Kitabı oxu: «Geschwistermörder»

Şrift:


o

Geschwistermörder

Lisa Richter


o

Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet.

© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag + Herszprung-Verlag

Mühlstraße 10, 88085 Langenargen

Telefon: 08382/9090344

Alle Rechte vorbehalten. Taschbuchauflage erschienen 2018.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM

Cover gestaltet

ISBN: 978-3-86196-866-5 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-286-9 - Ebook (2020)

*

Inhalt

Prolog

Kapitel 1: Beobachtet

Kapitel 2: Gefangen

Kapitel 3: Gesucht

Kapitel 4: Angerufen

Kapitel 5: Berührt

Kapitel 6: Erlöst

Kapitel 7: Geprägt

Epilog

Danksagung

Die Autorin

Unser Buchtipp

*

Auge um Auge und die ganze Welt wird blind sein.

Mahatma Gandhi

*

Prolog

Hinter einem der vielen Bäume an der Rückseite des Schulgebäudes hatte er gelauert. Wie ein wildes Tier, das angreifen will, aber leise sein muss. Sein Blick suchte die Menge der jungen Leute ab. Er wusste, was er wollte.

Da sah er sie.

Jung.

Schön.

Sie hielt die Hand eines Jungen in ihrem Alter. Ihr Freund? Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange.

Bald würde sie jemand anderen küssen.

Ihn.

Bald würde er sein Vorhaben umsetzen können, sein Ziel ein weiteres Mal erreichen: Vergeltung.

Aber war sie tatsächlich passend für ihn?

Vor ihr lief ein Junge mit einem Mädchen. Auch sie unterhielten sich. Er war jünger. Sah ihr ähnlich. Sie hatten dieselbe Augenfarbe.

Er versuchte, das Gespräch zwischen ihr und ihrem Freund zu verstehen. Im Lippenlesen war er geübt. Namen wurden nicht genannt.

Da fiel das Wort: Bruder.

Er lächelte. Das war sie. Sein Herz schlug schneller. Er wollte sie.

*

Kapitel 1: Beobachtet

Ich war fünfzehn, als diese schreckliche Geschichte ihren Lauf nahm. Eigentlich viel zu jung für so eine kranke Story. Ich, David, war ein ganz normaler Teenager – ging mit Freunden raus, fuhr gerne mit meinem BMX-Rad, war lässig drauf (manchmal etwas zu sehr) und ich war das erste Mal in meinem Leben verliebt.

Wie gesagt, ich war ein ganz normaler Teenager, bis dieser eine Tag mein Leben veränderte. Und ich noch gar nichts davon merkte. Nur meine Schwester Lorena spürte es bereits. Unsere Geschichte begann mit einem grauenvollen Albtraum ...

Panisch rannte meine Schwester durch fremde, menschenleere Gassen, ohne zu wissen, wo sich ihr Ziel befand. Da vernahm sie einen Schrei, der sie erschauern ließ. Es war die Stimme ihres Bruders – meine! Ihres geliebten, unschuldigen Bruders. Das brachte sie dazu, noch schneller zu laufen. Meine Schreie wurden immer lauter und flehender. Mit jedem Mal zog sich ihr Magen schmerzhaft zusammen. Warum hörten sie nicht endlich auf?

Nun waren die schrecklichen Geräusche so nah, dass sie ahnen konnte, aus welchem Gebäude sie kamen. Eilig trat sie in das alte graue Hochhaus und rannte so schnell die instabilen Treppen hinunter, dass es sich anfühlte, als würden ihre Füße ein paar Zentimeter vom Boden abheben.

„David?“, rief sie meinen Namen aus in der Hoffnung, ich könnte sie bereits hören. „David?“

Vor der Tür zögerte sie. Ihr Herz raste, als sie sie schließlich ängstlich, aber entschlossen öffnete und in die Dunkelheit trat.

Erschrocken wachte meine Schwester auf und spürte, dass sie zitterte. Wankend lief sie ins Badezimmer, spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht und schaute in das Zimmer ihres Bruders – in meines. Warum sie Letzteres tat, wusste sie selbst nicht so genau. Vermutlich einfach, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. Ich schlief friedlich in meinem Bett, ohne zu wissen, was ich an diesem Tag noch durchmachen würde.

Anschließend schaute sie auch in das Zimmer unserer Eltern. Ein Schreck durchfuhr sie. Papa war weg! Mitten in der Nacht ... Sie atmete tief durch. Und dann fiel ihr etwas ein. Schnell ging sie zurück in ihr Zimmer, um auf die Uhr an der Wand zu blicken: sechs Uhr morgens. Papa war bereits auf der Arbeit. Er war wie jeden Morgen früh losgefahren.

Langsam beruhigte sich Lorenas rasendes Herz. Zum Glück würde in einer Stunde ihr Wecker klingeln. Sie hatte schon befürchtet, es wäre mitten in der Nacht und dass somit noch mehr Zeit bliebe, um über ihren Albtraum nachzudenken.

Sie ging zurück in ihr Zimmer und setzte sich zunächst auf das Bett. Fassungslos stützte sie den Kopf in ihre Hände, während ihr Tränen in die Augen traten. Tränen purer Angst. Angst, dass uns dasselbe Schicksal ereilen würde wie die vermissten Personen. Warum mussten gerade wir in dem Ort wohnen, in dem seit Wochen Menschen spurlos verschwanden? Und was hatte der Traum zu bedeuten? Würde ich als Nächster an der Reihe sein? Und müsste Lorena mich suchen, wie sie es im Traum gesehen hatte?

Diese Vorstellung war so schrecklich, dass ihr beinahe übel wurde. Sie versuchte, tief durchzuatmen und ihre Gedanken auf etwas anderes zu lenken. Aber auf was? Seit Tagen hatte sie nichts anderes im Kopf als Sorgen, Vorstellungen, was den Opfern, die entführt worden waren, passiert sein könnte. Ob sie überhaupt noch lebten? Oder ob die Leichen längst in einem Wald verscharrt worden waren und Lorena bei ihrem nächsten Spaziergang eine grauenhafte Entdeckung machen würde? Oh Gott!

Mit einem Ruck stand sie auf und versuchte, diese Bilder abzuschütteln. An Schlaf war nun überhaupt nicht mehr zu denken.

Nachdem sie ein paarmal unruhig im Zimmer auf und ab gelaufen und der Tränenfluss gestoppt war, beschloss sie, ins Wohnzimmer zu gehen und den Fernseher einzuschalten. Jetzt bloß keinen Krimi schauen. Lieber eine schnulzige Romanze oder das Guten-Morgen-Programm für früh aufstehende Rentner. Beim Umschalten erwischte sie die Nachrichten und konnte einfach nicht wegschalten, obwohl sie das, was sie nun erfuhr, bereits wusste und gar nicht mehr sehen wollte. Die Nachrichtensprecherin berichtete mit besorgtem Gesicht von den Vorkommnissen in dem kleinen Dorf Jüterbog, in dem wir mit unseren Eltern leben.

„Vier Menschen sind noch immer spurlos verschwunden. Vor ungefähr vier Wochen wurde ein 20-Jähriger als vermisst gemeldet. Er verschwand am Nachmittag auf dem Weg zu einem Freund. Einen Tag darauf geschah es, dass seine ein Jahr jüngere Schwester am Abend Freunde verließ, aber nie zu Hause ankam. Dieses Ereignis wiederholte sich zwei Wochen darauf. Ein 21-Jähriger verschwand spurlos, genauso wie zwei Tage darauf seine zwei Jahre ältere Schwester, die nach dem Ende ihrer Nachtschicht im Krankenhaus um vier Uhr nicht nach Hause zurückkehrte. Die Polizei hat keinerlei Hinweise und es gibt es keine Zeugen. Jedoch lässt sich ein Täter, der für alle Fälle verantwortlich ist, nicht ausschließen. Wenn Sie etwas zu den Vorkommnissen wissen sollten, wenden Sie sich bitte an die Kriminalpolizei in Potsdam. Bisher sind zu wenige Hinweise eingegangen, um die Ermittlungen fortzusetzen. Die Polizei ist dringend auf Ihre Hilfe angewiesen.“

Auf dem Bildschirm hinter der Nachrichtensprecherin wurden die Fotos der vermissten Personen gezeigt. Plötzlich, ohne es zu wollen, tauchten jene Gesichter auch in Lorenas Vorstellungen auf. Unwillkürlich stellte sie sich diese blass und blutverschmiert vor ... tot.

