Kitabı oxu: «Anja lernt reiten»

Şrift:

Lise Gast

Anja lernt reiten

Drei Geschichten

von Mädchen und Pferden

Saga

Anja lernt reiten

German

© 1996 Lise Gast

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711508275

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Anja hat nur einen Wunsch

Alles wird anders

„Anja! Anja, wo steckst du?“

Das war Mutter. Immerzu rief sie, immerzu sollte man etwas, hier nur mal anfassen und dort zugreifen, den Koffer holen und das Paket aufschnüren – nicht eine Sekunde blieb einem für sich selbst. Und Anja hatte sich so darauf gefreut, daß nun alles anders, besser, schöner würde.

Mutter hatte wieder geheiratet. Einen jungen, freundlichen, netten Mann – es war nichts gegen ihn zu sagen. Und als sie dann nach einem Jahr Zwillinge bekam, zwei kleine Brüder für Anja, hatte die sich auch gefreut – immer hatte sie sich Geschwister gewünscht. Und nun war die Familie auch noch umgezogen, hatte ein hübsches Reihenhaus am Rand der Stadt gemietet, sogar mit einer Art Garten drum herum, auch das hatte sich Anja gewünscht. Daß man in einem neuen Haus nicht von heute auf morgen eingerichtet sein konnte, sondern erst einmal in einem Wust von Koffern, Kartons, Taschen und aufeinandergestapelten Umzugskisten unterging, das hatte sie nicht voraussehen können; es war ja der erste Umzug, den sie erlebte. So lange sie sich zurückerinnern konnte, hatte sie mit Mutter in einer kleinen Etagenwohnung in der Stadt gewohnt. Beinah wünschte sie sich jetzt, es wäre alles beim alten geblieben.

Nein, das doch nicht. In der alten Wohnung war es sehr eng, und auf der Straße konnte man nur auf dem Fußweg gehen, und auch dort nur an der Häuserseite, so eng war alles, so nahe rauschten die Autos vorbei. Hier lief die Hauptstraße ein ganzes Stück entfernt vorüber, man hörte die Autos zwar, aber nur wie ein schwaches Zischen. Die Straße, in die sie gezogen waren, lag abseits, und wenn ein Auto kam, dann gehörte es hierher und fuhr langsam.

Vor dem Haus, das nun „ihr“ Haus sein würde, öffnete sich sogar ein kleiner Platz, auf dessen gegenüberliegender Seite sich ein niedriger Einkaufsladen befand. Und ein Stück entfernt, aber doch nahe genug, daß man sagen konnte „bei uns“, stand eine moderne Kirche, grau, mit bunten Fenstern und einem Turm, der ein Stück vom Hauptgebäude entfernt aufragte. Anja fand die Kirche von Anfang an wunderbar.

Mutter hatte aufgehört zu rufen. Na schön, da brauchte man also nicht zu antworten. Anja drückte sich am Zaun entlang davon. Bald hörten die Häuser auf, und man kam auf freies Gelände. Das war neu für sie, die mitten aus der Stadt kam, und hatte etwas Aufregendes, Erregendes an sich, so, als wäre plötzlich eine alte Haut von einem abgefallen. Ähnlich war ihr zumute gewesen, als sie zehn Jahre alt wurde, den ersten Geburtstag mit zwei Zahlen feierte. Zehn – das war mehr als ein Jahr älter, das war ein Schritt in eine neue Landschaft.

So war es auch jetzt und hier. Anja ging langsam und wie tastend um das letzte Haus herum, kroch unter einem Zaun durch, der hier eine weite freie Fläche abgrenzte, und stand auf einer Wiese. Drüben, ziemlich weit entfernt, sah man einen Bahndamm, darüber die Autostraße, dahinter, aufsteigend, den Wald. Das Ganze hell, weit – ein wenig blaß – die Sonne hatte um diese Jahreszeit keine große Kraft mehr – und fremd. Anja blieb stehen. Nein, nicht weiter, nicht ganz allein in dieser Weite sein müssen. Lieber hielt sie sich am Zaun. Bis sie etwas sah ...

Auf der Wiese, nicht weit von ihr entfernt, stand etwas Großes, Dunkles, Lebendiges – Anja holte kurz Atem: ein Pferd. Ein richtiges Pferd, dunkelbraun mit einer gelblichen Mähne, die teils rechts, teils links am Hals herunterhing, in groben Wellen, die wie Bindfäden aussahen. Anja merkte nicht, wie sie sich in Bewegung gesetzt hatte und, wie magnetisch angezogen, auf das Pferd zuging, Schritt für Schritt. Jetzt wandte es den Kopf und sah zu ihr her.

„Ja, du, wie heißt du denn?“ hörte Anja sich selbst halblaut fragen. „Heißt du Fury? Nein, sicher nicht. Fury sieht anders aus, ganz anders. Darf man dich streicheln?“

Es war kein schönes Pferd, kein Bild auf Glanzpostkarte mit rassigem Kopf und wildschönen Augen. Und es stampfte nicht feurig mit den Vorderbeinen, sondern stand still und ein wenig x-beinig da, schlug ein bißchen mit dem Schweif, daß er an den Flanken entlangstrich, und war bei aller Größe und Breite ziemlich mager. Die Knochen rechts und links an der Kruppe stachen vor, man sah auch die Rippen. Und auf der Nase entlang zog sich ein heller Streifen, er ging von der Stirn bis auf die Oberlippe herunter. (Man nennt das „Laterne“, wie Anja später erfuhr.) Um die Nüstern herum hatte es einzelnstehende, ziemlich grobe Haare. Anja streckte schüchtern die Hand aus.

Zucker müßte man haben oder Brot oder eine Mohrrübe. Das Pferd sah sie so zutraulich an, so überzeugt davon, daß sie ihm etwas brachte. Ganz schnell fuhr sie mit beiden Händen in die Taschen ihrer Jeans. Vielleicht war doch ... richtig, Hustenbonbons! Vater – der neue Vater – hatte ihr gestern welche gekauft.

„Süßigkeiten sind nichts Gutes, aber wenn man so schrecklichen Husten hat wie du ...“ Er blinzelte sie vergnügt an, während er ihr die Tüte zusteckte. Sie hatte ein einziges Mal gehustet, und das nur, weil sie sich verschluckt hatte.

Mit ein wenig fahrigen Fingern wickelte sie das erste Bonbon aus und steckte das Papier in die Tasche zurück.

„Komm, hier, siehst du? Magst du so was?“ schmeichelte sie und hielt es dem Pferd auf der flachen Hand entgegen. Daß man das so macht, wußte sie, sie hatte ja schon oft Pferde mit Zucker gefüttert, wenn sie mit Mutter spazierengegangen war.

Die Lippen des Tieres fuhren suchend über ihre Hand, nahmen das Bonbon, und dann knirschte es zwischen den Zähnen. Anja wickelte das nächste aus. Und dann, während das Pferd dieses zerbiß, trat sie näher heran und legte den Arm um den herniedergebogenen Pferdehals. „Bist mein Gutes, Gutes“, flüsterte sie zärtlich.

Lockere, warme, blanke Haut. Ein Geruch, mit keinem anderen zu vergleichen. Ein leises Schnauben, das „Ja!“ hieß, ganz deutlich „Ja!“. Anja lächelte zu dem Pferdekopf empor.

Später hörte sie Schritte. Jemand kam auf sie und das Pferd zu, ruhig, langsam, so, daß man nicht erschrak. Anja nahm den Arm nicht vom Hals des Pferdes, sie sah zu dem Mann auf, der herangetreten und neben ihr stehengeblieben war.

„Na, da hat ja unser Kerlchen jemanden gefunden, der mit ihm schmust“, sagte eine freundliche Stimme. Anja lächelte und drückte ihre Wange noch fester an den Pferdehals.

„Heißt er Kerlchen?“ fragte sie. Sie war überhaupt nicht schüchtern wie sonst, wenn sie mit fremden Leuten zusammenkam, sondern ganz und gar einverstanden damit, daß sie sich hier mit einem fremden Menschen unterhielt. Er sah sie aufmerksam an.

„Eigentlich heißt er Rodi. Aber ich sage immer Kerlchen zu ihm, weil er so – so ein armes Kerlchen ist.“ Der Mann lächelte. Sein Gesicht wurde dadurch unwahrscheinlich freundlich, dieses altersgraue, mit tiefen Falten durchsetzte Männergesicht. Es war nicht schön, aber unbeschreiblich angenehm, es strahlte eine tiefe und überzeugende Fröhlichkeit aus – Anja hatte so etwas noch nie erlebt.

„Ja?“ fragte sie halblaut, beglückt.

„Ja. Das gefällt ihm, daß du ihn liebhast.“

Sie standen ein Weilchen, Anja streichelte das Pferd, und der alte Mann sah ihr dabei zu. Dann fragte er:

„Willst du mal rauf?“ Dabei deutete er mit dem Kinn nach dem Rücken des Pferdes.

„Oh! Wenn ich darf?“

„Natürlich darfst du. Er ist ganz brav.“ Er trat an sie heran. „So, nun pack mal die Mähne, dort, ja, siehst du, du erreichst sie gerade. Und jetzt – mach mal mit dem linken Bein so –“ Er zeigte ihr, wie sie das Bein anwinkeln sollte. Sie tat es ihm nach. Ganz sanft legte er zwei Finger der einen Hand unter ihren Spann und gab ihr einen fast unmerklichen federleichten Druck von unten nach oben. Ohne sonstige Hilfe, sich an der Mähne haltend, glitt sie auf den Rücken des Pferdes, saß oben, das rechte Bein darübergeschwungen, als wäre sie schon hundertmal so aufgestiegen. „Hach!“ seufzte sie unwillkürlich.

„Nicht wahr?“ Er lächelte zu ihr hinauf. „Breit ist er ja, und man sitzt gut, wenn er auch mager ist. Ich kriege und kriege nichts auf seine Rippen, sosehr ich mich auch mühe. Dabei frißt er ganz ordentlich.“

Anja antwortete nicht. Eine Erinnerung, längst verweht, streifte sie – oder war es ein Traum, den sie irgendwann einmal geträumt und dann wieder vergessen hatte, der sich jetzt meldete? Sie hatte das schon einmal erlebt, das warme Fell an der Innenseite ihrer Beine, den merkwürdig schwebenden und doch irgendwie ansaugenden Sitz.

„Schön, nicht? Und wie weit man sieht.“

„Ja. Viel weiter als von unten.“

„So, nun muß ich ihn mitnehmen, er muß heim. Es wird dunkel. Morgen kommt er wieder“, sagte der freundliche Mann und hob den Arm, um Anja herunterzuheben.

„Danke, nein, ich kann allein.“ Sie hatte das rechte Bein zurück über die Kruppe geschwungen und ließ sich an der linken Seite des Pferdes heruntergleiten. Bums, da stand sie. Er sah sie lächelnd an.

„Gut gemacht. Bis morgen also. Wie heißt du denn?“

„Anja. Und Sie?“

„Anders. Nein, so meinte ich es nicht –“ Er lachte jetzt ganz richtig. „Ich heiße ‚Anders‘. Mit dem Familiennamen. Bin Pferdepfleger im Reitverein, da drüben. Auf dem Eulengut. Kennst du es nicht?“

„Nein. Wir sind erst hierhergezogen.“

„Aha. Du bist neu. Sonst hätte ich dich ja auch schon gesehen.“ Herr Anders hatte Kerlchen an der Mähne gefaßt und ging mit ihm los, im gleichen Schritt. Anja lief nebenher.

„Gute Nacht, Kerlchen! Schlaf schön – gute Nacht, Herr Anders. Und danke fürs Aufsitzen!“

„Bitte. Bist du morgen wieder da?“

Er hätte nicht zu fragen brauchen.

„Mutter, ich hab’ ein Pferd kennengelernt, es heißt Rodi, aber es wird Kerlchen genannt. So groß – und so lieb –“ Anja erzählte und erzählte. Mutter wickelte gerade den einen der kleinen Buben in eine schimmernd weiße, weiche Windel.

„Das ist aber schön! Ein Pferd – da können die kleinen Brüder später reiten lernen –“

„Ich – ich bin schon – nein, ich hab’ nur drauf gesessen. Geritten bin ich nicht, aber drauf durfte ich ...“

„Weißt du, was Anja erlebt hat? Sie erzählte es mir vorhin, strahlend und glühend vor Glück. Sie hat auf einem Pferd gesessen, hier irgendwo muß ein Reitverein sein.“ Mutter goß Tee ein und lächelte, während sie ihrem Mann die Tasse hinüberreichte. Er klopfte ihr zärtlich auf die Hand, sah sie an.

„Vielleicht findet sie dort Freundinnen. Na, jetzt hat sie ja auch Brüder. Sie schließt sich schwer an, oder?“

„Ja, das typische Einzelkind. Gewesen, gottlob, wenn die Brüder auch sehr viel jünger sind. Aber – du, weißt du, woran ich denken mußte, als sie mir das vorhin erzählte? Ich ahne ja nicht, wie weit Erinnerungen zurückgehen können, aber ... Ihr Vater, Walter also, hat sie mal auf ein Pferd gesetzt, als sie ungefähr ein Jahr alt war oder etwas darüber, ich weiß es nicht genau. Er liebte ja Tiere so, am meisten Pferde. Immer sagte er, Anja würde mal eine große Reiterin. Und da hat er sie auf ein Pferd gehoben, und sie wollte absolut nicht wieder runter, klammerte sich fest und schrie: ‚Leiben! Leiben!‘ Das hieß ‚bleiben‘. Und als er sie schließlich herunternahm, hat sie bitterlich geweint. Meinst du, daß sie sich daran noch erinnert?“

„Bewußt sicher nicht. Aber vielleicht unbewußt. Es muß aber nicht sein. Das erstemal auf einem Pferd zu sitzen, das ist auf alle Fälle ein Erlebnis. Ach ja, unsere kleine, große Anja – ob die Jungen später auch mal so verrückt auf Pferde sein werden? Mir wär’ es jedenfalls lieber als auf Motorräder.“ Beide lachten.

„Mir wahrhaftig auch! Nein, nur nicht Motorräder. Ach, ein Glück, daß sie noch so klein sind ...“

Anja wachte auf, ehe Mutter sie weckte. Es war noch ganz dunkel. Sie lag still und versuchte, sich an das zu erinnern, was sie geträumt hatte.

Von etwas Großem, Warmem, Lebendigem – von Kerlchen natürlich! Er stand und schnoberte an ihr herum, und sie zog eine Mohrrübe nach der andern aus der Tasche. Anja lachte. Das mußte kein Traum bleiben. Wenn sie heute hinlief, um ihn zu treffen, würde sie bestimmt Mohrrüben mitnehmen. Erst aber kam die Schule. O weh.

Eine neue Schule, eine neue Klasse, in der sie kein Kind kannte, und alle untereinander kannten sich – das war keine schöne Aussicht. Ob Mutter sie hinbringen würde? Hoffentlich. Oder Vater?

Es wäre vielleicht besser, Vater ginge mit, da würden die andern gleich sehen, daß sie einen Vater hatte. So lange hatte sie keinen gehabt. Es brauchte ja niemand zu wissen, daß es ihr zweiter Vater war. „Stiefvater“ wollte sie nicht denken, das war ein häßliches Wort. Und Vater war wirklich kein böser Stiefvater.

Auf einmal merkte Anja, daß sie weinte. Es weinte einfach aus ihr heraus, sie hatte gar nicht gemerkt, wann es anfing. Schleunigst kroch sie mit dem Gesicht unter das Deckbett, zog es mit beiden Händen über sich und hielt die Zipfel fest. Wenn Mutter kam und sie wecken wollte und merkte, daß sie weinte, und dann fragte ...

