fräulein Freda von Hilversen.
„Mein letztes Wort ist gesprochen“, sagte die, „ich werde diesen Mann nicht empfangen; du wirst ihn dir aus dem Kopfe schlagen. Habe ich dich dazu erzogen, dass du einem hergelaufenen Menschen ins Garn gehst? Wenn doch einmal geheiratet sein muss, so werde ich dir schon einen Mann aussuchen, aber einen anderen, als solch einen Farbenkleckser.“
Elkes blaue Augen brannten fast schwarz in dem schneeweissen Gesicht. — „Tante Freda, ich lasse Rupert nicht beleidigen, von dir nicht und von keinem Menschen. Ich weiss nicht, was du gegen ihn hast, und mit welchem Recht du so verächtlich von ihm sprichst.“
Mit einem harten Blick sah Freda von Hilversen ihre Nichte an. „Was ich gegen ihn habe? Erstens, dass er ein Mann ist, und zweitens, dass er ein Künstler ist.“
„Was weisst du von Künstlern, Tante Freda?“ fragte die junge Elke träumerisch, „zu uns ist doch bisher nie einer gekommen. Rupert ist der erste — und vielleicht wirst du deine ungerechte Meinung von den Künstlern ändern, würdest du ihn nur kennenlernen.“
„Meine ungerechte Meinung?!“ — Das harte, starre Gesicht des alten Fräuleins sah auf einmal noch feindseliger aus. „Ich sehe, ich werde dir den Kopf nicht anders zurechtsetzen können, als durch eine Erzählung aus meiner Jugendzeit — eigentlich solltest du sie erst hören, wenn du mündig bist. Aber ich sehe Gefahr im Anzuge. Setz dich hierher“, fuhr sie gebieterisch fort. Elke gehorchte schweigend und wartete, was die Tante ihr zu sagen hatte.
„Hast du dich niemals gewundert, Elke“, begann das alte Fräulein Freda, und ihre Stimme klang rauh von unterdrückter Erregung, „dass ich niemals dir eingehender von deinem Vater und deiner Mutter erzählt habe?“
„Nein, Tante“, gestand Elke, „du hast mir nur einmal gesagt, dass meine liebe Mutter eine entfernte Verwandte von dir war und bei meiner Geburt starb, während mein Vater schon vor ihr dahinging. Ich habe mich oft gesehnt, mehr von meinen lieben Eltern zu erfahren, aber ich hatte das Gefühl, dass du nicht darüber sprechen wolltest.“
„Das wollte ich auch nicht, aber heute muss ich es, um dir zu beweisen, welche Torheiten du begehen willst.“ Sie schwieg einen Augenblick und fuhr dann fort: „Es war vielleicht vor 30 Jahren, Elke, als in der Garnison St. eine glückliche Familie lebte, Eltern mit einer Tochter aus erster Ehe des Vaters, und einer etwas jüngeren, aus zweiter Ehe. Man führte ein geselliges, grosses Haus. Die ältere der beiden Schwestern war heiratsfähig, die jüngere, Lydia, war noch ein halbes Kind und dachte noch nicht an Liebe und Ehe. Da brachte eine bekannte Familie eines Tages einen Gast mit ins Haus, einen Künstler, — einen Sänger. Die ältere Tochter glaubte Grund zu der Annahme zu haben, dass der junge Mann sich um sie bewarb. Sie lehnte daraufhin die Bewerbung eines gutsituierten, älteren Verehrers ab. Da, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, kam Lydias Erklärung, dass sie den Künstler heiraten wolle. Es gab einen heftigen Auftritt nach dem anderen, denn Lydias Eltern wollten einem Manne, der erst Hoffnungen in der ältesten Tochter erweckt, nicht die Zukunft ihres zweiten Kindes anvertrauen. Endlich, von Lydias Tränen und Beschwörungen erweicht, gab der Vater nach. — Nach ein paar Jahren erschien Lydia wieder — die Eltern waren inzwischen gestorben — nur die Stiefschwester lebte noch. Sie lebte allein auf dem kleinen Familiengute, abgeschlossen von den Menschen, auf einer kleinen Insel, auf die sich die Eltern nach der Pensionierung des Vaters zurückgezogen. Da kam Lydia, elend, krank — legte der Schwester ihr kleines Kind in den Arm. Auf dem Sterbebette vertraute sie der Schwester ihr Geheimnis an: Der Mann, um dessentwillen sie die Heimat und das Elternhaus aufgegeben, hatte sie unglücklich gemacht und nach einem heftigen Streit im fremden Lande verlassen.“
