Kitabı oxu: «Das Gesetz in uns»
Lisa Honroth Löwe
Das Gesetz in uns
SAGA Egmont
Das Gesetz in uns
Copyright © 1933, 2018 Lisa Honroth-Loewe und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711593288
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
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1
„Printheer“, las Agnete über dem großen Portal.
„Ich möchte Herrn Printheer sprechen.“
„Dritten Stock. Zimmer neunhundertvierundzwanzig. Anmeldung.“
Schon wandte der Pförtner sich einem anderen Besucher zu. Unschlüssig stand Agnete vor dem Paternosterwerk. Unaufhaltsam gingen die Fahrstühle nebeneinander hinauf, herunter, trugen empor, schleuderten hinaus. ‚Zellen‘ — mußte Agnete denken — ‚Zellen, in denen Menschen gefangen sind mit ihrer Arbeit, ihren Sorgen, mit all der sinnlosen Hast, aus der das Leben besteht.‘ Sie zögerte einen Augenblick, sah die Gesichter hinauf- und heruntergleiten, sorgenvolle, gespannte, ermüdete, alte und junge Gesichter — aber alle hineingerissen in das treibende Rad der Arbeit. Es lag etwas Atemberaubendes in diesem ewigen Hinauf und Hinab, das niemals Ruhe fand.
Gerade erschien eine dieser emporsausenden Holzzellen vor ihr. Sie trat hinein. Schon schwebte sie aufwärts.
„Erster Stock, Rechnungsabteilung“, las sie, „zweiter Stock, Personalabteilung.“
Hier stieg ein Herr mit einem dicken Aktenbündel und einem ebenso umfangreichen Bauch ein. Er schnaufte asthmatisch und ließ über schiefsitzende Gläser hinweg einen erfreuten Blick über Agnetes Erscheinung gleiten.
Der Paternosterfahrstuhl schwebte weiter. Dritter Stock. Sie stieg aus.
Eine breite Schranke von rötlich poliertem Holz versperrte den Weg. Ein Diener:
„Sie wünschen?“
„Zu Herrn Konsul Printheer.“
„Sind Sie angemeldet? Nein? Dann bedaure ich.“ Aus einem ihr selbst unklaren, inneren Widerstreben hatte Agnete bisher gezögert, die Karte Printheers vorzuzeigen. Aber anders kam sie jetzt nicht weiter.
Mit dem Diener ging eine sichtliche Veränderung vor, als seine Augen die Zeilen überflogen, in denen Printheer Agnete um ihren Besuch bat.
„Wollen gnädiges Fräulein mir, bitte, folgen?“ Er ging in respektvollem Abstand neben Agnete den Gang entlang zu einer Tür mit dem Schild: Privatsekretariat. Sie passierten ein sehr großes Zimmer, in dem eine Anzahl Herren warteten.
„Darf ich bitten, hier einen Augenblick Platz zu nehmen?“
Der Diener schob mit einem Schwunge Agnete einen bequemen Sessel hin. Dann ging er weiter in ein drittes Zimmer. Dort saßen einige junge Mädchen an Maschinen. Ein junger Mann ging diktierend auf und ab.
Auf eine kurze Mitteilung des Dieners hin kam dieser schnell auf Agnete zu.
„Ich bitte Sie, sich ein paar Augenblicke zu gedulden, gnädiges Fräulein. Herr Konsul ist beschäftigt. Aber ich werde Sie sofort persönlich anmelden.“
Agnete wartete. Von ihrem Platz am Fenster konnte sie die beiden Räume rechts und links beobachten. Die Herren in dem großen Zimmer schienen alle Besucher zu sein, die auf Konsul Printheer warteten. Sie war die einzige Frau hier.
Interessierter schweifte aber ihr Blick in das andere Zimmer. Zum ersten Male sah sie solch einen modernen Bürobetrieb. Es schwirrte hier geradezu von Arbeit. Ununterbrochen ging das Telephon. Boten, Angestellte kamen herein, gingen hinaus. Eine Dame war ausschließlich damit beschäftigt, Briefe und Telegramme zu öffnen und in verschiedene Mappen zu ordnen. Ein Diener stand schon bereit, um diese Mappen in Empfang zu nehmen und mit ihnen durch eine andere Tür zu verschwinden.
Nun kam der junge Mann, der Agnete hatte anmelden wollen, zurück und öffnete im Vorbeigehen die Tür zu dem großen Raum, in dem die Herren warteten.
„Herr Konsul bedauert, er hat noch eine unerwartete Konferenz. Vielleicht bemühen sich die Herren morgen nochmals.“
Dann auf einen Zettel sehend:
„Herr Doktor Bernhard, wenn Sie, bitte, zu einer Vorbesprechung zu Herrn Direktor Sarter herübergehen wollen? — Herr Böhnisch, bitte, Zimmer zweihundertzweiundsechzig. Herr Prokurist Werner hat Anweisung bekommen, mit Ihnen zu verhandeln.“ Die namentlich aufgerufenen Herren ergriffen eilig ihre Mappen und gingen hinaus. Die anderen Wartenden standen enttäuscht auf.
Nun wandte der Herr sich zu Agnete:
„Darf ich Sie bitten, gnädiges Fräulein? Herr Konsul erwartet Sie.“
*
Agnete stand Printheer gegenüber. Der erste Eindruck war der ungewöhnlicher Kraft. Lag es in seiner sehr großen, breitschultrigen Gestalt, lag es in seinen Augen, die dunkel unter den schweren Lidern hervorblitzten? Das Mädchen sah in ein mächtiges Gesicht, das trotz seiner Gepflegtheit irgendwie unmodern wirkte. Irgendwo mußte sie eine solche Physiognomie schon einmal gesehen haben. Und das Wesentliche waren wohl die Augen, schien ihr.
Täuschte sie sich, oder lag eine gewisse Spannung in der Art, wie Printheer sie betrachtete? Galt diese Spannung ihrer Erscheinung? Von neuem überkam sie die starke Befangenheit. Was sollte sie Printheer eigentlich sagen? Aber schließlich war es ja an ihm, zu sprechen. Er selbst hatte sie hergebeten, ohne daß sie den Grund ahnte.
Jetzt reichte Printheer Agnete Reyersdorff die Hand. Es war eine große, fleischige Hand, die fest zufaßte. Nun hörte sie auch seine Stimme: tief, klangvoll.
„Fräulein Reyersdorff, zunächst mein aufrichtigstes Beileid zum Tode Ihres Vaters.“
Printheer machte eine kleine Pause und betrachtete Agnete unverwandt.
„Sie werden sich über meine Karte gewundert haben. Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig. Bitte!“
Er wies auf einen Sessel und nahm ihr gegenüber Platz.
Agnete sah Printheer aufmerksam an. Ihre Befangenheit war geschwunden.
„Ich gehe wohl nicht fehl, Fräulein Reyersdorff, wenn ich annehme, daß Ihr Vater mit Ihnen über meine Beziehungen zu ihm gesprochen hat.“
Agnete schüttelte den Kopf.
„Nicht? — Dann haben Sie wohl aus den hinterlassenen Papieren des Verstorbenen Näheres ersehen?“
Wieder schüttelte Agnete den Kopf.
„Nichts, gar nichts, Fräulein Reyersdorff?“
„Gar nichts.“
Ton und Blick waren so aufrichtig und ob seiner eindringlichen Fragen so verwundert, daß Printheer, der Erfahrene, nicht zweifeln konnte, daß Agnete die Wahrheit sprach.
„Nun denn, Fräulein Reyersdorff, dann muß ich Ihnen wohl eine Erklärung geben. Ihr Vater und ich haben vor Jahren zusammen angefangen. Er hat mir einmal einen großen Dienst erwiesen — ich möchte nicht darüber reden, denn ich sehe, er hat es auch nicht gewollt. Eine Sache zwischen Männern war es. Ich habe es ihm nicht vergessen. Ich habe mich aus meiner Dankbarkeit heraus auch später weiter um ihn kümmern wollen. Aber er hat mich zurückgewiesen. Er wollte ja alles immer nur durch sich selbst erreichen. So — —“, er zögerte einen Augenblick, „kamen wir auseinander. Doch habe ich ihn auch, ohne daß er es wußte, immer im Auge behalten, bereit, einzugreifen, wenn es nötig wäre. Ich wußte, daß seine Verhältnisse eng waren, aber nicht eigentlich sorgenvoll. Das hat sich wohl in der letzten Zeit geändert? Würden Sie mir Näheres darüber sagen können? Ich frage nicht aus müßiger Neugier, sondern aus meiner Dankbarkeit für Ihren Vater heraus. War seine Lage schon lange bedrängt?“
„Nein, erst ganz zuletzt, Herr Konsul. Vater war ja in bezug auf seine pekuniären Verhältnisse sehr verschlossen. Und sehr stolz, stolz und aufrecht.“
„Ja, das war er wohl“, sagte Printheer und sah auf Agnetes versonnenes Gesicht.
„Nun, Fräulein Reyersdorff, meine Dankesschuld an Ihrem Vater besteht für mich weiter — Ihnen gegenüber. Für Sie würde er diesen Dank nicht zurückweisen, soweit kannte ich ihn auch. Würden Sie mir vielleicht einmal von sich in kurzen Umrissen erzählen? Sie wissen nun: Ich frage aus bestimmten Gründen. Wie sind Ihre pekuniären Verhältnisse jetzt?“
„Ich bin bis jetzt durchgekommen, Herr Konsul. Aber nun sieht es etwas sehr schwierig aus.“
„Hat Ihnen Ihr Vater gar nichts hinterlassen?“
„Nur das kleine Anwesen, das er sich in der Werksiedlung erworben hatte.“
„Wollen Sie das Haus behalten?“
„Ich weiß es noch nicht. Mein Beruf wird mich ja nie mehr dauernd in die Heimat zurückführen. So wird das Haus ein Luxus sein, den ich mir nicht mehr leisten kann. Freilich“, fügte Agnete leiser hinzu, „ich hänge an ihm.“
„Nun, Fräulein Reyersdorff, Sie brauchen ja heut und morgen noch keine Entschlüsse zu fassen. Würden Sie vielleicht die Sorge dafür mir später überlassen, auch einen eventuellen Verkauf?“
„Gern, wenn Sie so gütig sein wollen.“
„Dann schicken Sie mir, bitte, alle diesbezüglichen Schriftstücke und Urkunden über Kauf und Belastung sowie den Hypothekenbrief an mein Büro. Sie werden dann bald von mir hören. — Aber nun wüßte ich gern noch etwas über Ihr Leben. Sie haben einen Beruf?“
„Ja, ich habe Medizin studiert.“
„Wie weit sind Sie denn?“
„Ich bin fertig.“
„Ganz fertig? Sie sehen ja noch so jung aus.“
Hier lächelte Agnete zum ersten Male. Es war nur ein ganz schneller Hauch eines Lächelns, der über ihr Gesicht ging, aber er erhellte es wunderbar.
Printheers Augen schossen wie ein Blitz über sie hin.
Eine Schönheit war ja dieses Mädchen. Nur froher und unbelasteter müßte es aussehen.
„Haben Sie auch schon Ihr praktisches Jahr gemacht? Womöglich auch schon den Doktor? Ja? Oh, dann bitte ich um Entschuldigung, daß ich Sie nicht mit Ihrem Titel angeredet habe. Nun, Fräulein Doktor, wollen Sie mir jetzt noch anvertrauen, wie Sie sich die Zukunft vorgestellt haben?“
„Wie ich mir die Zukunft vorgestellt habe? Ach Gott, Herr Konsul, Vorstellungen von der Zukunft kann man sich unter den heutigen Verhältnissen nicht mehr machen. Man muß ja alles beiseitestellen an eigenen Wünschen, um sich nur überhaupt durchzuschlagen. Bezahlte Assistentenstellungen zu bekommen ist unmöglich, wenn man nicht besondere Beziehungen hat —“
„Protektion ist heut in allen Berufen notwendig, Fräulein Reyersdorff.“
„— ja, und Vertretungen sind kaum noch zu haben. Für eine selbständige Niederlassung fehlen mir alle Mittel, ganz abgesehen davon, daß mir meine Ausbildung noch lange nicht genügen würde. Ich habe schon versucht, alles mögliche zu bekommen. Aber es ist für eine Akademikerin viel schwerer als für einen anderen Menschen, eine Stellung zu finden. Man kommt nicht einmal als Dienstmädchen unter. Der Arbeitsnachweis hat mir ein paar Stellen nachgewiesen. Aber die Leute haben sofort nein gesagt. Man kann doch eine Ärztin nicht ans Waschfaß stellen oder an den Aufwischeimer, hieß es.“ Printheer sagte lächelnd, und wieder streifte sein Blick schnell über Agnete hin:
„Das kann ich mir vorstellen, daß Sie als Dienstmädchen nicht gerade an Ihrem richtigen Platze sind.“
„Auch als Stenotypistin habe ich mich schon beworben, aber auch vergebens.“
„Stenotypistin? Das ist Unsinn, Fräulein Reyersdorff. Wir haben in der Wirtschaft so viel tüchtige und geschulte Bürokräfte, die auf der Straße liegen, daß wir nicht noch ungeschulte einstellen können.“ Agnete zuckte die Schultern:
„Sie haben ja recht, Herr Konsul. Aber —“ Sie schwieg bedrückt.
