Kitabı oxu: «Das Frühlingsfenster»
Das Frühlingsfenster
Lilian Dexter
Impressum
Texte: © 2021 Copyright by Susan Beer
Cover: © 2021 Copyright by Ronja Forleo
Verantwortlich für den Inhalt:
Susan Beer
Heinrich-Böll-Str. 6
81829 München
Druck: epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
*
»Da musst du Name reinschreiben. Du verstehen? DEINE NAME!«
Lizzy sah von ihrem Computer auf. Das ungehaltene Gebrüll kam von Elfriede, die einem Antragsteller das Formular für das kostenlose Mittagessen erklärte. Wobei »erklärte« es wohl nicht ganz traf. Der arme Mann hatte gar keine Chance, ihr zu folgen.
Lizzy war die Geschäftsführerin des Bürger- zentrums. In der Jugendstilvilla wurde von der Büchergruppe für Senioren bis zur Still-Beratung jede Menge für die Bewohner des Viertels angeboten. Elfriede war Teil des fünfköpfigen Vereinsvorstands und damit Lizzys Arbeitgeberin. Das Zentrum hatte erst seit einer Stunde geöffnet und das war heute schon der dritte Besucher.
Sollte sie einschreiten? Der Mann tat ihr leid. Ginge sie hinüber, wäre das Problem in zwei Minuten gelöst, aber Elfriede eingeschnappt. Nachdenklich drehte Lizzy ihren französischen Zopf um den Finger. Ihr Büro war durch eine Tür von der Geschäftsstelle getrennt. Sie schloss diese Tür nur, wenn sie konzentriert arbeitete oder eine Besprechung hatte. Man hatte beim Umbau der Villa einen Durchbruch für die Tür geschaffen und Lizzy war entsetzt gewesen, dass deshalb der Stuck über dieser Stelle unterbrochen worden war. Abgesehen davon fühlte sie sich wie im Schloss, wenn sie die kunstvolle Decke ansah.
Sie kannte den Mann. Er war Paketbote und kam gerade so über die Runden. Das Mittagessen hier war oft die einzige Mahlzeit, die seine Kinder am Monatsende bekamen. Sie warf ihren Zopf wieder auf den Rücken.
Wenn die gute Frau nur nicht so unfähig wäre. Selbst die Praktikantin hatte in zwei Wochen mehr weg- gearbeitet, als Elfriede in einem ganzen Monat schaffte. Aber sie übernahm die morgendlichen Bürozeiten, was dem Verein viel Geld sparte.
Die Diskussion in der Geschäftsstelle wurde hitziger. Der Mann versuchte zu erklären, dass er das Formular schon ausgefüllt hatte und nur den Nachweis für diesen Monat brachte. Seine Stimme überschlug sich. Elfriede hörte gar nicht hin, sondern wiederholte stupide, was er eintragen müsse.
Lizzy hatte sogar mal mit ihrer Therapeutin über Elfriede gesprochen. »Erinnern Sie sich daran, dass Sie Ihr Studium bestanden haben. Sie haben Fachwissen und dürfen deshalb durchaus Kritik üben«, hatte diese ihr gesagt.
Es war ihre erste Stelle. Was, wenn sie es mit der Kritik zu weit trieb?
Sie versuchte, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, doch es gelang ihr nicht.
Der Mann hatte offenbar nicht die Zeit, sich durch das ganze Formular zu kämpfen. Elfriede bestand darauf. Das Drama war nicht auszuhalten.
Ein Kribbeln schob sich ihren Rücken hinauf. Lizzy kannte dieses Zeichen: Ihre Panikattacken kündigten sich so an. Das Leiden des Mannes nahm sie doch mehr mit. Langsam atmete sie ein und aus. Sie schloss die Augen und versuchte, die Diskussion im Nebenzimmer auszublenden. Nach einigen Atemzügen verschwand die Unruhe in ihrem Körper, dafür spürte sie umso stärker die Verzweiflung des Mannes.
Sie sendete die Mail, an der sie geschrieben hatte, ab und stand auf. Bevor sie an der Tür war, rief Florian nach ihr. Er war der Jugendleiter und ebenfalls im Vorstand des Vereins.
»Lizzy, bist du da?«
Sie steckte ihren Kopf in die Geschäftsstelle und fragte: »Bekommen wir wieder eine Praktikantin?« Elfriedes beleidigte Miene ignorierte sie.
Florian erwiderte: »Das wird vermutlich nicht klappen. Der Gutachter für das Dach war da. Es sieht übel aus. Das zahlen wir nicht mehr aus der Portokasse. Wir besprechen das gleich im Vorstand, da muss schnell eine Lösung her.«
Er wurde von Elfriede unterbrochen. »Ich werde eine Einladung schicken. Für so eine entscheidende Bes- prechung muss man formal laden.«
Florian strich sich durch seinen Drei-Tage-Bart und bemühte sich, ruhig zu bleiben.
»Nein, meine liebe Elfriede, das müssen wir nicht. Hartmut und Achmed sind schon auf dem Weg hierher. Damit sind vier von fünf auch ohne offizielle Ladung da, das reicht für eine außerordentliche Besprechung zu nur einem Thema.«
Florian wirkte, als würde er in der Schule einem begriffsstutzigen Kind die Pausenregeln das dritte Mal erklären.
Elfriede setzte ihre rote Kunststoffbrille wieder auf. Zusammen mit einem praktischen Kurzhaarschnitt sollte das wohl sportlich wirken, aber ihre schlaffe Haltung und ihre hängenden Wangen verrieten deutlich, dass sie jegliche Anstrengung scheute.
»Ja, wenn Hartmut schon Bescheid weiß, dann ist das natürlich in Ordnung. Lizzy kümmert sich bestimmt um die Unterlagen, oder?«
Elfriede setzte sich zufrieden hinter ihren Computer. Ihr Schreibtisch war riesig und nahm fast das ganze Zimmer ein, dennoch waren auf jedem Regal und sogar auf den Stühlen Ordner und Papiere. Elfriede schien das nicht zu stören.
Der Paketbote hatte die Gelegenheit genutzt und war gegangen. Lizzy schnappte sich seine Unterlagen und lief zurück in ihr Büro. Sie würde die Anmeldung fertig machen und damit den Kindern auch im nächsten Monat das Mittagessen sichern.
Florian folgte ihr und sagte:
»Bis Hartmut und Achmed kommen, könnten wir noch schnell meine Abrechnungen durchgehen. Dann habe ich das schon mal weg.«
Lizzy nickte. Sie holte die Unterlagen und setzte sich mit Florian an den kleinen Besprechungstisch in ihrem Büro.
Nach einem Blick auf die einzelnen Belege stutzte sie: »Was ist das für eine Baumarktrechnung? Das sind ja fast fünfhundert Euro!«
»Ich habe mit der Freitagsgruppe die Fenster abge- schliffen und neu eingestellt. Die Scharniere mussten wir zum Teil austauschen, und ich habe uns eine Schleifmaschine gekauft. Du kannst das doch ab- rechnen, oder?«
»Ja, ich habe ein Hausmeisterbudget bei Hartmut durchgesetzt. Er will ja nicht, dass wir den Hausmeister- dienst anrufen. Also habe ich ihm gesagt, wenn wir schon alles selbst machen müssen, dann brauchen wir auch Material. Und da gehört dein Werkzeug dazu. Solange ich noch Geld auf dem Budget habe, ist das okay. Meine Fenster müssten auch mal wieder gemacht werden. Zumindest die Winterfenster sollten langsam runter.«
Florian nickte. »Ich sage Achmed, er soll dir helfen. Das schafft ihr schon, man muss die ja nur aushängen. Aber du hast recht, wir heizen den Garten, so verzogen wie die sind.«
»Kann das nicht deine Freitagsgruppe erledigen? Ich komme nicht dazu.«
»Ich muss mit den Jugendlichen auch mal was anderes machen als das Haus renovieren. Wir bieten sowieso viel zu wenig für die Kids an.«
»Dann ist es ja gut, dass wir noch eine Jugendleiterin bekommen.«
»Wenn wir das mit dem Dach geregelt kriegen. Es nimmt irgendwie kein Ende.«
Florian ließ die Schultern hängen und erinnerte Lizzy an ein Gemälde. Eine Bauersfamilie versucht, ihr Getreide vor dem drohenden Gewitter zu ernten. Der Mann auf seine Forke gestützt, zu erschöpft, um noch weiterzuarbeiten. Das Bild hatte Mitleid und Bewunderung bei ihr ausgelöst.
Sie legte ihre Hand auf Florians Arm und sagte: »Das bekommst du schon hin, glaub mir. Irgendwann scheint die Sonne wieder.«
Lizzy tat nur so zuversichtlich. Falls sie Florian nicht aufmunterte, wer sollte dann weiter um das Zentrum kämpfen? Der restliche Vorstand war hier keine Hilfe.
Er seufzte. »Mir graut schon, wenn ich an Hartmut denke. Der wird wieder rumtoben, wenn er das mit dem Dach hört.« Er stierte einen Moment geradeaus, dann gab er sich einen Ruck und sah Lizzy an.
»Wie gehts mit deinen Attacken? Die Sitzung später ist kein Problem für dich?«
Lizzy schüttelte den Kopf. »Hartmut macht mir ein bisschen Angst. Aber der ist ja deine Baustelle.«
Florian lachte trocken. »Du wirst sehen, wir werden dich schneller brauchen als dir lieb ist. Mit dem Jugendhaus wars ja genauso. Bevor du nicht mit der Baubehörde gesprochen hast, dachte ich, das wird nichts mehr.«
Lizzy wurde rot. »Du weißt ganz genau, dass ich da nicht viel gemacht habe. Ich habe halt zufällig die richtigen Worte bei der Bearbeiterin getroffen und der Rest war ja schon von euch vorbereitet. Lass uns lieber die Abrechnung machen.«
Sie stand auf, um das Fenster zu öffnen. Der äußere Flügel knarzte und ließ dann kühle Luft herein. Der Park erwachte langsam aus seiner Winterruhe. Die Bäume hatten diese hellgrünen Blattspitzen, die Lizzy so liebte. Lächelnd verfolgte sie ein Eichhörnchen auf seinem ersten Ausflug.
Auf der Wiese vor dem Haus wehte das restliche Laub vorbei. Sie sah in den Himmel. Es würde heute wohl noch ein Gewitter geben. Besser, sie schloss das Fenster wieder.
Sie wandte sich Florian zu, der sie angrinste.
»Du hast den Frühling gesehen, hm?«
Sie war froh, ihn so selbstsicher zu sehen. Ohne seine Unterstützung kam sie sich hilflos vor. Die Therapeutin hatte ihr geraten, sich an Florian zu wenden, und so hatte sie ihm von ihren Panikattacken erzählt. Der Sozialpädagoge war damit professionell umgegangen und hatte sie nicht vor die Tür gesetzt. Bei Hartmut war sie sich da nicht sicher. Er erinnerte sie an ihren strengen Vater. Bei jedem kleinen Fehler geriet sie in Panik. Würde er sie entlassen?
Sie hakten die restlichen Punkte ab.
Schließlich lehnte Florian sich nach hinten, sodass sein T-Shirt über seinen Armmuskeln spannte.
»Irgendwie finde ich das schon komisch, dass wir fast keine Rücklagen haben. Ich meine, du sagst ja selbst, dass wir viele Mitglieder haben. Etliche zahlen den höheren Förderbeitrag. Wo geht das Geld hin?«
»Das weiß ich nicht. Ich habe nur Zugriff auf die laufenden Kosten, ich könnte dir nicht mal sagen, was wir von den Mitgliedern bekommen. Das erledigen alles Elfriede und Hartmut.«
»Ich müsste mich da echt mal mehr mit befassen. Aber das wird schon passen.«
Die beiden saßen noch einen Moment ratlos da. Das war alles so kompliziert und bis jetzt hatten sie nie darüber nachgedacht. Lizzy zupfte an der Manschette ihrer Bluse. Was, wenn sie dafür haftbar gemacht würde? Man sagte, sie wäre eine tüchtige Verwalterin. Sogar Hartmut war beeindruckt, wie schnell sie sich in die verschiedenen Abrechnungen eingearbeitet hatte. Aber sie konnte ja schlecht Elfriede und Hartmut überwachen.
Florian brach das Schweigen: »Wenn ich nicht alles in meiner Freizeit machen müsste, dann könnte man sich auch mal um so was kümmern. Vielleicht mit der neuen Jugendleiterin.«
Lizzy nickte. Die Betreuerin würde einiges verbessern.
Florian sprang auf.
»Wenn es sonst jetzt nichts mehr gibt, hole ich noch schnell mein Laptop aus dem Jugendhaus. Wir sehen uns gleich.«
Lizzy ging nach unten in die Cafeteria, um den Platz für die Besprechung herzurichten. Sie liebte das Jugendstilhaus mit seiner bemalten Fassade, den bunten Fenstern und der knarzenden Holztreppe, die vom Foyer in den ersten Stock zu ihrem Büro führte. Im Erdgeschoß hatten sie einen Gruppenraum, der vor allem für die Mutter-und-Kindgruppen verwendet wurde. Ansonsten gab es eine Küche und die Cafeteria, die sich zu einer eleganten Terrasse öffnete. Es roch nach Blumen. Jemand hatte ein paar Töpfe mit Frühlingsblumen auf das Regal gestellt. Sie nahm die Stühle von den Tischen.