Mit tränenverdunkelten Augen war Elke der Erzählung der Tante gefolgt. Nun griff sie mit einer leidenschaftlichen Bewegung nach ihrem Arm, indessen in ihren Augen ein Fordern stand:
„Diese Schwester, Tante Freda, war — — —“
Das Fräulein von Hilversen nickte kurz: „War deine Mutter!“
Dann stand Tante Freda auf und stellte sich mit dem Gesicht zum Fenster — sie wollte Elke Zeit geben, sich zu fassen und mit den erschütternden Eröffnungen fertig zu werden. Allmählich verebbte das Schluchzen hinter ihr. Da wandte sich das Fräulein von Hilversen um, ging mit ihren harten Schritten hinüber zu der gebeugten Mädchengestalt.
„Also, nun erwarte ich, dass du vernünftig bist. Ich will nichts mehr von der Sache hören.“ —
Da hob Elke Hilversen ihren Kopf — ein unbeschreiblich schmerzliches und reifes Lächeln stand in ihren Augen:
„Tante Freda“, sagte sie leise, aber mit unbeugsamer Festigkeit, „ich danke dir für alles, was du mir gesagt hast. Ich danke dir auch für alles, was du an meiner geliebten Mutter und mir getan hast. Aber umstimmen kann mich dies neue Wissen nicht. Wenn meine arme Mutter einem Unwürdigen ihre Liebe schenkte, so ist das eine tiefe Tragik. Aber damit ist nicht gesagt, dass alle Männer einer Frauenliebe unwert sind. Ich werde nie von Rupert lassen.“
Die Züge des alten Fräuleins von Hilversen versteinerten sich. „Noch habe ich über dich zu bestimmen, und ich werde dafür sorgen, dass du das Schicksal deiner Mutter nicht teilst. Solange dieser Mensch, der dir den Kopf verdreht hat, auf der Insel drüben weilt, wirst du Seehöft nicht verlassen. Und dass er unbefugterweise hier nicht mehr landet, dafür will ich sorgen. Und nun gute Nacht.“
Elke vertrat dem alten Fräulein den Weg:
„Tante Freda“, sagte sie flehend mit aufgehobenen Händen, „sei doch nicht so hart, ich bitte dich, lerne Rupert doch erst kennen, ehe du ihn verurteilst, er ist sicherlich nicht der Mann, der leichtfertig mit einem Frauenschicksal spielt — er ist gut und edel.“
Eine herrische Handbewegung war die Antwort. Dann ging das alte Fräulein hinaus. Stille war im Zimmer, und in diese Stille hinein klang nur das taktmässige Aufsetzen des Stockes, mit dem Fräulein Freda Hilversen die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer schritt. Mit einem verzweifelten Blick sah Elke hinaus zum Fenster, die Mondnacht war von zauberhafter Klarheit — das breite, silberne Band des Mondes legte sich, wie eine Brücke aus Traum und Duft gewoben, über den Park. Jenseits schimmerte das Wasser des Boddens geheimnisvoll. Sehnsüchtig sah Elke Hilversen hinaus auf die silberne Fläche. O, könnte man auf dieser Brücke hinüber, dorthin, wo der Geliebte jetzt vielleicht sehnsüchtig ihrer dachte. Wenn er ahnte, wie die Unterredung mit der Tante ausgegangen war. Morgen würde er hierherkommen — und niemand würde ihn einlassen. Tränen der Sehnsucht und des Zorns traten in ihre Augen — wieder blickte sie hinaus — die Brücke, aus Mondlicht und Duft gewoben, schien zu locken, das sanfte Rauschen der Buchen draussen ihr etwas zuzuflüstern — aufschluchzend sank sie auf dem Sessel am Fenster zusammen.