Sie kniff die Augen zusammen, um nicht länger auf den Fernseher schauen zu müssen, und versuchte, diese grauenhaften Bilder aus ihrem Kopf zu verdrängen. Sie legte die Stirn in Falten und fuhr sich nervös durch ihre langen dunkelblonden Haare. Die Angst ließ sie nicht los. Denn niemand konnte sich mehr sicher fühlen. Aber was ihr am meisten Sorgen bereitete war die Tatsache, dass sie und ich ebenfalls Geschwister waren und das passende Alter hatten. Ich war zwar erst fünfzehn und meine Schwester achtzehn, aber schließlich war das jüngste Geschwisterkind, das verschwunden war, neunzehn gewesen.

Meine Schwester glaubte an einen Serienmörder, weil sie es für unmöglich hielt, dass zufällig zwei Geschwisterpaare innerhalb so kurzer Zeit verschwanden. Folgte man dem Muster, müsste ihr Bruder – also ich – als Erstes entführt werden. Auch der zeitliche Rahmen stimmte. Denn zwischen dem Verschwinden des ersten und des zweiten Geschwisterpaares waren zwei Wochen vergangen. Also wäre es nun wieder so weit. Jeden Tag hoffte meine Schwester, dass mir nichts passieren würde.

Ich hingegen hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, meinte nur: „Warum sollte gerade uns so was passieren?“ Aber das hatten die anderen Geschwisterpaare vermutlich auch gedacht.

Natürlich sah man zurzeit nur noch Gruppen von Menschen in der Stadt. Niemand traute sich mehr alleine vor die Tür. Niemand wusste, wer der Nächste war, der ohne jede Spur verschwand. Jeder redete nur noch über diese Vorfälle. Das machte Lorena langsam verrückt. Sie glaubte, ihr Albtraum hätte ihre Angst wegen dieser schrecklichen Situation ausgedrückt. Wäre hoffentlich nur die Widerspieglung ihrer Gefühle und Gedanken der letzten Wochen und keine schlimme Vorahnung. Zumindest versuchte sie sich mit diesem Gedanken zu beruhigen. Lorena schaltete den Fernseher nun wieder aus, denn nach dem Durchschalten hatte sie kein Programm gefunden, das sie hätte ablenken können. Als sie in der Küche die Kaffeemaschine betätigte, bildete sich ein Kloß in ihrem Hals, ohne dass sie genau wusste, warum das geschah.

Da vernahm sie Schritte, die sich die Treppe hinunter in Richtung Küche bewegten. Verschlafen und noch mit halb geschlossenen Augen wankte unsere Mutter herein.

„Lorena!“ Mama schnappte nach Luft. Sie schien meine Schwester erst jetzt wahrgenommen zu haben. „Du bist ja schon wach“, wunderte sie sich und schmunzelte etwas über ihre Erschrockenheit.

„Guten Morgen.“ Lorena brachte nur ein kleines Lächeln zustande.

Mama umarmte sie kurz. „Du kannst wohl auch nicht mehr ruhig schlafen?“, murmelte sie verständnisvoll.

„Ja, ich hatte einen Albtraum“, gab sie zu. „Ich glaube, der Einzige, der noch immer tiefen Schlaf findet, ist David“, sagte sie über mich.

„Das stimmt.“ Jetzt kam die Kaffeemaschine zu ihrem zweiten Einsatz.

„Du hast das Kaffeepulver vergessen“, bemerkte Lorena trocken. Früher hatte sie sich immer kaputtgelacht, wenn Mama das einem stressigen Morgen verschusselt hatte und sich so nur heißes Wasser in ihrer Tasse befand. Aber erstens konnte Lorena am heutigen Tag über nichts mehr lachen und zweitens war das ein schlechtes Zeichen, denn es war kein stressiger Morgen. Es war sogar noch viel zu früh. Keine Eile für Mama, um zur Arbeit zu fahren. Und wenn diese an einem ruhigen Morgen das Kaffeepulver vergaß, war das eben ein sehr schlechtes Zeichen.

„Oh.“ Skeptisch schaute sich Mama den Kaffeeautomaten von oben bis unten an, als wäre er daran schuld. Eifrig korrigierte sie ihren Fehler, während meine Schwester den Kühlschrank und sämtliche Schränke öffnete und wieder schloss. „Was suchst du denn?“, fragte Mama.

Lorena lächelte, um ihre Nervosität zu überspielen. „Ich weiß nicht.“ Sie suchte etwas, das sie zum Frühstück essen konnte, aber der Appetit war ihr vergangen.

Nun betrat ich die Küche. Meine Schwester schloss mich viel länger als sonst in die Arme. Als wäre dies eine Verabschiedung, für die wir später keine Zeit mehr hätten. Ich verstand in diesem Moment noch nicht, was los war, warum meine Schwester so besorgt war. Sie versuchte zu lächeln und ich erwiderte es. Schließlich deckte ich den Tisch.

Lorena fand das zwar nett, musste mich aber unterbrechen. „David, mach nur dir was, wir haben keinen Hunger.“ Sie musste Mama nicht fragen, um das zu wissen.

„Warum denn? Ist etwas passiert?“, wollte ich wissen und blieb wie angewurzelt stehen, wobei ich drei Teller und Besteck in den Händen hielt. Eine ironische Frage eigentlich, denn in den letzten vier Wochen war in unserer Stadt das Schrecklichste passiert, was wir uns jemals hätten vorstellen können.

„Ich habe schlecht geträumt und einfach keinen Hunger“, kommentierte meine Schwester beiläufig, so als wäre das ganz normal.

Ich schaute zu Mama, um zu erfahren, ob auch sie wirklich nichts essen wollte, und sie schüttelte den Kopf. Daraufhin stellte ich nur einen Teller auf den Tisch, legte ein Brötchen auf den Toaster und wandte mich an meine Schwester. „Was hast du denn geträumt?“

„Das hätte ich lieber nicht erwähnen sollen“, dachte Lorena, bevor sie laut antwortete: „Ich möchte nicht darüber sprechen, ich will mich nicht noch mal daran erinnern. Es war schließlich nur ein Traum.“

Ich akzeptierte ihre Antwort, obwohl ich ihr ansah, wie sehr sie dieser Traum beunruhigen musste.

Plötzlich eilte meine Schwester ins Badezimmer. Ich wollte sie noch fragen, ob alles okay wäre, da war sie schon verschwunden. Ich lief ihr nicht nach, denn ich dachte, sie wollte lieber allein sein, vielleicht war ihr auch bloß schlecht geworden. Aber das war nicht der Fall, denn im Badezimmer angekommen, verstand Lorena nicht, warum mit einem Mal heiße, schwere Tränen über ihre Wangen strömten.

Panisch, dass sie jemand sehen könnte, schloss sie die Tür ab und flüsterte sich selbst zu: „Hör auf damit! Verdammt, warum weinst du denn?“ Doch dann brach ihre Stimme weg und es wurde nur noch schlimmer. Obwohl ihr die Tränen unkontrollierbar über die Wangen rannen, putzte sie sich die Zähne. Das hatte sie sowieso vorgehabt und sie hoffte, das würde sie ablenken. Aber ihre Tränen ließen sich durch nichts aufhalten.