Sie konnte ja nicht erklären, warum sie weinte, das wußte sie genau. Sie hatte Angst – vor der neuen Schule, vor der neuen Klasse, vor dem neuen Leben. Nicht aufstehen müssen, nicht in die neue Schule gehen – wenn Mutter kam, würde sie sagen, sie hätte Kopfschmerzen oder ihr wäre schlecht – oder –

Dann aber konnte sie nachmittags nicht zu Kerlchen laufen. Er würde stehen und auf sie warten, umsonst – sicherlich würde er das. Wenn sie ihm auch nur Hustenbonbons gebracht hatte. Nein, sie mußte aufstehen, sie mußte in die Schule. Es half nichts. Zu Kerlchen wollte sie.

Sie hatte aufgehört zu weinen, zog das Deckbett vom Gesicht und guckte zum Fenster hinüber. Das war jetzt ein graues Viereck, es begann zu dämmern. Gleich würde Mutter kommen.

Aber Mutter kam nicht. Anja hörte sie hin und her gehen, zur Küche und zurück ins Schlafzimmer, hörte sie zärtlich beruhigend reden mit den kleinen Jungen, denen sie die Flasche gab, mit Vater lachen. Warum kam sie nicht? Sicherlich war es doch höchste Zeit.

Anja gab sich einen Ruck und kroch aus dem Bett. Im Schlafanzug und barfuß tappte sie durchs Zimmer, machte die Tür einen Spaltbreit auf.

„Mutter?“

„Ja, Anja! Bist du wach? Komm schnell, du frierst doch.“

In der Küche war es warm, Mutter stellte gerade die Kaffeekanne auf den Tisch. Vater stand am Herd und ließ ein Ei nach dem andern ins zischende Fett gleiten. Sein Gesicht war vergnügt, er nickte Anja zu.

„Heute frühstücken wir amerikanisch, mit Speck und Eiern, magst du das?“ fragte er munter. Anja mochte es nicht, sie nickte aber trotzdem.

„Setz dich. Du kannst nachher duschen, damit wir zusammen frühstücken können. Komm, hier ist Platz für dich.“

Die Küche war schon ganz gemütlich, Vater und Mutter mußten gestern noch fleißig gewerkelt haben. Der viereckige Tisch stand vor der Eckbank, eine bunte Decke darauf – Vater nahm gerade die roten Teller vom Bord. Sogar das Tellerbord hatte er schon angeschraubt, die Küche sah wohnlich und reizend aus.

„Nicht wahr? Wir haben die schönste Küche der Welt“, sagte er und ließ ein Spiegelei auf Anjas Teller rutschen. „Dort ist Brot – was willst du trinken? Kakao? Hier ist dein Becher.“

„Muß ich nicht in die Schule?“ fragte Anja nun doch. Sie hatte es so lange bei sich behalten, wie es ging, jetzt aber meinte sie, sie verpaßte die Zeit, wenn sie noch länger schwieg. Mutter hatte sich gerade gesetzt, sie sah so jung und eifrig und rotbackig aus, ein bißchen zerrauft, aber das stand ihr gut.

„Ach, heute noch nicht“, sagte sie und goß sich Milch in den heißen Kaffee, „du fängst doch diesen Herbst mit der höheren Schule an. Da lohnt es nicht mehr, in eine andere Volksschule zu gehen. Die Arbeiten zur Aufnahmeprüfung habt ihr in der alten Schule doch schon geschrieben.“

„Und da brauch’ ich jetzt nicht ...“ Anja sah Mutter mit weit aufgerissenen Augen an.

„Nein. Nächsten Montag bringt dich Vater ins Gymnasium, dann sind dort die mündlichen Prüfungen. Nach dem, was du schriftlich geleistet hast, brauchen wir keine Angst zu haben“, sagte Mutter. „Er war bei deiner Klassenlehrerin. Es wird schon alles klappen, Anja. Nun iß – nachher läufst du mir rasch zum Einkaufen. Gegenüber, weißt du, das Geschäft am Platz. Ist das nicht praktisch für uns, es so nahe zu haben?“ Mutter plauderte weiter. Anja saß und schluckte an dem Stück Brot, das sie sich abgebröckelt hatte, schluckte und schluckte. Es wurde immer mehr im Mund.

Vielleicht bin ich wirklich krank, oder ich werde krank, ich ziehe einen Bären, wie Mutter das früher nannte, wenn ich mich schlecht fühlte. Nächste Woche in die höhere Schule, Aufnahmeprüfung, lauter neue Kinder, die einander noch nicht kannten. Das war doch dann nicht so schlimm, oder es war für alle gleich schlimm.

Sie versuchte, sich das einzureden. Sie wollte auch nicht krank werden. So verlockend die Vorstellung war, zurück ins Bett zu kriechen und die Decke über den Kopf zu ziehen, zu sagen: „Mir ist nicht gut ...“ – der Gedanke an Kerlchen, der auf sie wartete, war stärker. Nein, nicht krank werden! Sie wollte Mutter gern helfen, wenn sie nachmittags wieder hinauslaufen und Kerlchen füttern konnte, vielleicht wieder aufsitzen, vielleicht ein Stück reiten ...

Eins aber wußte sie genau, wenn sie es auch nicht denken mochte. Jetzt war alles, alles anders als früher. Nicht nur die Wohnung, die Wohngegend, die Schule – alles war anders, das ganze Leben. Erschreckend, beängstigend, bedrückend anders, sie kam nicht daran vorbei. Aber inmitten dieser fremden und gefährlichen Weite stand etwas Warmes, Lebendiges, Gutes, etwas, das auf sie, Anja, wartete.

Petra

Der Regen fegte schräg herab, es war abscheulich kalt. Anja hatte sich nicht die Zeit genommen, den Wintermantel herauszusuchen, sondern war in ihren Sommeranorak geschlüpft, um endlich fortzukommen. Der Anorak war dünn, vorn und an den Schultern glänzte er dunkel vor Nässe. Schnell, schnell in den Stall hinein!

Wenn nur der Reitlehrer nicht drin war! Der konnte es gar nicht leiden, daß man kam, ohne zur Stunde angemeldet zu sein. „Hier ist kein Spielplatz für Kleinkinder“, hatte er einmal gebrummt, als sie sich gerade mit Othello neckte. „Oder reitest du heute?“

„Nein, ich –“, hatte sie gestammelt und nicht weitergewußt. Da aber kam Herr Anders mit der Karre und gab ihr die Gabel in die Hand.

„Anja hilft, sie ist furchtbar tüchtig“, sagte er und lächelte den Reitlehrer an. Der zögerte eine Sekunde und ging dann hinaus. Anja hatte den Atem angehalten. Herr Anders lachte leise.

„Natürlich darfst du bleiben, so fleißig wie du bist.“

Aber Respekt vor dem Reitlehrer hatte sie eben doch noch. Es wäre jedenfalls besser, wenn er nicht da wäre.

Sie luchste durch den Türspalt. Die Stallgasse war leer. Gottlob! Hineingeschlüpft, Anorak aus, über den Pfosten geworfen. Warme, ein wenig feuchte, dunstige Luft, Geruch nach Heu, Stroh, Mist – und Pferden. Wunderbarer Geruch.

„Grüß dich, Anja. Wieder mal durchgebrannt zu Hause?“

Das war Herr Anders. Er trat aus dem Stand von Faruk, die Mütze ein wenig schief auf dem Kopf, und lächelte Anja an. Sie lachte ihm zu, jetzt ganz selbstvergessen und glücklich.

„Ja, das heißt – ich darf! Mutter hat gesagt, ich kann laufen, weil ich vormittags fleißig war. Wenn ich vormittags helfe, darf ich nachmittags her, wissen Sie.“

„Dann hilf nur vormittags tüchtig. Damit ich nachmittags hier Hilfe hab’.“

Herr Anders war früher Lehrer gewesen, eine der Reitschülerinnen hatte ihr das erzählt. Lehrer an einer Sonderschule, also bei schwachbegabten Kindern, jahrelang. Und dann war er pensioniert worden und als Pferdepfleger hierhergekommen.

„Prima, nicht?“ sagte Petra, die schon zwölf Jahre alt war und seit längerem hier ritt. „Ich werd’ auch Pferdepfleger, aber schon eher. Nicht erst mit sechzig.“ Petra lachte, in ihren Augen tanzten die Funken. Sie trug neuerdings ihr Haar ganz kurz, abgeschoren wie ein Schäfchen, nur vorn über der Nasenwurzel war es ein ganz klein wenig länger und stand im Wirbel empor. „Was glaubst du, wie meine Mutter geschimpft hat, als ich so nach Hause kam“, erzählte sie und kratzte dem Condor den Huf aus, „steh still, alter Zausel, ich tu’ dir schon nicht weh! Aber es war nicht mehr zu ändern, was ab ist, ist ab. Ich habe es ja nur abschneiden lassen, weil er“ – damit meinte sie den Reitlehrer – „dauernd über meine langen Haare schimpfte. Er behauptete, ich hörte nichts, wenn sie mir so über die Ohren wüchsen, und es wäre kein Wunder, wenn ich keine richtige Antwort geben könnte. Beim Reiten müßte man denken, und wenn man denken wollte, müßte man hören, was er sagte.“ Sie lachte, ihre Augen wurden zu ganz schmalen Schlitzen über den prallen runden Wangen. Petra lachte eigentlich immer, sogar, wenn sie runterflog, noch in der Luft, so hatte es Anja erlebt.

Gerade kam sie hereingeschusselt, das Gesicht so naß vom Regen wie Anja vorhin, und vergnügt!

„Bist du schon da? Na prima. Du wohnst aber auch nahe, ich muß mit dem Fahrrad herstrampeln. Wen krieg’ ich denn heute? Die Wanda? Das darf doch nicht wahr sein!“

„Doch, die Wanda“, sagte Herr Anders und hob eine Gabel voll Mist auf die Karre, „die Wanda hat ja monatelang nichts getan, die dicke Kuh.“

„Du bist keine Kuh, hör ja nicht drauf!“ lachte Petra und schob die dralle Kruppe der Haflingerstute an die Seite, um in ihren Stand hineinzukönnen, „dick bist du, wahrhaftig, aber deshalb noch lange keine Kuh.“

Wanda und Bubi standen in einem Behelfsstand am Ende der Stallgasse, sie waren die einzigen Haflinger im Stall, alles andere Großpferde. Dadurch wirkten sie kleiner und gedrungener, als sie waren, speckfett und stramm. Petra klatschte Wandas Hals.

„Dich soll ich in der Halle um den Hufschlag bringen? Lieber Himmel, da brauch’ ich ja Sporen. Dich vorwärts zu kriegen, dazu gehört Kraft!“

„Sag das nicht. Die Wanda ist schnell“, sagte Herr Anders und blieb am Stand stehen, „sie hat lange nichts getan, war bis jetzt Besitzerpferd, und der hatte nie Zeit. Vorige Woche hat der Reitverein sie übernommen.“

„Und ich bekomme also die ehrenvolle Aufgabe, sie zu reiten?“ sagte Petra. „Na, gute Luft. Komm her, erst wollen wir dich mal schönmachen.“

Anja stand, in einer Hand den Striegel, in der andern die Kardätsche, und sah Petra an. Sie bewunderte die Ältere, ohne es zu wissen, hingegeben und sehnsüchtig. Petra machte sich aus nichts etwas draus, aus keinem Anpfiff des Reitlehrers und keiner Schelte zu Hause. Sie ging in jeden Stand hinein, ohne sich in acht zu nehmen, sprach das jeweilige Pferd zwar an, wie man es tun soll, aber es machte ihr überhaupt nichts aus, wenn es unruhig hin und her trat oder sie an den Rand drängte. Petra benahm sich überall, als sei sie zu Hause, beneidenswert, fand Anja. Wenn Petra in ihre Klasse ginge ...

Aber die war natürlich zwei Jahre über ihr. Anja strich den Gedanken an die Schule schnell wieder aus und ging zu Kerlchen in den Stand, um ihn zu putzen. Sie putzte ihn jeden Tag, Herr Anders sagte, das täte ihm gut, auch wenn er nicht geritten würde. Gut geputzt ist halb gefüttert, eine alte Weisheit. „Jaja, du bist doch mein Bester.“

Petra schimpfte mit Wanda, Anja hörte es bis hierher.

„Steh still, alte Scharteke, oder es setzt was. Na, weißt du, der unterste ist meiner. Runter von meinem Fuß!“

Herr Anders lachte, leise amüsiert. Man hörte, wie er die Karre absetzte. „Geh rum – so ist’s schön.“

Anja reckte sich, um auf Kerlchens Rücken hinaufzureichen. Es war ein so gutes Gefühl, mit der Bürste über das blanke Fell zu fahren, mit Druck, trotzdem sanft. Nur mit dem Striegel kratzte sie nicht gern, sie hatte immer Angst, dem Pferd damit weh zu tun. An manchen Stellen aber ging es nicht ohne Striegel, vor allem, wenn Kerlchen draußen gewesen war. Die Wiese hatte lehmige Stellen, und dann klebte der Schmutz in den langen Fesselhaaren, wenn er getrocknet war, so daß man ihn kaum herausbekam.

„So schön, so brav – hoi!“ Anja tat einen kleinen Schrei, jemand hatte sie von hinten geschubst, und sie war gegen die Flanke des Pferdes gefallen. Jemand? Othello natürlich, der Zwergziegenbock. Wie in vielen Reitställen gab es auch hier einen Ziegenbock, halb als Maskottchen, halb aus dem alten Aberglauben heraus, daß Pferde nicht krank werden, solange ein Ziegenbock im Stall ist.

Wieweit das stimmte, wußte Anja nicht. Herr Anders hatte es ihr damit erklärt, daß Ziegenböcke sehr stark röchen, sehr scharf, und Ratten könnten diesen Geruch nicht leiden. Ratten übertragen oft ansteckende Krankheiten. Wo Hafer ist, stellen sich Ratten und Mäuse automatisch ein, also wäre es schlau, einen Ziegenbock zu halten und dieses Ungeziefer damit fernzuhalten. Auch Katzen gab es in fast allen Reitställen, und viele Reiter und Reiterinnen brachten ihnen regelmäßig etwas mit, Wurstreste oder auch Fisch. Anja hatte das bei einer Reiterin erlebt, die nur einmal die Woche kam, um zu reiten. Sie war nicht sehr groß, schlank wie ein Junge und von einer frischen Resolutheit, die Anja gefiel.

„Die? Die ist Ärztin“, hatte Petra berichtet, als Anja sich nach ihr erkundigte. „Soll sehr tüchtig sein, hat deshalb wenig Zeit. Cornelia nennen wir sie. Ich weiß nicht, ob das stimmt, sie sagte es so, daß man nicht wußte, ob sie Spaß macht. Und sie wäre fünfhundert Jahre alt, hat sie geantwortet, als Elke sie nach ihrem Alter fragte.“

„Geh weg, du Ekel“, sagte Anja jetzt und versuchte Othello aus dem Stand zu schieben. Sie konnte ihn gut leiden, den kleinen schwarzen Teufel mit den winzigen spitzen Hörnern. Othello ging im Stall umher, als gehörte der ihm allein, bei jedem Pferd im Stand schlief er, wie es ihm gerade paßte, stahl sich Hafer und griff alle, die er nicht leiden konnte, von Zeit zu Zeit an, wütend, die Hörner gesenkt, oft auch Männchen machend, was sehr drollig aussah. Aber mitunter tat er einem auch richtig weh, wenn er einen unvermutet schubste und man gegen etwas Härteres flog als gegen Kerlchens weiche Flanke. Ein einziges Glück, daß dieser nicht erschrocken war, als Anja gegen ihn fiel.

Aber Kerlchen ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, schnoberte nur ein wenig zu ihr hin, indem er den Hals drehte, und pustete dann wieder in seine leere Krippe hinein.

„Ja, ich hab’ dir doch was mitgebracht.“ Anja grub in ihrer Hosentasche und ließ ein paar Möhrenstückchen in die Krippe fallen, die Kerlchen sogleich mit den Lippen aufnahm und zu kauen begann. Ein Glück, daß die kleinen Brüder jetzt schon Möhrenbrei bekamen.

Da blieb immer etwas beim Putzen zurück, und das steckte Anja sofort ein. Sie erzählte das Petra, während sie beide um die Wette striegelten.