Hoffentlich fanden sie eine Lösung. Was, wenn sie entlassen wurde? Ihr Körper kribbelte.
»Das ist nichts für dich, so allein in der Stadt. Du wirst schon sehen.« Hatte ihr Vater recht gehabt? Gleich nach dem Studium eine Geschäftsführung, das war wirklich anmaßend. Noch mal würde sie keiner einstellen.
Die Gedanken tobten in ihr. Sie versuchte, gegen die Attacke zu atmen. Dann hörte sie Florians Stimme in ihrem Kopf. Er würde die Dinge in Ordnung bringen. Nach ein paar tiefen Atemzügen war sie wieder bei sich, gerade noch rechtzeitig, bevor die anderen kamen.
*
Hartmut eröffnete die Sitzung. Er war der Vorstandsvorsitzende und bildete sich viel auf diese Position ein.
»Liebe Vorstandskollegen, liebe Lizzy, hiermit eröffne ich unsere 17. außerordentliche Vorstands- sitzung. Das Protokoll führt Elfriede, die Leitung übernehme ich. Gibt es Gegenstimmen?«
Er sah so aus, als würde er für seine sensationelle Begrüßung Beifall erwarten.
Alle nickten nur zustimmend. Lizzy hatte sowieso nichts zu sagen, da sie nicht im Vorstand war.
»Anwesend sind: ich, Elfriede, Florian und Achmed. Weiß jemand was von Mechthild?«
Elfriede meldete sich: »Ich habe sie nicht erreicht, ich glaube, sie hält gerade einen Kurs bei der VHS. Wir haben ja nicht offiziell geladen.«
Hartmut bedachte sie mit einem vernichtenden Blick. Sie schien es nicht zu merken. Daher ergänzte er: »Ich kenne die rechtlichen Voraussetzungen, das musst du mir nicht jedes Mal sagen.«
Elfriede war eingeschnappt, sagte aber nichts. Sie begann umständlich ihre Brille zu putzen.
Achmed nahm sich wie immer aus der Sache heraus. Er hatte gelernt, dass er als Flüchtling besser unsichtbar blieb. Er war zum Zentrum gekommen, weil die IT zusammengebrochen war. In kürzester Zeit hatte er den Computer wieder zum Laufen gebracht und seitdem lief alles reibungslos. Florian hatte ihn gedrängt, sich zur Vorstandswahl zu stellen. Der junge Syrer hatte mehr Stimmen als Elfriede erhalten, war jedoch genauso bescheiden geblieben wie vorher.
Lizzy sprach selten mit ihm, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte. Er war stets höflich distanziert, was in seiner Kultur wohl üblich war.
Hartmut sagte:
»Gut, wir haben ja nur einen Punkt. Florian, würdest du bitte anfangen?«
»Laut dem Bausachverständigen, der heute Morgen bei uns war, ist die Dachkonstruktion morsch. Das heißt, das Dach muss komplett runter und mit einem neuen Dachstuhl wieder aufgebaut werden. Er schätzt, dass uns das ungefähr 180.000 € kosten wird.«
Alle schwiegen.
Lizzy sah den Wolken zu, die hinter den hohen Bäumen im Garten vorbeizogen. Die Äste bogen sich. Der Föhn schien sich durchzusetzen, kein Regen heute.
Hartmut riss sie aus ihren Gedanken. Er beugte sich nach vorn: »Komm, diese Bauleute übertreiben doch immer.«
Florian stützte sich auf: »Das ist ein amtlich bestellter Gutachter, der verdient nichts daran, dass er uns diese Summe nennt. Außerdem war ich mit ihm und einem Dachdecker oben und habe mir das selbst angeschaut. Du wirst mir schon glauben müssen, das Ding ist hinüber.«
Hartmut trug seine grauen Haare in einem akkuraten Seitenscheitel, den er regelmäßig mit einem Kamm nachzog. Sein Hemd drohte aus der Hose zu rutschen. Ein Bauch auf Stelzen, wie Lizzys Kommilitonin solche Männer immer genannt hatte. Florian hingegen, durchtrainiert und fit, war wie ein junger Wolf. Jeder sah, wie die beiden um ihr Revier kämpften.
Florian erläuterte den Bauplan des Hauses und den Fehler, der beim Umbau gemacht wurde. »Daher läuft seit einem halben Jahrhundert bei jedem Unwetter Wasser ins Haus. Es muss also das ganze Dachgeschoss saniert und die Mauern trockengelegt werden.«
Elfriede schnaufte tief ein. Lizzy und Achmed tauschten einen Blick aus: Das konnte dauern.
»Denken wir an den Willen der Stifterin. Wie ihr vermutlich nicht wisst«, sie sah Lizzy und Achmed an, die sehr wohl die Geschichte kannten, »wollte sie vermeiden, dass aus diesem gewachsenen Viertel alle wegziehen. Sie gab ihnen ein Zentrum und deswegen …«
»Jeder von uns kennt die Vorgänge hier. Die Frage ist, woher bekommen wir das Geld.« Hartmut sah Florian drohend an: »Und nein, wir übergeben es nicht an die Stadt. Dann wird das ein reines Zentrum für das Neubauviertel. Sie sehen ja nur noch dort ihre ›Bedarfe‹.«
Lizzy konnte die Anführungszeichen um Bedarfe regelrecht sehen. Sie hoffte, die ganze Diskussion war bald vorüber. Der Kampf zwischen Florian und Hartmut war nicht hilfreich und verursachte ihr Kopfweh.
Florian erwiderte: »Wenn wir das Dach nicht selbst reparieren können, bleibt uns gar nichts anderes übrig.«
Elfriede setzte sich aufrecht hin und dozierte: »Das wird unserer edlen Stifterin aber gar nicht gerecht.«
Ob die edle Stifterin wohl gerne so genannt worden wäre? Lizzy hatte gehört, dass sie eine pragmatische Frau ohne eigene Kinder gewesen war, die genau gesehen hatte, wie viele Menschen in Not um sie herum lebten.
»Wir können unsere Ausgaben kürzen und so einen Kredit aufbringen. Wenn Lizzy und Florian auf etwas Geld verzichten, sollte das doch machbar sein. Ich arbeite ja umsonst hier und Achmed bekommt nur eine Aufwandsentschädigung.«
Florian platzte der Kragen: »Meine liebe Elfriede, nicht jeder hier hat einen reichen Mann, der ihn aushält. Wir müssen unsere Miete mit echter Arbeit finanzieren, aber vielleicht kann ja dein Göttergatte einen hübschen Scheck ausstellen.«
Hartmut unterbrach ihn: »Dieser Ton war jetzt nicht nötig. Natürlich werden wir alle unseren Beitrag leisten, das erwarte ich gerade von den Vorstandsmitgliedern.
Dennoch möchte ich daran erinnern, dass wir auch die Möglichkeit haben, den Willen unserer Stifterin mit einem Kulturhaus umzusetzen. Ich bin da in Gesprächen mit einem Kunstsammler, der überlegt, seine Sammlung von Künstlern aus der letzten Jahrhundertwende zu vererben. Das würde wundervoll in unsere Jugendstilvilla passen und auch sonst der Umgebung viel mehr entsprechen.«
Florian stand auf. »Wenn jetzt wieder dieser Quatsch kommt, dann gehe ich. Willst du das Dach vielleicht mit Bildern abkleben? Wenn’s oben rein regnet, ist es doch völlig egal, was unten drin ist. Also entweder kümmern wir uns jetzt um das Dach oder wir beenden die Diskussion.«
Elfriede öffnete den Mund, um die Lage etwas zu befrieden.
Hartmut war schneller. »Dann bleiben wir mal bei den Kosten. Der Betrieb hier ist unglaublich teuer. Aber das interessiert dich ja nicht. Du willst ja nur immer das Geld mit beiden Händen rauswerfen.«
»Was soll das jetzt wieder heißen?«
»Na, ständig braucht ihr in eurem Jugendhaus was Neues. Mal ist es ein Drucker, dann irgendwelches Bastelzeug, und wozu das ganze Gartenzeug gut sein soll, ist mir auch nicht klar. Der Garten sieht jetzt auf jeden Fall nicht besser aus.«
»Kennst du überhaupt den Unterschied zwischen einem Baum und einem Busch, wenn du davorstehst?«, konterte Florian gereizt.
»Weil du hier der große Botaniker bist!«
Das saß. Florian hatte erst Schreiner gelernt und dann Kunstpädagogik studiert. Gartenbau war nicht sein Metier.
»Ist ja schön, wenn du einen Baum und einen Busch malen kannst. Aber hier geht es ums Geld«, setzte Hartmut noch einen nach.
»Lizzy, du machst uns jetzt eine Aufstellung aller Kosten und dann schauen wir, wo wir sparen können.«
Sie nickte. »Ja, gern. Aber wir können nicht einfach irgendwo kürzen, weil wir für die meisten Dinge zweckgebundene Zuschüsse bekommen.«
»Ich habe dich nicht um deine Meinung gefragt, ich will eine Aufstellung. Ob wir was kürzen, entscheidest nicht du.«
Lizzy senkte schuldbewusst den Kopf. Hätte sie doch ihre große Klappe gehalten. Es lief immer darauf hinaus, dass sie eins aufs Dach bekam, wenn die beiden aneinandergerieten. Sie war ja quasi im Team Florian.
Dieser stand mittlerweile. Er stützte die Arme auf den Tisch und beugte sich in Richtung Hartmut.
»Du brauchst Lizzy da gar nicht anbrüllen. Wenn sich jemand hier um unser Geld kümmert, dann ist sie es. Sie hat jede noch so seltsame Fördermethode im Blick. Ich habe heute Morgen schon wieder drei neue Programme kennengelernt, aus denen wir Mittel be- kommen. Aber wie ist es denn mit den Mitglieds- beiträgen? Wo bleiben die?«
Hartmut wich zurück. Er schien einen Moment zu überlegen, wie er den Angriff parieren sollte.
Da ertönte die sanfte Stimme von Achmed:
»Vielleicht können wir ja einen Aufruf machen und es gibt irgendwen, der uns unterstützt. Das ist ja ein reiches Viertel mit all den Villen. Da will doch bestimmt jemand was Gutes tun.«
Lizzy sah ihn dankbar an. Achmed war noch so jung, aber seine Augen waren die eines viel älteren Mannes. Lizzy vermutete, weil er schon so viel erlebt hatte. Seine ganze Art war weich. Sie hörte ihm gern zu, ihr gefiel der leichte Akzent, das gab seinen Äußerungen etwas Melodisches.
Hartmut war für diese Reize unempfänglich. Er erwiderte: »Du glaubst doch nicht, dass die Leute aus dem Viertel eure Jugendlichen unterstützen. Die wollen den Lärm und den Dreck nicht.«
Florian nahm sich sichtbar zusammen und antwortete ruhig: »Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. Wir haben so viele Leute hier, die das Zentrum wirklich brauchen. Auch aus der Villenkolonie.«
Hartmut lehnte sich gönnerhaft zurück und sagte: »Gut, dann beschließen wir, dass wir einen Aufruf zur Spende machen. Gegenstimmen? Nein, gut, dann ist die Sitzung hiermit beendet.«
Lizzy hatte den Eindruck, dass auch er keine bessere Lösung hatte.
Elfriede hob zaghaft die Hand: »Und was machen wir, wenn wir nicht genug Spenden bekommen?«
Hartmut sah sie drohend an. Florian griff die Frage auf: »Ja, was machen wir dann?«
»Das ist doch wohl klar. Das Zentrum wird eine Kunstvilla. Da kenne ich schon ein paar, die uns dann unterstützen.«
Alle starrten ihn ungläubig an. War das Kulturhaus bereits mehr als eine fixe Idee von ihm?
Hartmut stand auf und damit war die Sitzung endgültig beendet.
*
Am Nachmittag schnürte Lizzy ihre Joggingschuhe. Sie musste sich unbedingt ein bisschen Auslauf verschaffen, sonst fraß sie ihre Arbeit auf.
Die Wolken türmten sich auf, aber das Gewitter schien weiterzuziehen.
Sie wärmte sich auf und lief dann ihre übliche Strecke über die Straße am Industriegebiet vorbei zum Park. Die Luft war klar und roch nach Sommer. Lizzy hörte den Vögeln zu und dem gleichmäßigen Knirschen ihrer Füße auf dem Kies. Sie ließ all die Probleme im Zentrum Revue passieren. Das marode Dach, das fehlende Geld, Elfriede, das Kulturhaus.
Die Themen zogen durch ihren Geist und sie ließ sie auf dem Kies zurück. Irgendwann waren alle Gedanken gedacht und alle Sorgen gefühlt und sie kam in diesen angenehmen Leerlauf, der nur noch aus ihrem Atem und dem Taptap ihrer Schritte bestand.
Sie liebte diese Kraft, die im Moment des Laufens über sie kam. Das war wohl das, was man Runners High nannte.
Früher hatte sie dieses Gefühl öfter, aber es endete stets in einer Panikattacke.
Die Therapeutin meinte, dass ihr Körper vermutlich zu viel Adrenalin oder ein anderes Hormon nicht verarbeiten konnte.
