Kitabı oxu: «Die andere Mutter»

Şrift:

Die andere Mutter

Lise Gast

SAGA Egmont

Die andere Mutter

Copyright © 1954, 2018 Lise Gast und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711508930

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 2.0

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Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

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Für

Frau Irma Carl

in herzlicher

Verbundenheit

Da bist du ja“, sagte Eri. Sie nahm Heide das Köfferchen aus der Hand. Ihre Worte klangen so herzlich vertraut, daß Heide glaubte, nie fort gewesen zu sein. Eri hakte sie unter. Die Spannung der Erwartung löste sich bei Heide in ein Gefühl der Verbundenheit und wohligen Geborgenheit. Sie ließen sich im Strom der Ankommenden der Sperre zutreiben.

Was für ein freundliches Gesicht doch eine Großstadt haben konnte! Das milde Licht des Frühsommerabends, die bunten Fahnen, die für den Empfang irgendwelcher Gäste an hohen Masten auf dem Bahnhofsplatz wehten, die Anlagen, bunt von Blumen, und die hellen Sommerkleider der Frauen wirkten auf Heide wie ein Willkommensgruß.

„Du, schön ist es hier“, sagte sie und drückte den Arm der Freundin, „merkwürdig, ich habe dies gar nicht entbehrt und finde es jetzt wieder wunderschön.“

„Wollen wir heimbummeln?“ fragte Eri freundlich. „Es läuft sich so nett heute abend.“

Es war ihr gleich bei der Ankunft aufgefallen, daß Heide schlecht aussah. Sie war blaß und hatte um den Mund einen verängstigten Zug, den man früher bei ihr nicht gekannt hatte.

„Oder“, fuhr sie leiser fort, „wird es dir vielleicht zu viel nach der Reise?“

„Aber nein. Ich soll ja viel gehen. Peter wollte nur“ —

„Daß du dich bei mir erholst. Eine wundervolle Idee. Dein Peter scheint mir ein Juwel zu sein. Den hätte ich auch sofort geheiratet. Schade, daß er dich wollte und nicht mich. Ich hätte allerdings an seiner Stelle auch dich genommen statt meiner; aber dies nur nebenbei. Auf jeden Fall sollst du es jetzt gut bei mir haben und dich erholen.“

Plaudernd oder schweigend wanderten sie miteinander hinaus in die Vorstadt zu dem winzigen Häuschen, das in einem kleinen Garten lag. Als Innenarchitektin mußte Eri sozusagen „Reklame wohnen“, d. h. auf eine neue, geschmackvolle, überlegte Art, aber so, daß es niemandem bewußt wurde, warum es eigentlich bei ihr so angenehm war.

„Du bist hier ganz dein eigener Herr“, sagte sie, als sie Heide in das Zimmer führte, durch dessen große Fenster man in den Garten hinaussah. „Ich will sehen, daß ich nachmittags nicht allzuspät nach Hause komme, um dir trotz meiner Arbeit möglichst viel Gesellschaft zu leisten. Vor allem aber sollst du schlafen, so viel und so lange du kannst. Wenn du willst, kannst du auch spazieren gehen oder ein gutes Buch lesen.“

Sie deutete dabei auf die Bücherborde unter den beiden Fenstern. Heide staunte über das schöne Zimmer, das durch moosgrüne Sessel, eine helle Stehlampe und ein zitronengelbes Kaffeeservice, das auf einem kleinen Rauchtisch stand, eine sehr persönliche Note hatte. Früher, als sie noch mit Eri zusammenwohnte, war es bei ihnen sehr anders gewesen. Eri sprach weiter, in ihrer ruhigen Art:

„Wenn du mein Herz erfreuen möchtest, dann könntest du immer ein leckeres Abendbrot richten. Im übrigen darfst du auch mit Peter telefonieren, Zeitschriften ansehen und dich jeden Tag auf mein Nachhausekommen freuen. Freude verschönt und macht gesund. — — Ich bin so froh, daß du hier bist“, schloß sie in einem herzlichen Ton.