„Und wenn die Jungen erst Spinat bekommen ...“, lachte Petra. „Mein kleiner Bruder bekam immer Spinat, na, der spuckte was zusammen!“

„Du hast auch einen kleinen Bruder?“ fragte Anja. „Ich hab’ zwei. Zwillinge, noch ganz klein.“

„Meiner ist schon neun, aber gräßlich verwöhnt“, sagte Petra. Man hörte ihre Stimme dumpf von unten kommen, sie kratzte Wanda gerade den Bauch sauber. „So was von Heulemeier. Denkst du, der reitet? Der brüllt, wenn man ihn aufs Pferd setzt.“ Abgrundtiefe Verachtung klang aus ihrer Stimme. „Aber das kommt davon, wenn sich Eltern wie verrückt Söhne wünschen. Wir sind drei Schwestern, zwei sind größer als ich, die reiten schon lange. Aber der Herr Kronprinz, nicht um die Welt!“

„Vielleicht ist er mal tüchtig abgeschmiert?“ fragte jetzt eine andere Stimme dazwischen. Anja und Petra hoben die Köpfe. Ach so, Cornelia.

„Heut ist doch nicht Mittwoch“, sagte Petra verwundert. Sie hatte die Stundenpläne der Reitenden haarscharf im Kopf. Die Ältere lachte.

„Ich reite trotzdem, wenn du gestattest. Wen krieg’ ich denn?“

„Ich seh’ nach.“ Petra schoß aus dem Stand heraus und durch die Tür, hinüber zur Baracke. Dort lagen die Nummern der Pferde aus, zusammen mit den Namen der Reiter für diesen Tag.

„Den Creon“, berichtete sie, wieder hereinflitzend, und strahlte Cornelia an. „Soll ich ihn Ihnen satteln?“

„Menschenskind, Petra! Ist nett gemeint, aber seh’ ich aus wie jemand, der sich das Pferd satteln läßt?“

„Oh, Entschuldigung, nein. Ich meinte nur –“

„Du meintest es gut. Na, Creon, wie ist das mit uns beiden? Werden wir uns vertragen?“

„Reiten Sie mit uns? Jetzt, um zwei?“ fragte Petra atemlos. Cornelia lachte.

„Wenn der Gestrenge mich in eure fortgeschrittene Abteilung hineinnimmt?“

„Och, Sie können doch viel mehr. Sie reiten doch sicherlich schon fünf Jahre!“

„Aber meist nur einmal die Woche, wenn überhaupt. Wer tut sonst noch mit? Paul und Thielo und – du auch, Anja?“ Sie fragte es freundlich und gar nicht spottend. Anja wurde feuerrot.

„Ich reite überhaupt noch nicht – ich –“

„Du hilfst nur? Siehst du, so hab’ ich auch angefangen“, sagte Cornelia freundlich und hob den Sattel vom Bock, „immer im Reitstall herumgekrochen und geputzt und ausgemistet, bis ich die Eltern so weit hatte, daß sie es erlaubten. Und den Reitlehrer, daß er mich nahm.“

„Warum wollte er denn nicht?“ fragte Petra und griff nach der Decke, die Cornelia eben entfaltet hatte und neu zusammenlegen wollte, „warten Sie, ich helf’ Ihnen.“

„Weil ich kein Junge bin. Damals durften nur Jungen reiten, jedenfalls dort, wo ich anfing.“

„Gemein“, sagte Petra tief überzeugt. „Man kann doch nichts dafür, daß man kein Junge ist. Ich wäre nämlich gern einer. Ich sollte unbedingt ein Sohn werden, Peter sollte ich heißen.“

„Sei froh, daß du eine Tochter bist. Wenn Töchter brav und sanft sind und Puppenkleider nähen, sind die Eltern froh, und wenn sie lieber reiten oder herumtoben, sind sie auch froh – und stolz.“ Cornelia lachte leise, während sie die gefaltete Decke auf Creons Rücken legte.

„Puppenkleider nähen!“ murmelte Petra, „komm, Wanda, mein Püppchen, soll ich dich auf den Arm nehmen?“

Anja hielt die Tür auf, als Petra mit Wanda und Cornelia mit Creon hinauswollten. Es regnete im Augenblick nicht, sie kamen trocken hinunter zur Halle. Paul und Thielo waren schon darin und bewegten ihre Pferde. Sie ritten Besitzerpferde, Paul einen etwas massigen Schimmel, Wisky, und Thielo seinen Skanda. Anja lief durch die trockene Lohe und setzte sich jenseits der Bande auf die Bank. Von hier aus konnte sie die Halle gut übersehen. Gleich darauf erschien der Reitlehrer.

Er hatte schlechte Laune, wie man sogleich merkte. Nein, Anja war doch froh, daß sie noch nicht mitritt. Was würde er ihr alles an den Kopf werfen, wenn sie sich anfangs dumm anstellte, wo er schon bei Petra dauernd etwas auszusetzen fand!

Die kam mit ihrer Wanda auch wirklich nicht zurecht. Erst ließ die Stute nicht aufsitzen, trat hin und her, und Petra, schon im linken Bügel, mußte den Fuß wieder herausnehmen. Und dann, als sie sich beim zweiten Versuch rasch und geschickt hochgezogen hatte, ging Wanda los wie das Donnerwetter und ließ sich nicht aufnehmen. Der Reitlehrer tobte und brüllte etwas von Gernegroß und Pferde reiten wollen, mit denen man nicht fertig wird ...

Als ob Petra sich das Pferd ausgesucht hätte! Anja fühlte eine dumpfe Wut in sich aufsteigen, wie immer, wenn sie Ungerechtigkeiten erlebte – sie konnte es einfach nicht ertragen, wenn jemand für etwas angepfiffen wurde, wofür er nichts konnte. Vielleicht kam das daher, daß ihre Mutter immer sehr darauf bedacht gewesen war, gerecht zu sein.

Petra ließ sich nichts anmerken. Sie ritt mit zusammengebissenen Zähnen und einem verschlossenen Gesicht, sah jetzt viel älter aus, als sie war. Nachdem sie Wanda in die Abteilung hineingebracht hatte – hinter Paul, dessen Wisky ruhig und unerregt ging –, schien es besser zu werden. Wanda schnaubte zwar noch aufgeregt und versuchte sich auf das Gebiß zu legen, aber Petra war auf der Hut. Sie gab nach und nahm den Zügel wieder an, weich und fast unmerklich – Wanda versuchte es noch ein paarmal, wurde dann vernünftiger. Anja hatte beide Daumen in die Fäuste gepreßt und stand so da, an die Bande gelehnt, die Zähne in die Unterlippe gegraben.

Es wurde keine gute Stunde. Beim Angaloppieren ging Skanda seinem Reiter davon, überholte einfach die anderen und riß Creon, der bis dahin ganz gut gegangen war, mit sich. Cornelia verlor den einen Bügel und mußte schwer schaffen, um ihr Pferd durchzuparieren, ohne allzu hart zu werden. Creon ließ sich keine harte Zügelfaust gefallen, er wurde dann bockig und fing an, rückwärts zu schieben – setzte man die Gerte ein, erst recht.

„Das ist keine Abteilung, das ist ein Sauhaufen“, knirschte der Reitlehrer. In diesem Augenblick wurde die Tür aufgeschoben, und Herr Anders kam, „Tür frei?“ fragend, herein, die Florett am Zügel. Manchmal unterrichtete der Reitlehrer vom Sattel aus, das schien heute geplant zu sein. Anja hatte es noch nicht erlebt.

Herr Anders führte das Pferd in die Mitte der Halle, der Reitlehrer kam herüber, prüfte den Gurt, zog ihn nach und saß dann auf. Freilich, man sah sofort, daß er ein guter, ein hervorragender Reiter war. Florett schien es auch zu merken, sie ging sanft und geschmeidig unter ihm, vom ersten Schritt an. Er ließ sie an die Spitze der Abteilung gehen, hinter ihm ritt Cornelia, dann Petra, dann die beiden Jungen. Auf einmal war Ordnung in der Abteilung. Petra grinste verstohlen, als sie an Anja vorbeiritt. Anja verstand: Wenn er die Abteilung führte, konnte er nicht alles sehen. Insofern war das günstig.

Ach ja, reiten müßte man können! Nicht nur draufsitzen, nicht nur das Pferd rundum mitlaufen lassen – Anja fühlte genau den Unterschied, wenn sie so die Reitenden miteinander verglich. Auch Cornelia, die einen sehr guten Sitz hatte, war mit dem Reitlehrer nicht zu vergleichen. Petra hielt sich wacker auf ihrer widerspenstigen Wanda, mehr aber brachte sie nicht zustande. Als das Schlußkommando kam: „Rechts dreht, links marschiert auf!“, waren alle außer dem Lehrer verschwitzt und atemlos, Anja merkte es genau. Sie sprang in die Halle hinunter und streichelte erst Wisky, dann die anderen – nach der Stunde durfte man das. Cornelia schob die Reitkappe aus der Stirn und blies die Backen auf.

„Puh! Na, ein Vergnügen war das nicht!“

Beim Hinausführen der Pferde passierte es dann. Petra, jetzt wohl nicht mehr so achtsam wie die ganze Stunde lang, führte ihre Wanda durch die Tür, als ein Hund heransprang; er gehörte wohl einem Reitschüler, der eben erst gekommen war und aus dem Auto stieg. Der Hund, ein ziemlich großer, schwarzer, zottiger Kerl, sprang ohne böse Absicht heran, jappend, nicht einmal richtig bellend, aber Wanda erschrak anscheinend sehr. Sie riß den Kopf hoch, Petras Arm mit, duckte sich dann und fegte davon, am Misthaufen entlang zur Außenbahn, die jetzt nicht benützt wurde und zur Hälfte unter Wasser stand. Petra, im Augenblick nicht darauf gefaßt, ließ den Zügel nicht los, wurde mitgerissen und versuchte, Wandas Tempo zu halten. Das gelang ihr anfangs auch. Man merkte, daß sie eine gute Läuferin war, vor allem eine, die sich auf Blitzstarts verstand. Alle, die es sahen, verfolgten die beiden mit weit aufgerissenen Augen – erst sah es bedrohlich aus, dann so, als würde es doch glimpflich ablaufen, eben, weil Petra so gut zu Fuß war, dann aber konnte man genau sehen, daß es auf die Dauer nicht gutgehen konnte. Das durch Wochen ausgeruhte, wenn auch gedrungene Pferd war erheblich schneller als seine Reiterin, und nun schlug Wanda auch noch einen unvermuteten Bogen, und Petra stürzte, noch immer den Zügel haltend. Sie landete mit ausgestrecktem Arm auf dem Bauch, wurde noch ein Stück mitgerissen, dann gab sie den Zügel frei.

„Liegen lassen!“ rief Cornelia mit klarer, befehlender Stimme, als sie sah, daß der Hundebesitzer hinüberrannte und sich über Petra beugte.

Anja fühlte den Zügel von Creon in der Hand – hatte Cornelia ihn ihr gegeben, oder hatte sie selbst zugegriffen? Sie wußte es später nicht mehr – Cornelia spurtete den Hang hinunter. Petra rührte sich soeben, versuchte sich aufzurichten und fiel ächzend zurück. Jetzt war auch der Reitlehrer da.

„Nichts passiert. Nichts Schlimmes“, hörte man Cornelias Stimme. „Aber bleib liegen, Petra, rühr dich nicht. Warte ab.“

„Die Wanda! Daß sie uns aber nicht auf die Straße läuft!“ rief Petra halblaut. Cornelia machte eine beruhigende Handbewegung.

„Keine Angst, wir sind genug Leute, um sie einzufangen. Bleib liegen.“ Sie rannte über den Reitplatz, das Wasser spritzte hoch. Wanda hatte an der schmalen Seite des Platzes gebremst, schien zu überlegen, ob sie weiterlaufen sollte, wandte sich dann um.

Cornelia fiel sofort in Schritt, grub in der Hosentasche und ging dann mit ausgestreckter Hand auf die Stute zu. „Ruhig, ruhig! Ja, du bist doch die Beste! Komm, hier ...“

Wanda legte die Ohren zurück, während sie den Hals streckte – sie sah wahrhaftig nicht wie „die Beste“ aus, sondern ausgesprochen tückisch und boshaft. Jetzt zog sie auch noch die Oberlippe zurück und bleckte die braungefleckten Zähne.

„Olga, das Mistvieh, wie es leibt und lebt“, murmelte Cornelia den Titel eines Buches mit Pferdeanekdoten vor sich hin, auf dessen Umschlag ein solches Tier abgebildet war, schob sich aber vorsichtig näher. „Komm, komm, meine Gute, ich hab’ was für dich.“

Nein, Wanda widerstand der Versuchung nicht. Sie machte sich lang und länger, um den Zucker zu erreichen – und als sie ihn hatte, hatte auch Cornelia ihr Backenstück erwischt. Ganz langsam und behutsam schloß sie die Finger darum, damit Wanda ja keinen Ruck spürte, und führte sie dann, freundlich mit ihr sprechend, zurück zu den anderen.

„So, da hätten wir dich also. Ja, Thielo, kannst du sie nehmen? Ich will mich mal um Petra kümmern.“

Es war dann ein Schlüsselbeinbruch, „die übliche Reiterfraktur“. Cornelia sagte das so und klopfte Petra freundlich auf die Wange. „Ist nicht die erste, nein? Na siehst du. Und wird nicht die letzte sein. Eigentlich holt man sich solch einen Bruch meistens, wenn man im Hechtsprung vom Pferd schießt, nicht beim Nebenherhoppeln. Egal, ehrenvoll ist es doch, oder nicht? Wenn du jetzt nicht in die Schule kannst, klingt das gut: ein Reitunfall. Alle werden dich beneiden. Ein Glück, daß es rechts ist.“

„Na, wahrhaftig.“ Petra saß auf dem Tisch in der Baracke, sie hatten ihr Pullover und Bluse vorsichtig abgezogen, und Cornelia war dabei, ihr eine elastische Binde umzuwickeln. An der heilen Schulter fing sie an, führte die Binde über den Rücken zur rechten, schlang sie dort herum und wieder kreuzweise zur anderen. „Merkst du, daß es stützt? Ist wahrscheinlich nur angebrochen.“ Sie tastete noch einmal mit den Fingerspitzen vorn, dort, wo das Schlüsselbein die Verbindung zwischen Brustbein und Schulter bildet. „Na, vielleicht doch ganz durch, man merkt hier eine Stufe. Die kann aber auch vom vorigen Mal sein. Wann war denn das? Und auch rechts?“

„Vor zwei Jahren. Auch rechts.“ Petra nickte mit zusammengepreßten Zähnen.

Cornelia lachte.

„Und wie oft hat Helga Köhler das Schlüsselbein gebrochen? Weißt du das?“

„Neunzehnmal“, brummte Thielos Baß von hinten. „Du hast also noch siebzehnmal vor dir, Petruschka.“

„Danke schön – ihr habt gut lachen!“ Petra versuchte es auch. Aber es wurde mehr ein Grinsen, das nicht sehr fröhlich aussah. Cornelia blickte sie unauffällig prüfend an.

„Wird dir schlecht?“ fragte sie leise.

„Ist schon“, meldete Petra und verzog das Gesicht. Paul sprang mit einem Eimer zu. Petra würgte.

„Aha. Also auch eine Gehirnerschütterung“, stellte Cornelia fest. „Am besten, ich bring’ dich selbst nach Hause. Wirst du Krach kriegen? Reitverbot für zehn Jahre? Oder ‚Du Armes!‘ und Küßchen und derartige Köstlichkeiten, die man so gern hat?“

„Keins von beiden. Meine Eltern sind Kummer gewöhnt. Die beiden Schwestern von mir haben – pfui Teufel!“ Sie würgte wieder. Cornelia hielt ihr die Stirn.

