Kitabı oxu: «Flucht aus Eritrea»

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Lisa Winter

Flucht aus Eritrea

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Flucht aus Eritrea in ein freies Land

Umschlag: © Copyright 2016 Lisa Winter

Published by: epubli GmbH, Berlin

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Prolog

Eritrea wurde 1890 von den Italienern erobert. Im Zweiten Weltkrieg vertrieben die Briten die Italiener, wonach ein Teil eines föderativen Staates 1952 an Äthiopien übergeben wurde. Es folgte ein Grenzkrieg zwischen Eritrea und Äthiopien, der 100000 Opfer kostete. Seit dem Zweiten Weltkrieg kämpften eritreische Guerillatruppen dreißig Jahre gegen die Besetzer Äthiopiens. Tatsächlich erkämpfte sich die eritreische Truppe unter dem Rebellenführer Isaias Afwerki 1991 ein unabhängiges Land. Dies wurde 1993 durch eine von der UN überwachten Volksabstimmung bestätigt.

2001 – Flucht auf dem Seeweg

„Ja …, sie hat Augen wie Smaragde”, dachte der behandelnde Arzt in dem provisorisch aufgestellten Sanatorium der Aufnahmestation für Flüchtlinge. Sie kamen aus Teilen von Afrika, um über den gefährlichen Weg über das Mittelmeer, nach Lampedusa, zu flüchten, um dann ihr erhofftes Glück in Europa zu finden. „Esmeralda, hörst du mich? Verstehst du mich?” Mit sanfter Stimme versuchte er das durch die schrecklichen Ereignisse der letzten Stunden traumatisierte Mädchen anzusprechen. Sie lag auf einem Notbett in einem großen Raum, blickte auf die anderen daliegenden stummen Menschen neben ihr. Sie war in dicke Decken eingehüllt, die kratzten. Doch im Vergleich zu der eisigen Kälte des entsetzlichen Erlebten der vergangenen Stunden, lagen sie wie warmer Balsam auf ihrer Haut. Sie war immer noch unterkühlt und zitterte. „Wie geht es dir, bist du verletzt? Wir konnten keine äußerliche Verletzungen finden. Hast du Schmerzen?” Immer noch nicht wusste Esmeralda wo sie war. Sie hatte die Erinnerungen der letzten nächtlichen Stunden vergessen oder verdrängt. Nur, dass es ganz schlimme waren, das war ihr tief in ihrer Seele bewusst. Dumpf und langsam drangen erste Erinnerungen in ihr Gedächtnis. Schreie von Menschen, verzweifelte Schreie! Ausgelöst durch blanke Angst ums Überleben drangen sie zurück in ihr Bewusstsein. Todesangst! Es war tiefschwarze Nacht gewesen. Eisig schneidender Wind wehte messerscharf über hunderte von klatschnassen Menschen, die auf Holzbänken sitzend, in sich gekauert, auf ein Wunder hofften. Menschen in tiefster Not hatten sich an den Bänken des vom Sturm gepeitschten Schiffes festgeklammert. Sie erinnerte sich an den heftige Regen, der mit eiskalten Nadelstichen durch ihre nasse Kleidung in ihre Haut eingedrungen war. Auch an das ständige steile, meterhohe Aufrichten der Spitze des Bootes und an das krachende Herabfallen auf die betonharten Wogen des Meeres. Das kreischende erbarmungslose Meer um sie herum war aufgewühlt und glänzte wie schwarzes zähes Öl. Gierig hatte es sich einige Menschen geschnappt, die das Gleichgewicht verloren hatten und über die Reling gefallen waren, um sie dann aufzufressen. Das schwache Mondlicht hatte sich durch die rabenschwarzen Wolken etwas Präsenz geschaffen und gab das grausame Szenario frei. Um sie herum war es schwarz, schwarz wie nur die Hölle sein konnte. „Wo bin ich? Was ist geschehen? Sind alle tot? Wo ist meine Mutter?”, fragte sie mit schwacher Stimme in fließend italienischer Sprache. Sie antwortete Italienisch, da sie in dieser Sprache angesprochen worden war. Der Arzt war erleichtert, Esmeralda sprechen zu hören. Und darüber, dass sie ihn in seiner Sprache verstand. „Wir haben in deinem Rocksaum deutsche Identitätspapiere gefunden, mit deinem Foto, auf den Namen Esmeralda Simon ausgestellt und dreitausend Dollar in bar. Mit diesen Papieren kannst du in der deutschen Botschaft einen deutschen Pass beantragen. Wo hast du diese Papiere her? Bist du deutsche Staatsbürgerin?” Dr. Luigi Fontane wunderte sich, dass ein farbiges Flüchtlingsmädchen, von der anderen Seite des Mittelmeeres kommend, deutsche Papiere besaß. Zudem sprach sie Italienisch. So wie sie aussah, war sie wohl halb negroid und halb weißer Abstammung. Ihre Haut war olivfarben, ihre langen gewellten schwarzen Haare waren untypisch für eine Afrikanerin. Dann diese smaragdgrünen Augen. Auch ungewöhnlich für die sonst aus Afrika angeschwemmten Menschen, die durch Not und Elend getrieben, von einem hoffnungslosen Land mit hoffnungslosen Möglichkeiten, nach Europa zu flüchten versuchten. „Du bist in Lampedusa. Du hattest sehr großes Glück, dass du diese teuflische Überfahrt überlebt hast. Viele deiner Mitreisenden sind in den stürmischen Fluten ertrunken, weil das Boot kurz vor der Küste kenterte. Wir konnten nur dich und elf andere Flüchtlinge aus dem Meer retten. Helfer in einem italienischen Rettungsboot konnten dich und die anderen Überlebenden, noch rechtzeitig aus dem Wasser ziehen.” Nun kamen weitere Erinnerungen auf. Sie, mit etwa zweihundert anderen Flüchtlingen, hatten im Morgengrauen das Fischerboot bestiegen. Zusammen mit ihre Mutter Sanira. Ihre wundervolle, schöne eritreische Mutter. Zusammen mit ihrem jüngeren Bruder Jonas und ihrer mütterlichen Freundin Layla. Über das Meer wollten sie in eine bessere Zukunft fliehen. „Wo ist meine Mutter? Ist sie unter den Geretteten? Und Layla? Ist sie hier? ... Und Jonas?” Jonas! – Ihre Muskeln in ihrem Inneren zogen sich bei dem Gedanken an ihn schmerzhaft zusammen. „Das wissen wir noch nicht. Wir sind dabei die Überlebenden zu identifizieren. Nicht alle haben Papiere ihrer Herkunft dabei. Von den elf Überlebenden sind noch zwei nichtidentifizierte Personen hier im Krankenlager untergebracht.” Dr. Fontane brachte nicht den Mut auf, ihr zu sagen, dass es sich bei den anderen Überlebenden, um Männer handelte. Es waren nicht ihre Angehörigen. „Vielleicht findet man sie noch. Noch suchen die Rettungsmannschaften das Meer nach Überlebenden ab”, dachte er. „Du brauchst Schlaf und dann wird sich weiteres geklärt haben.” Eine sympathische Schwester in weißer Schwesterntracht stand diskret wartend hinter Dr. Fontane, um Esmeralda die dampfende Suppe zu reichen, sobald das erste Interview durch den Arzt beendet war. Noch immer zitterte Esmeralda am ganzen Körper. Es wurde ihr nicht warm. Ihre Füße waren wie Eisklumpen, ihre Haut bläulich gefärbt. „Ich bin allein und fühle mich tot”, dachte sie unendlich traurig. Die heiße Suppe mit köstlichem Gemüse wärmte sie doch noch erstaunlicherweise schnell auf. Sie hatte viele Fragen an den netten Doktor in ihrem Kopf. Doch ihre Augenlider waren zu schwer. Sie war zu erschöpft, um weitere Sätze formulieren zu können. Bevor sie das köstliche Mahl zu Ende essen konnte, fiel ihr vor Müdigkeit der Löffel aus der Hand und ein erlösender Schlaf überkam sie.

