Kitabı oxu: «Erster Preis: Du!»

Şrift:

Lisa Honroth Löwe

Erster Preis: Du!

Roman

Saga

Erster Preis: Du!

© 1933 Lisa Honroth-Loewe

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711593301

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Erstes Kapitel.

Direktor Fredrichs, ziemlich am Schluss, diktierte:

„... wir werden uns also gestatten, in den nächsten Tagen persönlich bei Ihnen vorzusprechen ...“

Herdiths schmale, braune Hände flogen auf den Tasten.

„Bei Ihnen zu versprechen“, wiederholte sie und wurde rot.

„Wo sind Sie denn heute mit Ihren Gedanken, Fräulein Assmussen?“

Direktor Fredrichs schüttelte ärgerlich den Kopf. Aber wie er Herdiths schuldbewusstes Gesicht sah und den heimlichen Blick nach der Uhr, die, gross und sonnebeleuchtet, auf Direktor Fredrichs Schreibtisch stand, lächelte er:

„Aha, Wochenendunruhe, Fräulein Assmussen — nicht wahr? Na, machen wir Schluss. Den Brief noch, und Sie können gehen.“

„Danke, Herr Direktor!“

Herdith sagte es leise. Sie schämte sich wirklich. Wie konnte sie so fahrig sein? Aber bei dem Wort „vorzusprechen“ hatte sie natürlich an „versprechen“ gedacht. Sie hatte Jobst Reichardt versprochen, vor Beginn des Trainings da zu sein. Und nun würde sie es noch nicht einmal pünktlich zu Beginn schaffen! Ihre Hände rannten noch schneller über die Tasten. Sie hatte eine wahre Wut gegen die Firma Eckmann, der dieser Brief des Chefs galt. Eckmann hätte es auch nicht so eilig haben brauchen; ob er seinen Posten Papier einen Tag später oder früher bekam, war doch gleich.

„Uff!“ Sie reckte die Arme; man war fertig. Ordentlich steif war man in den Gliedern von der ewigen Hockerei an der Maschine. Da würde das scharfe Training im Vierer ordentlich gut tun. Mit einem energischen Schwung knallte sie den Schreibmaschinendeckel auf die Maschine.

So, nun Ordnung machen! Drüben von der Nikodemuskirche schlug es bereits halb zwei Uhr. Eine ärgerliche Falte stand in Herdiths braungebrannter Stirn. Kein Gedanke, dass sie pünktlich sein konnte. Energisch bürstete und wusch sie sich ihre Hände. Schnell mit dem Kamm übers Haar. Köfferchen in die Hand, die kleine, weiss gestrickte Mütze auf den blonden Kopf. Blick in den Spiegel nicht nötig, kostete nur Zeit.

Mit einem kleinen Wonnegefühl empfand sie das Zuschlagen der Bürotür. Wie wartete man immer auf diesen Augenblick! Man arbeitete gern. Man war glücklich, dass man Arbeit hatte. Aber das konnte einem kein Mensch auf Gottes weiter Erde einreden, dass Arbeit schöner wäre als Wochenende.

Im Hause wurde es schon still. Die Angestellten waren wohl schon gegangen. Nur ein paar Nachzügler eilten, fröhlich plaudernd, dem Ausgang zu. Auf allen Gesichtern stand ein Gedanke: Wochenende. Frühling! Frei sein!

An der Ecke des ersten Stocks stiess Herdith auf Herrn Fröschke, den Abteilungsleiter aus dem Stockwerk über ihr.

„Na, Fräulein Assmussen, immer die Letzte? Immer fleissig, fleissig!“ sagte er etwas asthmatisch, denn er steckte gut in seinem Fett. Er warf einen wohlgefälligen Blick über Herdiths schlanke Gestalt und ihr helles, verbranntes Gesicht.

„Bitte, Fräulein Assmussen!“ Galant hielt er ihr den Fahrstuhl auf. Herdith stieg ein.

„Vielen Dank, Herr Fröschke!“

„Na — was tun Sie denn heute mit Ihrem schönen Sonnabend, Fräulein Assmussen?“

„Rudern, Herr Fröschke!“

Herr Fröschke schüttelte verständnislos seinen kugelrunden Kopf, seine blauen Augen quollen beängstigend hervor.

Sieht wirklich wie ein Frosch aus!, dachte Herdith.

Herr Fröschke war nur unter dem Spitznamen „Frosch“ im ganzen Hause bekannt.

„Das begreife ich, dass Sie das nicht verstehen, Herr Fröschke! Für Sie wäre das wohl nichts?“

„Nein, wirklich nicht!“ meinte Herr Fröschke melancholisch. „Wenn man sich die ganze Woche im Betrieb abrackert und dann in so ’n Boot — und dann noch eins, zwei, eins, zwei. Und dann ist es heiss. Und man schwitzt. Und zu trinken gibt’s auch nichts. Nein, Fräulein Assmussen, das denk’ ich mir durchaus nicht schön! Sehen Sie, da ist es doch viel hübscher, man nimmt seinen kleinen Wagen —“

„Wenn man einen hat!“ schaltete Herdith ein.

„Wenn man keinen hat, hat ’n anderer einen!“ Herr Fröschke sah Herdith aufmunternd an. „Und dann fährt man so zu zweien hinaus in die schöne Gotteswelt. Sichert sich irgendwo ein nettes Plätzchen, trinkt ein gutes Möselchen — es kann auch eine Bowle sein, die Damen lieben ja Bowlen mehr.“

„Ach so, Sie fahren mit einer Dame?“

In Herdiths Augen funkelte es vor Vergnügen.

„Wenn ich eine habe, die mir zusagt, Fräulein Assmussen!“

Gott sei Dank, dass wir nun gleich da sind!, dachte Herdith. Der fängt wahrhaftig an, mir eine Liebeserklärung zu machen.

„Was machen Sie denn da?“ sagte sie entgeistert.

Herr Fröschke hatte ganz wie in Gedanken an den Klingelknöpfen des Fahrstuhls gespielt. Ssst! — fuhr der Fahrstuhl aufwärts.

„Aber wir wollen doch ’runter, Herr Fröschke!“

Herr Fröschke legte sein Gesicht in bekümmerte Falten:

„Ach natürlich wollen wir ’runter, Fräulein Assmussen! Tausendmal Entschuldigung. Ja, wenn man so abgearbeitet ist wie ich, da wird man zerstreut.“

„Na, nun lassen Sie mich mal machen.“ Herdith schob Herrn Fröschkes Hand energisch von den Klingelknöpfen weg. Der war imstande und schunkelte sie so eine Weile auf- und abwärts.

Jetzt waren sie wieder knapp vor dem Erdgeschoss angelangt. Da gab sich Herr Fröschke einen Ruck:

„Fräulein Assmussen, würden Sie nicht mal mit mir so einen kleinen Wochenendausflug machen? In allen Ehren natürlich, in allen Ehren.“

„Dachten Sie etwas anderes?“ fragte Herdith lachend. „Aber tut mir leid, Herr Fröschke, es geht nicht! Sehen Sie, ich brauche das Training, ich muss auf Linie halten. Einen recht schönen Tag, Herr Fröschke!“

Sie war aus dem Fahrstuhl heraus. Noch als sie auf die Elektrische sprang, musste sie über das verdutzte Gesicht von Herrn Fröschke lachen.

In der Stadt brütete schon die Mittagshitze. Der Frühling tat, als ob er der Sommer wäre. Herdith stand vorn auf der Elektrischen. Da war ein wenig Luft und Windzug. Draussen würde es schön sein. Sie schloss die Augen. Da hatte sie das Bild: das Wasser, umkränzt von dem Grün der Wälder. Segelboote, weiss auf dem schäumenden Blau dahinschiessend. Sonne. Fröhliche Menschen, braun gebrannt, gesund, frei von Stadtenge und Stadtkleidung.

Die Boote glänzten in der Sonne. Fröhliches Getümmel. Die Kameraden vom Klub. Die Kameradinnen. Und zwischen ihnen Jobst Reichardt mit seinem kantigen, braunen Gesicht, in dem die grauen Augen so hell standen, dem der blonde Schopf immer ein wenig unordentlich in die Stirn wehte.

Ach, es war schön, wenn man jung ist, wenn Wochenende war! Wenn man Jobst Reichardt entgegenfuhr!

Herdith hielt sich an der Stange der dahinsausenden Bahn fest. Eine blonde Strähne ihres Haares wehte im Winde. Die Elektrischen klingelten so lustig. Die Blumenauslagen in den Fenstern leuchteten in der Sonne. Kinder spielten Kreisel und Murmeln auf einem Spielplatz. Die Frauen hatten schon helle Frühlingskostüme. An mancher Bluse steckte ein kleines Sträusschen.

„Jugend!“ sangen die Schienen, auf denen die Bahn dahinfuhr, „Jugend!“ schien der Wind zu singen — „Jugend!“ die Frühlingsluft und die kleinen weissen Sommerwölkchen, die über dem Tiergarten dahinzogen. Nur noch eine Haltestelle, dann war der Potsdamer Platz da. Dann musste sie aussteigen und mit der Vorortbahn weiterfahren.

Sie sah hastig auf die Normaluhr. Herrgott, schon zwei Uhr! Wenn sie nur den Anschluss nach Babelsberg noch erreichte, sonst waren wieder zwanzig Minuten verpatzt!

Sie stand schon halb auf dem Sprunge, auszusteigen. Da fuhr ein feuerrot lackierter kleiner Wagen dicht an ihr vorbei und bog in die Bellevuestrasse ein. Am Steuer sass eine junge Dame im schneeweissen Automantel; schneeweisse Handschuhe, eine giftgrüne Kappe, darunter ein dunkles, pikantes Gesicht. Herdiths Fröhlichkeit wich einem jähen Aerger. Natürlich, wenn man in einem eigenen Wagen fahren konnte wie Marion Karnau! Wenn man nichts zu tun hatte als an sich zu denken und zu machen, was einem passte, dann konnte man gut pünktlich sein. Wenn sie einen Wagen hätte — vor ein paar Tagen war Jobst Reichardt sehr ärgerlich gewesen, dass sie wieder zu spät zum Training gekommen war.

„Weiss ich alles, Herdith!“ hatte er ihre Erwiderung abgeschnitten. „Aber jetzt, wo’s um die Wurst geht, ein paar Wochen, ehe wir gegen den Klub in Prag antreten, jetzt muss eben Zeit sein. Die anderen sind doch auch pünktlich da.“

Herdith hatte schon ein heftiges Wort auf der Zunge. Aber da sah sie Marions spöttisches Gesicht. Der den Gefallen tun, einen Krach mit Jobst Reichardt zu haben? Nein, lieber herunterschlucken! Aber wenn sie an Marions Stelle gewesen wäre, dann hätte sie vermutlich gesagt:

„Vielleicht kann ich dich einmal abholen, Herdith?! Da kommst du doch schneller heraus!“

Ja, Kuchen! Marion würde sich schonen. Die freute sich ja nur, wenn es zwischen ihr und Jobst Reichardt etwas setzte. Herdith hatte eine gänzlich unkameradschaftliche Wut auf Marion. Und die Wut war noch in ihr, als sie jetzt in ihrem Abteil im Wannseezug sass und Babelsberg entgegenrollte.

Das Klubhaus stand hell und festgefügt in der Sonne, wie angelehnt an den dunklen Kiefernwald dahinter. Vor dem Hause war es weiss von hellem Licht und hellem Sand. Dazwischen leuchtete das goldene Braun der Boote. Einige standen noch draussen. Andere wurden herausgebracht. Ein fröhliches Gewimmel von Menschen überall. Junge Mädchen und junge Männer im Ruderdress. Dazwischen andere in bunten Badeanzügen. Lachen, Rufen, Scherzen, Sorglosigkeit überall.

Marion Karnau hielt mit ihrem kleinen roten Wagen vor der Einfahrt.

„Herr Reichardt schon da?“ fragte sie den vierzehnjährigen Jungen des Bootwarts.

„Jawohl, Fräulein, dort steht ja sein Rad!“ Er zeigte auf ein Motorrad, das seitlich am Zaun lehnte.

Marion stieg aus. Sie ging ums Haus herum. Dort in der Sonne sah sie Jobst Reichardt. Sein blonder Schopf wehte. Er sprach mit ein paar Klubkameradinnen, die gemeinsam mit ihm an dem Rennboot des Klubs hantierten.

Marion zog aus ihrer giftgrünen Ledertasche das Spiegelchen. Schnell fuhr sie sich noch einmal mit der Puderquaste über ihr pikantes Gesicht, zog die Lippen schnell nach. So — nun war sie mit sich zufrieden.

„’n Tag, Reichardt!“ Sie rief es laut über die anderen hinweg, nickte den Kameradinnen zu.

„Guten Tag, Marion!“ sagte der; sah nur flüchtig auf. „Na — warum sind Sie denn noch so pikfein? Wir wollen doch gleich starten. Wenn nur Herdith bald da wäre! Machen Sie wenigstens los.“

Er sprach schon wieder mit den anderen jungen Mädchen, die um ihn herumstanden.

„Grobian!“ sagte Marion leise vor sich hin. Da hatte sie nun ihren neuen Mantel an, ihre neue Mütze auf und war, wie ihr Vetter Thom vor der Abfahrt versichert hatte, zum Anbeissen! Aber Jobst Reichardt hatte ja nichts anderes im Kopfe als das Rudertraining, Sieg, Kampf. Er schien der Meinung, dass eine Frau im Ruderdress allein Wert hätte.

