Kitabı oxu: «Abenteuer im Sibirien-Express»
Lisa Honroth-Loewe
Abenteuer im Sibirien-Express
Saga
Abenteuer im Sibirien-ExpressCopyright © 2019 Lisa Honroth-Loewe and und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711593295
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Erstes Kapitel
Grelles Hupen, lautes Rufen, Schreie der Verkäufer warf sich über die Wolke von Hitze und Dunst empor. Rodenhausen stand am Fenster. Unten wurden schon seine Koffer von ein paar herkulischen Kulis auf den Hotelwagen verladen. — Eine halbe Stunde noch, dann ging der Transsibirien-Express. Dann ging es heim.
Rodenhausen nahm hastig den warmen Ulster, der schon auf dem Stuhl bereit lag, und eilte hinunter. In der ersten Etage klopfte er noch einmal schnell. Ein wütendes Schreibmaschinengeklapper übertönte es. Da öffnete er einfach die Tür. In dem Hotelzimmer sass ein kleiner, magerer Mensch mit einem lebhaften, gescheiten Vogelgesicht. Seine Hände flogen über die Tasten der Schreibmaschine, seine Augen liefen wie gejagt über einen Stapel Notizen, die in einer winzigen Krakelschrift neben ihm lagen.
„Moment, Fürst“, rief er und winkte mit der Hand, um sie dann gleich wieder mit Vehemenz auf die Tasten der Maschine sausen zu lassen, „Sie kommen sich verabschieden? Gibt’s nicht! Sie dürfen nicht eher heraus, bis hier mein Bericht fertig ist. Den müssen Sie mir mitnehmen. Die Post ist in diesen Zeitläuften ein unsicheres Beförderungsmittel in unserem lieben Erdenwinkel geworden“, — er sprach alles abgerissen, ruckweise, während er in rasender Eile weiterschrieb.
Rodenhausen musste lachen. Dieser kleine Hopman war immer wie ein überhitzter Motor. „Aber mein Sibirien-Express wird nicht warten, bis Sie mit Ihren Berichten für die Zeitungen fertig sind, lieber Hopman.“
„Bin schon fertig“, der kleine Hopman fegte mit einer rücksichtslosen Bewegung die übriggebliebenen Manuskriptseiten auf den Erdboden, riss die Blätter aus der Maschine, kuvertierte sie — „so, Fürst, nun seien Sie so gut, verstauen Sie. Es ist nicht nötig, dass sich Russland, Japan und China über den Inhalt hermachen. Bei Ihnen wird die Passkontrolle ja gelinde gehandhabt, alter Asienfahrer, der Sie sind. Oder haben Sie Angst Die deutschen Zeitungen warten sehr auf authentische Berichte — und da Bergmann erkrankt ist und nicht berichten kann, bin ich im Augenblick der einzige. Denn ob Stiemer von der Berliner Telegraphenstation noch durchkommt, ist sehr die Frage. Bis dahin kann sich hier auch vieles geändert haben.“
„Ich weiss zwar die Ehre zu schätzen, dass Sie gerade mich ausersehen haben, Hopman“, lachte der Fürst, „aber so ganz glücklich machen Sie mich nicht damit. Diese Kerls da an der Zollgrenze sollen jetzt wenig angenehm sein. Meine Vermessungsgeräte, Karten, Photoapparate werden ihnen schon höchst verdächtig erscheinen. Nun auch noch Geschriebenes! Na, geben Sie her, ist fürs Vaterland, da wollen wir nicht feige sein! — Machen Sie’s gut, Hopman“, Rodenhausen schüttelte dem kleinen Amerikaner kräftig die Hand, „fast beneide ich Sie doch um alles, was Sie hier noch erleben werden, — na, vielleicht gibt’s ein Wiedersehen.“
„Heil und Sieg, Fürst, grüssen Sie Deutschland, das ich sehr liebe!“
Hopman half noch rasch, einige Apparate und sonstige Dinge, die Rodenhausen nicht aus der Hand gab, in der Rikscha verstauen, dann rannte der barfüssige Kuli, der die Rikscha zog, gewandt und eilig durch das Menschengewimmel der übervölkerten Stadt.
Rodenhausen sog noch einmal alle Eindrücke in sich hinein, — dort die reiche Chinesin, die, orientalisch gekleidet und schmuckbehangen, ihre Privatrikscha bestieg, wie ein Märchen aus 1001 Nacht! Orient, du bilder- und farbenreicher, wann wird man dich wiedersehen?
Nun, da er für eine lange Zeit Abschied nahm, wurde es ihm doch schwer. Eigentümlich, solange man hier als Europäer war, schimpfte man um die Wette mit den andern über die Hitze, den Staub, den Gestank, die ganze unmögliche Atmosphäre dieser Stadt, dieser russisch-chinesischen Stadt, die von allen Ländern das Schlechteste übernommen zu haben schien; von China die Uebervölkerung: wie ein Ameisenhaufen wimmelte es durcheinander — Rodenhausen musste daran denken, dass man seit Jahren vergeblich versuchte, mal eine Volkszählung vorzunehmen. Keiner der europäisch geschulten Beamten hatte dies Kunststück fertiggebracht, — von Russland die Bestechlichkeit, die sich hier in allen Währungen austoben konnte, von den Ostjuden die Armut, vom Orient die schrecklichen Gerüche. Und von Europa die Ueberzüchtung mit einem Reichtum, der sich in einigen wenigen Vierteln breit machte, und dessen protzende Decke doch das Elend, den Jammer der ausgenutzten Menschenkreaturen nicht zudecken konnte. —
Es gab wohl nichts an Unglück, Elend, Laster, was man hier nicht erleben konnte. Und Rodenhausen hatte mitunter geglaubt, in dieser Atmosphäre nicht existieren zu können. Nur sein verbissener Wissensdrang hatte ihn immer wieder gehalten. Nun aber, da es ernst wurde mit dem Abschied, sah er, wie verwachsen er doch mit allem hier war. Es war das Abenteuerliche dieses Lebens, das ihn als Mann immer wieder anzog. — Mitten aus den Forschungen über die geologische Struktur des Landes hier, gerade vor dem Abschluss seiner Expedition musste er fort. Man sah die Europäer hier nicht mehr gern. Ein plötzliches Misstrauen aller gegen alle hatte die Eingeborenen ergriffen. Dieser latente Kriegszustand, der zwischen Japan und China herrschte, warf seine Schatten auch hierher. Man fürchtete von jedem Europäer, dass er Partei wäre. Vor allem Rodenhausen, in dessen Rasse auch das englische Blut unverkennbar war, mit seiner genauen Kenntnis des Landes, war schon lange Gegenstand aufmerksamer Beobachtungen der Chinesen wie der Japaner. Jetzt fingen auch noch die Russen an, misstrauisch zu werden. Und gute Freunde hatten ihm geraten, sobald wie möglich das Land zu verlassen. Selbst die deutschen Konsulatsbeamten waren unsicher geworden. Man konnte nicht wissen, was die nächste Zeit brachte. Jeder Deutsche, der hier im Lande nicht ansässig und dadurch voll legitimiert war, tat besser daran, heimzugehen, meinte man. Es gab genug Landsleute, die nicht fort konnten, und die den Schutz des deutschen Konsulats brauchten.
Rodenhausen hatte sich zuerst energisch geweigert, das Feld zu räumen. Er hatte gerade eine Expeditionskarawane unter ziemlichen Mühen und Kosten zusammengestellt. Es war nicht leicht gewesen, die Chinesen dazu zu bekommen, in die unwirtlichen Gegenden des Gebirges vorzustossen. Glücklich hatte er nun auch ein paar Generalstabskarten von einem befreundeten russischen Offizier bekommen, sich mit erheblichen Kosten alle Vermessungsgeräte beschafft und was sonst noch zur Ausrüstund eines Geologen gehörte. Und nun sollte das alles vorbei sein? Jetzt, wo es zwar wissenschaftlich immer schwieriger, aber auch allgemein immer interessanter wurde! Nun sollte er heim in die Stille von Rodenhausen, der kleinen Residenz, über die er längst hinausgewachsen war, wie überhaupt über die Kreise seiner Standesgenossen. — Er hatte nie so recht hineingepasst in die begrenzten Anschauungen und Betätigungen eines kleinen Fürstenhauses. Zu sehr rumorten in seinem Blut die englischen Vorfahren mit ihrem Seeräuberblut. Diese Abenteuerlust hatte sich offenbar noch aus der Vorzeit der Norfolks, die in die deutsche Fürstenlinie hineingeheiratet hatten, bis in ihn erhalten. Noch sein Grossvater englischerseits war bei den Kämpfen in den englischen Kolonien gefallen, seine Brüder draussen in der Welt gestorben, er war der letzte — aber auch ihn trieb es immer wieder hinaus. Freilich, es war nicht die unstillbare Forschungs- und Abenteurerlust allein — Rodenhausen seufzte auf, eine harte Falte stand ihm plötzlich zwischen den sehr hellen Brauen, es war noch etwas anderes — Dorothee! Sie verstand es nicht mit ihm. Sie verstand nicht, ihn in der Heimat und ihrem Heim zu halten, sie verstand nicht, was er brauchte. Sie war heute genau so herb und verschlossen wie vor zwanzig Jahren. — An dem jungen Mädchen war es ein Reiz gewesen, der ihn anzog — obwohl mehr Standesrücksichten als Neigung ihn zu dieser Ehe geführt. Aber diese Herbheit war nicht gewichen. Es war oft wie eine Stummheit, wie etwas Drückendes zwischen Dorothee und ihm. Und aus dieser Stummheit floh er öfter und öfter in die Welt. Einmal hatte er gehofft, Viky, die kleine Tochter, würde ihn und Dorothee mehr zusammenführen. Aber auch darin hatte er sich getäuscht. Je mehr Viky heranwuchs, desto mehr schien sie zur Mutter zu neigen, obwohl sie äusserlich und im Wesen seine Tochter war. Vielleicht ahnte sie die Einsamkeit der Mutter, und mit dem Instinkt der Frau, die zur Frau hielt, gab sie dem Vater schuld an der Kühle der Ehe, die sie vor Augen sah.
Rodenhausen hatte versucht, das Kind an sich heranzuziehen — aber da war ein trotziger Widerstand gewesen. Dann hatte er es aufgegeben, ungeduldig, schon wieder der Ferne und dem Leben draussen zugewandt. — Nun sollte es also wieder beginnen. Er fürchtete sich beinahe. Lieber wäre er hier allerlei Gefahren entgegengegangen. Denn das hier war ein Kampf, den Männer führten. Gegen das Weibliche kam er so schwer an. Hier konnte er aktiv sein, auf Gefahren zugehen, sie anpacken. Daheim war es ein leises, unangreifbares Ausweichen. Er wurde in die Passivität gedrängt, ehe er sich’s versah. In die Passivität — und ins Unrecht. — Ein richtiges Frauenregiment war es. Der einzige, der ihm Stütze sein konnte, Alexander, der Aelteste, war im Ausland. Und der kleine Robby, — hier musste er lächeln, dieses kleine Menschlein, war jetzt wohl gerade knapp aus den Windelhöschen herausgewachsen. —
Da war er, weiss Gott, mit seinen Gedanken doch schon zu Hause — verträumte hier die Zeit, indessen er noch Eiliges zu erledigen hatte.
Der Transsibirien-Express stand schon wartend. Durch die Rauchschleier, die die Maschine ungeduldig ausstiess, sah man einen Teil der Landschaft jenseits der Bahngleise hügelig und weiterhin zum Horizonte bergig aufsteigend, Waldlisieren, dann wieder ebene Strecken, — jetzt stumm und öde im Winterschnee. Wie ein Leichentuch breitete sich der Schnee über das unermessliche Land — wie ein Leichentuch, musste Rodenhausen plötzlich denken — wieviele Menschen würde es noch decken, dies dichte, weisse Tuch. Es war doch gut, dass er hier herauskam, ehe der Krieg das Land und die Menschen frass.
Bald hatte er sich in seinem Abteil eingerichtet. Man musste ja viele Tage hier verbringen. Aber der Transsibirien-Express war selbst für europäische Bedürfnisse bequem, hell, sauber. Der chinesische Zug, in dem man den ersten Teil der Reise bis zur Grenze zurücklegte, war zwar nicht ganz so komfortabel wie der dann folgende russische, aber immerhin hatte man seinen behaglichen Platz, sein gutes Bett, seine Verpflegung, den unvermeidlichen Tee, der von lautlos auf weichen Schuhen gehenden chinesischen Kellnern durch die Gänge getragen wurde. Man hatte Bücher und seine Schreibmaschine, auf der man die letzten Aufzeichnungen, die man nicht mehr ausarbeiten konnte, beendete.