1. Kapitel - Abenteuer Eritrea

Peter, ein junger noch unerfahrener Journalist, beschloss, nach seinem Studium an der Universität in Köln, als Auslandskorrespondent aufregende Erfahrungen in der Berichterstattung von Krisengebieten zu machen. Nach mehreren Ablehnungen seiner Bewerbungen von den “Großen Zeitungen”, fand sich doch noch ein kleiner regionaler Zeitungsverlag, der Peter zur Berichterstattung über den Guerillakrieg in Eritrea nach Dschibuti, in das Nachbarland, sandte. Voller Tatendrang und Mut zum Abenteuer verließ der fünfundzwanzigjährige Peter Simon, während der Guerillakrieg tobte, 1985 seine Heimat Deutschland, um von Dschibuti aus das Kriegsgeschehen zu dokumentieren. Nach dem Sieg der Rebellen 1991 blieb er in Eritrea, um die weiteren politischen Entwicklungen und Änderungen des neuen “unabhängigen und freien Staates” zu beobachten und darüber zu berichten. Zusammen mit anderen ausländischen Journalisten fand er bald in der Hauptstadt Asmara ein neues fremdes Zuhause. Eifrig lieferte er Berichte über die neuesten politischen Ereignisse und Veränderungen durch die neue Regierung an seinen Verlag nach Köln. Diese wurden streng unter den Augen des neuen Machthabers Isaias beobachtet. Jedoch entwickelte sich diese neue freie Welt in wenigen Jahren zur Militärdiktatur. Hungertode gab es in diesem Land nicht, doch riskierten Tausende von Menschen ihr Leben für die Freiheit, trotz Androhung von Hinrichtungen, veranlasst durch das menschenverachtende politische System. Berichterstattungen von ausländischen Journalisten wurden zensiert und die Berichterstatter unter Druck gesetzt. So verließen viele Journalisten freiwillig das Land. Nicht Peter. Er hatte durch Kontakte zu ehemaligen hochrangigen Guerillakämpfern persönliche Vorteile und Vergünstigungen und schaffte es über geheime Wege seine Berichte außer Landes zu bringen. Er freundete sich mit dem Gouverneur, Masuf Ragos, ehemaliger Verteidigungsminister, während des Krieges, an. Jeden Freitag wurde Peter von ihm zum Dinner eingeladen. Hinter verschlossenen Rollläden, hinter geschlossenen Fenstern, wurde über Dinge des täglichen Lebens diskutiert, jedoch politische Angelegenheiten waren während diesen Stunden tabu. Fast alle in Eritrea geborenen Bürger sprachen mindestens vier Sprachen. der fünften Klasse lehrte man in Englisch. Nach der Muttersprache sprach man Tigrinya und Arabisch und die älteren Generationen sprachen durch die Zeiten der italienischen Besetzern Italienisch. „Peter, du solltest heiraten. Du bist in den besten Jahren und es wird Zeit, dass du endlich eine große Familie gründest”, redete Masuf auf Peter ein. Dabei zündete er sich eine dicke Zigarre an, nachdem Layla, seine Frau, die leeren Teller abgeräumt hatte, nachdem die von ihr gekochten wunderbaren Speisen aufgegessen waren. Es war Usus, dass sich die beiden Freunde zum Abschluss des Abends in die Bibliothek zurückzogen und sich einen guten italienischen Grappa gönnten. Eine Flasche, ausreichend für einen Monat, brachte ein Bote geschickt von seinem Freund und Gönner, dem Guerillasieger Isaisas, in Masufs Haus. Peter reagierte etwas verlegen. Er wusste nicht, was er antworten sollte. Denn Masuf hatte mal wieder mit seiner Scharfsichtigkeit bei Peter ins Schwarze getroffen. Tatsächlich fühlte er sich einsam. Trotz den zahlreichen Begegnungen mit eritreischen Menschen war es für einen weißen Christen schwierig eine passende Lebensgefährtin zu finden. „Ach so? Wie stellst du dir das vor? Hier in eurem Land werden alle unverheirateten Frauen vor männlichen Fremden, wie ich einer bin, versteckt, als hätten wir die Pest am Leibe”, meinte Peter scherzhaft. „Layla und ich haben uns ernsthaft unterhalten, dass du, als unser geschätzter Freund, unsere Nichte Sanira kennenlernen solltest. Sie ist im heiratsfähigen Alter und mein Bruder will sie gut verheiratet wissen.” Gelangweilt sagte Masuf diesen Satz und beobachtete dabei die Glut seiner Zigarre. So, als würde es ihn wenig interessieren, ob Peter tatsächlich reagieren würde. „Sanira … ein schöner Name. Ist sie muslimischen Glaubens? „Nein mein lieber Freund. Wie du weißt, leben hier auch Christen. Sie ist christlich erzogen und Tareq, mein Bruder, mit seiner Frau Aischa, haben sehr großen Wert auf eine gute Schulbindung für Sanira gelegt. Zudem ist sie sehr schön”, dabei leckte er seine Oberlippe genüsslich und zwinkerte ihm zu. „Ich werde Tareq mit Sanira für den nächsten Freitag zu unserem gemeinsamen Abendessen einladen”, meinte er nachdenklich und zog genüsslich an seiner Zigarre. Peter nickte überrumpelt und war unfähig dagegen zu sein. Dann war es Zeit zu gehen. Unaufgefordert brachte Layla mit freundlicher Mine Peters Staubmantel. Das war das Zeichen für ihn zu gehen. Seine Wohnung lag nur wenige Gehminuten von Masufs Haus entfernt, mitten in der Hauptstadt Asmara. Um diese Zeit war es auf den Straßen still und dunkel. Es war später Abend und durch die Fenster der Häuser drang kaum noch Licht. „Wann werden endlich wieder die Straßen beleuchtet?”, dachte er ärgerlich. Immer mehr Straßenlaternen erloschen mit der Zeit nach und nach, da kein Geld für neue Leuchtbirnen ausgegeben wurde. „Wo bleibt das ganze Geld, das von der neuen Regierung eingenommen wird? Es fehlt Strom, Treibstoff und Nahrungsmittel”, dachte er grollend. „Auch die Straßenbeläge sind seit Jahrzehnten nicht mehr erneuert worden. Das Land verrottet. Kein Geld wird in Sanierungen investiert.“ Einige, vom Krieg verschonten Bauten, erinnerten an die im neunzehnten Jahrhundert von den Italienern gebauten Prachtvillen mit ihren, im italienischen Flair angelegten Gärten, die die prächtige Vergangenheit nur erahnen ließen. Als Peter das Haus verlassen hatte, setzte sich Layla zu ihrem Mann auf das Sofa. „Was meinst du, wäre Sanira die richtige Frau für Peter? Was ist, wenn Peter zurück nach Deutschland möchte? Tareq und Aischa lieben Sanira und werden ihre Tochter ungern gehen lassen.” „Was redest du denn meine liebe Layla. Das ist doch genau das, was mein Bruder für seine Tochter wünscht. Er will, dass sie nach Deutschland geht. Hier hat sie doch keine Zukunft. Die Lage für die Bevölkerung wird immer schlechter. Wir sind hier von Isaias wie in einem Gefängnis eingesperrt. Unser Land hat sich in einen “Ein-Mann-Staat” verwandelt. Keiner von uns ist in der Lage Isaias zu stoppen. Für ihn führen wir noch immer Krieg im Busch. Er meint, dass wir von Feinden umgeben sind, gegen die nur ein aufrechterhaltener Sicherheits- und Repressionsapparat sich wehren kann.” Layla nickte. „Du hast Recht, wir können froh sein, dass unser Sohn Masud noch vor der Wende in Amerika seinen Weg gefunden hat. Hoffentlich heiratet er bald und bekommt Kinder, damit wir einen guten Grund haben, eine Ausreisegenehmigung zu bekommen, um ihn in Amerika besuchen zu dürfen.” Es gab keine Reiseerlaubnis. Es war jedem Bürger verboten in ein anderes Land zu reisen. Selbst für eine Reisen innerhalb des Landes musste ein spezielles Visa beantragt werden. Nur für hochgestellte, militärische Personen, zu der Masuf als Gouverneur gehörte, war es vielleicht möglich, bedingt durch dringende Gründe, mit einem vom Diktator persönlich unterzeichneten Visum ausreisen zu können. Ihr Sohn Masud war noch vor Ausbruch des Rebellenkrieges, durch Drängen von Layla, zum Studium nach Boston geschickt worden. Dort lebte ein entfernter Verwandter, der während des Zweiten Weltkrieges unter abenteuerlichen Bedingungen durch die Sahara geflüchtet war, während die italienischen Besetzer von den Briten vertrieben wurden. Peters Recherchen wurden immer schwieriger und riskanter. Falls er überhaupt an den Parteivorsitzenden der einzigen Partei herankam, dann ihn auf politische Verbesserungen für das Land ansprach, wurde er unter fadenscheinigen Ausreden weggeschickt. Peter wollte darüber berichten, dass das Land nach der Unabhängigkeit noch immer im Kern mit denselben militärischen Führungsstrukturen regiert wurde, so wie einst im Krieg. Ebenso fragte er nach den wirtschaftlichen Verbesserungen des Landes nach. Schroff wurden ihm auch zu diesem Thema die Türen zugeschlagen. Selbst sein Freund Masuf wollte ihm keine unangenehmen Fragen beantworten. Deshalb verbot er ihm in seinem Haus über Politik zu sprechen. Endlich wurde es Freitag. Halbnackt und nervös stand Peter vor seinem Spiegel. Sein Haar war noch nass vom Duschen. Während er sich rasierte überlegte er, was er für diesen besonderen Abend anziehen sollte. Schließlich wollte er einen guten Eindruck vor Sanira und ihrem Vater machen. Als er in seinen spärlich eingerichteten Kleiderschrank schaute, blickte er auf einen alten beigefarbenen Anzug, den er von Deutschland mitgebracht hatte. Damals 1985 hatte er vor seiner Ausreise den Anzug gekauft, da er meinte, das dies das ideale Kleidungsstück für das warme Klima wäre . Doch hatte sich bis jetzt keine Gelegenheit geboten, ihn zu tragen. Naiverweise dachte er damals, dass er ihn brauchen würde. „Mitten im Geschütz von Panzern, im Anzug! Wie dumm ich war”, dachte er schmunzelnd. Trotz der nächtlichen Hitze, von noch um dreißig Grad, entschied er sich für diesen Anzug. Nur das passende Hemd fehlte ihm. In den letzten Jahren trug er ausschließlich Jeans und T-Shirts, die er billig in Asmara kaufen konnte. „Ein schwarzes, fast noch ungetragenes Shirt unter dem Sakko, das geht auch!” Fast wäre er unpünktlich gewesen. Das war ihm noch nie passiert. Es dauerte weitere zusätzliche Minuten, da er dann doch das schwarze Shirt gegen ein weißes austauschte. Gehetzt, in letzter Minute, läutete er die Türglocke zu Masufs Haus. „Guten Abend mein lieber Freund Peter. Nun sind die Gäste komplett. Tritt ein. Tareq und Sanira sind auch eben angekommen.” Ungewohnt überschwänglich umarmte Masuf Peter und drückte ihn fest an seine Brust. Im Wohnzimmer saßen Sanira und Tareq auf dem Sofa und blickten neugierig auf Peter. Dieses Gefühl des Bobachtenwerdens verstärkte seine Unsicherheit. Tareq betrachtete Peter misstrauisch und erhob sich vom Sofa. Peter reichte ihm zögerlich die Hand zur Begrüßung. „Das ist unser lieber deutscher Freund Peter”, stellte Masuf ihn vor. Tareq reichte ihm die Hand. Hinter Tareq blickte Peter auf die schüchtern aufblickende Sanira, noch wartend auf dem Sofa sitzend. „Große schwarze mandelförmige Augen, ... in denen man sich verlieren könnte”, dachte Peter fasziniert. Krause, kurz geschnittene Haare umrahmten ihr ovales Gesicht. Ihre Haut schien wie von einem Guss aus Schokolade überzogen zu sein. Ebenmäßig und glatt. Die vollen Lippen zuckten nervös, als sie sich zum Gruß vom Sofa erhob. Sie war schlank und großgewachsen, wie viele Frauen in Eritrea. Ihre schlanken Beine schienen bis zum Himmel zu reichen. Stumm reichte sie ihm ihre Hand. Peter war wie versteinert. Unfähig zu einer Bewegung. Diese Erscheinung von einer derartig schönen Frau hatte er nicht erwartet. Wieder ergriff der feinfühlige Masuf das Wort: „Willst du nicht auch Sanira begrüßen?” „Oh ja, entschuldige Sanira, ich heiße Peter Simon und freue mich über die Ehre, dich und deinen Vater kennenzulernen”, stammelte er mit trockener Kehle. Noch immer sagte sie kein Wort. Layla kam aus der Küche und forderte die Gäste auf, an dem gedeckten Tisch im Esszimmer Platz zu nehmen. Wieder bot sie die leckersten Speisen an. Frisch gebackenes, duftendes Brot, Obst, gedämpftes Gemüse und dazu einen riesigen Fisch, den sie aus dem Ofen holte und servierte. „Es hat wieder phantastisch geschmeckt. Wir können froh sein, dass ich mit Isaias gute Verbindungen unterhalte und ab und zu durch ihn für meine Gäste die besten Lebensmittel erhalte. Für meine Familie ist mir nichts zu teuer”, sagte der Gastgeber stolz und zufrieden. „Tareq, lass uns noch zusammen in der Bibliothek eine Zigarre rauchen. Wir haben uns viel zu erzählen.” Tareq zögerte unwillig, doch Masuf zog ihn sanft unter dem Ellbogen in den anderen Raum. Sanira und Peter waren allein. Peter hatte mittlerweile seine Fassung wiedererlangt. „Habt ihr den Rebellenkrieg gut überstanden? Von Dschibuti aus habe ich den Krieg beobachtet. Sicher hast du und deine Familie in ständiger Angst gelebt.” „Nein, meine Mutter und ich waren ziemlich sicher untergebracht. Mein Vater war als Kämpfer in der Führung und konnte uns gut, fernab der Angriffe, verstecken, da er über die bevorstehenden Angriffe des Feindes über seine Spione informiert war.” Es stellte sich heraus, dass Tareq, wie sein Bruder auch, mit Isaias befreundet war und dementsprechend, im Gegensatz zu den anderen Kämpfern, viele Vorteile genoss. Peter erzählte knapp seine Lebensgeschichte. Er erzählte von seiner Heimat, von seinen liebevollen Eltern, seinem Studium und seinem Lebenstraum, als erfolgreicher Reporter um die Welt zu fliegen. Schon früh in seiner Jugend träumte er davon, als Reporter zu recherchieren und aufzuklären, was außerhalb der “Zivilisation Europa” in der restlichen Welt geschieht. Sanira war beeindruckt. Was außerhalb von Eritrea geschah, konnte sie sich schwer vorstellen. Sie kannte nur ihre eigene Welt. Eine Welt voller Misstrauen anderen Menschen gegenüber, eine Welt ohne Meinungsfreiheit und ohne berufliche Zukunft für Frauen. Den Frauen war in ihrem Land nur ein beschränktes, freies Leben im Militärdienst erlaubt. Allerdings erst ab dem achtzehnten Lebensjahr. Sie war gerade erst siebzehn Jahre alt. Noch zwei Monate bis zum Antritt ihres Wehrdienstes als Achtzehnjährige. Es galt für alle Geschlechter eine Wehrdienstpflicht. Und erst dann konnte unter militärischer Leitung eine passende Ausbildung ausgesucht und gestattet werden. „Wirst du auch zum Militär gehen müssen?”, fragte Peter. „Ja, natürlich, darauf freue ich mich schon. Denn dann habe ich etwas größere Freiheiten als jetzt bei meinen strengen Eltern.“ Sie lächelte und entblößte dabei ihre strahlend weißen Zähne. Tareq hielt es nicht mehr aus. Er war nervös und ungeduldig geworden. Er wollte endlich wieder zu seiner Tochter. Dabei war sie gerade eine Stunde mit Peter allein. Masud wollte ihn beruhigen. „Lange genug für ein Kennenlernen zwischen Mann und Frau“, murmelte Tareq und erhob sich aus dem schweren Sessel. Layla hatte sich mittlerweile zu dem jungen Paar dazugesetzt und an der Unterhaltung teilgenommen. Als Tareq das Zimmer betrat und sah, dass das Paar nicht alleine war, war er erleichtert. „Komm mein Schatz, deine Mutter wartet schon ungeduldig auf uns. Es ist spät geworden. Wir müssen nach Hause gehen.” Zusammen mit Sanira stand Peter auf, um sich von ihr zu verabschieden. Doch Tareq trat dazwischen. Die gesellschaftlichen Regeln schrieben vor, dass es sich nicht gehörte, dass eine Frau zuerst, vor einem Mann begrüßt oder verabschiedet wird. Peter begriff schnell und reichte zuerst Tareq die Hand und danach Sanira. Länger als nötig hielt er ihre zarte Hand fest und blickte ihr tief in ihre Augen. Dabei bemerkte er funkelnde goldene kleine Sterne, die ihre schwarze Pupille umkreisten. Diese Sekunden der Blicke empfand Sanira wie eine Ewigkeit. Dann wandte Peter sich Tareq zu: „Vielen Dank für die große Ehre, dass ich deine Bekanntschaft machen durfte. Danke, dass du mir die Gelegenheit gegeben hast, dich und deine Tochter kennenzulernen. Vielleicht erlaubst du mir, auch deine Ehefrau kennenzulernen?” Nun ging es darum ob Peter von Tareq akzeptiert worden war. „Ja, sehr gerne. Wenn es deine Zeit erlaubt, möchte ich dich am nächsten Sonntag zum Tee einladen.” Sanira strahlte. „Du hast mächtigen Eindruck auf meinen Bruder gemacht. Er wollte alles von dir wissen, … wer du bist, warum du hier bist und wie lange du noch in diesem Land bleiben wirst.” Dabei schaute er Peter fragend an. „Wie lange ich noch bleibe hängt von den politischen Ereignissen ab. Ich rechne ständig damit, dass man mich als unerwünschte Person ausweisen wird.” „Wenn du hier bleiben möchtest werde ich dir mit meinen Verbindungen helfen. Doch künftig solltest du mit deinen Recherchen etwas vorsichtiger sein. Auf oberster Stelle ist man über deine Berichten verärgert. Wähle deine Worte etwas unverfänglicher und neutraler aus, bis du wieder in Deutschland bist. Du bist doch ein Meister der Sprache, nutze es.” Dann füllte Masuf ein Glas mit dem gewohnten Grappa für Peter. Als Peter das Glas leer getrunken hatte, wartete er auf Layla mit seinem Staubmantel, den ihm Layla nach jedem gemeinsamen Abendessen brachte. Aber dieses Mal erschien sie nicht. „Mein lieber Freund, setze dich noch mal. Wir haben noch nicht über alles gesprochen. Wie hat Sanira dir gefallen? Ist sie nicht zauberhaft? Und sehr intelligent. Schöne Frauen sind nicht immer mit Klugheit gesegnet. Wie mein geliebtes Eheweib ist Sanira eine besondere Frau. Nicht wahr, Layla?” Masuf hatte belustigt bemerkt, dass Layla hinter der Tür lauschte. Doch sie gab keine Antwort. „Oh sehr …, ich meine, ... sie ist die zauberhafteste Frau, die ich je gesehen habe”, schwärmte Peter. „Wie es ausschaut, darfst du sie näher kennenlernen. Tareq würde es sehr begrüßen, wenn du sie heiraten würdest!” Das ging Peter etwas zu schnell. „Ich kenne sie kaum. Auch ihre Eltern kenne ich nicht. Zudem weiß ich nicht, ob sie mich überhaupt attraktiv findet. Gesagt hat sie wenig. Das braucht mehr Zeit”, stotterte Peter verlegen. „Nein, Peter, ihr habt nicht viel Zeit, um euch zu entscheiden. Sanira steht kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag. Ich muss dich über ein sehr heikles und intimes Problem informieren, was mir sehr schwerfällt.” Dann rief er Layla ins Zimmer zu kommen. Prompt erschien sie. So, als hätte sie darauf gewartet. „Layla kläre doch unseren Freund auf, warum es für unsere Nichte sehr wichtig ist, wenn sie vor ihrem achtzehnten Geburtstag heiratet. Das ist ein heikles Thema, welches eine Frau besser erklären kann.” Layla setzte sich dicht neben Peter. Sie nahm seine Hand in die ihre und sprach mit leiser Stimme: „Lieber Peter, ich werde dir einige intime Details von Saniras Leben erzählen müssen, damit du alles begreifst. Wir haben zu dir Vertrauen und wir denken, dass du dieses Vertrauen zu würdigen weißt.“ Layla atmete tief durch, bevor sie weiterredete. „Die Mutter von Sanira hat sich, gegen den Willen von Tareq, bis zum heutigen Tag geweigert, Sanira einer FGM zu unterziehen. Dies kann nach unserer Tradition nur bis zum achtzehnten Geburtstag hinausgezögert werden. Ohne FGM hat sie keine Chance von einem eritreischen Landsmann geheiratet zu werden. Es ist eine Schande für die ganze Familie, wenn nach der Hochzeit eine Mädchen ohne FGM, deshalb von ihrem Ehemann verstoßen werden würde. Trotz Aufklärung wird dieser Eingriff auch von christlichen Männern gewünscht. „Was ist das denn? FGM!” „Es heißt “female genital mutilation”, eine von allen Religionsgemeinschaften praktizierte Regel für alle Frauen in unserem und in anderen muslimischen Ländern.“ Peter war bestürzt und hörte weiter zu, ohne Layla zu unterbrechen. „Diese Beschneidung wird von einer traditionellen Beschneiderin oder von weiblichen Familienmitgliedern durchgeführt.” Peter erschrak. Davon hatte er zwar schon gehört, doch bisher hatte er sich nur um die politischen Angelegenheiten gekümmert, ohne über die Qualen dieser verstümmelten Frauen weiter nachzudenken. „Normalerweise werden Mädchen schon ein paar Monate nach der Geburt, oder bis zum neunten Lebensjahr beschnitten. Aischa, die Mutter von Sanira, hat jahrelang diesen Schritt hinausgezögert. Immer wieder hatte sie Ausreden vorgeschoben, um den Zeitpunkt zu verschieben. Sie selbst wurde schon als Sechsjährige von einer Tante behandelt. Das Mädchen wurde, nach der Beschneidung, bis auf eine kleine Öffnung der Vulva, zugenäht und kurz vor der Hochzeit wieder so weit wieder aufgeschnitten, dass sie den Geschlechtsverkehr ausführen konnte. Muslime in Eritrea behaupten, dass es religiöse Pflicht wäre, aus vielerlei Gründen, Frauen die Klitoris zu entfernen, obwohl mittlerweile die Beschneidung gesetzlich verboten wurde. Die Glaubensgemeinschaften widersetzen sich, das Gesetz zu beachten. Und es gibt keine Ankläger.” „Wie kann ich das verhindern? Heißt das, dass, wenn ich sie heirate, ich sie dadurch vor dieser barbarischen Tortour bewahren könnte?” „Ja, das kannst du als ihr Ehemann verhindern. Du bist Ausländer, du bist Christ, und wenn du Sanira heiratest, geht sie in deine Familie über, und du kannst zusammen mit deiner Familie über sie bestimmen. Am besten wäre, wenn ihr nach der Hochzeit nach Deutschland reisen würdet. Auch lautet es im Gesetz, dass unbeschnittene Frauen nach ihrem Tod nicht beerdigt werden könnten. Würde Sanira einen Einheimischen heiraten, der nicht auf die Beschneidung bestünde, müsste sie auf jeden Fall beschnitten sein, um nach ihrem Ableben eine anständige Beerdigung zu erhalten.“ „Werden nicht beschnittene Frauen nicht christlich beerdigt?” „Nein, diese Frauen gelten als unrein und erhalten keinen Gottessegen.” Peter bat noch um ein weiteres Glas Grappa. Seine Kehle war trocken. Layla brachte die Flasche und schenkte sich auch ein Glas ein. Eigentlich war es den Frauen verboten Alkohol zu trinken. Doch sie war die Frau des Gouverneurs und sie hatte Sonderrechte, ... wenn es keiner sah. Nach einem Schluck atmete sie wieder tief ein und fuhr fort: „Manche anderen Religionsgemeinschaften halten es für reiner auch die Schamlippen zu entfernen. Nach ihrer Einstellung sollte alles um den Scheideneingang glatt und eben sein. Das wäre für den Ehemann sexuell attraktiver und sauberer. Auch Christen in unserem Land sind von diesem Ritual nicht ausgenommen.” Peter, sichtlich ergriffen, trank aus, stand auf und bat dieses Mal selbst um seinen Mantel. Er hatte das dringende Bedürfnis sich zurückzuziehen. Obwohl ihn dieser Abend ermüdet hatte, konnte er keinen Schlaf finden. Vieles war zu verarbeiten und zu überdenken. Ständig erschien Sanira in ihrer Anmut vor seinen Augen. Er war sich klar, dass sie ihm sehr gut gefiel. Wenn er sie vor sich sah, fühlte er ein angenehmes Ziehen in der Magengegend. Auch kribbelte es ihn am ganzen Körper. Er sah ihren graziösen Gang, ihre schlanke, hochgewachsene Figur, hörte ihre sanfte Stimme und blickte in ihre schönen, unergründlichen schwarzen Augen. „Dieses Funkeln in ihren Augen! Bald ist es Sonntag. Dann werde ich weitersehen. Danach werde ich mich entscheiden”, dachte er, bevor er endlich einschlief. Er hatte sich hoffnungslos verliebt.