„Und was würden Sie beginnen, Fräulein Reyersdorff, wenn Sie reich wären?“
„Reich? Ich ersehne Reichtum nicht, Herr Konsul.
Die Wünsche, die ich ans Leben habe, sind bescheiden. Aber wenn ich nur die geringsten Mittel hätte, dann würde ich rein wissenschaftlich arbeiten wollen.“
„Denken Sie an ein Spezialgebiet?“
Agnetes blasses Gesicht belebte sich. Ihre Stimme bekam Wärme und Klang.
„O ja, Herr Konsul, Krebsforschung. Meine Doktorarbeit handelte von derartigen Problemen. Ich wäre glücklich, wenn ich auf diesem Gebiet weiterarbeiten könnte. Aber — das sind Wünsche. Es geht eben nicht.“
Printheer überlegte kurz:
„Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Fräulein Doktor. Vielleicht ist es möglich, etwas für Sie zu tun. Jedenfalls stehe ich immer zu Ihrer Verfügung, wenn Sie etwas von mir wünschen. Bitte, wenden Sie sich immer direkt an meinen Privatsekretär Doktor Dörnberg. Das erspart Ihnen den Instanzenweg.“
Er sah auf seine Uhr. Agnete erhob sich sofort. „Ich danke Ihnen, Herr Konsul.“
„Noch nichts zu danken, Fräulein Doktor. Hoffentlich bald auf Wiedersehen.“
Printheer ließ Agnete vor sich durchs Zimmer gehen. Sie sah nicht den Blick, mit dem er sie prüfte, ihre große, schmale Gestalt mit dem federnden Gang, die stolze, entschlossene Haltung des Kopfes, um den sich das blonde Haar wie ein Helm schloß, das ganze Strenge und Unberührte ihrer Erscheinung. Etwas Dianenhaftes war in der Art, wie ihre Füße ausschritten. Unwillkürlich schlossen sich seine Augen zusammen. Der schmallippige Mund, der in so starkem Gegensatz zu dem großflächigen Gesicht stand, schob sich vor. Agnete fühlte, ohne ihn zu sehen, diesen prüfenden Blick in ihrem Rücken. Beunruhigt drehte sie sich um, sah aber in ein verbindlich lächelndes, beherrschtes Gesicht. Printheer öffnete ihr selbst die Tür zu dem Sekretariatszimmer. An dem erstaunten Aufsehen der Sekretärinnen drin spürte Agnete, daß diese Höflichkeit Printheers etwas Ungewöhnliches war. Noch einmal fühlte sie seine Hand mit dem festen zupackenden Druck, sah, wie seine große, dunkle Gestalt in dem hellen Lichtviereck stand, das von den großen Fenstern her bis zur Tür fiel.
Und schon riß der Privatsekretär die Tür zum Korridor vor Agnete auf.
Konsul Printheer sah Agnetes schwarze, schmale Silhouette um die Ecke biegen. Schon in der Tür zu seinem Arbeitszimmer wandte er sich um:
„Legen Sie Akten an: Dr. med. Agnete Reyersdorff.“
2
Agnete stand auf der Straße. Der feuchte Märzwind warf sich ihr in wilden Stößen entgegen und nahm ihr fast den Atem. Merkwürdig, daß ihr diese erste, ungewohnte Weichheit der Frühlingsluft jetzt erst zum Bewußtsein kam. Heute früh hatte sie in ihrer Aufregung nichts von allem gespürt. Und jetzt fühlte sie eine Unruhe in sich, stärker eigentlich als vor dem Besuch bei Printheer. Niemals hätte sie geglaubt, daß der Vater eine Beziehung zu einem Manne wie Printheer gehabt hätte, niemals geglaubt, daß sie selbst je in eine Beziehung zu ihm treten würde. Vielleicht würde er doch einen Weg für sie wissen? Er hatte es ja angedeutet. Aber wie vielen, die zu einem Manne wie Printheer kamen, mochte wohl Ähnliches gesagt werden! Wie vielen etwas versprochen werden, ohne daß das Versprechen je eingelöst wurde. Vermutlich war es dies Unsichere, was sie so bedrängte. Heute früh noch, ehe diese Karte von Printheer ihr aus der Heimat nachgesandt worden war, hatte sie ihr Leben überschauen können, hatte gewußt, daß sie ganz allein auf sich gestellt war und auf das, was die Studentenhilfe ihr an Arbeit übermittelte. Jetzt war alles vage geworden — und doch hatte im Grunde sich nichts geändert. Vielleicht wäre es besser gewesen, sie hätte diesen Besuch bei Printheer nicht gemacht. Man hätte sich nicht noch durch solche Dinge in falsche Erwartungen hineinziehen lassen sollen.
Agnete fühlte sich plötzlich sehr allein. Sie hatte das Bedürfnis, mit einem Menschen zu sprechen; darum nahm sie eine Elektrische und fuhr nach dem Studentenhaus in der Johannisstraße. Um diese Zeit würde sie Wolfgang treffen.
*
Ein ununterbrochenes Kommen und Gehen herrschte in dem alten Hause der Johannisstraße. Jetzt, um die Mittagszeit, wurde der Speiseraum fast gestürmt. Für wenig Geld bekamen hier die ewig hungrigen jungen Menschen eine kräftige Mahlzeit. Und wenn es auch nicht gerade so schmeckte wie daheim bei der Mutter, so war man doch froh, sich einmal am Tag richtig satt essen zu können. Studentenleben von heute ist wahrlich kein leichtes Leben. Wo ist die Sorgenlosigkeit geblieben, der fröhliche Leichtsinn, der früher untrennbar verbunden war mit dem Begriff „Student“? „Durchhalten! Fertig werden!“ — das ist der Rhythmus, der heute den gewaltigen Bau der Universität durchpulst. Fertig werden! Nicht mehr den Eltern auf der Tasche liegen, die oft genug das Geld für das Studium ihres Kindes nur mit den schwersten Opfern aufbringen können. Nicht mehr von Tee und trockenen Semmeln leben müssen, wenn der Monat sich seinem Ende nähert und man selbst das Geld für das Mittagessen in der Studentenspeisung nicht mehr hat. Aber Durchhalten! — bis zum Examen. Der wissenschaftlichen Arbeit treu bleiben. Arzt werden, um der Menschheit helfen zu können. Recht studieren, um später Recht zu sprechen. Selbst lernen, viel lernen, um andere einst lehren zu können!
Und dann macht man das Examen, dann ist man glücklich fertig, hat sich mit größten Opfern an Kraft und Geld durchgearbeitet bis zum Abschluß — und was ist dann? Gering die Aussicht auf irgendeine Anstellung, gering die Bezahlung, wenn man so glücklich war, etwas zu bekommen. Jahrelange, trostlose Wartezeit für die meisten.
Es steckt ein ungeheurer Idealismus in dieser studierenden Jugend von heute, die trotz der trüben Zukunftsaussichten weiterarbeitet, weiterhungert, weiterstrebt. Durchhalten! Fertig werden!
Agnete schob sich zwischen ein paar Kommilitonen hindurch, nickte hier und da. Es waren Studenten, die sie von den Hörsälen und Kollegs kannte. Ein Klappern von Tellern, Geruch von Kohl und Suppe schlug ihr aus dem niedrigen Eßsaal entgegen.
„Tag, Fräulein Reyersdorff“, sagte ein blonder junger Mann hinter ihr — er fuhr nachts eine Taxe, um am Tage studieren zu können — „na, beehren Sie uns auch einmal wieder? Wen suchen Sie denn?“
„Wolfgang, Wolfgang Rautenberg, ach, ich sehe ihn schon.“
Agnete steuerte zwischen ein paar Studentinnen hindurch, die ihren Teller mit der Mittagssuppe vorsichtig durch den menschenvollen Raum trugen.
Aus einer Ecke hinter einem weißgescheuerten Tisch winkte Wolf Rautenberg.
„Hallo, Agnete!“ schrie er über den summenden Lärm hinweg und hielt seine Hand wie einen Wegweiser hoch.
„Tag, Wölfchen.“
Agnete schob sich neben ihn auf die Bank. Ein Student rückte zur Seite.
„Tag, Agnete, wie geht’s? Hast du schon gegessen, oder soll ich dir etwas von dem köstlichen Mahl besorgen? Herrlicher Lunch, sage ich dir. Ganz neues Gericht, Weißkohl mit Fleisch. Das heißt, fürs Fleisch hätten wir eigentlich das Mikroskop mitbringen müssen. Mit unbewaffneten Augen vermochte ich wenig davon zu entdecken.“
„Bist du schon fertig, Wolfgang, oder geht’s erst los?“
„Nee, danke“, Wolf schüttelte sich. „Für den ersten Hunger reicht’s, und für den zweiten möchte ich hier nicht noch mal. Ich weiß nicht, euer Essen, das ist — —“
„Na, wie ist es denn, du Materialist?“
„Preußisch ist es“, sagte Wolfgang mit tiefster Verachtung. „Meiner Ansicht nach beginnt die Trennung zwischen Süd- und Norddeutschland nicht beim Main, sondern bei der Kohlsuppe.“
Er sah mit tiefstem Widerwillen auf seinen Nachbarn, der geräuschvoll das Esssen auslöffelte.
„Weißt du was, Wölfchen, ich lade dich ein zu einer Tasse Kaffee und Kuchen. Wie wäre es damit? Aber nicht hier. Drüben bei Dobrin am Tiergarten. Mir ist so nach Tiergarten und einem guten Kaffee.“
„Welchen reichen Mann hast du totgeschlagen?“ fragte Wolfgang mißtrauisch. „Jetzt? Hast du den Kalender im Kopf, meine Teure? Siebenundzwanzigster. Oder hast du die Studentenhilfe ausgeraubt? Kaffee und Kuchen bei Dobrin? Verwegener Gedanke!“
„Ach, man muß auch einmal verwegene Gedanken haben, Wolfgang. Mit der Vorsicht kommt man auch nicht weiter. Wer weiß, vielleicht geht’s einem bald mal besser.“
„Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf“, zitierte Wolfgang und schob rücksichtslos ein paar Kommilitonen beiseite.
„Einen Augenblick.“
Agnete blieb gewohnheitsmäßig vor dem schwarzen Brett mit den Arbeitsvakanzen stehen.
„Keine Schreibmaschinenarbeiten, nichts zu machen.“
Ihr Gesicht war schon wieder bedrückt.
„Was ist denn mit dir, Agnete?“
Wolfgang sah sie von der Seite an: „Du bist ja so ungleich. Ist dir etwas Unangenehmes passiert? Erzähl’ doch schon, Mädchen.“
Er schob seinen Arm in den ihren.
„Unangenehmes eigentlich nicht. Bloß etwas Merkwürdiges. Und darum habe ich dich ja abgeholt, weil ich selbst mich nicht so ganz zurechtfinde. Eine komische Sache, die mir da passiert ist.“
Während sie beide durch den Tiergarten gingen, erzählte Agnete.
Wolfgang blieb mitten auf dem Wege stehen.
„Was“, sagt er, „Printheer, der große Printheer? Printheer, die Kohle, das Eisen, die Bergwerke, der Mammon? Wie kommt der Glanz in deine niedere Hütte?“
„Das weiß ich eben nicht, Wolf. Warum hat er mich kommen lassen? Nur so aus Dankbarkeit für meinen Vater? So was gibt’s doch eigentlich nicht.“ Wolfgang bemerkte philosophisch:
„Es gibt nichts, liebe Agnete, was es nicht gibt. Vielleicht will er dich zur Universalerbin einsetzen?“
„Du bist verdreht. Mit dir kann man auch kein vernünftiges Wort über solche Angelegenheit reden.“ Wolfgang machte ein halb ernstes, halb spöttisches Gesicht:
„Gib doch zu, Agnete, bei einer solch mysteriösen Aufforderung kann man sich alles mögliche denken. Da bleibt nichts anderes übrig, als abzuwarten, was dabei herauskommt.“
Plötzlich sagte er nachdenklich:
„Du, Agnete, kannte dich der Printheer eigentlich schon vorher?“
„Nein. Warum fragst du denn?“
„Ach, nur so.“
Aber das Übermütige und etwas Freche seines Jungengesichts war überschattet. Er ging ganz gegen seine Gewohnheit schweigsam neben Agnete her. Agnete, selbst in ihren unruhigen Gedanken versunken, spürte nichts davon.
Wolfgang Rautenberg sah von der Seite ihr Gesicht. Wie schön es war in seiner herben Fügung. Wie schön die kluge Stirn und, im Gegensatz dazu, der zarte, unerweckte Mund. Er bemerkte es wohl, wie die Blicke der ihnen entgegenkommenden Männer das geliebte Mädchen neben ihm begehrlich streiften. Zärtlichkeit durchrann ihn erneut. Wie sehr war er an Agnete gebunden. Viel mehr als er verriet und sie wußte. Es war gut, daß man den etwas rauhen Ton kameradschaftlicher Herzlichkeit hatte. Und mit ihm ließ sich vieles verbergen an Sehnsucht, Wünschen. Solange Agnete unangerührt von der Liebe durchs Leben ging, war eine hoffnungslose Neigung erträglich. Man mußte nur die Zähne zusammenbeißen. Agnete sah in ihm nichts anderes als den Freund und Arbeitsgenossen. Bisher aber hatte sie auch noch niemals mehr in irgendeinem anderen Mann gesehen. Wenn sie einmal erwachte, dann würde es schwer für ihn sein.