Heide lächelte ihr zu und zog die kleine Hand der Freundin an ihre Wange. In diesem Augenblick schon empfand sie, daß es gut war, was Peter sich da ausgedacht hatte: ihr Großstadturlaub bei Eri.

Es wurde nicht nur gut, sondern über die Maßen schön in diesem kleinen Heim. Wenn am Morgen die Vögel in dem kleinen Vorgarten zu zwitschern begannen, war es herrlich, sich auf die andere Seite zu legen und weiter zu schlafen in dem süßen Bewußtsein, nichts zu versäumen. Es lag sich so gut auf der breiten, niedrigen Couch unter der leichten Daunendecke. Und es war jeden Tag wieder eine kleine Überraschung, das Tischchen zu betrachten, das Eri unbemerkt am Morgen hereingeschoben hatte. Das Tischlein-deck-dich, auf dem die Kaffeekanne über dem Flämmchen stand, daneben Knäckebrot, Marmelade, Honig, Wurst und die „Tasse von damals“, die Tasse, die Heide Eri einmal geschenkt hatte, als sie noch zusammenhausten, nie Geld hatten und ein solches Geschenk ihre bescheidenen Verhältnisse weit überstieg.

Heide dachte viel in diesen stillen, entrückten Frühsommertagen an damals zurück. Sie konnte jetzt stundenlang daliegen, die Hände im Nacken verschränkt, und in das Blätterspiel vor dem offenen Fenster schauen. Natürlich dachte sie auch an Peter, an Wichartsgrün, das ja nun eigentlich ihre richtige Heimat sein müßte, an die Jungen.

Und an das, was auszusprechen noch verfrüht war, was sie aber im Grunde ganz und gar ausfüllte. Merkwürdig, erst jetzt, da sie fort war von Wichartsgrün, erst jetzt war sie wirklich glücklich, glücklich in einer staunenden, zarten, lauschenden Art.

Schön war dieses schweigende Alleinsein. Aber schön war es auch, wenn Eri kam, Eri mit ihren klugen Augen, ihrem lieben Geplauder und ihrem halblauten, behutsamen Lachen. Sie hatte stets einen neuen Plan: die Blumenausstellung, die gerade jetzt so schön war, ein Mozartkonzert auf der Solitüde, ein Bummel durch den Stadtpark. Manchmal kamen auch Gäste. Dann entschuldigte sich Eri immer, es sei Geschäftsbesuch.

Man solle Wettkämpfe nur auf dem eigenen Sportplatz austragen, und welcher Mann widerspräche wohl einer Frau, bei der er zum Tee eingeladen sei, meinte sie. Heide verfolgte mit einem gewissen Respekt diese Aussprachen und staunte, daß sich schließlich doch alle nach Eri richteten.

„Was willst du, man muß die Leute zu ihrem Glück zwingen“, sagte Eri einmal lachend, als die Gäste sich verabschiedet hatten und sie ordnend umherging, während Heide schon zu Bett lag. Eri trug dann lange, bunte Hosen und sah, schlank und bräunlich, darin wie ein südländischer Knabe aus. Immer hatte sie dann noch etwas Besonderes für Heide, eine eisgekühlte Limonade, Obst, ein bißchen Salat mit Sahne oder ein Stück Schokolade.

„Eigentlich solltest du ja zu uns aufs Land kommen, damit wir dich verwöhnen“, sagte Heide.

„Ich werde schon kommen, eines schönen Tages“, sagte Eri und lachte. „Dann dürft ihr mich verwöhnen. Mitunter brauche ich das, so wie du es jetzt brauchst. Übrigens, wenn gnädige Frau Lust haben, könnten wir morgen vielleicht einmal einen Friseur aufsuchen. Ich will ja nichts gesagt haben, und Kritik liegt mir fern, aber —“, und sie fuhr mit ihrer Hand durch Heides Haar, das sich auf den Kissen ausgebreitet hatte. Es war hellblond, ein wenig fahl, wie von der Sonne gebleicht, und halblang. Heide trug es, auf Wunsch von Frau Wichart, seit ihrer Heirat wieder glatt und zu einem Knoten geschlungen im Nacken. Sie sah Eri fast erschrocken an.

