Kitabı oxu: «Die unsichtbare Tür»

Şrift:

Lise Gast

Die unsichtbare Tür

Saga

Die unsichtbare Tür

German

© 1965 Lise Gast

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711509142

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

„Und ein frohes Fest!“

„Danke, Ihnen auch!

Meine Tochter kommt diesmal zu uns, mit Familie –“

„Wie schön! Aber wir sehen uns ja noch am Heiligabend, im Chor ...“

„Natürlich! Also bis dahin!

Ihre Kinder sind doch sicher auch da, Frau Burghart!“

„Ich hoffe. Ja, danke – und gut nach Hause – –“

Immer gab es nach den Proben dieses fröhliche Hin und Her. Man kannte sich nun seit Jahren, sang zusammen im Kirchenchor bei Hochzeiten und Beerdigungen, Ostern, Pfingsten und Weihnachten, brachte einander zu Geburtstagen oder andern Feiern ein Sträußchen mit und wußte über die Familienangelegenheiten so ziemlich Bescheid. Christine Burghart, die nicht aus dem Städtchen stammte, hatte sich durch diesen Chor hier ganz gut hereingefunden, alle anderen Frauen waren nett zu ihr. Freilich, das, was man unter einer richtigen Freundschaft versteht, das war es nicht. Danach aber suchte sie auch gar nicht. Früh verwitwet, vom Leben gezaust und umhergeworfen, hatte sie nur ihren Kindern gelebt, die nun groß waren. Oft war es so gewesen, daß sie sich die Stunde für den Chor regelrecht hatte abringen müssen, ja, daß sie daheim ein Chaos hinterließ, an das sie nicht denken mochte, während sie im Geschwindschritt dem Städtchen zustrebte, wenn Probe war. Immer aber war der Chor eine Freude und eine Erfrischung gewesen. Jetzt hatte sie Zeit, viel zu viel ...

Nicht dran denken. Als sie als erste aus dem Gemeindehaus trat, während die andern noch ein bißchen im Flur stehen geblieben waren und schwätzten, merkte sie, daß es angefangen hatte zu schneien. Kleine Schneeflocken, hart wie winzige Graupelkörner, rieselten herab, und die sonst schwarzglänzende Autostraße war bereits matt, wie meliert. Noch eine Stunde, und sie würde weiß sein.

Christine lächelte, ohne es zu wissen. Schnee – immer freut man sich über den ersten wie über ein Geschenk, noch dazu, wenn er, wie heute zwei Tage vor dem Fest, also genau rechtzeitig erscheint. Vielleicht brachte er nun auch ein wenig Weihnachtsstimmung mit sich.

Sie hatte sich so darum bemüht. Fest hatte sie sich vorgenommen, nicht bitter zu werden, nicht übelnehmerisch dem Leben gegenüber, das ihr doch jahrzehntelang soviel Gutes und Schönes gegönnt hatte. Ein Leben mit vier Kindern, die gut veranlagt, vielversprechend und gesund an Leib und Seele waren – sie hatte diesen Reichtum doch gehabt. Daß er einem nicht ewig blieb, daß die Kinder eines Tages erwachsen wurden und aus dem Haus gingen, war einfach ein Naturgesetz und kein Grund zum Jammern.

Sie jammerte ja auch nicht. Immer sagte sie, es ginge ihr blendend, und bestimmt käme wenigstens eins der Kinder zum Fest, oder mehrere. Damit gab sich der andere dann sofort zufrieden.