Nachdem sie ihre Zahnbürste wieder weggestellt hatte, legte sie ihre Stirn auf den kalten Rand des Waschbeckens und atmete ein paarmal tief durch. Verzweifelt zwang sie sich aufzuhören ... damit aufzuhören, ohne Grund wie ein Kind zu heulen. Dann verließ sie das Badezimmer und war ihren Haaren dankbar, weil sie Teile ihres Gesichtes verdecken konnten. Länger hätte sie nicht im Badezimmer bleiben können, das wäre aufgefallen und schließlich mussten Mama und ich uns auch fertig machen.

Später standen wir bereits vor der Tür, als Mama zu uns kam und wie jedes Mal, wenn wir das Haus verließen, sagte: „Passt schön auf euch auf und bleibt zusammen.“

„Das machen wir“, versicherte Lorena.

„Das machen wir immer“, bestätigte ich.

„Ich weiß. Bis später.“

Mit unseren Schulranzen auf den Rücken machten wir uns an einem sonnigen, aber noch kalten Morgen auf den Weg. Lorena wirkte unruhig, ihre Augen waren weit aufgerissen und schauten ängstlich nach hinten, dann nach links, rechts, schienen alles abzusuchen, als hätte sie Angst, jemand würde uns verfolgen.

Ich wusste in diesem Moment nicht recht, was ich sagen sollte. „Alles klar?“, fragte ich zögerlich.

Sie wusste, dass sie mir eigentlich alles erzählen konnte, schließlich war ich ihr Bruder. Aber Lorena sah es als große Schwester vermutlich als ihre Pflicht an, mich nicht zu beunruhigen. Also sprach sie nicht über ihre persönlichen Sorgen, sondern nur über das, was ich ohnehin schon wusste.

„Weißt du, ich habe diese Situation satt. Zwei Wochen sind rum. Bald werden die nächsten Personen verschwinden. Geschwister – wie wir. Sie tun mir so leid. Warum kann die Polizei dieses Monster nicht endlich finden, das für all das verantwortlich ist?“ Oder zumindest die Vermissten, falls sie überhaupt noch lebten ...

„Vielleicht hört es auch auf. Und die Polizei wird schon bald einen Hinweis finden“, versuchte ich sie zu beruhigen.

Da sahen wir auch schon Tim, der vor seiner Haustür auf uns wartete, er winkte uns zu, lächelte und begrüßte meine Schwester mit einem kurzen Kuss wie immer. Als er ihr besorgtes Gesicht wahrnahm, schloss er sie fest in die Arme. Mich begrüßte er per Handschlag, bevor er Lorenas Hand ergriff und wir unseren Weg fortsetzten.

Meine Schwester bemerkte gar nicht, wie unruhig ich wurde, als wir bei Franziskas Haus anhielten. „Sie kommt bestimmt gleich raus, wir warten noch“, sprach ich das Selbstverständliche aus.

„Klar“, erwiderte Lorena.

Ein Lächeln trat auf mein Gesicht, als Franziska bereits nach wenigen Minuten durch die Tür schritt. Sie lächelte zurück und kam auf uns zu. Ihr Anblick ließ mein Herz schneller schlagen. Immer schneller. Sie sah wunderschön aus – wie immer.

Nachdem wir uns alle begrüßt hatten, setzten wir unseren Weg fort. Tim und Lorena gingen voraus, Franziska und ich hinterher. Wir waren schon seit der fünften in derselben Klasse, aber nun spürte ich, dass wir mehr waren als Klassenkameraden, da war mehr als Freundschaft. Diese Tatsache machte mich so nervös, dass mir die Worte fehlten. Aber das peinliche Schweigen konnte ich auch nicht ertragen. „Sag was, David! Dir fällt doch wohl was ein!“, ermahnte ich mich selbst.

Aber Franziska war schneller. „Hast du die Hausaufgaben in Mathe verstanden?“

„Ich habe sie nicht gemacht.“ Ich lachte kurz auf. „Trotzdem denke ich, dass ich es verstanden habe. Wenn du willst, kann ich es dir nachher in der Pause erklären“, sprach ich ihre Gedanken aus.

Sie grinste mich an. „Das wäre echt nett.“

Als wir den Schulhof betraten, sprang Lorenas beste Freundin Nele herbei und begrüßte uns gut gelaunt. Die Vorfälle der letzten Wochen schienen sie nicht so sehr zu beunruhigen wie meine Schwester. Lorena ging seit Wochen nicht mehr allein aus dem Haus, sondern fragte Nele ständig, ob sie sie begleiten würde, wenn sie etwas in der Stadt zu erledigen hatte. Sicher lag es auch daran, dass Mama das so wollte, nichtsdestotrotz war meine Schwester wirklich sehr besorgt. Das Schockierendste an der Sache für Lorena war, dass die Jungen sogar am helllichten Tag an öffentlichen Orten verschwunden waren, wo sich viele andere Leute aufhielten. Und das in unserer kleinen Stadt. Das bedeutete, dass man wirklich nirgendwo mehr sicher war. Und wieso gab es keine Zeugen? Nicht ein einziger Passant hatte bisher auch nur einen winzigen Hinweis gegeben. Und wieso verschwanden die Schwestern immer nachts oder spät am Abend, obwohl zumindest die zweite hätte wissen sollen, dass man bei Dunkelheit wirklich nicht allein herumlaufen sollte?

Nele erzählte aufgeregt von ihrer Theaterprobe am vergangenen Wochenende und riss meine Schwester aus ihren Gedanken. Ich hingegen war damit beschäftigt, meine Nervosität unter Kontrolle zu bringen, die Franziskas Anwesenheit verursachte.

Als die Schulglocke läutete, bahnten wir uns einen Weg durch die Massen der Schüler, um zu unseren Klassenräumen zu gelangen und den Lehrern für die nächsten sechs Stunden unsere Aufmerksamkeit zu schenken. Meine Schwester wusste, das würde ihr schwerfallen, trotzdem versuchte sie ihr Bestes.

Lorena hörte kaum noch zu, als der Lehrer zum zweiten Mal die Proteinbiosynthese viel zu detailliert erklärte, damit sie endlich von allen verstanden wurde. Meiner Schwester wurde beinahe schlecht, als sie sich vorstellte, wie die verschwundenen Personen litten, falls sie noch nicht ermordet worden waren. In einen dunklen, engen Raum gesperrt, vergewaltigt oder gequält. Was hatten sie wohl gerade zu erleiden? Und vor allem warum? Vor Lorenas Augen tauchten die Gesichter des letzten Geschwisterpaares auf, wie sie weinten, versuchten, einander in der Dunkelheit zu trösten, und schreiend gegen eine verschlossene Tür klopften.

„Alles okay mit dir?“, flüsterte Nele neben ihr.

„Ich habe seit heute Morgen irgendwie ein ungutes Gefühl. Als würde irgendetwas nicht stimmen“, gab Lorena zu.

„Was soll denn nicht stimmen?“

„Ich weiß nicht. Das Verschwinden der Leute aus unserer Stadt geht mir nicht mehr aus dem Kopf.“

„Du darfst dich da nicht reinsteigern, Lorena. Uns wird nichts passieren.“

Meine Schwester nickte nur und ließ Nele in Unkenntnis darüber, dass sie sich gar nicht um sich selbst sorgte, sondern vielmehr um die anderen. Die Vorstellung, dass ihrer besten Freundin, mir oder unseren Eltern etwas zustoßen könnte, war viel schlimmer als der Gedanke, selbst ein Opfer zu werden.

Währenddessen hatte ich ganze andere Dinge im Kopf. Unauffällig warf ich ab und zu einen flüchtigen Blick zu Franziska, die ein paar Plätze vor mir saß. Dem Lehrer hörte ich jedoch auch nicht zu. Franziska fuhr sich gedankenverloren durch ihre langen, dunklen Haare und spielte ab und zu mit einer Locke, die sie sich um einen Finger wickelte und anschließend wieder losließ. So ein süßer Anblick ...

„David?“

Ich fuhr zusammen. „Was?“

Ein paar Schüler lachten. Ich wurde rot.

„Hörst du noch zu? Ich hatte gefragt, ob du Aufgabe zwei erklären kannst. Die Hausaufgabe“, erläuterte der Mathelehrer.