Ich glaube wirklich, dachte Marion böse, während sie langsam den Ankleidekabinen zuging, um sich umzukleiden, er wäre imstande und heiratet eine Frau nicht, weil sie hübsch ist oder reich, oder sonst was — nur, weil sie am besten rudern kann. Dann hätte er eigentlich auch noch vor kurzem sie wählen müssen. Da war im letzten Moment Herdith Assmussen dazwischengekommen. Wie sie Herdith hasste! Ohne Herdiths Auftauchen wäre sie jetzt Schlagmann und unbestrittene Beste im Skull-Vierer des Klubs. So aber hatte sie Herdith den Platz abgeben müssen. Das kam davon, wenn man solche Leute wie Herdith in den Klub aufnahm. Sie hatte sich ja den Mund fusselig geredet. Wer war schon Herdith Assmussen?

Eine kleine Sekretärin in irgendeinem Geschäft. Sie gehörte eigentlich gar nicht in den Vierer!, dachte Marion. Aber die anderen hatten sie überstimmt, und Jobst Reichardt hatte sehr energisch erklärt:

„Was haben Sie gegen Herdith einzuwenden, Marion? Dass sie arm ist und für sich selber sorgen muss? Das erhöht meine Achtung vor ihr. Sie ist ein feiner Kerl und ein guter Kamerad — die beste unter Ihnen allen! Wenn Sie Wert darauf legen, mich als Trainer zu behalten, dann kommt Herdith Assmussen in den Vierer.“

Da hatte Marion nichts mehr zu sagen gewagt, denn sie spürte, es war Jobst Reichardt ernst. Ehe sie den verlor, nahm sie lieber diese eklige Herdith in Kauf.

Zweites Kapitel.

Herdith sprang mit ein paar Sätzen die Treppe herunter. Rücksichtslos drängte sie sich durch die Reihen der Menschen, die jetzt zum Wochenende hinaus ins Freie strömten. Noch ein paar Sekunden, dann ging der Autobus, mit dem sie zum Klubhaus kam. Da — ein Tuten, ein Rattern — hatte sich der Zug verspätet oder war der Autobus zu früh da? Er setzte sich gerade auf dem grossen, sonnenbeschienenen Bahnhofsvorplatz in Bewegung.

„Auch das noch!“ sagte Herdith verzweifelt laut vor sich hin. Ausgeschlossen noch mitzukommen. Die Menschen hingen an dem Bus wie ein Bienenschwarm; das energische „Besetzt!“ des Schaffners klang noch über den Platz.

„Verzeihung!“ klang es neben ihr im Gewühl. Ein junger Mann, nett, in hellem Hemd, grauer Hose stand neben ihr: „Der Bus ist Ihnen fortgefahren. Sie wollten nach —“

„Nach Blumenbrügg, Klubhaus.“

„Wenn Sie mitfahren wollen, bitte!“ — der junge Mann wies auf einen schnittigen Wagen, der am Parkplatz stand.

„Ja — wenn Sie denselben Weg haben?“

„Wenigstens dran vorbei. Darf ich?“

Höflich nahm er Herdith das Köfferchen ab. Sie ging neben ihm dem Wagen zu. Eigentlich war sie gar nicht dafür, so plötzliche Bekanntschaften zu machen, noch weniger, mit unbekannten jungen Leuten im Auto zu fahren, mochten sie auch noch so nett und höflich sein wie dieser Unbekannte. Auch vorstellen hätte er sich ja können. Es waren jetzt burschikosere Sitten; aber in manchen Dingen war sie da anderer Meinung. Na, für die paar Minuten, die man fuhr, mochte es auch so gehen. Man sagte „schönen Dank“, damit war der Fall erledigt.

„Bitte schön!“ — der junge Herr öffnete den Schlag des Wagens. „Horch, neue Type!“ stellte Herdith fest; eigentlich mehr, um dem gefälligen jungen Manne etwas Nettes zu sagen. Autobesitzer waren in ihre Wagen verliebter als ein junger Ehemann in seine Frau.

„Sie fahren selbst?“ fragte der junge Herr, indessen er mit zärtlicher Bewegung den Motor einschaltete. Ja, es war wirklich wie eine Liebkosung; er schien den Wagen noch nicht lange zu haben.

Herdith lachte in sich hinein. Natürlich fuhr sie selbst. Allerdings nicht das allerkleinste Auto, sondern nur Bus, Elektrische, wie es gerade kam. Aber es packte sie plötzlich eine übermütige Laune, den Unbekannten ein bisschen zu necken. Er sah so nett aus, wie er nun neben ihr sass, die dunklen Augen aufmerksam auf den Weg gerichtet, mit der hübschen freien Stirn und dem glatten Haar, das straff und ordentlich nach hinten lag.

„Der Wagen zieht gut“, bemerkte Herdith, als man jetzt schnell und weich eine Anhöhe hinauffuhr — da lag nun der weite See, blau und frühlingshell; Birken am Rande säumten ihn wie ein weisses Band, die Kätzchen an den Weiden waren wie silberne Seidenflöckchen, ein paar Amseln sangen den Frühling aus sonnentrunkenen Kehlen.

„Schön, die Umgebung hier“, plauderte der junge Mann. „Sehr viel Schönes hier —“ Er streifte mit einem schnellen Blick das junge Mädel neben sich.

„Sie sind nicht von hier?“

„Nein, nur auf Zeit! Geschäftlich. Ich wohne in Prag. Kennen Sie Prag?“

Als Herdith verneinte, erzählte der junge Mann; er verstand anschaulich und interessant zu schildern. Man bekam ein Bild der Stadt und des Landes.

„Es ist eine interessante Stadt. Sie sollten sie sich einmal ansehen.“ Und dann schwieg er, weil Herdith ein betont abweisendes Gesicht machte. War das eine versteckte Einladung gewesen oder nur so dahingeredet? Na ja, sie würde sogar vermutlich nach Prag kommen, aber nicht auf Einladung des netten jungen Mannes hier.

„Wenn Sie bitte hier halten wollen, ich hab’s nur noch ’n paar Schritt’ bis zu meinem Klubhause!“

„Doch selbstverständlich, meine Gnädigste, dass ich Sie bis vor die Tür fahre!“

Herdith war das gar nicht so angenehm. Mit einem fremden jungen Manne so grossspurig vorfahren — aber der junge Herr hatte schon das Schild erspäht: Zum Ruder- und Schwimmklub. Er bog einfach links ein, ein paar Meter, und er fuhr in schöner Kurve vor dem Klubhause vor.

Jobst Reichardt rannte wie ein Wilder hin und her. Es war zum Auswachsen mit den Mädels! Nie, niemals pünktlich! Die schönste Trainingszeit ging hin; es wurde zeitig kühl, und man konnte den Mädels doch nicht so viel zumuten wie Jungens. Der Teufel hatte ihn geritten, dass er das Training hier übernommen hatte. Aber einmal und nicht wieder. Und immer war Herdith die Unpünktlichste. Immer musste es Krach mit Herdith Assmussen geben. Dabei wurde es ihm so verdammt schwer, ihr gegenüber immer den Harten zu spielen.

Er wusste ja, sie hatte es schwer. Viel Arbeit, keinen Menschen hier — nur die Gemeinschaft des Klubs und die gemeinsame Freude am Sport. Aber schliesslich am Sonnabend konnte sie sich doch freimachen, wenigstens jetzt vor dem Wettrudern. Zum Wildwerden war es!

„Wir warten noch fünf Minuten; wenn Herdith dann nicht da ist, übernehmen Sie den Schlagmann, Marion!“ bestimmte Jobst; eine steile Falte stand ihm in der Stirn. „Und für Sie bitte ich Hildegard.“

„Jetzt auf einmal!“ Marion machte ein ironischbeleidigtes Gesicht. „Ich gehör’ überhaupt als Schlagmann, auch sonst.“

„Das bestimmt sich nach der Tüchtigkeit, liebe Marion!“

„Pünktlichkeit ist auch eine Tüchtigkeit!“

Marion sagte es so keck, und ihre schwarzen Augen funkelten so siegesgewiss, dass Jobst trotz seiner Wut lächeln musste.

„Fünf Minuten um!“ meldete Kläre Grasshoff, eine kleine, mollige Blonde.

Jobst sah auf seine Uhr:

„Also los, Boot zu Wasser lassen!“

Jobst packte selbst mit an, den Mädels wurde das doch immer schwer. Ausserdem fehlten Herdiths kraftvolle Hände. Er sah sie plötzlich vor sich, wie sie fest und sicher mit den schlanken, arbeitgewohnten Fingern zugriffen. Blödsinn! Kam er denn mit seinen Gedanken überhaupt nicht von Herdith los? Da hatte er sie gebeten, vor dem ganzen Schwarm da zu sein; er wollte ihr erzählen, dass er endlich eine bezahlte Assistentenstelle zum ersten Juli bekommen hatte. Er war so voller Freude gewesen — und Herdith hatte die Erste sein sollen, die es erfuhr. — Er ärgerte sich über sich selbst; schöner Trainer, der hier träumte, statt auf seine Schäflein aufzupassen.

„Gleichmässig tragen, Kläre! Sie halten ja schief. Vorsichtig, nicht anstossen, langsam —“

So, nun hatte man es geschafft. Das schmucke Rennboot lag auf dem Wagen und wurde langsam, von den Mädels rechts und links gehalten, dem Wasser zugefahren.

Nun glitt es auf der schiefen Ebene herab, tauchte ins Wasser.

„Dort kommt ja Herdith!“ rief Kläre.

Jobsts Kopf fuhr herum — und was er sah, liess die unterdrückte Wut wieder in ihm aufflammen: dort stieg eben Herdith Assmussen aus einem bemerkenswert schnittigen Wagen, reichte einem bemerkenswert gut aussehenden Manne die Hand, die er, wahrhaftig, die er ziemlich lange — Jobst kam es minutenlang vor — in der seinen behielt, um diese dann ausgiebig zu küssen. Herdith sagte irgend etwas; er verstand nicht, dann ein Lachen, so warm und hell, wie nur Herdith Assmussen es hatte.

„Aha, so sieht das Büro aus!“ spottete Marion und schoss einen blitzschnellen Blick zu Jobst herüber. Jobst schwieg. Was sollte er auf Marions schnoddrige Bemerkung antworten? — Ein Wort noch, und er explodierte.

Herdith kam im Laufschritt auf die Gruppe zu:

„Tausendmal Verzeihung!“ bat sie atemlos, riss schon an der kleinen Krawatte ihrer weissen Bluse.

„Na, auf einmal hat sie’s ja schrecklich eilig!“ flüsterte Marion einer der Kameradinnen zu, aber die antwortete nicht. Alle hatten Herdith hier gern, die Tüchtigste unter allen Ruderinnen des Klubs. Dazu ein lieber, warmherziger Kamerad. Was sich die Marion auch alles einbildete! Weil ihr Vater, der reiche Industrielle Karnau, das Klubhaus gestiftet hatte, dachte sie, sie könnte über jeden reden. Dabei wusste doch jeder hier, warum Marion sich so heftig für den Klub eingesetzt hatte. Alles, seitdem der Jobst Reichardt hier Trainer für ihren Vierer geworden war.

„Fahren wir nicht endlich los?“ maulte Marion. Sie wollte durchaus im Boot sein, ehe Herdith fertig war.

„Na, bei dir piept’s wohl?“ fragte Tina Lüders. Sie sprach mit Vorliebe ihren geliebten Berliner Dialekt als Gegengewicht; sie studierte Literatur und behauptete, sie müsste sich auch mal vom „Gebildet-Quatschen“ erholen. „Wir werden doch nicht fortfahren jetzt, wo Herdith da ist“, kam es empört von einer anderen der Kameradinnen; „das könnt’ dir so passen, Marion!“

„Nette Kameradschaft“, fuhr Jobst Reichardt hart dazwischen, „die Klubgenossinnen zanken sich, Pünktlichkeit ist auch nicht. Aber das sage ich euch, noch mal solch Schweinerei, und ich bin euer Trainer gewesen.“

Da schwiegen alle still. Sie kannten Jobst Reichardt — er war der beste, gefälligste und gutmütigste Kerl von der Welt. Aber wenn es so weit war, dass er so ein Gesicht hatte und mit dieser eisigen Stimme sprach, da hiess es vorsichtig sein. Man hatte ihn gern — und man musste dem Schicksal dankbar sein, dass es ihnen Jobst Reichardt geschickt hatte. Seit er sie leitete, war aus ihrer Ruderei erst etwas Richtiges geworden. Preis auf Preis hatten sie bekommen, und nun sollten sie zum ersten Male in kurzer Zeit einen internationalen Wettbewerb mitmachen. War dem Jobst Reichardt nicht zu verdenken, dass er schliesslich einmal wütend wurde.

Auch Herdith hatte die letzten Worte Jobsts gehört. Sie hatte sich mit einer selbst für sie bemerkenswerten Schnelligkeit umgezogen. Ihr Gesicht war schuldbewusst, wie sie sich jetzt in die Mannschaft einreihte. Braun, kräftig und jung, so standen nun alle vier vor Jobst.

