Kitabı oxu: «Wer macht was im Gottesdienst?»

Şrift:

Liborius Olaf Lumma

Wer macht was im Gottesdienst?

Die handelnden Personen und ihre Aufgaben

Theologische Erschließung

Praktische Tipps


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2021 Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

Gutenbergstraße 8 | 93051 Regensburg

Tel. 0941/920220 | verlag@pustet.de

ISBN 978-3-7917-3284-8

Umschlaggestaltung: www.martinveicht.de

Umschlagbild: © 2016, KNA GmbH, www.kna.de, All Rights Reserved

Satz: Vollnhals Fotosatz, Neustadt a. d. Donau

Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg

Printed in Germany 2021

eISBN 978-3-7917-6211-1 (epub)

Unser gesamtes Programm finden Sie im Webshop unter

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Inhalt

Vorwort

Das Anliegen dieses Buches

Zur Gliederung dieses Buches

Priester/Presbyter – Gemeinde/Versammlung – Geschlechtersensible Sprache

1Rollenspiele, Macht und Drehbücher – eine Annäherung an den katholischen Gottesdienst

Gottesdienst als Rollenspiel

Ernsthaftigkeit, Authentizität und Geschlechter

Rollen im menschlichen Leben

Macht der Vereinsvorsitzenden – Macht der Mitglieder

Aufeinander bezogene liturgische Rollen

Liturgische Rolle und kirchliche Macht

Liturgie und Drehbuch

Drehbuch, Gestaltungsfreiheit – und wieder Macht

Eucharistiefeier, Wort-Gottes-Feier, Tagzeitenliturgie

2Vereinssitzung, Theaterstück oder offener Himmel – wenn Christen sich versammeln

Katholischer Gottesdienst: Bühne und Publikum

Gottesdienst als Versammlung

Liturgische Versammlung und himmlisches Jerusalem

Ekklesia als Versammlung

Liturgische Rollen im Verhältnis zur Versammlung

Architektonische Rahmenbedingungen

Das Wir und das Amen

Gemeinsam vorgetragene Wir-Texte

Konsequenzen für die Praxis

Liturgie: eine Sache für Eingeweihte

Ich-Gebete

Actuosa participatio

3Zwölf Apostel, Ordinationen und Beauftragungen – Weiheämter und Laienämter in der katholischen Kirche

Ordinierter Bischof und ordinierte Mitarbeiter

Ordination auf Dauer

Ordination und Eucharistie

Ordinierte als Priester

Apostolizität und Eucharistievorsitz

Liturgische Leitung und Gemeindeleitung durch Ordinierte

Macht und Kontrolle in der Kirche

Niedere Weihe und Beauftragung

Der Begriff Laie

4Bücher, Pulte, Mikrofone – die Lektorin/der Lektor

Lesungen durch Ordinierte und durch Laien

Das Wort Gottes in der Versammlung der Kirche

Im Dienst des Textes

Leseordnungen

Kantillation

Kompetenzen für den Lektorendienst

Vorbereitung

Lesungen weglassen?

Ambo

Lektionar, Fürbitten, Kleidung und Sitzplatz

5Atmen, Vorsingen, Mitsingen – die Kantorin/der Kantor

Öffentlich singen

Antwortpsalm

Antwortpsalm weglassen

Dialog mit der Versammlung

Tagzeitenliturgie

Stimmführer der Versammlung

Responsoriale Alternativen zu Strophenliedern

Kompetenzen für den Kantorendienst

6Kantor, Schola, Gemeindeersatz – der Chor

Schola: Chor in der Kantorenrolle

Chor als Repräsentant der Versammlung

Optionen für die Weiterentwicklung

7Orgel, Violine, E-Gitarre – Instrumentalistinnen und Instrumentalisten

Musikinstrumente im christlichen Gottesdienst

Instrumentalspiel zur Begleitung und Unterstützung des Gesangs

Instrumentalmusik als eigenständige Größe

Instrumentalmusik und Kantorendienst

8Hirte, Vorsteher, Christusbild – Bischof und Presbyter

Christusrepräsentanz

Bischof und Presbyter als Liturgievorsteher

Exkurs: Die Leitung der Wort-Gottes-Feier

Ordination, Liturgie und Kirchenrecht

9Präsident, Vorsitzender, Zelebrant – die Liturgievorsteherin/der Liturgievorsteher

Liturgischer Vorsteherdienst

Vorsteher, Leiter, Zelebrant

Verschiedene Ausdrucksformen des Vorsteherdienstes

Vorsteherdienst durch mehrere Personen gemeinsam

10 Getränkewart, Evangelist, Motivator – der Diakon

Diakonos zwischen Sozialdiener und Privatsekretär

Presbyter und Diakone

Wiederbelebung des Diakonats durch das Konzil

Diakon in der Eucharistiefeier

Lektionar, Evangeliar, Bibel

Allgemeines Gebet

Kelchkommunion

Frauendiakonat und Frauenordination im Allgemeinen

Diakon außerhalb der Eucharistiefeier

11 Studieren, Übersetzen, Bezeugen – die Predigerin/der Prediger

Predigtdienst durch Vorsteher

Predigt in der Eucharistiefeier und anderen Liturgieformen

Die Predigt und ihre Wirkung

Homilie als Liturgie

Kompetenzen für die Predigt

12 Ernährung, Segnung, Krankenbesuche – die Kommunionhelferin/der Kommunionhelfer

Kommunionspendung in der Eucharistiefeier

Der empfangende Vorsteher

Vorsteher als erster Kommunionspender

Kelchkommunion: ein Desiderat

Konkurrenz zwischen Ordinierten und Laien

Handkommunion und Mundkommunion

Kelchkommunion: praktische Herausforderungen

Zulassung zur Kommunion

Praktische Konsequenzen

Wer die Kommunion nicht empfängt

Agape

Heruntergefallenes Brot, verschütteter Wein

Gestaltung der Kommunion im Gottesdienstraum

Krankenkommunion

Kommunion aus dem Tabernakel

Kommunion und Wort-Gottes-Feier

13 Kerzen, Weihrauch, Spielzeugteller – die Ministrantin/der Ministrant

Kinder und Erwachsene als Ministranten

Weihrauch

Kerzen

Praktische Assistenzdienste

Gabenbereitung

Aufteilung der Ministrantenrollen

Kinder und Erwachsene

14 Niedere Weihe, Beauftragung, Priesteramtskandidat – Lektorin/Lektor und Akolythin/Akolyth

Lektor

Akolyth

Eine neue Entwicklung: Frauenlektorat und Frauenakolythat

15 Entscheiden, Planen, Kleiden – Liturgie gemeinsam vorbereiten

Unausweichliche Entscheidungen

Entscheidungsmacht des Vorstehers

Entscheidungsmacht anderer

Das liturgische Buch als Schutz vor Willkür

Lesungen

Musik- und Liedauswahl

Predigt als Ausgangspunkt der Liturgieplanung?

Einheitliche Kriterien vs. persönliche Willkür

Selbstorganisation der Gemeinde

Eine Person, mehrere Rollen?

Sakristan / Küster / Mesner

Liturgische Kleidung

Beginn und Abschluss der Liturgie

16 Das Zweite Vatikanische Konzil über die Liturgie

17 Anregungen für Eucharistiefeier, Wort-Gottes-Feier und Vesper

Eucharistiefeier

Wort-Gottes-Feier

Vesper

Schlusswort

Literaturhinweise

Konzilstexte

Kirchliche Bestimmungen für die Eucharistiefeier, Wort-Gottes-Feier und Tagzeitenliturgie

Grundlegende und konkretisierende Überlegungen zur Liturgiegestaltung

Philosophische Überlegungen zu den „Drehbüchern“ der Liturgie und zu den Adressaten liturgischer Texte

Einführung in einzelne liturgische Rollen

Zur Homilie

Zum Allgemeinen Gebet (Fürbitten)

Zum ordinierten Amt in der katholischen Kirche und zum Frauendiakonat

Zur aktuellen Diskussion um Machtstrukturen in der katholischen Liturgie

Zur Einführung in die Tagzeitenliturgie

Zur Erfahrungsqualität einzelner liturgischer Symbole

Zum Blumenschmuck in Kirchenräumen

Vorwort

Im Katholizismus nimmt wie in den meisten Richtungen des Christentums und anderer Religionen der Kult eine zentrale Stellung ein: zeichenhaft aufgeladene Rituale, die individuell oder gemeinschaftlich begangen werden und in denen sich Menschen auf Transzendentes beziehen, also auf etwas, das nicht Teil dieser Welt ist und doch in Beziehung zur Welt steht, christlich gesprochen auf Gott.

Nun gibt es grundsätzliche Kritik an solchen Formen religiösen Kultes. In Europa wurde diese Kritik besonders durch die Philosophie und Politik der Aufklärung seit dem späten 18. Jahrhundert beeinflusst: Gebet, Lobpreis, Dank oder Anbetung seien demnach vollkommen sinnlos. Die für solche Handlungen investierten Ressourcen von Zeit, Kunst und Verstand sollten besser der Moral, also der aktiven Mitwirkung an einer besseren Welt zukommen, für die dann allerdings doch wieder Transzendenz in Anspruch genommen wird, und zwar in Form von Werten wie Gerechtigkeit, Freiheit oder Humanität. Auf solche Kritik an religiösen Praktiken einzugehen, ist nicht Thema dieses Buches. In erster Linie ist hier auf Diskussionen in der Religionsphilosophie zu verweisen.

Doch selbst dort, wo Menschen dem religiösen Kult positiv oder zumindest offen gegenüberstehen – etwa weil sie selbst einer Religionsgemeinschaft angehören oder weil sie dem Kult zumindest zugestehen, dass er für den Menschen eine ähnliche Bedeutung haben kann wie Kunst, Musik, Literatur, Liebe, Trauer, Hoffnung und Zweifel –, bleiben die Ausdrucksformen der katholischen Kirche oft fremd.

Für die verschiedenen Formen des katholischen Kultes gibt es keine einheitliche Begrifflichkeit. Ich werde in diesem Buch in erster Linie von Liturgie sprechen. Dabei geht es mir immer um jene Formen, die gemeinschaftlich und öffentlich geschehen, und hierbei wiederum um die drei wichtigsten Rituale für die katholische Praxis in unseren Breiten: die Eucharistiefeier (Messe), die Tagzeitenliturgie (Stundengebet) und die Wort-Gottes-Feier.

Das Anliegen dieses Buches

Ich möchte versuchen, einen Schlüssel zum Verständnis dessen anzubieten, was Menschen in der katholischen Liturgie tun, zu der sie sich gemeinschaftlich versammeln und in der sie unterschiedliche Rollen ausfüllen.

Das Buch soll auch für jene Menschen informativ sein, die sich der katholischen Liturgie von außen annähern: als interessierte, neugierige oder skeptische Beobachter.

Denjenigen, die als katholische Gemeindemitglieder die Liturgie mittragen – sei es, dass sie öffentlich sichtbar besondere Aufgaben übernehmen, sei es, dass sie einfach aus freier Entscheidung anwesend sind und vielleicht das ein oder andere Lied mitsingen –, soll das Buch eine Hilfestellung sein, um das eigene Tun besser verantworten und sachgerechter gestalten zu können.