Ob wirklich eins kommen würde? Es wäre sonst das erste Weihnachten, das sie hätte allein verleben müssen; obwohl es schon oft so ausgesehen hatte, als könnte keins kommen, immer hatte es doch noch irgendwie geklappt. Maria freilich war schon jahrelang ganz fort, sie hatte nach Südafrika geheiratet und besaß schon zwei Kinder, zwei süße, süße kleine Buben, deren Bilder auf Christines Schreibtisch standen. Mit Maria aber hatte sie schon telefoniert, immer rief sie am vierten Advent an, weil man da besser durchkam als in den Feiertagen, und das war eigentlich das schönste Weihnachtsgeschenk, auf das eine Mutter sich freuen konnte. Marias Stimme, so nah, und so, ach, so glücklich! Diese älteste Tochter war eigentlich das ihrer Kinder, das ihr nie, so meinte sie jetzt, niemals Kummer oder Sorge gemacht hatte. Sie war gut und glatt durch die Schule gekommen, hatte den richtigen Beruf erwählt und dort sofort den richtigen Mann gefunden. Friedrich war ein Schwiegersohn genau nach Christines Herzen, er erinnerte sie in manchem an ihren Mann, und ein höheres Lob konnte man wohl nie finden. Verläßlich, rechtschaffen, liebevoll und dazu noch mit einem ganz eigenen Humor begabt – was wollte man mehr für ein geliebtes Kind! Man merkte Maria auch so deutlich an, daß die Ehe gut war. Freilich, weit weg war Maria, waren die beiden, waren die vier – wann würde man endlich die Enkel kennenlernen? Vielleicht, wenn sie später in Deutschland studierten ...

Aber wo! Sicher schon eher. Und Christine hatte ja noch mehr Kinder, die ihr Enkel schenken konnten – Roland war nun schon zwei Jahre lang verheiratet. Uli freilich nahm sich Zeit, in die zärtliche Falle zu gehen, wie er es nannte, und Steffi – ach ja, da war man wieder beim jüngsten, beim Sorgenkind, das eigentlich gar keins war, wie sie sich immer sofort selbst zurechtwies.

Auch Steffi würde anrufen, – vielleicht sogar kommen, flüsterte eine vorwitzige, ganz leise Stimme in ihr. Außerdem war es gut möglich, daß auch Ulrich noch kam, er hatte nicht abgesagt, Roland auch nicht. Ist Weihnachten nicht das Fest der Überraschungen? Als Kind glaubte man, man könnte es nicht aushalten, bis die Klingel ertönte und man das Schaukelpferd, die neue Puppe, das wild begehrte Buch in den Händen hielt. Als Erwachsener lächelt man darüber – und benimmt sich im Grunde nicht anders. Wenn Christine sich vorstellte, zu Hause warte Post auf sie, in der stand, Roland käme zu ihr mit seiner jungen Frau, oder Ulrich, und vielleicht sogar Steffi ...

Es konnte doch sein. Unwillkürlich ging Christine schneller, obwohl sie sich bemühte, vernünftig zu bleiben und sich nichts vorzumachen. Kinder haben eben andere Interessen und andere Pläne, man muß ihnen das zugestehen. Einmal war Roland noch im letzten Augenblick gekommen, ganz überraschend, mit seiner damaligen Braut. Dieses Glück! Es müßte also doch möglich sein, daß er auch diesmal käme. Und Steffi hatte meist irgendwann in der Nacht die Strippe erwischt, wie sie sagte, von Rom her oder von Reykjavik, einmal auch von Berlin, nachts um drei. Diesmal wußte Christine überhaupt nicht, wo sie steckte, Steffi, ihr Zugvogel, ihr ungezähmtes Fohlen, ihr jüngstes, ihr problematischstes Kind. Wieviel verborgene Angst und stille Sorge hatte sie ihr Leben lang um diese Tochter ertragen müssen, die doppelte, die dreifache wie um die andern Kinder, so erschien es ihr, ohne daß sie sie deshalb weniger liebte, ach, im Gegenteil! Schon als Kind war sie heftig und maßlos gewesen, von jener Wildheit, die Mütter mit Entsetzen erfüllt. Wenn einer der Brüder vom Dreimeterbrett sprang, so kletterte sie auf das nächsthöhere, und machte Roland von dort einen Kopfsprung, so sprang Steffi, kaum neun Jahre alt, vom Zehnmeterturm.

„Damit ihr nicht etwa denkt, ich hätte Angst!“ funkelte sie. Wer je in diese Augen geblickt hatte, glaubte ihr, daß sie sich vor nichts fürchtete.

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