Jobsts Blick hatte sonst immer etwas von kameradschaftlicher Freude, wenn er seine Mannschaft vor sich sah. Jetzt aber war sein Gesicht finster. Die Szene mit dem Auto, dem fremden Manne und Herdith konnte man nicht so schnell herunterschlucken. Seine Kommandos klangen noch schärfer als sonst:

„Alles fertig machen!“

Nacheinander kletterten die Mädels ins Boot. Als letzte auf ihren Platz als Schlagmann Herdith.

Marions hübsche Züge trugen einen verkniffenen Ausdruck. Jetzt stieg auch Jobst ein:

„Fertig! Los!“ kommandierte er. Gleichzeitig, wie von einer Hand geführt, tauchten acht Skulls ins Wasser. Es war nicht ganz leicht, jetzt von Land abzukommen. Eine Unmenge Boote waren herausgekommen, fuhren von den Landungsstegen ab. Andere kamen schon zurück. Man musste vorsichtig manövrieren:

„Backbord vorwärts!“ rief Jobst. „Vorsichtig! Langsam! Steuerbord rückwärts! Alles rückwärts! Fertig! Los!“

Nun hatten sie das freie Wasser gewonnen. Das Boot schoss, von den kräftigen Armen gelenkt, auf der blauen Wasserfläche dahin. Alle Gesichter hatten nun etwas Angespanntes. Alles andere war vergessen. Herdith, Marion, Jobst, sie alle wussten nichts mehr Persönliches. Jetzt war nur noch das Boot, zu dem sie alle gehörten. Die Leistung, der sie zustrebten. Das Kommando des jungen Führers. Sie arbeiteten gleichmässig wie Maschinen. In gleichem Takt wurden die Arme zurückgerissen und wieder vorgeholt, tauchten die Skulls ins Wasser, trieben das Boot vorwärts.

Unermüdlich kommandierte Jobst und verbesserte:

„Kreuz hohl! Kläre, wollen Sie wohl den Kopf mitnehmen! Richtiger Einsatz. Zum Donnerwetter — eins, eins, eins!“

Es ging tadellos im Takt und doch Jobst offenbar immer noch nicht präzis genug.

„Langsam vorrollen! Marion, hören Sie nicht? Langsam! Steuerbord rückwärts! Alles rückwärts! Fertig! Ellbogen an den Körper — Sie wollen doch nicht Kiste schieben!“

Tina Lüders wurde rot. Sie hatte sich immer noch nicht an den Sportgrundsatz gewöhnt: Nichts übelnehmen! Aber sie hielt nun die Ellbogen sportgerecht am Körper.

„Mehr durchschwingen — Takt halten! Kläre, warum spritzen Sie so schrecklich?“

Unermüdlich verbesserte Jobst. Seine Augen waren scharf zusammengezogen. Keine Bewegung der jungen Körper entging ihm. Und wie von seinem Willen zusammengehalten, gaben sie alle ihr Bestes her. Immer wieder verglich Jobst seine Uhr.

„Zeit verbessert sich!“ rief er. Da strahlten sie alle und legten sich fester in die Ruder.

Es war ein scharfes Training. Die braunen Gesichter glühten. Aber sie bissen die Zähne zusammen. Sie mussten jetzt noch mehr leisten als beim letzten Male.

Zwei Stunden dauerte die Arbeit. Dann gab Jobst das Zeichen zur Rückfahrt. Bis zum letzten Augenblick hielten sie Takt, Zeit und Stil tadellos aus. Die Beste war, wie immer, Herdith. Sie hatte mit besonderem Ehrgeiz gekämpft. Jobst sollte an ihr nichts auszusetzen haben.

„Komisch, der Herdith sagt er nie etwas!“ tuschelte Marion, als sie wieder am Landungssteg des Bootshauses waren.

„Weil er keinen Grund dazu hat!“ Kläre sah Marion Karnau spöttisch an.

„Na, so tadellos ist sie ja schliesslich auch nicht.“

„Das kannst du gerade beurteilen! Aus dir spricht ja nur der blasse Neid, dass du nicht Schlagmann bist. Solltest lieber mal ordentlich helfen sauber machen. Aber das schätzt du nicht.“

Marion zog ein Gesicht. Jetzt kam der unangenehmste Teil: das Boot reinigen. Es wurde vorsichtig vom Wasser her wieder auf die Laufbahn geschoben und von den Mädels unter Jobsts Hilfe auf die beiden Standböcke getragen. Dann ging das Putzen los. Man machte es nicht gern. Aber es war Ehrensache, das Boot in tadellosem Zustand wieder in den Bootsschuppen zu bringen. Die braunen Mädchenhände arbeiteten energisch an dem rotbraun glänzenden Holze. Jobst beteiligte sich wie selbstverständlich. Die Putzlappen glitten hin und her. Erst wurde das Boot von innen und aussen völlig trocken gewischt. Jobsts scharfe Augen entdeckten immer noch irgendwo ein Wassertröpfchen.

„Das sind die Schweisstropfen, die immer wieder ’reinfallen, Reichardt!“ lachte Tina Lüders. „Da können wir putzen und putzen — und es wird immer noch was sein.“

Jobst lachte über sein ganzes heisses, verbranntes Gesicht:

„Dann kann ich Ihnen als Literaturkennerin nur mit einem Satz einer deutschen Dichterin antworten: ‚Der Künstler versäume nie, die Spuren seines Schweisses zu verwischen. Gesehene Mühe ist zu wenig Mühe?‘“

„Huch, wie gebildet!“ spöttelte Tina. Aber sie rieb tapfer weiter.

„Marion spielt wieder mal gnädige Frau!“ konstatierte Kläre. Sie liebte es, Marion immer etwas am Zeuge zu flicken. Marion, die eigentlich gar nicht zu ihnen passte — reich, verwöhnt, zu Intrigen geneigt —, war so ganz anders wie die anderen drei Mädels des Skull-Vierers. Die sollte nur wissen, was es heisst, sich allein durchs Leben zu schlagen!, dachte Kläre, dann würde sie vielleicht anders sein und kameradschaftlicher.

„Wieso ‚gnädige Frau‘?“ gab Marion gereizt zurück.

„Will ich dir erklären. Weisst du, wie unsere Familie noch reich war und wir drei, vier Angestellte im Hause hatten, da ging meine Grossmutter immer mit weissen Glacéhandschuhen und behauptete Staub zu wischen. Das heisst, sie fuhr an den Möbeln entlang, um zu sehen, ob die Mädchen abgestaubt hatten. Das nennen wir eben seitdem ‚Gnädige Frau‘ spielen.“

„Na erlaube mal, wo habe ich weisse Glacéhandschuhe an?“

„Aber du tust nur, als ob du was tust. In Wahrheit kontrollierst du nur, ob wir’s gut machen.“

„Kinder, haltet doch Frieden!“ Herdith sagte es zwischen ihrer Arbeit. Sie war die Gleichmässigste. Systematisch fuhr ihr Putzlappen hin und her, bis alles blank gerieben war. Sogar die Dollenschmiere trug sie auf. Etwas, was am wenigsten beliebt war.

„Noch böse?“ fragte sie leise Jobst, der gerade neben ihr stand.

Es klang so weich und bittend, dass Jobsts Wut zerschmolz:

„Ach, Herdith!“ sagte er, und machte eine vage Handbewegung durch die Luft, schwieg aber.

Marion beobachtete die beiden mit glitzernden Augen.

„Wir schwimmen doch noch!“ rief Tina Lüders und legte ihren Arm um den Hals Herdiths.

„Natürlich! Jetzt kommt ja erst die Belohnung!“ lachte Herdith. Sie fühlte den Druck von sich weichen.

„Die haben die Schinderei noch vor sich“, bemerkte Tina, als sie sah, dass ein Trainingsboot von ein paar Jungens vom Klub nebenan zu Wasser gelassen wurde und der Trainer dort in einem herzlichen, aber immerhin mächtig rauhen Ton seine Kommandos ertönen liess.

Herdith reckte sich:

„Ich weiss nicht — Schinderei? Wenn man sich so richtig ausgearbeitet hat, und es hat geklappt — Herrgott!, das ist doch das Schönste!“

Und dann liefen sie alle in die Kabinen, um sich zum Schwimmen umzukleiden.

Drittes Kapitel.

Jobst war als erster fertig. Er ging vor dem Sprungbrett auf und ab und wartete auf die vier Mädels vom Boot „Frohe Fahrt“. Zwischendurch plauderte er ein paar Worte mit den jungen Männern und Mädchen, die hier herumwimmelten.

Er war erst ein paar Wochen hier im Klub als Trainer und eigentlich noch einer der „Jüngsten“ hier. Aber dennoch, man kannte und respektierte ihn schon. Man hatte ihn erst kritisch begutachtet, den jungen Arzt, der hier als Sporttrainer erschien, um sich in wahrstem Sinne des Wortes „über Wasser zu halten“, wie ein witziges Klubmitglied sagte. Aber Jobst hatte es sehr bald verstanden, sich Respekt zu verschaffen. Er hatte seinen Skull-Vierer mit den vier Mädels so in Zug bekommen, wie kein anderer. Die Leistungen der Vier vom Skull „Frohe Fahrt“ wurden besser und besser. Die Entscheidungskämpfe innerhalb des Klubs waren immer mehr zugunsten von Jobsts Schutzbefohlenen ausgefallen. Der letzte Wettbewerb hatte ergeben: Der Vierer „Frohe Fahrt“ kam als einziger in Betracht, die Einladung des Prager-Deutschen Damen-Ruderverbandes anzunehmen und die deutschen Farben in der schönen Moldaustadt zu vertreten.

Das hatte Jobsts Stellung mit einem Schlage zu einer überragenden gemacht. So wurde er auch jetzt von allen Seiten angesprochen. Man hatte das Training seines Skull-Vierers mit kritischen Augen beobachtet und die Verbesserung der Zeit mit viel Freude konstatiert. Man wusste, die Prager Damenmannschaft war aus verschiedenen Wettkämpfen bisher siegreich hervorgegangen. Nun die deutschen Farben auf der Moldau zum Siege zu führen, war der Wunsch aller.

Jobst antwortete freundlich, aber ein wenig zerstreut. Er war jetzt, nun die Anspannung der Arbeit vorüber, wieder ganz bei der kleinen Szene von vorhin. Ob Herdith ihm erzählen würde? Da kam sie schon in der Mitte der anderen Mädels.

Wie sich doch die Verschiedenheit der Charaktere bei den Mädels sogar im Schwimmdress ausprägt!, musste Jobst denken. Tina Lüders hatte einen gelben Anzug, der zu ihrer etwas fahlen Blondheit eigentlich gar nicht stimmte. Sicher war er der erste, der ihr beim Kauf unter die Hände gekommen war. Sie war in allem faul und gab sich nicht gern lange Mühe.

Kläre Grasshoff, die immer sehr Sachliche, Herbe, hatte einen dunkelblauen Anzug an, schmucklos, beinah puritanisch. Es passte zu ihrer schlichten, allem Schein abholden Art.

Marion dagegen hatte das Modernste vom Modernen. Einen grünweiss gestreiften Anzug, im Rücken unwahrscheinlich tief ausgeschnitten, auf Wirkung und Koketterie zurechtgemacht. Sie sah bezaubernd aus, wie sie da mit ihrem wiegenden, selbstbewussten Schritt ging. Ihre zierliche Gestalt war vielleicht ein klein wenig zu voll. Aber das gab ihrer ganzen Erscheinung dieses Weibliche und Verlockende, zu dem die bizarre, grüne Schwimmkappe nur wie eine lustige Verkleidung erschien.

Herdith dagegen? Ein weisser Wollanzug ohne jeden Schmuck. Er passte zu dem Reinen, Lichten, das von ihr ausging; eine weisse, helmartige Kappe, die sie jetzt noch in der Hand trug.

Jobsts Augen leuchteten auf. Aller Aerger war vergessen. Er hatte nur den Wunsch, mit Herdith in dieser sonnenseligen Nachmittagsstunde frei und gelöst zu sein.

Herdith bemerkte die Veränderung in seinem Gesicht. Auch ihre Augen leuchteten froh. Unmerklich liess sie die anderen vor. Die erste, die auf das Sprungbrett kletterte, war Kläre. Tina dagegen liess sich faul, einfach vom Strand aus, ins Wasser gleiten.

„Kommen Sie, Reichardt!“ Marion ging hinter Kläre her und drehte sich lächelnd zu Jobst um.

Der aber sagte kurz:

„Fangt nur schon an! Ich habe mit Herdith was zu besprechen.“

Gekränkt kletterte Marion empor. Herdith und immer Herdith. Ueberall war sie ihr im Wege. Schon in der gemeinsamen Schulzeit damals in Braunschweig. Immer sass Herdith einen Platz vor ihr. Immer war sie in den Arbeiten ihr voraus. Immer der Liebling der Lehrer. Und so war es weitergegangen bis zur Tanzstunde. Wer bekam die meisten Blumen? Herdith! Wer wurde immer zum Tanz zuerst aufgefordert? Herdith! Dabei konnte Herdith in nichts mit einem selber konkurrieren. Was hatte sie immer für jämmerliche Fähnchen angehabt? Aber es schien, als ob die Männer nur Augen für Herdith Assmussen gehabt hatten. Es war wie verhext. Nun war man längst aus Braunschweig heraus, wohnte in Berlin, hatte diese Herdith Assmussen längst vergessen. Da musste sie einem wieder hier in dem Klub entgegentreten. Und was das Schlimmste war: Jetzt ging es nicht mehr um eine Eins oder eine Zwei in den Schularbeiten, nicht mehr um einen Blumenstrauss von einem der kleinen Primaner. Jetzt ging es um Jobst Reichardt! Aber Herdith sollte sich in acht nehmen! Sie wollte siegen, und sie würde siegen.