2. Kapitel - Flucht aus Eritrea

Seit 1991 waren Sanira und Peter glücklich verheiratet. Kurz nach der Hochzeit war Sanira schwanger geworden. So konnte sie nicht am Militärdienst teilnehmen. Eine weiterführende Ausbildung war ihr dadurch untersagt. Diese wurde nur unter militärischer Leitung erteilt. Esmeralda, ihre Tochter, war mittlerweile zehn Jahre alt geworden und glich in vielen Dingen ihrer Mutter Sanira. Sie war wie sie, schlank und graziös. Ihre Teint war nicht so dunkel, wie der ihrer Mutter, eher olivfarben. Auch ihre glänzenden schwarzen Haare waren nicht kraus. Sanfte Wellen reichten bis zu ihren Hüften. In einem unterschied sie sich jedoch gravierend von ihrer Mutter: Es waren ihre Augen. Sie waren smaragdgrün und leuchteten wie Diamanten. Deshalb bekam sie den Namen Esmeralda. Sie war der Stolz der ganzen Familie. Drei Jahre später kam Jonas zur Welt. Jonas war sehr aufgeweckt und überneugierig. Stets hielt er die ganze Familie mit seinen überraschenden Taten auf Trab. Sein Teint war etwas heller, als der von Esmeralda. Er hatte hellbraunes Haar und die blauen Augen von Peter geerbt. Die kleine Familie lebte gut, bedingt durch die Vorzüge der Position des Onkels. Peter hielt sich an die Anweisungen seines Freundes und gab nur belanglose Informationen an seine Dienststelle in Köln weiter, obwohl er mehrfach aufgefordert wurde, ausführlicher über die einseitig eingesetzte Macht des Diktators und über die Militärregierung zu berichten. Für Jonas war schon in seiner Kindheit klar, da nur von den Heldentaten der Rebellen während des Krieges berichtet wurde, dass er bald auch ein großer Held in der Armee seines Landes werden wollte. Spielerisch wurden Kinder in ihrer Ausbildung gefördert. Die Regierung legte sehr großen Wert auf elementare Ausbildung. Seine Abenteuerlust hatte er von seinem Vater geerbt. Neugierig auf alles, war er oft, ohne Erlaubnis seiner Mutter, auf den Straßen unterwegs. Selten kam er pünktlich nach der Schule nach Hause, da er während seiner Streifzüge durch die Stadt einfach die Zeit vergessen hatte. Er freute sich auf das College, wo er dann ganztags in der Schule bleiben konnte, ohne strenge Aufsicht seiner besorgten Mutter. Einige Universitäten waren wegen Studentenprotesten geschlossen worden. Stattdessen wurden “Colleges” aufgebaut, die dem Militär unterstanden. Nur im Militärdienst war es möglich, eine Ausbildung zu erwerben. Jonas war schon als Siebenjähriger in der ersten Schulklasse sehr fleißig und ehrgeizig. Mehr, als seine Schwester. Sie blieb lieber in der Obhut ihrer Mutter. Genau wie ihre Mutter hasste sie Gewalt und Krieg. Da sie noch keine achtzehn war, war sie von den militärischen Erziehungsmethoden noch verschont.

In den Jahren hatte sich der “Ein-Mann-Staat” zu einem Regime entwickelt, in dem kein Widerspruch gegen Isaias geduldet wurde. Es fehlte eine Verfassung, die Gründung von Oppositionsparteien und freie Wahlen. Dies war schon nach der Unabhängigkeit dem Volk von den Waffenbrüdern versprochen worden. Masuf, Tareq und dreizehn andere ranghohe Politiker und Militärs schrieben mit zehn Journalisten, darunter auch Peter, 2001 einen offenen Brief an den Diktator mit ihren Forderungen nach Reformen. Sie nannten sich “Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit (PFDJ). Isaias wartete unschlüssig zwei Monate, bis er auf seine Weise reagierte ...

„Peter, du und deine Familie müssen ausreisen. Wir sind alle in großer Gefahr”, mahnte Masuf.

