Kitabı oxu: «Gottes Boten»
Lise Gast
Gottes Boten
Saga
Gottes Boten
German
© 1970 Lise Gast
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711509456
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
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Der Grudeofen im Flur rauchte, ein Zeichen, daß er nicht ausgegangen war, aber er stank ekelhaft. Ich schlug, noch in Mütze und Jacke, wie ich aus der Fabrik gekommen war, den Deckel zurück. Das Wasser im großen Topf war kurz vor dem Kochen, aber es trug auf seiner Oberfläche jenes bunte Schillern, das an Petroleum erinnert – nie habe ich herausgefunden, woran das liegt. Der jähe Heißhunger, der mich trieb, mir schnell eine Suppe aus einer roh geriebenen Kartoffel zu kochen, verging mir. Auch gut, sparten wir eine Kartoffel. Mechanisch griff ich nach der Schaufel, fuhr über die Glut hin, diese freilegend, und streute neuen Koks nach. Wenn die Grude so freundlich war, zu brennen, konnten wir heute abend etwas Warmes essen.
Übermorgen war Weihnachten. Ernst hatte für teures Geld einen Tannenbaum aus Halberstadt mitgebracht, einen kleinen, krummen – immerhin. Der nächste Wald hier war so weit, daß man keinen Baum holen konnte. Daheim hatten wir die Weihnachtstanne stets aus dem Wald holen dürfen; das war immer ein großes Fest gewesen. Ich dachte daran, während ich überlegte, wie man diesen Baum stellen könnte, damit man nicht sah, wie dürftig er war. Vielleicht in die Ecke. Kerzen hatten wir, zum Glück, und allen anderen Baumschmuck würden wir selbst basteln. Morgen ging ich nicht in die Fabrik. Das war eine große Erleichterung, obwohl ich dann natürlich keinen braunen Zucker mitbringen konnte. Aber wir hatten welchen gespart, es war ein kleiner Vorrat da. Heute gab es nochmal Zucker, den die Kinder gleich essen durften, ich trug ihn in einem Säckchen, aus einem abgelegten Dirndlkleid von Brigitte genäht, unter meiner alten Militärjacke.
Ich ging in die Küche. Die Kinder hockten um den Tisch, der dicht am Ofen stand. Er brannte, trotzdem glitzerten die Ziegelwände von einer dünnen Reifschicht, die wir nie wegbekamen. Aber es war immerhin so warm, daß man den Hauch nicht vor dem Mund sah, jedenfalls im Augenblick nicht. Ich winkte mit dem Zuckersäckchen. Ein lautes Geschrei brach aus und legte sich erst, als Elfriede, die gute Seele, Löffel ausgeteilt und den Zucker in einen Suppenteller geschüttet hatte, den sie in die Tischmitte rückte. Jeder durfte nun reihum einen Löffel Zucker nehmen. – Elfriede hatte den Kleinsten auf dem Schoß und fütterte ihn, damit er nicht zu kurz kam. Dafür kam sie selbst ins Hintertreffen ...
„Sie müssen auch essen, Fiete“, sagte ich und hängte die Jacke an den Ofen, „los, Sie sind so dünn.“
„Aber die Mutter muß auch etwas essen –.“ Sie sprach mich immer in der dritten Person an, eine Gewohnheit, die ihr nicht auszureden war. Ich lachte.
„Keine Spur. Ich habe in der Fabrik Zuckersaft getrunken, den dünnen, an den dicken kommt man nicht. Aber wenn man von dem dünnen mehr trinkt, wird man auch satt. Ich habe keinen Hunger.“
Das stimmte nicht. Heute hatten wir nur sauber gemacht und aufgeräumt. Die Campagne war zu Ende. Es gab keinen Saft mehr. Der Zucker, den ich heute mitgebracht hatte, stammte vom Direktor, der ihn mir, o Wunder, vor der Tür zugesteckt hatte. Der Direktor der Zuckerfabrik meinte es gut mit mir, er kannte mich und schien mich zu achten, denn er grüßte mich zuerst, obwohl ich den Winter über Putzfrau bei ihm in der Fabrik war. Im Sommer arbeitete ich als Tagelöhnerin beim Bauern, und ich war sehr froh, auf diese Weise meine Kinder ernähren zu können.