„Ich habe so sehr auf Sie gewartet, Herdith“, sagte Jobst unten leise. „Ich wollte Ihnen ...“ Er unterbrach sich. „Wer war denn das, mit dem Sie vorhin da angekommen sind?“ fragte er.

„Ach das?“ Herdith zuckte die braungoldenen, schönen Schultern.

„Offen gestanden, ich weiss nicht. Ich hatte mich verspätet im Büro, Direktor Fredrichs fand und fand kein Ende. Ich war schon so ungeduldig, Jobst. Das können Sie mir glauben. Hab’ schon lauter Dummheiten geredet, bis sogar Fredrichs Mitleid bekam und ich endlich aus dem Laden ’raus konnte. Am Bahnhof Babelsberg hatte ich Pech. Der Bus war gerade fort. Da stand plötzlich dieser junge Mann neben mir, bot mir an, mich mitzunehmen. Und da bin ich mitgefahren. Wer er ist, und wie er heisst — keine Ahnung! Aber ist ja egal. Sonst wäre ich nämlich noch später gekommen, und da wäre ich traurig gewesen. Ich weiss ja, Sie waren sehr ärgerlich.“

„Da wär’s mir schon lieber gewesen, Sie wären noch später gekommen, Herdith. Sie sollen nicht mit fremden jungen Leuten fahren!“ Es kam sehr heftig.

Herdith lächelte. Sie war gänzlich ungekränkt. Dummer, lieber, geliebter Jobst!, dachte sie.

„Ich werde ja auch nicht mehr. Der war nicht von hier, soviel habe ich noch behalten. — Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder ..., summte sie lachend.

Jobsts Wutanfall machte sie beinah glücklich. Lieber, einziger, geliebter Jobst — ach, wenn man doch bloss nicht so arm wäre! Wenn man nur ein bisschen Sicherheit hätte! Sie glaubte zu wissen, warum Jobst nicht sprach. Er war nichts, er hatte nichts. Sie mit ihrem kleinen Gehalt und er mit seinen paar Pfennigen für den Trainingsunterricht hier: Null zu Null gab nichts!

Aber man war ja noch jung. Man konnte ja warten. Man brauchte ja auch noch nicht zu sprechen. Wenn nur alles klar war, man umeinander wusste — schon das war ein grosses, ein unverdientes Glück. Ganz selbstvergessen ruhten ihre Augen auf Jobst. Soviel Innigkeit und Liebe strahlte aus ihnen, dass alles in ihm davor verging.

„Herdith, ich habe Ihnen vorhin was erzählen wollen.“

„Was denn?“

„Denken Sie, ich habe eine Assistentenstelle. Zum ersten Juli in einem grossen Krankenhause hier.“

„Bezahlt?“ fragte sie atemlos.

„Ja. Und eine Arbeit, die mich interessiert. Ich glaube, da bin ich in die richtigen Hände gekommen. Ein berühmter Chef. Da werde ich was lernen. Man wird mich fördern. Ich glaube“ — er atmete tief auf —, „nun ist die Pechsträhne erst mal abgerissen.“

„Oh!“ Sie sagte nichts als dies kleine Oh, aber es lag soviel Freude darin, mehr als in einem langen Glückwunsch. Und dann atmete sie auch auf, als ob auch sie selbst von einer schweren Last befreit wäre: „Wie schön, wie wunderschön! Ich hab’s ja gesagt, es kommt einmal wieder besser. Sie schaffen’s schon, Jobst. Passen Sie auf, Sie werden mal was ganz Berühmtes werden.“

Jobst war beinah beschämt über diesen gläubigen Ausdruck in ihren Augen. Beschämt und beglückt.

„Ach, du lieber Gott, Herdith, so hoch hinaus will ich gar nicht. Ich wünsche nur eins: arbeiten können — eine Arbeit, die meiner würdig ist.“

„Nicht so eine Herde dummer Mädels trainieren — nicht wahr?“ lachte sie schelmisch.

„So habe ich das nicht gemeint, Herdith! Ich bin ja so stolz auf das, was wir erreichen. Diese Trainingsmonate mit Ihnen allen, die möchte ich nicht missen. Wirklich nicht“, er streckte ihr die Hand entgegen.

„Nicht!“ flüsterte sie leise und erschreckt. Dicht am Ufer schwamm Marion und wandte keinen Blick von ihnen.

Jobst nahm sich zusammen. Nein, das war hier wirklich nicht der Ort für eine Liebeserklärung. Er musste Herdith einmal allein sprechen. Musste ihr sagen, was er von der Zukunft erhoffte. Dass er nicht nur glücklich war über die Aussichten, voranzukommen — um seinetwillen. Dass er hoffte, einmal so viel zu haben, dass er einem geliebten Mädel eine Heimat bieten konnte.

„Ein anderes Mal, Herdith! Und jetzt um die Wette schwimmen?“ fragte er.

Sie nickte, lief zum Sprungbrett hinauf. Wie schön sie ging! Wie kraftvoll sie war! Wie jung und rein! Er folgte ihr langsam. Er nahm ihre Schönheit in sich auf. Mit einer heissen und doch ehrfürchtigen Freude.

Nun stand sie oben auf dem Sprungbrett, ganz vom hellen Nachmittagslicht umflossen. Ihr Haar. Ihr Körper. Die Sonne legte einen flimmernden Lichtkranz um sie. Schön gereckt stand sie da, hob die Arme langsam im glücklichen Gefühl ihrer Kraft und Jugend. Wie eine Sonnenanbeterin sah sie aus. Jetzt spannte sich der schlanke Körper. Wie ein Pfeil, schmal und weiss, glitt sie ins Wasser. Er lief in zwei Sätzen hinauf, und schon slog auch sein Körper durch die Luft in den See — Herdith nach.

Viertes Kapitel.

Der Frühling lag mit seiner lichten Bläue über dem ganzen deutschen Lande. Ueberall blühte und grünte es.

Im Vorgarten von Sanitätsrat Keunecke am Hagentore in Braunschweig blühten die letzten Schneeglöckchen in dichten Büscheln. Sanitätsrat Keunecke ging langsam in seinem Vorgarten auf und ab. Es roch frisch nach Erde, untermischt mit dem letzten herben Geruch des welken Winterlaubs, das aber schon von der Sonne durchwärmt wurde.

Sanitätsrat Keunecke stand still, schnupperte in die Luft. Wahrhaftig, da duftete es schon irgendwo nach Veilchen. Sicher, an der Südmauer des Hauses nach dem Wasser zu mochten die ersten aufgebrochen sein.

„Komm, Waldi, wollen wir mal nach den Veilchen sehen“, sagte er zu seinem braunen Dackel, der frühlingsselig neben ihm herlief. Aber Waldi schien keinerlei Interesse für Veilchen oder ähnliche ungeniessbare Dinge zu haben. Was sollten ihm Veilchen? Der Knochen, den er tags zuvor seinem Nachbarn, dem schwarzen Spitz, entrissen hatte, lag wohlverwahrt in einer Ecke des Gartens. Waldi hatte eigentlich beabsichtigt, den heutigen Morgenspaziergang mit Herrchen dazu zu benutzen, um in Ruhe diesen Knochen zu vertilgen. Aber als Sanitätsrat Keunecke wieder pfiff, nun etwas schärfer, blieb ihm nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Sein sorgenvolles Dackelgesicht zeigte höchste Missbilligung, und immer wieder wandte er sich sehnsüchtig nach dem geliebten Knochenversteck um.

„Wahrhaftig, Veilchen“, sagte Sanitätsrat Keunecke vor sich hin. Durch seine Brille hatte er sie erspäht. Die ersten dunkelblauen, kleinen Blütchen, noch zag und verdeckt vom Laub, aber dennoch da! Ein unwiderlegbarer Beweis, dass der Frühling nun endlich gekommen war. Er wollte sich bücken. Da scholl eine schrille Stimme von der Veranda:

„Heinrich, Heinrich, du sollst dich doch nicht bücken! Heinrich, komm doch weg. Am Wasser zieht es. Heinrich, du bist überhaupt schon viel zu lange draussen. Heinrich, das Frühstück ist fertig.“

„Wollen wir gehen, Waldi?“ fragte Sanitätsrat Keunecke seinen Dackel.

Waldi wandte sich um nach der Richtung, aus der wieder das schrille „Heinrich“ ertönte. Sein Gesicht drückte noch tiefere Missbilligung aus. Diese Stimme und was zu ihr gehörte, war noch schlimmer, als wenn man seinen Knochen nicht holen konnte.

Er sah seinen Herrn ermunternd an, als wollte er sagen: Bleiben wir hier — seien wir mutig! Und dann begann Waldi wild in dem vermoderten Laubwerk zu scharren; das bedeutete: Siehst du nicht, dass ich hier dringend beschäftigt bin? Lass die da drin doch warten!

Sanitätsrat Keunecke musste über die sprechende Mimik Waldis lachen. Also bleiben wir hier, Waldi. Schrecklich, diese ewige Bevormundung. Stellen wir uns scheintot!

Doch dieser mutige Entschluss nutzte Sanitätsrat Keunecke nicht viel. Vom Hause her kam ein flatterndes Etwas. Ein alter Lodenmantel, halb umgeschlagen, darüber ein spitzes Gesicht mit unwahrscheinlich langer Nase und einem schief sitzenden Augenglas vor kleinen, graugrünen Augen. Das Ganze gekrönt von einem unordentlich wehenden grauen Haargewuschel. Das war Sidonie Tessel, die verwitwete Schwester des Sanitätsrats, und die eigentliche Herrin im Hause.

„Buff“, bellte Waldi kurz auf. Und dann verzog er sich. Er hatte es so im Gefühl, wenn Sidonie Tessel so ankam, dann wählte man besser die Flucht. Zwischen Waldi und Sidonie bestand eine tiefe und herzliche Abneigung. Wäre in diesem einen Punkte der alte Sanitätsrat Keunecke nicht seiner Schwester gegenüber energisch gewesen: Waldi wäre wohl nicht mehr hier. Sidonie hasste Hunde, wie überhaupt alles Getier. Nach ihrer Meinung gehörten Tiere in die Natur, allenfalls in den zoologischen Garten, aber nicht ins Haus. Sie hasste jede Unordnung und jede Ueberraschung. Vor allen Dingen waren ihr Hunde im Hause verhasst, denn kurzsichtig, wie sie war, stolperte sie bei allen Gelegenheiten darüber: „Man sieht sie nicht, dann tritt man auf sie, dann quietschen sie, dann erschrickt man und dann kriegt man Migräne!“ In diesem klassischen Satz hatte sie ihre ganze Abneigung gegen Hausgenossen wie Waldi zusammengefasst.

Waldi war in den Jahren, als Sanitätsrat Keunecke noch allein wirtschaftete, ziemlich der Selbstherrscher des Hauses geworden. Es hatte eines zähen und erbitterten Kampfes zwischen Sidonie und Waldi bedurft, um Waldi zur Vernunft zu bringen. Schliesslich hatte es Waldi eingesehen: Sidonie mit ihrem kleinen gelben Rohrstock war entschieden die Mächtigere. Es hatte keinen Zweck, die Bücklinge vom Abendbrottisch herunterzufressen und die Köpfe fein säuberlich auf den Tisch zu garnieren, wenn man hinterher Hiebe bekam. Sanitätsrat Keunecke hatte etwas Derartiges nur mit einem verweisenden: „Aber Waldi, wirst du denn niemals vernünftig werden!“ quittiert.

Und Waldi hatte nicht daran gedacht, vernünftig zu werden. Ein Dackel hatte nicht vernünftig zu sein, das lag nicht in seiner Natur. So fühlte er sich von Sidonie und ihrem schmerzenden Rohrstock geradezu vergewaltigt. Er ging ihr aus dem Wege, wo er nur konnte, und überliess auch jetzt den Sanitätsrat der schrillen Stimme und den vorwurfsvollen Augen Sidonies.

„Aber Heinrich, ich habe dich doch schon ein paarmal gerufen. Hast du nicht gehört?“

„Du mich gerufen?“ Sanitätsrat Keunecke stellte sich unschuldig wie ein vom Himmel gefallenes Kind. „Kein Wort hab’ ich gehört, Sidonie.“

„Siehst du, Heinrich, jetzt schlägt’s dir auch noch auf die Ohren“, jammerte Sidonie Tessel schrill. „Sicher ist die Erkältung weitergegangen. Komm nur schon ’rein. Willst du dir denn den Tod holen? Es ist furchtbar mit euch Männern. Unvernünftig wie die kleinen Kinder! Gott sei Dank, dass ich nicht noch einmal geheiratet hab’. Ich Aermste — wie wäre es mir da ergangen?!“

Dabei nahm sie energisch Sanitätsrat Keunecke unter den Arm und schob ihn dem Hause zu.

Sanitätsrat Keunecke, ergeben neben ihr herstapfend, dachte bei sich: Wie wär’s erst einem zweiten Manne ergangen, wenn er dich geheiratet hätte, meine Liebe! Der erste hat schon genügend auszustehen gehabt! — Aber zu sagen wagte er das nicht. Denn gegen Sidonie zog er doch immer den kürzeren. Sie war der Herr im Hause. Und hätte er sich behaupten wollen, da hätte er schon früher anfangen müssen. Damals schon, als sie Herdith — ach, gar nicht daran denken! Wenn er an Herdith dachte, dann bekam er Herzbeklemmungen.