Rodenhausen war schon so zum Globetrotter geworden, dass ihm Reisen von wochenlanger Dauer nichts ausmachten. So war er denn bald installiert und legte sich, sowie es dunkel wurde, zum Schlafen hin.
Vom Kriegsgebiet, durch das man fuhr, spürte man nicht viel. Nur dass längs der ganzen Bahnlinie russisches und chinesisches Militär die Strecke bewachte. Hier konnte man Typen der verschiedensten Art sehen. Rodenhausen trat auf die Plattform hinaus und registrierte die verschiedenen Rassen, die aus diesen Gesichtern sprachen. Nur für den Kenner war die russische und chinesische Rasse voneinander zu trennen. Und selbst für Rodenhausens erfahrenes Auge waren die Uebergänge oft genug verwischt. Diese breiten, mongolischen Gesichter mit den platten Nasen, den dicken, aufgeworfenen Lippen, stumpfsinnig teils, oft freundlich grinsend, verschwanden fast unter den grossen Fellmützen. —
Stunden reihten sich an Stunden. Rodenhausen schlief. Die bekannten Stationen, die die Schaffner in monotonem Dialekt ausriefen, flogen schattenhaft an seinen Gedanken vorüber. Er war doch sehr ermüdet und spürte, dass die letzten Tage nicht spurlos an ihm vorübergegangen waren. Er war nicht mehr der Jüngste. Und Forscherjahre zählen, wie er zu sagen pflegte, doppelt, wie Kriegsjahre.
Der Entschluss zur Abreise war ja auch so plötzlich und überstürzt gekommen. In der übergrossen Eile war mit Pässen, Besorgungen, Besprechungen doch noch viel zu erledigen gewesen. Seine letzten Tage waren in einer atemberaubenden Hast vorübergegangen. So leicht konnte man doch nicht die Brücken hinter sich abbrechen. Solange man noch im Schwung war, hatte man die Ueberarbeitung der letzten Wochen nicht gemerkt. Jetzt, da er in Ruhe war, kam die Reaktion. —
Zweites Kapitel
Tage um Tage war man gefahren. Rodenhausen hatte im Zuge mancherlei Bekanntschaften gemacht. Da waren ein paar europäische Kaufleute, die sich vor den Unsicherheiten in der Mandschurei in Sicherheit brachten, russische Pelzhändler, Vertreter europäischer Firmen, die vor Ausbruch der Feindseligkeiten noch Abschlüsse in Sojabohnen, Reis und Getreide gemacht. — Und allerlei Menschen von chinesischem und russischem Typ, deren Lebensberuf nicht klar war.
Wenig Frauen waren im Zuge. Nur als Rodenhausen auf einer Kreuzungsstation gerade wieder aus einem tiefen Schlaf erwachte, es musste kurz vor Manschuli sein, sah er sich gegenüber einen Platz von einem weiblichen Wesen besetzt. — Die halb verdunkelte Lampe warf nur einen spärlichen Lichtschein auf die schmale Gestalt, die ihm da gegenüber in der Ecke sass und die Augen geschlossen hielt. Sie schien zu schlafen. Rodenhausen, der gern wusste, mit wem er da durch die schweigenden Nächte der Mandschurei fuhr, beugte sich leise vor und sah der Schläferin vorsichtig ins Gesicht. — Es war ein sehr schmales, sehr zart gebildetes Gesicht, durchsichtig und sah jetzt in der Stille des Schlafes beinahe ätherisch aus. Sehr weiches, blondes Haar legte sich lind um den mädchenhaften Kopf. Die Nase war fein und stand beinahe klassisch ebenmässig zwischen den hochgeschwungenen, lichten Brauen. Sie musste noch sehr jung sein, soviel erkannte Rodenhausen auch in der halben
Dämmerung. Der Mund war noch wie der eines fast kindhaften Geschöfes, die Oberlippe ein klein wenig zu kurz, dadurch bekam das Ganze einen Zug von rührender Hilflosigkeit. Aus dem schwarzen Wollkostüm sah ein schmaler, blasser Hals heraus, der Kopf lehnte leicht gegen den weichen Pelz eines dunklen Mantels, der in der Ecke hing. Unter dem Rock zeichneten sich die Beine leicht ab, schlank mussten sie sein, und zu ihnen passten die langen, schmalen Füsse, die in englischen Halbschuhen steckten. — Siebenzehn, schätzte Rodenhausen bei sich und sah mit Wohlgefallen in dies feine Mädchengesicht, das im Schlaf seinen Blicken hingegeben war. Eine kleine, schmerzliche Falte zwischen den Brauen passte nicht recht zu der vertrauensvollen Kindlichkeit des jugendlichen Gesichtes, schien von irgendeinem Kummer zu sprechen.
Rodenhausen war durch den Anblick des schlafenden Mädchens irgendwie innerlich gerührt. Es war etwas in der Bildung der hochgeschwungenen Brauen, in der Buchtung des Mundes, was ihm bekannt vorkam. Aber das musste eine Täuschung sein. Wie sollte er hier auf dieser fernen Strecke irgend jemanden sehen, den er kannte. — Es war wohl nur die Lieblichkeit dieses Mädchens, die Erinnerung an seine junge Tochter, die ungefähr im gleichen Alter sein musste, die dies Gefühl des Kennens und der Wärme in ihm aufwachen liess. —
Lichter kamen näher, der Zug machte eine Kurve, der Wagen schlug hin und her — die Schläferin erwachte, sah sich verwirrt um.
„Gleicht kommt die Grenze“, sagte Rodenhausen auf russisch und verneigte sich leicht, „Sie müssen Ihre Sachen zusammenpacken, mein Fräulein, wir müssen aus dem Zug heraus. Gestatten Sie —“
Er grriff nach der Beschirmung der Lampe, schob sie zurück. „Darf ich Ihnen behilflich sein?“
„Danke sehr“ , erwiderte das junge Mädchen gleichfalls russisch und sah Rodenhausen voll an. Der fuhr zurück — dieser Blick, dunkel, fast schwarz unter dem blonden Haar, war von einem frappierenden Kontrast. Wo hatte er dies schon gesehen, diesen dunklen Blick, fast schwarz unter zärtlichem Blond des Haares? Aber das war doch — nein, das war doch unmöglich.
„Manschuli“, dieser Ruf, der plötzlich draussen ertönte, riss ihn aus seinem fassungslosen Erstaunen — aus seinen Zweifeln.
Knirschend und quietschend zogen die Bremsen an und hemmten die Räder — der Zug stand. Schon murden auch die Türen aufgerissen. Die Gepäckträger, meist Chinesen, stürzten herein, bemächtigten sich des Gepäckes, wobei sie unterwürfig und sanft lächelten. Ein allgemeiner Aufruhr war im Zuge. In allen Sprachen schwirrte es durcheinander. Koffer rollten bereits auf niedrigen Karren über den Bahnsteig zum Zollgebäude, ein erregter Wortwechsel zwischen einem Schaffner und einigen Fahrgästen — das junge Mädchen stand hilflos und sah zu, wie einer der Kulis sich ihres Handkoffers bemächtigte.
„Grosser Koffer?“ schrien die Träger und machten wilde Zeichen.
„Schliessen Sie sich mir ruhig an, mein Fräulein“, ermutigte Rodenhausen. „Ich will mich bei den Zollformalitäten gern um Sie kümmern. Verdammter Kerl“, schimpfte er plötzlich unwillkürlich auf deutsch, als einer der chinesischen Träger eins seiner Messgeräte zur Erde fallen liess, und dann wiederholte er den Fluch sogleich auf chinesisch. Aber das junge Mädchen, das schweigend und etwas verängstigt neben ihm den Bahnsteig entlanggegangen war, sah mit einem lächelnden und vertrauensvollen Blick auf: „O, Sie sprechen deutsch, mein Herr“, sagte sie mit einem beinahe fehlerfreien Dialekt, „dann, bitte, sprechen wir zusammen deutsch.“
Ueberrascht blickte Rodenhausen seine junge Begleiterin an, die schmal und schlank neben ihm schritt. „Aber wie gern, mein Fräulein, das ist eine gute Vorbedeutung, dass ich hier schon meine Muttersprache höre. Sind Sie auch Deutsche?“
„Nein, mein Vater war Schwede, aber meine liebe Mutter ist in Deutschland aufgewachsen, obwohl sie —“
Sie vollendete nicht, sondern sprang, von Rodenhausen zurückgerissen, zur Seite, denn ein Kuli rollte mit stumpfsinnigem Gesichtsausdruck einen Reisewagen mit Koffern gerade vor ihnen dem Zollgebäude zu.
Und nun war keine Zeit mehr zu Privatgesprächen. In einer Schlange standen die Menschen vieler Nationen hier in dem hölzernen, kalten Zollabfertigungsraum und schoben sich, Schlüssel in den Händen, langsam zu dem Tische vor, auf dem die Koffer, Kisten und Taschen zur Revision bereit lagen.
Rodenhausen hatte sich dicht neben seine junge Reisegenossin gestellt. Als er sah, wie ängstlich ihre Brauen zuckten, wie nervös sie wurde, je mehr sie in der Reihe vorrückte, nahm er ihr ganz einfach den Kofferschlüssel aus der Hand: „Ich hoffe, Sie haben keine Kontrebande darin, mein kleines Fräulein“, meinte er lächelnd, „dann werde ich alles für Sie erledigen.“
„O, ich danke Ihnen“, flüsterte das junge Mädchen, „nein, ich habe nichts Verbotenes, bloss, ich habe böse Erfahrungen mit Beamten gemacht, und so fürchte ich mich ein wenig.“
„Kein Grund, ich kenne hier einige der Kommissare, ich sehe manche bekannten Gesichter“, Rodenhausen nickte zu einem älteren Manne mit einem grauen Spitzbart hinüber, der offenbar hier eine Aufsichtsstelle innehatte. „Siehe da“, sagte der höflich und nahm ihn ausser der Reihe heran, „wie geht es Ihnen, glücklich aus dem Hexenkessel zurück?“
Rodenhausen reichte ihm seine und die Schlüssel seiner Reisegefährtin. „Danke, ja, Herr Kommissar, es hört sich alles aus der Entfernung und in den Zeitungen schlimmer an, als es in der Nähe ist, in Harbin ist es noch ganz gemütlich — aber, was nicht ist, kann ja noch werden. — Würden Sie die Liebenswürdigkeit haben, die Koffer dieser Dame gleich mit zu inspizieren? Wir haben das gleiche Abteil, und ich möchte sie dann gern gleich wieder im russischen Zuge verstauen.“
Der Kommissar prüfte rasch das Gepäck.
„Haben Sie Steuerpflichtiges?“ fragte er das junge Mädchen höflich, nachdem er Rodenhausens Gepäck einer oberflächlichen Durchsicht unterzogen, und als das junge Mädchen verneinte, drückte er das Siegel der Sowjets auf die Koffer.
„Können passieren“, rief er, und die Kulis, welche Rodenhausens und die Koffer seiner Unbekannten hierherbefördert, ergriffen das Gepäck und rannten grinsend mit ihm davon, dem russischen Zuge zu, der auf dem Gleise neben dem chinesischen wartend stand.
„Gott sei Dank, das hätten wir hinter uns“, meinte Rodenhausen, als er seine Begleiterin über die Schienen hinweg in das Abteil hineingeleitet hatte. „Aber nun, mein Fräulein, wollen wir uns gleich einen Speisewagenplatz sichern, damit wir das wirklich vortreffliche Essen hier in dem russischen Zuge geniessen können. Sind Sie die Strecke schon einmal gefahren?“
„Nein, ich reise zum ersten Male hier, das heisst, als Kind, als meine Mutter noch lebte, bin ich einmal mit ihr nach Europa gefahren, aber das liegt schon lange zurück. Aber jetzt fahre ich voraussichtlich für immer Europa, denn mein Vater ist auch gestorben.“
Ihre sanfte Stimme schwankte ein wenig, und sie wandte das Gesicht ab.