„Ja, ich habe schon gehört. Einige meiner Kollegen sind ohne Begründung verhaftet worden. Und du? Bist du auch in Gefahr?”. „Isaias wird es nicht wagen, seine eigenen Gefolgsleute, wie mich und andere Waffenbrüder, zu verhaften. Aber du und deine Familie müssen aus dem Land. Sie haben schon einige von euch Journalisten verschleppt und niemand weiß, wohin sie gebracht worden sind.” Dieses Mal musste Masuf mit Peter über politische Angelegenheiten sprechen. Nun ging es um Leben oder Tod. Für alle Beteiligten. Peter machte Sanira klar, dass sie so schnell es ging aus dem Land flüchten mussten. Viele Menschen der eritreischen Bevölkerung dachten dasselbe. Zu Tausenden flohen sie vor der Diktatur ihres Landes. Entweder über das Mittelmeer, welches lebensgefährlich sein konnte, wenn das Boot und der Kapitän den Gefahren des launischen Meeres nicht gewachsen waren, oder über den ebenso sehr gefährlichen Landweg. Peter wollte über Land von Eritrea über den Sinai flüchten. Deshalb ein gefährlicher Weg, da viele flüchtige Menschen in sudanesischen Lagern landeten, aus denen sie von ägyptischen Menschenhändlern verschleppt wurden. Für diese “Opfer” wurden Lösegelder, meistens durch Folter, von den Angehörigen erpresst. Wer kein Geld einbrachte, starb vor den anderen Mitgefangenen an den schrecklichen Foltermethoden. Das wollte Peter seiner Familie ersparen. Selbst Kinder und Frauen wurden bestialisch malträtiert. Die Möglichkeit über den Seeweg nach Europa zu kommen erschien ihm für seine Familie die bessere Lösung zu sein. Außer den natürlichen Gewalten des Meeres bestand die Gefahr darin, dass professionelle Schlepper auf altersschwachen Kähnen zu viele Bootsflüchtlinge über das Mittelmeer in Richtung Italien schipperten. Für manche schon ein Todesurteil, wenn sie nicht das Glück hatten auf das richtige Boot mit einigermaßen gutem Wetter zu kommen. Auch wenn am Zielort “Lampedusa” den Flüchtlingen Schwierigkeiten für die Aufnahme nach Europa gemacht wurden, nahmen tausende von Menschen dies auf sich. Doch Peter war deutscher Staatsbürger. Seine Familie ebenso. So würden Sanira, Jonas und Esmeralda es einfacher bei der Einreise haben, da sie deutsche Familienangehörige hatten, die für sie sorgen würden. Sämtliche Einreisepapiere für die Flucht hatte er über Freunde in Dschibuti besorgt. So entgingen wenigstens sie den Gefahren, den grausamen ägyptischen Entführern in die Hände fallen zu können, die keine Gnade kannten. Um sich selbst machte sich Peter keine großen Sorgen. Er hatte genügend Geld dabei, um sich im schlimmsten Falle selbst auslösen zu können, falls man ihn schnappen würde. „Ich will ohne dich nicht gehen. Selbst wenn wir heil in Deutschland ankommen, kennen wir dein Land nicht. Die Kinder fühlen sich hier wohl und wollen bestimmt nicht weg von hier. Jonas, Esmeralda und ich wären ohne dich in Deutschland fremd und hilflos.” „Liebling, ich komme doch auch zu euch. Mein Weg dauert etwas länger, als euer Weg über das Meer. Gleich nach deiner Ankunft in Lampedusa verlangst du nach meiner Familie in Köln. Meine Eltern sind informiert und freuen sich auf euch. Ihr seid willkommen. Eure notwendigen Papiere nähen wir in deinen Rocksaum ein. Ich habe mir von Masuf fünftausend Dollar geliehen. Die nähen wir auch in den Rocksaum. Dreitausend zahlst du vor der Überfahrt an den Kapitän, den Rest behältst du als Reserve. Passe auf, dass dir keiner den Rock stiehlt. Um mich mache dir keine Sorgen. „Warum schickst du uns ohne dich auf diesen Weg?“ Auf das Boot kann ich mit euch zusammen nicht gehen. Isaias sucht mich bereits, und gut bezahlte Spione warten auf mich an den Häfen.”

Außer Peter und Masuf wurden elf der fünfzehn Dissidenten und neun Journalisten, die den öffentlichen Brief veröffentlicht hatten, am darauf folgenden Tag verhaftet. Dreizehn Männer wurden exekutiert oder verschleppt. Was mit den anderen Männern geschah, blieb unentdeckt. Leider war dieses Verbrechen im Schatten der Terroranschläge 2001 von Amerika in der restlichen Welt unbeachtet gewesen.

So machten sich Peter und sein Freund Jim in der gleichen Nacht auf den Fuß-Marsch nach Sinai. Auch Sanira und die Kinder flohen zeitgleich, begleitet von ihrer liebgewonnen Freundin Layla. Ein Schutzbeauftragter Masufs fuhr die Familie in einem Jeep der eritreischen Armee an die Küste des westlichen Mittelmeeres nach Libyen. Viele Kilometer Fahrt auf holprigen staubigen, oft nicht ausgebauten Straßen, lagen vor ihnen. Sicherheitshalber schickte Masuf auch Layla, zusammen mit Sanira, Jonas und Esmeralda nach Lampedusa. Denn auch sie war in Gefahr, falls Isaias sich doch noch von Masuf entledigen wollte. Noch war Masuf frei, doch keiner wusste wie lange Isaias noch zögern würde. Noch zögerte er seinen Vertrauten wegen Verrat am Vaterland zu verhaften. Und Masuf vertraute weiter auf dessen Einsicht und auf die Freundschaft zu seinem Mitkämpfer und Gönner. Nach vielen langen unbequemen Stunden, spät in der Nacht, erreichte die kleine Gruppe über den Sudan den Hafen von Tobruk. Hier warteten nervöse Schlepper auf die ausreisebereiten und gut zahlenden Flüchtlinge. Zuvor hatte Peter von Dschibuti aus seine Familie in Tobruk avisiert und einen Teilbetrag von zweitausend Dollar über das Telegrafenamt an die Schlepper bezahlt. Die restlichen dreitausend Dollar sollte Sanira am Morgen bei Reiseantritt direkt an den Kapitän des Schiffes übergeben. Im Morgengrauen sollte die Überfahrt in ein neues Leben beginnen. Die Frauen wuschen am Strand von Tobruk, in der seichten Brandung des Meeres, den Staub und Schmutz von ihren Kleidern ab. Sanira war vorsichtig, dass ihr verborgenen Schatz im Rocksaum nicht nass werden würde. Währenddessen schaute sich Jonas in der fremden Umgebung um. Für einen unerfahrenen Siebenjährigen war er in dieser fremden Welt noch viel zu naiv und viel zu abenteuerlustig. „Jonas bleib in unserer Nähe! Wir werden im Jeep gleich etwas essen und trinken”, rief Layla mahnend. Jonas drehte sich um und winkte im Mondschein den Frauen zu. Eigentlich wollte er in der Nähe der Frauen bleiben, doch je weiter er sich von ihnen entfernte, desto interessanter erschien ihm die fremdartige neue Umgebung. Es lockten ihn menschliche Stimmen durch die Dunkelheit. Einige schienen laut zu diskutieren und andere murmelten vor sich hin. Nach weiteren Schritten erblickte er eine schummrig beleuchtete Baracke, eine Bar mit einem rot beleuchteten Schild über der Tür. Trotzdem er schon fleißig die englische Sprache lernte, verstand er nicht, was auf dem Schild geschrieben war. Neben der Bar befand sich ein offener Schuppen. Er hörte Stimmen. Junge männliche Stimmen, die ihn aus dem Inneren des Schuppens erreichten. „Das müssen wohl Jungens sein”, dachte er erfreut. „Vielleicht können sie mir etwas über dieses unbekannte Land erzählen. Vielleicht kommen sie morgen früh mit uns aufs Schiff?” Erwartungsvoll, mit klopfendem Herzen, schlich er sich leise in den Schuppen, nahe an die Gruppe der Jugendlichen heran. Dann stolperte er über ein am Boden liegendes Holz. Die Jungen, die gerade amüsiert ihren Joint rauchten, erschraken über dieses Geräusch. Dann bemerkten sie Jonas und redeten aufgeregt auf ihn ein. Jonas verstand ihre Sprache nicht. Die Jungs wollten etwas von ihm. Sie waren sehr erregt und verunsichert. Ihre Stimmen klangen immer hektischer, ihre Gesten wurden drohender. Hilflos lag Jonas auf dem Lehmboden im Stroh und schaute zu den wild gestikulierenden jungen Männer auf. Dann empfand er die Gefahr, in der er sich befand. Er wollte weglaufen. Doch die Jugendlichen mussten ihn aufhalten, da sie wussten, dass das Verbotene, was sie heimlich taten, durch Jonas entdeckt und verraten werden könnte. Würde ihr Geheimnis entdeckt werden, würden harte Konsequenzen drohen. Entweder das gefürchtete Straflager, wenn sie Glück hätten, oder der Henker auf dem öffentlichen Marktplatz von Tobruk würde mit geschärftem Beil auf sie warten. Der Herrscher Gaddafi ging hart mit Drogenkonsumenten ins Gericht. In seinem Land duldete er keinen Konsum von Alkohol und Drogen. „Mama, ich kann Jonas nicht mehr sehen, wo ist er?”, rief Esmeralda. Aufgeschreckt rannten die Frauen aus dem Wasser und suchten den Strand ab. Sie folgten den Stimmen, die vom Hafen her kamen. Sanira rannte immer schneller. „Jonas muss sich dort aufhalten! Er ist dort”, schrie sie gellend. „Sanira, warte auf uns, wir müssen zusammen bleiben”, rief ihr Layla nach. Gehetzt durch ihren mütterlichen Instinkt und ihrer inneren Panik folgend, rannte Sanira immer schneller. Sie achtete nicht mehr auf Layla und Esmeralda, die ihr in immer größer werdendem Abstand folgten. In der Dunkelheit bewegten sich vor einer Hafenbar menschliche Gestalten. Dann erkannte sie, dass eine Gruppe von Jugendlichen auf etwas am Boden Liegendes traten. Dabei schimpften sie in einer fremden Sprache. Das Mondlicht war zu schwach, um klar das Geschehen erkennen zu können. Die Jungen ließen nicht von ihrem Opfer ab. Zusammengekrümmt lag das Bündel Mensch auf dem Boden. Das Wimmern klang grausam, erst laut und wurde nach jedem weiteren Tritt leiser. Nachdem die Jungen genug von ihren Taten hatten, rannten sie scherzend davon. Nun erkannte sie das Opfer auf dem lehmigen Boden. Aus Leibeskräften schrie sie den Jugendlichen nach, stehen zu bleiben. Gehetzt eilte sie zu dem Opfer. Sie blickte auf ihren unnatürlich gekrümmt liegenden Sohn. Jonas war kaum zu erkennen Es hatte sich eine Kruste von Blut und Schmutz auf seinem Gesicht gebildet. Seine Arme schienen in die verkehrte Richtung zu zeigen. Sie waren gebrochen. Verzweifelt versuchte Sanira ihren Jungen zu beatmen. Immer heftiger blies sie ihren Atem in seine gebrochene Nase. Seine geschwollenen Augen waren geschlossen und Jonas atmete nicht mehr. Mittlerweile waren Esmeralda und Layla nachgekommen. Als sie das Entsetzliche begriffen, versuchten sie Sanira von Jonas wegzuziehen. Doch Sanira ließ nicht von ihm ab. Er war tot. Totgeschlagen von bösartigen, bekifften Jugendlichen, die keine Skrupel hatten, den kleinen Jungen zu töten. Nachdem auch Sanira den Tod ihres Sohnes begriffen hatte, ließ sie von ihm ab und schrie herzzerreißend Jonas Namen in die schwarze Nacht. Entkräftet fiel sie in sich zusammen. Die erschütterte Esmeralda hob ihre schluchzende Mutter vom Boden auf, nahm sie in ihre Arme, um sie dann auf die andere Seite des Tatortes zu drängen. Layla hatte sich noch einmal vergewissert, ob Jonas noch zu helfen war. Tief erschüttert stand sie neben dem Leichnam. Mittlerweile hatte sich eine Traube von schaulustigen Matrosen und betrunkenen Seeleuten am Platz des grausamen Geschehens versammelt. Sie verstummten, als sie das tote Kind auf dem blutgetränkten Lehmboden sahen. Einer von ihnen hob den Leichnam auf und trug ihn behutsam in den Innenraum der Bar. Das Licht war schummrig, doch hell genug, um die Verletzungen des Jungen erkennen zu können. Er war fürchterlich zugerichtet. Einige der Zuschauer drehten sich betroffen ab. Andere erbrachen sich im Raum. „Er ist tot. Wer seid ihr? Wo kommt ihr her? Ist das euer Kind?”, fragte der Barbesitzer in schlechtem Englisch. Auch er war entsetzt, über das, was er sah. Die weinende Layla erklärte die Umstände ihres Hierseins. Sprachlich verstand der Wirt nur die Hälfte. Doch er begriff, dass sich für diese Familie eine Tragödie ereignet hatte. Jedoch musste er schnell handeln. Alle Spuren mussten schnellstens beseitigt werden, um sich selbst und die Flüchtenden zu schützen. Er erklärte, dass die Leiche schnell begraben werden musste, bevor die Hafenpolizei sie finden würde. Denn dann, wenn das Verbrechen aufgedeckt werden würde, könnten sie unmöglich den illegalen Weg in die Freiheit antreten. Sie würden mit Sicherheit nach Eritrea zurückgeschickt werden. Doch Sanira wollte nicht mehr weiter gehen. Mit ihrem Sohn zusammen wollte sie begraben werden. Layla ermahnte sie, an die Zukunft von Esmeralda zu denken. Und daran, welche Konsequenzen es für sie alle hätte, wenn sie als Verräterinnen in ihre Heimat zurückgeschickt werden würden. Die Frauen wussten zu gut, dass sie mit ihrem Tod zu rechnen hatten, denn jeder, der aus Eritrea zu fliehen versuchte und auf der Flucht gefasst wurde, wurde ausnahmslos hingerichtet.