*
Vor Printheer lag eine Mappe mit dem Vermerk: „Agnete Reyersdorff.“ Er las nochmals die Informationen. Sie ergänzten das Bild, das Agnete ihm von ihrem bisherigen Leben gegeben. Armut, Arbeit, Studium, Hunger und Versuche, durch Arbeit aller Art sich obenzuhalten. Aber eines hatte sie ihm nicht gesagt. Hier stand es: Doktorexamen summa cum laude bestanden. Thema der Doktorarbeit: „Moderne Krebsprobleme.“ Besondere Bemerkung: „Wegen hervorragender Ergebnisse wurde diese Arbeit auf Kosten der Fakultät gedruckt und in den Annalen für Krebsforschung publiziert.“
Das hatte sie ihm nicht gesagt. Sie glich offenbar sehr dem Vater. Der hatte sich auch nie ins Licht gestellt, war verschlossen bis zur Starrheit gewesen. Sonst wäre alles anders gekommen. Ob seine Tochter wirklich auch so war? Was verbarg sich hinter diesem schönen und strengen Gesicht?
Printheer schloß die Augen. Agnetes Antlitz war vor ihm. Sie wußte nichts von ihm, nichts von dem, was sich zwischen ihm und dem Vater ereignet hatte. Die Sorge, die er seit Christian Reyersdorffs plötzlichem Tode gehabt, war unbegründet gewesen. Aus dieser Sorge heraus hatte er Agnete zu sich gebeten. Er hatte geglaubt, das Schweigen, das der Vater freiwillig gewahrt, nach seinem Tode von ihr erkaufen zu müssen. Doch Christian Reyersdorff hatte auch alle Papiere vernichtet. Seine Tochter wußte von ihm nichts, und man hätte sie ihres Weges gehen lassen können. Doch nun er sie gesehen, würde er sie nicht mehr aus den Augen verlieren. Die uneingelöste Schuld, die er gegenüber Christian Reyersdorff durchs Leben getragen, sollte nun endlich beglichen werden. Um so mehr, als die Gläubigerin nun diese Agnete war.
Printheer schloß die Mappe.
Er wandte sich der eingegangenen Post zu. Neben den geöffneten Geschäftsbriefen ein geschlossener Privatbrief mit steiler, männlicher Handschrift. Er öffnete das Schreiben, sah verblüfft auf einen Scheck, der mit einem Brief zusammen herausfiel.
„Sehr geehrter Herr Konsul“, las er. „Es war sehr gütig von Ihnen, mir mit der Übersendung des Schecks meine augenblickliche schwierige Lage erleichtern zu wollen. Ich hoffe, daß Sie mir nicht zürnen, wenn ich den Scheck in Ihre Hände zurücklege. Es widerstrebt mir, Geld ohne Arbeit und Gegenleistung anzunehmen. Da Sie aber soviel gütiges Interesse an mir bezeigen, erlaube ich mir, Sie nochmals zu bitten, ob Sie nicht irgendeine Anstellung für mich wissen. Ich würde jede Arbeit, die ich leisten kann, annehmen, um zu verdienen und nicht auf die Güte anderer angewiesen zu sein.
Mit bester Empfehlung
Ihre sehr ergebene Agnete Reyersdorff.“
Printheer las den Brief zweimal. Dann hob er den Telephonhörer ab.
„Stellen Sie Verbindung her mit dem Kultusministerium, Medizinalabteilung. Ich möchte den Personalreferenten sprechen.“
Dann begann er zu arbeiten. Draußen gab die Sekretärin die Meldung weiter. Nach wenigen Minuten hörte Printheer:
„Hier Ministerialrat Brechlin.“
„Hier Printheer. Guten Morgen, Herr Ministerialrat. Ich glaube, wir kennen uns. Bei dem letzten Abend des Kultusministers hatte ich den Vorzug. Doch, natürlich. Ich habe ein ausgezeichnetes Personengedächtnis. Würden Sie mir einen großen Gefallen tun, mir eine Viertelstunde zu einer Unterredung zur Verfügung stehen?“
„Wie? Sie wollen sich selbst zu mir bemühen? Mehr, als ich verlangen kann, Herr Ministerialrat. Wann darf ich Ihnen meinen Wagen schicken? Schön, zwölf Uhr zwanzig. Ich danke Ihnen, ich erwarte Sie also bei mir.“
Printheer griff zum Diktaphon:
„Chauffeur Adberg zwölf Uhr zwanzig vor dem Kultusministerium, Ministerialrat Brechlin abholen. Direkt zu mir fahren.
Herr Doktor Sonneberg mit Unterlagen in Sachen Sidkaudis zu mir.
Bitte, Fräulein Claas, nehmen Sie auf.“
Draußen, in Printheers Privatsekretariat, saß in einer Art Extraabteil ein junges Mädchen. Sie schrieb nach Printheers Diktat.
„An unsere Vertretung in Lieblau, Bezüglich der Waldterrains (vergleiche Angebot Sidkaudis, zwölften März).
Wir haben nach wie vor Interesse an dem Erwerb. Doch werden wir Caloweit dazwischenschalten. Caloweit wird in den nächsten Tagen mit genauen Direktiven bei Ihnen eintreffen.
Sollte das russische Kommissariat für Holzverkäufe inzwischen Angebote machen, so können Sie etwas davon durchsickern lassen.
Über den finanziellen Status der Firma Sidkaudis und ihre Möglichkeit, noch durchzuhalten, erwarte ich binnen acht Tagen zuverlässige Information.“
„Weiter. Nächster Brief. An die Generaldirektion unserer Bleigruben in Bilhao:
Wie Ihnen schon durch Chiffretelegramm mitgeteilt wurde, sind die neuen Lohnforderungen durchaus abzulehnen. Falls es zum Streik kommt, braucht uns das nicht zu stören. Im Gegenteil. Wir hätten dann einen guten Grund, die Bleigruben stillzulegen, was bei der dauernd sinkenden Tendenz der Weltmarktpreise für uns nur vorteilhaft sein kann. Ich habe im Ministerium bereits vertraulich auf die Möglichkeit der Stillegung als Beantwortung eines Streiks hingewiesen. Sie wollen unverzüglich sich direkt mit dem Ministerium ins Benehmen setzen, inwieweit wir auf militärischen Schutz bei Unruhen rechnen können.“
*
Punkt zwölf Uhr zwanzig wurde Ministerialrat Brechlin bei Printheer gemeldet.
Der ging ihm mit liebenswürdigem Lächeln und ausgestreckter Hand entgegen:
„Wirklich ungemein freundlich von Ihnen, Herr Ministerialrat, daß Sie mir Ihre kostbare Zeit —“
„Aber ich bitte Sie, Herr Konsul“, der weißhaarige, zerknitterte Herr lächelte zuvorkommend, „ich glaube, daß Ihre Zeit bedeutend kostbarer ist als die meine. Es ist mir ein Vergnügen, Ihnen gefällig sein zu können. Das Kultusministerium und besonders die medizinische Abteilung verdankt Ihrer Hochherzigkeit so viel.“
„Na, übertreiben Sie nicht, Herr Ministerialrat“, lachte Printheer. „Ich habe nun einmal ein Faible für die Medizin. Auch meine heutige Bitte an Sie — aber nehmen Sie doch Platz. Rauchen Sie? Ich bitte sehr! Schwerer? Leicht? Ja, also, meine heutige Bitte geht aufs Medizinische. Ist allerdings etwas persönlich. Wollen wir gleich in medias res gehen. Es handelt sich um folgendes:
Ein mir befreundeter Professor Ihrer Fakultät hat sich geradezu begeistert über eine Arbeit aus dem Krebsforschungsgebiet ausgesprochen, die von einer jungen Ärztin namens Reyersdorff hergestellt wurde. Er sagte mir, es wäre eine Fülle von neuen Gedanken in dieser Arbeit enthalten, denen im Interesse der leidenden Menschheit nachgegangen werden müsse. Der Professor bezeichnete es geradezu als ein Unglück, daß eine solche Kraft nicht von Staats wegen die Möglichkeit hätte, ihre Ideen weiter auszubauen. Nun ist die betreffende junge Ärztin vollständig mittellos. Ich habe mir die Sache notiert, weil ich glaube, man könnte hier etwas tun. Selbstverständlich habe ich auch Erkundigungen eingezogen. Die Angaben des mir befreundeten Professors sind in allem bestätigt worden. Daraufhin habe ich bereits lose Fühlung mit der betreffenden Dame genommen.“ Er reichte dem Ministerialrat das Blatt mit der Spezialinformation herüber. „Ich habe nun versucht, der Dame den Weg etwas zu ebnen, ohne Sie erst zu bemühen. Habe aber daneben gegriffen. Die junge Person scheint außerordentlich stolz und empfindlich zu sein und lehnt eine Geldbeihilfe für ihr Studium durchaus ab. Einen Scheck über fünfhundert Mark, den ich ihr zur Vervollständigung ihrer Ausbildung sandte, schickte sie mir glatt zurück.“
„Ach nein“, der Ministerialrat machte ein geradezu erschrockenes Gesicht. Fünfhundert Mark, heutzutage? Das war ein großer Bruchteil seines Monatsgehalts. War Möglichkeit, aus immer wieder sich ansammelnden Rechnungen herauszukommen, Luft zu bekommen, die einem allmählich bei dem chronischen Gehaltsabbau ausging. — Er gab sich einen Ruck:
„Ideal gedacht“, sagte er mit einem dünnen Lächeln, „unzeitgemäß, aber sympathisch.“
„Nicht wahr? Sie ist wirklich sympathisch. Die Dame hat auf mich den allerbesten Eindruck gemacht. Sie scheint sehr genau zu wissen, was sie will. Nun möchte ich einen Weg finden, ihr die Arbeitsmöglichkeit zu sichern, ohne daß sie auch im entferntesten ahnt, wer dahintersteht. Wollen Sie mir dabei behilflich sein?“
„Aber gern.“
„Wie stellen Sie sich das vor?“
„Etatmäßige Stellen sind an den beiden Instituten, an denen zur Zeit über Krebsforschung gearbeitet wird, nicht frei. Ich habe Sie aber wohl richtig verstanden, wenn ich annehme, daß Sie eine neu zu schaffende Assistentenstelle aus Ihren Mitteln dotieren würden?“
Printheer nickte.
„Dann kommen zwei Institute in Betracht. Das eine ist das Staatliche Forschungslaboratorium, dem Sie, Herr Konsul, als Ehrendoktor angehören. Das andere ist das Universitätsinstitut. Die intensivere Arbeit ließe sich am Staatlichen Institut ermöglichen.“
„Einverstanden.“
„Wie hoch gedenken Sie die Stelle zu dotieren?“
„Machen Sie mir einen Vorschlag.“
„Ich denke, ein junger Mensch, der wirklich unbeschwert arbeiten soll, müßte wenigstens dreihundert Mark Gehalt bekommen.“
„Sagen wir vierhundert.“
„Damit allein ist es noch nicht gemacht, Herr Konsul. Krebsforschungen bedingen einen großen Verbrauch an Versuchsmaterial. Und der Etat des Instituts ist in diesem Jahre schon um dreitausend Mark überschritten worden. Aus diesem Grunde sind besondere Sparmaßnahmen bereits verfügt worden.“
„Bedauerlich! Wie hoch ist der gesamte Materialetat für diese Abteilung?“
„Immerhin fünfundzwanzigtausend Mark, Herr Konsul.“
„Moment“, Printheer griff zum Hörer, „soziale Abteilung! Bitte, die Aufstellung über Dotationen an wissenschaftliche Institute. Wie hoch ist mein jährlicher Beitrag zum Staatlichen Forschungsinstitut?“
„Fünftausend Mark“, hörte er durchs Telephon.
„Machen Sie Vermerk, wird mit Wirkung vom Ersten ab verdoppelt. Genügt’s Ihnen, Herr Ministerialrat, für unsere Zwecke?“
„Mehr als genügend, Herr Konsul.“
„Natürlich wünsche ich, daß der Mehrbetrag vorzugsweise der Krebsforschungsabteilung zur Verfügung steht. Würden Sie nun doch die Freundlichkeit haben, mir zu sagen, auf welchem Weg man der jungen Forscherin die Anstellung verschaffen könnte, ohne daß sie im geringsten merkt, daß sie begünstigt wird?“
„Das stelle ich mir sehr einfach vor. Wir teilen dem Akademischen Arbeitsamt mit, daß eine solche Stelle frei ist. Ich wette neunundneunzig zu hundert, daß sich die junge Dame bewerben wird. Das übrige lassen Sie meine Sorge sein.“
„Gemacht, Herr Ministerialrat.“
3
Ein paar Tage später kam Agnete, wie täglich, in das Studentenwerk, um nach Arbeitsvakanzen zu fragen. Vor dem Schwarzen Brett stieß sie auf Wolfgang Rautenberg.