„Jaja. ‚Das Pferd ist ein gefährliches Tier, das dem Reiter nach dem Leben trachtet‘ – so steht es in vielen Reithallen angeschrieben. Geht’s wieder? Dann komm, ich bring’ dich heim. Wenn jemand meinen Creon absattelt –“

„Der wird weiter geritten, von drei bis vier“, sagte Thielo und hielt ihr die Tür auf. Sie hatte Petra auf den Arm gehoben, geschickt und geübt, und trug sie zum Auto. „Bis bald, Struwwelpeter!“ rief Thielo Petra noch nach. „Komm ja bald wieder! Wir weinen uns die Augen nach dir aus!“

Petra war schon wieder so weit getröstet, daß sie ihm die Zunge herausstrecken konnte.

Solche Tage gibt es

„Wie weit bist du mit den Schularbeiten, Anja?“

„Hab’ keine auf.“

„Keine auf? Auch kein Latein?“ Mutter wunderte sich. Anja hatte die ganzen Wochen lang, die sie nun schon in die neue Schule ging, täglich gestöhnt, sie bekämen so viel auf. Mutter hatte nie Latein gelernt, sie hielt das für geistiges Steineklopfen, und ihre kleine Tochter tat ihr leid. Um so erstaunter war sie heute sowohl über das „Hab’ keine auf“ wie über den Ton, in dem Anja es gerufen hatte. Es klang gar nicht fröhlich und erleichtert, im Gegenteil. „Da stimmt doch was nicht“, dachte Mutter und ging nun doch in Anjas Zimmer. Bisher hatte sie von der Küche aus gerufen. Anja war in Mantel und Mütze.

„Wolltest du weggehen?“

„Ja.“

„Und weshalb hast du nichts auf?“

„Ach, ich hatte schon. Ich hab’ es in der Schule gemacht. Wir hatten eine Hohlstunde.“

„Eine Hohlstunde? Aha, eine ohne Unterricht, oder? Du, Anja, wenn du nichts aufhast und sowieso gerade raus wolltest – es ist ja so schön heute, der reinste Frühling –, da könntest du doch die Jungen mitnehmen. Im neuen Wagen. Ich hab’ so viel zu tun.“

Am kommenden Sonntag sollte die Taufe stattfinden, in der schönen neuen Kirche. Vier Paten waren eingeladen worden und wollten auch kommen, für jeden Jungen zwei. Anja konnte es schon nicht mehr hören. Geschwister hatte sie sich wohl gewünscht, als sie noch mit Mutter allein war, aber welche zum Spielen und Rumspringen, gleichaltrige, mit denen man radeln und Verstecken spielen und sonstwas unternehmen konnte. Aber keine, die man „behalten“ mußte, stundenlang.

„Ich – ich wollte –“

„Was wolltest du denn?“ Mutters Stimme klang ungeduldig. In letzter Zeit war das oft so. „Immer“, dachte Anja rebellisch. „Immer ist Mutter jetzt ungeduldig, immer hat sie keine Zeit, immer ist wichtiger, was sie will, als das, was ich möchte.“ Sie kam sich schlecht behandelt vor.

„In den Reitverein“, sagte sie patzig. „Du hast doch gesagt, wenn ich mit den Schularbeiten fertig bin, kann ich gehen.“

„Aber Anja, du warst doch gestern erst dort und vorgestern – überhaupt die ganze Woche. Sag, hast du die Klapper gesehen, die Volker so gern hat? Die mit dem weißen Griff? Wenn er die in der Hand hat, ist er zufrieden. Ach, dort liegt sie. Gib sie doch mal rüber! Und mach mir die Tür auf ...“

Anja gehorchte stumm. Mutter hatte die beiden kleinen Jungen fertig angezogen und in den neuen Wagen gelegt. Es war kein wirklich neuer, sondern ein gebraucht gekaufter, breiter als ein gewöhnlicher Kinderwagen, man sah sofort, daß es ein Zwillingswagen war.

Anja fand das gräßlich. Jeder, dem man auf der Straße begegnete, machte den Hals lang und guckte hinein. Kinderwagen schieben war überhaupt nur für Mütter schön, und nun gar einen so auffallenden ...

Sie sagte das nicht. Schweigend half sie Mutter, den Wagen vom Flur über die kleine Treppe hinunterzutragen, und öffnete das Gartenpförtchen.

„Ja, jetzt habt ihr es schön! Anja führt euch! Daß wir noch solche Tage bekommen, ehe es richtig kalt wird“ – schwatzte Mutter und zupfte den beiden die Kapuzen zurecht. „Ja, da lachst du, kleiner Mann, nicht wahr? Das gefällt dir.“

„Wie lange muß ich denn ...“, fragte Anja maulig. Mutter sah auf ihre Armbanduhr.

„Um fünf wird es dunkel. Sagen wir bis fünf. Ich hab’ so viel zu tun, daß ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Aber jetzt los.“

Sie winkte den beiden Kleinen zu, lachend und zärtlich, ehe sie ins Haus zurückhuschte.

Anja war die Petersilie verhagelt. Bis fünf – das kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Der ganze Nachmittag war hin – sie schluckte, einmal, noch mal, ein drittes Mal. Der Klumpen, der ihr im Hals saß, ging nicht hinunter.

Immerzu die beiden Kleinen. Immerzu: „Komm, faß mal an, halt mal, hilf mal.“ Erst hatte sie es auf den Umzug geschoben. Daß beim Umzug mehr zu tun war als gewöhnlich, das war ihr klar. Aber jetzt war der Umzug doch vorbei. Dafür kamen jetzt die Taufe und der viele Besuch, und dann kam vermutlich wieder etwas, und –

Nun würde Kerlchen umsonst warten. Herr Anders hatte ihn bestimmt auf die Weide gebracht, wenn es dort auch nicht mehr viel zu knabbern gab. Aber er bekam Luft und Sonne, der arme alte Kerl, und nun stand er und wartete, und sie kam nicht. Mißmutig schob sie den Kinderwagen den Fußweg entlang.

An der Ecke der Straße stand ein Telefonhäuschen. Es war neu, leuchtend gelb – Anja sah es an, gleich darauf fuhr sie mit der Hand in die Tasche. Der Geldbeutel – nein, sie hatte ihn nicht mit. Nur Möhrenstückchen und Zucker waren in der Tasche, die brauchte sie nun nicht, und sie halfen ihr nicht. So was Dummes! Da hätte sie doch wenigstens Petra anrufen können.

Petra lag tagsüber, das wußte Anja genau, daheim im Wohnzimmer auf der Couch, direkt neben dem Telefon. Cornelia hatte ihr das erzählt, gleich am Tag nach dem Unfall.

„Man kann sie also jederzeit anrufen, ist das nicht prima? Eine Gehirnerschütterung ausliegen, das dauert mindestens zehn Tage. Und da langweilt man sich schrecklich, weil man ja nicht fühlt, daß man krank ist. Ruf sie doch mal an, sie freut sich bestimmt.“

Und nun hatte sie kein Geld dabei! Heute ging auch alles schief.

Das mit den fertigen Schularbeiten stimmte nämlich auch nicht, jedenfalls nicht so ganz. Sie hatte in der Freistunde in der Schule zwar etwas getan – die Vokabeln, die sie lernen sollten, herausgeschrieben –, aber richtig gelernt hatte sie sie noch nicht. Zum richtigen Lernen kam man in der Hohlstunde nicht, die Jungen nützten die Zeit immer aus, um Unfug zu treiben – in ihrer Klasse des Gymnasiums waren mehr Jungen als Mädchen, und die paar Mädchen – drei außer ihr – mochte sie nicht sehr. Keine von ihnen hatte Interesse an Pferden.

Wenn sie doch in Petras Klasse wäre! Aber Petra war zwei Jahre über ihr, und selbst, wenn sie sitzenblieb – sie sagte manchmal, dieses Jahr würde es sie erwischen, ihre Schwestern wären auch mal sitzengeblieben, na was denn! –, selbst dann wäre noch ein Jahrgang zwischen ihnen. Anja hatte das Gefühl, als gäbe es überhaupt keinen Lichtpunkt mehr für sie, auf den sie zuleben, nichts, auf das sie sich freuen könnte. Trübe sah es aus.

„Na, du machst ja ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter“, hörte sie plötzlich jemanden sagen, und gleich darauf strahlte ihr Gesicht auf: Cornelia. Sie kam den Fußweg entlang, in Cordhosen und Gummireitstiefeln, die Schultertasche links, in der rechten Hand eine überdimensionale Tüte vom Supermarkt. Ihr Wagen parkte am Gehsteig gegenüber, ein alter, roter, nicht sehr eleganter VW. Aber er paßte so richtig zu Cornelia.

„Ach. Weil ich –“ Sie wies mit dem Kinn auf ihre Kinderwagenfracht. „Immer muß ich die kleinen Brüder ausfahren, das ist so langweilig.“

„Immer? Ach, so oft doch vielleicht nicht. Gestern warst du doch den ganzen Nachmittag im Reitverein.“ Cornelias Stimme klang munter, und sie hatte solch einen flotten, vergnügten Schritt – Anja schloß sich unwillkürlich ihrem Tempo an.

„Sind Sie heute geritten?“ fragte sie. Cornelia nickte.

„Ausnahmsweise. Was glaubst du, wie schwierig es ist, daß ich mal zwei Tage hintereinander kann. Eigentlich langt es nicht auf einmal. Wie geht’s Petra? Hast du sie angerufen?“

„Nein, ich wollte. Aber ich hab’ mein Geld zu Hause liegengelassen.“ Anja schwieg und gab sich dann einen Stoß. „Könnten Sie mir bitte zwei Zehner borgen? Dann würde ich –“

Cornelia lachte. Sie blieb stehen, setzte die Tüte ab – ein paar Apfelsinen rollten heraus, Anja sprang hinterher und fing sie ein – und riß die Schultertasche auf.

„Da. Nicht geborgt, geschenkt. Ruf sie an und grüß von mir. Ich käme mal vorbei. Ich hab’ sowieso ein miserables Gewissen, daß ich noch nicht wieder dort war. Unser Peterlein, mußte ihr das passieren! Sie wollte so gern das Nikolausreiten mitmachen!“

„Danke!“ Anja nahm die zwei Groschen und schloß die Faust drum. „Vielen Dank. Ich grüß’ sie. Und Sie meinen, sie kann das nun nicht? Es ist doch aber noch lange bis zum Nikolaus!“

„Ja, aber vorher muß trainiert werden. Ein paar Wochen schon. Sie sollte das erste Mal mitreiten.“ Cornelia wartete am Bordstein, bis die Straße frei war. „Ich muß fort, tschüs, wie gut, daß ich dich getroffen hab’!“

Sie lief rüber. Anja sah ihr nach.

Wie Cornelia müßte man einmal werden, so munter, so lebendig, so ansteckend fröhlich. Anja guckte ihr nach, winkte, als der rote VW losbrummte, und drehte dann eilig und eifrig um. Hoffentlich war niemand in der neuen Telefonzelle, so daß sie gleich hineinkonnte. Die kleinen Jungen lagen ja gottlob noch in ihrem Wagen, rausfallen würden sie bestimmt nicht. Anja langte am Telefonhäuschen an – es war leer – und schlüpfte hinein, nachdem sie die Bremse des Kinderwagens angezogen hatte. Durch das Ribbelglas hindurch konnte sie den Kinderwagen sehen, während sie wählte. Die Nummer wußte sie auswendig.

Sie bekam Petra sofort.

„Hier Petra Hartwig, guten Tag.“

„Hier ist Anja.“

„Ach du, altes Monstrum! Wunderbar! Ich langweile mich zu Tode. Warst du im Reitverein? Was macht Wanda? Hat sie schon wieder jemanden ins Krankenhaus gebracht? Keinen? Wie schade. Und wie geht’s Othello? Cornelia hast du getroffen? Na, weißt du, du hast’s gut! Du kannst rumsausen, und ich muß hier auf dem Schmerzenslager ausharren.“ Sie lachte, man hörte es deutlich. Anja mußte auch lachen.

„Rumsausen. Hast du eine Ahnung. Meine kleinen Brüder muß ich ausfahren!“

„Das hab’ ich nicht gemußt. Meiner ist ja nur drei Jahre jünger als ich. Ein Ekel, immerzu kommt er mich ärgern. Sei froh, daß deine noch so klein sind.“

Wie eine Mühle ging ihr Mundwerk, wie eine Plappermühle. Anja wurde richtig vergnügt, ohne es zu merken.

„Natürlich bin ich bald wieder auf. Die zehn Tage – außerdem brauch’ ich keine Schularbeiten zu machen, und wenn ich jetzt klebenbleib’, schieb’ ich es darauf. Wunderbar, nicht? Ich wäre wahrscheinlich sowieso anhänglich gewesen. Dauernd schreiben sie jetzt Arbeiten ...

Wann besuchst du mich? Morgen? Du weißt nicht, ob du wegkommst? Na hör mal, eine schwerkranke Freundin besuchen, die im Bett liegt, das muß man doch dürfen. Also du kommst, ich sag’ meiner Mutter Bescheid. Sie soll Obstsalat machen, magst du doch, oder? Na, ich auch.

Weißt du, du solltest in den Reitverein. Nein, nicht nur so, daß du kommst und hilfst, sondern richtig. Als Mitglied. Dann mußt du einfach von zu Hause wegkönnen, verstehst du.“

Anja war ganz atemlos, als sie endlich aufgehängt hatte, weil draußen schon Leute klopften. Zwei Frauen standen vor dem Häuschen und sahen sie vorwurfsvoll an. So lange zu quatschen, unerhört!

Sie konnte doch nicht sagen, daß sie mit einer Kranken telefoniert hatte. Schnell faßte sie den Griff des Kinderwagens, wollte losschieben, hatte vergessen, die Bremse aufzumachen, und mühte sich vergeblich. Als sie dann endlich fort war, merkte sie, daß Volker seine Klapper nicht mehr in der Hand hielt. Sie fuhr zurück und hielt wieder an der Telefonzelle.

„Nein, noch mal gehst du nicht rein, jetzt komm’ ich erst dran“, sagte die Frau giftig, die vorhin die andere hatte vorlassen müssen.

„Ich will ja gar nicht“, sagte Anja und hob die Klapper auf, „nein, die darfst du jetzt nicht haben, du steckst sie in den Mund, und sie hat gerade hier auf der Straße gelegen.“ Sie wendete den Wagen und schob ihn im Eiltempo Richtung Heimat. Sie mußte die Klapper abwaschen.

„Ja, Anja, bist du schon wieder da? Aber es ist doch noch gar nicht fünf, nicht mal vier! Nein, das gibt es nicht, mir die Jungen schon wiederzubringen.“ Mutter sah sehr ärgerlich aus, als sie die Tür geöffnet hatte. „Nun sei ein einziges Mal vernünftig und bleib noch draußen.“

„Ich will ja nur ...“

„Nein, Schluß, keine Debatte.“ Mutter schlug die Tür nachdrücklich zu. „Ein einziges Mal ...“ Anja stand einen Augenblick still, dann schmiß sie die Klapper wütend auf die Erde, ließ sie liegen und ging wieder los. Gut, dann mußte Volker eben ohne Klapper glücklich sein, und wenn er aus vollem Halse schrie. Mutter wollte es ja nicht anders ...

„Na, was hat denn unser liebes Goldtöchterchen? Läuschen über Leberchen gelaufen?“ fragte Vater am Abendbrottisch. Anja hatte noch keinen Bissen gegessen; bei allem, was Mutter ihr zuschob, schüttelte sie stumm den Kopf.

„Keinen Hunger? Na, dann laß. Die meisten Menschen essen zuviel, zum Beispiel ich“, sagte Vater friedlich und nahm sich ein Brot, „aber du willst doch groß und stark werden. Ist dir nicht gut?“

„Ich hab’ noch Schularbeiten“, sagte Anja bockig. „Darf ich aufstehen? Ich hab’ den ganzen Nachmittag die Kleinen gefahren und bin zu nichts gekommen.“

„Aber Anja, du hast mir doch gesagt, du hättest alles in der Schule gemacht?“ sagte Mutter und sah sie verblüfft an. „Bestimmt hast du das gesagt. Ihr hättet eine Hohlstunde gehabt.“ Mutter erinnerte sich genau. Sie hatte den Ausdruck „Hohlstunde“ das erste Mal gehört.