Dabei ist vorauszusetzen, dass das Nachdenken und Reden über Liturgie niemals die Liturgie selbst ersetzen kann, so wie auch Musikwissenschaft nicht das Musizieren oder das Hören von Musik, die Theaterkritik nicht das Schreiben, Spielen oder Ansehen von Theaterstücken und die Politikwissenschaft nicht das Regieren oder das Wählen ersetzen kann. Die wissenschaftliche Beschäftigung kann Missverständnisse aufklären, neue Perspektiven erschließen und Wege eröffnen, auf denen die Liturgie ihr Potenzial und ihre Wirkung sachgerechter entfalten kann. Das Nachdenken über Liturgie kann die Kompetenzen befruchten, die nötig sind, um Liturgie sachgerecht zu gestalten, die als ritualisierte Handlung den ganzen Menschen in seiner leiblich-seelischen Verfasstheit über die Begrenztheit des Messbaren, Berechenbaren und Beherrschbaren hinausweist, ähnlich wie dies Musik, Kunst, Theater und Literatur tun.

Zur Gliederung dieses Buches

Die Buchkapitel 3–14 sind weitgehend nach den handelnden Personen und den von ihnen ausgeübten liturgischen Rollen geordnet. Manche der dabei behandelten Themenfelder betreffen mehrere Personen zugleich: etwa die Handhabung von Büchern oder die Bedeutung der Bibel für die Liturgie. Ich werde solche Themen in einzelnen Kapiteln bündeln und in anderen Kapiteln darauf verweisen.

Am Beginn und am Schluss (Kapitel 1–2 und 15–17) stehen allgemeinere Überlegungen, wichtige Quellentexte und konkrete Ideen zur Liturgiegestaltung.

Priester/Presbyter – Gemeinde/Versammlung – Geschlechtersensible Sprache

Für das Buch musste ich einige Vorentscheidungen treffen, die vielleicht erklärungsbedürftig sind.

Anders als im deutschsprachigen Katholizismus üblich werde ich nicht vom Priester sprechen, sondern vom Presbyter. Den Begriff Priester verwende ich dagegen als Oberbegriff für Bischöfe und Presbyter. Das mag irritieren, vielleicht sogar ablenken. Es gibt dafür aber wichtige Gründe, die ich in Kapitel 3 erläutern werde.

Ein zentraler Begriff, dem ich mich in Kapitel 1 und 2 grundlegend annähern werde, ist Versammlung. Ich spreche daneben auch von der Gemeinde. Versammlung soll immer die konkret zur Liturgie zusammentreffende Personengruppe bezeichnen. Den Begriff Gemeinde verwende ich hingegen für eine im Prinzip stabile Gruppe: eine soziale oder kirchenrechtliche Gemeinschaft wie etwa eine Pfarrgemeinde (Pfarrei, Pfarre), eine Klostergemeinschaft oder eine Hochschulgemeinde. Man kann also ein einflussreiches Mitglied einer Gemeinde sein, ohne an einer konkreten liturgischen Versammlung teilzunehmen. Umgekehrt kann man zu einer Versammlung gehören, ohne Teil der Gemeinde zu sein. Man ist dann mehr oder weniger Gast – unabhängig davon, ob man selber katholisch ist oder nicht. Diese Unterscheidung von Versammlung und Gemeinde hat ihre Grenzen, da man über die katholische Kirche auch noch aus völlig anderen Perspektiven und mit anderen Kategorien sprechen kann. Für mein Buch schien mir diese Begrifflichkeit aber hilfreich.

Eine weitere Vorentscheidung war in Bezug auf geschlechtersensible Sprache zu treffen. Das ist gerade in der katholischen Kirche von besonderer Brisanz, da Frauen von bestimmten kirchlichen Aufgaben von vornherein ausgeschlossen, in anderen Aufgaben aber den Männern völlig gleichgestellt sind. Soll, kann oder muss diese Tatsache Konsequenzen für Personenbezeichnungen in deutschsprachigen Texten haben – und wenn ja, welche? Hier werden sprachwissenschaftlich sehr unterschiedliche Ansichten vertreten, noch dazu gibt es in der Entwicklung einer für Geschlechterfragen sensibilisierten Sprache derzeit erhebliche Ungleichzeitigkeiten zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz, zwischen Wissenschaftssprache und Alltagssprache und zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Milieus. Ich habe mich für folgende Vorgehensweise entschieden:

Bei der ersten Nennung bzw. am Beginn eines Kapitels werde ich die behandelten kirchlichen Ämter zunächst in der grammatisch weiblichen und in der grammatisch männlichen Form ausweisen, es sei denn, das betreffende Amt ist ausschließlich Männern vorbehalten. Anschließend verwende ich das generische Maskulinum und folge damit jenem Befund der historischen Sprachwissenschaft, wonach das grammatische Geschlecht vom biologischen oder sozialen Geschlecht zu unterscheiden ist. Anders gesagt: Nur weil ein Wort grammatisch männlich ist und womöglich auf -er endet, impliziert es weder das männliche biologische Geschlecht noch drückt es irgendwelche typisch männlichen Eigenschaften oder Charakterzüge aus (es ist „unmarkiert“). Der Ausdruck der Lektor oder der Kommunionhelfer hat demnach genauso viel und genauso wenig mit dem Mann-Sein zu tun wie der Schraubenzieher oder der Wäschetrockner, auch die Pluralformen Katholiken oder Christen beziehen sich gleichermaßen auf Frauen, Männer und Kinder. Vor allem verwende ich das generische Maskulinum bei Zusammensetzungen wie Kantorendienst oder Lektorengruppe.

Wenn ich konkrete Beispiele benenne, werde ich mehrheitlich die („markierte“) grammatisch weibliche Form verwenden, zum Beispiel: „Eine Organistin soll ihre Kompetenzen schon bei der langfristigen Vorbereitung von Liturgien einbringen.“ Auf diese Weise nehme ich den Befund der feministischen Sprachwissenschaft ernst, wonach grammatisch männliche Formen – spätestens seit es in der deutschen Sprache üblich wurde, zu jeder männlichen Personenbezeichnung auch eine weibliche Form zu kreieren (in der Regel durch die Anfügung -in) – eher Bilder von biologisch männlichen Wesen aufsteigen lässt, was dazu führen kann, dass Frauen als begründungspflichtiger Ausnahmefall erscheinen.

Diese Vorgehensweise habe ich eng angelehnt an die Vorschläge von Dr. Anette Nagel, die sie auf ihrer gemeinsam mit Petra Oerke betriebenen Website www.contexta.de veröffentlicht und begründet hat.

Mir war wichtig, ständige Doppelnennungen zu vermeiden, die vor allem bei längeren Auflistungen die Lesbarkeit dieses Buches erheblich erschwert hätten. Außerdem wollte ich auf neue Formen des gegenderten Schreibens wie LektorInnen, Lektor*innen oder Lektor:innen verzichten, weil diese den derzeitigen deutschen Rechtschreibregeln nicht entsprechen, Menschen anderer Muttersprache das Erlernen und Schreiben des Deutschen erschweren und weil (noch) keine Konvention existiert, wie man diese Formen aussprechen soll, spätestens wenn man zu der Form jedeR oder der:m und den Herausforderungen kommt, die solche Schreibweisen für Vorleseprogramme für Blinde mit sich bringen. Mein Buch sollte aber gut und zweifelsfrei vorlesbar sein.

Mein Dank gilt dem Verlag Friedrich Pustet, besonders dem Lektor Dr. Rudolf Zwank, der diesem Buchprojekt von Beginn an positiv gegenüberstand und durch seine gewohnt detailgenaue Arbeit die Publikation unterstützt hat.

1 Rollenspiele, Macht und Drehbücher –
eine Annäherung an den katholischen Gottesdienst
Gottesdienst als Rollenspiel

Katholische Liturgien sind eine höchst rätselhafte Angelegenheit.

Führende Amtsträger der katholischen Kirche werden nicht müde zu betonen, dass die Liturgie das Zentrum des Katholizismus bildet. Andererseits ist offenkundig (und niemand leugnet es), dass nur eine Minderheit der Katholiken regelmäßig an kirchlichen Ritualen teilnimmt. Regionen mit einer sonntäglichen Gottesdienstbeteiligung im niedrigen einstelligen Prozentbereich sind nicht selten. An Werktagen verlieren sich ohnehin nur ganz wenige Menschen in die Kirchen.

Außenstehende erleben katholischen Gottesdienst als eine Ansammlung von Verhaltensmustern, von denen nur wenige selbsterklärend sind: Gesten mit Armen, Händen und Fingern; unterschiedliche Körperhaltungen; gesprochene Worte, viele Halbsätze und einige längere Texte, die von den „Eingeweihten“ auswendig beherrscht werden; gemeinsam gesungene Lieder; manchmal auch von einer Einzelperson in einer Art Singsang vorgetragene Texte; spezielle Kleidungsstücke, die aber nur von einigen wenigen getragen werden.

Das alles geschieht in einem eigens für den Kult hergerichteten Raum, der in aller Regel eine sofort erkennbare Gliederung in verschiedene Bereiche aufweist und an das Gegenüber von Theaterbühne und Zuschauerraum erinnert. Dieser Raum hat unsichtbare Schwellen, die die Eingeweihten nicht oder nur zögernd und dann mit besonderer Energie oder mit theatralischer Gestik überschreiten.

Ernsthaftigkeit, Authentizität und Geschlechter

Beobachtet man die Eingeweihten dabei, wie sie ein solches Zeremoniell vorbereiten oder wie sich nach dessen Abschluss lautstark darüber unterhalten, stellt man fest, dass es sich bei diesem merkwürdigen Spiel offenbar um eine todernste Sache handelt, an der sich Richtungsstreitigkeiten in der katholischen Kirche ebenso festmachen lassen wie die moralische Zuverlässigkeit der handelnden Personen.

Dieses Buch will versuchen, in einen zentralen Aspekt der katholischen Liturgie einzuführen, nämlich in die handelnden Personen und die Rollen, die sie im Zeremoniell einnehmen. Unterschiedliche Personen haben im Ritual unterschiedliche Aufgaben. Einige dieser Aufgaben scheinen dabei nahezu beliebig und spontan einzelnen Frauen, Männern, Kindern, sogar nichtkatholischen Gästen zugewiesen werden zu können, andere aber gehören exklusiv bestimmten Personen ein Leben lang, und diese letzteren sind offenkundig ausschließlich Männer.

Manche scheuen im Zusammenhang der Liturgie den Begriff Rollen, weil er ihnen zu sehr danach klingt, dass man hier nur etwas „spielt“. Im Theater kann ich einen Richter, einen Gärtner oder einen Mörder darstellen, ohne selber einer zu sein, aber geht es im Christentum nicht vielmehr darum, authentisch zu sein, kein „falsches Spiel zu spielen“ und niemandem etwas vorzumachen?