„Komm mal her, Agnete“, sagte der. „Hör mal, was hier steht: Staatl. Forschungsinstitut, Abteilung für Krebsforschung. Die neu geschaffene Stellung eines Assistenten (Assistentin) soll sofort besetzt werden. Gehalt vierhundert Mark monatlich, Privatpraxis nicht gestattet. Dienststunden neun bis drei. Bewerbungen mit Lebenslauf an das Kultusministerium, Abteilung Medizinalwesen, Personalreferenten.
Na, Agnete, wäre das was?“
Agnetes blasses, bedrücktes Gesicht spannte sich, erleuchtete sich förmlich von innen her:
„Ob das was wäre? Ach, Wölfchen, ich weiß nicht, ob du das schon begreifen kannst. Du bist ja auch noch nicht soweit. Bist wohl auch ganz auf das praktische Arztsein eingestellt. Aber ich? Zu denken, daß man wieder forschen könnte? Einem Ziele nach, das vor einem steht, das einen ruft, immerfort ruft. Und zu dem man nicht kommen kann, weil diese ekelhafte Armut dazwischensteht. Arbeiten können, wie man möchte: Laboratorium, Mikroskope, Versuchsmaterial —“, sie zuckte die Schultern, „ach, was hat’s für einen Sinn, Luftschlösser zu bauen. Glaubst du, diese gebratene Taube wird gerade mir in den Mund fliegen? Da mache ich mir keine Hoffnung. Für unsereinen gibt’s ja so was doch nicht.“
„Warum eigentlich nicht?“
„Frag doch nicht so dumm. Hast du vielleicht Protektion oder ich? Na also.“
Fritz machte einen wütenden Lufthieb:
„Protektion! Immer Protektion. Das ist, um an den Wänden hochzugehen! Und daß du summa cum lande über den Krebs gearbeitet hast, ist das gar nichts? Den einen Erfolg müßte es doch wenigstens haben, daß du in die engere Wahl kommst!“
„Ach, du dummes Wölfchen! Ich bin doch nicht größenwahnsinnig. Bestimmt sitzt da irgendwo jemand, der die Stellung schon im voraus sicher hat, noch ehe sie überhaupt ausgeschrieben war. Die Ausschreibung erfolgt doch nur pro forma, um der Vorschrift zu genügen.“
„Wenn du von vornherein so mutlos bist, meine Teure, dann wird es natürlich nichts. Bewirb dich doch mal, und wenn es nur aus Trotz ist. Mal sehen, welcher Bonze dir vorgezogen wird.“
„Schade um Briefpapier und Porto, mein Junge.“
„Porto ist nicht nötig. Wir geben den Brief persönlich beim Ministerium ab, und zwar sofort. Du kommst jetzt mit mir herunter in die Kantine und schreibst das Bewerbungsschreiben.“
„Schrecklich energisch bist du, Wolf“, seufzte Agnete. Aber sie ließ sich heut nur zu gern führen. Wolfgang hatte recht. Versuchen mußte man es, schon damit man sich hinterher nicht den Vorwurf zu machen brauchte, eine Chance nicht genutzt zu haben.
Sie gingen zum Ministerium und gaben den Brief ab.
Wolfgang machte drei Kreuze hinter dem Sekretär her, der ihnen mit einem unwirschen Blick über die verrutschte Brille das Schreiben abnahm.
„Er ruhe sanft“, sagte Wolfgang salbungsvoll. „Hören werden wir wohl nichts mehr weiter.“
„Ein ekelhafter Kerl bist du, Wölfchen, erst putschst du mich auf und dann läßt du mir nicht einmal ein paar Tage Hoffnung.“
„Mit der Hoffnung ist nichts zu erben, Agnete. Hättest du nicht lieber dem Ministerialrat persönlich um den Bart gehen sollen? Sicherlich würde er so entzückt von dir sein —“
„Bei ernsthaften Männern habe ich kein Glück! Allenfalls bei so jungem Gemüse wie du bist. Schade, daß du noch keine Assistentenstellungen zu vergeben hast.“
„Na, und dein Printheer? Dem würde es vielleicht nur ein Wort kosten und du bekämst die Stellung.“
„Kommt nicht in Frage“, sagte Agnete heftig.
„Und warum nicht?“
„Weil ich nicht will.“ Es kam hart heraus. Agnete dachte an den Scheck, den Printheer ihr geschickt. Aber davon wollte sie Wolf nichts erzählen. „Lieber hungere ich mich weiter durch.“
„Versteh’ einer die Frauen! Ich, wenn ich einen solchen Krösus kennen würde, dem würde ich den Revolver auf die Brust setzen: Stellung oder das Leben!“
„Eine Frau kann so etwas nicht, Wolfgang.“
Agnete sagte es ganz harmlos. Wolf Rautenberg sah sie wieder schnell an.
„Vielleicht nicht, Agnete.“
„Und was nun“, fragte Agnete. „Hast du was vor? Ich weiß nicht, mir ist so unruhig zumute. Töricht ist doch der Mensch. Da erlebt man seit Monaten einen Fehlschlag nach dem andern und jedesmal denkt man, diesmal wird’s keine Niete sein. Hast du Zeit für mich? Wollen wir noch ein bißchen zusammenbleiben?“
Agnete stellte diese Frage eigentlich nur, weil sie die Antwort schon vorauszuwissen glaubte. Denn wann hätte Wolfgang Rautenberg für sie keine Zeit gehabt? Er machte das Unmöglichste möglich, um mit ihr zusammen zu sein.
Aber diesmal sagte Wolfgang:
„Geht nicht, Agnete. Jetzt unmöglich.“
„Nanu, Wölfchen, Rendezvous? Auf Abwegen? Na, schadet nichts! Wird dir guttun. Wer ist denn die Auserwählte deines Herzens“, neckte Agnete.
Wolfgang machte ein komisch-beleidigtes Gesicht:
„Du sollst nicht an meiner Treue zu dir zweifeln, Agnete. Meine Auserwählte ist gar keine Auserwählte, sondern Doktor Nicola, der neue Privatdozent. Sein Kolleg heute möchte ich keinesfalls versäumen.“
„Nanu, Wölfchen, du noch Kolleg? Jetzt nach Toresschluß? Früher brachten dich doch keine zehn Pferde in ein Kolleg, das du nicht unbedingt belegen mußtest. Und jetzt, wo du mit dem Examen schon fertig bist?“
„Ja, Kolleg und Kolleg ist ein Unterschied, meine Teure. Dieser Nicola ist ein geradezu enormer Mensch. Da können unsere alten Bonzen einpacken. Was der alles ’rausknobelt, und wie der seine Entdeckungen begründet! Also ich sage dir, grün und gelb könnte man vor Neid werden, wenn man den Mann nicht so bewundern müßte. Und dabei eine Bescheidenheit! Gestern hat er erst im Beisein von Geheimrat Mannberg von der verzweiflungsvollen Krise der inneren Medizin geredet.“
„Das Gesicht von Mannberg hätte ich sehen mögen“, lachte Agnete. „Der behauptet doch, es gäbe keine Krise der Medizin und wir hätten sämtliche Weisheiten schon intus.“
„Ja. Aber Nicola hat sich nicht darum gekümmert. Er meint, wir ständen allenfalls erst am Anfang der Erkenntnis. Na, er jedenfalls ist schon ein gut Stück weiter. Seine Forschungen haben es bewiesen. Ich habe Dusel bei ihm gehabt. In der Arbeitsgemeinschaft ist mir etwas geglückt. Seitdem zieht er mich heran, wo er kann. Ehrensache, daß ich da heute nicht fehle! Hättest du übrigens nicht Lust, Agnete? Komm doch mit. Kann dir nichts schaden, teures Mädchen. Kannst noch was lernen.“
„Also gibt es doch noch Leute, die mehr können als ich, Wölfchen?“ neckte sie lachend. „Siehst du, siehst du, was ich von deinen Beteuerungen zu halten habe. Und dabei versicherst du mir seit einem Jahr, daß ich ein Ausbund an Weisheit wäre.“
„Ja, ja, Agnete. Das Auge der Liebe sieht eben anders.“
„Anders, aber nicht schärfer, mein Junge. Also, geh nur zu deinem Nicola. Nimm’s nicht übel, ich möchte heut nicht. Ich habe da zu Hause ein Buch angefangen, nach dem man in der Bibliothek schon schreit, da möcht’ ich’s noch schnell zu Ende durchackern.“
Wolfgang sah Agnete bewundernd an:
„Menschenkind, es brauchte nur nach dem Fleiß zu gehen, gar nicht nach der Begabung — und du wärst morgen Kultusminister.“
„Ach, Gott“, sagte Agnete, „noch nicht mal Assistenzarzt im Krankenhaus von Buxtehude. Was nützt es alles, Wolfgang? Hoffnungslos, hoffnungslos ist das alles.“
*
Noch fünf Minuten, dann mußte man das Probierröhrchen aus dem Wasser nehmen. Dann würde man sehen, ob das Experiment gelungen war. Jetzt — die Kurzzeituhr klingelte — Agnete griff zu: Ein Klirren, ein Ruck. Sie setzte sich auf. Wo war sie denn? Ach so, sie hatte geträumt. Laboratorium, Versuche, Arbeit. Alles war geträumt. Nur das Wasserglas, das sie heruntergestoßen, war Wirklichkeit und das Schrillen des Weckers draußen aus der Küche von Frau Bohnack. Alles war wie sonst. Hoffnungslos, zwecklos! Jetzt würden wieder die Wege zum Arbeitsamt kommen. Die Meldungen, all das Trübe, Traurige, was sie seit Wochen versucht und was nichts gebracht hatte. Wie grau das alles war. Ebenso grau wie das faltige Gesicht von Frau Bohnack, der Wirtin, die jetzt nach kurzem Klopfen mit der Heißwasserkanne und dem Frühstück hereinkam. Auf dem blinden Nickeltablett stand das abgestoßene Geschirr mit dem Zwiebelmuster. Frau Bohnack schien aus Prinzip nur abgestoßenes Geschirr zu haben.
„Morgen, Fräulein Doktor, ein Brief.“ Sie wischte sich voll Ehrfurcht erst die Hände an der geflickten Blaudruckschürze ab.
„Ein feiner Chauffeur hat ihn abgegeben.“
Agnete drehte den Brief um.
„Viktoriastraße 1“ stand auf der Rückseite des großen, weißen Büttenumschlages. Während Frau Bohnack die Rolljalausie hochzog, las sie:
„Verehrtes Fräulein Doktor,
meine Immobilienabteilung teilt mir mit, daß sich ein Interessent für Ihr Grundstück gefunden hat. Darf ich Sie bitten, mir unter Zentrum 283 telephonisch Nachricht zu geben, ob ich Sie heut abend um sieben Uhr in meinem Hause in Babelsberg zwecks näherer Besprechung erwarten kann?
Ihr ergebener Printheer.“
„Nein, liebe Frau Bohnack“, sagte Agnete lächelnd und sah über ihren Brief hinweg zu der Wirtin, die heute mit der Rolljalousie gar nicht fertig wurde, „kein Geld, auch keine Erbschaft, nur eine Abendeinladung.“
„Aber eine feine, Fräulein Doktor. Der Chauffeur! Und erst der Wagen! Na, ick sag’ Ihnen. Soll ick Ihnen det jute Schwarze ausbügeln?“
„Wenn Sie so freundlich sein wollen? Was anderes hab’ ich ja nicht zu bieten.“
Agnete machte sich eilig fertig. Man mußte Printheer bald Bescheid geben. Der graue Morgen war plötzlich etwas lichter geworden. Printheer schien sich wirklich für sie zu interessieren. Vor allem hatte er ihr die Rücksendung des Schecks nicht verübelt. Um neun Uhr rief sie von dem kleinen Zigarrenladen neben ihrem Hause an. Zu ihrem Erstaunen meldete sich Printheer sofort selbst.
„Ach, guten Morgen, Fräulein Reyersdorff, so früh schon auf?“
„Sie waren so freundlich, Herr Konsul, mir zu schreiben —“
„Ja, und werden Sie kommen?“
„Gern, Herr Konsul.“
„Das ist schön. Ich darf Sie dann bitten, bei uns zu essen. Ganz zwanglos, Fräulein Doktor. Nur meine Hausdame, Sie und ich.“
„Ich nehme mit Dank an, Herr Konsul.“
„Gut, mein Wagen wird Sie um sechs Uhr fünfundvierzig abholen.“
Agnete hätte gern gleich etwas Näheres über diesen Grundstücksinteressenten erfahren. Aber Printheer war sicherlich unendlich beschäftigt, und es war ja schon so viel, daß er sich mit ihren kleinen Angelegenheiten abgab.