„Übermorgen ist Weihnachten“, sagte ich und setzte mich, „freut ihr euch? Und Ernst ist auch schon da. Ging denn ein Zug?“
„Wir hatten früher Schluß, und da erreichte ich den Mittagszug, der fährt meistens“, sagte Ernst, der Älteste. „Und morgen brauchen die Fahrschüler nicht mehr zu kommen. Die anderen haben noch Schule.“ Er grinste schadenfroh. Margot, Brigitte und Angelika gingen noch in die Dorfschule am Ort, Heidi würde Ostern hineinkommen. Die drei Kleinen, Marianne, Michael und Christoph, kannten solche Sorgen noch nicht.
„Morgen ist bloß Weihnachtsfeier, ätsch!“ konterte Margot. „Und ich gehe überhaupt nicht zur Schule, sondern zu Karl-Heinz! Dort kriege ich warmes Essen, wenn ich im Stall helfe, ätsch!“ sagte wiederum Ernst.
Ich versuchte Frieden zu stiften.
„Weihnachten sagt man nicht ätsch“, mahnte ich, „das Christkind ist gekommen, damit kein Streit mehr in der Welt ist.“
Ich hatte für jedes Kind, auch für Elfriede, irgend ein kleines Geschenk bereitliegen, und Pfefferkuchen – dank des Zukkerrübensaftes aus der Fabrik!
„Wollen wir singen?“ schlug ich vor. Ich hatte gesehen, wie sich Elfriedes Gesicht bei Ernsts „Ätsch!“ schmerzlich verzogen hatte. Sie war entsetzlich nervös, die Arme – das kam sicher mit davon, daß sie so wenig aß. Alles, was überhaupt möglich war, steckte sie dem Jüngsten zu. Er war ihr ein und alles – kein Wunder, sie hatte ihn ja aufgezogen, während ich aufs Feld arbeiten ging, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Wir bekamen für alle acht Kinder und uns zwei Erwachsene am Tag nur einen Viertelliter Magermilch, darum war ich froh, daß ich Christoph über ein Jahr stillen konnte, sonst wäre er verhungert. Dann mußte er sich an Kartoffeln gewöhnen, unser Hauptnahrungsmittel. Oft hatten wir auch davon nicht genug.
Weihnachten aber würden wir uns satt essen können, alle, zu jeder Mahlzeit. Und Elfriede würde Streußelkuchen bakken, wie zu Hause in Schlesien. Wir besaßen einen Liter Öl, das wir durch Wochen unangetastet auf dem Fensterbrett stehen hatten, schönes, herrliches Mohnöl. Ich bekam es von unserem Bauern, weil ich für ihn mit einem Handwagen einen Zentner Mohn ins übernächste Dorf gebracht hatte, um es dort schlagen zu lassen. Margot ging mit, das war gut. Es war in der Zeit zwischen der Feldarbeit und der Arbeit in der Zuckerfabrik, ich hatte also „frei“, nur war ich krank. Auch voriges Jahr um diese Zeit bekam ich Fieber, ohne ersichtlichen Grund, nur von der Überanstrengung, zwei, drei Tage lang. Ich hatte hohes Fieber, und ich lag und dämmerte vor mich hin, bis ich wieder aufstehen mußte, um meinen Posten in der Fabrik nicht zu verlieren. Aber jetzt war das Fieber noch nicht hoch, und ich konnte den Weg, dreizehn Kilometer, noch machen. Es war sehr kalt, aber zum Glück noch schneefrei, denn ich besaß nur Segeltuch-Turnschuhe, mit denen ich immer rennen mußte, damit mir die Füße nicht abstarben vor Kälte. An diesem Tag war mir so elend und fiebrig, daß von Rennen keine Rede mehr sein konnte. Und es war gut, Margots treuherzige kleine Hand neben der meinen an der Deichsel des Handwagens zu spüren und auf ihr Geplauder zu hören. Margot war immer guter Laune, wenn sie etwas tun konnte, was den Kleinen zugute kam. Sie war die liebevollste große Schwester, die man sich denken kann – das ging so weit, daß sie an nichts mehr Spaß hatte, was die Kleinen nicht miterlebten. Wie etwa im Frühjahr, als wir die wilden Schwäne, fliegen sahen. Wir gingen miteinander zur Bode, um Holz zu sammeln, Wald gab es ja nicht. Da hörte ich jenes metallene Flügelschlagen und sah hinauf – und es war wie ein Geschenk.
Pulsuz fraqment bitdi.