Rollen im menschlichen Leben

Entgegen diesem Eindruck möchte ich am Begriff der Rolle festhalten. Menschliches Leben ist gar nicht anders vorstellbar als durch das Einnehmen verschiedener Rollen. Eine Rolle ist nichts Falsches oder Schlechtes. Der Begriff bringt zum Ausdruck, dass sich Menschen je nach Situation unterschiedlich verhalten, insbesondere in Beziehung zu anderen Menschen. Wir sind soziale Wesen, interagieren mit anderen Menschen und je nach Situation sind von uns unterschiedliche Verhaltensweisen verlangt. Eltern verhalten sich gegenüber ihren eigenen Kindern anders als gegenüber fremden Kindern. Für ihre eigenen Kinder sind sie in der Rolle der Eltern, für andere Kinder aber in der Rolle von Nachbarn, Verwandten, Erziehern oder einfach nur von zufälligen Fremden auf der Straße. Im komplexen Gefüge einer Gesellschaft mit ihren ausgesprochenen und unausgesprochenen Regeln verlangt jede Rolle andere Verhaltensweisen: Was für Eltern moralische und gesetzliche Pflicht ist, kann für Fremde verwerflich und strafbar sein.

Macht der Vereinsvorsitzenden – Macht der Mitglieder

Nehmen wir das Beispiel der Jahreshauptversammlung eines Vereins. Die Vereinsvorsitzende nimmt einen besonderen Platz ein, zum Beispiel am Kopf eines Tisches, oder vielleicht auch zentral auf einer Bühne in einem großen Saal. Sie muss bestimmte Tagesordnungspunkte abwickeln, zum Beispiel die Moderation der Sitzung, die Vorstellung des Rechenschaftsberichts des Vorstands oder die Ehrung verdienter Mitglieder.

Eines Tages gibt die Vorsitzende ihr Amt ab. Ab diesem Moment nimmt sie einen Platz mitten unter den anderen Mitgliedern ein. Würde sie bei der nächsten Jahreshauptversammlung beginnen, die Sitzung zu moderieren, wäre das eine erhebliche Störung. Womöglich würde die Sitzung in Chaos ausbrechen und in der Folge die Gerichte beschäftigen. Anstatt den Rechenschaftsbericht vorzutragen, hat die Ex-Vorsitzende nun eine völlig andere Aufgabe: Sie gibt ihre Stimme ab, um den neuen Vorstand rechtsgültig zu entlasten oder ihm die Entlastung zu verweigern. Diese Zuständigkeit hatte sie nicht, als sie noch selbst Vorsitzende war. Mehr noch: Sie durfte gar nicht über die Entlastung des Vorstands abstimmen.

Je nach Kontext handeln Menschen also in unterschiedlichen Rollen. Die Beispiele der Eltern und der Vereinsvorsitzenden zeigen, dass solche Rollen durch besondere Aufgaben oder Zuständigkeiten gekennzeichnet sind. Damit sind Pflichten und Rechte verbunden, anders gesagt: Verantwortung und Macht. Damit gehen aber auch andere Optionen verloren: Eltern dürfen ihre Kinder nicht einfach unbeaufsichtigt oder unversorgt lassen, um stattdessen die Freiheit der eigenen Lebensgestaltung zu genießen, sie dürfen ihre eigenen Kinder nicht vernachlässigen, sie dürfen sie auch nicht heiraten. Die Vereinsvorsitzende muss für das Vereinsgebaren rechtlich geradestehen, sie muss fast jederzeit erreichbar sein und notwendige Unterschriften fristgemäß leisten. Verantwortung und Macht bedeuten also immer auch den Verlust von Freiheiten. In dem Moment, in dem auf der Jahreshauptversammlung die Entlastung des Vorstands ansteht, geht die Macht und die Verantwortung schlagartig auf die anderen Vereinsmitglieder über. Die Vorsitzende ist jetzt machtlos, sie hat kein Stimmrecht und ist dem Urteil der versammelten Mitglieder unterworfen.

Aufeinander bezogene liturgische Rollen

Ich möchte die Rollen in der katholischen Liturgie so erschließen, dass deutlich wird, wie diese Rollen aufeinander und auf das Ritual insgesamt bezogen sind. Jede Rolle erhält ihre Bedeutung erst in Beziehung zu anderen Rollen. In Bezug auf seine Kinder ist Herr Schmidt Vater, in Bezug auf seine Eltern ist er Sohn, in Bezug auf seine Hausärztin ist er Patient, in Bezug auf seinen Tennisklub ist er vielleicht Geschäftsführer, in Bezug auf seine Firma ist er Buchhalter, Arbeitskollege, Vorgesetzter, Empfänger von Dienstanweisungen und vieles mehr.

In der katholischen Liturgie lassen sich Konstellationen finden, die der Entlastung des Vereinsvorstands nicht unähnlich sind: Wer auf den ersten Blick viel Macht hat, ist auf den zweiten Blick plötzlich machtlos. Wer auf den ersten Blick nur Mitläufer ist, trägt auf den zweiten Blick hohe Verantwortung. Verantwortung und Macht sind in der katholischen Liturgie jedenfalls keine Einbahnstraße, auch wenn das zugegebenermaßen nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen ist.

Liturgische Rolle und kirchliche Macht

Eine Umfrage würde vermutlich Folgendes zutage fördern: Die meisten Katholiken (und erst recht die „nichteingeweihten“ Gäste einer katholischen Liturgie) erfahren sich im liturgischen Ritual als Zuschauer, so als gäbe es einen Gegensatz zwischen Schauspielern und Publikum. Gelegentlich wird das Publikum zwar aktiv einbezogen (durch Gesang und aufgesagte Texte), aber letztlich stehen das Ritual und die handelnden Personen wie ein fertiges Konzertprogramm bereit, ohne dass das Publikum darauf Einfluss hätte. Auch die Körperhaltung begünstigt diese Wahrnehmung: Während die handelnden Personen auf der Bühne sich hin und herbewegen und für verschiedene Handlungen ihre Plätze wechseln, sind die Zuschauer an feste Steh-, Sitz- und Knieplätze gebunden.

So verstärkt sich der Eindruck, dass es im katholischen Gottesdienst um ein Aufeinandertreffen von Mächtigen und Machtlosen geht. Die Machtlosen haben nur zwei Optionen: entweder hingehen und das Ritual über sich ergehen lassen oder gar nicht erst hingehen. Für das Programm sind ausschließlich die Mächtigen zuständig.

Nun ist Macht für die katholische Kirche ein Thema von höchster Relevanz. Unkontrollierte Macht sowie Missbrauch von Macht – moralische Macht, spirituelle Macht, körperliche Macht, sexuelle Macht – haben Menschen irreparabel an Leib und Seele geschädigt. Die katholische Kirche hat sich vor allem ab dem 19. Jahrhundert zu einer Meisterin darin entwickelt, Macht in den Händen einiger weniger Menschen zu bündeln. Ihre gesamte rechtliche Struktur ist auf Einzelpersonen mit hoher Autorität zugeschnitten. Auch in der aktuellen Liturgiewissenschaft stellt sich die Frage, inwieweit die Ausdrucksformen der Liturgie Machtstrukturen legitimieren und verfestigen. Aus dieser Perspektive ist es umso auffälliger, dass die katholische Kirche bestimmte Rollen – und zwar gerade die machtvollen – ausschließlich Männern zuweist, und umso größer ist der Reformdruck, der auf die Liturgie ausgeübt wird, sobald in ihr Strukturen von Macht identifiziert werden.

Ich möchte in diesem Buch zeigen, dass liturgische Rollen, wenn man sie richtig versteht und sachgerecht ausfüllt, eigentlich viel weniger mit Macht zu tun haben als es auf den ersten Blick scheint. Einen ersten, und zwar ökumenischen Aspekt gebe ich an dieser Stelle bereits zu bedenken: Es gibt christliche Kirchen – etwa die anglikanische und die altkatholische –, die in ihrer rechtlichen Struktur anders verfasst sind als die katholische Kirche. Sie lassen Frauen zu allen kirchlichen Ämtern zu, ihre Amtsträger dürfen weitreichende Entscheidungen nur im Zusammenspiel mit synodalen (also „parlamentarischen“) Gremien treffen und einiges mehr. Dennoch kennen diese Kirchen dieselben liturgischen Rollen wie die katholische Kirche. Nimmt eine Katholikin an einem anglikanischen oder altkatholischen Gottesdienst teil, wird sie sich problemlos zurechtfinden. Die Kirchenbauten folgen denselben Grundmustern, die Handlungen in der Liturgie sind nach demselben Schema auf verschiedene Personen aufgeteilt, die Strukturelemente des Rituals stimmen weitgehend überein, sogar die vorgetragenen Bibeltexte sind an vielen Tagen miteinander identisch.

Würde die katholische Kirche kurz nach Erscheinen dieses Buches Frauen zu allen Ämtern zulassen, würde sie auf allen Ebenen entscheidungsberechtigte Synoden einführen, würde sie kirchliche Gerichte installieren, die von Papst und Bischöfen unabhängig urteilen, so könnte dieses Buch doch bleiben, wie es ist. Dieses Buch muss erst dann aktualisiert werden, wenn sich die Liturgie der Kirche selbst ändert. Ob solche Änderungen vom Papst als mächtigster Einzelperson oder in Zukunft vielleicht von regionalen Kirchensynoden ausgehen, ist dafür unerheblich. Für die liturgische Rolle des Bischofs, des Presbyters und des Diakons ist es unerheblich, ob Bischöfe, Presbyter und Diakone männlich oder weiblich sind.

Würden also kurz nach Erscheinen dieses Buches katholische Bischöfinnen, Presbyterinnen und Diakoninnen ihr Amt antreten, so hätten sie in der Liturgie dieselben Rollen wahrzunehmen wie ihre männlichen Pendants. Auch die für dieses Buch grundlegenden Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–65) zur Theologie der Liturgie werden ihre Gültigkeit und Verbindlichkeit behalten. In diesem Punkt darf ich mit meinem Buchmanuskript also recht entspannt in die Zukunft blicken und davon ausgehen, dass es noch für längere Zeit auf die katholische Liturgie anwendbar bleibt, selbst wenn sich in der rechtlichen Struktur der katholischen Kirche kurzfristig etwas ändern sollte.

Liturgie und Drehbuch

Damit ist schon ein anderes wichtiges Thema berührt: Liturgie ist geordnet. Sie folgt einem Drehbuch, das zwar nicht alle, aber doch sehr viele Einzelheiten festlegt, zum Beispiel die Abfolge der einzelnen Elemente der Eucharistiefeier, die Farben der zu tragenden Gewänder, die Texte der vorzutragenden Gebete und Bibellesungen, welche Teile des Rituals der Diakon durchführt, wie man vorgehen soll, wenn kein Diakon zur Verfügung steht, wer wann die Arme ausbreitet und Ähnliches.

Ein solches Drehbuch heißt in der kirchlichen Sprache liturgisches Buch, wobei es liturgische Bücher mittlerweile natürlich schon längst auch in digitaler Form gibt, ganz ohne Papier und ohne Umblättern. Für die Herausgabe liturgischer Bücher ist in der katholischen Kirche in der Regel der Papst verantwortlich; so hat es das Zweite Vatikanische Konzil bestätigt. Liturgische Bücher der katholischen Kirche sind in lateinischer Sprache verfasst, z.B. das Missale Romanum für die Eucharistiefeier (Messe) oder die Liturgia Horarum für die Tagzeitenliturgie (Stundengebet). Für die Übersetzungen in unterschiedliche Volkssprachen – im Deutschen handelt es sich um das Messbuch und das Stundenbuch – und für inhaltliche Anpassungen nach dem Bedarf einzelner Länder sind die Bischöfe des jeweiligen Sprachgebietes verantwortlich, aber auch dies nur mit Zustimmung des Papstes. Die Wort-Gottes-Feier, um die es in diesem Buch ebenfalls gehen wird, ist hingegen keine vom Papst geordnete Liturgie, sie fällt von vornherein in die Zuständigkeit der Bischöfe: Auch diese Variante ist vom Konzil vorgesehen worden.