Die trauernden Frauen bestiegen im Morgengrauen das wartende Fischerboot. Vorher kassierte der Kapitän den Rest seines Honorars. Da Sanira nicht dazu imstande war, übernahm dies Layla. Sie überredete Sanira ihren wertvollen Rock Esmeralda zu übergeben. Unzählige Menschen, meistens Männer, standen wartend am Strand, um auf das Schiff aufgenommen zu werden. Ein paar Kleinkinder mit ihren Müttern waren unter ihnen. Verschiedene Sprachen wurden untereinander gesprochen. Sie kamen von Ländern, in denen Krieg und Zerstörung herrschte. Aus Syrien, Afghanistan oder Somalia. Politisch Verfolgte, desertierte Soldaten, oder Menschen, die dem Hunger und dem Elend des eigenen Landes zu entfliehen versuchten. Alle wollten auf das Boot. Zu viele Menschen für ein Boot wagten die lebensgefährliche Passage über das Meer. Esmeralda stütze ihre apathisch wirkende Mutter auf dem Weg ins Boot. Layla blieb dicht hinter ihnen. Deshalb, falls sich Sanira doch noch anders besinnen würde und sie doch noch bleiben wollte und sie es dann verhindern konnte. Sie dachte über die vergangene schreckliche Nacht nach, als einer der Matrosen den kleinen Körper von Jonas, eingewickelt in einer schmutzigen Tischdecke, in das ausgeschaufelte Grab legte und Sanira zu ihrem Jonas in das Grab gesprungen war. „Begrabt mich mit ihm, ich werde bei ihm bleiben”, schrie sie in die Nacht. Zwei Männer hatten Mühe Sanira mit Gewalt aus dem Grab zu holen, bevor sie Jonas mit der Erde bedeckten. Dicht gedrängt saßen die Flüchtlinge auf den Holzbänken, die quer über das Boot genagelt waren. Über den Köpfen war eine Plane gespannt, die aufkommenden Regen abhalten sollte. Als kein Zentimeter zwischen den Passagieren mehr frei war, begab sich der Kapitän und der Schleuser mit gut gefüllten Geldtaschen in die Kapitänskajüte und die Fahrt ging los. Langsam entfernte sich das tuckernde Schiff von Tobruk. Das Meer war ruhig, der Himmel war grau, es wehte ein lauer Wind. Teilnahmslos saß Sanira zwischen Esmeralda und Layla, fest eingeklemmt.

3. Kapitel - Sinai, Halbinsel des Schreckens und der Folterknechte

Zusammen mit seinem Freund Jim Dorney, ein amerikanischer Journalist, flüchtete Peter entlang der mühsamen langen Strecke von Eritrea bis auf den Sinai, um von dort aus über Israel nach Europa zu kommen. Jim war ebenso ein Fürbitter der sogenannten “Gruppe der 15“, die sich aus ranghohen Mitgliedern der Regierungspartei: “Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit”, zusammensetzte. An der eritreischen Grenze trafen sie auf Mustafa, ein eritreischer Staatsbürger, der wie sie die Reise in die Freiheit wagte. Er war noch sehr jung und wollte nicht sein ganzes Leben in den Mühlen des strengen Militärregimes verbringen. Mit Gutheißen und dem Geld seiner Eltern suchte er sein Glück in der ersehnten Freiheit. Erschöpft und müde erreichten sie ihr Ziel in einem östlich gelegenen sudanesisches Lager für Flüchtlinge. Dort erhielten sie gegen bare Dollar frisches Wasser, etwas Brot und ein Feldbett in einem Durchreiselager für die Nacht.

„Ihr müsst vorsichtig sein. Versucht nicht zu fest zu schlafen. Am besten gar nicht, denn manchmal kommen nachts ägyptische Menschenhändler, Beduinen, unbemerkt hereingeschlichen, um solche Leute wie euch zu verschleppen”, sagte ein freundlich wirkender sudanesischer Helfer, der den Männern die Betten zuwies. „Keiner weiß, wie sie es schaffen über die bewachten Zäune hereinzukommen. Sie suchen bewusst Flüchtlinge aus Eritrea aus, um sie auf den Sinai zu verschleppen und um sie dort zu verkaufen, um dann von den Angehörigen in Europa Lösegeld zu erpressen.” „Was ist mit den ägyptischen Grenzbeamten?”, fragte Peter. „Die schauen weg. Warum, das könnt ihr euch sicher vorstellen.” Dabei zeigte er das internationale Zeichen für Geld. Er rieb den Daumen an den Zeigefinger. „Das gleiche gilt auch an der mehr als tausend Kilometer nördlich entfernten Qantara-Brücke, die vom Festland über den Suez-Kanal auf den Sinai führt“, warnte er. „ Wenn ihr genug Dollars bei euch habt, lassen euch die Sicherheitskräfte ohne Probleme passieren.” Beunruhigt legten sie sich auf die unbequemen Betten. Zum Vorteil, dass sie, trotz ihrer Müdigkeit nach dem langen Marsch, nicht zu tief einschliefen. Sorgenvoll dachte Peter an seine Familie. „Hoffentlich ist alles glatt gelaufen. Sie müssten jetzt auf dem Boot sein. Sanira hat genug Geld, um mit den Kindern reibungslos auf dem Boot aufgenommen zu werden. Auch Layla war finanziell gut versorgt. Wenn die Überfahrt über das Mittelmeer einigermaßen ruhig ist, werden sie die Überfahrt überstehen und es wird für sie bei Ankunft in Lampedusa nicht mehr schwierig sein, dass die Behörden sie zu meinen Eltern schicken.“, dachte er. „Mutter war ganz aufgeregt. Sie wollte alles von euch wissen. Sie wartet schon ungeduldig auf unsere Ankunft”, munterte er damals, seine zweifelnde Frau auf. Dieser Gedanke beruhigte ihn erst einmal. Gabi, seine Mutter war überglücklich, als er mit ihr telefonierte und ihr sagte, dass er bald mit seiner Familie zurück nach Deutschland kommen würde. Sie versprach ihm, dass sie vorher alles Notwendig tun würde, wenn Sanira mit den Kindern angekommen sei. Auf sie war Verlass. Das wusste er noch aus seiner Kindheit. Sie hatte einen starken Willen, den sie stur, wenn auch manchmal gegen den Willen ihres Mannes, durchsetzen konnte. Das Licht in dem riesigen Flüchtlingslager war erloschen. Es brannte nur schwach die Notbeleuchtung. Ein primitives Toilettenhäuschen war vor dem Lagereingang aufgestellt. Seinem Harndrang folgend stand Peter auf, um die Toilette vor dem Zelt aufzusuchen. Hinter der verschlossenen Tür des Häuschens hörte er herankommende, schleichende Schritte. Ein winziges Guckloch an der Toilettentür erlaubte ihm einen eingeschränkten Blick auf das Lager. Erschrocken sah er, dass sich eine Gruppe von verkleideten Männern dem Lager näherten. Schwarze Mäntel mit schwarzen Kapuzen verbargen ihr Aussehen. Leise schlichen sie in den Schlafraum. Sie waren mit gebogenen Säbeln und Pistolen an ihren Gürteln bewaffnet. Peter ergriff die Panik, das Blut gefror in seinen Adern. „Ich muss ihnen helfen!”, dachte er, doch unfähig in seiner lähmenden Panik zu handeln. Sie waren auf der Suche nach gewinnbringenden Opfern für ihre grausamen Machenschaften. „Sie werden Menschen entführen. Ich muss Jim und Mustafa warnen”, hämmerte es in seinem Kopf. Doch auch er war in Gefahr. Seine Jacke mit dem Geld in der Jackentasche hatte er auf seinem Bett zurückgelassen. Dann sah er, wie einer der Verbrecher mit seiner Taschenlampe über die Gesichter der schlafenden Männer leuchtete. Er zog seinen Säbel hervor und packte Mustafa. Er zog seinen Kopf an den Haaren hoch und hielt ihm drohend den Säbel an seine Kehle. Mustafa verstand und blieb stumm vor Angst und Schrecken. Er wehrte sich nicht. Heftig und schnell drängte der Entführer Mustafa aus dem Zelt. Mittlerweile war ein anderer Scherge am Bett von Jim angelangt. Peter wollte ihn warnen und ihm zurufen. Doch der Entführer ließ von ihm ab. „Zu kompliziert. Ein Weißer, blonde Haare, womöglich ein Berichterstatter aus Europa. Das könnte große politische Schwierigkeiten geben.” Glück für Jim. Hinter dem Feldbett von Mustafa lag fest schlafend ein anderer junger Mann. Sein Atem war ruhig. Er schlief tief. Seinem Aussehen nach schien er ebenso aus Eritrea zu kommen. Auch diesem Mann drohte ein unglückliches Schicksal, als er unter Gewaltandrohung gezwungen wurde aufzustehen und fast lautlos weggezogen wurde. Widerstandslos und schreckensbleich ging auch er mit seinem Entführer seinem Elend entgegen. Peter konnte diese Szenen nicht weiter untätig mitansehen. Langsam löste er sich aus seiner Erstarrung. Mit seinen Fäusten hämmerte er gegen die geschlossene Toilettentür aus seiner vermeintlichen Sicherheit und schrie aus Leibeskräften:„Macht, dass ihr verschwindet. Wenn ihr die Gefangenen nicht freilasst, bringe ich euch um!” Jim wurde wach. Geistesgegenwärtig griff er unter seine Matratze und richtete drohend seine Pistole gegen die Vermummten. Eiligst verließen die Schergen mit ihren Gefangenen das Lager. Die anderen Menschen im Lager waren ebenso wach geworden und blickten ängstlich den Verbrechern hinterher. Draußen, vor dem Lager, startete ein Motor, der dem Klang nach von einem großen Fahrzeug stammen musste. Jetzt kamen verschlafene Wärter mit Gewehren aus ihren Schlafräumen des Lagers. Jedoch war keiner von dem Geschehen der Nacht überrascht. Peter rannte zu seinem Begleiter Jim. „Jim ich habe alles mitangesehen, ich war auf der Toilette, als sie kamen.” Jim war hellwach. Instinktiv suchte er in seiner Hosentasche nach seinem Geld. Es war noch da. Auch Peter suchte in seiner Jacke, die auf dem Bett lag, nach seinem Geld. Er hatte sie in der Hitze der Nacht ausgezogen und hatte auf ihr geschlafen. Auch sein Geld war noch in den Taschen. „Wir müssen Mustafa helfen. Komm! Noch ist es nicht zu spät!”, drängte Peter.„Wie stellst du dir das vor? Die sind gefährlich und bewaffnet. Wir haben keine Chance! Und wie sollen wir einem fahrenden Auto folgen?” „Wir werden sie finden und sie stellen. Schließlich gibt es auf der ganzen Welt eine Polizei! Wieso ruft denn keiner die Polizei?“ Ein sudanesischen Helfer, der interessiert zugehört hatte, versuchte ebenso wie Jim, Peter von seinem Vorhaben abzuhalten. „Die Polizei schaut weg. Dabei rieb er wieder den Daumen mit dem Zeigefinger. Ihr ahnt nicht, wie gefährlich und brutal diese Entführer sind. Seid froh, dass ihr noch hier seid und sie nicht euch mitgenommen haben. Manchmal nehmen sie auch Weiße mit. Die bringen durch ihre Heimatregierung viel Lösegeld ein.” Darüber hatte Peter von seinen Kollegen in Deutschland erfahren. Der Handel mit Entführungen blühte für Terrorgruppen, die unter anderen mit „al Quaida“ verbündet sind. Unter den Opfern der gequälten Menschen seien außer Eritreer auch Äthiopier, Sudanesen und Somalier. Diese Vorfälle zählten zu einer der größten Tragödien Afrikas. Der Morgen kam, Jim zog schnell seine Kleidung an und forderte Peter auf, dies ebenso zu tun, um weiter zu reisen. Der Weg war noch weit bis zu ihrem Ziel. Die ersten Sonnenstrahlen leuchteten glutrot über die karge Landschaft. Den Männern wurde heißer Kaffee und eine Art von hartem, geschmacklosen Brot gereicht, bevor sie aufbrachen. „Wir müssen auf dem Sinai nach Mustafa schauen”, meinte Peter, als sie ihren Fußmarsch antraten. „Ich habe meine Pistole in meinem Rucksack”, sagte Jim.

„Ich habe einen scharfen Dolch von meinem lieben Freund Masuf im Gepäck. So können wir uns einigermaßen wehren.” Der Weg war meistens steinig und unbefestigt. Die Sonne stand bereits am Zenit und brannte erbarmungslos auf sie herab. Endlich, nach zwei Tagen Marsch, erreichten sie die ägyptische Grenze zu der Sinai-Halbinsel. Die Grenzbeamten empfingen sie wie Verbrecher. Ohne Notiz von ihnen zu nehmen ließen ägyptische Sicherheitskräfte sie über mehrere Stunden in der Polizeiwache sitzen. Peter sprach mehrmals den Sicherheitsmann an, um sie anzuhören und um sie durchzulassen. Während sie in dem Wachraum warteten, sahen sie unter den auf Einlass wartenden Menschen, verwundete Männer und Frauen, die von schlimmsten Folterqualen in Gefangenschaft, durch Beduinen, berichteten. Sie hatten überlebt. Einige saßen schon über Wochen vor den Polizeiwachen. Keiner kümmerte sich um ihre Rechte, die den Entführten internationalen Vereinbarungen zufolge zustanden. Die ägyptische Regierung scherte sich einen Teufel darum, obwohl sie 1951 die Flüchtlingskonvention ratifizierte. Gegenüber von Peter saß eine eritreische Frau in zerlumpten schmutzigen Kleidern und erzählte von ihrer schrecklichen Geschichte: „Vor meinen Augen hatten sie meinen Mann, erst durch Schläge mit Eisenstangen, dann durch Elektroschocks an den Genitalen, erpresst, die Telefon-Nummern von unseren Verwandten in Europa preis zu geben. Als mein Mann bewusstlos gewesen war, hatten sie ihn mit brühend heißem Wasser übergossen, bis er qualvoll an seinen Verbrennungen und Verletzungen gestorben ist.”Bei der Beschreibung dieser Grausamkeiten war sie nicht mehr in der Lage zu weinen. Ihre Augen waren stumpf und blickten ins Leere, während sie ihre traurige Geschichte erzählte. Sie sah wie eine Greisin aus, doch aus ihren Erzählungen zu schließen, musste sie um die dreißig sein. „Als sie bemerkt hatten, dass er tot war, hatten sie mich vergewaltigt. Meinen Mann schoben sie mit den Füßen zur Seite und mich legten sie auf einen Holztisch in der Zelle. Es waren sechs oder sieben. Ich weiß es nicht mehr. Sie waren sehr brutal und waren fast alle betrunken … Sie wollten von mir die Telefonnummern von unseren Verwandten in Europa.“ Nun konnte sich nicht mehr weiter sprechen. Peter war zutiefst berührt und machte sich darüber Notizen. Er war wütend und sich sicher, dass er der Welt über diese Niedertracht berichten würde. Nein, er würde die Welt dafür anklagen, weil sie tatenlos wegschaute. Wenn ihm keiner zuhören wollte, würde er diese Abscheulichkeiten mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln in die Welt hinausschreien. Dazu fühlte er sich als Reporter verpflichtet! Während er seine Notizen machte, kreisten seine Sorgen um Sanira, Jonas und Esmeralda. Eine andere somalische Frau berichtete von weiteren Gräueltaten. „Kindern wurden sogar Gliedmaßen abgetrennt, das vor den Augen der eigenen Familie. Es wurden ihnen Organe herausgeschnitten, um sie zu verkaufen, wenn die Eltern oder Angehörige aus dem Ausland nicht zahlen konnten.” Auch diese Frau sah erbärmlich aus. Ihre geschwollenen, blau geschlagenen Augen lagen tief in dunklen Augenhöhlen. Jim wollte den Raum verlassen, da es ihm schlecht wurde. Doch erst nach Erlaubnis des anwesenden Sicherheitsbeamten und unter Begleitung eines anderen Beamten durfte er die Toilette aufsuchen. Peter hörte weiter gebannt zu. Die eritreische Frau hatte sich wieder beherrscht und erzählte ihre Geschichte zu Ende: „Meine Peiniger hatten mich blutend und geschunden in der Zelle zurückgelassen und mein toter Mann lag immer noch neben mir auf dem Fußboden. Dann hatte ich das Bewusstsein verloren. Irgendwann bin ich wieder wachgeworden. Ich rief meine Folterknechte , um ihnen alle Telefon-Nummern oder Adressen meiner Familie zu nennen. Die Nummern und Adressen, die mir eingefallen waren. Erst nachdem sie alles überprüft hatten, und wohl ihr Geld hatten, konnte ich gehen, um dann hier zu landen in einem Ort ohne Weiterkommen”, fuhr sie traurig mit schwacher Stimme fort. „Meine Familie zahlte für meine Freilassung 30000 Dollar. Ich weiß nicht, woher sie das Geld hatten.” Sie brauchte Zeit, um weiter sprechen zu können. Peter hörte weiter zu und notierte sich jede Einzelheit. „Jetzt sitze ich hier in der Polizeistation und warte auf ein Wunder. Ich will endlich zu meiner Familie!” „Ja, du hast einen sehr hohe Preis bezahlt, mit dem Leben deines Mannes und die Schändung deiner Person und deiner Seele”, dachte Peter mitleidig. Die anderen Wartenden hörten teilnahmslos zu. Ab und zu erhob einer der Misshandelten den Kopf und nickte zustimmend zu den Schilderungen. Jim war inzwischen wieder zurückgekehrt. „Ich habe eben mit einem Grenzbeamten vor der Toilettentür gesprochen. Er wird uns helfen. Kostet uns zusammen 2000 Dollar. Hast du die Hälfte bei dir?” Peter nickte und Jim nickte diesem Beamten zu, der wartende an der Tür stand und lauerte. Er forderte die beiden Journalisten auf den Raum mit ihm zu verlassen. Peter und Jim folgten ihm durch den Flur. In einem der spärlich eingerichteten Büros saßen zwei weitere Grenzbeamte. Ohne Worte legte Jim die abgezählten 2000 Dollar auf den Schreibtisch. Lächelnd nahm der Leiter der Polizeistelle das Bündel Geldscheine und steckte es in seine Hosentasche. „Meine Herren, es tut mir unendlich leid, dass Sie beim Passieren der Grenze hier in Ägypten Unannehmlichkeiten erleben mussten. Durch die Vielzahl der ankommenden Flüchtlinge, sind unsere Möglichkeiten leider eingeschränkt. Doch nun sind alle Einreisepapiere für Sie beide ausgestellt. Sie können die Grenze problemlos passieren. Viel Glück bei ihrer Weiterreise.” Schweigend, ohne zu antworten, verließen Jim und Peter, mit den notwendigen, zur Ausreise gestempelten Papiere, die Station.

4. Kapitel - Esmeralda

Nachdem sich Esmerald a einigermaßen von den körperlichen Strapazen erholt hatte, besuchte sie ein Beamter von der italienischen Einreisebehörde. Die freundliche Krankenschwester half ihr zuvor in die für Flüchtlinge zur Verfügung gestellten Kleidungsstücke.„Wo sind meine Kleider?”, fragte sie in Erinnerung daran, dass darin ihr Geld und ihre Papiere eingenäht waren. Dann wusste sie von Dr. Fontane, dass man die Formulare in ihrem Rock gefunden hatte. Was war mit dem Geld? „Deine eigene Kleidung liegt sicher aufbewahrt in einer dafür vorgesehenen Station. Dein Geld ist sicher in unserer Abteilung für Besitztümer von Flüchtigen aufbewahrt. Dr. Fontane wird es dir, wenn deine Reise weiter geht und du es wünschst, aushändigen. Er wird persönlich dafür sorgen, dass du bald sicher bei deiner Familie in Deutschland sein wirst.” Esmeralda atmete erleichtert durch. „Du hast großes Glück. Die meisten anderen Menschen, die hier angekommen sind, kamen ohne Papiere in unser Lager. Alle behaupten, dass sie europäische Verwandte hätten. Doch viele haben niemanden. Dann wissen die Beamte nicht, was sie mit ihnen anstellen sollen. Fast keiner der europäischen Staaten will sie aufnehmen.Wir erleben hier sehr viel Elend. Es ist zu traurig.“ Zusammen mit einem Beamten der Einwanderungsbehörde betrat Dr. Fontane das Zimmer. Aufmerksam hörte er dem Beamten bei seiner Befragung zu. Er wollte eingreifen, falls dieser Esmeralda mit seinen Fragen überfordern oder sogar verletzen würde. Zu viel hatte das arme Mädchen erleiden müssen. Sie tat ihm leid. Esmeralda berichtete von der Flucht, von dem Tod ihres kleinen Bruders und von ihrer noch immer vermissten Mutter. Auch über das ungewisse Schicksal von Layla. Der Beamte schien mit ihr mitzufühlen. „Es tut mir sehr leid, dass wir deine Mutter und deine Freundin nicht gefunden haben. Aber es wird immer noch nach Überlebenden gesucht. Vielleicht konnte sich deine Mutter selbst retten. Gib die Hoffnung nicht auf”, sagte Dr. Fontane und drückte dabei ihre Hand. Der Beamte nickte zustimmend. „Wir schicken dich rüber aufs Festland. In Mailand wird eine italienische Dame von der Einreisebehörde im Flughafengebäude für dich und alles weitere sorgen. Sie organisiert dir den Flug nach Frankfurt und wird deine Großeltern über deine Ankunft unterrichten.” „Dein Geld gebe ich dir zurück, wenn alles veranlasst ist. Davon bezahlen wir deinen Flug nach Mailand. Den Rest zahlen wir dir aus”, sagte Dr. Fontane.„Was wird, wenn meine Mutter gefunden wird? Sie hat doch keine Papiere mehr?” „Daran haben wir auch schon gedacht. Wir haben deine Papiere kopiert und amtlich beglaubigt. Wenn wir sie gefunden haben, werden wir dafür sorgen, dass sie sicher zu deiner Familie nach Deutschland kommt.” Dies glaubhaft auszusprechen fiel Dr. Fontane schwer. Er hatte die Hoffnung aufgegeben, dass Sanira lebend gefunden wird. „Sie hat doch kein Geld!”, Esmeralda war den Tränen nahe. Sie wollte nicht ohne ihre Mutter weiter reisen. „Auch darüber musst du dir keine Sorgen machen. Es ist üblich, dass Flüchtlinge von unserer Regierung ein paar hundert Euro und befristete “Schengen-Aufenthaltspapiere” ausgestellt bekommen. Sie wird es in Frankfurt vorlegen und deine Großeltern können ihr dann weiterhelfen.” Der Beamte schien überzeugt, dass er seine Pflicht getan hat und ließ die traurige Esmeralda mit Dr. Fontane zurück. Danach trat die Schwester mit einem kleinen Bündel ihrer verpackten Kleidung ein und überreichte ihr einen Umschlag mit ihrem restlichen Geld in Dollarnoten.