„Ja, schon. Aber nicht alles. Die Jungen aus meiner Klasse machen immer solchen Klamauk, weil kein Lehrer zur Aufsicht da ist. Da kann man nicht richtig lernen.“

Schweigen. Vater sah unauffällig von einer seiner zwei Frauen, der großen und der kleinen, zur andern.

„Na, dann lauf. Wenn du nichts essen willst – komm, nimm dir wenigstens noch einen Apfel mit“, sagte er dann freundlich. Anja schnupfte und schüttelte den Kopf.

Später kam Vater in ihr Zimmer. Sie saß am Tisch, hatte die Bücher vor sich ausgebreitet, Arme und Kopf darauf gelegt und heulte. Er setzte sich sachte neben sie.

„Anja. Was gibt’s denn? Wo steckt der Kummer?“

„Ich – ich will in den Reitverein“, stieß Anja hervor. Es klang ausgesprochen ungezogen, sie merkte es selbst. Aber manchmal kann man nicht anders ... Sie war so wütend, sie kam sich schlecht und ungerecht behandelt vor und tat sich schrecklich leid. „Alle dürfen, und Petra sagt es auch, und –“ Sie glaubte jetzt selbst, was sie sagte. Vater antwortete nicht, er sah sehr nachdenklich vor sich hin.

„In den Reitverein? Richtig als Mitglied? Wird man denn da mit zehn Jahren schon genommen?“

„Klar. Mit neun schon. Petras kleiner Bruder ist neun.“

„Und der ist schon Mitglied? Und was kostet es? Weißt du das?“

„Nein, aber für Kinder – für Kinder ist es sicherlich billiger–“ Anja hatte sich darüber auch schon Gedanken gemacht. „Petra hat erzählt, daß er – er hat bloß entsetzliche Angst zu reiten, so was! Und heult, wenn man ihn draufsetzt. Und ich darf nicht – und immer muß ich die Jungen ausfahren – und – und wenn man nicht zeitig anfängt, lernt man es nie, sagt Cornelia –“

„Wer ist denn Cornelia?“

„Eine Ärztin. Die reitet halt auch. Und sie hat eben gesagt –“

„Was hat sie denn gesagt?“

„Daß sie viel zu spät angefangen hat. Mit über zwanzig erst, ganz alt. Und jetzt hat sie zu wenig Zeit, und – und Mutter erlaubt ja nicht mal, daß ich zum Zugucken hingeh’ –“ Sie weinte jetzt richtig. Vater schüttelte den Kopf.

Abends sprach er mit Mutter. Mutter war empört, als sie hörte, was Anja gesagt hatte.

„Es war das erste Mal seit Wochen, daß ich sie gebeten hab’, mir die Jungen für eine Weile abzunehmen. Nein, wenn sie so anfängt, kommt sie nicht in den Reitverein. Sie steckt sowieso dauernd dort.“ Sie sagte noch mehr. Vater hörte schweigend zu.

„Ach ja, es ist nicht so einfach, für beide nicht“, dachte er. „Für Mutter nicht, auf einmal drei Kinder und einen Mann zu haben, und für Anja nicht, nicht mehr die einzige zu sein. Vielleicht wäre es doch gut, sie ginge in den Reitverein, dort hat sie, scheint’s, Leute gefunden, an die sie sich anschließt.“

Aber wenn sie sich so benahm, wie Mutter es geschildert hatte, konnte man sie wahrhaftig nicht zur Belohnung in den Reitverein schicken. Das ging nicht, Vater sah das ein. Er seufzte.

Ein lustiger Krankenbesuch

Anja sprang vom Fahrrad und schob es den Fußweg hinauf; jetzt müßte eigentlich die Hausnummer kommen, die sie im Telefonbuch herausgesucht hatte. Eine lange weiße Mauer, dahinter Bäume, wie man sah, jetzt eine Haustür mit einer schmiedeeisernen Zahl darüber: 68. Und da stand auch der Name, ebenfalls in Schmiedeeisen: Hartwig. Sie war also an der richtigen Stelle.

Sie lehnte das Fahrrad an die Mauer und ging zur Tür. Jetzt müßte sie läuten – sie hob die Hand und ließ sie gleich darauf wieder sinken. Immer war das so bei ihr – wenn sie in ein Haus gehen sollte, in dem sie noch nie gewesen war, verließ sie plötzlich der Mut. Sie mußte sich ganz schrecklich überwinden, um hineinzugehen. Wenn Mutter sie schickte, gab sie sich früher oder später einen Stoß und läutete sozusagen mit geschlossenen Augen, da mußte man eben. Wenn sie aber freiwillig irgendwohin ging, das erste Mal ...

Petra würde ihr bestimmt nicht aufmachen. Die lag im Bett, und das war der Grund, sie zu besuchen. Wer aber würde ihr öffnen? Petras Mutter? Woran sollte sie erkennen, ob sie das war? Oder eine von Petras Schwestern? Oder ...?

Nein, sie drehte lieber wieder um. Irgendwo hier war vielleicht eine Telefonzelle, und da konnte sie anrufen und so tun, als wollte sie sich nur nach Petras Befinden erkundigen, und wenn diese dann sagte: „Kommst du nicht mal?“, dann konnte sie antworten: „Ja, warum nicht, aber bei euch ist ja zu“, oder so ähnlich.

Sie nahm das Fahrrad wieder auf und schob es an den Rand der Straße. In diesem Augenblick bremste ein Wagen hinter ihr, und unwillkürlich drehte sie sich um. Gleich darauf waren alle ihre Sorgen vergessen.

Diesen VW kannte sie doch!

„Na, Anja, warst du bei Petra? Das ist recht, daß du dich um deine Freundin kümmerst!“ sagte Cornelia freundlich und klappte die Autotür zu. Sie trug einen weißen Mantel, aus dem am Halsausschnitt weißes wolliges Fell hervorkam, darunter flaschengrüne Hosen, und sah darin bezaubernd aus. Anja fühlte, wie sich ihr Herz dehnte.

„Ich war noch nicht drin. Ich wollte eben wieder ausreißen“, sagte sie wie im Traum, sah Cornelia an und lachte. Immer, wenn sie mit dieser jungen Ärztin zusammen war, hatte sie das Gefühl, als müßte alles gutgehen. Alles, alles. Als könnte sie dann alles sagen, was sie bedrückte, und brauchte sich nie zu genieren, wenn sie sich dumm und falsch benahm. O Cornelia!

„Ausreißen wolltest du? So was gibt’s ja nicht“, sagte Cornelia munter und nahm ihre Hand. „Komm, wir wagen es zu zweit. Hast du geläutet?“

„Eben nicht.“ Anja lachte, Cornelia führte ihre Hand nach oben und drückte mit Anjas Zeigefinger auf den Knopf unter dem schmiedeeisernen Namen.

„Siehst du, so macht man das. Und das nächste Mal kannst du es allein. Und wenn jetzt jemand kommt, da sagt man – na, wie sagt man?“

„Guten Tag, ich bin Anja und möchte Petra besuchen“, sagte Anja, und es ging ganz leicht und glatt.

„Genau. Achtung, jetzt geht’s los!“

Wirklich ging die Tür auf, und ein freundliches Mädchen sah heraus. Anja sagte ihren Spruch auf, während sie ihre Hand noch in Cornelias liegen hatte. Dann durften sie beide eintreten, und gleich darauf standen sie vor Petras Couch in einem weiten, hellen, wunderschönen Raum, dessen Wände mit Holz verkleidet waren, was das Zimmer so herrlich gemütlich machte. Anja sah sich um, unauffällig, aber genau. Die Decke war nicht glatt wie bei anderen Zimmern, sondern sie bildete einen sicherlich acht Meter hohen Giebel, der in der Mitte einen dunklen Balken hatte; ringsum an den Wänden standen Bücherregale, die so hoch hinauf reichten, daß man mit einer Leiter hinaufklettern mußte, wenn man etwas aus den obersten Reihen herausholen wollte. Die Leiter stand auch da, im selben hellen Holz. Allein die Leiter überwältigte Anja. Ja, hier gefiel es ihr. Hier würde sie auch gern im Bett liegen wollen, das Telefon neben sich, Bücher ringsum, den Fernseher in greifbarer Nähe – Anjas Eltern hatten kein Fernsehen –, und den Meisen zusehen, die sich vor dem Fenster tummelten, an aufgehängten Futterbällen pickten und in das große, flache, strohgedeckte Futterhäuschen hüpften, wieder herauskamen, wieder wegflogen und im Sturzflug zurückkamen.

„Na, du sagst ja gar nichts, Anja. Du guckst dich nur um, und das lohnt sich hier auch. Habt ihr es aber gemütlich! Weißt du, Petra, daß Anja gerade ausreißen wollte, als ich kam? Sie hatte wahrscheinlich Angst, daß ein Gespenst aus der Haustür kommen und auf sie losgehen könnte, wenn sie klingelte“, erzählte Cornelia und legte drei Apfelsinen vor Petra hin. „Ich kam gerade im letzten Augenblick, um diese Flucht zu vereiteln.“

„Das war lieb von Ihnen!“ Petra strahlte. Sie sah überhaupt nicht krank aus, war es ja auch nicht im eigentlichen Sinne. Gleich darauf ging die Tür auf, und Petras Mutter kam herein. Sie begrüßte Cornelia und Anja und setzte sich zu ihnen, fragte, ob Cornelia Kaffee haben wollte, und gab dann durchs Haustelefon Bescheid. Sie trug einen schwarzen Hosenanzug und sah gepflegt und vornehm aus. Anja war goldfroh, daß Cornelia mit war und die Unterhaltung führte.

„Ach, die Gehirnerschütterung!“ sagte Frau Hartwig und sah erst Petra und dann Cornelia an, „Sie sind Ärztin und waren dabei, habe ich gehört. Also wird es wohl alles mit rechten Dingen zugehen. Ja, ja, ich bin etwas mißtrauisch. Wissen Sie, was mir mal passiert ist? Mit meinen beiden größeren Töchtern, die auch reiten?“

„Nein. Erzählen Sie!“ bat Cornelia.

„Ja also, die waren in den Osterferien bei Bekannten eingeladen, wo sie reiten durften – woandershin fahren meine Töchter überhaupt nicht, alle drei reiten ja – na, ich auch, ich kann eigentlich nichts dazu sagen. Nun also, am letzten Ferientag machten sie mit meiner Freundin, die sie eingeladen hatte, und deren Kindern noch einen größeren Ritt, und eine von meinen, die mittlere, schmierte ab. Nicht schlimm, halt so, wie man runtersaust; es war dunkel geworden, und sie beeilten sich heimzukommen und galoppierten einen Feldweg entlang, der weich war und sich zum Galopp anbot. Martina flog runter, war aber gleich wieder auf den Beinen, sagte, es wäre nichts passiert, und ritt noch mit heim. Am nächsten Tag kam meine Freundin, um die Mädels zu wecken; sie schliefen in einem Zelt auf der Koppel. Sie hatten sich das sehnlichst gewünscht. Meine Freundin blieb stehen, weil sie vor dem Zelt, das halb offen war, die Spur davon sah, daß jemand gebrochen hatte. Aha, also doch, dachte sie und guckte ins Zelt. Die drei Mädchen waren gerade aufgewacht. ‚Dir ist schlecht geworden, Martina? Ach, du armer Kerl! Ich dachte gar nicht, daß es gestern abend ein ernstlicher Sturz war. Von nun an wird aber nur mit Sturzkappen geritten, das sage ich euch. Mit Kappe hätte es nichts geschadet. Ja, Martina, du kannst nun nicht heim, Gehirnerschütterungen muß man ausliegen. Da bleibst du noch acht Tage hier.‘

Die Mädels schrien vor Begeisterung. Martina wurde ins Haus bugsiert und ins Bett gesteckt, und einen Tag blieb sie auch darin liegen. Die nächsten Tage aber, du lieber Himmel!

‚Ich habe ja selbst vier Kinder und kenne mich in manchen Dingen aus‘, schrieb mir meine Freundin damals, ‚aber so was von Temperament auf dem Krankenlager habe ich noch nie erlebt. Wie muß Martina erst sein, wenn sie gesund ist!‘

Ich fuhr natürlich sofort hin und redete Martina gut zu, still zu liegen, aber sobald wir den Rücken drehten oder das Zimmer verließen, war der Teufel los. Sie hopsten herum und trieben das Kalb aus, wir waren machtlos.“

Cornelia lachte. „Es war wahrscheinlich nur eine ganz leichte Gehirnerschütterung gewesen, meine ich, oder?“

„Überhaupt keine war es! Zwei Jahre später erfuhr ich durch Zufall, was es gewesen war. Das Häufchen vor dem Zelt stammte von einer Katze; meine Freundin hatte eine Katze, die sehr an den Kindern hing. Die muß ihnen nachspaziert sein, und da hat sie vielleicht einen Mäusebraten nicht recht vertragen und wieder von sich gegeben. Die Kinder wußten das, aber sie fanden es so herrlich, daß Martina nun noch acht Tage bleiben durfte, daß sie allesamt den Mund gehalten haben. ‚Es ist unhöflich, Erwachsenen zu widersprechen‘, sagte eine dieser freundlichen Blüten süffisant, als sie zur Rede gestellt wurde – was sollte man machen, nach zwei Jahren!“

Sie lachten alle.

„Und dann – erzähl von der Zeltlampe, Mutter!“ drängelte Petra. Frau Hartwig stand auf, gerade schob das Mädchen einen Teewagen mit Tassen und Kanne und frischen Brötchen durch die Tür. Sie nahm ihn entgegen und begann einzugießen, während sie erzählte.

„Ja, das war auch so eine Geschichte. Da waren sie bei anderen Reitbekannten, Petra und Angelika. Sie lassen sich ja mit Vorliebe dorthin einladen, wo es Pferde gibt und sie im Gelände reiten können. Bei diesen Bekannten durften sie im sogenannten Sommerstall schlafen, einem Holzgebäude, das auf einer etwas abgelegenen Weide steht. Vorn können die Pferde hinein, hinten ist Heu gelagert. In diesem Heu schliefen sie mit ihren Schlafsäcken. Das war das Schönste. Dafür mußten sie Wasser tragen, die Wiese von Pferdemist säubern – der Fohlen wegen wird dort jeder Mist abgelesen – und auch sonst helfen. Das taten sie gern und ordentlich, wie mir berichtet wurde. Das war Ehrensache.

Nun haben meine Töchter außer ihrer Passion zu reiten noch eine, nämlich zu lesen. Auf deutsch, sie verschlingen alles, was ihnen an Gedrucktem vor die Augen kommt. Und einschlafen, ohne gelesen zu haben, können sie alle nicht. Ich hatte sie hingebracht und mir ihre Schlafgelegenheit angesehen, und da ich sie kenne, spendierte ich ihnen eine Lampe. Es gibt elektrische Zeltlampen mit Batterie, die man an die Decke hängt. Eine andere wäre nie in Frage gekommen, wegen des Heus. Aber ich stellte eine Bedingung: Sie durften diese Lampe nur haben, wenn sie versprachen, jeden Tag zu duschen.

Es ist nämlich leider bei uns so, daß die Kinder wahre Wasserfanatiker sind, wenn es um Schwimmen oder Bachwaten geht. Sollen sie sich aber waschen, auch nur warm in einem warmen Raum, dann tun sie, als wollte man ihnen ans Leben. Jeden Tag versuchen sie, sich darum zu drücken, und das ist ein Punkt, an dem ich keinen Spaß verstehe. Ungewaschene Leute, puh, scheußlich! Mögen sie im Dreck waten, da habe ich nichts dagegen. Aber einmal am Tag muß man sauber sein, das gehört zu den allerersten Regeln, finde ich.

Sie versprachen goldene Berge. Ich fuhr ab. Nach acht Tagen kam ich sie besuchen, und im Laufe des Tages fielen mir die Zeltlampe und meine Bedingung ein. Ich fragte meine Bekannte, ob sich die Mädels auch jeden Tag duschten.