Ich stockte kurz. Erst jetzt kam ich auf die Idee, mein Mathebuch aufzuschlagen. Noch mehr Gelächter. Nur Franziska lachte nicht, sondern schaute mich gespannt an. Mein bester Freund Nico, der neben mir saß, schob mir schnell sein Buch zu und zeigte mir die Aufgabe.

„Natürlich“, sagte ich schließlich.

„Kannst du die Aufgabe an der Tafel vormachen?“

Ich überlegte kurz. Zu Hause hatte ich sie zwar nicht gemacht, aber die Aufgabe schien einfach zu sein, man musste nur die Seitenlängen eines Dreiecks mit dem Satz des Pythagoras ausrechnen. Ein Taschenrechner schien nicht nötig zu sein, da würde keine krumme Zahl rauskommen.

„Ja“, sprach ich siegesgewiss, stand auf und ging zur Tafel. Ich würde wohl improvisieren müssen. Als ich die Kreide ansetzte, bildete ich mir ein, Franziskas bewundernden Blick in meinem Rücken zu spüren.

Seufzend stürmte Lorena nach dem Unterricht aus der Schule und wartete auf die anderen. Tim kam als Erstes und nahm ihre Hand, nachdem er sie umarmt hatte. Wenig später erschienen Franziska und ich. Meine Schwester musste grinsen, als sie sah, wie wir uns fröhlich unterhielten.

Als wir losgingen, fragte sie ihren Freund: „Möchtest du heute Nachmittag zu mir kommen?“

„Klar.“ Seine Augen strahlten.

Lorena gab ihm einen Kuss auf die Wange und lächelte. Dann machten die beiden eine Uhrzeit aus. Meine Schwester traf sich mindestens zweimal in der Woche und jedes Wochenende mit ihrem Freund. Gerne würde ich das auch tun, so sehr wünschte ich mir, dass Franziska meine Freundin wäre. Aber ich war mir nicht sicher, ob sie auch Interesse an mir hatte oder ob sie mich nur als Kumpel sah. So langsam wurde es Zeit, das herauszufinden, ich hatte es schon viel zu lange vor mir her geschoben.

Also fragte ich: „Was machst du heute?“

„Ich habe noch nichts vor.“ Sie lächelte.

Mein Herz raste, als ich fortfuhr: „Hättest du Lust, mit mir ein Eis essen zu gehen?“

„Das wäre toll.“ Franziska strahlte.

Ich atmete auf. „Ich hole dich dann ab, okay? Ich will nicht, dass du allein rausgehst.“

Sie lachte. „Du bist süß, danke.“

Ich wurde leicht rot. Hatte sie wirklich süß gesagt? Ich grinste.

„Aber was ist mit dir?“, fragte sie dann.

Ich wusste sofort, was sie meinte. „Ich komme schon klar.“

Franziska nickte zwar, aber ich sah ihr an, dass sie besorgt war, wenn ich allein rausginge. Doch ich hielt es für ausgeschlossen, dass mir heute etwas passieren könnte.

„Dein Bruder hat wohl eine Freundin gefunden“, flüsterte Tim meiner Schwester zu.

Lorena lächelte. „Ich glaube auch. Ich habe immer darauf gewartet, dass er sie endlich fragt, ob sie etwas zusammen unternehmen wollen.“ Sie freute sich in diesem Moment riesig für mich. Aber was sie noch bemerkte, war ein seltsames Gefühl, das sie nie zuvor so intensiv wahrgenommen hatte. Es war, als ob ihr jemand Löcher in den Rücken starren und jedes unserer Worte von unseren Lippen ablesen würde. Als würde uns aus der Ferne jemand beobachten und nur darauf warten, dass wir das Richtige sagten oder machten, dass irgendetwas Entscheidendes passierte. Lorena fragte sich, ob wir es auch spürten. Sie drückte ängstlich Tims Hand, als ihr Herz vor Aufregung zu rasen begann und ihre Handflächen feucht wurden. Genauso wie in ihrem Albtraum ...

*

Kapitel 2: Gefangen

Als wir zu Hause ankamen, spürte ich sofort, wie sehr ich Franziska vermisste. Ich mochte sie wirklich. Nein, das ist untertrieben: Ich war ernsthaft in sie verknallt. Ich wollte zunächst niemandem davon erzählen, schon gar nicht meinen Freunden, denn die würden das nicht verstehen und bestimmt lachen. Doch ich bezweifelte, dass ich es länger geheim halten konnte, weil man Franziska und mich häufig zusammen in der Schule sah und wir heute unser erstes Treffen vereinbart hatten ... oder vielmehr ein Date. Ich hoffte zumindest, dass Franziska es als Date sah und nicht nur ich das Gefühl hatte, es so nennen zu dürfen. Ich hatte nämlich ein bisschen Angst, dass es für sie nur ein Treffen mit einem guten Schulfreund war. Dagegen sprach allerdings, dass sie mich als süß bezeichnet hatte. Wie cool war das denn?

Mama riss mich aus meinen Gedanken. „Es gibt Essen!“, rief sie von unten.

Ich hatte vor meinem Kleiderschrank gestanden und überlegt, was ich heute anziehen sollte. Draußen war es wirklich warm, wir hatten um die 28 Grad. Perfekt zum Eisessen. Also hatte ich mich für eine kurze Jeanshose und ein rot kariertes Hemd entschieden. Für Franziska musste ich mich schließlich ein bisschen schick machen. Zuletzt legte ich erneut an diesem Tag Deo auf und steckte mein Portemonnaie ein, denn ich würde Franziska natürlich einladen und das Eis bezahlen.

Als meine Mutter zum zweiten Mal rief, verdrehte ich die Augen und rannte schnell die Treppe hinunter in die Küche. Dort setzte ich mich mit Mama und meiner Schwester an den Tisch. Papa war noch auf der Arbeit. Hungrig begann ich als Erster zu essen und beobachtete, wie Mama und Lorena auf ihre Teller starrten, als würden sie sie gleich ins Gesicht beißen. Dann veränderten sich ihre Gesichtszüge. Vielleicht dachten sie, dass sie ihre Mahlzeit zuerst essen müssten, bevor diese es mit ihnen tun würde.

„Ich fahre später mit dem Rad in die Stadt.“ Ich hatte erst gar nicht versucht, es als Frage zu formulieren, da ich Mamas Antwort schon erahnen konnte.

„Aber nicht alleine.“ Das hatte sie so schnell gesagt, dass sie aufpassen musste, dass ihr die Nudeln nicht aus dem Mund fielen.

Ich seufzte, denn ich hatte gewusst, dass das kommen würde.

„Es sind fünfzehn Minuten bis in die Stadt“, versuchte Lorena mich zu retten. „Und mit dem Rad vielleicht fünf. Außerdem kennst du Davids Fahrstil, er bräuchte bestimmt nur zwei Minuten.“ Sie hatte schließlich mitbekommen, warum ich in die Stadt wollte.

Mama erzählte ich lieber nichts davon, es war mir etwas peinlich, ihr zu sagen, dass ich mich mit einem Mädchen treffen wollte. Sie hätte mich vor Freude vermutlich halb erdrückt und mit einer quietschenden Stimme peinliche Bemerkungen gemacht.

Mit einem Siehst-du-Blick schaute ich Mama an und fügte hinzu: „Wir können uns nicht ewig verstecken. Letzte Woche bin ich sogar alleine bis zu Nico gefahren.“

„Was?“ Jetzt wurde Mama hysterisch. Das hatte sie nicht gewusst. Aber ich musste es ihr erzählen, sonst würde sie nicht zulassen, dass ich heute rausging. „David“, sagte sie vorwurfsvoll. „Warum hast du das gemacht?“

Lorena zog den Kopf ein, als wollte sie sich wie eine Schildkröte in ihrem Panzer verstecken, weil sie es als Einzige gewusst hatte.

„Es ist nichts passiert.“ Natürlich war das nicht die Antwort auf Mamas Frage, aber was hätte ich sagen sollen?