Solange sie lief, wanderte das Prickeln einmal durch ihren Körper und dann war da nur noch Kraft und das Gefühl, dass ihr die Welt zu Diensten stand.
Auf der Bank unter der Trauerweide sah sie ein Liebespärchen. Das Mädchen hatte sich mit dem Kopf auf den Schoß des Jungen gelegt und sah ihn an. Er strich ihr die Haare aus dem Gesicht und beugte sich dann nach unten, um sie zu küssen.
Das versetzte Lizzy einen Stich im Herzen. Die Kraft und gute Laune waren weg. Sie fühlte sich einsam und Neid breitete sich in ihr aus. Alle Töpfe fanden einen Deckel, nur sie war offenbar eine Sondergröße.
*
Das Gewitter war in der Nacht doch noch gekommen und Lizzy hatte schlecht geschlafen. Daher war sie müde und unkonzentriert. Die Bewerbungsgespräche für die Jugendleitung würden sie hoffentlich aufwecken.
Lizzy drehte ihren Zopf in der Hand. Sie saß mit Florian an ihrem Besprechungstisch und wartete auf die erste Bewerberin für die Stelle der Jugendleiterin.
Er bemerkte ihre Anspannung, stellte seinen Frühstückskaffee weg und sagte:
»Ich stelle die Fragen und du siehst dir ihre Reaktionen darauf an und machst Notizen. Ich bin gespannt. Mit diesen internationalen Abschlüssen und den Referenzen könnte sie einen besseren Job bekommen als die Leitung unserer Mädchengruppe.«
Lizzy sagte nichts. Sie war selbst in diesen Job reingerutscht, weil sie es nicht fertiggebracht hatte, sich zu bewerben. Vielleicht hatte diese Frau ähnliche Probleme. Lizzy schaltete die Deckenlampe an, weil durch die dunklen Wolken kaum Licht in ihr Büro kam. Sie setzte sich wieder zu Florian an den Tisch und malte eine Girlande um den Namen auf ihrem Notizblock. Ophelia. Wie ausgefallen. Wie die Eltern da wohl drauf gekommen waren?
Es klopfte und die Bewerberin trat ein. Das vertraute Kribbeln wanderte Lizzys Rücken hinauf, hoffentlich bekam sie keine Panikattacke. Sie atmete tief ein und fokussierte sich auf Florian, wie er aufstand und die Frau begrüßte.
Als Lizzy an der Reihe war und sich ihre Hände berührten, kam ihre Panik wie ein Hammer. Sie blickte an der jungen Frau vorbei, nuschelte »Grüß Gott!« und riss ihr die Hand weg.
Dann verschanzte sie sich hinter ihrem Tisch und schrieb konzentriert das Datum auf den Block. Die Attacke war schlagartig vorüber.
Florian eröffnete das Gespräch.
»Guten Tag, Frau Reisenberger, schön, dass Sie zu uns gekommen sind. Erzählen Sie doch ein bisschen über sich.«
Ophelia referierte ihren Lebenslauf. Es klang auswendig gelernt.
Die schlanke Frau sah durchtrainiert aus. Sie trug ihre langen braunen Haare in einem akkuraten Knoten. Amerikanische Soldatinnen sahen so aus. Sicher nicht falsch, um sich Respekt bei den Jugendlichen zu ver- schaffen, dachte Lizzy.
Florian war das offenbar ebenfalls aufgefallen. Er fragte:
»Sie sehen so aus, als würden Sie viel Sport machen. Auch Karate?«
»Nicht Karate, nur Selbstverteidigung. Ich kann mich schon wehren, wenn Sie das meinen. Ansonsten keine besonderen Sportarten, nur Fitness.«
Sie sah unnatürlich gesund aus, wie ein Werbebild. Lizzy fiel es schwer, Ophelia zu betrachten. Sie hatte ständig dieses seltsame Gefühl, wie beim Beginn einer Panikattacke, aber sie hatte keine Angst. Wenn sie sich auf ihre Unterlagen konzentrierte, war das Gefühl sofort weg.
Sie stand auf, um das Fenster zu schließen. Ein heftiger Wind trieb dicke Tropfen durch den Garten und klatschte sie an die äußere Scheibe. Der linke Fensterflügel klapperte. Der Zustand des Hauses machte ihr Angst, das musste wirklich ein Fachmann beheben. Sie wandte sich wieder dem Bewerbungsgespräch zu.
Lizzy überlegte, ob sie den Faden verloren hatte. Florian lächelte selig, fast verliebt. Bis jetzt hatte Ophelia jedoch nichts erzählt, was nicht in der Bewerbung gestanden hatte.
Irgendetwas stimmte hier nicht. Sie konnte nicht sagen, was. Mechthild, das fünfte Vorstandsmitglied, hätte jetzt sicher irgendwas über Energieströme und Sternzeicheninkompatibilität gesagt. Sie war sehr esoterisch und sah in allem höhere Mächte walten.
Lizzy spürte immer wieder Ophelias durch- dringenden Blick auf sich, als würde sie sie prüfen. Und jedes Mal löste es ein Kribbeln in ihr aus. Doch es kroch nicht den Rücken hinauf, eher schien es über ihren Körper zu wandern wie ein Suchscheinwerfer. Sie notierte konzentriert einen Satz und das Prickeln ver- schwand.
War sie nicht in der Lage, ein Bewerbungsgespräch zu führen?
Der Vorstand tagte am selben Abend, nachdem die Vorstellungsgespräche vorbei waren. Bis auf Achmed saßen alle in der Cafeteria und nach einer kurzen Eröffnung durch Hartmut stellte Florian die Kandidatinnen vor.
»Wir hatten fünf Bewerbungen, zwei haben wir gleich wegen mangelnder Qualifikation aussortiert. Es bleibt also die Entscheidung zwischen der ehemaligen Lehrerin, der Erzieherin und der Bewerberin von heute Morgen.«
Lizzy meinte: »Also mir gefiel die Erzieherin am besten. Diese Ophelia fand ich unheimlich.«
Florian entgegnete: »Die Lehrerin war eigentlich gar nicht so falsch. Sie hat eine Umschulung als Erzieherin gemacht, damit passt sie ins Profil. Sie hat nur bis jetzt immer in Kindertagesstätten gearbeitet, die freie Jugendarbeit ist ihr halt neu.«
Elfriede meinte: »Ich fände auch eine ältere Person besser. Florian ist noch jung und die ganzen Prakti- kanten und so, die wir haben, die bräuchten wirklich eine erfahrene Leitung.«
Florian setzte zu einer Antwort an, aber Hartmut war schneller: »Nein, wir nehmen diese Ophelia. Ich habe sie letzte Woche schon kurz kennengelernt, als sie sich das Zentrum angesehen hat. Wir werden sie einstellen, auch wenn Lizzy sie unheimlich findet.«
Mechthild nahm ihre Hände vor den Körper, als wollte sie ein Kissen präsentieren. Ihre Armreife mit den vielen Anhängern klimperten.»Warum findet Lizzy diese Ophelia unheimlich? So einfach sollten wir uns die Entscheidung nicht machen.«
»Das war Lizzys erstes Einstellungsgespräch«, warf Florian schnell ein. »Ophelia ist sehr überzeugend, das hat sie vermutlich eingeschüchtert.«
Lizzy sah ihn überrascht an. Das war überhaupt nicht seine Art, über Anwesende in der dritten Person zu sprechen. Aber er hatte recht.
Mechthild war nicht so leicht zu beeindrucken. Sie nahm ihre Hände wieder herunter, als hätte sie empfangen, was sie brauchte. Dann sagte sie: »Als Jugendleiterin trägt sie die Verantwortung für das Wohl der Kinder und muss mit Geld umgehen. Ich möchte jetzt wirklich von Lizzy hören, was ihr Gefühl sagt.«
Hartmut schnaubte hörbar, hielt sich jedoch zurück.
Lizzy hatte schon verstanden. »Sie wird nichts mit Geld zu tun haben, das läuft alles über die Geschäftsstelle oder die Jugendbar.«
Lizzy war stolz auf sich, dass sie so geschickt das Thema umschifft hatte.
Mechthild runzelte nur die Stirn, sagte aber nichts mehr.
Hartmut nutzte den Moment und meinte: »Diese Erzieherin ist ja offenbar nicht mehr die fitteste. Und bei aller Liebe, eine Lehrerin will ich hier nicht haben.«
Elfriede schüttelte den Kopf, sagte jedoch nichts.
»Ich möchte diese Ophelia aber noch einmal sehen, bevor wir sie endgültig einstellen«, gab Mechthild sich nicht geschlagen.
»Ich habe ihr gesagt, dass sie heute Abend Bescheid bekommt. Und überhaupt, du hast ja nichts mit ihr zu tun«, erwiderte Florian mit einem Tonfall, der keinen weiteren Widerspruch mehr duldete.
Lizzy war erstaunt über Florians Verhalten. Warum war er so vehement für Ophelia? Normalerweise war es ihm wichtig, zumindest mit Mechtild im Konsens zu sein.
»Dann ist es abgemacht. Wann kann sie anfangen?«, fragte Hartmut.
»Sie sollte am nächsten Ersten, also in drei Wochen, beginnen, hat aber angeboten, sofort zu kommen, da sie noch Urlaub hat. Damit hätte ich endlich jemand für das Freitagsangebot«, antwortete Florian.
Mechthild meinte: »Müssen wir nicht offiziell darüber abstimmen? Und brauchen wir nicht Achmed dafür?« Sie stellte ihre Tasse mit dem Melissentee ab. Sie verschüttete ein wenig und Lizzy stieg das penetrante Aroma in die Nase. Sie hasste Melisse.
Hartmut entgegnete: »Wir sind drei Vorstands- mitglieder und damit vertragsfähig.«
Mechthild zuckte die Schultern.
Beim Hinausgehen hielt Elfriede Lizzy fest.
»Du wolltest doch auch die Erzieherin. Warum hast du nichts gesagt? Jetzt kommt wieder so ein junges, unerfahrenes Ding hier rein, das alles besser weiß.«
Lizzy zuckte die Schultern. »Du weißt doch, wie Hartmut ist. Wenn er was will, setzt er es auch durch. Vermutlich ist er schwer verliebt in Ophelia, er spricht ja ständig von ihr.«
Elfriede war nicht überzeugt, aber sie sah ein, dass sie gegen Hartmut nichts ausrichten konnte.
Lizzy überlegte, ob Elfriede und sie nicht das gleiche Problem hatten: Wenn diese Ophelia bei Hartmut so einen guten Stand hatte, wer weiß, wie sie dann mit ihnen umging.
War das der Kern des Problems? Oder warum erschien ihr die Jugendleiterin so unheimlich?
*
Als Lizzy am nächsten Tag in die Cafeteria kam, hüpfte ihr ein kleines Mädchen in die Arme. Hope war die Tochter der afrikanischen Putzfrau, die gerade die Tische putzte.
»Wie geht es eigentlich deiner Schwester? Hat sie jetzt nicht Prüfung?«, begann Lizzy ein Gespräch mit Grace und versuchte dabei, die Kleine wieder auf den Boden zu stellen, aber sie wollte auf dem Arm bleiben. Vierjährige sind sehr meinungsstabil, merkte Lizzy mal wieder.
»Ja, die Prüfung ist im Moment. Darum ist Hope auch hier.«
»Du bist sicher froh, wenn sie jetzt endlich Geld verdient, oder? Dann hast du wenigstens sie von der Tasche.«
Grace richtete sich auf und sortierte ihren Turban. Heute war sie komplett in Schwarz mit goldenen Ornamenten gekleidet. Lizzy war beeindruckt von Graces Nähkünsten und ihrem Geschmack.
»Mirko hat mir angeboten, ich könnte bei ihm eine Lehre zur Köchin machen. Meinen Bachelor in Hotelmanagement erkennen sie hier ja nicht an. Dann hätte ich endlich einen Abschluss, der auch hier gilt.«
Mirko betrieb die Cafeteria und bereitete nicht nur unter der Woche die Mittagessen für alle zu, sondern hatte auch einen Lieferservice. Lizzy hatte schon gehört, dass er sich vergrößern wollte, weil das so keinen Gewinn abwarf.
»Hoffentlich klappt das auch, wenn Hartmut seine Kulturvilla hier betreibt.«
Grace lächelte.
»Es gibt ja noch andere Mitglieder. Hartmut kann nicht alles machen, wie er will.«
»Ich weiß nicht. Er hat hier schon sehr gute Kontakte zu allen wichtigen Leuten.«
Grace seufzte. »Immer diese Männer. Denken nur an sich und nie an die Kinder.« Sie blickte auf ihre Tochter und Lizzy war klar, dass sie deren treulosen Vater meinte. »Weißt du, Hartmut ist wie Hopes Opa. Der wollte mich nie haben und hat Philipp von uns weg- getrieben.«
Sie sah sinnend auf den Tisch, den sie immer noch hingebungsvoll abwischte. Dann straffte sie die Schultern und sagte: »Philipp war auch so ein Wasch- dings. Der konnte gar nix.«
Lizzy musste lachen. »Ein Waschlappen. Eher ein Depp, wenn er zwei so tolle Frauen wie euch hat sitzen lassen.«
Hope, die doch mehr mitbekommen hatte, als Lizzy lieb war, gab ihr einen feuchten Schmatz auf die Backe und ließ sich an ihr runterrutschen.