Leise öffnete sich die Tür, mit behutsamen Schritten näherte sich der alte Diener Lars der Weinenden.
„Fräulein Elke“, sagte er leise und tröstend, „ich habe alles gehört, wie die Gnädige mit Fräulein Elke gesprochen haben, ich hatte ja noch im Nebenzimmer das Silber abzuzählen, und so musste ich wider Willen alles mit anhören. Fräulein Elke, Sie sollten nicht so weinen, ich habe Ihrer seligen Mutter versprochen, dass ich über Sie wachen würde und Ihr Glück.“
„Guter alter Lars“, sagte Elke, und ihre zitternde Hand stahl sich wie die eines schutzsuchenden Kindes in die runzlige des Alten.
„Was hätte ich wohl in meiner Kindheit hier allein anfangen sollen ohne dich — du warst der einzige, der mir nach dem Tode meiner Mutter Liebe gab — hier wäre ich ja sonst erstarrt in der eisigen Atmosphäre auf Seehöft. Aber nun kannst du mir auch nicht helfen — mein Glück, das ist bei Rupert — und Tante Freda wird es mir zerstören. Ich werde einsam und unglücklich sein, wie meine Mutter es war. Und dabei, glaube mir, Lars, der Mann, der mich zur Frau begehrt, ist gut und edel, niemals würde er mir wehe tun, niemals mich verlassen.“
„Ich weiss“, war die Antwort des alten, treuen Dieners, „ich habe seine Augen gesehen, Fräulein Elke, er hat gute Augen. Aber auch Ihr Vater, glauben Sie mir, er war nicht schlecht, ich weiss ja nicht, was sich alles zwischen ihm und Ihrer Mutter abgespielt hat, aber ich weiss, dass damals, als Ihre Mutter, unser gnädiges Fräulein Lydia, hierherkam und Sie nach Seehöft brachte, dass damals viele Briefe mit amerikanischen Marken hierherkamen. Aber ob diese Briefe in die Hände Ihrer lieben Mutter gekommen sind?“ Er sah sich scheu um. „Ich glaube, Fräulein Elke, die Dinge damals haben sich alle anders zugetragen, als sie das Fräulein Freda Ihnen dargestellt hat. — Es ist unrecht von mir, so zu sprechen. Aber Ihre liebe Mutter, mein gutes Fräulein Lydia, hat mir doch aufgetragen, Sie zu behüten — und ich hänge an Ihnen ebenso, wie an Ihrer lieben guten Mutter, sie war ein Engel an Güte und Menschenfreundlichkeit, ganz, ganz anders wie die Stiefschwester.“
Da streckte die junge Elke hilfeflehend ihre Hände zu dem alten treuen Diener auf: „Hilf mir, Lars, hilf mir, ich kann nicht von Rupert lassen. Ich gehe ja hier zugrunde in der Einsamkeit von Seehöft, bei der Härte und Lieblosigkeit von Tante Freda. Wenn sie mich von Rupert trennt, ist es mein Tod, Lars. Könnte ich nur Rupert sprechen, aber wie mache ich das nur, Tante Freda wird morgen das Bollwerk den ganzen Tag bewachen lassen — und dann reist Rupert ab, und alles ist aus. Hilf mir, Lars, hilf mir um meiner Mutter willen.“
Da richtete sich der alte Lars mit einem Blick der Entschlossenheit auf: „Gott wird wissen, ob ich recht tue, Fräulein Elke“, sagte er feierlich, „kommen Sie, ich begleite Sie hinüber zu dem Badeort, ich begleite Sie, damit Sie mit Ihrem Verlobten reden können — morgen ist es vielleicht schon zu spät.“
Der Mond war schon über den Bodden hinübergewandert, als aus dem Gutshause von Seehöft leise eine schlanke Gestalt trat. Der Hund wollte anschlagen, aber schon kam eine Mädchenstimme, die ihm bekannt war, lockend und schmeichelnd, danach die eines alten Mannes. Da gab der Hund nur einen leisen, beruhigten Blafflaut von sich und legte sich ruhig wieder hin.
Alsbald wurde das Eisengitter am Bootssteg leise geöffnet — und wenig später durchschnitt ein kleiner Kahn, von nervigen Mädchenhänden gelenkt, die monderhellte Flut.
In der grossen Diele des Hotels „Zum Leuchtfeuer“ war eine heitere Gesellschaft versammelt. Den Mittelpunkt bildete Blanche Duprès, die bekannte Sängerin der Grossen Oper in Wien. Den ganzen Abend hatte man getanzt, gelacht, gescherzt — nun stand Blanche auf, „Mondscheinpromenade“, rief sie laut und übermütig. „Kommt, Kinder, wir wollen heute einmal in Stimmung und Sentimentalität machen.“
Alles erhob sich, unter lautem Lachen und Scherzen gaben die Herren den Damen die leichten Sommermäntel um.
„Na, und Sie, Sartorius?“ wandte sich ein glattrasierter, eleganter Mann, dem man den Schauspieler ansah, zu dem Maler. „Sind Sie heut wieder nicht von der Partie?“
„Lasst den Rupert“, lachte Blanche, „der hat seit seinem kalten Bade neulich Weltschmerz, ist für nichts mehr zu brauchen. Du scheinst doch noch nicht ganz gesund zu sein.“
„Muss man denn krank sein, wenn man einmal nicht aufgelegt ist, etwas mitzumachen?“ fragte der etwas scharf zurück.
„Hu, friss mich nur nicht gleich“, gab Blanche zurück, „na, bleib, mir ist es gleich. Ich hab auch Unterhaltung ohne dich“, sie sagte es lachend, aber in ihrem Ton war etwas Spitzes, Beleidigtes. Und die Bewegung, mit der sie sich zu einem der Herren wandte, war zu betont liebenswürdig, man sah, sie wollte Rupert damit reizen und seine Eifersucht wecken.
Rupert aber tat, als bemerkte er das Manöver Blanches nicht. Als die Gesellschaft die Diele verlassen, atmete er auf. Unerträglich war ihm dieser laute, burschikose Ton. Unnatürlich auch Blanches lautes, gefallsüchtiges Wesen. Wo hatte er nur seine Augen gehabt, als er einen Flirt mit ihr begonnen? Zugegeben, sie war schön mit ihrer katzenartigen, dunklen Schönheit, dem gelblichen Teint und den grossen, leuchtenden schwarzen Augen — aber alles war so bewusst, seiner Wirkung sicher — und mit einem Stich ins Grobe. Seit er Elke gesehen, war er im tiefsten seiner Seele wie verwandelt. Seit er sich in dem reinen Blau ihrer Augensterne gebadet, war er ein neuer Mensch. Elke, Elke, dachte er sehnsüchtig und zärtlich. Die Schwüle des zigarettengeschwängerten Raumes erschien auf einmal unrein. Hier durfte man an Elke nicht einmal denken. Er stand auf und ging hinaus. Im Dunkel der Fliederlaube setzte er sich nieder und sah hinauf zu dem gestirnten, schweigenden Himmel. Blitzend zogen die Sterne ihre unendliche Bahn, und der Mond wanderte zwischen zartem Dunst. Ein frommes Gefühl, wie er es lange nicht gekannt, machte sein Herz still und weich. Hier in der reinen Einsamkeit der Nacht schwor er sich zu, dass er alles tun wolle, um die Liebe und das Vertrauen Elkes niemals zu täuschen. Lange hatte er so gesessen, als er die Gesellschaft vom Strande zurückkehren hörte. Er unterschied Blanches etwas hartes Lachen und ein keckes Scherzwort von einer männlichen Stimme. Regungslos blieb er sitzen, auch als er hörte, wie man unter seinem Fenster pfiff und seinen Namen rief. Er wollte seine weihevolle Stimmung nicht stören lassen.
Pulsuz fraqment bitdi.