‚Nie‘, sagte sie, ‚noch kein einziges Mal. Ich habe mich schon gewundert.‘

Na, ich wurde ziemlich wütend und stellte meine lieben Töchter zur Rede, sobald ich ihrer beider habhaft wurde.

‚Ihr habt doch versprochen zu duschen. Nur deshalb hab’ ich euch die Zeltlampe spendiert‘, sagte ich, begreiflicherweise empört.

‚Aber wir – wir haben doch oft gebadet. Jeden Tag – im Bach‘, versicherten sie. Ich aber war voller Zorn, mir war es auch peinlich meiner Bekannten gegenüber, und ich ging stracks zum Sommerstall und holte mir die Zeltlampe.

‚So, nun könnt ihr abends nicht mehr lesen‘, sagte ich strafend. Die Mädchen standen mit eingezogenen Köpfen da und sahen mir nach. Sie wissen, ich fackele nicht lange.

Abends saß ich mit meiner Bekannten und deren Mann noch ein wenig hinter dem Haus, von wo aus man die Weide mit dem Sommerstall sieht. Wir unterhielten uns und tranken etwas und dachten an nichts Böses. Auf einmal sagte meine Bekannte: ‚Haben Sie den Kindern die Zeltlampe nicht weggenommen? Ich hörte doch so was. Aber da hinten ist doch Licht im Stall, sehen Sie? Oder täusche ich mich?‘

Ich guckte zum Stall hinüber. Wahrhaftig, da war Licht, nicht immerzu, aber immer wieder. Manchmal sah man es und manchmal nicht. Wir spähten alle drei aus.

‚Ob sie sich eine Kerze mitgenommen haben?‘ fragte der Vater nach einer Weile. ‚Das wäre ja –‘

‚Das wäre unerhört. Also das gibt’s nicht‘, sagte meine Bekannte und stand auf. ‚Eine Kerze dort, wo Heu liegt –‘

Sie ging los, so schnell, daß ich kaum mitkam. Ich betete innerlich, daß nicht meine auf diese schreckliche Idee gekommen sein möchten. Heu und offenes Licht, da gibt es kein Pardon. Wir gingen immer schneller, alle drei, zuletzt liefen wir fast, denn es war ganz bestimmt Licht dort ...“

„Hatten sie wirklich eine Kerze?“ fragte Anja gespannt, als Frau Hartwig eine Pause machte und Cornelia nochmals Kaffee eingoß. „Hatten sie wirklich –“

„Nein, sie hatten keine Kerze“, sagte Petras Mutter, und ihre Augen funkelten vor Vergnügen, „wissen Sie, was sie sich ausgedacht hatten, die Schlawiner? Sie hatten eins ihrer Fahrräder mitgenommen, an dem am hinteren Rad ein Dynamo war. Dieses Fahrrad hatten sie verkehrt herum an den Eingang des Stalles gestellt, dorthin, wo kein Heu lag, auf Lenkstange und Sattel, so, wie man es macht, wenn man etwas daran repariert. Die Lampe zeigte in Richtung auf ihr Lager. Dort rekelten sich alle in ihren Schlafsäcken, die Bücher vor den Nasen, und eine von ihnen – das Los bestimmte die erste, dann ging es reihum nach der Uhr, jede zehn Minuten lang –, eine von ihnen also mußte die Pedale des Fahrrads drehen, damit die anderen Licht hatten. Es ging wirklich ganz gut, natürlich nicht so gleichmäßig wie mit der Zeltlampe, aber immerhin, Licht hatten sie.

‚Die Batterie war sowieso fast aus‘, berichteten sie, ‚und hier gab es keine Batterie, die nachließ. Wir haben keine Kerze genommen. Daß man im Heu kein Streichholz anzündet, na, das wissen wir auch, wir sind ja keine Säuglinge. Und es ging ganz gut so.‘

Wir haben sehr gelacht. Der Mann meiner Bekannten sagte, die Mädels hätten eins zu null gegen uns gewonnen, und ich besorgte am nächsten Tag eine neue Batterie für die Zeltlampe und gab ihnen die wieder. Diesmal ohne Bedingungen, weil wir es genial fanden, wie die Kinder sich geholfen hatten. Und was glauben Sie, von da an duschten die Mädels, jeden Tag taten sie es, sagte meine Freundin, als ich sie abholte, gewissenhaft und pünktlich. Was sagen Sie dazu?“

„Dasselbe wie Sie: eins zu null für die Kinder“, sagte Cornelia und lachte auch. „Sich so zu helfen, alle Achtung! Ja, wo viele zusammen sind, kommt immer eins auf den richtigen Trichter. Drei Töchter haben Sie?“

„Ja. Angelika, Martina und Petra. Und einen Sohn, den Werner. Der kommt nach Petra. Als er geboren wurde, telegrafierte meine Schwester an uns: Endlich erreicht! Ich habe mich natürlich auch sehr gefreut, noch einen Sohn zu bekommen, unsern Werner, aber erfindungsreich sind Töchter auch, wie man sieht, und manchmal schwieriger als Söhne.“

Da öffnete sich die Tür, und ein Junge, etwas kleiner als Anja, erschien im Zimmer. Er sah Petra ziemlich ähnlich, hatte dasselbe emporstrudelnde Haar über der Stirn und braune Augen. Er begrüßte die Anwesenden mit einem flauen „Tag!“ und setzte sich an den Teewagen, um sich dort, stumm und ohne Pause, voll frischer Brötchen zu stopfen, bis seine Mutter „Schluß!“ sagte und den Wagen aus seiner Reichweite schob. Petra sah Werner entrüstet an.

„Du kannst auch nichts als futtern“, sagte sie und machte ein Gesicht wie Anjas Lateinlehrerin, „einmal wirst du platzen. Lieber solltest du reiten, du Angsthase!“

„Hab’ keine Angst. Hab’ bloß keine Lust“, nuschelte Werner, den Mund noch voller Brötchen, „wenn man von früh bis abends nichts anderes hört als reiten und reiten und reiten –“ Er stand auf und verließ den Raum, und man sah ihm von hinten an, was er für ein Gesicht machte.

„Ihr sollt ihn in Ruhe lassen. Er kommt schon von selbst auf den Geschmack“, sagte Petras Mutter und lächelte ein wenig betrübt. „Mein Kummer ist es ja auch, daß er nicht aufs Pferd will. Und mein Mann bedauert es ebenso.“

„Wie alt ist er denn?“ fragte Cornelia.

„Neun. Da kann es ja noch kommen.“

„Ich hab’ von klein auf vom Reiten geträumt. Aber erst als Studentin bekam ich Gelegenheit dazu. Und Sie, Sie reiten auch? Ich hab’ Sie noch nie im Verein getroffen.“

„Wir reiten immer früh, mein Mann und ich. Mein Mann ist von der Firma sehr eingespannt, da geht es nicht anders als morgens um sechs. Sie kennen unsere Pferde sicher, oder? Ja, sie stehen im Vereinsstall, rechts vorn, in Laufboxen. Lady und Rumpel, die Namen passen wahrhaftig nicht zueinander, aber wäre Rumpel männlichen Geschlechts, so hätten wir sie wahrscheinlich in Lord umgetauft. Aber es sind zwei Stuten.“

Sie mündeten in ein Gespräch über Pferde, bei dem Anja und Petra schweigend und aufmerksam zuhörten. Petras Mutter hatte früher Remonten zugeritten, verstand also wirklich etwas vom Thema. Kein Wunder, daß die Töchter so passioniert waren.

Als Anja heimradelte, war sie tief in Gedanken. So eine Mutter müßte man haben! So ein Zuhause. Sie hatte sich gut umgesehen: Überall hingen Pferdebilder, überall standen Pferdebücher. Ein Schrank stand voller Preise – Pokale, Teller aus Silber, eingravierte Daten. Der Garten, der ums Haus lag, war geradezu ein Park. Und Frau Hartwig! Schön und schlank gewachsen und gepflegt, und trotzdem nicht „feun“, wie Anja Leute nannte, die sich Schmuck umhingen und nirgends hinfassen mochten, wo sie sich vielleicht ein wenig schmutzig machen konnten. Ja, wenn Mütter reiten ... Anja dachte an ihre eigene, die rotbackig und rundlich war, den ganzen Tag mit Wickelschürzen herumlief, mit weißen, wenn sie die Jungen versorgte, sonst mit bunten, hübsch und appetitlich, das schon, aber ...

Die sich gar nicht dafür interessierte, wenn man von Pferden erzählen wollte, die verstrubbelte Haare hatte und sich einfach ein Kopftuch darüberknüpfte, weil sie es selbst nicht mehr mit ansehen konnte ...

Freilich, keiner will seine Mutter tauschen. Aber ein bißchen ändern könnte sich ihre Mutter schon, dachte Anja rebellisch, nicht nur das Muttertier für die beiden kleinen Jungen sein, die sie von morgens bis abends versorgte, fütterte, badete, schlafen legte oder herausnahm – etwas anderes tat sie eigentlich nicht mehr, so schien es Anja. Die beiden Kerlchen waren süß, zugegeben, aber es gab ja auch noch andere Dinge auf der Welt.

Und Werner, dieser Dummkopf! Könnte dreimal die Woche reiten – Petra ritt dreimal, wenn es mit der Schule einigermaßen paßte – und mochte nicht! So dumm, so unverständlich dumm! Wenn sie an seiner Stelle wäre, sie wüßte, was sie täte! Sogar eigene Pferde hatten Hartwigs, und –

„Na, Anja, du kommst ja so verträumt daher, daß du nicht mal deinen Vater erkennst!“ hörte sie es sagen – sie war eben in ihre Straße eingebogen.

„Ach, Vater, du! Ich war bei Petra, weißt du, die aus dem Reitverein, die die Gehirnerschütterung hat. Ja, es geht ihr gut, nur auf stehen darf sie noch nicht.“

„Hauptsache, es ist nichts Schlimmes. Komm, ich trag’ dir das Rad in den Keller – lauf zu Mutter, sie ruft.“

Anja hatte es schon gehört.

„Anja – endlich! Ich hab’ den ganzen Nachmittag auf dich gewartet. Wo warst du denn wieder, natürlich im Reitverein, oder?“

„Nein. Ich soll ja nicht.“ Anjas Stimme klang jetzt anders als vorhin, da sie mit Vater gesprochen hatte. Wütend, verbockt ...

Es wurde kein schönes Heimkommen.

„Mit Anja ist wirklich nichts anzufangen, ich komm’ mit ihr in letzter Zeit überhaupt nicht zurecht“, klagte Mutter am Abend. „Den ganzen Nachmittag läßt man sie laufen, wohin sie will, und wenn sie dann endlich kommt, ist sie bockig und unfreundlich.“

„Zu mir war sie freundlich. Sie hat eine Freundin besucht, die im Bett liegt“, sagte Vater vorsichtig. „Daß es eine aus dem Reitverein ist, sag’ ich jetzt besser nicht“, dachte er und schwieg. Aber es nützte nichts.

„Ja, Petra wahrscheinlich. Es ist ja nett von ihr, sich um sie zu kümmern, aber den ganzen geschlagenen Nachmittag dort zu hocken, ohne daß sie vorher sagt, wohin sie geht ... ich habe mich gesorgt! Ach ja, mit ihr ist es zur Zeit wirklich schwierig.“

Vater schwieg. Er mochte seine neue Tochter ausgesprochen gern, wünschte sich sehr, ein gutes Verhältnis zu ihr zu bekommen. Das aber mußte man behutsam anfangen. Und daß seine Frau so gar kein gutes Haar an dem Kind ließ, machte ihn doch nachdenklich.

So, wie sie es sagte, war es sicherlich auch nicht. Aber Anja wurde meistens sofort unzugänglich und patzig, wenn Mutter etwas von ihr wollte. Mit Vorwürfen aber änderte man da nichts.

Er unterrichtete Kinder im Alter von Anja, und da erlebte er oft, sehr oft, daß Mütter kamen und behaupteten, mit ihren Töchtern wäre überhaupt nicht auszukommen; er aber fand in der Schule, daß es nette und aufgeschlossene und gescheite Schülerinnen waren.

„Abwarten“, sagte er. Aber abwarten ist nicht so leicht, wenn man das Temperament von Anjas Mutter besaß ...

„Ich bin geritten!“

„Holen Sie ihn schon?“ fragte Anja. Es klang enttäuscht. Sie hatte sich soeben, später als sonst, von zu Hause wegstehlen können und war diese Sekunde erst bei Kerlchen angekommen, der am Zaun der Koppel stand und wahrhaftig nach ihr Ausschau gehalten hatte. Jedenfalls guckte er in die Richtung, aus der sie kam – und nun war Herr Anders von der anderen Seite her gekommen und wollte ihn holen. „Heute gehst du mal nicht in den Reitverein“, hatte Mutter gesagt. „Es muß auch mal ohne gehen.“

Hier auf der Koppel zu stehen und Kerlchen zu streicheln, das war nicht „in den Reitverein gehen“. Sie sah zu Herrn Anders auf. „Aber die Möhre darf er doch noch fressen, so eilig ist es nicht, nein?“

„Nein. So eilig nicht. Ich hab’ Zeit. – Du, Anja?“

Ja?“

„Wie wäre es – willst du ihn mal versuchen?“

„Kerlchen? Ihn reiten? Im Ernst?“ Anjas Augen waren ganz groß und rund geworden. „Darf ich wirklich? Darf er denn geritten werden?“

„Bis zum Stall gewiß. Ich hab’ das Reithalfter mitgebracht“, sagte Herr Anders. Er wartete, bis Kerlchen die Möhre verschnorpst hatte, und streifte ihm dann das Kopfstück über. Vorsichtig schob er das Gebiß ins Pferdemaul, schloß die Schnalle des Kinnriemens und dann die Schnallen am Kehlriemen. „Siehst du, so macht man das. Hier muß es eng anliegen, und hier muß eine Faust dazwischenpassen. Probier mal. Ja, so. Und nun –“

Anja stand schon links neben dem Pferd bereit, das eine Bein angewinkelt, wie Herr Anders es ihr damals gesagt hatte. Er legte die Hand darunter – schon war sie oben.

„Und nun: schön aufgerichtet sitzen, Schultern zurück, Beine lang. Fußspitzen anheben, Hacken runter, auch ohne Bügel. Ja, so. Ganz locker dabei – nun, das alles kommt mit der Zeit. Hier die Zügel. Sie müssen zwischen Ring- und kleinem Finger durchlaufen und zwischen Daumen und Zeigefinger – ja, du weißt es wohl schon. Hast gut aufgepaßt, wenn du bei der Reitstunde zugesehen hast. Fäuste aufrecht, Daumen wie kleine Dächer darüber. Fein. Und jetzt klopfst du ein wenig mit den Hacken, ein wenig nur – richtig. Das tut ihm nicht weh, das sagt ihm nur: ‚Los, jetzt wollen wir.‘ Na also, er versteht dich ja!“

Kerlchen hatte sich, sobald Anja mit den Fersen an seine Flanke kam, Richtung Stall gewandt und ging im Schritt los. Anja fühlte den warmen, mächtigen Körper unter sich in Bewegung kommen, sie drückte die Knie fest an und die Fersen nach unten, wie der Reitlehrer es oft und oft gesagt hatte. Mitsamt dem Zügel hatte sie ein Büschel Mähnenhaar erwischt, das gab ihr noch mehr das Gefühl, dem Pferd nahe zu sein.

„Nein, nicht schneller. Heute noch nicht. Heute reiten wir Schritt“, sagte Herr Anders, der nebenherging, ohne den Zügel anzufassen. „Schritt ist das erste und nicht das leichteste, das glaubt einem anfangs niemand. Und Stürze aus dem Schritt sind oft schlimmer als andere.“

Das konnte sich Anja nicht vorstellen. Ein Sturz bei einem Sprung, ein Hineinsegeln ins Hindernis, wie sie es schon mehrmals gesehen hatte, oder ein Aus-dem-Sattel-Kommen, wenn das Pferd bockelte, erschien ihr viel gefährlicher. Sie sagte aber nichts; das wußte sie schon von den Stunden, die sie miterlebt hatte: Widersprechen durfte man nicht, nie. „Morgen oder übermorgen traben wir dann ein Stückchen, heute noch nicht“, fuhr Herr Anders mit gleichmäßiger, freundlicher Stimme fort, „merkst du es – er weiß genau, was er tun soll, ja? Guter alter Knochen, wie viele Kinder hat er getragen, so wie dich jetzt, vorsichtig und voller Behutsamkeit. Er war auch eine Weile Voltigierpferd. Was Voltigieren ist, weißt du, oder? Da läuft das Pferd an einer Leine im Kreis, an der Longe, heißt das, und die Kinder machen Turnübungen daran, springen auf und ab und machen die Fahne und die Mühle –“

„Das hab’ ich mal bei unsern Nachbarn im Fernsehen gesehen, bei einem großen Reiterfest. Da waren auch ganz kleine Kinder dabei, höchstens fünf Jahre alt, vielleicht erst vier.“

Anja wurde ganz eifrig. Herr Anders merkte, wie sie sich entspannte, während sie erzählte. Das hatte er gewollt.

„Die Mädels hatten winzige Röckchen an und die Jungen grüne Hosen, manchmal waren zwei auf dem Pferd und hielten sich aneinander fest, manchmal sogar drei, und eins hing mit dem Kopf nach unten.“

„Kosakenhang heißt das“, ergänzte Herr Anders.

„Und zuletzt machten sie eine Pyramide am Pferd, drei saßen drauf, und zwei standen, und rechts und links machte eins Handstand am Pferdehals ... ich möchte auch voltigieren lernen – oder bin ich schon zu groß dazu?“

„Aber woher denn! Es gibt auch Voltigiergruppen aus Erwachsenen – freilich ist es gut, wenn man früh damit anfängt, genau wie beim Reiten.“

„Gibt es das hier im Reitverein?“ fragte Anja dringend. „Hier bei Ihnen?“

„Doch, ja, von Zeit zu Zeit machen wir Kurse. Und da mitzutun ist nicht so teuer wie Reitstunden, weil eben viele Kinder miteinander üben, an einem Pferd. Mindestens sechs sollten es sein, damit jedes nach seiner Übung verpusten kann. Beim Voltigieren kommt man nämlich sehr schnell außer Atem, das kann ich dir sagen! Vielleicht kannst du schon beim nächsten Kurs mitmachen?“

„Oh, das wäre schön! Nur – wissen Sie – meine Eltern! Meine Mutter ... ja, also, gern sieht sie es nicht, wenn ich zu Ihnen gehe. Sie war ja auch noch nie mit und hat sich nicht angesehen, wie es bei Ihnen ist.“

„Die meisten Eltern sehen es nicht so gern, wenn sie ihre Kinder dann für ganze Nachmittage los sind. Und die Schularbeiten liegen da und werden nicht gemacht, und geholfen wird nicht, während man im Reitverein gern hilft.“ Herr Anders lachte leise. „Aber das gibt sich. Und wenn man so schön nahe wohnt wie du ... du wohnst doch da drüben, gegenüber dem Einkaufsladen? Na siehst du. Und schon sind wir angekommen.“ Sie standen vor dem Stall.

„Schade“, sagte Anja und seufzte aus Herzensgrund. „Schade – aber es war schön – ach, herrlich! Darf ich wieder mal?“

„Natürlich darfst du. Komm – aha, da brauch’ ich gar nicht zu helfen. Du kommst allein runter.“ Anja hatte sich seitlich hinabgleiten lassen und stand jetzt wieder an Kerlchens Kopf, glühend vor Aufregung und Glück.

„Danke, Kerlchen, das war schön! Morgen bring’ ich dir wieder Mohrrüben – oder hartes Brot. Ist doch besser als Zucker, nicht wahr, Herr Anders?“

„Viel besser. Zucker nur in ganz kleinen Mengen, als große Belohnung. Im Zoo ist mal ein Elefant an Würfelzucker gestorben, weil ihn die Leute so sinnlos fütterten. Zucker übersäuert den Magen, so komisch das klingt. Und nie Schokolade geben, verstehst du? Ach, was die Leute manchmal Unsinniges füttern.“

Ich bin geritten, ich bin geritten, ich bin geritten, sang es in Anjas Herz. Ich bin auf Kerlchen geritten, ganz allein. Er hat den Zügel nicht angefaßt, ist nur nebenhergegangen, der Herr Anders. Ich bin allein geritten ...

Sie rannte heim. Wenn sie ganz schnell wieder zu Hause war, würde Mutter vielleicht nichts merken. Sie mußte nur ins Haus hineinkommen, ohne zu läuten – einfach durch den Keller. Und dann so tun, als wäre sie die ganze Zeit zu Hause gewesen, hätte Schularbeiten gemacht oder ...

Und sie konnte Mutter ja auch helfen, von sich aus. Fragen: „Was kann ich tun, Mutter? Soll ich einkaufen gehen? Brauchst du noch was?“ Meist brauchte Mutter noch was, auch wenn sie schon Besorgungen gemacht hatte.

Alles ging gut. Anja schlich durch den Keller, stand mit klopfendem Herzen auf der obersten Stufe der Treppe, huschte durch den Flur in ihr Zimmer. Gerettet! Und jetzt zu Atem kommen, und dann ganz harmlos hinübergehen, so, als wäre man überhaupt nicht draußen gewesen ...

Ich bin geritten! Wie einen kostbaren Schatz trug sie dieses Wissen in sich, einen Schatz, den sie nie verlieren konnte. Ich bin geritten, vielleicht reite ich morgen wieder. Oh, Reiten, das Schönste auf der Welt! Sie hätte am liebsten die ganze Welt umarmt.

„Was glaubt ihr – es schneit!“

Vater stand in der Tür, noch im Mantel, der wahrhaftig an den Schultern weiß gepudert war. Anja fühlte ihr Herz hüpfen. Jedes Kind freut sich über den ersten Schnee. Gleichzeitig aber fuhr es ihr wie ein Stich hindurch: Schnee! Dann konnte Kerlchen vielleicht nicht mehr auf die Weide?

Vielleicht doch. Vielleicht blieb der Schnee nicht liegen – aber es wäre andererseits eben wunderbar, wenn er liegenbliebe. In den letzten Jahren hatte es doch so wenig geschneit ...

„Oh, da werden sich die kleinen Jungen aber freuen!“ sagte Mutter sofort.

„Und die große Anja erst recht“, schmunzelte Vater und sah zu seiner Tochter hin. Mutter lachte.

„Na klar! Das sowieso. Aber für die Jungen ist es doch etwas Neues! Und wir kaufen einen Rodelschlitten mit Lehne, da packen wir Volker und Reinhold hinein, mit Kissen und Wärmflaschen, und Anja kann sie ausfahren, das macht viel mehr Spaß als mit dem Kinderwagen. So einen Schlitten hatte ich auch für dich, als du klein warst.“

„Ja, aber den Schlitten schaffen wir gleich an, nicht erst zu Weihnachten!“ sagte Vater und hängte seinen Mantel in den Flur. „Nicht mal bis zum Nikolaus warten wir! Wenn Schnee kommt, muß man ihn nützen. Wie lange ist es denn noch bis zum Nikolaus?“

„Drei Wochen und zwei Tage“, kam es blitzschnell von Anja. Er streifte sie mit einem Blick. Dann sagte er lachend: „Schnell und genau. Antwortest du in der Schule auch immer so? Dann wünschte ich, ich hätte dich in meiner Klasse.“

Anja schwieg. Sie wußte, warum sie so genau hatte Bescheid geben können – sie dachte an das Nikolausreiten! Immerzu dachte sie daran, ob Petra bis dahin so weit gesund wäre, daß sie mitreiten könnte. Und ob Cornelia den Flieder bekam, den sie sich so heiß wünschte, und ob die Familie Hartwig ihren dickköpfigen Kronprinzen dazu bringen würde, mitzureiten.

Was hieß in diesem Falle reiten! Anja kannte das Festprogramm auswendig. Da war der erste Punkt: Vorstellen aller Pferde, Besitzer- und Vereinspferde. Und dabei sollte Petra die Rumpel haben, Angelika die Lady und Werner den Kerlchen. Die dritte Schwester war für Wanda vorgesehen, die bei solchen Gelegenheiten, wo viele Pferde mitgingen und es etwas eng würde, sehr grätig werden konnte, aber Martina traute sich zu, mit ihr fertig zu werden. Das Nikolausreiten – Anja zählte die Tage bis dahin, und deshalb hatte sie Vater so präzise antworten können.

Am nächsten Nachmittag lief sie gleich zur Wiese. Es hatte die ganze Nacht über geschneit, und die Siedlung sah ganz anders aus als vorher, wie aus einem Bilderbuch. Anja hatte den alten Lodenmantel angezogen und die Taschen vollgestopft mit Brotstückchen, die hart geworden waren; immerzu Möhren stibitzen konnte man ja auch nicht. Viel Hoffnung, Kerlchen zu treffen, hatte sie nicht, aber ...

Doch, da stand er! Herr Anders hatte ihn also doch herausgelassen, wahrscheinlich, damit er recht viel gute Luft bekam. Am Rand der Koppel war jetzt eine kleine überdachte Raufe auf gestellt. Anja sah sie zum erstenmal. Wie eine Wildfütterung, nur etwas höher – Kerlchen hatte das Heu, das darin gewesen sein mochte, gewissenhaft bis zum letzten Halm verzehrt, aber diese Raufe gab Anja die Hoffnung, daß er auch später noch bei Schnee hier sein würde.

„Hurra, mein Kerlchen!“

Sie schwang sich über den Koppelzaun und lief zu ihm hin, glücklich, erleichtert. Und wirklich, er drehte sich, als sie ihn anrief, sah ihr entgegen und kam dann sogar ein paar Schritte auf sie zu. Beglückt nahm sie ihn um den Hals.

„Alter guter Knochen“, so sagte Herr Anders immer. Das Pferd stand still bei ihren Zärtlichkeiten, bog dann den Hals und schnupperte an ihrer Manteltasche. Und plötzlich – raaaz – hatte es sie aufgerissen, indem es seine dicke Nase hineinversenkte.

„Kerlchen, du Grobian!“ Anja lachte zärtlich. „Die Tasche muß ich aber wieder annähen, sonst merkt Mutter, daß ich bei dir war. Was, in die andere willst du auch noch hinein mit deinem gierigen Maul ...“

Später, als Herr Anders kam, erzählte sie es ihm und zeigte ihm die halb abgerissene Tasche. Herr Anders lachte still in sich hinein.

„Das ist seine Art. Immer muß er in alle Taschen hinein, am liebsten mit dem ganzen Kopf. Wie viele Taschen hat er schon auf gerissen! Wir sagen nichts, wenn neue Leute in den Reitverein kommen; früher oder später macht er das bei allen. Willst du ihn wieder reiten?“

Und ob sie wollte! So eine Frage! Strahlend saß sie auf, und strahlend ritt sie die kurze Strecke bis zum Stall, rutschte dort hinunter und gab Kerlchen zum Dank das letzte aufgesparte Stück Brot und einen Kuß auf die Nase.

„Lieber, lieber Kerlchen!“

Heute hatte Mutter nicht gesagt: „Diesmal ist es nichts mit dem Reitverein.“ So konnte sie am Abend – sie brachte es nicht fertig, es bei sich zu behalten – den Eltern erzählen, daß sie geritten sei. Mutter sah sie an und schüttelte ein wenig den Kopf, aber sie sagte doch: „Na, das ist aber fein!“, und Vater gratulierte ihr feierlich. „Vielleicht wirst du mal Olympiasiegerin!“ sagte er und verbeugte sich. Bei ihm war solch ein Spaß nie kränkend, sondern nur lustig.

Abends konnte Anja nicht einschlafen. Hätte sie doch nicht davon erzählen sollen? War es dumm gewesen? Vater würde sicherlich nichts dagegen haben, wenn sie in den Reitverein ging – oder doch wenigstens einen Voltigierkursus mitmachte. Aber Mutter.

Sie hatte solchen Durst; so stand sie noch einmal auf. Barfuß tastete sie sich durch den Flur, der Küche zu. Die Eltern saßen im Wohnzimmer, von dem aus eine Durchreiche – Vater nannte sie „Freßloch“ – wie ein Fensterchen in die Küche führte, durch die man Teller und Tassen, Kaffeekanne und Suppenterrine hindurchgeben konnte. Diese Durchreiche stand halb offen, so daß Anja in der Küche kein Licht zu machen brauchte. Das war gut. Mutter konnte es nämlich gar nicht leiden, wenn man aus dem Bett noch einmal zurückkam, um etwas zu holen. Sie hatte das früher, als sie noch klein und allein mit Mutter war, manchen Abend fünf- bis zehnmal getan, und Mutter nannte es das „Wiedergehen“. Jetzt, da Anja größer war und nur bei wirklichen Anlässen noch einmal zurückkam, schalt sie nicht mehr so. Aber Anja ging dann unwillkürlich sehr leise, auch heute. Sie schlich zum Küchenschrank, nahm ein Glas heraus und füllte es lautlos am Wasserhahn. Dabei hörte sie etwas.

„Ach ja, der Reitverein, der Reitverein, der Reitverein, Beim Aufwachen, beim Einschlafen, den ganzen Tag über. Es würde mich nicht wundern, wenn sie in der Schule, nach irgendeiner Vokabel gefragt, ‚der Reitverein‘ antwortete. Sie ist wie verhext.“

„Na, so ein Unglück ist das ja nicht.“ Vater brummte vor sich hin, schien die Zeitung zu lesen. Anja verstand ihn aber doch. Sie stand da und hielt den Atem an. Wenn er jetzt doch sagte: Dann schicken wir sie doch in den Reitverein.

Nein, er sagte es nicht. Er sagte etwas anderes.

„Ich meine, wenn sie dorthin läuft, wissen wir wenigstens, wo sie steckt. Wir bekamen nämlich heute in der Schule einen Hinweis, wir Lehrer nur – ja, es soll zunächst nicht veröffentlicht werden, weil der Betreffende dann selbst gewarnt würde –, es ist, kurz und schlecht, wieder mal einer von diesen schrecklichen Gesellen in der Stadt, die Kinder an sich locken und mitnehmen. Nun, nun, mach nicht so ein verstörtes Gesicht. Etwas Ernstliches ist noch nicht passiert, er ist zweimal beobachtet und gestört worden – das heißt, das Kind ist im letzten Augenblick ausgerückt, wer aber weiß, wie es das nächste Mal ausgeht. Das ist ja wie eine Krankheit bei diesen Leuten, sie können nichts dafür, trotzdem ist es eine große Gefahr. Die Polizei ist verständigt, sie haben ihn auch ums Haar erwischt, er entkam dann aber doch. Vielleicht verläßt er die Stadt ja auch, wenn er merkt, daß man aufpaßt.“ Vater hatte gesehen, wie entsetzt Mutter schaute.

„Da darf Anja nie mehr allein –“

„Aber Erika“, sagte Vater begütigend, „wir können sie doch nicht festbinden. Warnen müssen wir sie, und das tu’ ich morgen auch, und zwar eindringlich. Sie aber deshalb zu Stubenarrest zu verdonnern, dafür bin ich nicht. Dieser Mann ist übrigens ziemlich leicht zu erkennen, soll eine Narbe auf der linken Wange haben, die man gut erkennt. Wenn man den Kindern das sagt, so ist damit schon viel gewonnen. Außerdem waren es beide Male kleine Jungen, die er versuchte mitzulocken, keine Mädchen.“

„Ach, heutzutage, wo alle in Hosen rumlaufen und die gleichen langen oder kurzen Haare tragen ...“ Mutters Stimme hörte man an, daß sie ganz außer sich war vor Sorge. „Nein, nein, Anja muß jetzt immer sagen, wohin sie geht, und pünktlich wieder zu Hause sein. Ich gebe ihr von morgen an meine Armbanduhr, sie hat sich mal eine gewünscht, die dann aber sehr bald verloren. Für mich reicht die Küchenuhr, die sehe ich ja immer. Sie bekommt meine!“

Anja hatte das Glas leer getrunken, ohne es zu merken. Sie stellte es lautlos weg, schlich rückwärts zur Tür. Wenn sie ihr jetzt verboten, zu Kerlchen zu gehen – sie würde es heimlich tun. Sie würde, würde – aber eine eigene Uhr zu haben wäre gut. Im Reitstall hing keine, nur in der Halle die große. Es würde gut sein, immer zu wissen, wie spät es ist, man konnte sich dann zu Hause zeigen und wieder entwischen ...