Sie hüpfte herum und sang »Tolle Frau’n, tolle Frau’n.«
»Du wirst eine Lösung finden, du hast doch auch das Gartenhaus für die Jugendlichen durchgeboxt. Sei nicht immer so pessimistisch.«
*
Grace ging mit Hope nach draußen, um sie zu Florian zu bringen. Gleich war Essensausgabe, da durfte das Mädchen nicht in der Cafeteria sein. Lizzy legte die Listen für das Mittagessen in Mirkos kleines Büro und holte die Post aus dem Briefkasten. Dann stellte sie sich in die Schlange, um sich ihr Mittagessen zu holen. Wie immer stand schon die alte Frau Berger dort.
Die Dame wohnte in einer der Villen in der Nachbarschaft. Sie hatte eine gute Rente, dennoch aß sie regelmäßig hier.
»Ach, Frau Erdmann, schön, dass Sie auch hier sind. Zu zweit ist das Essen doch netter.«
»Ja, finde ich auch.«
Sie half der Frau an den Tisch.
»Sie essen meistens hier. Ist Ihnen das nicht zu einfach, so mit Tablett und ohne Tischdecke?«
»Ach, meine Liebe, wenn man so alt ist, dass alle Freunde schon tot sind, dann ist man nicht mehr anspruchsvoll. In einem richtigen Restaurant müsste ich allein essen. Hier setzt sich meistens jemand her, weil es so klein ist. Na ja, und so groß ist meine Rente auch nicht, dass ich jeden Tag essen gehen kann.«
Sie wurden von einer Gruppe Kinder unterbrochen, die hier das Mittagessen gebucht hatten. In den Schulen gab es zwar eine Mensa, aber nur für die diejenigen, die auch einen Platz in der Mittagsbetreuung ergattert hatten. Von manchen Kindern wusste Lizzy, dass sie das Essen gespendet bekamen. Mirko hatte erzählt, dass Einzelne etwas für die kleinen Geschwister mit nach Hause nahmen. Denen gab er größere Portionen und eine Box für den Transport.
»Ich gehe immer um diese Zeit«, fuhr Frau Berger fort. »Die drei sind jeden Tag da und sind so lustig. Für die bin ich wahrscheinlich eine alte Schachtel, aber ich mag es, wenn man noch mal so viel Leben sieht.«
Die Kinder machten eine Menge Blödsinn, doch sie bemühten sich, niemanden zu stören.
»Mirko und Grace haben die Rasselbande gut im Griff. Sonst könnten wir so einen freien Tisch für die Kinder gar nicht anbieten.«
Frau Berger lachte. »Oh ja, die können ganz schön durchgreifen. Grace muss ja nur schnauben, dann parieren die schon. Das ist überhaupt eine sehr bewundernswerte Dame. Sie kümmert sich irgendwie um alles und jeden und hat doch selbst so viel um die Ohren. Ich wundere mich immer, woher sie diese Energie nimmt.«
Lizzy nickte. »Sie ist so ein Sonnenschein.«
Es war vielleicht leichter, sich eine fröhliche Grundeinstellung zu bewahren, wenn man in einem warmen Land aufgewachsen war.
»Ich gehe nach dem Essen immer eine Runde durch den Garten und schaue nach dem Rechten. Wollen Sie mitkommen?«, fragte Lizzy die alte Dame.
»Oh ja, das wäre sehr nett. Ich bin aber ja nicht mehr so gut zu Fuß, ist das nicht zu langsam für Sie?«
»Nein, ich will ja kontrollieren, ob wir Ungeziefer haben oder irgendwas kaputt ist. Meistens sammle ich auch noch den Müll ein, der halt immer wieder durch den Garten weht.«
Lizzy räumte das Geschirr weg und sie gingen hinaus.
Frau Berger stieg vorsichtig von der Terrasse in den Garten hinunter. Sie war etwas steif, aber flink und sicher auf den Beinen. Lizzy führte sie an den Gemüsebeeten vorbei.
»Das haben Mirko und Florian mit einer Jugendgruppe angelegt. Vorher war da Gestrüpp, ich glaube Berberitze. Damit man nicht um das Haus laufen konnte. Jetzt gibt es ganz frisches Gemüse in der Cafeteria.«
»Ich hatte früher auch einen Gemüsegarten. Wenn man es mal raushat, kann man wirklich viel ernten. Aber man muss halt jeden Tag vorbeigehen, das haben Sie ja schon gesagt.«
»Die eigentlichen Arbeiten machen der Gärtner und die Jugendgruppe. Es gibt da diese Öko-AG. Florian hat einen Verein ins Boot geholt, der mit den Jugendlichen verschiedene Programme macht. Sie kochen auch gelegentlich und wollten jetzt Marmelade einkochen. Die verkaufen sie dann beim Tag der offenen Tür.«
»Da muss ich unbedingt vorbeischauen.«
Sie schlenderten weiter bis zum Rosenfreisitz am hinteren Ende.
»Das ist mein Lieblingsplatz. Wenn ich mal meine Ruhe brauche und nachdenken will, komme ich hier- her.«
Lizzy pflückte ein paar welke Blätter ab. Der Garten war nach dem Regen immer noch ein bisschen feucht, deshalb achteten sie darauf, auf den Wegen zu bleiben.
Frau Berger war beeindruckt.
»Jetzt komme ich jeden Tag ins Zentrum und war noch nie im Garten. Ich wusste gar nicht, dass der so groß ist.«
»Der ist verwinkelt, weil das Grundstück ur- sprünglich viel größer war. Das Haus rechts von uns ist irgendwie anders vererbt worden und die Besitzer haben ihren Anteil vom Garten eingezäunt. Darum sieht man das von der Straße aus nicht.«
»Ja, und vom Haus meint man, da steht nur noch das Gartenhaus.«
Lizzy lachte. »Dahinter geht es noch ein ganzes Stück weiter. Das ist im Wesentlichen nur Wiese und Hecke. Die Kids spielen da meistens Volleyball oder so Zeug. Fußball dürfen sie nicht, weil das die Scheiben des Gartenhauses nicht vertragen.«
Sie hatten die Runde fast beendet, da meinte Frau Berger: »Meine liebe Frau Erdmann, so etwas Schönes haben Sie hier.«
»Das ist ja nicht mein Garten. Da dürfen Sie als Mitglied genauso drin spazieren. Und wenn Sie am Gartenabend vorbeikommen, dann können Sie auch mitbestimmen, was hier wächst. Wir sind ja kein Privatunternehmen.«
»Ja, das mache ich. Auf jeden Fall werde ich jetzt immer nach dem Essen zu dem Brunnen gehen. Vielleicht kommt ja wieder ein Vogel zum Baden, das war ja allerliebst.«
»Lassen Sie sich doch einen Stuhl rausstellen. Dann können Sie den ganzen Nachmittag Vögel beobachten. Auf dieser Seite ist es ziemlich ruhig. Am meisten ist schon vor der Terrasse los und bei den Jugendlichen.«
»Ich finde die jungen Leute nicht so schlimm. Da rührt sich wenigstens was. Leider gibt es ein paar Nachbarn bei uns, denen das Jugendhaus ein Dorn im Auge ist. Die regen sich über jedes Lachen am Abend und über jedes Bonbonpapier auf. Das mit dem Stuhl wäre wirklich wundervoll.«
Lizzy hoffte nur, dass sie der Frau keine leeren Versprechungen machte, jetzt, wo das Problem mit dem Dach und Hartmuts Ansagen im Raum standen. Daher war sie erleichtert, als ihnen Mechthild begegnete. Die Meditationslehrerin war wie immer in wallende Kleider gewandet und hatte ihre graue Mähne mit einem Stirnband gebändigt.
Lizzy rief: »Gerade habe ich an dich gedacht. Florian hat mir gesagt, du hättest eventuell eine Spenderin?«
Mechthild begrüßte Frau Berger. Die beiden wohnten seit Jahren in der gleichen Straße. Dann sagte sie:
»Ja, und sie hat auch schon zugesagt. Sie ist gerade dabei, ihr Karma zu reinigen, und da ist so eine großzügige Spende natürlich hilfreich. Sie muss noch mit ihrem Steuerberater klären, wie sie das am besten macht. Grundsätzlich haben wir die Zusage.«
»Das ist ja super. Kann das Zentrum so weiterlaufen wie bisher? Hartmut hat angedeutet, dass sie auch eher ein Kulturhaus will.«
Mechthild schüttelte ungläubig den Kopf. Lizzy hatte den Eindruck, dass sie etwas gegen Hartmuts Gerüchte sagen wollte, ihr aber dann einfiel, dass ja eine Zuhörerin dabeistand. Also sagte sie recht knapp:
»Nein, solange das Zentrum funktioniert, ist alles gut.«
Frau Berger schaltete sich ein: »Ist etwas nicht in Ordnung?«
Lizzy erzählte ihr von dem kaputten Dach. Eigentlich wollte sie dieses Thema nicht ansprechen, um die alte Dame nicht unnötig zu beunruhigen. Aber jetzt war es nicht mehr zu vermeiden.
Lizzy seufzte. »Hoffentlich klappt das. Ich habe schon zu Grace gesagt, dass ich sonst wieder zu meinen Eltern zurückmuss. Und dann wird mich mein Vater mit irgendeinem braven Mann aus der Kirchengemeinde verheiraten.«
Mechthild sah sie an: »Du wirst deine große Liebe finden. Aber wohl nicht in diesem Haus, wir haben wirklich schlechte Energien hier.«
Frau Berger sah sie kritisch an und sagte:
»Ich weiß ja nicht, eigentlich ist es halt ein altes Haus an der Schnittstelle von zwei Welten. Da gibt es einen Haufen Konflikte. Bis jetzt haben Sie das immer noch irgendwie hinbekommen.«
»Glaubt mir, hier sind schlechte Kräfte am Werk, das sagen mir schon die Karten. Und das mit dem Dach, das ist ja quasi wie die Schrift an der Wand.«
»Meinst du nicht, dass du da etwas hinein- interpretierst?«, fragte Lizzy beschwichtigend.
»Lizzy, du bist ein guter Mensch, aber du kannst die Schwingungen nicht spüren. Glaub mir, da ist etwas Großes am Werk.«
Frau Berger rettete die Situation, indem sie Mechthild von den Vögeln im Garten erzählte und wie wichtig das hier doch sei. Und dass sie natürlich auch einen finanziellen Beitrag leisten würde, wenn das nötig wäre.
Mechthild nickte weise und verabschiedete sich mit einer indischen Verbeugung.
Als sie gegangen war, meinte Frau Berger: »Die ist ja eine Nummer für sich. Die war schon als Kind so verschroben. Gut in der Schule, aber immer ein bisschen seltsam. Genau wie ihre Mutter. Die war ein Hippie, bevor sie den Arzt geheiratet hat. Das hat sich wohl vererbt.«
Sie kicherte wie ein kleines Schulmädchen und Lizzy musste lächeln. Frau Berger war wirklich zum Gernhaben.
Doch dann wurde die alte Dame ernst:
»So ganz unrecht hat sie nicht. Es gibt tatsächlich hässliche Dinge hier. Das Zentrum zieht Ungeziefer an, sagte mir letztes Mal ein Nachbar. So einen Ausdruck habe ich das letzte Mal als Kind gehört. Ich hatte gehofft, diese Zeit sei endgültig vorbei.«
Sie seufzte und verabschiedete sich herzlich.
*
Lizzy stieg lächelnd nach oben. Im Jugendstilfenster des Treppenhauses war eine junge Frau mit wallenden Haaren dargestellt. Sie schien aus dem goldenen Fenster heraus zu schweben.
Lizzy nickte ihr zu und meinte: »Es wird wieder Frühling, meine Liebe.«
Vor ihrem Büro wurde sie von Ophelia und Hope überrascht.
»Was macht ihr denn hier?«
»Mami muss noch arbeiten und Michelle ist noch nicht da und Florian hat auch keine Zeit mehr und ich habe dich nicht gefunden, weil du nicht im Büro bist, und dann hat Ophelia zu Mami gesagt, sie passt auf mich auf, aber du kommst ja eh gleich und …«
Lizzy unterbrach den Wortschwall. »Ja, und jetzt bin ich da.«
Sie sperrte ihr Büro auf und ließ die beiden hinein. Hope nahm gleich ihren Lieblingsplatz an Lizzys Besprechungstisch ein und begann zu malen. Lizzy räumte das Malzeug nur noch weg, wenn sie tatsächlich eine Besprechung hatte.
»Sie ist ein sehr braves Kind, auch wenn sie eigensinnig ist.«
Ophelia hatte etwas Liebevolles in der Art, wie sie Hope ansah. Lizzy dachte an das Bewerbungsgespräch.
»Ja, ich mag sie auch super gern. Es ist recht einfach, auf sie aufzupassen. Das sagen die auch im Kindergarten.«
Lizzy sah zu Hope hinüber, aber die war so vertieft, dass sie nicht zuhörte.