Der Flug war ruhig. Esmeralda war viel zu aufgeregt, um Angst vor dem unbekannten Gefühl, in einem Flugzeug zu fliegen, zu spüren. Gleich nach ihrer Ankunft in Mailand führte ein italienischer Einreisebeamte Esmeralda in einen Nebenraum des Flughafengebäudes. Dort erwartete sie eine freundlich aussehende Dame. Sie war in den mittleren Jahren, hatte ihre schwarzen Haare zum Knoten im Nacken zusammengebunden und trug eine schwarz umrandete Brille auf ihrer Nasenspitze. Als Esmeralda mit ihrer Begleitung den Raum betrat, blickte Signoreia Murano über ihren Brillenrand auf sie. Vor ihr lagen ausgebreitete Akten. „Komm setz dich auf den Stuhl.” Italienisch verstand Esmeralda. Dabei deutete sie auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. Zögerlich und schüchtern setzte sich Esmeralda. „Erst einmal herzlich willkommen in Italien. Ich bewundere deinen Mut und freue mich, dass du es geschafft hast hierher zu kommen. Ich kenne deinen Weg. Die Akte liegt vor mir”, dabei schaute sie das Mädchen mit wachen klugen Augen mitfühlend an. Esmeralda nickte etwas erleichtert und langsam lösten sich die in ihr aufgestauten Spannungen. Sie verlor ihr Misstrauen. „Sie scheint wirklich sehr freundlich und hilfsbereit zu sein”, dachte sie erleichtert. „Deine Eineispapiere sind fertig. Dein nächster Flug nach Frankfurt ist für den Nachmittag gebucht und deine deutsche Familie wird dich noch heute, spät am Abend, nach deiner Landung in Frankfurt abholen. Was sagst du dazu?” Esmeralda konnte es nicht fassen. „Meine deutsche Familie wird mich erwarten?” Wie unwirklich klang das für sie. Wildfremde Menschen. Wie kann sie ohne ihre geliebte Mutter all das ertragen? „Komm mein liebes Kind, wir gehen erst mal was Ordentliches Essen. Das Essen im Flugzeug ist oft ungenießbar. Wir Italiener legen sehr großen Wert auf gutes Essen und bieten die beste Küche der Welt. Hier im Flughafen gibt es ein sehr gutes Pasta-Restaurant. Du magst doch Spaghetti – oder?”, dabei dachte sie, dass alle Kinder Spaghetti mögen. Esmeralda nickte. Sie kannte die italienische Küche aus Eritrea. Nur stand Pasta selten auf dem Speiseplan. Nudeln waren Mangelware und, falls man sie überhaupt kriegen konnte, sehr teuer. Sie nickte. Noch immer hatte sie nicht gesprochen. Signoreia Murano stand auf, klappte die Unterlagen zusammen und klemmte den Ordner unter ihren Arm. Brav folgte ihr Esmeralda. Jetzt erst bemerkte sie bewusst die Umgebung im Flughafen. Das hektische Treiben und die Geräusche waren ihr vollkommen fremd. Viele Menschen rasten durch die Gänge, begleitete von rollendem Gepäck, klappernden Schritten, elektronischen Durchsagen von Lautsprechern und leuchtenden riesigen Tafeln mit Angaben von Anreise- und Abreiseflügen drangen an ihre Sinne. Das alles war neu und fremd und schwer für sie zu verarbeiten. Signoreia Murano nahm das eingeschüchterte Mädchen an die Hand und führte sie in ein Restaurant. Auch hier verschlug es Esmeralda die Sprache. Sie erblickte eine für sie edle Einrichtung. Teakhölzerne Bodenbeläge, chromfarbene Sessel zu chromfarbenen Tischen, so etwas hatte sie noch nie gesehen. Platzdeckchen und gefaltete Servietten mit hübschem Besteck zierten die Tische. Als sie Platz genommen hatten, nahmen sie von einem freundlichen, gutaussehenden Kellner die Speisekarte entgegen. Was Esmeralda zu lesen bekam, erschien ihr wie aus einem Märchenbuch. Sanira hatte ihr in ihrer Kindheit oft vor dem Schlafengehen aus alten italienischen Büchern vorgelesen. Da gab es auch solche Speisen. Man trank roten Wein dazu, erinnert sie sich. Der Kellner konnte bei der Aufnahme der Bestellung seinen Blick von Esmeralda nicht abwenden. „Diese Augen von diesem Mädchen, sie leuchten unbeschreiblich schön”, dachte er, als Frau Murano die Bestellung aufgab. Wieder saß sie in einem Flugzeug. Dieses Mal war sie nicht mehr so verängstigt und unsicher. Neugierig sah sie aus ihrem Fenster, als der Flugzeugkapitän die Landung in Frankfurt ankündigte und das Flugzeug sich im Landeanflug befand. Unter ihr glitzerte und funkelte es, wie über einem Meer von aufgereihten Diamanten, als das Flugzeug über Frankfurt kreiste. Dann sah sie die Lichterketten über den Straßen. Das Flugzeug sank langsam zu Boden. Dann leuchteten die Anzeigen über den Sitzen mit dem Anschnallzeichen auf. „Jetzt bin ich gleich bei der Familie meines Vaters”, dachte sie voller Erwartung und mit klopfendem Herzen. Auch dieses Mal wurde sie von zwei Grenzbeamte direkt am Flugzeugausgang erwartet. Sie führten sie zur Passkontrolle. Zwei deutsche Männer in Uniform saßen vor ihr in zwei Schaltern in einem Panzerglaskasten. Die Passagiere vor ihr liefen ungehindert mit vorgehaltenen Pässen durch die Kontrollen. Die Beamten schauten aufmerksam auf jeden passierenden Reisenden. Ihre Begleiter legten die Papiere von Esmeralda vor. Der Beamte sah sich sie sich an und nickte. Nach der Passkontrolle schaute sie erwartungsvoll in das hektische Geschehen vom Flughafen. Zielstrebig gingen ihre Begleiter zu einem älteren Paar, das wartend auf Ledersesseln in der Ankunftshalle saß. „Das müssen sie sein”, dachte sie. Als das Paar, sie eine schlanke blonde Frau, er etwas untersetzt mit braunen Haaren, auf sie zutraten, war sie sicher, „das ist meine neue Familie!”

5. Kapitel - Tel Aviv – Peter und Jim

Als Peter und Jim auf der Sinai-Halbinsel ankamen, erwartete sie auch hier ein unmenschliches System von Menschenhand geführt. In dem meist rechtsfreien Raum zwischen Ägypten und Israel konnten Entführer, Menschenhändler, Folterer tun und lassen was sie wollten. Die beiden Abenteurer nahmen sich vor, über ihren mühsamen und gefährlichen Weg weiter zu recherchieren und zu berichten. Ihr Ziel war auch Mustafa zu finden und ihm zu helfen. Als sie den Sinai passierten, sahen sie vom Berggipfel aus ein Gebäude in einem scheinbar unbewohnten Gebiet. Es war grau betoniert und fügte sich unauffällig in die karge, steinige Landschaft ein. Instinktiv spürten sie die Gefahr. Geduckt schlichen sie zu dem Gebäude. Vor dem Eingang waren schwer bewaffnete, schwarz gekleidete Männer, postiert. Plaudernd standen sie vor dem Eingang. „Wir müssen die Dunkelheit abwarten”, meinte Peter. Jim nickte ihm zu. In einem dicht bewachsenen Gebiet fanden sie Unterschlupf. Die glühend heiße Sonne senkte sich in leuchtenden rot-orangen Farben bis zu violetten Tönen hinab ins Tal. Dann war das Lager nur noch durch das Licht des Mondscheins zu erkennen. „Hast du deine Pistole geladen?”, fragte Peter. „Wir werden sie brauchen.” Es hatte sie viel Überredungskünste, vor allem eine weitere Summe von Dollarnoten gekostet, die Pistole behalten zu dürfen. Die Grenzbeamten an der ägyptischen Grenze wollten sie konfiszieren. Auch das Messer von Peter. „Ja, natürlich, lass uns langsam runter gehen. Wenn wir am Gebäude sind, schauen wir durch die vergitterten Fenster, vielleicht finden wir Mustafa, vielleicht ist er in einer der Zellen untergebracht.” Beide hofften ihn nicht in diesem nach Tod und Folter riechenden Gebäude zu finden. Sie ahnten von dem Grauen, dass sich hinter diesen Wänden abspielte. So krochen sie auf dem Bauch durch das dichte, hochgewachsene, struppige Gras zum Gebäude. Noch immer waren Wachposten aufgestellt. Doch sie waren nur vor dem Eingang des Gebäudes postiert. Als sie sich näherten, hörten sie wimmernde menschliche Laute durch eines der vergitterten Fenster dringen. Im Inneren brannte schwaches Licht. Peter kroch zu dem Fenster. Als er sich erhob, vernahm er einen schneidenden Luftzug und spürte einen stechenden Schmerz auf seinem Hinterkopf. Es wurde dunkel um ihn.