Aber schön war das Leben nicht mehr, seitdem das Kind aus dem Hause war und man krank geworden und anfällig, ganz den Launen und der Tyrannei Sidonies ausgeliefert. Ein Glück, dass er sich angewöhnt hatte, nicht mehr hinzuhören. Was Sidonie erzählte, ging zu einem Ohr herein, zum andern hinaus. So hörte er auch jetzt nicht, was sie ihm mit ihrer klirrenden Stimme berichtete, dass Rechtsanwalt Megede sich ein Auto gekauft hätte. Unerhört eigentlich, wie die jungen Leute jetzt hoch hinaus wollten — kaum niedergelassen als Anwalt und schon ein Auto. Sein Vater wäre schön zu Fuss gegangen. Aber der Herr Sohn?

„Alles überspannt! Jeder will was Besonderes sein. Findest du nicht auch, Heinrich?“

„Ja, ja“, stimmte Sanitätsrat Keunecke zu; er hatte keine Ahnung, was Sidonie eben geredet hatte. Da war ja der erste Zitronenfalter über dem Rasenweg. Ganz dottergelb und noch etwas ungeschickt flatterte er durch die Luft.

„Und Frau Hartmann hat erklärt, sie hätte auch gern mal zum Abendbrot belegte Stullen statt Schmalzstullen. Was die Leute jetzt anspruchsvoll sind. Der eine ein Auto, der andere belegte Stullen!“

„Wieso will denn Megede belegte Stullen?“ fragte Keunecke zerstreut. Die Bäume standen schon in den ersten Knospen und hoben sich zart wie eine Zeichnung von dem weichen Frühlingshimmel ab.

„Du hast auch für nichts mehr Sinn, Heinrich“, schalt Sidonie Tessel. „Man kann dir erzählen, was man will. Du interessierst dich für nichts!“

„Oh, meine Liebe, ich interessiere mich. Also wie war das mit den Schmalzstullen?“ wiederholte Keunecke gehorsam.

Der Hausflur empfing sie in seiner steinernen Kühle. Die alten Mauern des Keuneckeschen Hauses hielten noch die winterliche Kälte fest.

„Aber Heinrich, du wirft dir doch nicht den Mantel hier draussen ausziehen. — Das will ein Arzt sein?!“

Sidonie Tessel schob ihren Bruder energisch in das Wohnzimmer hinein. In dem bullerte der alte Kachelofen lustig. Ein schöner Duft von Kaffee zog durch den Raum.

Jetzt kam Martha, das kleine Hausmädchen, und half dem Sanitätsrat aus dem Pelz. Er setzte sich an den Tisch. Der war tadellos gedeckt. Auf den Zentimeter genau standen die Tassen ausgerichtet, neben ihnen Teller und Messerbänkchen. Links lag neben dem Platz des Sanitätsrats seine Post und die Morgenzeitung, neben dem Platz von Sidonie Tessel die illustrierten Zeitschriften, die sie zu lesen pflegte.

„Martha, den Tee für den Herrn Sanitätsrat!“

„Ach schade, ich dachte, ich bekomme Kaffee.“

Sanitätsrat Keunecke sah bedrückt auf die dickbauchige Kanne, die unter einer rosagestrickten Kaffeemütze verborgen war.

„Aber Heinrich, Kaffee bei deinem Herzen? Du weisst, Kaffee ist dir schädlich. Du trinkst Tee!“ Sidonie rückte energisch die Kaffeekanne aus der Nähe des Bruders und goss ihm Tee ein.

„Puh, und noch dazu Pfefferminztee!“

„Viel gesünder als anderer. Wenn ich nicht auf deine Gesundheit achten würde, dann wärst du schon längst im Grabe.“

„Man kann auch durch zuviel Fürsorge ins Grab kommen, liebe Sidonie.“

Der Sanitätsrat konnte nun doch nicht mehr gegen seine Wut an. „Ich bin doch schliesslich kein kleines Kind, dass du mich von früh bis abends gängelst.“

„Oh, bitte — wenn es dir nicht passt, brauchst du es nur zu sagen. Aber warum du mich dann aus meinem Stift fortgeholt hast, das möchte ich gern wissen. Wie schön hatte ich es dort! Wie ruhig! Keine Sorgen. Keine Arbeit. Keinen Aerger.“

„Ja, ja, ich weiss, du hast mir ein grosses Opfer gebracht, Sidonie“, warf der alte Herr ganz erschrocken ein. Wenn Sidonie jetzt anfing, ihm aufzuzählen, was sie um seinetwillen alles aufgegeben, dann war es mit der gemütlichen Kaffeestunde und dem behaglichen Zeitunglesen wieder einmal vorbei.

Sidonie hatte ein beneidenswertes Talent, alle Dinge so darzustellen, wie sie sie sah oder sehen wollte. Dass sie ihm aus dem Stift kreuzunglückliche Briefe geschrieben, wie unglücklich sie sich da fühlte, wie nutzlos, wie fehl am Ort zwischen all den alten Damen, sie mit ihrer Tatkraft — wie sie sich nur danach sehnte, dem geliebten Bruder eine schöne Häuslichkeit zu bereiten, das alles hatte sie vergessen. Aber Sanitätsrat Keunecke war viel zu feinfühlig und viel zu schwach, um einmal bei einer richtigen Gelegenheit damit aufzutrumpfen. Seit seiner schweren Erkrankung vor zwei Jahren, dem leichten Schlaganfall, fürchtete er nichts so sehr wie Aufregungen.

„Du musst nicht böse sein, Sidonie“, bat er friedfertig. „Ich bin nun eben manchmal ein bisschen nervös.“

„Ich darf aber keine Nerven haben“, kam es spitz von Sidonie. Wütend klapperte der silberne Kaffeelöffel in der Tasse. „Männer nehmen eben niemals Rücksichten.“

„Nein — Männer sind die grässlichsten, egoistischsten und dümmsten Geschöpfe von der Welt. Ich gebe dir alles zu, aber jetzt lass mich meine Zeitung lesen.“

„Ach, ich rede dir also zu viel. Für heute kommt kein Wort mehr über meine Lippen.“

Wütend bestrich Sidonie ihre Brötchen.

Wenn sie doch einmal darin Wort halten wollte!, dachte Sanitätsrat Keunecke und schlug das Morgenblatt auf.

„Empörend!“ kam es plötzlich von Sidonie. Sie hatte ihre illustrierten Zeitungen durchgelesen und schlug mit der Hand auf ein Blatt. „Sieh nur, Heinrich, ist das nicht schamlos?“

Ergeben legte Sanitätsrat Keunecke den Leitartikel der Morgenzeitung, in den er sich vertieft hatte, beiseite. Also redete Sidonie doch schon wieder.

„Was ist denn schamlos?“

„Hier, sieh mal!“ Kampfbereit drückte Sidonie ihr Augenglas fester auf ihre spitze Nase: „Die Damenmannschaft für den Ruderwettkampf zwischen der Tschechoslowakei und Deutschland ist nun bestimmt worden. Unten im Kreise die vier ausgewählten Sportlerinnen mit ihrem Trainer.“

„Na, und?“ fragte Sanitätsrat Keunecke. Er hatte nicht das geringste Interesse für Rudern und wusste auch nicht, dass Sidonie irgendwelche sportlichen Neigungen hatte. Im Gegenteil, das war ja der Zankapfel zwischen ihr und dem Kinde, Herdith, gewesen.

Er zog das Blatt näher heran. In einem Ovalbilde sah man vier junge Mädchen im Ruderdress auf einem Bootsrand sitzen, in ihrer Mitte, von zweien umschlungen, einen jungen Mann, gleichfalls im Ruderanzuge. Darunter stand:

Skull-Vierer „Frohe Fahrt“.

Die Damen Marion Karnau, Kläre Grasshoff, Tina Lüders, in der Mitte Fräulein Herdith Assmussen, Schlagmann des Skull-Vierers neben dem erfolgreichen Trainer Jobst Reichardt.

„Na, und?“ fragte Sanitätsrat Keunecke noch einmal, jetzt mit etwas zitternder Stimme.

Da war das Kind, Herdith! Wie fröhlich sie aussah! Wie hübsch selbst auf diesem unscharfen und unretuschierten Bild!

Ja, so war sie. Hübsch, sonnig und jung. Wie lieb hatte er sie gehabt!

Warum war sie gegangen? Warum hatte sie sich nicht mit Sidonie vertragen können? Das hätte er eigentlich zum Dank für alles, was er für sie getan, erwarten können. Ach, nicht daran denken! Da kam schon wieder diese Beklemmung. Er fuhr sich mit der Hand zum Herzen.

Aber diesmal sah Sidonie Tessel es nicht. Empört starrte sie auf das Bild. Ihre Nase schien noch spitzer zu werden.

„Deine Nichte — nein, noch schlimmer, meine Nichte in einer Zeitung und in solchem Zustande! Halbnackt, einen fremden Mann umarmend! Es ist unerhört. Was wird nur Ihre Exzellenz im Johanna-Stift sagen, wenn sie dies Bild sieht?“

Sanitätsrat Keunecke lag es auf der Zunge, zu erwidern, dass seine Schwester Sidonie sich in der Zeit ihres Stiftaufenthalts wie Hund und Katze mit der alten Exzellenz gestanden hatte, einer reizenden alten Dame übrigens. Aber das passte auch so zu Sidonies Art, Menschen, die sie sonst nicht leiden konnte, zu Kronzeugen anzurufen, wenn es ihr in den Kram passte.

„Aber liebe Sidonie, von halbnackt kann wohl nicht die Rede sein! Das ist ein Rudertrainingsanzug, wie alle Ruder und Ruderinnen heutzutage ...“

„Wenn ich sage, es ist halbnackt, dann ist es halbnackt! Oder genügt es dir noch nicht? Nackte Beine, nackte Arme, Hosen — — wenn ich einem Menschen in meiner Jugend je so unter die Augen gekommen wäre!“

„Meines Wissens hast du ja niemals Sportneigungen wie Schwimmen oder dergleichen gehabt.“ Der alte Herr konnte sich nun doch seinen Spott nicht verkneifen. „Also lag auch keine Veranlassung dazu vor, liebe Schwester.“

„Verteidige du nur noch die moderne Zeit, das steht dir gerade an! Wenn du nicht immer so für alle Verrücktheiten der modernen Jugend gewesen wärst, dann wäre deine Nichte, oder vielmehr meine Nichte, vielleicht auch nicht so ein überspanntes, unleidliches Mädchen geworden.“

„Gesegnete Mahlzeit!“

Sanitätsrat Keunecke stand auf.

„Ja, bist du denn schon satt? Der Kollege Hübner hat doch ausdrücklich gesagt, du sollst ordentlich essen, damit du wieder zu Kräften kommst.“

„Der Kollege Hübner hat vor allen Dingen gesagt, ich soll mich nicht aufregen.“

„Ja, wer regt dich denn auf?“ fragte Sidonie fassungslos. Da fuhr sie zurück und jagte Waldi aus seinem Halbschlaf auf, den er nach erledigter Knochenmahlzeit unter dem Tisch gehalten.

„Du!“ brüllte Sanitätsrat Keunecke; wahrhaftig, er brüllte es. Schrie es, stopfte sich seine Zeitungen unter den Arm und verliess den Raum.

Sidonie wollte ihm nach. Aber Waldi, in dem instinktiven Gefühl, wie Hunde es für ihren Herrn haben, spürte: Nun war seine Stunde gekommen. Er fuhr gerade unter dem Tisch hervor, als Sidonie ihrem Bruder nach wollte. Sidonie, kurzsichtig, stiess an ihn an; es tat nicht weh, aber Waldi heulte grässlich auf.

„Du abscheuliches Vieh!“ Sidonie fuhr zurück, dann holte sie zum Schlage aus. Aber Waldi war schneller, er raste mit fliegenden Ohren an seiner Feindin vorüber; Herrchen hatte ja die Tür offen gelassen. Ehe Sidonie sich von ihrem Schrecken erholt hatte, war Waldi auf und davon.

Und in Sanitätsrat Keuneckes Arbeitszimmer wurde der Schlüssel energisch im Schloss herumgedreht.

Waldi aber verzog sich befriedigt in die Küche. Bei Martha, dem kleinen, verschüchterten Hausmädchen, fand er immer Verständnis, Freundlichkeit und etwas, was er am meisten schätzte: etwas zu fressen.

Sidonie Tessel aber begab sich, in tiefster Seele gekränkt, zu ihrer augenblicklichen Busenfreundin, Frau Mathiess nebenan, um ihr von diesem Auftritt zu berichten. Es war wirklich unerhört, diese Affenliebe zu Herdith machte den guten Heinrich immer noch verdreht! Dabei war Herdith in Sidonies Augen ein Schandfleck der Familie. Konnte sie nicht dankbar sein, dass sie, die elternlose Waise, hier im Hause des Onkels ein Unterkommen gefunden? Hatte sie nicht die Pflicht gehabt, bescheiden und ohne viel zu mucksen hier haustöchterliche Pflichten zu übernehmen? Hätte sie nicht froh sein müssen, in ihrer Tante Sidonie eine Lehrmeisterin in allen häuslichen Tugenden zu finden? Aber nein, sie hatte selbständig sein wollen. Sie hatte erklärt, sie fühle sich überflüssig, da das Hauswesen ja doch nur von Tante Sidonie geleitet werde und überdies Martha vorhanden wäre. Um nur ein bisschen Staub zu wischen, zu stopfen und Handarbeiten zu machen, dazu fühle sie sich zu jung und tatkräftig.