»Und du, hast du dich hier schon eingelebt?«
Ophelia lächelte. »Hier sind offenbar alle pflegeleicht. Wie geht das jetzt mit dem Dach weiter?«
»Ich würde ja gern den Speicher ausbauen, weil wir mehr Platz brauchen. Aber das ist erst mal nur ein Traum.«
Ophelia sah sie prüfend an. »Ich habe gehört, du hast den Umbau des Jugendhauses geleitet. Also scheinst du dich doch auszukennen.«
Lizzy schüttelte den Kopf. »Ich habe mich nur um die ganzen Genehmigungen gekümmert. Das hier ist eine andere Hausnummer.«
Sie hatte den Eindruck, dass Ophelia das nur gesagt hatte, um eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Nun, das hatte nur bedingt geklappt.
»Wann wirst du mit der Mädchengruppe starten? Hast du dir da schon etwas überlegt? Ich kann die Stadt nicht mehr länger hinhalten, die steigen mir wegen des Zuschusses schon ständig aufs Dach.«
Ophelia nickte. »Ich weiß schon, deswegen bin ich ja eigentlich hier. Wir werden eine offene Gruppe am Dienstag eröffnen.
Morgen hospitiere ich bei der Freitagsgruppe. Da bin ich wirklich neugierig. Florian sagt, die seien eher schwierig.«
Lizzy nickte. Sie hatten schon ein paar Mal Ärger mit den Jugendlichen und die ehrenamtlichen Betreuer weigerten sich, hier zu helfen.
»Ich denke, wenn wir zu zweit sind, werden sich einige Probleme von allein lösen. Die meisten Kids benötigen doch vor allem Zuwendung.«
Lizzy war beeindruckt. Ophelia nahm die Sache wirklich ernst. Sie war vielleicht doch die richtige Wahl.
Ophelia lächelte, als hätte sie Lizzys Gedanken gelesen.
Bevor eine von beiden etwas sagen konnte, rutschte Hope von ihrem Stuhl und sagte:
»Schau mal, Tante Lizzy, das bist du, wenn du ganz viel arbeitest.«
Die beiden Frauen lachten. Hope hatte eine Person im Büro gezeichnet. Lizzy war an ihrem französischen Zopf gut zu erkennen. Aber so wie Hope es gemalt hatte, wurde sie vom Computer aufgefressen.
Nun, manchmal war das fast so.
*
Am Freitagabend nutzte Lizzy die Gelegenheit, um Ophelia in Aktion zu sehen. Sie betreute in dieser Zeit die Lesungen. Sie hatte Angst, allein durch den Jugendstilpark und das angrenzende Gewerbegebiet zu gehen. Daher wartete sie immer auf Florian.
Lizzy verabschiedete die letzten Teilnehmer des Lesekreises. Dann ging sie ins Jugendhaus hinüber.
Sie hörte die Jugendlichen lachen und rufen. Da war einiges los.
Sie öffnete die Tür in den großen Aufenthaltsraum, der als Jugendcafé genutzt wurde.
Ophelia rief gerade ein paar aufmunternde Worte, nach Lizzys Vermutung auf Arabisch. Das hatte aber nicht in ihrer Bewerbung gestanden.
Der Angesprochene, ein junger Algerier mit einer interessant rasierten Kurzhaarfrisur, ließ drei Bälle balancieren. Er warf sie nicht besonders kunstvoll, aber immerhin blieben sie eine Weile in der Luft.
Als er das zweite Mal seine Kugeln verloren hatte, verbeugte er sich theatralisch unter lautem Applaus und gab sie weiter an ein bleiches Mädchen mit langen, schwarz gefärbten Haaren. Lizzy kannte sie. Darla war psychisch labil und hatte an Magersucht gelitten. Sie würde niemals vor Publikum jonglieren.
Wie erwartet, stand sie nur da und sah panisch abwechselnd auf die Bälle und auf den Boden.
Da flüsterte Ophelia ihr etwas ins Ohr. Darla lächelte schüchtern, warf erst einen Ball nach oben, fing ihn wieder. Nachdem sie das ein paar Mal geübt hatte, wechselte sie die Hand. Dann nahm sie den anderen Ball dazu und warf sie überkreuz. Die Jugendlichen beobachteten die Bälle andächtig, nur wenn es knapp wurde, kam begeistertes Geschrei auf.
Nach einer Weile klatschte Ophelia rhythmisch. Darla war mittlerweile dazu übergegangen, die beiden Bälle in einem Kreis vor ihrem Körper zu werfen, und fiel in den Takt ein. Ophelia warf ihr den dritten Ball zu und auch diesen konnte sie trotz einiger Schwierigkeit in dieser Kreisform halten.
Auch sie bekam einen dicken Applaus und gab die Bälle an den nächsten weiter.
Lizzy konnte nicht glauben, dass Ophelia jeden dazu brachte, zu jonglieren. Es kam kein »Kann ich nicht, ist uncool, wir sind doch nicht im Zirkus.«
Alle machten begeistert und erfolgreich mit.
Sie beobachtete Ophelia, und dann spürte sie es wieder, dieses seltsame Kribbeln. Sehr schwach nur, als wäre es zerstreut und könnte sich nicht entscheiden, was es werden wollte.
Aber es war da.
Sollte man wirklich jemand so Seltsames auf die Jugendlichen loslassen?
Lizzy musste das Zentrum noch aufräumen und absperren.
Sie signalisierte Florian, dass sie sich bereit machte.
Während sie die Stühle im Gruppenraum hochstellte und das Geschirr in die Spülmaschine lud, sann sie darüber nach, was sie da gerade gesehen hatte.
Die Jugendlichen hatten sich seltsam verhalten. Das ganze Machogehabe, die Zeichen der Unsicherheit, alles, was so typisch für eine Jugendgruppe war, waren einer Stimmung der Selbstsicherheit und des allgemeinen Wohlwollens gewichen.
Florian war stiller Zuschauer, was nicht seinem Naturell entsprach. Aber er schien glücklich.
War das Ophelias Werk?
Was hatte es mit diesem Kribbeln auf sich? Es war anders als bei ihren Panikattacken. Aber irgendwie doch gleich. So wie ein Geruch, ein ganz spezieller Duft. Hatte sie sich das jetzt eingebildet? Sie war sich sicher, dass sie etwas gespürt hatte.
Nur was? Warum war es so schwer für Lizzy gewesen, beim Vorstellungsgespräch Kontakt mit Ophelia aufzunehmen? Sie hatte ihr ja nicht einmal die Hand geben können. Je länger sie darüber nachdachte, desto weniger konnte sie unterscheiden, ob es einfach nur Panik war oder doch etwas anderes.
Und wenn sie jetzt verrückt wurde?
Die Therapeutin hatte gemeint, da wäre keine Gefahr.
Sie hörte die Jugendlichen auf dem Weg zur Straße, jetzt klangen sie wieder normal.
Vermutlich hatte sie sich das alles eingebildet. Das passierte ihr öfter, wenn sie zum Beispiel später zu einer Feier kam, hatte sie den Eindruck, mit ihr stimme etwas nicht. Ihre Therapeutin hatte ihr versichert, dass das ganz normal sei. Die anderen waren quasi schon warmgelaufen und sie kam aus der emotionalen Kälte rein.
War das die Erklärung? Sie erinnerte sich an die Feiern in ihrer Studentenzeit. Alle waren fröhlich gewesen, nur sie hatte sich nicht aus der Ecke getraut. Einmal hatte eine Kommilitonin zu ihr an Fasching gesagt, Lizzy müsse sich nicht verkleiden, sie sei ja bereits ein Blümchen, ein Mauerblümchen. Und sie hatte dagestanden und mit einer Attacke gekämpft. Wer weiß, vermutlich hatte Ophelia das gleiche Parfüm wie diese Kameradin.
Lizzy lächelte über sich. Es gab so eine simple Erklärung, sie war nicht komplett verrückt und sah überall Hexen.
Sie sann noch ein bisschen darüber nach, dass es tatsächlich einfacher war, an irgendwelchen Quatsch zu glauben, als sich seine Schwächen einzugestehen.
*
Lizzy wachte nach einer unruhigen Nacht mit Träumen von Hexen und Teufeln auf. Gerade wollte sie sich wieder auf die andere Seite legen, da fiel ihr ein, dass sie die Kindergruppe übernehmen musste.
Sybilles Kind hatte Fieber und Lizzy hatte zugesagt, den Raum herzurichten und das Eintrittsgeld zu kassieren. Die Mütter würden für die Brotzeit und das Programm sorgen.
Hoffentlich wussten die Teilnehmer Bescheid. Lizzy hatte keine Ahnung, was in der Gruppenstunde veranstaltet wurde.
Sie beeilte sich, ins Büro zu kommen, da sie noch schnell ihre E-Mails durchsehen wollte, bevor sie sich um den Gruppenraum kümmerte.
Zehn Minuten vor Beginn des Treffens ging sie hinunter, lüftete und sah nach, ob alles bereit war. Ihr fiel ein, dass sie noch Tee und Kaffee vorbereiten musste.
In der Cafeteria war jedoch bereits eine der Mütter an der Kaffeemaschine.
»Guten Morgen, Lizzy. Sybille hat mich angerufen und gesagt, dass du heute übernimmst. Da hab ich mir gedacht, ich kümmere mich schon mal um die Getränke.«
Lizzy war erleichtert. Barbara hatte öfter hier ausgeholfen, sie kannte die Cafeteria. Ferdinand, ihr zweijähriger Sohn, erschien hinter dem geblümten Rock seiner Mutter. Es stimmte also, Kinder hingen wirklich am Rockzipfel.
»Ich hole noch die Kasse aus der Geschäftsstelle, dann bin ich, glaub ich, bereit.«
Lizzy lief nach oben und holte das Abrechnungsbuch und die Geldkassette. Als sie in den Gruppenraum zurückkam, warteten dort drei weitere Frauen mit ihren Kindern sowie ein junger Mann mit seiner kleinen Tochter, der etwas abseitsstand.
Lizzy atmete tief durch, hoffentlich blamierte sie sich nicht. Sie hatte im Grunde keine Ahnung, wie das hier ablief. Nach dem Kassieren würde sie sich schleunigst verabschieden.
Von den Frauen kam ihr eine vage bekannt vor, den Mann hatte sie noch nie gesehen. Aber die Eltern wussten, wer sie war, daher gab es nur eine lockere Begrüßung und Lizzy quetschte sich mit der Kassette auf den Stuhl hinter den Basteltisch.
Sie sammelte die zwei Euro je Familie ein und vermerkte alles ordentlich im Buch. Offenbar waren es immer die gleichen Personen. Barbara kam herein und stellte die Thermoskannen auf das Regal neben dem Eingang.
Sie sagte: »So, Lizzy, ich glaube, wir sind vollständig. Du kannst jetzt mit dem Begrüßungslied beginnen.«
Eine Hitzewelle flutete über Lizzys Körper. Welches Lied? Was sollte sie singen? Und sie konnte doch überhaupt nicht singen, schon gar nicht vor Leuten. Sie war froh, dass sie bereits saß.
Schweigen bereitete sich aus. Sogar die Kinder waren still und sahen sie erwartungsvoll an. Warum half ihr denn keiner?
Ferdinand zupfte am Ärmel seiner Mutter. Barbara sah erst ihn an und dann Lizzy. Man konnte erkennen, wie bei ihr der Groschen fiel.
»Entschuldige Lizzy, du kennst das ja hier nicht.«
Lizzy atmete laut aus, sie hatte unbewusst die Luft angehalten.
Alle nahmen sich einen Stuhl und setzten sich in einen Kreis. Lizzy zog mühsam den ihren hinter dem Tisch hervor und quetschte sich neben Ferdinand. Sie begannen mit einem kleinen Begrüßungslied, dann durfte sich jedes Kind ein Lied wünschen. Als alle Kinder durch waren, sagte Ferdinand leise zu Lizzy: »Du bist ja ganz allein.«
»Ja, Hope ist im Kindergarten.«
Ferdinand nickte weise und sagte: »Dann musst du dir halt selber was wünschen.«
Lizzy wurde rot. Sie kannte doch gar kein Lied. Sie sah hilflos durch den Raum, bis ihr Blick auf ein Blumenbild fiel. Sie lächelte und sagte: »Können wir die Biene Maja singen?«
Nicht, dass sie den Text zusammenbringen würde. Der Refrain, das ginge sicher.
Zu ihrer Überraschung stimmte der Vater mit einer offenbar ausgebildeten Stimme an. Er beherrschte nicht nur den gesamten Text, er klang auch fast wie Karel Gott. Welche Talente man immer fand.
Lizzy hatte eigentlich vorgehabt, nur die Gebühr zu kassieren und dann wieder in ihr Büro zu gehen. Aber sie erkannte, dass die Gruppe sich nicht allein organisieren würde. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und fragte:
»Wie geht es jetzt weiter? Sybille hat erzählt, dass ihr auch Hoppe-Reiter und so spielt.«
Hope hatte ihr eine ganze Reihe von diesen Knie-Reitern beigebracht. Die Kinder kletterten auf die Oberschenkel der Eltern und im Chor wurden wilde Ritte absolviert und fröhliches Gekreische begleitete die gespielten Abstürze.
Plötzlich klingelte das Handy einer Mutter. Diese verzog das Gesicht und sagte: »Es tut mir leid, das ist mein Chef.«
Sie setzte ihre kleine Tochter auf den Boden und stand auf. Dem Kind war anzusehen, dass es das Prozedere schon kannte und wusste, dass Protest zwecklos war. Lizzy tat das Mädchen leid.