Während die liturgischen Bücher vor dem Konzil so viele Details festlegten, dass es für die Versammelten fast gar keinen Gestaltungsspielraum mehr gab, sind die Bücher, die nach dem Konzil erschienen sind, mit einer Fülle von Auswahl- und Variationsmöglichkeiten versehen. Davon wird in diesem Buch immer wieder die Rede sein, besonders in Kapitel 15.

Was die Detailliertheit ihrer liturgischen Ordnung angeht, nimmt die katholische Liturgie heute eine Mittelstellung unter den christlichen Liturgien ein:

Liturgien der Ostkirchen sind ausgesprochen kleinschrittig festgelegt. Gerade ihre Einheitlichkeit und Wiedererkennbarkeit sind ein besonderes Merkmal ostkirchlicher Identität, Theologie und Spiritualität. Variationen bestehen vor allem darin, dass in kleineren Gemeinden, in räumlichen Provisorien oder unter anderen besonderen Umständen manche liturgischen Elemente entfallen können, die in Klöstern oder großen Kathedralen nie fehlen. (An dieser Stelle bringe ich kurz den Hinweis unter, dass auch in der katholischen Kirche ostkirchliche Liturgien beheimatet sind, nämlich in Form der katholischen Ostkirchen. Für dieses Buch spielen sie keine Rolle, hier geht es nur um jene Variante des Katholizismus, die wir römisch-katholisch nennen und die die bei Weitem häufigste ist.)

Kirchen der Reformation können durchaus detailliert ausgearbeitete liturgische Bücher haben, diese werden aber heutzutage eher als Vorschläge und Gestaltungshilfen verstanden, ohne den Anspruch, dass man sich exakt an sie halten müsse.

Drehbuch, Gestaltungsfreiheit – und wieder Macht

Nun gibt es in der katholischen Kirche sehr unterschiedliche Zugänge zu den eigenen liturgischen Büchern. Eine „liberale“ Richtung möchte sich nicht auf diese Bücher verpflichten lassen, jedenfalls nicht in jedem Detail. Neue theologische Erkenntnisse sollen demnach auch in der Liturgie zeitnah umgesetzt werden dürfen, selbst wenn das liturgische Buch dafür keinen Raum gibt und mit einer Neuherausgabe des Buches vorerst nicht zu rechnen ist. Dasselbe gilt für die Berücksichtigung tagesaktueller Ereignisse des Weltgeschehens, besonderer emotionaler Situationen der Anwesenden und so weiter. Sprachliche Formulierungen in den liturgischen Büchern, die sich als missverständlich erwiesen haben, solle man austauschen. Überhaupt müsse der sprachliche Stil jeweils an die versammelten Personen angepasst werden. Symbole, die nicht verstanden werden, sollten durch andere ersetzt werden. Einzelne Aufgaben sollen anders auf die Personen aufgeteilt werden. Spontaneität und Individualität sollen insgesamt mehr Raum erhalten.

Dem steht eine „konservative“ Richtung gegenüber, die darauf pocht, dass die Regeln der liturgischen Bücher eingehalten werden sollen. Dieser Richtung geht es nicht um Spontaneität und Emotionalität, sondern um Stabilität und Objektivität. Inhalte, Ausdrucksformen, Symbole, Gesänge der Liturgie entfalten sich demnach umso mehr, je einheitlicher sie täglich, wöchentlich oder jährlich wiederholt werden. Wiederholung und Wiedererkennbarkeit bewirken demnach Vertiefung und Intensivierung. Der besondere Wert der Liturgie liegt gerade darin, dass sie unabhängig von persönlichen Stimmungslagen ist, wie sie ist. Mehr noch: Das Selbstverständnis der Menschen soll durch die Liturgie geprägt werden und nicht umgekehrt.

Die von mir in Anführungszeichen gesetzten Bezeichnungen „liberal“ und „konservativ“ deuten es schon an: Viele empfinden den „liberalen“ Zugang als denjenigen, der dem Drang des Menschen nach Individualität und Freiheit besser entspricht. Formalistische Strenge und rituelle Detailvorschriften wollen nicht recht zum Menschen der Gegenwart, aber auch nicht zum Christentum passen (siehe z.B. Mk 2,23–27).

Das „konservative“ Modell dagegen erweckt den Eindruck, als wolle es nur um des Gehorsams willen an etwas festhalten, das längst überholt ist („Vorschrift ist Vorschrift“). Dieser Zugang wirkt rückwärtsgewandt und autoritätshörig.

Dabei sollte man allerdings zwei Dinge bedenken: Der Verzicht auf ein für alle verbindliches Drehbuch führt unweigerlich dazu, dass unbemerkt ein neues, sozusagen geheimes Drehbuch entsteht. Während das liturgische Buch öffentlich zugänglich ist und diskutiert werden kann (erst recht in Zeiten von Internet und Datenbanken), bleibt das Drehbuch einer „Liturgie ohne Drehbuch“ verborgen und unausgesprochen. Ein solches „drehbuchloses Drehbuch“ entsteht durch eine Führungspersönlichkeit, die über die Ordnung der Liturgie bestimmt, oder durch eine Gruppe, die ihren eigenen Stil und ihre eigenen Gewohnheiten gemeinsam entwickelt. Dazu gehören unausgesprochene – vielleicht sogar unbewusste – Regeln, Erwartungen und Tabus, die von „Nichteingeweihten“ genau wie ein echtes liturgisches Buch gelernt und übernommen werden müssen. Diese Regeln sind aber im Unterschied zum liturgischen Buch nicht öffentlich dokumentiert, sie bilden eine Art Geheimwissen. Es geht also gerade beim „liberalen“ Zugang zur liturgischen Ordnung in hohem Maß um Macht: Macht derer, die bei der Liturgiegestaltung Einfluss haben, über jene, die keinen Einfluss haben und die nicht einmal mehr anhand eines liturgischen Buches die Art und Weise der Amtsausübung kritisch begleiten können.

Wenn man hingegen das liturgische Buch als verbindlich ansieht, dann gibt es den Feiernden ihre Rollen, Texte und Symbole recht eindeutig vor. Das wird nicht allen persönlich gefallen, aber alle sind in derselben Weise gebunden. Da alle von vornherein wissen, worauf sie sich einlassen, wird Macht auf ein Minimum reduziert. Genau genommen tritt die Rolle an die Stelle der Macht. Nur ein einziges Mal wird noch wirklich Macht ausgeübt, nämlich bei der Erstellung des liturgischen Buchs. Man kann durchaus fragen, ob es sinnvoll ist, dass diese Macht in der katholischen Kirche ganz allein beim Papst und in bestimmten Grenzen bei den Bischöfen liegt – ich selber sehe das durchaus kritisch –, aber: Sobald das liturgische Buch erstellt ist, bindet es alle in derselben Weise, auch den Papst und die Bischöfe. Das liturgische Buch ermöglicht, rituelle Erfahrungen durch Wiederholung zu vertiefen. Und alle, die das liturgische Buch verwenden, sind schon allein dadurch, dass sie das Buch nicht selber hervorgebracht haben, auf etwas Umfassenderes verwiesen: eine kirchliche Gemeinschaft, die verschiedene Orte und Zeiten umfasst.

Das „Drehbuch-Prinzip“ ist also auf den ersten Blick durchaus konservativ, aber auf der anderen Seite bändigt es Macht und Übergriffigkeit. Das Drehbuch-Prinzip kann sich übrigens auch auf das Zweite Vatikanische Konzil berufen. Das Konzil ist zwar der liberalen Richtung entgegengekommen, indem es liturgische Anpassungs- und Variationsmöglichkeiten vorgesehen hat, die unterschiedlichen gesellschaftlichen, sprachlichen, kulturellen und intellektuellen Zugängen durch unterschiedliche Menschen entsprechen sollen, aber diese Variationsmöglichkeiten sollten ihrerseits in den liturgischen Büchern genau festgeschrieben werden. Alles, was darüber hinaus geht, ist unzulässig (vgl. Sacrosanctum Concilium 22).

Eucharistiefeier, Wort-Gottes-Feier, Tagzeitenliturgie

Wenn ich in diesem Buch die verschiedenen liturgischen Rollen zu erschließen versuche, werde ich auch auf Fragestellungen eingehen, die in der aktuellen Fachdiskussion behandelt werden, ich werde verschiedene Optionen für die Weiterentwicklung aufzeigen und gelegentlich meine eigene Meinung offenlegen.

Meistens werde ich konkret die Eucharistiefeier thematisieren. Vieles davon lässt sich leicht auf die Tagzeitenliturgie und die Wort-Gottes-Feier übertragen. Wer darüber hinaus mit der Gestaltung anderer katholischer Gottesdienstformen, etwa Trauungen oder Begräbnissen zu tun hat, wird – so hoffe ich – die Brücken von den hier angebotenen Überlegungen zur eigenen Praxis selbstständig schlagen können.

2 Vereinssitzung, Theaterstück oder offener Himmel –
wenn Christen sich versammeln
Katholischer Gottesdienst: Bühne und Publikum

Über viele Jahrhunderte wurde das Lebensgefühl Liturgie feiernder Katholiken wie folgt geprägt: Man geht in die Kirche, wo eine Gruppe von Menschen etwas vorführt: Gesten, Texte, Musik. Davon profitiert man: Man kommt zur Ruhe, entflieht dem Alltag, denkt über den Sinn des Lebens nach, betet zu Gott, gibt dem Leben eine Zielrichtung. Wenn man möchte, kann man an dem Geschehen aktiv mitwirken: Man beteiligt sich am gemeinsamen Liedersingen, man antwortet auf vorgesprochene oder vorgesungene Formeln in einer vertrauten Weise, man nimmt vorgesehene Körperhaltungen ein und so weiter.

Liturgie war ein Bühnenstück mit gewissen Mitmach-Elementen, aus dem man persönlichen Gewinn zog oder jedenfalls ziehen sollte. Der Raum, in dem das alles stattfand, war aufgeteilt in eine Art Bühne und einen Zuschauerraum. Zwischen beiden Bereichen bestand eine architektonische Grenze: mehrere Stufen, eine kleine Trennmauer oder Ähnliches. Wer sich auskannte, wusste, dass diese Grenze während des Rituals und sogar außerhalb des Rituals nur nach genauen Regeln und nur von bestimmten Personen überschritten werden durfte. Alles andere war ein Störfaktor, wenn nicht ein Skandal.

Die alles entscheidende Rolle in diesem Geschehen spielte eine einzige Person, die das Zeremoniell leitete. Sie musste männlich sein, die katholische Priesterweihe empfangen haben, nahm auch im Alltagsleben der Gemeinde eine besondere Stellung ein, war in der Kirche und außerhalb der Kirche schon durch die Kleidung erkennbar und genoss besonderes gesellschaftliches Ansehen. Dieser Priester wurde im Ritual von einigen assistierenden Personen ergänzt, manchmal handelte es sich auch bei ihnen um Priester, jedenfalls waren alle männlich. In bestimmten Rollen agierten bevorzugt Kinder.