Mit dröhnendem Schädel erwachte er aus seiner Bewusstlosigkeit. Es war dunkel. Er roch Urin und Erbrochenes. Dann schien es in dem Raum, in dem er sich befand, heller zu werden. Das Mondlicht schien durch ein vergittertes Fenster auf den Boden einer Zelle. Er lag auf einem feuchten Steinboden. Seine Handgelenke waren in Eisenketten an die Wand gefesselt. Dann erreichte ihn die Erinnerung. „Wo ist Jim?” Die Handgelenke und sein Kopf schmerzten. Er musste bluten, denn er schmeckte sein eigenes Blut auf seinen Lippen. Mechanisch griff er an seinen Hinterkopf. Die Kopfhaut war warm und feucht. Niemand schien von dem Geschehen Notiz zu nehmen. Erst dachte er, er wäre allein in diesem kalten feuchten Raum. Doch dann, nachdem sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, blickte er auf eine liegende Gestalt. Sie lag auf der anderen Seite des Raumes. „Hey, wer bist du?”, rief er erst in Englisch. Dann in Tigrinya, dann in Italienischer Sprache. Doch das Bündel Mensch gab keine Antwort. Schien tot zu sein. Peter versuchte auf dem Rücken liegend, mit ausgestreckten Beinen, sich auf die andere Seite hinüber zu schieben, um den Daliegenden mit seinen Füßen zu berühren. Es gelang ihm nicht, der Abstand war zu weit entfernt. Nochmals rief er in Englisch: „Wach doch auf, wer bist du?” Er dachte, dass es sein Freund sein könnte. Jetzt bewegte sich der Körper. Jede Bewegung schien ihm körperliche Schmerzen zu bereiten. Mühsam krächzte eine männliche Stimme in deutscher Sprache: „Ich bin Stefan Hellmann, deutscher Staatsbürger, lassen sie mich frei, ich unterstehe der HRW, der Human- Rights-Watch, einer Menschenrechtsorganisation!” Diesen Satz wiederholte er ständig. Er schien verwirrt zu sein und schien nicht zu begreifen, dass er in seiner Angst zu einem Mitgefangenen sprach. Der Mann war nicht ansprechbar. Peter wartete verzweifelt auf den nächsten Morgen. Als es hell wurde, erschien ein mit einem Säbel bewaffneter Wachmann in schwarzer Kleidung in der Zelle. Sein Gesicht war vermummt. Rabenschwarze Augen blickten streng auf ihn. Er sagte kein Wort, als er zwei verbeulte Blechschalen mit kalter Ziegenmilch auf dem Boden abstellte. Dann warf er jeweils ein Stück trockenes Brot zu den Gefangenen. Der vermeintliche Deutsche griff nach der Schale und trank gierig die Milch. Dabei stopfte er das trockene Brot in seinen Mund. Dann erst bemerkte er seinen neuen Mitgefangenen. Misstrauisch betrachtete er ihn. Seine Augen waren blau-lila unterlaufen und eines davon war zugeschwollen. Seine Lippen waren aufgeplatzt und vom Blut verkrustet. Sein Hemd war zerrissen und bot einen schrecklichen Blick auf Verletzungen auf seiner Brust. Tiefe Schnitte und Entzündungen waren auf der Haut zu sehen. Das Blut darüber war verkrustet und schmutzig. Auch er war mit Ketten gefesselt, die an der Wand befestigt waren. Peter war erschüttert und bekam Angst. Angst davor, was ihm angetan werden konnte.„Ich heiße Stefan und du?”, seine Stimme klang etwas verständlicher als in der Nacht zuvor. „Ich heiße Peter, ich bin Journalist auf dem Weg in meine Heimat”, antworte er gespannt auf das, was Stefan zu sagen hatte. Stefan betrachtete Peter noch immer misstrauisch. „Kann ich das Brot ganz essen? Ich habe seit Tagen nichts mehr bekommen.” Peter nickte und stieß das Brot mit seinem Fuß zu ihm. „Seit wann bist du hier gefangen?” „Ich weiß es nicht mehr. Ich habe aufgehört die Sonnenaufgänge zu zählen. Sie haben mir sehr große Schmerzen zugefügt. Alles vor laufender Kamera. Sie wollen mich freipressen. Die deutsche Regierung soll für mich zahlen. Noch haben sie keine Antwort bekommen. Deshalb lassen sie mich leben. Wenn kein Geld kommt, werden sie mir meine Organe herausnehmen und mich dann töten”, sagte er während er mühevoll das Brot kaute. „Und du? Wer bist du? Haben sie dich auch gefangen, um Lösegeld zu erpressen?” Peter erzählte von seiner Reise und aus seiner Vergangenheit. Auch von der Sorge um Jim. Dann wurde mit einem lauten Knall die stählerne Tür aufgeschlagen. Wieder erschien der Vermummte und stieß ihn mit einem langen Stahlstock an. Er deutete Peter an, ihm zu folgen. Widerstandslos ließ er sich in ein Verhörzimmer führen. Hier erwartete ihn ein arabisch aussehender, in zivil gut gekleideter Mann. Er sprach in fast akzentfreiem Deutsch:„So wie ich erkennen kann, sind Sie in gutem Zustand. Abgesehen von der kleine Platzwunde an Ihrem Kopf. Dann trank er genussvoll aus seiner Tasse, die auf seinem Schreibtisch stand. „Nehmen Sie doch Platz”, dabei deutete er auf den Stuhl, der an der Wand gelehnt stand. Peter nahm Platz. „Was wollen Sie von mir?” „Was wir von Ihnen wollen? Was wollen Sie von uns? Wieso treiben Sie sich nachts um unser Gebäude herum? Das frage ich Sie!” Seine Stimme klang scharf und hart. „Ich suche unseren Freund Mustafa. Ein Eritreer. Er wurde von Beduinen entführt”, äußerte Peter mutig. „Wir halten hier keine Gefangenen aus Eritrea, keine Flüchtlinge. Diese sudanesischen Entführer sind doch nur Stümper! Viel zu kompliziert, bis die Gelder von den Familien kommen. Wir sind da schon etwas besser organisiert.“ Dabei grinste er hämisch. „ Für Sie werden wir eine stolze Summe von Ihrer Regierung erhalten. Genau, wie von Ihrem Zellennachbarn. Sie haben ja schon seine Bekanntschaft gemacht. Hoffentlich sind Sie sich sympathisch. Sie werden wohl noch einige Zeit zusammen verbringen”. Stolz schaute er auf Peter und lächelte überheblich. „Sie sind gutes Geld wert.“ Seine Stimme klang nun etwas sanfter, als zuvor. „Hier liegt ein Blatt Papier und ein Kugelschreiber auf dem Tisch neben Ihnen. Schreiben Sie das heutige Datum, 24. Dezember 2001, ha, ist wohl bei Ihnen in Ihrer Heimat Weihnachten, nein Heiliger Abend, gut gewählt. Bringt mehr Mitleid für Sie ein”, dabei lachte er laut und zynisch. „Dann Ihren Namen. Dazu schreiben Sie, dass Ihre Regierung 500000 Euro für Ihre Freilassung zu bezahlen hat, ansonsten müssten wir Sie töten. Schreiben Sie bitte, dass es kein schöner Anblick für Ihre Verwandten werden wird, wenn Ihre Leiche entdeckt werden sollte.” Dann ließ er Peter im Raum allein. Als er sich umsah, bemerkte er eine laufende Kamera an der Decke des Raumes. Das rote Licht blinkte im Rhythmus. Er tat, wie im gesagt wurde. In Gedanken sah er den armen verletzten Stefan. Er war sich nicht sicher, ob seine Regierung Lösegeld für Journalisten bezahlt, die Kopf und Kragen für die Freiheit anderer Menschen riskierten. Während er schrieb wurde es ihm im Wechsel kalt und heiß. Er musste raus, raus aus dieser Situation. „Kann das nicht ein böser Traum sein, aus dem ich erwache?”, betete er. Das Fenster war, wie alle anderen auch, vergittert. Er schaute unauffällig hinaus. Der Raum lag ebenerdig. „Wie schaffe ich es hier heraus zu kommen?” Er klopfte an die verschlossene Tür. Der Vermummte erschien, nahm das beschriebene Blatt und führte ihn durch den Gang auf dem Weg zu seiner Zelle. Es war still im Flur. Es schien niemand außer ihnen anwesend zu sein. Blitzschnell drehte sich Peter um, holte zu einem Schlag aus, den er meisterlich, noch während seines Karate-Unterrichtes in Deutschland gelernt hatte und traf gekonnt den Kehlkopf seines Kerkermeisters. Lautlos sackte er zusammen. Der Hieb traf an der Stelle, wo die Kehle am empfindlichsten ist. Ob sein Feind tot oder bewusstlos war, wollte er nicht wissen. Dann rannte er schnellstens durch den Gang in Richtung Ausgangstür. „Nein, das ist nicht der richtige Weg für mich. Vor der Tür stehen Wachen, die werden mich gleich wieder ergreifen!” Er schaute sich nach einer weiteren Fluchtmöglichkeit um. „Hier eine Tür! Könnte ein Büro sein!” Lautlos drückte er die Klinke herunter. Er betrat einen Raum, wieder mit vergitterten Fenstern. Keiner befand sich in dem Raum. In dem Raum stand ein Tisch und Stühle. Auf einem halbhohen Schrank stand eine blubbernde Kaffeemaschine. Im Nebenraum befand sich eine kleine Teeküche. In diesem Raum war ein kleines Fenster, ohne Gitter, direkt unter der Decke. Schnell stellte er einen Stuhl unter das Fenster. Mühelos ließ sich das einfache Fenster öffnen. Er war gut trainiert und zog sich mit einem Satz hoch und schlüpfte kopfüber durch das Fenster hindurch und fiel draußen in ein Gebüsch. Schnell, fast lautlos, kroch er den Weg durch die dornige Vegetation zu dem Ort, wo er und Jim zuletzt saßen. Vorsichtig rief er nach Jim. Er hörte nur das Surren der Insekten. Er musste in Richtung Grenze nach Israel gelangen. Als er seine Blase entleeren wollte, stellte er dabei fest, das sein Geld, das er in einem Beutel in seiner Unterhose deponiert hatte noch hatte. Also hatte man ihn einfach niedergeschlagen und in die Zelle gesperrt, ohne ihn zu durchsuchen. Nur das Messer an seinem Gürtel, das hatten sie ihm abgenommen. „Was bin ich doch ein Glückspilz”, dabei erlaubte er sich ein bisschen Freude über sein Glück zu empfinden, das er gehabt hatte. Doch wo war Jim? Und Mustafa, waren sie noch am Leben? Eilig rannte er den Berg des Schreckens hinunter auf die staubige Landstraße. Glühend heiß schien die Sonne. Durst, er hatte Durst und es schien, dass er weit und breit keine Wasserstelle finden könnte. Auch meldete sein Körper ihm, dass er ruhen musste. Zu viele aufregende Erlebnisse hatten ihn geschwächt. „Ich brauche etwas Ruhe“, dachte er. „Eine kleine Pause.“ So bot ihm ein Baum an der Landstraße etwas Schatten für eine kleine Ruhepause. So hatte er es sich vorgenommen. „Hallo, wer bist du?“, klang in englischer Sprache eine männliche Stimme. Dann fühlte er, dass ihn eine starke Hand grob an seiner Schulter rüttelte. Peter erschrak und wollte sich wehren und schlug um sich. „Halte ein, ich will doch nur helfen. Stopp!“ Peter war nun hellwach. Es war dunkel geworden. Lichter eines Lasters leuchteten auf seinen Liegeplatz neben dem Baum. Dann sah er einen freundlich aussehenden Mann. Sein Aussehen schloss auf eine arabische Herkunft. „Wer bist du? Was tust du in dieser gottverlassenen Gegend?“, fragte er erneut. „Verstehst du mich?“ Peter nickte. „Ja, ich kann dich verstehen. Ich bin auf der Flucht von Eritrea nach Israel. Bin gerade von der Folterkammer, da ganz oben auf dem Berg, entkommen. Was dort geschieht, das ist grauenvoll. Kann ich mit dir mitfahren?“ Der freundliche Araber stellte sich als Helfer vom „Roten Kreuz“ vor. Er sei mit einem Container Hilfsmittel für ankommende Flüchtlinge aus dem Osten von Afrika unterwegs. Ein großes Glück für Peter. Seine Kehle war ausgetrocknet. Er hatte Hunger und war körperlich zu geschwächt, um den weiten Fußmarsch zur Grenze ohne Wasser nach Israel zu Fuß zu überstehen. „Komm, steig ein. Im Auto sitzt noch ein aus Eritrea geflüchteter Mann. Den habe ich auch unterwegs aufgelesen. Der war genau so fertig wie du. Peter hoffte, dass es Jim oder Mustafa sein könnte.Erleichtert lief er zum wartenden Lastwagen. Der Motor lief noch. Als er einstieg konnte er seine Enttäuschung kaum verbergen. Es war ein Fremder, der wie er Hilfe brauchte, der neben ihm im Auto saß. Er war schüchtern und sprach kein Wort während der Fahrt. Sein Retter reichte ihm eine Flasche Wasser und ein Stück getrocknetes Rindfleisch. „Ja, von den Grausamkeiten habe ich viel gehört. Du hattest riesiges Glück, dass du davon gekommen bist. Meines Wissens hat es bisher keiner geschafft, den sie geschnappt haben. Sie entführen Menschen, foltern sie und erpressen Lösegelder. Da gilt ein Menschenleben nichts. Wenn ich diesen Weg fahre, mache ich einen großen Bogen um dieses Gebäude. Und schau ...“, dann zog ein Maschinengewehr unter seinem Sitz hervor, „dann mache ich kurzen Prozess, wenn mich einer aufhalten will, ha, ha.“ Heute habt ihr zwei einen Glückstag. Ich freue mich, dass ich Euch beiden helfen kann. Ich lass Euch am Grenzzaun raus. Dann müsst ihr sehen, wie Ihr weiterkommt.“ Peter nickte dankbar und gerührt.

Als Peter den kilometerlangen Grenzzaun zwischen dem Sinai und Israel erreichte, erblickte er an einem Kontrollposten in der Schlange der Wartenden seinen Freund Jim. „Jim! Gott sei Dank, du lebst!” schrie er. Er rannte auf ihn zu. Jim dreht sich um, lief auf Peter zu und umarmte ihn erleichtert. „Was bin ich froh, dass du frei bist. Wie hast du das nur geschafft? Ich wollte dir von Israel aus helfen”, sagte Jim hastig. Dann erzählte Jim, dass er in der besagten Nacht vor dem Betongebäude Schritte des herannahenden Vermummten gehört hatte und sich im Gebüsch versteckt hatte. Zu spät, um seinen Freund Peter warnen zu können. So hatte Jim schweren Herzens entschieden, alleine weiter zu gehen, um Hilfe von der Behörde am Grenzübergang Israel für Peter und seine Mitgefangene zu erbitten. Während der langen Wartezeiten vor dem Grenzübergang hatten sie Gelegenheit sich ausführliche über die schrecklichen Erlebnisse der letzten Stunden zu unterhalten. Jim hatte noch versucht, nachdem Peter weggeschleppt worden war, durch die vergitterten Fenster zu schauen, um ihn vielleicht zu finden. Dann hatte er einen mit dem Kopf nach unten aufgehängten Mann an einem Fleischerhaken erblickt, an der Decke aufgehängt. Der Mann war tot und andere Mithäftlinge saßen teilnahmslos gefesselt am Boden. Das Schicksal von Mustafa blieb ungeklärt. Müde, schlapp und hungrig erreichten Peter und Jim den Eingang zu Israel. Die Einreise in das “Heilige Land” war auch hier sehr strapaziös. Über mehrere Stunden mussten sie sich strengen Verhören, Leibesvisitationen und sich den schlechten Manieren der Grenzbeamten unterziehen. Ungern ließ man die Journalisten mit ihren internationalen Presseausweisen einreisen. Die Waffe wurde einbehalten. Auch hier kostete es einige Dollarnoten, um die Einreise zu beschleunigen. Über Tel Aviv wollen sie nach Frankfurt fliegen. Sie erhielten eine befristete Aufenthalts-Erlaubnis für zwei Tage ab Einreisedatum. In der israelischen Alt-Stadt Jaffa fanden sie ein kleines Hotel, um zu übernachten, um dann am nächsten Tag ihre Flüge antreten zu können. Vom Hoteltelefon buchte Peter die Flüge nach Frankfurt. Sie nutzten gemeinsam ein Doppelzimmer. Nach einer ausgiebigen heißen Dusche und einem üppigen Abendessen im Zimmer ging Peter durch all seine aufgezeichneten erlebten Einzelheiten durch. Sorgfältig ergänzte er all die grässlichen Erlebnisse, die er noch nicht notiert hatte. „Jim, wir müssen alles, was wir erlebt haben, in der Welt berichten. Ich werde sofort bei meiner Ankunft meinen Verlag ansprechen, wie wir diese unglaublichen Ungerechtigkeiten und die schrecklichen Qualen der Menschen veröffentlichen können.” „Wenn sich überhaupt einer dafür interessiert”, meinte Jim missmutig.

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