Rodenhausen schwieg. Armes Ding, dachte er, so jung — und so allein. Er musste an Viky denken, an ihr behütetes Mädchenleben. Sie war sicherlich nicht älter als diese Unbekannte hier, die allein Tage um Tage durch die Welt fuhr. Nun, was an ihm lag, sie sicher bis an die deutsche Grenze zu bringen, das sollte geschehen. Schon wegen dieser Aehnlichkeit, die ihn, je länger er die Kleine beobachtete, immer stärker anrührte und eine Erinnerung in ihm wachrief — eine süsse und schmerzliche Erinnerung, die in ihm geschlafen, jahrelang. Und die nun angesichts dieses zarten, hilflosen Menschenkindes in ihm erwachte.
„Ich habe in all der Umsteigeaufregung noch gar nicht Gelegenheit gehabt, mich vorzustellen“, sagte er bemüht, das trübe Schweigen zu brechen, in das sein Gegenüber versunken. „Gestatten Sie, dass ich es jetzt nachhole: Rodenhausen. Aber damit können Sie noch gar nichts anfangen“, meinte er lächelnd, „nun, wir werden auf dieser Reise noch Zeit und Musse genug haben, miteinander zu plaudern — und ich hoffe, dass Sie, wenn ich Ihnen erst mehr von mir erzählen durfte, Vertrauen zu mir haben werden und mir gestatten, Sie ein wenig zu umsorgen — ich könnte ja schon Ihr Vater sein“, fügte er hinzu, als das junge Mädchen ihn mit einem scheuen Blick musterte. Da war wieder dieser dunkle Augenaufschlag, dieses Scheue und dennoch Feste im Blick, dieses schnelle, flügelgleiche Zucken der hochgestellten feinen Brauen, — er musste wissen, wer diese Unbekannte war mit dem Gesicht, das ihn so bekannt und vertraut anmutete.
„Wollen Sie mir nicht auch sagen, wer Sie sind, mein gnädiges Fräulein?“ bat Rodenhausen und sah die Gefährtin herzlich an, „ich wüsste gern mehr von Ihnen, Sie erinnern mich an jemanden, den ich vor langen Iahren Iahren kannte, und der mir sehr nahegestanden hat.“
Seine Stimme war weich und gütig, und in seinen Augen lag eine ernste Bitte.
„Ich — ich bin Ihnen so dankbar“, das junge Mädchen sprach stocken, „Sie sind so gut zu mir, und ich bin es nicht gewöhnt, dass man mir soviel Interesse zeigt. Ich war fast immer allein. Und nun hab’ ich auch noch meinen Vater — —“, ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Rodenhausen erschrak: Was hab’ ich da angerichtet! Jetzt erst kam es ihm klar zum Bewusstsein, dass das junge Mädchen in Trauer war. Er ergriff mit aufquellendem Mitleid die kleine, blasse Hand:
„Bitte, sprechen Sie nicht, ich fühle, es wird Ihnen schwer.“
„Nein, nein, Herr — Rodenhausen. Es ist schon wieder vorbei.“
Es hatte etwas Rührendes, dies Bemühen um ein Lächeln, das nicht recht glücken wollte, „ich zeige mich hier als ein ganz anderer Mensch, wie ich in Wirklichkeit bin, o, ich bin wirklich nicht verweichlicht“, unwillkürlich reckte sie sich, als wollte sie beweisen, wie tapfer sie wäre, „das durfte ich auch als meines Vaters Tochter nicht sein. Er liebte es, wenn man tapfer war.
Er hat mich aufgezogen wie ein Junge. Ganze Tage bin ich mit ihm geritten von einem Bergwerk im Ural zum anderen. Bis nach Jekaterinenburg. Dort besass er Steinschleifereien für die Steine, die in seinen Bergwerken gefunden wurden. Auch auf die Jagd hat er mich mitgenommen. Er vergass manchmal ganz, dass ich ein Mädchen war. Für ihn war ich immer ein Junge. Er hatte sich damals nämlich einen Jungen gewünscht. Das hat er mir oft erzählt. Und ich glaube, er hat es die Mutter auch fühlen lassen, dass er enttäuscht war. Das weiss ich von der alten Wasja, meiner Kinderfrau“, sie verwirrte sich plötzlich und wurde rot, „aber das interessiert Sie sicher gar nicht, Herr Rodenhausen. Und es ist auch gar nicht recht von mir, dass ich — wenn Mutter noch lebte, würde ich ganz gewiss immer wissen, was ich sagen darf und was nicht.“
„Also Ihre liebe Mutter ist auch tot?“
„Schon sehr lange. Wohl zehn Jahre. Und Vater, Vater — haben sie vor vierzehn Tagen — erschossen“, endete sie leise.
Plötzlich wurde ihr Gesicht von einer tödlichen Blässe überzogen. Die Augen schlossen sich, der Kopf fiel zurück, der Körper drohte von der Bank zu gleiten.
Rodenhausen griff zu, bettete die Ohnmächtige auf der Bank.
Einen Augenblick ruhte der Kopf des jungen Mädchens auf seinem Arm. In tiefer Rührung, in eindringlichem Forschen schaute er auf das süsse Gesicht. Konnte das Leben so seltsam spielen? Wie vertraut waren ihm doch diese reinen Züge. Vorsichtig bettete er ihren Kopf tief und rieb ihr die Schläfe nit Kölnisch-Wasser, das er schnell seinem Handkoffer entnahm. Nun öffnete er das Fenster einen Augenblick. Von dem kalten Luftzug getroffen, öffnete das Mädchen die Augen.
„Nur eine kleine Ohnmacht, gnädiges Fräulein“, sagte Rodenhausen sofort beruhigend.
Schon richtete sich das Mädchen auf.
„Herr Rodenhausen, verzeihen Sie, ich bin eine sehr unbequeme Reisegefährtin! Mir fällt ein, ich habe in den letzten zwei Tagen kaum etwas gegessen. Es war alles so fürchterlich.“
„Aber, liebes, kleines Fräulein, da brauchen wir uns ja gar nicht zu wundern, meinen Sie, dass ich als Mann das aushalten würde?“ Er verbarg Sorge und Erschütterung unter einem gewollt harmlosen Ton. „Nein, noch nicht aufstehen, so, jetzt legen Sie sich noch ein paar Minuten hin, damit Sie mir nicht etwa umkippen, während Sie allein sind, und ich gehe rasch, uns im Speisewagen zwei Plätze bestellen. Sie sollen einmal sehen, wenn Sie erst etwas Warmes im Magen haben, dann sind Sie gerade wieder so ein tapferes Mädel wie vorher.“
Sie streckte sich gehorsam und dankbar lächelnd auf dem Polster aus, während Rodenhausen in Richtung Speisewagen verschwand.
Er rannte mehr die Gänge der Wagen entland, als er ging — man durfte das junge Mädchen nicht so lange allein lassen. Herrje, habe ich denn beim Einsteigen ganz übersehen, dass wir so weit vom Speisewagen entfernt sind? Das ist dumm, dass das kleine, schwache Mädel nachher so weit rennen muss. Vielleicht kann ich erreichen, dass man uns im Abteil serviert. Rodenhausen merkte selbst gar nicht, wie besorgt er um seine junge Reisegefährtin war. Er war so in den Gedanken an sie befangen, dass er fast zusammenfuhr, als leises Flüstern an sein Ohr drang. Da, wo der Wagen die Biegung machte, rechts zum Waschraum, standen zwei Männer in der Tracht russischer Dörfler, nur ihre Gesichter hatten ausgesprochen mongolische Züge.
„Auf der Brücke, vor dem Viadukt“, hörte Rodenhausen. Als er unvermutet neben ihnen auftauchte, brach das Gespräch ab. Angelegentlich sahen die Männer an ihm vorbei. Nachdenklich ging er zum Speisewagen.
Als er zurückkam, waren die Männer verschwunden.
Endlich war er auch wieder an seinem Abteil angelangt. Das kleine, hilfsbedürftige Fräulein — sie hatte ihm bei allem Erzählen noch nicht einmal ihren Namen genannt — sollte nicht so lange allein bleiben. Ob sie wohl einen nordischen Vornamen hatte?
Er bemühte sich, die Erregung seiner Gedanken zu meistern.
Leise näherte er sich der Tür. Vielleicht war das kleine, junge Ding wieder eingeschlafen. Aber eine harte Stimme tönte ihm entgegen. Das junge Mädchen stand mit dem Rücken zur Tür. Vor ihr ein Mann, der seine kleinen, dunklen Augen mit frecher Neugierde über die zarte Schönheit des Mädchens gleiten liess. Jetzt trat der Mann näher. Angstvoll wich das Mädchen zurück. Aber schon war Rodenhausen neben ihr. Barsch trat er an den russisch sprechenden Menschen heran.
„Sie wünschen, mein Herr?“
Das überraschte Gesicht des Russen wurde feindlich.
„Ich bin Beamter. Hier mein Ausweis. Zeigen Sie Ihr Gepäck.“
„Unser gesamtes Gepäck ist bereits in Manschuli revidiert worden. Ich denke, das genügt. Seit wann werden denn die Reisenden zweimal belästigt? Sollte das vielleicht nicht dienstliche, sondern private Gründe haben?“
Dabei ging sein nicht misszuverstehender Blick von dem Gesicht des Russen zu dem lieblichen des jungen Mädchens, das angstvoll von einem zum anderen sah.
Rodenhausen machte sich in seiner Erregung die Unvorsichtigkeit seines Handelns nicht klar. Der ganze Kerl da vor ihm reizte ihn. Die Art, in der er das Mädchen und nun auch ihn musterte, trieb ihm die Zornesröte ins Gesicht.
Statt einer Antwort riss der Kommissar die sorgfältig verpackten Vermessungsinstrumente aus dem Gepäcknetz.
„Was bedeutet das?“ fuhr er Rodenhausen an.
„Das sind meine Vermessungsgeräte, ich bin geologischer Forscher, wenn Sie wissen, was das ist. Seit drei Iahren treibe ich unbehelligt meine Forschungen in der Mandschurei, Bodenbeschaffenheit, Bodengehalt usw. interessieren mich. Mit ihrem Krieg hier habe ich nichts zu tun. Ich reise jetzt nur nach Deutschland zurück, weil mir durch den Kriegszustand das Innere des Landes versperrt ist.“
„Wo das ist, wird noch mehr Verdächtiges sein“, sagte höhnisch und unverschämt der Kommissar, als ob er Rodenhausens Worte überhaupt nicht gehört hätte. „Handtasche aufmachen!“ Er riss Rodenhausen den Schlüssel aus der Hand und durchwühlte rücksichtslos den Handkoffer.
Am Boden der Tasche in Futter hatte Rodenhausen die Papiere verwahrt, die der kleine Amerikaner ihm im letzten Moment mitgegeben hatte. Ihr Knistern machte den Kommissar aufmerklam.
„Ah —“, er hielt triumphierend die Papiere in der Hand —, „Ihre Aufregung ist mir jetzt durchaus begreiflich, mein Herr.“
„Was erlauben Sie sich mit dieser Andeutung?“
„Das wird Ihnen sehr bald klar sein, wenn Sie an der nächsten Station mit mir aussteigen.“
Das junge Mädchen schrie auf. Ein Pfeifen, ein jäher Ruck, Bremsen knirschten, der Zug stand, — Dunkelheit, Geschrei, Schüsse, Menschen stürzten, Koffer flogen, — das junge Mädchen flog auf die Bank, der Kommissar zu Boden, Rodenhausen auf ihn. Mit einem Griff entriss der Fürst dem Russen seine Papiere und barg sie unter dem Hemd auf der Brust.
Der Kommissar erhoh sich, rannte in das Dunkel hinaus.
Rodenhausen zog seine Gefährtin aus dem Abteil, — „alles stehen lassen, bücken“, flüsterte er ihr zu, dann riss er mit der einen Hand jene Tür auf, die auf der anderen Seite der Bahnstrecke ins Dunkel führte. Mit der anderen Hand griff er nach seinem Revolver in seiner Tasche.
Kaum waren sie draussen, als sich in den Gängen des Zuges ein ungeheurer Tumult erhob. Man sah durch die erleuchteten Fenster ein Gedränge von Menschen, erhobene Revolver, hörte Schüsse knattern.
Rodenhausen und das Mädchen lagen in nachtschwarzer Dunkelheit draussen neben dem Zug an Boden.