„Das Kind hat ganz recht“, hatte Heinrich Keunecke erklärt und erlaubt, dass Herdith auf die Handelshochschule ging, Vorlesungen hörte, Sprachkurse besuchte und ihr Examen machte.

„Du wirst ja sehen, was du davon hast“, hatte Sidonie prophezeit. Ihr lag nichts daran, dass die Nichte aus dem Hause ging. Sie brauchte immer Menschen um sich herum, die sie tyrannisieren konnte. Im Stift hatte sie das mit mehr oder weniger Erfolg versucht. Nun war ihr Bruder, krank und von Natur gegen einen robusten Menschen schwach, ein willkommenes Objekt ibrer krankhaften Herrschsucht.

Aber Herdith, die nach Tante Sidonies Meinung eigentlich verpflichtet gewesen wäre, sich allen Launen der Tante zu fügen, hatte sich keineswegs einschüchtern lassen. Es war zu immer heftigeren Kämpfen gekommen, die Herdith aus Rücksicht auf Onkel Heinrich möglichst vor ihm zu verbergen trachtete. Aber sie sah ein, es ging auf die Dauer nicht. Ihre und Tante Sidonies Ansichten platzten immer wieder aufeinander.

„Ein junges Mädchen tut dies nicht — ein junges Mädchen tut das nicht“, damit hatte Sidonie immer wieder versucht, Herdiths gesunden Drang nach Selbständigkeit zu unterdrücken. Ein paar Dinge waren dazugekommen, die Heinrich Keunecke bis jetzt nicht wusste, und die Herdith ihm rücksichtsvoll verschwiegen hatte. Aber eines Tages, nach dem bestandenen Sprachlehrerinnenexamen, hatte sie Onkel und Tante vor die Tatsache gestellt, sie ginge nach Berlin. Sie hätte eine Stellung als Sekretärin.

Heinrich Keunecke, der nicht wusste, was sich während seiner Krankheit abgespielt hatte, war in tiefster Seele getroffen. Herdith war der einzige Lichtblick in seinem Hause, das seit Sidonies Einzug zu einer Stätte des Unfriedens geworden. Zum ersten Male, dass er scharf gegen seinen Liebling wurde.

„Entweder du bleibst hier, oder wir sind geschiedene Leute“, hatte er ihr erklärt.

Aber Herdith hatte, bleich, traurig, aber fest, immer wieder das eine gesagt: „Es muss sein, Onkel. Ich kann nicht hierbleiben, glaub es mir! Es ist besser für uns alle, wenn ich gehe.“

Und dann war sie gegangen. Heinrich Keunecke hatte sich eingeschlossen an diesem Morgen, als sie fort wollte. Er hatte ihr nicht Lebewohl gesagt. Wie eine Fremde war sie aus dem Hause gegangen.

So blieb denn Sidonie Siegerin. Von Tag zu Tag wartete Sanitätsrat Keunecke, dass Herdith ihm schreiben würde, aber keine Zeile kam, obwohl Herdith wusste, der Onkel war noch bettlägerig und elend. Und Sidonie triumphierte. Immer wieder liess sie spitze Bemerkungen fallen über die abgrundtiefe Undankbarkeit der jungen Menschen von heute. Und Heinrich Keunecke litt schweigend.

Aber immer öfter gingen seine Gedanken zu Herdith. Wie war es hell und sonnig im Hause gewesen, als sie hier war mit ihrem lieben sonnigen Lächeln! Ob sie auch keine Not litt? Die kleine Rente, die sie von der Mutter her hatte, konnte nicht reichen, um ihr einigermassen das Leben in der grossen Stadt zu sichern. Was sie verdiente, ahnte er nicht. Wenn sie nicht das Bedürfnis hatte, ihrem alten Onkel einmal von sich zu berichten — schliesslich hatte man auch seinen Stolz! —

Aber je länger das Kind fort war, um so schwerer war es für den alten Mann, der nicht einmal mehr seine Praxis so wahrnehmen konnte, wie er es gewohnt war. Er würde sich doch zu einem Assistenten entschliessen müssen. Sonst ging einem nach und nach die ganze Praxis verloren, oder man ruinierte sich das bisschen Gesundheit, das man sich mühsam wieder erworben hatte.

Ach, alles wurde schwer, wenn man alt wurde und einsam war und von den Launen von Menschen abhängig. Dem alten Sanitätsrat Keunecke war jetzt recht wehmütig zumute. Er sass in seinem Lehnstuhl am Fenster. Die Zeitung lag ihm im Schoss. Er sah darüber hinweg in den frühlingshellen Garten. Vorhin hatte er sich noch so über das erste Werden und Blühen gefreut. Jetzt war ihm alles vergällt. Auch die Zeitung war nicht dazu angetan, ihn fröhlicher zu machen. Ueberall Sorgen, Unruhe, ein Durcheinander auf der Welt. Am besten wäre es schon, man wäre bei der Krankheit neulich geblieben. Was hatte man schliesslich zu erwarten? Wieder neue Krankheit, ein Alter in Einsamkeit. Sidonie wurde auch immer schrullenhafter. Sicher würde sie wieder ein paar Tage gekränkt sein. Und er wusste nicht, was schlimmer war: wenn sie von früh bis abends lamentierte und an ihn herumerzog — oder wenn sie mit diesem schweigenden, verkniffenen Gesicht herumging und förmlich eine Eisatmosphäre um sich verbreitete, in der es wie von lauter spitzen Eisnadeln zu stechen schien.

Fünftes Kapitel.

Zum ersten Male seit Wochen hatte sich der Frühlingshimmel über Berlin vormittags bezogen. In der Nacht hatte ein heftiger Westwind sich aufgemacht und schwere Wolken vom Ozean mit herübergebracht. Vormittags flaute der Wind ab, die Wolken hingen nun niedrig und schwarzgrau über der Stadt. Die Passanten auf der Strasse gingen schneller. Jeden Augenblick konnten die Wolken da oben brechen und ihre Regenfluten über die Stadt ausgiessen.

Da fielen auch schon die ersten Tropfen, und auf einmal schüttete es wie ein Wolkenbruch in prasselnden Fluten hernieder. Im Augenblick waren die Strassen wie leergefegt. Das war ein böses Ereignis für all die jungen Mädchen und Frauen, die ihre neuen Frühjahrskostüme gerade spazieren führten, aber für die Autodroschken ein willkommener Zwischenfall. Sonst standen sie in langen Reihen und konnten Stunde um Stunde auf Fahrgäste warten. Jetzt waren sie im Augenblick alle besetzt, rollten durch das Regengrau auf den feucht glänzenden Strassen entlang. Das Wasser spritzte hoch auf unter ihren Rädern bis zu den Bordsteinen. Die wenigen Passanten brachten sich ängstlich vor den Schmutzspritzern in Sicherheit.

Die Kaffeehäuser und Restaurants waren im Augenblick überfüllt. In den Toreingängen stauten sich die Menschen.

Ein junger Mann in schäbigem, abgetragenem Regenmantel und einem Hut, dessen Band abgegriffen und glänzig war, zögerte einen Augenblick. Dann trat er schnell in ein Kaffeehaus ein, das in einer Hauptstrasse des Zentrums gelegen war. Es hatte grosse, glänzende Spiegelscheiben. Man sah auf weiss gedeckte Tische mit elegantem Gerät. Tiefe Klubsessel standen um die niedrigen Tische. Die Wände waren mit roten Seidentapeten bespannt. Das Ganze machte einen vornehmen und soliden Eindruck.

Das Publikum freilich war einigermassen merkwürdig. Es war eine eigentümliche Mischung von protziger Eleganz und einer gewissen abgerissenen Saloppheit. Neben Herren in den neuesten, modischen Frühjahrsanzügen sassen andere, deren Anzüge schon ziemlich mitgenommen waren oder zeigten, dass sie als die billigsten irgendwo „von der Stange“ gekauft waren. An den Kleiderhaken hingen protzige Pelze. Doch konnte man deren Inhaber in Verdacht haben, dass sie diese jetzt bei der Frühlingswärme trugen, weil sie keinen andern Mantel hatten. Daneben hingen fadenscheinige Ulster.

Alle Tische waren voll besetzt. Die verschiedensten Sprachen schwirrten durcheinander. Neben deutsch hörte man hauptsächlich polnisch und russisch, auch die breiten Laute des Holländischen klangen dazwischen. Auffallend viele der Gäste trugen protzige Brillantringe an den Fingern. Alle Männer hier schienen sich irgendwie zu kennen. Immer wieder stand einer von einem Tisch auf, begab sich zu einem andern und mischte sich in das leise und lebhaft geführte Gespräch. Ab und zu trat einer von den Männern mit einem andern näher an eine der grossen Lampen heran. Aus kleinen Schächtelchen oder Seidenpapier wurden Steine herausgeholt, die im Lichte aufsprühten, wurden unter die Lupe genommen, hin und her gewendet. Und dann ging der Handel los.

Das Kaffeehaus war der Treffpunkt einer gewissen Sorte internationaler Juwelenhändler. Jedoch würde man die wirklich soliden, grossen Geschäftsleute hier vergebens gesucht haben. In all den verschiedenen Gesichtern, massigen wie schmalen, hellen wie dunklen, lag irgend etwas Eigentümliches: ein Zug von Schlauheit, Unsolidität und Skrupellosigkeit. Frauen sah man nur vereinzelt. Ein paar wirkliche Damen hatten sich bei dem Wetter hierher geflüchtet und blickten etwas erstaunt auf die eigentümlichen Gäste des Kaffeehauses. Unaufhörlich rannten die Kellner mit gefüllten Tabletts durch das grosse Lokal. Der Rauch lag dick und trübe im Raum. Die Lampen versuchten vergeblich das Grau des Regentags völlig vergessen zu lassen.

Der junge Mann blieb einen Augenblick vor dem Büfett stehen. Er grüsste mit einem vertraulichen Lächeln die hübsche, gut zurechtgemachte Büfettdame. Die gab ihm ebenso lächelnd den Gruss zurück.

„Na, Herr Tessel, mal wieder da? Sie haben sich ja so rar gemacht!“

„Schlechte Zeiten, Fräulein!“

„Noch immer nichts gefunden, Herr Tessel?“ Der junge Mann zuckte die Achseln.

„Das letzte ist nichts gewesen. Ich habe ja mehr Fahrgelder verbraucht, als ich Provision verdient habe an den Waren. Na, mal sehen, vielleicht findet sich doch noch was. Einen Kaffee, bitte!“ Er ging in den hinteren Raum, setzte sich in eine Ecke und war bald in einen Berg Zeitungen vertieft. Was ihn besonders interessierte, waren die Stellenangebote. Er nahm ein Notizbuch aus der Tasche und trug sorgfältig eine Reihe Adressen ein. Dazwischen aber hatte er immer noch Zeit, mit schnellen Augen umherzublicken, einen lächelnden Blick mit der Büfettdame zu tauschen und alles zu beobachten, was um ihn herum vorging.

„Sehen Sie mal, da ist ja der Tessel“, sagte ein dicker Mann mit breiten, roten Händen und aufdringlichen Brillanten an den kleinen Fingern. „Kommt der auch mal wieder hierher?“

Sein Begleiter sah flüchtig hinüber.

„Wirklich! Na, sieht auch ziemlich ramponiert aus, scheint noch nichts Rechtes gefunden zu haben.“

Der dicke Mann lächelte.

„Der Tessel weiss nicht, was er will. Entweder man versucht es auf die bürgerliche Art und Weise, dann darf man aber nicht immer wieder was anderes wollen. Oder aber man entschliesst sich, weniger bürgerlich zu sein — na, sagen wir, Geschäfte zu machen —, dann darf man hinterher nicht immer wieder Gewissensbisse bekommen. Solche Leute sind für uns nicht sicher. Wenn sie einen Kriminalbeamten sehen, fällt ihnen schon das Herz in die Hosen. Nee, danke!“ Er brannte sich eine neue Zigarre an.

Draussen prasselte der Regen immer noch. Eine junge Dame kam hastig herein. Sie hielt den triefenden, winzigen Seidenschirm ängstlich von sich ab, damit das hellgraue Frühlingskostüm nicht gefährdet wurde. Suchend sah sie sich um. Alle Tische waren besetzt. Sie ging durch das Lokal.

„Dort hinten ist noch ein Platz frei, meine Gnädigste!“ Der Geschäftsführer wies auf einen kleinen Tisch im Hintergrund.

Als die junge Dame am Tisch von Franz Tessel vorüberkam, sah der auf, stutzte. Die junge Dame beachtete ihn nicht. Aber Franz Tessel verfolgte genau, wohin sie ging. Jetzt setzte sie sich an den bezeichneten Tisch.

„Einen Tee mit Zitrone und Rum!“, bestellte sie beim Kellner. Dann nahm sie ans ihrer grossen, grauen Wildledertasche Puderdose und Lippenstift und begann die Spuren des Regens von ihrem hübschen, pikanten Gesicht zu verwischen.