»Möchtest du bei mir mitspielen? Dann bin ich auch nicht mehr allein.«
Die Kleine lächelte und ließ sich von Lizzy auf den Schoß heben. Während ihre Mutter draußen telefonierte, lieferten die beiden Schottersteine.
»Erst die Großen, die so stoßen.«
Lizzy machte weite, langsame Bewegungen mit ihren Oberschenkeln und das Kind schwankte hin und her.
»Dann die Kleinen, die Feinen.«
Lizzy lächelte, nun kam der beste Teil. Mit einem Juchzer rief sie: »Und jetzt wird abgeladen.« Und ließ das Kind mit Schwung zwischen ihre Beine in ihre Arme fallen. Die beiden lachten sich an und Lizzy kam sich selbst so unbeschwert wie ein Kind vor.
Aber dann fiel ihr ein, sie war die Leitung und sollte nicht rumblödeln. Die Mutter übernahm das Kind wieder und Lizzy kümmerte sich um die Brotzeit. Sie holte das Geschirr aus dem Schrank und die Eltern nahmen ihre Boxen und Tüten aus der Tasche. Im Nu waren alle um den Tisch versammelt und machten sich über die Kekse und das Obst her, das sie mitgebracht hatten.
Während die Kinder aßen, unterhielten sich die Eltern. Sie sprachen über die Schwierigkeiten, einen Kindergartenplatz zu bekommen und über Chefs, denen Familienprobleme völlig egal waren.
Lizzy kam sich einsam vor. Sie beobachtete die anderen Erwachsenen. Die Kinder waren gerade in einem Alter, in dem sie Laufen und Sprechen lernten. Die Familien waren privilegiert, weil sie es sich leisten konnten, dass jemand auch im zweiten Lebensjahr beim Kind blieb. Dennoch sahen sie müde und überfordert aus.
Sie seufzte. Zum Glück hatte es keiner bemerkt. Als die Gruppe fertig gegessen hatte, nutzte Lizzy die Möglichkeit, mit dem Geschirr in die Cafeteria zu gehen. Die Kinder sollten noch ein bisschen frei spielen und am Schluss wollten sie ein paar Tanzspiele machen.
In der Cafeteria traf sie auf Grace.
»Na, wie gefällt dir die Kindergruppe?«
Lizzy stellte das Tablett auf den Tresen. »Ich bin da die Fehlbesetzung. Entweder fällt mir nichts ein oder ich bin total peinlich.«
Grace grinste. »Da kann man nicht peinlich sein. Das ist eine Babygruppe. Denen ist das doch egal, was du machst.«
Lizzy schüttelte den Kopf. »Aber den Eltern nicht. Was denken die denn von mir? Ich bin hier die Geschäftsführerin und juchze hier rum.«
»Du bist wie ein Auto mit Handbremse«, stellte Grace fest und ging mit dem Tablett nach hinten zur Spülmaschine.
Wie ein Auto mit Handbremse. Was sollte das wieder heißen? Jedes Auto hat eine Handbremse. Trotzdem nahm sie sich vor, nicht an die Reaktion der Eltern zu denken, sondern einfach mitzumachen.
Lizzy war dennoch froh, dass niemand in den Raum kam, als sie gerade einen Zählreim im Kreis hüpfte.
Andererseits machte Mechthild noch viel seltsamere Sachen und keiner schien sich daran zu stören.
Beim Hinausgehen zupfte sie eine der Mütter am Ärmel und sagte: »Vielen Dank, dass Sie das übernommen haben. Es fällt mir so schwer, Kontakte zu knüpfen und wenn die Gruppe ausfällt, bin ich ganz allein.«
Ein warmes Gefühl durchströmte Lizzy. Sie lächelte die Frau an und sagte: »Dafür sind wir doch da.«
*
Es war ein regnerischer Vormittag, als Lizzy das Zentrum aufsperrte. Mechthild hatte letzten Monat ein Ritual an der Tür veranstaltet und einen Kräuterbuschen aufgehängt, um das Haus vor ungünstigen Energien zu schützen. Der Strauß war verdorrt und rieselte auf Lizzy hinab; schließlich fiel er ihr komplett vor die Füße. Sie staubte sich die Brösel von der Jacke und grinste. Die Meditationslehrerin würde darin ein böses Omen sehen.
Vor der Treppe zu ihrem Büro stutzte sie. Irgendetwas war da an der Wand zur Cafeteria. Sie ging den Flur entlang, um es sich genauer anzusehen. Mit roter Farbe waren dort die Worte gesprüht: »Das ist unser Zentrum« und »Weg mit denen«.
Wie kam das hier herein? Sie ging in die Cafeteria, auch hier überall Schmierereien an den Wänden, die Plakate und Bilder waren heruntergerissen.
Dann sah sie das Glas der zersplitterten Terrassentür. Ohne zu atmen, starrte sie auf die kaputte Scheibe. Was sollte sie tun? War vielleicht noch jemand hier im Haus? Sie rannte zur Eingangstür zurück und raus auf die Straße, nahm ihr Handy heraus und rief die Polizei.
Kurze Zeit später hörte sie einen Streifenwagen kommen. Sie wies den beiden Polizisten die Richtung, blieb jedoch selbst draußen.
Die Beamten kontrollierten das gesamte Gebäude mit Garten samt Gartenhaus, aber nur in der Cafeteria und im Flur waren Schmierereien zu finden.
»Es ist niemand hier. Machen Sie sich keine Sorgen. Bitte nehmen Sie die Schäden auf und kommen zu uns in die Inspektion, um eine Anzeige aufzugeben.«
Musste sie Angst haben? Die Beamten schienen nicht übermäßig besorgt zu sein. Das war für sie alles neu. Hatte ihre Mutter doch recht gehabt und es war viel zu gefährlich hier in der Stadt?
Lizzy stand eine Weile vor der Tür und rief dann Hartmut an. Sie hatte kalte Füße, aber sie wollte nicht allein im Haus warten.
Gemeinsam machten sie eine Bestandsaufnahme. Zum Glück war nur eine Scheibe aus der Terrassentür geschlagen worden. Hartmut holte ein Brett und nagelte es an die Sprossen.
Lizzy war froh, die Verantwortung an jemanden abgeben zu können. Er schien nicht beunruhigt zu sein, vielleicht war ja alles gar nicht so schlimm.
Er riss sie aus ihren Gedanken:
»Wenn du auf die Wache gehst, sag denen ruhig, dass wir hier öfter randalierende Jugendliche haben. Die wissen dann, wo sie zu suchen haben.«
»Eigentlich glaube ich nicht, dass das Teenager waren. Die Sprüche sind für mich vielmehr rassistisch. ›Deutschland für die Deutschen‹ ist nichts, was Pubertierende sprühen.«
»Glaub mir, Lizzy, ich kenne meine Pappenheimer. Das war sicher dieses arbeitsscheue Gesindel.«
Er erinnerte sie an einen Lehrer, der die richtige Antwort von ihr erwartete. Aber was war die richtige Antwort? Sie drehte ihren Zopf in der Hand.
Lizzy wollte nicht mit ihm streiten. Er wohnte schon länger hier im Viertel, vielleicht hatte er ja recht. Sie hatte nur das Wissen aus ihrem Studium und dort hätte man auf einen rechtsradikalen Hintergrund getippt. Ein Professor, der sich für Antirassismusprojekte einsetzte, hatte ihnen gezeigt, wie Neonazis Ehrenamtliche und Politiker bedrohten. Das Haus hier mit seinem multikulturellen Publikum wäre sicher ein potenzielles Ziel solcher Täter. Sie erinnerte sich, was Frau Berger von ihren Nachbarn erzählt hatte.
Andererseits hatte sie schon oft den Vandalismus von Jugendlichen gesehen, um die auszuschließen.
Wer es auch gewesen war, das durfte nicht noch mal passieren.
Sie spielte die Fotos auf einen USB-Stick, um ihn der Polizei zu geben. Die würden den Täter schon finden.
»Kannst du, bis Elfriede kommt, das Büro besetzen? Dann gehe ich jetzt gleich zur Polizeiwache.«
Hartmut nickte und so zog sie wieder ihre Regenjacke an.
Die Polizeiinspektion war zwei Busstationen entfernt. Sie war noch nie hier gewesen und so dauerte es eine Weile, bis sie den Klingelknopf für die Sprechanlage fand.
»Guten Morgen, ich möchte einen Einbruch melden. Ihre Kollegen waren schon bei uns.«
Die junge Polizistin hinter dem Tresen nahm ihre Daten auf.
»Wir prüfen die Anzeige, aber wenn nichts gestohlen wurde, kann ich Ihnen gleich sagen, dass nicht viel herauskommt. Wir werden die Streifentätigkeit in diesem Bereich etwas erhöhen, soweit wir die Kapazitäten haben, und unseren Kontaktbeamten vorbeischicken. Am besten legen Sie sich eine Alarm- anlage zu.
Die können Sie aufschalten lassen, das heißt, dann kommt im Alarmfall eine Streife vorbei.«
»Können Sie bitte vermerken, dass wir einen rechtsradikalen Hintergrund vermuten, wegen der Sprüche?«
»Das kann ich machen, aber das wird ja sowieso geprüft.«
Lizzy war enttäuscht. Sie hatte sich mehr ver- sprochen. Die Idee mit der Alarmanlage war gut, alle Villen im Umkreis hatten eine. Zumindest musste sie dann keine Angst vor einem weiteren Einbruch haben.
Auf dem Heimweg beruhigte sie sich. Jeder hatte das als Routine abgetan und auch auf der Polizeiwache fühlte sie sich nicht wie in einem Krimi. Das war hier ja wirklich ein sicheres Viertel.
Als sie zurück ins Zentrum kam, war Hartmut wieder gegangen. Auf dem Weg zu ihrem Büro hörte sie Mechthild im Meditationsraum schimpfen.
»Wo ist das Paket mit den Klangschalen? Warum ist es nicht hier im Schrank?«
»Was ist das Problem? Wurde doch etwas gestohlen?«
»Ich habe Elfriede gesagt, wenn die Schalen kommen, soll sie sie in den Schrank im Gruppenraum stellen. Das sind Bestellungen meiner Kursteil- nehmerinnen, die will ich nicht verlieren. Und Elfriede, die dumme Nuss, hat das Paket einfach in die Geschäftsstelle gelegt. Und jetzt mit dem Einbruch … Was denkt sie eigentlich?«
Sie gingen in den Meditationsraum, der über der Cafeteria lag. Nachdem Mechthild die Tür geschlossen hatte, fragte Lizzy:
»Was hat euch Hartmut über den Einbruch erzählt?«
»Ach, Elfriede war wohl total panisch, aber der Chef hat ihr gesagt, sie soll sich nicht so aufregen. Jetzt ist ihr wieder mal alles egal.«
»Und du?«
»Wenn du mich fragst, wir hatten hier im Viertel immer mal wieder Einbrüche. Das sind Jugendliche, die eine Mutprobe machen. Aber trotzdem muss man nicht alles rumliegen lassen.«
»Das ist bei Elfriede fast normal. Schau dir ihre Ablage an, da wird dir schlecht. Warum hält Hartmut an ihr fest, wo sie doch so offensichtlich ungeeignet ist?«
Mechthild lachte bitter: »Ihr Mann hintergeht sie seit Jahren, und Hartmut als sein guter Freund deckt ihn. Wenn Elfriede hier ist, hat ihr Mann sturmfreie Bude. Und Hartmut hat gerne Leute um sich, die ihm etwas schulden.
Männer wissen halt, wie man Macht aufbaut.«
»Das muss man ihr doch sagen!«
»Ach, du braves katholisches Mädchen. Es ist für unser aller Karma besser, wenn wir uns da raushalten. Ich sollte nur wieder etwas für den Schutz des Hauses unternehmen, nachdem der Kräuterstrauß abgefallen ist.«
»Was ist, wenn Elfriede das selbst herausbekommt? Dann wird sie doch sauer auf uns sein.«
»Es ist wichtig, dass wir unsere weiblichen Kräfte einsetzen. Das muss manchmal ganz subtil geschehen. Das Karma erklärt sich nicht immer auf den ersten Blick.
Und du solltest wissen, dass man sich mit Männern wie Hartmut nicht anlegt. Unsere beiden Einkommen hängen an ihm. Selbst wenn du dich woanders bewirbst, brauchst du ein gutes Zeugnis von ihm, besonders weil es deine erste Stelle ist. Und wem willst du denn helfen, wenn du arbeitslos bist?«
Lizzy kam nicht dazu, etwas zu erwidern, da in diesem Moment Elfriede mit dem Paket um die Ecke kam.
»Ich hab es gleich auf die Seite getan, als es geliefert wurde, aber da war auch noch eine Frau zur Anmeldung da und das war recht kompliziert und dann habe ich es vergessen. Es tut mir wirklich leid.«
Sie sah zerknirscht zu den beiden Frauen. Lizzy versuchte, nicht an Elfriedes Mann zu denken, und Mechthild zeigte ihr leeres Meditationsgesicht.
Daraufhin änderte Elfriede ihre Taktik.