„Kriechen“, flüsterte Rodenhausen, „dort bis an die Böschung kriechen.“
Atemlos, lautlos schoben sie sich, auf dem Bauche liegend, bis zum Abhang vorwärts.
„Herunterrollen, langsam, vorsichtig, bleiben Sie dicht neben mir, so, geben Sie mir Ihre Hand, dort bis zum Gestrüpp.“
An dem Unterholz machten sie halt, Rodenhausen hob ein wenig den Oberkörper vom Boden, um Umschau zu halten, soweit es bei dem begrenzten Blickfeld und der Finsternis möglich war. Verdammt, dass es zum Abend ging.
„Können Sie aufstehen, sind Sie verletzt?“ flüsterte er immer noch dem Mädchen zu.
„Nein“, gab sie flüsternd zurück.
„Also vorwärts ―“, Rodenhausen ergriff ihre Hand und rannte mit ihr bis zu dem nahen Walde. Dort, durch die ersten Bäume verdeckt, blieben sie erschöpft stehen.
„Armes Kind“, er fuhr ihr zart über das Haar, „keine Angst haben, ich schütze Sie. Können Sie noch?“
Sie zitterte vor Kälte und Uebermüdung. Rodenhausen zog seinen Rock aus und hing ihn ihr trotz ihres leisen Wehrens um.
„Soll ich Sie ein Stück tragen? Hinsetzen einen Augenblick? Nein, nein, Kind, das geht nicht. Sie könnten sich den Tod holen. Wir müssen weiter! Wer weiss, welchen Rückweg diese Räuberbande, die den Zug überfallen hat, nimmt. Wir müssen uns sichern.“
Er unterbrach sich, er fühlte, wie der Kopf des Mädchens an seine Schulter gesunken war. Sie war völlig ermattet. Schlief sie? Behautsam nahm er sie auf die Arme, ― für den grossen, kräftigen Mann war das zarte Wesen keine schwere Last, wenn er auch mit seinen 53 Jahren nicht mehr der Jüngste war ― alles, was an väterlichen Gefühlen in ihm lebte, und was durch die Verhältnisse unnatürlich zurückgedrängt worden war, strömte zu diesem jungen Geschöpf hin. Die verschiedensten Empfindungen stritten in ihm. Karen? Wieder übermannte ihn die Erinnerung, und seine Lippen formten lautlos den einst geliebten Namen. Ja, du bist es, Karen ― vor fünfzehn Jahren warst du es, und jetzt bist du es genau so wieder ―
Sie rührte sich und rieb sich etwas erfrischt die Augen. Er stellte sie vorsorglich hin.
„Können Sie nun wieder ein kleines Stück gehen, mein Kind? Sehen Sie, nur bis dorthin, wo die Lichter sind, es wird nicht weiter als zehn Minuten sein. Stützen Sie sich nur fest auf mich.“
„Es geht schon wieder“, sagte sie beinahe munter, „Herr Rodenhausen, was wäre ohne Sie mit mir geschehen?“
Kind, jetzt mal gar nicht rückwärts denken, das hat eben alles so sein sollen. Wir wollen nur froh sein, dass wir überhaupt noch leben und sogar mit heilen Knochen ― diese kleinen, lieben, aufgerissenen Hände machen wir auch ganz rasch wieder heil“, dabei nahm er sie ganz zart und vorsichtig in die seinen, „und nun überlassen Sie mir auch erst mal die weitere Sorge für alles. Das dort scheint ein Bauerngehöft zu sein. Sie wissen ja, der russische Bauer ist gutmütig, man wird uns sicher gern beherbergen.“
Aber sie waren kaum eine Viertelstunde gewandert, als Rodenhausen fern auf dem Bahngleise einen Gegenzug in rasender Eile herankommen sah. Er bestand nur aus einer Maschine und zwei Wagen.
Rodenhausen nahm den Feldstecher vor die Augen:
„Tatsächlich, ein Militärzug, ich sehe Maschinengewehre, die Banditen scheinen die Telegraphenlinie nicht zerstört zu haben, und einer der Zugbeamten hat Hilfe signalisieren können. Wir werden noch ein wenig abwarten, dann können wir uns langsam wieder an die Eisenbahnlinie heranpirschen. Mut, bald kommen Sie zur Ruhe, Fräulein ―“ er stockte.
„Astrid“, ergänzte das junge Mädchen, „Ich heisse Astrid Sjörberg.“
Rodenhausen blickte sie voll und so erstaunt an, als ob er sie zum ersten Male sähe, dann aber nickte er langsam mit dem Kopf, als hätte er diese Worte erwartet. „Karen?“ er flüsterte es fast lautlos, ohne dass er es musste.
„Karen?“ Astrid sah ihn erschreckt an. „So hiess meine Mutter. Woher wissen Sie es?“
„Ich habe Ihre Mutter ― ― das erzähle ich Ihnen später, wenn wir erst zur Ruhe gekommen sind.“
Rodenhausen riss sich zusammen: hier galt es, eine junge Seele zu schützen und ihr die Ereignisse der Vergangenheit zu schildern, dass man sie nicht erschreckte.
„Nun kommen Sie, mein Kind ―.“ Er führte sie sorgsam wieder der Bahnstation entgegen.
Dort war alles, wie er vermutet. Die Behörden hatten von dem Ueberfall auf den Sibirien-Express erfahren und einen bewaffneten Zug gesandt. Die Banditen hatten daraufhin die Flucht ergriffen, und nach einigem Schiessen, Lärm und Tumult war der Transsibirien-Express zur Aufnahme der Reisenden bereit.
Drittes Kapitel
Wenige Stunden später fuhr man bereits wieder, als wäre nichts geschehen, dem europäischen Russland entgegen.
In Astrids Seele brannten die Fragen nach dem Zusammenhang zwischen Rodenhausens Leben und dem ihrer Eltern. Es war, als ob sie während der letzten Stunden an nichts anderes gedacht hätte.
„Sie sprachen von meiner Mutter, Herr Rodenhausen?“
„Ja, ich habe Ihre Eltern gekant, Astrid. Ich habe Ihnen erzählt, dass ich Forscher bin, es hat mich merkwürdig oft nach diesem Land hier gezogen, weiter hinein nach China mit seinen geheimnisvollen Menschen. Vielleicht ist es dem Forscher eigen, alles Geheimnisvolle ergründen zu wollen ― so zogen mich ausser dem Land hier auch dessen Bewohner an in ihrer Undurchdringlichkeit. Vor fünfzehn Jahren war es, ich war damals zwei Jahre lang in der Mandschurei, da hatte ich von den Bergwerken Jhres Vaters gehört und hatte ihn schriftlich gebeten, sie besichtigen zu dürfen. Er antwortete mir freundlich und lud mich ein. Er zeigte wohl immer mit Stolz seinen Besitz?“
Astrid nickte.
„Aber am ersten Tag gleich, als ich mit Ihrem Vater von dem einen Werk zum anderen ritt, stürzte ich mit dem Pferd und erlitt einen Knöchelbruch. Es war mir sehr peinlich ― zum erstenmal bei fremden Menschen. Ihre Mutter hat mich rührend gepflegt, Astrid ― Sie waren damals ein ganz kleines Mädchen, so zwei oder drei Iahre. Sie müssen jetzt siebzehn oder achtzehn Jahre sein ― stimmt es?“
„Im nächsten Monat werde ich achtzehn“, sage Astrid träumend und ebenso weiter: „Haben Sie gleich gewusst, wer ich bin? Alle sagen ich sähe Mutter so ähnlich. Und Sie waren gleich so ― so merkwürdig ― so gut zu mir?“
„Ob ich es gleich gewusst habe? Ich weiss es nicht, die Erinnerung ― ja, ich ahnte es wohl. Ich wäre wohl jeder Dame gegenüber ritterlich gewesen“, lächelte Rodenhausen, „aber ja, Sie haben recht, Sie haben das sicherlich empfunden, zu Jhnen zog es mich besonders. Es muss wohl irgend etwas in usn sein, ― ― ich bin Jhren Eltern zu grossem Dank verpflichtet“, sagte er plötzlich fest und bestimmt, als fürchte er, sich in Sentimentalität zu verlieren. „Es war ein aufregender Tag heute für uns beide“, meinte Rodenhausen jetzt väterlich, „wohl am aufregendsten durch die Erinnerungen, die in uns aufgewühlt wurden. Viel, viel müssen Sie mir noch erzählen, mein Kind. Ich hoffe, Sie werden es jetzt mit vollstem Vertrauen tun, besonders, wenn ich Ihnen über meine Person volle Aufklärung gegeben habe. Aber wenn Sie es zu sehr erregt, viel von der Vergangenheit zu sprechen, ― dann sagen Sie mir nur kurz die letzten Ereignisse und in welcher Lage Sie jetzt sind. Vor allem möchte ich aber wissen, wie Sie sich Ihre Zukunft gedacht haben, ob Sie wieder in Ihre Heimat zurück wollen, Denken Sie nicht, dass dieser fremde Mann hier sich in Ihr Vertrauen drängen will, Astrid“, er fasste ihre Hände, und sie liess es ergriffen geschehen, ―„ich fühle mich Ihnen nicht fremd, und ich spüre, dass Sie einen Menschen brauchen. Aber jetzt gehen Sie schlafen, Kind, Sie brauchen dringend Ruhe, morgen wollen wir alles besprechen.“
Astrid schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte sie, „ich kann jetzt doch nicht schlafen, Herr Rodenhausen, ich bin nach allem, was gewesen ist, und was Sie mir erzählt haben, zu erregt. Kein Mensch kann je besser zu mir sein, als Sie es heute zu mir waren, ― Sie haben meine Eltern gekannt, meine Mutter. Sie müssen mir von meiner Mutter erzählen. Aber vorher will ich Ihnen erzählen, was ich vorhabe. Sie sollen mir sagen, ob ich recht tue. Dann will ich auch gleich schlafen gehen, und ich glaube, ich werde so gut schlafen, wie seit langem nicht.“
Lange sassen die beiden noch zusammen in dem Abteil des D-Zuges. Und Astrid erzählte. Erzählte, wie die Erinnerung an die Mutter sie nie verlassen, und wie sie sich immer nach ihr gesehnt hatte. Gewiss, sie hatte den Vater sehr lieb gehabt, und der Vater liebte sie, aber er hatte sie innerlich doch allein gelassen. Er was überzeugt gewesen, dass es seinem Mädel gut ginge, seinem Jungen, wie er sie immer nannte. Sie hatte ja alles, was sie wollte, ― und er war sehr stolz darauf, wie mutig sie war, wie forsch, wenn sie mit ihm durch die Wälder ritt. Dass sie mehr brauchte, dass dem Kinde die wetche, führende Hand fehlte, das später diese junge Frauenseele litt, an sich und ― an anderen, das fühlte er nicht. In den letzen Monaten hatte sie den Vater kaum gesehen. Sorgen waren zu ihm gekommen, eines der grössten seiner Werke lag still. Er war viel in die alte Heimat nach Schweden, um wegen Weiterausnutzung des Bodens im Ural wirtschaftliche Verhandlungen zu führen. Sie war oft in Angst. Man sagte, dass die Arbeiter, die Vater entlassen hatte, ihm Rache geschworen hätten. Vor zehn Tagen brachte man ihr den Vater erschossen ins Haus. Ein junger Ingenieur, Torsten, Redderson, auch ein Schwede, der dem Vater treu bis zuletzt zur Seite war, hatte ihr versprochen, alles so gut wie möglich zu ordnen. . . Ja, wenn Torsten Redderson immer im Hause gewesen wäre! Aber er hatte ja die Aufficht über die anderen Werke, während der Vater das Hauptwerk geleitet, in dessen Nähe sie wohnten. Redderson kam allerdings oft für viele Tage, um dem Vater Bericht zu erstatten oder Pläne mit ihm auszuarbeiten, und das waren immer Lichtblicke für sie gewesen. Denn Torsten verstand sie in vielem, sie waren eigentlich richtige Kameraden geworden. Und sie war immer trauig, wenn er wieder fortfuhr.
Der Fürst hatte Astrid bis jetzt nicht unterbrochen, er fühlte, dass sie sprechen musste, dass sie sich freisprach, ja, ― und seine Gedanken gingen zurück zu Karen, ― so hatte ihre Tochter gelitten, so, wie sie selbst. Er seufzte auf: O, hätte er Karen doch geben dürfen, was ihr Mann ihr verwehrt hatte, das Sichausgeben in Liebe und Weichheit, die ganze Leidenschaft eines reichen Gefühls! Aber es hatte nicht sein dürfen. So war ihre gegenseitige Liebe wie eine Blüte gewesen, die nie zu voller Entfaltung gelangt. Kurz war ihr Zusammensein nur gewesen. Er erinnerte sich, er hatte damals Familienverhältnisse halber nach Deutschland zurück gemusst und sich danach einer Expedition angeschlossen, die nach Tiflis ging. Aber Karen musste gewusst haben, dass er sie nicht vergessen hatte, denn von Zeit zu Zeit schickte er Grüsse an sie und schrieb, dass es sein Ziel sei, bald wieder in den Ural zu kommen. ― Antwort hatte er nie erhalten. Und eines Tages erreichte ihn die Todesanzeige von Karen Sjörberg, die ihr Mann ihm nach Schloss Rodenhausen geschickt hatte. ―
Astrid erzählte, und in Rodenhausen erstand neu eine kurze, klingende Strecke seines Lebens, die ein Stück zu seiner inneren Menschwerdung gewesen war. ― Jetzt aber horchte der Fürst auf:
„Der junge Ingenieur will alles für Sie ordnen, mein Kind, und Sie fliegen jetzt einfach in die Welt, wohin? Haben Sie gar keinen Anhang, Verwandte, Freunde in Russland oder anderswo, die sich mit Rat und Tat Jhrer annehmen konnten?“
Astrid schüttelte den Kopf:
„Nein, der Pope aus dem Dorf in unserer Nähe hat den Vater begraben. Er ist ein guter Mensch, sonst hätte er es wohl nicht getan, denn Vater war doch nicht griechischkatholisch, wie Russen. Sonst weiss ich nichts. Vater hat sehr zurückgezogen gelebt, nur seinen Bergwerken und seiner Jagd. Ich habe, bis ich sechzehn Iahre alt war, einen Erzieher und Lehrer gehabt. Der hielt wohl auch nur bei uns in der Einsamkeit aus, weil Vater ihn gut bezahlt hat. Nachher ist er auch nach Omsk zurückgegangen. Aber ich weiss, dass wir Verwandte in Schweden haben, besonders von Mutters Seite. Da habe ich in Vaters Schreibtisch Briefe gefunden. Vater hat mir nie von diesen Briefen gesagt. Aber dort will ich jetzt hin. Ingenieur Redderson hat mir Geld gegeben, und er hofft, dass Vaters grosses Werf wieder in Gang kommt, und er mir dann immer Geld schicken kann, und dass ich wieder zum Ural zurückkomme“, sie seufzte nachdenklich, aber sie riss sich von ihren Gedanken los. „Aber denken Sie nicht, dass ich nur träume. Ich weiss, dass mein Leben unmöglich so weitergehen kann wie bisher, ich sehne mich danach, irgend etwas zu leisten, aber sicher muss ich noch sehr viel lernen. Glauben Sie nicht auch, Herr Rodenhausen, dass die Verwandten in Schweden mir da helfen und raten werden?“
Sie blickte wie ein vertrauendes Kind zu ihm auf.
„Ich denke es“, erwiderte der Füfst, „aber ich kenne Ihre Verwandten und deren Lebensumstände und Lebenseinstellung nicht. ― Aber diese wenigen inhaltsschweren Stunden unseres Zusammenseins genügten mir, um Sie kennen-zulernen, mein Kind.“
Astrid sah ihn fragend an.
„Nein, nein, nicht bis in den kleinsten Winkel Jhres Herzens, so überheblich bin ich nicht, das zu glauben“, fuhr Rodenhausen fort. „Aber Sie sind mir nicht fremd, Astrid, Ihr Wesen ist mir so vertraut, ich habe unendlich viel von Ihrer Mutter in Ihnen wiedergefunden. Lassen Sie uns nicht heute abend, nicht morgen, Ihre Zukunft endgültig besprechen, nicht hier, ruhen Sie erst einmal von der Vergangenheit aus, sammeln Sie sich innerlich, und lassen Sie uns dann zusammen die Wege beraten, die Sie in Zukunft gehen werden. Ich biete Ihnen mein Haus an, liebes Kind. Sie werden in meiner Frau eine Mutter finden, keine so weiche und zarte, wie Ihre war, aber doch eine gütige. Und dann, ich habe eine Tochter, die ein Iahr älter ist als Sie, ― ja, ja, kleine Astrid, Sie sehen mich ungläubig an, aber Ihr Ritter ist ein alter Mann, ― nicht immer“, lächelte er, als sie drollig nd energisch verneinend den Kopf schüttelte, „Ihnen gegenüber aber leider doch. Meine Vikn ― das ist nämlich meine Tochter ― ist ein recht energisches Mädchen. Ganz modern ist sie mit einem richtigen Beruf. Ich denke, Sie werden sich an sie anschliessen, sich gut mit ihr verstehen, ― ich kenne Viky zwar so wenig“, setzte er mehr für sich hinzu. Und plötzlich durchfuhr ihn ein innerlicher Schmerz: erging es Viky mit ihm nicht ähnlicht, wie es Astrid mit ihrem Vater ergangen war? Aber wer war hier der Schuldige? ― Sollte dieses Kind hier vielleicht ihm vom Schicksal in den Weg geschickt sein, sollte es das Bindeglied werden zwischen ihm und seiner Familie? Nein, nicht um ihn ging es, es ging um Astrid. „Und Ihre gewohnte Freiheit brauchen Sie bei uns nicht zu entbehren, kleine Astrid“, fügte er hinzu, „einen Ural finden Sie zwar nicht, dafür brauchen Sie aber auch nicht den Dolch im Gürtel zu tragen, wenn Sie durch unsere Wälder reiten. Sicher werden Sie ihn bald lieben, unseren schönen deutschen Wald. Meine Besitzung liegt mitten in Thüringen ― ja so, ich habe mich Ihnen nicht mal richtig vorgestellt, und darauf haben Sie doch ein Anrecht, wenn ich Ihnen meinen Schutz anbiete, nicht wahr, kleines Mädchen? Also: Fürst Theodor von Waldburg-Rodenhausen“, sagte er fast leichthin und ohne Wichtigkeit, gerade, als wolle er Astrid mit seinem Titel nicht erschrecken.
Sie nahm auch ganz natürlich und ohne Scheu seine Vorstellung auf.
„Wir gelten zwar heute im armen Deutschland nicht mehr viel“, sagte Rodenhausen einfach, „aber vielleicht wird es mir durch meine Beziehungen, die ich grossenteils allerdings meinem Forscherberuf zu verdanken habe, und meiner Kenntnis Ihres Vaterlandes, doch leichter als manchem anderen sein, auch Ihre wirtschaftlichen Angelegenheiten zu ordnen.
― Jetzt führe ich Sie aber wirklich in den Schlafwagen, ― es ist nach Mitternacht ― schlafen Sie bis in den Tag hinein. Wenn Sie aufwachen, ist ohne Ihr Zutun Ihr Schicksal schon ein Stückchen weitergerollt, ich schreibe jetzt noch an meine Frau, dass ich eine kleine Tochter mit nach Hause bringe. Darf ich es tun?“
Astrid war zu bewegt, um sprechen zu können. Sie gab nur Rodenhausen fest beide Hände wie zu einem Bündnis.
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Biertes Kapitel
Das Schloss lag überwältigend schön. Wie herausgewachsen aud dem waldigen Berg, den es krönte, beherrschte es das Land, beherrschte die kleine, bunte Stadt, deren malerische Häuser sich an seinen Fuss lehnten, als suchten sie Schutz. Auf den beschneiten Berggipfeln lag Vorfrühlingssonne. Sie spiegelte sich in den langen Fensterscheiben des Schlosses.
Ueber eine feine Handarbeit gebeut, fass die Fürstin in dem hohen Armstuhl ihres kleinen Boudoirs. Der erhöhte Erker hier war ihr Lieblingsplatz. Man konnte über die breite Schlossterrasse hinweg, die dem Publikum freigegeben war, weit ins Land hinein sehen, in das Land, über das man einst glücklich geherrscht hatte, dessen Menschen einem zugetan waren.
Gut, dass es Frühling wurde! Die grauen Herbst- und Wintertage hatten die Gedanken noch schwerer und lastender gemacht. Jetzt schien alles licht werden zu wollen. Oder war es nur der Wunsch in ihr, dass es lichter werden möge? ― Man musste es sich eingestehen, man sah der kommenden Zeit mit Unruhe entgegen, wenn nicht sogar mit Angst. Sehnte sie sich eigentlich nach Theodor? Sie musste es selbst nicht. Ja und nein. In ihrem Innern war ja immer die Liebe zu ihm, die sie unter ihrer angenommenen Kühle verbarg. Aber was ihr äusseres Leben anlangte, so hatte sie sich daran gewöhnen müssen, allein zu sein.
Von Anfang ihrer Ehe an war Theodor in der Welt herumgefahren. Hätte er das wohl auch getan, wenn er eine Frau aus wahrer Liebe geheiratet hätte? Dies Wissen, dass Theodors Wahl mehr von äusseren Rücksichten auf Familie und Stellung bestimmt gewesen, als aus innerer Neigung, dies Wissen war der wunde Punkt im Leben der Fürstin. Ihr Mann schätzte sie hoch. Das musste Dorothee. Sie war ihm immer eine verständnisvolle Gefährtin gewesen. Sie hatte im Geiste teilgenommen an seinen Forschungsreisen, an den wissenschaftlichen Arbeiten, in denen er diese Reisen zusammenfasste. Im Geistigen war sie mit ihm gegangen. Aber was war sie ihm als Frau? Die Leidenschaft des Mannes in ihm, sie hatte ihr nicht gehört. Das war das Bitterste im Leben dieser Frau mit ihrem herben Stolz. Die Fürstin hatte oft darüber nachgedacht, ob es nicht doch an ihr gewesen wäre, ihrer Ehe eine andere Richtung zu geben, die Richtung, die ihr Herz von Anfang an ersehnt hatte. Mit Weichheit und Liebe war Theodor zu nehmen. Das hatte sie längst erkannt. Aber sollte sie ihm die Hand bieten? Sie wusste ja, nur Konvention hatte ihn vor fast dreissig Jahren um sie werben lassen. Wäre es nicht an ihm gewesen, das Konventionelle ihrer Beziehungen zu durchbrechen und ihr zu sagen, dass sie ihm mehr geworden? Manchmal hatte sie es zu hören geglaubt. Aber misstrauisch, wie sie gegen sich selbst war, hätte sie seine Bestätigung gebraucht. Und doch, vielleicht hatte sie falsch gehandelt. Vielleicht hatte sie sich zu sehr vor ihm verschlossen.
Frau Dorothee seufzte. Dass diese widerstreitenden Gefühle immer noch in ihr lebten! Dass sie seit fast dreissig Jahren immer noch nicht schweigen wollten! Und doch war es ein gutes Zeichen. Besser Leben und Bewegung, Zwøifel, Sorge und Hoffnung als das Gefühl, dass alles tot in einem war.
Ihre Gedanken wandten sich der Gegenwart zu. Wie lange würde Theodor jetzt wohl in Deutschland bleiben? Er hatte viel in seinen letzten Briefen von dem fremden Land und seinen Forschungen erzählt. Aber für seine nächsten Zukunftspläne hüllte er sich in Stillschweigen. Er war ein Mensch, der sich nie gern festlegte. Vielleicht war ihm auch etwas bange vor der Rückkehr in die Heimat, die ihm nie im vollsten Sinne des Wortes Heimat gewesen war! Heute oder morgen konnte das Telegramm kommen, das seine Rückkehr meldete. Jedenfalls würde Leben mit ihm in das stille Schloss einziehen. Theodor war ein Freund der Menschen. Er zog gern Menschen zu sich heran. Ohne dass er es wollte, wurde er durch seine Art zum Mittelpunkt eines jeden Kreises. Er war es gewesen, der den engen gesellschaftlichen Ring durchbrochen, in dem man innerhalb der Standesgenossen gelebt. Wissenschaftler und Künstler waren oft wochenlang Gäste auf dem Schloss.Und Dorothee, die klug und intelligent war, nahm die Anregungen, die diese Menschen ihr gaben, mit in die einsameren Jahre hinein, die es durch Theodors langdauernde Abwesenheit immer wieder für sie gab. Wohl unterbrach sie diese Einsamkeit durch Reisen, die ihr ihre äussere und innere Unabhängigkeit gestatteten. Aber es zog sie doch immer wieder zurück nach Schloss Rodenhausen. Sie war ein Mensch, der die innere Geschlossenheit sich nur erhalten konnte in der äusseren Geschlossenheit des Daseins. War sie allzulange unterwegs in Hotelzimmern zwischen täglich wechselnden Menschen und der Vielfachheit der äusseren Eindrücke, so überkam sie leicht erwas wie Lebensangst. Sie fühlte dann die jahrelange Trennung von Theodor um so mehr. War sie dagegen in Rodenhausen, so war es ja die auch ihm vertraute Umgebung, die sie wenigstens in dieser Weise mit ihm verband. Und sie wusste, dass seine Gedanken, wenn sie zu ihr gingen, sie in dem Rahmen fanden, den auch er kannte.
Vikn leider hatte wohl etwas von dem unruhigen Naturell des Vaters geerbt. Es litt sie nie lange in der Stille von Rodenhausen. Kaum dass sie es zwei, drei Wochen aushielt, dann zog es sie wieder nach München in den lebhaften und freieren Kreis, den sie sich dort geschaffen hatte. Und man konnte nichts dagegen einwenden. Man hatte Viky nun einmal erlaubt, ihr malerisches Talent auszubilden. Das war in der Stille von Rodenhausen nicht möglich. Nun musste man die Folgerungen aus dieser Erlaubnis ziehen. Auch das hätte die Fürstin anders gewünscht. Wie gern hätte sie, einsam, wie sie war, ihre gesamte Liebe und Sorge auf Viky konzentriert, um in ihrer Zärtlichkeit Ersatz zu finden — Ersatz für das, was Theodor ihr nicht gab. Aber vielleicht wäre es auch gar kein Ersatz gewesen. Es gab nichts in der Welt, was für eine Frau Ausgleich schuf für die innere Verbundenheit mit einem Manne. Aber das Leben gewährte einem selten, was man ersehnte. Man hatte sich zu fügen, wenn es auch schwer war.
Die Fürstin riss sich aus ihren Gedanken. Es war sicher noch nicht alles für die Rückkehr Theodors gerichtet. Sie liebte es, selbst an den Vorbereitungen teilzunehmen, die für jeden lieben Gast getroffen wurden. Und diesmal, wo es galt, Theodor zu erwarten, sollte alles besonders festlich sein.
Gerade, als sie sich erheben wollte, klopfte es an die Tür:
„Ah, Sie bringen Post, Josef?“ empfing sie freundlich den Diener, und als sie gesehen hatte, dass der Brief von Theodor war:
„Bitten Sie die Prinzessin zu mir. Ist der kleine Robby im Hause?“
„Nein, Durchlaucht, Fräulein von Brock ist mit Robby in den Wald gegangen.“
„Es ist gut, Josef.“
Die Fürstin vertiefte sich bereits in den Brief ihres Mannes.
So ausführlich schrieb Theodor noch, wo er doch heute oder morgen schon hier sein wollte?
Sie blätterte in den eng beschriebenen Bogen. Hatte Theodor etwa seine Rückkehr verschoben?
Fast erschrak sie, als Viky in ihrer ungestümen Art etwas laut ins Zimmer kam.
„Was ist los, Mama? Josef sagt, es ist Post gekommen. Ist es etwas mit Papa? Kommt er? Wann kommt er? Gott, so ein langer Brief!“
Ein Schatten ging über ihr eben noch so sorgloses Gesicht.
„Wie konnte ich das vergessen, mir fällt ein“, sagte sie angstvoll, „Papa ist ja dort mitten im Kriegsgebiet. Hat er etwa Schwierigkeiten herauszukommen?“
„Nein, nein, das nicht, Kind“, meinte die Fürstin, „aber ich glaube, bei Papa wird es solange er lebt immer Ueberraschungen geben. Obgleich er meistens auf Reisen ist, hält er uns dadurch doch immer in Atem. Es ist drollig, dass er immer erwas Besonderes erlebt. Das kommt wohl, weil er in alle Dinge, die ihm begegnen, und an denen andere vorbeigehen würden, mitten hineinspringt.“
„Mama, du sprichst wirklich in Rätseln“, sagte Viky ungeduldig, „bitte, bitte, lass mich einmal selbst lesen, was Papa schreibt. Oder darf ich nicht?“
„Natürlich darfst du“.
Viky las schweigend.
„Was sagst du zu dem Briefe?“ fragte die Fürstin nach einer Weile.
„Eigentlich fabelhaft von Papa! Richtig jugendlicher Kavalier! Ob das kleine Mädel hübsch ist, das er da so eins, zwei, drei gerettet hat und uns mitbringen will? Er scheint gar nicht lange überlegt zu haben. Hast du eigentlich gewusst, Mama, dass Papa so temperamentvoll ist? Hier wird er nur lebhaft, wenn er auf seine Gesteinsarten und Erdschichten zu sprechen kommt.“
Eine kleine, abweisende Falte erschien auf ihrer Stirn:
„Aber Viky“, sagte die Mutter strafend. „Ich glaube, das ist nicht der richtige Ton, in dem man von seinem Vater spricht.“
„Nicht böse sein, Mutti! Du weisst, ich sag’ immer alles, wie ich denke. Und ich hab’ ja Papa auch wirklich lieb. Wenn ich auch seiner Rückkehr mit etwas gemischten Gefühlen entgegensehe. Wie das nur werden wird mit dieser Astrid, die er uns da bringt? Vielleicht ganz nett. Denn was sonst so an jungen Mädchen hier auf den Gütern herumwimmelt, das ist doch entweder lauter grünes Gemüse, das von Gott und der Welt keine Ahnung hat, oder es sind schon reichlich vertrocknete Dämchen, die mir durch ihr Alter imponieren wollen, weil sie nichts anderes haben,“
„Aber Viky, sei doch nicht immer so leichfertig. Du kannst doch nicht alles in der Welt danach beurteilen, ob es amüsant ist oder nicht.“
„Warum nicht, Mama? Zum mindesten soll man versuchen, alles amüsant zu nehmen. Das andere kommt schon von selbst. Nun, und was diese Astrid anlangt, na, ich werde sie erst mal beschnuppern. Am Ende ist sie auch etwas traurig. Und das könnte mir ja gerade noch fehlen.“
„Ich fasse die Sache mit dieser jungen Astrid Sjörberg doch etwas anders auf. Sie ist eine Waise, die soviel Schweres durchgemacht hat, wie wir es auch nicht im Entferntesten begreifen können. Ich glaube, Viky, wir wollen uns hier mal etwas ernster einstellen und Vaters Wunsch zu erfüllen suchen, der dahin geht, dem jungen Mädchen hier vorübergehend eine Heimat zu geben. Und ich freue mich fast, dass das Fremde, das meistens bei seiner Heimkehr zwischen ihm und uns liegt, durch die Pflichten gemildert werden wird, die er uns in der Sorge um das junge Mädchen aufgibt. —“
Viky umarmte stürmisch die Mutter.
„Du bist die famoseste alte Dame, die es gibt“. und als sie eine Missbilligung auf dem Gesicht der Fürstin sah, fügte sie schnell hinzu:
„Ich weiss, ich weiss, du liebst die studentischen Kraftausdrücke nicht. Also, du bist die süsseste und beste und anständigste Mutter von der Welt. Und immer kriegst du mich wieder herum, wenn ich leichtsinnig bin. Ach, und ich bin das doch zu gern“.
„Ja, und ich fürchte, dass der Aufenthalt in München dich sehr darin bestärkt, liebes Kind“, seufzte die Fürstin, „ich bin ja sehr gerührt, dass du dich immer wieder zu mir bekennst. Vielleicht solltest du deine Liebe nicht zu einseitig nur mir geben.“
„Woher weisst du, dass ich das tue, Mama?“ meinte Viky schelmisch.
„Du weisst schon, was für eine Liebe ich meine“, sagte die Fürstin. „Die andere, die du meinst, ja, mein Kind, da wird wohl auch noch viel mit Papa zu besprechen sein. Aber es hat ja noch gute Weile damit. Du bist noch so jung, und es ist noch lange nicht aller Tage Abend.“
Viky schwieg. Ihr Gesicht zeigte einen leisen Trotz. Sie liebte es nicht, wenn die Fürstin auf dieses Thema kam. Sie war durch das auswärtige Studium sehr selbständig geworden und wollte jetzt immer gern mit dem Kopf durch die Wand. Gerade wollte sie der Mutter etwas unfreundlich erwidern, als ein helles Kinderstimmchen im Nebenzimmer ertönte.
„Tann nicht, tann nicht“, schrie es plötzlich hell und klagend hinter der Tür. Und zwei Fäustchen hämmerten gegen das Holz.
Viky eilte lachend durch das Zimmer und öffnete die Tür.
Der kleine Robby stürzte eilig ins Zimmer herein.
„Omi, Blümchen“, lachte er und warf der Fürstin ein paar zerknitterte Märzveilchen in den Schoss.
„Robby fottelauft“, verkündete er strahlend.
Aber schon kam die alte Erzieherin, Fräulein von Brock, atemlos angekeucht.
„Das gute Kind, das gute Kind! Wie sein Lauf beschwingt ist, wenn es Durchlaucht eine Freude machen kann. Und sei es mit diesen bescheidenen Frühlingsboten“, sagte sie in überschwänglichem Ton.
Die Fürstin und Viky konnten sich kaum das Lachen verbeissen. Sie konnten eigentich an Fräulein von Brocks Komik längst gewöhnt sein. Aber es war immer wieder so unendlich erheiternd, wenn sie in blumiger Romansprache ihre Lebensweisheiten von sich gab.
Man musste sie nun einmal nehmen, wie sie war, mit all ihren komischen und doch so liebenswerten Eigenschaften.
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Fünftes Kapitel
An der Rezeption in der Halle des Königsberger Hotels stand Rodenhausen.
„Sehr wohl, Durchlaucht“, sagte der Geschäftsführer zuvorkommend, „die Koffer zum Berliner Zug. Der Träger mit dem Handgepäck erwartet Durchlaucht eine Viertelstunde vor Abfahrt mit den Platzkarten und den Billets an der Schranke.“
Rodenhausen nickte und verglich seine Armbanduhr mit der grossen Uhr im Vestibül. Dann sah er sich suchend um.
„Fräulein Sjörberg, ist sie noch nict zurück?“
„Das gnädige Fräulein lässt Durchlaucht sagen, dass sie im Schreibzimmer auf Durchlaucht wartet.“
Rodenhausen durchschritt rasch die Halle. Das Schreibzimmer lag gleich nebenan. Astrid sass am Schreibtisch. Rodenhausen umfasste für einen Moment ihre Gestalt und das zarte Gesicht, das jetzt, im Eifer des Schreibens, eine leichte Röte zeigte. Er musste lächeln. Sie schrieb wie ein Kind, die Zunge leicht zwischen den Lippen hin und herschiebend, als sollte sie den Zug der Feder unterstützen.
„Nun, Astrid, noch nicht fertig? In zwanzig Minuten geht der Zug.“
„Schon fertig.“
Astrid setzte rasch die Unterschrisft unter den langen Brief. Es war eine eigentümlich energische Handschrift, die zu dem sonst so zarten Mädchen eigentlich gar nicht passte.
„Es ist nur ein Brief an Ingenieur Redderson“, plauderte sie, während sie sich jetzt von Rodenhausen in den Mantel helfen liess. „Ich habe Angst, dass er schon in Sorge um mich ist.“
„Aber Sie haben ihm doch ein Telegramm geschickt, Kind.“
„Das allerdings, Durchlaucht.“
Rodenhausen drohte lächelnd mit dem Finger. „Schon wieder ,Durchlaucht‘, kleine Astrid? Haben Sie denn unsere Abrede ganz vergessen, nach der ich für Sie ,Onkel Rodenhausen‘ bin? Aber soviel haben Sie diesem Ingenieur Rederson mitzuteilen, stehen Sie denn so besonders nah mit ihm?“
„Ja, Onkel Rodenhausen, ich habe ihm doch unendlich viel zu danken. Er ist wie ein Bruder zu mir gewesen. Und der einzige Kamerad, der mit mir jung, und der mit mir heiter war, der ein wenig zu mir passte. Ich glaube, er wird mich sehr vermissen.“
„Und Sie ihn auch, kleine Astrid?“ fragte der Fürst mit einem leichten Ton. Aber der Ausdruck, mit dem er auf Astrid blickte, war forschend.