„Hätte es aber.“ Eingeschnappt wie ein kleines Kind blickte Mama auf ihren Teller, ohne aufzusehen oder ein Wort zu sagen.

„Also kann ich jetzt fahren oder nicht?“, hakte ich nach.

„Warum holen dich deine Freunde nicht einfach ab?“ Sie ging davon aus, dass ich mich mit Nico und den anderen Jungs treffen wollte, wie ich es jede Woche tat. Oft gingen wir zu den Skateboard-Rampen in der Nähe eines Spielplatzes, um mit unseren BMX-Rädern Tricks auszuprobieren.

„Weil ich kein Baby bin, Mama.“ Ich funkelte sie an. Sie schaute nur böse zurück und sagte kein Wort.

Jetzt war ich richtig sauer, weil Mama nicht mehr mit mir redete, ich daran schuld war und ich mich fragte, warum gerade in unserer Stadt vier Menschen hatten verschwinden müssen. Wäre das nicht passiert, müssten wir uns nicht jeden Tag seit vier Wochen streiten, wer mit wem wann aus dem Haus ging. Wütend stand ich auf und rannte zur Garage.

„David“, rief Lorena mir nach. Ihre Stimme klang beinahe verzweifelt. „Bitte bleib hier!“ Ich hörte, wie sie aufstand, um mir zu folgen. Und ich wusste in diesem Moment nicht, wie ernst sie das meinte. Weil sie im Gefühl hatte, dass etwas Schlimmes passieren würde. Ich hatte keine Ahnung, dass meiner Schwester Tränen in die Augen traten. Dass sie sich gerade fragte, warum sie mich verteidigt hatte, um allein rauszudürfen. Erst jetzt verstand sie, dass das hier ein großer Fehler war.

Doch bevor sie mich erreichen konnte, schnappte ich mir mein BMX-Rad und raste davon. Ich bemerkte gar nicht, dass Lorena, so schnell sie konnte, noch ein ganzes Stück hinter mir her rannte, bis sie mich nicht mehr sehen konnte und aufgab.

Es tat wirklich gut, Frust abzubauen, indem ich im Stehen doppelt so schnell wie sonst in die Pedale trat. Ich nahm viele kleine Gassen, um den Weg abzukürzen. Es machte mir Spaß, enge Kurven zu fahren. Endlich konnte ich mich von dem kleinen Streit mit Mama ablenken und durchatmen. Doch als ich um eine Ecke bog, stieß ich ohne Vorwarnung mit dem Vorderrad gegen irgendetwas, das vorher nicht dort gewesen war und das ich hinter der Kurve unmöglich hätte sehen können. Plötzlich segelte ich über meinen Lenker und überschlug mich dabei. Zum Schreien war keine Zeit, es ging alles viel zu schnell und der Schock war viel zu groß. Ebenso wie der Schmerz. Ich war heftig mit dem Hinterkopf auf dem gepflasterten Boden gelandet. Da ich auf dem Rücken aufgekommen war, hatte ich keinerlei Chance gehabt, mich abzustützen. Ich hörte nur noch, wie mein Fahrrad zurückgeschleudert wurde und irgendwo hinter mir landete. Benommen von dem stechenden Schmerz in meinem Kopf und im Brustkorb, versuchte ich panisch, bei Bewusstsein zu bleiben. Ich wusste nicht, was los war, aber das konnte kein Zufall sein. Ich nahm diesen Weg häufig und noch nie war ich an dieser Stelle hingefallen.

Ich wollte um Hilfe rufen, aber in diesem Moment legte sich eine Hand auf meinen Mund. Ich erstarrte. Wer war das? Oh nein, das konnte nur dieser geheimnisvolle Kidnapper sein ...

Bevor ich jedoch weiter darüber nachdenken oder versuchen konnte, mich aus dem Griff der fremden Hände zu befreien, verschwamm die Umgebung vor meinen Augen und es wurde dunkel.

Als ihr Handy klingelte, lag meine Schwester gerade in Tims Armen. Schnell tasteten ihre Finger nach dem Tisch, um das Handy zu ergreifen. Ihr wurde flau im Magen. Sie hoffte einfach nur, dass ich sie anrufen würde, warum auch immer. Vielleicht um zu fragen, ob Mama noch sauer auf mich wäre.

„Nein, jetzt nicht“, flüsterte Tim. Mit geschlossenen Augen streichelte er über ihren Rücken. Die beiden genossen das Kuscheln.

Lorena runzelte die Stirn. „Und wenn es wichtig ist?“ Sie nahm ihr Handy und schaute auf das Display: eine ihr unbekannte Nummer. Schnell nahm sie ab. „Hi“, meldete sie sich.

„Hallo, hier ist Franziska.“

Lorena war überrascht, dass diese sie anrief. Das hatte sie noch nie getan. Plötzlich spürte sie es wie einen Schlag in den Magen, als ihr klar wurde, dass ich mich mit Franziska hatte treffen wollen und irgendetwas nicht stimmen konnte, wenn sie jetzt anrief.

Gerade wollte Lorena fragen, ob etwas nicht in Ordnung sei, als Franziska ihr zuvorkam. „Ist David bei euch?“

Lorena bekam einen Schrecken. Tim merkte das und warf seiner Freundin einen Blick zu, als wollte er fragen: „Was ist los?“

„Nein“, antwortete meine Schwester unsicher.

„Er ist nicht bei mir zu Hause angekommen. Um drei Uhr wollte er da sein.“

Schnell schaute Lorena auf ihre Armbanduhr: Viertel vor vier. „Aber das kann nicht sein“, brachte meine Schwester schockiert hervor. „Er ist um Viertel vor drei mit dem Fahrrad von zu Hause weggefahren.“

„Oh Gott.“ Langsam wurde auch Franziska panisch. „Ich dachte erst, er würde sich bloß verspäten. Also habe ich noch ein bisschen gewartet, aber dann habe ich mir Sorgen gemacht und versucht, ihn auf seinem Handy zu erreichen, aber er nimmt nicht ab. Vor ein paar Minuten habe ich es das dritte Mal versucht.“

Lorena war nun so geschockt, dass sie keinen Ton herausbrachte.

Tim schaute meine Schwester besorgt an. „Wir könnten die Strecke bis zu Franziskas Haus absuchen. Vielleicht ist David noch unterwegs, weil er etwas erledigen musste, was er euch nicht sagen wollte, oder er hat sich verletzt und kann nicht zurückfahren.“

Lorena nickte. „Franzi, wir kommen jetzt zu dir und laufen dabei die Strecke ab, die David gefahren ist. Vielleicht finden wir ihn. Dann kommen wir zu dir.“

„Ist okay.“

„Und geh nicht allein raus, ja? Warte auf uns.“

„Mache ich. Bis gleich.“

Lorena schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter und fiel Tim in die Arme. „Dieser Trottel“, schimpfte sie über mich. „Ich habe ihm gesagt, er solle nicht allein gehen. Wieso habe ich ihn bloß nicht aufgehalten? Ich hätte ihm weiter hinterherrennen sollen, bis er stehen geblieben wäre.“

„Es nützt nichts, darüber zu spekulieren. Komm jetzt, vielleicht finden wir ihn. Wir müssen uns beeilen“, versuchte Tim, seine Freundin zu beruhigen.

„Aber wenn er sich ein Bein gebrochen hätte oder so, warum ruft er uns dann nicht an oder gleich einen Krankenwagen? Er hat sein Handy dabei.“

„Vielleicht ist es kaputt gegangen.“

Lorena musste fast lachen. Das war viel zu unrealistisch. „Nein, das glaube ich nicht. Da ist was faul! Es sei denn, er ist so schlimm verletzt, dass er uns nicht benachrichtigen kann.“ Sie wusste, wenn ich nicht an mein Handy ging, konnte irgendwas nicht stimmen. Das geschah eigentlich nur, wenn der Akku leer war oder ich es verloren hatte. Beide Möglichkeiten bezweifelte sie, denn sie wusste, dass ich nie mit leerem Akku aus dem Haus ging, schon gar nicht im Moment, da Menschen in unserer Umgebung verschwanden.