Gottesdienst als Versammlung

Im 20. Jahrhundert hat sich vieles davon geändert. Diese Änderungen geschahen Schritt für Schritt, und sie geschehen auch heute noch. Innerhalb dieser langfristigen Entwicklung gab es einen besonders großen einzelnen Schritt: die Neuherausgabe des Messbuchs 1969 zuerst in lateinischer Sprache, anschließend in den verschiedenen Landessprachen. Dies geschah auf Grundlage der durch das Konzil begründeten und inhaltlich skizzierten Liturgiereform. Die Zulassung der Landessprachen darf zweifellos als einer der bahnbrechendsten Konzilsbeschlüsse gelten.

Viele katholische Gemeinden pflegen aber auch heute noch die Mentalität eines Publikums, das den Spezialisten – zum Teil hauptamtliche Mitarbeiter der Kirche, zum Teil Ehrenamtliche – beim Ritual „zuschaut“ und die einzelnen Mitmach-Elemente mit mehr oder weniger aktiver Beteiligung über sich ergehen lässt.

Diese Einstellung wird allerdings der Liturgie nicht gerecht. Grundmodell der Liturgie ist nicht das Gegenüber von Bühne und Zuschauerraum, sondern die Versammlung der Kirche, oder besser: die Versammlung als Kirche, oder noch besser: die Kirche als Versammlung.

Dabei handelt es sich nun nicht etwa um eine neumodische Idee des 20. Jahrhunderts, sondern um etwas, das sich in der frühen Selbstfindung des Christentums genauso festmachen lässt wie in den liturgischen Büchern, und zwar durchaus auch den liturgischen Büchern vor dem Konzil. Das Konzil wollte Liturgie nicht neu definieren, sondern die Bedeutung der Liturgie, die im Prinzip für alle Zeiten gilt und gegolten hat, die aber nicht allen Beteiligten im Bewusstsein war, deutlich herausstellen und daraus Konsequenzen für die Praxis ziehen, konkret für die Neuherausgabe liturgischer Bücher.

Zu den wichtigsten Aufträgen Jesu gehörte es, Menschen zu (ver-) sammeln (Lk 11,23; Joh 11,52 – an beiden Stellen steht im Neuen Testament dasselbe griechische Wort, das auch den jüdischen Versammlungsraum Synagoge bezeichnet). Paulus spricht von der Versammlung der Gemeinde (was auch mit Versammlung als Kirche übersetzt werden kann, siehe 1 Kor 11,18 und 14,23). Das Versammeltsein und dabei Einssein der Kirche ist eine Vorausschau auf eine vereinte Menschheit, die von Frieden erfüllt ist und in der der Tod keine Macht mehr hat (Joh 17). Diese endgültige Einheit und dieser endgültige Friede sind kein Menschenwerk, sondern können nur von Gott kommen. Insofern bleibt die Kirche als Versammlung derer, die zu Jesus Christus gehören und mit ihm und unter seiner Führung eins sind, immer vorläufig und unerfüllt.

Die Versammlung der Kirche weist in doppelter Weise über sich selbst hinaus. Sie verweist zurück in eine Vorzeit, in der ihr Ursprung liegt: Ohne Jesus – und Jesus wiederum eingebettet in die Geschichte Israels – und die Geschichte der ersten Christengenerationen würde es die heutige Versammlung der Kirche gar nicht geben. Außerdem verweist die Versammlung auf die Zukunft, denn die Einheit der Menschheit in Frieden, die sich in der Kirche anfanghaft ausdrücken soll, ist hier und jetzt und aus menschlicher Kraft gar nicht in ganzer Fülle möglich. Ihre Erfüllung kann es nur in der Zukunft geben, und sie wird kein Menschenwerk sein, sondern ein Geschenk.

Liturgische Versammlung und himmlisches Jerusalem

Wenn sich die Kirche als Versammlung bildet, dann folgt sie dem Auftrag, den sie von Jesus erhalten hat, und sie beruft sich auf seine Zusage (Mt 18,20). Damit steht die Versammlung zugleich als Repräsentantin der gesamten Menschheit vor Gott. Denn Christsein bedeutet, Hoffnung auf Leben und Frieden für alle zu haben, auch jene, die nichts von Gott wissen oder nichts von ihm wissen wollen (Joh 17,18).

Die Versammlung der Kirche ist somit zugleich eine visionäre Vorausschau. Sie bringt hier und jetzt zum Ausdruck, was es hier und jetzt noch nicht gibt, nämlich Einheit und Frieden. Die Versammlung macht ihre eigene Hoffnung hier und jetzt erfahrbar, obwohl die Erfüllung dieser Hoffnung noch aussteht.

Aus diesem Grund muss sich die Versammlung der Kirche symbolischer Ausdrucksweisen bedienen. Denn nur im symbolischen Handeln kann Unsichtbares sichtbar und erfahrbar gemacht werden, wie etwa Einheit aller in Frieden, ohne Grenzen von Raum und Zeit oder von Schuld und Tod.

Das Konzil schreibt: „In der irdischen Liturgie nehmen wir vorauskostend an jener himmlischen Liturgie teil, die in der heiligen Stadt Jerusalem, zu der wir als Pilger streben, gefeiert wird“ (SC 8). Jerusalem ist schon im Alten Testament Ausdruck für die gemeinsame Heimat aller Menschen (Ps 95) und wird im Neuen Testament in einer symbolisch aufgeladenen Erzählung zum Bild der Zukunftshoffnung (Offb 21–22,5). Kein Zufall also, wenn manche christlichen Kirchengebäude als himmlisches Jerusalem künstlerisch ausgestaltet sind.

Liturgie ist Manifestation der Kirche (SC 41) in ihrer Ausrichtung auf das Vergangene – ihren geschichtlichen Ursprung – und das Zukünftige – ihr Ziel in der Erfüllung aller menschlichen Hoffnung.

Ekklesia als Versammlung

Das griechische Wort, das sich im frühen Christentum zur Selbstbeschreibung ausbildete, war ekklesia, meist als Kirche, manchmal als Gemeinde oder Versammlung übersetzt. Der Wortherkunft nach bedeutet ekklesia so etwas wie „die Herausgerufenen“. Dieser Begriff stammt nicht aus der antiken Religionssprache, sondern aus dem Feld der Politik. Er bezeichnete beispielsweise eine städtische Bürgerversammlung. Auch für die wichtigsten Ämter der christlichen Gemeinden wurden Begriffe übernommen, die weniger in die antiken Religionen als mehr in das private Vereinswesen gehörten, wobei zugegebenermaßen die Grenzen fließender waren als in der uns heute vertrauten Trennung von Staat und Religion. Das Wort episkopos (Bischof, Kapitel 8), wörtlich Aufseher, bezeichnete Leitungsämter unterschiedlicher Art wie etwa den Stifter oder Finanzier eines Vereins. Presbyter (Kapitel 8) waren Mitglieder kollektiver Leitungsorgane von Gemeinschaften, die man vielleicht als Ältestenrat, Vorstand oder Senat in unsere Welt übertragen könnte. Ein diakonos (Diakon, Kapitel 10) übernahm Hilfsdienste unterschiedlicher Art, etwa in der Organisation von Versammlungen. Heute würde dem vielleicht eine Mischung aus Sekretär, Pförtner, Eventmanager und Kellner entsprechen.

Das Christentum wollte sich vermutlich durch solche Ämterbezeichnungen von anderen Religionen abgrenzen und den Gemeinschaftscharakter der Kirche herausstellen: Christen sind die, die sich zu einer ekklesia versammeln. Die wichtigste dieser Versammlungen ist die Eucharistiefeier, in manchen alten christlichen Sprachen wurde das Wort Versammlung dann auch zum Namen der Eucharistiefeier.

Liturgische Rollen im Verhältnis zur Versammlung

Wenn dieses Buch einzelne liturgische Rollen näher erschließen und Kriterien für die sachgerechte Ausübung entwickeln soll, dann steht folgende Leitfrage im Hintergrund: In welchem Verhältnis steht die einzelne Rolle zur Versammlung der Kirche? Jede Rolle ist Dienst an der Versammlung, damit die Versammlung sich als das erfährt, was sie sein soll. Eine christliche Gemeinde versammelt sich nicht wegen ihres Bischofs (Kapitel 8) oder wegen der Leiterin der Wort-Gottes-Feier (Kapitel 9), sondern umgekehrt: Bischof und Wort-Gottes-Feier-Leiterin üben ihre liturgische Rolle wegen der Versammlung der Kirche und für die Versammlung der Kirche aus. Liturgische Rollen sind niemals Selbstzweck.

Liturgische Rollen sind auch keine privilegierte Beziehung zu Gott oder zu Jesus Christus. In Bezug auf Gott und auf Christus sind alle Angehörigen der Kirche gleich. Wo es Unterschiede in der öffentlich ausgeübten Rolle gibt, ergeben sie sich aus ihrem Bezug zur Versammlung.

Man könnte es auch so sagen: Aus einer Versammlung, in der alle gleich sind – nämlich von Gott in die Kirche berufen –, treten einzelne Personen heraus, um dann für die Versammlung zu handeln, und zwar im Doppelsinn des für: einerseits im Dienst der Versammlung, andererseits stellvertretend für die Versammlung, je nachdem, um welche Handlung es sich im Einzelnen handelt (wie im Folgenden noch zu sehen sein wird).

Trotz der großen Bemühungen durch das Konzil ist dieses Liturgie- und Rollenverständnis noch immer nicht bei allen Beteiligten angekommen: von den Hauptamtlichen bis zu denen, die nur gelegentlich zur Versammlung dazustoßen.

Architektonische Rahmenbedingungen

Einen großen Beitrag zu diesem Defizit leistet die Architektur, die über viele Jahrhunderte ein anderes Verständnis der Versammlung in Szene setzte, nämlich das schon beschriebene Gegenüber von liturgisch Handelnden und fromm Anwesenden, oder anders gesagt: Bühne und Zuschauerraum. Alte Kirchenräume verdienen es, mit ihrer Geschichte, ihrem kunsthistorischen Wert, der Augen- und Linienführung im Raum usw. ernst genommen zu werden. Sie sind aber oft ungeeignet, um Versammlung erleben und erfahren zu können.

Es wurde und wird seit einigen Jahrzehnten viel ausprobiert und wieder verworfen, umgebaut, neugebaut und wieder rückgebaut, so dass ich für dieses Buch nicht von einer typischen Gestaltung eines katholischen Liturgieraums nach dem Konzil ausgehen kann. Bei Kirchenräumen der byzantinischen Tradition – um noch einmal kurz einen Abstecher ins östliche Christentum zu machen – ist das völlig anders. Sie folgen immer derselben Raumaufteilung, ganz gleich ob man in einem winzigen Provisorium oder einer riesigen Kathedrale Liturgie feiert.

Ich werde es daher in diesem Buch immer bei Hinweisen allgemeiner Art belassen müssen. Die Konkretisierung kann nur in jedem Gottesdienstraum einzeln vorgenommen werden. Ich habe aber mittlerweile einen Favoriten unter den Raumkonzepten, nämlich das Modell des Chorgestühls, bei dem sich die Versammlung in Gruppen aufteilt, die einander gegenüberstehen und anschauen. Das muss kein starres Gegenüber von zwei Seiten sein, es kann sich auch in Richtung eines Halboder Dreiviertelkreises oder -ovals erweitern. Die Erfahrung einer aus konkreten Menschen bestehenden Gemeinschaft ist im Chorgestühl unmittelbar gegeben, wenn man sein Gegenüber ansieht und selber angesehen wird. Sowohl in der Mitte als auch an der Stirnwand des Raumes befinden sich Stellen, die von überall gut zu sehen sind. So kann man sowohl ein symbolisches Zentrum erfahren als auch sich gemeinsam symbolisch nach außen öffnen – auf das dazu passende lateinische Schlagwort extra nos werde ich in Kapitel 3 noch in anderem Zusammenhang eingehen.