Astrid sah versonnen vor sich hin.
„Ich weiss es eigentlich nicht, Onkel Rodenhausen — aber — vielleicht doch.“
Sie hatte den Mund noch ein wenig offen, als wollte sie noch etwas hinzufügen. Aber plötzlich lief ein ganz helles Rot über Stirn und Wangen. Und sie schloss die Lippen so unvermittelt, als wäre beinahe aus ihr etwas herausgedrungen, was sie erschreckt hätte, und was sie nicht sagen wollte.
Rodenhausen schwieg. Da war offenbar irgend etwas, was besser unberührt blieb. Ueberdies war man inzwischen am Bahnhof angekommen. Die Halle war erfüllt von Menschen und Lärm. Dort, an der Schranke, stand auch schon der Hoteldiener mit abgezogener Mütze neben Rodenhausens neuen Koffern, die er für sich und Astrid an Stelle der verlorengegangenen angeschafft.
Mit kindlicher Freude musterte Astrid das Schlafwagenabteil erster Klasse, in das Rodenhausen sie führte.
„So bin ich noch nie gefahren, Onkel Rodenhausen“, meinte sie.
„Nun also, kleine Astrid, dann machen Sie es sich bequem. Schlafen Sie gut und träumen Sie etwas recht, recht Schönes. Morgen früh find wir in Berlin und nachmittags dann zu Hause.“
Rodenhausen schüttelte Astrid herzlich die Hand und wartete, bis sie die Tür des Schfwagenabteils hinder sich geschlossen. Er selbst vermochte noch nicht zu schlafen. Vergangenheit und Zukunft begegneten sich in seinen Gedanken. Er ging in den Speisewagen und sass noch lange bei einem Glase Wein. Der Gedanke, wie ales sich zu Hause gestalten würde, wie sein Schützling aufgenommen werden, und wie er sich in das Leben Rodenhausens hineinfügen würde, erfüllte ihn mit einer gewissen Bangnis. Er dachte an Dorothee, der er nun nach so vielen Jahren der Trennung gleich wieder ein fremdes Element ins Haus brachte. Würde sie gütig genug sein, um seinen Wunsch zu erfüllen? Er hatte in all den Jahren viel an Entsagung von ihr verlangt. Sie hatte es immer geleistet.
Freilich, nie durfte sie erfahren, dass er ihr in Astrid die Tochter jener Frau ins Haus brachte, der seine erste leidenschaftliche Mannesliebe gehört hatte. Karen — er sah sie wieder vor sich in ihrer zarten, beseelten Fraulichkeit. Wie hatte er sie geliebt! Er hatte geglaubt, es nicht ertragen zu können, dass sie an einen anderen gebunden gewesen, als er sie fand. Er hatte es ertragen müssen, aber die Liebe zu Karen hatte immer zwischen ihm und Dorothee gestanden. Die Liebe zu Karen war stärker gewesen als sein Wille, zu Dorothee zu finden.
— — — — — — — — — —
Die Reise und der ganze Aufenthalt in Berlin waren an Astrid wie im Fluge vorbeigegangen. An die Einsamkeit der russischen Heimat gewöhnt, war Berlin wie ein verwirrender Fiebertraum, der sich über sie geworfen. Und sie war glücklich, als sie mit Rodenhausen im Zuge nach Thüringen sass. Astrid konnte sich nicht satt sehen an der Landschaft, die sich vor ihren Blicken veränderte. Die Ebene, in der sich die Grossstädte mit ihren Schloten und Fabriken gedehnt, war in bewegteres Hügelland übergegangen. Diese Landschaft in ihrer Lieblichkeit, hügelig, langsam zu Bergen ansteigend, von Bächen und Flüssen durchzogen, war ihr vertraut.
„Wie schön ist Ihre Heimat, Onkel Rodenhausen“, sagte sie ein über das andere Mal. „Hier ist alles so licht und heiter. Ich glaube, hier müssen auch die Menschen froh sein.“
„Ja, schön ist es hier.“ Rodenhausen sah mit Freude Astrids Entzücken.
„Mir ist, als ob auch ich heute die Lieblichkeit des Landes doppelt genösse. Das macht, weil ich es durch Ihre Augen mitsehe, kleine Astrid. Man wird wieder jung neben einem so jungen Menschenkind.“
Astrid lächelte, und dies schelmische Lächeln veränderte das ernste Gesichtchen in rührender Weise:
„Aber Sie sind doch noch jung, Onkel Rodenhausen. Sie sind so jung wie — wie — manchmal kommen Sie mir so jung vor wie Redderson.
„O, das ist ja ein grosses Kompliment.“
Rodenhausen machte eine kleine, lächelnde Verbeugung.
Aber Astrid fuhr schon harmlos fort, ohne zu wissen, wie sie sich selbst mit diesen Worten verraten hatte:
„Und es ist ja kein Wunder, dass Sie jung sind, denn Sie haben ja Viky, von der Sie mir so sehr viel erzählt haben. Aber von Ihrer Frau haben Sie mir noch so wenig erzählt, Onkel Rodenhausen, und sie ist doch neben Ihnen die Hauptperson im Hause. Wie ist sie eigentlich? Wird sie mich gern haben können?“
Astrids klare, graue Augen sahen vertrauensvoll und erwartend auf Rodenhausen. Der fühlte eine leichte Beschämung.
Wie fein und richtig fülte dieses junge Ding! Wenn sie sagte, dass die Frau die Hauptperson im Hause sein sollte neben dem Mann, zeigte sie ihm unbemusst, auf welchen Platz er Dorothee hätte stellen müssen. Im Hause hatte er das wohl getan. Aber in seinem Herzen hatte er ihr niemals den Platz gegeben, der ihr gebührte. Heute, nach vielen Jahren, schien es ihm, als wäre es doch falsch gewesen, hierhin und dorthin zu streben, solange das seelische Fundament der Ehegemeinschaft nicht unverrückbar begründet war. Wie sollte er Dorothee diesem kleinen Mädchen schildern? Vielleicht würde sie mit ihrer Hellhörigkeit und dem vollkommen Unverbogenen ihres Charakters das heraushören, was er sich selbst bis jetzt nicht voll eingestanden hatte.
„Nun“, sagte er in das Schweigen hinein, „Sie werden ja selbst sehen, kleine Astrid. Sie haben ein so unmittelbares Empfinden, dass ich Ihnen gar nichts sagen möchte. Sie sollen selbst sehen, selbst fühlen. Dann werden Sie auch wissen, dass zwischen Ihnen und meiner Frau der Kontakt sich leicht finden wird.“
Astrid schwieg. Dann sagte sie sehr leise und wie demütig:
„Das ist ein grosses Vertrauen, Onkel Rodenhausen, das Sie in mich setzen. Wenn ich es nur erfüllen kann.“
Rodenhausen wollte etwas erwidern, als er sich plötzlich angerufen fühlte. Eine Dame stand hinter ihm.
„Ah, Fürst, welch freudige Ueberraschung. Bin ich die erste, die das Glück hat, Ihnen in der Heimat zu begegnen?“
Ein rascher Blick züngelte zu Astrid hin.
„Ah, wie ich sehe, sind Sie in Gesellschaft, Fürst. Da störe ich wohl?“
Aber es war etwas in dem Ton, was den Fürsten peinlich berührte. Das war immer noch die alte Melitta von Stenglin. Eigentlich hätte er sagen wollen, dass sie wirklich störte. Denn es passte ihm durchaus nicht, dass sich für Astrid die Heimat zuerst in der Person Melittas präsentierte. Er sah sehr wohl, dass Astrid wie ein Pferdchen, das scheut, bei Melittas Ton etwas zurückzuckte. Aber es half nichts. Und so sagte er denn mit weltmännischer höflichkeit:
„Durchaus nicht, Baronin. Wie geht es Ihnen?“
Er küsste ihr die Hand. „Darf ich Ihnen meinen kleinen Schützling vorstellen, Fräulein Sjörberg, Frau Baronin von Stenglin.“
Astrid legte zögernd ihre schmale Hand in die ringblitzende, rosige, betont gepflegte der rassigen, überlegenen Frau, deren Sicherheit sie einschüchterte. Auf dem ein wenig zu stark gepuderten Gesicht mit den lebensgierigen, irrlichternden Augen lag eine unverblümte Neugier.
Unwillkürlich strich Astrid an ihren Sachen herunter und schlug den Reisemantel enger zusammen. Sie hatte ein unangenehmes Gefühl dieser Frau gegenüber, so, als ob diese glänzenden, zudringlichen Vlicke sie gleichsam entkleideten.
„Ah, vermutlich eine Reisebakanntschaft. Was führt Sie hierher in unseren verlorenen Winkel, Fräulein Sjörberg? Dem Namen nach sind Sie doch Nordländerin?“
Rodenhausen mischte sich schnell ein.
„Wir kennen uns schon lange, Baronin. Ausserdem werden wir ja das Vergnügen haben, Sie recht bald bei uns zu sehen. Denn Fräulein Sjörberg wird für längere Zeit unser Gast sein.“
Er lehnte sich aus dem Fenster.
„Aha, da ist ja schon die Blockstation. Wir werden gleich da sein.“
Astrid lief schnell an Melitta vorbei in ihr Abteil. Er nahm die Koffer herunter.
„Ach, dann muss ich ja auch wohl . . . “, sagte Melitta. „Wir sehen uns ja nachher.“
Sie neigte den Kopf und verschwand in ihrem Abteil.
Rodenhausen sah ihr mit einem halb ärgerlichen, halb amüsierten Lächeln nach:
„Na, da haben wir ja gleich den richtigen Willkommen gehabt, Kind“, sagte er. „Ich hätte es mir für Sie zwar anders gewünscht. Aber unseres Herrgotts Menagerie ist gross.“
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Auf dem Bahnhof stand der Diener und begrüsste mit einem respektvollen und erfreuten Gesicht Rodenhausen.
„Na, Josef“, Rodenhausen gab dem Diener die Hand, „alles gut zu Hause?“
„Alles gut, Durchlaucht“, meldete Josef mit einem strahlenden Gesicht.
„Na schön, also dann kommen Sir, Astrid!“
Er nahm Astrid leicht unter den Arm und geleitete sie an dem respektvoll grüssenden Bahnhofsvorsteher vorbei die Sperre hindruch.
„Einen Augenblick, Fürst.“
Melitta von Stenglin, die inzwischen auch aus ihrem Abteil gestiegen war, kam eilig Rodenhausen nach.
„Sie haben Ihren Wagen hier, dürfte ich mich bei Ihnen einladen? Ich habe meine Ankunft nicht rechtzeitig angekündigt Lokalzuge sitzen.“
Rodenhausen überlegte einen Augenblick, als ihm der Diener respektvoll etwas zuflüsterte. Ein beinahe erleichterter Ausdruck ging über das Gesicht des Fürsten.
„Ich bedauere tausendmal, Baronin. Soeben meldet mir der Diener, dass meine Frau und Viky in Gernrode auf uns warten. Sie haben dort die Einweihung des neuen Kinderheimes mitmachen müssen.“
„Ach so, dann ist Ihr Wagen natürlich voll besetzt.“
„Ja, leider. Also nochmals Verzeihung, Baronin.“
Melitta von Stenglin verbarg ihren Aerger unter einem liebenswürdigen Lächeln. Sie hätte zu gern die Autofahrt mitgemacht, denn sie musste wissen, wer dieses junge Mädchen war, das Rodenhausen da so plötzlich mitbrachte. Sollte er wieder einmal — aber das war doch unmöglich. Er war doch inzwischen schliesslich auch älter geworden, und dies junge Mädchen hätte seine Tochter sein können. Und was sollte er schliesslich auch an solch einem jungen Ding finden? Aber die Zusammenhänge hätte sie doch zu gern gewusst und zugleich den Triumph gehabt, Rodenhausen wiederzusehen, ehe er seine Frau begrüsste.
Rodenhausen und Astrid fuhren beide ziemlich schweigsam nebeneinander durch die schöne Landschaft. Jeder von ihnen war mit seinen Gedanken beschäftigt.
Rodeausen war doch etwas unruhig: Wie würde das Wiedersehen mit Dorothee und Viky sein? Wie würden sie Astrid entgegenkommen?