Trotzdem lag Anja noch lange wach. Ob es auch so schreckliche Männer gab, die Pferde stahlen? Dann mußte sie erst recht auf Kerlchen aufpassen, wenn er auf der Weide stand. Nein, zu Hause bleiben und überhaupt nicht mehr wegdürfen, auch nicht zum Helfen, das gab es nicht. Da machte sie nicht mit. Außerdem – mit fremden Männern ging sie sowieso nicht, das hatte Mutter ihr schon immer gesagt, so dumm war sie nicht. Mutter dachte ja immer, man wäre noch ein Baby, vollkommen kindisch und blöd ...

Geritten war sie, das zweite Mal schon, und morgen würde sie wieder reiten. Morgen und übermorgen und jeden Tag. Wenn Herr Anders es ihr von sich aus erlaubt, ja, angeboten hatte, so würde er das bestimmt wieder tun. Wenn doch alle so wären wie Herr Anders – Anja seufzte wehmütig und drehte sich auf die andere Seite. Ob Kerlchen schon schlief? Und dann sah sie ihn über die weiße, verschneite Koppel auf sich zukommen, vertraut und lieb, und mit der Nase ihre Manteltasche durchsuchen –

„Die muß ich ja noch annähen“, dachte Anja noch und lachte ein bißchen – gleich darauf war sie fest eingeschlafen.

Eine Taufe, und was man dabei erleben kann

Das Innere der Kirche war hell, weiß und glatt, ohne Schmuck, nur neben dem Altar stand eine schöne barocke Figur. Und auf der anderen Seite lag der Adventskranz auf einem weißen Steinsockel; eine seiner dicken Kerzen brannte. Anja blickte die ganze Zeit in dieses am hellen Vormittag fast unwirklich scheinende Licht und hörte nur mit halbem Ohr auf das, was der Pfarrer sagte. Vater und Mutter hatten je einen der Zwillinge auf dem Schoß, sie wiegten sie ein wenig hin und her und versuchten sie zu beruhigen und zu beschwichtigen, wenn sie mauzen wollten. Schließlich durften sie aufstehen und an den Taufstein treten. Anja stand auch auf und folgte ihnen. Außer ihr waren noch zwei Paten da, Vaters jüngerer Bruder Kurt für Volker und Mutters Kusine für Reinhold. Mutter hatte keine Geschwister.

Jetzt setzte die Orgel ein, rauschend, gewaltig. Die Erwachsenen sangen mit, Anja kannte das Lied nicht, aber sie fand es schön. Zum Schluß kam dann noch eins, das sie konnte und mitsang, sogar die Melodie, die sie so liebte. Es war ein Adventschoral.

Es war ja Advent, erster Advent, und draußen immer noch Schnee. Ob der bis Weihnachten blieb? Das wäre etwas ganz Besonderes! Vielleicht konnte sie sich zu Weihnachten wünschen, daß sie in den Reitverein dürfte, richtig als Mitglied, zum Reitenlernen? Das war teuer, sie hatte es von verschiedenen Seiten gehört. Wenn sie sich nichts, aber auch gar nichts anderes wünschte, nur das?

„Na, du guckst ja so verträumt – wo warst du denn mit deinen Gedanken?“ fragte die junge Tante munter, als der Taufakt vorbei war und sie der Kirchentür zugingen. „War es nicht schön? Ich wünsche mir auch Zwillinge, und die taufe ich dann auch zu Advent, und dann bist du Patin, so wie ich jetzt bei deinem Brüderchen. Wirst du ja sagen?“

„Wenn man sich Zwillinge eben mal einfach so bestellen kann ...“

„Leider nicht. Und ich habe noch nicht einmal einen Mann, also kannst du dir’s noch überlegen“, sagte Tante Sabine und nahm Mutter das Baby ab. „Aber einen Patensohn hab’ ich nun wenigstens, und um den werde ich mich kümmern, das könnt ihr glauben! Ich hab’ mich so gefreut, daß ihr mich für dieses Ehrenamt erwählt habt! Und auf den Besuch bei euch und auf die Taufe und alles.“

Anja hatte sich auf die Taufe überhaupt nicht gefreut. Immerzu: Das müssen wir zur Taufe haben und jenes – und wenn erst Taufe ist – und: aber zur Taufe ... Auch jetzt fand sie es nicht überwältigend. Die Feier war schön in dem hellen Gotteshaus, und daß erster Advent war, freute sie auch, aber den ganzen Nachmittag nur mit Erwachsenen Zusammensein zu müssen und zu helfen und zu laufen und zu springen, um die anderen zu bedienen, das war keine wunderbare Aussicht. Um so mehr leuchtete ihr Gesicht auf, als sie, aus der Kirche heraustretend, Petra sah. Petra! Sie stand auf der obersten Stufe der Kirchentreppe und hielt einen riesigen Rosenstrauß in den Händen.

„Für Sie – und für Ihre beiden Jungen – und Mutter läßt grüßen und einen wunderschönen Tag wünschen –“

Anjas Mutter sah sie gerührt an.

„Du bist Petra, nicht wahr? Von der Anja immer erzählt. Woher wußtest du denn –“

„Ihr Mann hat mich eingeladen“, berichtete Petra sprudelnd vor Eifer, „er sagte, für Anja wäre es vielleicht ein bißchen langweilig, wenn nur große Leute da sind. Darf ich den Täufling mal halten? Ich kann es bestimmt, ich lass’ ihn nicht fallen. Früher dachte ich immer, Täufling kommt von Teufel.“

„Ich auch“, sagte Mutter lachend und übergab ihr das Bündel, vorsichtig, aber ohne Besorgnis. „Du läßt ihn schon nicht fallen, da bin ich ganz sicher. Das war aber lieb von Vater, dich einzuladen –“ Sie blickte Anja auffordernd an. ‚Na los, nun sag schon‘ hieß dieser Blick.

„Ja. Danke, Vater“, sagte Anja nach einem Augenblick Zögern. Doch, es war lieb von Vater und nett ausgedacht, nur –

„Ich hab’ schon gehört, wie hübsch ihr wohnt, ihr seid ja erst hergezogen“, schwatzte Petra und trug den kleinen Jungen vor sich her, immer wieder in sein Gesicht hineinlachend. „So nahe am Reitverein–ja, wer das Glück hätte! Aber bei euch drin war ich noch nie!“

„Komm, Anja, nimm den anderen“, flüsterte Vater und legte ihr den kleinen Bruder auf den Arm. „Das ist hübsch anzusehen, wie ihr da an ihnen schleppt, das muß ich festhalten fürs Familienalbum. Ich hab’ den Foto da.“

Er machte nicht nur ein Bild. Der Schnee und die Sonne, die schöne Kirche im Hintergrund – alles bot sich geradezu an, geknipst zu werden, und auch Mutter und die Paten mußten immer wieder stillhalten, mit und ohne Täuflinge. Erst nach einer Weile setzte sich der kleine Zug endgültig in Bewegung, Richtung nach Hause, wo schon der gedeckte Tisch wartete.

„Wir trinken gleich Kaffee, wir feiern eine Kaffeetaufe“, erklärte Mutter, „so hab’ ich es auch bei Anja gehalten. Nach der Kirche einen tüchtigen Kaffee und dazu Kuchen und abends dann etwas Warmes. Ich hab’ ja jetzt so viele und tüchtige Helfer!“

Anja sah ein wenig geniert zu Petra hin. Die war ja nun wahrhaftig nicht zum Helfen eingeladen worden! Aber sie schien geradezu mit auf gekrempelten Ärmeln hergekommen zu sein, sie fragte sofort von sich aus, ob sie Kaffee holen oder Sahne schlagen oder Kuchen aufschneiden dürfte, und war entzückt von der Durchreiche.

„Nein, so was Schönes haben wir in unserem ganzen Haus nicht! Da kann man ja durchkriechen – also ich käme durch, bestimmt! Und jemandem, der im anderen Zimmer ist, einen Ball an den Kopf werfen und sich dann ducken, damit er sich wundert, oder Kasperle spielen. Ja, Kasperle! Das machen wir später, wenn die Jungen größer sind und es schon kapieren, wollen wir, Anja? Ich hab’ Kasperpuppen zu Hause, die bring’ ich mit!“

„Wunderbar. Da ladet ihr mich aber dazu ein, das möchte ich miterleben“, sagte die junge Tante. „Hier, nimm bitte den Kuchen.“ Sie stand in der Küche und reichte Petra eine Platte nach der anderen durch. „Bist du zu Hause auch so patent und brauchbar?“

„Nein. Ein Faultier, wie es im Buche steht“, gestand Petra vergnügt. „Meine Mutter ärgert sich grün und gelb über mich. Aber hier gefällt es mir eben.“

„So ist es wohl immer. Woanders sind die Kinder hilfsbereit und tüchtig, und zu Hause lassen sie sich jeden Handgriff abkaufen“, dachte Mutter, die dieses Gespräch zufällig mitbekommen hatte, „vielleicht benimmt sich Anja bei Hartwigs auch aufmerksam und gefällig. Hoffentlich ...“

Sie tat es übrigens auch heute und hier. Angesteckt von Petra, lief sie hin und her und brauchte überhaupt nicht erst aufmerksam gemacht zu werden, wenn etwas fehlte, sondern wetteiferte mit der jungen Tante und Petra darin, tüchtig zu sein. Mutter konnte nur staunend den Kopf schütteln, aber sie lachte dabei.

Der Tisch war mit Kerzen und Tannengrün geschmückt, er sah wirklich hübsch aus. Und die Täuflinge benahmen sich hervorragend, nuckelten ihre Fläschchen und schliefen dann im Nebenzimmer, wohin man sie verfrachtet hatte, dick und satt ein.

„Dick und satt bin ich auch“, verkündete Tante Sabine, die eine Taille hatte wie eine Mondscheinprinzessin, „ich muß mich jetzt unbedingt rühren, sonst habe ich fünf Pfund Schlachtgewicht drauf, und dann paßt mir kein Kleid mehr. Darf ich spülen gehen?“

„Nein, das darfst du nicht!“ sagte Mutter mit lachenden Augen, „weißt du, was mein Teurer mir zur Taufe geschenkt hat? Eine Spülmaschine! Ist das nicht wunderbar? Nun brauche ich nie mehr abzuwaschen!“

„Und ich nicht mehr abzutrocknen, das hasse ich!“ flüsterte Anja so laut zu Petra hinüber, daß alle es hörten und lachen mußten. Mutter erhob sich.

„Aber einräumen darfst du die Maschine, Sabine, wenn du möchtest. Komm, ich zeige dir, wie man es macht. Und dann ...“

„... gehen wir ein Stück in den Schnee hinaus, ehe es dunkel wird“, schlug Vater vor. „Die Jungen schlafen, und die frische Luft und etwas Bewegung täten uns allen gut.“

„Ja! Zum Reitverein!“ rief Petra sofort. „Dort wird heute geübt fürs Nikolausreiten, ich wäre dabei, wenn ich nicht hierher eingeladen worden wäre. Aber die Rumpel macht bestimmt, was sie soll, ich komm’ gut mit ihr aus, auch wenn ich sie einen Tag weniger reite. Kommen Sie?“

Ihr Gesicht war eine einzige Frage. Vater lachte.

„Dir kann man nicht widerstehen. Und wir wollten schon lange einmal hin und uns ansehen, was Anjas ein und alles ist, seit wir hier wohnen.“ Er sah seine Frau an und nickte ihr zu. „Meinst du, die Jungen tun uns den Gefallen und schlafen noch ein Weilchen?“

„Bestimmt. Es sind ja nur ein paar Schritte!“ sagte Mutter. Und dann zogen sie alle miteinander los.

Anja war nicht recht wohl in ihrer Haut. Nie, niemals hätte sie gewagt, die Eltern einfach aufzufordern, daß sie mitgingen; vielleicht war das dumm. Vielleicht fanden sie es wunderschön dort ...

Eltern finden ja immer ein Aber. Immer, immer. Wenn man von irgendwas begeistert ist, finden sie es gefährlich oder nicht passend – „dazu bist du noch zu klein“ – oder zu teuer. Anja kannte das schon. Sie war so lange Mutters Einzige gewesen, ihr ein und alles, gewiß, aber doch lebenslang ihr Baby. Nicht auf der Straße radfahren, nicht allein oder mit Freundinnen schwimmen gehen, nie später als um sieben zu Hause sein. Und so klein ist man mit zehn Jahren doch wahrhaftig nicht mehr. So ging sie also mit etwas zwiespältigen Gefühlen an diesem Adventssonntag mit der ganzen Familie den Weg, den sie sonst jeden Tag heimlich lief, eilig, sich dauernd umguckend, ob Mutter ihr etwa nachsah.

Der alte Stall mit dem gemütlichen Walmdach machte sich im Schnee wunderschön, und der Halle, die, etwas unterhalb gelegen, modern und zweckmäßig gebaut war, stand der weiße Schmuck auch gut. Sie gingen darum herum und an der anderen Seite hinein, weil geritten wurde. Petra schob die schwere Tür lautlos auf, und nacheinander traten sie an die Barriere. Dort standen ein paar Bänke, so daß man sich setzen konnte. Es war kalt, man sah den Hauch vor dem Mund.

Die Halle war schon für das Nikolausreiten vorbereitet und wirkte deshalb verändert. In der Mitte hatte man vier Hindernisse zu einem Kreuz aufgebaut, in dessen Mitte ein riesiger Tannenkranz lag. Die Hindernisse waren nicht hoch, etwa 80 Zentimeter, und an ihren Enden stand je eine dicke Kerze, die aber heute noch nicht angezündet war. Vier Reiter in schwarzen Jacken und Kappen bewegten ihre Pferde, ritten zunächst nur auf dem Hufschlag in der Halle rundum, erst im Schritt, später im Trab. Der Reitlehrer stand etwas abseits der Hindernisse und gab die Kommandos.

„Dort ist meine Rumpel, Paul reitet sie heute“, flüsterte Petra aufgeregt. „Es müssen vier sein, sonst geht es nicht auf. Sie reiten eine Springquadrille.“

Ja, es wurde sehr spannend. Petras Aufregung steckte an. Jetzt hieß es „Galopp marrrrsch!“, und sogleich fielen alle vier in Galopp. Erst auf dem Hufschlag, dann, nachdem der Reitlehrer ein Zeichen gegeben hatte, im Kreis und so, daß sie jedesmal eins der Hindernisse nahmen. Das sah leicht und gefällig aus, war aber, wie Petra hinterher erklärte, „sauschwer“, denn jedes Pferd mußte genau im selben Moment springen wie die drei anderen, und keines durfte aus dem Takt kommen. Heute war ja erst Probe und Training, und Flieder hatte, wie man sah, seinen widerspenstigen Tag. Er weigerte sich gleich das erste Mal und mußte mit der Gerte zurechtgewiesen werden, was er sehr übelnahm. Man sah seinem Schweif an, mit dem er seitlich schlug, wie ärgerlich er war. Sein Reiter mühte sich nach Kräften, ihn im Takt zu halten, er ritt im leichten Sitz und trieb, daß ihm das Wasser von den Schläfen an den Wangen heruntersickerte.

„Da – da – na, es ging gerade noch“, flüsterte Anja und ließ kein Auge von ihm. Petra hatte die Zähne in die Unterlippe gegraben und verfolgte schweigend den Ritt, was bei ihr ein Zeichen von sehr starker Konzentration war. Sonst schwätzte sie ohne Pause, jetzt aber war sie unheimlich still.

Pulsuz fraqment bitdi.

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