„Sehe ich denn so ungepflegt aus?“

„Ein bißchen schon. Ich muß ohnedies zum Friseur, da kannst du mir ja Gesellschaft leisten. Übrigens kommt morgen abend Doktor Konrad aus München, um eine Meinungsverschiedenheit in einer geschäftlichen Angelegenheit mit mir zu besprechen. Da ist es besser, man ist in jeder Hinsicht wohlgerüstet.“

Ihre dunklen Augen lachten, und Heide gab das Lachen zurück. Man konnte Eri nicht widerstehen, und so kam es, daß auch sie, Heide, am nächsten Abend wieder kurz gewellt und, wie der Haarkünstler versicherte, um zehn Jahre verjüngt dem Besuch entgegensah.

Doktor Konrad, der auf Heides Anwesenheit nicht vorbereitet gewesen war, meinte lachend:

„Wenn Sie Ihre Freundin aber zu Ihrer Unterstützung für unsere Aussprache herangezogen haben, dann ist dies ein Überfall und unfair. Zwei gegen einen, unerhört! Im übrigen kreuze ich mit Damen sehr gerne die Klinge und bin gewillt, auch einen ungleichen Kampf ritterlich zu bestehen.“

Die Aussprache wurde auch recht lebhaft, besonders als es sich darum handelte, ob eine Wand cremefarben oder gebrochen weiß angestrichen werden sollte. Aber Doktor Konrad gab dann doch nach, wenn er auch so tat, als wäre seine Zustimmung eine Vergewaltigung seines künstlerischen Empfindens. Auf alle Fälle wurde es noch ein fideler Abend zu dritt, und Doktor Konrad sagte beim Abschied, während er sich über Eris Hand beugte:

„Wenn ich nun etwas diplomatischer gewesen wäre, hätte ich die Entscheidung hinausgezögert, um mir noch einen zweiten so reizenden Abend zu sichern. Da ja nun doch alles nach Ihrem Kopf gegangen ist, sollte ich mir die Wiederholung des heutigen Beisammenseins eigentlich verdient haben.“

„Warum nicht, Herr Doktor, auch ohne cremefarbenen Anstrich. Wie ist es mit übermorgen? Nein? Das ist schade; denn nächste Woche ist meine Freundin nicht mehr hier. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und wir können uns ja darüber noch besprechen.“ —

„Warum bist du eigentlich so streitsüchtig ihm gegenüber?“ fragte Heide, als der Doktor gegangen war und Eri zurückkam. „Er ist ein feiner Kerl und versteht sein Fach, und wie er dich ansah, Eri, ich glaube —“

„Ja, ja, ich glaube auch. Oder besser gesagt: ich weiß, Heide“, sagte Eri jetzt ernsthaft und setzte sich neben die Freundin auf die Couch. „Ich kenne ihn jetzt ein Jahr und schätze ihn menschlich und beruflich sehr. Trotzdem. Sieh mal, so eine Liebe wie deine zu Peter, die gibt es nicht alle Tage. Ich bin älter als du und stehe durch meinen Beruf auf eigenen Beinen. Da muß man einen solchen Schritt, an den du natürlich denkst, reiflich überlegen. Mein Beruf hat mich mit vielen Menschen zusammengebracht und kritisch werden lassen. Wenn ich mich einmal entschließe, dann müßte das ohne jeden Vorbehalt und mit ganzem Herzen möglich sein. Deshalb ist es sicher gut, noch ein wenig abzuwarten. — Habe ich ihn denn so schlecht behandelt?“ setzte sie lachend hinzu.

„Aber nein, schlecht nicht gerade, aber etwas kurz und ziemlich bestimmt.“

Heide sagte es hastig und ein klein wenig abwesend. Ihre Augen waren plötzlich verschattet. Eris Nachsatz von vorhin war ihr mit einem Mal bewußt geworden: nächste Woche ist meine Freundin nicht mehr hier.