Das Wir und das Amen

Der Versammlungscharakter der Kirche wird in einem sprachlichen Detail deutlich, das von allerhöchster Bedeutung ist. An Gott gerichtete Gebete – in der Eucharistiefeier sind dies das Tagesgebet, das Gabengebet, das Eucharistische Hochgebet und das Schlussgebet – sind in der katholischen Liturgie immer in der Wir-Form formuliert, niemals in der Ich-Form. Das ist umso bemerkenswerter, als diese Gebete nur von einer einzelnen Person laut hörbar vorgetragen werden, nämlich dem Liturgievorsteher (Kapitel 9).

Warum darf jemand wir sagen, obwohl die anderen dabei schweigen?

Die Antwort gehört zum Wichtigsten, das es zu christlicher Liturgie zu sagen gibt. Zunächst einmal ist offensichtlich: Niemand darf ohne das Einverständnis der anderen wir sagen. Das gilt im Prinzip immer und überall. Wer ohne die Erlaubnis der anderen wir sagt, handelt übergriffig und unrechtmäßig. So ist es auch in der Liturgie. Wer sich öffentlich an Gott wendet und wir sagt, macht sich davon abhängig, dass die anderen das Gesagte bestätigen, und das können sie natürlich nur im Nachhinein. Man spricht hier von der Ratifikation eines Gebetes, etwa so, wie wenn eine Regierung einen Vertrag mit einem anderen Land aushandelt und anschließend vom eigenen Parlament die Ratifikation (Gültigmachung) des Vertrags erbitten muss. Lehnt das Parlament ab, so ist der Vertrag nicht zustande gekommen, auch wenn er noch so feierlich vor Fernsehkameras unterzeichnet worden ist.

Es ist so ähnlich wie bei der Vorsitzenden, die von der Entlastung durch die Vereinsmitglieder abhängig ist (siehe Kapitel 1): Wer ein Wir-Gebet vorträgt, drückt gegenüber Gott eine Gemeinschaft aus, in deren Hände er sein Schicksal legt. Die Gemeinschaft muss das wir erst noch bestätigen, ansonsten ist es nicht zustande gekommen. Die Ratifikation geschieht in der Liturgie tatsächlich: Die Versammlung sagt Amen – das kommt aus dem Hebräischen bzw. Aramäischen, ist in der christlichen Liturgie nie übersetzt worden und bedeutet nichts anderes als So sei es, Jawohl oder Zustimmung.

Zugegeben: Durch seine häufige Verwendung wurde das Amen in der christlichen Liturgie erheblich stilisiert. Es wurde zu einer boshaften Redewendung, mit der man ausdrückt, dass man auf Mitsprache verzichtet: „zu allem ja und Amen sagen“. Es wird auch heute kaum jemandem auffallen, wenn jemand in der Liturgie das Amen verweigert und stattdessen den Kopf schüttelt oder sich aus der Versammlung schleicht. Das Amen hat dasselbe Schicksal erfahren wie die Entlastung des Vorstands in den meisten Jahreshauptversammlungen: Der Bericht des Vorstands wird einfach durchgewunken, die meisten Mitglieder lesen den Bericht überhaupt nicht, interessieren sich nicht für die finanziellen Details (oder verstehen sie gar nicht erst) und wollen eigentlich nur, dass die Sitzung schnell vorbeigeht und das Buffet eröffnet wird. Aber auch dort gilt: Die Vereinsmitglieder tragen trotzdem die Verantwortung für ihre Abstimmung, und das kann erhebliche rechtliche Folgen haben.

Eine christliche Versammlung, die sich über die Bedeutung ihres Amen im Klaren ist, hat schon das Allerwichtigste ihrer liturgischen Rolle verstanden: Sie bildet, sie trägt und sie bestätigt das wir, das in der Liturgie zu Gott spricht. Im Amen zeigt sich die Mitgliedschaft zur Kirche und die Zustimmung zur gemeinsamen Ausrichtung auf Gott. Darin sind alle gleich. In dieser Rolle ist die Versammlung durch nichts und niemanden zu ersetzen, vor allem nicht durch den Vorsteher allein.

Insofern ist es ein sehr sinnvolles Projekt der gegenwärtigen Kirchenmusik, attraktive Melodien für den Ruf Amen zu erarbeiten und ihnen zu breiter Bekanntheit zu verhelfen. Mancherorts gelingt das schon ganz gut. So soll die Würde und Bedeutung des Amen besser zum Ausdruck gebracht werden als durch das belanglose Gemurmel, das man in katholischen Kirchen meistens hört. Wo ein Amen in einer solchen Weise erklingt und von der Versammlung so mitgetragen wird, dass es gar keiner theoretischen Erklärung mehr bedarf, sondern Gemeinschaft stiftet und die ganze Versammlung auf Gott ausrichtet, ist die wichtigste Grundlage für jede Liturgie gegeben, auf der alles andere aufbaut.

Gemeinsam vorgetragene Wir-Texte

Nun drängt sich eine Frage auf: Warum werden Wir-Gebete nicht einfach von allen gemeinsam gesprochen? Dann käme das wir doch viel besser zum Ausdruck, und nebenbei könnte man sich auch das floskelhafte Amen sparen.

(Kleine Anmerkung: Der Fachbegriff für liturgische Wir-Gebete lautet Oration oder Kollektengebet. Auch das Eucharistische Hochgebet, das größte und wichtigste liturgische Gebet, hat die Wir-Form.)

Die Idee scheint attraktiv, sie ist aber in der Praxis nur sehr schwer umzusetzen. In der katholischen Liturgie wechseln die Wir-Gebete jeden Tag, nur wenige wiederholen sich mehrmals im Jahr. Egal wie gut Sie es üben, egal ob Sie diese Texte sprechen oder singen: Sie werden es nicht schaffen, solche Texte gemeinschaftlich so vorzutragen, dass das irgendjemand akustisch verstehen kann. Alle werden vorrangig damit beschäftigt sein, auf die Atempausen, das Sprechtempo und auf die Aussprache der anderen zu achten. Vom eigentlichen Text lenkt das erheblich ab, aber genau um diesen Text geht es ja: ihm sollen alle zustimmen und dadurch die Kirche bilden.

Gemeinsames Vorlesen bewirkt übrigens auch soziale Ausgrenzung. Wer sich mit den Augen schwertut oder Analphabet ist, wird vor den anderen bloßgestellt, weil er nicht mitsprechen kann, und im Stimmengewirr der anderen kann er dann nicht einmal mehr verstehen, was da eigentlich inhaltlich gesagt wird.

Weil der Text verstanden werden soll, ist es sachgerecht, dass er nur von einer einzelnen Person laut vorgetragen wird. Man kann es auch aus einer anderen Perspektive beschreiben: Damit Wir-Texte verständlich bleiben, hat die Kirche ein eigenes Amt für den Vortrag geschaffen, nämlich das Amt des Liturgievorstehers (Kapitel 9). Der Vorsteher stellt sich in den Dienst der Versammlung, indem er anstelle unverständlichen gemeinsamen Genuschels einen verständlichen Text vorträgt, und zwar im Namen der Versammlung und mit Zustimmung der Versammlung. Der Vorsteher ist deswegen aber keineswegs mächtiger als die anderen, denn ohne das Amen der Versammlung ist alles, was er tut, unwirksam.

Nur in einem einzigen Fall lässt sich gemeinschaftlich vorgetragenes Gebet gut umsetzen, nämlich wenn der Text sehr häufig wiederkehrt und allen so gut bekannt ist, dass sich ein einheitlicher Sprechrhythmus etabliert hat, ohne dass es stressig oder unverständlich wird. In der Tat: Das Herrengebet (Vaterunser), das ja auch ein an Gott gerichtetes Wir-Gebet ist, wird in der katholischen Liturgie meist gemeinschaftlich gesprochen oder gesungen. Aber selbst das ist erst eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Zuvor beschränkte sich die Versammlung – wenn überhaupt – auf die letzte Zeile sondern erlöse uns von dem Bösen, alles andere wurde nur vom Vorsteher vorgetragen.

Konsequenzen für die Praxis

Schon an dieser Stelle ergeben sich erste Konsequenzen für die Praxis. Eine Versammlung, die das Amen nicht aktiv übernimmt, kann auch nicht die Verantwortung tragen, die ihr liturgisch zukommt. Das geschieht natürlich meistens nicht aus Boshaftigkeit oder bewusster Verweigerung, sondern aus Unkenntnis. (Dass es Menschen gibt, die wegen Krankheit, Gebrechlichkeit oder fehlender Sprachkenntnisse nicht aktiv und laut zustimmen können, ist ohnehin klar; darum geht es hier natürlich nicht.) Es zeigt sich, wie dringlich eines der Anliegen ist, die das Konzil ganz nach oben auf die Tagesordnung der katholischen Kirche gesetzt hat: liturgische Bildung, und zwar liturgische Bildung aller, nicht nur der Hauptamtlichen. Für liturgische Bildung sind theoretische Kenntnisse hilfreich, aber noch entscheidender ist das, was man heutzutage best practice nennt: Die katholische Kirche braucht dringend Orte, an denen Liturgie in sachgerechter Gestaltung erlebt und dabei zugleich erlernt werden kann. Die Theorie braucht man dann nur noch, um die Sache besser zu verstehen, aber nicht, um sie überhaupt zu verstehen. Dieses grundlegende Verstehen geschieht ohnehin nicht rational, sondern durch das Miterleben und Sich-Hineinbegeben in die Würde der Versammlung als Trägerin der Liturgie.

Ein weiterer Aspekt: Ein Liturgievorsteher, der das Amen selbst spricht, handelt gegenüber der Versammlung übergriffig (so wie die Vereinsvorsitzende, die bei der Entlastung des Vorstands schnell noch ihre Stimme in die Wahlurne wirft, in der Hoffnung, dass das niemandem auffällt). Natürlich hat auch das oft praktische Gründe und ist gut gemeint – der Vorsteher will den Menschen helfen, an der richtigen Stelle das Richtige zu sagen –, aber es läuft langfristig darauf hinaus, die Versammlung zur Zuschauerin zu degradieren, anstatt sie als Trägerin der Liturgie und damit als Kirche ernst zu nehmen. Haupt- und Ehrenamtliche stehen hier vor einem unlösbaren Problem, denn oft müssen sie Gottesdienste leiten, in denen nur sehr wenige oder gar keine Mitfeiernden ihre Rolle kennen und aktiv ausfüllen, zum Beispiel bei Taufen, Trauungen oder Begräbnissen. Das muss man dann irgendwie praktisch regeln und versucht es vielleicht mit eingeschobenen kommentierenden Anleitungen, mit der Produktion von Liturgieheften, aus denen der gesamte Ablauf hervorgeht, oder mit radikaler Vereinfachung des gesamten Rituals. Wie man es auch tut: Immer wird das Bild von Bühne und Publikum verstärkt, wahlweise auch von Lehrer und Schülern oder von Mächtigen und Machtlosen. Die Liturgie wird unweigerlich den Charakter einer Belehrung bekommen, sie wird dem alltäglichen Leben als Fremdkörper gegenüberstehen, anstatt das Leben symbolisch zu deuten und ihm eine Zielrichtung zu geben.