Und auch Astrids kleines Herz zitterte etwas vor dem, was ihr bevorstand.
Endlich unterbrach der Fürst das bedrückende Schweigen:
„Ich freue mich, dass Sie meine schöne Heimat im Frühling kennenlernen, liebe Astrid. Sehen Sie, wie herrlich der Kontrast! Auf den Berggipfeln liegt Schnee. Und wir hier unten im Tal fahren durch die warme Sonne.“
Er machte sie auf besondere Schönheiten der Natur aufmerksam, nannte ihr Namen der Berge, der kleinen Dörfer, die man hier und da verstreut liegen sah, und wies plötzlich nach rechts auf eine kleine Lichtung:
„Jetzt noch durch dieses kleine Wäldchen hindurch, das vor uns liegt, Astrid, und dann, sehen Sie dort auf der Lichtung, das ist schon Gernrode.“
Der Kutscher fuhr, wie die Fürstin es angeordnet hatte, vor dem Hause des Pfarrers vor. Dort wollten die Fürstin und Viky nach dem kleinen Einweihungsfest den Fürsten und Astrid erwarten.
Das kleine Pfarrerstöchterchen kam an den Wagenschlag gesprungen:
„Die Frau Fürstin und Prinzessin Viky sind im Garten.“ sagte sie, ein über das andere Mal knixend.
Die Pfarrersleute hatten sich taktvoll zurückgezogen, um das Wiedersehen nicht zu stören.
„Kommen Sie, Astrid.“
Rodenhausen legte väterlich einen Moment die Hand auf die Schulter des jungen Mädchens, als wollte er ihm Mut machen, und führte sie die Stufen zum Pfarrhaus hinauf und nach hinten in den herrlich gepflegten, echten Pfarrersgarten.
„Ah, da sind sie“ , hörte man die frische Stimme Vikys. Und schon war sie, sehr wenig prinzessinnenhaft, wie ein junges Füllen auf Rodenhausen und Astrid zugesprungen.
„Tag, Papa, wie gut du aussiehft, gut und jung!“ Sie fiel dem Vater stürmisch um den Hals.
Mit einem schnellen, musternden Blick umfasste sie dann auch Astrid und schüttelte ihr kräftig die Hand. Rodenhausen aber eilte auf die Fürstin zu, die ihm und Astrid herzlich entgegengeschritten kam. Ihr sonst so verschlossenes Gesicht zeigte jetzt eine weiche, freudige Erwartung.
„Meine liebe Dorothee“ — er hielt warm ihre Hand, während er sie auf die Stirn küsste —:
„Wie reizend, dass du uns mit Viky entgegengefahren bist. An allem spürt man die Heimat. Ach, es ist schön, wieder einmal zu Hause zu sein“, sagte er aus vollem Herzen.
„Und hier“, dabei zog er die kleine Astrid, die sich etwas scheu hinter ihm gehalten hatte, zu sich heran, „meine liebe Dorothee, bringe ich dir Fräulein Sjörberg und empfehle sie all deiner mütterlichen Güte.“
„Seien Sie herzlich willkommen, Fräulein Sjörberg.“
Die Fürstin streckte Astrid die Hand entgegen:
„Mein Mann hat mir soviel Liebes von Ihnen geschrieben, mein Kind. Ich möchte Ihnen helfen.“
Astrid beugte sich bewegt über die Hand der gütigen Frau.
„Wir hatten uns von Pfarrers schon verabschiedet, Theodor“, wandte sich Frau Dorothee jetzt an ihren Gatten, „man wollte auch unser Wiedersehen nicht stören. Ich denke, wenn es euch recht ist, fahren wir jetzt gleich nach Hause, damit Fräulein Astrid auch noch bei Tage ihre neue Heimat sieht.“
„Gern, wie du es wünschst, Dorothee.“
Der Fürst reichte seiner Frau ritterlich den Arm.
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Die Fahrt nach Schloss Rodenhausen verging unter leichtem Geplauder.
Viky belegte Astrid gleich ganz mit Beschlag und war so lebhaft, dass Astrid gar nicht viel zum Reden kam.
Die Fürstin erkundigte sich bei Rodenhausen nach dem Verlauf der Reise:
„Du wirst und diesmal viel erzählen müssen, Theodor“, sagte sie. „Du kannst dir denken, dass dieser Krieg in der Mandschurei uns sehr interessiert. Wir haben hier gar keine rechte Vorstellung davon.“
„Das kann ich mir denken. Oh ja, ihr werdet viel Interessantes von mir zu hören bekommen. Aber jetzt lass mich zuerst einmal den Frieden der Heimat geniessen und erzähle mir vor allem, wie es bei uns aussieht. Wollte Alexander nicht auch bald seinen Urlaub nehmen und ihn bei uns verbringen?“
„Ja er freut sich schon auf dich und seinen kleinen Jungen. Ich glaube, Theodor, du wirst auch viel Spass an dem kleinen Robby haben.“
Ein glückliches Lächeln glitt über ihre vornehmen Züge:
„Er ist ein richtiger kleiner Sonnenschein“ , fügte sie hinzu.
„Ach, wir sind ja würdige Grosseltern.“
— Rodenhausens Geufzer war halb ernst,halb scherzhaft gemeint —:
„Wenn man so allein in der Welt draussen ist, vergisst man das leicht und kommt sich jünger vor, als man in Wirklichkeit ist. Du hast mir ja öfter geschrieben, dass sich der kleine Robby so nett entwickelt. Ich habe ihm einen sehr drolligen chinesischen Hampelmann mitgebracht. Das wird mich hoffentlich zu seinem Herzchen finden lassen.“
Er unterbrach sich und sah glücklich und wie gebannt auf das Schloss, das jetzt vor seinen Blicken auftauchte:
„Astrid, drehen Sie sich einmal um, dort können Sie unser Schloss schon liegen sehen.“
Astrids Augen wurden weit und leuchtend. Sie vermochte gar nicht zu sprechen. Aber dann umklammerte sie Rodenhausens Hände fest, als brauchte sie einen Halt. Das kleine, scheue Mädchen war ganz Gefühl und Begeisterung:
„Ach, Onkel Rodenhausen, ist das schön. So etwas habe ich noch gar nicht gesehen. Ich glaube, wenn ich da immer wohnen könnte, würde ich nie fortreisen wollen.“
Viky platzte jäh in die Stimmung hinein:
„Für ein paar Wochen geht es schon hier. Aber wissen Sie, Fräulein Astrid, so für die Dauer, da möchte ich doch die Grossstadt nicht mehr entbehren. Hier gibt’s keine Museen, keine Theater und keine Konzerte —“
„Ja, und kein freies Stundentenleben“, fügte die Fürstin kopfschüttelnd hinzu.
„Dafür aber einen Papa, der sehr lange auf Reisen war und jetzt wieder einmal ausfürlich seine Tochter geniessen möchte“, lachte der Fürst, „und der jetzt noch dazu seiner Tochter eine kleine Gefährtin migebracht hat, die ihr hoffentlich Kameradin sein wird.“
„Na, ja, Papa“, meinte Viky vergnügt, „jetzt wird’s wohl auch erst mal ganz nett bei uns werden, und was später wird, findet sich von selbst.“
Der Wagen fuhr durch das Schlosstor über die herrliche Terrasse und hielt vor der grossen Freitreppe.
Die Dienerschaft empfing den Fürsten respektvoll und freudig. Es war doch schön, dass der Herr wieder einmal in Hause war.
„So, Viky“, meinte die Fürstin, „ich denke, du zeigst jetzt Fräulein Astrid ihre Zimmer, und wenn sie und Papa sich etwas erfrischt haben, darf ich zum Tee in die Halle bitten.“
Astrid durchschritt mit Viky die weiten Gänge des alten, schönen Schlosses.
So hatte sie sich ihre neue Heimat nicht vorgestellt. Ob Rodenhausen sie überraschen wollte? Er hatte so schlicht und einfach von zu Hause erzählt. Obgleich Astrid selbst Reichtum und Weite gewöhnt war, hier kam sie sich wie im Märchen vor. Alles war hell und licht. So hatte sie in den Büchern von deutschen Schlössern gelesen.
„Sehen Sie, Astrid,“ Viky öffnete beim Eintreten in Astrids Zimmer gleich das Fenster, „das Schönste hier ist der Blick über die Berge. Und hier, unter Ihren Zimmern, die Schlossterrasse, die ist meine ganze Liebe. Von ihr aus hat man den weitesten Ausblick über die Berge und ins Tal. Und von jeder Ecke der Terrasse zeigt sich die Landschaft wieder anders.“
Dann wies sie mit der Hand weiter hinaus auf den Lauf eines kleinen Flüsschens:
„Sehen Sie, dort hinten im Tale, an beiden Seiten des kleinen Wassers, das sind die letzten Häuser unseres kleinen Stadt. Sie streckt sich sehr weit hinaus, da sie sich durch die Berge in der Breite nicht ausdehnen kann. Und von der Schlossterrasse aus werden Sie erst richtig all die bunten Häuser sehen, die sich an den Schlossberg anlehnen.“
„Ich habe noch nie soviel Farben in einer Landschaft gesehen“, meinte Astrid begeistet. Und all diese roten und blauen und gelben Häuser! Jetzt verstehe ich es, dass Sie immer froh sein können, Prinzessin Viky, und immer vergnügt. Glauben Sie, dass ich es hier auch werde? Onkel Rodenausen hat gesagt,er hofft es. Ach so“ — sie geriet in leichte Verlegenheit —„Ihr Papa hat mir nämlich erlaubt, ihn ,Onkel Rodenhausenʻ zu nennen, weil wir doch soviel Schweres miteinander erlebt haben“, setzte sie kindlich erklärend hinzu.
„Gott, ich finde, so onkelhaft hat sich Papa Ihnen gegenüber eigentlich gar nicht benommen, vielmehr wie ein jugendlicher Ritter“, erwiderte Viky. „Ach, so ein Abenteuer möchte ich auch einmal erleben. Fanden Sie Papa eigentlich icht schrecklich forsch, als er Sie da so rettete, Astrid?“
„Es war wenig Zeit, darüber nachdenken, Prinzessin Viky. Es war nämlich nicht gerade ein Salon-Abenteuer.“
Jetzt war Astrid die Ueberlegene.
„Ich dachte“, meine Viky lachend, „Sie wären da im Ural an Räuber und all so etwas gewöhnt.“
„Nun, zum täglichen Leben gehören solche Ueberfälle gerade auch nicht“, meinte Astrid, „menn das Leben bei uns allerdings auch gefahrvoller ist als hier.“
„Ich denke mir die jungen Mädchen im Ural immer so mit dem Revolver in der Hand auf dem Pferde sitzend“, meinte Viky übermütig, „das heisst, Astrid, Sie reiten doch wirklich? Da tue ich nämlich auch leidenschaftlich gern.“
„Ja, geritten bin ich viel“, antwortete Astrid, „mit Papa“ — die Erinnerung durchzuckte sie schmerzlich — „und mit Herrn Redderson, der bei Papa als Ingenieur angestellt war.“
„Herr Redderson, ist der jung oder alt?“ fragte Viky in ihrer unvermittelten Art.
Und ehe Astrid antworten konnte:
„Das ist nämlich, was mir hier so fehlt: Junge Menschen. Aber um so mehr habe ich die in München. Es ist schrecklich interessant mit all den Kollegen und so international. Amerikaner, Russen, Schweden, Belgier.“ Sie verwirrte sich leicht und sagte unvermittelt:
„Aber ich glaube, Fräulein Astrid, wir haben uns schon verplaudert, Mama wird uns bald zum Tee erwarten. Sie wollen sich sicher noch etwas frisch machen. Darf ich Sie in zehn Minuten abholen?“
Astrid war froh, ein paar Minuten mit sich allein zu sein. Zuviel Neues und Grosses war auf sie eingestürmt. So rasch konnte sie das gar nicht in sich verarbeiten. Würde sie sich die Liebe der Fürstin erwerben können? Würde sie mit Viky in ein freundschaftliches Verhältnis kommen? Viky war so ganz anders als sie selbst. Aber Onkel Rodenhausen war ja da. Der würde ihr in allem helfen.
„Fertig?“
Viky klopfte an die Tür.
„Ja, ich komme schon“, gab Astrid fast fröhlich zurück.
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Pulsuz fraqment bitdi.