Natürlich konnte sie nicht unbegrenzt lange hierbleiben. Eris wegen wohl, das wußte sie, und auch Peter gönnte ihr die Erholung, je länger desto lieber, wenn sie auch wußte, daß er sich nach ihr sehnte. Und die Jungen würden sie schon eine Weile entbehren können. Aber die Gnädige …

Ja, die Gnädige! Heide hatte, was ihr eigentlich selbst unverständlich war, nie mit Eri über ihr Verhältnis zu Frau Wichart gesprochen. Eigentlich war sie doch deshalb hergekommen. Sie hatte mit einer ihr gleichgesinnten Seele ein einziges Mal darüber sprechen wollen, sich alles vom Herzen reden, was sie bedrückte und ihr das freie Atmen nahm, sobald sie auch nur in Gedanken daran rührte.

Gerade mit Eri zu sprechen, hatte sie sich sehnlich gewünscht, mit Eri, die alles nachzufühlen, zu trösten und auszugleichen verstand, und was nicht auszugleichen war, wenigstens mit Humor zu nehmen. Wenn ihr doch diese Fähigkeiten gegeben wäre!

Alle jene Schwierigkeiten waren so seltsam weit weggerückt, hier, in diesem schönen stillen Junggesellinnenheim. Das andere, Peter, die Jungen und das, was noch keiner aussprach, das war geblieben. Abstand verklärt, nicht nur zeitlicher, sondern auch räumlicher. Alles Gute und Schöne blieb wahr, das Schwere, Unerfreuliche, Schwierige aber war verblaßt und vergangen, sie hatte nie davon angefangen.

Dies wurde ihr klar, als Eri hinausgegangen war. Vielleicht war alles doch nicht so wichtig, vielleicht lag es nur an ihr, an ihr und ihrer Einstellung? Außerdem: man muß wohl alles im Leben bezahlen. Das hatte sie sich immer gesagt. Wenn man also den besten Mann der Welt und seine beiden Söhne, wenn man ein Zuhause hatte, wie man es sich eigentlich nur in Träumen wünschen konnte, alles Liebe und dazu noch jenes andere ganz Unfaßbare als Geschenk bekam, dann war es wohl nur recht und billig, daß man auch zu den Schwierigkeiten eines solchen Lebens ja sagte. Wo sind wohl keine Schwierigkeiten? Ist nicht der Schatten untrennbar vom Schein der Sonne?

Heide fand sich jetzt selbst sehr klein und undankbar, daß sie bisher so versagt hatte. Freilich, ein wenig komplizierter als anderswo war es wohl bei ihr; denn die Gnädige war nicht einmal ihre richtige Schwiegermutter. Peters Mutter hätte sie geliebt und verehrt. Sie kannte sie von Bildern und aus Peters Erzählungen. Eine kleine, liebe, schlichte und mütterliche Frau mußte sie gewesen sein, nein, da hätte es keine Schwierigkeiten gegeben. Frau Wichart aber war Christinas Mutter gewesen, Peters Schwiegermutter. Peter hatte auf dem Gut eingeheiratet.

Christinas Vater war gestorben, als diese noch ganz klein gewesen war. Und die Gnädige hatte Wichartsgrün all die Jahre über allein bewirtschaftet. Sie hatte dies getan, klug, streng und mit jenem Weitblick, der nur geborenen Landleuten eigen ist. Sie hatte es für Christina getan, alles für Christina. Jeder Handgriff, jedes Wort, jede Berechnung, jede durchwachte Nacht und jeder mit Mühsal und Verantwortung getragene Tag, alles für Christina. Und dann kam Peter auf das Gut, als Christina neunzehn Jahre alt war. Frau Wichart hatte ihn selbst unter den zahlreichen Bewerbern um die Inspektorenstelle ausgewählt, weil er so bescheiden, ruhig und verläßlich war und so gar nichts aus sich machte. Gerade damit gewann er Christinas Herz. Es war eine stille und zarte Liebe, eine solche, wie sie in Storms Novellen vorkommt. Aber nach einem Jahr Glück starb Christina, nachdem sie zwei Jungen das Leben geschenkt hatte, Wolf und Walter, Peters Söhnen.

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