Liturgie: eine Sache für Eingeweihte

Es führt kein Weg an diesem Dilemma vorbei: Katholische Liturgie im Sinne des Konzils verlangt kompetente Individuen. Sie ist für „Eingeweihte“ konzipiert, wird aber in großem Umfang von „Nichteingeweihten“ gefeiert.

Hier ist wieder ein Hinweis auf das frühe Christentum hilfreich. Auch wenn es intolerant oder jedenfalls nicht besonders integrativ erscheinen mag: Das Christentum der ersten Jahrhunderte hatte gute Gründe, zu bestimmten liturgischen Vollzügen nur getaufte Vollmitglieder der Kirche zuzulassen. Zu anderen Teilen der Liturgie waren auch erwachsene Taufbewerber zugelassen, zu wieder anderen Teilen auch Gäste. (Diese Praxis wird mit dem Fachbegriff Arkandisziplin bezeichnet.) Die Versammlung der Kirche handelte nicht anders als es die Jahreshauptversammlung eines Vereins tut, wenn sie Nicht-Mitglieder und die Presse von einer vertraulichen Aussprache über interne Dinge ausschließt. Die Liturgie ist gewissermaßen die interne vertrauliche Angelegenheit der Kirche, denn dort tritt sie in Dialog mit Gott und konstituiert sich selbst als Versammlung vor Gott.

Liturgie mit „Nichteingeweihten“ – ganz gleich ob sie formal Mitglieder der Kirche sind oder nicht – ist eine gewaltige Herausforderung für die heutige kirchliche Arbeit und für die theologische Reflexion über die Liturgie. Ein allgemein akzeptierter praktischer Lösungsweg für die Liturgiegestaltung in solchen Fällen ist nicht in Sicht.

Eine kleine Randbemerkung: Die Eucharistiefeier der byzantinischen Tradition – die vor allem für das orthodoxe Christentum prägend ist – hat ein Detail aus der Zeit der oben beschriebenen Arkandisziplin bewahrt. An der Stelle der Eucharistiefeier, an der in der Mitte des 1. Jahrtausends die Ungetauften den Kirchenraum verlassen mussten, steht bis heute der Ruf die Türen, die Türen. Es galt aufzupassen, dass niemand Unbefugtes mehr in der Versammlung anwesend war oder sie betrat. Es kann auch heute nicht-orthodoxen Besuchern einer orthodoxen Liturgie passieren, dass sie ab diesem Zeitpunkt auf spezielle Besucherplätze verwiesen werden. Oft wird man aber auch als Gast weiter willkommen geheißen, der Ruf die Türen, die Türen ist dann ein reines Zeremoniell ohne praktische Bedeutung.

Ich-Gebete

Gelegentlich erlebt man Liturgievorsteher, die ein liturgisches Gebet in der Ich-Form vortragen. Das ist der sicherste Hinweis darauf, dass der Vorsteher vom liturgischen Buch abgewichen ist und den dort vorgesehenen Gebetstext nicht verbessert, sondern verschlechtert hat. Solche Ich-Gebete setzen die Versammlung von der Trägerin der Liturgie zur Zuschauerin eines Bühnenauftritts herab.

Actuosa participatio

Das Zweite Vatikanische Konzil verwendet bei der Beschreibung der Liturgie immer wieder den Ausdruck tätige Teilnahme, lateinisch actuosa participatio, manchmal auch erweitert zu voller, tätiger und einer Gemeinschaft angemessener Teilnahme (plena, actuosa et communitatis propria participatio). Damit ist nicht gemeint, dass jeder Mitfeiernde etwas Individuelles zu tun bekommt, sondern dass alle die ihnen in der Liturgie zukommende Rolle sachgerecht und bewusst ausfüllen. Die wichtigste dieser Rollen ist die Versammlung selbst!

Damit actuosa participatio (oft auch in vertauschter Wortreihenfolge participatio actuosa) gelingen kann, braucht es laut dem Konzil vor allem zwei Dinge: erstens liturgische Bildung und zweitens eine Liturgiegestaltung, die schon aus sich selbst heraus einen passenden Rahmen für actuosa participatio schafft – das war der entscheidende Grund für die vom Konzil beschlossene Liturgiereform. Alle Überlegungen in diesem Buch sollen zeigen, wie die katholische Liturgie, so wie sie heute ist, sachgerecht, das heißt im Sinne einer Versammlung und im Sinne der participatio actuosa konkretisiert werden kann.

Ein für die katholische Kirche prägendes Phänomen bedarf einer näheren Betrachtung, nämlich die Weihe einzelner Personen zu bestimmten Ämtern, während andere Ämter keine Weihe verlangen. Was hat es mit diesem Unterschied auf sich, ist er überhaupt sinnvoll, und welche Rolle spielt die Weihe für die Liturgie?

3 Zwölf Apostel, Ordinationen und Beauftragungen –
Weiheämter und Laienämter in der katholischen Kirche

In der katholischen Kirche – genau wie in den orthodoxen, orientalischen, anglikanischen und altkatholischen Kirchen – spielen drei Ämter eine zentrale Rolle. Sie waren ungefähr ab dem späten 2. Jahrhundert flächendeckend im Christentum verbreitet: Bischof, Presbyter und Diakon. Aufgrund dieser speziellen Ämterstruktur werden alle diese Kirchen unter dem Oberbegriff episkopale (= bischöflich verfasste) Kirchen zusammengefasst. Um die Sache besonders kompliziert zu machen, gibt es auch Kirchen – zum Beispiel viele evangelische Kirchen oder die neuapostolische Kirche –, die ebenfalls ein Amt namens Bischof haben, aber trotzdem nicht zu den episkopalen Kirchen gezählt werden, und dann gibt es auch noch die Bezeichnung episkopale Kirche als Eigenname, etwa für die Anglikaner in Nordamerika (Episcopal Church).

Das dreigliedrige Amt wird in Bekenntnistexten dieser Kirchen als fester, unverzichtbarer Bestandteil ihres Kircheseins dargestellt. Diese Ämter gehören also zur DNA der Kirche – wobei es intern auch Stimmen gibt, die diese Vorstellung ablehnen. Leider wird das dreigliedrige Amt oft unsachgemäß interpretiert: sowohl von Angehörigen der betreffenden Kirchen als auch von Außenstehenden sowie von Medien, die über kirchliche Vorgänge berichten. Diese Missverständnisse haben sich die episkopalen Kirchen allerdings auch selbst zuzuschreiben, und deswegen braucht es hier eine etwas genauere Betrachtung.

Ordinierter Bischof und ordinierte Mitarbeiter

Das Modell, das sich in der frühen Kirche durchgesetzt hat, sieht folgendermaßen aus: Jede städtische Gemeinde (mit dazugehörigem Umland) wird durch einen einzelnen Bischof geleitet. Leitung kann an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten durchaus Unterschiedliches bedeuten. Auch das Verfahren, nach dem ein Bischof ausgewählt wird, kann völlig verschieden sein. Die Einsetzung in das Bischofsamt erfolgt jedenfalls durch eine eigene liturgische Handlung, die Weihe, oder mit dem Fachbegriff gesagt: die Ordination des Bischofs. Die Ordination wird durch andere Bischöfe vorgenommen, in der Regel Nachbarbischöfe im Rahmen einer größeren, regionalen Kirchenstruktur.

Der Bischof kann ebenfalls durch Ordination Mitarbeiter einsetzen, insbesondere Presbyter und Diakone. Der genaue Aufgabenbereich der Presbyter und Diakone kann wiederum unterschiedlich sein. Einige Aufgaben wurden allerdings im Laufe der Zeit für unveränderlich erklärt (was spätere Diskussionen über die Verbindlichkeit solcher Zuordnungen natürlich nicht ausschließt).

Die drei ordinierten Ämter und ihre Rolle in der Liturgie werden in Kapitel 8–10 behandelt. Daher soll es hier zunächst nur darum gehen, den Sinn der Ordination insgesamt zu erschließen und verbreitete Missverständnisse auszuräumen.

Ordination auf Dauer

Ordinationen sind zeitlich unbefristet. Die katholische Kirche kennt viele Ämter, die zeitlich befristet sind, etwa das Amt des Pfarrgemeinderatsvorsitzenden, das Amt einer kirchlichen Richterin oder das Amt der Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz. Eine Ordination kann dagegen dem Ordinierten nicht weggenommen und daher auch nicht wiederholt werden.

Die Kirchengeschichte ist voll von Episoden, in denen Bischöfe aus ihrem Amt abgesetzt wurden, sei es durch die Entscheidung einer übergeordneten Instanz, sei es, weil die Gemeinde ihren Bischof davonjagte. Die Frage, ob ein solcher abgesetzter Bischof dann immer noch ein „echter“ Bischof war, stellte sich allenfalls theoretisch. Es gab ja keinen Ort mehr, an dem der Bischof sein Amt hätte ausüben können, und ein Messgerät, dass eine Person scannt und dann anzeigt, ob sie Bischof ist oder nicht, gab es nicht und wird es nie geben. Wenn aber – und das war gar nicht selten – ein abgesetzter Bischof später wieder eingesetzt wurde, wurde er nicht erneut ordiniert.

Das auf Präzision und juristische Genauigkeit bedachte lateinische Denken des westeuropäischen Hochmittelalters hat das in eine prägnante, aber missverständliche Formel gebracht: Die Ordination verleiht einen character indelebilis, ein unauslöschliches Prägemal. Diese Formel wird übrigens von anderen christlichen Denkformen abgelehnt, wie sie etwa in den Ostkirchen und in den evangelischen Kirchen vorherrschend sind, aber auch diese Kirchen wiederholen keine Ordination; ebenso ist es mit der Ordination zum Rabbiner oder zur Rabbinerin im Judentum.

Zeitlich befristete Ordinationen sind ein gelegentliches Gedankenspiel, für das manche Menschen Sympathien haben, aber vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung scheint es mir eher unwahrscheinlich, dass sich dieses Modell durchsetzen wird. Es geht bei der Ordination ja nicht nur um eine mittelalterliche lateinische Denkweise, die man mögen kann oder nicht, sondern um eine durchgängige Praxis in der Christentumsgeschichte mit einer wichtigen Aussage: Ordinierte werden von ihrer Kirche so umfassend in Anspruch genommen, dass ihre Ordination zu einem festen Bestandteil ihrer Biographie wird, der sich nicht mehr wegnehmen oder willentlich abschütteln lässt. Es ist in der katholischen Kirche möglich, auf eigenen Wunsch oder als Strafmaßnahme von allen Rechten und Pflichten des ordinierten Amtes entbunden zu werden, aber es bleibt dabei: Die Ordination wird niemals wiederholt. Ob man das mit dem Begriff des character indelebilis beschreibt oder auf andere Weise, ist zweitrangig.

Ordination und Eucharistie

Die wichtigste liturgische Aufgabe des Bischofs bestand und besteht in der Leitung der Eucharistiefeier, der zentralen Versammlung der Kirche, durch die sie das wird, was sie ist (Kapitel 2).

Schon immer konnte es in größeren Städten mehrere Versammlungsräume geben, in denen Eucharistie gefeiert wurde. Möglicherweise gab es eine sehr frühe Phase, in der jeder Gastgeber einer solchen Versammlung mit dem Titel episkopos bezeichnet wurde, aber als sich das Bischofsamt als ordiniertes Amt in einer gewissen städtischen Öffentlichkeit durchsetzte, war es immer ein einzelner Bischof pro Stadt. Dieser Bischof konnte aber nicht bei allen Versammlungen zugleich sein, zudem konnte er auch erkranken oder gelegentlich verreisen. In allen diesen Fällen musste jemand anderes die Leitung der Eucharistiefeier übernehmen, und nach einigen Kompetenzstreitigkeiten setzte sich ab dem 4. Jahrhundert flächendeckend folgende Regelung durch: Wenn eine Eucharistiefeier nicht von einem Bischof geleitet wird, muss sie von einem Presbyter geleitet werden. Damit war die Grundlage für die spätere Entwicklung geschaffen, wonach der Presbyter zum eigentlichen Gemeindeleiter vor Ort wurde – nämlich dem Pfarrer als Leiter einer Pfarrgemeinde –, während sich der Bischof zu einer regionalen Oberaufsicht über ein größeres kirchliches Gebiet wandelte. Mit dieser Entwicklung gerieten die Diakone (Kapitel 10) ins Hintertreffen und wurden für lange Zeit bedeutungslos.

Ordinierte als Priester

Man nehme also a) die Theorie des character indelebilis und b) die Regelung, wonach nur Bischöfe und Presbyter Eucharistiefeiern leiten. Einen Aspekt der liturgischen Leitung haben wir bereits in Kapitel 2 gesehen: Wer leitet, spricht im Namen der Versammlung („Wir“) öffentlich zu Gott, wobei die Versammlung das Gesprochene durch ihr Amen bestätigt.

Das wichtigste dieser Wir-Gebete ist das Eucharistische Hochgebet, in dessen Rahmen der Heilige Geist über Brot und Wein angerufen wird, da doch Jesus selbst seinen zwölf Gefährten diese Feier anvertraut hat („tut dies zu meinem Gedächtnis“, Lk 22,19) und Brot und Wein auf sich selbst hin gedeutet hat („mein Leib“, „mein Blut“, Lk 22,19–20).

Für die Formulierung „das ist mein Leib“ gibt es im biblischen Text keine eindeutige Interpretation. Ist das Brot als Materie gemeint? Oder geht es um den größeren Zusammenhang des gemeinschaftlichen Mahles? Und was das Wort ist bedeutet, hängt davon ab, welches philosophische Modell von Sein man voraussetzt. Folgender Gedankengang hat jedenfalls Nachwirkungen bis heute: Wenn Bischof und Presbyter etwas haben, was andere nicht haben (den character indelebilis), und wenn in der Eucharistiefeier die Formel das ist mein Leib immer von einem Bischof oder Presbyter vorgetragen wird, dann müssen Bischöfe und Presbyter über eine besondere Fähigkeit (lateinisch potestas) verfügen, von der alle anderen abhängig sind, um überhaupt Kirche sein zu können. Damit stellte sich die Eucharistie – ja letztlich sogar die Kirche – dann tatsächlich als ein Gegenüber von machtvoll Handelnden und machtlos Empfangenden dar.

Die Unterscheidung zwischen Bischöfen und Presbytern war dafür nicht mehr so wichtig. Für beide wurde ein zusammenfassender Begriff verwendet. Dieser Begriff stammte aus der antiken Kultsprache und bezog sich auf Menschen, die etwas können, das andere nicht können, nämlich verbindliche und verlässliche Kommunikation mit einer Gottheit durchführen. Es handelt sich um den Begriff des Priesters. In der lateinischen Sprache des katholischen Kirchenrechts ist das auch heute noch so: Bischof (episcopus) und Presbyter (presbyter) werden unter dem Oberbegriff Priester (sacerdos) zusammengefasst. Im Deutschen wanderte die Bezeichnung Priester exklusiv zum Presbyter. Daher kennen die meisten Katholiken im deutschsprachigen Raum den Begriff Presbyter nur aus der evangelischen Kirche, wo er ein ehrenamtliches Wahlamt bezeichnet, vergleichbar dem katholischen Pfarrgemeinderat. Auch wenn es ungewohnt ist, werde ich in diesem Buch konsequent vom Presbyter sprechen.

Die Bedeutung der Priester (also Bischöfe und Presbyter) spiegelte sich auch im westeuropäischen Bildungssystem früherer Jahrhunderte. Nur wer die Ordination anstrebte, konnte Zugang zu höherer Bildung erhalten, abgesehen vielleicht von reichen Adligen und manchen weiblichen Mitgliedern von Ordensgemeinschaften. Theologische Ausbildung und höhere Studien waren auf Ordinierte bzw. Ordinationskandidaten beschränkt. So wurden in der katholischen Kirche alle möglichen Ämter in der Verwaltung, Lehre, Forschung, Erziehung von Presbytern ausgeübt. Auch das heutige katholische Kirchenrecht verlangt für manche Aufgabenbereiche zwingend die Ordination, bei denen man fragen kann, ob das denn überhaupt von der Sache her geboten ist.

Zusammengenommen ergab sich folgendes Bild, das auch heute noch in der katholischen Kirche wirkmächtig ist und in den Medien herumgeistert: Irgendwelche Männer können auf mysteriöse Weise normales Brot und normalen Wein in Leib und Blut Christi verwandeln, und deswegen sind alle anderen von diesen Männern abhängig.

Apostolizität und Eucharistievorsitz

Diese lange Erläuterung soll vor allem zeigen, wie grundlegend sich das Verständnis der Kirche als Versammlung von einem klerikalistischen (also auf den Klerus = die Ordinierten bezogenen) Kirchenbild unterscheidet. Wie kann nun aber die Bedeutung der Ordination positiv verstanden werden und was bedeutet das für die Kirche und ihre Liturgie?

Zentrales Stichwort ist die Apostolizität – darauf beriefen sich Bischöfe des 2. Jahrhunderts genauso wie das Zweite Vatikanische Konzil. Wenn von der Kirche gesagt wird, sie sei apostolisch, bedeutet das, dass sie in authentischer Weise jene Botschaft durch die Zeit trägt, die Jesus seinen Zeitgenossen anvertraut hat. Unter ihnen spielte ein namentlich überlieferter Kreis von zwölf Männern eine besondere Rolle (siehe z.B. Mk 3,13–19), die die spätere Tradition Apostel nannte, wörtlich Boten (ein Begriff, der im Neuen Testament eigentlich in einem viel weiteren Sinn verwendet wird).

Nun nimmt selbstverständlich jede christliche Kirche für sich in Anspruch, apostolisch zu sein. In den Kirchen des episkopalen Typs kommt aber eine entscheidende Pointe hinzu: Apostolizität besteht nicht nur im Inhalt des Glaubens, sondern sie wird auch personal sichtbar gemacht: durch das ordinierte Amt, konkret die Bischöfe. Die Bischöfe von heute sind nicht nur funktional zur Sicherstellung der Apostolizität der Kirche gedacht, sondern sie sind die personalen Abbilder der biblischen zwölf Apostel. So wie die Apostel ihren Mitarbeitern Aufgaben anvertrauten, so tun dies auch die heutigen Bischöfe, indem sie Presbyter und Diakone ordinieren.

Da jede Ordination durch einen Bischof vorgenommen wird, verweist sie auf einen größeren Zusammenhang: auf die vom Bischof geleitete regionale Kirche, auf die von anderen Bischöfen geleiteten Kirchen an anderen Orten, auf die früheren Bischöfe, die ihre Nachfolger ordiniert haben und so weiter.

Nun kann man dieses Prinzip der durchgängigen Ordination durch Bischöfe historisch nicht bis zu Jesus zurückverfolgen, dafür fehlen schlichtweg die Belege. Wir wissen sogar, dass zu manchen Zeiten andere Regeln für die Ordination galten als heute, und für die ersten zwei bis drei Jahrhunderte kann man ohnehin nur ganz wenig belegen, das der heutigen Praxis entspricht. Es kann also bei der Ordination nicht um den historischen Nachweis eines einwandfreien „Ämterstammbaums“ gehen, der bis zu einem der zwölf Apostel zurückreichen würde. Es geht aber durchaus um eine symbolische Bedeutung, um Bildhaftigkeit: Durch die Ordination verweist die Kirche auf ihren Ursprung und verpflichtet sich auf ihn. Sie tut das personal, also menschlich, leiblich, im wahrsten Sinne des Wortes „sinnlich“, weil der christliche Glaube nun einmal den ganzen Menschen betrifft und alles Irdische und Leibliche darin einbezogen ist.

Wenn die Leitung der Eucharistiefeier nur Bischöfen und Presbytern anvertraut ist, folgt daraus nicht, dass diese Personen über irgendwelche mysteriösen Fähigkeiten verfügen, sondern: Wo die Kirche durch ihre eucharistische Versammlung zur Kirche wird, darf der personale Ausdruck der Apostolizität nicht fehlen. Die einzelne Versammlung besteht nicht aus sich selbst, sondern steht in Beziehung zu ihrem Ursprung. Die Eucharistiefeier ist keine von der Versammlung erbrachte Leistung, sondern etwas, das ihr geschenkt ist, genau wie der Glaube und die Berufung zur Mitgliedschaft in der Kirche. Die Leitung durch einen Ordinierten symbolisiert, dass die Kirche nicht aus sich selbst existiert, sondern dass sie einen Ursprung hat, der außerhalb ihrer selbst liegt. Die in der Diskussion darüber immer wieder auftauchende lateinische Kurzformel lautet extra nos, also außerhalb unserer selbst.

Gelegentlich berichten die Medien über Gruppen von Katholiken, die ohne ordinierten Vorsteher Eucharistie feiern. Das geschieht dann oft mit Hinweisen wie „Gott liebt uns doch alle“, „In der Kirche sollen alle gleichberechtigt sein“, „Der Heilige Geist beschränkt sich nicht auf die Priester“ oder Ähnliches. Solche Polemik mag vor der Geschichte des katholischen Klerikalismus nachvollziehbar sein, greift aber trotzdem theologisch zu kurz. Die Liturgie der Kirche ist Ausdruck ihrer Identität, gerade deswegen steht sie nicht zur freien Verfügung einzelner Personen nach ihrem jeweiligen Wunsch oder nach ihrer theologischen Überzeugung. Liturgie ist weder der passende Ort für Klerikalismus noch für Selbstermächtigung der Versammelten über das, was sie tun.

Die Kirche schützt das, was ihr an ihrem Kirche-Sein wichtig ist: Eucharistie ist die Versammlung schlechthin, und diese Versammlung soll immer über sich selbst hinausweisen. Dem dient das extra nos des ordinierten Vorstehers: Bischof oder Presbyter. Eucharistiefeiern ohne einen solchen ordinierten Vorsteher erkennt die katholische Kirche nicht an, und die Beteiligten unterliegen hohen Kirchenstrafen.

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Litresdə buraxılış tarixi:
17 sentyabr 2025
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9783791762111
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