Franz Tessel zögerte ein Weilchen. Dann legte er entschlossen seine Zeitungen beiseite und steuerte auf den Tisch der jungen Dame zu.

„Guten Tag, Marion!“

Marion Karnau sah auf. Einen Augenblick wusste sie nicht recht. Dann erkannte sie den jungen Mann.

„Ach, Franz! ’n Tag, wie geht es dir denn?“

Lässig reichte sie ihm die Hand in dem feinen, silbergrauen Handschuh. Dabei streifte ihr Blick schnell und prüfend über seinen Anzug, der einen verdächtigen Glanz zeigte.

„Wie’s einem bei diesen Zeiten gehen kann, Marion.“

Franz Tessel stand unschlüssig einen Augenblick am Tisch.

„Darf ich mich einen Augenblick zu dir setzen?“

„Bitte!“ Es klang ziemlich kühl. Aber Franz Tessel schien es nicht zu bemerken.

„Nein, wie ich mich freue, dich zu sehen, Marion“, er schaute sie mit einem bewundernden Lächeln an, „das sind doch jetzt — warte mal, lass mich mal nachrechnen —, das sind drei Jahre her.“

„Wie genau du das weisst!“

„Das werde ich nie vergessen, Marion. Ich weiss immer noch ganz genau, wann ich dich gesehen habe. Du weisst doch, seine erste und wirkliche Liebe vergisst man nicht.“

Er sagte es mit einem etwas dreisten Lächeln, aber er hatte die Genugtuung, zu sehen, dass Marion von dieser etwas plumpen Schmeichelei irgendwie befriedigt schien.

„Wie machst du es nur, Marion? Von Jahr zu Jahr wirst du hübscher! Na, und immer noch nicht verlobt?“ Er sah auf ihre Hände: „Noch keinen Verlobungsring? Du bist doch sicher eine der Umschwärmtesten!“

„Ich habe noch Zeit“, sagte Marion. „Und was machst du denn?“

„Gott, was soll ich machen? Ich habe mal Arbeit, und mal habe ich keine. Offen gestanden, es geht mir im Augenblick ziemlich dreckig, Marion. Sag mal —“ er rückte ein wenig näher —, „könntest du nicht mal was für mich tun?“

„Ich? Aber was für ein Gedanke! Wie soll ich etwas für dich tun können?“

„Nun, durch deinen Vater.“

Franz Tessel liess Marion keine Zeit, etwas zu erwidern. Er sprach hastig auf sie ein.

„Sieh mal, Marion, die Geschäfte deines Vaters vergrössern sich doch immer mehr. Er ist doch jetzt einer von den ganz Grossen in der Wirtschaft. Gerade heute habe ich gelesen, er hat ein grosses Aktienpaket der Groschwitzer Zellstoffabriken erworben. Die haben doch hier ihre Zentrale. Er wird doch jetzt auf die Zentrale hier einen Einfluss haben. Marion, wenn du mir da irgend etwas verschaffen könntest? Der Direktor ist ein Herr Fredrichs. Ich habe schon neulich mal herumgehorcht. Da war eine Stelle frei als Korrespondent. Ich bin aber natürlich zu dem Direktor nicht vorgedrungen, nur zu der Sekretärin. Na, und die wird keinerlei Interesse haben, mein Gesuch irgendwie beschleunigt weiterzugeben. Weisst du, wer das ist?“

Marion zuckte gelangweilt mit den Achseln. Alles, was Franz Tessel da erzählte, interessierte sie nicht im geringsten. Sie wusste von den Geschäften ihres Vaters fast nichts. Ihr genügte, dass er viel Geld verdiente, und dass sie dieses Geld mit vollen Händen ausgeben konnte.

„Die Sekretärin von Direktor Fredrichs ist meine Kusine Herdith.“

Marion richtete sich auf, sah Franz Tessel mit grossen Augen an.

„Herdith Assmussen?“

Franz Tessel nickte.

„Herdith Assmussen in eigener Person. Ist das nicht ein komisches Zusammentreffen?“

„Ja, sehr komisch.“ Marion sagte es mechanisch. Ihre Gedanken schienen nach einer bestimmten Richtung zu gehen.

„Sag mal, Franz“, fragte sie dann plötzlich, „wie stehst du eigentlich mit Herdith?“

„Na, gar nicht, seitdem sie mich damals hat abblitzen lassen. Du weisst doch, damals gab’s doch den Krach zwischen ihr und meiner Mutter. Und dann kam der Krach zwischen Herdith und Onkel — und sie ging fort. Dummes Ding! Hätte sie mich damals geheiratet, dann wäre alles gut geworden. Sie brauchte nicht ums tägliche Brot zu schuften. Na, und ich — ich wäre eben auch gesichert. Aber ich war ihr eben nicht gut genug — sie wollte höher hinaus, die Herdith! Und was hat sie nun? Gar nichts! Aber du kannst dir vorstellen, Marion, dass ich auf die Fürsprache meiner lieben Kusine Herdith bei Direktor Fredrichs nicht rechnen kann. Da wollte ich dich bitten, Marion. Es geht mir wirklich schlecht, ich ...“, ein Schein von Rot lief über sein Gesicht, „... ich weiss nicht mehr recht, wie ich mich durchjonglieren soll. Wenn du mir helfen könntest!?“

Marion Karnau sah ihren Jugendgespielen Franz Tessel prüfend an. Ja, er sah wirklich schlecht aus und richtig herabgekommen. Ein Gedanke blitzte in ihr auf.

„Ich weiss nicht, ob ich etwas für dich tun kann, Franz. Ich muss mir das alles erst durch den Kopf gehen lassen. Aber wenn du in Verlegenheit sein solltest —“, sie nahm aus ihrer eleganten Tasche einen Schein heraus, schob ihn schnell zu Franz hinüber; der wurde rot — er zögerte einen Augenblick, aber dann griff er nach dem Geld:

„Ich dank dir schön, Marion. Du kannst dir vielleicht nicht vorstellen, wie es einem zu Mute ist, wenn man nicht mehr weiter kann.“

„Deine Mutter unterstützt dich nicht mehr?“

Franz zuckte die Achseln.

„Doch, ab und zu tut sie es schon. Aber ich habe einen Haufen Schulden. Das Leben ist teuer, Marion. Ich möchte mal aus all den Sorgen heraus. Ich würde es dir nie vergessen, Marion.“

Marion nahm ihr kleines Notizbuch vor.

„Gib mir auf alle Fälle deine Adresse, Franz. Irgend etwas wird sich schon finden. Und nun ...“, sie sah zum Fenster hinaus, der Regen hatte nachgelassen, ein erster schwacher Sonnenstrahl kam zwischen den Wolken hervor, „... nun werde ich ja gehen können. Ich habe meinen Wagen an die Leipziger Strasse bestellt, der wird schon warten.“

„Darf ich dich begleiten, Marion?“

„Nein, danke!“ Sie streifte mit einem Blick seine Erscheinung. Er wurde rot. Er verstand, er war keine Begleitung für eine Marion Karnau.

„Kellner, zahlen!“ Marion winkte dem Kellner, der sich zwischen den Tischen hindurchwand.

„Darf ich nicht?“ fragte Franz Tessel mit einer Art Galgenhumor. „Jetzt kann ich dich sogar einladen.“

„Nein, danke, ich erledige es selbst.“ Franz wollte ihr in ihre Jacke helfen, die über dem Stuhl hing. Aber sie litt auch das nicht, der Kellner war ihr behilflich.

Franz biss die Zähne zusammen. Sie zeigte ihm ein bisschen allzu deutlich, die gute Marion, dass er deklassiert war. Früher, als sie irr Braunschweig lebte, ein Backfisch war, da hatte sie nicht so spröde getan. Freilich, damals war er noch reich gewesen. Sein Vater hatte damals noch nicht alles durch den Bankkrach verloren. Er war noch der Sohn eines angesehenen Hauses gewesen. Jetzt stand Marion Karnau oben, und er unten. Aber er musste klug sein. Wenn er irgend etwas erreichen wollte, durfte er nicht den Empfindlichen spielen.

Marion gab ihm die Hand.

„Leb’ wohl, Franz! Also, wenn mir irgend etwas einfällt, gebe ich dir Nachricht.“

„Wäre sehr freundlich von dir, Marion.“

Schon fast im Weggehen sagte Marion wie beiläufig:

„Nach Braunschweig kommst du wohl gar nicht mehr? Hörst wohl nichts mehr von deinen Leuten? Schade, es würde mich so einiges interessieren.“

„Was denn, Marion?“

Marion sah auf ihre kleine Armbanduhr:

„Jetzt muss ich fort; das erzähl’ ich dir ein andermal, Franz. Wenn ich dich einmal brauche und du mir gefällig sein kannst, wird es dich nicht reuen.“

Sie nickte noch einmal und ging. Franz Tessel starrte ihr nach. Was meinte sie nur mit dem Gefälligsein?, dachte er. Sie hat das doch nicht so von ungefähr gesagt. War immer eine kleine, gerissene Kröte, die gute Marion! Warten wir es ab. Sonst muss man sich wieder einmal sanft in Erinnerung bringen.

Sechstes Kapitel.

Der Sanitätsrat Keunecke hatte mit seiner Befürchtung recht behalten. Sidonie hatte seit der Auseinandersetzung beim Frühstück verbissen und hartnäckig geschwiegen. Sie verstand es so wunderbar, einfach über einen Menschen hinwegzusehen, als wäre er nicht vorhanden. Sie wusste nur zu genau, wie das überaus liebebedürftige Gemüt ihres Bruders unter dieser Art litt. Auch jetzt hatten sie sich wieder vollkommen stumm beim Frühstück gegenübergesessen. Keuneckes Versuch, ein Gespräch zu beginnen, erstarb schon bei den ersten Worten. Er sprach geradezu in die Luft. Sidonie schien ihn nicht zu hören und nicht zu sehen. Jetzt stand er in seinem Zimmer und sah seufzend auf seine Uhr. Halb elf Uhr. Zeit, dass er seine Krankenbesuche machte.

Er klingelte. Martha erschien.

„Martha, meinen Mantel!“

„Herr Sanitätsrat meinen den Pelz?“

„Wenn ich Mantel sage, meine ich Mantel, nicht Pelz.“

„Aber Frau Tessel haben doch gesagt, Herr Sanitätsrat möchten den Pelz ...“

„Zum Donnerwetter noch mal“, der Sanitätsrat schlug mit der Hand auf den Tisch, dass der Aschenbecher klapperte, „fangen Sie auch noch an, Martha? Soll sich doch Frau Tessel den Pelz anziehen, ihren, und meinen noch drauf! Ich nehme den Mantel.“

„Herrje“, sagte Martha leise vor sich hin, „wem soll man’s nun recht machen?“ Nachher bekam sie wieder Schimpfe.

„Und rufen Sie Waldi, ich will fortgehen.“

Aber Waldi brauchte nicht gerufen zu werden. Er hatte es so im Gefühl: jetzt ging es hinaus. Er kam aus der Küche herbeigerast, dass sein kleiner Bauch fast auf der Erde schleifte. Sein Stummelschwänzchen wedelte aufgeregt. Mit lautem Freudeblaffen kam er ins Zimmer, rutschte auf dem kleinen Vorleger aus und kugelte zweimal rundum, ehe er wieder auf die Beine kam.

„Ja, ja, Waldi, gutes Tierchen. Siehst du, du hängst wenigstens an mir. Dich hab’ ich ja noch. Und das Schönste ist, du willst mich wenigstens nicht erziehen.“

„Wau“, sagte Waldi. Es klang wie eine Bejahung.

„Ist Johann schon vorgefahren?“ fragte der Sanitätsrat, und liess sich von Martha in den Mantel helfen.

„Jawohl, Herr Rat, er wartet schon vor der Tür.“

„Ist meine Schwester zu Hause?“

„Nein, Frau Tessel ist fortgegangen.“

Der alte Herr atmete auf. Seil seiner Krankheit hatte Sidonie es sich zur Gewohnheit gemacht, ihn auf seinen Krankenbesuchen zu begleiten. Steif, hager und säuerlich sass sie im Wagen neben ihm. Unaufhörlich ging ihr klapperndes Mundwerk. In dem Wagen war plötzlich eine Unruhe, die an den Nerven des Sanitätsrats zerrte. Er liebte es, seine Krankenbesuche so recht behaglich in seinem Wagen zu machen, in dem altmodischen Landauer, den er allen Autos zum Trotz behalten hatte. Jedermann in der Stadt kannte den Sanitätsratswagen mit den beiden gutgepflegten Apfelschimmeln und dem behäbigen Kutscher Johann mit dem blauen Pelerinenmantel und dem blauen Hut.

Sanitätsrat Keunecke liebte es, behaglich in die Wagenecke gelehnt, in nicht zu schnellem Tempo durch die alte Stadt zu fahren. So oft man ihn mit seinem altmodischen Vehikel geneckt hatte, immer wieder hatte er seelenruhig erklärt:

„Schliesslich bin ich immer noch zurechtgekommen. Keiner meiner Patienten hat auf mich zu warten brauchen, weil die Pneus kaputt gegangen sind, oder ich mir vorher das Genick bei einer Autokarambolage gebrochen habe. Langsam, aber sicher!, so denkt mein Johann, so denken meine Apfelschimmel und so denke ich auch.“

Der erste Besuch des Sanitätsrats Keunecke galt seiner alten Jugendfreundin Frau Röschen Megede. Sie wohnte am Wall in dem schönen, alten Hause, das ihr von den Eltern überkommen war. Dort hinein war sie als junge Frau gezogen. Dort hatte sie mit ihrem Manne gelebt.

Jetzt wohnte im oberen Stock ihr Sohn, Rechtsanwalt Megede, den unteren Stock bewohnte sie selbst. Sanitätsrat Keunecke fuhr behaglich seinem Ziele zu. Die trübe Stimmung von vorhin war verflogen. In der Frühlingsstimmung war die Heimatstadt besonders schön. Das Licht legte sich schmeichelnd um die Giebel und das bunte Fachwerk der alten, schönen Häuser. Der steinerne Löwe vor der Burg Dankwarderode schien ordentlich zu schmunzeln. In den durchbrochenen Fensterzieraten der Burg leuchtete der blaue Himmel. Nun bog der Wagen um den Wall und hielt vor dem Hause von Frau Röschen Megede.

Der Kutscher wollte absteigen und seinem Herrn heraushelfen. Aber ein junger Mann, der gerade in seinen hübschen, blaulackierten Mercedes einsteigen wollte, winkte ab, öffnete selbst den Schlag des Landauers.

„Guten Tag, Herr Sanitätsrat! Schön, dass ich Sie noch treffe. Ich komme noch einmal mit zurück, möchte doch hören, wie Sie meine Mutter finden.“

„Guten Tag, Sie neugebackener Autobesitzer.“

Sanitätsrat Keunecke reichte dem gut gewachsenen, intelligent aussehenden jungen Rechtsanwalt Megede herzlich die Hand.

„Ja, woher wissen Sie denn schon?“

„Hat doch im Stadtblatt gestanden“, meinte Sanitätsrat Keunecke ernsthaft. Als er das erstaunte Gesicht des jungen Mannes sah, fuhr er fort: „Das Stadtblatt ist in diesem Falle meine liebe Schwester Sidonie. Sie hat Ihr neues Auto neulich morgens zwischen den Zähnen gehabt.“

Rechtsanwalt Megede lachte.

„Na, wenn’s ihr nur gut bekommt. Uebrigens ist es kein Verbrechen, Auto zu fahren.“

„Nee, wenn man keinen andern mitnimmt, den man dabei aus diesem schönen Leben wegbefördern kann. Jeder nach seinem Gusto, lieber Rolf. Mir sind meine Apfelschimmel und meine Kalesche lieber — was, Johann?“

„Dat is doch kloar, Herr Rat“, liess sich der alte Johann in tiefstem Bass von seinem Wagen vernehmen. Er hatte eine abgründige Verachtung gegen diese Benzinkutschen. Die waren nichts Lebendiges. Die waren doch nichts, mit dem man verwachsen sein konnte, wie er mit seinen Gäulen.

Zärtlich streichelte er mit seiner Peitsche ganz leise über die glänzenden Rücken der Tiere. Sie stampften leise. Und der linke, der Hans, verstieg sich zu einem frühlingsseligen Wiehern, das eigentlich seinem Alter und seiner Würde gar nicht mehr gemäss war.

Sanitätsrat Keunecke war inzwischen langsam mit Rechtsanwalt Megede dem Hause zugegangen. Es lag blitzblank mit seinen gebuckelten Fenstern in der Sonne. Zwischen den Fenstern blühte es rosa, weiss, lichtblau und zartgelb von Hyazinthen. Frau Röschen Megede war berühmt für ihre Hyazinthenzucht. Nirgends gediehen sie so schön wie bei ihr.

„Ja, ja, alles wie in der Jugendzeit, lieber Rolf“, meinte der Sanitätsrat. „In den Fenstern des Mädchenzimmers deiner lieben Mutter waren auch immer solch schöne Hyazinthen. Aber damals habe ich nicht soviel Sinn dafür gehabt. Wenn ich bei ihr da Fensterpromenade machte, da habe ich oft voll Wut und Ungeduld die Reihen der Hyazinthentöpfe gezählt und mir immer gedacht: bei zehn muss Röschen doch endlich herauskommen. Na ja, ich denke, du wirst wissen, wie das so ist, wenn man verliebt ist.“

Rechtsanwalt Megede sagte nichts. Ueber sein kluges, frisches Gesicht flog ein kleiner Schatten.

Frau Röschen Megede sass in ihrem kleinen Sonnenerker, ganz umgeben vom Frühling, am Fenster die Hyazinthen. Vor ihr auf dem Nähtisch eine niedrige Schale mit gelben Schlüsselblumen und weissen Schneeglöckchen. Hinter ihr eine Blumenkrippe mit grünem Rankwerk. Zu ihren Häupten ein grosses Bauer mit zwei Kanarienvögeln. Sie sangen um die Wette, dass ihre kleinen Kehlen unter dem gelben Federkleide anschwollen.

Frau Röschen Megede sass, mit einer feinen Handarbeit beschäftigt, in ihrem Stuhl. Ihr Gesicht war immer noch schön zu nennen. Glatt und rosig, mit einem Paar leuchtenden, gütigen, blauen Augen und einem zierlichen Munde. Mit dem hochfrisierten, schneeweissen Haar wirkte sie wie eine kleine Marquise der Rokokozeit. Auch ihre Figur hatte noch das Zierliche, Jungmädchenhafte früherer Jahre bewahrt. Ihr linker Fuss ruhte, bequem gebettet, auf einer Fussbank. Jetzt sah sie auf. Sie hörte die Klingel dreimal kurz anschlagen und lächelte. Das war immer noch das Zeichen ihres alten Freundes Keunecke. So hatte er geklingelt als Gymnasiast, wenn er zu ihr und den Eltern kam. Damals freilich etwas stürmischer. Dann war einmal ein Klingeln gewesen — wild und abgehackt —, das war damals, als er gehört, man spreche in der Stadt von ihrer Verlobung mit Martin Megede.

Und dann war das Klingelzeichen lange verstummt. Ganz lange, bis ihr erster Sohn geboren wurde. Da kam Heinrich Keunecke zum ersten Male wieder ins Haus. Da hatten sie sich ausgesprochen, sich alles gesagt, was zu sagen war. Seitdem bestand eine gute, zarte Freundschaft zwischen ihnen. Die alten Wunden der unerfüllten Jugendliebe hatten sich geschlossen. Was blieb und jetzt bis ins Alter hinüberleuchtete, war das Wissen um eine selige Zeit, in der man geglaubt hatte, mit seinen Wünschen die ganze Welt überrennen zu können. War Gewissheit, dass man dankbar sein musste, wenn Jugendliebe in unverrückbare Freundschaft ausklang.

Nun kamen Schritte näher. Frau Röschen Megede hörte ihre Haustochter sprechen. Da war ja auch noch Rolfs Stimme. Der gute Junge! Er kam sicher zurück, um zu hören, wie der Sanitätsrat sie finden würde.

Schnell zog sie aus ihrem Nähtischchen einen Spiegel und strich sich sorglich über das Haar. Der Spiegel gab ihr Bild zurück. Die blütenweisse Einhefte an dem schwarzen Kragen des Kleides, den hauchfein gestrickten Weissen Wollschal, der ihr um die Schultern lag und wie ein Filigranmuster auf dem schwarzen Untergrund des Seidenkleides wirkte.

„Ein bisschen eitel bist du doch immer noch, Röschen“, sagte sie dabei und lächelte ein wenig spöttisch über sich selbst. „Dass wir Frauen das doch nie verlernen!“

Es klopfte.

„Immer herein!“ rief Frau Röschen.

Sanitätsrat Keunecke, von Rolf begleitet, kam rasch auf die Jugendfreundin zu.

„Wie geht’s, wie geht’s, meine Liebe?“

„Immer auf einem Bein, lieber Rat, da das zweite noch ein bisschen faul ist.“

„Lassen Sie sich nur ruhig Zeit. So eine Sehnenzerrung will geschont sein. Schmerzen haben Sie doch nicht mehr?“

Sanitätsrat Keunecke hatte sich Röschen gegenüber auf einem Sessel niedergelassen und sah ihr prüfend ins Gesicht.

Sie verneinte.

„Und wie geht es Ihnen, lieber Freund? Das muss ich eigentlich viel eher fragen.“

„Wenn ich bei Ihnen bin in Ihrem kleinen, gemütlichen Frühlingseckchen, dann geht mir’s beinahe ganz gut.“

Die alte Dame lächelte schelmisch.

Rolf staunte wieder, wie unendlich jung die Mutter aussehen konnte.

„Nur ganz gut? Und wenn ich Ihnen ein Gläschen Portwein anbiete — ich habe gerade eine neue Sendung von Lübbecke bekommen —, wie geht’s Ihnen dann?“

„Wenn Sie mich meiner Schwester Sidonie nicht verraten, dann nehme ich dankend an. Eigentlich ist Alkohol auf ärztlichen Befehl verboten.“

„Schnickschnack“, meinte Frau Röschen. „Schliesslich brauchen Aerzte doch nicht zu glauben, dass ihre Kollegen das Richtige wissen. Genug, wenn wir armen Patienten die ärztliche Autorität anerkennen.“

Rolf Megede war bereits aufgestanden und ins Nebenzimmer zur Anrichte gegangen. Jetzt kam er mit einem Tablett, drei Weingläsern und der Flasche herein.

„Auf gute Gesundheit!“ Braungolden funkelte der Wein in den kleinen, schön geschliffenen Kelchen.

„Ah, ein guter Tropfen!“ Der Sanitätsrat schmunzelte. „Da wird man gleich ein neuer Mensch.“

„Und der neue Mensch möcht’ noch einen haben?“

Der Sanitätsrat wehrte ab.

„Nein, um Gottes willen nicht! Einer für den Morgen ist schon genug.“

„Leisten Sie doch Mutter noch ein wenig Gesellschaft, Herr Sanitätsrat!“ bat Rechtsanwalt Megede. „Ich muss nämlich jetzt fort. Termine! Ich muss schnell machen, bin ohnehin schon etwas verspätet.“

„Fahr nicht gar so wild, Junge — ich habe immer Angst mit den Autos. Und seitdem du selbst eins hast ...“

„Fang du auch noch an, Mutti“ — Rolf Megede küsste der Mutter zärtlich die Hand —, „das wollen wir lieber Frau Sidonie überlassen. Ich bin schon vorsichtig. — Also leben Sie wohl, Herr Sanitätsrat. Ich freue mich, dass Sie mit Mutti soweit zufrieden sind. Schöne Grüsse zu Hause. Haben Sie ...“

Rechtsanwalt Megede sprach den Satz nicht weiter. Er verabschiedete sich sehr schnell.

„Was wollte er denn fragen?“ Sanitätsrat Keunecke sah seine alte Freundin fragend an.

„Ach, ich weiss nicht.“ Sie zuckte die Schultern.

Wie unauffällig wollte sie eine illustrierte Zeitung, die obenauf auf dem Zeitungsständer lag, unter andere Blätter schieben. Aber der Sanitätsrat hatte es schon bemerkt.

„Lassen Sie nur, ich hab’s schon gesehen. Ach, das wollte Rolf fragen? Ja, Sidonie hat mir schon vor einigen Tagen die Zeitung unter die Nase gerieben. Wir haben deswegen schon einen Auftritt gehabt. Immer ist Herdith der Zankapfel.“

Er sprach es halb bekümmert, halb ärgerlich.

Frau Röschen Megede richtete sich kampfbereit auf:

„Und wer ist schuld daran? Kein anderer als Sie!“

„Ich?“ Der Sanitätsrat sah sie masslos verblüfft an. „Aber erlauben Sie mal!“

„Jawohl, Sie. Warum haben Sie das Kind aus dem Hause getrieben?“

„Ich aus dem Hause getrieben? Aber liebe Freundin, verzeihen Sie, nun verdrehen Sie die Tatsache doch. Herdith ist gegangen. Rücksichtslos und undankbar ist sie fortgegangen. Weil sie es hier nicht mehr aushielt. Weil es ihr hier zu klein und zu eng war. Weil — weil sie sich ausleben wollte.“

„Na, nun reden Sie noch den ganzen Unsinn nach, den ich von Ihrer lieben Schwester Sidonie schon soundso oft zu hören bekommen habe. Ich hätte Sie für klüger gehalten, lieber Freund. Herdith ging, weil sie es mit Ihrer Schwester Sidonie nicht aushalten konnte — das war das Ganze. Und weil ...“ Frau Röschen Megede unterbrach sich: beinah hätte sie ein Geheimnis ausgeplaudert, über das sie versprochen hatte, zu schweigen.

Die Hand des Sanitätsrats zitterte, wie er jetzt einen Schluck Wein nahm. Frau Röschen sah, wie die Farbe über sein Gesicht auf und ab ebbte.

Sie erschrak. Da hatte sie den Freund aufgeregt. Und das durfte doch nicht sein. Sie wusste ja, es stand mit seiner Gesundheit schlecht.

„Verzeihen Sie, lieber alter Freund. Aber manchmal geht das Temperament noch mit mir durch. Wenn ich auf Ihre Schwester Sidonie zu sprechen komme, da werde sogar ich geduldiger Mensch wütend.“

„Herdith hätte eben mit Sidonie auskommen müssen — um meinetwillen! Sie hätte daran denken müssen, dass ich doch schliesslich allerhand für sie getan habe. Und nun fortzulaufen mir nichts, dir nichts — undankbar war es und lieblos!“

Pulsuz fraqment bitdi.

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