Eigentlich war es ein schmerzlicher Gedanke, das Grundstück aufzugeben. Damit war die Trennung von Jugend und Vaterhaus vollzogen. Damit erst war man vollkommen wurzellos. Andererseits durfte sie es sich nicht leisten, um ihrer Empfindungen willen dies Grundstück zu halten. Wenn man es einigermaßen günstig verkaufte, so konnte man mit diesem Gelde sich eine eigene Existenz aufbauen, vielleicht eine Praxis. Man kam vielleicht aus diesen drückenden Geldsorgen heraus, die einem alle Lebensfreude und Kraft nahmen. Ob ein Mann wie Printheer sich vielleicht denken konnte, was zum Beispiel eine solche Einladung, wie die zu heute abend, für einen armen Menschen bedeutete? Sicherlich konnte er sich nicht vorstellen, daß selbst so etwas eine „große Ausgabe“ war. Zum Beispiel: Unbedingt mußte sie zum Friseur. Zwei Mark würde das kosten. — Dann kamen zwei Mark für Trinkgeld und Chauffeur. Und sie hatte nur noch zehn Mark. Die sollten für acht Tage reichen. Wenn man das Haus verkaufen würde, ach, was würde man dann alles können? Vielleicht einmal reisen! Oh, nur ganz bescheiden, ganz klein. Die See hätte sie sehen mögen. Immer schon sehnte sie sich danach. Nur einmal auf ein paar Tage aufatmen. Alles vergessen. Freudig sein, jung sein, bedenkenlos! Freude spüren und auch andern Freude machen können! Wölfchen, der gute Kamerad, der ihr geholfen, wie sie ihm geholfen. Wenn man ihm einmal eine Freude machen könnte. — Ach, es war alles schwer.
*
Printheer saß am Schreibtisch, sah mit einem uninteressierten Blick an seinem Gegenüber vorbei, einem nervösen, blonden Herrn.
„Nein, also die Angelegenheit interessiert mich nicht, Herr Sidkaudis. Ich gedenke, meine Interessen drüben zunächst noch nicht weiter auszudehnen. Vielleicht später einmal. Wir können ja in drei Monaten noch einmal darüber verhandeln.“
„In drei Monaten dürfte die finnische Gesellschaft uns die Waldungen bereits fortgenommen haben, Herr Konsul. Dann dürfte es für einen Ankauf durch Sie zu spät sein.“
„Das heißt mit andern Worten, Sie können nicht mehr solange warten, Sidkaudis. Sie werden dann verkaufen, und zwar zu einem niedrigeren Preis, als ich anlegen sollte.“
„Herr Konsul“, sagte Sidkaudis mit flacher Stimme, „ich habe die Terrains gehalten, weil man mir zusagte — —“
Printheer zog die Augenbrauen zusammen: „Zugesagt? Davon ist mir nichts bekannt. Haben Sie diesbezügliche schriftliche Unterlagen aus meinem Büro in Abo erhalten?“
Sidkaudis schüttelte den Kopf. Nein, eine feste Zusage habe er nicht erhalten, er habe jedoch nach den Plänen, die man ihm entwickelt und bei deren Durchführung er beteiligt gewesen, hoffen dürfen —
Printheers Gesicht blieb unbewegt. Er bedaure sehr, aber für die Hoffnungen der Firma, die Herr Sidkaudis vertrete, könne er nicht aufkommen. Er habe eben seine Pläne geändert.
„Das hieße also“, fragte Herr Sidkaudis leise, „daß man die Terrains anderweitig abgeben dürfe?“
Printheer nickte nur. Er nahm bereits ein Aktenstück, das neben ihm lag.
Herr Sidkaudis konnte gerade noch die auseinandergeflatterten Papiere, die er Printheer vorgelegt, zusammennehmen.
Printheer sah dicht vor seinem Aktenstück die Hände des Mannes, sie zitterten. Printheer wußte, was das Ende der Unterredung für Sidkaudis bedeutete. Es war das Ende für ihn und auch für die Leute, die hinter ihm standen. Aber er konnte sich nicht darum kümmern. Die Firma, die er selbst dazwischengeschaltet, ohne daß die Finnländer es wußten, würde die Waldterrains um die Hälfte billiger hereinbringen. Wie viele solch zitternder Hände hatte er schon gesehen, Symptom der Hoffnungslosigkeit, der Verzweiflung. Aber es half nichts. Man mußte über Tausende hinweg. Nur so konnten andere, konnten Millionen leben.
Es klopfte. Der Herr mit dem kurzgeschnittenen Bart kam herein.
„Ja, dann kann ich wohl —“ Sidkaudis stand unschlüssig immer noch in der geheimen, sinnlosen Hoffnung im Zimmer.
„Ja, wirklich, ich bedaure.“ Printheer sagte es schon mechanisch, sprach mit Generaldirektor Grondag, der eben hereingekommen war. Sidkaudis ging mit grauem Gesicht hinaus.
*
Wolfgang Rautenberg kam um dreiviertel sieben Uhr quer über die Sybelstraße auf Agnetes Haus zu, gerade als Agnete herauskam.
„Tag, Agnete. Ich will mich bei dir zum Abendbrot einladen. Na, hab’ keine Angst. Eingekauft hab’ ich schon.“
Er schlenkerte stolz ein kleines Wurstpäckchen am Bindfaden vor Agnete hin und her.
„Sieh mal den feudalen Wagen, Agnete“, er machte eine Kopfbewegung zu dem schwarzen Auto vor dem Hause, „Maybach! Neueste Klasse. Tadellos! So was wär’ schön für meines Vaters Sohn. Du, wenn ich jetzt mit dir in dem davonflitzen könnte.“
„Ich möchte dich ja so gern einladen, Wolf! Aber ich weiß nicht, ob Printheer damit einverstanden wäre.“ Agnete lächelte übermütig, ging auf den Wagen zu, dessen Tür der Chauffeur jetzt ehrerbietig aufriß.
„Du, Agnete, was heißt denn das?“
„Sieh nicht so bewundernswert unintelligent aus, Wölfchen! Das heißt, daß ich deinen Aufschnitt heute nicht schädigen werde. Mußt heute schon allein essen, ich speise bei Printheer. Nicht bös sein.“
Sie gab ihm warm die Hand:
„Morgen früh, Wolfgang, zehn Uhr, im Studentenwerk. Ich erzähl’ dir dann.“
Sie stieg ein. Der Chauffeur schloß den Schlag.
Wolfgang stand da, sah dem Wagen nach. Das Aufschnittpäckchen baumelte an seiner Hand. Komisch, es war doch nur ein Viertelpfund, und doch schien es ihm plötzlich schwer.
4
Das Auto fuhr mit einem singenden Summen des Motors durch die Stadt. Noch nie war Agnete in einem solchen Wagen gefahren. Es war ihr, als wäre die Schwere der Erde aufgehoben, als führe der Wagen nicht auf, sondern über dem Boden. Nichts spürte man von Pflaster, nichts von Erdenschwere. Wie in einer Schaukel war es. Die Hupe rief dumpf heulende Warnung. Straßen flogen vorbei, unbekannt. Nun glänzendes Band einer asphaltierten Chaussee. Wald zu beiden Seiten. In den Büschen unter den hellen Birken war schon Schein von Frühling. Die Äste waren rötlich und grünlich. Der Saft schien schon aufzusteigen. Eine Brücke über helles Wasser. Einige weiße Segel, von Frühlingswind geweckt, trieben dahin. Am Himmel standen weiße Wolken vor einem seidigen Blau. Wie eine Hoffnung war dies alles.
Der Chauffeur bog in einen Parkweg ein. Ein weites Gitter umschloß in geschwungenem Rund Rasenflächen, deren erstes Grün schimmerte. Nun ein Gebäude. ‚Ein Schloß ist das ja‘, dachte Agnete. Ihr Mut sank.
Ein Diener kam eilig aus dem Portal, half Agnete heraus. Sie trat in die getäfelte Halle des Hauses. Seidig glänzendes, lichtbraunes Holz kleidete die Wände und die breitgeschwungene Treppe. Ein purpurn aufleuchtender Riesenteppich deckte das Parkett. Purpurne Seidenvorhänge schlossen oben die Türen ab, die von der breiten Galerie in die Privatzimmer zu führen schienen.
Agnete wurde in einen großen Salon geführt. Vier Riesenfenster bis zur Erde herabgehend, gaben den Blick auf einen weiten Park frei. Dahinter schimmerte es bewegt wie Wasser.
Sie hatte kaum Zeit gehabt, sich in dem prächtig gegliederten Raum mit den kostbaren Aubussohmöbeln und den seidenbespannten Wänden umzuschauen, an denen sparsam verteilte Bilder hingen, als der Diener wieder die Tür öffnete.
Eine große, überschlanke Dame kam herein. Sie hatte ein noch schönes, aber etwas spitzes Gesicht, fein gebogene Nase, ausgeblaßte blaue Augen, einen sehr kleinen Mund.
„Fräulein Reyersdorff“, sagte sie und gab ihr mit konventioneller Herzlichkeit die Hand, „ich bin Frau von Ellringen. Herr Konsul läßt einen Augenblick um Entschuldigung bitten.“ Sie unterbrach sich: „Da kommt er schon.“
Konsul Printheer kam rasch durch eine der zurückgeschobenen Flügeltüren herein. Wieder hatte Agnete dieses Gefühl von einer erdrückenden Kraft und von etwas Dunklem, Unbeschreibbarem.
„Guten Tag, Fräulein Reyersdorff.“ Printheer schüttelte Agnete kräftig die Hand. „Ich freue mich, Sie bei uns zu sehen.“
Er setzte sich so, daß er selbst im Schatten war, während ihr Gesicht von der noch einmal hervorbrechenden Märzsonne hell beleuchtet wurde. Während er gewandt über Agnetes Befangenheit hinwegsprach, musterte er sie unmerklich. Frau v. Ellringen, die mit ihrer sehr aufrechten, immer etwas beleidigt wirkenden Haltung dagesessen, sah diesen Blick. Ihr Mund schloß sich schmaler zusammen.
„Nun, Fräulein Reyersdorff?“ fragte Printheer, „hat sich inzwischen in den äußeren Dingen Ihres Lebens etwas verändert? Haben Sie irgendeine Stellung bekommen oder eine Aussicht auf Stellung?“
Agnete verneinte.
Nein, es hatte sich nichts ereignet, seit sie Herrn Printheer gesprochen. Es war alles immer noch beim alten, und man müßte es wohl aufgeben, auf Glücksfälle zu hoffen. Hier sah Frau v. Ellringen Agnete wieder so eigentümlich an und erhob sich mit einer leise gemurmelten Entschuldigung.
„Wir können dann wohl bald zu Tisch gehen, Frau von Ellringen? Ich habe hinterher mit Fräulein Reyersdorff allerlei Geschäftliches —“
Das Telephon im Zimmer schnurrte.
„Lord Iverthon, Herr Konsul“, meldete Frau v. Ellringen, die den Hörer abgehoben hatte.
„Ah, Iverthon! Von wo spricht er, von London aus?“
„Nein, Herr Konsul, hier vom Hotel Adlon.“
„Hallo, Lord Iverthon! Hier spricht Printheer. Guten Abend. Seit wann sind Sie in Berlin? Heut abend ins Adlon? Leider unmöglich. Ich habe einen Gast.“
Agnete erhob sich.
„Aber dann möchte ich doch nicht“, sagte sie halblaut zu Frau v. Ellringen. Vom Telephon her machte Printheer eine abwehrende Bewegung, sprach weiter:
„Aber kommen Sie doch heraus zu uns. Ja, selbstverständlich. Wann geht Ihr Flugzeug? Um zehn? Aber dann haben Sie doch noch Zeit, mit uns zu essen. Ich schicke Ihnen sofort den Wagen. Sie können in drei Viertelstunden hier draußen sein. Auf Wiedersehen!“
„Bitte, Frau von Ellringen“, sagte er, den Hörer auflegend, „wollen Sie draußen anordnen, ein Gedeck mehr. Sind Sie sehr hungrig, Fräulein Reyersdorff? Es wird nun noch ein Weilchen dauern. Aber ich konnte Lord Iverthon nicht absagen.“
„Es ist mir wirklich außerordentlich peinlich, Herr Konsul.“
„Aber, ich bitte Sie, peinlich? Warum denn? Vielleicht wird es Ihnen sogar Spaß machen. Iverthon ist ein sehr interessanter Mensch und in der ganzen Welt beheimatet. Große Baumwollinteressen in Ägypten und Indien. Mal hier, mal da. Er kutschiert dauernd zwischen dem Sudan und Indien herum.“
„Wie das sein muß, zwischen Indien und dem Sudan herumzukutschieren“, meinte Agnete lächelnd. „Ist das das ‚große Leben‘?“
Printheer machte eine gleichgültige Handbewegung:
„Das große Leben, Fräulein Reyersdorff, ist überall dasselbe, Überall Hetze und Gier nach Geld. Es lohnt nicht.“
„Das scheint Ihnen vielleicht so, Herr Konsul, weil Sie es kennen, dies Leben. Es sogar dirigieren. Aber unsereinem ist das alles wie eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht. Man hört von ihr. Man glaubt an sie. Vielleicht gerade, weil sie niemals Wahrheit wird.“
„Und wenn sie einmal Wahrheit würde, Fräulein Reyersdorff, würde das für Sie soviel bedeuten? Glauben Sie, daß die Welt draußen für Sie mehr Glücksmöglichkeiten bergen würde, wenn Sie zum Beispiel reisen könnten, unbeschränkt? Wäre alles das ein Inhalt? Es gibt ja Frauen, die darin ihr Leben erblicken“, er lachte kurz auf, „aber Sie?“
„Nein, Herr Konsul, Sie haben recht. Ich nicht. Damit will ich nicht etwa andere kritisieren. Nur mein Weg ist anders. Solch ein Leben könnte nur eine Periode sein für mich. Das Bleibende ist doch der Trieb zu meiner Arbeit.“
„Eigentümlich.“
Printheer sah mit einem halben Lächeln Agnete an. „Sie sind eine ganz besondere Art Frau. Ihre Arbeit? Kann sie auf die Dauer wirklich für einen jungen und — verzeihen Sie, ich darf es ja sagen, der ich soviel älter bin — für einen schönen jungen Menschen Lebensinhalt sein? Ich könnte mir etwas anderes an Glück denken, als ein Leben im Laboratorium zwischen Retorten, Mikroskopen und Versuchen zu verbringen. Das alles ist doch so abgeschlossen vom wirklichen Leben. Ein Laboratorium kommt mir vor wie eine Welt für sich, die zu der Welt draußen keine Beziehung hat.“
„Das scheint Ihnen nur so, Herr Konsul. Gewiß ist es eine Welt für sich. Aber wenn ich mich so ausdrücken darf, es ist wie eine Keimzelle, von der aus sich das Leben ungeahnt entwickeln kann. Wer den Forschungstrieb hat, für den ist die Abgeschiedenheit der Laboratoriumsarbeit nur scheinbar. Er sieht im kleinsten Mikroorganismus das ganze Dasein, Leben und Tod. Wenn es einem gelingt, auch nur ein winziges Bausteinchen zu finden, um das Gebäude des Lebens zu sichern, gegen den Tod zu verteidigen, ist das ungeheuer. Das ist die Verbindung zum Leben. Sie ist so stark, daß sie unendlich beglücken kann. Darum geht es mir ja auch bei der Arbeit, darum suche ich mit allen Kräften immer noch nach einem Wege, weiter wissenschaftlich arbeiten zu können.“
Sie brach ab, wie erschrocken, „ich fürchte, ich langweile Sie, Herr Konsul.“
„Sprechen Sie nur weiter, Fräulein Reyersdorff. Es ist schön, ein junges Geschöpf so von einer Aufgabe erfüllt zu sehen. Was einem Menschen wie mir in den Weg kommt, ist meistens nur Streben nach Reichtum, nach Geld. Oder nach Ruhm. Aber vielleicht lockt auch Sie der Ruhm, den Krebserreger zu entdecken? Als Frau zu erreichen, was Männern nicht gelang? Das wäre doch etwas, nicht wahr?“ Leiser Spott war in seinen Worten.
Agnetes eben noch so glühendes Gesicht verschloß sich in Abwehr:
„Daran denke ich nicht, Herr Konsul. Verzeihen Sie, wenn ich dies sage. Angesichts des unsäglichen Elends, das eine Krankheit wie der Krebs bedeutet, vergehen einem die Gedanken an Ruhm oder Erfolg. Wenn man weiß, daß jährlich Millionen Menschen in der Welt am Krebs sterben, dann denkt man nur noch daran: wie kann ich da einmal helfen!“
Printheer streckte ihr plötzlich die Hand entgegen:
„Verzeihen Sie, Fräulein Reyersdorff, wenn ich mit meiner Skepsis in Ihre schöne Begeisterung hineingefunkt habe. Der ldealismus wird einem ziemlich sicher ausgerottet, wenn man in einem Leben steht wie ich. Man glaubt nicht mehr daran, daß es Hingabe an eine Sache gibt, Hingabe ohne den Gedanken des eigenen Vorteils. Aber vielleicht“, seine durchdringenden, mächtigen Augen sahen sie an, „vielleicht könnte man es einmal wieder glauben lernen.“
Wieder fühlte Agnete das eigentümliche Erschauern, das Gefühl des Erdrücktwerdens von Printheers Persönlichkeit. In welch seltsames Gespräch war sie unversehens mit Printheer geraten und wie hatte sie sich diesem Manne erschlossen? Das war sonst doch nicht ihre Art.
Printheer schien ihre Gedanken zu erraten:
„Da sind wir wirklich ins Philosophieren gekommen, Fräulein Reyersdorff. Aber es hat mir Freude gemacht. Ich komme selten dazu, mich mit Frauen anders zu unterhalten als bei einem höchst überflüssigen Tischgespräch. Ich habe eigentlich immer nur mit Männern zu tun. Sie interessieren mich, Fräulein Reyersdorff. Ich möchte Sie näher kennenlernen.“
Agnete fühlte, jetzt hätte sie etwas sagen müssen. Aber sie konnte es nicht. Es war wieder dies Gefühl der Beklemmung in ihr wie beim ersten Male. Wieder die Frage: Was wollte dieser Mann von ihr? Er selbst hatte eben davon gesprochen, daß er nicht mehr an eine Handlung ohne egoistischen Selbstzweck glauben könnte. Wie erklärte sich dann aber das Interesse, das er ihr zeigte und durch die Einladung bekundet hatte? Und wie die Dankbarkeit, die er ihrem Vater gegenüber solange Zeit hindurch bewahrt hatte? Was war sie denn, daß er sich soviel Zeit-für sie nahm? Er wollte sie näher kennenlemen. Aber es war doch nichts an ihr kennenzulernen? Ihr Leben, engbegrenzt, barg nichts, was einen Menschen wie Printheer interessieren konnte. Wenn sie doch etwas hätte sagen können, die Stille unterbrechen. Printheers Augen lagen immer noch auf ihr. Seine große, breite Gestalt saß leicht vorgebeugt in dem tiefen Sessel, als wartete er auf etwas.
Agnete hatte plötzlich ein Gefühl wie von Atemnot. Sie hätte draußen sein mögen, nicht allein hier im Zimmer mit diesem Mann.
Ihre Augen gingen an Printheer vorbei durch die hohen Fenster.
„Hätten Sie Lust, den Park zu sehen?“ fragte Printheer. Sie fuhr fast zusammen. Konnte der Mann Gedanken erraten? Hilflos nickte sie.
Sofort erhob er sich.
„Kommen Sie! Ich zeige Ihnen einmal das Grundstück. Es ist sehr schön, besonders jetzt im Frühling, wenn alles grün wird. Ein bißchen frische Luft tut Ihnen vielleicht auch ganz gut. Vermutlich kommen Sie nicht viel heraus.“
Er öffnete eine der breiten Türen, die vom Zimmer auf eine hohe, geschwungene Altane führte. Ein Geruch von Erde strömte herein.
Durch die kahlen Zweige schien die letzte Sonne und legte einen Goldschleier in das dämmrige Blau. Eine einzige Amsel sang verloren und sehnsüchtig. Brach ab, sang wieder, es war wie ein Versuch, wie ein Anfang. Schüchtern noch, genau so schüchtern wie das leise Grün an den Büschen vor der Altane.
Entzückt trat Agnete einen Schritt vorwärts.
„Oh, hier müssen irgendwo schon Veilchen sein, ich rieche es ganz deutlich.“
„Augenblick, Fräulein Reyersdorff, so laß ich Sie nicht heraus.“
Printheer klingelte.
„Den Mantel für das gnädige Fräulein“, befahl er nach rückwärts, wo im selben Augenblick fast, da Printheer an die Glocke gerührt, der Diener erschien.
„Oh, danke, ich bin abgehärtet, Herr Konsul.“
Printheer nickte.
„Abgehärtet sein ist schön, Fräulein Reyersdorff, aber nicht, wenn man in einem so dünnen Kleide in den März hinausgehen will. Sie sollen keine Erkältung von mir mitnehmen. Das wäre keine schöne Erinnerung. Und ich wünschte“, seine Stimme wurde auf einmal leise, bekam etwas Werbendes, Gleitendes, „ich möchte, daß Ihr Besuch hier eine schöne Erinnerung ist.“
Er brach ab. Der Diener wollte Agnete in den Mantel helfen.
„Lassen Sie!“ sagte Printheer herrisch.
„Den Mantel für den Herrn Konsul?“
„Nein.“
Der Diener verschwand mit unbeweglichem Gesicht. Agnetes Schultern zitterten. Sie fühlte, wie Printheer ihr unendlich behutsam den dünnen schwarzen Mantel umlegte.
Sie mußte daran denken, daß er nun sehen würde, wie abgeschabt der schwarze Pelzkragen am Halse, wie billig das Futter und der Stoff ihres Mantels waren. ‚Was ist denn mit mir‘, dachte sie ärgerlich, ‚warum schäme ich mich, daß ich arm bin? Das weiß er doch.‘ Aber sie konnte es nicht verhindern, daß sie sich wirklich schämte.
Als Agnete und Printheer nach etwa einer halben Stunde aus dem Garten zurückkamen, fanden sie im Salon Frau v. Ellringen und Lord Iverthon. ‚Der Lord, wie er im Buche steht‘, mußte Agnete denken. Es war drollig, wie manche Vorstellungen, die man von bestimmten Typen hatte, sich restlos mit der Wirklichkeit deckten. Iverthon hatte die große trainierte Gestalt, das rosige faltenlose Gesicht, das sich angelsächsische Männer bis ins späte Alter bewahren, die scharfen, sehr hellen, sehr blauen Augen und den typischen, englischen Mund mit dem ausgearbeiteten Kiefer.
Dieser Lord Iverthon, der ihr gemessen die Hand schüttelte, war der Typ des Gentlemans. Doch wenn er, wie jetzt, beim Essen in einem schnellen zerkauten Englisch mit Printheer von Geschäften sprach, hatte er einen Zug um den Mund, der zu denken gab. Agnete besann sich jetzt auch: Das war doch Iverthon, der die Abberufung des volksfreundlichen indischen Vizekönigs durchgesetzt hatte und mitverantwortlich war für den scharfen Kurs, den die Regierung in Indien eingeschlagen hatte!
Es war ihr lieb, daß das Gespräch bei Tisch sich fast ausschließlich zwischen Iverthon und dem sofort ins Englisch herübergewechselten Printheer abspielte. Sie vermochte mit ihrem Schulenglisch nicht immer so schnell zu folgen. Außerdem war es viel interessanter, zuzuhören. Was sie aufnehmen konnte von diesem Gespräch zwischen den Männern, gab ihr Einblick in eine Welt, die sie nicht kannte. Hatte Printheer nicht von dieser Welt gesagt, daß sie langweilig wäre? Aber das war sie doch nicht. Was hier gesprochen wurde über die sozialen Bedingungen, unter denen die Menschen in Indien, Ägypten lebten, über die Kämpfe zwischen den Baumwoll-Produzenten der Welt, den Kampfzöllen der Regierungen, über die internationale Verflechtung des Kapitals und der Börsen, das war für Agnete alles vielfarbig und bedeutungsvoll. Zum ersten Male bekam sie die Macht des Kapitalismus, verkörpert in Menschen, zu spüren. Jene Macht, die eingriff in jede Funktion eines Staates, ja bis in das Leben jeder Einzelexistenz. Forschen und arbeiten können, arbeitslos sein und Hunger spüren, Hunger des Körpers und Hunger des Geistes, alles hing ja ab von diesem Getriebe der Wirtschaft. Und diese beiden Männer gehörten zu den Lenkern dieses Getriebes.
„Wollen Sie nicht noch nehmen, Fräulein Reyersdorff“, flüsterte Frau v. Ellringen, die steif und mager ihr gegenüber saß, leise. Agnete machte eine kurze Bewegung. Es wirkte beinahe unhöflich. Ihre leuchtenden Augen hingen an Printheers Lippen. Printheers Gesicht schien ihr jetzt in der finsteren Zusammengeschlossenheit, die die Konzentration des Gesprächs ihm gab, noch bedeutungsvoller, mächtiger als sonst. Sie schrak beinahe zusammen, als Frau v. Ellringen nach einem Blick zu Printheer das Zeichen zum Aufstehen gab.
Printheer wechselte sofort den Ton.
„Nun, Fräulein Reyersdorff“, sagte er auf deutsch, „entschuldigen Sie, daß ich Sie so vernachlässigt habe. Ja, wenn wir Geschäftsleute einmal zusammenkommen, dann wird vom Fach geredet. War es langweilig für Sie? Oder nicht?“
„Ich war glücklich, zuhören zu können, Herr Konsul.“ Agnetes graue Augen waren beinahe dunkel von innerer Erregung.
Printheer sah es:
„Sie haben einen leidenschaftlichen Geist, Fräulein Reyersdorff!“
5
Lord Iverthon war fort. Frau v. Ellringen hatte sich auf einen unmerklichen Wink Printheers hin zurückgezogen. Eine schwere Stehlampe brannte in Printheers riesenhaftem Herrenzimmer mit den alten Florentinermöbeln, legte ihren Lichtkreis um Agnete und Printheer, auf den niedrigen, eingelegten Tisch und den goldenen Zigarettenkasten. Printheer blickte auf eine Geschäftsmappe vor sich.
„Also, Fräulein Reyersdorff, es liegt hier das Angebot einer Firma vor. Wie ich Ihnen sagte, ist Interesse für das Grundstück Ihres Vaters vorhanden. Ich habe das Angebot durch meine Immobilienabteilung prüfen lassen. Die Firma ist vertrauenswürdig. Die Auszahlung des Betrages könnte sofort erfolgen.“
„Und wie hoch würde der Betrag sein, Herr Konsul?“
Printheer schien in den Akten zu suchen:
„Hier haben wir es. Fünfundzwanzigtausend Mark.“
„Das scheint mir außerordentlich günstig, Herr Konsul. Mein Vater sagte immer, daß er große Sorge hätte, man könnte ihm die Hypothek kündigen, da bei den sinkenden Grundstückspreisen der Wert des Grundstücks die Hypothek kaum noch übersteige. Wie kommen die Leute zu einem so guten Angebot?“
Leichthin sagte Printheer:
„Es kommt immer darauf an, Fräulein Reyersdorff, was für Zwecke mit dem Erwerb eines Grundstücks verbunden werden. Diese Grundstücksgesellschaft plant eine größere Fabrikniederlassung mit Werkhaussiedlung. Das Terrain hat gute Zufahrtsmöglichkeiten, liegt an der Hauptstrecke. Das ist für Fabrikbetriebe wichtig. Was geht es außerdem uns an, wenn die anderen einen so hohen Preis anlegen wollen? Ich würde Ihnen sehr raten, anzunehmen. Oder sind Sie anderer Meinung?“
Agnete schwieg einen Augenblick.
„Herr Konsul, ich werde Ihnen vermutlich als eine sehr undankbare oder romantische Person erscheinen. Ich müßte ja mit beiden Händen zugreifen, wenn mir ein solches Angebot gemacht wird. Natürlich werde ich es annehmen.“
„Es wird Ihnen aber schwer?“
Printheer sah unter seinen buschigen Augenbrauen scharf auf.
„Ja, es wird mir schwer. Solange ich das Häuschen noch habe, habe ich noch ein Stückchen Heimat. Ich habe keinen Menschen auf der Welt. Mir ist, als zerschnitte ich den letzten Faden, der mich an Eltern und Kindheit bindet. Aber —“ fügte sie mit einem Versuch zu lächeln hinzu, „ich sehe ein, das sind Sentimentalitäten, die darf ich mir nicht leisten.“
„Sie dürfen sich alles leisten, Fräulein Reyersdorff.“
Wieder war in der Stimme Printheers dieses Gleitende, was wie eine Verlockung war und wie einBann. „Das Grundstück wird also nicht verkauft.“
Er machte eine kurze Notiz in die Akten.
„Aber ich bitte Sie, Herr Konsul. Das geht doch nicht. Ich brauche das Geld zu nötig. Ich muß doch verkaufen.“
„Sie müssen gar nicht, Fräulein Reyersdorff. Wir brauchen das Haus ja nicht abzugeben. Machen wir doch den Leuten ein Angebot nur auf das Ackerland, das hinter Haus und Garten liegt, und lassen wir das Haus vorderhand heraus. Sehen Sie, von hier an etwa.“
Er zog eine Skizze aus den Akten hervor. Agnete sah den Lageplan ihres Hauses und Grundstücks mit genauen Maßen aufgenommen.
„Das Angebot wird natürlich dann dementsprechend geringer ausfallen. Aber immer noch besser, als daß Sie etwas tun, wogegen Ihr Herz sich sträubt.“
„Sie werden mich für kindisch halten, Herr Konsul. Sie können sich so etwas vermutlich nicht vorstellen, daß man an so einem kleinen jämmerlichen Hause hängt. Sie —“
Agnete machte eine Gebärde, als wollte sie all das umfassen, was hier an Pracht und Größe war.
„Aber ich, ich bin nun einmal so.“
„Bleiben Sie so, Fräulein Reyersdorff. Gerade daß Sie anders sind, das ist vermutlich Ihre Stärke. Was Sie ‚kindisch‘ nennen, ist vielleicht das, was im letzten Grunde wichtig ist, um einem Menschen die Ruhe in sich selbst zu geben. Ich —“
Er sah gedankenvoll vor sich hin, wieder lag das Finstere auf seinen Zügen, aber jetzt war es mit einer leisen Trauer gemischt, „ich weiβ in der Tat nicht, was es bedeutet, ein Stückchen Erde zu lieben. Mir ist es gleich, wo ich bin. Uberall, ob in Paris oder in London oder in Amsterdam, meiner Heimat, überall erwartet mich ein Haus so wie hier. Gekauft — na ja, wie man einen Anzug kauft, den man für eine kurze Zeit tragen will. Unpersönlich, unpersönlich und gleichgültig.“
„Aber es ist doch so schön hier. Wie können Sie es „unpersönlich“ nennen? Die Kunstschätze, die Bilder, alles, was ich bis jetzt gesehen habe —“
„Alles, was Sie gesehen haben, haben meine Architekten sehr gut ausgesucht. Man weiß genau, wie ein Mann wie ich wohnen muß. Man weiß es viel besser als ich selbst. Glauben Sie, daß ich eine Ahnung davon habe? Für mich wäre es wirklich gleich, ob ich in einem Schlosse wohne oder nicht. Es ist doch alles nur Kulisse. Aber man hat der Welt so lange eingeredet, daß zu ‚einem Printheer‘ Kulissen wie die hier gehören, daß die Welt es schließlich glaubte und forderte. Und ich mache mit. Ich tue, als ob ich es selbst glaubte. Es gibt bestimmte Formen des Lebens, die einem aufgezwungen werden, sie mögen einem im Grunde so unwichtig sein wie nur möglich.“
„Wer könnte Ihnen etwas aufzwingen?“ Mit leidenschaftlicher Frage senkte Agnete ihre Augen in die Printheers. Der lächelte. Was lag alles in diesem Lächeln: Zärtlichkeit, Überlegenheit, Spott und Wehmut.
„Sie, Kind, Sie glauben wohl auch, solche Menschen wie ich, sind der Herrgott, der alles lenken kann nach seinem Willen? Ach nein, was wir lenken, ist doch nur das Äußere. Aber wir vermögen ebensowenig wie der ärmste Mensch das Innere zu gestalten, das bißchen, was jeder braucht, das bißchen Glück.“
„Sind Sie nicht glücklich?“ wollte Agnete fragen. Aber ein angstvolles Mitleid, gemischt mit Schrekken über die Enthüllung einer Mannesseele hinderte sie daran. Printheer vollendete für sie.
„Das ist ein seltsames Gespräch zwischen uns, Fräulein Reyersdorff, seltsam und unbeabsichtigt. Es kam nun so. Aber warum soll in meinem Privatleben nicht auch einmal etwas Unberechnetes sein? Ich habe seit Jahren zu keinem Menschen gesprochen wie zu Ihnen. Ich würde es auch keinem andern sagen. Wissen Sie, daß ich Sie beneide?“
Ihre Augen fragten.
„Ja, ja, beneide. Wie Sie vorhin mit dieser schönen Leidenschaft von Ihrer Wissenschaft erzählten, da war etwas wie Neid in mir. Sie haben ein Ziel, dem Sie entgegengehen. Sie vermögen, wenn die äußeren Hemmnisse beseitigt sind, sich abzuschließen, um diesem Ziele zu leben. Ihre Arbeit ist in der Stille. Ich werde vom Leben hin und her gezerrt. Hunderte von Unternehmungen brauchen meinen Kopf, Tausende von Menschen meine Gedanken. Konzentration auf eine Aufgabe ist nicht möglich. Jede Aufgabe bringt immer neue hervor. Sie denken, ich bin der Meister. Nein, die Arbeit meistert mich. Ich glaube, niemand in all meinen Betrieben ist im letzten so unfrei.“
„Aber Sie können sich doch frei machen! Es kostet Sie doch nur einen Entschluß, und Sie können sich zurückziehen auf das, was Ihnen wirklich im Herzen liegt. Irgend etwas wird das doch sein?“
Wieder hatte Agnetes Gesicht dies leidenschaftlich Aufgewühlte, das ihre Züge leuchtender machte, den grauen Augen den beseelten Glanz gab.
„O ja, es gäbe vielleicht so einiges, was mir wertvoll wäre. Aber ich darf keine Zeit dafür haben. Wenn ich mich zurückziehe, wenn ich auch nur eines der Werke stillege, was glauben Sie, was dann geschieht? Ich bin ja nicht ein Mensch für mich. Ich bin ein Begriff, mit dem die Wirtschaft der Welt rechnet. Ich bin nicht Erik Printheer. Ich bin ganz einfach die Firma Printheer. Wenn Printheer A.-G. auch nur eines seiner Unternehmungen liquidiert, so gibt das einen Sturm an den Börsen. Einen Sturm, der Glück und Sicherheit von Hunderttausenden kleiner Sparer hinwegfegt, ganze Kategorien von Arbeitern brotlos macht, Hunger bringt, Erbitterung, Mord, Selbstmord. Wie in einem Expreßzug bin ich der Führer. Selbst wenn es auf den Abgrund geht, der Führer kann nicht abspringen. Er muß bleiben, ob er will oder nicht. Können Sie das verstehen?“
Agnete nickte. Sie konnte Printheer nicht ansehen. Erbarmen war in ihr für ihn. Angst war in ihr für sich selbst. In was für ein Leben war sie da hineingerissen worden? Zu welchem Zweck? Zu welchem Ende? Sie wußte es nicht. Sie wußte nur, daß Printheers Vertrauen ein Band war, das sie fesselte.
„Nun, und Sie sagen nichts?“ hörte sie die schwere Stimme fragen.
Agnete raffte sich auf. Man mußte Angst und Mitleid abschütteln und den eigentümlichen Bann.
„Und doch, Herr Konsul, irgendein Fehler ist da. Einen Ruhepunkt muß es auch für Sie geben. Sie können nicht, wie in einem Expreßzug, um Ihr Bild zu gebrauchen, durch Ihr eigenes Leben jagen. Auch ein Expreßzug hat Stationen. Hält. So müssen Sie auch einmal Station machen, zu sich selbst kommen.“
Vielleicht will ich auch nicht zu mir selbst kommen?“ Es war eine Frage, aber sie verlangte keine Antwort.
Agnete antwortete auch nicht. Sie senkte den Kopf sehr tief, als hätte Printheers schwere Frage eine Last auf sie selbst gelegt. Stumm erhob sie sich.
„Ich möchte nach Hause“, sagte sie hilflos.
„Wie Sie wünschen. Aber ich sehe Sie wieder, Fräulein Reyersdorff. Bald?“
Printheer beugte seinen Kopf über ihre Hand.
6
Agnete starrte auf das große, gelbe Kuvert mit dem Aufdruck: Kultusministerium, Medizinalabteilung. Enthielt es irgendeine belanglose Mitteilung, die mit ihrer Approbation als Ärztin zusammenhing, oder betraf es ihre Bewerbung um die Assistentenstelle? Ihre Hand zitterte, als sie es aufriß.
„Kultusministerium, Medizinalabteilung
Der Personalreferent.
Betrifft Besetzung der freien Assistentenstelle im
Staatl. Forschungsinstitut.
Sie werden hierdurch ersucht, sich am Freitag, dem 28. d., vorm. 10 Uhr, zur persönlichen Vorstellung bei dem Unterfertigten einzufinden. Geburtsschein, Approbation und ein Exemplar Ihrer Doktordissertation wollen Sie mitbringen.
Prof. Dr. Brechlin
Ministerialrat.“
Wohl zehnmal las Agnete das Schriftstück durch. Am 28.? Das war ja schon morgen!
Den ganzen Tag verbrachte sie wie im Fieber, und auch in der Nacht fand sie nur wenig Ruhe. Immer wieder kamen die Erinnerungen an die Fehlschläge der letzten Zeit. Sie durfte nicht zu stark hoffen. Sicherlich waren Konkurrenten da, die mehr und bessere Arbeiten als sie selbst aufweisen konnten.
*
Die Tür öffnete sich zum Zimmer des Ministerialrats Brechlin. Ein Herr trat heraus, dessen Äußeres Agnete interessierte. Gelehrtentyp, stellte sie sofort fest. Etwa zweiunddreißig Jahre alt, etwas scheue und abwesende Augen, dichtes, zurückgekämmtes, dunkles Haar. Nach Forschung und Laboratorium sah er aus. Zu den abwesenden Augen stand in starkem Gegensatz die harte Eckigkeit des Kinns, das, von einer Kerbe durchschnitten, sich ein wenig vorwölbte. ‚Weiche Augen und eigenwilliges Kinn‘, dachte sie. Man konnte sich deutlich verstellen, wie dieser Mann vor seinem Laboratoriumstisch saß und für die äußere Welt verloren war. Man konnte sich aber auch gut vorstellen, daß solche Augen sehr scharf blicken konnten, wenn es galt, einen Menschen oder ein Experiment zu beobachten. Dann entging ihnen sicherlich nicht das geringste Detail. Agnete kannte solche Menschen, die dann unvermutet von eherner Beharrlichkeit waren.
Es überlief sie heiß. Wenn das der bevorzugte Mitbewerber war? Aber rasch verwarf sie diesen Gedanken wieder. So sah kein erfolgreicher Konkurrent aus, im Gegenteil: Eine deutliche Falte des Unmuts stand auf der ausgearbeiteten Stirn. Nun trat er zu einem Beamten, der an einem Tische saß, und verhandelte leise mit ihm.
Agnete fuhr auf. Ihr Name wurde plötzlich aufgerufen. Sie erhob sich eilig. Dabei mußte sie an dem Herrn vorbei. Der musterte sie mit einem scharfen Blick, geradezu feindselig. Aber Agnete hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Schon sah sie sich Ministerialrat Brechlin gegenüber.
Brechlin sah interessiert auf. Na ja, es war so, wie es nicht anders zu erwarten gewesen. Eine fabelhafte Schönheit war das, für die sich der mächtige Printheer verwandte. Brechlin war ganz Liebenswürdigkeit. Er ließ sich Agnetes Papiere geben, zog aus diesen die Doktordissertation heraus, blätterte ein wenig darin und sagte:
„Ihre Arbeit, Fräulein Reyersdorff, ist mir nicht unbekannt. Ich habe sie damals mit sehr großem Interesse gelesen und kann Ihnen verraten, daß Herr Geheimrat Winzenfeld, bei dem Sie die Arbeit gemacht haben, Sie gern als Mitarbeiterin behalten hätte. Leider scheiterte das an der Beschränktheit der Mittel, die uns zur Verfügung stehen. Um so mehr war ich erfreut, Sie unter den Bewerbern für die neugeschaffene Stelle zu finden, und ich gebe Ihrem Gesuch gern statt.“
Agnete wurde dunkelrot. Eine heiße Welle strömte vom Herzen zum Kopf und benahm ihr den Atem. Das Zimmer, die Möbel, der zerknitterte Altmännerkopf Brechlins schwammen vor ihren Augen.
Der Ministerialrat beobachtete sie mit einem leisen Lächeln um die Augenwinkel:
„Nun, Fräulein Doktor?“
„Gern möchte ich annehmen“, vermochte Agnete endlich herauszubringen.
„Nun, dann sind wir einig. Nehmen Sie Ihre Papiere. Der Beamte im Vorraum hat die nötigen Anweisungen. Lassen Sie den Vertrag aufsetzen und bemühen Sie sich dann nochmals zu mir, damit ich gleich unterzeichne.“
Als Agnete eine halbe Stunde später wieder auf der Straße stand, mitten im Getriebe hastender und bedrückt aussehender Menschen war, kam ihr ihr Glück erst voll zum Bewußtsein. Sie war jetzt geborgen! Ach, warum hatte der Vater das nicht noch erleben dürfen? Jetzt einen Menschen haben, den man an dem Glück teilnehmen lassen konnte. Aber Wolf war ja da, Wölfchen, der gute Freund. Ihm wollte sie ein kleines Fest bereiten. Auch Frau Bohnack sollte etwas abbekommen. Und wer sonst noch? Es war niemand da. Sie war doch eigentlich recht einsam. Einen Moment dachte sie an Printheer. Er würde über die Nachricht sicher auch erfreut sein. Aber er hatte ja unendlich viel wichtigere Dinge im Kopf als ihr bißchen Glück. So beschloß sie, ihm erst zu berichten, wenn sie ihn wiedersehen würde.
*
Oben im Ministerium hatte Brechlin gerade den Telephonhörer in der Hand und teilte Printheer mit, daß die Angelegenheit Reyersdorff nach Wunsch erledigt wäre.
*
Ein Herr, der neben Agnete am Pult der Rohrpost stand und mit mürrischer Miene einen Geschäftsbrief schrieb, sah sie mißbilligend und erstaunt an. Denn Agnete lachte plötzlich mitten im Schreiben laut vor sich hin. Der Herr reckte den dicken Hals und sah mit neugierigen Augen auf Agnetes Briefblatt.
„Herrn Medizinalpraktikanten Wolfgang Rautenberg.
Dr. med. Agnete Reyersdorff würde sich freuen, Herrn Wolfgang Rautenberg heute abend 7,30 Uhr zum Abendessen bei Kempinski, Leipziger Straße, zu sehen. Angemessener Anzug erwünscht, aber nicht Bedingung. Auslösung des Fracks auf Pfandamt nicht nötig. Falls dennoch, gehen Kosten zu Lasten der Einladenden. Treffpunkt Halle. Antwortkarte inliegend.“
Nachdem sie den Brief eingesteckt hatte, wanderte Agnete die Leipziger Straße entlang. Sie musterte die Auslagen der Modewarenhäuser. Ein einfaches fesches Frühjahrskostüm, schwarz und weich, die Schwärze des Stoffes aufgehellt durch das Poröse des Gewebes, gefiel ihr. Eine weiße duftige Bluse sah unter einer Smokingjacke hervor. Der Vater hatte stets gewollt, daß sie nicht Trauer trüge. Äußeres Zurschaustellen eines Empfindens war ihm stets zuwider gewesen. Daran dachte sie, als sie nun das Kostüm erstand.
Zwei Stunden später, als Agnete wieder daheim war, kam bereits die Rohrpostantwort:
„Bist wohl größenwahnsinnig geworden? Oder hast Du Printheer doch beerbt? In die Halle komme ich auf jeden Fall.
Dein Dich liebendes Wölfchen.“
Agnete mußte wieder lachen. Diese Karte war echt Wolfgang. Das würde ein vergnügter Abend werden! Der gute Kerl hatte soviel Monate der Sorge mit ihr durchgemacht. Wie ein Bruder hatte er alles mit ihr geteilt. Auch das Geld, das ewig so knapp gewesen. Nun würde sie ihm vielleicht auch einmal eine Freude machen können. Absichtlich war sie etwas früher in die Halle zu Kempinski gekommen. Wolfgang sollte nicht auf sie warten.
,Was doch Kleider ausmachen‘, dachte sie in einer kleinen Ironie. — Sie fühlte die Blicke der Männer, wie sie ihr schon auf der Straße gefolgt waren, auch hier. Sonst hatte sie sich über derartige Blicke immer geärgert. Aber heute, sie konnte sich nicht helfen, heut war es in ihr wie eine kleine, übermütige Freude. Was würde Wölfchen erst für Augen machen? Und Wolfgang machte Augen. Beinahe wäre er an ihr vorübergegangen, die da in einer Ecke der Halle im Klubsessel saß. Als sie ihn anrief, prallte er zurück.
„Mach den Mund ruhig wieder zu, Wölfchen. Du siehst nicht sehr geistvoll aus. Oder glaubst du, die gebratenen Tauben fliegen dir schon hier in den Mund? Sei nicht so gierig! Du wirst sie schon noch bekommen, wenn du nicht gebratenen Fasan vorziehst. Nun sei Kavalier, geh voraus und such uns einen anständigen Platz!“
Wolfgang Rautenberg sagte gar nichts. Er machte immer noch ein ganz benommenes Gesicht und folgte willenlos der Führung eines Kellners, der beide zu einem leeren Platz im Kaisersaal führte.
„Sehr viel Initiative hast du heute nicht, Wölfchen“, neckte sie.
„Was befehlen die Herrschaften?“
Der Kellner legte die Karte vor.
„Heute suche ich aus“, bestimmte Agnete. „Also Speisenfolge: Hummer. Dann junge Ente mit Salat, Schwedenfrüchte mit Sahne. Einverstanden? Und was trinken wir? Eine halbe Chablis? Lieber Bocksbeutel? Ich kenne doch deine Schwäche!“
Wolfgang saß immer noch mit runden Augen. „Was ist denn nur mit dir los, Agnete. Weißt du, daß ich noch eine Mark vierundzwanzig Pfennig besitze? Wer soll denn dieses Schlemmermahl bezahlen?“
„Ich“, sagte Agnete seelenruhig. Sie öffnete ihre Tasche und zeigte ihm das Paket Scheine.
„Willst du nicht erklären, Agnete?“
Agnete lachte ganz hell und übermütig. Sie war wie verwandelt.
„Erklären? Ich dachte, du weißt es schon, Wölfchen. Ich führe doch ein sündiges Doppelleben! Wenn ich am Abend mit einem feinen Maybach wegfahre, dann wird’s auch dazu langen, daß ich einmal einen meiner Freunde zu Kempinski einlade.“
Wolfgangs gutes, blondes Gesicht wurde hart.
„Wenn du jetzt nicht sofort mit dem Unsinn aufhörst und mir erklärst, was das alles zu bedeuten hat, stehe ich auf und gehe.“
„Wie werde ich energisch?“ lachte Agnete. Wieder kramte sie in ihrer Tasche.
„Damit du an meiner Solidität nicht zweifelst, Wölfchen, hier — die Stellung — weißt du, in dem Laboratorium, ich habe sie, Wolf, ich habe sie. Das ist die Lösung des Rätsels. Bist du jetzt zufrieden?“
Wolfgang strahlte über das ganze Gesicht. Er streckte seine Hand so impulsiv über den Tisch, daß die Blumenvase mit den Maiglöckchen ernstlich ins Schwanken geriet.
„Du hast sie? Nein, das ist ja fein. Wie ich mich freue. Ich kann es dir nicht sagen, du. Am liebsten möchte ich dir jetzt einen Kuß geben. Aber leider geht das ja hier nicht. Vielleicht später?“
„Nicht jetzt und nicht später, Wölfchen. Pfui, was für ausschweifende Gedanken! Aber nett, daß du dich so mit mir freust. Bist doch mein guter Kamerad, gelt? Du, vierhundert Mark im Monat! Menschenkind, was macht man nur mit dem ganzen Mammon?“
„Na, wirst es schnell genug lernen, Agnete. Hast dich ja schon fein eingepuppt.“
„Findest du?“
Agnete sah an ihrem neuen schwarzen Kostüm herunter. „Nur für dich, Wölfchen! Aber hör mal, wenn du in der Klemme sitzt, jetzt bin ich Großkapitalist. Jetzt kann ich finanzieren — —“ Sie unterbrach sich.
Wolfgang Rautenberg war plötzlich sehr rot geworden und verbeugte sich, aufspringend, gegen einen Herrn, der in einer größeren Gesellschaft durch den Saal des Restaurants an ihnen vorbeikam.
Der Herr grüßte außerordentlich liebenswürdig zurück, nickte Wolfgang Rautenberg zu. Dabei begegnete er Agnetes Blicken. Beide stutzten. Da verfinsterte sich das eben noch so freundliche Gesicht des Vorbeigehlenden. Rasch eilte er in der Gruppe seiner Begleiter weiter.
„Wer war das?“ fragte Agnete schnell.
„Das war er“, sagte Wolfgang Rautenberg, immer noch ganz rot, „das war Nicola.“
Agnete sah nachdenklich der etwas vorgeneigten Gestalt nach: „Komisch.“
Wolfgang fuhr auf:
„Wieso komisch? Was ist an Nicola komisch?“
„Nun, nun, langsam, Wölfchen. Ich sage ja nichts gegen deinen Abgott. Rot bist du geworden, wie ein kleines Mädchen, das seine Flamme wiedersieht. Weißt du, daß ich deinen Doktor Nicola schon gesehen habe?“
Agnete erzählte von der kurzen Begegnung im Vorzimmer des Ministerialrats Brechlin.
Wolfgang sah Agnete entgeistert an:
„Mir dämmert etwas, du. Hat Brechlin dir den Namen des Chefs in deinem Laboratorium genannt? Ne? Hast auch nicht danach gefragt? Das war doch selbstverständlich.“
Agnete nickte etwas schuldbewußt. Eigentlich wäre das selbstverständlich gewesen. Aber sie wäre so vollkommen verwirrt gewesen, daß sie an die einfachsten sachlichen Fragen nicht mehr gedacht hätte. Nun kam auch ihr ein Gedanke:
„Meinst du vielleicht, daß Nicola —?“
Wolfgang nickte nachdrücklich:
„Meine ich. Dein Chef wird Nicola sein. Er hat nämlich jetzt gerade eines der Krebslaboratorien bekommen. Ich wußte nur nicht recht, welches. Du, wenn ich dich um etwas beneide, dann um die Zusammenarbeit mit diesem Menschen. Einen Dusel hast du, Mädchen. Davon könntest du andern was abgeben.“
Eine Falte legte sich zwischen Agnetes Augenbrauen:
„Ob das so ein Dusel ist? Ich möchte es noch bezweifeln. Ich habe das Gefühl, dieser Nicola hat irgend etwas gegen mich.“
„Unsinn! Was soll er gegen dich haben? Kennt dich ja gar nicht. Übrigens, soviel mir bekannt ist, sind die Männer immer für dich und nie gegen dich eingestellt.“
Agnete schwieg. Was sollte sie auch sagen? Aber der finstere Blick, mit dem dieser Dr. Nicola sie im Vorzimmer Brechlins gemustert und auch jetzt sie angeschaut hatte, wollte ihr nicht aus dem Kopf.
„Komisch, Wolf“, sagte sie nach einer Weile, „auf einmal ist mir etwas bange vor dem Anfang geworden. Schade, daß du mich nicht mit Nicola bekannt machen konntest. Auf einmal ist mir so nach männlichem Beschützer.“
Wolfgang Rautenberg verbeugte sich lachend:
„Große Ehre! Aber der männliche Beschützer muß ja morgen, wie du weißt, nach Arnswalde, um sich persönlich um die Praktikantenstelle zu bewerben. Aber wirklich, Nicola ist eine Seele von Mensch. Ich begreife gar nicht, was du plötzlich für hysterische Angstanwandlungen hast. Na, Prost auf Nicola und auf Arnswalde. Und auf dich, Agnete!“
Pulsuz fraqment bitdi.