»Weißt du, Mechthild, eigentlich ist es auch nicht in Ordnung, dass du dir dein Zeug einfach hierher liefern lässt. Ich bin ja nicht deine Poststelle!«
Lizzy flüchtete in ihr Büro. Sie wollte gar nicht wissen, wie die zwei da weiter diskutierten.
*
Lizzy übernahm am nächsten Morgen die Geschäftsstelle, da Elfriede beim Friseur war. Eine zuverlässigere Bürokraft wäre wirklich etwas Wunderbares.
»Das macht dann fünf Euro Wechselgeld, und hier ist Ihre Anmeldebescheinigung.« Lizzy erklärte der Dame, wo der Malkurs stattfand, zu dem sie sich soeben angemeldet hatte. Als die Frau hinausging, kam ein junger Polizist herein.
»Guten Tag, sind Sie Frau Erdmann? Mein Name ist Gürtner, ich habe gehört, Sie haben ein paar Schmier- ereien.«
Lizzy drehte sich um und schaute in faszinierende, grüne Augen, in einem Gesicht voller Narben und Rötungen.
»Ja, ich bin die Geschäftsführerin.«
Sie war nervös und fühlte sich seltsam unbeholfen. Der Polizist lächelte sie aufmunternd an.
»Kann ich mir die beschmierten Wände ansehen?«
Ihr Hirn lief einen Moment im Leerlauf. Dann begriff sie, was er von ihr wollte und sagte:
»Ich hole nur schnell mein Handy und sperre hier ab. Wir sind nicht so viele Leute hier, da muss ich ein bisschen improvisieren.«
Der Polizist nickte verständnisvoll. Das mit der Personalknappheit kannte er wohl auch.
Sie legte die Geldkassette in die Schublade und sah sich prüfend um. Dann nahm sie Handy, den Schlüsselbund und das Geschirr aus der Cafeteria.
»Kein Weg umsonst, wissen Sie. Wenn ich nach unten gehe, nehme ich immer etwas mit. Sonst muss man ständig hin und her laufen.« Sie unterdrückte ein hysterisches Kichern. Was für einen Quatsch sie da plapperte.
Die beiden gingen nach unten. Lizzy fand, er bewegte sich wie ein Leopard.
»Dieses bunte Fenster ist ja interessant. Wissen Sie, was es darstellen soll?«, fragte der junge Mann zu Lizzys Überraschung.
»Ja, das ist das Frühlingsfenster. Ursprünglich war wohl eine ganze Jahresserie geplant. Ob das nicht realisiert oder im Krieg zerstört wurde, weiß ich nicht.«
Er blieb einen Moment auf dem Absatz stehen und sah sich das Fenster an, bevor er zügig weiter die Treppe hinab lief. Lizzy hatte Mühe, mit ihrem Tablett nachzukommen.
Sie zeigte ihm das Loch. Er ging hinaus auf die Terrasse und sah von dort herein.
Die Sonne schien vom Garten ins Haus und umgab ihn mit einer goldenen Aura. Sie blinzelte und stellte das Tablett auf die Theke in der Cafeteria.
»Ich hätte nie gedacht, dass unser kleines Bürger- zentrum mal so etwas erlebt«, sagte sie, mehr um die Stille zu füllen.
»Sie glauben gar nicht, wie oft wir das hören: ›Ich hätte nie gedacht, dass bei uns eingebrochen wird, darum haben wir ja nicht richtig abgesperrt‹. Was hören Sie denn am meisten?«
»›Wir haben nur kein Geld, weil meine Bank einen Fehler gemacht hat‹ oder ähnliche Ausreden. Niemand, der zu uns kommt und zum Beispiel das kostenlose Mittagessen beantragt, will zugeben, dass er mit dem Rücken zur Wand steht. Ich sage dann immer, dass ich das auch kenne. Ist nicht gelogen, in meinem Studium hatte ich oft kein Geld.«
Sie standen mittlerweile vor einer der beschmierten Wände. Der Polizist ging in die Hocke und inspizierte irgendetwas.
»Geübte Sprayer waren das ja nicht. Vielleicht war das jemand, der sich über irgendwas hier geärgert hat. Oft findet man das nie heraus, weil man das, was der als Ärger versteht, selbst nicht nachvollziehen kann.«
Er sprang mit Leichtigkeit auf und Lizzy war von seiner Art, sich zu bewegen, völlig überwältigt. Mit seinen leuchtenden Augen und seinem wüsten Gesicht hatte er etwas Verwegenes, Selbstbewusstes.
Er riss sie mit einem »So, jetzt können Sie malern lassen. Fotos haben wir ja schon«, aus ihren Gedanken.
Lizzy stotterte ein wenig herum. Er lächelte wieder dieses aufmunternde Lächeln vom Anfang. Als Kontaktbeamter war er die optimale Besetzung.
»Ich bin sehr froh, dass Sie für uns zuständig sind. Sie scheinen viel von den Problemen hier zu verstehen.«
Das war ein ziemlich blödes Kompliment, und der Polizist schien es auch gar nicht als solches aufzufassen. Stattdessen fragte er: »Haben Sie noch Zeit, mir etwas über die Geschichte des Zentrums zu erzählen? Das könnte so manches vielleicht erklären.«
»Die Stifterin hat verfügt, dass das Haus einem Verein gehören soll, als Ort für bürgerschaftliches Engagement. Als es immer größer wurde, ist die Stadt mit eingestiegen, die auch für das Neubauviertel Bedarf gesehen hat.«
»Und wann kamen Sie dazu?«
Lizzy lachte. »Zunächst hat es Herr Balks geleitet. Die Stadt hat eine Geschäftsführung bezahlt. Das war dann ich.«
»Und Herr Orterer? Der hat mich bei meiner ersten Runde hier im Viertel begrüßt.«
»Hartmut. Das war vor zwei Jahren, kurz nachdem wir den Ausbau des Gartenhauses beschlossen hatten. Er ist da gerade in Rente gegangen und hat im wahrsten Sinne den Herrn von Balks beerbt.«
»Dann ist er noch gar nicht so lange da.«
»Nein, aber er tut so, als hätte er das Zentrum gegründet. Die Einzige, die schon immer hier war, ist Mechthild. Elfriede ist mit mir gekommen, wir haben praktisch beide bei null angefangen. Dabei war das meine erste Stelle.«
Lizzy stockte, als sie sich an ihren Anfang hier erinnerte. Sie war jeden Abend heulend in ihr Bett gefallen und hatte nur darauf gewartet, dass sie wieder entlassen wurde.
Der Polizist sah sie mitfühlend an.
»Mittlerweile habe ich mich hier gut eingefunden. Es gefällt mir. Sind Sie gerne Kontaktbeamter?«
Das war jetzt ein bisschen aufdringlich und Lizzy wurde rot. Er schien es nicht zu bemerken, sondern sagte:
»Es ist eine abwechslungsreiche Tätigkeit, aber ich möchte zur Kriminalpolizei wechseln. Ich musste das Gymnasium nach einem Autounfall abbrechen, weil ich so lange im Krankenhaus war, und dann hat es halt nur für den mittleren Dienst gereicht. Jetzt habe ich mich für den Aufstieg beworben und wenn meine nächste Be- urteilung passt, stehen die Chancen sehr gut, dass ich genommen werde. Mit dem Gehalt als Streifenpolizist kann man allein zwar auskommen, aber eine Familie ist da undenkbar.«
Lizzy fragte sich, ob er das mit der Familie schon so konkret plante. Er hatte sicher eine Freundin, so sympathisch wie er war.
»Ja, dann halte ich Ihnen ganz fest die Daumen, dass das klappt.«
Er grinste schelmisch und sie hatte das Gefühl, sie würden sich seit dem Sandkasten kennen.
»Wir sehen uns hier sicher öfter, die Betreuung des Zentrums gehört zu meinen Kernaufgaben.«
Er verabschiedete sich und Lizzy betrachtete die Visitenkarte, die er ihr gegeben hatte: Johannes Gürtner. Sie stellte fest, dass sie gern zu seinen Kernaufgaben gehören wollte.
Dann schalt sie sich selbst. Der war sicher schon ver- geben.
*
Einige Tage später schienen alle im Haus den Einbruch vergessen zu haben. Die Terrassentür war noch am nächsten Tag repariert worden und Achmed wurde beauftragt, eine Alarmanlage herauszusuchen.
Bis jetzt hatte es keinen Artikel in der Zeitung gegeben. Mechthild war darüber froh. Florian hatte jedoch einer Journalistin versprochen, dass sie sich umschauen und Lizzy interviewen dürfe. Daher hatte Lizzy ihr Büro aufgeräumt und wartete.
Sie kannte Interviews nur aus dem Fernsehen und war schrecklich nervös. Am Morgen hatte sie eine gefühlte Ewigkeit vor dem Kleiderschrank gestanden und überlegt, was sie anziehen sollte. Schließlich musste sie das Zentrum repräsentieren und gerade jetzt, mit dem Spendenaufruf, war eine gute Presse entscheidend.
Herein kam eine junge Vietnamesin mit Namen Nguyen.
Lizzy gab ihr einen Überblick über die Verhältnisse im Zentrum. Sie hatte Hartmut gefragt, ob sie die Fotos weitergeben durfte, aber er war strikt dagegen. Ihm war schon zuwider, dass das Haus überhaupt in die Zeitung kam.
Sie gingen über die Haupttreppe hinab ins Souterrain.
»Sie haben erwähnt, dass Sie einen rechtsradikalen Hintergrund vermuten.«
»Nun, was heißt vermuten? Die Inschriften waren halt schon typisch für die Rechten. Natürlich kann das auch gewollte Provokation durch die Jugendlichen gewesen sein.«
»Warum sollten denn Jugendliche so etwas tun?«
»Hartmut vermutet, dass die irgendein Problem mit dem Zentrum haben. Sie dürfen zum Beispiel nur ins Jugendhaus, wenn ein Betreuer da ist. Und da wir nicht so viel Personal haben, sind die Zeiten gerade etwas sparsam.«
»Das ist doch kein Grund einzubrechen.«
»Da fragen Sie mich zu viel. Ich habe ja auch eine andere Theorie, aber ich kann es nicht beweisen.«
»Was ist denn Ihre Theorie?«
»Eine ältere Dame hat mir erzählt, dass es im Viertel einige Nachbarn gibt, die ein Problem mit unserem Publikum haben.
Vielleicht wollen sie uns rausgraulen, damit die Leute aus dem Neubauviertel nicht mehr hier rüber kommen.«
»Das klingt schon plausibel. Heutzutage gibt es ja leider viele überambitionierte Anwohner.«
»Können Sie das nicht recherchieren? Die Polizei sieht kein großes Thema darin, glaube ich, und ich wüsste schon ganz gerne, was hier los ist. Mir macht das nämlich Angst, auch wenn die anderen das dumm finden.«
Die Journalistin seufzte. »Das wäre früher kein Problem gewesen. Durch die ganzen Internetphänomene kann unsere Zeitung so etwas allerdings nicht mehr bezahlen. Ich bin ja auch nicht fest angestellt, sondern freie Mitarbeiterin. Ich werde nach Zeile bezahlt.
Wenn ich also jetzt wochenlang recherchiere und der Artikel wird nicht gedruckt, dann habe ich ein Problem. Ganz abgesehen davon, dass ich keine Spesen bekomme, wenn es kein offizieller Auftrag ist.«
Lizzy war überrascht. Sie hatte sich das mit der Presse ganz anders vorgestellt.
Mittlerweile waren sie im Erdgeschoß. Lizzy zeigte Frau Nguyen die beiden Gruppenräume und die Cafeteria.
Sie fand die Reporterin sympathisch.
»Warum sind Sie dann Journalistin geworden, wenn das so ein prekärer Beruf ist?«
»Meine Liebe, das fragt meine Familie auch ständig. Mein Bruder ist Arzt und meine Cousine hat eine Importfirma, ich bin die Einzige unserer Generation, die keinen Haufen Kohle verdient. Ich habe das Glück gehabt, auf der Journalistenschule genommen zu werden, damit war das für mich klar.
Ja, warum macht man das? Das ist vermutlich der gleiche Grund, warum man in so einem Zentrum arbeitet.
Wir sind halt Weltverbesserer.«
Lizzy lachte.
Nachdem die Journalistin gegangen war, packte Lizzy ihre Sachen. Sie wollte noch ein paar Kuchen backen. Schließlich hatte sie morgen Geburtstag.
*
Lizzy hatte Achmed, Florian und Grace zu einer Feier am Abend zu sich nach Hause eingeladen. Sie hatte nur ein kleines Appartement mit einer Wohnküche und einem winzigen Schlafzimmer, aber sie hatte es sich mit vielen Pflanzen gemütlich eingerichtet. Es gab sogar ein Aquarium, das als Raumteiler zwischen Küchenzeile und dem dicken Teppich mit den Kissen stand.
Sie hatten den Käsekuchen vernichtet und probierten sich durch die arabischen Süßigkeiten, die Achmeds Geschenk waren.
Grace fragte: »Was hast du denn von den anderen bekommen?«
»Sybille hat mir einen Reiseführer für Isfahan geschenkt. Ich dachte nicht, dass sie mich so gut kennt. Und vom Vorstand einen Gutschein für den Safaripark. Ich werde dich und Hope mitnehmen. Die Kleine ist ja umsonst.«
Grace lächelte. »Das kann ich nicht annehmen, das ist ja dein Geschenk.«
»Du musst aber. Wenn ich Hope nicht mitnehme, ist die beleidigt, und damit musst du auch mit.«
Sie erzählte, was sie von ihren Eltern und Freunden bekommen hatte. Florian gab ein paar lustige Anekdoten über verkorkste Basteleien aus seinen Kursen zum Besten.
Irgendwann waren ihm die Geschichten ausgegangen und er sagte:
»Wenn wir nicht so leckeres Zeug hätten, sähe das fast aus wie ein konspiratives Treffen.«
Lizzy fragte: »Von welcher geheimen Gruppe denn? Der Käsekuchenfanatiker?«
»Nein, wirklich. Hier sind jetzt alle versammelt, die gegen Hartmut und seine Kunstvilla sind.«
»Meint er das ernst?«, fragte Achmed. »Was will er denn hier machen? Wenn wir alles wegräumen, dürfen wir maximal fünfzig Leute in die Cafeteria lassen. Und dann haben wir nicht mal eine Bühne. Jede Schulaula ist besser. Und selbst wenn er nur Ausstellungen macht, das Gebäude müsste man komplett umbauen. Wir haben keine Klimaanlage und die Beleuchtung ist alt. Das Geld dafür bekommt er doch nie.«
Lizzy nickte. »Wir sind Luftlinie vier Kilometer vom Kulturpalast entfernt. Das musste ich mir mal von der Stadt anhören, als ich einen Zuschuss für eine Kunstaktion im Jugendhaus wollte. Das Geld habe ich dann nicht für die Kunst bekommen, sondern für die Jugendarbeit. Also weiß ich wirklich nicht, wie Hartmut eine Kunstvilla finanzieren will.
Es sei denn, er verkauft das Haus hier und von dem Erlös kann er dann irgendwo anders bauen. Das ist komplett unrealistisch.«
Florian setzte sich gerade hin und stellte seine Kaffeetasse ab.
»Ihr versteht alle Hartmuts Problem nicht. Er war bis vor seiner Pensionierung ein hohes Tier in einer Firma, die man als Marktführer betrachten kann. Das heißt, überall wo er hingekommen ist, war er wer. Und jetzt ist er ein gelangweilter Rentner, dem seine Frau vorschreibt, wann er zum Essen heimkommen muss.«
Grace fragte: »Hat er denn keine Familie?«
»Einen erwachsenen Sohn. Mit dem hat er sich wohl so zerstritten, dass die nicht mehr miteinander reden.«
Lizzy sagte: »Mich wundert es nicht, dass der Sohn nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Er behandelt seine Frau wie sein Dienstmädchen. Die wird ihn nur wegen des Geldes geheiratet haben und kann jetzt nicht weg, weil sie nichts verdient. Irgendwie ist es wie bei Elfriede. Deren Mann betrügt sie und Hartmut deckt das.«
Grace atmete tief ein. Dann kam ihr Wutschnauben, das bei Hope immer sofort wirkte. Aber sie sagte nichts.
Einen Moment herrschte Stille.
Achmed fragte: »Warum eine Kunstvilla? So ist das Zentrum für viele Leute wichtig. Er kann hier viel machen, wenn er Lust hat zu arbeiten.«
Lizzy warf ein: »Wir kennen die Leute hier im Viertel viel zu wenig. Es gibt die wie Frau Berger, die regelmäßig herkommen und das Zentrum lieben. Aber da sind auch andere, die das so wie Hartmut sehen. Ich wurde nach dem Gottesdienst mal angesprochen, als wir das Jugendhaus gebaut haben. Die hatten Angst, dass da jetzt Flüchtlinge einziehen würden. Ich konnte das natürlich richtigstellen, aber ich hatte schon den Eindruck, wenn das eine Kunstvilla wäre, wäre das den Leuten lieber und sie würden das auch unterstützen. Vielleicht hat Hartmut auch eine Clique von Nachbarn, die ihn darauf angesetzt haben.«
»Oder die neue Eigentümerin vom Parkschlösschen möchte jetzt unter ihresgleichen leben.«
Florian nahm sich eine Weintraube. Er sprach von der herrschaftlichen Villa, die auf der anderen Seite vom Park lag. Lizzy meinte, mal gehört zu haben, dass der ganze Jugendstilpark ursprünglich zu diesem Besitz gezählt hatte.
»Warum sollte die dann hier einbrechen? Wenn es ihr hier nicht gefällt, muss sie doch das Haus nicht kaufen.«
Eine Antwort auf diese Frage hatte niemand und so wandten sie sich wieder den Süßigkeiten zu. Achmed gab zu jeder Sorte eine Erklärung ab und sie spielten Verkostung.
Irgendwann sagte Grace: »Ich glaube, ich weiß jetzt, warum Hartmut die Kunstvilla will. Mirko hat von einem Catering erzählt, bei dem er Hartmut getroffen hat. Das war in dieser Künstlervilla, ich habe den Namen vergessen, ihr wisst schon, die am Fluss. Jedenfalls hat Mirko erzählt, dass Hartmut so beeindruckt von der Atmosphäre und den Gästen und so weiter war. Er träumt davon, dass wichtige Leute in edler Kleidung in seiner Villa stehen und die neuesten Kunstwerke bewundern.«
Lizzy sagte: »Vermutlich hat er über diese Schiene auch Herrn Overbeek kennengelernt.«
»Wer ist Herr Overbeek?«, fragte Grace.
»Hartmut hat ihn mal rumgeführt. Ein alter, sehr reicher Typ, so mit Fliege und rahmengenähten Schuhen. Der hat wohl eine größere Kunstsammlung. Also ich weiß nicht, wie groß, weil er selbst schon gemeint hat, das würde nicht reichen. Jedenfalls will er die wohl stiften oder vererben. Hartmut ist schon ganz wichtig mit ihm rumgelaufen. Er war nur ein wenig verstimmt, weil der Herr Overbeek mich als Geschäftsführerin wollte. Und wie Hartmut über mich denkt, wisst ihr ja.«
Florian sagte: »Ich glaube, er hat gar nicht so ein Problem mit dir, eher damit, dass Mechthild und ich ihn bei deiner Einstellung vor vollendete Tatsachen gestellt haben.«
Achmed meinte: »Das ist ein Kampf zwischen dem alten Löwen und dem jungen Löwen. Er weiß, dass er bald nicht mehr der Herrscher im Rudel ist. Solange er kann, wird er das verteidigen. Mechthild ist nicht wichtig für ihn.«
Grace erwiderte: »Vielleicht ist es ihm deswegen egal, dass bei uns eingebrochen wurde.«
Lizzy sagte: »Ihr seid euch ja auch nicht einig, wer das war.«
Florian sah sie durchdringend an. »Das ist ja wohl klar, wer das war. Das halbe Viertel will uns loswerden. Und dann sollen es immer die Jugendlichen gewesen sein.«
Achmed sah Grace an und Lizzy bemerkte, dass er sich sehr unwohl fühlte. Grace nickte und so sagte er: »Florian, du musst schon zugeben, dass wir auch Probleme mit den Jugendlichen haben. Diese Bande, die vor unserem Haus gedealt hat, was ist denn aus denen geworden?«
Florian schüttelte den Kopf. »Mit so was hast du immer irgendwo Probleme. Und lach nicht, das waren Jungs aus dem Jugendstilpark. Die sind jetzt wahrscheinlich in einem teuren Internat. Jedenfalls habe ich die hier nicht mehr gesehen. Wenn deine Eltern Geld haben, dann ist das alles kein Problem.«
Achmed schien nicht überzeugt zu sein, aber er wollte sich mit Florian nicht streiten. Schon gar nicht auf einer Geburtstagsfeier. Er biss in ein Stück Baklava.
Florian beendete das Schweigen: »Also ich kann mir schon vorstellen, wie Hartmut mit einem Glas Champagner in der Hand durch das Haus spaziert, leise klassische Musik im Hintergrund.«
Achmed lachte. »Ja, so eine kleine Band mit Cello und Geige in der Cafeteria.«
Lizzy sagte: »Das ist ja ein schöner Traum. Aber dazu hätte er halt so viel verdienen müssen, dass er sich eine Kunstvilla leisten kann. Das weiß er doch selbst, dass das nicht realistisch ist.«
»Es sei denn, er hat einen Mäzen.«
Alle sahen Florian an.
War das möglich? Waren es die Nachbarn, die Lizzy vor der Kirche angesprochen hatten? Wie viel Macht und Geld hatten die Leute in den teuren Häusern um das Zentrum herum?
Und was war es ihnen wert, wieder unter sich zu sein?
Lizzy wünschte, sie wüsste es. Sie hatte in ihrem Dorf gesehen, wie jemand fortgegrault wurde, nur weil ihn ein paar Mächtige nicht dort haben wollten.
*
Am nächsten Tag stand Lizzy ein wenig zu früh vor dem Kindergarten. Hope hatte erzählt, dass sie heute wichtigen Besuch bekämen. Lizzy grinste, als sie an Hopes Ankündigung dachte. Das Mädchen war tatsächlich in der Lage, etwas Spannendes anzukündigen und sich dann nicht zu verplappern. Lizzy war neugierig.
Sie genoss die warme Frühlingssonne. Eigentlich könnte sie mit Hope morgen in den Zoo gehen. Jetzt im Frühling bekamen viele Tiere ihre Jungen, da gab es ständig etwas Neues zu sehen.
Sie sah auf die Uhr. Noch zehn Minuten. Sie überlegte, ob sie eine Runde um den Block gehen sollte, als die Tür aufging. Heraus kam der Kontaktbeamte.
Die Uniform unterstrich seine sportliche Figur. Lizzy errötete. Sie versuchte, wegzusehen, aber er hatte sie bereits bemerkt.
»Guten Tag, Frau Erdmann, was machen Sie denn hier? Haben Sie ein Kind?«
Er sah sie mit einer Mischung aus Verwunderung und etwas anderem an, das Lizzy nicht zu deuten wusste.
»Nein, ich hole nur Hope ab, die Tochter unserer Putzfrau. Ihre Mutter muss noch arbeiten.«
Er lächelte. »Ach, dann sind Sie die Tante Lizzy. Die liebe Hope hat recht viel von den Besuchen im Zoo erzählt. Wir hatten zum Thema, was macht ein Kind, wenn es von Fremden angesprochen wird oder verloren geht. Ich muss schon sagen, dass haben Sie beide gut gelöst.«
Lizzy war verlegen. »Ich habe ein Praktikum im Kindergarten gemacht, da lernt man so etwas. Und Hope ist ja pflegeleicht. Jetzt muss ich sie holen, sonst wird sie böse.«
Sie wurde von einer herauskommenden Mutter unterbrochen: »Hope ist schon fertig, die kommt gleich raus.«
Lizzy steckte ihren Kopf durch die Tür. Die Erzieherin grüßte sie vom Ende des Gangs und Hope kam angesaust. Lizzy schaffte es noch, eine stabile Position vor dem Eingang einzunehmen, bevor ihr das Kind mit Schwung auf den Arm sprang.
Hope gab ihr einen dicken Kuss, dann verzog sie das Gesicht. Sie rutschte wieder runter und sah den Beamten streng an: »Jetzt haben Sie die ganze Überraschung kaputtgemacht. Tante Lizzy sollte doch nicht wissen, wer der wichtige Besuch ist.«
Joe, wie Lizzy ihn insgeheim nannte, gab sich schuldbewusst, aber Lizzy sah ein Lächeln in seinen Augen. Diese Augen schienen immer zu lächeln. Sie sagte: »Nein, Herr Gürtner ist ganz unschuldig. Ich habe ihn ausgefragt.«
»Wir haben wohl ein Stück den gleichen Weg, mein Auto steht an der Straße.«
Hope sagte siebengescheit: »Er hat nämlich nicht mehr auf unserem Parkplatz parken können, weil da schon die Polizeifrau war mit den ganzen Kisten.«
Die drei gingen in Richtung Straße. Lizzy konnte den Blick nicht von ihm wenden. Sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, aber er hatte so eine geschmeidige Art zu gehen, wie der Tiger, den sie so mochte. Er hörte Hopes Geschnatter aufmerksam zu und gab die passenden Antworten.
An der Straße ging er in die Hocke und verabschiedete sich von Hope mit Handschlag. Man sah, wie stolz sie auf diese Sonderbehandlung war.
Dann richtete er sich auf und gab auch Lizzy die Hand. Er sah ihr tief in die Augen und Lizzy spürte, dass sie wieder rot wurde. Sie schüttelte eifrig seine Hand und sagte:
»Vielen Dank, dass Sie sich so für die Kinder einsetzen. Es ist wichtig, dass die Vertrauen aufbauen.«
Er lächelte und sagte: »Na, dann wünsche ich den Damen einen schönen Nachmittag.«
Er winkte Hope noch einmal zu und stieg in seinen Streifenwagen. Lizzy merkte, dass ihre Hand ganz schwitzig war. Wie peinlich.
»Der Polizeimann ist total nett. Er macht auch richtig gute Witze, nicht so blöde Babywitze«, plapperte Hope.
Pulsuz fraqment bitdi.