Lorena und Tim waren bereits vom Sofa aufgesprungen und eilten die Treppe hinunter. Da trat Mama mit einem Korb Wäsche in den Flur. Krampfhaft überlegte meine Schwester, wie sie ihr die unangenehmen Neuigkeiten beibringen sollte.

„David ist nicht angekommen.“ Lorena sagte es ihr einfach ohne Umschweife.

Mama ließ beinahe den Wäschekorb fallen, weshalb sie ihn abstellte. „Woher wisst ihr das? Hat Nico euch angerufen?“

„Er wollte gar nicht zu seinen Kumpeln, Mama.“ Langsam war es an der Zeit, es ihr zu sagen. Bisher war die Sache mit Franziska ein Geheimnis zwischen meiner Schwester und mir gewesen. Mama wusste noch nicht einmal, dass wir morgens zusammen zur Schule gingen. Der Einzige, dem das noch bekannt war, war Tim, weil er ebenfalls mit uns zur Schule ging.

„Er wollte heute Nachmittag zu Franziska – einer Freundin. Er wollte nichts erzählen, solange es nichts Festes ist“, erklärte Lorena schnell. „Aber er wollte es dir schon sehr bald sagen.“ Sie wusste zwar nicht, wann ich das vorhatte, aber sie wollte beschwichtigend auf unsere Mutter einwirken.

„Oh, okay“, sagte sie nur.

„Franzi hat uns gesagt, dass er nicht angekommen ist. Und er geht nicht an sein Handy. Wir wollen die Strecke ablaufen. Vielleicht finden wir ihn.“

Mama zögerte, was meine Schwester umso nervöser machte.

„Vielleicht hatte er einen Unfall“, wollte auch Tim Mama beruhigen. „Wir müssen nicht das Schlimmste befürchten.“ Ein Unfall hörte sich schon schlimm genug an. Was das Schlimmste bedeutete, war allen klar: wenn ich das fünfte Opfer wäre.

„Aber wir haben keinen Krankenwagen gehört. Es müsste bestimmt jemand gesehen haben“, hielt Mama dagegen. In unserer kleinen Stadt hörte man den Krankenwagen immer, egal, wie weit er weg war.

„Wir gehen jetzt trotzdem los. Ruf mich an, wenn David hier auftaucht.“ Schnell zogen sich Lorena und Tim ihre Schuhe an und ließen Mama, die immer noch wie angewurzelt dastand, im Flur zurück. Eilig traten sie nach draußen. Meine Schwester musste sich zusammennehmen, um vor Hektik nicht zu rennen.

„Schau nach allen Seiten“, befahl Tim.

Lorena schüttelte den Kopf. „Siehst du das nicht?“

„Was?“

„Überall Menschen bei dem schönen Wetter. Man kann hier nicht verschwinden oder unbemerkt hinfallen, das hätte jemand mitbekommen müssen“, stellte Lorena verzweifelt fest.

Tim wusste nichts darauf zu antworten. „Welche Farbe hat sein Fahrrad? Und was hatte David heute an?“, fragte er stattdessen.

„Das Fahrrad ist komplett schwarz.“ Lorena überlegte. „Ich glaube, er trägt eine kurze helle Jeans und ein rotes Hemd.“ Tim nickte nur.

Lorena hatte es aufgegeben, sich umzusehen, stattdessen blickte sie in die Menschenmenge. Mittlerweile waren die beiden in der Stadt angekommen. Da entdeckte sie eine Frau mit Kinderwagen, die freundlich aussah.

„Entschuldigung“, sprach Lorena sie an. „Haben Sie einen fünfzehnjährigen Jungen mit Fahrrad und rotem Hemd gesehen? Ich suche meinen Bruder.“

„Nein, leider nicht“, antwortete die Frau höflich.

„Okay, trotzdem danke.“

Tim schaute seine Freundin an. „Meinst du, wir sollen noch mehr Leute ansprechen?“

„Lass es uns versuchen. Wenn ihn jemand gesehen hat, haben wir immerhin einen Hinweis.“

Doch die Aktion blieb ohne Erfolg.

Nachdem sie noch mehr unwissende Leute angesprochen hatten, kam Lorena eine Idee. „Moment mal. Er wollte doch mit Franzi Eis essen. Lass uns zur Eisdiele gehen.“

„Aber warum sollte er dort sein?“, fragte Tim skeptisch.

„Ich weiß nicht, aber lass es uns probieren.“ Obwohl meine Schwester selbst nicht wusste, warum ich dort ohne Franziska sein sollte, wollte sie alle Möglichkeiten, wo ich sein konnte, ausschließen.

Aber auch dort war ich nicht. Nachdem sie sogar den Eisverkäufer nach mir gefragt hatten, liefen die beiden frustriert weiter zu Franziska. Wie schlimm es wäre, sie enttäuschen zu müssen, dachte meine Schwester. Ihr sagen zu müssen, dass die Suche erfolglos gewesen sei.

Franziska öffnete sofort die Tür. Sie hatte wohl aus dem Fenster geschaut und unruhig gewartet, bis die beiden endlich kamen. Sie sah an den besorgten Blicken meiner Schwester und ihres Freundes, was los war.

Meiner Schwester tat es so leid, dass sie Franziska in ihre Arme schloss. „Wir finden ihn schon“, flüsterte Lorena. Sie glaubte sich selbst nicht, aber sie wollte Franziska trösten. Dabei standen meiner Schwester selbst Tränen in den Augen und sie zitterte vor Aufregung.

Plötzlich tauchte Nico hinter Franziska auf. Er begrüßte die beiden Neuankömmlinge und erklärte: „Franzi hat mich angerufen, um zu fragen, ob David bei mir sei. Da habe ich dran gedacht, dass er manchmal einen anderen Weg nimmt als den, den ihr kennt.“

„Oh ... okay.“ Lorena versuchte zu begreifen, was er meinte.

„Gehen wir sofort los?“, forderte Franziska die anderen auf. „Wir haben uns schon angezogen.“ Natürlich hatte niemand etwas dagegen.

Meine Schwester war schockiert, als sie sich den Weg ansah, den ich tatsächlich genommen hatte: abgelegen, eng und kurvig. Lorena fragte: „Aber warum sollte er hier langgefahren sein?“

Tja, ich hätte diese Frage selbst nicht beantworten können. Bestimmt hatte ich es nur gemacht, weil ich damals viel zu leichtsinnig und naiv gewesen war.

Weil ich die Gefahr nicht wahrgenommen hatte oder besser: nicht wahrnehmen wollte. Weil ich es für zu unwahrscheinlich gehalten hatte, dass gerade ich das nächste Opfer sein könnte.

„Es macht einfach Spaß, hier langzufahren, weil es so kurvig ist“, versuchte Nico, mein dämliches Verhalten zu erklären.

Während vier der wichtigsten Menschen in meinem Leben verzweifelt versuchten, mich zu finden, war ich immer noch bewusstlos und ahnte nicht, was mir bevorstand.

Noch frustrierter als nach der ersten Suchaktion kehrten die vier schließlich zu uns nach Hause zurück. Mama öffnete, schon lange bevor sie unsere Einfahrt betraten, die Tür und rief: „Habt ihr was rausgefunden?“

„Nein“, schrie meine Schwester aus einiger Entfernung zurück. Daraufhin verschwand Mama wieder im Haus. Meine Schwester rannte ihr hinterher.

„Das ist alles meine Schuld. Hätte ich doch vorhin nicht so reagiert! Er war bestimmt unaufmerksam, weil er unseren Streit im Kopf hatte, und hat einen Unfall gebaut. Oder er wurde von diesem kranken Typen mitgenommen, der dafür verantwortlich ist, dass schon vier Menschen verschwunden sind“, sprach Mama als Erste die Möglichkeit aus, von der niemand hatte reden wollen.

„Verdammt“, schrie Lorena sie an, „hör auf damit! Wir müssen was unternehmen. Zum Durchdrehen haben wir keine Zeit.“

Mama schaute sie mit funkelnden Augen an, bevor sie zu weinen begann. Unsicher nahm meine Schwester sie in den Arm, wobei ihr selbst Tränen in den Augen standen. Über Mamas Schulter hinweg beobachtete sie die anderen, die ratlos am Rahmen der Küchentür lehnten und nun ins Wohnzimmer gingen. Mama hatte unsere Freunde noch gar nicht bemerkt.

Nun hatte diese sich etwas beruhigt und auf Lorenas Befehl hingesetzt. „Weiß Papa schon Bescheid?“, fragte meine Schwester.

„Ja, ich habe ihn gerade angerufen, weil ich dachte, er hätte vielleicht was von David gehört. Es hätte ja sein können, dass er ihn angerufen hat, aber nichts. Er hat die Arbeit abgebrochen und ist auf dem Weg nach Hause. Der Weg ist jedoch so weit, dass er erst in einer Stunde hier sein wird. Er meinte, wir sollen nicht auf ihn warten und sofort zur Polizei fahren.“

Lorena nickte. „Wir haben Nico und Franziska mitgebracht.“

„Okay.“ Mama schien langsam wieder zu klarem Bewusstsein zu kommen. „Wir gehen zu ihnen.“

Die beiden warteten im Wohnzimmer auf meine Mutter und meine Schwester.

„Ich bin Franziska, Davids Freundin“, stellte diese sich vor und gab Mama die Hand.

Meine Mutter brachte ein winziges Lächeln hervor, als sie das hübsche Mädchen sah, in das ich mich verliebt hatte. Dann wurde sie wieder ernst und nahm das Telefon. „Ich rufe jetzt bei der Polizei an. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“ Schon hielt sich Mama den Hörer ans Ohr.

Als ich die Augen öffnete, starrte ich in Dunkelheit. Sofort bekam ich Panik, als ich mich an den Unfall erinnerte. Mein Herz begann zu rasen. Wo war ich? Ich tastete meine Umgebung ab in der Hoffnung, das herausfinden zu können. Hier war nur wenig Platz. Meine Beine waren angewinkelt, denn ausstrecken konnte ich sie nicht. Meine Arme lagen dicht an meinem gekrümmten Körper, aber dennoch ... in der stabilen Seitenlage. Wieso das?

Mein Nacken tat weh, weil man meinen Kopf überstreckt hatte. War ich in einer Kiste?

Ich hörte ein Rauschen. Eine Straße? Ich spürte, dass hier Bewegung war. Vernahm einen Motor. Ein Auto? Ich musste in einem Kofferraum sein. Jemandem, der mich gewaltsam in sein Auto zerrte, lag etwas daran, dass ich überlebte, weswegen er mich in die stabile Seitenlage brachte? Mir wurde übel. Wenn es der Geschwisterentführer war, was hatte er noch mit mir vor, wenn er mich nicht gleich umbringen wollte? Schockiert versuchte ich mich etwas aufzusetzen. Dabei schnappte ich entsetzt nach Luft. Erst jetzt nahm ich den Schmerz wahr. Bei jedem Atemzug spürte ich ein Stechen in meinem Brustkorb. Bestimmt waren mehrere Rippen gebrochen. Auch mein Kopf tat unerträglich weh. Der Schmerz zog bis in den Nacken. Vorsichtig berührte ich die Stelle an meinem Hinterkopf, mit der ich unsanft auf dem Boden gelandet war, und spürte eine Platzwunde, die fast so groß war wie meine Handfläche. Das Blut war von dort bis zum Kragen meines Hemdes gelaufen und hatte einen feuchten Fleck hinterlassen. Mir wurde übel, als ich das herausfand. Ich brauchte ein paar Sekunden, um den Schmerz zu verarbeiten und mich wieder zu fassen.

Aber dann bekam ich Platzangst, schrie, so laut ich konnte, und schlug um mich, so gut es ging. Unvermittelt schrie jemand zurück. Ich fuhr zusammen. Die Stimme war weiter weg, klang tief und bedrohlich. Doch ich konnte die Worte nicht verstehen.

„Lass mich hier raus!“, brüllte ich.

Doch dann kam ich zur Ruhe. Ich durfte jetzt nicht die Nerven verlieren. War ich tatsächlich bei dem Typen gelandet, der die vier Menschen aus unserer Stadt entführt hatte? Und wenn ja, wohin brachte er mich? War ich Nummer fünf? Der dritte Bruder? Würde er Lorena auch bald holen? Warum war ich hingefallen? Als ich mit dem Fahrrad um die Ecke gebogen war, war ich gegen irgendetwas gefahren, das mich zu Fall gebracht hatte. Jemand musste mir eine Falle gestellt und mich verschleppt haben. Verschleppt. Tränen traten in meine Augen. Was sollte ich jetzt machen? Ich musste Hilfe rufen. Doch mein Handy war nicht mehr in meiner Hosentasche.

„Mist!“, rief ich aus. So konnte ich keine Hilfe holen. Hatten Kofferräume nicht einen Sicherheitshebel, mit dem man sie von innen öffnen konnte? Ich begann mit den Händen, alles um mich herum abzutasten. Panik kam in mir auf, als meine Suche erfolglos blieb. Das konnte nicht sein! Man kann doch keinen Kofferraum zulassen, aus dem man in einer Notsituation nicht mehr herauskam. Aber anscheinend doch. Ich versuchte, ein paarmal tief durchzuatmen.

Was sollte ich tun, wenn dieser Typ den Kofferraum öffnete? Oder würde der Täter ihn vielleicht gar nicht mehr öffnen, sondern mich hier drinnen vergammeln lassen? Oder würde er ihn öffnen, aber erst nach Stunden? Würde die Fahrt noch lange dauern? Kam überhaupt genug Sauerstoff in den Kofferraum? Und wenn nicht, wie viel Zeit blieb mir noch, bis ich ersticken würde?

Mama und meine Schwester rannten. Sie rannten zum Auto, fuhren los, stürmten in die Polizeistation und mussten zunächst warten, bis sie mit einem Polizisten sprechen konnten. Unruhig lief Lorena im Gang auf und ab. Schon die einstündige Autofahrt hatte sie verrückt gemacht. Der Polizist aus Jüterbog, mit dem Mama geredet hatte, meinte, sie sollten zur Kriminalpolizei nach Potsdam fahren. Hier ermittelte man nämlich wegen der anderen Vermissten.

Lorena verstand, dass die Polizisten viel zu tun hatten. „Aber wenn ich tatsächlich entführt worden war“, so dachte Lorena, „mussten sie jede Sekunde nutzen, um mich zu retten. Sie durfte nicht daran denken, dass ich womöglich längst tot sein könnte.“

Die Zeit schien unendlich langsam zu vergehen. Doch dann wurde meine Familie endlich von einem Polizisten aufgerufen und in ein Büro geführt. Ein wirklich kleines Büro, in dem es viel zu warm war. Auch das angekippte Fenster schien nicht gegen die stickige Luft zu helfen. Verständlich, denn draußen waren es mittlerweile fast 30 Grad und hier drinnen schien sich die warme Luft wie unter einer Glocke zu sammeln.

„Guten Tag“, begrüßte der Beamte meine Familie. „Ich bin Herr Köhler. Sie haben eben mit mir telefoniert, richtig?“

„Ja, das war ich.“ Mama stellte sich kurz vor. „Ich bin Frau Winkler, das ist meine Tochter Lorena.“

Der Polizist schaute meine Schwester erschrocken an. Warum er das tat, fiel Lorena erst später ein. Weil das bedeutete, dass mein Verschwinden ein ernster Fall war. Dem Polizisten war wohl klar geworden, dass das Schema aufging. Ich war vermutlich der nächste Bruder geworden.

Herr Köhler sah immer noch nachdenklich aus, aber schließlich sagte er höflich: „Nehmen Sie bitte Platz.“

Sie bedankten sich und setzten sich auf die zwei bereitgestellten Stühle.

„Also“, begann der Polizist, „Sie vermissen Ihren Sohn?“

„Ja“, bestätigte Mama, „David ist vor über zwei Stunden mit dem Fahrrad zu einer Freundin gefahren. Von uns aus sind das ungefähr fünf Minuten. Dann rief seine Freundin an und sagte uns, dass er nicht angekommen wäre. Lorena hat mit ihrem Freund die Strecke abgesucht, die David nimmt, um in die Stadt zu fahren, aber sie haben ihn nicht gefunden.“

„Das heißt, er wird seit zwei Stunden vermisst?“

Lorena schaute auf die Uhr an der gegenüberliegenden Wand. „Seit zweieinhalb Stunden.“

„Okay.“ Herr Köhler sog die Luft ein. „Eigentlich können wir erst vierundzwanzig Stunden nach Verschwinden mit den Ermittlungen beginnen, aber in diesem Fall ist das anders. David hat eine Schwester.“ Er schaute Lorena an. „Und er verschwindet ungefähr zwei Wochen, nachdem das letzte Mal eine Person höchstwahrscheinlich entführt wurde. Das Vorgehen des Täters würde also genau demselben Muster folgen wie bei den anderen Fällen. Ich denke, wenn wir sofort alle Maßnahmen ergreifen, haben wir die besten Chancen. Wir möchten nicht, dass das so weitergeht. Wir wollen den Ereignissen endlich auf die Spur kommen.“

Lorena spürte Erleichterung. Dass der Polizist sich sofort um alles kümmern wollte, beruhigte sie. „Ich werde noch zwei Kollegen von der Kripo als Verstärkung anfordern“, erklärte er nun.

Wenig später betraten zwei weitere Beamte in Zivilkleidung den Raum. Frau Roth und Herr Lorenz. Auch sie hatten sich kurz vorgestellt.

„Sind Sie sich sicher, dass Ihr Sohn nicht mehr auftauchen wird?“, fragte Herr Lorenz plötzlich. „Wissen Sie, in den letzten Wochen rufen ständig Eltern an und wollen ihre Kinder als vermisst melden, bloß weil sie sich zu sehr sorgen.“

„Was fällt dem eigentlich ein, eine solche dumme und unhöfliche Frage zu stellen?“, dachte meine Schwester in diesem Moment.

„Denken Sie, er könnte noch irgendwo anders sein?“, hakte Herr Lorenz nach. „Gäbe es Gründe, weswegen er nicht zu seiner Freundin gefahren ist? Ein Streit vielleicht?“

„Zwischen meinem Sohn und mir gab es eine kleine Diskussion, weil ich nicht wollte, dass er alleine losfährt“, gab Mama zu.

„Er wollte sich das erste Mal allein mit seiner Freundin Franziska treffen. Er hat sich sehr darauf gefreut. Es ist wirklich unrealistisch, dass er sich umentschieden hat. Und bei seinen Freunden ist er außerdem nicht“, ergänzte meine Schwester. Da hatte sie recht. Dieser Verbrecher hatte mir mein erstes Date gründlich versaut.

„Hatte Ihr Sohn ein Handy dabei, als er weggefahren ist?“, fragte Herr Lorenz.

„Ja, er hat es immer dabei“, erklärte Mama.

„Gut, wir werden versuchen, es zu orten.“ Der Polizist öffnete ein Programm im Computer und ließ sich von Mama meine Handynummer nennen. Herr Lorenz tippte sie ein und tätigte noch einige weitere Eingaben.

Bestimmt vergingen nur ein oder zwei Minuten, aber Lorena kam es unendlich lange vor. Ihr Herz raste. Würde die Polizei herausbekommen, wo ich mich befand? Das wäre so einfach. Eine Chance, mich zu retten. Schließlich schüttelte Herr Lorenz den Kopf. „Wir können das Gerät nicht orten. Entweder wurde die SIM-Karte entfernt oder das Handy ist kaputt.“

Lorenas Herz setzte einen Schlag aus. „David würde die SIM-Karte nicht selbst rausnehmen. Dann hat ihn mit Sicherheit jemand entführt und das gemacht, damit man ihm nicht auf die Spur kommen kann.“

„Das müssen wir natürlich in Betracht ziehen, aber ich kann dazu im Moment nichts sagen.“

„Haben Sie ein Foto von Ihrem Sohn mitgebracht?“, fragte Herr Köhler nun. Er hatte Mama am Telefon dazu aufgefordert.

Lorena holte die Fotos aus ihrer Tasche und reichte sie ihm. Eines war von meinem vierzehnten Geburtstag, als ich mein BMX-Rad bekommen hatte. Ich posierte lächelnd mit dem Fahrrad im Garten. Außerdem hatte Lorena ein Porträtfoto vom Schulfotografen mitgebracht. Der Polizist scannte sie in den Computer ein und speicherte sie ab, bevor er meiner Schwester die Originale zurückgab. Dann fragte er nach meinem Alter, meiner Körpergröße, besonderen Merkmalen, welche Kleidung ich zum Zeitpunkt des Verschwindens getragen hatte und weiteren persönlichen Daten.

Nun meldete sich Frau Roth das erste Mal zu Wort. „Wir werden Ihr Haus heute Nacht beschatten. Ich werde in drei Stunden mit einem Kollegen zu Ihnen kommen.“

„Okay“, meinte Mama zögerlich.

Lorenas Herz schlug schneller, als die Polizistin von ihrem Vorhaben berichtete. Es war ein schrecklicher Gedanke, dass auch sie selbst bald verschwinden könnte. Dass die Polizei davon ausging, dass in dieser Nacht etwas passieren könnte.

„Lorena“, Frau Roth sah nun meine Schwester eindringlich an, „es ist wichtig, dass du nicht mehr alleine rausgehst, auch wenn du es musst. Das ist jetzt ein Ausnahmefall. Wir werden außerdem all eure Handys und das Festnetztelefon überwachen, um die Gespräche aufzuzeichnen. Vielleicht können wir so Hinweise gewinnen, falls der Täter oder ein Komplize aus irgendeinem Grund versucht, bei euch anzurufen.“

„In Ordnung“, stimmte Mama nachdenklich zu.

„Lorena, ich muss dir noch ein paar Fragen stellen“, begann Frau Roth. „Hattest du in letzter Zeit mit einer Person Kontakt, die sich auffällig verhalten oder dich bedroht hat?“ Lorena dachte nach. Sie hatte sich auf dem Weg von der Schule nach Hause zwar beobachtet gefühlt, aber was, wenn das nur Einbildung gewesen war? Sie hatte keine Beweise dafür, dass sie tatsächlich von jemandem verfolgt wurde. Trotzdem, vielleicht zählte jetzt jeder kleine Hinweis.

„Ich habe mich auf dem Weg von der Schule nach Hause beobachtet gefühlt, aber ich konnte niemanden sehen“, brachte sie hervor.

Mama warf meiner Schwester einen schockierten Blick zu, als wollte sie sagen: „Warum hast du mir das nicht erzählt?“

Lorena dachte, die Polizisten würden ihre Aussage nicht ernst nehmen, stattdessen fragte Herr Lorenz: „Auf welche Schule gehst du?“

„Das Goethe-Schiller-Gymnasium hier in Jüterbog. Wir sind ungefähr um 14 Uhr nach Hause gegangen.“

„Okay, was ist mit Ihrem Sohn?“, wandte sich Herr Lorenz an Mama. „Hat er irgendwelche Andeutungen gemacht, dass er bedroht wird?“

„Nein“, antwortete meine Mutter sofort. „Er war von uns derjenige, der sich am wenigsten um alles sorgte.“

Pulsuz fraqment bitdi.

17,01 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
12 noyabr 2025
Həcm:
191 səh. 3 illustrasiyalar
ISBN:
9783960742869
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar